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Full text of "Der christliche Glaube : nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche"

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w 


SdjIetermadiST 

er  djriftüdje 
Glaube 


ff ; ' 

In 


* 


1 

1 


©djletermadjer, 
$er  djriftltdje  ©lau&e« 

3toct  %$ eile  in  einem  93anbe. 


W  PR7Ä. 
NOV  30 1948 


®er  djriftftdje  @l 


nad)  btn  (Srunbjäjen 
icr  ebcmgeltfdjen  fitrdje  im  gitjammen^ange  bargefteüt 


t>on 


Dr,  Jw&rid)  Sdiletermadjer, 


Wlit  Sßeglettroort  oon  ©upermt.  Sßrof.  D.  görfter. 


Un&er&nberter  STbbrucf  ber  ätoeiten  r>om  SSerfaffer 
überarbeiteten  3(u§gabe. 


Neque  enim  quaero  intelligere  ut  credam,  sed  credout 
intelligam.  —  Nam  qui  non  crediderit,  non  experietur,  et 
qui  expertus  non  fuerit,  non  intelliget. 

Ans e Im,  Prosol.  1,  de  fide  trin.  2. 


1&fF 


£alle  a.  b.  ©. 
Verlag  öon  Dtto  ftenbeL 


Sem  äßunfdje  be§  £erm  Verlegers,  einer  neuen  2tu§* 
3a6e  ber  ©c&leiermadjerfd)en  GlaubenSlefjre  ba§  Geleitmort 
3U  fc&reiben ,  fomme  t<$  barum  mit  greuben  nadj,  toeil  tdj  ba§ 
Unternehmen  für  ein  geitgemäfeeS  Ijalte  unb  e§  al§  ein  erfreu* 
JidjeS  Beiden  erfennen  mufj,  tuenn  ba§  SBerftänbniS  für  ben 
großen  Erneuerer  ber  Geologie  in  unferem  $af)rljunbert, 
unb  baä  Verlangen,  feinen  bafjnbre^enben  Gebanfen  mfe 
jubenfen,  in  unferer  Generation  no$  nidjt  erlofc&en  ift  2U§ 
bor  76  S^ren  ber  erfte  Vßarfb  ber  Glaubenslehre  erfdjien, 
mar  e§  ein  (£reigni§,  ba$  über  bk  engeren  Grenzen  ber 
f&eologifdjen  Sfrtereffen  fjinau§  fidj  fühlbar  madjte.  Sftitfjt 
blofe  ein  bialeftifcf)e§  Shmftmerf ,  in  meinem  ber  SSerfaffer  bte 
^öc^fte  Steife  feiner  tujilofojrfjifdjen  urfo  tfjeologifcrjen  (£ntnricfs 
Iung  offenbarte,  fonbern  bor  allem  ein$)enfmal,  meldjeS  miffen« 
f$aftlid)e  2)enfrraft  unb  reltgiöfe  Söegetfterung  unb  £tefe  in 
feltenem  Sftafje  bereint  erfennen  liefe,  —  fo  fteHte  e§  fid)  bar,  — 
ein  f$öne§  3eugni§  für  bit  notmenbige  SSerbinbung  bon 
Glauben  unb  Sßtffen,  mie  e§  fcfjon  ba$  bem  Sßerf  boran* 
gefteßte  Slnfelmfc&e  SSort  anbeutet:  credo  ut  intelligam. 
©ett  ben  großen  gunbamentalf Triften  ber  9ßeformatton§sett 
mar  ein  gleidje§  SBerf  ni<$t  erfdjienen.  £)ie  elementaren,  aber 
bergeffenen  Sßaljrljeiten,  an  meldje  ©tfileiermadjer  fo  energifdj 
erinnert  Ijat,  ba§  bte  SDogmatif  lebiglidj  aut  bte  d^riftUc^c 
SHrdje  t&re  SBesiefjung  §at  unb  ba%  baljer  ©&riftu§  ber 
ÜDftttelbunft  be§  ganzen  @öfrem§  ift,  unb  ba%  bie  grömmig* 
ttxt,  roeld^e  bit  $8afi§  aller  fir#ttc&ett  Gemeinfc&aften  au§* 
madjt,  rein  für  ftdj  httxad)tet  meber  im  SBiffen,  nodj  im 
S5un  ift,  fonbern  ba$  Gefühl  ber  f$le#tfrtnfgenOT§ängigfett 
bon  Gott,  —  fönnte  bie  tljeologifäje  2Biffenf<$aft  nur  au  iljrem 
©c&aben  mtebei  bergeffen.    Gemifj,  fein  Geologe  ber  Gegen* 


IV  SBegletttoort. 


wart  famt  ftdj  (Sd)leiermacf)er§  ©Aftern  gans  aneignen;  ift 
audj)  GTl)riftu§,  ber  Söieberfjerftetfer  be§  burd)  bk  (Sünbe  ge* 
trübten  (StotteSbeftm&rfeutg,  ber  lebensvolle  3Kitteipun!t  feines 
©tyftemS,  fo  tjaftet  iljm  bod)  au§  feinen  vergangenen  Venoben 
nodj  manches  fcant&eiftifdje  an,  unb  bte  großen  SSanblungen, 
roeldje  bie  foftematifcl)e  S33tffenfdöaft  feitbem  erfahren  §at, 
namentlich  burdj  bk  tiefgreifenben  (Sinffüffe  51.  IRttfc^Ig  unb 
feiner  ©<$ute,  machen  ein  einfaches  Burücfgefjen  auf  (Sdjleier= 
madjerS  ©tanbtounft  jur  Unmoglidjfeit.  5tber  bie  SBärme 
ber  religiöfen  Söegeifterung  unb  bie  ftaunenSroerte  ^onfeauenj. 
be§  £)enfen3,  tueld)e  au§  (Sdjleiermac^erS  (Glaubenslehre  Ijer* 
ttorleudjten,  roerben  immer  toieber  religiöfe  unb  benfenbe 
Sefer  anheben,  unb  namentüd)  jüngere  SDjeologen  fottten  e§ 
als  eine  ©(jrenfacfje  anfeljen,  baS  gunbamentaliuerf  beS  grofjen 
(Erneuerers  unferer  Geologie  grünbltd)  ju  ftubieren. 

©alle 

D.  götftet. 


3. 


SBorrebe  gur  §h?etten  Slu^gabe. 


»nbent  mir  legt,  eben  roeil  icb  fie  niebt  mieber  abbruffen 
miß,  bie  SBotrebe  oor  9lugen  Hegt,  mit  roelcber  icb  bor  nun- 
mehr 9?eun  Saljren  bietet  SSerÜ  bei  [einem  erften  (Ericbeinen 
begleitete,  oermeile  icb  am  liebften  bü  bem  Söunfcbe,  mit 
meinem  fie  fcbließt,.  ba%  nämlicb  ba§  SBucb  mo  möglieb  burcb 
ftcb  f elbft,  roo  niebt,  boeb  burcb  ben  Söiberfprudj,  ben  feine  Un^ 
oottfommenbeiten  aufregen  mürben,  3u  einer  immer  befteren 
$erftänbigung  über  ben  Sjnbalt  unfere§  ebangelifcben  ®lauben§ 
beitragen  möge.  2>enn  biefer  SSunfcb  ift,  ®ott  fei  S)anf,  nictjt 
unerfüllt  geblieben,  nur  baß  icb  niebt  §u  unterfcbeiben  oermag, 
mieoiel  oon  ber  Aufregung,  melcbe  e§  im  tbeologifcben  publicum 
beroorgebracbt  unb  oon  bem  Söiberfprucb  ben  e§  erfahren  bat, 
auf  feinen  SS arjrtj eit^g er; alt  unb  mieoiel  auf  feine  Unoottfornmens 
beiten  3u  reebnen  ift.  S)ie§  mirb  erft  bie  ©actje  felbft  im  mei= 
teren  Fortgang  be§  jegt  fo  fräftig  aufgeregten  <5treite§  zeigen. 
sDcöge  biefer  nur  in  feinem  fachgemäßen  ®ange  bleiben,  unb 
niemanb  meinen,  baß  ©eroaltfamfeiten,  meicbe  in  ber  Strebe 
felbft  geübt  derben,  ba%  geuer  feien,  in  melcbem  fid)  am 
ftdjerften  auSroeife,  mer  mit  ©trob  gebaut  fyabe,  unb  mer  mit 
föftlicben  (Steinen.  2)enn  fo  frembartiger  kämpfe  Ausgang 
giebt  niemals  eine  SBürgfdjaft  für  bk  ©üte  ber  (Sacbe. 

Heber  mein  $erfabren  bd  biefer  neuen  s#u§gabe  baoe  icb 
mieb  im  raefentlicben  febon  anbermärtS1  erüärt.  Sennocb  finben 
öteHeicrjt  Diele  Sefer  nueb  außer  ber  Einleitung  ben  Unten ctjieb 
ämifeben  beiben  3lu§gaben  bebeutenber  als  fie  ertoartet  bitten* 
SSie  groß  er  aber  aueb  fein  möge,  fo  ift  boeb  fein  £auptiaa 
aufgegeben  ober  in  feinem  eigentlichen  ©ebalt  öeränbert  morben. 
Sfticb  rur§er  9u  f äffen  ift  mir,  fo  febr  icb  mieb  aueb  beftrebte, 
im  ©anäen  niebt  gelungen.  (£§  iuar  aueb  febtner  möglieb,  ba 
bk  (Erfabrung  gezeigt  bat,  baß  bie  (Erläuterungen  felbft  noeb 
mancher  (Erläuterung  beburften.  2)ocb  inbem  icb  mieb  biermit 
nacb  Gräften  abmübte,  unb  boffte,  menn  aueb  niebt  für3er,  fo 
merbe  boeb  mancbe§  beutlicber  gefaßt  fein  unb  Stfcißoerftänb- 
niffen  abgebolfen  ober  öorgebeugt,  bat  mieb  boeb  dm  meiften 
ba%  Vertrauen  geftärft,  baß  bk  &zit  niebt  gar  fern  fein  mag, 
mann  man  über  manebe§  nun  enblieb  Veraltete,  fo  roie  über 

1  ©.  Dr.  ©c&IeiermadjerS  ©enbföreiöen  ü&er  feine  ©laubenSlefjie  an 
Dr.  ßücfe,  in  ben  tfjeol.  ©tubien  unb  Äritifen.  3n?eiter  $8anb  ätoeiteä  $eft 
@.  255  ff.  unb  brüteS  $eft  ©.  481  ff. 


VI  SSorrebe  äur  gtoeiten  StuSgafce.  , 

manches  immer  nodj  oerfannte  ntc^t  mebr  nötbig  baben  mirb 
ausführlich  %u  reben.  2)amt  mirb  aud)  ein  fpäterer  bon  gleicher 
51nficrjt  angebenbcr  eine  hti  m eitern  f ärgere  ©ogmattff ^reiben 
fönnen.  S)enn  bafj  eS  folctje  geben  ttrirb  aud)  fünfttg,  baran 
sroetfte  tcb  feineSmegeS,  menn  idj  gieret)  anf  baS  beftimmtefte 
gegen  bie  @bre  öroteftiren  mufe,  bk  man  mir  feitbem  §ie  unb 
ba  angetban  fjat,  mid)  als  baS  £>aubt  einer  neuen  tbeologtfcben 
©djule  aufaufübren.  %<§  broteftire  bagegen,  meü  eS  mir  an 
beibem  feblt,  maS  Jjieau  gebort,  Sd)  entsinne  midj  nämlicb  ntctjt 
etmaS  erfunben  ju  baben,  ausgenommen  bie  5lnorbnung  unb 
^ie  unb  ba  bie  SÖeaeicbmmg;  unb  eben  fo  tuenigbabe  i$  jemals 
mit  meinen  ®ebanfen  ettaaS  anbereS  beätoefft,  als  fte  anregenb 
mttjutfjeüen,  bamit  lieber  fte  nadj  feiner  SSeife  gebrauche. 
Sßur  in  biefem  ©inn  aud),  unb  nid)t  als  eine  gunbgrube  bon 
Formeln,  an  benen  ftet)  nadjforedjenbe  ©djüler  mieber  ernennen, 
gebe  id)  bieS  Söucb  sunt  smeiten  unb  getoifj  legten  9Jcal  berauS. 
£>enn  fotfte  mir  nodj  metjr  3eit  öergönnt  fein:  fo  mürbe  tcb 
lieber  nodj  über  anbere  t&eologifdje  2)iSciplinen  menigftcnS 
furge  Gsntmürfe  mittbeilen. 

£mbe  idj  mir  nun  bti  ber  erften  Ausgabe  §u  biel  angemaßt, 
inbem  i$  mein  SBucb  für  bit  erfte  (SHaubenSlebre  erklärte,  melcbe 
mit  fRiitfftc^t  auf  bie  Bereinigung  betber  ebangelifdjen®trdjen= 
gemeinf djaften  abgefaßt  fei,  fo  reiebe  idj  biefen  (Sbrenfrana  mit 
preuben  meinem  lieben  greunbe,  bem£>erm  ®. ®. 9t. <5djro arg 
in  £eibelberg.  S3j  bemert'e  nur,  bafj,  ba  eS  als  bie  ®runb= 
bebingung  ber  in  bieftgen  Sanben  boHgogenen  Bereinigung  ans 
Sitfefjen  ift,  bafj  eS  einer  bogmatifeben  SluSgletdjung  amifeben 
betben  Reiten  gar  nidjt  bebürfe,  unb  noeb  biel  meniger  eines 
neuen  ©t)mbolS,  mir  gang  eigentlich  oblag,  nidjt  nur  bon  biefer 
BorauSfesung  auszugeben,  fonbern  fteaudj  als  einen  feftftebenben 
®runbfaa  nadj  meinen  beften  Gräften  burcl)  eine  freie  unb  ber* 
följnenbe  SBetjanblung  ber  fraglichen  @d)riften  au  realiftren. 

@d)liefjlid)  bemerfe  td)  nur  noeb,  bafj,  ba  bit  beiben  Söänbe 
ber  erften  5luSgabe  fo  fetjr  ungleicb  ausgefallen  maren,  idj 
einen  %fy\l  beS  früheren  smeiten  nodj  mit  in  biefen  erften 
bineütgegogen  f)ahe,  fo  bafj  biefe  äußere  SBeränbcrung  mit  ber 
inneren  Drganifation  beS  fangen  nidjtS  au  fetjaffen  f)at  3)er 
ameite  23anb  fott  biefem  erften,  mie  idj  roünfdje  unb  boffe,  in 
furaer  Bett  nachfolgen. 

$8  erlin,  am  2)onnerftag  nadj  Ouaftmobogeniti  1830. 

.    Dr.  gr.  ©djletermadjer. 


$ttf?cttt  be§  crften  ©cmbeS. 

©eitc 

Einleitung.  §.  1—31.   .    .    .    1—140 

(Srflärung.  §.  1 1—2 

GrfteS  Kapitel    £ur  (Srflä'rung  berSogmatit  §.2-19.  3—101 

Einleitung.     §.2 3 — 5 

I.  gum  SBegrtff  ber  Sirctje.    SeJjnfäge   anS  ber  Etfiif. 

§.  3—6 5—33 

n.  SSon  ben  SSerfcfjiebenljeiten  ber   frommen   Q5emein= 
fdjaften  überfiauot     Se^nfä§e  anS  ber  9teIigton§s 

pflilotopfjie.  §.7—10 33—57 

m.  ©orftettung  beS  EfiriftentijumS  feinem  eigenttmmlitfjen 

Sßefen  nad).  Sefyifäae  anS  berStpologetif.  §.  11— 14.  57—84 
^   IV.  $fom  *  SSerrjättnifj^ber   Dogmatil    aur    djriftlicfjen 

grömmigfeit.     §Tl5— 19 84—101 

£tDeittä®apitiL  5ßonber5CRetl)obeberS)oginatif.§.20-31.  102—140 

Einleitung.  §.20 102—103 

-    I.  SSon  ber SluSfonberung  beS  bogmattltfien  Stoff*.  §.21 

biS  26 103—122 

H.  SSon  ber  ©eftaltung  ber  £ogmatif.  §.  27—31.      .  122  —  140 

2>er  ©laubert£lefyre  erfter  £§eil. 

(SntroitHung  be§  frommen  Selbftbenmfjtfein§,  tote  es  in 
jeber  djriftlicfj  frommen  ©emütl)3erregung  immer  fa)on 
Dorau^gefe^t  roirb,  aber  aua)  immer  mit  enthalten  i[t. 

§.32-61 143-292 

__   Einleitung.  §.  32— 35 143—155 

Grfter  Slöfdjmtt.  Beitreibung  unfereS  frommen  Sctbft* 
beroufstfeinS,  fofern  fia)  barin  ba$  58erl)ctltnij3  grotfcfjen 
ber  ©elt  unb  ©ott  ausbrüfft.    §.  36-49.  ? ,    .    .    .    156—217 

Einleitung.     §.36—39 "'....     156—165 

ErfteS  S e r) r ft ü f f .     SSon  ber  ©c&öpfung.  §.  40.  41.     165—172 

©rfter  Sfa&ang.  SSon  ben  Engeln.  §.42.43.     .     .     173—178 

gtoetter  Sfafjang.     SSom  Seufet.  §.  44. 45.        .     .     178—189 

gmeiteS  Sefjrftüff.  SSon  ber  Spaltung.  §.46— 49.     190—217 

Stocher  Sftftfjntrt*  SSon  ben  göttlichen  ßigenfdjaften, 
roelcfje  fid)  auf  ba§  fromme  ©elbftbenmfjtfein,  fofern  eS 
ba3  ^errjältnifj  stoifdjen  (Sott  unb  ber  SJelt  auSbrüfft, 

besiegen.    §.50—56 218—263 

Einleitung.    §.50.51 218—229 

ErfteS  Sefjrftülf.    Enrigfeit  ©otteS,  §.52.      .    .     229—232 
gtoetteS  Se^rftüif.     SMgegentoart. 

3ufag.     Itnermefjlttfjfcit.  §.  53 .••.     .     233—238 


Vin  3nf)alt  beä  erften  SanbeS. 

©ute 
drittes  S e f) r ft ü f f .     SHImadjt.  §.54 238—247 

SBierteg  Sefjrftütf.     Slltttiffcnnctt.  §.  55     .     .     .     248—258 
St  n  f)  a  n  g.    SSon  einigen  anbern  göttliajen  Sigenfdjaften. 

§.56 258—263 

dritter  mfänitt.  $on  her  öeföaffenljett  ^  Mt, 
lüeldjc  in  bem  frommen  ©elbftberoujjtfem,  fofern  es  bas 
allgemeine  SBerljfiltntjü   gmtidjen  föott   unb  ber  2Mt 

ausbrüht,  angebeutet  ift.    §.57—61 264—292 

Einleitung.  §.  57.  58 264—269 

SrfteS  Sefjrflüff.     SSon  ber  urfprüngliajen  $oHs 

fommcnljeit  ber  SSelt.  §.59 270—277 

Stneiteö  Seljrftfiff.    S8on  ber  urfprünglttfien  SSoF? 

fommeiitjeit  be§  3Kenfa)en.    §.60.61.     ....     277—292 

£)er  ©taubertSletyre  gleitet  SpefL 

ßntroifflung  ber  Stmtfacrjen  bes  frommen  ©elbftbenmfets 

(eins,  mie  fteburet;  ben  @egenfa$l)efttmmt  ftnb.  §.62.  295 

Einleitung.  §.62—64.       .     .    ' 295—305 

SDcS  ^egenfaseö  erfieSctte.    ßntroittlung  bes  33erou^t= 

[eins  ber  ©ünbe.    §.65—85.      ...;....  306—404 

Ginleitung.  §.  65.     ...    r  .....     .  J.     .  306—307 

(Srfter  Slbfrfjnitk    SDie  ©iinbe  als  gufianb  bes  9ftenf$en. 

§.66-74 308—358 

Einleitung.  §.66—69 308—320 

ErfteS  Sefjrftüff.     Sßon  ber  Erbfünbe.  §.70—72.  320—347 
3it>eite§  Se§rftft?!.     SSon   ber  loirf litten  <5ünbe. 

§.73.74 347—358 

^weiter  9l6ftfjmth    58on  ber  JBefctjaffenljeit  ber  SBclt  in 

Söejieljung  auf  bie  ©ünbe.    §.75—78 359—370 

dritter    Wdjnttt.     3Son   ben   göttlichen    Sigenfc&aften, 
S         meiere  ficrj  auf  ba§  23erouf}tfein  ber  ©ünbe  be^eljen. 

§.79—85 371-404 

Einleitung.     §.79—82 371—390 

ErfteS  Seljrftütf.    £eiligfeit  ©otteS.  §.83.      .     .  390—394 

ßroetteg  ßclirftüff.     ®ered)tigfelt  ©otteS.    §.84.  395—403 

2lnr>anß.    Sarmfjeraißfeit  ©otteS.  §.  85 403—404 


Einleitung. 


§1.  ©iefe  ©inlettung  ^at  feinen  anbern  gtoeff  al3 
tfyetl<3  bie  bem3ßerfe  felbft  §u@runbe  Itegenbe  (Stftärung 
ber  ©ogmatif  auf§uftellen,  tt)etl<o  bie  in  bemfelben  befolgte 
■üftetfyobe  unb  Slnorbnung  jn  beoorrcorten. 

1.  (5§  fann  nur  bann  überflüfjig  fein,  bit  Sßebanblung 
einer  £>ifcitiltn  mit  einer  GErflärung  betreiben  anzufangen, 
menn  ein  oolIfommne§  (Sinti  erftänbutte  barüber  mit  <Sicf)erfjeit 
t)orau§geiest  merben  fann.  SMeS  mieberum  ift  nur  ber  gaD, 
tljetlS  menn  über  bie  Slnmenbung  berfelben  ftä)  nie  ein  «Streit 
erb oben  bat,  tbeü§  menn  fte  einem  größeren  miffenfdjaftlicben 
(S5anjen  angehört,  meldje§  ftdj  überall  auf  btefetbe  SSetfe  be* 
grenzt  unb  gegliebert  finbet. 

3Sa§  nun  ba$  erfte  anbetrifft:  fo  fönnen  mir  aHerbingS 
baöon  au§gebn,  ba%  bon  ber  ©ogmatif  in  ben  meiften 
cfjriftltcrjert  SHrdjenQememfcIjaften  (gebraut  gemalt  mirb  in 
ibrer  inneren  lieb  erlief  erung  unb  in  ibrem  äußeren  SSerfebr 
mit  anberen:  aber  ma§  e§  nun  eigentlich  fei,  moburcb  ©äse 
djriftlid)  religiöfen  ^nbalte§  bogmatifdje  merben,  barüber 
mödjte  man  fcbmerlidj  einberftanben  fein.  (Eben  fo  baZ  anbere 
anlangenb  mürbe  mol  bie  ®ogmatif  allgemein  in  ba§jenige 
Gebiet  geftettt  merben,  melcbeS  mir  burcb  ben  3lu§bruff 
tbeoloQtfdje  SBtffenfcrjaften  beseidjmen.  Slber  man  barf  nur 
bie  angefebenften  unter  ben  enctyüopäbifcbenUeberftcbten  bieje§ 
gad)e§  bergieicben,  um  §u  feben,  mie  berfdjieben  baffelbe  ge* 
gltebert  mirb,  mie  anber§  Slnbere  bie  einzelnen  £>ifciblmen, 
unb  bie§  gilt  bon  ber  Sogmatif  in  borsüglicbem  (Srabe, 
•f äffen,  gegen  einanber  ftetten  unb  abfcbäjen.    ^atürlidj  märe 

6d&t.,G$riftr.©M.  i 


®er  d)ri[t(icf)e  maube.  ©rfter  Sfjell. 


e§  jtoor,  bie  in  meiner  Ueberftdjt  gegebene1  ©riiiirimg  gum 
(SJrunbe  an  legen;  allein  jene  ©djrift  ift  3U  fürs  unb  aprjortftifct), 
at§  baß  e§  nidjt  nöt&iß  [ein  füllte,  bem  bort  gejagten  mit 
einigen  (Erläuterungen  311  ©filfe  31t  fommen.  21ucb  bie  lieber* 
fdjrtft  biei"e§  2Serfe§,  mobei  ber  Sßame  Sogmatif  bermiebett 
morben  ift,  enthält  Elemente  3U  einer  (Srflärung ;  aber  tljeüS 
xitc^t  ooftftänbig,  tl)eil§  finb  bie  einaelnen  Söeftanbtljetle  felbft 
nid)t  außer  allem  Öebürfniß  erftärt  3U  roerben.  2)aber  toixb 
biefer  £§eü  ber  (Einleitung  feinen  2Beg  unabhängig  geben; 
unb  nur  mie  bie  (Sntmifflung  ftufeiüneife  fortfcrjrettet,  luirb 
ber  Sefer  auf  bte  betreffenben  ©teilen  jener  turnen  2)ar* 
fteUung  bernnefen  tu  erben.  @§  folgt  übrigens  bierauS  fcon 
felbft,  ba  baä  ma§  ber  (Srftärung  einer  SBiffenfcbaft  ooran* 
gebt,  nidjt  sur  SBiffenfdjaft  felbft  gepren  fann,  ba%  alle 
©äae,  meiere  I;ier  oorfommen  merben,  nid)t  felbft  aud)  bog* 
mattfdje  fein  tonnen. 

2.  Sftettjobe  unb  5lnorbnung  eine§  2Berfe§  —  fofern  bit 
Statur  be§  ®egenftanbe§  93erfd)ieben^eiten  barin  suläßt,  unb 
audj  biefe§  ift,  roie  bk  (Sacbe  felbft  aeigt,  hei  ber  ^Dogmatil* 
in  bobem  ®rabe  ber  gatt,  —  rechtfertigen  fidj  atterbingS  am 
beften  bur$  ben  (Erfolg.  5lber  ber  günftigfte  (Erfolg  fann 
boeb  nur  erhielt  merben,  menn  bie  Sefer  mit  beibem  im  bor- 
au§  befreunbet  finb.  £enn  babureb  mirb  e§  iljnen  möglieb, 
leben  ©03  gleich  in  feinen  mannigfaltigen  Söeaieljungen  3U 
überfdjauen.  llnb  aud)  bie  33ergleicl)ung  einzelner  3TbfcI)nttte 
mit  ben  gleicblj  altigen  äl)nlid)er  aber  anber§  organiftrter 
SSerfe,  bk  fonft  nur  bermirren  müßte,  fann  unter  biefer  93e* 
bingung  ler)rretct)  merben. 

2)ie  größten  ^öerfcrjiebenrjetten  in  ber  5lnorbnung  unb 
SKetbobe  werben  alterbing§  bie  fein,  metdje  mit  einer  be* 
ftimmten  5luffaffung§meiie  be§  SBegriffS  ber  S)ogmatif  fo  3U* 
fammenbängen,  bnß  tt>o  eine  anbere  511m  ®runbe  gelegt  mirb, 
fie  niebt  mebr  $la3  finben.  @§  giebt  aber  außerbem  aud) 
geringere,  sunfebeu  benen  man  nnibleu  fann,  auet)  tuenn  man 
t»on  berfclben  ©rflärung  auSgefjt. 


1  Jhtrae  Earjteaung,  ©.  56.  §.  3. 


(Srfteä  Äapitel.  3ur  ©illärung  ber  Sogmatif. 


@rfte$  ffictpitcL 
gut  (grftämng  ber  £>ogmatifc 

§.  2.  S)a  bte  Stogmatt!  eine  tbeologifd^e  $ifctplm  ift, 
unb  alfo  lebtgUc^  auf  bte  <$riftli$e  &irrf)e  ibre  S8e§tel;ung 
bat:  fo  !ann  au$  nur  erflärt  Serben  m$  fte  tjt,  tuenn 
man  ftd;  über  ben  begriff  ber  d&rijlltd&e-tt  ßtrd&e  öer* 
ftänbiget  ftat. 

STnm.  SSgl.  flurge  Sarftellung  Sinleit.  §.  1.  2.5.22.23.  I.  Sfietl 
<£tnl.  §.1.2.3.6.7.  (hfter  Sttfän.  §.1.2.  <Sacf§  Slpologctif. 
Gtnl.  §.  1 — 5. 

1.  S)er  2Iu§bruff  t^eologifc^e  £>tfctpltn  totrb  jier  in  betn 
©inne  genommen,  freierer  in  ber  erflen  angesogenen  ©teile 
entmtffelt  ift  ©terau§  folgt  fdjon,  ba%  biefe  Glaubenslehre 
ftcfc  folltg  bon  ber  Aufgabe  ioSfagt,  bon  allgemeinen  ^rinetpien 
auggebenb  eme  OJotteSIe^rc  aufstellen  ober  aud)  eineSIntbro* 
bologie  unb  Gidmtologie,  bon  benen  in  ber  ebriftlicben  ®ird)e 
Gebraut  gemacht  merben  folle,  obneradjtet  fie  in  berfelben 
nidjt  eigentbümlitf)  entftanben  finb,  ober  audj  in  benen  bte 
(Bä^t  be§  djrtftltdjen  Glaubens  bermmftmäfcig  erliefen 
merben  Tollen.  Denn  mag  über  biefe  Gegenftänbe  bon  ber 
menfdjUdjen  Vernunft  für  fiel)  httxafyttt  auSgefagt  merben 
fann,  baS  fann  in  feiner  näheren  ©esiebung  aur  djriftltdjen 
Sftrdje  fteben  al§  su  jeber  anbem  Glaubend  ober  ßeben&= 
®emetnfdjaft. 

2.  Püffen  mir  alfo  einen  begriff  ber  ebriftiieben  ®irdje 
boranfdn'ffen ,  um  biefem  gemäfj  un§  barüber  §u  erflären, 
ma§  bie  Dogmatif  in  berfelben  fein  unb  leiften  foll:  fo  mirb 
btefer  felbft  nur  richtig  m  et&ielen  [ein  bur#  ben  allgemeinen 
begriff  ber  ®ircbe  überbauet,  berbunben  mit  einer  nötigen 
Sluffaffuug  ber  (Stgentbümltäjfeit  ber  d&rifttidjen.  SDer  aO* 
gemeine  begriff  ber  ßirdje  nun  mufe  borsüglicb,  roenn  e§ 
bergletdjen  mirfiidj  geben  foH,  aus  ber  (£tbif  entnommen 
merben,  ha  auf  jeben  gatt  bit  ®ir#e  eine  Gememfcbaft  ift, 
meiere  nur  burdj  freie  menfäiidje  £anblungen  entfielt  unb 
nur  burd)  folebe  fortbeftetjen  fann.  ®a§  eigentümliche  ber 
ebrifttieben  fann  meber  rein  miffenfctjaftlicb  begriffen  ober 
abgeleitet  nod)  biofc  empirifcb  aufgefaßt  merben.1    Denn  feine 

1  Sgl.  Äurje  SatfteH.  ßiniett.  §.  22.    £$ü.  X§  §.  l. 


Der  djriftüdje  ©raube,  grfter  2t)etl. 


Sßiffenfdmft  fann  ba§  inbiiübueHe  burcb  ben  bleuen  ®ebanfen 
erreichen  unb  Ijcröorbringen,  fonbem  mufe  immer  bei  einem 
allgemeinen  fteben  bleiben.  SSte  alle  fogenannten  (Sonftructionen 
a  priori  auf  bem  gejctjiccjtltccjen  (Gebiet  immer  an  ber  Slufgabe 
gevettert  finb,  bafc  baä  folcfjergeftalt  oon  oben  abgeleitete 
fiel)  nun  aud)  al§  roirflid)  baffelbe  §eigen  fottte  mit  bem  ge* 
fd)id)tlt$  gegebenen:  fo  ift  e§  unläugbar  audj  bter.  2)te 
blofe  enunrifdje  Sluffaffung  hingegen  l)at  fein  9Jcafj  nodj  eine 
gormel,  um  ba&  Söefentlidie  unb  fidj  gleich  23leibenbe  oon 
bem  Sßeränberiidjen  unb  Bufäüigen  §u  unterfebeiben.  SSenn 
nun  aber  bie  (£tt)if  ben  begriff  ber  ®ir$e  aufftettt:  fo  fann 
fte  atterbing§  au#  an  bem,  ma§  bie  $8afi§  biefer  (fernem* 
fcfcaften  ift,  baä  fid)  überall  gleite  oon  bem,  roa§  ftd)  al§ 
eine  oeränberlidje  ®röfje  oerljält,  abfonbern,  um  fo  burd) 
eine  Sinti)  eilung  be§  ganzen  (&zb\zt&  bit  Derter  gu  be- 
frimmen,  in  meiere  bit  inbtoibueHen  ®eftaltungen,  fobalb  fie 
geid)id)tlidj  aufgefunben  finb,  eingeteilt  raerben  fönnten.  Unb 
auf  biefe  SSeife  bie  ®efammtljett  aller  burd)  bk  etgentljümlidje 
$erfd}iebenl?ett  iljrerSöafen  oon  einanber  gefonberten®irdjen= 
gemeinfdjaften  na<$  iljren  $ertt>anbfcbaften  unb  5lbftufungen 
al§  ein  gefdjloffeneg  ben  Segriff  erfc&öpfenbeS  ®an§e  barju* 
ftetten,  märe  ba§  (55efd)äft  eine§  befonberen  .ßroeigeS  ber 
miffenfc&aftlidjen  (5tef  d)idjt§funbe ,  melden  man  augfdjliefcenb 
mit  bem  tarnen  9Migion§pfjüofoto!)ie  beseiten  fottte,  fo  nrie 
ber  9came  3fiect)t§pf;ilofopr;ie  üieüeid^t  am  beften  aufgegärt 
bliebe  für  eine  analoge  frttifdje  SDifciplin,  meiere  mit  Q3esug 
auf  ben  in  ber  (£iljif  entmiftelten  allgemeinen  begriff  be» 
©taate§  baffelbe  §u  leiften  Ijätte  für  bit  oerfdjiebenen  inbtoi* 
bueUen  Ö5eftaitungen  bürgerlicher  Vereine.  2)ie  &öfung  jener 
Slufgabe  ber  SfteligionSplu'lofoptjie  ift  atferbing§  üerfdjiebent* 
lid^  oerfudjt  roorben,  aber  nid)t  auf  einem  fo  allgemein  geltenbeu 
roiffenfd)aftlid)en  Sßerfafjren  rubenb,  nodj  in  folgern  ®leic^ 
gemiebt  be§  gefd)id)tlid)en  unb  foeculatiben  fid)  Ijaltenb,  ba% 
mir  un§  barauf  al§  auf  ettoa§  anerfannt  befriebigenbeS  in 
unfern  tfjeologifdjen2)if Colinen  berufen  fönnten.  3lm  nädrften 
nämlich  Wtt  an  biefe  Ütefultate  ber  SfteitgionSüljü'ofoüljie  an* 
jufc^liefeen  bie  51pologetif,  um  barau§  bit  Söefc&reibung  oon 
bem  eigentümlichen  23efen  be§  (SbrifteutlmmS  unb  oon  feinem 
23er&ältnif$  au  anbem  SHrdjen  jum  ®runbe  &u  legen.  SSenn 
nun  aber  bie  9lpoIogettf  erft  al§  eine  für  unfere  3eiten  neu 
ju  geftaltenbe  tljeologi|d)e  SDifcipiin  gehörig  anerfannt  märe: 
fo  mürbe  e8  ntctjt  geraten  fein,  iljre  ©r[d)einung  btö  eine  be» 
friebigenbe  (Sntnnfflung  ber  9fteligionSpbilofop&ie  fcorfcanbeit 


<£rfte§  Äojrttel.  gur  ©rflärung  ber  ©r-.imartt. 


märe  auSäufesen.  SStelme^r  müfjte  fte  bis  bafjin  ein  abgefur§te§ 
SSerfabren  für  ftä)  einklagen.  (Sie  mürbe  bann  auf  beut* 
felben  SJfcmft  mie  bie  $ReligtonSpbüofopt)ie  beginnen  unb  auä) 
benfelben  2öeg  einklagen,  aber  alles  baSjenige  unausgeführt 
§ur  (Seite  liegen  laffen,  maS  nid)t  gur  SluSmittelung  beS 
(£§riftenttjumS  unmittelbar  beiträgt.  2)a  aber  nun  biefe  SDtf= 
ctyltn  nur  eben  mieber  aufzuleben  beginnt,  fo  fyatbk  folgenbe 
(Sntroifflung  biefeS  felbft  su  leifteu. 

3.  tiefer  erfte  %fy eil  unterer  (Einleitung  ^at  alfo  nur 
SeMä^e,  b.5- anbemn)iffenf(i)aftli($en  SDifci^tinen  angetjörige, 
äuTantmenäuftellen  unb  ansiünenben,  unb  ^mar  ftnb  eS  (Säje 
auS  ber  (St^if,  auS  ber  ^eltgionSpöüofopl)te  unb  auS  ber 
3lpoIogettf.  IJ^atürücr)  !ann  baS  (Ergebnis  einer  auS  folgen 
33 eftanbtfj eilen  guf amm enge] est en  Unterfuctjung  ebenfalls  auf 
fein  allgemeines  Slnerfenntnti  Slnftmtdj  machen,  ausgenommen 
menn  aud)  biejenige  ®eftaltung  ber  (£tl)if  unb  ber  ÜMigionS- 
Pbilofopljie  bie  babei  jum  ©runbe  liegt  ebenfalls  anerfannt 
mürben,  hieraus  erbeut,  mie  fidj  fdjon  ljier  btx  ben  erften 
Slnfängen  feeranlaffung  genug  geigt  §u  feljr  berfcrjiebenen  @r* 
flärungen  unb  2luffaffungen  ber  £)ogmattf,  bereu  iebe  fiä)  nur 
als  Vorarbeit  für  eine  fünftige  anfefjen  fann,  mennbtemiffen* 
fcfjaftltctjeri  £)if  Colinen ,  auf  meiere  Sßesug  genommen  merben 
mufj,  fefter  merben  geftellt  fein,  mäljrenb  beffen  jeboä)  ba§ 
GHjriftenttjum  felbft  OöEig  baffelbige  bleibt. 

3nfaj.  1.  hiermit fottinbe^feineSmegeSbe^au^tet merben, 
bafj  biefe  ©äse  in  einer  felbftänbigen  Söefjanblung  berSSiffen, 
fdjaften,  benen  fte  angehören,  in  berfelben  (Seftalt  oorfommen 
müßten,  in  melier  fte  liier  aufgeftetCt  merben.  SDieS  ift  öiel* 
mebr  unmabrfctjeinlicrj,  ba  unS  liier  aHeS  baSienige  feljlt,  maS 
ibnen  bort  mürbe  Oorangegangen  fein. 

2.  Unter  ©tljif  mirb  rjier  Oerftanben  bk  ber  ^atur* 
miffenfdmft  gleidjlauf enbe  frecülatioe  SDarftellung  ber  $er* 
mmft  in  itjrer  ©efammtmirf  famfett.  Unter  ^eligtonS* 
jjljtlo  folgte  eine  fritifebe  ©arftellung  ber  oerfdjiebenen 
gegebenen  formen  frommer  ©emeinf haften,  fofern  fte  in  üjrer 
®efammtbeit  bk  ooITfommne  (Erfcfietmmg  ber  grömmigfeit  in 
ber  menfcljliaoen  9?atur  ftnb.  ©er  SluSbrulf  Stpologetif  ift 
erflärt  ®ur^e  ©arft  <3. 14.  §.  14. 

I.  3um  begriff  ber  ®ird)e,  £el)nfäse  au§  ber 
©ttjif. 
§.3.    2)ie  grömmtgfeit,  meldte  t)te  $8aft3  aller  ftrd> 
lid)en  ©emeinf^aften  au£mad)t,  ift  rein  für  ftd)  betrautet 


£er  tfiriftltdie  ©Icmbe.  ©rfter  JljeiL 


I  roeber  ein  SBiffen  nocb  ein  %l)un,  fonbetn  eine  33eittmm> 
I  I?eit  be£  ©efüfyl<§  ober  be<o  unmittelbaren  ©elbftbetoufjt* 
feing. 

2t  nm.     SSgl.  Sieb.  ÜB.  b.  Rclig.  ©.56—77. 

1.  ©afc  eine  ®irdje  ni$t§  anberS  ift  als  eine  (Semein* 
fcbaft  in  Seätejunj  auf  bie  grömmiöfett  ift  für  un§  eüange* 
Rfcrje  Triften  raol  aufjer  allen  graeifel  gefe&t,  ba  mir  e§ 
einer  ®ird)e  gleich  sur  SluSartung  anrennen,  roenn  fte  etmaS 
anbereS  als  biefeS,  feien  eS  nun  bie  Angelegenheiten  ber 
SBtffenfdjaft  ober  ber  äußeren  Drbmmg,  mit  beforgen  hriH; 
mie  mir  unS  audj  immer  bagegen  fträuben,  roenn  bie  Seiten* 
ben  im  (Staat  ober  bie  in  ber  SBtffenfdjaft  als  folc^e  augletdj 
bie  Angelegenheiten  ber  grömmigteit  orbnen  motten.  SSogegen 
mir  ben  legten  nic&t  roeljren  mögen,  foroot  bie  grömmigfeit 
felbft  als  Vit  (Semeinfdjaft  meldte  ftdj  auf  fte  bezieht,  auS 
tbrem  ©tanbpuntt  äu  betrachten  unb  ju  beurteilen,  unb  ibren 
eigentlichen  Ort  im  (Sefammtgebtet  beS  menfcblidjen  SebenS 
du  beftimmen,  in  fofern  aud)  grömmigteit  unb  ®irdje  ein 
(Stoff  ftnb  für  baS  SSiffen;  oielmebr  geben  mir  bier  felbft 
auf  eine  foldje  Betrachtung  ein.  (So  roebren  mir  audj  ben 
Seitenben  im  Staate  nid)t,  bie  äußeren  Sßerbältniffe  ber 
frommen  (Semetnfdjaften  nad)  ben  Sßrincipten  ber  bürgerlichen 
Drbnung  feftauftetten,  roeldjeS  jebod)  feineSroegS  in  fict)  fdjltefct, 

|  bafj  biefe  (Semeinfdjaft  bom  (Staat  ausgebe  ober  ein  Söeftanb* 
.  tbeil  beffelben  fei.  —  Aber  nidjt  nur  mir,  fonbenTaudj  folcbe 
^ircbengemeinfcbaften,  meldje  eS  nid)t  fo  genau  bamit  neunten, 
®ird)e  unb  <Btaat  ober  ftrdjltdje  unb  toiffenfdjaftlidje  (Semein* 
fdjaft  auSeinanber  Öu  Saiten,  merben  bocb  unferer  ©rflärung 
guftimmen  muff  en ;  benn  fie  tonnen  bod)  nur  mittelbarer  SS eife 
ber  ®irdje  einen  (ginftufj  auf  jene  ©emeinicbaften  beilegen, 
al§  baS  roefenrlidje  ®efd)äft  berfclben  aber  tonnen  nud)  fte 
nur  baS  ©rbatten,  Orbnen  unb  görbern  ber  grommigfeÜ 
betrachten. 

2.  Söenn  bier  (Sefüblunb  (Selbftbcroufetfem  al§  gleidjgeltenb 
ne6cn  einanber  geftefft  merben:  fo  ift  bie  Abftdjt  babei  feinet 
roegeS  einen  beibe  AuSbrütfe  fdjledjtbm  gleicbftellenben  (Sfcradj* 
gebrauch  allgemein  einaufübren.  SDer  AuSbruff  (Sefübl  ift 
in  ber  (Sfcracbe  beS  gemeinen  SebenS  längft  auf  unferm  ®e* 
biet  gebraud)licb ;  allein  für  bie  roiffenjcbafttidje  (Spradje  be* 
barf  er  einer  genaueren  93eftintmung,  unb  biefe  fott  il)m  burcb 
baS  anbere  23ort  gegeben  merben.  Stimmt  alfo  jemanb  \>m 
AuSbrutr"  ©efübl  in  einem  fo  meiten  Sinne,  bafe  er  audj 


©rftcS  Kapitel.  gur  (Srflärung  ber  £>ogmatif. 


6c!tou§tIofc3uftänbe barunter  begreift:  fo  foll  er  erinnert  fein/ 
bafj  öon  Tiefer  ©ebrauct)§nieife  l)ier  31t  abftrafnren  ift.  333te*| 
berum  ift  bem  Slusbrutl  ©  eXjbjft b  ejojiitflt n  bte  Skftimmung ' 
unmittelbar  fnnsugefugt,  bamit  niemanb  an  ein  folct)e§ 
©elbftb  enmMein  benfe,  iüelctje§  !ein  (SefiUji  ift,  roenn  man 
ttämlidj  ©elbftbemuMein  ba§  Söemufetfem  oon  ftcrj  felbft 
nennt,  meines  meljr  einem  gegenftanbtidpen  SBehmfctfeüt  gleicht, 
unb  eine  ^orfteUung  oon  ftcrj  felbft  unb  al§  fold)e  burdj  bic 
Betrachtung  feiner  felbft  Vermittelt  ift.  ffiittt  eine  foldje  $or* 
ftettung  öon  un§  felbft,  tuie  mir  im§  in  einem  gehriffen  3eit* 
t'beil  ftnben,  bentenb  5.  SS.  ober  raoHenb,  gan§  nal}e,  oberburefc 
fdjiefjt  fdjon  gar  bie  etnselnen  Momente  be§  8uftanbe§:  fo 
erferjetnt  bte§  ©elbftbenntMein  a{§>  ben  gufianb  felbft  be* 
gleitenb.  Sene§  eigentliche  unD ermittelte  ©elbftbeftmfctfein 
aber,  meldjeg  mdjt  SßorfteHurig"  ift  fonbern  im  eigentlichen 
©mite  ®ejü§l,  ift  feine§meg§  immer  nur  begleitenb;  bielmeijr 
tüirb  ieFemln  biefer  Jpinftc&t  eine  boppelte  (Srfaljrung  äuge* 
mutzet,  ©inmal  bafs  e§  Slugenblirre  giebt,  in  benen  hinter 
einem  irgenbmie  bestimmten  ©elbftberaufetfein  aHe§  teufen 
unb  SSotCen  äurüfftritt;  bann  aber  aud)  ba%  biSraeilett  biefelbe 
Söeftimmtljeit  be§  ©elbftberauMem§  mäfjrenb  einer  fKetr)e  Her* 
fdjiebenartiger  Slcte  be§  SenfenS  unb  5BoHen§  unüeränbert 
fortbauert,  mithin  auf  biefe  fiel)  nidjt  bester)!  unb  fte  alfo  au$ 
nierjt  im  eigentlichen  ©inne  begleitet,  ©o  ftnb  greujbe  unb 
Settx*  biefe  überalt  auf  bem  religiöfen  (Bebtet  bebeutenbeu 
Momente,  eigentliche  <5Jefü$l§äuftcinbe  im  obigen  ©inn:  roo* 
gegen  ©elbftbiEtgung  unb  ©elbftmtBbilligung,  abgefefjen  baoon 
ba%  fte  fjernadj  in  greube  unb  Setb  übergeben,  an  unb  für 
ftd)  meljr  bem  gegenftänbltdjen  SBeftmMem  bon  ftdj  felbft 
angehören  al§  (Srgebniffe  einer  analt)ftrenben  ^Betrachtung. 
■*ßirgenb§  ftefm  ftet)  t)teHeict)t  beibe  formen  näljer,  eben  be§t)alö 
aber  fejt  audj  biefe  3ufammenftelTung  ben  Unterfcr)teb  in  bog 
JeHfte  Si*t. 

3t  nm.  <5ef)r  bermanbt  unb  leicht  auf  bie  meinige  $u  übertragen  ift 
Steffens  Beitreibung  com  ©efüfjl  (galfcfie  Xfjeol.  6.  99.  100.) 
„©ie  unmittelbare  ©egentuart  be§  ganzen  ungeteilten  $)afetn§  2C-' 
Sßogegen  bie  bon  Saum  garten  =  SrufiuS  ((SM.  t.  b.  <5t.  b.  ®ogm. 
6.  56),  abgeben  bon  ber  entgegenie^ung  sroifdjen  ©efü^I  unb 
Selbftbetoufctfein ,  tfieilS  nitfit  ba§  ©anje,  fonbern  nur  bie  Ijö&ete 
«Region  be§  ©effiljIS  untfa&t,  ttjeifö  auef)  buraj  btn  ©ebraudj  beS 
2tu§bruff§  SBafjtnefjmung  ba§  ©efüfjl  in  ba§  ©ebiet  be§  gegen* 
ftanblid^en  93enmfsifein§  hinüber  5u  fbielen  fdjeint. 
3.  2>er  ©aj  fc^eint  öorauSäitfesen,  e§  gebe  fein  bierte§  & 
SSiffen,  &&urt  unb  ©efü^l.    @r  t|ut  bie§  ieboc^  ni$t  tu  bem 


8  SDer  djriftlic&e  ®Iaube.  (SrfterS^eiU 


©inne,  al§  ob  er  eine  apagogifdje 33eraet§füljrung  fein  trollte; 
f onbern  er  ftettt  iene  bzibtn  nur  neben  biefeS,  um  mit  ber  (5r* 
flärung  sugietd)  bte  üorljanbenen  abroeidjenben  (Srflärungen 
aufzunehmen  unb  ju  bezaubern,  ©o  bafj  mir  bte  grage,  ob 
e§  in  ber  «Seele  ein  folcrjeg  oierte§  gebe,  ganj  hd  ©eite  liegen 
laffen  tonnten,  roenn  un§  nidjt  tfjeiiS  baran  gelegen  [ein  mü|tc 
un§  äu  überzeugen,  ob  nodj  ein  anberer  Ort  üortjanben  ift, 
ben  man  ber  grömmtgfeit  anmeifen  tonnte,  ttjeüS  mir  unS 
aud)  anfc&iffen  müßten  and)  ba$  SBerrjältnifj  tlar  aufeitfaffen, 
melcrjeS  ahrifdjen  ber  djrtftlidjen  grömmtgfeit  an  ftctj  unb 
fomotjl  bem  crjriftltcrjen  (glauben,  fofern  er  in  bte  gorm  be£ 
2öiffen§  gebraut  raerben  tann,  als  aud)  bem  diriftlidjen  Xfjun 
Statt  ftnbet.  SBäre  nun  ba§>  SBertjältnifc  jener  brei  irgenbroo 
auf  eine  allgemein  alterrannte  SSeife  bargettjan:  fo  bürften 
mir  un§  nur  barauf  berufen.  %lwx  aber  mufe  rjier  ba§  nöttjige 
barüber  gefagt  merben,  ma§  aber  nur  al§  ein  gelier)eue§  au§ 
ber  ©eelenletjre  anjuferjen  ift,  unb  mofjl  ju  merfen,  bafj  bie 
Söarjrljeit  ber  <&a$t,  nämltd)  ba%  bie  grömmtgfeit  ®efütjl 
fei,  bon  ber  fRictjtigfett  ber  folgenben  Erörterung  bölltg  un- 
abhängig bleibt.  2)a§  Seben  ift  aufeufaffen  al§  ein  SSedjfet 
bon  8nfid)bleiben  unb  $lu§fid)I)  er  austreten  be§  ©ubjectS. 
95etbe  gormen  be§  SöehmMeütg  conftituiren  ba%  ^nfictjbletben, 
roogegen  ba8  eigentli^e  Sttjun  ba$  2lu§ficr}tjerau§treten  ift;  in 
fofem  alfo  ftetjen  SSiffen  unb  (Sefüljl  sufammen  bem  £l)itn 
gegenüber.  5lber  roenn  audj  ba§  SSiffen  al§  ©rfannttjaben 
ein  £Micr)bteiben  be§  ©ubjecte§  ift,  fo  roirb  e§  boctj  als  @r* 
fennen  nur  burdj  ein  5lu§ftdjrjerau3treten  beffetben  nurfüdv 
unb  ift  in  fofem  ein  £tjun.  3)a§  gütjten  hingegen  ift  nidjt 
nur  in  feiner  $)auer  al§  Söemegtraorbenfein  ein  Sfaftd)  bleiben, 
fonbern  e§  nrirb  aud)  al§  Söemegtmerben  nidjt  bon  bem  ©ubjeet 
behrirft,  fonbern  fommt  nur  in  bem  ©ubjeet  $a  ©tanbe,  unb 
ift  alfo,  inbem  e8  ganz  unb  gar  ber  ©mpfänglidjfett  angehört, 
aud)  ga'nslidj  ein  Snftcfc bleiben:  unb  in  fofern  ftetjt  e3  allein 
jenen  beiben  bem  SBiffen  unb  bem  £tjun  gegenüber.  —  SSemt 
nun  bie  grage  entftetjt,  ob  e3  gu  biefen  breien,  ®efüt)l  SSiffen 
unb  £T)un,  ein  oierteS  ober  §u  jenen  beiben,  ^nftdjbletben  unb 
Slu§ft^t)erau§treten,  ein  brttteS  giebt:  fo  ift  freiließ  bit  ©in* 
t)eit  bon  biefen  !eine§  oon  ben  stoeien  ober  breien;  aber  nie* 
manb  fann  biefe  bod)  neben  jene  ftellen  al§  ein  folcrje§  britteS 
ober  bierteS  mte  fte  felbft  ftnb,  fonbern  biefe  (Sütljeit  ift  ba8 
Sßefen  be§  (Subjecte§  felbft,  melc^eg  fictj  in  jenen  einanber 
gegenübertretenben  gormen  funb  giebt,  unb  alfo,  roie  mau 
e&  au6)  in  biefer  befonberen  S3eäie^ung  nennen  möge,  ber  ge* 


(SrfieS  Äapitel.  £ur  ßrflärung  bei  Sogmatif. 


< 


metnftfmftlitfje  ®runb  berfelben.  ©ben  fo  ift  auf  ber  anbern 
©ette  ieber  mirflicfje  Moment  be§  £eben§  feinem  <35e}antt^ 
gemalte  nadj)  ein  sufammengefeste§  au§  jenen  jtoeten  ober 
breien,  roemtgleidj  ameie  baoon  immer  nur  al§  ©puren  ober 
al§  ®eime  borfjanben  [ein*  merben.  2lber  ein  bxittzZ  §u  jenen 
ameien,  mooon  ba§  eine  mieber  atoeigerljetlt  ift,  nürb  ferner* 
lid)  gegeben  merben  fönnen. 

4.  SBenn  alfo,  btefe  brei  gefegt,  ®efüf)l  SBiffen  unb  £jmn, 
bie  fdjon  oft  Vorgetragene  Behauptung  t;ter  roteber  aufgeteilt 
ttrirb,  bafj  oon  biefen  breien  bie  grömmigf  eit  bem  ®efüfjl  an* 
geljört:  fo  foH  fie  baburdj  mie  fefcon  ait§  bem  obigen  folgt» 
feineSftegeS  oon  aller  Berbinbung  mit  bem  SStffen  unb  S^un 
au§gefd)loffen  merben.  SBtelmdjr  menn  überhaupt  ba§  un* 
mittelbare  ©elbftbemu^tfein  überall  ben  Hebergang  oermitteit 
jhrifdjeh  Momenten  morin  ba$  SStffen  unb  folgen  morin  baß 
£ljun  oorljerrfdjt,  tnbem  &.  B.  au§>  bemfelben  SStffen,  je  nad)= 
bem  eine  anbere  Beftimmitjeit  be§  ©elbftüettmfjtfemS  eintritt, 
auc§  in  bem  ©inen  ein  anbere§  S£&un  Ijeroorgetjt  al3  in  bem 
Slnbern:  fo  mirb  audj  ber  grömmtgfett  aufommen,  SBiffen 
unb  Sljun  aufsuregen,  unb  jeber  Moment,  in  meinem  über- 
miegenb  bit  grömmtgfett  tjeroortritt,  mirb  betbe§  ober  eines 
üon  betben  als?  Meinte  in  ftctj  fcfrtiefsen.  Slber  eben  biefe§  ift 
bie  SBafjrfjeit  be§  <Saae§,  feüteStoegeS  eine  ©inmenbung  ba* 
gegen;  benn  märe  e§  anberS,  fo  tonnten  fid^  ja  bie  frommen 
Momente  mit  ben  übrigen  ntcrjt  gu  Gnnem  Seben  oerbinben, 
fonbem  bie  grömmtgfett  märe  tttvaZ  für  ftdj  ofjne  allen  ©ins 
ffafj  auf  bie  übrigen  geiftigen  SeoenSberrt^tungen.  $n  biefet 
SBaljrljeit  aber  tritt  unfer  ©aa,  buref)  melden  ber  grömmtg* 
feit  ü)x  eigentfjümltdjeS  %th\tt  in  $erbiubung  mit  allem 
übrigen  gefiebert  mirb,  ben  anbermeitigen  Behauptungen  ent*  ■'■ 
gegen,  bie  grömmigfeit  fei  ein  SBiffen  ober  ein  £bun  ober 
betbeS  ober  ein  au§  (S5efitl)l  SBiffen  unb  SUjun  gemtfdjter  Bu* 
ftanb,  unb  in  biefer  potemifdjen  Soest e^ung  ift  nun  unfer  GuCJfr* 
@a§  no$  genauer  au  betrauten.  —  ©oll  nun  bit  grömmig* 
feit  im  SBiffen  beftefjen,  fo  märe  fie  bodfj  motjt  boraügltdj 
ba§jenige  SBiffen  gan§  ober  ba$  mef entließe  baoon,  melct)e§ 
al§  ber  Snljalt  ber  (Glaubenslehre  aufgeftettt  mirb,  ober  e§ 
müfcte  burcl)au§  falfdj  fein,  baf$  mir  Ijier  um  ber  Glaubens* 
lefjre  mißen  ba&  SBefen  ber  grömmigfeit  auffuäjen.  Sft  nun 
bie  grömmigfeit  biefeS  SBiffen,  fo  mufs  auc^  ba$  ffllaafc  biefeS  ' 
SBiffenS  in  einem  Menfd)en  ba$  ßlaa%  feiner  grömmigfett 
fein.  2)enn  ma§  ntctjt  in  feinem  Steigen  unb  fallen  ba§ 
ffiaa%  ber  SSottfommentjeit  eines  (GegenftanbeS  ift,  barin  fann 


II 


10  $)er  d)rt[tlirf)fc  ©lcw6e.  CErfter  SfjeiL 

aud)  nidjt  ba§  SBefen  beffelben  befielen,  ©onacrj  wäre  unter 
ber  aufflefteßten  SorauSfeaung  ber  befte  Snljaber  ber  djrtft* 
Itcfjen  ©laubenSlebre  aud)  immer  sitgleict)  ber  frömmftc  (Sljrift 
Unb  biefe§  Wirb  bocr),  aucb  wenn  Wir  gleidj  beborworten, 
jener  befte  fei  nur  ber,  weiter  ftdj  aud)  am  meiften  an  ba§ 
Wesentliche  Ijaltc,  unb  biefeS  nidjt  etwa  über  ben  Siebenfachen 
unb  STufeenwerfen  bergä&e,  bennod)  niemanb  annehmen,  fon* 
bern  oielmebr  ba£  mit  gleicher  SBofffommenljett  iene§  23iffen§ 
fc&r  berfdjtebene  (Grabe  ber  grömmigfeit  befteljen  fönnen,  unb 
mit  Qleid)  bofffommener  grümmigfett  febr  berjdjtebene  (Grabe 
biefe§  S93iffen§.  ©od}  bieffeidjt  Wenbet  man  ein,  bie  $8e* 
banptung,  bie  grömmigfeit  fei  ein  SBiffen,  meine  nidjt  fowol 
ben  Jynljalt  iene§  SBiffenS,  fonbern  bie  ben  $orfteffungen  htu 
wofmenbe  (Gewipeit,  fo  ba%  bie  Stontnifj  ber  (Glaubenslehren 
grömmigfeit  fei  nur  wegen  ber  ifmen  beigelegten  (Gemtfjljeit 
unb  alfo  wegen  ber  ©tärfe  ber  Ueberseugung,  ein  Snneljaoen 
berfelben  oljne  Ueber^eugung  fei  hingegen  gar  feine  Stämmig* 
feit.  S)ann  Wäre  alfo  bie  ©tärfe  ber  Ueberseugung  ba§>  $)laa% 
ber  grömmigfeit;  unb  bie§  Ijaben  gewi£  aud)  bieienigen  bor* 
SÜßltct)  im  ©inn,  Welche  ba§>  23ort  (Glaube  fo  gern  burdj 
Hcber3eugung§treue  umfdjreiben.  2Iffein  in  allen  anbern 
eigentlicheren  Gebieten  be§  2Biffen§  X)at  bie  Ueberseugung 
felbft  fein  anbere§  Wlaab  al§>  bie  SHarljeit  unb  SSoffftänbigfett 
be§  2)enfen§  felbft.  «Sott  e§  fief)  nun  mit  biefer  Ueberjeugung 
eben  fo  behalten:  fo  fämen  wir  bod)  auf  ba§>  borige  surüff, 
baB  ber,  welcher  bie  religiöfen  ©äse  am  flarften  unb  boff= 
ftcinbigften  einzeln  unb  in  ibrem  Snfammenljange  bentt,  audj 
ber  frömmfte  fein  tnüfcte.  ©off  nun  biefe§  oermorfen  bleiben 
unb  bit  S3orau§feäung  boer)  befielen:  fo  nützte  bie  (Gewif^ett 
.Ijier  eine  anbere  fein  unb  ein  anbere§  Maa%  Ijaben.  ätföge 
bann  immer  bie  grömmigfeit  mit  biefer  (Gewifcbeit  nodj  fo 
innig  sufammenfjängen:  fo  Ijängf  fie  beSljalb  nierjt  auf  biefelbe 
SSeife  mit  jenem  Riffen  aufammen.  ©off 'aber  boctj  ba$ 
Sötffen  welcbcS  bie  (Glaubenslehre  bttbet  fidj  auf  bie  gröntmifl* 
feit  beäieljn:  fo  erflärt  ftdj  bie§  fo,  bafc  bie  grömmigf eit  affer* 
bingS  ber  (Gegenftanb  ieneS  SöiffenS  ift,  ba%  aber  biefeS  nur, 
fofem  ben  Söeftimmungen  beS  ©elbftbeWufetfeinS  eine  (Gewifj* 
Ijeit  einwofmt,  fann  entwiffelt  Werben.  —  ©off  hingegen  bie 
grömmigfeit  im  £bnn  befteljn:  fo  ift  offenbar,  bafj  ba§  fie 
conftituirenbe  Sfjun  tticrjt  burdj  feinen  Sn^alt  beftimmt  fein 
fann;  benn  bie  (Erfahrung  leljrt,  bafj  neben  bem  0  ortreff  liefen 
and)  ba$  fdjeufelidjfte,  neben  bem  gejaltreicfjften  auc^  ba§  leerfte 
unb  bebeutungSlofefte  als  fromm  unb  auS  grömmigfett  getfcan 


(Stfteä  fiapitel.  3ur  (grflärung  ber  ©ogmatif.  11 

ttnrb.  SBtr  ftub  alfo  nur  an  btc  $orm,  an  bie  9trt  unb  SBetfc 
gehriefen,  tute  ba%  Stjun  ju  ©taube  fommt.  2>iefe  aber  ift 
nur  au§  ben  beiben  ©nbüunften  w  begreifen,  bem  sunt  (Srunbe 
liegenben  eintrieb  al§  bem  2lnfang§ounft  unb  bem  beabfid)* 
tigten  (Srfolg  al§  bem  gieipuntr.  9?un  aber  rairb  niemanb 
eine  £mnblung  meljr  ober  roeniger  fromm  nennen  roegen  be§ 
größeren  ober  geringeren  ®rabe§  ber  Sßollfommenljeit,  roomit 
ber  beabftd)tigte  (Srfolg  erreicht  roirb.  (Sinb  mir  aber  auf 
ben  antrieb  surüff geworfen:  fo  ift  offenbar,  bafj  jebem  eintrieb 
eine  SBefiunmtbeit  be§  <5eibftbehmfjtfeüt§,  fei  e§  nun  Suft  ober 
Unluft,  sum  (Srunbe  liegt,  unb  ba%  an  biefen  am  reinften  ein 
eintrieb  Dom  anbern  unterschieben  roirb.  (Sonata  roirb  ein 
Sban  fromm  fein,  fofern  bie  Söeftimmtbett  be§  ©elbftberoufct« 
feinS,  ba$  (SJefübl  roeld>e§  Slffect  geroorben  unb  in  ben  antrieb 
übergegangen  roar,  ein  fromme§  ift.  —  S3eibe  SSoraitSfeaungen 
führen  alfo  auf  benfelben  $unft  ^in,  bafj  e§  SStffenunb  Xfym 
giebt  sur  grömmigfett  geprig,  bafj  aber  feine§  non  beiben 
ba§>  Sßefen  berfelben  au§madjt,  fonbern  nur  fofern  gehören  fte 
iljr  an,  al§  ba$  erregte  ©efübl  bann  in  einem  e§  fijirenben 
®en!en  §ur  #iube  fommt,  bann  in  ein  e§  auSfpredjenbeS 
^anbeln  fict)  ergießt.  —  (Snbltcr)  roirb  niemanb  läugnen,  bafj 
e§  <§Jefübl§suftcmbe  giebt,  roeldje  mir,  roie  Üteue  3errnirfdjung 
3u0erftd)t  greubigfeit  ju  (Sott,  an  unb  für  fidj  fromm  nennen 
ot)ne  9xüffftcr)t  auf  ein  baraug  fjeroorgeljenbeS  SBiffen  unb 
S^un,  roierool  mir  afterbingl!  erro  arten,  jorool  ba%  fte  ftctj  in 
anberroetttg  geforberten  §anblungeu  fortlegen,  al§  aud)  bafj 
fict)  ber  Xrteb  §ur  Betrachtung  auf  fie  richten  roerbe. 

5.  5lu§  bem  bisher  (gejagten  cjer)t  mol  f$on  fjeroor,  mie 
bie  Behauptung  51t  beurteilen  ift,  bafj  bk  grömmigreit  ein 
3uftanb  fei,  in  roeldiem  SSiffen  güfjlen  unb  SHjun  Oerbunben 
ift  Sötr  roeifen  fte  natürlich  surürr",  menn  ba$  Süblen  babei 
foH  au§  bem  SBiffen  abgeleitet  fein,  roie  ba§>  S^un  au§  bem 
güfjten.  (Sott  fie  aber  gar  feine  Unterorbnung  ansagen:  fo 
ift  fte  eben  fo  gut  bie  Söefcbreibimg  eine§  jeben  anbem  ganj 
ftaren  unb  lebenbigen  Momentes  al§  eines  frommen.  2)enn 
roenngteid)  ber  Btr-eff begriff  einer  Jpanbhmg  ber  ^anblung 
felbft  fdjon  borangebt:  fo  begleitet  er  fte  bocb  sugleici)  be* 
ftänbtg,  unb  ba§  Berfmltnifj  §roi|d)en  beiben  brüfft  ftcb  sugleicb 
im  (Selbftbettmtjtfein  burc§  einen  größeren  ober  geringeren 
(grab  uon  ßufriebenbeit  unb  (Stdjerljeit  au§,  fo  ba^  aud)  biet 
in  bem  ©efammtgebalt  be§  3uftanbe§  alle  breie  Derbunben 
ftnb.  Inf  äbnüdje  Söeife  oerbält  e§  fict)  aucb  mit  bem  SStffeiu 
SDenn  al§  glüffli^  beenbtgte  Operation  ber  benfenben  Sbätig* 


12  ©er  dirtftltcfje  ©laufte.  (Srfter  53jetl. 

fett  foridjt  e§  ftdj  im  ©elbftbetottfctfeut  at§  eine  juDerficf)tlicöc 

(Seroifjljeit  ait§.  gugletdj  aber  roirb  e§  aud)  ein  Söcftreben 
bie  erfannte  SSaljrbeit  mit  anbern  gu  oerbtnben  ober  ^äilt 
äu  bereit  91nroenbung  aufsufudjen,  ttnb  biefe§  ift  ber  immer 
Sttßleidj  Oorljanbette  Anfang  eine§  33)un§,  roetd)e§  ftdj  bei  ber 
bargebotenen  Gelegenheit  ooltftänbtg  entroitfelt,  imb  fo  finben 
mir  audj  fjier  iu  bem  Gefammtsuftanbe  SBiffen  gürten  unb 
Stjuit  sujantmen.  SSte  nun  aber  ber  suerft  betriebene  8u* 
ftanb  bemoljneradjtet  roefentlid)  ein  Stbun  ift  unb  ber  sroeitc 
ein  SBiffen,  fo  bleibt  aud)  bie  grömmigfeit  in  tljren  ber= 
jdjiebenen  Steuerungen  roefeutlidj  ein  GefiUjlSsuftanb.  tiefer 
mirb  bann  aud)  ixt  ba§  Renten  aufgenommen,  aber  nur  nad) 
äJfaa&gabe  roie  geber  in  ftdj  fo  beftimmte  sugXeict)  pm  Senfen 
geneigt  unb  barin  geübt  ift;  unb  auf  biefelbe  SBeife  nur  unb 
nad)  bemfelben  9#aafj  tritt  aud)  biefe  innere  SBeftimmtfjeit 
§erau§  in  lebenbiger  Söeroegung  unb  barftellenber  ^anblung. 
^Utcrj  Qetjt  au$  biefer  2)arfteuung  fdjon  berbor,  ba%  unter 
Gefübl  roeber  etroa§  oerroorrene§  gebadjt  roerben  foH  nodj 
ettua§  unroirffame§,  ba  e§  eineStljeil§  in  ben  lebenbigften 
Sutgenbliffen  am  ftftrfften  ift,  unb  allen  SBillenSäu&erungen 
mittelbar  ober  unmittelbar  §um  Grunbe  liegt,  anberntl)eil§ 
aud)  von  ber  ^Betrachtung  ergriffen  unb  al§  ba$  roa§  e§  ift 
a,ebad)t  roerben  fann.  —  SBenn  aber  Slnbere  ba$  Gefütjl  au§ 
unferm  Gebiet  gan*  au§fdjtief$en  roolkn,  unb  beSbalb  bie 
Frömmigkeit  nur  befdjreiben  als  ein  ^anblungen  erseugenbe§ 
SBiffen  ober  al§  ein  au§  einem  SBiffen  berborgegangene§ 
Sfnm:  fo  mürben  biefe  ntdjt  nur  guerft  biefe§  unter  ftd) 
jdjtidjten  muffen,  ob  nun  bte  grömmtgfeit  ba§>  SBiffen  fein 
foE  ober  ba§  £tntn;  fonbern  fte  ntüfcteu  un§  aud)  aufroeifen, 
mie  benn  au§  einem  SBiffen  ein  Xi)un  entfielen  fönne  oljne 
eine  baäroifdjentretenbe  SÖeftimmtfjeit  be§  @elbftbettmf$tfein§. 
.Unb  roenn  fte  biefe^  juleat  äugeben  muffen,  fo  roerben  fte 
Tid)  au§  bem  oorigen  überzeugen,  ba§  roenn  eine  foldje  $er* 
■fted)  tttng  ben  (£t)arafter  ber  grömmigfett  an  fidj  trägt,  bod) 
ba$  SBiffen  barin  noct)  nid)t  unb  ba$  £fjmt  baritt  nidjt  mebr 
bie  grömmigfeit  an  unb  für  ftdj  fei,  fonbern  biefe  ift  gerabe 
bie  basroifdjen  tretenbe  Söeftimmtljeit  be§  €>elbftberou§t|ein§. 
3ene§  aber  fann  ftdj  immer  aud)  umgefeljrt  ber&alten;  ba§ 
Xt)un  ift  nodj  ntdjt  bie  grömmigfeit  in  allen  ben  gäHen,  in 
roelcbett  ftd)  erft  au8  bem  ©etljanbabcit  ein  beftimmteS  ©elbfc 
beroufetfein  ergiebt,  unb  ba§  SBiffen  ift  nid)t  mebr  bie  grömm  ig- 
feit  an  unb  für  ftd),  roenn  e§  feineu  anbern  $nljalt  l)at  al§ 
iene  in§  teufen  aufgenommene  SBeftintmtOeit. 


<Erfte3  Sattel.  8ur  grilärungöerSJogmattf.  13 

§.  4.  2)a3  gemeinfame  aller  noa)  fo  betriebenen 
Sleußerungen  ber  grömmigfeit,  moburd)  biefe  fid)  ^ugleid) 
toon  allen  anbern  @efü(;Iert  utttcrf Reiben,  alfo  ba§>  fid) 
felbft  gleite  2$efen  ber  grömmtgfeit  ift  biefeS,  ba§  mir 
un£  unfrer  felbft  als  fd?Ied?tftin  abhängig.,  ober,  ma3 
betreibe  fagen  miß,  als  in  SBegiebung  mit  ©Ott  be* 
toujjt  finb. 

Slrtm.  gut  bo§  in  ben  folgenben  (Erläuterungen  nlc^t  feiten  bor* 
lommenbe  Sßort  fdjledjtljinig  bebanfe  icf)  mtä)  bei  §errn  $rof. 
Seibrücf.  3$  sollte  e§  nttf)t  wagen,  unb  fjabe  feine  Sunbe,  ba& 
e§  fdjon  anbertuärtä  borljanben  getoefen.  üftun  er  e§  aber  gegeben, 
ftnbe  idj  e8  fe^r  bequem,  ifjm  im  $ebraud)  bejfelben  p  folgen. 

1.  ^n  feinem  nrirfltdjen  Söemufctfeüt,  gletd6)t)tel  ob  e§  nur 
ein  £)enfen  ober  £&un  begleitet,  ober  ob  e§  einen  Moment 
für  ftdj  erfüllt,  finb  mir  un§  unfre§  ©elbft  an  unb  für  fid), 
mie  e§  immer  baffelbe  ift,  allein  bemüht,  fonbern  immer  &u* 
gleid)  einer  med)felnben  SBeftmuntljett  beffelben.  £)a§  ^dj  an 
ftdj  fann  gegenftänbtidj  oorgefteEt  merben;  aber  jebe§  ©elbft» 
bemufetfein  ift  sugleid)  ba%  eine§  beränberlidjen  @ofein§.  Sn 
tiefem  Untertreiben  be§  legieren  öon  bem  erften  liegt  aber 
|d)on,  ba%  ba§>  öeränberUdje  nidjt  au§  bem  ftdj  felbft  gleiten 
allein  tjerborgebt,  in  meldjem^galle  e§  nidjt  öon  iljm  ju 
unterfdjeiben  märe,  ^n  iebem  (gelbftbemufjtfein  alfo  finb  smei 
Elemente,  ein  —  um  fo  ju  fagen  —  ©tc^felb'ftfesen  unb  ein 
©id^felbftmdjtfogefeätbaben,  ober  ein  (Sein,  unb  ein  Srgenb* 
miesem orbenf ein;  ba§  legte  alfo  fegt  für  febe§  ©elbftoemuft* 
fein  au^er  bern^dj  no<$  tttüaZ  anbereS  öoraug,  motjer  bit 
Söeftimmtfjeit  beffelben  ift,  unb  oljne  meldjeS  ba$  @eI6ft* 
bemufjtfeüt  nidjt  gerabe  biefe§  fein  mürbe,  3)iefe3  anbere 
jebodj  mirb  in  bem  unmittelbaren  (Selbftbemufttfein,  mit  bem 
mir  e§  tjter  allein  su  tfjmt  baben,  mit  gegenftänblid)  bor* 
geftellt.  2)enn  alterbing§  ift  bk  SDitplicitfit  be§  ©elbftbemufct* 
feinS  ber  ®runb,  marum  mir  ie^efmal  ein  anbereS  gegen* 
ftänblict)  aufluden,  morauf  mir  unfer  ©ofein  surüf  ff  Rieben; 
allein  bie§  Sluffudjen  ift  ein  anberer  5lct  mit  bem  mir  e§  jegt 
nietjt  3U  tt)un  baben.  (Sonbern  in  bem  ©elbftbemitfjtfein  ift 
nur  ämeterlet  sufammen,  ba%  eine  ©lement  brüftt  au§  ba$ 
©ein  be§  ©ubjecteS  für  ftdj,  ba§  anbere  fein  Sufammenfein 
mit  anberem.  —  liefen  smei  Elementen,  mie  fie  im  jettliien 
©elbftbemufjtfein  auf ammen "  finb ,  enti>red&en  nun  in  bem 
©ubiect  beffen  ©rnpf  ängliifett  unb  ©eibfttbätigteit 


14  £er  <$rlftlid)e  ©laube.  (Srfter  Sfjetl. 


könnten  mir  un§  ba&  3u[ammenfem  mit  anbercm  roeßbeitfen, 
un§  felbft  aber  übrigens  fo  tote  mir  ftnb:  fo  toäte  fern  ©elbfte 
behmfctl'etn  ntößHcr) ,  tueldjeä  übermiegenb  ein  Slfficirtfcin  ber 
(Smpfänglidjfeit  au§fagte,  fonbern  bann  fönnte  jebe»  nur 
©elbfttln'ittgfett  ansagen,  meld>e  aber  and),  anf  feinen  ®cgen= 
ftanb  begogen,  nur  ein  £erüortretenmotten ,  eine  unbestimmte 
Slgtlität  otjne  ®eftalt  unb  garbe  märe.  Söie  mir  uns?  aber 
immer  nur  im  3ufammenfein  mit  auberm  ftnben:  fo  ift  aucf) 
in  jebem  für  ftd)  §ert>ortretenben  <2elbftbemuf;tfein  ba§  ©(erneut 
ber  irgenbmie  getroffenen  (Smpfänglid) feit  ba§>  erfte,  unb  felbft 
ba«3  ein  £tjun,  tuorunter  aud)  ba§  (Srfennen  begriffen  werben 
fann,  begleitenbe  ©elbftbettmfctfein,  tuiemol  e§  übermiegenb 
eine  regjame  (Selbsttätigkeit  au§fagt,  mirb  immer  auf  einen 
früheren  Moment  getroffener  (£mpfängltd)feit  belogen,  burd) 
toeldjen  bie  urfprünglidje  Agilität  ttjre  3Kd)tung  empfing,  nur 
bafj  oft  audj  biefe  SBesielmug  eine  gan§  unbeftimmte  fein  fann. 
3u  biefen  ©äsen  fann  bie  3uftimmung  unbebtngt  geforbert 
merben,  unb  feiner  mirb  fte  Oerfagen,  ber  einiger  felbft* 
Beobachtung  fäf)ig  ift,  unb  ^ntereffe  an  bem  eigentlichen 
®egenftanb  unferer  Ünterfudjungen  finben  fann. 

2.  £)a§  gemeinfame  alter  berjenigen  23eftimmt§eiten  be§ 
©elbftbemufjtfeinS,  meiere  übermiegenb  ein  ^rgenbrnotjer- 
getroff enfein  ber  (Smpfänglid)feit  augfagen,  ift  ba%  mir  un§ 
al§  abbängig  füllen.  Umgefetjrt  ift  ba§>  gemeinfame  in 
allen  benfenigen,  meiere  übermiegenb  regfame  (Selbftt^ätig^ 
feit  au§fagen,  ba$  greif)eit§gefüf)t  ^ene§  nic^t  nur  meil 
mir  anbermärt§  tjer  fo  gemorben  ftnb,  fonbern  oorneFjmlid) 
meil  mir  nidjt  anber§  a\§  nur  burdj  ein  anbereS  fo  merben 
fonnten.  ®ieie3  meil  anbere§  burd)  unsl  beftimmt  mirb,  unb 
olme  unfere  (gelbfttljätigfeit  nic^t  fo  beftimmt  merben  fönnte. 
3)iefe  beiben  (£rflärungen  fönnett  inbe§  nod)  unbollftänbig  ju 
fein  fd)einen,  inbem  e§  auä^  eine  mit  anberem  nierjt  stammen* 
ijängenbe  $8etoeglid>feit  be§  ©ubiecteS  giebt,  meldje  unter 
bem)elben  ©egenfas  ju  fterjen  fdjeint.  Mein  menn  mir  felbft 
oon  innen  IjerauS  irgenbmie  merben,  o§ne  ba%  anbereS  ba^u 
mitgefest  ift :  fo  ift  bie§  ba$  einfache  $ert)ältnife  ber  seitlichen 
©ntmifflung  eine§  ftd)  mefentlid)  felbft  gteid)  bleibenben, 
meldie  nur  feljr  uneigentlid)  auf  ben  ©egriff  greibeit  belogen 
merben  fann.  Unb  menn  mir  oon  innen  l)erau§  irgenbmie 
nid)t  merben  fönnen ;  fo  beseidmet  bie§  nur  bk  sunt  SSefen 
be§  ©ubjecteS  felbft  gehörige  ©renge  feiner  ©elbfttljätigfeit, 
unb  biefe  mürbe  nur  feljr  uneigentlid  fönnen  3lbt)ängigfeit 
genannt  merben.  —  Wit  biefem  ©egenfas  ift  übrigeng  ber 


©ri'teä  Äojritel.  3ur  ©xtlärung  ber  Dogmatil.  15 

ättrifdjen   trüben  ober  nteberbrüffenben  unb  et&ebenbert  ober 

freubigen  ©efüljlen,  bon  meinem  Ijernacf)  bie  Sftebe  fein  mtrb, 

fetneSroegeS   gu  berroedjfeln.    ©emt   audj  ein  ^bljängigfeitS* 

gefügt    fann    ert)ebenb    fein,    menn  baS    mitauSgefagte  (So* 

gemorbenfein   fidj  als  ein  botlfommneS  anfünbigt,  nnb  eben 

fo  ein  gretfjettSgefüljl  meberfdjlagenb,  tbeilS  menn  ber  Moment 

übermiegenber  ©mpfängiic&feit,  morauf  baS  £§utt  gurüffgefüljrt 

mirb,   ein  foldjer  mar,   tijetlS  menn  bie  Strt  nnb  Söeife  ber 

©elbfitöättgteit  ftct)  als  ein  na d)tf) eiliger eS  Bufammenfein  auS* 

foridjt.   —  2)enfen  mir  unS    nnn  2lbfjöngtgfeitSgefüt)l    nnb 

grei&eitSgefüfjl  in  bem  (Sinne  als  ©ineS,  bafj  ntc&t  nur  baS 

©ubject ,   fonbern  aud)  baS  mitgefegte  Slnbere  in  beiben  baS= 

f eibige  ift:  fo   ift  bann  baS  auS  beiben  guf  ammengefegte  ®e* 

fammtfetbftbemufetfein  baS  ber  SBedjfelnrirfung  beS  ©üb- 

jecteS  mit  bem   mitgefegten  5lnberen.     Segen   mir  nun  bie 

©efammtfjeit  aller  ©efüblSmomente  beiber  5lrt  als  (£ineS,  fo 

ift  aud)  ba$  mitgefegte  Rubere  als  eine  (Stefatnmtljeit  ob  et  als 

(ginS  §u  fegen,   unb   ber  legte  5luSbru!f  alfo  ber  rid)tige  für 

unfer  «Seibftbemufjtfein  im  atigemeinen,  in  fofern  eS  unfer 

3ufammenfein  mit  altem  auSfagt,  maS  fomot  unfere  ©mpfäng* 

Iid&feit   anfpri(^t  als    aud)   unferer  Setbftttjättgfeit  üorgelegt 

ift    Unb  gmar  ntc&t  nur  fofern  mir  biefeS  anbere  oeretngein, 

unb   iebem  menngleid»  in  nodj  fo   t>erfd)iebenem  ($5rabe  ein 

SBerfjättniB  gu  jenem  gmeifadjeu  in  unS  auftreiben;  fonbern 

aud)  fofern  mir  baS  gefammte  SlufeerunS  als  ßineS,    ja  aud) 

meil  ja  anbere  (Smpfänglic&feit  unb  ©eibfttfjättgfett,  gu  melier 

mir  aud)  SSerfjättntfe  fjaben,  barin  gefegt  ift,  mit  unS  fclbft 

gufammen  als  (SineS,  baS  ijeifct  alS  SBelt  fegen.    S)emnad)  ift 

unfer  ©eibftbemufjtfein  al§  Söettmfetfem  unfereS  <SemS  in  ber 

SSSeit  ober  unfereS  SufammenfeinS  mit  ber  Sßelt,  eine  fHei^e 

bon     geseiltem    grefljeitSgefüfjl    unb    2lbfjängigfeitSgefül)l; 

fd»led)ttjiuigeS    $bt)ängigfeitSgefüfjI  aber,  b.  Ij.  otme  ein  auf 

baffelbe    SJUtbeftimmenbe    begügtidieS   greiljeitSgefüfjl,    ober 

f(^lect)tr)miQe§  greitjettggefürjl,  b.  1).  o^nc  ein  auf  baffelbe  aRit^ 

beftimmenbe  begüglidjeS  9lbl)ängigfeitSgefüf)l  giebt  eS  in  biefem 

gangen  ©ebiete  nid)t.     SBir  mögen  unfere  $erfjältniffe  gur 

9?atur  betrauten  ober  bie  in  ber  menfdjlidjen  ©efeftfdjaft,  fo 

ftnben  mir   eine  grofje  Stenge   bon  Öegenftänben  in  Söegug 

auf  meiere  greiljeit  unb   Slbljängigfeit  fidj  fefjr  baS  ©leid)* 

gemixt  galten,  unb  biefe  conftituiren  baS  Gebiet  ber  ®leid)* 

Seit  in  ber  2Sed)felmirfung.     Rubere  üben  eine  meit  größere 

GHnmirtung  auf  unfere  (gmpfängli^feit  auS  als  bie  ©tnhrirfung 

unferer  ©elbfttfjätigfeit  auf  fte  unb  fo  aud)  umgefeljrt,  fo  ba% 


16  ^er  dfjriftHd^e  (Glaube-  Grfter  SDjetl. 


eine§  bon  betben  fiel)  auf  ein  unmerflid)  fieine§  befcbräut'en 
fann,  aber  nie  mirb  eine§  bon  beiben  ©Hebern  gänalid)  ber* 
fdjroiuben.  SBorljcrrfdjenb  ift  bn§  Slbljangigfeüggefül)!  in  bem 
SSerbältnife  ber  Ötnber  gegen  bte  Gpltern,  ber  Bürger  gegen 
ba%  SSaterlanb;  aber  bod)  tonnen,,  aud)  obne  baZ  SSer^ättnife 
§u  löfen,  ©injelne  fomol  ©egenmirfung  qI§  aud)  leitenbe  ©in* 
mirruug  auf  ba§>  Sßaterlanb  ausüben.  Unb  tuie  bk  Slbljängigs 
fett  ber  ®inber  bon  ben  ©Itern  iebr  balb  al§  eine  fid)  all* 
mäblig  berniinbernbe  unb  bertöfdjenbe  gefüllt  nrirb ;  fo  ift  fte 
audj  bon  Anfang  an  ntdjt  oljne  SBeimifdjung  einer  auf  bk 
(Sltern  gerichteten  (Selbfttbätigfeit,  raie  aucl)  in  ber  abfoluteften 
5lHeinr)evrfd)aft  bem  ©ebieter  ein  leifeg  2lbbängigt'eit§gefüljl 
nid)t  feljlt.  ©affelbe  ift  ber  gaE  auf  ber  (Seite  ber  9catur, 
mie  mir  beim  felbft  auf  alle  9caturfräfte,  ja  audj  bon  ben 
SSeltforbern  fann  man  e§  fagen,  in  bemfelben  (Sinn,  in 
luetdjem  fie  auf  un§  einmirfen,  aud)  ein  fletnfte§  bon  ©egen* 
nnrfung  ausüben,  (So  bafj  bemnad)  unfer  ge|ammte§  (Setbft* 
bemufjtfein  gegenüber  ber  SBelt  ober  ifjren  einzelnen  feilen 
3nrif  djen  biefen  ©rensen  befd)loffen  bleibt. 

3.  ©in  fdjled)tl)inige§  greif)  eitSgef  üb!  fann  e§  bemnadj  für 
un§  gar  nidjt  geben:  fonbern  raer  ein  foldjeS  §u  I)aben  be= 
baubtet,  ber  taufet  entmeber  fiel)  felbft,  ober  er  trennt  roa§ 
notfjroenbig  äufammengeljört.  ®enn  fagt  ba%  greü)eit§gefüf)l 
eine  au§  un§  IjerauSgeljenbe  (Selbfttbätigfeit  au§:  fo  mufe 
biefe  einen  ©egenftanb  Ijaben  ber  un§  irgenbroie  gegeben 
roorben  ift,  rceld)e§  aber  nid)t  Ijat  gefdjef)en  fönnen  oljne  eine 
(Sinroirfung  beffelben  auf  unjere  (Smbfänglid)feit,  in  iebem 
foleben  galle  ift  bafjer  ein  su  bem  greif)  eitSgefüljl  gebörige§ 
2lbbängigfeit§gefül)l  mit  gefegt,  unb  alfo  ieneS  burd)  biefe§ 
begrenzt.  ©a§  ©egentbeil  fönnte  nur  eintreten,  luenn  ber 
©egenftanb  überhaupt  bnrd)  unfere  Stbätigfeit  erft  mürbe, 
meidje§  aber  immer  nur  besief)ung§meife  ber  gall  ift  unb  nie 
fd)led)tt)tn.  ©oll  aber  baZ  greif)eit§gefütjl  nur  eine  innere 
felbfttl) äuge  SBemegung  au§fagen,  fo  l)ängt  ntdjt  nur  jebe 
einzelne  foldje  mit  bem  jebe§maligen  guftnnbe  unferer  er* 
regten  (£mbfängltd)fett  jufammen,  fonbern  au<$  bie  ©efammt* 
beit  unferer  innern  freien  ^Bewegungen  al§  (£tnf)eit  betrautet 
fann  ntdjt  burd)  ein  fdEjIedjtöüttgeS  Srei^eitSgefü^l  xepräfentirt 
merben,  roeil  unfer  gonget  ©afein  un§  nid)t  al§  au§  unferer 
(Selbfttbätigfeit  berborgegangen  sunt  Söenmjjtfetn  fommt.  ©aber 
in  feinem  seitlichen  Sein  ein  fdjledjtl)inige§  greif)eit§gcfüf)l 
feinen  Ort  Ijaben  fann.  SBenn  nun  unfer  (Sas  bemofjngeadjtet 
auf  ber  anbern  (Seite  ein  fd)led)tl)inige§  2fbf)ängigfeit§gefübl 


(5  rite«  ftapltel.    3ur  Stttärung  ber  Dogmatil.  17 

forbert:  fo  fann  bte§  au£  bemfelben  ®runbe  auf  feine  SBetfe 
t)on  ber  (Stnmirfung  eines  unS  irgenbroie  §u  gebenben  ©egen* 
ftanbeS  auSgebn,  beim  auf  einen  folgen  mürbe  immer  eine 
(Segenmirfung  ftatt  fütben,  unb  aueb  eine  freimillige  ©ntfagung 
auf  btefe  mürbe  immer  ein  ftreibeitSgefübl  mit  emfdjliefcen. 
S)aber  fann  e§  aueb,  ftreng  genommen,  nidjt  in  einem  einzelnen 
Momente  als  folgern  fein,  meil  biefer  feinem  (Sefammtinbalt 
nacb  immer  bureb  gegebenes  beftimmt  ift,  alfo  burd)  folebeä 
an  meinem  mir  ein  gretbeitSgefübl  babetu  Mein  eben  baS 
unfere  gefammte  (Selbfttbätigfeit,  alfo  aueb,  meil  biefe  niemals 
9?ull  tft,  unfer  ganseS  2)afein  begleitenbe,  fc^lect)tr)mige  grei* 
bett  öerneinenbe,  ©elbftberoufjtfein  ift  febon  an  unb  für  ft<$ 
ein  Söemufjtfein  fct)Xed)tr)imger  Slbljängigfat,  benn  eS  ift  btö 
SBeroufctfetn,  bafj  unfere  gange  «Selbfttbätigfeit  eben  fo  oon 
cmbermärtSber  ift,  mie  baSjemge  gans  öon  unS  be?  feinmüfete, 
in  SBejug  morauf  mir  ein  fcblecbtbinigeS  greibeitSgefübl  baben 
füllten.  Dfjne  atteS  gretbeitSgefübl  aber  märe  ein  fdjlecbtbintgeS 
&b$ftngtgfeit§gefübl  ntdjt  möglidj. 

4.  SSenn  aber  fcblecbtbinige  9lbbängigfeit  unb  SBejiebung 
mit  ©ott  in  unferm  «Sage  gletdjgeftettt  mirb:  fo  ift  bieS  fo  §u 
fcerfteben,  ba%  eben  baS  in  biefem  ©elbftbelrmfjtfeüt  mit  ge* 
fegte  SS  ob  er  unfereS  empfänglichen  unb  felbfttbätigen  S)afeinS 
bureb  ben  5luSbruff  ©ort  beseidmet  merben  foH,  unb  biefeS 
für  unS  bk  mabrbaft  urforünglicbe  SBebeutung  beffelben  ift 
Sfrkbti  ift  nur  suerft  noeb  auS  bem  oorigen  §u  erinnern,  ba% 
MefeS  SBober  niebt  bie  SSelt  ift  in  bem  (Sinne  ber  ©efammt* 
bett  beS  seitlichen  ©einS,  unb  noeb  meniger  irgenb  ein  einzelner 
Zfytil  berfelben.  £)enn  baS  menngleicb  begrenste  gretbeitS* 
gefübl,  melcbeS  mir  in  S3e§ug  auf  fte  baben,  tbeilS  als  er* 
gänaenbe  SBeftanbtfjetle  berfelben  tbeilS  inbem  mir  immerfort 
in  ber  ©inmirfung  auf  Jeinseme  ibeile  berfelben  begriffen 
ftnb,  unb  bie  unS  gegebene  ÜDröglicbfeit  einer  ©inmirfung 
auf  alle  üjre  Steile,  laffen  nur  ein  begrenztes  9lbbängigfeitS* 
gefübl  su,  fcbliefjen  aber  baS  fct)Iecrjtr)tmge  auS.  !ftäcbft  bem 
ift  ju  bemerfen,  bafj  unfer  <5a§  ber  Meinung  entgegentreten 
mill,  al§  ob  biefeS  2lbbängigfeitSgefübl  felbft  bureb  irgenb  ein 
oorberigeS  Sßiffen  um  ©ort  bebingt  fei.  Unb  MeS  mag  mol  um 
fo  nötbiger  fein,  ba  oiele,  melcbe  ftdj  eineS  ooHfommen  be* 
griffenen  urforüngltcben  b.i).  oon  allem  ©efübl  unabbängigen 
Begriffs  oon  ©ott  ftdjer  miffen  in  biefem  böberen  ©elbft* 
beroufetfein,  melcbeS  mol  nafje  genug  an  ein  fcblecbtbinigeS 
greibeitSgefübl  ftreifen  mag,  eben  baS  ©efübl,  melcbeS  unS 
für  bie  ©runbform  aller  grömmigfeit  gilt,  als  etroaS  faft 

©($l.,«$rlftf.«l.l.  i 


- 
:nuiQli<$i:  bec  anbem  SettefeineS* 

roomü    mir    e3   in    bei    er:  :    niemals 

tonnen  311   Qu  nag  nicbtS 

unmittelbar    r  :?mmigfei:    iH   ::::::   rat    San 

.  .  :rünglicb  :;  :Hnng  fSbä 

unb   1  Knttnfl  Sott    cn  ..irrig  oor: 

»oE  mir  B<  :r.:er* 

:.inigen  AI 

fdbc,   bie  urprimg: 
:-:lung  fei,  mi:  rrefeber  trtr  eS  fcfc  .  ganj 

d  ienem  uriprünglicben  eigentlichen  SSrffea,  unb 

;-:fubl, 
•':   ::.'  m  M  Wwlel  MS  in  Meiern 

mtfer 

hieben,  ieber  anbenreirige  rjnbalt  bieder  Bu» 

111S    berr.  ©rrmbgebalt    em* 

»iöelt  roerber.  .':  nun  borjuglüfc  gemeint 

mit  ber  gönne'.,    btf  M  icblecbtbin  abhängig  füllen  unb  ftdj 

feiner  -:e§ung  mit  ©ort  berorrfct  iein  einerlei 

nämlich  bie  icb  lecbtbinige  &bbangigfeir  bie  ©tunb* 

u   ;   :':     .  .-:  ärgeren  in  neb  fölieften  rnirfc.    Z;: 

:.i    ba§  i'o  in 

boä  SelbftbeiDit&tfem  ein,  baB  beibe§,  gans  ber  obigen  &u£« 

einaii:  9Gn5§,   :::rr.r  oon  einanber  getrennt  merben 

!aniL     I  d     ilecbtbinige  S5bbängigreitsgefü$l  roirb  nur  ein 

:.:;:    Z-    -  ::-::rirsrein,  tnbem  ::::.-:::r  :.-:'-:  Botftdbnfl  :r:r£. 

:rn  nun  fann  man  rool  aueb  lagen,  ©Ott  fei  unS  ge* 

1    im  ©efübl  auf  eine  unprünglic^e  Seife;   unb  menn 

ron  einer  u;  .. Gärung  (Sottet  an  ben 

5en  ober  in  bar,  n  rebet,  fo  roirb  immer  eben 

Mr.it  gerne::-  ien  mit  ber  allem 

~en   Sein   niebt  minder  at§  ibm  an^aftenben  fcblecbt* 

:n  2lbbängigfett  auc  :  rretbenbe 

Bdbffbdrafeifeäi    :..■'...-::-.    :■::-:::::    tft     3n 

■  ertlichen  I  einer 

/riiebfeit  bieder  mirGicb  Dortommt,  in  eben  bem  idjreiben 

rr:r  fem   J-    -  "vrmmigfeit  su.    hingegen  bleibt  iebeS 

trßenbroie  ©e:.  . ::.:  ::-ig  ausgeicbloifen,  meü  aUeS 

änierlicb  gegebene  immer   aueb  bB  ©egenftanb  einer  menn 

cud)  noeb  io  geringen  ©egenmirtung  gegeben  fein  muü    2He 

Ueberrragung  jener  3}orfteHuna  auf  irgenb  einen  roabrne&M* 


gifte«  ÄaöitcL  3ux  Stflörung  ber  1  19 

bcren  QJegenitcnb,   tneitn  man  tt<$  berieiben  nid)t  al§  e 

:DillfülJTlicben  Srnnboliftrung  bemußt  mirb  unb  bleibt, 
in  immer  eine  (£orruj)tion ,  fei  e§  mm  eine  öorüberge^enbe 
llebertragung,  alfo  £f)eoi)fjante,  ober  eine  comtitutioe,  in  meldet 
Coott  al§  ein  ma^rne^mbare^  beharrliches  (rin^elroeien  oor* 
gestellt  mirb. 

§.  5.    £as   befd&ricbette  Mite:  bi  E         :>e3 

menicblicben   SelbübenmEtjetn* ,    melcbe  :rem 

mirflid)en  SBorfcmmen  tion  ber  r.:.;:eren  niemals  getrennt ; 
in,   unb  burd)   bit  ^erbinbuna.   mit  berieiben 
(5irtr)eit  bes  Momentes    aucb  Olrttbeil  befcnrnrt  an 
©egenfaj  bei  men  unb  unangenehmen. 

1.  23ie  ücrj  bie  beiben  bargeneHten  ©eftaltungen  be3 
■2eIbftbemuBt»emS ,  ba§  id}led)t^inige  Slb^angigf-: 
nämtidj  unb  ba§jenige  SelbftbemuBtiein ,  melcf)e§  bie 
.^efmngen  §u  bem  maf)rnef}mbaren  enbiidjen  Sein  ausbrüffenb 
nd)  in  t^eiimeiies  2(bl)ängigfeit§gefiirjl  unb  tt)eilmeiie§  gtei£)eit§* 
gefüfil  ipaltet,  §u  einanber  oetfjalten,  ba%  merben  mir  am 
benen  fefjen,  menn  mir  nodj  eine  brüte  fjütjtmeljnten.  ^amltd) 
menn  mir  auf  bit  erfte  buntlere  2eben§5eü  be3  -Ucemd)en 
äurüffgefjen:  io  ürtben  mir  barin  überbauet  bas  animc. 
Seben  faft  allein  Dorr)errid)enb ,  baZ  geistige  aber  nod)  gans 
äuriiff gebrangt ;  unb  io  minien  mir  un§  aud)  ben  3tfftanb 
feinet  95erouBtfein§  bem  tfjierifcrjen  ferjr  oermanbt  beuten. 
3mar  ift  un3  ber  trjierticrje  3uitanb  eigentlid)  ganj  fremb 
unb  Verborgen.  21ber  allgemein  mirb  in  bemielben  boeb,  auf 
ber  einen  Seite  eigentliche  (rrfennrntB  iomol  al§  aud)  ödH- 
!ommne§  bit  geriebenen  Momente  gU  einer  ftetig-: 
be§  £eben§  öerbinbenr::  2  :-:"::bemir§tiein  gdaugnet,  :::: 
ber  anbern  Seite  aber  bodj  gän.slicbe  igerouBtloügfeit  üjnen 
nidjt  beigelegt  \£wz§  nun  in  'cbroerltd)  anber§  an^ugleicben, 
als  bat*  mir  ein  ^emirBtiein  annehmen  Don  ber  2lrt,  bog 
:egenftänblid)e  unb  ba%  in  ftet)  jurüffgeijenbe,  ober  %t* 
uif)l  unb  ^nfetjauung,  niebt  gehörig  auöeinanber  treten,  iortbera 
noct)  unentroiff elt  in  einanber  oermorren  ftnb.  tiefer  G5e* 
italtung  nähert  fidj  offenbar  bat  ^emuistfeüt  ber&inber,  oor* 
nebmlicrj  e§e  fte  ftd)  ber  Soradje  bemächtigen.  3?on  ha  an 
aber  oerictjnnnbet  biefer  3uftanb  immer  mef)r,  unb  ^tef : 
in  bit  träum eri'cfcen  Momente  ^urüff,  meiere  bit  Uebergänge 
srotierjen  23ad)en  unb  Schlaf  oermirteln,  roogegen  in  ber 
bellen    unb  machen  Seit  ©efür)l  unb  Slnidjauung  ftc§  Gar 


S)cr  d)riftlid)e  QUaube.  ©rfter  S^cil. 


Don  einanber  fonbern,  unb  fo  bte  ganaepütte  beS  im  meiteften 
Umfange  be§  SSortS  berftanben  finnlid)en  9Jten)djenleben8 
bilbem  SBir  begreifen  barmtter,  inbem  mir  blofc  bei  bem 
Söemufetfein  fteljn  bleiben,  unb  bon  bem  eigentlidjen  £>anbeln 
abfegen,  auf  ber  einen  «Seite  baä  atfmäljlige  Slngefütftroerben 
mit  Sßaljrnebmungen ,  raeläje  ba§  (SJefammtgebiet  ber  (£r« 
f  abrang  im  meiteften  ©inne  be§  SSorteS  conftituiren,  fo  nrie 
auf  ber  anbem  alle  au£  ben  Söesieljungen  mit  ber  Statut 
unb  bem  ÜDfonfdjen  ficfc)  entnriftelnben  Söeftimmtljeiten  be8 
©elbftberoufetfeinS,  audj  bieienigen  mit  eingef Stoffen,  meiere 
mir  oben  (§.  4, 2)  al§  bit  btm  fc&ledjtfjinigen  SlbjjängigfeitS» 
gefügt  am  nädjften  lommenben  aufgefteßt  Ijaben,  fo  bafj  mir 
aud)  bit  gefeiligen  unb  ftttlidjen  ©efü^le  nierjt  mtnber  als 
bte  felbftifcfjen  unter  beut  SUtSbruff  finnüdj  mit  berfteben, 
inbem  fie  boefcj  inSgefammt  in  bem  <&thitt  beS  bereinselten  unb 
beS  (SJegenfaseS  ttjren  Ort  Ijaben,  SeneS  nun  bem  gegen* 
ftänblidjen  Söeroufjtfein  angeprige  übergeben  mir  bier  a!8 
niä)t  MefeSDrteS;  in  biefen  al§  ftnnli<$  beseiteten  ©efiUjlen 
inSgefammt  ift  aber  ba$  barin  mitgefeste  unb  mttbeftimmenbe, 
baSienige,  morauf  mir  ba8  iebeSmalige  ©ofein  surüttfc&iebe», 
ein  bem  (&tbitt  ber  SSedjfelmirrung  angejjörigeS,  bem  mit 
un§  alfo,  feien  mir  un§  nun  unferer  babti  meljr  al§  abhängig 
ober  meljr  als  frei  betoufjt,  boef)  in  gemiffem  ©inne  gletcfc 
unb  gegenüber  fteUen,  unb  jroar  fo,  ba%  mir  unS  als  GKnselne 
ober  in  einem  anberen  größeren  einzelnen,  toie  j.  SB.  bei  ben 
baterlä'nbtfdjen  (Stefüljlen,  begriffene  einem  anbem  einseinen 
entgegenfesen.  £neburclj  nun  untertreiben  fte  ftä)  bon  bem 
fdjlectjtljimgen  SlbljängigfeitSgefüIjl  auf  ba§  atferbeftimmteftc 
S)enn  menn  in  biefem  mefentlidj  (§.  4,  3)  bte  fdjledjt&intöe 
greiljeit  berneint  mirb,  fo  gefdjieljt  bieS  sroar  unter  ber 
gorm  beS  ©elbftberoufctfeinS,  aber  bodj  nid&t  bon  unS  al£ 
lest  fo  unb  ntdjt  anberS  feienben  (SHnselnen,  fonbern  nur 
öon  unS  al§  einseinem  enblic&en  ©ein  überbauet,  fo  bafc  mit 
unS  Ijier  feinem  anbern  einsemen  entgegenfesen ,  btelmd&t 
hierin  aller  (Segenfas  ahrijcben  einem  einjelnen  unb  einem 
anberen  aufgeboben  ift.  $)a§er  fdjeint  eS  unbebenfTUfc,  brej 
©rufen  beS  ©elbftbemufetfein§  äu  unterfdjeiben ,  bit  tfciei* 
artig  bermorrene,  in  melier  iener  (Segenfafc  nodj  nfdjt 
$erborgerufen  merben  fann  als  bit  niebrigfte,  ba§  ftnnlicbe 
©elbftbemufetfeüt,  roelcbeS  gans  unb  gar  auf  biefem  (Segenfase 
beruht  al§  bit  mittlere,  unb  baS  fdjledjt&inifle  2lb$anöta* 
teitSgefiiljl,  in  meinem  biefer  ®egenfas  mieber  berfd&minbet,  unb 
alles,  bem  ftdj  baS  ©ubjeet  auf  ber  mittleren  ©tufe  ait» 


©rfteg  Äapitel.  3ur  ßrflärung  ber  ©ogtnattf.  21 


Qcgenfejte,  als  mit  tfjm  tbentifc^  äufammengefafjt  nrirb,  als  bie 
bödjfte. 

2.  Sßenn  eS  ein  abfoluteS  8*eib  eitSgefübl  gäbe:  fo  märe 
in  biefem  auclj  ber  obige  Ö5egen|a§  aufgehoben;  nur  ba£  ein 
foldjeS  ©ubject  nie  mit  anbern  gleichartigen  in  irgenb  einer 
Söeaiefjmtg  fteben  fann,  fonbern  alles  maS  ibm  gegeben  ift 
barf  tfjm  nur  als  em£fcmglidjer  ©toff  gegeben  fein.  $)a  aber 
fc&on  au§  biefem  ®runbe  ein  foldjeS  in  bem  Sftenföen  nid)t 
fcorfommt:  fo  ftebt  audj  in  ibm  auf  berfelben  (Stufe  fein 
anbereS  unmittelbares  ©elbftbemu^tfein  als  baS  betriebene 
(Sefüfjl  fdjled)tbiniger  Slbbängigf  eit.  $)enn  jeber  auS  partiellem 
greibeitS*  unb  partiellem  $lbbängtgfeitSgefübl  sufammengefegte 
Moment  ftellt  unS  anberem  eben  folgen  gleidj  unb  gegen* 
über.  (SS  bleibt  nun  no$  bie  grage  übrig,  oh  eS  ein  anbereS 
ni<$t  unmittelbares  fonbern  Sßtffen  ober  ^un  oon  irgenb 
einer  5lrt  al§  foldjeS  beglettenbeS  (Selbftbemufstfein  gebe, 
melcbeS  jenem  gleidj  ju  ftellen  ift  $)enfen  mir  unS  nun  als 
9lct  ober  iMtanb  eines  (Sinselnen  ein  bötf)fteS  SBiffen,  in 
meinem  alles  untergeorbnete  SSiffen  sufammengefafjt  mirb: 
fo  ift  biefeS  fretltct)  auf  feinem  (Gebiet  ebenfalls  über  allen 
©egenfas  ergaben;  fein  .(gebiet  aber  ift  baS  beS  objeftiöen 
SßenmMeinS.  (£S  mirb  aber  atterbingS  begleitet  merben  Oon 
einem  unmittelbaren  ©elbftbetouMein,  roeldjeS  bie  ($5enrif3beit 
ober  Ueber§eugung  auSfagt.  ^nbem  ftd)  aber  MefeS  auf  baS 
SSerbältntf?  beS  SubjectS  als  SBiffenben  ju  bem  ®emufjten  al§ 
(Stegenftanb  beliebt:  fo  liegt  aud)  biefeS  baS  bö$fte  SBiffen 
begleitenbe  ©elbftbettmfjtfein  bocb  auf  bem  (Gebiete  beS  ®egen* 
fa^eS.  £)enfen  mir  unS  eben  fo  ein  tjöd)fte§  £t)un  unter  ber 
gorm  eines  baS  gange  (Gebiet  ber  ©elbfttb  ättgf  eit  umfaffenben 
(£ntfcbluffeS,  au§  meinem  ftd)  baber  alle  folgenben  als  einzelne 
in  tbm  fdjon  entbalten  gemefene  Steile1  entroiffeln:  fo  ftebt 
biefeS  auf  feinem  (bebtet  ebenfalls  über  jebem  ®egenfa§,  unb 
eS  mirb  ebenfalls  Oon  einem  ©elbftberoufjtfein  begleitet  merben, 
aber  audj  biefeS  beliebt  ficb  auf  baS  SBerbältmfj  beS  ©ubjectS 
als  banbelnben  §u  bem  maS  ®egenftanb  feineS  £anbelnS  fein 
lann  unb  bat  alfo  feinen  Drt  innerhalb  beS  ©egenfa^eS.  Söenn 
nun  baffelbe  offenbar  ntctjt  mtnber  gelten  mufe  oon  jebem  auf 
nereinjelteS  SBiffen  ober  ifyvrn  besüglicben  begleitenben  ©elbft* 
behmfjtfein :  fo  folgt  ba%  eS  fein  anberS  ©elbftbemu^tfetn 
giebt,  meines  über  jenen  ©egenfaj  erboben  ift,  fonbern  bafj 


1  ©.  tteb.   b.   Sefconblung  be§   ^fli^tbegrtffS.     fcentförtft  b.  SR.  b. 
SB.  ptjitof.  M.     1824.     ©.4—6. 


22  ®er  rfiriftlidie  ©lau6c.  Grfter  JfleU. 

bem  fd)Ied)tljtntgen    AbbängigfeitSgefürjl  auslieft  enb  btefer 
(£f)arafter  äufommt. 

3.  SBenn  nun  bie  ntebrigfte  trjieratjnlictje  ©rufe  altmät)Iig 
berfcbroinbet,  fo  inte  bie  mittlere  ftctj  entroiffelt,  bie  rjödjfte 
aber  fo  lange  iene  nodj  borrjanben  ift  ftd)  gar  nid)t  entnnffeln 
fartn,  fo  mufj  umgefebrt  bk  mittlere  unoerringert  fortroätjren, 
felbft  tuerm  bte  rjödjfte  fdion  üjre  boftfommene  GnttmifHung 
erlangt  §at  $)a§  Ijöctjfte  ©el6ft&erouf$tfem  an  unb  für  ftct), 
ba  e§  gar  nid)t  bon  äufjerlidj  5U  gebenben  ®egenftänben  ab- 
fängt, bie  un§  je^t  berühren  tonnen  unb  bann  roieber  nicrjt, 
unb  ba  e§  al£  fcrjlecrjtbinigeS  OTbä^tgigfeitSberoufjtfein  audj 
ein  gans  einfaches  ift  unb  bei  altem  anberro  eiligen  SSeccjfel 
bon  ßuftänben  immer  fict)  felbft  gleist  fo  famt  e§  unmögttdt) 
in  einem  Moment  fo  fein  unb  in  einem  anbern  anberS,  nodt) 
aud)  abroectjfelnb  in  bem  einen  Moment  ba  fein,  in  bem 
anbern  aber  nidjt  ©onbern  eS  ift  entroeber  gar  nicrjt  ba, 
ober  fo  lange  e§  überhaupt  ba  ift,  auct)  immer  ba  unb  immer 
ftct)  felbft  gleid).  könnte  e§  nun  mit  bem  ©elbftberoufstfein 
ber  sroeiten  (Stufe  eben  fo  roenig  sufammen  fein  als  mit  bem 
ber  britten:  fo  bürfte  e§  entroeber  niemals  seitlich  berbor^ 
treten,  fonbern  bliebe  tu  berfelben  Verborgenheit  in  ber  e£ 
mar,  fo  lange  bie  unterfte  ©rufe  bbrberrfccjte,  ober  e§  müfcte 
nadj  Austreibung  ber  ahmten  allein  bortjanben  fein  unb  §roar 
roecbfelloS  ficb  immer  felbft  gleid).  SestereS  nun  roirb  burd) 
alle  (Srfarjrung  rotberlegt,  nnb  ^eigt  fidt)  aud)  als  unmöglich, 
roenn  nid)t  unfer  VorfteHen  unb  Slrnn  gans  bon  ©elbft* 
berou^tfein  entblößt  fein  foH,  moburd)  ber  gufammenbang 
unferS  2)afeinS  für  unS  felbft  unroiberbringlictj  serftört  roürbe. 
$)ie  gorberung  einer  58erjarrltct)feit  beS  tjöcbften  ©elbftbemufets 
feinS  famt  nur  aufgeteilt  m erben  unter  ber  SSorauSfe^ung, 
ba^  äUöleid)  mit  bemfclben  audj  baS  finnlid)e  (Selbftbenntütfein 
gefegt  fei.  SJcatürltd)  aber  fann  biefeS  3ugleid)gefeatfein  nidjt 
al§  ein  Verfcbmelsen  beiber  Qtbad^t  merben,  tneldjeS  böHig 
gegen  ben  aufgehellten  begriff  bon  beiben  fein  roürbe,  bteU 
merjr  ift  bamit  gemeint  ein  .Sugleicbfein  beiber  in  bemfelben 
Moment,  tueldjeS  allerbingS,  ruenn  baS  %<$  nicrjt  gehalten 
fein  foff,  ein  Sßesogenfein  beiber  aufeinauber  in  ftct)  fdjliefjt. 
üftiemanb  fann  ftdj  aud)  in  einigen  Momenten  auSfcrjtiefjenb 
feiner  S3erf)ältniffe  im  (Begenfaa  unb  in  anbern  hrieberum 
feiner  fcfjledjtljtmgeit  Slbbmtgigtett  an  unb  für  ftdj  unb  im 
allgemeinen  behmfjt  fein,  fonbern  als  ein  im  ($thkt  beS 
(SJegenfaaeS  für  biefen  Moment  fdjort  auf  geroiffe  SBeife  be* 
fttmmter  ift  er  ftct)  feiner  f^Iecfitbintaen  Abbcingigteit  behnrfer. 


Elftes  Äapltel.  3ur  (Siftärung  ber  ©ogmatif.  23 

3)tefe§  SBesogenmerben  be§  ftnnlidj  beftimmten  auf  ba§  bösere 
©elbftbemuMein  in  ber  @irif)eit  be§  äßomente§  ift  bet 
$ßotfenbung§{mnft  be§  <Selbftbemufjtfein§.  2)enn  für  benienigen, 
ber  einmal  bte  grömmigfeit  anerlannt  nnb  al§  $orberung 
in  fein  SDafein  aufgenommen  rjat,  ift  ieber  Moment  eineg 
bio%  finnlic&en  ©elbfibemnfetfein§  ein  mangelhafter  nnb  un~ 
öottfommner  Buftanb.  Slber  and)  menn  ba§  jdjted&tfjinige 
2lbljcingigfett§gefülji  im  allgemeinen  ber  ganje  ^nljalt  eineä 
Momentes  Don  ©eifcftbettmfctfem  märe,  mürbe  bie§  ein  nn* 
ooHfommner  Buftanb  fein;  benn  e§  mürbe  iljm  bte  ^Begren^t« 
r)eit  nnb  ®lar§eit  fehlen,  roeldje  au§  ber  SBesieljung  auf  ixt 
Söeftimmtljeit  be§  ftnnlic&en  (Selbftberoufjtfeütö  entfteft.  Sene 
^ßoHenbung  aber,  ba  fie  bit  Sßeaiebung  beiber  Elemente  auf 
einanber  ift,  läßt  fttf)  autf)  auf  smeifadje  SBeife  befd&reiben. 
$on  unten  herauf  fo.  SSenn  ba$  ftnnlidjie  (Selbftbemufjtfein 
bk  trjterätjnitc^e  Sßermorrenljeit  gan§  auSgeftofjen  Ijat:  fo 
entfaltet  ftdj  eine  pljere  ^id^tung  gegen  ben  ®egenfaa,  unb 
ber  2lu3brucf  biefer  D^idjtung  im  Setbftberoufjtfein  ift  ba3 
f(^Xect)tr)inige  5lbr)ärtgtgfett§gefür)L  ^e  me^r  nun  in  iebem 
Moment  ftnnlid^en  ©elbftbeftmjätfeinS  ba$  (Subject  ftct)  mit 
jeiner  ttjeilmeifen  grettjeit  unb  tljetlmeifen  Slblj  ängigf  eit  §u* 
gleich  fct)lec^t^m  abhängig  fest,  um  befto  frömmer  ift  e§. 
$on  oben  Ijerab  aber  fo.  SDie  eben  befdpebene  Stiftung  al§ 
eine  ber  menfdjjlidjen  (Seele  urtyrüngüdje  unb  mitgeborne 
ftrebt  fdjon  oon  5lnfang  |an  im  ©elbftbemußtfein  burdj* 
subredjen;  fie  oermag  e§  aber  nicrjt,  ifo  lange  ber  (Segenfaj 
nodj  in  ber  tljieräljntidjen  $ermorrenljeit  aufgelöft  ift  £>er* 
na$  aber  tritt  Ifie  Ijeroor,  unb  je  meljr  |fte  nun  in  jeben 
Moment  beftimmten  ftnnlidjen  SelbftbemufctfetnS  einliefst, 
ofjne  einen  Oorbei^ulaffen,  fo  bafj  ber  Sftenfdj,  mie  er  immer  ftdj 
partiell  frei  unb  partiell  abhängig  füljle  gegen  anbere§  enbltdje, 
ftdj  bodj  sugteidj  gletdjmäfjtg  mit  allem,  mogegen  er  ftdtj  fo 
füljit,  audj  fdjledjjttjin  abhängig  füfjlt,  um  befto  frömmer  ift  er. 
4.  S£)a§  ftnnlict)  beftimmte  ©elbfibettmfctfein  jerfäUt  feinet 
üftatur  nadj  unb  öon  felbft  in  eine  Dfeifje  üjrem  ^nfjalt  nadj 
öerfd)iebener  Momente,  roetl  unfere  Str)ättgfett  auf  anbereS 
©ein  eine  settlidtje  ift,  unb  Me  (Sinroirfungen  be§  anbern 
<5ein§  auf  un§  ebenfalls  settiidje  finb.  ®a§  f$led)tljinige 
TOjängigfeit§gefüljI  Zugegen  mürbe,  aI3  an  unb  für  fidj 
immer  ft$  felbft  gleich,  nidjt  eine  IRetrje  öon  eben  fo  unter* 
f^eibbaren  Momenten  Ijeroorrufen;  fonbem  roenn  e§  ftdj 
nidjt  fo  bamit  öerljält,  mie  eben  betrieben  morben,  fo 
lönnte  e§  entmeber  gar  fein  mirfftd)e3  äeiterfüHenbe§  Gemußt» 


24  $)er  ^riftlidje  ©laube.  (Erjter  Ztpil. 

fein  merben,  ober  eS  müfjte  oljne  alle  Söesie^unö  auf  bafr 
in  mannigfaltigem  28e$fel  aufunbabfteigenbe  finnlid&c  (Selbft* 
bemufjtfein  neben  bemfelben  unijon  mittönen.  Sftun  ober  ge* 
ftaltet  ftdj  unfer  frommes  Söemufetfein  toeber  auf  bk  eine 
nod)  bte  anbere  2lrt,  fonbern  fo  mie  eS  ber  gegebenen 
SÖefc&reibung  gemäfj  ift  Üftämltd)  auf  ein  als  SKoment  ge* 
gebeneS  öon  tfjeümetfigem  greiljeitSs  unb  t&eilro eiligem  2lb* 
bängigfeitSgefül)!  als  ben  Moment  mit  conftituirenb  belogen, 
toirb  eS  Jjierburd)  erft  eine  befonbere  fromme  Erregung,  unb 
in  einem  anberen  Moment  auf  ein  anberSraie  gegebenes  be* 
jogen  eine  anbere,  io  jebodj  bafj  baS  Sßefen  nämlidj  ba& 
fd^led)  Einige  SlbljängigreitSgefütjl  in  beiben  unb  fo  burd)  bte 
gange  SReifce  tjinburd)  baffelbe  ift,  unb  bic  58erfc^tebenr)ett 
nur  barauS  entfielt,  bafj  baffelbe  mit  einem  anbern  finnltd) 
befttmmten  @elbftbemufjtfetn  sufammengeljenb  ein  anbrer 
Sftoment  nrirb,  aber  immer  ein  äftoment  ber  Pieren  Motens,, 
roäljrenb  mo  gar  feine  grömmigf  eit  ift  baS  fütnlic&e  ©eibft* 
behmfetfein  auf  bit  ebenfalls  betriebene  Sßeife  auSeinanber* 
öet)t  in  eine  9^etr)e  öon  Momenten  ber  nieberen  $otenj,  in 
ber  $eriobe  ber  t&ierätmlidjen  Sßermorrenfcett  hingegen  eine 
beftimmte  ©Reibung  unb  ©ntgegenfesung  bon  Momenten  für 
ba§  ©ubject  felbft  nic&t  ftattfinbet  —  2luf  biefelbe  SBetfe 
behält  eS  fid)  au<$  mit  bem  anbern  Steile  unfereS  (SaseS. 
£)aS  ftnnlid)e  ©elbftbemufstfein  nämlich  aerfättt  feiner  Sftatur 
nadj  unb  für  ftd)  felbft  audj  in  ben  ®egenfaa  beS  angenehmen 
«nb  unangenehmen  ober  ber  ßuft  unb  Unluft  $li$t  etroa 
als  ob  baS  t^eilroeifige  greibeitSgefüljl  immer  bit  2uft  märe 
nnb  baS  t&eiltoeiftge  SlbljängigfeitSgefüljl  Me  Unluft,  mie 
biejenigen  oorauSsufesen  fdjeinen,  meldte  fälfdjlidj  meinen, 
baS  fd)led)tljinige  9lb§ängigfeitSgefüJjl  fei  feiner  Sftatur  nad) 
nieberf<$lag,enb.  SDenn  baS  ®inb  famt  ficfc  botffommen  mofcl 
befinben  im  SBehmfjtfein  ber  5lbljängigfeit  bon  feinen  (Eltern, 
unb  fo  audj,  ©ott  fei  S)anf,  ber  Untertan  in  feinem  2Ser* 
Ijältnife  jur  Obrigfeit,  unb  fo  audj  5lnbere  ia  eben  audj 
(Sltern  unb  Dbrigfeiten  übel  im  Söetuufjtfein  üjrer  greiljeit; 
fo  ba%  alfo  jebeS  oon  beiben  foftol  £uft  fein  fann  als  Unlufi 
je  nadjbem  baburd)  baS  ßeben  geförbert  rotrb  ober  gehemmt. 
$)a8  Ijöfjere  ©elbftbetou^tfein  hingegen  trögt  einen  folgen 
(SJegenfa*  nidjt  in  fi<$.  S)aS  erfte  &ett?ortreten  beffelben  ift 
atterbingS  ©rpbang  beS  SebenS,  menn  ftd)  bem  ©elbft* 
bemufetfein  eine  SSergletdiung  barbietet  mit  einem  guftanbe 
beS  ifolirten  ftnnlic^en  (SelbftbemufjtfeinS.  Renten  totr  ei 
aber  in   feinem  ftd)  felbft  gleich  fein  o&ne  SBejieljnng  «f 


Elfter  fiojritel.  3u*  Srflärung  ber  Sogmaiü.  25- 

jene§ :  fo  ermirft  e§  audj  nur  eine  unoeränberlicrje  ©Iet^eit 
be§  2eben§,  tüelctje  ieben  folgen  ©egenfas  ausliefet.  SMefeS 
nun  benfen  mir  un§  unter  beut  5lu§brulf  ber  ©eligfeit  be§ 
(gnbtic&en  al§>  ben  r)ö<$ften  <35ipfel  feiner  $oltfommenbeit; 
nrie  mir  aber  unfer  fromme^  Sßemufjtfein  irtrfltctj  ftnben, 
ift  e§  nicf)t  ein  foldje§,  fonbern  e§  unterliegt  einem  SSectjfel, 
inbem  einige  fromme  Erregungen  ftd)  merjr  ber  greube 
nähern  anbere  meljr  bem  @d)mers.  tiefer  (55egenfaj  alfo 
besteht  ftdj  auf  ntdjtS  anbereg,  al§  mie  ftcr)  beibe  (Stufen 
be§  <5elbftberoufjtfein§  ju  einanber  behalten  in  ber  (£inljeit 
be§  Momentes.  ®eine§mege§  alfo  als  ob  ba§  fdjon  in  bem 
ftnnlidjen  ®efülji  gefegte  angenehme  unb  unangenehme  nun 
aud)  bem  fc^ledgtrjtnigen  5lbf)ängig!eit§gefü^l  benfelbenCHjaraftet 
mittfjeile.  SSielmeljr  seigt  fi<$  oft  mit  einanber  oerbunben 
in  einem  unb  bemjelben  Moment,  jum  beutlidjen  Beiden  ba$ 
nictjt  beibe  ©rufen  in  einanber  oerfcfjmoläen  ober  burdj  ein- 
anber neutralifirt  unb  gu  einem  brüten  gemorben  finb,  ein 
(Sctjmerä  be§  niebrigenunb  eine  greubigfeit  be§  p^em  (Selbft* 
bemufjtfeinS,  roie  5.^8.  überall,  roo  mit  einem  2eiben§gefür)l 
oerbunben  ift  ba$  Vertrauen  auf  ®ott.  (Sonbern  biefer  ©egen* 
faj  Saftet  bem  Ijöljern  (Selbfibemufjtfetn  an  oermöge  feiner 
5lrt  settltd)  §u  toerben  unb  §ur  @rf Meinung  su  fommen,  inbem 
e§  nämli<$  in  Söeaug  auf  btö  anbere  ein  Moment  mirb. 
ÜRämlxdj  nrie  ba$  &eroortreten  überhaupt  biefe§  Ijöljeren 
(SelbftbemufjtfeinS  2eben§err)ör)ung  ift:  fo  ift  ba§  iebeSmalige 
leiste  föerOortreten  beffelben  um  auf  ein  beftimmteS  finnlid)e§, 
biefe§  fei  nun  angenehm  ober  unangenehm,  belogen  au  werben, 
ein  leichter  Verlauf  iene§  Pieren  £eben§,  unb  trägt,  roenn 
e§  burd)  ($5egeneinanberrjaltung  ju  SBaljrnefjmung  fommt,  ba& 
(Gepräge  ber  greube.  Unb  hrie  baä  $er[d)ttrinben  be§  Pieren 
$Bemufttfeüt§,  menn  e§  marjrgenommen  roerben  tonnte,  Seben§« 
oerringerungmäre:  fo  iftba§  f^mierige  £>eroortreten  beffelben 
Slnnärjerung  an  ba§  5lu§bleiben,  unb  fann  nur  al§  &emmuna 
beg  Ijöljern  £eben§  gefüllt  merben.  —  SBenn  nun  biefer 
Sßec&fel  unläugbar  ben  (55efül)l§QerjaIt  eine§  ieben  frommen 
ßebeng  bilbet,  meSfjalb  e§  gang  überflüffig  festen,  biefe  gormeln 
erft  burd)  Söeifm'ele  anfdjaulicl  m  madjen :  fo  fann  sunädfö 
notf)  gefragt  merben,  nrie  fid)  Meier  gemöfjnltc&e  Verlauf  oet* 
Ijalte  ju  bem,  ma§  oortjer  freüidj  nur  problematifdj  al£  bic 
pd)fte  (Steigerung  beffelben  bargefteüt  mürbe.  2)enfen  mir 
un§  nun  fortmätjrenb  ben  einzelnen  frommen  Erregungen  bit 
entgegengefeaten  (£r)araftere  ftarf  aufgebrüfft,  fo  ba$  ^eibe 
abmed^felnb  b\%  zux  SBegeifterung  fteigen:  fo  giebt  bie§  tem 


26  2)er  c^riftlicfje  GHaube.  (Srfter  Xfjeil. 


frommen  Seben  eine  Unftätigfeit,  meiere  mir  nidjt  für  ba% 
iQüd)fte  achten  tonnen.  2)enfen  mir  itn§  aber  bie  ©ctjroiertgs 
feiten  attmäljtig  öerfdjrainben,  mithin  bte  Seic&tigfeit  frommer 
Erregungen  al§  beharrlichen  Buftanb,  unb  äugleicrj  ba$  all* 
ntät)lig  bie  pfjere  ©tufe  be§  ©efür)I§  ein  Uebergenric&t  über 
bie  niebere  erlangt,  fo  bafj  im  unmittelbaren  (Selbftberoufctfein 
biefeS,  bafe  bie  ftnnlic^e  Söefttmmtljeit  Sßerantaffung  hrirb  jur 
äeitlidjen  Erfcrjeütung  be§  fd)lect)tt)intgen  2lbt)cmgigfeit§gefüt)l3, 
ftärfer  Ijerbortritt  al§  ber  ©egenfas  innerhalb  be§  ftnnlidjen 
felbft,  unb  batjer  biefer  meljr  in  bie  blofce  Sßatjmebmuna 
übergebt:  fo  ift  biefeS  faft  roieber  Sßerfc&rainben  iene§  ®egen* 
fase§  au§  ber  Pieren  £eben§ftufe  otmfttettig  äugleid)  ber 
ftärffte  (55efür)l§Qer)aIt  berfelben. 

5.  5lu§  bem  Obigen  folgt  nun  äugletcfc,  ba%  unb  in  meinem 
©inne  eine  ununterbrochene  golge  frommer  Erregungen  al§ 
gorberung  aufgefteltt  roerben  fann,  nrie  ia  aud)  bie  (Sdjrift 
fte  roirflid)  auffteUt,  unb  jebe§  Seibtragen  eine§  frommen 
<$emütlje3  über  einen  bon  ®otte§berouf3tfetn  ganj  leeren  klugen* 
bliff  fte  beftätigt,  inbem  ia  Sftiemanb  Seib  barüber  trägt,  ba% 
ba$  für  unmöglich  erfannte  nidjt  ift.  greüxet)  berfteljt  ftc& 
babet  bon  felbft,  bafj  btö  fcf)Ied)tt)tmge  2lbf)ängigfeit§gefübt  in 
feiner  SBerbinbung  mit  einem  ftnntic&  beftimmten  ©elbftbemufet* 
fein,  alfo  al§  Erregung,  ftd)  auet)  ber  ©tärle  nact)  bifferentitren 
mui  ^a  e§  mirb  natürlich  Momente  geben,  in  tneldjen  man 
ftd)  beffelben  nidjt  unmittelbar  auf  beftimmte  äöeife  bemüht 
ttrirb,  aber  bonbenen  fiel)  bo$  mittelbar  nac^meifen  läfet,  ba% 
e§  nietjt  fei  erftorben  gemefen,  roenn  nämlidj  auf  einen  folgen 
ein  anberer  folgt,  in  roelcbem  baffelbe  ftarf  Ijerbortritt,  obne 
bafj  er  al§  bon  berfc^iebener  3lrt  mie  ber  borige,  alg  eine 
beftimmte  3lbtrennung  bon  bemfelben,  fonbern  nur  als  ruhige 
Slnrmipfung  unb  gortfeäung  eine§  im  mefentlidjen  no<$  fidj 
gleiten  BuftanbeS  envpfunben  nrirb,  mel<$e3  Ifid)  ganj 
anber§  behält,  menn  ein  folcfjer  borangegangen  ift,  auÄ 
toeldjem  iene§  ®efül)l  beftimmt  au§gef#loffen  mar.  Unb 
fo  finb  freiließ  audj  bie  berfdjiebenen  ©eftaltungen  beS 
ftnnlic&en  «SelbflbemufetfeinS  in  ben  mannigfaltigften 
9Jcifcf)ungen  bon  greibeit§gefüfjl  unb  SlbljängigfeitSgefüljl 
barin  ungleid),  mie  fte  ba$  Einzutreten  be§  Ijöljeren  <Selbft* 
beraufjtfetnS  metjr  ober  roeniger  Ijerborloften  ober  begün* 
ftigen;  unb  bei  folcr)en  bie  e§  meniger  tfjun,  ift  bann  au<$ 
ein  fd)mäct)ere§  £>erbortreten  be§  böseren  nidjt  al§  Hemmung 
be§  Ijötjeren  ßeben§  au  emüfmben.  2lber  unberträglidj  ift  feine 
33eftimmtt)ett  be§  unmittelbaren  ftnnlidjen  (SelbftberoufjtfetnÄ 


(SrfteS  ßajntei.  $ur  (grttärrotg  bcr  ®ogmattt.  27 

mit  bem  böljeren,  fo  ba%  bon  fetner  (Seite  eine  Sftotbmenbig* 
feit  eintritt,  bafj  eine§  bon  beiben  irgenbmann  muffe  unter* 
brocken  merben,  aufgenommen  menn  beibe  fidj  hinter  ber  über* 
$anbne§menben]$ermorrerifj)eü  be§  SenmMein§  prüf  f  sieben. 
Bufas.  SSenn  nun  ba$  unmittelbare  innere  5üt§ft>red)en 
be§  fdjled)tfjinigen  $6:(jcmgigfett§QefiiIjl§  ba§  (SotteSbehmfjtfeui 
ift,  unb  iene§  (Uefürjl  iebe§mal  menn  e§  gu  einer  gegriffen 
Slar^ett  gelangt  bon  einem  folgen  SfoSforedjen  begleitet  mirb, 
bann  aber  e§  immer  mit  einem  ftnnlidjen  ©elbftbemu^t[ein 
nerbunben  unb  auf  baffelbe  belogen  ift:  fo  mirb  audj  ba$  auf 
biefem  Sßege  entftanbene  ©otte§bemu^tfein  in  allen  feinen 
bejonberen  ®eftaltungen  foldje  SBeftimmungen  an  ftdj  tragen, 
reelle  bem  (bebtet  be§  ©egenfase§  angehören  in  meinem 
bag  ftnnlidje  ©elbftbenmfjtfein  ftdj  betoegt;  unb  Me§  ift  bie 
Duelle  atte§  menfct)enäljnlicl)en,  roeld)e§  in  ben  5Iu§fagen  über 
<gott  auf  Metern  Gebiet  unbermeiblicf)  ift,  unb  raeld>e§  einen 
fo  großen  2lngelbunft  bilbet  in  bem  immer  ttrieb erfeljrenben 
(Streit  smitäjen  benen  raelc&e  jene  ®runbborau§feäung  aner= 
rennen,  unb  benen,  roeldje  fte  läugnen.  SDenn  bieienigen, 
toeldje  ftdj  anbermärt§  t)er  eine§  ursprünglichen  Begriffs  bom 
§öd)ften  sJSefen  erfreuen,  bon  ber  grömmigfeit  aber  feine (£r* 
faljrung  Reiben,  motten  nidjt  auffommen  laffen,  ba%  ba$  2Iu§* 
ft>red)en  jene§  ®efübl§  baffelbige  al§  barin  mirffame  fe§e,  roa§ 
iljr  urfprünglidjer  Segriff  au§fagt:  unb  beljauötenb,  ber  ®ott 
be§  <^efürjl§  fei  nur  eine  gietton,  ein  ^bol,  fönnen  fie  biel* 
leicht  gar  §u  oerfteben  geben,  eine  folcr)e  SDidjtung  fei  nodj 
faltbarer  unter  ber  ®eftalt  ber  Vielgötterei.  Unb  biejenigen, 
toeld>e  roeber  einen  Segriff  üon  ©ott  nodj  ein  tlm  rebräfen* 
tirenbe§  ©efütjl  jugefteben  motten,  Rängen  ftet)  baran,  roie 
bie  au§  folgen  Auflagen  morin  ©ott  menfd)lidj  erlernt,  p* 
fammengefe§te  Sorftettung  ftcr)  felbft  aufgebt.  Sßäbrenb  be§ 
ftnb  bie  grommen  ftdj  beraufjt,  baf$  fie  nur  im  ©brechen  ba§ 
menidienätjnlidje  nid)t  oermeiben  tonnen,  in  iljrem  unmittel* 
baren  Senmfjtfein  aber  ben  ©egenftanb  bon  ber  £)arftettung§* 
lueife  gefonbert  feftbalten,  unb  bemühen  ftcrj  ttjren  Gegnern 
au  seigen,  bafj  of)ne  bkW  Sottftänbigfeit  be§  ®efüljl§  audj 
für  bie  pdjfte  (Stcirfe  be3  gegenftänblidjen  Senm^tfein§  unb 
be§  au§ftd)ljerau§geljenben  £anbeln§  feine  @id)erljeit  bor* 
Rauben  fei,  unb  bafj  fte  folgered)termeife  ftet)  gang  auf  bit 
niebere  2eben§ftufe  bekrönten  müßten. 

§.  6.    2)a3  fromme  ©elbftbetoufetfem  nrirb  tote  jebe<3 
toefentlidie  ©lement  ber  menfd)Ud)ett  9?atur  in  feiner  <$nU 


28  $er  c^riftlictje  glaube.  «Jrfter  Sficil. 

irulflung  Ttotr)rt>ettbtg  aud)  ©emeinfcbaft,  unt>  ^mar  einer*» 
fett»  ungletdmtäfcige  fltefjenbe  attbrcrfcitS  beftimmt  be* 
grenjte  b.  b-  $ird)e. 

1.  SBenn  baZ  fd)lecbtbiutge  5lbbängigfeit§gefübl,  tüte  e§  jtdj 
al§  (SJottcSbemufjtfein  au§farid)t,  bie  böcbfte  «Stufe  be§  un^ 
mittelbaren  <Selbftbetrmfjtfein§  tft:  fo  tft  e§  aucb  ein  ber 
menfcbticben  9catur  toefentitcbe§  ©lernen:.  £>iegegen  tanrt 
nid^t  argumentirt  merben  barau§,  ba$  e§  für  jebett  einzelnen 
Slcenfcben  eine  Bett  giebt,  morimt  baffelbe  nocb  nid)t  tft. 
$)enn  bie§  tft  aucb  bit  Seit  ber  tfnbollftänbigt'eit  be§  2ebcn§, 
ttrie  ftcb  tbeilS  au§  ber  noct)  niebt  übertüimbenen  tbieräbn* 
liefert  SSennorrenbeit  be§  SöenmfjtfeinS  tbeil§  au§>  ber  gtetcb* 
jeittg  aucb  erft  aHtnäblig  bor  ftcb  gefjenben  (ästtmifftung  an* 
berer  £eben§functtonen  ju  erfennen  giebt.  $ludj  niebt  barau§, 
bafj  e§  nocb  immer  ©efellfcbaften  bon  Sftcenfdjen  giebt,  in 
tr> e leb en  btefe§  (Sefübl  nocb  nierjt  ermadjt  ift,  beim  biefe  fteffere 
nur  eben  fo  im  großen  ben  imentibtffelten3uftanb  ber  menfeb* 
lieben  9catur  bar,  ber  ftcb  ift  aud)  in  anbern  £ebeit§functionen 
bei  tfmen  entbefft.  ©ben  fo  menig  folgt  bit  3ufätttgfeit  biefe§ 
®efui)l§  barauS,,  bafc  ©interne  aucb  in  bit  sMittt  eineB  ent- 
mitreiten  rcltgiöfen  2eben§  gefteüt  an  btefem  feinen  £()äl 
nebtuen;  beim  fte  merben  bod)  beseligen  muffen,  bis.  ©arije 
felbft  fei  tbuen  niebt  fo  fremb,  bafj  fie  ittctjt  in  einselnen  %Ro* 
menten  oon  einem  foldjen  ©efüfil  ergriffen  mären,  mögen  fte 
es?  bann  aud>  mit  irgenb  einem  fte  felbft  ntcrjt  eljrenbeii  tarnen 
beseiebnen.  ©onbern  nur  mentt  jemanb  ltacbmetfcn  fümtte, 
entmeber  ba%  biefe§  (Sefübl  ntctjt  einen  böberen  SBertb  fyahe 
al3  ba$  ftnnltcbe,  ober  bah  e§  aufjer  itjm  nocb  ein  anbereä 
bon  gleichem  Söertt)  gebe,  formte  man  befugt  fein  e§  nur  für 
eine  zufällige  $orm  ^u  batten,  bk  ftcb  ätoar  bielleicbt  ju  allen 
.Seiten  bei  (Innigen  ftnben  merbe,  aber  boeb  niebt  jur  SSoff= 
ftänbtgt'ett  ber  menfebtteben  Sftntur  in  Tillen  ju  reebnen  fei. 

2.  ^afc  ]tbz%  mefcutlicbe  (Clement  ber  menfcblicben  Statur 
oueb  ©aftS  einer  ®emeinfebaft  tnerbe,  läfjt  ftcb  nur  im  3u- 
fammenbang  einer  miffenfrbaftlicben  ©ittenlebre  boEfommen 
entmiffeln.  £>ter  tonnen  mir  nur  eine§tf)eü§  auf  bie  loefeiits 
Itcben  Momente  biefe§  £>ergange§  binmetfen,  anberntbetl§ 
jeb-em  äuntutfjcn  ifm  at§  eine  £batiacbe  ansuerfennen.  ®e= 
forbert  nun  mirb  biefc§  bureb  oa§  jebem  SDcenfcben  ettimob- 
nenbc  ®attung§bemuf$tfein,  melcbe§  feine  ^öefriebigung  nur 
ftnbet  in  bem  heraustreten  au§  ben  «Scbranfen  ber  eigenen 
^crfönltcbfeit  unb  in  bem  ?(ufnebmen  ber  5Tt)atfacben  anberer 


Gv"teä  Äapttel.  3"*  Srflärung  5er  £>ogmatif.  29 

Ißerföntic&feiten  in  bie  eigene.  (Seleiftet  tüixb  e§  baburd),  bafc 
atteg  innere  audj  auf  irgenb  einem  Sßunft  ber  (Starte  ober 
Steife  ein  2leußere§  wirb,  nnb  als  fol$e§  2lnbem  matjrnetjms 
bar.  (So  ba§  ®efü§t  als  ein  in  ft<$  abgesoffene^  Söeftimmt* 
fein  be§  (Sfemütljg  roül  bodj,  fo  roie  e§  auf  ber  anbern  (Seite 
in  (SJebanfen  ober  £tjat  übergebt,  roobon  aber  Ijier  nidjt  bic 
Sftebe  ift,  fo  aucf)  al§  (Sefüljl  unb  lebigtidj  bermöge  be§ 
©attung§bemufjt)ein§  ntdjt  auSfc^Iiefeltc^  für  fidj  fein,  fonbern 
toirb  urfprünglicl)  unb  audj  otjne  beftimntte  Slbfic^t  unb  9Se* 
sieljung  ein  3leu|ere§  burd)  (35eft<$t§au3bruff  ®ebeljrbe  £on, 
unb  mittelbar  burdj  ba3  2ö.ort,  unb  fo  Slnbera  eine  Dffen* 
barung  be§  inneren.  SDiefe  bloße  Sleußerung  be§  ©efüljlg, 
meiere  ganj  an  ber  innertic&en  SSeroegtljeit  haftet,  unb  fidj 
fetjr  beftimmt  untertreiben  läßt  oon  iebem  anberroeitigen  me&r 
fidj  loSreißenben  £ljun,  raorin  e§  ebenfalls  übergebt,  erregt 
ätoar  in  Sinbern  sunädjft  nur  bte  SßorfteEung  oon  bem  ®e* 
mütfjSäuftanbe  be§  3leußernben;  allein  biefe  geljt  oermöge  be£ 
<$attung§benmßtfein§  über  in  lebenbige  üftadjbiibung,  unb  ie* 
meljr  ber  Sßaljrnelmtenbe  tfjeilS  im  allgemeinen  tljeilS  megen 
größerer  Sebenbigfeit  ber  5leußerung  unb  roegen  näherer  $er* 
toanbtfdjaft  fällig  ift  in  benfelben  3uftanb  übersugeijn,  um 
befto  letzter  roirb  biefer  mittelft  ber  Sftadjbilbung  Ijeroor* 
gebraut.  2)iefer  ganzen  Seitung  muß  fidj  Seber  öon  beiben 
(Seiten  5 er  als  2leußernber  unb  at§  SSemeljmenber  au§  (£r* 
faljrung  bemußt  [ein,  unb  alfo  gugeben  baß  er  fidj  unter  3u* 
ftimmung  fetne§  ®emtffen§  in  einer  mannigfaltigen  Gemein* 
fdjaft  be§  ®efüfjl§  al§  einem  naturgemäßen  3'uftanbe  immer 
befinbet,  mithin  audj  ba%  er  folebe  ©emeinf^aft  mit  mürbe 
geftiftet  Ijaben,  roenn  fie  nod)  ntdjt  ba  geroefen  märe.—  2Sa3 
aber  ba$  f^lectjtrjtnige  3lbf)ängigfeit§gefüfjl  tnfonberljeit  betrifft, 
fo  roirb  ^eber  roiffen,  baß  e§  auf  bemfelben  Söege  burd)  bit 
mittfjeitenbe  unb  erregenbe  ®raft  ber  Sleußerung  juerft  in  tljm 
ift  gemefft  roorben. 

3.  Sßenn  behauptet  roirb,  biefe  ®emeinfdjaft  fei'  gunädtft 
eine  ungleichmäßige  unb  ftießenbe:  fo  folgt  bitä  au3  btm  eben 
gefagten.  S)enn  roie  bte  ©inselnen  überhaupt  einanber  un* 
gleichmäßig  äljnlid)  ftnb,  forool  roa§  bie  (Starte  i§rer  frommen 
Erregungen  betrifft,  al§  audj  in  Söestetjung  auf  bie  Sfteflion 
be§  finnlidjen  (SelbftberoußtfetnS,  mit  roeldjer  ftd6  am  letdj* 
teften  baZ  ®otte0bemußtfein  eine§  ^eben  einigt:  fo  ^aben  aud^ 
eine§  S^en  fromme  Erregungen  me^r  Sßermanbtfc^aft  mit 
benen  ber  ©inen  al§  mit  benen  ber  5lnbem,  unb  bit  ©emein* 
Ic^aft  be§  frommen  (SefüfjlS  ger)t  i^m  alfo  leichter  öon  ftatten 


30  ©er  <$riftli*e  ©Iaube.  ©rfter  Sfieil. 


mit  fetten  at§  mit  liefen,  Sft  nun  ber  Urtterfc^teb  groß,  fa 
finbet  er  ftd)  angesogen  bon  ben  (guten  nnb  abgeflogen  bon 
ben  Slnbem:  festeres  jebod)  nicfjt  urfbrünglidj  ober  abfahrt, 
fo  ba%  er  burdjauS  feine  (Semehtidjaft  be§  Ö5efüt)I§  mit  ibnen 
eingeben  fönnte,  fonbern  nur  fofern  er  ftär!er  angesogen  mirb 
ju  anbern,  alfo  fo,  bafj  er  and)  mit  ibnen  mirb  ®emeinfdjaft 
baben  fönnen  in  Ermangelung  $ener  ober  unter  befonber§ 
annäbernben  llmftänben.  3)enn  e§  !ann  nidjt  leidet  einen 
9[tfenfd)en  geben,  in  meldjem  ein  Ruberer  gar  feinen  frommen 
®emütb§äuftanb  al§  in  einem  gegriffen  ®rabe  ben  feinigen 
gleich  anerfennen,  nnb  melden  Einer  burd)  fiel)  ober  ftd)  burd> 
ilm  für  ganj  unerregbar  erfennen  fottte.  Mental  aber  je 
ftätiger  bie  (Sememfdjaft  fein,  b.  b.  je  näber  ftdj  bie  pleid)* 
erregten  Momente  an  einanber  reiben  nnb  je  leidrter  bie  Er* 
regung  ftd)  fortpflanzen  fall,  um  befto  Söeniger  roerben  baran 
St^etl  nehmen  fönnen.  S3eibe  äufeerften  fünfte,  ben  ber  innige 
ften  ®emeinfc£)aft  unb  ben  ber  fdjraäcbften,  fönnen  mir  un§ 
beliebig  roeit  au§einanber  geljenb  benfen,  fo  ba%  ber  melier 
bie  roenigften  unb  fdjroädjften  frommen  Erregungen  erfährt,  in 
ber  genaueften  ©emeinfdjaft  nur  fielen  fann  mit  benen,  bie 
eben  fo  roenig  erregbar  ftnb,  \>it  5leufjerungen  berer  aber 
ni$t  im  ©tanbe  ift  nadjsubilben,  melden  fromme  Erregungen 
in  einer  foldjen  5lrt  bon  Momenten  entfteben,  mober  fte  ibm 
felbft  niemals  fommen.  21ebnlic§e§  Sßerbältnifj  frnbet''  ^tatt 
ämifdjen  bem,  beffen  grömmigfett  reiner  ift,  inbem  er  nämlidj 
ben  frommen  (S5efjalt  be§  (3elbftberoufjtfein§  bon  bem  ftnn* 
lidjen,  auf  ben  er  belogen  mirb,  in  jebem  Moment  beftimmt 
unterfdjeibet,  unb  bem  beffen  grömmigfeit  unreiner,  b.  b.  mit 
bem  ftnnlidjen  nodj  meljr  bermorren  ift.  £)en  2lbftanb  aber 
änrifdjen  biefen  Enbpunften  benfen  mir  nun  audj  burd)  beliebig 
biete  3roifd)enftufen  für  jeben  auggefüllt,  unb  biefeS  eben  ift 
ba$  fliefjenbe  ber  (SJemeinfcbaft. 

4.  @o  erfdjeint  un§  ber  2lu§taufdj  be§  frommen  ©elbft* 
bemufjtfeinS,  menn  toir  an  baä  SBetfjältmfj  berein^elter  99ta« 
fetyen  ju  einanber  benfen.  ©eben  mir  aber  auf  ben  mirHidjen 
3uftanb  ber  9ftenfdjen,  fo  ergeben  ftdj  bodj  an<$  feftftebenbe 
Serbältniffe  in  biefer  ftiefeenben  unb  eben  be§balb  ftreng  ge* 
nommen  unbegrenzten  ($5emeinfd)aft.  3nerft  nämlidj,  fobalb 
bie  menfc&lidje  Entmifflung  big  ju  einem  audj  nur  einiger* 
mafcen  geregelten  £au§ftanb  gebieben  ift,  mirb  audj  jebe 
gamüie  in  ibrem  Innern  eine  foldie  ®emeinfd)aft  be§  frommen 
©elbftbemufjtfeinä  auf  richten,  bie  aber  eine  nadj  aufeen  bin 
beftimmt  begrenzte  ift,  inbem  bie  gamilienglieber  tfjeilS  burd) 


GtfteS  Stopttel.  3ui  Gifiämng  bei  fcogmattt.  31 

eine  bestimmte  3ufammengel)örtgfeit  un^  $ermanbtid5aft  auf 
eine  eigentümlich  e  SSeife  öerbunben  finb,  tfceüS  aud)  bur# 
bie  ®leidjljeit  ber  Sßeranlaffungen,  an  meldje  fiä)  bic  religiösen 
Erregungen  fnüpfen,  fo  bafe  grembe  nur  einen  anfälligen  unb 
'  oorübergefcenben,  aifo  auö)  einen  feljr  ungleichen  SDjetl  baran 
Ijaben  fönnen.  —  9ton  aber  finben  nur  aud)  bk  gamilien 
ntdjt  öereinselt,  fonbern  Sttaffenmeife  aud)  in  beftimmt  be* 
grenzten  Sßerbinbungen  fteljenb  bur<$  gememfame  (Sprache 
unb  (Sitten,  nnffenb  ober  aljnbenb  eine  nähere  gemeinfame 
£erhmft.  Unb  fo  fdjliefjt  ft<$  benn  and)  bie  religiöfe  Gemein* 
fc^aft  ab  unter  xljnen  tl)eil3  unter  ber  gorm  ber  oorfjerrfdjenben 
^51eict)r)eit  ber  einzelnen  gamilien  felbft,  t§eil§  fo  ba£  eine 
oorsüglidj  für  fromme  Erregungen  gemettte  al§  bie  über* 
miegenb  felbfttfjätige  oorljerrfdit,  unb  bk  übrigen  ü)r  al§ 
gletdjfam  faft  Unmünbige  nur  iljre  (gmpfänglictjfeit  barbieten, 
mie  bkä  im  @>ehkt  eine§  ieben  erblichen  $riefiertl)ume§  ber 
gatt  ift  $ebe  [oldje  relatio  abgefdjloffene  fromme  Gemein* 
jdjaft,  meiere  einen  innerhalb  beftimmter  ®rensen  ftet)  immer 
erneuernben  Umlauf  be£  frommen  (SelbftbemuMeinS  unb  eine 
innerhalb  berfelben  georbnete  unb  geglieberte  gortpffanjung 
ber  frommen  Erregungen  btlbet,  fo  bafj  irgenbnrie  §u  be* 
ftimmter  3lner!ennung  gebraut  werben  fann,  roeldjer  Einzelne 
ba§u  gehört  unb  melier  ni$t,  be§eidjnen  mir  buret)  ben 
StuSbrufl  ßir*c 

S ufa§.  £>ier  mirb  ber  befte  Ort  fein,  un§  über  bk  Wct, 
mie ber  2lu§bruft  Religion  in oerfd)iebenem  (Sinne  gebraucht 
äu  merben  pflegt,  au§  unferm  ©tanbpunft  ju  berftänbigen, 
miemol  mir  felbft  un§  beffelben  big  auf  einen  flüchtigen  nur 
ber  Slbmedjfelung  bienenben  (Sebraudj  möglidrft  enthalten. 
3unäd)ft  alfo  mennmanOon  einer  beftimmten  fReligion 
rebet,  gefdu'eljt  bie§  immer  in  SBesieljung  auf  eine  beftimmte 
^iretje,  unb  man  berfteljt  barunter  im  allgemeinen  ba§  <&an%t 
ber  einer  folgen  (Stemeinfdjaft  §um  ©runbe  liegenben  unb 
in  tijren  ÜDcitgtiebem  anerfanntermaften  ibentifdjen  frommen 
@emüt^§suftänbe  feinem  befonberen  ^nljalte  nadj,  mie  et 
oermittelft  ber  Söeftnnung  über  bk  frommen  Erregungen  unb 
ber  Reflexion  barauf  bargelegt  roerben  fann;  momit  nun  au* 
fammenpngt,  bafj  bk  einen  oerfdu'ebenen  ®rab  julaffenbe 
Erregbarfeit  be§  Einzelnen  bur<$  jene  ®emeinfc&aft  unb  au<$ 
feine  SSMrfiamfeit  auf  bk  ($5emein[d)aft,  alfo  ber  5ln$eil  ben 
er  an  bem  Umlauf  unb  ber  gortpflanaung  ber  frommen  Er« 
regungen  Ijat,  burdj  ben  2lu§bruÜ  Religio fität  besetdjnet 
wirb.    SSitt  man  nun  aber  eben  fo  hrie  man  dmftltdje  unb 


32  $)er  cfirtftttdje  ®Iau6e.  (Srfter  X$etl. 

nutfjamebanffdje  Religion  lagt  au$  natürliche  Religion 
fagen:  fo  b  erlöst  man  jene  Regel  nrieber,  unb  oerrotrrt  ben 
(Spradjgebraud),  tuet!  e§  feine  natürliche  SHrdje  gtebt,  nnb 
alfo  aud)  feinen  bestimmten  Umfang,  in  bem  man  bk  Elemente 
ber  natürlichen  Religion  auffudjjen  fönnte.  SÖebient  man  fidj 
be§  2Iu§bmff§  Religion  f<$ledjtfjin:  fo  fann  er  nidjt 
roteber  ein  foId)e§  ®anae§  bebenten;  fonbera  e§  fannbamnter 
nt$t  fügltdj  tttütö  anbere§  berftanben  roerben  als  bte  Richtung 
be§  menfct)Iidt)en  ®emütlje§  übertäubt  auf  bk  iperborbringung 
frommer  Erregungen,  iebod)  immer  fdjon  mit  ifjrem  5leufj  erlief 
m erben  unb  alfo  bem  Slnftr  eben  ber  ($5ememfdjaft  aufammen* 
gebadjt,  ba$  Reifet  bk  9ft  öglidtf  eit  einzelner  Religionen,  aber 
oljne  babd  ben  ltnterfdjieb  awifdjen  fltefjenber  unb  begrenzter 
(SJemeinfdjaft  §u  beachten;  iene  Stiftung  allein,  alfo  bte 
fromme  Erregbarfett  ber  einzelnen  «Seele  überhaupt,  märe 
bann  bte  Religiofttät  fc£)Ied)tr)in.  (Selten  aber  werben  biefe 
5lu§brüffe  im  ®ebraud)  geprig  gefdn'eben.  —  (Sofern  nun 
bk  S8efctjaffertr)eit  ber  frommen  ® emüt5§auf täube  be§  Eütaelnen 
ntc^t  gana  in  bem  aufgebt,  ma§  al§  gleidjimäfjig  tu  ber  ®e* 
nteinfdjaft  anerfannt  roorben  ift,  pflegt  man  iene§  rein  perfönltdje 
feinem  Sftttjalt  na$  betrachtet  bie  fubjectibe  Religion 
ju  nennen,  ba$  gemeinfame  aber  bie  objectibe.  2)od) i  ift 
aucf)  biefer  (Sprac&gebraud)  pdjft  unbequem,  fobalb  roie  je&t 
unter  un§  ber  Sali  ift,  eine  grofee  ®irdje  in  mehrere  fleinerc 
®trä)engemeinf haften  verfällt  oljne  boctj  irjre  Einheit  gänalict) 
aufaugeben.  $)enn  ba&  eigentümlich) e  ber  fleineren  märe 
bann  aud)  fubjecttbe  Religion  in  $ergleidj  mit  bem  in  ber 
großen  ®irc&e  al§  gemeinfam  anerfannten,  roäjjrenb  fie  bodj 
objectib  märe  im  Sßergletd)  mit  bem  ergenttjümlidjen  in  ibren 
einzelnen  ©liebern.  Enblid)  nrie  atterbing§  in  ben  frommen 
Erregungen  felbft  roenngleidj  genau  aufammengeljörig  bodj 
unterfd)ieben  werben  fann  bie  innere  Söefttmmtfjeit  be§  ©elbft* 
bemufjtfeütS  unb  bk  SleufjemngSmeife  beffelben:  fo  pflegt 
man  bie  ©lieberung  ber  mittljeilenben  Steuerungen  ber 
grömmigfeit  in  einer  ©emeinfdjaft  bie  äußere  Religion 
äu  nennen,  ben  ©efammtinljalt  aber  ber  frommen  Erregungen, 
mie  fte  in  ben  Einaelnen  rütrfüd)  borfommen,  nennt  man 
bann  bie  innere  Religion.  —  SBenn  nun  biefe  Söeftimmungen 
leicht  bk  beften  fein  mögen,  um  bie  berfd)iebenen  fefjr  mitt- 
fiibrlicfcen  ®ebrau<$§roeifen  barunter  au  befaffen:  fo  barf 
man  nur  bie  SluSbrüffe  mit  ben  Erflärungen  Dergleichen,  um 
ftcfo  au  überaeugen,  mie  feljr  biet  atte§  fdjroanft.  2)aber  eS 
tool   beffer    ift,    im   miffenfd&aftltc&en  ©ebraudj    fidj    biefer 


Grfteg  $<tyltel.  3ur  ©rflärung  ber  Dogmatil.  33 

ISeäetcbnungen  Heber  gu  enthalten,  sumal  ber  SluSbruf!  im  ©e* 
biete  be§  (£briftentbum§  in  unferer  ©pra^e  fe^r  neu  ift 
II.  SSon    ben    Sßerfcbtebenbeiten    ber    frommen 
©emeinfcbaften    überbaupt;    Sebnfäse    au§ 
ber  9teligion§pbilo)opbie. 
§.  7.    ©ie   nerfcbtebenen   in   ber  @efd)i<$te  tytoot* 
tretenben   beftimmt   begrenzten  frommen  ©emeinf<$aften 
Derbalten  ficb   §u  einanber  t^eitS  als  t»erfd;iebene  (fitt* 
ttrifflungsftufen,  i^eilS  als  r»er?d)tebene  Sitten. 

1.  ®ie  fromme  (Semetnfdjaft,  meiere  ficb  al§  £>au§gotte§* 
bienft  innerhalb  einer  einzelnen  gamtlie  bilbet,  fann  man, 
iueit  fie  ftd&  im  Snnern  berbirgt,  niebt  füglidj  als  ein  ge* 
fc£)td^tlicc)e§  £>erbortreten  anfeben.  Snbefc  ift  ber  Uebergang 
öon  biet  $u  einer  eigentlicb  gefebiebttieben  (Srfcbeinung  aueb 
oft  fetjr  aßmäblig.  3)  er  Slnfang  baju  liegt  febon  in  bem 
großen  @ttl  be§  patriarebattjeben  ©auStoefenS  unb  ber  fort« 
bauernben  Sßerbinbung  sttnfdjen  neben  einanber  lebenben 
gamtlien  bon  (Söhnen  unb  (Snfeln;  morau§  allein  ftdj  febon 
bie  beiben  borber  (§.  5,  4)  ermähnten  ©runbformen  ent* 
huffeln  !önnen.  (Scbon  in  biefen  Uebergängen,  toenn  man 
mebrere  bergletdjen  neben  einanber  ftettt,  fönnen  betberiet 
Differenzen  menigftenS  im  ®eim  enthalten  fein.  —  3Sa§ 
nun  äuerft  bie  b  ergebenen  (£ntnrifflung§fiufen  betrifft:  fo 
ift  febon  ba$  geicbtcbtlidje  ©ertoortreten  felbft  eine  bösere, 
unb  ftebt  über  bem  bloßen  ijolirten  £au§gotte'§bienft,  roie 
ber  bürgerliche  Buftanb  aueb  in  feinen  unOoEfommenften 
formen  über  ber  geftaltlofen  gufammengebörigfeit  be§  bor= 
bürgertieben  £uftanbe§  ftebt.  £)ocb  betrifft  Ut\e  SSerfcbiebenbeit 
teineSroegeS  nur  bie  ©eftaltung  ober  gar  ben  Umfang  ber 
©emetnjdjaft  felbft,  fonbern  bie  Söefcbaffenbeit  ber  ir)r  sum 
©runbe  liegenben  frommen  (SemütbSsuftänbe  felbft,  je  nacb- 
bem  fte  ficb  im  bemühten  ©egenfas  mit  ben  23etuegungen  be§ 
ftnnlicben  ©elbftbetuufetieinS  sur  SHarbeit  ber  aufarbeiten. 
SSenn  nutt  biefe  (£ntnüfflung  aueb  sunt  £beil  bon  ber  ®e* 
fammtentmifflung  ber  geiftigen  Gräfte  abbängig  ift,  fo  bafj 
manebe  ©emeinjebaft  febon  bloß  be§ljalb  niebt  länger  in  ibrem 
eigentbümtieben  SBefen  fortbefteben  fann,  hrie  sum  Söeitpiel 
manebe  formen  be§  ©ögenbienfteS ,  menn  fte  aueb  einen 
boben  ©rab  bon  meebanifebem  (55efct)iff  in  Slnftmtä)  nebmen 
tonnen,  bodj  eine  aueb  nur  mittelmäßige  nüffenfebafttiebe  unb 
fünfüerifcbe  5lu§bilbung  niebt  ertragen,  fonbern  barin  unter- 

€*l..<Rrtpt.®l.l.  ^ 


34  3>er  $tiftli$e  ©taube.  grfter  XfjetL 

ße^en  muffen:  fo  gebt  fte  bodj  sunt  Sbeil  aud)  hrieber  tfjreit 
eignen  ©ang,  unb  e§  fd)Uefjt  feinen  Sßtberfprudj  in  fid),  ba& 
ftd)  in  einer  ©efammtfjett  bie  grömmtgfett  big  pr  ^ödjftea 
SSotfenbung  enttoiffle ,  mäbreub  anbere  geiftige  SebenS* 
functionen  nodj  meit  aurüffbleiben.  —  Gittern  alle  $erfd)ieben» 
Reiten  ftnb  nidjt  at§  foldje  ©rufen  gn  begreifen.  $)enn  e$ 
giebt  ©eftaltungen  gememfamer  grömmigfeit,  meldje,  mir 
man  bie§  mol  bon  bem  ljellenifd)en  unb  bem  tnbifdjen  $olö* 
t&eiSmuS  fagen  tarnt,  in  ber  dntmifflunggrei^e  betrautet, 
bk  eine  eben  fo  Diel  unter  ftdj  unb  über  ftdj  au  fcaben 
fdjeinen  als  hk  anbere,  bennod)  aber  fejjr  befiimmt  bon  ein« 
anber  berfd)ieben  finb.  SBenn  nun  folc&e  mehrere  berfelbeit 
©rufe  angebörig  bot&anben  finb,  fo  mirb  e§  immer  bcß 
natürliche  fein,  fte  als  Gattungen  ober  Slrten  ju  beaeidjneit. 
Unb  ojfmfrrettig  läfet  ftdj  felbft  auf  ber  niebrigften  ©rufe 
nadimeifen,  bafe  bie  meiften  räumttdj  bon  einanber  geriebenen 
frommen  (Stemeinfdjaften  sugleicb  burdj  innere  ^Differenzen 
getrennt  finb. 

2.  §lUerbing§  aber  ftnb  beibe  Unterfdjeibungen  bie  in 
(ShttmifflungSftufen  unb  bit  in  Gattungen  ober  2lrten  biet 
fomol  al§  überhaupt  auf  bem  gefdu'djtlidjen  G5tbiti,  ober 
bem  ber  fogenannten  moraüfdjen  $erfonen,  nid)t  fo  beftimmt 
feftaubaiten  unb  fo  ftdjer  burdääufüljren  al§  auf  bem  9?atur* 
gebiet.  SDenn  mir  Ijaben  e§  bier  nidjt  mit  unberänberlidjen 
©eftalten  ju  t&un,  bie  ftdj  immer  auf  biefetbe  SSeife 
reprobuctren;  fonbem  audj  jebe  inbioibuette  ©emeinfdjaft  ift 
einer  größeren  ober  geringeren  ©ntmüllung  tnnerbalb  tljre& 
(*5attung§djararter3  fäbig.  SDenft  man  fid)  nun,  hak  auf 
biefem  SBege,  fo  mie  ber  Gsinselne  ia  fann  bon  einer  unbott* 
fommnern  SfteligionSgemeütfcbaft  ju  einer  böseren  übergeljeiv 
fo  aud)  eine  eintüte  ®emeinfdjaft  unbefdjabet  tljre§  ©attungS« 
d)arafter§  ftdj  tonnte  über  ibre  urfprünglidje  ©rufe  j&inauS 
entmiffetn,  unb  ba%  biefeS  gleichmäßig  bei  allen  gefdjetjen 
tonne:  fo  mürbe  natürtidj  ber  begriff  ber  ©rufen  ganj 
aurütftreten,  benn  ber  legte  Moment  auf  ber  niebrigeren  unb 
ber  erfte  auf  ber  böberen  tonnten  einen  ftetigen  gufammen* 
bang  bilben,  unb  man  mürbe  bann  richtiger  fagen,  ba%  jebc 
Gattung  ftcr)  burdj  eine  ^eüje  bon  ©ntmittlungen  au§  Sern 
unöotlfommnen  jum  OoHfommnern  Jjinaufbübe.  ©e$t  man 
im  ©egentbetl,  ba%,  fo  mie  mir  audj  bon  bem  ©ingelnen  in 
gemiffem  ©inne  jagen,  er  merbe  burcb  ben  Uebergang  in 
eine  böbere  SMigionSform  ein  neuer  äJcenfcfc,  fo  au<$  ber: 
<5>attung3d)arafter  einer  @emetnfdjaft  berloren  fielen  müffie* 


(£rfte§  Äatftel.  Sur  (grttatwtfl  ber  Stogmattt.  85 

teenn  fie  ftcfc  auf  eine  böbere  ©rufe  ergeben  tooffte:  fo 
mürbe  bann  aucf)  auf  berfelben  (Stufe,  roenn  bie  innere 
(Sntrotfflung  babei  fortbefteben  foE,  ber  (55attung§cbarafter 
fdjtoanfenb  fcerben  unb  alfo  überhaupt  nidjt  feft  ftebn;  befto 
ftärfer  unb  beftimmter  aber  mürben  bie  ©rufen  ftdj  unter* 
treiben.  —  £)iefe§  ©djroanfen  aber  tbut  ber  ^Realität  btefer 
groiefadjen  Untertreibung  bennodj  feinen  ©intrag,  benn  iebe 
gefdjidjtlidj  berbortretenbe  fromme  ©emeinfcbaft  roirb  bodj 
immer  ju  ben  übrigen  in  biefem  groiefadjen  SBerbältntfc  fteben, 
ba£  fte  einigen  beigeorbnet  tft,  anbern  aber  über  ober  unter* 
georbnet,  bon  ber  (Einen  alfo  auf  bie  eine,  oon  ber  Slnbern 
aber  auf  bie  anbere  SSeife  unterfcbieben.  Unb  roenn  bieienigen, 
roel<$e  ftct)  am  meiften  mit  ®e[d)idjte  unb  SMttf  ber  Religionen 
befd)äftiget  baben,  meniger  barauf  $8eba$t  genommen  baben, 
bie  berfdjiebenen  gönnen  in  biefen  Sabinen  su  fbannen:  fo 
fann  bie$  tr)eil§  baber  !ommen,  bafc  fte  faft  au^fcbliefjlid}  bei 
bem  tnbibibueHen  ftebn  geblieben  ftnb,  tt) eü§  aud)  baber, 
ba%  e§  in  einzelnen  gätCen  fdjroierig  fein  fann,  biefe  35er* 
bältniffe  au§§umitteln  unb  betgeorbneteS  unb  untergeorbnete§ 
gebörig  §u  fctjeibert  unb  au§einanber  gu  balten.  Un§  fann 
e§  bier  genügen,  ben  sroiefacben  Unterfdjiieb  überhaupt  nur 
feftgeftettt  su  baben,  ba  e§  un§  lebiglidj  barauf  anfommt  m 
unterfucben,  roie  ftcr>  ba$  GTbriftentbum  in  beiber  £inficbt 
%u  anberen  frommen  <3 emeinf haften  unb  ®Iauben§roeifen 
fc  erb  alt. 

3.  SBenn  unier  ©aj  jmar  nidjt  behauptet,  aber  bocb  bie 
9Jtöglid)feit  ftittfdjroeigenb  oorauSfest,  e§  gebe  anbere  ®e* 
ftalritngen  ber  grömmigfeit,  roetcbe  ftdj  §u  bem  ©briftentbum 
behielten,  roie  anbere  aber  auf  gletctjer  dntroifftung§ftufe  mit 
ibm  ftebenbe,  alfo  in  fofern  ibm  gleite  formen:  fo  ift  bie§ 
bodj  nicbt  im  SSiberfprudj  mit  ber  bei  jebem  Stiften  t»orau§* 
^ufesenben  Ueberseugung  Oon  ber  auSfcbliefjenben  S5ortreffltct>= 
feit  be§(£briftentbum§.  2)enn  aucb  auf  bem  ($5ebiet  ber  Deatur 
unterfdjeiben  mir  öottfornmene  unb  unOoHfommene  £biere  al§ 
gleid)fam  öerfdjiebene  (£ntroifflung§ftufen  be§  tbtertfdjen  £eben§, 
unb  auf  jeber  Oon  biefen  roieber  oerfdiiebene  Gattungen,  bie 
alfo  at§  5lu§bruff  berfelben  ©tttfe  einanber  öleict)  ftnb ;  bie§ 
aber  binbert  nicbt,  bafj  nid)t  bennod)  auf  einer  nieberen  ©rufe 
bie  eine  ftct)  mebr  ber  böberen  näbert  unb  in  fofern  ooE* 
•fommner  ift  a\§>  bie  anbern.  (Sbeu  fo  nun  fann  auc(j  ba& 
(£briftentbum,  roenn  gletdj)  mebrere  Gattungen  ber  grömmig* 
fett  btefelbe  ©tufe  mit  ibm  einnebmen,  bodj  OoHfommner  fein 
al3  irgenb  eine  öon  ibnen.  —  sJ?ur  baä  oerträgt  ftcbnid^t  mit 


86  ©er  Wtac&e  ©Iau6e.  Erfter  S#ell. 

unfetm  Saj,  roa§  fteili<$  häufig  getjött  hrirb,  bafj  bie  dferift« 
Iid)e  grömmtgfett  ftdj  menigftenS  su  ben  meiften  anbeten  ®e* 
ftaltungen  öer'öatten  foH,  mie  bie  tnaljte  §u  ben  falfdjen.  $>enn 
roenn  bte  auf  betfelben  Stufe  mit  bem  (El)tiftentJjum  ftetjenben 
Religionen  burdjauS  falfctj  toären,  hrie  könnten  fte  [ouiet 
glet<$e§  mit  bem  (£Jjriftentljum  f)aben  al§  iene  (Stellung  er* 
fotbett?  Unb  raenn  bie  Religionen,  welche  bie  unteten  Stufen 
einnehmen,  lautet Srtttjümet  enthielten:  wie  fottte  e§  möglich 
fein,  ba%  man  au3  i&nen  in  ba$  (£l)tiftentl)um  übetgefjen 
fönnte?  ba  bodj  nur  in  bem  maljten  unbnidjt  in  bem  fallen 
bie  (£nu;fänglici)feit  für  bie  l)öl)ete  SBaljr&eit  be§  Stiften* 
tf)um§  gegrünbet  fein  fann.  Vielmehr  liegt  bet  ganzen  S)ar» 
ftettung,  meiere  Ijiet  eingeleitet  mirb,  bit  Sötojime  sunt  ©runbe, 
ba%  ber  3rrt|unt  nitgeub  an  unb  füt  fiel)  ift,  fonbetn  immet 
nut  an  bem  tuafjren,  unb  ba%  er  ntcfjt  eljer  bottfommen  öer= 
ftanben  roorben  ift,  M§  man  feinen  3ufammentjang  mit  ber 
2Satjrf)eit,  unb  ba§  raat)re  moran  et  Ijaftet,  gefunben  fjat. 
2)amit  ftimmen  and)  bie  Steufeetungen  be§  2tyoftel§  überein, 
roenn  et  felbft  bie  Vielgötterei  al§  eine  Verfetjrung  be§  ut= 
fprüngltdjen  unb  babei  jum  ©runbe  liegenben  VenmfetfeinS 
Don  ©ott  batfteHt,  unb  in  einem  geugnifj  be§  burd)  alle  jene 
©idjtungen  nod)  unbef  riebigten  Verlangens  eine  bunlle  5ltms 
bung  be§  matten  ©otteS  finbet.1 

§.8.  Süejenigen  ©eftaltungen  ber  grömmtgfett,  in 
reellen  alle  frommen  ©emütl^uftcinbe  bie  2lbfyängigfett 
alles  enblicfyen  oon  ©tnent  §öcr;ften  unb  Unenblidjen  aus* 
fprecfyen,  b.  t.  bte  ntonotbetftifd&ett  nehmen  bie  l;öd)fte  Stufe 
ein,  unb  alle  anbeten  Detriten  fiti)  §u  tfynen  ttrie  untere 
georbnete,  toon  föelcfyen  ben  9)ienfd)en  feefttmmt  ift  §u  \tmn 
\) öderen  überzugeben. 

1.  9ll§  folctje  untetgeotbnete  Stufen  fegen  mit  im  au* 
gemeinen  ben  eigentlichen  ©öaenbienft,  aud)  getifc$t§mu§  ge* 
nannt,  unb  bie  Vielgötterei;  jener  hueberum  fteljt  tief  unter 
biefet.  £)er  ©öjenbiener  fann  feljt  füglich  nur  (Bin  %bol 
f)aben,  oljne  bafj  biefe  ÜÖconolattie  itgenb  eine  5lef)nlic^feit 
fjätte  mit  bem  SCftonotJjei§mu§ ;  benn  et  fdjteibt  bem  ©Ösen 
nur  einen  GIHnflufj  auf  ein  beictjtäüfteS  (Gebiet  bon  ©egen* 
ftänben  ober  Vercinberungen  su,  übet  ineldjeS  l)inau§  [ein 
ctgene§   Sntereffe   unb  9Wttgefül)t  fiel)  nidjt  etfttettt.     5>a3 


1  Köm.  1.  21.  flgb.     8tp.  ©efeö-  17,  27— 3G. 


CifteS  Äapltel.  3ut  Srllärung  ber  ©ogmatif.  87 

£tnsunel)men  mehrerer  gbole  tft  nur  tttvaä  sufälltgeS,  ge< 
toöljnlitf)  Quf  ber  (Erfahrung  bon  einer  Unfatjigfeit  be§  ur« 
fprüngtidjen  beruljenb,  mobei  aber  gar  ntdjtS  bottftänbigeS 
augeftrebt  nnrb.  Bielmeljr  beruht  ba§  (Stiltftetjn  auf  biefer 
(Stufe  bornäbmlicb  barauf,  bafj  ber  (Sinn  für  eine  Totalität 
nocb  nicrjt  entnriffelt  ift.  4)ie  alten  £öava  ber  griednfdjen  IXr* 
ftamme  maren  mafjrfdjetnlicrj  nocrj  eigentliche  %boUf  iebe§  etma§ 
für  ft<5  allein.  3)ie  Bereinigung  biefer  berfcbiebenen  Ber* 
errungen,  moburdj  mehreren  folget  ^bote  ©in  Sßefen  fubftituirt 
nmrbe,  unb  bie  ©ntftebung  mehrerer  SDtyt&enf reife,  moburd) 
biefe  ©ebilbe  in  Bufammenljang  gebraut  nmrben,  mar  bie 
(Sntftrifflung  bermittelft  melier  ber  Uebergang  bom  ©ö^en* 
bienft  gur  eigentlichen  Vielgötterei  erfolgte.  %t  meljr  inbefj 
an  ben  fo  gebilbeten  SSefen  nocb  bie  Borftettung  bon  mannig* 
faltigen  lofalen  ©inmoljnungen  aübaftete,  befto  metjr  fctjmeffte 
ber  $olbtfjei§mu§  nod)  nadj  ©ösenbienft.  (Eigentliche  SSieU 
götterei  tft  nur  ba,  mo  bk  lofalen  Bedienungen  gans  jurüff* 
treten,  unb  bie  ©ötter,  geiftig  beftimmt,  eine  geglieberte  3U* 
fammengdjörtge  Bietljeit  bilben,  roelctje  als  eine  5lttf)ett  toenn 
auc§  ntcrjt  nac^geiuiefen  boctj  borau§gefeät  unb  augeftrebt  u>irb. 
$e  mebr  al§bann  ein  jebe§  einzelnes?  biefer  SBefen  auf  baZ 
gange  ©tjftem  berfelben  unb  biefe§  tuieberum  auf  alle§  in§ 
Betuufätfein  aufgenommene  (Sein  belogen  nnrb:  um  befto  be* 
ftimmter  nnrb  aud)  bie  2lbt)ängigfeit  alles  (Snblidjen  nur  nidjt 
bon  (Sinem  jQödjften,  fonbern  bon  biefer  böcfjften  ©efammtt)eit 
in  bem  fromm  erregten  ©elbftbettmfctfettt  au§gefagt.  ^n 
biefem  £uf taube  be§  frommen  ®tauben§  aber  fann  e§  ntdjt 
fehlen  ba%  nidjt  ^te  unb  ba  menigften§  binter  ber  Btetfjeit 
jjöberer  SSefen  bieQHnfjeit  eine§  r)öct)ften  fotfte  geabnet  »erben, 
unb  bann  tft  auctj  bie  Vielgötterei  fctjort  im  Berfc&unnben, 
unb  ber  SSeg  jum  ÜD?onotf)ei§mu§  ift  geebnet 

2.  SMefe  Berfcrjiebenbeit  ©inen  ©ott  gu  glauben,  bon 
toeldjem  ber  fromme  fiel)  felbft  al§  einen  Beftanbt^eil  ber 
SBelt  unb  mit  biefer  sttgletct)  fcblecbtbin  abhängig  fest,  ober 
einen  ®rei§  bon  ©Ottern,  gu  benen  er,  mie  fte  ftdj  in  bie 
2BeItr)errfcf)aft  feilen,  audj  in  berfdjiebenen  Bedienungen  fteljt, 
ober  enblicb  einzelne  ©Ösen  bk  ber  gamüte  ober  bem  Boben 
ober  bem  einzelnen  ©efctjäft  eignen  in  bem  er  lebt,  fcrjetnt 
Stoar  snnäcfjft  nur  eine  Berfdjiebenjett  ber  BorfteHung§meife 
in  fein,  unb  alfo  unferer  Slnftdjt  nadj  nur  eine  abgeleitete; 
unb  nur  eine  Berfdjiebenbeit  in  bem  unmittelbaren  ©elbft* 
bemufjtfein  faitn  ftdj  für  ttn§  bagu  eignen,  bafj  mir  bie  Ocnte 
Joüflung  ber  grömmigfeit  baran  meffen  bürfen.    Slber  e§  ift 


£>er  djrtftlicfje  ©faube.  (Srfter  SljeU. 


aud)  fe^r  leicht  au  geigen,  bafj  biefe  berfdjiebenen  SSorfteffungen 
gugleidj  bon  üerfdji ebenen  guftänben  be§  (SelbftbemufjtfetnS 
abhängen.  2)er  eigentliche  ©öaenbienft  grünbet  ftd)  in  einer 
ben  niebrigften  guftanb  be§  SKenfctjen  beaeidmenben  2Set> 
morrenljeit  be§  ©etbftbemufjtfetng  inbem  baZ  fjörjere  unb 
niebere  fo  menig  unterfdjieben  merben,  bat}  auct)  ba$  ©efüljl 
fcrjled)tl)imger  Slbljängigfeit  al§  bon  einem  einzelnen  ftnnlidj 
aufaufaffenben  ©egenftanb  Ijerrüljrenb  reffecttrt  toirb.  5tudr> 
ber  $olt)tl)ei§mu§  Gesengt  nodj)  inbem  bie  fromme  @rregbar= 
feit  ftd)  mit  berfdj)tebenen  Slffectionen  be§  ftnnlid)en  ©elbft= 
bemufstfeing  einigt,  ein  folcr)e§S8orr)errfc^enbieferSBerfc^teben* 
Seit  ber  Buftänbe,  bafj  ba§  ©efübl  ber  fcrjlecrjt^irtiaen 
5lbf)ängig!eit  nod)  ntctjt  in  [einer  bellen  ©htljeit  unb  $n= 
btfferena  gegen  alle§  im  ftnnlidjen  ©elbftberoufetfeut  feabare 
auftreten  fann,  fonbern  eine  Sfteljrljett  gefejt  mirb  bon  ber  e§ 
ausgebe.  3fr  aber  ba$  tjötjere  ©elbfrbemutitfein  in  feiner 
©ifferena  bon  bem  ftnnlidjen  gänaltd)  entmtffelt,  fo  ftnb  mir 
un§  unferer,  insofern  mir  überhaupt  fumltdj  afftcirbar  ftnb, 
b.  t).  fofern  mir  SBeftanbttjeile  ber  SSelt  ftnb,  alfo  tnfofern  mir 
biefe  gana  in  unfer  ©elbflbemufetiein  aufnehmen  unb  e§  jum 
allgemeinen  GnblidjfeitSbemutitfein  ermeitern,  als  fäjledjtfjm 
abhängig  beraubt.  2)iefe§  ©elbftberoufjtfein  nun  fann  nur  im 
S0conotljei§mu§  bargefteßt  merben,  unb  arcar  fo  mie  e§  im 
©aae  felbft  au§gebrüfft  ift.  S)enn  menn  mir  im§  unjerer 
(Selbft  ot)ne  roeitere§  in  unfrer  @nblid)feit  al§  fcrjled)trjirt  ah* 
gängig  bemüht  finb:  fo  gilt  baffelbe  bon  allem  ©nblidjen  unb 
mir  nehmen  in  biefer  SBeaiebung  bie  ganae  SBelt  mit  in  bte 
(£int)ett  unfere§  ©elbftbetrm|tfem§  auf.  £)ie  berfdjiebenen 
Slrten  baSjenige  aufser  un§,  morauf  baZ  fcr)led)ti)imge  51b* 
r)ängigfeit§bemui3tfein  ftcrj  beatetjt,  borauftetten  fangen  alfo 
gufammen  tt)eil§  mit  ber  berfd)iebenen  5lu§beljnbarfeit  be§ 
@elbftbemuf}tfein§,  inbem  fo  lange  ber  ÜDcenfd)  ftdt)  nur  nodj 
mit  einem  fleinen  Streit  be§  enblictjen  @ein§  ibentificirt  fein 
@ott  nodj  ein  getifd)  fein  mirb,  tfjeilS  audj  mit  ber  SHartjeit 
ber  Unterf  Reibung  be§  tjöljeren  <5elbftbemufjrfein§  bom  nieberen. 
S)er  $olrjtf)ei§mu§  fteEt,  mie  natürlich,  in  beiber  &inftdjt  eint 
unbeftimmte  TOttelftufe  bar,  tr-eldje  ftd)  balb  menig  bom 
©öaenbienft  unter!  d)eib  et,  balb,  menn  ftd)  in  ber  SöelrnnMung 
ber  Söiel^ett  ein  geheimes  ©treben  nadj  (£inl)eit  geigt,  ganj 
btcfjt  an  ben  SDconotfjeiSmuS  ftreifen  fann,  fei  e§  nun  bafe  in 
ben  ©Ottern  met)r  bie  ^aturfräfte  bargefteüt  merben,  ober 
bafe  ftd)  bie  im  gejeHigen  SSer^ältntfe  mirffamen  menfdjltdjen 
©igenfdjaften  famboliftren,  ober  bafj  fiel)  in  bemfelben  (MtuS 


grftcs  Äapitel.  3ur  (Srtiärung  ber  ©ogmatlf.  39 

SetbeS  bereinige.  5ln  unb  für  ftc(j  liefce  fidj  fonft  nidjt  er* 
tlären,  tote  ibaS  in  bem  fdjledjtfjintgen  SlbpngtgfettSgefiiljl 
mit  gefeste  als  eine  Sftefjrljett  oon  Sßefen  foHte  reflectirt 
toerben.  Sft  aber  baS  Ijöbere  (Selbftbetoufjtfetn  nodj  nidjt 
flätiäUdj  bom  ftnnlidjen  gefc&ieben:  fo  fann  audj  baS  mit  ge* 
feste  nur  finnlidj  aufgefaßt  toerben,  unb  trägt  bann  ben  ®etm 
ber  EJcanmgfaltigfeit  fdjon  in  fidj.  9cur  alfo  toenn  fid)  ba% 
fromme  Söetoufjtfem  fo  otme  Unterf djteb  mit  allen  guftänben 
ieS  ftnnlidjen  <Setbftbetou£t[einS  beretnbar ,  aber  audj  fo  be» 
fttmmt  bon  biefem  gefdjteben  ausprägt,  bafj  in  ben  frommen 
Erregungen  felbft  feine  2)ifferena  ftärfer  Ijerbortritt  als  bit 
beS  freubigen  ober  nieberfd)lagenben  £onS,  bann  erft  Ijat  ber 
IDcenfdj  jene  beiben  (Stufen  ßlüffücr)  überfdjritten  unb  fann 
fein  fd)ledjtljinigeS  2IbljängigfeitSgefu§l  nur  auf  Ein  IjödjfteS 
Sßefen  besiegen. 

3.  SDeSljalb  nun  fann  audj  mit  fRec^t  gefagt  toerben,  fo« 
halb  bie  grömmtgfeit  nur  erft  irgenbtoo  bis  jum  glauben  an 
©inen  Gbott  über  atteS  enttoiffelt  ift,  fo  ift  audj  oorgefetjen, 
ba§  ber  äßenfdj  an  feinem  Drte  ber  Erbe  auf  einer  bon  ben 
niebrtgeren  (Stufen  fielen  bleibe.  SDenn  immer  unb  überall 
ift  biefer  (glaube  gana  oorsüglidj,  toenn  aud)  nidjt  immer  auf 
bie  ridjtigfte  SSeife,  beftrebt  fidj  toetter  §u  oerbreiten  unb  bie 
Smpfängttdjfeit  ber  üötafdjen  aufaufdjliefjen;  toeltöeS  aud), 
toie  toir  feljen,  auleat  felbft  bzi  ben  roljeften  9ftenfdjenftämmen 
unb  unmittelbar  bon  getifdjtSmuS  auS  oljne  2)urdjgang  bur<$ 
bie  Vielgötterei  gelingt.  SSogegen  tin  Sftüffgang  bom  ÜDcono** 
iljeiSmuS,  fo  toeit  unfere  (Sefdjidjte  reicht,  aenau  betradjtetj 
nirgenb  borfommt.  33ei  btn  metften  (Triften,  toeldje  in  23er* 
. folgungen  aum  £>eibent§um  aurüfffeljrten,  toar  bieS  nur  fdjein* 
bar.  2Bo  eS  toirflidj  Ernft  getoorben,  ba  fönnen  biefelbeit 
Stfcenfdjen  bortjer  bd  iljrer  Verehrung  jum  (£§riftentlmm  nur 
fcon  einer  allgemeinen  S3etoegung  mit  fortgeriffen  toorben 
fein,  oljne  baS  2öe[en  btefeS  Glaubens  in  tt)r  perfönlidjeS 
Sßetoufjtfetn  aufgenommen  §u  Reiben,  üftur  barf  fcierauS  nodj 
ntdjt  gefolgert  toerben,  ba|  toir  um  baS  Sßorljanbenfein  beS 
§etifä)iSmu§  ju  erflären  eine  nodj  niebrigere  (Stufe  au  &ülfe 
nehmen  müßten,  nömlidj  einen  gänalidjen  Mangel  aller 
xeligiöfen  Erregung.  SBietool  f<$on  ü&candje  ben  urfprünglidjen 
Buftanb  ber  SDcenfdjen  als  eine  foldje  Brutalität  bargeftettt 
£aben,  fo  läfjt  fidj  bodj,  toenn  man  audj  alle  ©puren  einer 
folgen  nidjt  läugnen  fann,  toeber  gefdjidjtlidj  nadjtoetfen  nodj 
im  allgemeinen  borfteften,  toie  fidj  auS  biefer  bon  felbft  ettoaS 
^öljereS  enttoiffelt  Ijabe.  Eben  fo  toenig  ift  audj  nadjautoeifen. 


40  5>er  djrtftlidie  ©laube.  Grfter  23jeiL 

bnfj  irgenbrao  bie  Vielgötterei  ftdj  rein  bon  innen  ßerauS  ht 
einen  äd)ten  9Jconotf)ei§mu§  umgebilbet  fjabe;  aber  al§  mög* 
Itd)  läfjt  fid)  biefeg  raemgftenS,  raie  oben  angeaeigt  korben 
ift,  benfen.  Uebertjaubt  aber  muffen  rair  un§  gegen  bie 
gorberung  berraaljren,  ba^  un§  obliege,  raeil  rair  eine  foldje 
Öbftufung  beftimntt  bordeigen,  be§fja!6  and)  einen  urfprüng* 
lidjen  9?eligton§5uftanb  beftimmt  anzugeben,  ba  rair  ja  audj. 
in  anbern  Vcsiefjungen  nirgenb  bi§  auf  ba§  urfbrünglidje 
gurüfffommen.  ©leiben  rair  tnbefc  Iebiglidj  bei  unfern  Vor* 
auSfegungen  flehen,  olme  un§  auf  gefdjicl)tlidj  geftaltete  %xx& 
fagen  über  eine  gang  borgefdjidjtltdje  Bett  m  berufen,  fo 
Iaffen  un§  biefe  bk  SBaljl  ätüifcfeen  jraet  VorftellungSarten. 
ßntraeber  jene  ganj  bunfle  unb  berraorrene  (Steftalt  ber 
grömmigfeit  ift  überall  bie  erfte  geraefen,  unb  fiatftdj  junä^ft 
burd)  ba%  gufammentreten  niedrerer  Heiner  (Stämme  in  eine 
größere  ®emeinfd)aft  sunt  $oft)tt)ei§mu§  geftetgert,  ober  ein 
finblidjer,  aber  eben  be§rjalb  nod)  einer  berraorrenen  Ver* 
mifdjung  be§  Pieren  unb  nieberen  unterraorfener9Konot^ei§* 
mu§  raar  ba$  urfbrün gliche,  unb  fyat  ftdj  bei  ben  (£men 
toHenb§  sunt  ^ögenbienft  berbunfelt,  bei  ben  5lnbern  ju  einem 
reinen  ($ottc£>gtauben  abgeHärt. 

4.  Sluf  biefer  Södjften  (Stufe  be§  SHionotfjeiSmuS  seigt 
un§  bte  @efdu'd)te  nur  brei  grofje  ©emeinfdjaften  bie.  jübifdje,. 
bie  djriftlidje,  bk  muljamebanifdje,  bk  erfte  faft  im  (Erlöfdjen 
bk  anbern  um  bk  ©errfdjaft  in  bem  menfdjlidjen  ®efd)ledjt 
ftc§  ftreitenb.  ®a§  ^ubent^um  jeigt  burd)  bk  Vefdjränfung, 
ber  Siebe  be§  Sejobalj  auf  ben  21braJ)amifd)en  Stamm  nodj 
eine  Verraanbtfdjaft  mit  bem  getifd)tgmu§,  unb  bie  Dielen 
©c|raan!ungen  nad)  ber  (Seite  be§  ($5ösenbienfte§  Ijtn  beraetfen 
t>a%  raäljrenb  ber  Politiken  Vlütfje  be§  Volfeg  ber  mono* 
tfjeiftifc&e  glaube  nod)  nid)t  feftgeraurjelt  raar,  unb  ftdj  erft 
feit  bem  babtjlonifdien  (Sjtl  rein  unb  bollftänbig  entraiffelt 
jjat.  S)er  S§lant  auf  ber  anbern  (Seite  berrätlj  burdj  feinen 
Ieibenfdjaftlidjen  (Efjarafter  unb  ben  ftarfen  ftmtlidjen  Oitefmlr 
feiner  Vorftettungen  olmeradjtet  be3  ftreng  gehaltenen  ddlono* 
tljetömug  bodj  einen  ftarfen  GSHnflufj  jener  (55eraalt  be§  ftnn* 
Iidjen  auf  bie  2Iu§brägung  ber  frommen  (Erregungen,  raeldje 
fonft  ben  Sftenfdjen  auf  ber  (Stufe  ber  Vielgötterei  feftplt. 
£>a§  ©fcrtftenttjum  ftettt  ftdj  batjer  fdjon  befl&aib,  raeil  e8  fu$ 
Don  beiben  3lu§raeid)ungen  frei  Salt,  über  jene  beiben  gormen, 
unb  behauptet  ftdj  at§  bie  reinfte  in  ber  (Xtefdjtcljte  Ijerbor* 
getretene  ®eftaltung  be§  2ftonotl)et§mu§.  $)al)er  giebt  e§  aud> 
hn  ©rofeen  genau  betrachtet  eben  fo  raenig  einen  fßüfftritt 


®rfte§  Äopitel.  3ur  (Srftärung  ber  ©ogntatif.  41: 

au§  bem  (£tjriftentf)um  in  Subentljum  ober  SDfrttjamebaniSm 
als  e§  einen  Ruf  ff  all  giebt  au§  irgenb  einer  monottj eifttf <$tn 
Religion  in  Vielgötterei  ober  ®ösenbienft.  ©in^elne  2lu§* 
nahmen  derben  immer  mit  franftjaften  (SJemütSsuftänben  ^u* 
fammen^ängen ,  ober  e§  mirb  ftatt  ber  grömmtgfeit  nnr  eine 
gorm  be§  UnfrommfeinS  mit  ber  anbern  bertaufdjt,  roie  bie§ 
mol  bei  ben  Renegaten  Durchgängig  ber  gatl  ift.  Unb  fo 
bürgt  fdjon  biefe  Vergleidmng  mit  feines  ®tetctjen  bafür,  ba§ 
baä  (£§riftentljum  in  ber  ifjat1  bie  bollfommenfte  unter  ben 
am  meiften  entmiüelten  RetigionSformen  ift. 

gu) a i  1.  %\e  gegebene  2>arfteEung  ftimmt  ni<$t  mit 
einer  5lnftd)t  überein,  meiere  in  ben  Religionen  ber  unter* 
georbneten  ©tufen  gar  feine  grömmigfeit  anerfennen  miH 
fonbern  nur  Slberglauben,  borsügttc§  beSbalb  meil  fte  itjre 
CueHe  nur  in  ber  gurdjt  hätten.  allein  bie  (£t)re  be§  Triften* 
ttjumS  erforbert  eine  foldje  Vetjaubtung  feineSmegeS.  £)enn 
ha  e§  felbft  behauptet,8  bafj  nur  bie  böltige  Siebe  alle  gurcfjt 
auftreibt:  fo  mu&  eS  aud)  jugeben,  ba%  bie  unbollfommene 
Siebe  nie  bölltg  frei  ift  bon  gurdjt.  Unb  fo  ift  aucb  überall 
felbft  im  ®öaenbienft,  menn  nur  ber  ®öae  al§  ein  fdjüsenbeS 
unb  nid)t  fcrjlect)tr)m  in  ber  Dualität  eines?  böfen  SßefenS  an* 
gebetet  mirb,  bie  gurdjt  feineSmegS  gana  getrennt  bon  alten 
Regungen  ber  Siebe,  bielmetjr  nur  eine  ber  unboßfommeneit 
Siebe  coorbinirte  IXmbiegung  be§  fcfcled^inigen  2lbljängtgfett§* 
gefügig.  2lu<$  möchte  root,  tuenn  man  für  biefe  Religionen, 
abgefefjen  babon  ba%  Viele  unter  ifjnen  biet  su  Reiter  ftnb  um 
auS  ber  gurct»t  begriffen  m erben  ju  fönnen,  einen  ganj  an* 
bereu  Urfbrung  auffudjen  »offte,  fd)fter  nadjsumeifen  [ein, 
maS  für  eine  anbere  unb  morauf  ibrer  inneren  5lbsroe!fung 
nadj  gefjenbe  Richtung  in  ber  menfdjlidjen  Seele  benn  biefe 
fei,  burcb  metdje  bie  Sbolatrie  erzeugt  mirb  unb  meiere,  roemt 
an  bereu  ©teile  bie  Religion  tritt,  mieber  berloren  getjen 
müfete.  Vielmehr  bürfen  mir  in  allen  biefen  drgeugniffen  be£ 
menf  erlief)  en  ©eifteS  bie  (55Ieict)arttQfett  nic&t  in  Slbrebe  fteEen, 
unb  muffen  aud)  für  bie  nieberen  ^otenjen  bodj  biefelbe 
Sßurget  anerfennen. 

Bufas  2.  SBenn  ntdjt  ber  ($5lei$flang  märe,  bürfte  faunt 
eine  Veranlaffung  borljanben  fein  auSbrüfflid)  ju  bemerken, 
ba%  e§  gar  nic&t  gur  ©a$e  gehört  eüuaS  über  bie  Vor* 
fteüungSmeife  §u  fagen,  meldte  man  $antljei£mu§  nennt.  $)emt 
ftc  ift  niemals  ba&  Vefenntnifc    einer    Gef<$ic§ttid)    $erbor* 


}.  7,  3.  f  l  50$.  4,  18. 


42  &er  cfrrtftlidie  Glaube.  (Srfter  %f?eü. 

getretenen  frommen  (55emeinfcf)aft  gemefen,  unb  mit  btefen 
Sjaben  mir  e§  ja  nnr  &u  tlmn.  %a  aud)  ntd^t  einmal  ©inaclne 
$aben  urft«rüngli<$  it)re  eigene  Slnftdjt  mit  bie[em  tarnen  be* 
äeidmet,  fonbern  er  ift  al§  ein  (Sdjimbf  unb  Sfoffname  ein* 
öetcr)licr)en ;  unb  roo  bie§  ber  galt  ift,  bleibt  e§  allemal 
fd&roierig  bie  ©inljeit  ber  Söebeutung  feftauf)  alten.  £)aS  einaige 
roa§  §ier,  aber  aucb  nur  an  einem  folgen  abgelegenen  Ort, 
über  ben  ©egenftanb  berljanbelt  rcerben  fann,  ift  nur  bic 
grage,  ma§  für  ein  SBerljältnifj  biefe  $orfteHung§art  %ux 
grömmigfeit  Ijat.  £>af3  fie  nun  nict)t  eben  fo  roie  bit  brei 
{jier  aufgeaeigten  au§  ben  frommen  (Erregungen  als  bit  uns 
mittelbare  Sftefteyton  über  fie  entfielt,  ift  fdjon  augegeben, 
gragt  man  aber,  ob  fie  fid),  menn  fie  einmal  anberS  nrie, 
aljo  auf  bem  SSege  ber  ©pefulation  ober  audj  nur  beS 
1ftaifonnement§,  entftanben  ift,  bodj  mit  ber  grömmigfeit  ber* 
trägt:  fo  ift  biefe  grage  rool  unbebenflidj  au  bejahen,  fo  fern 
nämlid)  $antf)ei§mu§  boct)  irgenb  eine  5lrt  unb  Sßeife  be§ 
£§ei§mu§  auSbrüffen  foH,  unb  baä  SSort  ni<$t  lebigltd) 
unb  überall  nur  eine  berlarbte  materiaitfttfc&e  Negation  be§ 
£§ei3mu§  ift.  @eljn  mir  auf  ben  ©öaenbienft  unb  bebenfen 
mie  er  überall  mit  einer  fcödjft  befd&ränften  SSeltlunbe  ber« 
bunben  ift,  unb  babei  bott  9ttagie  unb  gauberei  aller  2lrt: 
fo  ift  rool  fet)r  leicht  einaufefjen,  ba£  an  eine  beftimmte 
©Reibung  beffen,  roa§  auf  biefer  Stufe  al§  SSelt  unb  roaS 
al§  ©ott  gefest  roirb,  in  ben  roenigften  gätten  ju  benfen  ift 
Unb  roarum  foHte  fidj  ein  &effemfdjer  $olütl)eift,  in  #er* 
Jegenljeit  mit  ben  ganj  menfcrjlidjen  ©eftalten  ber  (Götter, 
nid)t  feine  großen  ©öttcr  mit  ben  geworbenen  Göttern  beS 
^laton  Ijaben  ibentificiren  fönnen,  audj  oljne  ben  ©Ott  ber 
bort  §u  jenen  rebet  mit  anauneljmen,  fonbern  nur  ben  £ljron 
ber  92otljroenbigfeit?  ©eine  grömmigfeit  §äüz  fi<$  bann 
nidjt  geänbert;  aber  feine  SSorfteEung  märe  eine  pant^eiftifc^c 
eeroorben.  SDenfen  mir  un8  aber  bit  Ijödtfte  (Stufe  ber 
grömmigfeit,  unb  leiten  bem  gemäfc  auc^  ben  $antl)ei§mu3 
on  ber  geroöljnltdjen  gormel  (£in§  unb  $We§  feft:  fo  werben 
bann  bo<$  ©ott  unb  Sßelt  roenigftenS  ber  gunction  nadj  ge* 
trieben  bleiben,  unb  alfo  fann  aud)  ein  fold>er,  inbem  er  fic& 
in  bie  Sßelt  mit  einrennet,  fidj  mit  biefem  5111  ab$ängtfl 
füllen,  bon  bem  roa§  ba&  @in§  ift  baau.  ©olc&e  ßuftänbe 
werben  ftct)  bann  bon  ben  frommen  Erregungen  mand&eS 
SKonotljeiften  ferner  unterfd&etben  laffen.  Söenigfteng  trifft 
ber  immer  ettuaS  rounberlid&e  bafj  iä)  fo  fage  grob  geaeicfcnete 
Hnterfct)ieb  aroifdjen  einem   aufcer    ober   fiberroeltlicfcen  unb 


(Stfteä  Äojrttel.  3«t  (SrflärunQ  ber  Sogmattf.  43 

<einem  tnnermettlidjen  (55ott,  bie  ©adje  mdjt  fonberlid),  ba 
Streng  genommen  bon  ®ott  nid)t§  nadj  bem  ®egenfa*  Don 
innerhalb  unb  außerhalb  au§geiagt  roerben  fann,  oljne  irgend 
tote  bk  göttliche  TOmadjt  nnb  Slllgegenmart  su  gefä^rben. 

§.9.  2113  berfd)iebenartig  entfernen  fid)  am  toetteftett 
i?on  einanber  biejenigen  ©eftaltungen  ber  grömmigfeit, 
it>eld)e  in  Söejug  auf  Vit  frommen  (Erregungen  entgegen«* 
■gefegt  hk  einen  baä  natürliche  in  ben  menfd)Üd)en  3U' 
ftänben  bem  fittlidjen,  bie  anbern  ba§>  fittlidje  bem  natür* 
liefen  unterorbnen. 

1.  2öir  berfudjen  eine  begriffsmäßige  Teilung  be§  gletdj* 
gefreuten,  bie  fid)  alfo  §u  ber  Teilung  be3  ganzen  ($5ebiete§ 
roie  eine  Duerttjeilung  t»err)ält,  sunädjft  aud)  nur  um  be§ 
'©t)riftentr)um§  mitten  unb  alfo  für  bk  ljödjfte  ©rufe.  Db 
Mefelbe  Teilung  aud)  auf  ben  untergeordneten  (Stufen  gilt, 
ift  eine  ßier  gar  nid)t  jur  <Sad)e  gehörige  f^rage.  gür  bie 
Dödjfte  (Stufe  aber  ift  un§  ber  Sßerfudj  nötijroenbtg.  ©enn 
toemt  fie  aud)  burdj  bie  brei  aufgezeigten  (Semeinfdjaften  ge- 
fctjtcrjtltcc)  ganj  ausgefüllt  roirb:  fo  bebürfen  mir  boct)  nod) 
<eine§  näfjer  beftimmten  £)rte§  um  ba§>  (Ebriftentfjum  Ijtneüt* 
5uf äffen,  ba  mir  e§  fonft  nur  auf  entbirifdje  Söeife  bon  ben 
anbern  beiben  unterfdjeiben  tonnten,  roobei  feine  (Sicrjerljeit 
fcortjanben  märe,  ob  aud)  bie  mefenttidjeren  Unterfdjtebe 
J)erau§getjoben  mürben  ober  bietteidjt  nur  3ufättigfeiten  auf- 
gegriffen. $)er  Sßerfudj  ift  bat) er  nur  al§  gelungen  anjufe^en, 
toenn  mir  einen  SDjeilungSgrunb  fiuben,  burd)  meldjen  ba% 
CfjriftentJjum  entmeber  für  fid)  bon  beiben  anbern,  ober  aud) 
nur  mit  einer  bon  beiben  jufammen  bon  ber  britten  beftimmt 
getrennt  mirb.  —  £)a  nun  ba§  fct)led)tl)inige  2lbr)ängigfett§~ 
gefütjl  für  fiel)  betrachtet  ganj  einfad)  ift,  unb  ber  begriff 
beffetben  feinen  ®runb  jur  S5erfd)iebenartigfeit  barbieret:  fo 
lönnen  mir  biefen  nur  barau§  rjernetjmen,  baß  jene§  <$efül)l 
um  einen  Moment  ju  erfüllen  ftdj  erft  mit  einer  finnltdjen 
©rregttjeit  be§  @elbftbercußtfein§  bereinigen  muß,  biefe  ftnn* 
lidjen  Erregungen  aber  al§  ein  unenbtiep  mannigfaltige^  an* 
juferjen  ftnb.  Sftun  ift  freiltdj  an  unb  für  fid)  betrachtet  ba§ 
1d)led)ttjinige  9lbr)ängigfeit§gefüfjt  mit  allen  jenen  (Erregungen 
<öleid)  bermanbt  unb  burd)  alle  gteidj  ferjr  erregbar;  bem= 
obneradjtet  läßt  ftet)  ber  Analogie  nad)  annehmen,  ba%  ftdj 
3>iefe  Sßermanbtfdjaft  in  ber  3SirfIid)feit  nidjt  nur  bei  emsemen 
Sötenfdjen,    fonbern    aud)    in   größeren   Waffen    üerfc&tebert 


44  £er  djriftlt$e  ©Iau6e.  Srfter  £f)etl. 

bifferentürt,  fo  bafe  entmebet  bei  Einigen  eine  öemtffe  klaffe 
tum  ftnnticben  <55efüf)len  fidj  leicht  unb  fidler  511t  frommen  (5t* 
tegung  gestaltet,  eine  anbete  ienet  entgegengefeate  abet  febmet 
obet  gat  nic&t,  bei  2tnbera  hingegen  fiel)  eben  biefeS  umge* 
febtt  berbätt,  obet  ba§  fidj  biejeiben  ftnnlicben  ©elbftberoufet* 
fein^uftänbe  bei  ben  ©inen  untet  bittet,  hd  ben  Slnbetn 
unter  bet  entgegengefeaten  SBebingung  au  ftommen  Momenten 
geftnlten.  2öa§  ba$  etfte  betrifft,  fo  fönnte  man  aunäcbft  biefe 
guftänbe  feilen  in  mebr  leibliche  unb  mebr  geiftige,  in  foldje 
bie  bureb  (Sinnnrfung  ber  Sftenfcben  unb  ibrer  Jpanblungen, 
unb  in  foldje  bie  bureb  Gsinnnrfung  bet  äufjeren  9?atur  ent* 
fteben.  Mein  bie§  fönnte  nut  bon  einzelnen  Sftenfcben  gelten, 
ba%  (Sintge  leistet  bureb  anbete  ^atureinbrüffe,  2lnbre  leidjtet 
bureb  gefettige  SSerrjältniffe  unb  bafjet  entftanbene  Stimmungen 
ftomm  ettegt  metben,  ein  Unterfebieb  abet  aunfdjen  einet 
frommen  ^emetnfdjaft  unb  ben  anbern  läfjt  ftcb  bierau§  niebt 
erflären,  inbem  eine  jebe  alle  biefe  Sßerfebiebenbeiten  in  ftcb 
fa£t,  unb  feine  bon  ilmen  bie  eine  obet  bh  anbete  5lrt  bet 
(Erregung  au§  tbrem  Umfang  au§fctjHe§t  obet  aueb  nur  be* 
beutenb  bie  eine  btnter  bit  anbere  surüffftettt.  Ifölan  fönnte 
ferner  barauf  feben,  ba%  nrie  baä  ganje  ßeben  ein  Snein* 
anberl'ein  unb  SfoSetnanberfolßen  bon  %f)im  unb  ßeiben  ift, 
fo  aueb  ber  äftenfcb  ftcb  feiner  felbft  balb  mebt  al§  leibenb 
balb  mebt  al§  tbätig  bemüht  ift.  Unb  bie§  liefce  ftcb  fdjon 
ebet  al§  gemeinfame  ©onftitution  großer  Waffen  benfen,  ba§ 
bier  bie  tbätige  gorm  be§  SelbftberoufetfeinS  ftcb  letzter  gut 
frommen  ©rregung  fteigert,  bie  leibenbe  mebt  auf  bet  ftnn* 
lieben  Stufe  aurüff bleibt,  bort  bütgegen  e§  ftcb  umgefebrt  bet* 
bält.  9cut  fteilieb  bafj  biefeg  fo  einfacb  aufgefaßt  lebigüdj  ein 
fliefjenbet  Untetfcbieb  bleibt  §mifcben  einem  mebt  unb  mtnbet, 
fo  bafi  betfelbe  Moment  mit  bem  (Sinen  betglicben  al§  ein 
mebt  leibenbet  mit  einem  anbetn  als  ein  mebt  tbätiget  auf* 
jufaffen  ift.  Soll  aroifdjen  ben  berfebiebenen  ©eftaltungen  ber 
grömmigfeit  eine  grofce  unb  im  (Jansen  antoenbbare  5ibtfjei* 
hing  gemaebt  merben,  fo  mufj  fieb  ber  fliefjenbe  Unterfebieb 
in  eine  folebe  Unterorbnung  bermanbeln,  mie  bet  Saj  an* 
bzutet  $)iefe  Unterorbnung  ift  nacb  bet  einen  Seite  bin  am 
ftärfften  ausgeprägt,  menn  bie  leibentlicben  Suftä'nbe  Qleic^biel 
ob  angenebm  ober  unangenehm,  ob  burdj  bie  äußere  Statut 
obet  bureb  gefettige  $ert)ältniffe  beranlafct,  ba&  fcblecbtbtnige 
2lbbcingigfeit§gefübl  nut  in  fofem  erregen,  al§  fte  auf  bit 
Selbfttbättgfeit  beaogen  merben,  baä  beifjt  in  fofetn  al§  toit 
ftnffen,  ba%  etma§  unb  ma§,  eben  be§fjalb  treu  Joir  un8  m 


CrftcS  Kapitel.  3ur  (Srflärung  ber  3)ogmatlf.  45 

t>er  (Siefammtljett  be§  <Setn§  in  bem  $erbättnif3  befinben 
tuetebeS  in  bem  leibentltdjen  guftanb  auSgebrüfft  ift,  t>on  un§ 
an  tfjun  fei,  fo  bemnadj  bafj  bie  mit  jenem  Buftanbe  Rammen* 
tlängenbe  unb  barau§  tjeroorgebenbe  £anblung  eben  biefe§ 
(^otteSberaufttfein  su  feinem  3m£ul§  Ijat.  SSo  alfo  bie  grömmtg* 
fett  fidj  fo  geftaltet,  ba  rc erben  bie  ietbentlicEjen  ßuftänbe,  jur 
frommen  Erregung  gesteigert,  nur  SSeranlaffung,  nm  eine  be* 
ftimmte  nur  au§  einem  fo  mobiftcirten  (S5otte§bemu^tfetn  er* 
ftärbare  Sljätigfeit  §u  entroiffetn;  unb  in  bem  Greife  folget 
frommen  Erregungen  erfcbeinen  alle  leibentlicben  SBerfjätrniffe 
be§  Eftenfeben  jur  SBelt  nur  afö  Mittel,  um  bie  (Sefammtijett 
feiner  tfjätigen  Suftänbe  berborsurufen,  rooburcb  ber  ®egen* 
■faj  smifc^en  bem  finnlictj  angenehmen  unb  unangenehmen 
barin  überwältigt  roirb  unb  in  ben  ^intergrunb  tritt,  roo* 
gegen  er  freilief)  bor^errfdjenb  bleibt  in  ben  gälten,  roo  ba$ 
ftnnltcbe  (Sefü§l  fidj  ntdjt  jur  frommen  Erregung  fteigert. 
$)tefe  Unterorbnung  be^eid^nen  mir  mit  bem  freiließ  anber* 
märt§  zttva§>  anber§  gebrausten  StuSbrul!  teleolo  gif  et)  er f 
grömmigleit,  ber  aber  Ijier  nur  bebeuten  fotf,  ba%  bit  öor* 
fjerrfdjenbe  &eate§ung  auf  bie  ftttlidje  Aufgabe  ben  ®runb*  j 
tt)pu§  ber  frommen  ÖJemüt5§äuffanbe  bilbet.  $ft  nun  bit  in 
ber  frommen  Erregung  borgebitbete  £anblung  ein  roerftbättger 
Beitrag  §ur  görberung  be§  9teicbe§  ®otte§:  fo  ift  ber  ®e* 
müt^öäuftanb  ein  erbebenber,  fei  nun  ba§  beranlaffenbe  ($5e* 
fü()l  angenehm  ober  unangenehm.  Sft  fie  aber  ein  Burütl* 
geben  in  ftet)  felbft  ober  ein  «Sueben  naeb  £mtfe,  um  eine 
nterfttdj  gemorbene  Hemmung  be§  Pieren  SebenS  aufsubeben: 
fo  ift  ber  ®emüt£)§3uftanb  ein  bemütbigenber,  fei  nun  ba§ 
beranlaffenbe  d5efüt)l  unangenehm  ober  angenehm  geroefen. 
%n  ber  entgegengefejten  SRicbtung  geigt  fictj  biefe  Unterorb* 
nung  in  üjrer  SBotffommenl)  eit,  raenn  ba§  «SelbftberouMetn 
eine§  £ljätigfeit§auftanbe§  nur  in  ber  Söesiebung  in  ba£ 
fctjle<t)tbinige  5X£»t)ängtgfett§gefür)l  aufgenommen  nrirb,  nrie  ber 
3uftanb  felbft  al§  Ergebnis  au§  benen  sraifeben  bem  ©ubjeet 
unb  bem  übrigen  gefammten  ©ein  beftefjenben  Sßerrjältmffen 
erfebetnt,  alfo  auf  bk  leibenttiebe  <5titt  be§  @ubject§  belogen 
tturb.  %lun  aber  ift  ieber  einselne  £§ätigfett§suftanb  nur  ein 
befonberer  5lu§bruff  bon  bem  in  bem  ©ubjeet  beftebenben 
unb  bie  perföntid&e  Eigentbümticbfett  beffelben  bilbenben  $er* 
bältnifj  ber  gemeinfamen  menfeblicben  Gräfte,  mithin  nu'rb  in 
jeber  frommen  Erregung  biefer  5Irt  jene§  SSer^ältni§  felbft 
■als  ba$  Ergebnis  ber  bom  tjöctjftert  SBefen  georbneten  din^ 
tturfungen  aller  SDinge  auf  ba§  ©ubjeet  gefegt,  in  ben  er* 


46  $er  <$riftli<$e  ©laufe.  (£rfter  S^etl. 

ljebenben  fonadj  qI§  gufammenftimmung  ba§  Ijeifjt  oI§  ©<$ön*- 
ijeit  be§  einzelnen  2eben§,  in  ben  unangenehmen  ober 
bemütcjigenben  al§  SKtfefttmmung  ober  J&äfelidjfeit  £)iefe  ©e* 
Haltung  ber  grömmigfeit  nun,  Wenn  jeber  Moment  ber 
©elbfttfjättgfeit  nur  als  ein  SBeftimmtfein  be§  ©injelnen  burcfy 
baä  gefammte  enbltd^e  ©ein,  alfo  auf  btc  leibentttc^e  Seite 
belogen,  in  ba$  fdjledjtljjtmge  2lbl)ängtg?ett§gefubl  aufge* 
nommen  wirb,  wollen  wir  bie  a'ftljetifdje  5röntmigfeit 
nennen.  Sßeibe  ®runbformen  finb  einanber  oermöge  ber  ent* 
gegengefesten  Unterorbnung  beS  in  beiben  sugleict)  gefesteit 
aud)  beftimmt  entgegengehest,  unb  jebe§  fromme  äftitgefübl  ge- 
galtet  ftdj  natürlich  in  beiben  eben  fo  ttrie  baä  ferfönlictje, 
tnbem  jene§  nur  ein  erweitertes,  biefe§  nur  ein  äufammens 
gesogene^  (Selbftbemufjtfein  ift. 

2.  ©ine  allgemeine  SftacrjWeimng  barüber,  ob  bte  gefcrjidjt^ 
Iidj  oorfommenben  (351auben§weifen  fict)  oorsügltdj  nad)  biefem 
®egenfaj  unterfcrjeiben  laffen,  märe  nur  ba$  (SJefdjäft  einer 
allgemeinen  frtttfct)en  SfteligionSgefd^icCjte.  &ier  !ommt  e§  nur 
barauf  an,  ob  ftdj  bie  (£intl)eihmg  in  foweit  bewährt,  bafe  fte 
ba§  GTbriftentfjum  oon  bemjenigen  ma§  iljm  coorbinirt  ift, 
treibet,  unb  un§  bur<$  nähere  Söeftfmmung  feine§  Drte§  bie 
5lu§fonberung  feines  eigenipmlictjen  2ßefen§  erleichtert.  2öa£ 
un§  tnbeffen  am  meiften  gegenmärtig  ift  al§  bem  Triften* 
t^um  in  biefer  ^)irtftct)t  fdjarf  entgegengefest,  ba§  ift  t&m  nictjt 
coorbinirt  fonbern  gehört  einer  nieberen  ©fufe,  nämlid)  bie 
^ettenifcrje  SSielgötterei.  Sn  biefer  tritt  bie  teleologtfdje  %li& 
tung  ganj  äurüff,  öon  ber  $bee  einer  ®efammtljeit  ftttltcrjer 
3toef!e  unb  Oon  einer  Söesietjung  ber  menfcrjlidjen  Buftänbe 
im  allgemeinen  auf  biefelbe  giebt  e§  Weber  in  i^ren  religiöfen 
©rmtbolen  noctj  felbft  in  üjren  SDctjfterien  eine  htbeuttnbt 
©pur,  Wogegen  ma§  mir  bie  äftr)etifct)e  5lnfid)t  genannt  fyabm 
auf  ba%  beftimmtefte  öorl>errfd)t  inbem  and)  bie  (Götter  Oor* 
gügticr)  Oerfdjiebene  SSerbältniffe  in  ben  £t)ätigfeiten  ber 
menf  blieben  (Seele,  unb  alfo  eine  eigentbümlic^e  gorm  innerer 
©cpri&eit  baraufteßen  beftimmt  finb.  S)afc  nun  ba§>  GXjrtften* 
tf)um,  audj  abgefeljen  Oon  ber  IjöTjeren  (Stufe  bie  e§  einnimmt, 
biefem  ßbarafter  auf  ba§  fdjärffte  entgegentritt,  wirb  wol 
nictjt  leidjt  jemanb  läugnen.  2Ba§  irgenb  auf  Meiern  ©ebiere 
($wtte§bemufjtfein  mirb,  ba%  Wirb  audj  belogen  auf  bie  ®e= 
fammtbeit  ber  £f)ätigfeit§suftänbe  in  ber  $bee  Oon  einem 
Sfteictje  ($otte§,  wogegen  bie  83orftellung  Oon  einer  (Scrjönr)eit 
ber  (Seele,  meiere  al§  (Srgebnife  aller  Statur«  unb  Söeltem* 
.ngen  ju  beuten  wäre,  bem  (£Ortftentl;um,  oljneradjtct  e& 


grfteS  ftoDltel.  3ur  (£rf lärmig  ber  S>oflmati!.    .  47 

fo  getttg  ben  ©cttcmSmuS  in  äJcaffe  in  ftdj  aufgenommen  Sai, 
immer  fo  fremb  geblieben  ift,  ba%  fte  niemals  in  ben  (£üflu§ 
gemein  geltenber  SluSbrüffe  auf  bem  (Gebiete  ber  djriftlidjen 
grömmtgfett  aufgenommen  ober  in  irgenb  einer  58e§anblun& 
ber  djriftlidjen  Sittenlehre  gettenb  gemadjt  morben  ift.  SeneS- 
im  (Sfjrtftent&um  f0  bebeutenbe  ja  alles  unter  ftdj  befaffenbe 
Sötlb  eine§  9teid)e§  ®otte3  ift  aber  nur  ber  allgemeine  2lu§* 
bruf!  babon,  bafj  im  (S^riftent^um  aller  <Sdjmer$  unb  alle 
greube  nur  in  fo  fern  fromm  ftnb  al§  fie  auf  bie  SXjätigreit 
im  Sfteidje  (SJotteS  belogen  merben,  unb  bafj  itbt  fromme  @r* 
regung  bte  öon  einem  leibentlidjen  Buftanbe  auSgetjt  im  58e*- 
wufjtfein  eine§  llebergangeS  jur  £tjätigfeit  enbet. 

S)amit  nun  aber  au<$  entfdjieben  roerbe,  ob  niccjt  eüoa  bet 
aufgezeigte  ®egenfaj  änüfdjen  ber  teleologifdjen  unb  äftljetifc&en 
fRic^tung  bennocfc  im  notfjmenbigetf  3ufammenljang  ftelje  mit 
bem  Untertriebe  beiber  Stufen,  fo  bafj  aller  $olbtljei§mu§ 
nottjmenbig  ber  äft^etifctjen  <&titt  angehöre  unb  aller  SDcono* 
t&etSmuS  ber  teleologischen,  bürfen  mir  nur  auf  ber  f)ödjften 
Stufe  felbft  fteben  bleiben  unb  fragen,  ob  bit  beiben  anbern 
monotljetftifdjen  ®laubenSn>eifen  ftdj  in  biejer  iptrtftc^t  tbtn 
fo  »erhalten  nrie  ba§>  (£Jjrtftent5um  ober  nidjt.  2)a§  ^uben* 
tijum  nun,  wenn  eS  gleich  bie  leibentlidjen  guftänbe  auf  bie 
tätigen  meljr  in  ber  gorm  öon  göttlichen  ©trafen  unb  23e* 
lotmungen  bejiejt  als  unter  ber  t»on  Slufforberungen  unb 
SSübungSmitteln;  fo  ift  bodj  bvt  borljerrfdjenbe  gorm  beS 
©otteSbetuufjtfeinS  bk  beS  gebietenben  SSillenS,  unb  e§ 
menbet  fiel)  alfo  notfjmenbtg,  audj  menn  eS  öon  leibentlidjen 
Suftänben  auSgetjt,  ben  tätigen  ju.  ®er  ^§lam  hingegen 
geigt  feineSroegeS  biefelbellnterorbnung  beS  leibentlidjen  unter 
baS  tätige.  SSielmeljr  ba  biefe  ©eftaltung  ber  grömmigfeit. 
in  bem  Söeroufjtfein  unabänb erlict) er  göttlicher  Sdjtftungen 
%ux  gchtälidjen  Ütulje  lommt,  fo  bafj  audj  baS  SelbfttljätigfeitS* 
bertmfjtfein  ftdj  nur  auf  bk  5lrt  mit  bem  fd)led)tt)inigen  2tb« 
bängtgfeitSgefüljl  einigt,  bafj  feine  Söefttmmttjeit  als  in  jenen 
(Schulungen  beruljenb  gefegt  mirb:  [o  offenbart  ftdj  in  btefent 
fataXifttfctjert  GHjarafter  auf  baS  beutltdjfte  eine  llnterorbmmg 
beS  ftttlidjen  unter  baS  natürliche.  £)ie  monotljeiftifcrje  (Stufe/ 
erfdjetnt  fonadj  geseilt,  ber  teleologische  %tyv@  am  metften' 
im  (£ljriftentl)um  ausgeprägt,  minber  oollfommen  im  guben* 
ttjum,  rcogegen  ber  SDculjamebaniSmuS,  oollfommen  eben  fo 
monotfjeiftifdj,  unOerfennbar  ben  äft§etif<$en  SgjniS  auSbrütTi 
Sonadj  ftnb  mir  für  unfere  Aufgabe  fdjon  auf  ein  beftimmteS 
(bebtet  angewtefen,  unb  maS  mir  als  baS  eigentümliche  SBefem 


48  ©er  djriftiicfie  ©lau6e.  (Srfter  Sfiell. 

ber  (£brtftentbum§  cmfftetten  motten,  barf  e6en  fo  mentg  bon 
ber  teleotogifcfien  Üttcbtung  abmeic&en  als  bon  ber  monotbeiftU 
fd>en  ©tufe  berabftetgen. 

§.  10.  Qebe  einzelne  ©eftaltung  gemeinf$aftltd)er 
grömmigfeit  ift  (Sine  tfyetfä  äußernd)  als  an  »ort  einem 
fceftimmten  Anfang  au3gct;enbe£  ge^i^tli^ftättge^  tfyette 
innerlid)  aU  etgent^ümliaje  2Ibänberung  alles  beffen,  ma§ 
in  jeber  ausgebildeten  ©laubensmeife  berfelben  2trt  unb 
Slbftufung  aud)  borfommt,  unb  aus  beibem  jufammen* 
genommen  ift  ba$  eigentt)ümlia>  SBefen  einer  \eben  ju 
erfefyen. 

2t  nm.     SßgL  Sieb,  üb.  b.  Siel.  @.  376  folgb. 

1.  S)er  erfte  £beil  be§  Sa^eS  märe  falfdj,  menn  man 
nadjroetfen  fönnte,  ober  aud)  nur  al§  möglich  ben!en,  ba% 
d)rifüid)e  grömmigfett  irgenbmo  gletdjfam  bon  felbft  entfielen 
fönnte  ganj  au&erbalb  atte§  gefdjtdjtltdjen  gufammenbangeS 
mit  bem  bon  ©fjrtfto  ausgegangenen  SmpulS.  2)affelbe  mürbe 
bann  audj  geltenlbon  mubamebanifcber  unb  jübifct)er  in  Söejug 
auf  9Kofe§  unb  3Jcuf)ameb.  ®ie  Söcöglicbfeit  inbeß  mirb  nie* 
manb  sugeben.  Stuf  ben  untergeorbneten  Stufen  atterbhtgS 
ftebt  bieje  äußere  ©tnljett  nidjt  fo  feft,  tbettS  meit  ber  Slnfang§s 
punft  oft  in  bte  tiorgefc^tcrjtlicfje  Seit  fällt,  ma§  bon  ber  bor* 
mofatfdjen  monotfjetfttfdjien  Sßerebrung  beS  gebobalj  aud)  gilt, 
tljetlS  aud)  metl  manche  biefer  gefctjicrjtticrjen  formen  mie  bte 
bettenifcbe  unb  nod)  mebr  bte  römtfdje  Vielgötterei  ein  au§ 
mancherlei  febr  berfd)iebenen  2lnfang§punften  attmäbltg  su* 
fammengemebte§  ober  aud)  bon  felbft  sufammengemacbfeneS 
©anjeS  barftetten.  SlebnltdjeS  liefe  fidj  gemtß  aud)  bon  ben 
norbtfdjen  unb  tnbtfdjen  Striemen  behaupten.  Stttetn  biete 
fcbetnbaren  5lu§nabmen  beftättgen  btelmebr  bie  9iegel  unfereS 
Sa^eS.  $)enn  je  meniger  bie  äußere  (Stnbett  befttmmt  nacb* 
gemtefen  merben  fann,  um  befto  fcbmanfenber  ift  aud)  bte 
innere;  unb  e§  fdjeint  bafc,  wie  in  bem  (bebtet  ber  9?atur 
auf  ben  untergeorbneten  2ebeu§ftufen  aud)  bie  Gattungen  un* 
befttmmter  gebalten  ftnb,  fo  audj  auf  biefem  ©ebiet  eine 
gleichmäßige  SSottenbung  ber  äußern  unb  innern  ©ütljett  nur 
ber  böbern  ©ntrotffumg  borbcbalten  bleibt,  am  tnntgften  aXfo 
audj  in  ber  bottfommenften  ®eftaltuitg  —  al§  meiere  mir  im 
twrau§  ba%  GHjriftentbum  beseid)nen  möcbten  —  bie  innere 
©igentbümltd)fett  mit  bem  berbunben  fein  muffe,  moburdj  bte 
äußere  C£tnr)ett  gefd)idjtltdj  begrünbet  mirb. 


©rfteS  Kapitel,  gur  ®rt lärung  ber  ®ogmailf.  49 

$)er  gtüeite  Stjeil  be§  ©ase§  märe  falfdj,  menn  man  be* 
Raupten  fönnte,  bafe  bie  oerfd^iebenen  frommen  (Siemeüifdjafteit 
roefentlidj  nur  burdj  3eit  unb  Sfiaum  getrennt  mären,  o^ne 
eigentlich  innere  SBerfdjieberi&eit.  Sto^u  mürbe  aber  gehören, 
t>a£  menn  ftdj  beren  smeie  im  SRaume  berührten,  fte  fic§ 
au<$  für  ibentifdj  erfennen  unb  aifo  in  Eine3  sufammen 
geljen  müßten,  unb  ba$  bte§  blofj  burd)  unberftänbigen  ©igen* 
ftnn  ber  burdjauS  ben  tarnen  be§  Urt)eber§  feftljalten  mottle, 
ii§  auf  einen  gemiffen  ®rab  fönnte  geljinbert  roerben.  Eben 
fo  bafj  ieber  Einzelne,  ofjne  bafs  irgenb  eine  innere  $er* 
änberung  mit  tljm  Vorginge,  an$  feiner  frommen  gemein* 
fdjaft  in  eine  ganj  onbere  übergefm  !önne  lebigltcl)  baburdj 
ba%  er  bie  eine  gefc^ic^tlictje  Slnfnüpfung  auftöft  unb  ftd) 
einer  anbern  anfdjltefet.  2)ie§  mürbe  aber  gegen  alle  Er* 
faljrung  ftreiten.  %a  e§  märe  unter  biefer  33orau§fesung 
unmöglich,  bafc  eine  $Religion§gemeinfcl)aft  innerhalb  einer 
anbern  entfielen  fönnte  unb  ft<$  oon  ü)r  lofjrei|en;  benn 
menn  nidj)t§  neues?  l)inemfäme,  fönnte  aud)  fein  neuer  Anfang 
fein  ba  mo  baffelbe  [d)on  mar. 

2.  lieber  ben  eignen  Stnfang  ieber  frommen  ($5emeinfdjaft 
nun  bebarf  e§  feiner  meiteren  Erörterung.  Db  eine  neue 
Wartung  be3  fd}le<$tljinigen  5lb^ängigfeit§gefü^l§  suerft  nur 
in  Einem  ober  gleichzeitig  in  SWeljreren  ft<$  bilbet,  ift  gteidj* 
gültig,  nur  bafj  $eber  ba%  le§tere  im  2lttgemeinen  unmaljr* 
feb  einlief  er  finben  mirb  al§  baä  erfte.  Eben  fo  märe  e§  unnüj, 
oerfdjiebene  5lrten  unterf Reiben  gu  motten,  mie  eine  foldje 
neue  Söilbung  in  ber  (Seele  entfielen  fann,  ba  bit  gemein* 
fdjaft  nur  erft  bur<$  bie  ÜDcittf)  eilung  unb  ^Übertragung  ent* 
ftefjt.  2)af$  e3  aber  mit  ber  inneren  S3erfct)ieben^eit  bte  in 
beut  <Sa$  au^gefbroc^ene  $8eroanbnife  l)abe,  bebarf  nodj  einer 
Erörterung.  2)er  <Saj  nämlid}  behauptet,  ma3  iebodj  unferm 
3meff  gemäfc  nur  auf  bie  frommen  ©emeinfe^aften  ber  Ijödjften 
©tufe  angemenbet  merben  fott,  bafe  in  allen  jmar  baffelbe  fei, 
aber  in  ieber  atte§  auf  anbere  SSeife.  $)ie  Ijerrfc§enbe2lnftdjt 
hingegen  ift  bie,  bafe  ba$  SJceifte  in  allen  ©ememfdjaften  ber 
IjöcMten  ©rufe  baffelbige  fei,  unb  bafj  ju  biefem  allen  gemein* 
famen  nur  in  jeber  nod)  einiget  befonbere  Ijinäufomme,  fo 
etma  um  e§  nur  au§  bem  groben  baraufteHen,  bafj  ber  (glaube 
an  Einen  ($5 ort  ba§  allen  biefen  gemeinfame  fei  mit  allem 
ma§  baran  Ijängt,  in  ber  einen  aber  fomme  ber  (SJeljorfam 
gegen  bie  ©efesgebung  ^inju,  in  ber  anbern  ftatt  beffen  ber 
glaube  an  Efjriftum,  unb  in  ber  britten  ber  an  ben  Sßropljetett. 
Mein  menn  ber  ®iaube  an  Eljriftum  olme  Einfluß  märe  auf 

e*i..^tiftr.®i.L  i 


50  ©er  d)rift[ict)e  (Blaube.  Grfter  £f)etl 


ba$  oljne  benfelben  unb  bor  iljm  fdjon  borbanbene  ©otteS* 
oehntfetfein  unb  auf  bie  $lrt,  tote  e§  fid)  mit  ben  ftnnlidjett 
(Erregungen  einigt:  [o  ftänbe  er  entmeber  gans  aufebalb  be$ 
©ebiete§  ber  grömmtgfett,  unb  märe  mithin,  ba  ibm  ein 
anbereS  gar  ntctjt  angemiefen  merben  fann,  nidjt§,  ober 
(Et)riftu§  märe  menigften§  nur  ein  einzelner  ©egenftanb, 
tüelcfjer  audj  (Einbrüffe  Ijerborbringt,  bie.  ftdj  mit  bem  ©otte§* 
bemufjtfein  einigen  !önnen,  unb  auct)  in  biefem  gatt  märe  bon 
einem  ©tauben  an  iljn  eigentlich  nidjt  bte  Ötebe.  ©oEte  aber 
bit  Meinung  bie  [ein,  ber  (glaube  an  (Efjrtftum  Ijabe  aller* 
bing§  einen  (Einfluß,  aber  nur  auf  einige  fromme  (Erregungen, 
bie  meiften  aber  mären  im  (Ebriftenttjum  gans  eben  fo  geftaltet 
tote  in  anbern  monottjeiftijdjen  ©laubenSmeifen:  fo  mürbe 
barin  bod)  bxt  Söefjaubtung  liegen,  ba%  biefer  (glaube  meniger 
einen  (Einflufe  Ijabe  auf  ba$  ®otte§bemu§tfein,  meldjeS  \a  in 
allen  frommen  (Erregungen  beffelben  Sftenfdjen  jur  f  elften 
Beit,  b.f).  fo  lauge  er  berfelben  frommen  ©emeinfdjaft  an« 
geprt,  audj  baffelbe  fein  mufj,  fonbern  e§  märe  nur  ein  &in* 
flufc  auf  ba%  finnlidj  erregte  (Selbftbemu^tfein,  melier  alfo 
feine  eigene  ©Iauben§meife  begrünben  fönnte.  (E§  bleibt  bei* 
tjer  nur  bie  Slnnaljme  unfere§  @age§  übrig,  meiere  in  ftdj 
fc^Hcfet,  bafj  in  jeber  mirflidj  eigentümlichen  frommen  ©e* 
nteinfdjaft  ba§  <Selbftbemufjtjein  felbft  ein  anber§  beftimmte§ 
fein  mufc,  inbem  nur  unter  biefer  Söebingung  audj  alle  frommen 
(Erregungen  anber§  fömten  beftimmt  jein.  SSie  e§  ftd)  nun 
an  iebem  einjetnen  Söeifbiel  feigen  mufj,  bafj  nur  fdjeinbar 
etma§  ganj  baffelbe  fein  fann  in  ber  einen  ®lauben§metfe 
mie  in  ber  anbern,  menn  boctj  ba§  ©otteSbemufjtfein  felbft 
berfdjieben  beftimmt  ift  in  beiben:  fo  ift  audj  ba%  nur  ein 
(Schein,  ba%  in  jeber  ($5tauben§meife  etma§  fei  ma§  in  ber 
anbern  gäitätidj  fefjle.  $)enn  menn  bodj  audj  in  anbem 
@(auben§meifen  Sftenfdjm  erbung  ©otte§  borfommt  unb  gött* 
lidje  ®eifte§mittfjeilung:  ma§  foUte  mol  ba$  fdjtedjtljin  neue 
be§  (Ebriftentt)ume§  fein?  ©affetbe  läfjt  ftdj  aber  audj  im 
TOgememen  etnfeljn.  ©oll  nä'mlidj  unter  93orau§feaung  eine§ 
botlt'ommen  gleich  befttmmten  ®otte§bemu£tfein§  in  einer 
©lauben§meife  etma§  fein,  tt>a§  in  ber  anbern  nidjt  ift:  fo 
f önnte  biejes?  nur  berufen  auf  einem  berfdjtebenen  (ErfaljrungS* 
gebiet;  unb  fomit  müfjte  ber  gange  Unterfdjieb  berfdjmtnben, 
menn  bie  (Erf  ab  rangen  ftdj  au§gletdjen. 

3.  SBenn  mir  nun  glei$  ben  Segriff  ber  2Irt  auf  tmferm 
Gebiet  nur  in  einem  unbeftimmteren  (Sinne  aufftetten  fonnten: 
fo  ftefjt  bodj  ber  be§  ^nbibibuum§  audj  Ijter  fefter    unb  bte 


©rfte§  Sapitet.  3ur  (Srftäriutg  ber  Togmatif.  51 

fn  unferem  (Sa§  aufgehellte  gormel  ift  biefelbe,  meldte  für 
alle  inbünbueßen  Unterschiebe  innerhalb  berfelben  5lrt  uub 
(Gattung  gilt,  2)enn  jeber  SReufd)  §at  atte§  baä  ft>a§  ber 
anbere  aber  aüe§  anber§  beftimmt;  unb  bie  gröfjte  $Ieljnlicfjs 
fett  ift  uur  eine  abnelmtenbe  pdjften§  beatef)ung§toeife  Per* 
fcrjrainbenbe  SBerfcfjieberi&eit.  (So  Ijat  aucfj  jebe  5lrt  baffelbe 
tüte  \ebt  anbere  ttjrer  (Gattung,  unb  aKe§  im  eigentlichen  (Sinn 
Ijinsufommenbe  ift  nur  sufätttgeS.  9cur  ba§  5luffinben  biefe§ 
unterfd)eibenben  tu  einem  eigenlfjümliccjen  Smfein  ift  eine 
Aufgabe,  meldte  tu  SSorten  unb  Sä§en  nie  Pollfommen,  fonberu 
nur  burcrj  5lnnäfjerung  fanngelöftm  erben,  ©aljeraud)  Dcatur* 
forfefoer  unb  <35efc6)icrjtfcfireiber  nur  gemiffe  SOcerfmale  al§  ®enn* 
äeierjen  t)erau§sut)eben  Pflegen,  oljne  bafj  fte  behaupten  möchten, 
ba%  biefe  aüe§  unterferjetbenbe  unb  ctj ar af ter iftif ctj e  au§brü!!en ; 
unb  bamit  roirb  fidj  aucfj  ber  ÜMigion§befct)reiber  in  ben  meiften 
gäHen  begnügen  muffen.  (Sott  inbefj  sunt  33erfuct),  bamit  ber 
5lpologift  einer  einzelnen  ($51auben§meife  um  fo  weniger  fefjU 
greife,  ehr>a§  OTgemeine§  angegeben  merben:  fo  mürben  mir 
nur  bei  jenem  bleiben,  ba%  in  ieber  eigentümlichen  Ö5tauben§^ 
meife  ba%  an  unb  für  ftctj  überall  auf  berfelben  (Stufe  gleiche 
®otte§bemuJ3tfein  au  irgenb  einer  SBesieljung  be§  <Selbft* 
bemufjtfeinS  auf  fo  Oor^üglic^e  SBeife  haftet,  ba§  e§  fict)  mit 
allen  anbern  ^efttmmttjeiten  be§  <Selbftbemufjtfein§  uur  Per- 
mittelft  jene§  einigen  fann,  fo  ba%  biefer  Söe^ietjung  alle  anbereu 
untergeorbnet  finb,  unb  fie  allen  anbern  üjregarbeunb  iljren 
£on  mitteilt.  (Sollte  e§  icrjeinen,  al§  merbe  t)ierburcrj  meljr 
nur  eine  Derfcrjiebene  Siegel  ber  Sßerfnüpfung  frommer  Momente 
au§gebrü!ft  al§  eine  ^erfcfjiebentjett  ber  gomt  ober  be§  2m* 
ljatte§:  fo  ift  nur  gu  bemerfen,  ba%  jeber  Moment  felbft  $er* 
fnüpfung  ift  al§  Uebergang  nämlich  t>om  borigen  sunt  folgenben, 
unb  alfo  audj)  ein  anberer  merben  mufe,  rcenn  ba£  fromme 
(Selbftbehmfjtfein  unter  eine  anbere  23erfnüpfung§roeife  ge* 
ftettt  mirb. 

3uf  a§.  Sftnr  au§  ben  beiben  in  unferm  (Sa§  aufgehellten 
fünften,  nämlicfj  bem  befonbern  Einfang  auf  ben  jebe  fromme 
(^emeinfctiaft  surüffgeljt  unb  ber  eigentt)  umliefen  (Mtaltung, 
meiere  bie  frommen  Erregungen  unb  bie  5lu§fagen  über  bit* 
felben  in  jeber  annehmen,  läfet  fiel)  aucfj  ber  (Sprachgebrauch  ! 
berbe!annten5lu§brüftepofitit)  unb  geoff  enbartrepuliren.  | 
®afj  biefe  siemlidj  Permorren  gebraucht  merben  oft  gans 
auf  biefelbe  SBeife  balb  öon  ben  einzelnen  Seljren  balb  öon 
ber  ®lauben§ir»eife  überhaupt,  unb  balb  bem  natürlichen 
entgegengeht  balb  bem  Pemunftmä'fjigen,   bieg  ift  befannt. 

4* 


52  $er  djrifttldje  ©laufte,  ßrfter  Xfjeil. 

©cljroerlid)  möchte  e§  au<$  be§ljalb  gelingen  fte  fo  fefouftellen, 
ba%  bon  benfelben  ein  gleichmäßiger  bitrc&gefüljrter  ®ebrau<$ 
auf  bem  (gebiet  ber  miffenfcljafttidjen  Geologie  ju  machen 
märe.  %üx  ben  erften  5lu§bruff  Ijaben  mir  eine  gute  Seitung 
an  bem  ©ebraud},  ber  bon  bemfelben  gemacht  mirb  auf  bem 
Gebiet  ber  fRecf)t§ier3re,  mo  man  ba$  pofittbe  fRectjt  entgegen* 
fest  bem  Sftaturred^t.  Sßergleidjt  man  beibe§,  fo  finbet  ftct}, 
ba$  ba§  DMurredjt  in  bemfelben  (Sinn  mie  ba§  bofttibe, 
nämlich  al§  93aft§  einer  bürgerlichen  ©emeinfcl)aft,  nirgenb 
ift  ©elbft  bie  emfadjften  unb  urfbrünglidjen  SBerljältniffe, 
mie  ba$  bäterlidie  5lnfeljn  ober  bie  e^ücrje  ®emeinf$aft  ftnb 
in  jeber  ®efeltf<$aft  auf  eine  eigentümliche  Sßeife  beftimmt, 
im  &taat  bur<$  bie  mörtticfc  abgefaßte  ®efesgebung,  bor 
bemfelben  bur<$  bie.  Ijerrfdjenbe  (Bitte.  £)a§  9caturrec^t  aber 
ift  nur  baZ.  ma§  fict)  au§  ber  ®efesgebung  alter  (^efeUfctjaften 
auf  bie  gleiche  SSeife  abftrajjtren  läßt,  ^a  felbft  menn  e§ 
al§  reine  (Srfenntniß  auf  einem  anbern  SSege  au  ©tanbe 
fäme,  mürbe  bod)  %ebex  gefteljen,  ba%  menn  bon  einer  Sin* 
menbung  beffelben  bie  fftebe  fein  follte,  e§  bo$  erft  nät)er 
beftimmt  merben  muffe,  unb  alfo  al§  anmenbbar  ebenfalls 
nur  auf  ben  Slct  biefer  nähern  Söeftimmung  äurüffgefüljrt 
merben  !önne.  <Bo  ift  e§  nun  aud)  mit  ber  natürlichen 
Religion,  baß  fte1  al§  95aft§  einer  religiöfen  ©emeintdjaft 
nirgenb  tft,  fonbern  nur  ba&  raa§  ftctj  au§  ben  Seljren  aller 
frommen  ®emeinfd)aften  ber  Impften  Drbnung  gleichmäßig 
abftral)iren  läßt  al§  ba$  in  allen  borljanbene  nur  in  jeber  . 
anber§  beftimmte.  ©ine  foldje  bezeichnete  bit  gemeinfamen 
Derter  für  alle  in  ben  firc&lid^en  ©emeinfdmften  bort'ommenben 
frommen  ®emütt)§suftänbe,  unb  müßte,  menn  man  fid&  alle 
frommen  (Semeinfdjaften  al§  f$on  gegeben  benft,  unb  audj 
in  Söejug  auf  bie  Terminologie  einer  folgen  2ef)xe  bit  ber* 
fciiebenen  bl)üofobljtfct)ett  ©t)fteme  al§  gegen  etnanber  au§* 
geglichen,  überall  biefelbe  unb  ju  allen  Seiten  ftdj  felbft 
gleich  fein,  märe  aber  audj  immer  unb  überall  nur  ein  (£igen= 
tljum,  meld)e§  neben  i^rer  beftimmten  2trt  unb  SBeife  ber 
grömmigfeit  unb  bem  ÄuSbruff  berielben  in  ber  £el)re  bit* 
jenigen  einzelnen  au§  ben  berfcl)iebenen  SfteligionSgemein* 
f<$aften  befäßen,  meiere  bon  itjrem  ©tanbbunft  au§  auclj  bie 
übrigen  ®emeinfd)aften  in  i^rer  3ufammengel)örigf  eit  an* 
erfennenb  ba§>  in  ber  SöirHiccjfett  getrennte  in  einer  fjöfjeren 
©inljeit  äujammenaufcljauen  bermögen.    (£§  mürbe  audj  nidjt 

1  S89I.  §.  6.  Sufaa. 


(SxfteS  Äcnntel.  3ur  (gtflärung  ber  ©ogmattf.  53 


ferner  toerben  gu  bemeifen,  tbeilS  bafj,  maS  man  mit  Meiern 
tarnen  begeidmet,  and)  mirflid)  auf  biefem  SSege  entftanben 
ift,  tfjetlS  ba£  bie  einzelnen  $erfud>e  biefeS  fecunbäre  (Er* 
aeugnife  gur  SöafiS  einer  ftrdjticben  ©emeinfdjaft  gu  machen 
immer  mißlungen  finb,  unb  aud)  immer  mißlingen  muffen; 
bod)  bieS  geprt  meniger  bieder.  SSäre  bemnad)  als  btofce 
SufammenfteHung  bon  ßefcrfäaen  eine  foldje  natürliche  nidjt 
fomol  Religion  als  ©laubenSteljre  mie  man  eigentlicher  fagen 
fofftc  auf  ieben  gatt,  aud)  menn  fie  nodj  anberS  entftanben 
märe,  nur  baS  gemeinfame  alter  monotjjeiftifctjen  ©laubenS* 
meifen:  fo  bemäljrte  firf)  bann  baS  bofttibe  einer  leben  al£ 
baS  mbibtbualifirte,  raeldjeS  toie  oben  gegeigt  roorben  in 
einer  ieben  nid)t  ettoa  nur  §ie  unb  ba  ift,  fonbern  menngleidj 
bier  mebr  bort  meniger  berbortretenb ,  bod)  immer  genau 
genommen  überall.  (ES  ift  aud)  nur  ein  SDcifjberftänbnifc, 
menn  man  bit  mirflidj  befte^enben  frommen  ©emeinfdjaften 
baburdj  öon  einanber  unterfebeiben  totff,  bafs  in  ber  einen 
baS  bofttibe  feinen  Ort  Ijjier  babe  in  ber  anbern  bort,  mie 
g.  23.  im  (Eftriftentbum  feien  eS  bk  ße^ren,  im  ^ubentbum 
aber  bie  (Gebote.1  S)enn  finb  in  einer  ©ememfdjaft  bte  ©e* 
böte  mebr  herausgearbeitet  unb  bie  Seijren  meniger,  in 
einer  anbern  umgefetjrt;  fo  berftefft  fid)  in  bem  einen  gatt. 
bit  Seljre  nur  im  ©ebot  als  (Symbol,  nnb  im  anbern  tritt 
bie  ße^re  felbft  auf  als  ©ebot  fie  auSgufpredjen  unb  gu  be- 
fennen.  (ES  märe  audj  eben  fo  unrichtig  gu  läugnen,  ba%  bie 
Sßorfcbriften  ber  djriftltdjen  «Sittenlehre  bofttiü  mären,  alS 
bafj  bie  ßetjre  bon  Sejobafj  eS  im  Subent^um  fei.  ^eben- 
falls ift  meber  baS  ©ebot  als  SluSbruff  einer  gemeinfamen 
£>anblungSmeife  nod)  bie  ßefjre  als  3(uSbruff  einer  gemein* 
jamen  SSorfteltungSart  etmaS  urfbrünglt$eS,  fonbern  beibeS 
in  ber  gemeinfamen  (Eigenttjümttcbfeit  ber  frommen  (Erregungen 
gegrünbet.  £)a  nun  otjne  biefe  auefj  bie  beftimmte  ©erneut* 
jdjaft  felbft  nid)t  bätte  entfteben  tonnen,  biefe  aber  bon  ber 
ibren  Anfang  begeidmenben  £ljatfadje  ab  unb  in  Söegug  auf 
biefelbe  beftanben  fjat:  fo  mu|  aueb  baS  eigentümliche  ©e* 
präge  ber  frommen  (Erregungen  in  berfelben  £batfad)e  be* 
grünbet  fein.  S)iefeS  nun  foH  burdj  ben  5luSbru!f  p of itib 
begeiebnet  merben,  ber  inbiüibueEe  Snjjalt  ber  gefammten 
frommen  SebenSmomente  innerhalb  einer  religiöfen  ©erneut* 
febaft,  fofern  berfelbe  abbängtg  ift  bon  ber  Urtfjatfacbe,  auS 
roeldjer  bie  ©emeinfeijaft  felbft  als  eine  gufamment)ängenbe 


1  ©.  3K.  2Kenbel§[of)n§  Serufalem. 


54  £er  djriftlidie  ©foufie.  (grfter  Sfjetr. 

gefdjtcfitHdje  Grfdjehumg  Ijerborgegangen  ift.  —  2>ie  9lu§brüffc 
offenbaren  geoffenbart  Offenbarung  bieten  nodj 
meljr  ©d&hriertgfetten  bar,  inbem  fte  fdjon  urfbrünglicf)  balb 
mein'  ba§>  (Srljellen  be§  bnnflen  bermorrcnen  unbemerften 
balb  meljr  ba$  Slufbeffen  niib  (£ntf)ülTen  be3  bi§tjer  berborgen 
gemefenen  unb  geheim  gehaltenen  bebeuten,  nocf)  meljr  23er* 
mirrung  aber  tft  Ijtneingefommen  burdj  bie  ttnterfcrjeibung 
ämifctjen  mittelbarer  nnb  unmittelbarer  Offenbarung.  2)a* 
rüber  tnbefj  merben  ftct)  rool  SlUe  leidjt  tiereinigen,  bafj 
meber  ba%  auf  bem  (Gebiet  ber  (Erfahrung  bon  bem  Einen 
entbeffte  unb  5Inbern  überlieferte  nod)  ba§  tum  Einem  burcb 
Sftadjbenfen  erfcmnene  unb  fo  bon  Stnbent  erlernte  jemals  als 
geoffenbart  beseidjitet  tuirb ;  unb  eben  fo  barüber,  bafj  eine 
göttlidje  SRttt^eüuttg  unb  ®unbmad)ung  babei  borauSgefest 
mirb.  Unb  in  biefem  ©hüte  finben  mir  ben  5lu§bru!f  ferjr 
allgemein  auf  ben  ttrforung  frommer  ©ememfdjaften  an* 
geroenbet.  S)enn  bon  melden  religiöfen  ÜXJhrfteriett  unb  be* 
fonbern  (55ottc3bereljrungen  fomol  htx  ben  Hellenen  als  hei 
ben  9tegt)btern  unb  gnbiern  märe  benn  nidjt  behauptet  morben, 
ba%  fte  urfarüngltdj  bom  £immel  gefomnten  ober  auf  trgenb 
eine  airfeer  bem  Bufammenfyang  ber  menjd)lid)en2)inge  liegenbe 
SBetfe  bon  ber  <55ottl)eit  mären  funb  gemacht  morben.  ^a 
nicrjt  fetten  finben  mir  audj  ben  Einfang  ber  bürgerlidjen  ($5e= 
fettfdjaften,  mie  benn  bon  born  herein  ftttlidjeS  unb  religiöfeS 
häufig  ungetrennt  erfdjeint,  auf  eine  göttliche  (Senbung  beffen, 
ber  guerft  ben  (Stamm  gu  einem  bürgerlichen  herein  fammelte, 
äurüt'fgefufjrt  unb  alfo  bte  neue  SebenSorbmtng  auf  Offen* 
barung  gegrünbet.  3)emnadj  mürben  mir  jagen  fönnen,  ber 
begriff  beseiclme  bte  Urfprünglidjfeit  ber  einer  religiösen 
$emetnfdjaft  §um  (Srunbe  liegenben  Stfjatfadje,  infofern  fte 
al§  ben  inbibibueßen  ®eljalt  ber  in  ber  ($5emeinfd)aft  bor* 
fommenben  frommen  (Erregungen  bebingenb  felbft  nicr)t  roteber 
auS  bem  früheren  gefd)td)tlid)en  ßufammenlmng  ju  begreifen 
ift.  £>afj  nun  rjier  tu  bem  urfbrünglidjen  eine  göttliche  Sau* 
falität  gefegt  tft,  bebarf  feiner  meiteren  Erörterung;  au$ 
biefeS  ittct)t  bak  eS  eine  auf  baS^eil  ber  9!)ccnfdjen  abgmeffenbe 
unb  eS  förbernbe  SSirffamfett  ift.  9cur  bie  Sßeftimmung 
möd)te  tdj  nid)t  gern  aufnehmen  ba%  fie  eine  SSirhtng  fei  auf 
ben  äftenfcfjen  als  erfennenbeS  SSefen.  2)cnn  alSbann  tft 
bie  Offenbarung  aud)  uribrünglidj  unb  mefentlidj  Seljre;  unb 
Riebet  glaube  tdj  ntdjt  ba%  mir  fteljen  bleiben  fönnen,  meber 
menn  mir  auf  boS  gange  (Gebiet  beS  Begriffs  feljn,  nodj  roemt 
mir  i(jn  im  borauS  bor$ügltdj  in  Söegtefmng  auf  baS  Gtjriftentljunt 


GrfteS  fiapitel.  3ur  ©rflänntg  ber  3>ogmaiif.  55 

fceftimmen  motten.  £)emt  menn  eine  Söerfnüfcfung  bon  ©äaen 
toerftanben  merben  fann  au§  itjrem  3ufammenl)ang  mit  anbern, 
fo  mar  audj  ju  tfjrer  &erbor6ringung  nirf)t§  übernatürliches 
ttötljig;  menn  aber  nic|t,  bann  fönnen  fie  aurf)  aunädjft  nur 
erfaßt  merben,  morüber  mir  un§  nur  auf  bit  erften  ®runb* 
fäge  ber  £>ermeneuttf  berufen,  al§  Sfjeüe  eine§  anbern  ®anaen, 
al§  £eben§moment  eine§  benfenben  28efen§,  roeldjeS  urförüng* 
lid)  auf  un§  mirft  al§  eigentümliche  (Sjiftens  burdj  feinen 
5£otaleinbruff,  unb  biefe  Söirfung  ift  immer  eine  Sßirfung  auf 
baZ  ©elbftberoufjtfein.  £)ie  urfürünglic^e  £Ijatfadje  mirb  alfo 
immer  ba%  Stuftreten  einer  folgen  (Sjiftenj  fein,  unb  bie  ur* 
fprüngtic^e  SBirfung  immer  bie  auf  ba$  (Selbftbemu^tfein 
berer,  in  beren  Seben§fret§  fie  eintritt.  $)af$  Ijierburd)  bte 
fielire  nidjt  au§gefrf)loffen  mirb  fonbern  mitgefeat,  leuchtet  ein. 
Ucbrigen§  bleibt  e§  immer  ferjr  färoterig  ja-  faft  unmöglich, 
biefe  $orfteftung  beftimmt  gu  begrenaen,  unb  menn  fie  fo  be* 
fttmmt  gefaxt  mirb  ifjre  ©ntftebung  überalt  mo  fie  oorfommt 
gu  erflären.  SDenn  überall  auf  bem  mijttjologifctjen  ®ebiet, 
"bem  fjeftenifdj)en  forool  al§  bem  orientalischen  unb  norbifd^en, 
ftreifen  biefe  göttlichen  Mitteilungen  unb  ®unbmact)ungen  fo 
nalje  an  bie  I) beeren  guftänbe  ber  tjeroifctjen  fomol  at§  biegte* 
xifdjen  SBegetfterung,  ba%  betbe§  ferner  oon  einanber  au  trennen 
ift,  unb  man  bann  faum  einer  erweiterten  Anmenbung  be§ 
Begriffs  mehren  fann,  ba%  nämlidj  jebe§  in  ber  ©eele  auf* 
ge^ienbe  Hrbilb,  fei  e§  nun  §u  einer  3$at  ober  p  einem 
Shmftraerf,  meld)e§  meber  al§  ^atfjaljmung  au  begreifen  nodj 
aus?  äußeren  Anregungen  unb  früheren  guftänben  befriebigenb 
SU  erflären  ift,  al§  Offenbarung  bürfe  angefetjen  merben. 
2>enn  ba%  baä  eine  größer  ift,  ba§  anbere  geringer,  ba$  fann 
Ijier  feine  ®renae  bilben;  unb  oft  mar  aud)molbte  begeifterte 
innere  ©rjeugung  eine§  neuen  unb  eigentümlichen  Götter* 
bilbeS,  unb  bte  Gmtftebung  einer  eigenen  Ö3otte§öerebrung  nur 
eine§  unb  baffelbe.  Sa  fcrjtrierlid)  mürbe  fidj  überhaupt  eine 
fiebere  ®renae  annfct)en  bem  geoffenbarten  unb  bem  buref)  Q3e* 
getfterung  auf  natürlichem  Söege  an§  2iä)t  getretenen  auf* 
fteßen  laffen,  menn  man  nidjt  barauf  aurüffgetjen  miH,  baj$ 
Offenbarung  nur  ba  anaunefjmen  fei,  mo  nidjt  ein  einaelner 
Moment,  fonbern  eine  ganae  ©jiftena  burdj  eine  foletje  gött* 
lictje  Mitteilung  beftimmt  ift,  unb  ma§  bann  oon  einer  folgen 
Junbgemad)t  mirb,  ba§  ift  für  geoffenbart  %u  achten.  2)er* 
gleiten  finb  in  ben  pofytfjeifttfdjen  Religionen  nidjt  nur  bie 
göttlichen  ^unbmac^ungen  unb  (Sprühe,  meldte  an  beftimmte 
^eilige  £)erter  gebunben  finb,  bk  al§  befonberS   erfotjrene 


56  ©er  dniftlidje  ©laube.  (Srftcr  XtyU. 

398oljnft$e  ber  (Sottljett  t>on  iljr  finb  funb  gegeben  morben, 
fonbern  auef)  biejenigen  $erfonen,  meiere  meil  fie  bon  ber 
©ottfjett  abstammen  auf  eine  urforünglidjie  au§  bem  gefdjtdjt« 
liefen  3ufammenf)ang  ntdjt  begreifliche  SSeife  ba$  QÖttltd^= 
borbilblicfc  in  einem  menftfjtidjen  ßeben  funb  ge6en.  ^n  bem= 
felben  <Sinne  nennt  $aulu§  felbft  bie  Söett  bk  urforüngtiebe 
Offenbarung  (Sottet.1  2lffein  eben  biefe§  fann  lieber  baljtn 
füijren,  bafj  nid)t§  einsetneS,  inbem  e§  ja  immer  ber  SBelt 
angehört,  für  fiel)  bürfe  al§  göttliche  Offenbarung  angefejjen 
merben.  S)enn  fo  mie  ba§  aufgeben  eines?  Urbi(be§  in  einer 
einzelnen  (Seele  menn  aud)  nidjt  au§  ben  frühem  Buftänben 
eben  berfelben  ju  begreifen  ift,  bodj  au§  bem  ($5efammtsuftanb 
ber  (Sjefettfcbaft,  melier  jener  ©mjelne  angehört,  mufj  be* 
griffen  merben  tonnen:  fo  erferjeinen  auet)  bie  99cenfd)en,  benen 
göttliche  3lbftammung  beigelegt  mirb ,  bod)  immer  bolf§mäfug 
befttmmt,  mithin  auef)  in  iljrer  (Jrjftens  au§  ber  gelammten 
SBolfgfraft  su  begreifen.  Söenn  mir  alfo  auef)  ba%  Sßerbältnifj 
be§  23egriff§  Offenbarung  unb  geoffenbart  ju  bem  begriff 
be§  pofttioen  für  ba§  ($5efammtgebiet  ber  geferjidjtlicf)  be= 
fte^enben  frommen  <Semein)<$aften,  fo  mie  gefdjeljen,  feftftetten 
bürfen:  fo  merben  mir  boctj  augleid}  natürlich)  finben  muffen, 
bafj  bk  SInmenbung  be§  Begriffs  auf  bie  in  einer  beftimmten 
frommen  ©emeinfebaft  sunt  ®runbe  liegenbe  £bfltfadje  bon 
allen  anbern  au§  merbe  beftritten  merben,  mäbrenb  fie  jebe 
für  iljr  eigenem  (Skunbfactum  in  Slnfprudj  nehmen.  (äJnbltdj 
mirb  auef)  biefeS  nodj  Ijinäuaufügen  fein,  bafj  menn  eine 
<$5lauben§meife  bie  Slnmenbung,  meiere  fie  bon  bem  ^Begriff 
maerjt,  geltenb  machen  miH  gegen  bie  übrigen,  fie  bie§  feinet 
mege§  burcfjfübren  fönne  öermittelft  ber  Söebaubtung,  ba% 
ibre  göttliche  SOZitt^eilung  reine  unb  gan§e  Sßaljrljeit  fei,  bie 
anbern  aber  falfd^eS  enthalten.  S)enn  sur  bottfommenen  SSa^r- 
fjeit  mürbe  gehören,  bafj  ®ott  ftd)  funb  machte,  mie  er  an 
unb  für  ftdj  ift;  eine  folcbe  aber  fönnte  meber  äu^erlict)  au§ 
irgenb  einer  i&atfadje  beröorgefjen ,  ja  audj  menn  eine  foldje 
auf  unbegreifliche  Söeife  an  eine  men|cf)ücf)e  <Seele  gelangte, 
fönnte  fie  nierjt  oon  berfelben  aufgefaßt  unb  al§  ®ebanfe  feft* 
gehalten  merben,  unb  menn  auf  feine  Sßeife  malgenommen 
unb  feftgebalten ,  fönnte  fie  bann  audj  nidjt  mirffam  fein. 
©ine  Sunbmadjung  ($5otte§,  bie  an  unb  in  un§  mirffam  fein 
jott,  fann  nur  ®ott  iu  feinem  SSerr)ciltnife  §u  un§  auSfagen; 
unb  bie§   ift  nierjt    eine  untermenfcf)licfje  Untoiffenljett  über 


1  SRöm.  1,  19. 


(grfteg  flapttel.  3ut  ßrflärung  ber  Sogmattf.  57 

©ott,  fonbern  ba§  SSefen  ber  menfdjtidjen  SBefdjränftljett  in 
Söeätefjung  auf  ü)n.  S)amit  Sängt  aber  aud)  auf  ber  anbern 
(Seite  aufammen,  baß  in  einem  (Gebiet  günstiger  fHo^Ijett 
uub  $ermnfenf)eit  ein  entfteSenbe§  ©eftmßtfetn  <#otte§  raaljrs 
Ijaft  eine  Offenbarung  feiu  tonnte,  uub  bodj  au§  ©djulb  be§ 
®emütf)e§  in  beut  e§  entfielt,  gteid)  fo  roie  e§  aufgefaßt  uub 
feftgetjalten  nrirb,  au  einem  unooHfommnen  craSfdjlagen. 
$)a§er  bürfte  benn  audj  Oon  ben  unboßfornmenen  ($5eftattungen 
ber  grömmigfeit,  fofern  fte  felbft  ganj  ober  £fjeiltt>etfe  auf 
einjelue  2tnfang§tmnfte  gurüffaufüljren  finb,  uub  it)r  Snljalt 
au§  nichts  ieufeit  berfelben  liegenbem  ju  begreifen  ift,  mit 
Sfte<$t  gefagt  to erben  föuueu,  ba%  fte  auf  Offenbarung  be= 
rufien,  mieoiel  unridjtige§  auc§  bem  Sßafjren  barin  beigemifdjr 
fein  mag. 

HI.  2)arftellung  be§(£fjriftentljum§  feinem  eigen« 
tijümlidjen  Sßefen  na<$.  Sefjnfä'se  au§  ber 
Slpologetif. 

§.  11.  $)a<o  ß^riftenf&um  ift  eine  ber  teleologischen 
#tid)tung  ber  grömmigfeit  angel)örtge  monot^eiftifd&c 
©laubenStoeife,  unb  unterf Reibet  ftd)  üou  anbern  folgen 
toefentlid)  baburdj,  ba$  alles  in  berfelben  belogen 
ttrirb  auf  bte  burd)  Qefum  fcon  sflagarety  üoHbrad)te  @r* 
löfung. 

1.  2)ie  Aufgabe  ba%  (Stgentpmltdje  einer  ©IaubenStoeife 
aufsufinben  unb  möglich  auf  eine  formet  p  bringen  ift  ntdfjt 
füglid)  anberS  *u  löfen,  ol§  inbem  mau  naä^meift,  toa§  aud& 
in  ben  öerfdjtebenften  frommen  Q$emüt'5§ä,uftnnben  innerhalb 
berfetben  ©emeinföaft  baffetbige  tTt,  tuäljrenb  e§  in  ben  ona* 
logen  Buftänben  innerhalb  anberer  (55 emeinf haften  feljtt.  ^e 
nTentger  nun  p  ermarten  ift,  ba%  eben  bie$  Eigentümliche 
in  allen  fo  feljr  unter  ftctj)  0 ergebenen  Erregungen  gletct)  ftarf 
ausgeprägt  ift,  um  befto  leichter  fann  man  htx  biefem  $erfud)e 
fehlgreifen,  unb  am  Enbe  su  ber  Meinung  fommen,  bai  e§ 
überhaupt  feinen  feften  innern  Unterfcfjieb  gebe,  fonbern  nur 
ben  äußerlichen  burdj)  Seit  unb  Sftaum  befttmmten.  gnbeß 
läßt  ftdj  au§  bem  oben1  ®efagten  mit  aiemlidjer  ©ictierljeir 
folgern,  baß  mau  ba§  Eigenttjümlidje  am  menigften  berfetjlen 


§.  10.  3ufoa. 


58  $er  d§rtfffi(fje  ©imiöe.  G  rfter  Sfjeil. 

hrirb,  trenn  man  ftd)  an  ba§>  mit  ber  Ökunbtbatfadje  am  ge* 
naucften  äufammenbangenbe  audj  ooraügltd)  Ijält,  unb  biefe 
83erfaf;tung§art  liegt  audj  bei  ber  formet  be§  @ase§  sunt 
©runbe.  £)a§  (Sljriftentijum  hktü  aber  nodj  befonbere 
<&djroiertgfetten  bar,  fdjon  babutdj  ba%  e§  mebr  al§  anbere 
(551auben§meifen  oielfadj  gehaltet  unb  in  eine  ÜD?annigfaltigfeit 
bon  Heineren  ®ird)engemeinfd)aften  serfpalten  ift,  fo  bafj  man 
ftd)  bie  ätüief ad)e  Aufgabe  au  ftellen  bat,  §nerjt  ba§  bie[en 
leateren  fämmtltdj  gemeinsame  eigentbümlidje  SBefen  be§ 
(£briftentljum§  überhaupt,  bann  aber  audj  ba$  ber  befonberen 
SHrcbengemeinfdjaft  §n  finben,  beren  Ütedjt  nadjgenüefen  ober 
beren  ©laubenSlebre  aufgeteilt  werben  folt.  9?odj  mebr  aber 
liegt  ©djhrierigfett  barin,  bafj  aud)  nod)  in  jeber  einzelnen 
SHrdjengemeinjdjaft  faft  jebe  Seljre  an  beridjtebenen  Drten 
nnb  .Seiten  unter  ben  mannigfaltigsten  2lbw  eidmngen  bor* 
fommt,  mobei  bodj  immer,  menn  audj  ntcrjt  eine  eben  jo  grofje 
Sftanntgfaltigfeit  in  ben  frommen  (SJemütfj§suftänben  felbft, 
bodj  roenigften§  eine  grofje  ^öerfcr)tebenr}eit  in  ber  SXrt  fte 
aufaufaffen  unb  gu  fcrjä^en  ^um  ÖJrunbe  liegt,  ^a  ba$ 
fdjlimmfte  ift,  bafj  burd)  bieie  5lbm  eidjungen  ber  Umfang  be§ 
cbriftlidjen  $ebiete§  unter  ben  (£l)riften  felbft  ftreitig  hrirb, 
tnbem  ber  eine  bon  biefer,  ber  anbere  bon  jener  öefjrform 
belmuptet,  fte  fei  smar  innerhalb  be§  (£briftentl)um3  erzeugt, 
aber  bodj  üjrem  gnbalte  nad)  eigentlich  undjriftlidj.  ©teljt 
nun  berjenige,  ber  bie  Aufgabe  löfen  nnÄ,  felbft  $a  einer  bon 
btefen  Sßartfjeteu,  unb  feat  im  borau§  feft,  nur  ma§  im  ($5e* 
biete  ber  einen  Slnjtdjt  borfommt,  bürfe  mit  in  Stedjnung  ge= 
jogen  werben,  um  ba$  unterfdjeibenbe  be§  (£(jrtfientljume§ 
au§aumitteln:  fo  fest  er  im  borauS  (Streitigfeiten  al§  ent* 
fd)teben  borau§,  ju  beren  ©ntfdjeibung  er  bocrj  eben  erft  bk 
Söebingungen  finben  will.  S)enn  nur  erft  menn  ba§  eigen- 
tbümlidje  SSefen  be§  (£(jriftenrijum§  au§gemittelt  ift  t'ann  t\\U 
fdjieben  Werben ,  in  miefern  bie§  ober  jenes  bamit  berträglidj 
ift  über  uidjt.  ®amt  er  fidj  aber  and)  aller  Vorliebe  ent= 
fdjlagen,  unb  siebt  eben  be§balb  atte§,  aud)  ba§>  entgegen« 
gefeatefte,  fofern  e§  nur  fidj  felbft  für  djriftltdj  au§giebt,  mit 
in  9iledjmtng :  fo  fteljt  er  auf  ber  anbern  (Seite  in  ©efaljr,  ein 
feinem  ©eljalt  uacb  tüeit  geringere^  unb  farblofereS,  mitln'n 
aueb  für  bie  Bmeffe  ber  Stufgabe  minber  angenieffene§  (£r* 
gebnif;  %vl  erlangen.  $)ie§  ift  ber  bermalige  nidjt  au  ber* 
bergenbe  ©tanb  biefer  Slngelegenbeit.  ®a  nun  ieber,  je 
frommet  er  ift,  um  fo  mcljr  audj  au  biefer  Unterfud)ung  feine 
inbtüibuette  gtömmiflfeit  miUubviugen  pflegt:  fo  ift  bie  Slnäaljl 


erfteS  ÄQpitel.  3ur  Grflörung  ber  ©ogmatif.  59 

berer  bei  tu  eitern  bte  größere,  meldte  ftdj  i^re  Vorstellung  bon 
bem  eigentümlichen  SBefen  beS  (£rjriftentl)umS  nadj  bem 
gntereffe  iljrer  §J5avt^ei  bilben.  SBogegen  für  baS  gntereffe 
ber  Styologetif  foraol  als  für  baS  ber  Glaubenslehre  fctjetrtt 
eS  geratener,  lieber  mit  einem  geringeren  fRefultat  ftdj  für 
ben  Anfang  gu  begnügen,  unb  bie  ^eröoEftänbigung  beffelben 
bon  bem  weiteren  Verfahren  gu  ermarten,  als  memt  man  mit 
einer  engen  unb  auSfd)lief;enben  formet  beginnt,  meldte  nottj* 
tnenbig  eine  ober  mehrere  i(jr  entgegengefegte  ftä)  gegenüber 
§at,  mit  benen  boct)  früher  ober  fbäter  nod)  ein  ®amj>f 
beborftebt  Unb  tu  biefem  Sinn  ift  bie  gormel  beS  Sase§ 
aufgeftettt 

2.  SSie  nun  unftreittg  aEe  ©fjriften  bie  Gemeinfcrjaft,  ber 
fte  angeboren,  auf  ßljriftum  gutüff führen:  fo  rcirb  liier  bor* 
ausgefegt,  ba%  aucf)  ber  StüSbruff  (£rlöfung  ein  folctjer  fei, 
gu  bem  fie  ftd)  alle  befennen,  unb  groar  ntdjt  nur  fo,  bafj  fte 
itjn  groar  TOe  gebrauchen,  bielteicfjt  aber  ^eber  in  einem 
anbern  Sinne,  fonbern  fo  ba%  eS  auc^  etluaS  gemeinfameS/ 
giebt,  melcfyeS  OTe  babei  im  "Sinne  baben,  raenn  auci)  ieberj 
eS  auf  eine  anbere  SSeife  näljer  beftimmt.  S)er  SluSbruff 
felbft  ift  auf  biefem  Gebiet  nur  bilblidj  unb  hebeuttt  im  2111* 
gemeinen  einen  Uebö&anQ  auS  einem  fc^lectjten  guftanae,  ber 
al§  Gebunbenfein  borgeftefft  roirb,  in  einen  beffern,  unb  bieS 
ift  bie&- ift  bie  jpaffibe  «Seite  beffelben;  benn  aber  auct)  bie 
baju  bon  einem  ISnbern  geleiftete  £>ülfe,  unb  bteS  ift  bk 
actibe  Seite  beffelben.  8ludj  liegt  in  ber  GebraucbSraeife  beS 
SöörteS  nid)t  mefentlicb,  hak  bem  fctjlectjteren  «Suftanb  ein 
befferer  fdjon  borljergegangen  fein  muffe,  fo  bafj  ber  folgenbe 
beffere  eigentlich  nur  eine  3öiebert)erftellung  fei,  fonbern  biefeS 
fann  borläufig  ganj  unentfdn'eben  bleiben.  Soll  nun  ber 
5luSbruff  angeraenbet  raerben  auf  bem  Gebiet  ber  grömmig* 
feit:  fo  fann,  bie  teleologifc^e  9?i<i)tung  berfelben  borauSgefejt, 
ber  fctjtectjte  Buftanb  nur  barin  beftetm,  baj_bie_£ebenbigfeit 
beS  jö|eren  SelbftbemnfetfeinS  gehemmt  ober  aufgehoben,  ift, 
fo"lmf$  Einigung  beffelben  mit  ben  berfc^iebeueu  Söefttmmt* 
Reiten  beS  ftmttidjen  Selbftbemu^tfein§  unb  alfo  fromme 
SebeuSmomente  menig  ober  gar  tttc^t  ju  Staube  fommen. 
SBolIen  mir  nun  biefen  guftanb  in  feiner  Södjften  Steigerung 
burd)  bie  SluSbrüffe  Gottlofigfeit  ober  beffer  Gott* 
bergeffenljeit  bejeidjnen:  fo  bürfeu  mir  unS  bo<$  bieS 
ntdjt  al§  eine  gänsliclje  Unmögltdjfett  ber  Belebung  beS 
GotteSbemu^tfeinS  benteu.  ®enn  alSbann  tonnte  einesteils 
ber  Mangel  bon  etmaS  aufjer&alb  ber  9?atur  liegenbem  nidjt 


60  ©er  $riflltd)e  ©laube.  Grfter  X&eil. 

al§  ein  übler  3uftanb  gefüllt  roerben;  anberntfjetlS  roürbe, 
um  biefen  Mangel  aufaubeben,  bann  eine  Uiuftfjaffuna,  int 
eigentlichen  (Sinne  erforbert  roerben,  unb  bicfc  Borftellung  ift 
in  bem  Söcßriff  ber  (Srlöfung  nid)t  enthalten.  2Bie  benn  btefe 
SDfögltdjfett  audr)  ba  oorbeljalten  bleibt,  roo  ber  üble  ßuftanb 
be§  ®otte§berouf3tfein§  mit  ben  ftärfftcn  garben  gefctjilbert 
roirb.1  @§  bleibt  baljer  nur  übrig,  t$n  al§  eine  nict)t  t>or* 
jjanbene  Setcrjtigfeit  ju  beaeidjnen,  ba$  ©otteSberoufetfein  in 
im  3nfammenl)ang  ber  roirflicrjen  öebenSmomcntc  einjufübren 
unb  barin  fefeuljaften.  £>iema<$  fdjeint  e§  freiließ,  al§  ob 
bie  beiben  3uftänbe  ber  oor  ber  (Srlöfung  gegebene  unb  ber 
burdj  bie  (Srlöfung  ju  beroirfenbe  nur  al§  ein  SOcetjr  unb 
SJcinber  atfo  auf  unbestimmte  SBeife  fönnten  unterfdjieben 
roerben;  unb  e§  entfielt  bie  Aufgabe,  roenn  ber  begriff  ber 
©rlöfung  fott  feftgeftefft  roerben,  ben  unbeftimmten  Unterfdjieb 
auf  einen  beaielntngSroeifen  ©egenfaj  jurüffaufüfjren.  (Sin 
joldjer  ®egenfaa  aber  liegt  in  folgenben  gormein.  Sin* 
genommen  eine  Slctioität  be§  ftnnlic^en  ©elbftberoufjtfeinS 
um  einen  Moment  au  erfüllen,  unb  einen  anbern  anaufnüpfen,. 
fo  roirb  ber  Opponent  berfelben  größer  fein  atö  ber  be3 
jjö^eren  <Selbftberouf3tfem§ ,  um  ftdj  mit  ienem  ju  einigen, 
unb,  angenommen  eine  Sctfoitäi  be§  Ijöljeren  (Selbftberoufjt* 
fein§  um  einen  Moment  buret)  Einigung  mit  einer  SBefttmmt* 
^eit  be§  ftnnlidjen  au  erfüllen,  roirb  ber  Opponent  berfelben 
fleiner  fein,  al§  ber  ber  Slctiöität  be§  ftnnlidjen,  um  ben. 
Moment  für  ftdj  allein  au  ootlenben.  Unter  biefen  $8e« 
bingungen  roirb  eine  Söefriebigung  ber  Ridjtung  auf  ba% 
®otte§beroufjtfein  nidjt  möglich  fein,  unb  alfo,  roenn  eine  folcrje 
iu  ©tanbe  fommen  toll,  eine  (Srlöfung  notfjroenbig,  inbem 
biefer  3uftanb  nichts  anberS  ift  als  eine  ©ebunbentjeit  be£ 
fd)ledjt{jinigen  5lbl)ängigfeit§gefül)l§.  3n  biefen  gormein  liegt 
aber  nidjt,  bafj  in  allen  nad)  benfelben  beftimmten  Momenten 
baZ  ©otte§beroufjtfein  ober  ba$  fdjledjtf)inige  2lbljängigfett3* 
öefütjt  9?uE  fei,  fonbern  nur  bafj  e3  {n  irgenb  einer  SBeateljung 
ben  Moment  nicljt  bonümre,  unb  in  bem  Sftaafj  al§  bie§  ber 
galt  ift,  fommen  ifjm  aud)  bie  obigen  93eaeidjnungen  ber 
©ottloftgfeit  unb  ©ottoergeffenljett  au. 

3.  Uniäugbar  finbet  ftdj  bie  Slnerfennung  eine§  folgen  3"* 
ftanbeä  in  alten  frommen  ®emeinfd)aften;  benn  alle  33 Übungen 
unb  Reinigungen  aroeffen  barauf  ah,  ba$  Söeroufjtfein  biefe§ 
ßuftanbcS  ober  unmittelbar  ifjn  felbft  aufaufjeben,    2US  ba& 

1  SRöm.  1,  19.  ffob. 


(£rfte§  Kapitel.  3ur  (Märmtg  ber  fcogntatif.  61 

jentge  ober,  rooburtf)  ftdj  ba§  (Hjriftentbum  in  biefer  £inftdjt 
ton  alten  anbern  frommen  ©ememfäaften  unterbleibet,  roirb 
in  unferm  ®as  feiertet  aufgeteilt,  ©inmal  bafj  im  Triften* 
tl)um  biefe§  betbe§  in  [einer  Bufammengeprigfeit,  hj&JXn* 
fäSifllßÜ  unb  bie_@rlöiUM»  ntdjt  etma  nur  ein  einzelnes  reti* 
giöfe§  (Clement  tft  mie  mehrere  anbere  audj,  fonbern  bgj  alle 
anbere  fromme  Erregungen  herauf  besogen  merben",'  unb 
tiefe§  atfo  ba$  in  allen  anbern  mitgefe^te  ift,  fo  ba|  fie  ba=^ 
bur<$  borsüglid)  eigentljümtid)  cbriftlt^e  roerben.  ^meiten§ 
aber  bafe  bie  ©rlöfung  al§  ein  atigemein  unb  bottftänbig  burdj 
Semm  bon  ^ajaret^  DoHbra$te§  gefeat  roirb.  Unb  biefeS 
beibe§  ift  roieberum  nidjt  bon  etnanber  %u  trennen,  fonbern 
roefentlid)  sufammengeprig.  ®eine§roege§  fo  al§  ob  man 
fagen  fonnte,  Gebern  ber  fi#  in  alten  feinen  frommen  9fto* 
menten  feiner  fetbft  al§  in  ber  ©rlöfung  begriffen  beroufct 
märe,  müfjte  man  eine  d)riftlic!)e  grömmtgfeit  auftreiben, 
roenn  er  aud)  auf  bie  $erfon  ^em  ftd)  gar  niä)t  be§öge  ober 
aud)  nid)t§  oon  it)m  roüfjte,  roeldieS  autf)  fretltd^  nie  ber  galt 
fein  roirb;  unb  eben  fo  roenig  al§  oh  man  fagen  fönnte,  bie 
grömmigfeit  eine§  Sftenfcrjen  fei  eine  tfjriftlidje,  roenn  er  fie 
auf  Semm  äurüfffütjre,  gefegt  aucfj  er  märe  ftdj  feiner  felbft 
babei  gar  ni$t  a\§>  in  ber  (Srlöfung  begriffen  bemüht,  roeldjeg 
nun  freutet)  au$  ni$t  borfommt.  «Sonbem  bie  Söegietjung 
auf  bie  @rtö[ung  ift  nur  beSIjalb  in  jebem  c^riftlt^en  frommen 
löemu^tfein,  roeil  ber  Anfänger  ber  ctjrtftUcrjen  @>emeinfd)aft 
ber  ©rtöfer  ift;  unb  ^efu§  ift  nur  auf  bie  SSeife  Stifter  einer  \ 
frommen  Ö)emeinfd)aft,  at§  bie  d51teber  berfelben  ftdj  ber  (£r* 
löfimQ  burd)  um  bemüht  merben.  S£)ie  borftetjenbe  ©rtäute* 
rung  ftdjert  fdjon  bagegen,  bafc  bie§  nid&t  fo  berftanben  roerbe, 
al§  ob  atte§  ct)riftltc^e  fromme  Söerouktfeht  feinen  anbern  ^n« 
Ijalt  tjaben  fönne  al§  nur  Sefum  unb  bie  (£rlö[ung,  fonbern 
nur  bafj  atte  fromme  Momente  fo  meit  ba&  fcrjtecr)tc)imöe  2lb* 
tjängigfeitSgefübt  ftd)  barin  frei  äußert  a.I§  bur<$  jene  (Sr* 
löfung  gemorben,  unb  fo  fern  e§  barin  nodj  gebunben  erfdjeint, 
at§  jener  (Srlöfung  bebürftig  gefest  merben.  Eben  fo  berfteljt 
ftet)  aud),  bafs  btefe§  überall  mitgefe^te  !ann  unb  roirb  in  ber* 
fdjiebenen  frommen  Momenten  audj  in  berfdjiebenem  ®rabe 
ftärfer  ober  fdjroädjer  mitgefe^t  fein,  otjne  ba§  baburd)  ber 
ct>riftlict)e  ßtmrafter  berloren  ginge.  9cur  ba§  roirb  freiließ 
au§  bem  ®efagten  folgen,  bafj  menn  mir  un§  religiöfe  ÜDco* 
mente  benfen  foHten,  in  melden  atte  Söe^ietjung  auf  bie  Er* 
löfung  aufgehoben  märe,  unb  ba$  93ilb  be§  (£rlöfer§  gar  nidjt 
tarin  bergegenmärtigt,  man  bon  biefen  mürbe  fagen  muffen» 


62  ®er  djriftlidje  ©lauöe.  Erfter  Xljell. 

fte  gehören  bem  Sbriftentbum  nidjt  näber  an  n(3  irgenb  einer 
anbern  monotbeiftifcben  ®laubenSlt»eife. 

4.  3>ie  nähere  (Eninriftlung  btefeS  SageS,  tme  nämlicfj 
burdj  8efimt  bie  ©rlofung  bewirft  wirb  unb  in  ber  c&rtftltdjen 
©emeinfcbaft  sunt  Söenjufjtfein  fommt,  fällt  ber  (Glaubens* 
lebre  felbft  anleint;  I)ier  aber  ift  nod)  im  23eäug  auf  baS 
üben1  allgemein  gejagte  baS  Verbältnifj  be§  (£{jriftent1)um§  *u 
ben  anbern  borsüglid)  monotbeifiifdjen  ÜtetigtonSgemeinfcbaftcn 
ju  erörtern.  2)iefe  nämüdj  tu  erben  and)  iebe  auf  einen  eigenen 
Stifter  äuriiflgefiitirt;  unb  fo  wie,  rcenn  bk  SSerfct)iebenr)ett 
beS  Stifters  ber  einzige  ttnterfc&ieb  märe,  bieS  ein  Hofe 
äußerlicher  fein  mürbe,  eben  fo  audj  memt  jene  gleichfalls 
ibren  (Stifter  als  ©rlöfer  fegten  unb  eben  fo  atteS  auf  bie  ©rlöfung 
belögen.  SDenn  bann  gäbe  eS  in  alten  nur  retigiöfe  9Jco* 
mente  bon  gleicbem  ®efjatt,  nur  bak  bie  $er|önlidjfeit  beS 
GcrlöferS  eine  anbere  märe.  So  ift  eS  aber  nidjt;  oielmefjr 
muffen  mir  fagen,  ba%  nur  "burdj  Sefum  unb  alfo  nur  im 
;  ©{jriftentljum  bk  (Srlöfuna  ber  SDcittelpunft  ber  grömmigfeit 
!  i  gemorben  ift.  SDenn  inbem  iene  SSüßungen  unb  Reinigungen 
einsetne  für  eingelneS  georbnet  baben,  unb  biefe  nur  einzelne 
i  Steile  ibrer  Sefjre  unb  Slnorbnung  ftnb:  fo  erfdjetnt  baSSSe* 
;mir!en  ber  ©rtöfung  ntd)t  als  ifjr  £auptgefd)äft.  Vielmehr 
erfcbeint  biefeS  erft  als  etmaS  abgeleitetes.  9för  £>aubtgefd)äft 
ift  baS  Stiften  ber  ®emeinfdjaft  auf  beftimmte  ßebre  unb 
unter  beftimmter  gorm.  95eftet)t  aber  in  ber  ($5emeinfd)aft 
ein  bebeutenber  llnterfcbieb  in  ber  freien  Gmtroifflung  beS 
©otteSbemufjtfeinS,  fo  ftnb  ßHntge  in  benen  eS  am  gebunben* 
ften  ift  erlöfungSbcbürftiger,  unb  Rubere  in  benen  eS  freier 
ift  erlöfungSfäfjiger,  unb  fo  erfolgt  burdj  bk  (Sinhrirrung  ber 
legieren  in  ben  erfteren  eine  Slnnäberung  an  bie  ©rlöfung, 
nur  freilidj  nidjt  meiter  als  bis  ber  Unterfdjieb  smifeben 
beiben  aiemlidj  auSgegtidjen  ift,  bloß  baburdj  ba§  eine  %t* 
-  meinfebaft  beftebt.  3m  (Sbriftentbum  hingegen  ift  bie  er* 
I  löfenbe  (Sinmirfung  beS  Stifters  baS  urforünglidje,  unb  bie 
©emeinfdjaft  beftebt  nur  unter  biefer  SSorauSfesung  unb  als 
SKittljetlung  unb  Verbreitung  jener  erlöfenben  Sljätigfeit. 
©aber  nun  aud)  innerbalb  beS  SbriftentbumS  biefeS  beibeS 
ftdj  immer  gletdjmä&ig  oerbält,  bk  erlöfenbe  Söirff  antrat 
(Sbrifti  uorsügltdj  beröorbeben  unb  auf  baS  ©igentfjümlidje 
ber  cbriftlicbeu  grömmigfeit  einen  großen  Sßertb  legen;  fo 
mie  auf  ber  anbern  Seite  baS  Gbriftentbum  nur  anfebn  als 

1  §.  10. 


CSrfteS  Äapitel.  3wr@rflärungber3)ogtitatif.  63 

ein  görberungS-  unb  gortpffanäungSmittet  ber  gxömmtgfevt 
überhaupt,  roobei  bie  @igenfl)ümlt<$f'eit  mefjx  jufälltg  fei  unb 
Siebenfache,  unb  ©fjxiftum  boxaügttdj  als  Sefjxex  unb  Dxbnex 
einer  ®emeinfct)aft  anfelm,  bit  extöfenbe  2#ättgfeit  aber  in 
ben  £>  tnter  gxunb  ft  eilen. 

Safjer  ift  nun  audj"  int  (Xfjriftentfjum  baS  SBerIjältmfj  beS 
©ttfterS  äu  ben  ®itebern  ber  ©emeinfdjaft  ein  ganj  anbereS 
als  in  jenen.  Senn  jene  roerben  Oorgefteltt  als  auS  bem 
Raufen  gleicher  ober  roenig  verriebener  Söcenfcfjen  gleicfy'am 
rotUfürlicr}  §erauSgefjoben,  unb  roaS  fte  als  göttliche  ßel)re 
unb  Drbnung  empfingen  nid)t  ntinber  für  ftdj  empfangenb  als 
für  5Inbere.  2öie  benn  audj  nidjt  leidet  ein  SBefenner  iener 
©laubenSroeifen  leugnen  roirb,  ®ott  fönne  eben  fo  gut  ba§ 
®efe§  burcf»  einen  Slnbem  gegeben  Ijaben  als  burdj)  SDcofe§, 
unb  bie  Offenbarung  !önnte  eben  fo  gut  burd)  einen  Stnbern 
gegeben  roorben  fein  als  burct)  2Jcufjameb.  (£f)rtftuS  aber  at§ 
altein  unb  für  TOe  ©rlöfer  roirb  allen  2lnbern  gegenüber  ge* 
ftetCt,  unb  roirb  auf  feine  SSeife  felbft  irgenbroann  als  er* 
löfungSbebürftig  gebaut,  basier  audj,  roie  bie  allgemeine 
©timme  auSfagt,  urfprünglid}  oon  alten  anbexn  93cenfcf)cn 
untergeben  unb  mit  bex  erlöfenben  Straft  oon  feiner  ©eburt 
an  auSgeftattet. 

9cict)t  al§  ob  roir  f)ier  fdjon  im  OorauS  alle  biejenigen 
oon  ber  ctjriftUcrjert  ÖJemeinfctjaft  auSfct)lie&en  rooUten,  roelc^e 
Oon  biefer,  felbft  fetjon  mannigfaltiger  Slbftufungen  fähigen, 
Sßorfteftung  fo  roeit  abroeietjen,  ba£  fte  (£(jrtftum  erft  fpäter 
mit  ber  erlöfenben  ®raft  auSgeftattet  roerben  laffen,  fo  lange 
biefe  nur  etroaS  Oon  ber  bloßen  99cittijei(ung  ber  Sefjre  unb 
ber  SebenSorbnung  öerfdjiebeneS  ift  SDenft  man  ftct3  abex 
(£t)riftum  ganj  na$  ber  Analogie  ber  anbern  ÜteligionSftifter: 
fo  läfet  ftctj  bie  (£igent§ümlidjfeit  beS  (StjriftentljumS  bann  nur 
an  bem  gnljalt  ber  Sefjre  unb  SebenSorbnung  feftljalten,  unb 
bie  brei  monotljetftiicfjen  ®laubenSroeifen  bleiben  nur  getrennt, 
in  fofern  iebe  bei  bem  roaS  fte  empfangen  t)at  unüerbrüdjtidj 
feft  t)ält.  SSäxen  fte  nun  ahzx  gugteidj  nodj  bex  Sßeiüott* 
fommnung  färjig,  unb  fotlten  fte  rool  audj  fönnen  b\t  befferen 
Serien  unb  Drbnungen  beS  (SfjriftentljumS  früher  ober  fpätex 
felbft  finben:  fo  roäre  bann  ber  innere  llnterfdjteb  gan§  auf* 
gehoben.  ©oH  enbücf)  audj  bie  d(jxiftltdje  ^iretje  übex  ba$ 
oon(£fjrifto  empfangene  ebenfalls  IjinauSgeljen:  fo  bleibt  nichts 
anbereS  für  (Jfjriftum  übrig,  als  ba%  er  ein  ausgezeichneter 
©ntroitftungSpunft  roäre,  ein  fol$er  ieboct)  nur,  baft  eS  tbtn 
jo  gut  eine  (Srlöfung  Oon  if)m  giebt  als  eine  (Sriöfung  bur<$ 


64  £cr  djiijtlicfje  ©laube.  Grfter  £f)etl. 

üm.  Unb  ba  baä  oeroollfommnenbe  $rinciö  nur  bie  SSer* 
itiuift  fein  fann:  fo  mürbe  fofern  biefe  überall  biefelbe  ift, 
jebcr  Untcr[cl)ieb  giuifcrjeri  bem  fortfdjreitenben  ßljriftentljum 
unb  ben  fortfdjreitenben  anbern  monotIjeiftifd)en  Glaubens« 
keifen  allniäbttdj  berfdjroinben,  unb  e§  toürbe  üjnen  in§ge* 
fantmt  in  iljrer  (£tgentt)ümlid)feit  nur  eine  auf  eine  beftimmtc 
Ißeriobe  befcliränfte  ©ültigfeit  aufommen. 

2luf  biefe  Sßetfe  läfjt  ftd)  ber  Unterfdjieb  beftimmen  amifdjen 
$mei  iuett  au§einanber  gebenben  Sluffaffungen  be§  Triften* 
tbum§,  augleid)  aber  werben  audj  bie  Uebergänge  öon  ber 
einen  aur  anbern  anfcfjaulidj.  SBenn  bie  le^tere  iemal§  als 
©efammtleljre  aufträte:  fo  mürbe  ftd)  eine  fold^e  (gemein* 
fctjaft  bieEeidjt  felbft  bon  ben  übrigen  cbrifttic&en  ©emeinfc&aften 
fonbern,  nmfem  aber  nic&t,  bod)  at£  eine  dtjrtftltc^e  anerkannt 
Serben  fönnen,  menn  fie  ft$  nidjt  felbft  bafür  ausgäbe,  fdjott 
mirfttd)  bon  beut  Söebürfnifj  einer  5lnl)ängtid)f tit  an  ©fjrtftum 
erlöft  §u  fein.  SSieltoeniger  ift  ©inselnen,  bie  ftd)  biefer  Sin* 
ftcbt  nähern  t§r  5lntt)eil  an  ber  djriftlidjen  ®emeinfd)aft  ab* 
3ufpre$en,  fo  lange  fie  felbft  begehren,  fid)  mit  berfelben  unb 
burd)  biefelbe  in  ber  Sebenbigfeit  be§  ®ottegbemuMeht§  au 
erhalten. 

5.  £)ie  (ämtmifflung  biefer  fWei^e  mirb  §offentlid)  bem  aur 
S3eftätigung  bienen,  ma§  Ijier  aufgeftettt  morben  ift  um  baS 
unterfdjeibenbe  be§  (£fjriftent§um§  au  beftimmen,  inbem  mir, 
al3  geftfjälje  e§  berfuc()§meife,  au§  allem,  mag  ftd)  in  ber 
d)riftlid)en  grömmtgfeit  gemeinfame§  finbet,  baSienige  §erau§s 
augreifen  fugten,  moburdj  ftd)  ba£  (£briftentljum  augleid)  am 
beftimmteften  äufcerlid)  abfonbert;  mobei  mir  bon  ber  Deotlj* 
menbigfeit  geleitet  mürben  bit  innere  Gsigentljümlidjfeit  unb 
bie  äußere  Slbgrensung  im  gufammentjang  au  fe^en.  $iel* 
leicht  läfet  ft$  in  einer  allgemeinen  9^etigion§^ilofopl)ie,  auf 
meiere  bann,  wenn  fie  gehörig  anerfannt  märe,  bte  9fyoIogeti! 
fidt)  mürbe  berufen  fönnen,  ber  innere  (Sbarafter  be8  ©Triften* 
tbum§  an  unb  für  ftdj  auf  eine  folc&e  SSetfe  barfteHen,  bafc 
babur<$  bem  (£f)riftentbum  fein  befonbereS  (bebtet  in  ber  rcli« 
ßiöfen  SSelt  ftdjer  geftetlt  mürbe.  £)aau  mürbe  inbefj  gehören, 
bafj  alle  ftauptmomente  be§  frommen  SöemufjtfetnS  foftematifirt 
mürben,  unb  au§  i^rem  83erl;ältnif$  geaeigt,  meldte  barunter 
foldje  ftnb,  auf  bte  bie  anbern  fönnen  beaogen  unb  bit  felbft 
in  allen  anbern  tonnen  mitgefeat  fein.  3etgte  fid^  bann,  ba% 
baSjenige,  meld)e§  mir  burd)  ben  SluSbruK  ©rlöfung  beaeld)* 
nen,  ein  foldje§  mirb,  fobalb  in  eine  Legion,  mo  baS  (SJotteS* 
fcemufjtfein  gebunben  ift,  eine  e§  befreienbe  Stfcatfadje  eintritt: 


(SrfteS  Äapitel.  gur  (Srflärung  ber  ©ogmatif.  65 

fo  märe  bann  ba§  (£fjriftentfmm  al§  eine  eigentümliche 
®lauben§form  ftc&er  gefteltt,  unb  in  gemiffem  (Sinne  con* 
ftrnirt.  %nbt%  mürbe  felbft  MefeS  fein  S3emet§  be§  Triften* 
tt)um§  ju  nennen  [ein,  inbem  audj  bie  9Mtgion§nf)ilofoüijie 
feine  TOIjtgung  aufstellen  fönnte,  meber  eine  befummle  £§aU 
jact)e  al§  erlöjenb  anäuerfennen,  nod)  aud)  einem  Moment, 
ba§  ein  centrale^  fein  fann,  biefe  (SteICung  in  bem  eigenen 
SBemufjtfein  mirfliä)  einzuräumen.  9?od)  meniger  fann  ba§ 
fjier  bargefteftte  baranf  2lnförud)  madjen  ein  folget  SÖemeiS 
31t  fein,  ba  Ijier  bem  emgefdjlagenen  ®ange  gemäfj,  nnb  ba 
nur  nur  oon  gefd)id)tltd)er  ^Betrachtung  auSgefm  fonnten, 
baranf  üersiditet  m erben  mufjte  and)  nur  fobiel  §u  leiften,  al£ 
in  einer  Durchgeführten  9^eligiort§pr3üofot>r3te  gefdiefjen  fann. 
{£§  lenktet  aud)  an  unb  für  fid)  ein,  bafj  ein  frember 
<$5Iauben§genoffe  burd)  bk  obige  ©arfteüung  ötetCeictjt  ooll- 
fommen  fann  überzeugt  werben,  ba$  r;ier  bafür  aufgehellte 
fei  ba$  eigentümliche  SBefen  be3  (£fjriftentf)um§ ,  o^ne  bafj 
biefeS  felbft  baburd)  für  dm  SSa^r^eit  befäme,  fo  bai  er  ftdj 
gebrungen  fänbe  e§  ansunefnnen.  Vielmehr  mie  ftdj  bier 
afte§  auf  bk  ©ogmatif  beäieljt  unb  biefe  nur  für  bie  Triften 
ift:  fo  ift  aud)  biefe  ©arfieHung  nur  für  biejenigen  bk  im 
(S&riftentfjum  leben  unb  fie  foH  nur  sunt  SBefmf  ber£)ogmatif 
Anleitung  geben,  um  5lu§fcgen  über  irgenb  ein  frommes  23e- 
ttmfjtfein  ^u  unter f Reiben,  ob  fie  djriftltcfj  ftnb  ober  nidjt,  unb 
ob  ftctj  ba§>  d)riftlid>e  ftarf  unb  beutlid)  in  i^nen  au§fürid)t 
ober  me§r  fd>manfenb.  5luf  jeben  Vernein  für  bk  SBaljrljeit 
ober  üftotfjtoenbigfeit  be§  (55rtftentSum§  oeräidjten  mir  tikU 
mefjr  gän^lid),  unb  fe^en  bagegen  oorau§,  ba%  jeber  (£(jrift, 
e^e  er  fid)  irgenb  mit  Unterfudmngen  biefer  Slrt  einlädt,  fdjon 
bie  ®emif$eit  in  ftdj  felbft  Ijabe,  bafj  feine  grömmigfeit  feine 
anbere  <S5 eftalt  annehmen  fönne  al§  biefe. 

§.  12.  %)aä  Gf)riftentl?um  fte^t  jtoat  in  einem  be* 
fonberen  gefd)i$tlid)en  gufammenfyange  mit  bem  guben* 
tl;um;  ma<o  aber  fein  gefd)tdj)tlid)e«S  2)afem  unb  feine 
Slb^meffung  betrifft,  fo  »erhält  t§>  fid)  ju  Subent^um 
unb  igeibentfyum  gleich 

1.  Unter  gubent^um  m erben  Ijier  aunädjft  bie  mofaifc&en 
Snftituttonen  Oerftanben,  al§  Vorbereitung  ba§u  aber  aud) 
al(e§  fdjon  früher  in  Uebung  gefommene,  ma§  bie  Slbfonberung 
be§  $olf3  begünftigte.    W\t  biefem  nun  fjängt  ba§  Triften* 


66  $er  d&rtftlic&e  ©lau&e.  Grfier  Xf)eil. 

tfmm  baburd)  Qefcf)icf)tlicf)  äufammen,  bafj  ^ejuS  unter  beut 
jübifdjen  JBolf  geboren  ift,  tt)ie  benn  ein  allgemeiner  ©rlöfer 
nid)t  tt)ol  anbcrS  als  auS  einem  monotfjeiftifd^en  SSolfe,  fobalb 
ein  foldjeS  oorljanben  mar,  entfprieften  fonnte.  91ber  man 
barf  ftcb  aucf)  ben  gefd)icrjtlid)en  gufammenljang  nicfjt  gu 
auSfdjliefjenb  Dorfteilen.  £enn  bie  religiöfe  $)enfart  be£ 
S5olfeS  mar  gur  £eit  ber  (5rfd)einung  ©fjrifti  fdjon  ntd)t 
meljr  auSfdiliefcenb  auf  MofeS  unb  bie  ^ropfjeten  baftrt, 
fonbem  mannigfaltig  umgebilbet  burd)  nid)t  jübifcfcje  (Elemente, 
meiere  eS  roäljrenb  unb  nadj  ber  bab^lonifdjen  Betreuung 
aufgenommen  t)atte.  Unb  fo  mar  auf  ber  anbern  <5titz  aud) 
ba§  rjetCemfcrje  unb  römifdje  £eibentljum  auf  mand^erlei  Sßetfe 
monotljeiftifd}  oorbereitet,  unb  bort  bit  (Srroartung  auf  eine 
neue  ($5eftaltung  aufS  äufeerfte  gekannt;  fo  mie  im  ®egen= 
tf)eü  unter  ben  Sfaben  bie  meffianifdien  Sßertjeifjungen  tljeilS 
aufgegeben  maren  tfjeilS  mi^üerftanben.  @o  bafj  menn  man 
alle  gefdj)id)tlid)en  SSerljältniffe  äufammenfafct,  ber  Untertrieb 
meit  geringer  ausfällt,  als  auf  ben  erften  5lnbltff  fdjetnt 
Unb  bit  $lbftammung  ©Ijrifti  auS  bem  Subentljum  mirb  bei* 
burd)  fer)r  aufgetragen,  ba%  eineS  Stetig  fooiel  me^r  Reiben 
als  ^uben  gum  (£f)riftentlmm  übergingen,  tljeilS  aud)  ba& 
Gnjriftentfjum  nid)t  einmal  biefe  5lufnabme  unter  ben  ^uben 
mürbe  gefunben  §aben,  menn  fie  nid)t  oon  jenen  fremben 
(Slementen  burdjbrungen  gemefen  mären. 

2.  $)a§  Gnjriftentfjum  t»err)ält  ftcf)  trielmeljr  gleidj  sunt 
Subentljum  unb  sunt  £>eibentfjum,  fofern  oon  beiben  p  bem* 
felben  übergegangen  m erben  foff  als  %u  einem  anbern.  ©er 
(Sprung  fdjeint  fxetltdtj  größer  gu  fein  öom  föeibentljum,  fo*H 
fern  btefeS  erft  mufete  ntonotljeiftifd)  gemorben  fein  um  djriftlidji 
§u  merben;  allein  beibeS  mar  bod)  nicc)t  gefonbert,  fonbem 
ber  9Konot5ei§mu§  mürbe  nun  gleich  ben  Reiben  unter  ber 
©eftalt  beS  (JfjriftentfmmS  gegeben,  mie  früher  unter  ber  be§ 
Subent^untS.  Sßogegen  bie  gorberung  an  ben  Sfaben,  ftd) 
nietjt  auf  baS  ®efej  ju  oeriaffen  unb  bie  abrafjamttijdjen 
SBerfjetfeungen  anberS  aufeuf äffen,  aud)  nidjt  geringer  mar. 
^tmx  mir  fonadj  annehmen  muffen,  bafj  bk  d)rifilidje  grömmig* 
feit,  mie  fte  fidj  gletdt)  anfangs  geftaltet,  nidjt  auS  ber 
jübifetjen  meber  bamaliger  nod)  früherer  Seit  ä«  begreifen 
ift :  fo  fann  man  aud)  baS  (S&riftentfjum  auf  feine  SSeife 
jalS  eine  Umbilbung  ober  erneuernbe  gortlesung  beS  ^uben^ 
tbumS  anfelm.  SBenn  freiließ  $auluS  ben  glauben  beS  5lbrafjam 
als  baS  Urbilb  beS  djrtftlidjen  Glaubens  anfielt,  unb  ba& 
mofaifdje  ®e[ej  nur  als  etmaS  ämifdjen  eingefdjobeneS  bar* 


©cfteS  ÄQpitel.  3ur  ßrflärung  ber  Sogmatif.  -67 

fteltt:1  fo  tonnte  man  aHerbütßS  barau§  fd)(iefjen,  bafc  er  ba§ 
(£ljriftentrjum  al§  eine  Erneuerung  jene§  urfprünglictjen  unb 
reinen  abra^amttifdjen  SubentfjumS  barftelten  rooEte.  Wem 
feine  Meinung  mar  au<$  nur,  bafj  ftcfj  2tbrarjam§  ©laube  §u 
ber  SSerrjeifjung  eben  fo  besaiten  imbe  mie  ber  unfrige  jur 
Erfüllung,  feine§roege§  aber  ba%  bem  2(bra£)am  bie  SSer^ei^ung 
eben  bajfelbe  geroefen  fei  rote  un§  bie  (Erfüllung.  23o  er 
aber  au§brüfflictj  bon  bem  SBerfjältmß  ber  ^uben  unb  Reiben 
§u  Gbrifto  rebet,  ba  fleHt  er  e§  au<$  gan§  al§  baffelbige  bar,  * 
Gfjriftum  als  benfelbigen  für  beibe,  unb  beibe  al§  Qleict)  fetjr 
oon  ©ott  entfernt,  unb  alfo  (£f)rifti  bebürftig,  SSerr)ält  e§ 
ftctj  nun  gleich  ä^m  Subentljum  mie  sunt  £eibenttmm:  fo 
fann  e§  auetj  mdjt  mefjr  eine  gortfegung  be§  SubentljumS 
fein  at§  e§  eine  be§  £eibentt)um3  ift;  fonbern  fomme  einer 
^er  bon  bem  einen  ober  bon  bem  anbern,  fo  roirb  er  roa§ 
feine  grömmigfeit  betrifft  ein  neuer  SDknfdj.  2)ie$erljeif3ung 
an  Stbrafjam  aber,  fofem  fte  in  ©fjrifto  erfitCCt  roorben  ift, 
mirb  bod)  nur  fo  bargefreEt,  al§  fjabe  fte  iljre  Sßeaieljung  auf 
(S$rtftum  gehabt  lebigltrf)  in  bem  göttlictjert  9?att)fcl)lufc,  niä)t 
in  bem  frommen  ©elbftbemufjtfein  be§  5lbraljam  unb  ber 
Seinigen.  Unb  ba  mir  bie  (gelbigfett  einer  frommen  ®e* 
meinferjaft  nur  ba  anerkennen  fönnen,  roo  biefeS  SBemufjtfein 
gleichmäßig  geftaltet  ift:  fo  tonnen  mir  audj  eben  fo  menig 
eine  ^bentität  anerfennen  sroifdjen  bem  GTtjriftentljum  unb 
bem  abrafjamitifdjen  ^ubent^um  at§  bem  fpäteren  ober  bem 
ipetbenttium.  Unb  roeber  fann  man  fagen  jene§  reinere  ur« 
fprüngtidje  ^ubent^um  Ijabe  bxt  SMme  be§  (£fjrtftentljum3 
fo  in  ftctj  getragen,  baB  fte  ftd)  burd)  natürlichem  gortfdjreiten 
oljne  2) asmif eintreten  eine§  9teen  au§  bemfelben  mürben 
entmiffelt  fjaben,  nodj  audj)  bafj  (£§riftu§  felbft  fo  in  biefer 
gortfd)reitung  liege,  bafj  ein  neue3  gemeinfameS  Seben  unb 
^afeüt  mit  ü)m  nidjt  beginnen  fönne. 

3.  2)ie  meit  berbreitete  Slnnarjme  einer  emsigen  ffitrdje 
©otte§  Oon  Anbeginn  be§  DJcenfcrjengefcrjlectjteS  bi§  äum~^iü5e 
beffelben  rotberforiegt  unferm  ©aj  mefjr  fetjeinbar  ai§  in  ber 
2$at.  ©enn  menn  in  biefen  ©inen  gufammentjang  göttlicher 
£>eil§orbnung  auet)  ba§  mofaifeeje  ®efes  gehört:  fo  mufj  man 
nactj  beroärjrten  ctjriftlictjen  Seljrern  bie  rjettenifdje  SSeltroeiS« 
tjeit,  §umal  bie  nadj  bem  9#onotljei§mu§  ftrebenbe,  ebenfalls 


1  ©al.3,9.  14.  23— 25. 

*  ftöm.  2, 11.  12.  3,  21—24.  2.  ßor.  5.  16. 17.  ©#).  2, 13—18. 


68  aerdjrtftlidje  ©taube.  Griter  Stjetl. 

baf)in  rechnen;1  unb  bodj  fann  man  nid^t  otjne  bte  (Eigens 
tf)üiniidjfeit  be§  (£briftenttjum§  gan^  aufeu&eben  behaupten, 
bafj  bie  SJeljrc  bejfelben  mit  ber  beibnifdien  SßeltroeiSfjeit 
(Sin  ®anae3  bitbe.  SSenn  auf  ber  anbem  «Seite  btefe  Seljre 
oon  ber  ©inen  Äirdje  boräügli$  barauf  ausgebt  bie  un* 
befc^ränfte  aud)  auf  bie  Vergangene  Seit  nnrffame  Söegieljung 
©brifti  auf  alleS  menfd)üd)e  au§äufpredjen:  fo  ift  bieg  eine 
Slbstnetrung,  über  meiere  ^ier  nod)  nietjt  geurtbeüt  merben 
fann,  mit  ber  aber  unfer  ©as  fet)r  tnol  sufammen  beftefjt. 
Unb  fo  mirb  aueb  fdjon  in  ber  ^Sroptjetie  bem  neuen  Söunb 
ein  oon  bem  alten  berfebiebener  S^arafter  betgelegt,2  roie 
benn  biefer  gerabe  (öegenfas  bte  innere  Trennung  auf  ba% 
beftimmtefte  au§jprtd)t.  S)atjer  ift  bie  Siegel  aufauftefteu,  ba% 
für  ben  cbriftlicben  (Sebraucb  faft  atte§  übrige  im  alten 
Seftament  nur  £>üfte  biefer  Söetffagung  ift,  unb  ba§jeiitge  ben 
menigften  SBertf)  bat,  \va§>  am  beftimmteften  jübifd)  ift.  ©o 
ba§  mir  nur  bieienigen  unterer  frommen  Erregungen  mit 
einiger  ($5enauigfeit  in  altteftamentifdjen  ©teilen  tonnen  toieber* 
gegeben  finben,  nietete  me§r  allgemeiner  Sftatur  finb  unb 
nidjt  fet)r  eigentbümlid)  ebriftlicb  auggebilbet;  bie  e%  aber 
finb,  für  bie  tu  erben  altteftamentifebe  ©brücbe  fein  geeigneter 
StuSbruff  fein,  menn  mir  nidjt  einiges  barauS  Ijinmeg  benfen 
unb  anbereS  hineinlegen.  Unb  bie§  in  Ütedjnuug  gebraut, 
merben  mir  gennfj  eben  fo  nalje  unb  aufammenftimmenbe 
SInflänge  aud)  in  ben  Steuerungen  be§  ebleren  unb  reineren 
&eibentbum§  antreffen.  SSie  benn  aud)  bie  älteren  Apologeten 
fidj  nidjt  minber  gern  auf  meffianifdje  Sßeiffagungen  beriefen, 
bie  fte  für  Ijeibmjdj  hielten,  unb  ali'o  aud)  bort  ein  £>in= 
ftreben  ber  menfdjlidjen  üftatur  nadj  bem  GSljriftentljum  an* 
erfannten. 

§.  13.  SDie  @rfd)etnung  be3  ©rlöferS  in  ber  ©e* 
fdji<$te  ift  aU  göttliche  Offenbarung  meber  etma<3  föktyu 
l)in  übernatürlich  nod)  ctma<o  fd)lecbtl)in  übernewttnf* 
tigejo. 

l.  3Sa§  Offenbarung  anlangt,  fo  ift  bereits  oben8  äuge* 
ftanbeu,  bafe  fein  SlnfangSpunft  eiue§  eigentbümlid)  geftalteten 


1  E'xotoj;  ouv  '  IouScuon;  (j.ev  vo[j.o;  ";EXX«)<n  8k  ©iXoao<pia  p-"/.?'- 
T*}{  raoouTiae"  evteüOsv  8k  r,  xXffarcc  rt  xa&oXoo]  ei;  r.epioüaio^  S'.xa-.oauvr^ 
Xaov.  '  Clem.  Strom.   VI  p.  823  P. 

2  Serem.  31,31-34 
8  §.10.  3ufa5. 


Srfte§  Äapitcl.  Qixx  ßrftänmg  ber  £)ogntatü.  69 

£>aiem§  unb  nod)  mefjr  einer  (Uemeinfctjaft  §umal  einer  frommen 
ou§  bem  Buftanbe  oe3  ®reije§  %u  erflären  ift,  in  meldjem  er 
berbortritt  unb  fortroirft,  inbem  er  fonft  fein  2tnfang§bunft 
märe,  fonbern  f elbft  Gstseugnifc  eine§  geiftigen  Umlaufs.  SSie* 
mol  nun  aber  fein  ©  afein  über  bie  Dcatur  jene§  ®reife§  IjinauS* 
gebt,  binbert  bocrj  ntdjtS  anäunefjmen,  bag  £>erbortreten  eine§ 
folgen  £eben§  fei  eine  Söirfung  ber  unjerer  ^atur  al§ 
©attung  einmofjnenben  ©ntnrifuungSfraft ,  meldte  nactj  menn 
aud)  uns»  verborgenen  bocr)  göttlichen  georbneten  ($5efesen  fiel) 
in  einzelnen  9ftenfct)en  an  einzelnen  fünften  äußert,  um  burdj 
fie  bk  übrigen  meiter  §u  förbern,  SBie  benn  otme  eine  folct)e 
9lnnaf)me  an  feine  gortfcrjreitung  meber  tr)eilmeife  nod)  im 
(Jansen  bes>  menfd)Iic^en  d5efct)lec^te§  51t  benfen  märe,  ^ebe 
ausgezeichnete  Begabung  eineS  ©internen,  burd)  melden  ftdj 
in  einem  beftimmten  Greife  irgenb  eine  geiftige  Verrichtung 
neu  gestaltet,  ift  ein  fold)er  2lnfang§bunft;  unb  nur  je  mef)i 
3leufeerungen  biefer  3lrt  in  iljren  Sßirfungen  befdjrctnft  ftnb 
nad)  Stit  unb  9tam,  um  befto  meljr  erfdjeinen  fie  autf), 
menngteictj  nictjt  au§  bem  borbanbenen  erflärbar,  bodj  burdj 
baffelbe  bebingt.  Söenn  man  ba^er  äße  biefe,  ^eben  in  feinem 
(gebiet,  al§  §jerßfiti  beaeidjnet,  unb  üjnen  eine  prjere  S5e* 
geifterung  auftreibt:  fo  ift  baburdj  eben  biefe§  angebeutet, 
bafj  fie  sunt  heften  be§  beftimmten  ®reife§  in  bem  fie  er« 
flehten  au§  bem  altgemeinen  Seben§aueH  befruchtet  ftnb; 
unb  bafj  folctje  bon  3eit  §u  3eit  erfreuten,  muffen  mir  al§ 
etma§  gefesmä§ige§  anferjen,  menn  mir  überhaupt  bie  menfcr> 
licrje  9?atur  in  üjrer  Pieren  S3ebeutung  feftfjalten  motten. 
SlTte  fotc^e  ©inselne  ftnb  bafjer  in  ber  Analogie  mit  bem  SQz* 
griff  ber  Offenbarung,  melier  inbefj  borsug§raeife  nur  auf 
ba§  %th\tt  be§  ljöf)eren  @elbftberouMein§  angemenbet  mirb. 
^n  allen  SfteligionSftiftern  auctj  untergeorbneter  ©rufen,  nur 
ba%  bie  bon  i^nen  au§ger)enbe  Setjre  unb  ®emeinfc&aft  etmal 
eigentbümlid)e§  unb  urfbrüng(tä)e§  fein  mufe,  eine  folc^e  S5e* 
gabung  anäunefjmen  mirb  fictj  mol  niemanb  meigern.  ©oft 
aber  biz]z%  in  bemfelben  «Sinn  auf  CHpftum  angemenbet 
merben,  fo  mürbe  man  sintäc&ft  fagen  muffen,  bäte  im  23er* 
gleich  mit  if)m  atfe§,  ma§  fonft  für  Offenbarung  gehalten 
merben  fann,  bieien  (Stjarafter  roteber  berliert,  meit  aüe§ 
anbere  auf  beftimmte  Beiten  unb  Dtäume  befcrjränft,  unb  atte§ 
bon  folgen  fünften  au§gefjenbe  boct)  fct)on  im  borau§  be* 
ftimmt  ift  in  irjm  mieber  untersugefjn,  in  SSe^ug  auf  i§n  al[o 
auctj  fein  ©ein  ift  fonbern  ein  ^idjtfein,  unb  nur  (Sr  baju 
gefegt,   atfma'blig  ba§  ganse  menfctjlicrje  ®eftf)Iecrjt  pljer  §u 


70        •  £er  djriftütfje  ©lau&e.  Grfter  2$eU. 


beleben.  SDenn  mer  (Sfjriftum  nidjt  in  tiefer  Sltfgemeinbett 
al8  göttliche  Offenbarung  annimmt,  ber  fann  au$  baS  (Triften* 
tbum  nid)t  al§  eine  bleibenbe  (Srfdjeinung  motten.  2)em= 
üljneradjtet  fl^er  müftte  bod)  beraubtet  roerben,  ba§  aud)  bie 
ftrengfte  Slnftdjt  bon  bem  Unterfdjiebe  gmifdjen  iljm  unb  atten 
anbern  ÜDtenfdjen  nid)t  r)inbere  su  fagen,  bafe  feine  @rfd)einung 
au<$  al§  ÜXRenfdjmerben  be§  <Sobne§  ®otte§  etmaS  natürliches 
fei.  2)enn  suerft  mufj  bodj,  fo  geroife  ©^riftuS  ein  ÜDtenfd} 
mar,  audj  in  ber  meufdjlicben  9?atur  bk  SJcöglic&feit  liegen, 
ba$  göttliche,  roie  e§  eben  in  (£t)rifto  gemefen  ift,  in  ftct)  auf* 
3unet)men.  ©o  ba%  bie  SBorfteltung,  bk  göttliche  Offenbarung 
in  (£f)rifto  muffe  aud)  in  biefer  £)infid)t  etmaS  fcr)Iect)tr)irt 
übernatürliches  fein,  gar  nidjt  $robe  Ijält;  bielme^r  erflärt 
fidj  felbft  baS  ^rotebangelium,  inbem  eS  ja  bk  Sßorljerfagung 
©tjrifti  unmittelbar  an  ben  gatt  anfnübft,  ganj  bagegen,  als 
ob  bie  menfdtfidje  Statur  irgenb  unfähig  fei,  baS  mieber&er- 
ftettenbe  göttliche  in  ftct)  aufzunehmen,  unb  baS  Vermögen 
ijieju  erft  muffe  in  fie  §ineingefd)affen  werben.  Sßenngleid) 
aber  in  ber  tnenfdjlidjen  ^atur  nur  bk  9Jcögttd)feit  fjteäix 
liegt,  mithin  baS  mirflidje  ©inbflanäen  btefeS  göttlichen  in 
biefelbe  nur  ein  göttlicher  alfo  einiger  TO  fein  mufj:  fo  mufe 
bo<$  smettenS  aucb  baS  äettlidje  föerbortreten  biefeS  9lfteS  in 
einer  beftimmten  einseinen  $erfon  zugleich  als  eine  in  ber 
urfbrünglidien  (Einrichtung  ber  menfdjlidjen  Statur  begrünbete, 
unb  burdj  atteS  frühere  borbereitete  2$at  berfelben,  fomit  als 
bie  ljö$fie  (Sntmifftung  ibrer  geiftigen  ®raft  angefeljen  roerben, 
gefegt  audj  mir  fönnten  niemals  fo  tief  in  biefe  innerften  ®e= 
Ijeimniffe  beS  allgemeinen  geiftigen  SebenS  einbringen,  ba§ 
mir  unS  biefe  allgemeine  Ueberseugung  gu  einer  beftimmten 
Slnfdjauung  entrotffeln  fönnten.  £)enn  fonft  mürbe  eS  immer 
nur  als  göttliche  SBittfüfjr  su  erflären  fein,  ba%  gerabe  in 
Scfu  unb  feinem  5lnbern  baS  roieberberftettenbe  göttliche 
&ur  (Srfd)  einung  gefommen  ift;  göttliche  Sßittfütjr  im  emaelnen 
anäunel)men  ift  aber  immer  eine  antljrobobatbifdje  3lnfidjt, 
für  meiere  audj  bie  (Sdjrift  fidj  nidjt  erflärt,  bielmeljr  felbft 
auf  bie  bier  aufgeftettte  Söebtngt^eit  §u  beuten  fdjeint.1 

2.  28aS  nun  aber  baS  überbernünftige  betrifft,  fo  fönnte 
(£brfftu§  auf  feine  SSeife  ber  ®efammtl)ett  ber  üDiSenfdjen  als 
Crrlöfer  gegenüberfteljen,  menn  biejenigen  feiner  £ebenS= 
momente,  burefy  roeldje  er  bie  (Srlöfuug  bolibringt,  auS  ber 
allen  Zubern  gleidjmäfjig  einroofjnenben  Vernunft  au  erflären 


1  (»al.4.  4 


SrftcS  ÄapiteL  3ur  (£rflänmg  ber  Dogmatil.  71 

ioären,  fteil  bann  biefe  guftänbe  audj  in  ben  5Inbern  müßten 
fcortommen ,  nnb  alfo  audj)  fie  bie  ©rlöfung  betoirten  tonnen. 
2Senn  nun  eben  fo  au<$  in  ben  Gsrlöften  (Semüt^Ssuftänbe 
gefegt  finb  als  nur  burd)  feine  TOttf)  eilung  ober  (£inft>irfung 
bebingt,  unb  oljne  biefeS  tonnte  man  nidjt  fagen,  bafj  eine 
<£rlöfung  an  itmen  öollbractit  fei:  fo  finb  mithin  audj  biefe 
nidjt  auS  ber  i^nen  bon  tljrer  (Seburt  5er  einrao^nenben 
Vernunft  allein  $u  erttären,  menngteidj  biefe  baju  ununt* 
gänglidj  notljmenbig  geprt,  ba  an  einer  bernunftlofen  <3eele 
folc^e  Buftänbe  niemals  fein  tonnen,  ©onadj  ift  atferbingS 
überbernünftigeS  in  bem  ©rtöfer  unb  ben  ©rlöften,  mithin  in 
t>em  ganzen  Umfange  beS  (SfjriftenfyumS  gefegt:  unb  mer  MeS 
auf  feine  SSeife  ernennen  mottle,  ber  tonnte  audj  bie  @r* 
löfung  nidjt  im  eigentlichen  ©tnne  oerftefjen  unb  baS  Triften* 
ttjum  nur  für  eine  bis  auf  beffereS  befteljenbe  SInftalt  jur 
Ueberlieferung  ber  (Sinflüffe  einer  befonberS  in  ber  gorm  beS 
(SelbftbenntfjtfeinS  boräüglidj  erregten  menfdjlidjen  Vernunft 
gelten  laffeu.  £)iefe  Ueberbernünftigfett  nrirb  audj  faft  oljne 
$luSnat)me  in  ben  Steuerungen  berer  bie  ftdj  ju  ^r)rifto  be* 
fennen  anertannt  unb  unter  öerfdjiebenen  formen  auSgebrüftt 
als  eine  urfprünglidje  ober  fpäter  eingetretene  beharrliche 
ober  auf  einen  Moment  eingefct)ränfte  (gmmoljnung  (SotteS 
ober  beS  l°3?£  in  ©Ijrifto  unb  als  ein  Söemegtfein  ber  ©rlöften 
ton  bem  ^eiligen  (Seift,  <Sesen  mir  aber  aud)  bie  r)öcrifte 
^ifferenj  smifdjen  biefem  überoernünftigen  unb  ber  gemeinen 
menfdilidjen  Vernunft:  fo  tann  bodj  niemals  bieS  über* 
ternünftige,  oljne  mit  fidj  felbft  in  Sßiberfprudj  ju  geraden, 
als  ein  fct)Xecl)t5m  foldjeS  aufgeteilt  merben.  2)enn  baS  pdjfte 
SieJ^ioeldjeS  gefegt  mirb  bon  biefen  SSirfuugen  ber  (Srtöfung, 
ift  bodj  immer  ein  folctjer  Buftanb  beS  Ü0cenfdjen,  melier 
nidjt  nur  bie  OoUtommenfte  Slnertennung  audj  ber  gemeinen 
menfdjlidjen  Vernunft  erhielte,  fonbern  in  meldjem  audj  maS 
ber  göttliche  (Seift  hrirtt,  unb  maS  bk  menfdjltdje  Vernunft 
felbft  in  bemjelben  ^nbibibuum  überall  nidjt  tann  unter* 
fdjteben  merben.  ^nbem  alfo  alSbann  bit  Sßernunft  gän§= 
ttcr>  einS  mit  bem  göttlichen  (Seift  ift,  fo  tann  ber  gött* 
lictje  (Seift  felbft  als  bit  Ijödjfte  Steigerung  ber  menf Stiften 
Vernunft  gebaut  merben,  unb  bie  ©tfferens  smifdjen 
betben  als  aufgehoben.  ©ben  fo  aber  ift  au$  fdjon 
im  erften  Anfang  aßeS  maS  ben  Söemegungen  beS  göttlichen 
(SeifteS  miberfpridjt,  aud)  baS  maS  ber  menfdjlidjen  Vernunft 
trftetftrdtet,  inbem  aud)  fonft  nic^t  tonnte  ein  SBenmfjtfeü; 
tidr*  (Jrlöfungsbebürftigfeit  in  bem  SJtenfcfcen  fein,  e^e  iene 


72  £er  $riftltd|e  ©laube.  erfterSfjeü. 

SSirfungcn  eintreten,  unb  gmar  ein  foltf)e§  rDeTct)e§  burd* 
biefelben  befrtebiget  nrirb.  3ft  alfo  in  ber  menfdjltdjen  $er* 
nunft  felbft  jd)on  auf  gennffe  2Bei[e  ba§  gefegt,  roa§  burcf»  ben 
göttlichen  ©eift  tjeroorgebradjt  nrirb:  fo  getjt  er  menigftenS 
in  biefer  SBegteljung  nicrjt  über  biefelbe  fjinau§.  3ßa§  nun  bon 
ben  ©rlöften  gilt,  ba§  ift  eben  fo  aucl)  bon  bem  ©rlöfer  gu 
fagen,  inbem  audj  biejenigen,  bie  feine  SIrt  bon  göttHctjer  (£in* 
rooljnung  in  it)m  annehmen,  bo<$  biefel6en  Tätigkeiten  SBor* 
ftetfungen  unb  ßebenSregeln,  bie  Slnbere  au§  jener  erflären, 
ifjrerfeitS  al§  baä  Jödjfte  bernünftige  greifen,  unb  alfo  mit 
ifjrer  menfcf)li<$en  Vernunft  btttigenb  auff äffen,  welche  Sluf* 
faffung  roieberum  jene  nidjt  tabeln  ober  berroerfen,  fonbern 
ebenfalls  biüigenb  anerfennen. 

£ufag.  ßufolge  ber  Ijter  sunt  ©runbe  gelegten  Slnftdjt 
bon  ber  grömmigfeit  ift  ba$  eigentümliche  ©ein  be§  @r* 
löfer§  unb  ber  ©rlöften  in  ifjrem  Bufammenljange  mit  iljm 
ber  urfbrünglidje  @ig  jener  grage  bon  bem  übernatürlichen 
unb  unbernünftigen  im  (£tjriftentljum ;  fo  bafj  irgenb  thva& 
übernatürlich  ober  überberaünftigeS  gugulaffen,  ma§  ni<$t 
mit  ber  (£rfd)einung  be§  @rlöfer§  gufammenljinge,  fonbern  ein 
anbereS  urfürünglictjeS  für  fiel)  märe,  gar  fein  ®runb  bor* 
fjanben  ift.  ®emöljnlidj  rairb  fte  beljanbelt  tljeilS  in  SBegieljung 
auf  bie  eingelnen  Xljatfadjen,  für  meiere  ba$  übernatürliche 
befonber§  in  Slnfbrudj  genommen  roirb,  bon  melden  fjier  nodj 
nietjt  bie  Sftebe  fein  fann,  t&eilS  in  Söegieljung  auf  bk  c&rift* 
liefen  Seigren,  meiere  für  un§  nicfjtg  anbereö  finb  al§  bk  3lu3* 
fagen  über  jene§  <Selbftbemu§tfein  unb  beffen  BufammenJjüng. 
Söenn  aber  ba$  überbernünftige  in  bem  djrifilitfjen  «Selbft* 
bemufjtfein  barin  beftefjt,  bafc  e§,  fo  nrie  e§  ift,  ntdjt  burdj 
bie  £l)ättgfeit  ber  Vernunft  fann  fjerborgeoradjt  roerben:  fo 
folgt  barauS  nod)  gar  ni$t,  ba%  bie  5lu§fagen  über  biefeä 
(Selbftberoufjtfein  au<$  müßten  überbernünftig  fein.  2)enn  in 
bemfelben  (Sinn  ttrie  ba§  djriftlicrje  ©elbftbemufjtfein  ift  audj 
bie  gange  Sftatur  überbernünftig,  unb  bodj  nennen  mir  unfere 
Slu§fagen  über  biefelbe  feine§meg§  eben  fo,  fonbern  rein  ber* 
nünftig.  3)a§  gange  S3erfatjren,  bie  3lu§fagen  über  unfer 
fromme§  ©elbftbemufctfein  aufguneljmen ,  ift  aber  eben  fo  ein 
rein  oernünftige§  mie  ieneS,  unb  ber  Unterfcfjieb  nur  ber, 
öafe  biefeS  objeftibe  SBeftmfjtfefn  nur  bem  urfbrüngtid)  gegeben 
tft,  melcljer  bon  ber  Statur  afficirt  ift,  jene§  ©elbftbemufjtfein 
aber  nur  bem,  melier  bon  bem  (£rlöfer  auf  bk  feinen  33e* 
fennern  eigentümliche  $lrt  afficirt  ift.  hieraus  nun  geljt  bon 
felbft  tjerbor,  mag  oon  ber  Ijerrfdienben  ^tnfictjt  gu  galten  ift, 


ErftcS  Äapitel.  £ur  Srflärung  ber  Sogmcttif.  73 

Qig  ob  bie  djrifttidje  Seljre  sunt  £ljeil  au§  oemünftigen,  unb 
sunt  £l)eit  au§  überoernünftigen  ©ägen  beließ"  2)a§  3m  ar 
leuchtet  fdjon  oon"felbft  ein,  ba%  bitä  nur  eine  SEebenemanber* 
fteftung  fein  fönne,  feine§mege§  aber  beiberiet  <Säae  ein  ©angeS 
büben;  benn  amiidjen  oernünftigem  nnb  überoernünftigem 
fann  fein  gufammentjang  )tatt  tjaben.  2lud)  fteljt  man  bk$ 
äiemlid)  beutlid)  an  allen  S8ef)  anbiungen  ber  d)riftli$en  &eljre, 
meld)e  ftdj  in  eine  natürliche,  nic^t  nur  innerhalb  fonbem 
aud)  aufjerfialb  be§  (£ljriftentt)um§  at§  rein  Vernünftig  gültige 
nnb  in  eine  fcofitiöe  nur  innerhalb  beffelbigen  gültige  über* 
oemünftige  Geologie  feilen;  benn  beibe  finb  unb  bleiben 
bann  bon  einanber  gefonbert.  ^er  (Sdjein  aber,  al§  ob  eine 
fold)e  Bereinigung  ttmnlid)  märe,  entfielt  baljer,  bafj  e§  aller* 
bing§  crjriftltctje  (Säge  giebt,  in  benen  ba$  eigentümlich  cljrift* 
lidje  bebeutenb  jurüff  tritt,  fo  ba%  fte  aud)  in  ber  93e§ie^ung 
für  rein  Oernünftig  fönnen  gehalten  merben,  in  melier  bit 
anbem  für  überoemünftig  gelten.  SSäre  inbefs  iene§  eigen* 
tljümlidje  gar  ttidjt  in  itmen:  fo  mären  fie  freilief)  aud)  feine 
djriftlidjen  ©äse.  2)a§  28a§re  Oon  ber  <3acf)e  ift  baljer  btefe§, 
ba§  alle  cr)rtftlicljen  <Säje  in  einer  23eaief)ung  überoemünftig 
finb,  in  einer  anbern  aber  aud)  alle  öemünfttg;  überoemünftig 
aber  finb  fie  in  berfelben  Söegieljung,  in  ber  au$  atte§  er* 
faljrungSmäfjige  überoemünftig  ift,  mie  e§  benn  audj  eine 
innere  (Srfafjrung  ift,  auf  meiere  fie  alle  surüffgeljn,  nämlidj 
baB  fte  auf  einem  (begebenen  berufen,  unb  ofjne  biefe§  nid)t 
Ratten  fönnen  burd)  Ableitung  ober  gufammenfeaung  au§  all* 
gemein  anerfannten  unb  mittl)  eilbaren  <Sä§en  entfielen,  ©onft 
müfste  man  \a  aud)  jeben  SUcenfctjen,  o^ne  ba%  iljm  irgenb 
etma§  begegnet  fei,  sunt  Triften  unterrichten  unb  bemonftriren 
fönnen.  ©aljer  gehört  au  biefer  UeberOernünftigfeit  aud),  ba%" 
eine  maljre  Aneignung  ber  crjriftlictjen  ©ä§e  nidjt  auf  miffen=i 
fdjaftli$e  SSeife  erfolgen  fann,  alfo  ebenfalls  aufcer  ber  23er*i 
nunft  liegt;  fonbem  fte  erfolgt  nur,  fofern  ^eber  felbft  Ijat 
motten  bk  (Srfaljrung  machen,  mie  ja  atte§  einzelne  unb 
eigentümliche  nur  fann  burdj  bie  anfdjauenmottenbe  £kbt 
aufgefaßt  merben.  Sn  bie[em  (Sinne  al[o  ift  bie  gan^e  ct)rift= 
ltdje  Sefjre  überoemünftig.  Söirb  aber  banadj  gefragt,  ob 
bk  ©ä§e,  meiere  bie  d>riftlid>en  ($5emütlj§äuftänbe  unb  beren 
3ufammen^ang  au^brüffen,  nic^t  benfelben  ©efe§en  ber  $8e* 
griffSbtlbung  unb  Berfnüpfung  untermorfen  finb,  mie  atte§ 
gefprodjene,  fo  bafj  ie  Oottfommner  in  einer  folgen  3)arfteftung 
bieten  ®efesen  genügt  ift,  um  befto  meljr  audj  ^eber  genötigt 
merbe  richtig  aufsuf äffen  mag  gebadjt  unb  gemeint  ift,  menn= 


74  &er  cfjrtftlidje  ©taube,  grfter  £fjeü\ 

glcid)  et  fidj  üon  ber  SSafirtjeit  ber  ©adje,  roeil  c§  ü)tn  an 
ber  inneren  ©runberfafjrung  feljlt,  nictjt  überzeugen  !ann:  fo 
in ufe  in  Metern  ©inne  alles  in  ber  c&riftlicrjen  Sebre  burdjauä 
bcmunftmäfjig  [ein.  ©onad)  ift  bie  Ueberbernünftigfeit  aller 
einzelnen  $rtftlicrjen  Se^rfäje  ber  äRaafcftab,  toonadj  man  be= 
urtfjeilen  fann,  ob  fte  aua)  ba§  eigenttmmlicr)  dt>riftltc^e  mit 
au§fpreä)en,  unb  hneberum  bie  SBernunftmäfjigteit  berfelben 
bie  $robe,  inwiefern  baZ  Unternehmen  bie  innern  (XJemütbS* 
erregungen  in  ©ebanfen  ju  übertragen  gelungen  ift  ober 
nidjt;  bie  SBebauptung  aber,  e§  fönne  nidjt  berlangt  werben, 
ba§ienige  bernunftmä&ig  baräuftetten,  ma§  über  bie  Vernunft 
IjinauSgelje,  erfdjeint  nur  al§  eine  $lu§flucrjt,  moburd)  bie  et* 
nmnige  UnboIIfommenbeit  be§  SßerfaljrenS  foH  bemäntelt 
werben,  fo  wie  bie  entgegengefe^te  e§  muffe  in  c&riftiidjer 
£ebre  aHe§  in  iebem  ©um  au§  ber  Vernunft  ju  begrünben 
fein,  nur  ben  Mangel  an  ber  eignen  ($5runberfaljrung  ju  be* 
bellen  gemeint  ift. 

£)ie  getoölmlidje  gormel,  bafj  ba8  überöernünftige  im 
Cnjriftentfmm  nidjt  bürfe  roiberbernünftig  fein,  fdjeint  baffelbe 
befagen  %u  foEen  rote  unfer  ©a§.  $>enn  e§  liegt  barin  auf 
ber  einen  (Seite  ba§  Slnerfenntnifc  be§>  überbernünftigen,  auf 
ber  anbern  bie  Aufgabe  ba$  nidjt  rotberbernünftige  barin 
n  aeterno  eifen,  n>a§  nur  burdj  bie  Sßerounftmäfjigfeit  ber  2>ar* 
fteKung  erreicht  to erben  !ann. 

§.  14.  ©£  giebt  feine  anbete  2lrt  an  ber  <$riftlicben 
©emetnfcfyaft  Slntyeil  gu  erhalten,  als  butd)  ben  ©lauben 
an  Qejum  ate  ben  ©rlöfer. 

1.  Sin  ber  djriftüd&en  ©emeinfc^aft  Slntljeil  baben  f)ei§t 
in  ber  (Stiftung  GHjrifti  bie  5lnnäberung  fudjen  an  ben  oben1 
befd>riebenen  guftanb  fct)lect)tr)tmöer  £eid)tigfeit  unb  ©tätig* 
feit  frommer  (Erregungen,  £)enn  au§  einem  anberen  al§  btefem 
®runb  fann  niemanb  in  ber  djriftlidjen  ®trct)e  fein  wollen. 
S)a  nun  aber  jeber  nur  bermittelft  eine§  eigenen  freien  (Snts 
fd)luffe8  binetntreten  fann;  fo  mufj  btefem  bie  ©ewifjljeit 
öorangefjn,  ba%  burdj  bie  (Sinwirfung  (£§rifti  ber  Buftanb  bet 
6rlöfung§bebürftigfeit  aufgehoben  unb  jener  herbeigeführt 
Werbe,  unb  biefe  ($5ewifcl)eit  ift  eben  ber  ©laube  an  ©Ijrifnim. 
£)iejer  5lu§bruff  nämlidj  beaetdjnet  überall,  auf  unfcrm  ®e» 


C  5,  k 


GrfteS  Äopltel.   3ur  Srflärung  ber  Sogmattt.  75 

biete  nur  bie  einen  Buftanb  be§  böberen  (SelbftbemufjffeinS 
begleitenbe  (Serotfjbeit,  bie  mithin  eine  anbete,  eben  be§balb 
ober  audj  feine  geringere  ift,  al§  biejenige,  meiere  baä  objectiOe 
SBeroufctfein  begleit  et.  ^n  bemfelben  ©inn  h)ar  fdjon  oben1 
bie  SRebe  Oon  bem  ©tauben  an  (Sott,  ber  niä)t§  anber§  mar, 
al§  bie  (Seroifcbeit  über  baZ  fdätecbtbinige  5tbbängigfeit§gefübl 
olS  folc&eB,  b.f).  al§  bur$  ein  aufjer  un§  gefeateS  Sßefen  be- 
bingt  unb  unfer  Sßetbältnifc  au  bemfelben  auSbruffenb.  ©et 
in  Sftebe  ftebenbe  ©taube  aber  ift  eine  rein  tfjat[ädj)lidje  (Se* 
lüt^rjett,  aber  bie  einer  OoIIfommen  innetlidjen  S^atfadje.  (Sie 
fann  nämlicb  nidjt  eber  in  einem  ©ingelnen  fein,  bi§  in  ibm 
burdj  einen  (Stnbruff ,  ben  er  Oon  (Ebtifto  empfängt,  ein  5ln= 
fang  roenn  aud}  nur  ein  unenblidj  Heiner  eine  reale  9tfmung 
gefegt  ift  Oon  ber  Slufbebung  be§  3uftanbe§  ber  (£tlöfung§s 
bebürftigleit.  ©er  5tu§bruff  (glaube  an  Gnjtiftum  ift  bier  aber 
fo  roie  bort  (glaube  an  (Sott  bie  Söeaiebung  be§>  £uftanbe§ 
qIS  Sßitfung  auf  (Xbriftum  al§  Urfacbe.  @o  betreibt  ibn 
aud)3obanneg.  ©o  baben  ftdj  bon  Slnfang  an  nur  bteiemgenl 
an  (Sbriftum  §u  feiner  neuen  (Semeinfä)aft  angefd)toffen,  beren 
frommes  ©elbftbemufjtfein  als  (£tlöfung§bebütftigfeit  au§= 
geprägt  mar,  unb  meldte  nun  ber  ertöfenben  ®raft  ©briftt  bei 
fid)  getoifj  mürben.2  ©o  bafj  ie  ftörfer  $Beibe§  in  ^emanbem 
beroortrat,  befto  mebr  audj  er  felbft  betfen  fonnte  burcb  ©ar* 
legung  ber  SDjatfacfje,  raoau  bie  (Säuberung  (£brifti  unb  feiner 
Sßirffamfeit  mit  geborte,  btefelbe  innere  ©rfabmng  in  Slnberen 
berooraurufen.  ^n  melden  bie§  nun  gefcbab,  bie  mürben 
gläubig,  bie  Slnbern  nictjt 8.  hierin  fyat  nun  aucb  feitbem 
immer  ba§  SSefen  aller  unmittelbaren  djrifilidjen  SBerfünbtgung 
beftanben,  bie  fidj  immer  nur  al§  &eugnifj  geftatten  fann; 
Beugnifj  Oon  ber  eigenen  (Stfabrung,  raeld)e§  bie  Suft  in  jj 
Snbern  erregen  foßte,  btefelbe  (£rfal)rung  auäj  au  nutzen.  ,: 
55 er  (£inbruff  aber,  ben  Sitte  fpäteren  auf  biefem  SBege  befamen 
oon  bem  buttf)  GPjrtftum  bemirften,  nämlicb  Oon  bem  burcb  ibn 
mitgetbeilten  gemeinfamen  (Seifte  unb  Oon  ber  ganaen  (Semem* 
jdjaft  ber  GHjttften,  unterftüjt  burcb  bie  gefcbicbtlicbe  ©ar- 
ftettung  feine§Seben§  unb  2Befen§,  mar  eben  berfelbe  ©inbruff, 
ben  bie  geitgenoffen  unmittelbar  Oon  ibm  empfingen,  ©aber 
aud)  bie,  roeldje  ungläubig  blieben,  nicbt  beäfyalh  gefabelt 
murben,  meil  fte  fidj  etma  burcb  (Srünbe  nictjt  bätten  bemegen 


1  §•  4,  4. 

8  Sofj.  i,  45.  46.  6,  68.  69.  Sttatt.  16,  15—18. 
*  5Cp.©efä.2,  37.  41. 


7  b  £)er  cf)rtfllid)e  glaube.  Srfter  £f)eü. 

laffen,  fonbern  nur  megen  be§  9JcangeI§  an  ©elbfterfenntnifc, 
meltfjer  sum  GJrunbe  Itcgen  mufj,  rco  ftct)  eine  Unfäfjigfeit 
jeigt  beu  mafjr  unb  richtig  bargefteKten  (Srlöfer  al§  folgen 
ansuerf  ernten,  liefen  Mangel  an  <Selbfterfenntnifj,  b.  5.  an 
SBeroufjtfein  ber  (ErlöfungSbebürftigfeit,  fteHte  aber  fdjon 
(SfjriftuS  felbft  bar  al§  bie  ®rense  feiner  SSirffamfeit.  Unb 
fo  ift  ber  ©runb  be§  Unglaubens  ju  allen  Beiten  berfelbe, 
rote  aud)  ber  ©runb  be§  ©laubenS  berfelbe  ift. 

2,  (£§  ift  mol  für  fid?  fiar,  unb  nidjt  nötbig  ftd)  beSfjalb 
auf  bie  üielen  immer  Oergeblicb  angeftellten  $Berfud>e  ju  be« 
rufen,  \>a$  e§  nid)t  mögüdj  ift,  bit  9Mt)tt>enbigfeit  ber  G&h> 
Iöfung  jemanben  anjubemonftriren;  fonbern  tuer  ftdj  burdj)  ftdj 
felbft  beruhigen  lann,  ber  toirb  aud)  immer  ein  SQcittel  finben 
au§§umeid)en.  Unb  eben  fo  menig  !ann,  menn  ba%  ©elbft* 
bemufjtfein  Ijiefür  gemefft  ift,  bemonftrirt  merben,  bafj  (£briftu§ 
ber  ©innige  ift,  ber  bk  (£rlöfung  bemirf en  fann.  ©onbera 
mie  ju  feinen  Seiten  SSiele  %tvax  an  eine  beöorfteljenbe  @r* 
Iöfung  glaubten,  um  aber  bod)  nid)t  aufnahmen:  fo  lä%t  ftdj 
aud)  bei  einer  richtigeren  SSorfteHung  Don  bem,  tt>a§  ansu* 
ftreben  ift,  nid)t  einfeljn,  mie  nun  benriefen  merben  fönnte, 
ba%  ein  ©inselner  im  <5tar\be  ift  bie  getoünfdjte  SSirfung 
Serborjubringen ,  ba  e§  Riebet  auf  bk  ®röf$e  ber  geiftigen 
Sraft  anfommt,  für  bie  e§  feine  ^edjnung^art  giebt,  unb, 
aud)  menn  e§  eine  gäbe,  bod)  nodj  ettvaä  müfcte  gegeben  fein 
um  bie  ^edjnung  anzulegen.  $a  aud)  md)t  einmal  im  W* 
gemeinen,  bafj  eine  foldje  ©rlöfung  fommen  muffe,  fann 
benriefen  merben,  menn  aud)  eine  gemeinfame  (£rfenntnifc 
baoon  nrie  bie  ÜD?enfd)en  ftnb  ntdjt  nur  fonbern  aud)  nrie  ®ott 
ift  gegeben  märe;  fonbern  jebe  ©obljiftif  §&ttt  ben  freieften 
(Spielraum  entgegengefe§te§  gu  folgern  auSbenfelben  Angaben, 
je  nadjbem  bie  5lbftdjt  ($5otte§  mit  ben  üUcenfdjen  fo  gebaut 
nrirb  ober  fo.  —  Wlu%  e§  nun  aber  hd  ber  eben  befcbriebenen 
2lrt  ber  65ehrif$eit  bleiben ,  unb  ift  ber  (glaube  nid)t§  anberS 
al§  bie  anfangenbe  (grfdjrung  bon  ber  Stillung  jene§  geifttgeu 
SBebürfntffeS  burd)  ©riftum:  fo  fann  e§  nod)  fet)r  berfdjiebene 
Strien  geben,  nrie  Söebürfntfä  unb  Jpülfe  erfahren  nrirb,  unb 
fte  merben  bodj  alle  glaube  fein.  Unb  aud)  ba$  Söemufctfein 
be§  $Bebürfniffe§  fann  fdjon  lange  borljer  borbanben  fein,  oft 
fann  e§  aud)  erft  burd)  ben  ®egenfa§,  ben  bie  SSoHfommcn* 
beit  ©b^ifti  au  bem  eignen  3uftanbe  bilbet,  öottftönbig  gemcfft 
merben,  unb  alfo  betbe§  jugleicb  entftanben  fein  ba§  pcbfte 
Jöeniu^tfein  beS  ©ebürfniffeg  unb  ber  Anfang  ber  fdt* 
friebtgung. 


Griter  Kapitel.  3ut  (Srflärung  ber  Eogmatif.  77 

3.  Sßenn  nun  bodj  in  ber  ©djrift  felbft  öfter  Vernein 
fütjrungen  ermähnt  werben,  beren  ftdj  bie  Beugen  be§  (£ban= 
gelium§  bebient  Ijaben:1  fo  mirb  bodj  nie  behauptet,  bafj  ber 
(glaube  au§  ber  VemeiSfüljrung  entftanben  fei,  fonbem  au§> 
ber  Verfünbigung.  Sene  Söetoetfe  mürben  immer  nur  bei 
ben  ^uben  angemenbet  in  Vegug  auf  bte  unter  ibnen  bor- 
Baubeiten  Vorfteltungen  bon  bem  berbeiBenen  9Jceffta§,  um 
ben  hieraus  enftanbenen  Sßiberforudj  gegen  ba§>  3atgni&  ah* 
gumetfen  ober  einem  folgen  guborgufommen.  gür  Beugen 
<£ljrifti  ou§  ben  Suben  unb  bor  ben  ^uben  mar  bieg  eine 
unerläßliche  Verttjetbigung.  SDcocbten  fie  nun  behaupten,  bafe 
fie  felbft  fdjon  immer  feine  anbere  ©rlöfung  at§  eine  foldje 
erroartet  hatten,  ober  bafj  ir)re  ©rroartungen  buretj  bte  (£r* 
f Meinung  unb  bte  ©inroirrung  ©&rifti  umgebitbet  roorben 
feien:  fo  mußten  fie  entmeber  bem  gangen  ^ubentbum  abfagen, 
mogu  fie  feine  Shtroeifung  bitten,  ober  nacfjmeifen,  ba%  bte 
probbetifeben  2)arftettungen  auf  biefen  Sefum  al§  ©rlöfer  an* 
menbbar  feien.  Söotten  mir  e§  anbers?  anlegen:  fo  mürbe 
ber  (glaube  ber  ^eibenc^riften  ntctjt  berfelbe  gemefen  fein, 
mie  ber  ber  Subendjriften;  unb  fo  märe  aueb  niebt  au§ 
Bmeien  maljrt)aft  (£in§  gemorben,  fonbem  bie  Reiben  bätten 
erft  muffen  guben  merben,  um  bann  burdj  bie  Autorität  ber 
^rob^eten  gum  ©Ijrtftentfjum  gebraut  gu  merben. 

3 ufa§.  Unfer  @ag,  inbem  er  bon  feiner  Vermittlung 
roeiter  etma§  auSfagt  gmifetjen  bem  glauben  unb  bem  2lntf)eit 
baben  an  ber  cbriftltcben  ©emeinfebaft,  mitt  fonadj)  aud)  ba* 
für  angefeben  fein  betbe§  unmittelbar  gu  berbinben,  fo  ba% 
mit  bem  glauben  jener  5lntfjeil  aud)  bon  felbft  gegeben  ift, 
niebt  nur  fomeit  bie§  bon  ber  ©elbfttbätigteit  be§  gläubig 
gemorbenen,  fonbem  aueb  fo  meit  e§  bon  ber  ber  ©entern* 
febaft  abfängt,  al§  bon  melcber  ja  baZ  Beugnifs  um  ben 
(glauben  gu  erroeffen  ausgegangen  mar.  £nbem  er  aber  ben 
gangen  Verlauf  gmifdjen  biefen  beiben  ©Hebern  bem  Seugnifs 
unb  ber  Sßirfung  beffelben  abfd)iief$t :  fo  mitt  er  gugletcb 
aüe§  abfdjliefcen,  ma§  man  unter  bergorm  ber£)emonftration 
bem  eigentlichen  Beugnifj  gu  föülfe  gu  geben,  ober  mobureb 
man  e§  gar  gu  erfegen  gu  motten  pflegt.  $ie§  ift  nun  oor* 
nebmlictj,  bafj  man  bit  Slnerlennung  ©brifti  herbeiführen  miß 
buretj  bie  JSiffita.  meiere  er  berriebtet,  ober  bureb  bte  gBeif* 
fggungen  metdje  ibn  borber  bertünbigt  baben,  ober  buret)  bh 
befonbere  ©igenfetjaft   ber  urfbrünglicb  über  ibn  abgelegten 


1  STp.  ©efc|.  6,  9  u.  10.  unb  9,  20—22.,  aud)  18,  27.  28 


78  $er  rf)riftltct)e  ®Iaube.  ©rftcr  STheti. 

3eugniffe,  bafe  fte  ein  SSerf  ber  göttlichen  ©ingebung  feien. 
£>iebei  fctjeint  aber  überall  metjr  ober  weniger  bte  £äufctjung 
objumalten,  bafj  bie  Söirffamfeit  biefer  Umftänbe  irgenbmie 
immer  ben  (glauben  fctjon  OorauSfeät  unb  itjn  alfo  nidjt 
tjeroorbringen  fann.  —  2Sa§  nun  äuerft  bte  SB  unb. er  be* 
trifft,  menn  mir  ba§  Sßort  im  engeren  (Sinne  netjmen,  fo 
bafj  Sßeiffagung  unb  (Eingebung  nic^t  mit  basu  gehören,  alfo 
(Srf Meinungen  im  (Gebiete  ber  leiblictjen  Statur,  meiere  aber 
nidjt  auf  natürliche  SBeife  follen  bemirft  loorben  fein,  mag 
man  nun  bei  benen  ftetjen  bleiben,  meiere  ^efu§  felbft  ber« 
richtet  tjat,  ober  auetj  bie  Ijinäunebmen ,  bie  in  $3eäietjung  auf 
i  itjn  gefetjetjen  ftnb:  fo  fönnen  biefe  eine  foldje  5lnerfennung 
gar  nietjt  herbeiführen,  £)enn  eine§  Xtjeil§  fennen  mir  btefe 
SBunber  nur  au§  benfelben  ^eiligen  (Schriften  —  inbem  bie 
in  unreineren  Duellen  ersäljlten  nie  mit  aufgeführt  raerben 
—  meiere  auetj  ätjnlictje  SSunber  ersätjlen  bon  folgen,  bte 
bem  (Stmftenttjum  Qar  rttctjt  angehörten,  fonbern  efjer  ju 
beffen  (Gegnern  gu  jagten  ftnb,  oljne  ba|  bie  ©ctjrift  ehen 
^enng eichen  angäbe,  um  beroeifenbe  SBunber  bon  nichts 
beroeifenben  §u  unterfetjeiben.  £>amt  aber  bezeugt  bie  ©ctjrift 
felbft,  ttjeilg  bafj  ber  glaube  bemirft  morben  ift  otjne  Sßunber, 
ttjeilg?  aber  bafj  bie  SBunber  üjn  rttctjt  bemirft  tjaben,  morau§ 
benn  gefctjloffen  roerben  fann,  bafj,  mo  audj  in  $erbinbung 
mit  SBunbem,  er  bodj  nietjt  bind)  bte  Söunber  fonbern  auf 
jene  urfprünglictje  SBeife  bemirft  morben  fei.  Ratten  alfo 
bie  SBunber  ben  &tveft  gehabt,  ben  (glauben  $u  bemir!en, 
fo  fyätte  ®ott  bie  Orbnung  ber  Sftatur  auf  eine  unmirffame 
SBeife  unterbrochen.  SDatjer  auetj  $iete  benBtoeff  berSSunber 
nur  fuetjen  in  ber  buretj  fte  auf  (Priftum  §u  lenfenben  9luf* 
merffamfeit ,  roomtt  aber  mieberum  ba$  öfter  miebertjolte 
Verbot  (Stjrifti  bie  Söunber  rttctjt  meiter  befannt  gu  maetjen 
menigften§  in  fo  meit  in  Sötberfpruetj  fteljt,  bafj  man  ifjre 
Söirffamfeit  auf  bie  unmittelbaren  3lugenäeugen  befdjränfen 
müfjte,  fo  bafj  aucrj  biefe  boct)  je^t  nietjt  mebr  ftatt  fänbe. 
©nblictj  aber  fann  man  ber  grage  rttctjt  entgetjen,  worauf 
fiel)  benn  ber  Unterfctjieb  grünbet,  bafj  menn  un§  aufjer 
allem  3ufammen(jang  mit  einem  foldjen  ®lauben§gebtet  immer* 
fort  fo  btele§  begegnet,  roa§  mir  nietjt  natürlicf)  ju  erklären 
bermügen,  mir  ba  feine§mege§  an  SBunber  beuten,  fonbern 
nur  bie  ©rflärung  al§  au§gefejt  auf  eben  bt§  §u  einer  ge* 
naueren  ftemttmfe  fomol  bon  ber  fraglichen  Stt)atfact)e  af§ 
auet)  bon  ben  ®efeaen  ber  9?atur;  mo  aber  im  .Sufammeu* 
tjange  mit  einem  aufäuftellenben  ®lauben§gebiet  bergletctjeit 


Grfteä  ßcOrttel.  3ut(Srnärungber£)ogmati!.  79 

borfommt,  amar  gleich  an  Sßunber  gebaut  mirb,  bo<$  aber 
Seber  nur  für  fein  ®lauben§gebiet  baZ  SSunber  mirtlidj  in 
2lnft>rud)  nimmt,  bie  anbern  aber  für  falf$  erflärt?  2)iefe 
grage  nun  läfjt  fdjmerlid)  eine  anbere  5Intmort  m  al§  btefe, 
baf$  mir  im  allgemeinen  einen  Sufammenfjang  jmifdjen 
Söunbern  unb  ber  Sßilbung  eine§  neuen  ®lauben§gebiete§ 
bieEeicbt  fogar  fo  auSfdjlie&enb  annehmen,  bafj  mir  nur  für 
biefen  gaE  SSunber  pgeben,  ba£  aber  ber  ®lauben§äuftanb 
eine§  ^eben  fein  Urtfjeil  über  ba§  al§  Söunber  angefünbigte 
beftimmt,  unb  alfo  nid6)t  ba§  Sönnber  ben  glauben  Ijerbor* 
bringt,  ffiit  jenem  aEgemeinen  gufammenljang  aber  fdjetnt 
e§  bk  $8emanbnif3  §u  fjaben,  ba$  mo  ein  neuer  Entmitllungäs 
jmnft  be§  geiftigen  Sebeng  unb  smar  urfarünglid)  be§  (Selbft* 
bemu§tfein§  angenommen  mirb,  aud)  neue  burd)  bie  ftdj  !unb 
gebenbe  geiftige  ®raft  bermittelte  ©rfdjeinungen  in  ber  leib* 
liefen  9?atur  gleidjfam  ermartet  merben,  metl  nämlidj  fomol 
bk  betxa^tenben,  al§  aud)  bk  nad)  aufjen  mirlfamen  geiftigen 
3uftänbe  immer  bom  (Selbftbemufjtfein  ausgeben,  unb  burd) 
beffen  Erregungen  beftimmt  merben.  Oft  aifo  (£§riftu§  ein* 
mal  atSErlöfer  anerfannt,  mithin  al§  ber  Anfang  ber  Ijödjften 
©ntmifflung  ber  menf<$lid)en  Sftatur  auf  bem  ®thkt  be§ 
Selbftbemu§tfein§:  fo  ift  e§  eine  natürliche  SSorauSfesung, 
bafj  eben  meil  ba,  mo  ein  fotdje§  SDafein  fid)  am  ftärfften 
mitteilt,  audj  ©eifteSsuftänbe  borfommen,  bie  au§  bem  früheren 
(Sein  nidjt  §u  erfrören  finb,  berfelbe,  ber  eine  fo  eigent^üm* 
ltdje  SBirffamfeit  auf  bk  übrige  menfctjlidje  Statur  ausübt, 
bermöge  be§  allgemeinen  3uiammenljange§  aud)  eine  eigen* 
tt)ümlicf)e  ®raft  bemeifen  merbe  auf  bie  leibliche  (Seite  ber 
menfef) liefen  Statur  unb  auf  bie  äußere  9?atur  ju  hrirfen. 
2)a§  Reifet,  e§  ift  natürlich  bon  bemiemgen,  ber  bk  _§öd)fte 
göttliche  Offenbarung  ift,  aud)  SBunber  m  ermarten:  meiere  i 
WfffiS&t  jeboct)  immer  aud)  nur  be§ie^ung§metfe  fo  Ijeifjen 
tonnen,  ba  unfere  $orfteEungen  fomol  bon  ber  Empfänglich 
feit  ber  leiblichen  9catur  für  bie  Einmirfung  be§  ®eifte§  al§ 
au$  bon  ber  Urfäd)tid)feit  be§  SSiEen§  auf  bie  leibliche  ^atur 
eben  fo  menig  abgefdjtoffen,  unb  eben  fo  einer  beftänbigen 
Erneuerung  burd)  neue  Erfahrungen  fäljig  finb,  al§  untere 
SßorfteEungen  bon  ben  leiblichen  ^aturträften  felbft.  £)a  ftct> 
nun  im  gufammenfjang  mit  ber  göttlichen  Offenbarung  in 
Etirifto  Erlernungen  seigten,  meiere  unter  biefen  ^Begriff 
gebraut  merben  tonnten:  jo  mar  e§  natürlich,  bafc  fte  unter 
biefen  ®eftd)t§bunft  audj  mirftictj  gefteEt,  unb  al§  Söeftätiguna 
bafür,  bafj  fjier  ein  neuer  Entmiftlung§buntt  gegeben  fei,  an* 


80  &er  (firtftltdje  Qjictu&e.  Srfter  Xfjeil. 


•  geführt  nntrben.  ©iefe  Söeftätigung  mirb  aber  aud)  nur  in 
|  fofern  roirffam  fein,  al§  ein  Anfang  be§  ©Iauben§  bereits  ba 
ift,  fonft  mürbe  ba§  SBunber  entmeber  für  fallet  erftärt  merben 
'  ober  ba$  SBerfteben  auf  eine  fünftige  natürliche  ©rftärung 
in'nauSgefest.  9codj  biel  weniger  aber  tonnte  au§  ben  be= 
gleitenben  SSunbern  erintefen  Serben,  bafj  ba$  (Ebriftentbum 
bie  böd)fte  Offenbarung  fei,  inbem  är)nXict)e§  au§  bemfelben 
®nwtbe  auet)  bei  untergeorbneten  ($5lauben§meif en  §u  erwarten 
ift,  bie  SSunber  felbft  aber  ftdj  al§  foldje  ntcrjt  in  labere  unb 
niebere  treuen  laffen.  ^a*e§  bleibt  unbenommen,  bafj  ätm* 
liebe  ©rfcf)  einungen  audj  ofjne  3u[ammenf)ang  mit  bem  reit« 
giöjen  (Gebiet,  [ei  e§  Gmtroiffhmgen  anberer  2lrt  begleitenb 
ober  tiefere  Regungen  in  ber  leiblichen  Dcatur  felbft  anfünbigenb, 
Dorfommen  fönnen.  <So  tote  auf  ber  anbern  (Seite  fidj  öon 
felbft  ju  berfteben  fdjeint,  bafj  folcbe  bie  Offenbarung  begleitenbe 
übernatürliche  (5rf  Meinungen  ftd)  in  bemfelben  SDcaafe  roieber 
äiirüffsiebn,  al§  bie  neue  (Sntraifflung  felbft,  bon  ibrem  2ln= 
fang§punft  in  ber  äußeren  ©rfdjeimmg  gelöfet,  ftdt)  organiftrt 
bat  unb  fo  Sftatur  geworben  ift.  —  9cicf)t  anber§  ift  e§  mit  ben 
Söeiffagungen,  Wenn  man  tfjnen  eine  größere  ®raft  bei* 
legen  null  al§  bie  oben  fdjon  sugeftanbene.  S)enn  bleiben  wir 
bei  ben  SBeiffagungen  ber  jübiieben  $robl>eten  bon  (£brtfto  flehen, 
wie  man  benn  in  fpäterer  gelt  bie  Jjeibnifcben  allgemein  bei 
(Seite  gefest  Ijat,  unb  bon  ben  SSeiffagungen  ©brifti  felbft  unb 
ber  Slüoftel  Ijier  junäcbft  ntdjt  bie  9tebe  fein  !ann,  unb 
mir  wollten  oon  biefen  proptjetifdjen  Sluffagen  einen  ftärferen 
®ebrau<$  macben  bei  Suben  felbft:  fo  läfct  ftcb  |ejt  wobl 
benfen  bafj  ein  ^ube  um  bestritten  formte  (Sbnft  toerben,  meil 
er  sn  ber  @inftd)t  gelangt,  ba%  fte  auf  Sefum  %u  besteben 
finb,  unb  bafj  er  betmodj  niebt  ben  eigentlicben  (glauben  i)ättt 
noeb  mithin  ben  matjren  Slntbeil  an  ber  djriftlicben  (gemein* 
fd)aft,  Wenn  er  ftd)  etma  ganj  ettoaä  anberS  backte  babei, 
inbem  er  nämlict)  ein  Ü8ebürfni§  nacl)  (Srlöfung  nod)  gar  nietjt 
emofänbe.  (Sollten  aber  biz\e  Sßeijfagungen  allgemein  ben 
Ungläubigen  öorgebalten  Werben,  um  ben  Söillen  in  bk  %t- 
meiufcl)aft  mit  Gbrifto  ju  treten  in  ibneu  au  bemirfen:  fo 
mödjte  immer  fdwn  oorljer  ausgemacht  fein,  bafj  jene  28ei3* 
fagungen  alle  als  sufammengebörig  anaufeljrt  finb,  unb  alle 
ein  einzelnes  unb  swar  ein  unb  baffelbe  ©ubiect  im  2luge 
baben,  benn  fonft  märe  bie  Erfüllung  ibrer  aller  in  einer 
unb  berfelben  Sßerfon  eigentlid)  eine  9cid)terfüttuug,  ferner 
batj  fte  alle  an  C£l;rtfto  in  (£rfüUuug  gegangen  unb  jmat  jeoe 
mie  fte   gemeint    mar,  ntdjt   etma  bie  ftnubilbltcb   gemeinte 


©er  djrijtltdje  GJlauoe.  ßrfter^eU.  81 


fcudrftäblid)  unb  bte  budtftäblidj  gemeinte  in  einem  ftmbolifdjen 
©inn,  benn  bie§  märe  aud)  feine  Erfüllung ;  bte@a<$e  lommt 
immer  barauf  IjinauS,  e3  foE  angenommen  merben  ^efu§  fef 
ber  (£rlöfer,  meil  ber  ©rlöfer  nnter  folgen  Sßeftimmungen  bie 
ftd)  an  i§m  finben  öorf)ergefagt  morben.    hierbei  aber  mirb 
ja  ein  ©laube  an  bie  SSeiffagenben  al§  fotd)e  f<$on  borauS* 
gefest,  nnb  e§  läfjt  fid)  nid)t  abfefjn,  mie  ein  Ungläubiger 
aufeerijalo  be3  SubentfjumS  %u  einem  folgen  fommen  fottte; 
an§genommen  fofern  bie  Eingebung  berfelben  ifjm  bemiefen 
luürbe,  mobon  nnten  nod)  bk  9tebe  fein  mirb.    Dfjne  einen 
'folgen  glauben  märe  bie  Bufammenfteltung  ber  äßeiffagungen 
unb  ü)rer  Erfüllung  eine  btofje  9?otiä,  bie  nur  für  benienigen 
«inen  antrieb  enthalten  fönnte  bk  ®emeinfd)aft  mit  ^rifto 
^u  fudjen,  in  meinem  fd)on  ein  (SrlöfungSbebürfnifj  bortjanben 
ift,  unb  smar  nur  in  fo  fern  baä  in  ben  SBetffagungen  fid) 
auSfbrec&enbe  bem  feinigen  analog  ift,  jugleidj  aber  ba§  ge= 
ioetffagte  in  anfd)aulid)er  Sßerbinbung  bamit  ftefjt,1  ba§  Reifet 
tu  fo  fern  jeber  aud)  felbft  Ijätte  au§  feinem  eignen  Söebürfnifj 
i)erau§  baffelbe  meiffagen  fönnen.    2)er  antrieb  fönnte  aber 
bod)  nur  barauf  gefjen  bit  ©rfaljrung  felbft  m  machen, 2  unb 
*>a§  gelingen  biefeS  $erfud)§  mürbe  bann  erft  ber  glaube 
fein.    Unb  biefer  antrieb  fann  bod)  gemifc  mt,  too  bie  SHjat 
fo  laut  rebet,  meit  ftärfer  unb  fixerer  anber§mie  gegeben 
iuerben,  at§  burd)  bie  SSeiffagungen.    Bumai  menn  mir  be* 
beuten,  mie  e§  eigentiid)  um  bit  oben  aufgehellten  $orau§* 
fesungen  fteljt,  ba%  ftd)  nämlidj  niemals  mirb  nadjmeifen  laffen, 
bafc  jene  ^roü^eten  ^riftum,  mie  er  mirflid)  gemefen  ift, 
unb  nod)  meniger  ba§  äftefftanifdje  9tod),  fo  mie  e§  ft<$ 
mirflid  al§  Gijriftentfjum  entmtffelt  t)at,  oorfjergefe^en  fjaben: 
fo  mufj  moi  augegeben  merben,  bafj   ein  (£rmei§  (£t)rtfri  al§ 
<£rlöfer§  au§  ben  SSeiffagungen  unmöglich  ift,  unb  befonberS 
ntufc  ber  @ifer  au  biefem  Btneff  Sßeiffagungen  ober  Sßorbilber 
aufsufinben,  meiere  fi$  auf  sufättige  ^ebenumftänbe  in  ber 
®efd)tdjte  (Sfjrifti  besiegen,  nur  al§  ein  TOgriff  erföeinen. 
9ttan  mufe  balier  fetjr  mol)t  unterfdjeiben  ben  abologetifd)en\ 
®ebraud),  melden  bieStyoftet  bon  ben  SSeiffagungen  matten? 
tu  üjrem  33ert)ältni§  m  ben  Suben,  unb  einen  allgemeinen 
<$5ebraud)  ben  man  bon  itmen  al§  $8eraei§mtttel  machen  moHte. 
Sßogegen,  menn  ber  glaube  an  ben  ©rlöfer  bereits  bortmnben 

1  3n  biefem  (Sinne  toäre  biettei^t  ba§  3Katt$.  12, 19. 20.  angeführte 
:^le  brägnantefte  Sßeiffagung. 

2  30^.  1,  41.  46. 

©dji.,($:f>rifu.©r.i.  e 


82  $er  djriftlidje  ©Iau&e.  Grfter  Xljell. 

ift,  mir  mit  grofjem  Sßotjlgefallen  auf  allen  Weiterungen  einet 
burdj  frühere  an  fidj  unäuretccjenbe  Offenbarungen  gemecftcn 
(Se^nfud)t  nadj  ©rlöfung  berroeilen  fönnen.  Unb  bieg  ift  bie 
eigentliche  atferbingS  aud)  ftärfenbe  unb  beftätigenbe  SBebeutung 
ber  meffianifdjen  Sßeiffagungen,  roo  audj  unb  in  roie  bunflc 
5lr)nung  berptft  fie  borfommen,  bafj  fie  unS  ein  £>inftreben 
ber  menfd) ticken  Statur  nadj  bem  (£ljrtftentt)um  entbeften,  unb 
bafj  fie  äugleictj  al§  ba§>  Söet'enntnifj  ber  heften  unb  S3e- 
geiftertften  au§  ben  frühem  frommen  ®emeinfcrjaften  av& 
fbredjen,  baf$  biefe  nur  al§  borläufige  unb  borübergeljenbe 
Slnftalten  ausuferen  finb.  (Sott  nun  audj  bon  ben  SBeiffagungen 
im  (Sfjriftentljum  bie  Sftebe  fein:  fo  ift  freilief»  natürlich  ba% 
am  Slnfang  ber  Gnttnrirtlung  eine§  neuen  ®afein§  ber  SBlift 
nocc)  ferjr  auf  bie  Bufunft  nämlich  bie  SBottenbung  beffelben 
gerietet  ift,  unb  fo  begreifen  ftcb  bie  gragen  ber  Sünger,. 
benen  bie  Slntroort,  auf  bereu  GJrunb  fie  fjernad)  roeiter  fort- 
geroeiffagt  Ijaben ,  nidjt  ganj  berfagt  roerben  fonnte.  Mein 
bie  SSeiffagungen  ©fjrifti  fönnen  bodj  fct)on  belegen,  meil 
botf)  anerfannt  Rubere  neben  itmt  audj  geroeiffagt  rjaben,  nicf)t 
gum  Sßeroeife  feiner  gang  eigentümlichen  Sßürbe  unb  fetner 
au§fdjltefelidjen  Söefttmmung  als?  (£rlöfer  bienen.  (£ben  fo 
natürlich  ift,  bafj  ie  meljr  fiefj  bie  neue  £>eü§orbnung  al§  ge* 
fdjidjtUcfce  ©rfctjeinung  befeftigte,  um  befto  meljr  audj  ba$  %n* 
tereffe  an  ber  Brunft  abnahm,  unb  bte  Sßeiffagung  fidj  gurüff^ 
30g.  —  $lu§  alle  biefem  nun  folgt,  bafj  Sßunber  foroot  als 
SBeiffagungen,  roenn  ber  glaube  an  (bte  Offenbarung  ©otte§ 
in  (SJjrtfto  unb  an  bie(£rlöfung  burd)  um  nic&t  fdjon  auf  bem 
urfbrünglid)en  SSege  burcej  bie  Gcrfafjrung  al§  ben  23eroei§ 
be§  ($5eifte§  unb  ber  ®raft  entftanben  ift,  iljn  nid)t  Ijerbor« 
bringen  fönnen,  \a  ba%  biefer  (glaube  ehen  fo  unerfdjütterltd) 
fein  mürbe,  roenn  audj  ba$  (£ljrtftentJjum  meber  SBeiffagungen 
nodj  SBunber  aufguroeifen  Ijätte.  ®enn  biefer  Mangel  tonnte 
niemals  ienen  53eroei§  roibertegen,  unb  bie  (Srfabrung  bon 
bem  in  ber  ©emeinfdjaft  mit  (£l)rifto  gefüllten  SSebiirfni^  ber 
Säufdjung  seilen.  SSielmeljr  mürbe  nidjt§  barau§  folgen,  al§ 
bafj  jene  natürlichen  SSorauSfesungen  ftet)  nidjt  immer  be* 
trjätigten,  fonbern  grabe  ber  Urfbrung  ber  bottfommenften 
($5eftaltung  be§  frommen  ©clbftberoufjtfeinS  pXöälicfjer  erfdjienen 
fei,  unb  ftrenger  abgefd)loffen  in  feinem  unmittelbaren  (bebtet 
geroirft  Ijabc.  —  2öa§  enbltdj  bte  Eingebung  betrifft,  fo 
fjat  biefer  begriff  im  Triften tljum  etne  burefraug  untergeorbs 
nete  Söebeutung.  £>enn  cmcSöeateljung  beffelben  auf  (£l)riftunt 
finbet  gar  nidjt  ftatt,  inbem  bte  göttliche  Offenbarung  burdj 


CrfteS  Äapttei.  3ur  ertläiung  ber  ©ogmatif.  83 

ibn  immer,  tute  fte  aucb  gebaut  merbe,  mit  feiner  ganaen 
C^iftena  ibentifcr)  gebactrt  roirb,  unb  nict)t  als  fragmentarifdj 
in  aerftreuten  Slugenbliffen  erfccjeinenb;  roaS  aberbenSfyofteln 
ber  (Seift  gegeben,  ba§  füljrt  (£briftu§  fetbft  gana  auf  [einen 
Unterricht  aurüff,  unb  biejenigen  bie  burcr)  itjr  geugnifj  gläubig 
mürben,  mürben  e§  nicbt  beStjatb,  meit  biefeS  burcb  Eingebung 
entftanben  mar,  benn  baoon  mußten  fte  md)t§.  $)er  begriff 
Beaietjt  ftcrj  baber  nur  ttjeilS  auf  bie  $roptjeten  be§  alten 
SöunbeS  tfjetlS  auf  bteSIbfaffungberneuteftamentifd^en^eiligen 
(Schrift,  unb  e§  ift  aljo  bier  nur  babon  au  Rubeln,  in  fo  fern 
man  burcrj  bie  5 eilige  ©djrtft,  menn  fte  erft  als  eingegeben 
angenommen  mirb,  ben  glauben  bemonftratürifdj  eraroingen 
miU.  OTeitt  mag  ba§>  alte  Seftament  betrifft,  fo  ift  bit 
$roüljetie  allein  obne  ®efea  unb  (Sefdjidjte  ntc^t  au  berftefjen, 
bie£  ganae  sufammen  a6er  fo  burcbauS  t^eofratifctj  ba%  mir 
gmar  bartn  aroei  $ole  unterfdj  eiben  tonnen,  "bon  benen  ber 
eine  ba§  neue  Seftament  ansieht  ber  anbere  e§  abftöfjt,  bafj 
aber  abgefeben  Oon  bem  neuen  Seftament,  menn  eS  gelänge, 
ma§  aber  bodj  faum  anberS  bemerfftettigt  merben  tonnte,  al§ 
auf  üjr  eignet  geugnifj  ^n  ^  fca§  Söort  ®otte§  au  fljnen 
gegeben  fei,  jemanben  bie  t)ro^rjetifcrje  ^nfbiration  glaublich 
gu  matten,  barauS  bod)  fein  glaube  an  (Ebriftum  als  ba£ 
(£nbe  beS  ®efeae§  entroiffelt  merben  fönnte.  Sßielmebr  merben 
mir  bie  ganae  Sßa^rtjett  mieber  nur  auSfpredjen,  menn  mir 
fagen,  mir  glauben  an  bie  fcrotfjettfdje  Eingebung  nur  um 
beS  ®ebraud)e§  mitten  oen  (£briftu§  unb  bie  Slpoftel  bon  ben 
probbetifccjen  2lu£fprüd)en  madjen.  2Sa§  aber  ba$  neue 
Seftament  anlangt,  fo  ift  ber  ©taube  an  ameibunbert  Sabre 
lang  mitgettjeitt  morben,  ebe  baffetbe  in  feiner  eigentfjümlidjen 
(Sültigf  eit  übereinftimmenb  aufgeteilt  mar,  unb  $tüax  nidjt 
etma  fo  ba%  er  in  beränrifdjenaeit  überall  burdj  beurlauben 
an  ba§  alte  £eftament  märe  Vermittelt  morben,  raelcbeS  hei 
ber  großen  beenge  oon  Reiben,  meiere  aum  (£tjrtftenttjum 
übergingen  obne  üorber  jubaiftrt  au  tjaben,  feineSroegeS  ber 
galt  mar.  51ber  aud)  iejt  unb  oorauSgefeat ,  bie  Eingebung 
ber  neuteftamentifeben  ©djriften  liefse  ftd)  au§  itjnen  beroeifen : 
fo  mürbe  bieg  bodj  ein  mögltebft  Oottfommneg  Sßerftänbmfj 
biefer  ©ebriften  borauSfeaen,  fo  ba%  mir  bodj,  ttjeilS  roeil  bieg 
nur  SSentgen  möglief)  ift,  noeb  einer  anbern  (£ntftebung§roeife 
beS  Glaubens  bebürften,  unb  alfo  einen  annefadjen  (glauben 
hätten,  tbeilS  aud)  immer  nodj  nid^t  einaufeljen  ift,  mie  eine 
folctje  objeetioe  Xleberaeugung  einen  ^mpulä  auf  baS  ©etbfte 
bemufctfein  ausüben  fönne,  fo  ba%  nur  au§  ber  (Srfenntuife, 


84  S)cr  djriftltdje  ©lau&e.  Grfter  £Ijell. 

bteientgen  feien  mitritt,  meldje  behaupteten  bie  SDfonfcrjen 
feien  erlöfung§bebürftig  unb  (EljriftuS  fei  tljr  (Erlöfer,  biefe 
Söetjauptung  foglei<$  eine  innere  SSa^r^eit  für  Seben  erhielt. 
SStelmeljr  mirb  biefe  Ueberseugung  ebenfalls  nur  einen  2In* 
trieb  geben  jur  (Ermetfung  eine§  oottftänbtgeren  ©elbft* 
fcemufjtfetnS  unb  jur  (Ermerbung  eine§  £otaleinbraff§  oon 
(T^rifto,  unb  erft  au§  biefen  mirb  bann  ber  (Stauben  Ijer* 
toorgeljn. 

IV.  $om  S5err)ältnt§  ber  £)ogmattf  jur  crjriftridjen 
grömmigfett. 

§.  15.  (Sfyriftlidje  ©laubenäfäje  flnb  2luffaffungen  ber 

<$riftlid?  frommen   ©emütr^uftänbe   in    ber  Sftebe  bar* 

geftellt. 

Sinnt.    SSergT.  §.  3,  5. 

1.  5lHe  frommen  (Erregungen,  melier  2lrt  unb  (Stufe  ber 
grömmtgf  eit  fie  au$  angepren,  Ijaben  biefeS  mit  allen  anbem 
Sftobiftcationen  be§  bemegten  @elbftbemufjtfein§  gemein,  bafj 
fte  ftct),  fo  mte  fie  einen  gemiffen  (S5rab  unb  eine  genriffe  33e- 
ftimmttjeit  erreicht  Ijaben,  auct)  äufjerlidj  funb  geben  am  un- 
mittelbarften  unb  urfprünglidjften  mimifcf)  burdj  ®efi$t§5Üge 
unb  Söemegungen  forool  £öne  al§  (Sebefjrben  melcfje  mir  al§ 
ben  SluSbruff  berfetben  betrauten,  unb  audj  fo  fdjon  ben  2lu§^ 
bruff  ber  2lnbad)t  oon  bem  einer  ftnnlic&en  gröt)lidjfeit  ober 
Sraurigfeit,  nadj  ber  Analogie  mit  bem  ma§  geber  an  ftdj 
felbft  lennt,  beftimmt  unterfdjetben.  ^a  mir  fönnen  un§  au<$ 
beuten,  ba%  um  bie  ($5emütt)3äuftcmbe  felbft  feftsurjalten  unb 
iljnen  eine  mieberfjolbare  Verbreitung  ju  geben,  gumat  menn 
fte  Slfteljreren  gemeinfam  gemefenftnb,  bie  (Elemente  iene§  natür* 
lidjen  5lu§bruff§  sufammengefteEt  merben  ivl  fjeiligen  3eiä)en 
unb  fomboltfdjen  ^anblungen,  oljne  ba%  eben  fo  matjrnefjm» 
bar  ber  (Sebanfe  bajU)tfd)en  getreten  märe.  Gittern  mir  fönnen 
un§  laum  einen  fo  ntebrtgen  (SntmiffTungSpunft  be§  menfdj* 
Hdjen  <55 etfte§  unb  eine  fo  mangelhafte  Slu§bilbung  unb  einen 
fo  fparfamen  (Sebraucf)  ber  «Sprache  beuten,  hak  nidjt  sugleit^ 
aud)  fd^on  $eber,  nadj  ber  «Stufe  ber  Seftnnung  auf  melier 
er  fteljt,  ftc§  in  feinen  üerfd)tebenen  Buftänben  ^^  ®egen* 
ftanb  merben  follte,  um  fie  in  ber  SSorftellung  aufeufaffen 
,  unb  in  ber  $orm  be§  ©eban!eng  feftjuSalten.  S)iefe§  *8e* 
ftreben  nun  $at  ftdj  oon  Te^er  fdjon  audj  befonber§  auf  bie 
frommen  ®emütl)§erregungen  gerietet,  unb  biefe§  in  feiner 
Snnerlidjfeit  an  unb  für  ftdj  betrachtet  berfterjt  ber  <Saj  unter 


(SrfteS  Sapttel.  3ur  drflärung  ber  3)0Qmattt.  85 

ber  Sluffaffung  ber  frommen  ©emütt)§3uftänbe.  Slttein  toenn* 
gteidj  ba$  Genien  audj  innerlid)  nid)t  obne  ben  ©ebraudj  ber 
©i)rac^e  bon  ftatten  geljt:  fo  giebt  e§  bod),  fo  lange  e§  bloß 
innerlidj  bleibt,  fdjmanfenbe  3uftänbe  biefe§  35erfaljren§, 
tteldje  ätoar  einigermaßen  ben  ©egenftanb  beseidjnen»  nur 
fo  jebodj,  ba%  roeber  SßegriffSgeftaltung  nodj  58egriff§ber« 
rnübfung,  ba$  Sßort  begriff  audj  im  meiteften  (Sinne  ge* 
nommen,  feft  genug  ift  um  ft$  mitteilen  ju  laffen.  (£rft  eine 
fo  roett  fortgefe^te  Slu§bilbung  biefe§  $erfafjren§,  ba%  e§  ftdj 
äußerlid)  in  bestimmter  Sftebe  barfteüen  fann,  bringt  einen 
nrirflidjen  ©laubenSfas  berbor,  rooburd)  bie  Steuerungen 
jene§  $8emuftfetn§  fF$erer  unb  in  größerem  Umfang  in  Um* 
lauf  fommen,  afö  burd)  ben  unmittelbaren  5lu§bruÜ  mög* 
lid)  ift;  gleichet  aber,  ob  ber  2tu§bruff  eigen,tli^  tft  ober 
bilbltdj,  unmittelbar  ober  nur  burd)  Sßergleidjung  unb  $8e* 
grengung  feinen  ©egenfa^  be§ei($nenb,  immer  ift  er  ein  ©lau* 
benjfas. 

2.  $)iefe  (SnthriffhmgSftufe  be§  SBefcmfetfeinS  nun  fest  ba$ 
dbriftentbum  überall  oorauS;  bte  ganje  Sßtrffamteit  be§  ©r* 
Iöier§  felbft  mar  mitbebingt  burdj  bie  ÜDcittljeilbarfeit  feine§ 
2elbftbemußtfein§  oermöge  ber  Sftebe,  unb  auf  biefelbe  SB.eife; 
bat  ftdj  immer  unb  überaß  ba§  GHjriftentljum  ausgebreitet 
allein  burd)  bit  SSerfünbigung.  Seber  ©aa,  ber  ein  Clement 
ber  djriftltdjen  SSerlünbtgung  (x*ipoy[xa)  fein  fann,  ift  aud)  ein 
$lauben§fas,  toeil  er  bie  Söeftimmtljeit  be§  frommen  ©elbft« 
beroußtfein§  al§  bie  innere  ©emtßl)eit  bezeugt  Unb  jeber 
c^riftlid^e  ©lauben§fas  ift  audj  ein  irjeü  ber  djriftlidjen  $er* 
fünbigung,  tteil  jeber  aud)  bk  burdj  bit  Stiftung  (Efjrifti  au 
bennrfenbe  Slnnä^erung  an  ben  Buftanb  ber  ©eligfeit1  als 
<55ert»t%5ett  auSfagt  ©eljr  balb  aber  aerfbaltete  ftdj  biefe  $er* 
runbigung  in  ^rei  berfdjiebene  ©b^ac^gebiete,  bie  eben  fobiel 
oerfdjiebene  gormationen  bon  (S5lauben§fäaen  barbieten,  ba§ 
btcrjterifc^e,  ba§  ~rebnerifdje,  roeldjeS  ftdj  tljeitö  meljr  beftrei* 
tenb  unb  embfeljlenb  na<$  außen,  tljeilg  meljr  affetifdj  unb 
aufforbemb  na$  innen  toenbet,  enblidj  ba§  barftellenb  be* 
lebrenbe.  5lber  hrie  fd)on  ba§  SSerbältniß  ber  3J^tttr)eilurtg 
burdj  bie  Sftebe  ju  ber  burd)  frjmfiolifctje  £anblung  ein  fet)r 
berfd)iebeneg  ift  nadj  3eit  unb  Drt,  bit  erfte  immer  surüff* 
getreten  ift  in  ber  morgenlänbifdjen®ird)e,  benn  audj  ein  feft 
unb  unb  er  änb  erltdj  geroorbener  Söudjftabe  nähert  ftdj  in  feiner 
2öirfung§art  tvtit  meljr  ber  fombolifdjen  ^anblung  al§  ber 

1  e.  §.  5, 4. 


86  $er  $rlftlidje  ©tau&e.  (Srfter  S^cir. 

freien  IKebe,  unb  immer  meJjr  hervorgetreten  in  ber  abenb* 
iänbifdjen  Strdje:  fo  ift  e§  audj  auf  bem  %&ittz  ber  Sftebe 
felbft  mit  jenen  öer[(^iebenen  9Jcittl)eiiung§roeifen.  ^n  meinem 
SBerljä'ltuife  fic  gegen  einanber  fielen,  unb  roie  reid)lid)  über* 
Saujjt  unb  in  roie  lebenbigem  SSerfe^r  fte  ftd)  entfalten,  roie 
fie  ftdj  bon  einanber  nafjren  unb  mannigfaltig  in  einanber 
übergeben,  ba§  legt  nid)t  forool  ein  Beugnifj  ab  bon  bem 
<$5rabe  ber  grömmigfeit,  fonbern  Vielmehr  bon  bem  (Sljarafter 
einer  ®efettfdjaft  unb  bon  iljrem  ®eretftfein  jur  Söefinnung 
unb  ^Betrachtung.  SDiefe  ätttttlj  eilung  ift  alfo  auf  ber  einen 
©eite  fdjon  ettüa&  anbereS  als  bie  grömmigfeit  felbft,  roierool 
biefe  eben  fo  roenig  al§  irgenb  anbere§  menfd)lic&e  ganj  ge* 
trennt  bon  aller  SÜcittf)  eilung  gebaut  werben  !ann;  auf  ber 
anbern  (Seite  aber  Ijaben  bie  ©laubenSfäse  aller  gorm  iljren 
legten  ®runb  fo  auSfdjliefcenb  in  ben  (Erregungen  be§  frommen 
6elbftberou^tfein§,  bafj,  roo  biefe  nidjt  ftnb,  auc§  jene  nidjt 
entftetjen  fönnen. 

§.  16.  ©ogmatif^e  ©äge  ftnb  ©lauben^fäje  fcon  ber 
barftettenb  belebrenben  2ltt,  bei  reellen  ber  p$ft  mög* 
ltd)e  ©rab  ber  Sßefttmmtfyeit  betrefft  roirb. 

«nm.    Sgl.  §.  3,  4.  5.  unb  §.  13,  1.  2. 

1.  ©er  bid^terifdje  $Iu§bruff  ruljt  urfarüngltdj  immer  auf 
einem  rein  oon  innen  IjerauS  erlj  Otiten  SebenSmoment  einem 
Moment  ber  Söegeifterung ;  ber  rebnerifdje  auf  einem  bon 
aufeen  erljöbten,  einem  Moment  be§  bewegten  ^ntereffe, 
lt)elcrje§  auf  einen  beftimmten  einzelnen  (Erfolg  ausgebt 
Sener  ift  rein  barftellenb,  unb  ftellt  in  allgemeinen  Umriffen 
Söilber  unb  (Mtalten  auf,  bie  ieber  £>örer  ftdj  auf  feine 
eigentümliche  SBeife  ergänzt  ©er  rebnerifdje  ift  rein  be* 
roegenb,  unb  Ijat  e§  feiner  üftatur  nadj  am  meiften  mit  foldjett 
©pradjelementen  gu  tljun,  roeldje  baZ  mefjr  unb  minber  auf* 
neljmenb  in  größerem  unb  geringerem  Umfang  fönnen  auf« 
gefaxt  roerben,  aufrieben  roenn  fte  nur  im  entfe^eibenben 
Stugenbliff  ba&  Ijöc&fte  leiften,  gefejt  audj  ba%  fte  Sterin  fidj 
felbft  erfdjöpfenb  in  ber  golge  geringer  erfcljienen.  Söetben 
eignet  alfo  eine  anbere  23oUfommenljeit  al§  bie  in  unfernt 
©aj  befc&riebene  Iogifdtje  ober  btaleftifdje.  Sßir  fönnen  unS 
aber  bennodj  beibe  al§  urfbrünglidj  benfen  in  jeber  religtöfen 
<£5emeinfdjaft,  unb  fo  aud)  in  ber  cr)rtftltcr)en  ®irdje,  fofern 
ttrir  iebem  barin  einen  3lntt)eil  beilegen  an  bem  Söeruf  ber 
SBerfünbigung.    ©enn  roie  fiel)  (Einer  in  einem  3uftanb  unge* 


(SrfteS  Äapttel.  3ur  (Sxflärung  ber  Söogmatif.  87 

loöljnltdj  crpStcrt  frommen  (gelbftbemufjtfeinS  befinbet,  mirb 
er  fidö  berufen  füllen  §ur  bidjterijcfcen  Starftettung,  als  meiere 
am  unmittelbarsten  auS  Meiern  Buftanb  Ijerborgeljt.  Unb  roie 
hingegen  (£iner  burd)  brängenbe  ober  begünfttgenbe  äußere 
Umftänbe  fic36  boräügltdj  aufgeforbert  firtbet  einen  %tt  ber 
IBerfünbigung  m  oerfucljen,  mirb  ilmt  ber  rebnerifc&e  9luS* 
bruff  ber  natürliche  fein,  !nm  üon  ben  gegebenen  Umftänben 
ben  möglidtft  größten  $ort§eil  su  sieben.  Genien  mir  unS 
.aber  baS  Sluffaffen  unb  Slneignen  beS  in  biefen  beiben  ®e* 
ftalten  urfbrünglidj  gegebenen  au$  an  bie  ©öraäje  gebunben 
unb  bur$  biefelbe  mittbeilbar:  fo  mirb  biefeS  mdjt  mieber  bie 
btct)terifcr)e  gorm  fjaben  tonnen,  nodj  au<$  bie  rebnerifdje, 
fonbern  unabhängig  öon  bem  maS  in  ienen  beiben  baS  mo* 
mentane  mar  unb  ein  ffdj  gleich  bleibenbeS  Sßemufjtfein  auS* 
b-rüffenb  mirb  eS,  meniger  SSerfünbigung  als  SSefenntnifc 
(6;j.oXoYia)  eben  jenes  brüte  baS  btbafttfdje,  barfteftenb  belelj* 
xenbe  bon  jenen  beiben  §urü!f bleib enb  unb  auS  ifjnen  ju« 
jammengeiest  als  ein  abgeleitetes  unb  äroeiteS. 

2.  SBefdjränfen  mir  unS  aber  auSfdjlie&lidj  auf  ba§ 
C5riftentt)um  unb  benfen  an  beffen  eigentlichen  Anfang,  nam* 
Itd)  bie  (Selbftberrunbigung  ©jrifti,  melier  als  ©ubjeet  ber 
göttlichen  Offenbarung  einen  Unteric^ieb  ftärferer  unb 
fd)mäd)erer  (Erregung  mdjt  in  fid)  tragen,  fonbern  an  bem* 
felben  nur  oermöge  beS  gemeinsamen  SebenS  mit  Slnbern 
tfjeilneljmen  tonnte:  fo  merben  mir  au$  meber  ben  bidjte* 
Tillen  nod)  ben  rebnertfdjen  SluSbruff  als  tk  übermiegenbe 
ober  gar  als  bie  eigentlich  urforünglidje  gorm  feiner  (Selbft* 
-oerfünbigung  fe^en  fönnen ;  Jonbern  nur  untergeorbnet  fommen 
btefe  bor  in  paraboltfdien  unb  projrfjettfdjen  Sfteben.  ®aS 
toefentUdje  feiner  ©elbftüerrunbtgung  aber  mar,  ba&  er  bon 
feinem  ftdj  felbft  immer  gleiten  ©etbftbemu^tfein  au§  biefet 
SRutje  heraus,  mithin  nidjt  in  btdjterifdjer  fonbern  in  ftreng 
J&efonnener  gorm,  3eugni§  abzulegen  §atte,  alfo  ftdj  bar* 
aufteilen,  inbem  er  babei  sugleidj  fein  allein  richtiges  ob* 
jectibeS  SBemufjtfeüt  bon  bem  £uftanb  unb  ber  SBefdjaffenljeii 
ber  9Jcenfdjen  im  allgemeinen  mitteilte,  alfo  in  ber  $)ar* 
ftetfung  belehrte,  unb  smar  fo,  bafc  balb  bie  SBetefjrung  ber 
SDarfteOung  untergeorbnet  mar,  balb  umgefeljrt.  TOein  biefen 
barfteEenb  belefjrenben  2lu§bruff  (Sljrifti  fdjliefct  unfer  <3as 
nid)t  mit  ein;  audj  [merben  folct>e  Sicherungen  be§  SrlöferS 
*tid)t  leicht  irgenbmo  als  bogmatifdje  @ä^e  aufgeteilt  merben, 
fonbern  nur  gletdjfam  ben  Sejt  basu  geben  fie  Ijer.  SBie  berat 
au*  in  folgen  mefentltdjen  £eftanbt§ eilen  ber  ©elbftberrwt* 


88  SDer  <$riftlic$e  ©laufe.  Grfter  Sljeil. 

bigung  (£f)rifti  tue  $8eftimmtt)eit  fdjle<$tf)inig  mar,  unb  nur 
bie  SSottf ommenl)  ett  ber  miebergebenben  Sluffaffung  unb  Sin* 
eignung  fann  burd)  Söeftreben  na<$  möglidjfter  Söeftimmtbei* 
beseitet  werben.  Untergeorbnet  inbefc  fommen  aud)  eigent= 
lid)  bogmatifdje  ©äse  in  ben  Sieben  (Sljrtfti  cor,  ba  nämltd? 
mo  er  an  bie  borljanbenen  tljeilä  irrigen  tt)eit§  bertoorrenen 
SBorfteUungen  feiner  geitgenoffen  anfnüofen  mufjte. 

3.  SSon  beut  bictjteri[d)en  unb  rebnertfdjen  Slu§bruff  ergiebt 
itd)  fd)on  aus?  bem  oben  gefagten,  bafj  fie  fomol  jeber  in  fid? 
felbft  al§  audj  beibe  mit  einanber  in  fdjeinbaren  Söiberfbrucfy 
geraten  fönnen,  feXbft  bann,  menn  ba§>  burd)  berfc^iebene  SluS* 
brüffe  bezeichnete  ©elbftbenmfjtiein  feinem  Spalte  nad)  bafc 
f eibige  ift;  unb  eine  2lu§glei<$ung  mirb  nur  möglid)  feütr 
ttjeilS  fofern  man  ftdj  über  bie  fdjeinbar  nriberfbredienben 
©äse  an  ben  urfbrünglidjen  Steuerungen  (£ljrtfti  orientiren 
fann,  meldjeS  aber  in  btn  menigften  fallen  auf  unmittelbare 
SSetfe  ^att  finbet,  tt)eil§  fofern  ber  au§  ben  brei  urfbrüng* 
liefen  formen  äufammengeraadjfene  barftettenb  beleljrenbe 
2lu§bruff  bon  jenen  fdjeinbaren  Sßiberforüdjen  gana  ober 
ßröfctentljeüS  frei  ift.  ®iefe§  mirb  aber  nietjt  an  letften  fein, 
fo  lange  ber  barftettenb  belefjrenbe  SluSbruft  nod)  felbft 
smifdjen  bem  erregenben  ober  btbaftifdjen  jctjtüanfenb,  mie  er 
ben  Slatednunenen  ober  ber  (gemeine  bargeboten  mirb,  immer 
nod)  balb  bem  xebnerifdjen,  balb  bem  bilblid^en  berloanbt  iftr 
fonbern  nur  in  bem  Maa%,  al§  ber  meiteren  _Slu§bilbuncj 
beffelben  unb  feiner  beftimmteren  ©onberung  bon  bem  reb* 
nerifdjen  unib  bictjterifcrjert,  meld)e§  beibe3  mit  bem  Söebürfnife- 
qan  (Streit  au  oermitteln  mefentlidj  auf  ammenlj  äugt,  ba$  in 
bem  ®a§  angegebene  Söefrreben  pnm  (Smnbe  liegt.  Silier* 
bing§  ift  nun  biefe3,  bafj  ber  bilblidje  Slugbruff  entmeber 
mit  einem  eigentlichen  bertaufdit  ober  burd)  ©rtlärung  in 
einen  folgen  bermanbelt  merbe,  unb  bafj  baZ  angemeffene 
ber  rebnerifdjen  StuSbrüfte  fein  beftimmte§  9Jcaafj  erhalte,  un* 
berfennbar  ba§>  ^ntereffe  be§  SBiffenS  an  ber  ©brad&bilbung, 
unb  auf  religiöfe  (Sbrad)btlbung  fommt  e3  bod)  t)ier  boraüg* 
lid)  an.  2)af)er  aud)  bogmatifd)e  <5äae  nur  in  folgen  reli* 
giöfen  ©emeinfdjaften  ftet)  bebeutenb  entmitfeln  unb  geltenb 
merben,  meiere  einem  ^ulturgebiet  angehören,  in  bem  bie 
Söiffenfdjaft  fict)  als  ein  bon  ber  ®unft  fomoljl  als  bem  ©e* 
fdjäft  gefonberteS  organifirt,  unb  nur  in  bem  $Jlaa%  al§  in 
ber  frommen  ©emeinfdjaft  felbft  greunbe  be§  2Biffen§  oor* 
banben  finb  unb  ©influfe  Ijaben,  fo  ba%  bk  bialeftifd)e 
Function  fid)    auf   bie   Steigerungen    be§   frommen   ©elbft* 


ErfteS  Äajrttel.  3ur  (Srllärung  ber  2)ogmatif.  8£ 

bettmfjtfetnS  rietet,  unb  biefe  51u§brägung  berfelben  leitet. 
(Sine  foldje  $erbinbung  mit  organiftrtem  Söiffen  Ijat  nun  int 
(£(jriftentl)um  fdjon  fett  ben  erften  Seiten  ber  ®ir$e  $las  ge* 
funben,  unb  barum  $at  fitf>  audj  in  feiner  anbem  frommen 
©emeinfdjaft  bte  gorm  be§  bogntatifdjien  ©ase§  in  fo  ftrenger 
©onberung  bon  ben  übrigen  auSgebübet  unb  in  foldjer  gülle 
entfaltet. 

8 ufas.  2)iefe  ©arfteHung  bon  bem  Ghttfteljen  ber  bog* 
matifdjen  ©äje,  unb  ba£  fie  nur  au§  ber  Iogxfd6»  georbneten 
fRefferjon  auf  bie  unmittelbaren  3lu§fagen  be§  frommen  ©elbft* 
benmMeinS  entfbrungen  ftnb,  finbet  iljre  Söeftätigung  in 
ber  ganzen  <$5efd)icl)te.  £)ie  erften  un§  aufbehaltenen  $er* 
fünbigungen  in  ben  neuteftamentifdjen  «Schriften  enthalten 
fdjon  foldje,  unb  an  allen  erfenntman  bei  genauerer  Söetracbtuna; 
tljeil§  ibre  3Ibftammung  bon  ber  urfarünglic^en  ©elbft- 
berrunbigung  (£ljrifti,  tljeil§  iljre  Sßermanbtfdjaft  mit  bilblidjen 
unb  rebnerifdjen  (Elementen  meldje  für  ben  forttoäljrenben 
Umlauf  ber  (Strenge  ber  Formel  füllten  näljer  gebraut  merben. 
oben  fo  ift  in  ber  gof  gefeit  flar,  bafc  bie  iljrer  Statur  nad? 
boi$  immer  bidjtertfd^e  ^Öilberfbrac^e  bon  bem  entfdjiebenften 
©influfj  auf  bie  bogmatifctje  ©brache  geroefen  unb  beren 
©ntmilflung  immer  borangegangen  ift,  fo  ttrie  bafc  bie  meiften 
bogmatifdjen  Bcftimmungen  fjerborgerufen  morben  ftnb  burcfr 
ben  SSiberfbrudj,  ben  rebnerifc&e  5Iu§brüffe  Ijerborriefen.  — 
SBenn  aber  bie  Hmbilbung  ber  urfbrünglid^en  5lu§brüffe  sn 
bogmatifdjen  ©äjen  bem  logifdjien  ober  bialeftifdjen  Sfrtereffe- 
jugefclirieben  mirb;  fo  ift  biefe§  nur  bon  ber  gorm  au  ber* 
fteljen.  SDenn  ein  @aa,  melier  tttoa  bon  ber  fbeculatiben 
Sljätigfeit  urfbrünglic^  ausgegangen  märe,  er  mötf)te  feinem 
$nf)alt  nadj  ben  unfrigen  nodj  fo  berttmnbt  fein,  märe  bodj> 
lein  bogmatifdjer  meljr.  2)a  ba$  reinmiffenfcfiaftlidje  *8e* 
ftreben,  metdjeS  bk  2lnf$auung  be§  @ein§  %ux  Aufgabe  bat» 
menn  e§  nic&t  in  SGidjtS  aerrinnen  foH,  ebenfalls  mit  bent 
5öcf)ften  SBefen  entmeber  anfangen  ober  enben  mufc:  fo  fann 
e§  gönnen  be§  ?3^ilofob5tren§  geben,  in  benen  ©äse,  bie 
etmaS  bom  Ijöc&ften  SBefen  fbeculatib  au§fagen,  roenn  man 
fie  einsein  betrautet,  oljnerad)tet  fie  au§  ber  reinen  SSiffen* 
fdjaftlidjfeit  entfbrungen  ftnb,  ftdj  ferner  untertreiben  laffen 
bon  ben  ifjnen  correfbonbir enben  ©äjen,  meiere  nur  au§  ber 
fReflejton  auf  bk  frommen  ($5emütlj§erregungen  entftanben,  aber 
bialeftifdfj  au§gebilbet  ftnb;  allein  in  t^rem  3ufammenjjana,e 
betrautet  geljen  gemifj  beibe  immer  auf  ba$  beftimmtefte 
ou§einanber.    SDenn  bogmatiftfie  <Säae  lommen  urfprünglt<£> 


II 


"90  ©er  cfirlftlidje  ©taube,  erfter  23jell. 

nie  anber§  öor  al§  in  ®ebanfenreiben ,  ju  benen  fromme 
;  (Sinnesart  ben  ^mpulS  gegeben  Ijat;  mogegen  fpeculatiöe 
©äae  über  ba%  bödifte  SSejen  nid)t  nur  am  meiften  in  rein 
Iogifdien  ober  in  naturnnffenfc(jaftlid)en  Reiben  erlernen, 
fonbern  aud)  roo  fte  al§  ett)t[d^e  fei  e§  ©runblagen  ober 
(£orotfarien  öorfommen,  roirb  eine  Hinneigung  ju  einer  öon 
jenen  beiben  D^idjtungen  unöerfennbar  fein.  5Iudj  ift  in  ber 
bogmatifdjen  Formation  ber  erften  gabrbunberte,  roenn  man 
bie  ganj  unfirdjlid)en  gnoftifdjen  (Schulen  abregnet,  ber  (£in* 
flufe  ber  ©öeculation  auf  ben  $nbatt  bogmatifdjer  ©öje  für 
nicbtS  §u  rennen,  (Späterhin  freiließ  al§  nadj  «Sertrümmerung 
ber  flafftfdjen  Drganijation  be§  SßiffenS  innerhalb  ber  djrtft* 
liefen  ®ir<$e  bie  Konglomerat  *$f)ilofoöljte  be§  Mittelalters 
ftd)  hilbete,  unb  sugleidj  audj  iljren  formalen  (Sinflufj  auf 
bie  bogmatifdje  ©örad^bilbung  ausüben  foHte,  mar  eine  $er* 
medjfelung  be§  föeculatiben  mit  bem  bogmatifdjen,  unb  mithin 
aud)  eine  23ermifd)ung  beiber  faft  unöermeiblid).  Mein  bie§ 
mar  audj  ein  unbottfommner  Buftanb  für  betbe,  au£  meinem 
bie  SBeltroetSjjeit  fiefe  burd)  ba§  attmäljlig  immer  lauter 
roerbenbe  Söefenntnifj,  bafj  fte  bamal§  unter  ber  SSormunb* 
fdjaft  beS  ®ird)englauben§,  mithin  unter  einem  fremben  ®e* 
Jet  geftanben  §ahe,  frei  gemacht  Ijat.  SDa  fte  aber  feitbem  in 
tbrer  eigentfjümlidjen  ©ntmilftung  fo  oft  öon  öorne  angefangen 
Ijat,  lonnte  fte  ftdj  be§  mutanten  (55efdjäft§  überleben,  genau 
nachfragen,  ma§  für  fpeculatiöe  @äae  bamalS  für  bogmatifdje 
unb  umgefebrt  gebalten  morben  ftnb.  gür  bie  djriftlidje 
®ird)e  aber,  meiere  mdjt  in  bem  gatt  ift,  bie  (Sntnrifflung 
ibrer  Sebre  immer  hrieber  öon  Dorne  anfangen  au  fönnen, 
ift  biefe  ©onberung  öon  ber  größten  Sßtdjtigfeit,  bamit  iljr 
ntdjt  fortmäfjrenb  föeculatiöe§,  moran  fid^  meber  ber  bidjterifdje 
unb  rebnertfebe  noeb  ber  öolfSmäfjige  5lu§bruff  be§  frommen 
©elbftberoufjtfeinS  orientiren  fann,  für  bogmatifd)e§  bar» 
geboten  merbe.  SDte  ebangelifdje  SHrdje  inSbefonbre  trägt 
ba§  einmütljige  SSehm&tfetn  in  ftd),  ba§  bie  it)r  etgentfjümlidje 
(SJeftaltung  ber  bogmatifeben  ©äje  nidjt  öon  trgenb  einer 
^r)üofopr)ifc^en  gorm  ober  ©d)ule  abfängt  ober  überhaupt 
bon  einem  föeculatiöen  ^ntereffe  ausgegangen  ift,  fonbern 
nur  öon  bem  ber  Söefriebigung  be§  unmittelbaren  ©elbft* 
bemufetfeinS  allein  mittelft  ber  ächten  unb  unberfäifdjten 
u  l  ©tiftung  Kfjrtfti ;  fte  fann  alfo  audj  f  olgeredjtermeife  nur 
foldje  ©äje,  meiere  biefelbe  SIbftammung  aufzeigen  fönnen, 
als  üjr  angebörtge  bogmatifdje  <5äje  aufnehmen.  Unfere 
fcoßmatifc&e   Sfjeologie    mirb   aber   nid}t  eber  auf   eigenem 


Grfte?  ftojntel.  3ur  ßrflärung  ber  ©ogmatlf.  91 

<£5runb  unb  SBoben  eben  fo  fielet  ftefjen,  al§  bie  2Belttoet§l)ett 
■fdjon  lange  auf  bem  irrigen,  bi§  bie  ©onberung  beiber 
Wirten  oon  (Sägen  fo  boüftäubig  fein  mirb,  baJ3  jum  JBeifpiel 
eine  fo  munberlidje  grage  mie  bie,  ob  berfelbe  (Saj  in  ber 
93ijilofojn)ie  mafjr  fein  fönne  unb  in  ber  (^riftltcrjen  Geologie 
falfdj)  unb  umgefeljrt,  be§roegen  ntc&t  meljr  borfommt,  toetl 
ein  (5a§,  fo  lote  er  in  ber  einen  ift,  in  ber  anbern  feinen  I 

ffla%  finben  fann,  fonbern  tote  ä^nlict)  er  audj>  Hinge,  bie 
$Öerfcr}iebettt3eit  bo$  immer  borauSgefest  merben  mufc.  Sßon 
biefem  Biel  aber  finb  mir  notf)  feljr  roeit  entfernt,  fo  lange 
man  ftdj  nodj  für  bogmatifdje  ©äse  SJcüfje  giebt  um  eine 
Söegrünbung  ober  Ableitung  nadj  5lrt  ber  ftieculatiben,  ober 
gar  barauf  au§geljt  hit  Gnrseugniffe  ber  fbeculatioen  Sljätig* 
feit  unb  bk  ©rgebntffe  ber  ^Betrachtung  frommer  (S5emüt^§* 
§uftänbe  in  ©in  ®ange§  ju  b  erarbeiten. 

§.  17.  S)ogmattf<$e  ©äge  haften  einen  §nuefadjen  Sßertf), 
einen  firfflffien  unb  einen  tptfjenf d;aftlid;ert ;  unb  burdj 
labt  unb  $>a$  SBer^ältntfj  betber  §u  emanber  ftrirb  i^re 
IßoKfommen^ett  beftintmt. 

1.  ©er  firdjlidje  2Bert§  etne§  bogmatifdjen  @ase§  befielt 
in  ber  SBe^ieljung  beffelben  auf  bte  frommen  ($5emütfj§erregungen 
felbft.  $ebe  folerje  in  üjrer  ©msel^ett  ift  freiließ  für  bie  $8e* 
fä)reibung  ein  unenblicfieS ,  unb  alle  bogmatifdjje  ^Begriffe 
müfjten  baju  bermenbet  merben,  fo  mie  auet)  alle  begriffe 
ber  ©eelenfunbe,  um  ©inen  Seben§moment  §u  betreiben. 
Slber  7ö~mte  "tn'einem  folgen  bie  fromme (§5emütfj§fttmmung 
ba§  bor^errfdjjenbe  fein  fann,  fo  auef)  mieber  in  jeber  folgen 
ragt  trgenb  ein  SSerrjältnt^  be§  |ö|eren  (SelbftbettmitfeinS 
beftimmenb  Ijerbor,  unb  auf  biefe  gleidjimäfrig  für  alle  analogen 
Momente  frommer  Erregung  begießen  fidj  bte  bogmatifdjen 
(Sä§e.  %n  allen  bollftänbig  au§gebrüfften  bogmatif^en  ©äsen  « 
mu|  alfo  au<$  bte  SBegieljung  auf  ©fjriftum  al§  ©rlöfer  in  ! 
bem  9}laa§  mit  erfreuten,  mie  fte  in  bem  frommen  $8e* 
mufjtfein  felbft  Ijerbortritt.  $)iefe§  aber  ift  natürlich  er  meife 
tti$t  in  allen  religiöfen  Momenten  gletdj  ftarf  ber  %aVi,  fo 
roenig  als  in  irgenb  einem  ©taatSleben  ba§  unterfc&eibenbe 
ber  Öerfaffung  in  allen  Momenten  gleich  ftarf  Ijerbortretett 
fann.  %t  fct)mädjer  nun  bem  gemäfj  in  einem  bogmatifdjen 
©aj  bie  SBe^ieljung  auf  ©Ijriftum  au§gebrüfft  ift,  mie  j.  @. 
gemö§nli($)  in  ben  burc§  unfer  SSerfjältnifc  sur  91ufjenmelt 
^ermittelten   frommen  Erregungen;  um  befto  e^er  fann  et 


92  ®cr  djriftltde  mute.  ©rfter  £f>eil. 

einem  £efjr[ag  einer  anbem  frommen  <$emeinfdjaft  gleiten, 
menn  aucf)  in  biefem  ba&  eigentümliche  iener  ®emeinfct)affc 
am  meiften  gurüfftritt.  ©affelbe  finbet  nun  au<$  innerfjalk 
ber  c^riftücrjen  ®ir<$e  felbft  ftatt  in  Söegug  auf  bie  in  größeren 
unb  Heineren  (Gruppen  ftdj  fonbernben  eigentümlichen  3Jco* 
bificationen  be§  djriftltc§en  S8emufjtfein§.  3ft  nun  em 
bogmatifdjer  ©ag  fo  geftaltet,  bafj  er  biefem  allen  gleicfymäfjta 
genügt,  fo  ift  er  in  einem  größeren  Umfange  roirflid)  gültig 
aber  er  ift  nid)t  geeignet,  bk  SDifferengen  bemerflidj  gu 
machen,  meiere  alfo  baburd)  inbirect  al§  unbebeutenb  ober 
im  SSerfdjroinben  begriffen  begeidmet  toerben;  bliebt  er  ftcfr 
hingegen  nur  auf  eine  oon  biefen  berfd)iebenen  SOcobificationeni 
fo  ift  er  aud)  nur  in  biefem  geringeren  Umfange  gültig. 
SBi§meilen  fann  jene§  al§  inbifferentifti[c£)  erfreuten  unfo 
legtereB  baä  richtige  fein,  bi§roeilen  fann  IegtereS  Partei* 
,  ßängertfdj  fein  ober  fectirifdj  unb  ieneg  ba$  richtige.  (Solche 
^Differenzen  aber  in  bogmatifdjen  benfelben  ©egenfianb  be* 
fmnbelnben  <5ägen,  meldte  gar  leine  ^Differenzen  in  bem  un* 
mittelbaren  frommen  ©elbftbemu^tfein  repräfentiren,  befummelt 
au<$  gar  nichts  über  ben  fircblic&en  Sßertlj  berfelben. 

2.  3)er  rr>iffenfct)aftltct3e  Sßertlj  etne§  bogmatifdjen  @age£ 
beruht  eine§tt)eil§  auf  ber  Söeftimmtljeit  ber  barin  üorfommenbeit 
begriffe  unb  iljrer  Sßerfnitpfung.  £)enn  um  befto  meljr  tritt 
er  aus  bem  unbeftimmten  <&zbkt  be§  bict)tertfcrjert  unfr 
rebnerifc&en  ljerau§,  unb  um  befto  größer  mirb  audj  bie 
<Sid)erfjeit  fein,  bafj  er  ntdjt  mit  anbem  berfelben  Formation 
be§  religiöfen  SöeroufetfeinS  ungehörigen  bogmatifdjen  ©äsen 
in  fd&einbaren  Sßiberforutf)  treten  fann.  (£3  ift  aber  ber 
bogmatifdjen  S8egriff§bilbung  nidjt  gelungen,  ia  man  bürfte 
rool  fagen,  e§  fann  i$r  aud)  be§  ®egenftanbe§  roegen  ni<$t 
gelingen,  ben  eigentlichen  5lu§bruff  überall  an  bie  ©teEe  be8 
bilblicfjen  gu  fegen;  unb  ber  miffenfcljaftli^e  äßertlj  bog* 
matifdjer  @äge  beruht  alfo  t>on  biefer  <5zitt  größtenteils 
j  nur  auf  ber  möglidrft  genauen  unb  beftimmten  ©rflärung 
I  ber  borfommenben  bilblicrjen  3lu§brüffe.  &iebei  fann  e§  auc§ 
um  fo  eljer  fein  Söetuenben  Ijaben,  al§  bodj,  menn  audj  ber 
eigentliche  5lu§bruff  an  bie  «Steife  be§  bilblidjen  burdjmeß 
gefegt  merberi  fönnte,  ba  ber  legte  ber  urfbrüngltc&e  ift,  bit 
©elbigfeit  beiber  muffte  nadjgeraiefen  derben,  ma§  benn  auf 
baä  nämliche  IjerauSfommen  mürbe.  2lnberntl)eil§  befte^t  ber 
tüiffenfctjaftlictje  SSertl)  eine§  bogmatifc&en  @age§  in  ber 
grudjtbarfeit  beffelben,  nämlich  mie  bielfeitig  er  auf  anbere 
fcerttmnbte  fcinmeift,  unb  gnnr  nierjt  fomol  in  $euriftij$e*. 


(SrfteS  ßofcltel.  3ur  drftärung  ber  Dogmatil. 


Sinftcljt,  inbem  fein  bogmatifdjer  <Saj  in  einem  anbern  feinen 
runb  l)at,  bietmeljr  jeber  nur  au§  ber  ^Betrachtung  beS 
djriftlidjen  <SeI6ftberoufetfeitt§  gefunben  tuerben  !ann(  fonbern 
in  frittfdjer  £>infidjt,  meil  nämüdj  um  befto  leistet  bie 
Ißrobe  gemalt  toerben  fann,  rote  gut  bereine  bogmatifdje  2Iu§* 
bruff  mit  anbern  sufammenftimmt.  SDenn  untäugbar  roirb 
unter  mehreren  bogmatiidjen  5(u§brüffen,  roeldje  ftdj  auf 
fctefelbige  SDjatfadje  be§  c&riftlidjen  SöeroufjtfeinS  Besiegen 
fotten,  berienige  ben  SSorjug  berbienen,  ber  ben  größten  ®rei§  / 
ton  anbern,  meiere  ftdj  auf  berroaubte  3$atfadjen  besiegen, 
ausliefet  unb  ftdj  bamit  berbmbet.  Unb  roo  nur  ein  ge* 
nau  berbunbeneS  unb  in  ftdj  abgefd)loffene§  bogmatifd)e§ 
(Sprachgebiet  fmben,  ba  ift  audj  eine  bie  $räfumtton  ber 
fftidjtigfeit  für  ftdj  Ijabenbe  Sluffaffung  ber  Stfjatfadjen  be§ 
djrifttidjen  ©ehmfetfemS.  —  @in  ©aj,  meinem  bie  erfte 
GKgenfdjaft  fefjlt,  fo  bafc  er  nodj  ganj  bem  bidjtertfdjen  ober 
rebnerifdjen  (Sprachgebiet  angehört,  ift  nodj  fein  bogmatifdjer. 
<£ht  ©aj,  ber  roa§  bie  jroeite  (Stgenfdjaft  anlangt,  über  ba§ 
fjier  aufgefteftte  fjinau§gel)t,  unb  irgenb  tttva$  objeetib  be^ 
grünben  roitt  o^ne  auf  ba§  Ijöljere  Selbftberoufjtfein  surüff* 
gugefjn,  märe  fein  ®tauben§faä  meljr,  unb  mürbe  gar  mdjt 
in  unfer  (Gebiet  gehören. 

3.  3)a  nun  jeber  (glaubenslos  fdjon  al§  foldjer  einen 
ftr^Hcrjert  Sßertfj  fjat,  unb  ®Iauben§fäse  bogmatifdje  merben, 
inbem  fte  einen  rötff enf ($ af tttctj ert  Sßert§  befommen:  fo  ftnb 
bogmatildje  ©äse  befto  boßfommner,  ie  mefjr  bie  Sßiffen*  i 
fdjaftltdjfett  iljnen  einen  au§geäeidjneten  firdjlidjen  Sßertlj 
flieöt,  unb  ie  mefjr  audj  ber  roiffenfdjaftüdje  Ö5et)alt  bit  i 
(Spuren  babon  trägt  au§  bem  ftrdjttdjen  Sntereffe  Ijerbor* 
gegangen  §u  fein. 

§.  18.  2)te  gufammenftellung  bogmatifdjer  (Säge  um 
fle  mit  emanber  ju  oerfnüpfen  unb  auf  einanber  ju  be> 
gießen  gel)t  bon  bem  nämlid)en  33ebürfrtife  au£  tote  t>ie 
bogmatifc^e  (Sajbilbung  felbft,  unb  ift  nur  eine  natürliche 
golge  bon  biefer. 

1.  SSir  untertreiben  bk  SSerfünbigung  Gnjrifti  felbft,  bon 
ber  atte§  ausging^  be§Ijalb  bomeljmlidj  bom  bogmatifdjen, 
roeit,  roo  er  beleljrenb  tn8  ©interne  ging,  er  au#  an  ba§ 
bidjterifdje  unb  rebnerifd&e  ftreifte,  mo  er  aber  unbilbtidj  unb 
eigentlich  ftc&  felbft  betfünbigt,  bie.  SJarfteHung  feiner  ©riftenj 


94  $er  $riftltdje  ©lau&e.  ©rfter  Xfjetl. 

unb  fetne§  ®efd)äfteS  gan^  fummarifd)  blieb. ■  ^ebe  frommt 
Erregung  aber,  meldje  bie  unmittelbare  SSirfung  baöon  mar, 
mürbe  in  bem  jebeSmal  gegebenen  Bujammen^ang  beS  SebenS 
eine  einzelne,  unb  bie  5luffaffung  berfelben  in  (Stebanfen  eben 
beStjalb  als  Aneignung  jener  urfprünglidjen  (Selbftoerftmbigung 
nur  eine  t^eitroeife  für  ftd)  unöollftänbige ;  fo  ba%  bie  ®e* 
fammtmaffe  ber  |o  entftanbenen  aud)  §ur  möglichen  S8e* 
ftimmt^eit  auSgebitbeten  aljo  bogmatifdjen  (StfaubenSfääe,  nur 
äufarnntengenommen  bie  fictj  immer  meljr  oeroollftänbigenbe 
(Sntmüflung  jener  urfprünglidjen  Sßerfünbigung  tft  SOcit  jebem 
einjelnen  fo  entftanbenen  (Sage  muß  baljer  audj  ein  $er^ 
langen  naclj  ben  übrigen,  alfo  ein  Söeftreben  jeben  mit  Ruberen 
au  oerfnüpfen  gefegt  fein;  unb  jeber,  je  beftimmter  er  ein. 
einselner  ift,  erteilt  feine  ©teile  nur  in  ber  $orauS)eaung, 
bah  er  anbere  mef)r  ober  mütber  oerraanbte  neben  unb  um. 
fi*  6at 

2.  gangen  mir  an  oon  ber  felbft  fdjon  in§  einselne  gebenben 
rebnerifcljen  unb  btdjterifcrjen  S3ertünbigung  fomol  ©jrtftf 
felbft  als  aud)  feiner  Beugen :  fo  entfielt  oon  Ijier  auS  ber 
bibaftifdje  SluSbruff  größtenteils  freilief)  auS  ber  Aufgabe 
ben  fdjeinbaren  (£onflict  smifdjen  einäelnen  Silbern  unbgiguren 
aufäulöfen,  tbeilS  aber  aud)  fd)on  auS  bem  Söebürfniß  ben 
5luSbruf!  oon  ber  S5ielbeutigfeit  unb  Unftdjerfjeit,  bie  iljm 
außer  bem  gegebenen  3ufammenl)ange  anfängt,  §u  befreien 
unb  iljn  felbftänbiger  als  benfelben  für  SlUe  ^inauftetfen. 
%lun  aber  liegt  in  jebem  fdjeinbaren  SSiberfprud)  jener  2lrt 
bie  Söeforgniß  Oon  mehreren  anbern;  meil  burd)  jeben  ba$ 
gange  (Sprachgebiet  beffen  t»erbäd)tig  mirb,  baß  eS  SSiber- 
fprüdje  Derbergen  fönne.  SSirb  alfo  in  einem  gegebenen 
%aü  ein  eigentlicher  unb  leljrljafter  5luSbru?f  aufgeftellt,  um 
fid)  baburd)  über  baS  fdjeinbar  entgegengejeate  51t  orientiren: 
fo  liegt  bod)  bie  ©idjerfjeit  nur  barin,  baß  nidjt  baS  auS* 
gleidjenbe  unter  fid)  aufs  neue  in  fdjeinbarem  Söiberfprud) 
ftefjt,  fonbern  bieS  ganje  (Sprachgebiet  foldjer  ®efcd)r  ntdjt 
ausgefegt  ift.  ©iefeS  aber  läßt  fiel)  nur  burd)  SBejieljunft 
mehrerer  folctjer  5luSbrüfte  auf  einanber  unb  bitrct)  immer 
mieberljolte  Sßerfudje  fie  mit  einanber  31t  oertnüpfen  §ur  ®e* 
mißljeit  bringen.  Sft  nun  ber  bibaftifdje  5luSbru!f  gugleid) 
beftimmter  unb  für  fidj  auf  faß  barer:  fo  ift  er  bodj  immer 
SSerfnüpfung  allgemeiner  Sßorftellungen,  meiere  nur  aufammen« 
gebadjt  mit  ben  Ijöfjeren  über  unb  btn  nieberen  unter  itmen 


1  «91.30^.3,17.  8,12.  10,30.  12,45. 


(grfteS  fotyitel.  3ut  (grllärmta  bet  ©ogmatit,  95 

fcollfommen  beftimmt  ftnb;  fo  tüte  jebe  fo!d)e  23orfteffung  al§ 
(Subject  bod)  nur  boftftänbig  angef^aut  ift  in  ber  Totalität 
ibrer  $räbtcate  unb  al§  Sßräbicat  nur  in  bem  ganaen  Umfang 
üjrer  änmenbbarfeit.  @o  bafj  jeber  fold)e  @aa  auf  anbere 
fcinmeifet,  worin  tbeil§  bie  berftmnbten  $orftelIungen  tbeil§ 
btefelben  in  anberen  SBerfnübfungen  oorfommen. 

3.  (£§  täfjt  ftcb  alfo  nt$t  benfen  bafj  ba§  fromme  (Selbft* 
behmfstfeüt  lebenbig  genug  fei  um  ftäj  au  äußern  unb  mit* 
gutfjeiien  obne  bafj  audj  ber  bibaftifd^e  9lu§bruff  ftdj  bilbe, 
fei  e%  nun  in  ber  loferen  gorm  ber  SSolfömäfjigfeit  ober  audj 
in  ber  ftrengeren  ber  <Scbule.  Unb  eben  fo  menig  laffen  ftcb 
in  irgenb  einer  frommen  ®emeinfcbaft  Oon  btefem  bie  einzelnen 
Elemente  benfen,  obne  bafj  fie  ficb  füllten  au  einer  gülle  oon 
®ebanfenreiljen  geftatten,  meiere  tbeil§  nadj  bem  urfürüng* 
lieben  Bmeff  binfeljen,  bie  frommen  ®emütb§erregungen  felbft 
in  einer  mirfltcben  golge  ober  in  i^remnatürlidjen  Stammen* 
bange  §u  betreiben,  tfjeit§  audj  gur  Slbftdjt  ba&en  bert 
bibaftifct)ert  2lu§bruff  für  ftcb  äur  mögltebften  SHarbett  au 
ooHenben.  —  SSenn  mir  nun  bureb  ben  2Iu§bruff  cbrtftlicbe 
QSerfünbtgung  boraügltcb  bie  unmittelbar  erregenbe 5leufee^ 
rang  unb  ©arftettung  beaeidjnen '  fo  berftefjen  mir  unter  djrift* 
lieber  Sefjr  e  mebr  biejenige  SOättb  eilung,  meiere  fictj  be§  bibaU -\ 
ttfetjen  $lu§braff§  bebient,  fei  e§  nun  um  bermittelft  ber  aum  ] 
Söenmfjtfein  gebrauten  flaren  Söorftellung  audj  au  erregen,  mie 
e§  in  bem  bomiletifcben  ®ebraudj)  gefebiebt,  ober  um  mittelft 
ber^larfjeit  ber  SSorfteUung  ba$  unmittelbare  fromme  ©elbft* 
benmfjtfein  beftimmter  au§aufcbeiben  unb  beffen  «Setbftänbig^ 
feit  auoerläfftg  au  begrünben,  tt>elcbe§  ba%  <35e]ct)äft  ber  bog* 
matifeben  ©ctmle  ift  ©tefe  aber  ftnb  et  irjre  Sßefriebigung 
offenbar  nur  in  ber  SSoEftänbigfeit  be§  £ebrgebäube§,  morin 
für  fein  mefentlicbeS  Moment  be§  djriftlicben  frommen  SBe* 
nmfjtfein§  ber  au§gebilbete  bogmatifebe  2tu§braff  feblt,  unb 
raorin  alle  bogmatijcben  (Säae  unter  ftdtj  in  Söeaiebung  ge* 
bracht  ftnb.  (£§  ift  baber  ntebt  au  loben,  raenn  bielleicbt  bie 
(Sacbe  felbft  mit  üjrem  SSerberbnifj  öerinedjfelnb  angefebene 
STbeoIogen  e§  jumSSerfatt  ber  ebriftlicben  ($5ememfcbaft  rennen 
ober  al§  eine  golge  beffelben  auf  eben,  menn  bie  Sebre  fdjul* 
mäfjig  betrieben  mirb.  SSielmebr  ift  e§  auf  ber  einen  <&eite 
für  ba&  5lmt  ber  SBerfünbigung  felbft,  ie  meljr  in  ber  ÜUcanntg* 
falttgfeit  ber  ©brauen  bie  ^arfteuuugStoeifen  ftet)  beröiel^ 
faltigen,  um  fo  notfjmenbtger,  ba^  e§  ein  mit  biateftifeber 
©(^ärfe  bearbeitetet  ßebrgebäube  gebe,  unb  auf  ber  anbern 
natürli<$  ba%  je  me^r  bie  djrfiltdjje  ®emeinf($aft  fi<^  au§  ft(^ 


96  $>er  $riftlic5e  ©lauöe.  (Srfter  Ä$elt. 

fetbft  ergänzt  unb  erneuert,  um  befto  meljr  audj  bie  $er* 
fünbigung  felbft  bie  gorm  ber  bolfömäfeigen  Seljre  annimmt, 
unb  biefe,  bte  aber  felbft  lieber  ber  fc&ulmäfctgen  £eljre  al§ 
Iftorm  unb  <5$ranfe  bebarf,  ba§  bebeutenbfte  Mittel  rotrb 
um  ben  lebenbigen  Umlauf  be§  religiöfen  $8emuf$tfein§  stt 
beförbern. 

Bufaj.  Ueberfeljen  mir  nun  toon  f)terau§  fca§  gefammte 
SSerfaljren  mit  bogmatifdjen  ©öjen,  roeldje§  nun  eben  bet 
®egenftanb  ber  bogmatifdjen  Geologie  ift:  fo  ergiebt  fidj, 
bafj  e§  auf  jebem  $unft  anfangen  fann,  je  nadjbem  e§  jjier 
ober  bort  am  meiften  burdj  ba$  Söebürfnifc  Ijerborgerufen 
fourb.  2)ie  SSerfnityfungen  ftnb  bann  tJeilS  foldje  borsug§* 
toeife  gelegentliche,  meldje  unmittelbar  im  SDtertft  ber  ur* 
farüngltdjen  SDttttfjeilung  be§  frommen  SöehmfjtfeütS  fteljen, 
unb  rcobei  nur  ber  fird)lt$e  SSert^  ber  <5äse  in  2lnft>rudj  ge* 
nommen  hrirb,  Seljre  bie  bem  Gebiet  ber  SSerfünbigung  unb 
ber  Erbauung  angehört,  tr)etl§  foldje  wobei  e§  meljr  auf  ben 
roiffenf$aftlid)en  Sßertlj  anfommt  unb  roeldje  ftd)  ganj  inner* 
rjalb  be§  <$tb\ttt%  ber  bogmatif$en  Geologie  felbft  galten, 
feien  e§  nun  Sonographien,  b.  Ij.  Entmifflungen  eines 
einzelnen  <3ase§  in  feinen  ber[$tebenen  Söejieljungen  ttrie  fle 
bon  iljm  felbft  au§  überfein  merben  fönnen,  ober  ßufammen* 
ftellungen  bon  folgen  btö  Ijeifct  loci  theologici,  meiere 
allerbtng§  bottftänbtg  fein  fönnen,  fo  bafj  fte  bie  <$5efammt§eit 
aller  mit  einanber  berfnüpfbaren  (Säje  in  ftdt)  fäjltefcen,  Bei 
benen  bk$  aber  nur  sufätttg  erf$eint,  inbem  bit  $ottftänbtg* 
feit  ni$t  bur<$  bie  gorm  bebingt  ift,  ober  enblidEj  ein  boff* 
ftönbige§  ßeljrgebäube,  nrie  e§  fo  eben  f<$on  betrieben 
ioorben  ift.  Ein  foldje§  !ann  nrieberum  rein  t^ettfdt)  fein,  unb 
bann  entmeber  blofj  a^r3orifttf($  ober  mit  einem  Apparat  bon 
Erläuterungen  berfeljen;  e§  fann  aber  audj  jugleidj  polemifdj 
fein,  inbem  e§  auf  anbere  SOlobificattonen  be§  d^rtftlictjeii 
frommen  SöeroufjtfeinS  ober  auf  anbere  5lu8fagen  über  bit* 
f eibige  Sftobiftcation  SRüfffid&t  nimmt.  E§  fann  enblidj  augleidj 
öefdjtdjtltcf)  fein,  inbem  e§  über  bie  Entnrifflung  ber  bogma* 
iifdjen  ©a^bilbung  unb  über  bie  SSeränberungcn  in  htm  bog* 
tnatif<$en  ©pra^gebiet  Sftedjenftfjaft  giebt. 

§.  19.  Sogmatifdje  Geologie  ift  bte  2öiffenf<$aft  bort 
bem  3ufammenl)ange  ber  in  einer  $rifUid)en  Äird^engefeH^ 
föaft  ju  einer  gegebenen  Seit  gettenben  Se^re. 

21  nm.     ©.  flitze  &arftellitng  @.  56.  §.  3;    bgl.  ©.  24.  §.  3.  ©.  28. 
§.  15.  18.  ©.  29.  §.  19.  it.  ©.  61.  §.  26.  27. 


grfteg  flautet.  3ur  giflärung  ber  Stogmattt.  97 

1.  2)te  ©rflärung  fdjehtt  Mc  Sftöglidjfeit  nidjt  au§sufd>  liefe  en, 
ba%  lemanb  fonnte  bogmatifd)e  Geologie  mite  Ijaben  alfo  audj 
xmttfjeüen  obne  eignen  glauben  an  ba§,  ma§  er  Vorträgt,  tote 
man  ja  aud)  SBiffenföaft  5at  oon  bem  Bufammenljang  ber 
©a^e  tn  u$tIofot>$tfäen  ©Dftemen,   bie  man   felbft  nidjt  an* 
mmmt.    SSte  aber  ba$  bogmatifdie  Sßerfabren  ftdj  gans  auf 
bte  Sßerfünbigung  besteht  nnb  nur  um  ibvetmiHen  Befielt •  fo 
muffen  mir  au<$  hei  Stilen,    melcbe   ftd)  bamit  befc&äfttgen, 
menn  fte  erfortefcltc§e§  barreidien  f  offen,  benfetbigen  ®lauben> 
öorauSiesen,   meil  fonft  ma§  ftd)  auf  etnanber  bestehen  foff, 
oodj  md)t  §ufammen  geboren  mürbe.     ^nbefe  läfjt  ftdj  bte 
©adje  audj  nur  ben!en  unter  ber  $orau§f  e£ung ,  menn  ber  $or* 
tragenbe  ftdj   gar  fetner  audj  nidjt  anberS  ntobtfictrter  reit* 
gtofer  Erregungen  bemüht  märe.   2)enn  fonft  mürbe  bod)  feiner 
obne  ftd)  felbft  (Sern  alt  ansutfjun  ben  Sßiberforudj  gmifdien 
bem,   ma§  er  al§   tu  ftdj   sufammenbängenb  unb   au§  bem 
SSefen  be§  djriftlidjen  SehmfctfetnS  abgeleitet  borträgt,  unb  bem 
ma§  er  felbft  annimmt,  Verbergen  fönnen;  unb  fo  hrirb  ftdj 
eine  bogmatifdie  SSarfteffung,  bie  obne  felbft  $artbei  äu  nehmen 
bloß  ge|<3&td&tlt($  tft,  öon  einer  augleid)  apologetifeben,  meiere 
bter  affetn  gemein  tft,  immer  bütreidjenb  unterfdjeiben.    SSte 
beim  audj  fdjmer  gu  läugnen  ift,  ba£  e§  ben  aud)  in  unferer 
£rrd)e  oteffetc&t  nidjt  feltenen  bogmatifdjen  2)arfteffungen,  bte 
ftd)   obne  fefte  eigne  Ueberseugung  an  baZ  firdjttdj  geltenbe 
genau  Saiten,  entmeber  an  ber  (Strenge  beS SufammenSangeS 
unb  ber  tnnern  Uebereiuftimmung  feblt,    ober  fte  oerratben 
bod)  unraifffuriidj  bk  abmeid)enbe  Xteberseugung. 
m  \    $te  Jöefäränfung    auf    bk   ßebre    einer   beftimmten 
fttrcbengefefffdjaft  tft  nidjt  ein  affgemein  gültiges  MeitmaL 
metl  ntc^t  immer  bk  (£briftenbeit   in  mehrere  bur<$  $er* 
f^tebenbett  ber  Sebre  beftimmt  gefonberte  ©emeinf haften  ge* 
tbetlt  gemefen  tft    gür  bie  gegenmärtige  3eit  aber  ift  bk§ 
»««mal  unentbebrlid),  inbem  um  nur  bei  ber  abenblänbifdjen 
Shrcbe  fteben  §u  bleiben  eine  bem  «JJroteftantigmuS  angebörige 
©arftellung  unmögttd)   aud)  für  ben  ^artjolifen  baffelbe  fein 
fann,    tnbem   fein  3ufammenbang  ftattfinbet    gmifdjen    bm 
Sejren  be3  ©tuen  unb  benen  be§  51nbem.   Güter  bogmatifcöen 
©arfteHung,  meldte  ftd)  bie  Aufgabe  [teilen  moffte  bon  feinem 
bon  Jetben  Letten  SBibertorn«   *u  erfabren,   mürbe  e§  an 
bem  ftrdjltcben  SBertb  für  hübe  faft  in  allen  einseinen  ©äsen 
feblen.  -  2)afc  aber  lebe  Sarfteffung  ftd)  nur  auf  bie  Sebre, 
bte  gu  etner  gemiffen  Sdt  borbanben  ift,   beföränft,  mirb 
ätuar  feiten  auSbrüffltd)  jugeftanben,   fc&etnt  ftdj  aber  bodb 


98  SDer  djriftltdje  ©laube.  (Srfter  SfjeU. 

t)on  jelbft  gu  oerfteljen,  unb  bie  grofje  äRenge  auf  einanber 
folgenber  bogmatifdjer&arfteuatngen  gröfjtent&eilg  nur  In'erauS 
erflä'rt  merben  ju  fönnen.  @§  ift  mol  offenbar,  bafe  bie  Üe^r* 
bitter  au§  bem  ftebädjnten  ^al)rl)unbert  iejt  nidjt  meljr  bem* 
felben  3roeff  bienen  fönnen  als  bamalg,  fonbem  bafj  oiele§ 
nur  no<$  ber  öefctjtd)tltcr)eri  ©arfteßung  angehört,  unb  ba% 
nur  anbere  boQmatijdje  ©arfteffungen  iejt .  benfelben  ftrc&ltdjen 
Söertfj  f)aben  fönnen,  ben  biefe  bamal§  ijatten;  unb  eben  fo 
mirb  eine  foldje  Bett  fommen  für  bie  gegenwärtigen.  9?nr 
hak  atterbing§  größere  SSeränberungen  in  ber  Sefjre  nur  bon 
allgemeineren  (£ntraifflung§fnoten  ausgeben ,  bie  beftänbig  bor 
fid)  ge^enben  SSeränberungen  aber  fo  roenig  auftragen,  bafc 
fie  fict^  erft  naä)  geraumer  Beit  bemerfli$  machen  fönnen. 

3.  Sßenn  nun  gleich  unter  ber  geltenben  ßeljre  feinet 
it>ege§  blofe  ba§  fombotifdje  berftanben  merben  foE,  fonbern 
alle  2et)rfääe  meldte  ein  bogmatifc&er  5lu§bruff  finb  für  ba§ 
ma§  in  ben  öffentlichen  Sßerljanblungen  ber  ®ird)e  menn  audj 
nur  in  einzelnen  (SJegenben  berfelben  al§  $>arftettung  ber  ge* 
meinfamen  grömmigfeit  gehört  mirb  oljne  Bmiefpalt  unb 
Trennung  su  öeranlaffeu,  mithin  biefe§  Sfterfmal  f<$on  eine 
beb  eutenb  e  9#anntgfalttgfeit  in  ben  bogmatifctjen  SDarfteHungen 
äuläftt:  fo  fönnte  man  bennodj  biefe§  9fterfmaI3  megen  bie 
©rflärung  für  gu  eng  galten,  tfjeilS  meit  e§  fdjeint,  al§  fönne 
gar  feine  Sßeränberung  in  bogmatifdjen  ©arfteltungen  iemal§ 
eintreten,  wenn  nid)t  irgenbmann  tttütö  nodj  ntdjt  geltenbe§ 
aufgenommen  mürbe,  t§eil§  meil  auf  biefe  SSeife  aud)  atte§ 
eigentümliche  au§gef$loffen  gu  fein  fc&eint.  Stilein  guerft 
mirb  mol  ^eber  gugeben,  bafe  ein  (Stebäube,  menn  aud)  nod) 
jo  gufammenljängenb,  bon  lauter  gang  eigentümlichen  9MU 
nungen  unb  9lnfi$ten,  meldje,  menn  audj  mtrflid)  djriftlidj, 
an  bie  2lu§brüffe,  meiere  in  ben  fird)ltd)en  SDKttfjeilungen  ber 
grömmigf eit  gebraucht  merben,  gar  nid)t  anfnitpften,  immer 
nur  für  ein  ^ribatbefenntmfc  nid)t  für  eine  bogmatifdje  ®ar* 
fiellung  mürbe  gehalten  merben,  bi$  fi<$  an  eine  folc&e  eine 
flleidjgeftnnte  ®efett)dj)aft  anfdjlöffe,  unb  alfo  eine  öffentliche 
iöerfünbigung  unb  SDttttf)  eilung  entftänbe,  meiere  in  jener 
Seljre  i^re  9^orm  fänbe.  £D^tti;in  mirb  man  au<$  im  attge* 
meinen  fagen  fönnen,  ie  meniger  öffentlich  angenommene^  in 
einer  folgen  SDarfteUung  fei,  um  befto  meniger  entfpredje  fie 
bem  begriff  einer  ©ogmotif.  SBeldjc§  iebod)  nierjt  binbert, 
bafc  ni<$t  aud)  bte  (£igentlpümlicf)fett  be§  2>arfteHenben  ©in* 
flufe  l)abe  auf  bie  gönn  unb  SöefjanblungSroeife,  unb  audj  im 
(Stngelnen  Ijeroortrete  al§  beabftdjtigte  Berichtigung  be3  ge* 


(SrjteS  Kapitel.  3ur  (Srflärung  ber  ©ogmatif.  99 

möfjnlidjeiL  Stfjon  belegen  alfo  fdjliefct  unfere  (Srflärung 
feinesmegeS  SBerbefferungen  unb  neue  (Sntmifflungen  ber 
djriftlicljen  2el)re  au3;  nocfc  beutlicl)er  aber  mirb  bte§,  menn 
mir  ba^u  nehmen,  bafj  bergteictjen  faft  nie  au§  ben  bogma* 
tifc&eit  33erfj  anbiungen  felbft  unmittelbar  Ijeröorgeljn,  fonbern 
bie  Veranlagung  ba^u  größtenteils  auf  eine  ober  bie  anbere 
Sßeife  in  ben  öffentlich  gotte§btenftlictjen  Sßerlj  anbiungen  ober 
in  ber  öolfSmäfjigen  fd>riftftetfertftf)en  religiöfen  50cittl) eilung 
gegeben  nrirb. 

4.  <E)ie  Sfttc^tiflfett  ber  gegebenen  ©rflärung  erhellt  au<$ 
barauS,  ba§  wenn  einer  2)arftellung  ^riftltcrjer  Seljre  eine§ 
öon  ben  obigen  9Jcerfmalen  fetjlt,  fie  au<$  ntdjt  meljr  in  ba§ 
eigentliche  Gebiet  ber  £)ogmatif  fällt;  fo  lote  barauS,  ba£  bie 
mef entließen  SSerirrungen  auf  beut  bogmatifc&en  Gebiet  itjren 
®runb  barin  Ijaben,  menn  eine  einzelne  öon  jenen  gorbe* 
xungen  au§  tijrem  natürlichen  Bufammenljang  IjerauSgeriffen  gur 
alleinigen  8fHdjtfdjnur  hti  ber  Söeljanblung  genommen  mirb. 
2)te  öolfSmäfjtge  sunt  gemeinfamen  ftrdjlidjeit  Unterricht  be- 
flimmte  ©arfteüung  ber  Seljre  in  Katechismen  unb  äljniidjen 
SSerfen  bebarf  jinar  ber  SSolIftänbigfeit  unb  be3  Brammen* 
§ange§,  ma<$t  aber  auf  ©eleljrfamfeit  unb  foftematifdje  (Sin* 
riefctung  unb  äöeaiefjung  feinen  2lnfprud),  beäljalb  fonbern  mir 
auc§  biefeS  gebiet  öon  bem  eigentlich  bogmattfdjen.  SSiele 
tljeilS  mt)ftifcrje  ^tefe  t&eil§  öerftänbige  Klarheit  anftrebenbe 
reltgiöfe  ©djriften  finb  aud)  meljr  barftetlerifd)  bele^renb  al§ 
unmittelbar  erregenb,  unb  be^anbeln  aud)  bie  Seljre  mit  einer 
gemiffen^ßollftänbigfeit,  aber  e3  feblt  bie  gefd)id)tlid)e  Haltung 
unb  bie  Söepgnaljme  auf  bie  öffentliche  fird)ltcf)e  Sßerftänbigung, 
fo  bafj  fie  nur  ba§  Snbiötbuum,  mithin  nur  einen  loSgeriffenen 
Moment  beS  Jansen  §ur  Kenntnis  bringen,  unb  mir  nennen 
fie  baljer  ni#t  bogmattfdj,  tote  genau  aud)  aEe§  in  ifmen  gu* 
fammenfjänge.  2)enfen  mir  enblt$  an  bit  in  ba§  bogmatifdje 
S8erfef)r  öon  &tit  §u  Seit  eingetretenen  fcmonifdjeit  unb  fem* 
bolifdjen  Se^rbeftimmungen:  jo  füllten  biefe  atferbingg  immer 
bie  Sßiffenfäaft  öon  bem  öollftänbigen  Bufammen^ange  ber 
ße^re  öorauSfesen,  unb  gehören  in  fofem  aUerbing§  ber  bog* 
matifdjen  Geologie  an;  allein  fie  bringen  biefen  Bufammen* 
ljang  felbft  nic^t  jur  öollftänbigen  2)arftetfung ,  fonbern  f)aben 
e§  nur  mit  einseinen  Sefcrftüffen  su  t&un.  —  ©ben  fo  erfiären 
ftdj  bie  mefentlidrften  S5erirrungen  auf  bem  bogmatifdjen  ®e* 
biete  felbft  au§  ben  einfeitigen  Sprüngen  auf  ein  einzelnes 
öon  ben  aufgeteilten  äfterfmalen.  Söenn  öon  3eit  §u  Bett 
bie  bogmattfc&en  SDarfteEungen  überhriegenb  nur  al§  fte^enb 


100  ©er  djriftlidje  ©taube,  grfter  Xijeü. 

geroorbene  £rabition  erflehten:  fo  gefdjiebt  bieS,  roenn  man 
allein  baS  fdjon  öffetttltdj  geltenbe  aufftetten  toitt,  unb  bicjeS 
alfo  als  ein  fdjledjtfjtn  gegebenes  anfielt,  geblt  eS  im  (Segen* 
tfjeil  aucb  nicbt  an  bogmatiidjen  2)arfteIIungen,  roelcbe  ju  ibrer 
3eÜ  fid)  einer  ausgebreiteten  (Geltung  erfreuten,  aber  auS 
einiger  (Sntfernung  angefeben  unb  mit  trüberen  unb  ftmteren 
öerglicben  böllig  millfubrlicb  erfd)einen:  fo  finb  baS  folcbe,  bie 
auS  einer  öorübergebenben  oermorrenen  Söeraegung  auf  bem 
fird)lid)en  (&ehkt  entfarungen  nur  biefe  einfeitig  auffaßten, 
alfo  gan$  am  Moment  bangen  blieben,  mobei  benn  gar  leicbt 
aud)  ^ifftubrlidjfeit  unb  ©ojj&tftif  an  bie  (Stelle  ber  miffen^ 
fctjaftlid&en  «Strenge  treten.  ®iebt  eS  enblicb  SDarfteHungen, 
meldje  afferbingS  bie  cbrifttidje  Sebre  beljanbeln,  unb  für  bog* 
mattfdje  motten  gehalten  fein  aber  auf  bie  frommen  ($5emütbS= 
suftänbe  gar  nicbt  surüffgebn:  fo  finb  bieS  folcbe,  meiere  bie 
gorberung  beS  nriffenfcbaftlidjen  BufammenbangeS  allein  löfen 
motten,  als  ob  biefer  sugleidj  baS  bemtrfen  fönnte,  maS  eine 
mabrbaft  bogmatifebe  $)arftellung  botauSfegen  mute  nämlidj 
beurlauben;  fo  ba%  entmeber,  au<$  baS  eigentbümlidjft  ebrift* 
liebe  auS  ber  allgemeinen  Vernunft  unmittelbar  foll  rjergeteitet 
unb  erroiefen  roerben,  ober  eS  foll  als  ein  unoou'fommeneS  in  eine 
rein  vernünftige  allgemeingültige  SfteligionSlebre  berfdjminben. 
ßufas.  SStele  Geologen  finb  nun  mit  ber  Ijier  aufge* 
ftetCten  ©rflärung  ber  bogmatifeben  £t)eologie  öottfommen  ein* 
nerftanben,  fegen  aber  biefe  eigentliche  ©ogmatif,  als  bk  eS 
nur  mit  Darlegung  ber  !trd)lid)en  Meinungen  %u  tbun  fyahe, 
Siemlid)  tief  berab  unb  bebauten,  eS  muffe  über  ibr  noeb 
eine  anbere  böbere  Stbeologie  fteben,  meiere  fogar  mit  &int= 
anfesung  iener  firdjltdjen  Meinungen  bie  eigentlichen  ÖMi* 
gionSm ab rbeiten  ermittle  unb  einleucbtenb  macbe.1  SlCCeirt  bie 
d»riftlid)e  (SottfeligfeitSmiffenfdmft  tarnt  einen  folgen  Unter* 
1cf)teb  smifeben  fircbUcben  Sebren  unb  eigentlichen  SßeligionS* 
mabrbeiten,  bie  boeb  aueb  cbriftlicb  fein  fotlen,  benn  fonftfanu 
in  biefer  SBerbinbung  gar  nicbt  bie  Sftebe  Oon  ibnen  fein,  un* 
möglieb  anerfennen,  roeber  als  ob  biefe  SMigtonSmafjrbetten 
eine  anbere  Duelle  tjätten,  nodj  als  ob  ibr  Sfabalt  Don  anberer 
?lrt  märe.  3)enn  eS  giebt  nur  (Sine  Duelle,  auS  roeldjer  alle 
cbriftlicbe  Sebre  abgeleitet  mirbT  namlicb  bie  <Selbftt>erfün* 
btgung(£brifti,  unb  nur  (Sine  2lrt  mie  bie  ßebre.  bottfommner 


1  ©.  u.  a.  ©retfdjneiberS  ©nttoifflung  §.  25  unb  $anbb.  bet 
Sogm.  §.  5,  too  man  am  (Snbe  ättteifeUjaft  wirb  ob  überhaupt  bie  $)og* 
mntif  airr  dmftltdjcn  Geologie  gehöre. 


<£rfte§  fiapitel.  3ur  (Srf lärung  ber  ©ogmatif.  B  1  fl  I 

ober  unüottfommner,  au§  bem  frommen  IBerou^tfein  felbft 
rntb  bem  unmittelbaren  2lu§bru?f  beffelben  entfielt.  $8iK  man 
batjer  bie  Itrcrjlictje  &eljre  irgenb  einer  S&t  unb  eine§  £)rt§ 
nur  Meinung  nennen,  toeii  fie  nämlich  nid)t  immer  fid)  felbft 
gleidj  bleibt  unb  ntdjt  unOermifdjt  ift  mit  unrichtigem:  fo 
ftejt  bod)  auf  bem  ©rfenntnifjgebiet  be3  (£fjriftentt)um3  nidjt§ 
anbereS  über  itjr,  al§  nur  bie  reiner  unb  tjottfommner  ge* 
fa§te  rirctjlic^e  Se^re  einer  anbern  3zü  unb  in  anbern  £)ar* 
ftellungen.  3)iefe  Reinigung  unb  SSerüoUfommnung  ber  Sefjre 
rft  aber  eben  ba$  23erf  unb  bk  Stufgabe  ber  bogmatifdjen 
^Geologie.  —  2)enfen  mir  un§  aber  audj  biefe  Aufgabe  gäna* 
lict)  gelöfet  unb  alfo  bk  bogmatifdje  Geologie  in  ifjrer  $ott* 
enbung:  fo  tonnten  mir  bod)  aud)  fo  nietet  mit  ienen  anberen 
Geologen  äufammenftimmen,  meiere  bie  2)ogmatif  für  bk 
gan§e  d)riftlid)e  Geologie  erflären,  fo  bafj  fie  alle  anbern 
tljeoretifdjen  t&eologifdjen  £)ifciplinen,  bk  Sd)riftau§legung 
unb  bk  ®tr$engefd)id)te  beibe  im  meiteften  Umfang  unb  mit 
allen  üjren  Bubeljörungen  gebaut,  nur  al§  £ülf§miffenf ctjaften 
t»on  jener  anlegen.  2)enn  raenngteidj  beibe  für  bk  bogmatifdje 
Sfjeologie  notljmenbig  ftnb:  fo  beftefjt  boct)  nid)t  it)r  ganzer 
SSertlj  in  bem  3)tenft  ben  fie  biefer  leiften,  fonbern  lebe  Oon 
ibnen  Ijat  aud)  üjren  eigentümlichen  SBertlj  unmittelbar  für 
bk  görberung  unb  Seitung  ber^irdje,  meiere  ber  leätegroeff 
aller  c^xiftltd&en  Geologie  mithin  aud)  ber  bogmatifcljen  fff. 
$ielmeljr  möchten  mir  fagen,  bafj  toenngteid)  audj  ©c&rtft* 
auStegung  unb  ®trd)engefdjid)te  lebe  in  iljrem  eigentümlichen 
©efdjäft  äugleid)  abhängig  ftnb  oon  bem  (Btubium  ber  S)og= 
matif,  unb  leiben,  toenn  biefeS  t»ernactj(äfftgt  mirb,  fo  ba§ 
biefe  Oerfd)iebenen  Braeige  inSgefammt  nur  burdj  gegenfeitigen 
©influf}  auf  einanber  ftdj  ber  SßoIIenbung  nähern  tonnen,  e3 
bennodj  fetjr  bebenflidj  märe,  toenn  grabe  bk  SDogmatif  bei 
biefer  gortfdjreitung  Oorsügtidj  ben  Son  angäbe,  meil  näm* 
lid)  biefe  meljr  al§  bk  anbern,  raenngleid)  nur  ber  gorm  nadj, 
oon  ber  SBeltweiSfjeit  abfängt  2)enn  ba  biefe  oft  Oon  Oorne 
anfängt,  unb  bie  meiften  biefer  Ummälgungen  aud)  neue  $er= 
btnbungSroeifen  unb  neue  2lu§brüffe  für  ba$  (3thkt  erzeugen, 
au§  meinem  bk  £)ogmatit  ftdj  mit  ifjrem  (Sprachgebrauch 
oerfteljt:  fo  entfielen  in  biefer  trjeoloöifctjert  £)tfctplin  am  leid)^ 
teften  SKannigf altigf eiten ,  meiere  Streit  erregen,  ber  nid)t 
äur  <Sad)e  gehört,  unb  Umoilbungen  meiere  ntdjt  grabe  gort* 
f dritte  ftnb,  fonbern  bk  t^eoretifdje  ©ntroifftung  efjer  hemmen 
al§  förbern. 


102  S)er  djriftUdje  ©foube.  Grfter  £$eU. 

3toette£  ftapttel. 

Jöott  ber  SWetljobe  ber  $)ogtttattt\ 

§.  20.  S)a  jebe£  <S\)ftem  ber  ©iaubenslefyre  als  2)ar* 
fMung  ber  bogmatifdjen  Geologie  ein  in  fü$  ab* 
gefd)loffene3  unb  genau  berbunbene£  ©ange  bon  bog* 
matifdjen  ©a'&en  ift:  fo  ift  in  SBe&ug  auf  bte  öorfyanbene 
3Jlaffe  bon  folgen  ©äjen  §uerft  eine  Siegel  aufstellen, 
monaä;  bie  einen  aufgenommen  werben  unb  bie  anbern 
au3gefd)loffen;  bann  aber  aueb  ein  Sßrinjrp  i^rer  2ln* 
orbnung  unb  SBerbinbung. 

1.  £>tebei  mirb  borau§geieät,  hak  bk  einzelnen  <Säge  ba§ 
urfbrünglicbe  ftnb,  ja  früher  borbanben  a\§>  bie  ftjftemattfdje 
Sftidjtung  fclbft,  unb  bie§  ift  aud)  ber  bt§berigen  (Erörterung 
boEfommen  angemeffen.  ®eine§raege§  atfo  ba§  äiterft  ein 
SßrinaU)  entmeber  äußerlicb  irgenbnrie  gegeben  märe  ober  bon 
Gebern  befonber§  erfunben  mürbe,  unb  erft  auS  beffen  (gnt» 
hrifflung  bte  einzelnen  ©äae  berborgingen;  metcbe§  ftdj  auf 
bem  fbeculatiben  @>tbitt  jroar  benfen  läßt,  aber  nicbt  bter. 
*E)enn  ba%  djriftlicbe  (Selbftbemußtfein  muß  fdjon  in  ber  ®e- 
meinfcbaft  entroiftelt  fein,  ebe  fiel]  eigentlich  bogmatifebe  @le* 
mente  bilben,  unb  erft  burd)  ba§>  fragmentartfdje  bieHeicbt 
djjaotifdje  SBorljanbenfetn  bon  biefen  entfielt  bte  Aufgabe  einer 
georbneten  Sßerfnübfung.  2)iefe  aber  erfüllt  tbren  3meff  nur 
in  einer  foldjen  $ou'ftänbtgfett  ber  Bufammenfteftung ,  bureb 
meldje  man  gerciß  merben  fann,  alle  gemeinen  Oerter  be§ 
djriftltcbeu  95emußtfein§  in  ber  ßebre  bergeiebnet  ju  fyahtxu 
©olebe  SBottftänbigfett  ift  baber  bte  Aufgabe  eine§  jeben  ßefcr* 
gebäube§:  benn  ot)ite  btefe  märe  aueb  utd)t  einmal  bafür 
©emifjbeit,  ba%  ber  bogmattfdje  9Iu§bruff  für  ba%  etgentSüm* 
Jicbfte  be§  (£briftentbum§  richtig  märe,  inbem  ja  gerabe  ber 
übergangene  Ort  ben  S3emet£>  be§  ©egentbeü§  liefern  fomtte. 
$)tefe  Ueberjeugung  fann  aber  nur  au§  bem  (SJrunbrife  bc§ 
©an^en  berborgeben,  menn  barin  eine  umfaffenbe  unb  er= 
fcböbfenbe  ©mtbeüung  51t  £age  Hegt. 

2.  £)a  bte  unläugoar  große  $erfd)tebenbeit  ber  ßebr^ 
gebäube  aueb  äu  berfelben  Bett  unb  in  berfelbe~  ^irdjen= 
gemeinfebaft  jum  XJjett  mentgften§  ibren  (SJrunb  in  Dem  ber^ 
i  du' ebenen  SBerfaljren  bei  ber  Wufnabmc  unb  ber  SSerfnüpfuug 


8toetteS8eu>ltel.  85on  bei  SMetI)obe  in  aogmattt. 103 

Bat-  fo  tonnen  allgemeine  Regeln  für  beibeS  nur  ht  feftt  mt* 
Mummten  gormein  aufgeteilt  werben,  SebeS etnjefae  Sete« 
aebäube  (ftarafterifirt  aber  M  felbft  am betten ,  weint  eS 
innerljalb  biefer  feine  eigentbümticben  ®eft«t§punfte  mit  bet 
möqlicbten  SBeftimtntbeit  nadjweifet. 

«tae  »tetefräe  SKetoobe  ergiebt  ü*  gefiel  hon  feffifc 
SKan  fann  Bon  ber  aagemeinen  Sluffaffung  beS  cb.riftltcb.en  T 
58ewu§tfem8  au§  einem  ©rimbrtfs  entwerfen,  auf  Wie  meiertet 
SIrten  e§  fi«  na*  ber  Statur  ber  menf*lt*en  Seele  unb  beS 
ntenf*ti*en  SebenS  äufeern  fann,  unb  biefen  au§  bem :\>etß 
Tmnbenen  SeSrmaterial  auffüllen  fu*en,  wobei  e§  benn  nut 
barauf  anfäme  gemife  su  fein,  bafc  man  nur  »u ammen* 
ftimtnenbeä  aufgenommen  bat.  3Ron  fann  aber  au*,  wa§  ft* 
in  einer  befttmmten  Legion  beS  Cbriftentbume?  na*  einem 
imb  bemfelben  %m»  al§  Sludge  über  bie  frommen  ffie- 
regungen  geftaltet  bat,  sufammentragen,  nnb  e !  bleibt  bann 
nur  übrig,  bieS  auf  bie  bequemte  unb  uberft*ttt*fteJBetfe 
m  orbnen.  ©*on  au§  ber  Bufammenftettung  ersiebt  ftd>, 
bafe  man  beibe  Söcetqoben  »erbinben  mui,  weil J*«  "«  « 
ber  anbern  bie  ©ewäbrleiftuns  finbet,  für  ba§  Wa8  ibr  felbft 
feblt. 

I.    Sßon  ber  2Iu§fonb  erung   be§  bogntattf*eit 
©toffS. 
§  21    Um  ein  ©ebaube  6er  ©taubengtebte  p  ©tanbe 
»u  bringen,  mufe  man  au§  ber  ©efammtbeit  be8  bog» 
niatif*en  Stoffes  »und*»  atteS  fejwiföe  anreiben,  unb , 
nur  baS  fir*li*e  jurülfbe'baltett. 

1.  S3etra*ten  mir  bie  *riftli*e  fthtfje  , auS  bem •«*«»• 
nun«,  baß  fte  ift,  wa§  wir  eine  motaItf*e  ^erfon  nennen, 
b  b  ein  frei lieb  o«B  bieten  5terfönti*feiten  juiaimnenoeiejtat 
ab r  bo*  WaWofteS  (Sinjelleben:  fo  ift  l*on  im  borau§  »u. 
Sieben,  ba§  e§  in  jebem  folgen  eben  fo  Ute  tn  bem 
Sieben  im\n9eren  ©tan  einen  ©egenfaj  ge «über  unb 
franffiaftet  Buftänbe  siebt.  ®ie  testeten  ftnb  aber  tmmet 
JÄed  bem  inner«  ®runbe  be§  SebenB  unb  m  bem 
leinen  Serlauf  beffelben  ni*t  entftebeu,  fonbetn  nur  auS 
tXn  ©inwrfungen  Su  erHaren  ftnb.  ©o  wenn  it*  m 
einem  Sßoite  Snbimbuen  berbortfjun,  Wet*e  einen  ganj 
Sen  Pbbfiologifcben  XWuS  barfteüen,  fo  bafc  te  H I  au* 
Sit  berÄäabl  unb  beren  Sebenäweite  weniger  befteunben, 


104  ©er  c&riftlic&e  ©lauöe.  Grfter  £f>eü. 

unb  menn  in  einem  re}niblifani[tf)en  (&taat  Bürger  aufftefcn 
mit  monard}ifd)en  ©efinnungen  nnb  umgefetjrt:  fo  feijen  mir 
bieg  alg  eine  ®ranfljeit  be§  ®anjen  an,  nnb  [eaen  aud)  bor* 
aug,  bafj  e§  nur  aug  fremben  ©inflüffen  au  ertlären  [ei 
Sßenn  nun  aud)  btö  leate  99cert'mal  nid)t  gleid)  bon  Sebem 
jugeftanben  merben  mödjte,  fo  mirb  bod)  ieber  nur  bag 
Säretifdj  nennen  in  bem  (Gebiet  ber  ctjriftlictjen  Seljre,  roa§  er 
au§  [einer  SBorftellung  bon  bem  eigentümlich  en  Sßejen  beg 
©Ijriftentljumg  ni#t  erflären,  nnb  nid)t  alg  aufammenftimmenb 
bamtt  benfen  fann,  [o[ern  eg  nämlid)  fid)  felbft  bennod)  für 
d&riftlid)  anggiebt,  unb  aud)  bon  Slnbern  bafür  hrill  gehalten 
fein.  9cun  ift  eg  t^atfäct)lt(^ ,  bafj  mäljrenb  beg  geitraumeg 
ber  eigentlichen  ©ntmiftlung  ber  djriftlid)en  Seljre  eine  SDcenge 
folctjer  (Elemente  sunt  Sßorfcfiein  gefommen  finb,  meiere  bie 
SDcetiraatyl  bel)arrlt(§  alg  frembartig  bon  fidj  gehriefen,  mäljrenb 
fic  bie  übrigen  alg  fic§  [elbft  gleich  unb  ein  äufammen* 
jjängenbeg  (£ontimmm  bilbenb  unter  bem  tarnen  beg  fatfyo* 
Iifd)en  ober  gemeinfirdjlic&en  anerfannte.  hiermit  fann  eg 
nun  freiließ  bigroeilen  bit  Söemanbnifc  §aben,  bafj  bie  frommen 
<&emütf)§erregungen  felbft,  meiere  in  ber  Se^re  bargeftedt 
toerben,  mit  bem  roaljren  SBefen  ber  d^riftlictjen  grömmigfeit 
im  Söiberfprudj  fteljn ;  bigtoeilen  audj  entfielt  ber  SBiberfprucfy 
erft  bei  ber  5Iugbilbung  ber  ßeljre,  fo  bafj  bk  frommen  ®e* 
mütljgauftänbe  felbft  ni<$t  frant^aft  finb,  unb  nur  SDcifjberftanb 
ober  falfdje  Sttetljobe  einen  Schein  beg  §äretif$en  Ijerborruft 
SBenn  nun  allerbingg  biefe  beiben  gätte  feiten  gehörig  unter* 
trieben  toorben  finb,  unb  man  baljer  mandjeg  fe^r  übereilter 
SBetfe  für  feserifet)  erfiärt  Ijat:  fo  fejjtt  eg  bod?  audj  an  bem 
eigentlich  Ijäretifctjen  nic&t;  unb  bd  biefem  mirb  man  aud* 
flem  bie  fremben  (£inflüffe  jugefte^en,  toenn  man  bebentt,  roie 
bie  djriftltdje  ®trd)e  urforünglidj  nur  aug  (Solchen  entftanben 
ift,  meiere  frütjer  anberen  ®laul)en£roeifen  angehörten,  fo  bafj 
Ieictjt  frembartigeg  fiel)  unberaufjt  einfd)leid)en  tonnte. 

2.  Uniäugbar  erfd)eint  Ijiernadj  bie  93eftimmung,  mag 
fcfiretifdj  fei,  unb  alfo  aug  bem  ßefjrgebäube  augge[d)loffen 
bleiben  folle,  alg  etroag  feljr  unfidjereg;  unb  Seber  mirb  fie 
anberS  fteUen,  ber  bon  einer  anbern  (Srwtoformel  für  ba& 
eigentliche  SBefen  beg  (£6riftentljum8  augge$t.  $)ag  fann  aber 
miä)  ntdjt  anberg  [ein,  unb  ber  ganae  Hergang  in  ber  djrift* 
litten  ®trd)e  beroäljrt  eg  fo;  benn  neueg  feaerifdjeg  entfielt 
niä)t  me^r,  inbem  bie  ®ird)e  fic^  aug  fiel)  [elbft  erganst,  unb 
bie  ©inmirfung  frember  ^laubengmei[en  [elbft  an  ben  ©renseu 
unb  in  bem  SWiffionggebiet  ber  ^ird^e,  mag  bit  Slugbilbunft 


BtoetteS  flautet.  Sgon  ber  aftetfrobe  bet  Sogmattf. 105 

berßeljre  betrifft,  für  nid&tS  ge*edmet  merben  mufc,  menngtetcf) 
in  ber  grömmigfeit  ber  9ceubefeljrten  lange  Seit  Sßieleg  fein 
mag,  mag  aug  ibren  früheren  frommen  Buftänben  eingefdjticfjen, 
menn  e§  §um  ftaren  SBemufctfeüt  fämc  unb  alg  2e§re  aug* 
gefrrod&en  mürbe,  für  feaeriidj  mürbe  erfannt  merben.  2)a* 
gegen  giebt  eg  über  bk  früheren  öärefien  bie  öetfdjiebenften 
Urteile,  fo  mie  bte  Slrt  nnb  SBeife  bag  SSefen  bei  ©Stiften* 
tfcumS  aufjufaffen  betrieben  ift.  ^eber  ber  ein  £etjrgebäube 
aufstellen  miH,  fann  baber  bie  Sftegel  unfereg  <Saaeg  audj  nur 
fo  befolgen,  ba%  er  nichts  aufnehmen  miH,  mag  nadj  beut  bon 
ü)tn  aufgehellten  ®runbtMmg  cö.rtftltcöcr  2e§re  nur  auf  einen 
fremben  Urforung  fann  aurüff  geführt  merben.  (Soll  aber 
jjiebei  nidjt  aufg  ®erattjemot)l  oerfaljren  merben,  fonbern  mit 
ber  gehörigen  Sic&ertjeit:  fo  barf  man  ficfj  nidjt  an  ben  (Segen* 
fa§  bei  fatfcoltfdjen  unb  §äretifc|en,  mie  et  fidj  big  au  einem 
gemiffen  Beitpunlt  Qefdjtdjtiidj  gefteEt  bat,  batten,  um  fo 
meniger,  alg  fpäterrjtrt  boclj  mieber  SSert^eibigungen  beg  einen 
ober  beg  anbern  folgen  geprt  metben:  fonbern  man  mu& 
fudjen,  aug  bem  SSefen  beg  (Sljriftentbumg  ba8  fjäretifcije  in 
feinen  mannigfaltigen  (Seftalten  au  conftruiren,  inbem  man 
fragt,  auf  mie  vielerlei  SBeife  bem  äßefen  beg  (Sljriftentljumg 
fann  miberfüro^en  merben,  fo  ba%  bodj  ber  Schein  beg 
djriftlidjen  bleibt,  ©o  geführt  bient  bie  Unterfu^ung  übet 
bag  bäretifdje  ber  über  bag  SBefen  beg  (SfjriftentöumS  aut 
©rgänaung,  unb  beibe  beftättgen  fid)  gegenfeitig.  ^e  meljr 
bag  fo  Problematik  alg  tjäretifdj  aufgeteilte  fid)  audj  ge* 
fdjic^tlicb  gegeben  finbet,  um  befto  metjt  ®runb  fyat  man  bit 
gormef,  auf  melier  bie  Sonftruction  beruht,  alg  einen  riet)* 
tigen  Slugbruff  für  bag  Söefen  beg  (SSjrtftentJumS  anaufefjen. 
Se  natürlicher  fid)  aug  berfeiben  gormet  bie  Sefjrgeftaltung 
entmiffelt,  au  meldjer  fid)  bie  (£briften§eit  ftetig  befannt  Ijat, 
befto  mebr  ©runb  bat  man,  bag  aucb  mirflid)  für  franfbaft 
unb  oermerflidj  au  balten,  mag  mit  iener  gormel  öon  irgenb 
einet  (Seite  in  2Biberforu$  fte&t. 

§.  22.  S)ie  natürlichen  $e§ereien  am  ^tijtettt^um 
ftnb  bofetifd?e  unb  na§oräifd)e ,  bie  mania}äifa)e  unty 
pelagianifa)e. 

1.  SSenn  man  bei  biefen  Slugbrüffen  nur  an  bit  gleich* 
namigen  gefd)id)tlidjen  ©rföetmmgen  benft:.  fo  fann  bk  2lug* 
maljt  berfeiben  um  burd)  fie  bag  ®anae  ber  £ärefie  an 
beaeidmen  jer)r  millfütjrttd)  erfdjeinen  unb  fefjr  ungleichmäßig. 


106  ©er  djriftltcfce  ©taube.  CErfter  Sljeil. 

inbem  bfe  Testen  betben  sroar  fefjr  berbrettet  geroefen  ftnb  unb 
öfter  rotebergefebrt,  bic  erften  aber  fer)r  borübergebenb  unb 
bon  geringem  Umfang;  Wogegen  anbere  tarnen  btel  gehndj* 
tiger  ftnb  unb  roeit  tneljr  in  5111er  9ftunbe.  TOein  btefe 
tarnen  foHen  Ijier  nur  allgemeine  gönnten  bejeidjnen,  bic 
eben  liier  su  entmiffeln  ftnb,  unb  bie  ©rüärungen,  an  metdje 
fte  erinnern  fotten,  gef)en  au§  bem  (Sadjberbältntfc  Ijerbor, 
möge  bann  audj  immer  $etagitt§  5.  SB.  fein  Sßelagianer  fein 
in  unferm  ©inn.  2)a§  ©adjberljältnifj  ift  aber  junädjft  btefe§, 
auf  mie  vielerlei  SBeife  bem  eigentümlichen  ($5runbtt)pu§  c^rift* 
licrjer  Sefjre  fo  fann  huberfproc^en  merben,  bafj  bodj  ber 
(Schein  be§  djrtftltdjen  bleibt  ©iegniQe,  au8  toaS  für  fremb* 
artigen  ©inflüffen  nun  btefe  Slbroeidjungen  entftanben  fein 
mögen,  ift  eine  rein  gefd)idjtltdje  llnterfucbung,  meiere  eigent* 
lict>  nid)t  metjr  Ijiefjer  geprt;  roiemol  atterbingS  bie  Ueber* 
geugung,  bafj  aHe§  frembartige,  menn  e§  anber§  nod)  auf  ben 
Tanten  be§  cr)rtftltct)ert  9lnfarudj  machen  rotlX,  ftdt>  in  eine  bon 
biefen  formen  fügen  muffe,  erft  bie  noUftänbige  SBürgfd&aft 
für  bie  2Sal)rr)ett  unferer  £>arftellung  märe. 

2.    SBenn  nun  ba$  eigentümliche  SBefen  be§  Triften* 

/ft5um§  barin  beftetjt,  ba%  alle  frommen  Erregungen  auf  bie. 

V  buret)  ^efum  Don  Sflajarerlj  gefdjeljene  ©rlöfung  belogen  merben; 
fo  mirb  r)äretifcije§  entfiel)  en  fönnen  auf  eine  jmi.efad&e  SBeife, 
inenn  nämlidj  btefe  (Srunbformet  im  allgemeinen  sroar  feft* 
gehalten  rcirb,  ba  ia  fonft  ber  SSiberfbrud)  ein  offenbarer 
luäre  unb  ein  totaler,  fo  bafj  ein  Slnttjetl  an  cr)rtftlicrjer  ®e* 
meinfd^aft  nidjt  einmal  geluottt  werben  tonnte,  e§  mirb  aber 
entroeber  bie  menfdjltdje  Statur  fo  beftimmt,  bafj  genau  ge* 
nommen  eine  (ürlöfung  nid)t  bottsogen  merben  fann,  ober 
ber  (Srjöfer.  auf  eine  foletje  Sßeife,  bafj  er  bie  ßrrlöfung  nidjt 
boffsieljen  fann.  ^eber  bon  biefen  beiben  fallen  aber  fann 
raieber  auf  eine  smiefac&e  SSeife  eintreten.  9?ämlid)  mag  ba& 
erfte  betrifft,  menn'  bie  SMcnfdjen  follen  erlöft  merben,  fo 
r^  jmüffen  fte  eben  fomol  ber  ©rlöfung  bebürftig  fein,  at§  au<$ 
fällig  fte  angune^men.  SBirb  nun  ba&  eine  sroar  offenbar 
gefegt,  ba8  anbere  aber  auf  eine  berfteffte  SBeife  geläugnet: 
fo  trifft  biefer  Sßtberfprudj  sugleictj  bie  ($5runbformel  felbft, 
nur  liegt  bie§  niebt  gleich  au  £oge.  SBenn  nun  juerft  bic 
(£rlöfung§bebürfttgfett  ber  menfc^lidjen  Statur,  b.  Ij.  bie  Un* 
följigfeit  berfelben  ba&  fdjledjtfjtnige  2.(bljängigfeit§gefiU)l  allen 
mcnfctjlidjen  «Suftänben  einsubilben,  auf  eine  foldje  SBeife 
fd)lect)tr)mtQ  gefest  mirb,  ba^  babet  bie  ga'ljtgfett,  erlöfenbe 
©inmirfungen  aufzunehmen,  in  ber  £ljat  berfc^minbet,  fo  bafc 


gtoeiteg  ftttpitel.  33on  ber  2ftetyobe  ber  Dogmatil.  107 

ftc  ntd)t  zngletc§  erlöfung§bebürftig  ift  unb  aud)  fäljtg  (£r* 
löfung  aufzunehmen,  fonbern  lestere§  erft  nad)  einer  gänzMien 
Umf^gffung;:  fo  ift  baburd}  sugleitf)  bie  ®runbformel  auf* 
geljobenr Uhm  folgt  aber  Mefe§  otmfeljlbar,  wenn  man,ein  an 
fid)  23öfe§  al§  urfbrüngticrj  unb  (Sott  entgegengef  ezt  annimmt, 
unb  Me  men|<f)licfce  Statur  in  jener  Itnfätngfeit  ben!t  Iraft 
einer  Söotmäfjtgfeit ,  meldte  biefe§  Urböfe  über  fie  ausübt, 
unb  besSljatb  nennen  mir  biefe  5lbmeta)ung  bie  tnamc&citfdje. 
Slber  eben  fo,  menn  auf  ber  anbem  ©eite  bie  gäljtgfeit  ürr* 
löfung  aufzunehmen  fo  fdjledjtljüiig  angenommen  roirb,  mithin 
jebe  Hemmung  in  bem  ©intreten  be§  (SotteSbemufjtietnS  fo 
burccjauS  unenblid)  f lein ,  bafc  fie  in  iebem  einzelnen  Moment 
in  Gebern  burdj  ein  unenblidj  fteine§  Uebergemi$t  zur  58e* 
friebigung  ausgeglichen  merben  fann:  fo  ift  alSbann  bie  Qh> 
löfnng§bebürftigfeit  mentgftenS  infofern  9M1,  al§  fte  nidjt 
me^r  ba$  Söebürfnifj  eines  einzelnen  @rlöfer§  ift,  fonbern 
nur  für  ^eben  in  einem  fäjmadjen  Moment  ba§>  Sgebürfnifj 
eine§  anberen,  menn  auct)  nur  in  Meiern  Moment,  ma§  bie 
iperborrufung  be§  (SotteSbemufjtjeinS  betrifft,  ftärferen  Snbibi* 
buum§,  unb  al§  mithin  Me  (Srlöfung  nictjt  baZ  SSerf  eine§ 
-einzelnen  §u  fein  braucht,  fonbern  ein  gemeinfameS  SSer! 
OTer  an  OTen,  moran  nur  bödjften§  (Einige  bor  SInbern 
immer  in  einem  leeren  ©rabe  ir)eil  baben;  unb  biefe  9lb~ 
meic^ung  fönnen  mir  mol  in  obiger  Söeife  mit  Sftedfjt  bie 
ftelagtamfcfte,  nennen.  —  SBaS  nun  ba§  anbere  betrifft,  fo  ift, 
menn  (£ljriftu§  ber  (hlöfer  fein  foH,  b.  Ij.ber  eigentliche  2ln* 
niugSpunft  ftettger  unb  lebenbiger  alfo  ungehemmter  £er* 
norrufung  beS  (SotteSberoufetfeinS,  fo  bafs  ber  Slntljeil  aller 
Ruberen  hieran  nur  burd)  iljn  bermittelt  ift,  auf  ber  einen 
Seite  notljrcenbig,  ba%  er  fid}  eine§  auSfct)liefeenben  unb 
dgenttjümlidjen  33or§uge§  bor  allen  Slnberen  erfreue,  auf 
ber  anbem  ©eite  aber  mufj  au$  eine  mef entließe  ($5leid)tjeit 
ämifc&en  iljm  unb  Sitten  ftatt  finben,  meil  fonft  ma§  er  mfe 
feilen  fann  nicf)t  baffelbe  fein  fönnte,  al§  ma§  fie  bebürfen. 
/^t^aber  fann  au<$  bon  t)ter  au§  ber  allgemeinen  gormel  auf 
-  \3roiefad)e  5lrt  miberfbrod)en  merben,  meil  jebe§  bon  beiben 
•fo  unbefd)ränft  gebaut  merben  fann,  bafj  ba$  anbere  babei 
nid)t  meljr  mitgefezt  bleibt,  fonbern  berfcljminbet.  Unb  z^ar, 
nrirb  ber  Unterfd^ieb  GHjrifti  bon  ben  (Srlöfung§bebürftigen 
fo  unumfdjränft  gefezt,  bai  eine  mefentlic&e  ®leid$ett  bamit 
unbereinbar  ift:  fo  berfcljnnnbet  aueb  fein  Slnttjeil  an  ber 
menf$lidjen  Statur  in  einen  bloßen  (Schein,  mithin  fann  audj 
amfer  ®otte§bemufjtfein    al§    etroa§    mefentlid)  üerfc^iebeneS 


108  ©er  djriftlidjeaQMaube.  ©rfter  SljeU. 

md)t  öon  bem  fetittgen  abgeleitet  [ein,  unb  bie  (£rlöfung  ift 
auct)  nur  ein  ©d&ein.  SBieiuoI  nun  bte  eigentlich  ^genannten 
SDofeJfceji  unmittelbar  nur  bk  Realität  be§  SetbeS  ©fjrifti  ge* 
Jäugnet  Ijaben:  fo  fcf)Xiefet  bod)  btefe  roegen  ber  Unzertrennlich 
feit,  unter  meldjer  allein  un§  Seib  unb  (Seele  gegeben  finb, 
bk  Realität  ber  menfcrjüdjen  Statur  überhaupt  in  feiner 
$erfon  ebenfalls  au§,  unb  mir  bürfen  bafjer  biefe  9lbroeid}ung 
füglid)  bk  bofetifctje  nennen.  SBirb  enblidj  im  (Gegenteil 
bk  ©leictjljeit  be3  @;rlöfer§  mit  ben  §u  erlöfenben  fo  un= 
befdjränft  gefegt,  bafc  ein  eigentpmli^er  fein  ®afein  mit 
conftituirenber  Sßorsug  beffelben  babei  ni<$t  weiter  beftetjen 
fann,  fonbern  baffelbe  gan§  unter  berfelben  formet  hrie  ba$ 
aller  anbern  SMenfdjen  begriffen  merben  foH:  fo  mufj  bann, 
unb  märe  e§  aud)  als  fctjlect)tr;trt  fleinfteg,  aurf)  in  iljm  aulesr 
©rlötungSbebürftigfeit  mitgefegt  fein,  unb  ba§  ©runböert)ält* 
nifj  ift  feinem  SSefen  nad^  gleichfalls  aufgehoben,  S)iefe  2lb* 
roeictmng  nun  nennen  mir  nadj  bem  tarnen  berer,  meiere 
suerft  ^efum  gang  als  einen  geroötmlicrjen  SOcenfcrjen  fotfen 
angefeljen  ^aben,  bk  nasoräticlie  ober  ebiontttfcfje.  —  SinbereS 
t)äretifcf)e  aber,  als  toaS  unter  einer  öon  bleich  öier  formen 
befaßt  fein  fann,  läfjt  ftctj  ntcrjt  benfett,  wenn  Ter  begriff 
ber  ctjriftltctjert  grömmtgfett  berfelbe  bleiben  foU.  ®enn 
/mehrere  fünfte,  an  betten  er  ittbirect  angegriffen  merben 
(tonnte,  giebt  eS  ntd)t;  mirb  aber  ber  begriff  ber  (Srlöfung 
gerabe^u  geläugnet  ober  aucl)  ein  anberer  ©rlöfer  aufgeteilt, 
alfo  gerabegu  betjomptet,  entmeber  bafj  bk  SJcenfcrjen  itidjt 
erlöfungSbebürftig  feien,  ober  bafj  ftct)  in  ^efu  feine  erlöfenbe 
&raft  finbe ,  fo  ift  bk  Söetjauötung  nicrjt  meljr  ^äretifct), 
fonbern  antict)rtftlict). 

3.  2)iefe  begriffe  ber  natürlichen  föärefteit  flehen  öon 
unferer  5lnftct)t  auS  äitgletct)  für  bie  ©onftruction  ieber  d)rtffc= 
liefen  (Glaubenslehre  als  (Srensirnnfte  ba,  melcbe  man  nidjt 
berühren  barf,  roenn  nietjt  im  einzelnen  bie  Uebereinftimmung 
mit  bem  übrigen  öerlegt  merben  foU.  Sßomit  benn  aber  audj 
biefeS  äufammenfjängt,  ba%  iebe  gormel,  in  meinem  £ebr* 
ftüff  eS  aud?  fei,  meldje  bie  betbett  entgegengefesten  5(b« 
meidmngen  öermeibet,  mie  jeljr  auc&  übrigeng  baS  eine  ©lieb 
hinter  bem  anbern  gurüffftelje,  menn  eS  nur  nid)t  gana 
öerfd)ttnttbet,  aud)  nietjt  barf  für  t)äretifct>  angefeben  merben, 
fonbern  iebe  fold)e  ift  nodj  firctjgemn^  ober  fattjoXtfc^ ;  fctn* 
gegen  mufj  iebe  gormel  öerböd)tig  fein,  meiere  ftrf)  mit  trgenb 
einer  öon  jenen  2lbmeid)ungen  ibentificiren  läfjt.  üftnr  ba% 
Seber  ftd)  l)ier  öor  ben  Säufdjungett  Ijüte,  meiere  bie  ber 


3toettc§  ffojrttel.  SSon  kr  SD^etf)obe  ber  ©ogmatif.  109 

gerne  natüriicbe  Sßerfürsung  fo  leicht  erzeugt.  3)enn  je 
näber  (£iner  felbft  ber  petagtarttfdjen  ßinie  ftebt,  um  befto 
letzter  roirb  er  ben,  ber  nocb  faft  in  ber  Wlitte  ftdj  bält, 
fcbon  auf  ber  manicbätfc&en  «Seite  ju  feben  glauben,  unb  fo 
audj  Bei  ben  anbem.  ©aber  ift  e§,  roenn  bk  Verwirrung 
nidjt  immer  nod)  annehmen  foE,  fo  pdjft  mistig,  ba%  man 
mit  ber  größten  SBorftdjt  au  SBerfe  gebe,  menn  e§  barauf 
anfommt,  etroag  für  Ijäretifdj  ju  erflären.  —  UebrigenS 
fielen  je  stoei  bon  biefen  £äreften  nod)  in  befonberer  23er* 
binbung  mit  einanber.  £$n  bem  SBerJjältmfc  nämlicb  §u  bem 
SSefen  be§  (£briftenibum§  gehört  manicbäifd)e3  mit  bofetifcbem 
äufammen,  unb  fo  aucb  mieber  peiagianifcbeS  mit  ebtonitifdjenu 
2)enn  ift  bk  menfcblid^e  üftatur  mit  bem  jjoftttben  Urböfen 
raef entließ  behaftet,  fo  fann  audj  ber  GSrlöfer  feinen  roabr* 
baften  Slntfjeil  an  üjr  baben;  unb  mirb  in  ©brifto  ba$ 
bösere  (Selbftberaufjtfein  auf  btefelbe  SBeife  burd)  ba$  nieberc 
gehemmt,  raie  in  allen  Slnbern,  fo  fann  ftc&  au$  fein  Beitrag 
jur  ©rlöfung  §u  bem  eines  jeben  Slnbern  nur  öerbalten,  roie 
ettvaä  meljr  ju  dtvaZ  rceniger.  <&kt)t  man  bingegen  barauf, 
bafc  ma§  nidjt  au§  bem  Sßefen  be§  (£briftentljum§  fann  be* 
griffen  roerben,  bureb  frembartige  (ginflüffe  mufj  entftanben 
fein,  unb  ba^  in  jeber  $ertobe  ber  urforüngltdjen  £ebr* 
entmiffiung  ba§  (£briftentbum  faft  nur  mit  iübifdjem  unb 
beüenifcb  Jjeibnifdjem  in  SBerüljrung  fam:  fo  fdjeutt  eber 
ntanidjäif#e§  unb  nasoräifcbeS  äufammen§ugebören  al§ 
jubaiftrenb,  baZ  eine  reiner,  ba§  anbere  felbft  fdjon  mebr 
toon  orientalifdjem  burebbrungen;  bofetifdjeS  aber  unb  peia* 
gianifdjeS  fdjeint  $u  beüeniftren,  inbem  bk  SKötbologie  junt 
erften  fübrte,  bie  etfjifdje  SRicbtung  ber  SKöfterien  aber  jum 
legten. 

Bufaj     SBeit  entfernt  ben  jest  fo  ftarf  gekannten  (gegen* 
faj  smifeben  (5uj)eraaturali§mu§  unb  [Rationalismus  bterber 
Rieben  su  motten,  mirb  boeb  hu  bemerfen  fein,  bafj  ba  mir 
zufolge  beS  obigen  aucb  innerbalb  beS  fireblicben  mancherlei 
5lnnäberungen  an  'biefe  ^äretifc^ert  ©jtreme  angeben  muffen, 
btefe  ftdj  audj  smifeben  jenebetben  ^ebanMunggtoeifen  tbeilen; 
unb  ba%  in  ben  fupernaturaltfrtfdjen  ©arftettungen  niebt  nur  i 
ben  eigenttidj  bogmatifeben  fonbern   aucb  ben  bolfSmäfjigett  \ 
eben  foöie!5lnf lang  Oombofetif eben  unb  manicbätfdjen  gu  ftnben  i 
ift,  als  ben  rationaliftif^en  nidjt  mit  llnredjt  Slnnäprung  an 
ebionitifcbeS  unb  J)elagiamfd}e§  Oorgemorfen  mirb.    Unb  aud) 
biefe§,  ba%  jebe  Sebanblung  ber  Sebre,  bk  ftdj  ni^t  Oon  aller 
(Snnfeitigfeit  frei  ptt,  notbtoenbig  nadb  einer  oon  biefen  beibett 


110  £er  d)ri[tltcf)e  ©taube,  (grfter  Zijtil 

©etten  hinneigt,  fdjeint  für  bie  Üticbttgfeit  btefer  s2luffaffun& 
be§  bäretifcben  ju  jeugen. 

§.23.  (Sine  ju  lediger  3eit  innerhalb  ber  abenb* 
länbifcben  $ird?e  aufjuftcttenbe  ©laubenälebre  fann  ficb 
ju  bem  ©egenfaj  jtoif^en  bem  römifcbfatboltfd&ett  unb 
bem  proteftantifdfoett  ntcbt  gleichgültig  t-erbalten,  fonbern 
ntufe  einem  t>on  beiben  ©liebem  angehören. 

1.  (£§  fcbeint  einer  SSertbeibtgung  ju  bebürfen,  bo§  ber 
(SJegenfaz  ätDt^en  abenblänbifcber  unb  morgenlänbifcberSHrcbe 
bier  böber  geftettt  ift  al§>  ber  auSgeforocbene,  unb  bafj  er  bann 
bod)  übergangen  mirb.  ®egen  ba$  erfte  fcbeint  5«  fein,  bafj 
bie  morgenlänbifcbe  ®irdje  al§  anttpapifttfcbe  auf  ber  ©eite 
be£  $roteftanti§mu§  zu  fteben  fcrjetnt.  SBürbe  aber  angegeben 
jener  ($5egenfaa  fei  böber:  fo  erlernt  üjn  ju  übergeben  als 
folgemibrig ;  unb  e§  müfjte  erft  ber  gemeinsame  ßfjarafter  be§ 
abenblänbtfcben  angegeben  fein,  um  tnnerbalb  beffetben  ba% 
$rincip  für  ben  untergeordneten  ®egenfaj  snrifcben  Sfoma* 
ni§mu§  unb  $roteftantt§mu§  aufeufinben.  £>tegegen  tft  ju 
bemerfen,  ba%  Ijier  gar  nidjt  ber  Ort  fein  fann,  biefe  ®egen* 
fäjc  in  ibrer  Slbftufung  uoUftänbig  su  conftruiren,  fonbern 
nur  in  S8e*iebung  auf  bie  ®Iauben§lebre.  2Bie  menig  nun 
in  biefer  &inftcbt  ba%  anttyapijtifdje  ber  morgenlänbifcben 
SHrcbe  bebeutet,  gebt  fcbon  au§  ber  Seicbtigfeit  beroor,  mit 
ber  einzelne  Fragmente  berfelben  ben  römtfdjen  Primat  an* 
erfennen  obne  bod)  ibren  morgenlänbifcben  itjjmS  aufzugeben 
ober  namentlich  in  ber  Sefjre  irgenb  ettvaZ  bebeutenbeä  ju 
önbern.  2)er  ^egenfaj  ift  aber  grabe  in  unferer  Söesiebung 
in  fofern  ein  böberer,  al§  beiben  abenblänbifdjen  ®ircben  aucb 
nacb  ibrer  Trennung  eine  rege  ^bätigfeit  auf  bem  (bebtet  ber 
©lauben§lebre  gemein  geblieben  ift,  mogegen  bie  morgen* 
iänbifdje  auf  biefem  Gbebiet  feit  ibrer  SoSreifcung  immer  mebr 
erftarrt,  unb  in  ir)r  bie  Jöerbinbung  be§  28iffen§  um  bie 
Srömmigfeit  mit  einer  eigentlicb  miffenfcbaf  titeben  Drganifation 
faft  gans  aufgeboben  ift  ©ben  toegen  biefeä  rein  negattöen 
(£barafter§  aber  mar  aucb  bier  um  fo  meniger  ettoaä  über 
fie  su  fagen,  al§  aucb  ntcbt  beftimmt  toerben  fann,  ob  fie, 
mebr  in  ben  3nfammenbang  be§  geiftigen  SMtberfebrS  jurüff* 
tretenb,  bie  Sraft  baben  mirb  einen  bem  abenbianbifcben 
analogen  ®egen[as  in  ftdj  beroorsurufen  unb  ju  geftalten. 

2.  £)a  biefer  öegenfas  nicbt  bie  ganze  <5tfauben§lebre  ec* 
griffen  bat,  fonbern  eS  neben  benienigen  Sebren,  über  toelcbe 


StoeitcS  Kapitel.  SSon  ber  2ftetf)obe  ber ^ogmatif. Ul 


beibe®ir«en  anerfannt  im  Streit  ftnb,  anbete  gtebt,  moruber  | 
fte  biefeiben  gormein  aufftetten,  nnb  no«  anbere  über  iuelctje  I 
in  beiben  ®ir«en  analoge  5Berf«iebenIjeiten  ftattfinben;  ber 
©egenfaj  fetbft  aber,  mie  ieber  äfcnlidje  innerhalb  ber  «rift* 
U«en  ©emeinf«aft  als  irgenbrnenn  nnb  irgenbmie  sunt  jßer* 
f«nunben  beftimmt  angefeilt  werben  tnufe:  fo  läfet  ft*  freiließ 
ein  fe^r  oerf«tebene§  $erfat)ren  bei  ©onftruetton  ber  ©tauben^ 
letjre  beuten,  ie  na«bem  man  glaubt,  ber©egenfas  fjabe  feinen 
©ulminattonäfcunft  no«  ni«t  erreicht,  ober  er  §abe  ifcn  f«on 
Übertritten.    2)enn  im  lesteren  gälte  mürbe  e§  ein  roatjrer 
gortj«ritt  fein,  menn  man  in  ben  ftreitigen  Sefcren  bemuttelnbe  i 
Formeln  aufluvte  ober  vorbereitete  nm  oon  alten  fünften  i 
au§  bie    beöorfte^enbe  Stuf&ebung    be§   ©egenfaseä   su   er*  j 
letztem  nnb    einäuieiten;    nnb    ebenfo    märe    e§   bann  tn 
ber   Drbnung   in  ben   ni«t  ftreitigen  Sefiren  ba§    gemein* 
fame   auf   ba§    fräftigfte    f  eftauftetten ,    nm    too&lmeinenben 
aber  ben   Sotalsuftanb   ber    $tr«e    fcerfennenben    (Eiferern 
möglich    jn    eri«meren,   baf;  fte    ni«t    bur«    Wregung 
neuer  unnüser  Streitigkeiten  bie  Bereinigung  beiber  ^eue 
no«  meiter  als  nö«ig  $mau8f«ieben  tonnten.    SSogegen  m 
bem  anbem  gälte  als  n>a6rf«einli«  öorauSjufeien  ift,  ba| 
menn  bie  (Spannung  überhaupt  no«  sunefjmen  foE,  bie§  ait«  i 
auf  bem  Gebiet  ber  Se^re  ber  galt  fein  merbe.    ®ann  aber  I 
müfjte  in  bemfelben  (Seift;  nämti«  um  ben  ganzen  ^rosefe  m 
einem  ftetigen  Verlauf  mögli«ft  au  bef«teunigen,  bog  enfc 
aeaenaefeäte  gef«e§en.    ©ine  proteftantif«e  ©laubenSlefce  5at| 
fieb  bann  ba§  Siel  Dorsuftetfen,  bafe  fte  ben  ©egenfas  au«/ 
in  benienigen  SeWtüffen  na«meife,   morin  er  biS|cr  no« 
ni«t  erf«ienen  ift;  benn,  erft  menn  er  in  alten  §erau3gebtlbet 
märe,  tonnte  man  ööEig  ft«er  fein,  ba§  er  au«  in  ber  Se$re 
feinen  GulminationSpuntt  errei«t  fiabe.    SDa  nun  ber  Ber  laut 
eine§  folgen  ©egenfaaeS   feiten  ganj  rein  ift,   fonberrt  Me 
$aut>tri«tung  öon  Seit  ju  Seit  bur«  9teactionen  na«  ber 
entgegengefesten  Seite  uuterbro«en  mirb:  fo   fann  let«t  in 
ber  erften  fcalfte  ein  ©«ein  entfielen,  ai8  befutbe  man  ft« 
in  ber  smeiten  nnb  umgefe^rt.    ©a&er  fiuben  ft«  au«  ge* 
möbnlt«  beibe  Be^anblungSmeifen  glei«aeitig  nebenemanber, 
aber  au«    in  beiben  balb  metjr  balb  meniger  Bemufetfetn 
darüber,  auf  met«en  «ßunft  fte  fi«  ftetCem 

3    ©er  aufgeteilte  Sa*  f  «liefet  ba^er  au«  feine  öon  beiben  | 
au§  *   2)enn  au«  mer   bie  (Spannung  aj§  f«on  qbneJjmenb 
anfiebt  nnb  5lu§glet«ung§mittet  Vorbereitet,  rann  bo«,  menn 
er  innerhalb  be§  ©ebietS  ber  SJogmatit  fielen  bleibt,  nt«f 


112  Ser  tfjrtftlidie  ©taube,  griter  Sfjeil. 

anber§  al§  bie  SJtfferena  nodj  at§  geltenb  aufbetten,  ltnb  ftd) 
ju  ber  (Seite  befcnnen  bte  feiner  übrigen  £)arftetfung  ber 
djriftlicfien  Seljre  entfjmdjt.  Dtfeutraliftren  tonnte  ftd)  in  ben 
ftreittgen  fünften  eine  ®lauben§leljre  nur,  nienn  fte  auf  ältere 
gormein  ättrüffgtnge,  ba$  Reifet  aber  allemal  auf  unbeftimmtere 
au§  benen  ftdj  ba$  beftimmtere  erft  im  (Streit  entmiffelt  fjat. 
(£§  ift  aber  nidjt  möglidj  in  einem  rotffenfc£)aftItcr)ert  Vortrag 
beim  unbeftimmten  ftetjen  31t  bleiben,  memt  ba$  beftimmte 
fdjon  gegeben  ift.  —  SSir  aber  fönnen  tttcrjt  bte  <Spanmm<r 
be§  (S5egenfa§e§  fdjon  al§  im  51bnebmen  betrauten.  2)enn 
mo  ftd)  in  ber  ebangelifdjen  ^trcr)e  eine  Mannigfaltigkeit  bon 
9tnftd)ten  über  irgenb  ein  Sc§rftüH  auftfjut,  ift  nirgenb  eine 
größere  9lnnäljerung  an  römtfdje  gormein  ba%  (Srgebnifj  ba^ 
bon;  unb  eben  fo  fdjeinen  aud)  in  ber  römifdjen  ®ircf)e  bie* 
jenigen  SSemegungen,  meldte  eine  antibroteftanttfdje  Richtung 
nehmen,  bte  er folgr eiferen  au  fein.  (£§  ift  baljer  e^er  au  ber* 
mutzen,  ba%  aud)  unter  ben  gleid)  flingenben  Seljren  nodj 
©ifferengen  berborgen  ftnb,  al§  ba^  ha,  mo  bte  gormein 
bebeutenb  auSetnanber  gefm,  ber  Xtnterfdneb  ber  frommen 
($5emütl)§auftänbe  felbft  bod)  nur  unbebeutenb  fei. 

§.24.  ©ofern  bte  Reform  ni$t  nur  Steinigung  unb 
fRü!fet)r  bon  eingefallenen  aJUfjbräudjen  mar,  fonbern 
eine  eigentümliche  ©eftaltung  ber  d?riftlid)en  ©emein* 
fdfoaft  au<S  t$r  fyerborgegangen  ift,  fann  man  ben  ®egen* 
fa§  gnrifcfyen  $roteftantt<3mu<§  unb  $at§oltät£mu§  borläufig 
fo  faffen,  bafj  erfterer  t)a$  SSert;ättrit§  be<§  @tn§clnen  &ur 
$ird>  abhängig  mad)t  bon  feinem  SBer^ältnife  gu  (Styrifto, 
ber  lejtere  aber  umgefefyrt  oa<§  SBetpitmfj  oe£  ©meinen 
§u  (Sfyrifto  abhängig  bon  feinem  SBcr^ältnife  gur  $tr$e. 

1.  jpölt  man  ftd)  freiltct)  nur  an  ba$  ßmtfteljen  be§  $ro* 
teftanti§mu§:  fo  ift  ntcrjt  ju  läugnen,  bafj  bie  Reformatoren 
unb  iljre  erften  Slnfjänger  ftd)  nur  eine§  reinigenben  $öe* 
ftreben§  belaufet  maren;  bte  Söübung  einer  eignen  ®ird)en* 
gemetnfc^aft  aber  mar  fehteSroegeS  bon  ifjnen  beabftd)tigt, 
fonbern  fte  mürben  nur  ba^u  gebrängt,  galten  mir  un§  ljin* 
gegen  an  bte  jegige  3eit  unb  bebenfen,  bafj  bie  ebangetifdje 
®ird)e  nirgenb§  eine  organiftrte  SRifftonSttjätigfeit  auf  bte 
fatljolifdje  ®ird)e  au§übt,  ja  bafj  fte  nirgenbS  al§  ju  tljrem 
Sßefen  gehörig  ben  SSunfd)  au§fbrtd)t,  bie  ganje  fatljolifdje 
$irdje  in  bie  ebangelifdje  Ijütübersuäietjen;  unb  bebenfen  mir, 


3toette§  ftaJJltel.  SSon  ber  2ftetIjobe  ber  Dogmatil.  1 1 3 

tüte  bieS  bodj  notljmenbig  ber  galt  fein  müfjte,  menn  mir  alle 
nnS  fremben  unb  bem  rb^if<$en®atf)oliäiSmuS  eigentümlichen 
Elemente,  feien  eS  nun  Sefjren  ober  dinric&tungen  unb  ®e* 
Jbräitdje,  nur  als  Berber ontfc  beS  ßtjriftenttjumS  anfallen;  fo 
folgt  ljierau§,  ba§,  inbem  mir  ntdjt  aufhören  gegen  baS,  maS 
mir  mirflid)  au  ben  SSerberbniffen  rennen,  burtf)  Sßort  unb 
SDjat  §u  polemiftren,  mir  bocl)  äUßleict)  borauSfeaen,  ba§ 
ruberes  bort  einljeimifcrje  unb  unS  eben  fo  frembe  bodj)  oon 
ber  5lrt  ift,  bafj  mir  eS  neben  beut  unfrigen  glauben  be*  | 
flehen  laffen  p  bürfen,  alfo  anberS  als  baS  unfrige  geftaltet,  l 
aber  eben  fo  djrtftlidj.  (£ben  fo  anfdjaulidj  mirb  aud)  moU 
btefeS  fein,  bafj,  gefeat  audj  bk  fattjolifc^e  ®ircrje  neigte  fidj 
in  allen  ftreitig  gemorbenen  ßefjren  au  unferen  Sßeftimmungen 
herüber,  IjierauS  boä)  nodj  feine  SSieberbereinigung  Ijeroor* 
gellen  mürbe ;  unb  bieS  liefje  ftd)  bocl)  nur  erflären  auS  einem 
bem  unfrigen  fremben  ($5eift,  ber  unS  abftiefje.  Offenbar  aber 
folgt  beibeS  augleicfc,  ba%  mir,  fo  mie  ber  fatijoltfdjen  ®irdje 
fo  audj  unferer,  eine  folcrje  (Sigentljümlicrjf  eit  beS  (£fjarafterS 
auftreiben,  ipteju  fommt  nocf),  ba§  menn  mir  allein  bei  bem 
IBegriff  ber  Reinigung  ftefjen  bleiben  tootften,  tfjeilS  fdjon  im 
allgemeinen  baS  früher  bagemefene  niemals  in  faäterer  3eit 
gana  als  baffelbe,  mieberfel)rt,  tljeilS  aucl)  bafj  ftdj  überall 
nidjt  (Sin  beftimmter  geityunft  angeben  läfjt,  auf  melden  bit 
Mixfyt  burd)  bie  Deformation  Ijabe  aurüffgefü&rt  merben  follen. 
3)enn  baS  aboftoltfcrje  Zeitalter  ift  nid)t  aurüffaufütjren,  t^eilS 
toeil  mir  bit  bogmatifctje  (Schärfe  ber  SSorftettungen  ntcrjt  auf* 
opfern,  tljeilS  meil  mir  baS  SBerljältnifj  sum  ^ubentljum  unb 
£>eibentljum  eben  fo  menig  Ijerftellen  lönnen,  als  bie  polttifdje 
"Sßaffiöttät.  SSeifet  nun  in  ber  ebangelifc^en  ®irdje  einiges 
auf  frütjere,  anbereS  auf  fpätere  Beiträume  fctn:  fo  ift  audj 
itjre  fitf)  reprobucirenbe  ©irijjeit  eine  folcrje,  bie  öorrjer  ntdjt 
ba  gemefen  ift,  menngleicfj  bie  grömmigfeit  ©inaelner  itjr  fc^on 
fann  analog  gemefen  fein. 

2.  hieraus  entfielt  nun  für  ben  ebangelifdjen  SDogmatifer 
gana  natürlich  bie  Aufgabe,  ben  eigentr)ümlicrjen  (£t)arafter 
beS  $roteftantiSmuS  im  ®egenfaa  §um  ®atr)oliaiSmuS  §u 
einem  beutlidjen  Söettmfjtfein  au  bringen,  unb  alfo  mo  möglich 
ben  ®egenfaa  felbft  in  einer  gormel  feftauftellen.  @r  mirb 
fonft  fein  ($5efdjäft  eben  fo  menig  mit  einiger  (Sictjerr)ett  unb 
SSoHftänbig!eit  berridjten  !önnen,  mie  ber  djriftlidje  3)ogmatifer 
im  aEgemeiuen,  menn  er  ftctj  nictjt  eben  fo  baS  eigentfjümlicrje 
SBefen  beS  (£fjriftentl)umS  fijirt.  2)afj  nun  auS  bem  (Streite 
beiber  Sßartljeien  felbft  eine  folcrje  gormel  nidjt  beroorgeljew 

6d}f.,Qtöriftl.<Sl.I.  e 


114  $)er  djrifttttfje  ©taube.  (Erfter  Xtjeü. 

fonnte,  ift  motu*  febr  natürlicb;  Ieiber  aber  ftnb  audj  nrir 
Protestanten  unter  un§  über  eine  foldie  nocb  feine§meg§  ein* 
fcerftanben,  fonbern  gelDÖOiilict)  iuirb  ber  (Segenfas  auf  irgenb 
einen  beröorragenben  $unft  äuriiffgefü^rt ,  au§  melcbem  fidj 
bodj  nidjt  atte§  erflärt  unb  fo  bafj  eine  bon  beiben  ^arttjeien 
nur  negattt)  bcftimmt  erlernt,  ober  er  mirb  al§  ein  siemtidj 
iufäöige§  Aggregat  bon  einseinen  Differenzen  befjanbelt. 
33ielleid)t  Ijaben  Einige  geglaubt,  eine  jolcbe  gormel  fomme 
für  bie  ebangetifd)e  Dogmatif  fctjon  tetber  su  fbät,  weil  näm- 
lich bie  Sefjre  unferer  Stirere  in  unfern  «Symbolen  gänslid) 
abgefcbloffen,  unb  atfo  für  biefelbe  nid)t§  mebr  §u  gewinnen 
fei;  Rubere  aber,  e§  fei  nod)  niebt  3eit  ba^n,  meit  fic£)  ber 
•  (Seift  be§  $roteftanti§mu§  tu  ber  Öebre  nocb  nierjt  OoUftänbig 
nadj  allen  «Seiten  entmiffelt  fyahe.  Slftetn  tbeilS  liegt  ba§ 
SBerljältnifj  beiber  ®ird)en  jest  fo,  bafj  e§  nun  möglid)  aber 
auc^  fdjon  notfjmenbig  ift,  ftet)  barüber  bollfommen  §u  orten* 
tiren,  ttjetl§  liaben  mir  un§  roobl  borsufeben,  bafj  nidjt  and) 
in  unfere  eigene  roettere  (Sntroiffhmg  ftd)  au§  Unbeloufätfetn 
unbroteftantifcl)e§  einfdjleidie.  Da  inbefe  für  bie  Aufgabe  nod) 
fo  menig  gegeben  ift,  fo  fann  and)  ber  Sßerfud),  ft>eld)er  rjier 
gemacht  nrirb,  ftet)  nur  für  einen  borläufigen  ausgeben. 

3.  ©o  menig  a(§  ba$  eigentümliche  SBefen  be§  ©briften* 
t§um§  au§  bem  bloßen  begriff  ber  grömmigfeit  unb  ber 
frommen  (Semeinfdjaft  gefunben  merben  formte;  eben  fo 
menig  auet)  ba§>  eigentbümlicbe  SSefen  be§  $roteftanti§mu§ 
au§  bem  allgemeinen  5lu§brut'f ,  ben  mir  für  ba$  ©briften* 
tbum  aufgeftellt  baben.  Unb  fo  menig  iene§  btofj  embirifd) 
gefunben  merben  fonnte,  eben  fo  fdimterig  mürbe  e§  fein,  auf 
Meiern  ®ege  %u  bem  $rincib  ber  innern  (Sinbeit  ber  eban^ 
geUfcben  ®trdje  su  gelangen,  $a  bie  Scbmierigfcit  inäre  bier 
nod)  größer,  ba  auf  ber  einen  Seite  beim  ßhttfterjen  be£ 
$roteftanti§mug>  bci$  retnigenbe  33eftreben  allein  entfdiieben 
berbortrat,  unb  ber  eigentbümlicbe  (Seift,  ber  ftd)  su  entmiffeln 
begann,  fiel)  bntter  jenem  bemufjtlo§  berbarg,  auf  ber  anbern 
(Seite  fogar  bie  äußere  (Siubeit  ber  neuen  ®ird)e  meit 
fernerer  ift  su  beftimmen,  ba  e§  an  ber  (Sinbeit  be§>  2lnfang§= 
bunfte§  feljlte,  unb  bod)  aud)  nierjt  fpbiet  neue  $emetnfcbaften 
entftanben,  at§  e§  2lnfang§bunfte  gab.  Daber  nun  bei  ber 
großen  sD?enge  fetjr  berfdjiebener  unb  unabhängig  oon  etnanber 
auSgcbilbcter  berfönlicber  (£igentbümlid)t'eiten  faft  unmöglid) 
fein  nmfete  su  beftimmen,  moburdj  fte  außer  ienem  reinigenben 
Söcftreben  bereinigt  mürben,  unb  mie  meit  fte  sufammen* 
gehörten.    Da  nun  bie  Wnfcbauung  be§  ®egenfase§  am  flarften 


8toeite§  Äaöttel.  35on  ber  SKet^obe  ber  ©ogmaflf.  115 

oii§  bem  ledigen  confolibirten  üftebeneinanberbefteben  betbex 
®ird)en  gu  nebmen  ift:  fo  festen  eS  aud)  am  beften,  bie  Söfung 
ber  Aufgabe  burdj  bie  ^Betrachtung  ju  berfueben,  roaS  für 
ötgenfebaften  ber  einen  (Semeinfcbaft  in  bem  ©emeingefi'^1 
ber  anbern  am  ftärfften  baS  SBefcmfctiein  beS  ®egenfaaeS  auf* 
regen.  9?un  aber  ift  eS  bie  attgemetnfte  Söefcbulbigung  ber 
römifeben  Sirene  gegen  ben  SßrotefiantiSmuS,  bafj  er  bk  alte 
strebe  fooiel  an  iljm  gerftört  Ijabt,  nnb  boer)  oermöge  feiner 
(SJrunbfäse  niebt  im  ©tanbe  fei  eine  fefte  nnb  baltbare  ($5e- 
memfebaft  mieber  ju  erbauen,  fonbern  alles  febnianfenb  fei 
nnb  aufgelöft  nnb  jeber  Ginaelne  für  fidj  ftelje.  SBtr  hingegen 
nutzen  eS  bem  ^atrjotiät§mu§  am  meiften  sunt  SSormurf,  bafs 
inbem  ber  SHrdje  atteS  beigelegt  unb  auf  fte  gurüff geführt 
wirb,  (Sbrifto  bie  gebübrenbe  (£bre  endogen,  unb  er  in  bm 
&intergranb  gefteEt,  ja  geroiffermafsen  felbft  ber  ®ird)e  unter* 
georbnet  roerbe.  üftebmen  mir  nun  ^inju,  bafj  in  legter  ^in- 
ftdjt  bem  firc&Iic&en  SJSroteftantiSmuS  eben  fo  menig  fann  §ur 
Saft  gelegt  merben,  als  bem  ^atboliäiSmuS  in  jener  erften, 
unb  bebenfen,  ba%  ieber  Sbeil  boct)  ooräügtidj  am  anbern 
baSjentge  beaeüfmen  rotH,  tooburdj  biefer  ftcf)  am  Icictjteften 
fönnte  auS  bem  gemeinfamen  bebtet  beS  (£t)rtftentbumS  ber* 
irren:  fo  ift  bie  Meinung  ber  ^at^oltfcrjen  offenbar  bk,  bafj 
mir  mierool  mir  bk  SBesieljung  auf  (Sbriftum  feftfjielten ,  boeb 
in  ©efabr  mären,  bureb  Sluflöfung  ber  ®emeinfd)aft  baS 
djriftlidje  $rincip  aufzugeben,  fo  mie  unfere  Meinung  bon 
ber  römifdien  ®irdje  bie  ift,  bafj  mie  fet)r  fte  audj  biefelbe 
©emeinfebaft  feftbalte,  fte  bod)  in  (SJefafjr  fei  undiriftlicb  ju 
merben  burd)  SSentadjläfftgung  ber  95e§ie§ung  auf  (Sbriftum. 
9^ebmen  mir  nun  nod)  bagu,  ba%  ber  in  betben  maltenbe  (Öeift 
beS  ©briftentbumS  boeb  nidjt  sulä'fct,  bafe  einer  bon  betben 
Steilen  jenes  äufjerfte  jemals  erretebe:  fo  gebt  barauS  bk 
aufgehellte  gormel  berbor.  5ln  ben  ftretttgen  Sefjren  felbft  !ann 
nun  biefe  ftd)  —  menn  nidjt  ein  großer  £beii  ber  (351aubenS= 
lebre  fragmentariid)  foH  bormeggenommen  merben  —  nur  in 
ber  meiteren  5luSfübrung  attmötjltg  beroäbren.  £>ier  läfjt  fidj 
nur  oorläuftg  einiges  au  (fünften  berfelben  fagen,  unb  einiges 
für  bk  Sßebanblung  ber  eöangelifdjen  2)ogmatif  barauS 
folgern. 

4.  3u  fünften  unterer  gormel  läfct  ftet)  fagen,  ba%  fte, 
obneradjtet  mir  bieoon  nidjt  ausgeben  tonnten,  bodj  beiben 
feilen  foldje  entgegengefe^te  ßbaraftere  beilegt,  melcbe  baS 
SSefenbeS  (£briftentbum§  auf  entgegengeiejte  SSetfemobificiren. 
Senn  ba  bie  cbriftltcbe  grömmigfeit  in  feinem  ©inselnen  un* 


116  ®er  ebriftlldje  ©taube.  gr)tet  £beit. 

obiinnßtg  für  ftd)  entfielt,  fonbern  nur  auS  ber  ©ememfcfjaft 
imb  in  Ujt:  fo  gtebt  e§  aljo  and)  ein  geftljatten  an  (XUrifto 
nur  in  ^erbinbung  mit  einem  gehalten  an  ber  GJemetnirfjaft. 
Sbk  sJJtöQlict)feit,  baf$  beibe$  einanber  auf  entgegengefestc 
SSeife  nntergeorbnet  werben  fann,  beruht  nur  barauf,  ba& 
baifclbe  factum,  melct)e§  mir  als  bie  ^nftitution  ber  ®ird)c 
%vaa  ^öet)uf  ber  äBirffamfett  (Efirifti  anfefm,  öon  jenen  al§  eine 

.  Abtretung  ber  SStrt'famr'ett  ßfjrifti  an  bie  ®irdj)e  angefeljen 
mirb.  (So  fpritfjt  auct)  biefe§  für  unfere  gormel,  bafj  fyiex  mo 
mir  ben  (&egenfas  sunäctjft  für  bie  tbeoretifdbe  (Seite  ber 
iiebre  ju  befttmmen  fudjien,  bie  gormel  ftd)  borsüglic^  an  ben 
begriff  ber  ®trd)e  fceftet;  benn  barau§  mirb  roafjrfdj  einlief), 
auch  baZ,  ma3  in  ber  (Sitte  beiber  ®ird)en  unb  in  üjren  $er- 
f  äff  ung§grunbf  äsen  ba§  entgegengefeste  ift,  merbe  ftdt)  au§ 
berfelben  gormel  entroicfeln  laffen.  —  28a§  aber  für  bie  33e= 
))nnblung  ber  eoangelifdjen  £)ogmatif  barauS  folgt  ift  btefe§, 
ba%  fte  in  folctjen  Sefjrftüften ,  auf  meiere  bie  gormet  am  un* 
mtttelbarften  angemenbet  merben  fann,  audj  am  meiften  beforgt 
fein  mufj,  ben  (Stegenfaj  nid)t  ju  übertreiben,  um  nietit  in 
nndjrtftlict)e§  su  »erfüllen.  Unb  fo  auf  ber  anbern  (Seite, 
bafj  fte  tu  jold)en  &el)ren,  morin  biefer  ($5egenfas  am  meiften 
aitrüff  tritt,  ftet)  aud)  oorsügltd)  bitten  muffe,  nid)t  gormeln 
oufsuftellen,  meiere  ben  entgegengefesten  CHjarafter  nodj  nid)t 
abgelegt  ober  bielletd)t  gar  etma§  baüon  auf§  neue  angesogen 
linben.  9luf  biefe  SÖeife  mirb  ftdj  bann  aud)  am  befteu  er* 
nütteln  laffen,  in  miefern  ber  eigentümliche  ebangelifdje  ($5eift 
fdjon  überall  in  ber  £el)re  entroiffett  fei  ober  nid)t.  !Dcatürlid) 
fctjetrtt  e§  gugleicrj,  ba%  biejenige  SKrdje,  meldte  bie  ® entern- 
fdjaft  über  bie  Bestellung  auf  (£l)riftum  ftellt,  aud)  am  leid)- 
teften  au§  ben  früheren  frommen  (^emeinjdjaften  etma§  mit 
Ijinüb ernimmt,  ba%  mithin  atte§,  ma§  einen  gemiffen  Sßeifcbmaff 
be§  jübifctjeri  ober  be§>  r)eibrtifct)en  $at,  efjer  ber  römifdjen 
.^ircr^e  angemeffen  ift,  fo  mie  iebe  audj  frühere  Dppofttion 
fciegegen  fdrnn  etma§  bem  $roteftanti§mu§  Oermanbte§  in  ftcö 
Wofc. 

Bufaj.  2Sa§  bon  ber  llnbeftimmtt)eit  ber  äufjern  (Suujett 
her  ebangeltfct)en  ®irdje  gefagt  ift,  ba$  bestet)!  ftc^  befonbers 
aud)  auf  bie  berfctjiebenen  Bmeige  berfelben  unb  namentlich 
auf  bie  Trennung  smijdjen  ber  reformirten  unb  berluttjertidjen 

i  ftirdjengemetnfdjaft.  £)enn  ba$  urfprünglidje  SSerfja'ltmfc  mar 
ein  foldjeS,  bah  olmeradjtet  ber  $erjd)iebent)eit  ber  MnfangS* 
ounfte  fie  eben  fo  gut  fjätten  ju  einer  ä'u&eren  l£tnl)eit  ju* 
•ammenmac^feu   fönnen     al§   eine  Trennung   smifdjen  itjueit 


gtoeiteg  SfapiteK  SJon  ber  Sfct^obe  bcr  SJogmatif.  117 

erfolgte.  ^nbem  nun  biefe  2)arfteftung  ftd)  fdjon  in  t&rer 
Ueberfdjrift  nur  sitr  proteftantifctjert  SHrcrje  im  allgemeinen 
befennt,  ofjne  eine  bon  jenen  beiben  befonberg  su  nennen, 
gebt  fte  bon  ber  $orau§fesung  au§,  bafc  bie  Trennung  beiber 
nidjt  Ijtnretdjenb  begrünbet  getoefen  tft,  inbem  bie  Selber* 
fcf)ieben{jeiten  feme§roege§  auf  eine  23erfcf)iebenf)eit  ber  frommen 
^emüt&Ssuftä'nbe  felbft  surüffgefm,  unb  beibe  meber  in  (Sitten 
unb  (Sittenlehre  nodj  auefj  in  ber  Sßerfaffung  auf  eine  mit 
jenen  Seljrberfctjieben^eiten  felbft  irgenbraie  aufammenbängenbe 
2Beife  bon  einanber  abmeieren.  :£aljer  mir  benn  aud)  biefe 
$8ericijiebenr)eiten  nidjit  anber§  beljanbeln  fönnen,  alB  fo  rate 
man  fonft  autf>  abra  eicrjenbe®arftel(ungen  b ergebener  Seljrer 
Derüffftc^tigt,  fürs  lebiglictj  al§  eine  Sadje  ber  (Staute. 

§.  25.  Qeber  er>angelifd?en  2)ogmatif  geM&rt  e3  eigene 
tf)üTnlid?e«o  §u  enthalten,  nur  bafc  e£  in  ber  einen  mefyr 
aU  in  ber  anbern,  unb  balb  in  biefen  balb  in  jenen  Sefyr* 
ftüffen  ftärfer  hervortritt. 

St  n  nt.    SSgl.  ßurae  £>arft.  ©.  5  6  flgb. 

1.  2öie  mir  überhaupt  einer  ©arfteftung  bon  lauter  eigene 
tf)ümlid)en  (SlaubenSfäsen  ben  tarnen  einer  SDogmati!  niefct 
äugefte^en  fonnten,  unb  aud)  bie  erften  sufammen^angenbeu 
®arftedungen  be§  ebangetifetjen  ©tauben§  jenen  tarnen  nur 
fübren  fonnten,  fofern  fie  an  früheres?  anfnübften  unb  ba$ 
Reifte  mit  bem  ftrcrjtidj)  gegebenen  gemein  Ratten:  fo  mürbe 
auef)  ein  Inbegriff  oon  ®lauben§fääen,  ber  ben  Sufammen^ 
tjang  mit  bem,  raa§  fid)  in  ber  (Spocrje  ber  ®ircfjenberbefferung 
tljeilS  geftaltet  %at  tf)eil§  auetj  für  bit  ebangeli|d)e  ^iretje  auf§ 
neue  anerfannt  raorben  ift,  gar  tiicrjt  aufpräge,  unb  raenn 
afte§  barin  noef)  fo  fet)r  bem  römifct)en  entgegengefegt  raäre, 
feine§raeg§  für  eine  ebangeltfdje  ®lauben§lef)re  gelten  fönnen. 
Unb  raenn  rair  nictjt3  al§  berg(eid)en  aufjuraeifen  Ratten,  fo 
raürbe  in  ber  £f)at  bie  (Sinfteit  unb  SetMgfeit  unferer  ^ircfi e 
in  ber  Sefjre  gar  nid)t  erfreuten,  unb  e§  raürbe  bon  biefer 
(Seite  gar  feine  ©eraäfjrleiftung  geben  für  bie  Bufammen* 
gebörigfeit  berer  bie  ftd)  $roteftanten  nennen.  Söäre  auf  ber 
anbern  Seite  unfer  Sefjrbegrtff  fo  boulommen  unb  genau  be< 
ftimmt,  ba%  feine  5lbmetd)img  ftattfinben  fönnte,  raenn  ftcb 
nicfjt  einer  äitgletct)  au§  ber  ®emeinfd)aft  ber  S?irct)e  an§fct)tie%ett 
raotlte:  fo  mären  neue  ^arftedungen  ber  ®iauben£>tej)re 
innerhalb  unferer  ®irctje  etma§  böftig  überftüffiges?  unb  leeret. 
6otten  SSieberljolungen  eine3  feften  Q3ud)ftaben  et\ua%  fein, 


118  fcer  djrtftlidje  ©laube.  Srfter  £f)eit. 

fo  muffen  botf)  roeniöftenS  5Iu§brüffe  unb  SBenbungen  anbete 
fein  ober  bte  8lnorbnung  bet  ©äse  eine  anbete.  53eibe§  aber 
roiefe  bod)  Immer  auf  eigent(nunlid)e  9tba'nberungen  bin,  ba 
e£  oans  glcid)  bebeutenbe  SluSbrüffe  einmal  ntdji  giebt,  unb 
jebev  <Sn3  eine  ctma§  anbete  Söebeutung  geminnt,  roenn  er 
in  einen  aubern  3nfammenljang  geftetft  mirb.  Unb  fo  mürbe 
e§  immer  fd)on,  mo  and)  nnr  ein  leif  er  Anflug  bon  $erfd)ieben= 
beit  märe  In  mehreren  £>arftetlungen ,  aud}  abmeierjenbe  unb 
etgentf)ümücl)e  Scljren  geben.  9hm  aber  ift  unfer  SMjrbegriff 
Oon  einer  foldjen  burdigängigen  Söeftimmtljett  fefir  roeit  cnt= 
femt,  ba  fclbft  in  ben  berfd)tebenen  SBefenntnifjfdjriften  nict)t 
immer  baffelbe  in  benfelben  Söucfyftaben  gefaxt  ift,  unb  biefc 
einsigen  amtlidben  unb  oielleidjt  allgemein  auerf'cumten  SDar- 
fielffungeu'bod)  immer  nur  einselne  Steile  be§  Sicfirbegriffs? 
sum  ®egcnftanb  fjaben.  Unb  roie  and)  bamal§  fdjon  biefeS 
gemeinfame  nur  au§  ber  freien  Uebereinftimmung  ber  ©inselneu 
eutftanb:  fo  giebt  e§  auefj,  feitbem  bte  proteftanttfc&e  ^trerje 
fidi  befeftigt  f)at ,  feine  anbete  2lrt  tote  etma§  gemeinfam 
unb  geltenb  metben  lann  al§  bitte!)  ba§>  freie  3ufammeu= 
treffen  ber  Dxefultate  oon  bm  23efd)äftigungen  Ginseiner  mit 
Semfetten  (Segenftanb.  3)afc  e§  bemoöueradjtet  offenbat  an 
gemeinfamer  fiefe  ntdjt  fcljlt,  betoeift  biuteidjenb  bafj  eine 
gemeinfame  (SigenÖjümUdjfcit  bie.  ©ingelnen   berbinbet;  unb 

■  mci)t  jjaben  mit  ma§  (Sinljeit  ber  Seljre  betrifft  in  ber  eban* 
geltfdjen  ®irdjc  roeber  su  ermatten,  nod)  finb  mir  eine§ 
mehreren  bebütftig. 

2.  ©eßen  mit  alfo  babon  aus?,  bafc  bn  2ef)tbegtiff  unferet 
SHtcrje  überall  ntctjt  etma§  burdjau§  feftfteljenbe§  ift,  fonbetn 
im  Söetben,  unb  bafc  rool  beljaimtet  metben  fann  ba%  eigene 
tbümlicrje  betfelben  fei  in  ber  2el)te  nod)  nierjt  uottftänbig  sut 
(Stfdjeinung  gefommen:  fo  loetben  mir  aud)  nid)t§  anbet§ 
Ootau§fesen  tonnen,  al§  bah  aud)  in  Bnfunft  in  ber  gort* 
entmifflung  be§  Se^rbegriffS  überall  gemeinfame^,  roa§  ftd) 
als  reiner  unb  allgemein  anerfeuubarer  9lu§btuff  be§  eigen= 
tfjümUcben  proteftantifdjen  ©eifte§  geltenb  macfjt,  unb  cigen= 
t()ümlid)e§,  mal  nämlid)  bte  £erfönüd)e  Slnftdjt  bet  ©arftetfer 
auSbrüftt,  mit  etnanber  unb  burdj  etnanber  IjcrOortreten  mitb. 
Hub  jcbe  cinsclnc  Xatftedung  be§  Inbegriffs  beröcljre,  meiere 
auf   einen   ftrdjtidjen  (Xfjaraftcr  Slufprud)  mad)t,   mitb  befto 

r  nottfommenet  fein,  je  inniger  barin  ba$  gemeinfame  unb  ba§> 
:tßentljümfi<$e  mit  einanbet  tietbunbcn  finb  unb  ftdj  auf  ein* 
anber  bejie&en.  £a§  gemeinfame  ge&t  natürlich  auS  oon  ben 
itnb  ttiff  niii  ftftrfften  betoot  in  benjenißen Seljrftürten,  meldje 


3rceite§  ffiapitel.  Sßon  ber  9ftetf|obe  ber  ©ogmattf.  119 

ben  urfprüngUdjen  33eftrebungen  ben  glauben  au  reinigen  am 
meiften  oermanbt  ftnb.     £>at  nun  biefe§  Söeftreben  in  ber 
(£podje  ber  Deformation  felbft  nid)t  ben  ganäen  Seljrbegrtff  I 
umgestaltet,  fonbern  ift  otele§  bamal§  nur  au§  trüberen  93e*  I 
ftimmungen  unöeränbert  herüber  genommen  morben:  fo  mirb 
natürlich  btefe§  (Gebiet  ein  ftreittge§  merben,  unb  manc^e§ 
ton  bem  mag  bisher  al§  gemeinfam  gegolten  bat  allmäljlig  r»er*  i 
alten.    ®a§  eigentümliche  tjat  feinen  urfprüngtidjften  <Sis  in 
ber  Slnorbnung  ber  einzelnen  ßeljren,  mofür  e§  fo  gut  al§ 
nid)t§"gtebt  unb  au$  nict)t  geben  fann,  ma§  al§  notljmenbig 
gemeinsam  ancrfannt  märe,    üftärfjftbem  aber  ftnb  alle  ßel)r* 
ftüffe  audj  innerhalb  be§  allgemein  anerkannten  2tu3bruff3 
nodj  auf  mancherlei  SSetfe  nätjer  beftimmbar;  unb  ^eber  leiftet 
etroa§,  ber  biefe  ^obificabilität  pr  5lnerfenntni§  bringt,  unb 
lict)  feinet  Dec^teS  barin  auf  feine  eigene  SBeife  bebient.   (£nb* 
lidj  ergreift  bie  (Sigenttjümlictifeit  ber  S)arftettung  au$  ieneS 
altmäl)lig  antiquirte  ©ebiet,   um  einzelne  Setjren  bem  pro*  I 
teftänttfäjen  (Seift  entfprectjenber  umaubilben.    2lber  audj  btc  I 
lebenbigfte  ©igenttjümlidjfeit  fann  bo$  nacj  nichts  Ijötjerem 
ftreben  alz  bie  gemeiufame Seljre  in  ba§§ellfte£id)t  aufteilen; 
fo  mie  e§  mieberum  für  baZ  gemeinfame  feinen  pfjeren  3toet1 
giebt,  al§  burdj)  bie  beftimmtefte  geftfteKung  be3  proteftanttfdjen  i 
£5arafter§  bie  eigentl) üntlidje  ©ntmiffümg  ber  Sefire   o&ne  . 
Störung  ber  (Semeinfdjaft  ju  begünfttgen.    $e  me^r  ftd}  fo 
beibe  Elemente  burcbbringen,  um  befto  fircljlidjer  unb  äugleidj  | 
f  örbember  ift  bie  S)arfteHung ;  je  metjr  fte  fidj  oon  einanber 
iöien,  unb  mie  unsu)ammena.eljörig  nur  neben  einanber  fter)n, 
um  befto  meljr  erfc^eint  ba§  an  baZ  gefcfjidjtlidje  anfnüpfenbe 
unb  aU  gemeingeltenb   aufgeteilte  nur  paläologtfcr)  unb  ba% 
«igentfyümiictj  aufgeführte  nur  neoterifd). 

£ufas.  3)ie  3lu§brü!fe  ort^oboj  unb  Ijeteroboj,  biet 
aucrj  etümologifctj  feinen  richtigen  (Segenfaa  bitben,  ftnb  5tt  \ 
fcfjmanfenb,  als  bafj  icrj  mtct)  itjrer  gern  fjätte  bebtenen  mögen. 
Söebenft  man  aber,  mie  bietet  in  unferer  ®irdje  anfänglich 
al§  tjeteroboj  oerfc^rieen  morben  ift,  ma§  man  fbäterljin  bodj 
alz  orttj ob 0£  gelten  lie§,  immer  aber  nur  infofern  al§  sugleidj 
früher  ortl)obo£e§  fd)on  beraltet  mar:  fo  fteljt  man  tool,  mie 
iiefer  ®egenfas  Xebtgtict)  auf  ba^jentge  getjt,  ma§  gemeinf am 
fein  min.  Drtfjoboj  mirb  bann  genannt,  tüaZ  bem  in  ben 
Söefenntnifjf  driften  feftgefießten  unOerfennbar  conform  i% 
tvaZ  aber  nidjt,  baZ  ift  tjeteroboj.  SBenn  aber  nun  Ijetero* 
boje§  fidö  bafür  geltenb  sn  machen  mei§,  ba%  e§  mit  bm 
<S>eift  ber  eöangelifdjen  Strebe  beffer  sufammenftimmt  als  ber 


120  ©er  djriftüdje  ©Iau6e.  Srfter  Sfjeil. 

^Öuc^ftabe  ber  SBefenntntfjfdjrtften:  jo  mirb  biefer  bann  antt* 
quirt,  unb  ieneS  mirb  ortlmboj.  $>a  nun  folcfye  Um* 
änberungen  in  unterer  ®ird)e  nie  fönnen  burd)  einen  be* 
fonbern  21  ft  at8  atfgemeingeltenb  ausgeflogen  werben:  [o  ift 
ber  ©ebraudj  betber  5lu§brüffe  für  ba§,  Vorüber  nodj  Der* 
fcanbelt  mirb,  immer  ntifjlidj.  $)ie  SBeranlaffung  baju  mirb 
um  beSmitten  nic^t  letdjt  jemals  aufhören  roeil  ba$  in  ben 
SBefenntnifefc&riften  feftgeftetlte  äußleicrj  (Sd>riftau§legungen 
enthält,  unb  alfo  bie  fortfdjreitenbe  9lu§legung§funft  audj  ba$ 
fmnbolifdje  in  biefem  (Stuft  manfenb  machen  fann.  (So  mie 
auf  ber  anbern  (Seite  ba&  Ijeteroboje,  audj  menn  e§  ftc36  bem 
Snfcalt  unb  5lu§bruff  nadj  oon  prettfdjen  ber  älteren  Seit 
ntdjt  beftimmt  untertreiben  Hefce,  boü)  nid)t  al§  Ijäretifdj  barf 
angefeljen  merben,  menn  e§  nur  im  Sufammenlmng  mit  ben 
gemeinfamen  (Stementen  be§  SeljrbegriffS  unterer  ®ird>e  ftct> 
geltenb  madjen  mitt.  £>enn  mir  bürfen  hti  benen,  melcrje 
ftdj  oon  bem  Seljrbegriff  unterer  SHrdje  nid)t  trennen  motten, 
aud)  in  folgen  9lbmeidmngen  nur  9Jii|berftänbniffe  OorauS* 
fegen,  meiere  fid)  burdj  ba§  miffenfdjaftlicrje  SBerfetjr  innerhalb 
ber  ®ird)e  felbft  aud)  mieber  auflöfen  muffen;  äumat  an  einen 
Verborgenen  ©inffufj  oon  $rincünen,  bte  anbern  religiöfen 
©emeinfdjaften  eigen  finb,  niefct  ju  beuten  ift. 

§.  26.  2Bte  jd&on  feit  langer  Seit  in  ber  eoangelifdjen 
$ird>  $riftli<$e  ©lauben<olefyre  unb  $riftlid)e  (Sittenlehre 
getrieben  finb:  fo  treiben  aud)  toir  für  unfere  £)ar* 
ftedung  au3  ber  ©efammtyeit  be£  bogmatifdjen  Stoffel 
biejenigen  ©laubenSfäse  ab,  toeld>  ©lernen te  ber  djrift* 
liegen  Sittenlehre  finb. 

Stnm.  SSgl.  ßurae  Sarft.  ®.  62  §.  31  flgb. 
1.  5Utd)  bie  ©äge  ber  d)riftiidjen  (Sittenlehre  finb  in  benv 
obigen  ©inn  ®tauben§fä§e;  benn  bie  £anblung§meifen,  h>eld)e 
fte  unter  ber  gorm  oon  £eljrfäsen  ober  SSorjc^riften  —  benn 
beibeS  läuft  auf  baffelbe  t)inau§  —  betreiben,  finb  ebenfalls 
5lu§fagen  über  ctjxiftltct)  fromme  ©emüifj§auftänbe.  Siämüdj 
iebe  fromme  Erregung  ift  mefentlid)  eine  ÜDcobification  be£ 
menfd)lid)en  2)afein§,  unb  hrirb  fie  fo  al§  ruljenber  ßuftanb 
aufgefaßt,  fo  entfielt  ein  <Sas,  ber  in  bk  djrifiüd)e  ®(aubeu§* 
leljre  gehört.  2lber  iebe  folc^e  Erregung  Qer)t  aud),  meint  fie 
ntct)t  entmeber  in  iljrem  natürlichen  Verlauf  unterbrochen 
Wirb,  ober  Oon  Anfang  an  su  fc&wadj  ift,  WeldieS  beibeä  tjier 
nidjt  beruf fficljtigt  merben  fann,  eben  fo  Wefentlid)  in  Kjätig* 


StoeiteS  flajütel.  25on  ber  2ftetf)obe  bex  Sogmatif.  121 

fett  au§;  unb  merben  bie  toerfdjiebenen  Sftobificationen  beä 
djrtftltrfj  frommen  SöemufjtfeinS  fo  als  nad)  Sftaafjgabe  bet 
jebeSmatigen  Slufforberung,  moburd)  fie  beftimmt  mürben, 
oerfcbiebentlid)  merbenbe  Stjättgfeiten  aufgefaßt,  fo  entfielen 
©äse,  meldje  ber  djrifiltctjen  Sittenlehre  angehören.  SebenS* 
regeln  aber  nnb  gormein  gu  JpanblungSmeifen,  meiere  nid)t 
fo  geartet  mären,  mürben  audj  ntc^t  ber  ctjriftlicrjeri  (Sitten- 
lehre, fonbern  entroeber  ber  rein  rationalen  Sittenlehre,  ober 
irgenb  einer  befonbern  tedjnifdjen  ober  praftifdiett  S)ifcibtin 
angehören. 

2.  S)afc  nnn  nur  beibe  äufammengenommen  bte  gan§e 
SBitfttdjfett  beS  djriftlidien  SkbenS  barftetten,  ift  für  fid)  flar. 
2>enn  fein  Sftenfd)  fann  gebaut  merben  überall  unb  immer 
in  feinem  Selbftberau&tfein  auf  bie  SIrt  erregt,  bereu  9luS* 
brüffe  bie  diriftlidjen  Glaubenslehren  finb,  ber  nid)t  audj 
überall  unb  immer  nur  fo  fjanbeln  mürbe,  mie  bie  djrift* 
Kdjen  Sittenlehren  eS  barfteüen.  (Sben  fo  leidjt  begreift  ftdj, 
mie  lange  Seit  tjtnburdj  beibe  in  ber  £arfteflung  betben  ber* 
einigt  fein  tonnen,  fo  bafj  fie  nur  ©ine  ©ifetplin  bitbeten. 
2)enn  bie  Ausgänge  ber  frommen  (Erregungen  in  SDjätigfeit 
liefen  fidj  immer  an  fdjjtffTtdjen  fünften  äufammengefafct  auet) 
in  ber  Glaubenslehre  Sufasmetfe  betreiben  als  natürliche 
folgen  ber  betriebenen  Suftänbe  felbft,  mie  $.  93.  maS  man 
$ftid)ten  gegen  Gott  nennt  hinter  ber  Seljre  bon  ben  göttlichen 
©igenfdjaften.  (Sben  fo  giebt  eS  £eljren,  meiere  fdjon  bon 
jelbft  gleidjfam  beiben  angehören,  unb  alfo  in  ber  Glaubend 
tetjre  einen  Ort  barbieten,  mo  mit  £eid)tigfeit  einaelne  Steile 
ber  Sittenlehre  ober  au<$  fie  felbft  gans  tonnte  eingefdjattet 
merben;  bergleidien  finb  bie  Seljrftüffe  bon  ber  §eiliguna, 
unb  bon  ber  ®ird>e.  (£ben  fo  gut  aber  tonnte  au$  ber  Dcatur 
ber  Sadje  na$  bie  Glaubenslehre  eingefdialtet  morben  fein 
in  ber  Sittenlehre,  unb  gmar  auf  biefelbe  amiefadje  Sßeife. 
inbem  bie  frommen  GemütfjSäuftänbe  betrieben  jeber  als 
etmaS  ben  merbenben  £t)ätigfeiten  gemeinfam  borangeljenbe§ 
aber  aud)  in  benfelben  nodj  mitgefesteS  unb  gleidjfam  nad)* 
laEenbeS;  bann  aber  audj  an  befonberen  Orten.  2)enn 
menn  bod)  bie  5len|erung  beS  SelbftberoufctfeinS  au$  eine 
ftttlidje  £t)ätigfeit  ift:  fo  fönnte,  mo  bon  biefer  getjanbelt 
mirb,  bie  g,anae  Glaubenslehre  als  (Sntmifflung  beS  gu 
äufcernben  eingefdialtet  merben.  Mein  ba§  $ert)ältnif3  mar 
immer  nur  ein  einfeitigeS,  fo  ba§  bie  Sittenlehre  mit  in  ber 
Glaubenslehre  abgefjanbelt  mürbe.  3)ie  Glaubenslehre  mürbe 
auf   biefe  £öeife  burd)  unglektjmäfsig  bertfjeitte  3u|ä'ae  un* 


122  ©er  djvtftlic&e  ©laute,  erfter  Stell. 

förmlid),  unb  bem  Söebiirfnife,  bie  in  ber  cbrtftlidjen  SHrdje 
öeitenben  ftaublungSmeifen  im  Bufammenbang  anaufaWen» 
geföati  fein  (genüge;  roeSjjalb  bemt  früher  ober  jpäter  ba§ 
ctt;tfdt>e  Sntcreffc  bie  Trennung  beiber  ©ifctylmen  benrirfen 
mufjte. 

II.  $on  ber  ®eftaltung  ber  ©oßmatif. 

§.  27.  2111c  ©ä>,  roelaje  auf  einen  Ort  in  einem 
Inbegriff  eoangelifdjer  Sefyre  2lnfprua)  madpen,  muffen 
fia)  bemäfyren  ityeilS  bura)  Berufung  auf  eoangetifa)e  §3e* 
tenntnifcfcfyriften  unb  in  Ermangelung  beren  auf  t)k  üJceu' 
teftamentifd&en  ©Triften,  tljeilä  burd)  Darlegung  i§ret3u* 
fammengefyörigfeit  mit  anbern  fdjon  anerfannten  ße^rfäsen. 

1.  (£§  fann  befremblid)  erfahrnen,  bafc  bier  ben  gefammten 
SBefenntnifefcfcriften  ber  eOangeüfcben  S^irctje  it)re  (Stellung  an* 
getoiefen  nürb  gleicbfam  cor  ben  üJceutejxamentifdjen  ©Triften 
felbfi  Mein  bte§  fann  feüte§roege§  einen  SSorrang  berfelben 
begrünben,  raeta^eS  ia  tbnen  felbft  nnberipredjen  mürbe,  ba 
fie  ftdj  überall  auf  bk  ©djrift  berufen.  %n  ber  Berufung 
auf  fie  liegt  alfo  otelmebr  immer  f$on  mittelbar  bie  ^Berufung 
auf  bk  ©cfcrift.  $)urd)  bk  ©djrift  unmittelbar  fann  aber 
immer  nur  nadjgennefen  ioerben,  bafj  ein  aufgehellter  &ebrfa$ 
c&riftlid)  fei,  mogegen  ber  eigentbümlid)  proteftanttfdje  ®ebali 
beffelben  babin  gefteCCt  bleibt,  aufgenommen  in  ben  menigen 
gätfen,  rco  fid)  naebmeifen  liefee,  bafc  bk  ^att)oIifct)e  ®trd)e 
einen  entgegengehen  ®ebraudj  berfelben  ©d)riftftellen  fanc* 
tionirtbabe.  gür  biefen  ®ebalt  alfo  blieben  nur  bie  beiben  anbern 
SßemeiSarten  übrig,  unb  unter  biefen  fidjert  bk  für  bk  2)og* 
matif  überbauut  aufgehellte  gorberung,  bafj  fie  in  ber  ®irc$e 
geltenbe  Sebre  baräuftetten  %töt,  bem  SBeroeiS  au$  ben  *8e--- 
fenntnifefefcriften  bie  erfte  ©teile.  £)enn  biefe  ©Triften  finb 
offenbar  ba§  erfte  gemeinfam  proteftantijcbe;  unb  mie  alle 
proteftantifeben  (Semeinben  junäcbft  burd)  2lnfrf)liej$ung  an 
fie  §ur  ®trd)e  aufammengen>ad)[en  finb,  fo  mu£  aua)  jebeS 
ßebrgebäube,  roeld)e§  fid)  als  proteftantifdj  behuiben  hüff, 
an  biefe  (Mdjidjte  anäufdjliefjen  ftreben.  %a  bie§  gilt  für 
ibre  eigentljümlidjen  (Elemente  nidjt  minber  als  für  ibre 
gemetnfamen,  nur  bafj  für  bk  erften  natürltcb  eine  inbireetc 
Sßadjroetiung,  bafj  fola^e  ©äse  mit  ben  fomboüfdjen  Mammen 
fein  tonnen,  genügt.  2)te  unmittelbare  Berufung  auf  bk 
©dmft  ift  alfo  nur  bann  nötfytg,  roenn  entroeber  ber  (Sebraud}. 
ben  bie  33efenntntfjfcbrtften  oon  ben  neuteftamenti)c&eu  SBucbcm 


^weites  Achtel.  SSon  ber  Sftettjobe  ber  ©ogmattf.  123 

machen,  ntdjt  au  billigen  ift  —  unb  man  mufj  menigften§  bie 
SOcöglicbfeit  sugeben,  bafj  in  einselnen  gäffcn  alle  beigebrachten 
3eugniffe,  menn  aucb  ntct;t  falfdj  angemenbet  boct)  unbefriebigenb 
fein  tonnen,  ba  benn  notbtoenbig  anbere  ©djriftftetfen  al§ 
SSemetSmittel  angetuenbet  in  erben  muffen,  —  ober  menn  ©äje 
i>er  Söefemttnifcfdjrtften  fetbft  nicbt  fcbriftmäfjig  ober  prote* 
ftanttfcb  genng  erfreuten,  nnb  biefe  alfo  antiauirt  unb  anbere 
$lu§brüffe  fubftitnirt  merben  foHen,  melcbe  bann  gemifc  um 
fo  mebr  Umgang  finben  merben,  a!§  nacbgemiefen  nrirb,  ba% 
bie  «Schrift  fte  übermiegenb  begünftigt  ober  bietfetdjt  gar 
Jjoftulirt.  2)iefe  SD^etr)obe  überalt  äunädjft  auf  bie  SBefenntntfcs 
fünften  surüffsugeben  geluäbrt  baber  gugleicb  ben  SSorsug, 
ba%  ba$  ürcbticbe  SBeti&ältmfs  eine«?  ieben  (5ase§  baburcb  fo* 
gleicb  Aar  mtrb,  mitbin  aucb  bie  SBebeutfamfeit  ber  ganzen 
SJarfteKimg  für  bie  gortentmttrlung  be§>  ßebrbegriff§  roeit 
leicbter  ju  erlernten  ift.  —  ©terau§  folgt  fcbon,  bai  roenn  man  auf 
ba§  ©ingelne  fiebt,  bie  SBeroäßrung  eines  €>ase§  burcb  SDar- 
legung  feine§  £8erbältmffe§  su  anbern  fcbon  auf  anbere  SSetfe 
bemdbrten  nur  ettva£  untergeorbneteS  ift,  unb  aucb  nur  für 
(Sci^e  be§  gtoeiten  Dränget  angemeffen,  melcbe  meber  in  ben 
@i)mbolen  unmittelbar  borfommen,  nocb  in  ber  ©cbrift  irgenb 
mie  beftimmt  renräfentirt  merben.  Sßogegen  auf  ber  anbern 
(Seite  biefe  SBeäugnafjme,  toemt  fte  auf  jebem  SJSunrt  §u  jener 
urforünglidjen  Söemä'fjnmg  fjtnauf  oinmt ,  erft  bte  2ütgemeffen~ 
beit  ber  Slnorbnung  eine§  öefjrgebäubeS  fomol  al§  be§  $8e* 
äeicbnung§fbftem§,  meldjeS  barin  berrfcbt,  in  ba§  recbte  Siebt  fe§t. 
2.  gnbem  mir  nun  t)ier  alte  Söefenntntfeftfjriften  ber  eüan« 
gelifcben  ®irc§e  in  ibren  beiben  ^auptaineigen  at£  gleicb  be* 
recbtigt  jufammenf äffen,  giebt  e§  für  un§  feine  emsige,  bie 
bon  ber  gangen  SKrdje  ausgegangen  ja  aucb  nur  anerfaratt 
toäre;  unb  bamit  berfcbtuinbet  ber  ttnterfdjieb  gmtf  d)en  bem 
größeren  unb  allgemeineren  einleben  einiger  unb  bem  ätneifel* 
bafteren  unb  geringeren  anberer  al§  ganj  bebeutunggloS. 
2?a  ba  menigfteng  oon  ben  SBefenntntBJdjriften  ber  jtnetten 
Formation  reformirte  gegen  lutt)ertfcl)e  ®arftelIung»ioeifen 
gericbtet  finb  unb  umgefebrt,  fo  mufj  gleicb  oon  Dorn  berein 
angegeben  merben,  ba%  nur  ba§ienige  in  btefen  Söefenntnifc* 
fdjriften  bem  $roteftanticmtu§  mirtticb  mefentiicb  fein  rann, 
morin  fte  fämmtticb  sufammenftimmen ;  ja  bafc  für  bie  ®e* 
fammtbeit  ber  ebangeltldjen  ^ircbe  burcb  biefert  SBiberfbrudj 
einzelner  partieller  SöefenntntMd&riften  gegen  anbere  ba§ 
fHectjt  bifferenter  SBorftettungen  in  allen  nicbt  mefentiicben 
fünften  fdjon  felbft  gleicbfam  fombottfdj  gemorben  ift.    gerner 


124  £>er  djriftltc&e  ©raube.  (grfter  fcfjeil. 

ift  nid)t  su  bcrf  ernten,  ba$  in  gennffem  «Sinn  alle  unfere 
(Symbole,  einige  aber  nodj  meljr  al§  anbete,  nur  ©elegenfjeitS* 
Triften  fmb ,  ba§  bafjer  manches  nur  in  Q3esief)ung  auf 
Seit  nnb  Ott  gerabe  fo  unb  nidjt  anberS  gefaßt  tft,  unb 
man  nid)t  Urfadje  t)at  ansunefjmen,  bafj  bic  Urheber  felbft 
ben  geiuä'()ltenSlu§bruff  für  btn  emsigen  oofffommen  richtigen 
fjaben  ausgeben  moffen.  ®amit  ift  bann  audj  bertoanbt, 
bau  bte  Sßerfaffer  ficfj  —  geinife  iljrer  bamaligen  lieber^ 
geugung  gans  gemäfj,  aber  ba  fte  immer  nodj  im  gorfd)en 
begriffen  toaren,  bod)  für  ben  Sfjarafter  einer  Söefenntnifcs 
fcrjrift  su  übereilt  —  uon  bamalS  für  feäerifcrj  gehaltenen 
Meinungen  loSgefagt,  unb  in  äffen  nodj  nidjt  gerabe  ftreitig 
geworbenen  fünften  itjre  Uebereinftimmung  mit  ber  bamalS 
ljerrjd)enben  Seljre  beseugt  Ijaben.  ®enn  jeneS  $erbammung§= 
urteil  fann  manche  3tbmeid)ung  betroffen  Ijaben,  bit  au§ 
bemfelben  $eift  nne  bie  SHrdjenöerbefferung  felbft  l)eroor= 
gegangen  mar,  unb  ba%  biefer  ftct)  nodj  nictjt  fogletct)  felbft 
mieber  erfennen  fonnte.  Unb  eben  fo  fonnte  mandje  ältere 
2et)rmeinung  mit  rjerü&er  genommen  Werben,  oon  ber  man 
nur  nod)  nidjt  gleict)  merfte,  wie  audj  fte  mit  bem  SBejeti 
be§  $roteftantt§mu§  im  SSiberfprud)  ftelje.  S33orau§  beim 
folgt,  bafj  bei  bem  Burüffgeljn  auf  ^it  (Stmtbole,  wenn  e# 
ber  gefunben  gortentitufflung  ber  Sel)re  nidjt  Ijinb erlief)  werben 

i  foff,  t^etlS  meljr  auf  ben  ®eift  geartet  werben  mufj,  at§ 
am  33ud)ftaben  feftgefjalten,  tr) et(§  aud),  bafj  ber  SBudtftabe 
felbft  ebenfalls  ber  Slnlnenbung  ber  $lu3legung§funft  bebarf, 
um  richtig  gebraucht  su  Werben. 

3.  Sßenn  tjter  nur  bie  neuteftamentifdjen  ©djrtfteit  ge* 
nannt  Werben,  nidjt  bie  Söt&el  überhaupt:  fo  ift  bk$  tljeilS 
fdjon  befürwortet  in  bem  oben1  über  ba%  SSerfjältnifj  be& 
(JljriftentfmmS  sunt  ^ubent^um  gefagten,  tfjeilS  mufj  bodj 
auef)  Seber  augeben,  ba%  Wenn  ein  Sefjrfas  meber  mittelbar 
nod)  immittelbar  Öewäljrung  fänbe  im  neuen  £eftament 
fonbern  nur  im  alten,  niemanb  redeten  SOcutr)  ijaben  tonnte 
il)n  für  einen  Wafjrljaft  crjxiftltcrjen  su  polten;  wogegen  Wenn 
ein  Sas  burdj  ba&  neue  ieftament  bemäljrt  ift,  niemanb 
eine  ©inroenbung  baljer  nehmen  wirb,  bafc  fid)  im  alten  gar 

;  ntdjtS  barüber  finbet.  Sötttljtit  erfdjeint  ba$  alte  Xeftament 
bodj  für  bie  Dogmatil  nur  al§  eine  überflüfftge  Slutorität. 
SBenn  nun  freilief)  audj  bürd)  neuteftamenttfdje  (Steffen  su* 
nädjft  nur  bie  (Sljriftitdjfett  eine§  (£ase§  bargetfjan  Wirb:  fo 

1  ©.§.12,2.3. 


StoeiteS  Äapitcl.  SSon  ber  SDtet^obe  ber  Soamattf.  125 


ift   bocb    fdjon    bie  gorm   eine  burc^au§  proteftantifdje  bei 
jebem  ®lauben§faa  auf  biejSdjrift  feibft  surüf  f^ugebn ,  unb 
auf  ntenfätk&e  Slnfpfu^eliur  föfern  fte  Tt4  bur<5  bte  <3<fcnft . 
beiuäbren,  für  btefe  aber  Gebern  bie  freie  Hnmenbung  ber 
2lu§{egung§runft,  mie  fte  in  ber  ©pradjnriffenfdjaft  gegrunbet 
ift  §u  geftatten.    ©er  ©djriftgebraucb  feibft  aber  ift  naturitcb 
febr    berfebieben   nadj    ber   begebenen    Söefcbaffenfjeit   ber 
eä§e.     SSo    bie   urferünQltdje  £euben§  auf  Reinigung  ber 
strebe  borf)errfcf)t,  ba  mufj  bk  ttebereinftimmung  fo  genau 
fein,  hak  bte  ©ebrift  auef)  bolemiicb  gegen  bie  Slufftetfungen 
ber  römifäen  ®irdje  gebraust  tuerben  fann;  mo  e§  ftdj  mebr 
um  ben  eigentümlichen  Gbarafter  be§  $roteftanti§mu§  banbelt, 
ba  genügt  e§  nac^umeifen,  bafj  btefe  beftimnttere  ®eftattung 
ber  Sebre  unter  bem,  ma§  bie  ©djrift  auäfagt,  ntttbegrtffen 
ift,  obne  bafj  man  ju  geigen  brauste,  biefe  58eftimmung  fet 
bie    einzige    fd)riftmäfcige.     ©ben  fo  ma§  0I8  eigentümlich 
aufgeteilt  noirb,  barf  nur  mit  ©icberbeit  bebaubten  tonnen, 
bafj  mdjt§  fdjrtftttribriQeS  barin  naefoumeifen  fei,  ba§  gemetn* 
jame  "aber  mufj  beftimmt  an  bie  @#rift  anfnübfen.  —  ®eme§* 
mege§   aber  ift  bie§  fo  m  oerftetjen,  al§  ob  ber  btbltfcbe 
©brac^gebraud)  feibft  in  ba§  Sebrgebäube  fottte  aufgenommen 
merben     ©emt  ba  ba§  neue  £eftament  nur  ttjeilmetfe  eme 
bibaftifdje  gorm  bat,  nirgenb  aber  eigentlich  füftemattfd)  tft:  I 
fo  mürbe  ein  SfoSbrult,  ber  bort  boEfommen  angemeffen  ift, 
boeb   in  ben  meiften  gälten  ben  gorberungen,  bie  an  ein 
«ebrgebäube  gemalt  merben,  nur  ferjr  unbotffommen  ent* 
fpreeben    ©ap  fmb  bie  bibaftifetjen  Steile  ber  ©cfcrtft  metft 
gelegentlicbe  ^eben  unb  «Schriften,  unb  be^aib  mit  befonberen 
iBesiebungen  burdjbrangen,  meiere  ebenfalls  in  berbogmatt)c|en 
©arftellung   nur  SSermirrung   fjerborrufen    muffen,     ©aber 
mirb  nun  unferer  Aufgabe  burd)  ba§  Wüfjren  einiger  ©ebnft* 
ftetten  unter  iebem  ©aj  nur  fejr  unbottfommen  entfbroeben, 
bielmefc  ift  bie§  SSerfafiren  auf  mannigfaltige  Sßetfe  auf  ber 
einen  (Seite   ber  ©ogmatif,    auf   ber   anbem  ber  ©djrtft* 
au§legung   na«ftettifl    gemorben.    ©ie  SBeatebwtö  etnselner 
©djriftftelten    auf    einzelne    bogmatifäe   ©äse    fann    baber 
immer  nur  eine  mittelbare  fein,  fo  bafc  gezeigt  totrb,  e§  hege 
bei  jenen   biefelbe  fromme  Erregung  sum  ®runbe,  meiere 
mtcb  biefe  barftetten,  unb  bafbic  Slu§brüffe  nur  fo  btffertren, 
ttrie  ber  berfd)iebene  Bulammenbang,  in  bem  fte  borfommen, 
e§  mit  ftdj  bringt,    ©a  aber  biefe§  nur  buret)  Erläuterung 
biefe§  3ufammen^ange§    gegeben    fann,   fo   foUte  ft*  tn 
imferer  ©ijcipün    immer   me^ir    ein    in§    ®rofee    gebender 


126  $er  c^riiilidje  ©lait&e.  Srfter  S^etl. 

SdjtiftQefirQiidh  entrotffcln,  roobei  man  e§  nicrjt  auf  einsetne 
au§  bcm  3»fa"intenrjang  geriffelte  (Steuert  anlegt,  fonbern 
nur  auf  gröfjere  befonber§  frucrjttiare  Stbfcrjnitte  <Küffftcrjt 
nimmt,  um  fo  in  bem  ©ebanfengang  ber  rjetltgen  (Sdjrtftfteller 
biefelben  Kombinationen  nadjauroeifen ,  auf  benen  audj  bie 
boßntartfdjen  DJefultate  berufen.  (Sine  folc^e  2lnroenbung 
tarnt  inbe§  in  bem  Sebrgebäube  felbft  immer  nur  angebeutet 
roerben,  unb  ber  (Srfolg  berubt  gana  auf  Xlebereinftimmung 
in  bermeneutifdjen  ®runbfä$en  unb  Sftetfjoben.  S)afjer  bie 
^ogmatif  oon  btefer  Seite  ftdj  erft  mit  ber  £rjeorie  ber 
<Sdjriftau§legung  augleicrö  oollenben  fann. 

4.  2Iud)  oon  biefer  (Seite  ift  alfo  9?oum  für  eine  große 
Mannigfaltigkeit,  fo  ba%  proteftantifdje  Seljrgebäube  ein  ferjr 
toerfd)iebene§  (Gepräge  Ijaben  fönnen,  ofjne  an  üjrem  fircr> 
lidjen  (£rjarafter  ju  öerlieren.  SBenn  nämlicb  in  einer  $og* 
matif  bk  Berufung  auf  bie  Söefemttnißfdjriften  unb  auf  bie 
Analogie  ferjr  jurüff tritt ,  bie  Söeaieljung  auf  bie  Schrift 
hingegen  überall  tiorberrftfjt,  fo  ift  W§,  roa3  idj  am  meiften 
eine  fc&rtftmäfctge  3)ogmatif  nennen  mödjte.  $n  einer 
folgen  roirb  auf  bie  Stnorbnung  am  roenigften  anrommen, 
aber  fte  roirb  eine  ooHfommen  !irtf)lidjie  fein,  roenn  nur  nidjt 
etroa  ba§  anerfannt  gemeinfam  proteftantifdje  bem  roa§  in 
ber  (Schrift  nur  lofal  unb  temporär  ift,  ober  gar  einer  ab* 
roeidjenben  <Sd)riftau£legung  aufgeopfert  roirb ;  ober  roenn 
fte  ntcr)t  etroa  bie  biatefttfdje  5lu§bilbung  ber  JßorfteHungen 
berlaffenb  auf  ben  oft  unbeftimmten  unb  trielbeutigen  biblifdjen 
Sprachgebrauch  aurüffgeljt.  Umgefeljrt  roürbe  tdj  bieienige 
am  meiften  eine  toiffettfdjaftlidje  ©ogmatif  nennen, 
in  melier  oon  einigen  anerkannten  ^auptpunften  au§gefjenb 
afte§  burd)  bie  (£onfequena  ber  9tnorbnung  ben  $arallelt§mu3 
ber  (^lieber  unb  bie  BufammengeprigfeU  ber  einjelnen  (Säge 
in§  Siebt  geftefft  roürbe,  roobei  benn  natürlich  bie  Belegung 
au§  ber  (Sdjrift  unb  bie  Slnroenbung  ber  (Symbole  oon  felbft 
äurüfftritt.  Sftur  bürfen  natürlich  jene  £>auptpunfte  nichts 
anber§  fein,  al§  bie  in  proteftantifdjem  ©eift  aufgefaßten 
®runbtbat[acfjen  be§  frommen  (SelbftberoußtfeinS.  ®enn  roären 
btefe§  Specuiationen:  fo  !önnte  ba$  Seljrgebäube  aroar  febr 
roiffenfcbaftlicb  fein,  aber  e§  roäre  feine  cbriftltcfje  (StfaubenS* 
lettre.  SBenn  enbltdj  eine  Dogmatil  bornämlidj  nur  an  bie 
95efemtrni&fc§riften  anfnüpft  unb  ftct)  begnügt  au§  bk)en 
atle§  nacbauroeifen  unb  aUeg  bon  iljuen  abhängig  ju  machen 
obne  roebcr  im  (Shtaelnen  auf  bie  (Schrift  aurüffaufiUjren 
nodj   aüe§  auf  eine  genauere  SSeife  burd)  ftrenge  Orbnung 


3toeite§  Äopitet.  SSon  ber  Sftetfjobe  ber  ©ogmatif.  127 

gu  binben:  fo  ift  in  einer  folgen  ftymbotifdjen  Dogmatil 
atterbtng§  eine  gemiffe  5Innäberung  an  ba%  römifä)  fatbolifdje 
ni$t  sn  t)er!ennen  ba  fie  alten  Sßertb  barauf  legt,  ba%  atte§ 
einzelne  bon  ber  ^trctje  anerfannt  fei.  Mein  ftenn  fie  nur 
ni<$t  auf  ber  einen  (Seite  als  ®runbfas  aufftettt,  bafj  audj 
bit  ©djrtfterflärung  unter  einer  Autorität  fter)e ,  unb  auf 
ber  anbern  ibren  Sägen  nur  nidjt  einen  2Sertb  beilegt  un* 
abbängig  babon,  ba£  fie  bie  inneme  ©rfaljrung  eine§  ^zbtn 
au§brüffen:  fo  nrirb  bo$  ber  £roteftantifd)e  (Sbarafter  ber* 
felben  ungefäbrbet  fein.  2öie  aber  einer  jeben  t)on  biefeit 
gormen,  je  roeiter  fie  ftct)  bon  ben  anbern  entfernt,  um  befto 
mefjr  eine  ibr  eigentümliche  d5efar)r  nabt;  fo  fc^eint  freiließ 
ba$  gemeinfcbaftüdje  3^1  aller  fein  ju  muffen,  ba%  jebe  fiel) 
fo  menig  al§  möglidj  bon  ben  anbern  entferne. 

3ufa§.  Sßenn  unfer  Sag  bon  ber  ferjr  atigemeinen  (Sitte, 
in  bogmatifdjen  Sebrgebäuben  fieb  audj  auf  bie  5lu§farü$e 
anberer  ®lauben§Ie§rer  bon  ben  ®ird)enbätern  an  bi§  auf 
bie  neuften  berab  äu  berufen,  gän§licb  fcrjroetöt:  fo  erftärt  er 
biefe  baburdj  freiließ  für  etU)n§  untoefentlidjeS.  2>emolmeratf)tet 
fönnen  au<$  biefe  Stnfütjrungen  einen  SBertb  baben,  ber  aber 
nidjt  überall  berfelbe  ift  gnfofern,  roa§  in  unfern  Söefenntnifj« 
f^riften  feftgefteüt  ift,  in  ein  Setjrgebäube  mit  übergebt, 
lönnen  5lnfübrungen  fpäterer  ©ogmatifer  bie  Ueber^eugung 
mm  ber  ®trdjltdjfett  ber  Säje  nid)t  bermebren,  unb  fyaben 
nur  einen  SBertb  in  combenbiartfdjen  (Scbriften,  um  auf  bit 
borsüglic&ften  Weiteren  Stu§fübrungen  §u  bermeifen.  $Iucb 
ältere  patriftiftfje  Zitate  !önnen  in  biefem  gatf  nur  in  bem 
SSerbältni^  gegen  bie  römifdje  ®ir<$e  apotogetifdj  ober  £olemifct> 
nüältctj  fein.  5lnber§  aber  ift  e§  ba,  roo  fei  e§  nun  nur  ber 
SBeseidjmmg  ober  aud)  bem  Snljatte  nacb  bon  ben  frnnbotifeben 
Scbriften  abgenrieben  nrirb ;  benn  ber  Saj  $at  fd)on  um  fo 
mebr  Slntyrutf)  al§  in  ber  SKrctje  geltenb  aufjutreten,  ie 
meljr  er  febon  bon  berfdjiebenen  (Seiten  gebort  roorben 
ift  ^n§befonbere  aber,  menn  ein  Sebrgebäube  einer  bon 
ben  brei  angegebenen  formen  entfdjieben  angebört,  ergänst 
e§  fid)  befto  beffer,  ie  mebr  e§  ficlj  mit  folgen  in  $er* 
binbung  fegt,  bte  eben  fo  ftar!  eine  bon  ben  anbern  gornten 
ausgeprägt  baben. 

§.  28.  £)er  fcrialeftifdje  Gfyatattix  ber  ©pracfye  unb 
bie  fyftematifcfye  toorbnung  geben  ber  Dogmatil  bte  tl?t 
toefentlid^e  n)tffenf<$aftltd?e  ©eftaltung. 

«Jim.    »gl.§.  13,  3.3*.    §.  16.  §.  18 


128  $er  djriftlu&e  ©taube.  (Srftcr  S^eil. 

1.  3)er  KuSbrufl  bialeftif  dj  ift  aitc^  ^ier  ganj  in  bem 
QUertf)ümltcI)cn  (Sinne  genommen;  ber  bialeftt|<$e  Qföarafter 
her  ©pradje  befteljt  baljer  nur  barin,  bafj  fte  funftgeredjt 
gebilbet  fei,  um  in  jebem  Sßerfeljr  sur  SD^ttttjeilung  unb  SBe* 
rid)tigung  ber  betreffenben  ©rfenntnifj  gebraust  ju  roerben. 
2)ie§  nun  fann  toeber  bon  bem  btdjterifc^en  nod)  rebnerif<$en 
5Iu§bruff  gerühmt  roerben,  nodj  aud)  bon  bem  barfteEenb 
beleljrenben,  ber  nodj  au§  jenen  beiben  entftanben  ntcrjt 
rein  bon  itinen  gerieben  ift  2)ie  SluSbrüffc,  in  melden 
bie  Glaubenslehre  ft$  beroegt,  btlben  alfo,  fofem  fte  auf 
bo§  fromme  Gefühl  ättrüffgefjn,  ein  befonbere§  ©bradjgebtet 
innerhalb  be§  bibaftifdj  religiöfen,  nemltdj  bie  ftrengfte  Legion 
beffelben;  rooburd)  ftd)  jene§  Gefüljl  bermannigfaltigt  unb 
roorauf  e§  belogen  roirb,  in  ba$  bfodjjologtfdje  ettnfdje  unb 
meiap^öfifc^e  eingreift,  unterfc&eibet  ft$  W  eigentlich  bog= 
matifdje  (Sprache  beftimmter  bon  ber  bibaftifdj  religiöfen  im 
allgemeinen  burdj  iljre  $erroanbtf$aft  mit  ber  roiffenfdjaftlidjen 
I  Terminologie  iener  Gebiete,  meiere  in  ber  Ijomiletifdjen  unb 
i  poeti)$en  Sftittljeilung  be§  religiöfen  $8eroufjtfein§  eben  fo 
1  gcftiffentlidj  bermieben  roirb,  al§  in  ber  bogmatifd^en  be* 
I  gierig  gefudjt.  $)aljer  ift  nun  hei  ber  großen  Sßerfdjiebenl)  eit 
ber  Slnftdjten  unb  alfo  audj  ber  3lu§brüffe  in  allen  biefen 
pljilofopljiftf)en  Gebieten  bie  sroeffmäfcige  &anbljabung  ber 
(Spradje  in  ber  bogmatifdjen  ©arftellung  eine  ber  fdjroierigften 
Aufgaben.  Untauglich  aber  für  bk  bogmatifdje  (Sprache  ge* 
brauet  su  werben  finb  äunädjft  nur  folctje  Stnftdjten,  meiere 
bie  begriffe  bon  Gott  unb  SBelt  auf  feine  SBeife  auSeinanber 
balten,  einen  Gegenfaj  grotfetjen  gut  unb  böfe  ntctjt  sulaffen, 
unb  alfo  aud)  in  bem  9Jcenfd)en  nietjt  befttmmt  geiftige§  unb 
ftnnli$e§  unterfdjeiben.  ®enn  bie§  ftnb  bie  urfprüngltdjen 
SSorau§fesungen  be§  frommen  (SelbftberoufjtfeinS,  roeil  otjne 
biefe  anü)  ba$  sunt  Sßetfberoufctfetn  erweiterte  ©elbftberoujjtfein 
nid)t  fömtte  bem  GotteSberoufjtfein  entgegengefest  werben,1 
unb  eben  fo  roenfg  bon  einem  Unterf^ieb  groifdjen  freiem 
unb  gehemmtem  Ijöljeren  ©elbftberoufjtfein,  mttln'n  aud)  nidjf 
bon  (£rlö|ung§bebürftig!eit  unb^rlöfung  bieSftebe  fein  tonnte.' 
Se  häufiger  nun  innerhalb  biefer  Grenzen  bie  pljilofoplnfdjeu 
©latente  roedjfcln,  befto  Ijäufiger  ftnb  aud)  bie  Ummälgungen 
in  ber  bogmattfd^en  «Spraye;  unbemteiblidj  freiließ  erft  roemt 
ein  (Softem  anttquirl  ift,  b.  lj.  menn  nad)  bem  £tipu§  beffelben 
ttidtjt  meljr  roirfltd)  gebaut  roirb,  fie  erfolgen  aber  geroötjnlitfc 

1  §.8.2.  ■  ©.11  §  2. 


gtocitcS  Stapitel.  SSon  ber  3Jiet^obe  ber  ©Oflmattl  129 

fd^ott  früher  burtf»  ben  gewaltigeren  (Sifer  bcr  bon  einem 
auftaucfyenben  (Softem  mit  ergriffenen  Geologen,  iueldje 
ljoffen,  ba%  neue  Werbe  meljr  al§  trgenb  ein  früheres  baju 
geeignet  fein,  allen  (Spaltungen  unb  Sftifjberftänbniffen  auf 
beut  (&thitt  ber  ($5tauben§fefjre  ein  ©nbe  §u  madjen.  SBenn 
itun  biefen  gegenüber  5lnbere  gerabe  au§  biefetn  ßifer  bit 
Beforgnifc  fdjöpfen,  e§  möchte  ftd)  ein  beftimmte§  pljitofopljifdje§ 
<Sbftem  sunt  &errn  unb  Sflid)ter  in  tfjeotogifd)en  ©adieu  auf* 
werfen:  fo  ift  in  ber  9?eget  btefe  SBeforgmfj  eben  fo  ungegrünbet 
al§  jene  Hoffnung.  2)ie  Hoffnung  trügt,  Weil  bie  er&ebV 
lic&en  <äftif$berftänbmffe  immer  fdjjon  ba  ftnb,  elje  ber  5lu§* 
bruÜ  über  ben  ftreitigen  ^unft  ftdj  sunt  ftreng  bogmatifdjen 
fteigert,  mithin  bit  Sßeränberung,  meiere  bur<|  ben  (ginftufc 
eine§  anbern  ©pftem§  erfolgt,  an  unb  für  ftd)  ben  llrfprung 
"ber  Errungen  nidjt  trifft,  wenn  nid)t  bie  (Spraye  baburdj 
einen  ljöt)eren  ®rab  bon  ®lar1jeit  unb  Söeftimmtfjeit  gewinnt. 
Oben  fo  ift  e§  mit  ber  SEkforgnife.  2)enn  einmal  bauert  bit 
Ullleinfjerrfcfiaft  eine§  ©tyftemS  WenigftenS  in  unfern  Sagen 
nidjt  lange  genug;  bann  aber  aud)  im  allgemeinen  lann  bodj 
fo  lange  e§  roirfltdö  ba§  Sntereffe  an  ber  dj)riftltd)en  gröntmig* 
feit  ift,  Weld)e§  bie  bogmati|$e  ©arftellung  Ijerborruft,  btefe 
ftc^  niemals  gegen  jenes  ^ntereffe  wenben,  fonbern  nur  wenn 
baZ  ganse  SSerfatiren  nid)t  bon  biefem  ^ntereffe  ausgegangen, 
fonbem  ein  frembartigeS  ift,  lann  eine  foldje  Ö5efat)r  ent* 
•fielen.  Stufe  erb  em  5  ort  man  über  bit  ©brache,  bereu  ftdj 
bie  ($51auben§lel)rer  bebienen,  in  Söeäieijung  auf  ifjren  gufammen* 
Ijang  mit  ber  $§itofopljie  nod)  %tüti  entgegengefejte  klagen, 
häufiger  bie  eine,  bafj  fie  m  abftract  fei,  unb  ftd)  ju  tvtit 
bon  ber  unmittelbaren  religtofen  entferne,  um  berentwttfen 
bodj  allein  bit  ©ogtnattf  ba  fei,  feltener  bit  anbere,  bafj  man 
ber  (Sprache  nic£)t  anwerfe,  bon  welkem  pl)iIofopfji[dj)en 
<5t)ftem  ber  $)ogmatifer  auSgelje.  Söeibe  fdjeinen  ungegrünbet. 
^enn  e£  ftnb  bod)  in  unferer  ®irc§engemeinfdjaft  nur  bit 
wiffenftfjaftlid)  ©ebilbeten,  Weldje  ftd)  burdj  bit  2)ogmatif 
auf  bem  Gebiet  ber  populären  religiöfen  Sftittlj  eilung  orientiren 
Collen,  unb  biefen  fann  ber  (Sdjlüffet  baju  nic^t  fehlen.  2Ba§ 
aber  bit  anbere  SHage  betrifft,  fo  ift  gu  biefem  SBeljuf  bit 
$enntnifj  bon  bem  pljüofopljifdjen  Aftern,  bem  ein  2)ogmatüer 
anfängt,  Weber  notfjftenbig  nodj  auil)  nur  nüältd),  wenn  nur 
bit  (Spradje  ridjtig  unb  in  ftd)  äufammentjangenb  gebilbet  ift 
©ie  ©dmle  fest  in  allen  Sßiffenf  haften  immer  meljr  ober 
weniger  au§  itjrer  ©brache  an  bit  gebilbetere  SSeitfpradje 
ab;  aber  bie  irrige  Witt  ftd)  bodj  immer  bon  btejer  unter* 


130  ®cr  tfjriftUcfJe  ©Iaube.  ßrfter  S^eil. 


fe^eiben.  Scmcfjr  nun  ein  2)ogmatifer  ft<$  an  bie  ftrengfte 
©d)uljprad)e  tjält,  um  befto  etjer  nnrb  er  au  ber  erfteit  Silage 
SBeranlaffung  geben ;  hux  anbern  aber,  menn  er  ftd)  meljr  ber 
in  bie  SBcBfptod^e  aufgenommenen  Elemente  bebient.  $n 
biejer  bleiben  benn  freilief)  lange  genug  s43eftanbtt)eile  au§  ber* 
fdnebenen  Seiten  unb  ©internen  aufammen;  aliein  aud)  au3 
biejen  fann  bei  gefctiittter  SluShmfjl  unb  burefc  gehörige  (£r* 
läuterung  ein  für  ben  bogmatifdjen  ©ebraud)  gana  an* 
gemeffeneS  ®anae  gebilbet  tu  erben,  mobet  bit  (^efatjr  eine§ 
ber  ©ac^e  ber  cfjrtftlidjen  grömmigt'eit  üerberbltcfcen  Sin* 
fluffeS  gana  öeridjnrinbet,  unb  unter  bin  (Stnhrirfungen  öer= 
fc&iebener  gleichzeitiger  ©trfteme  baä  ©leidjgehricfct  erhalten 
tüirb. 

2.    SSenn  aber  bie  Dogmatil  irjre  eigentliche  Sßeftimmung 

erfüllen  foll,  nämlid)  bie  ^ermirrungen,  meiere  auf  bem  %& 

fammtgebiet  ber  ÜDcittj&eilungen  au§  bem  unmittelbaren  dirifc 

lidj  frommen  &eben   immer  raieber  entfielen   motten,  tt)eil§ 

aufaulöjen  ttjeilg  aud)  burd)  bie  sJcorm,  meiere  fie  auffteu% 

foöiel  an  i^r  ift  §u  r-ertjüten:  fo  ift  i&r,  inbem  fie  ben  %n* 

begriff  ber  £et)re  aufftellt,    aufeer  ber   bialettifd}  gebilbeten 

©pradje  au$   eine  möglich  ftrenge  Mtematifcrje  Slnorbnung 

unerläßlich     £>enn  baZ  unbestimmtere    unb    unooEfommner 

.gebilbete  ieber  fragmentarifd^en  ÜDceinung  fann  nur  an  bem 

Oölltg  beftimmten  unb|  organiftrten  eine3  abgefdiloffenen  $n= 

begrifft  richtig    gefräst,    unb    auetj  nur    banaä)    rectificirt 

merben;   inbem   aud?  bie  beftimmtefte  Sßorftettung   unb  ber 

reingeb  üb  elfte  ©aa  atteS  fd)raanfenbe  nur  üerlieren,  menn  fie 

augleid}  in  einen  abfoluten  .Sufammenljang  geftetlt  finb,  roeit 

nämlich  ber  ©inn  eine£  ieben  «SaaeS  nur  in  einem  3ufammen= 

tjang  böttig  gegeben  ift.     9?un  aber  ift  biefe§  ba$  SBefen  ber 

foftematifeben  Slnorbnung,  ba%  burd)  aufammenfaffenbe  S8ei* 

orbnung  unb  erieppfenbe  lluterorbnung  ieber  <Saa  mit  allen 

anbern  in  ein  oötlig  beftimmte§  SBerljältnife  gefeat  fei.    ©in 

bogmatijd>e§  ^etjrgebäube  ift  aber  einer  folgen  fäfcig,  infofern 

ber  ©egenftanb   ein  abgejd)loffene3  ©anse  bilbet,  baä  f)ti%t 

infofern    auf    ber  einen   (Seite   alle  d^riftlid)   frommen  (£r= 

reguugen  na<$  bem  proteftantifd^en  XtypuS,  mie  fie  irgenbmo 

Oorfomnten  tonnen,  fid)  ,iu  einem  (£omplcyu§  Oon  aufammen* 

gehörigen  gormein  barftellen  laffen,  unb  al§  auf  ber  anbern 

(Seite  Xl)Qtiad)en  be§  SöehmfetjeinS,  meldje  unter  biefe  gormel 

fubjumirt  toetben  tonnten,  aufjerljalb  berfelben  ©emeinidjaft 

nid)t  oorfommen.     £$n  biejem  ©inne  nun  ift  allerbingg  bie 

eoangelijdje  nid)t  fo  oolltommen  obgefc^loffen,   ba$  eS  nieijt 


3toeite§  flapitel.  SSon  ber  Sftetfjobe  ber  ©ogmatif.  131 

Seljrfäae  geben  follte,  tteldje  bie  römifdje  ®ir$e  eben  fo  au§^ 
brüfft,  unb  eben  fo  auf  ber  anbern  (Seite,  bafj  ntd)t  tfjre 
53e5rfäse  sunt  größten  £t)eil  audj  füllten  in  folgen  anti* 
römifdjen  (&emeinfct)aften  gefunben  toerben,  bie  bodj  auc^  mit 
üjr  mctjt  ©in  (55anäe3  bitben.  SDa§  leitete  aber  ift  nur  barin 
gegründet,  bafj  bie  äußere  ©tntjeit  nidjt  allein  oon  ber  ßeljre 
abfängt,  fonbern  roa§  biefe  anbelangt  bilben  jene  fleinen 
($5emeinfcljaften  nnrflidj  für  un§  (Sin  ®anse§  mit  ber  eöan* 
geltfc&en  ®irdje;  ba$  erfte  aber  löfet  ftd)  bodj  mieber  auf, 
menn  man  bie  @äse  nicf)t  für  ftdj  allein,  Jonbern  in  üjrem 
3ufammen^ange  betrautet,  unb  eine  ebangelifd)e  ®lauben§* 
letjre  fann  fid|  alfo  audj  bie  Aufgabe  fteUen,  bie  Sluftöfung 
biefe§  ©djeing  an  geeigneten  ©teilen  oorsunefjmen.  Sie 
bogmatifctie  Slnorbnung  fann  aber  teine  Sldjnltdjfeit  Ijaben 
mit  ber  in  folgen  SB iffenf haften,  meiere  einen  ®runbfaa  auf* 
[teilen  ber  au§  ftct)  felbft  entnriffelt  merben  tann,  aucb  nid)t 
mit  folgen  meiere  ein  beftimmteS  ©ebiet  äußerer  Sßafjr- 
nefjmung  umf äffen,  unb  alfo  in  biefem  Sinne  ^iftorifd)  ftnb; 
fonbern  Statt  be§  ®runbge)eae3  §at  fie  nur  bie  innere  ®runb- 
tljatfadje  ber  djriftlidjen  grömmigfeit,  raelcfje  fie  poftulirt,  unb 
ma§  fie  ju  orbnen  Ijat,  ftnb  nur  bie  berfdjiebenen  Wirten  roie 
biefe  Xfjatfadje  in  ben  Oerfdjiebenen  S5ert)ältniffen  su  ben 
anbern  Sfjatfadjen  be§  Söemufjtfeinä  mobificirt  erfccjeint1  5)te 
Aufgabe  ber  Slnorbnung  ift  alfo  nur  bie,  jene  oerfctjiebenen 
$ert)ältniffe  fo  äufammen^uf äffen  unb  §u  fonbern,  ba%  bie 
berfd)iebenen  S^obificationen  felbft  al§  ein  bottftänbige§  ($5anse 
erfd&einen,  mithin  bermittelft  ber  ®efammtf)eit  ber  gormein 
bie  unenbtidje  90£annigfaltigfett  be§  einzelnen  in  einer  be* 
ftimmten  SSielrjett  gufammengefc&aut  werbe.  Söetbe  aber  bie 
bialeftitdje  (Sprache  unb  bie.  ftoftemattfc^e  5lnorbnung  fobent 
einanber,  unb  förbern  einanber.  2)ie  bialeftifcrje  ©praäje  ift 
für  jebe  anbere  religiöfe  9ftittt)eilung  au  fctjarf,  unb  aufjer  bem 
oottftänbigen  Se&rgebäube  felbft  nur  in  folgen  Slnfüljrungen 
§uläfftg  metdje  erweiterte  Steile  ober  5lu§flüffe  beffelben  finb. 
©ine  fr;ftematifcr)e  5lnorbnung  aber  mürbe  nie  fo  Rar  fjerau§* 
treten  unb  nod)  meniger  fidj  Slnerfemttnifj  Oerf^affen  tonnen, 
menn  fie  fidj  einer  ©pradje  bebiente,  tteldje  ein  ftrengeB  bem 
^Hedjnen  äf)nlidj)e§  SSerfafjren  um  alle  Sßerfnüpfungen  §u  ber* 
fudien,  unb  gu  prüfen  nij$t  anliefe.  2Öie  feljr  aber  bie  ftyfte* 
matifc&e  Slnorbnung  erleichtert  mirb,  menn  ba§  einselne  fcfcon 


1  §.  10,  3. 


132  S)er  djriftlidje  ©taube.  @r[ter  2ijetl. 


in  einer  gieictmmfjig  burcfigefüljrten  bialeftifcrjen  (Spraye  ge* 
geben  ift,  unb  eben  fo  roie  ber  fc&ärffte  9UtSbruff  für  ba3 
einzelne  fiel)  um  fo  efjer  finbet,  roenn  ein  fdjarf  fonbember 
unb  ftreng  berbinbenber  «Schematismus  bafür  fd&on  gegeben 
ift,  baS  leuchtet  bon  felbft  ein. 

3.  9?adj  allem  biSJjer  ferjon  hierüber  gesagten  fdjemt  eS 
überftüffig  nod)  auSbrüfflid)  ju  bemerfen  ober  nadjäumeifen, 
ba%  ein  anberer  als  ber  aufgegeigte  Bufantmenljang  ännferjen 
ber  cr)rtftUcrjett  Glaubenslehre  unb  ber  fpeculatiben  ^5r)üofopr)ic 
nidjt  ftattfinbet,  um  fo  meljr  als  bei  einer  in  bem  oben  bar* 
gelegten  (Sinne  fict)  entroiffefnben  Söetianblung  faum  ein  Drt 
übrig  bleibt,  buretj  melden  bie  (Speculatton  ftd)  in  bie 
(Glaubenslehre  einbrängen  fönnte.  Vielmehr  fctjeirit  eS,  hak 
auf  bitte  2lrt  am  letcrjtefien  alle  ©puren  ber  fcfjolafttfcr^ett 
SÖetjanblungSroeije  berfdjminben  merben,  burd)  meiere  aller* 
fringS  beibeS,  bie  ^St)ilofü^t)te  roie  fte  feit  Verbreitung  be§ 
(JljriftentljumS  unb  buret)  baffelbe  umgebilbet  mar,  unb  bie 
eigentliche  djriftlicfje  (Glaubenslehre  ntctjt  feiten  in  einem  unb 
bemfelben  SBerfe  bermifdjt  mürbe.  9cur  eines  bürfte  Jjier  nod) 
äit  erörtern  fein,  $)iefelbigen  (Glieber  ber  crjriftltcrjen  (Gemein^ 
fetjaft,  burdj  meiere  allein  bie  röiffenfctjaftiicrje  $orm  ber 
(Glaubenslehre  entftetjt  unb  befteljt,  ftnb  aud)  bie,  in  benen 
baS  fpeculatibe  Söeroufjtfetn  ermaetjt  ift.  SSie  nun  biefeS  bie 
'ljöcrjfte  objeftibe  Function  beS  menfcljlic^en  (GeifteS  ift,  ba§ 
fromme  Selbftbemufjtfein  aber  bie  §öd)fte  fubjecttbe:  fo  mürbe 
ein  Sßtberfprudj  ätuifdjen  beibeu  baS  SSefen  beS  9)cenfd)en 
treffen,  unb  ein  foldjer  fann  alfo  immer  nur  ein  SOctfi^ 
berftänbnifj  fein.  9cun  ift  eS  auf  ber  einen  (Seite  freilidj 
nid)t  genug,  bafe  nur  ein  foletjer  SSiberfprucl)  ntcrjt  fei,  fonbern 
für  ben  Söiffenben  entfielt  bie  Aufgabe  ftet)  ber  ßufantmen* 
ftimmung  beiber  pofitib  bemufjt  ju  merben:  allein  bieS  Ijat 
bie  (Glaubenslehre  um  fo  weniger  au  leiften,  als  bon  berfelben 
religiöfen  Stellung  auS  baS  Verfahren  boctj  für  iebe  anbere 
91rt  ju  pljtlofopfjiren  auetj  ein  anbereS  fein  müfjte.  Söenn  nun 
auf  ber  anbem  (Seite  ein  foletjer  Sßiberfprud)  bennod)  entfielt, 
unb  irgenb  einer  mit  9ted)t  ober  trrtijümlidj  bie  Duette  beS 
lOcifjberftänbntffeS  auf  ber  religiöfen  (Seite  finbet:  fo  fann 
bieS  atlerbingS  baljin  führen  bie  grömmigfeit  überhaupt  ober 
menigftenS  bie  cfjriftlic^e  grömmigfeit  aufaugeben.  Mein 
Jjiegegen  31t  bermaljren  anberS  als  babttrdj,  bafj  fie  fiel)  l)ütet 
burd)  unbebaute  gormein  fotetje  äJctfcberftänbniffe  nietjt  sn 
beranlaffen,  baS  ift  mieberum  bon  biefer  Seite  auS  nid)t  bie 
Sac^e  ber  ©laubenSleljre,  bie  eS  mit  benen,  meiere  bie  (Grunb 


3toeite§  ßajritel.  33on  ber  2ftetf)obe  ber  2)ogmatif.  133 

t^atfac^e  ntd)t  zugeben,  aud)  gar  nid)t  51t  tljun  Ijat,  fonbem 
eS  ift  ba§  ®efd)äft  ber  SlpoiogetiL 

3 ufa 5.  diejenigen  Beljanblung§roeifen  ber  d^rtftltc^en 
Sefjre,  raelclje  unter  bem  tarnen  praftifc&e  $)ogmatif  ober 
populäre  2)ogmatif  feit  längerer  Seit  aufgefommen  ftnb,  j 
toeifen  aHerbtng§  trjetl^  bie  bialeftifcbe  Spradje  ttjeil§  bte 
fpftematifdje  5lnorbnung  §urü!f;  allein  fie  liegen  audj  aufjer 
bem  Greife,  bem  mir  ben  tarnen  S)ogmatif  aneignen.  Sie 
ftnb  tr)etl§  SJcütelbinge  ähnfcfjen  einem  Sebrgebäube  unb  einem 
®ated)i§mu§,  t§eü§  fc^ott  Bearbeitungen  ber  ©ogmatif  für  bte 
ipomtletif.  ^ene  liaben  tool  großenteils  bie  5lbftd)t  bte 
9?efultate  bogmatifeber  ©ntroifflungen  audj  benen  in  einem 
gemiffen  3ufattmtentjange  mitsutlj  eilen,  bit  einem  roiffenfdjaft* 
liefen  ®ange  nidjt  letdjt  folgen  mürben;  allein  nrie  bie  5lb= 
fidjt  felbft  äiemlid)  roillrutjrltd)  ift,  fo  fdjeint  audj  burd)  ba% 
Unternehmen  metjr  Berrairrung  angerichtet  unb  oberflächlich 
feit  beförbert  morben  §u  fein,  als  bafs  ein  magrer  ^ujen  er- 
hielt märe.  £)ie  lederen  merben  Pollfommen  erfest  merben, 
menn  in  ber  praftifeljen  Geologie  bie  nötbigen  atigemeinen 
SSorfdjrtfteit  aud)  über  bm  «Stoff  ber  religiöfen  TOtttjeilungen 
mie  über  bie  gorm  beigebracht  mürben. 

§.  29.  Sßir  merben  ben  Umfang  ber  $rtjilt<$en  Seljre 
etfdjöpfen  menn  mir  bie  £t)atfad)en  beS  frommen  Selbft* 
bemufetfeins  betrac^teiTyüerft  fo  mie  ber  in  bem  Begriff 
ber  (Möfung  auS$ebrüffte  ©egenfaj  fie  fcfyon  oorau<c* 
fegt ,  bann  afcer  au$  fo  rote  fie  burä)  benfelben  beftimmt 
finb. 

SInm.     SSgl.  §.8.  9.«.  11. 

1.  (£S  ift  pnädjft  flar,  bafj  ber  ©egenfag  ätoifdien  ber 
Unfähigkeit  baS  fct)Iecrjtr3tntge  2lbljängigfeitSgefül)I  allen  SebenS- 
momenten  ein§ubilben  unb  ber  unS  baäu  burdj  ben  (Jrlöfer 
mitgeteilten  gär}igfett  fdjon  jeneS  ®efü§l  felbft  unb  ein  SBtffen 
um  baffelbe  borauSfegt.  £>eun  ba  eS  unS  nirgenb  anberS  als  ^^ 
in  bem  !Jftenfd}enjjegeben  ift:  fo  t'önnen  mir  audj)  nur  barum 
mtffen,  fofern  ei  in  unS  felbft  ift;  unb  otme  barum  ju  totffen, 
!önnten  mir  roeberHtmTine  Unfäbigfeit  ba^u  miffen  nodj  audj 
um  ben  Unterfdjieb  stoifdjen  bem  CSrlöfer  unb  unS.  3)er  3u~ 
ftanb  alfo,  melier  ber  mitgetfj eilten  gafjigfett  Porangeljt,  !ann 
toeber  bie  abfolute  (S5otte§öergeffenf)eit  fein,  nod)  audj  baS 
blofce  ge^altlofe  (Streben  nadj  bem  (SotteS&eroufctfein,  fonbern 


134  £>er  djriftlidje  ©taube.  CErfter  Sljcil. 

biefe§  mufj  irgenbmie  {m  gfelbftfietpufttfettt  gegeben  feilt.  9?ur 
fönnte  man  fagcn  ba$  foldje  £l)at]ad)en  be§  frommen  ©elbfi* 
bemufjtfeinS,  meiere  ber  (Gemeinfdmft  mit  bem  (X'vlöfcr  borqn? 
getjen,  nid^t  fönnten  in  bie  djriftlidje  (Glaubenslehre  gehören, 
fonbern  nur  entroeber  in  irgenb  eine  allgemeine  (Glaub  engleljre 
ober  in  bie  irgenb  einer  fotcfjen  frommen  (Gemeinfcrjaft,  au§ 
melier  in  ba%  (Sljriftentljum  fann  übergegangen  merben. 
hierauf  ift  su  erroiebern,  bafj  biefe  frommen  ©emütf)§3uftänbc 
boefj  roenn  ba§  (Gemüttj  djriftlicfj  ergriffen  roirb  nicfjt  ber= 
fdjromben,  fonbern  grabe  naefj  iOtaaBgaoe  ber  mitgeteilten 
gäliigfat  erleichtert  roerben  unb  begünftigt.  ©ie  gehören  alfo 
aHerbing§  auef)  sunt  djvtftlidj  frommen  üBermifetjetn,  unb  fie 
rjätten  aucrj  fönnen  beseicfjnet  roerben  al§  foldje,  roelcfje  burcl) 
jenen  (Gegenfas  ntcrjt  beftimmt  merben  fonbern  auf  allen 
(Stufen  beffelben  unoeränbert  bleiben,  roäf)renb  bie  burd)  ben 
(Segenfas  felbft  beftimmten  SUjatfacrjen  aud)  itjrem  ^nlmlte 
naefj  anbere  fein  muffen,  roenn  bit  Unfäljigfeit  bort)errfd)t, 
unb  roenn  bie  mitgeteilte  gät)igteit  ba%  ilebergeroict)t  Ijat. 
Vlltein  eben  iene  &batfaci)en  werben  im  (Gebiet  ber  ctjriftltctjcn 
grömmigfeit,  fo  rote  fie  ftd)  immer  gieiefj  bleiben,  ntcrjt  einen 
frommen  ^content  allein  erfüllen  fonbern  nur  Söeftanbtijeile 
eine§  folgen  fein;  unb  grabe  bc3megen  ift,  roeil  mir  fie  bod) 
iljrer  $erfct)iebenartigfeit  roegen  für  fiel»  su  betrachten  baben, 
ber  5lu§bruff  be§  ©ase3  borgesogen  roorben. 

2.  SBenn  alfo  auefj  biefeS  erfte  ©lieb  unfereS  <Sase§  ber 
djriftlicfjen  grömmigfeit  angehört,  roeil  e§  in  ber  $erbiubung 
mit  bem  sroeiten  notljmenbig  borfommt:  fo  merben  mir  aud) 
beraubten  bürfen,  bafj  in  beiben  sufammengenommen  ba§>  ganse 
Gebiet  ber  cbxtftlicfjen  grömmigfeit  befdjloffen  ift.  S)enn 
menn  mir  auefj  annehmen,  bafj  bie  Unfälngfeit  attmäljlig  gans 
tierfcfjroinbet:  fo  merben  bod)  baburd)  feine  neue  SJtobificatiouen 
be§  frommen  (Sclbftberoufjtfetng  entfielen,  fonbern  nur  bit 
3Bir!lid)?eit  ben  gormein,  roeldje  ben  Bufianb  in  feiner  Üteüu 
beit  auSbrüffen,  näfjerfommen;  unb  e§  fommt  alfo  nur  barauf 
an,  ba%  mir  baä  (Gebiet  bon  beiben  genau  \n\b  bollftänbig 
auSmcffen  um  ber  SBollftänbigf'eit  be3  (Gänsen  ftetjer  su  fein. 
Q3etbe  merben  fiel)  aber  allerbing§  fo  gegen  einanber  ber&altcn, 
bak  ber  erfte  Sljeil  foldje  &el)rfä'se  enthält,  mie  Ijiebon  bie 
2Jcöglid)fcit  fd)on  im  allgemeinen  swgcgeben  ift,  in  meldjcn 
ba§>  eigentbüntlicfj  cf)riftlid)e  minber  ftarf  Ijerbortritt,  bereu 
silu§bruft  alfo  auet)  am  lctcl)tefteu  mit  bem  anberer  (Glaubend 
meifen  sufammentreffen  fann.  ©ie  finb  aber  bennod)  feinet 
mege§    93cftanbtt;etle    einer    allgemeinen    ober    fogeuannten 


Ä8ettetel.atf3to  SSon  ber  2ftetf)obe  ber  fcogmcttif.  135 

natürlichen  Geologie,  fonbern  rndjt  nur  auf  ieben  gatt  %vfe 
fagen  über  ba§  fromme  ©elbftberoufjtfein  alfo  roabrbaft  bog* 
matifcbe  ©äse,  fonbern  autf)  beftimmt  cljriftlidj  burd)  bte  in 
ber  9lnorbmmg  liegenbe  unb  alfo  bei  jebem  ®aj  mieberljolbare 
Söesieljung  auf  ba§  eigentümlich  djriftltdje.  SBottte  man 
fjiebon  abfeilt:  fo  mürbe  man  freilidj,  sumal  atte§roa§in  ba% 
bebtet  ber  c&riftlicben  Sittenlehre  gebort  au§gef<$loffen  Ueiht, 
fagen  tonnen,  e§  mären  bogmattfdje  ©äse,  bk  nur  ba$  mono« 
fl&etfttfc&e  im  allgemeinen  auSfprädjen,  obne  ba%  Ijerbortrete, 
ob  fie  ber  teleologifcben  ober  ber  äftbetifdjenSInftcbt  angeboren. 
£)afjer  ift  e§  notfjtoenbig,  ba%  menn  allgemeine  5lnbeutungen 
auf  bit  cbriftlidje  ©ittenlebre  in  ber  ($51auben§tebre  nidjt  ge* 
geben  merben,  man  bodj  biefe§  immer  im  5Iuge  babe,  bafe  ju 
einer  mie  audj  immer  geftalteten  djrtftlidjen  ($5Iauben§leljre 
auc£)  eine  übereinftimmenb  mit  üjr  ftd&  entmilfelnbe  (Sitten* 
lefjre  roefentlictj  gebore. 

3.  SBirb  nun  beibe§  gleicb  gefest,  Sljatfadjen,  roeldje  in 
^esie^ung  auf  ben  (SJegenfas  [cbon  borau§gefest  merben ,  unb 
meiere  in  ber  gefammten  ©ntmifflung  be§  ®egenfase§  unber- 
änbert  bleiben;  roirb  femer  behauptet,  bafj  biefe  mit  ben  burdj 
t>en  (Segenfas  beftimmten  stammen  genommen  bie  gan&e  d)rift« 
liebe  Sefjre  umfaffen:  fo  folgt  barau§,  ba%  ftreng  genommen 
nid)t§,  ma§  ausliefe  enb  einer  Seit  angehört,  meiere  ber 
diriftlicben  ©ntroifflung  iene§  ®egenfase§  borangeljt,  unb  eben 
fo  wenig  roa§  einer  Seit  angebört,  meiere  erft  beginnen  fott, 
menn  bk  Unfäbigfeit  gänglid)  befiegt  unb  berfebrounben  ift, 
mit  in  ben  Umfang  ber  djrtftlid^en  Setjre  im  eigentlichen  ©hm 
aufgenommen  merben  fann:  fonbern  nur  fofern  e§  mit  ben 
frommen  ®emütb§suftänben  innerhalb  biefe§  ($5egenfase§  in 
einer  nacbroei§lidjen  unb  beftimmten  55erbinbung  ftebt.  £>a§* 
felbe  gilt  nun  audj ,  ba  alle  c^riftltcrje  grömmigfeit  auf  ber 
(grfc^einung  be§  (£rtöfer§  berubt,  bon  Mefem,  ba§  nämlicfc 
nid)t§  iljn  betreffenbeS  al§  eigentliche  Sebre  aufgefteUt  merben 
fann,  roa§  niebt  mit  feiner  erlöfenben  llrfäcrjlicrjfett  in  $er* 
binbung  fter)t  unb  ft$  auf  ben  urfprüuglicben  ©inbruff,  ben 
fein  ©afein  machte,  surüflfübren  läßt  2öa§  bierüber  5inau§* 
3el)t,  ba%  mufj  alfo  entmeber  eigentlich  einem  anbern  Drte 
angehören,  ober  e§  fann  nur  um  irgenb  einer  befonberS 
nadjsuroeifenben  entfernteren  SBesieljung  mitten  feinen  £)rt 
fteljauüten. 

§.30.  Sitte  <5äse,  meiere  bie  d)riftüd)e  ©faufcettSleljre 
auf^uftetten  fyat,  fönnen  gefaxt  merben  entmeber  als  Söe^ 


136  *>erd&ri|ffl($e<&Haube.  Srfter  Sfcll. 

föreibungen  menfdtficber  SebenSguftänbe,  ober  at<8  23e* 
griffe  t-on  göttlichen  ©igenfcbaften  unb  §anblung3toeifen, 
ober  als  2lusfagen  oon  23efd)affenbeiten  ber  SQBelt;  unb 
alle  biefe  brei  gormen  b<*ben  immer  neben  einanber  be* 
flanben. 

1.  $)a  ba$  fdjledjtlnnige  Slbljängigfeüsgefüfjl  au<$  in  bem 
Gebiete  ber  (Srlöfung  immer  nur  gur  (£rf$etnung  fommt, 
b.  5.  ein  nnrfltdjes  jeiterfüllenbes  ©elbftbenmfctfetn  mirb,  fo* 
fem  e§  burdj  eine  anbere  SBefttmmtSeit  bes  ©elbftbettmtetfeinä 
aufgereöt  ftdj  mit  bemfelben  einigt:1  fo  tft  audj  jebe  formet 
für  baffelbe  eine  formet  für  einen  beftimmten  (Gemütbsäuftanb ; 
mithin  muffen  audj  alle  ©äjc  ber  (Glaubenslehre  als  fotctje 
gormeln  tonnen  aufgeteilt  toerben.  5lber  eine  jebe  folcEie 
ftnnltdje  Söefttmmtfjeit  bes  <Selbftbettmf3tfeins  meidet  äugletcfy 
äurüff  auf  ein  befttmmenbes  aufjertjalb  be§  (SelbftbemufjtjetnS' 
®a  nun  tiefes"  beftimmenbe  toegen  bes  in  jebem  menfdj)ltd)en 
SÖenmfjtfetn  fdjon  immer  fcoftulirten  allgemeinen  Bufammen* 
Ranges  audj  immer  als  ein  £ljeit  beffelben  auftritt:  fo  fann 
aud)  eine  jebe  fo  entftanbene  Stftobiftcation  bes  fdjledjtfjtnigen 
2lbf)ängigfeit§gefüf)ls  erfannt  toerben,  toenn  basjenige  am  (Ge* 
fammtfein  befdjrieben  hnrb,  morauf  ber  betreffenbe  guftanb 
berufjt.  @o  gefafjt  toerben  mithin  bie  bogmatifdjen  ©öje. 
5lu§fagen  über  Söeftfmffenljeiten  ber  SBett,  nämtidj  nur  für 
bas  fd)lec£)tf)imge  51bbängigfeitsgefüljl  unb  in  Söesiefjung 
auf  basfelbe.  (£nblict)  aber  ba  nidjt  nur  bas  fdjledjt* 
Einige  3lbtjängigreitsgefüljl  an  unb  für  ft$  ein  Sftttgefest* 
fein  (Gottes  im  ©eibftbetoufjtfein  ift,  fonbern  au$  bas  (Ge* 
fammtfein,  oon  meinem  nacf)  9ftaafcgabe  ber  Stellung  be§ 
©ubjects  alle  95eftimmt^)eiten  bes  ©elbftbehmfetfeins  aus=-- 
getjen,  unter  jenem  Slbljängigfettsgefüf)!  befaßt  ift:  fo  fönnen 
alle  99cobiftcationen  bes  Pieren  (SelbftbetuuMeins  audj  bar* 
fieftellt  merben,  inbem  (Gott  bejeidjnet  ioirb  als  ber  bieg 
Sufammenfein  in  feinen  berfdjiebenen  SBertt) eilungen  be^ 
arünbenbe. 

2.  dergleichen  mir  biefe  brei  möglichen  formen  mit  ein* 
anber:  fo  ift  flar,  ba%  Söefdjreibungen  menftfjltcfyer  (Gemüts 
äuftänbe  biefes  Sn&altes  nur  aus  bem  (Gebiet  ber  innern 
(Srfafjrung  hergenommen  merben  fönnen,  unb  ba%  ftdj  alfo 
unter  btefer  gorm  nichts  frembes  in  bie  djriftltdje  (Glaubend 
Iebre  einfdjletdjen  fann,  mogegen  atterbings  Slusfageu  öott 

«gl.  §.  5. 


gtoeiteg  Sattel.  25on  ber  2ftetfjo&e  ber  ©ogmatif.  137 

Söefc^ affettfj eiten  ber  SBelt  Ttaturtüiffenf(^aftli(^  fein  tonnen, 
unb  Begriffe  bon  göttlichen  &anbtung§meifen  rein  metabMtfc§ ; 
unb  bann  ftnb  betbe  auf  bent  Boben  ber  SBiffenfctjaft  erzeugt, 
alfo  bent  objectiben  SBemufjtjeüt  unb  ben  ®runbbebingungen 
beffelben  ange^örtg,  bon  jener  innem  (Srfabrung  aber  unb 
ben  Sljatfadjen  be§  Pieren  ©elbftbemu£t[ein§  unabhängig. 
2)iefe  beiben  formen,  unb  unter  bit  erstgenannte  gehören 
natürlich  aucb  alle  ©äse  bon  allgemein  antbrobotogifd)em 
Sfrifjalt,  gewähren  alfo  an  unb  für  ftct)  feine  ©idj)  erl)  eit ,  bafc 
alle  fo  gefaxten  ©äse  maljrljaftig  bogmatifc^e  ftnb.  $6aber 
muffen  mir  bie  Beitreibung  menfdjlic&er  guftänbe  für  bic 
bogmatifdje  <$5runbfomt  erflären,  ©ä^e  aber  bon  ber  jmeiten 
unb  britten  gorm  nur  für  guläfftg,  fofern  fte  ftd)  au§  ©äsen 
ber  erften  gotm  entmiffeln  laffen;  benn  nur  unter  Meier; 
BeMngung  tonnen  fte  mit  ©ic^er^eit  für  5lu§brü!!e  frommer 
(5$emütf)§erregungen  gelten. 

3.  SSenn  nun  alle  ber  djriftlidjen  ®lauben§Ie§re  an* 
gehörigen  ©äse  in  ber  (55runbform  unftreitig  auSgebrüfft 
merben  fonnen,  unb  ©äge,  meiere  (Sigenf haften  ®otte§  unb 
S3efcrjaffentieiten  ber  Sßelt  au§fagen,  bodj  erft  auf  ©äge  bon 
jener  gorm  surüffgefübrt  merben  muffen,  menn  man  bor 
bem  (Stnfdjleicfien  fremdartiger  rein  roiffenfdj)aftli<$er  ©äse 
ftdjer  fein  miß;  fo  fctjetrtt  e§,  bafj  bie  ijriftlid^e  @>lauben§s 
leljre  nur  jene  ($5mnbform  folgerest  burtfoufüljren  Ijabe,  um 
bie  jtnofafe  ber  $riftli<$en  grömmigfett  %u  boüenben,  bafc 
fte  bte  beiben  anbem  aber  als  überflüfftg  gän§lic^  hei  ©eite 
ftellen  fonne.  Mein  mollte  iemanb  gegenmärtig  bie  <^rtftltcrje 
©lauben§lel)re  fo  be^anbeln:  fo  ftänbe  ein  foldje§  Sßer! 
tfolirt  oljne  alle  Qefct)t<^)tlict)e  Spaltung,  unb  eS  fehlte  i&m 
ntdjt  nur  ber  eigentlich  firctjltcxje  (Sljarafter,  fonbem  e§  fönntc 
aud)  mie  boEfommen  treu  e§  immer  ben  ^nfjalt  ber  djrift* 
liefen  Se^re  roiebergäbe,  bo<$  ben  eigentlichen  Stoeff  öKer 
©ogmatif  ntdjt  erfüllen.  2)enn  ba  bie  bogmattf<|e  ©brache 
Ttct)  nur  aEmäljlig  au§  ber  in  ben  öffentlichen  religiöfeit 
äftittbetlungen  Ijerrfäienben  gebilbet  Ijat:  fo  mufjte  ba$  rje* 
torifc^e  unb  I#mmfcf)e  in  biefen  bie  Bilbung  bon  gegriffen 
göttlicher  (£igenf  haften  borsüglidj  begünftigen,  ja  fte  mürben 
notfjmenbig,  um  jene  2lu§brüffe  auf  i$r  rechtes  SDcaafj  gu 
bringen.  (Sben  fo  nun  entftanben  tljeil§  au§  biefen  tfjeilB 
au§  bem  Bebürfnifc  ba$  BerftältnifL  amifdjen  bem  9ftei$e 
®otte§  unb  ber  SBelt  feftaufteHen  3lu§|"agen  über  bie  Be* 
fct)affertr)eit  ber  SSelt;  unb  beiberlei  ©äse  mürben  burdj  bte 
überljanbneljmenbe  Bearbeitung  ber  Sftetaöl^ftf  in  Berbinbung 


138  ©er  djrifffld&e  (Klaube.  Grfter  SljelL 

mit  ber  ^ogmatif  nodj  mit  (Umliefen  frembnrtigcn  bermeljrt, 
roof)ingcgen  natürlich  bie  ©runbform  aurüff&lieb ,  itnb  faft 
nur  in  ntinber  huffenfdjafrltdjen  £>arftcllungen  ifjren  Drt 
fnnb.  2)al)cr  eine  ^Bearbeitung ,  meiere  fidj  iejt  ganj  auf 
bie  eigentliche  ®runbform  bekrönten  mollte,  ftet)  an  ba§ 
bisherige  gar  nid)t  anfcljliefjen ,  aber  eben  beSfjab  aud)  menig 
brauchbar  fein  mürbe,  meber  um  bie  ©laubenSlebre  tion  ben 
fremben  SBeftanbtbeilen  su  reinigen,  nod)  um  bie  rebnerifdje 
unb  btcrjterifctje  OTtttjeitung  flar  unb  mat)r  §u  erhalten. 

§.  31.  SDte  oben  angegebene  @tntt)etlung  mirb  alfo 
naefy  allen  liefen  brei  gormen  ber  ^Reflexion  über  bie 
frommen  ©emüt^erregungen  t>oHftänbig  burctypfüfyren 
fein ,  unb  jtoar  fo ,  bag  überall  bie  unmittelbare  33e> 
fctjreibung  ber  ©emüt^juftänbe  felbft  gum  ©runbe  ge* 
legt  roirb. 

1.  ©o  mie  fiel)  bie  Elemente  ber  £)ogmatif  fragmentarifet) 
gebilbet  Ijaben,  unb  Ijemact)  bie  2)ifciptin  felbft  meljr  au§ 
biefen  äu£erlid)  sufammengefügt  al§  organifdj  erzeugt  morben 
ift,  erflärt  e§  ftet)  leitet,  ba%  größtenteils  (Sä^e  bon  allen 
brei  formen  oljne  Unterf Reibung  sufammengeftellt  morben 
finb,  feine  bon  ibnen  aber  boltftänbig  unb  üb  erfiel)  ttidj  burct> 
geführt  ift.  Wem  ein  foldjer  Buftanb  ber  2öiffenfcr)aft 
genügt  ber  gorberung,  meiere  an  fie  mit  iRecfjt  gemalt 
merben  fann,  feine§mege§,  unb  an  beffen  (Stelle  muß,  menn 
man  boct)  bei  ber  ($5runbform  allein  nierjt  fielen  bleiben 
fann,  nottjmenbig  bie  in  unferm  ©aj  angegebene  SBottftänbia,* 
feit  treten;  burd)  meldje  allein  ba$  gegenwärtige  SBebürfnifj 
befriebigt  derben  fann.  SBie  nun  bie  oben1  aufgeteilte  att« 
gemeine  SBefdjreibuug  ber  crjriftticrjen  grömmigfeit  biefer 
Ganzen  ©arftellung  fo  ^um  ®runbe  liegt,  bafj  aud)  bie  ©ins 
tbeitung  ftet)  auf  fie  besiegt:  fo  mtrb  eine  äfjnlicfje  allgemeine 
SBefdjreibung  ber  djriftUctjen  grömmigfeit  biefer  ganzen  ®ar- 
ftellung  fo  sunt  (35runbe  liegt,  bafj  audj  bie  ©intljeilung  fid) 
auf  fie  besiegt:  fo  mirb  eine  älmlidje  allgemeine  $8e= 
fctjreibung  jebem  einzelnen  SDjeil  boranäuftellen  fein,  auf 
meiere  ftcb  gleichfalls  bie  meitere  ©lieberung  beffelben  begießt, 
unb  mit  biefer  tuerben  bie  firctjlidjen  Setyren,  bie  bemfeiben 
(Gebiet  angeboren,  in  SSerbinbung  gebraut,  juerft  bie,  meiere 
ber    unnüttclbaren    ©jüofition    be§    ®emüt&§auftanbe§    am 

1  ©.§11. 


StoetteS  Äatftel.  Son  ber  Sftetfjobe  ber  ©ogmatt!.  139 

näcrjften  fommen,  unb  bann  bte,  melcfje  baSfelbe  unter  ber 
<$eftalt  t)on  göttlichen  (Sigenjcrjaften  unb  bon  Söefctjaffentjeiten 
ber  SSelt  auSfagen. 

2.  hieraus  folgt  freiließ,  ba%  bie  Seljre  bon  (Sott,  fofem 
fie  ftctj  in  ber  ©efammtfjeit  ber  göttlichen  (Etgenicrjaften  bar- 
fteHt,  nierjt  etjer  als  mit  bem  (fangen  auQleictj  boßenbet  wirb, 
ba  man  fie  gemöfmlid)  ununterbrochen  unb  bor  allen  anbem 
Seljrftüffen  borträgt,  allein  biefe  S8er|djteben§eit  fann  fcrjmerlict) 
als  ein  ^acrjtrjetl  angefeljen  merben.  £)enn  beffen  nierjt  au 
gebenden,  bafj  boctj  göttliche  (Stgenfcrjaften  unb  ^anblungS- 
roeifen,  meldte  ftctj  auf  bie  ©ntmifftung  menfctjlicl)er  Buftänbe 
auSfd)  tiefend)  besiegen,  roie  man  bieS  bon  allen  fogenannten 
moralifdjen  (£igenfct)aften  ®otteS  fagen  fann,  nietjt  berftanben 
merben  !önnen  oljne  borgängige  ^enntnifc  biefer  guftänbe, 
ift  boctj  im  allgemeinen  unläugbar,  bafj  bie  üblidje  3ln- 
ovbnung  befonberS  geeignet  ift,  baS  Sßertjälrnifj  biefer  Sefjreu 
fomol  gu  bem  fctjledjttjinigen  5lbtjängigfettSgefüfjt  überhaupt, 
als  auetj  §u  ben  ($runbtf)atjac§en  ber  ctjriftltctjen  grömmigfeit 
3u  berbergen,  unb  ben  (Schein  gu  unterhatten,  als  ob  fie  eine 
babon  ganj  unabhängige  fpeculatibe  Xtjeorie  mären.  23o* 
gegen  unfere  SJtoljobe  nietjt  nur  biefen  Bufammenljang  in 
baS  boltfte  Sictjt  fest,  fonbern  auetj  baSjenige  näljer  sufammen= 
fteHt,  ma§  nur  mit  unb  buretjetnanber  berftanben  merben 
fann. 

Bufag.  SSeitere  Sßergletctjungen  beS  tjier  aufgeftellten 
«Schematismus  mit  ben  gemöljnltctjeren  unferer  älteren  unb 
neueren  Setjrbüdjer  unb  (Stjfteme  mürben  bie  (Trensen  biefer 
(Einleitung  überfctjreiten ,  ia  fie  gar  feinen  Söeruf  tjat  su 
botemifiren,  unb  bie  $ertt)etbtgung  ber  SJcet^obe  aud)  nid)t 
unberS  geführt  merben  fann  als  buretj  bie  2luSfüfjrung,  felbft. 


S)er 

manUnäkfyxt  crftcr  Sijetl 


(grfter  $l)etL 

©nttoifftung  be§  frommen  ©eI6ft6eit)u^tfem§r 

tüte  e§  in  jeber  d)riftlidj  frommen  (äemüt^S^ 

erregnng    immer  fdjon    fcorauSgefegt    toirb, 

aber  aud)  immer  mit  enthalten  ift. 


@  t  n  t  e  i  t  u  n  g. 

§.  32.  <>5rt  iebem  $rtftli#  frommen  ©elbftberoufct* 
fein  toirD  immer  fcfyon  t>orau3g,efe§t,  unb  ift  alfo  audj 
barin  mit  enthalten,  ba£  im  unmittelbaren  ©elbfibetoufst* 

fein  fid?  WMi^>^55HSM  ftnoenf  a^  oie  eirW9£ 
Söeife  iüie~  im  äügemelnen  baä  eigne  (Sein  unb  baä 
unenbtiaje  ©ein  ®otte£  im  ©etbftberoufetfetn  (SineS  fein 
lann. 

1.  ®afj  ^ier  ba$  gefammte  äjrtftlid)  fromme  ©elbftbenmfjt* 
fein  al§  befannt  borauSgenommeu  mirb,  ift  oötfig  unberfäug* 
lief);  benn  inbem  ^ier  t>on  bem  befonbern  Snbalt  ieber  be* 
ftimmten  djriftlidjen  ®emütlj§erregung  gänäüc^  abgelesen,  unb 
baä  auggefagte  als  fetneStueseS  burc§  tiefe  S3erfc^teben^etten 
trgenb  befttmmt  gefegt  hnrb:  fo  fann  aud)  bon  unferm  ©aj 
für  ober  gegen  teine  bogmatifdje  2)arfteurmg  eine§  folgen 
befonbern  SnfcalteS  irgenb  etroaS  gefolgert  merben.  Unb  nur 
menn  iemanb  behaupten  mottle,  e§  tonne  ct)riftlicl)  fromme 
Momente  geben,  in  melden  ba§  ©ein  ®otte§  auf  foldje  SSeife 
gar  nidjt  mügefeat  fei,  b.b.  toeldje  gar  fein  ®otte§beU>uf3tfein 


144  ©er  djriftlidje  ©laube.  Grfter  Sljeil. 

im  ©elbftbcumfetfeiu  enthielten,  ben  mürbe  wtfer  603  au§ 
bem  ©ebiet  be§  bier  Leiter  su  befcbreibenben  djriftlidjen 
©laubenä  auS|  et)  liefe  en.  £)e§Ijaib  beruft  ftdj  gegen  einen 
folgen  ber  <Saä  auf  baZ  djrtftlid)  fromme  ©elbftbemufctfein, 
toie  e3  überall  in  ber  ebangelifc^en  ^trctje  nur  oorfommt  unb 
anerfannt  mirb;  nämlich  bafj  in  jeber  frommen  (SJemütb^ 
erregung,  mie  fe^r  aud)  ber  befonbere©et)alt  barin  borljerrfiie, 
bod)  ba§>  ©otteSbemufjtfein  barin  mitgefeät  fei,  unb  burd)  irgenb 
etma§  anbere§  nid)t  fönne  aufgehoben  merben,  fo  bafj  e§  feine 
S3eäiebung  auf  (£ljriftum  geben  fönne,  in  melier  nidjt  audj 
SBeaielmng  auf  (55ott  märe.  Bugleid)  aber  mirb  auct)  auSgefagt, 
bafj  biefeS  ©otteSbemufjtfein,  fo  mie  e§  t)ier  betrieben  ift, 
nid)t  für  ft<$  allein  einen  mirflict)en  frommen  Moment  con- 
ftituire,  fonbern  immer  nur  in  SSerbinbung  mit  anberen  näheren 
Sßeftimmungen;  fo  bafj  btefeS  in  aßen  (Srf Meinungen  ber 
ctjriftlicrjen  grömmigfeit  ibentifctje  fidj  gu  ben  einseinen  9fto= 
menten  nur  öertjält,  mie  im  Seben  überhaupt  ba§  Sdjfeäen 
eine§  ^eben  §u  ben  einselnen  Momenten  feine§  ©afeinS.  2)a= 
5er  mit  unferm  (Saa  bie  SBetjauptung  feine3mege§  im  SBiber* 
fprud)  fteljt,  bafj  in  ieber  crjriftlictjen  frommen  (Erregung  aud) 
eine  Söesieijung  auf  (Sijrtftum  fein  muffe.  SSielmetjr  mcnn 
fictj x  ba$  fromme  <S5efül)l  sunt  mirflidjen  Moment  nur  au3= 
prägt  al3  &tft  ober  Untuft;  in  ber  djriftlicrjeri  ©lauben^meife 
aber  bie  in  ber  religiöfen  Unluft  gefeate  Hnfärjigfeit  bem 
Mangel  an  (Stemeinfdjaft  mit  bem  (Srlöfer  äugefd&rieben,  tjin* 
gegen  bie  in  ber  religiöfen  Suft  gef e§te  &eid)ttgfeit  ba§  fromme 
©efüljl  äu  oermirflidjen  al§  eine  au3  biefer  ©emeinfdjaft  un§ 
gemorbene  9)cittt)eilung  angefeljen  mirb:  fo  ift  offenbar,  bafj 
e3  in  ber  ct)riftlict)eri  ©emeinfdjaft  feinen  frommen  Moment 
giebt,  in  roeldjem  nidjt  au<$  Söesieljung  auf  CHjriftum  mit* 
gefegt  1% 

2.  (£§  giebt  bon  biefem  ftd)  fct)Iedt)t^tn  abhängig  finben 
aud)  eine  unfromme  (£rflärung,  nämltci)  al§  fage  e3  eigentlich 
nur  bie  2lbt)ängigfeit  be§  enblidjen  (Sütäelnen  oon  ber  ©ans= 
beit  unb  ®efammttjeit  atfe3  enblidjen  au§,  unb  ba3  mag  barin 
mitgefeät  unb  morauf  begogen  mirb,  fei  mittun  nicrjt  ®ott 
fonbern  bie  2öelt.  Mein  mir  fönnen  nictjt  anber3  al§  biefe 
(ürfiärung  für  ein  9ftifjuerftänbnifj  anfefm.  üftämlidj  töne 
fennen  aud)  ein  Sftitgefeatfein  ber  Söelt  in  unferem  ©clbft- 
fceroufjtfetn,  aber  e§  ift  ein  anbereS  aI3  baä  STOgefestfein 
©otte3  in  bemfelben.    S)enn  bie  Sßelt,  menn  mau  fie  aud) 

1  SSgl.  §.  5. 


©er  ®[au6en§Iel)re  crftcr  33jetl.  145 

als  ©utfjett  fest,  Ift  fte  bodj  bie  in  fiel)  felbft  geseilte  unb  §er* 
fpaltene  (Stilett,  meldte  sugleicb  bie  ®efammtbeit  aller  ($5egen^ 
fäje  unb  ^Differenzen  unb  alles  burdj)  biefe  beftimmten  Sftanntg* 
faltigen  tft,  mobon  ieber  Sftenicb  audp  eines  ift  unb  an  allen 
jenen  (Segenfäsett  Xbeit  bat.  3)aS  GinSfein  mit  ber  Sßelt  int, 
(Selbftbenntfstfein  ift  alfo  ixictjt§  anberS,  als  bafTmtr  unSj 
unferer  felbft  als  eineS  in  biefem  (fangen  mitlebenben  SDjeileSi 
bemüht  finb ;  unb  bieS  fann  unmöglich)  ein  SBemufttfein  fdjledjt* 
Einiger  51bbängigfeit  fein.  Sßielmebr  ba  alle  mitlebenben  %^t\lt 
in  SSedjfelmirfung  unter  einanber  ftefm:  fo  ift  biefeS  mit  bem 
(fangen  eineS  fein  in  jebem  folgen  %$ eile  mefentltdj  ein  gtoie* 
fadjeS,  ein  ®efüf)l  ber  $l6ljängtgfeit  freiließ,  fofern  bie  anberen 
Stbeile  felbfttbätig  auf  ibn  einmirfen,  aber  eben  fo  audj  ein 
®efüljl  ber  greüjeit,  jofern  er  felbft  ebenfalls  felbfttbätig  auf 
bit  anbern  Steile  einmirft,  unb  baS  eine  ift  bon  bem  anbern 
ittdjt  §u  trennen.  S)aS  fdjlec^ttjtntge  SCbbängigfeitgefübl  alfo 
ift  nid)t  als  ein  Sftttgefeatfeüt  ber  Sßelt  ju  erflären,  fonbern 
nur  al§  ein  ägttgefeatf ein  <35otte§  als  ber  cräfpjuten  ungeteilten 
^injeil.  S)emt  toeber  giebt  eS  in  Q^iebung  auf  (5$ott  un- 
mittelbar ein  greifjeitSgefüjjt,  nodj)  au<$  fann  baS  Slbbängig* 
feitSgefüljl  in  l&estefiung  auf  iljn  ein  folcbeS  fein,  bem  ein 
greibeitSgefübl  als?  (äegenftüff  sufommen  fann;  fonbern  aud) 
auf  ber  Ijödjfteit  Stufe  ber  djrtftltdjen  grömmigfeit  unb  beim 
flarften  SÖetuufctfeüt  ber  ungebemmteften  ©elbfttptigfett  bleibt 
bod)  bie  ©djledjitbinigfeit  beS  5lbbängigfeitSgefüljlS  in  Söejug 
auf  ijjn  unö erring ert.  Unb  bieS  foU  ber  SluSbruff  bezeichnen, 
baS  ft$  fd)lecf)tbin  abhängig  finben  fei  bie  einzige  SSetfe,  mie 
<35ott  unb  $cb  im  ©elbftbemufjtfein  sufammen  fein  fann.  SBtff 
man  biefen  Unterfcbieb  alfo  aufbeben  unb  baS  auf  (5>ott 
jurüütueifenbe  ©elbftbemufjtfein  mtfjfennen,  als  fei  eS  fein 
anbereS  als  baS  auf  bie  SSett  surüffmetfenbe:  fo  mufj  man 
aud)  in  biefem  lederen  bk  Realität  beS  greüjeitSgefüblS  be^ 
ftreiten,  mitbin  baS  ledere  ganz  aufgeben,  ba  eS  feinen  felbft- 
bemühten  Moment  giebt,  in  meinem  mir  unS  nidjt  in  eins 
mit  ber  SBelt  fegten,  ttnb  afterbingS  rüljrt  aueb  biefe  unfromme 
©rftärung,  meldje  unS  bk  bter  bebauptete  ©igentijümlicfcfett 
beS  frommen  «SelbftbemuMeinS  ol§  iäufdmng  bermirft,  tfjeilS 
t)on  folgen  ber,  melcbe  aud)  atCeS  greibeitSgefüljt  für  £äufd)ung 
erflären,  tfjeilS  freiließ  aueb  oon  folgen,  meldje  inbem  fte  be^ 
Raupten,  eS  gebe  ni^tS,  mobon  mir  unS  f^lecbt^in  abhängig 
füblen  fönnten,  alles  SluSeinanberbalten  ber  ^been  ©ott  unb 
Ußett  bermerfen. 

3.    2)a^  mir  un§  nun  bier,  ba  mir  au§  bem  (gzhkt  ber 

©<§L,  «$riftf.®I.L  10 


146  »er  djrtfMdje  ©Iaube.  (grfter  3#eü. 

cfmftlicben  grömmtgfeit  gar  nicbt  mebr  btnau§gefjn,  au(& 
nid)t  um  bn§  nod^  nidjt  gehörig  entrotffelte  unb  ausgegebene 
fromme  Ö5efüt)l  befümmem,  mettf)e§  btc  ^ol^t^eifttf^en 
©laubenStoeifen  conftitutrt,  ba§  oerftefjt  ftdj  bon  felbft;  beim 
in  d)rtftlid)er  grömmigfeit  lann  nur  monot§eifti|d)e§  rnttgefest 
fein.  SBenbet  man  hingegen  auf  ber  anbem  (Seite  ein,  ba& 
aufgehellte  gePre  beSioegen  nic^t  bieder,  toeil  e§  nidjt  fotuoi 
etgentfjümltdj  d)riftltdj  fei  als  oietmebr  gemeinfam  mono- 
tt)eiftifct):  fo  ift  ju  antworten,  bafj  eS  eine  blofe  mono* 
tbeiftifdje  prömmigfeit,  in  roelcber  ba§  ®otte3berouf3tfein  an 
unb  für  ft$  fdjon  ber  Sn^alt  ber  frommen  SebenSmomente 
märe,  gar  nidjt  giebt:  jonbern  fo  roie  in  ber  c&riftlidjen 
grömmigfeit  mit  bem  ®otte§benmf3t[ein  immer  eine  Söesie^ung 
auf  (£fjriftum  borfommt,1  fo  in  ber  jübtfdien  immer  eine  auf 
ben  ©efesgeber  unb  in  ber  mubamebanijd&en  auf  bie  Offen* 
barung  burdj  ben  ^ropfjeten.  3>n  unfern  beüigen  ©Triften 
für)rt  beSljalb  ©ott  beftänbig  ben  Beinamen  be§  SSaterg 
unferS  £>errn  Sefu  (Sfjrifti:  unb  ber  SluSforudj  ©t)rrftt  So§.  14, 
7.  9.  fc&liefjt  bod)  sugteidj  aud)  biefeS  in  fidj,  bafj  jebe  2k= 
Stef)ung  auf  (£ljriftum  audj  ©otteSbeitmfctfein  enthält. 

§.  33.  S)ie  Slnerfenmtng,  bajj  biefe£  fdjle$tt)imge  2lb* 
pngigfeitSgefüfyl,  inbem  Sarin  unfer  ©elbfttoufctfein  bie 
@nblt$feit  be£  ©ein3  im  allgemeinen  oertritt  (33gL§.8,2.), 
nid&t  etroaS  gufäUigeS  ift  nod?  aud?  ettuaä  perfönliä)  oer* 
fd?iebene£,  fonbern  ein  allgemeines  SebenSelement,  erfcjt 
für  bie  ©laubenälefyre  oottftänbig  alle  fogenannten  SBetoetfe 
für  ba8  2)afein  ©otte«. 

Melanchth.  loc.  de  Deo.  Esse  Deum  et  praecipere  obedien^ 
tiam  juxta  discrimen  honestorum  et  turpium  impressum  hu- 
manis  mentibus.  —  Zwin  gl.  d.  ver.  et  fals.  rel.  p.  9.  Fucus 
ergo  est  et  falsa  religio,  quicquid  a  Theologis  ex  philosophia, 
quid  sit  Deus,  allatum  est.  —  Clem.  Strom.  VII.  p.  864. 
raorts  [xev  ouv  £v8iocO-£Tov  t(  Igtiv  ayafrbv,  xai  avsu  xou  ^rjxetv 
xbv  &zov  öfJLoXoyoüaa  toutov  etvat  xa\  8o£a£ouaa  to;  6'vTa* 
oftev  xpt|  arb  Tötung  avay6[i.evov  ir)<;  7t(aTew;,  xat  au^xh'vxa 
iv  au-rij  X^PtTt  ^"E°S  ^h*  TOP^  auT0"  xofifaaaO-ai  tos  otöv  xi  loti 
yvaJaiv. 

1.  man  fann  ntdjt  ba$  poftulirte  ©elbftbemufjtfein  in  bem 
betriebenen   ^nbalt  äugeben,  unb  bod)   behaupten  motten, 


1  Quare  in  omni  cogitatione  de  Deo  et  omni  invocatione  mente»- 
intueantur  Christum  etc.     Melanchth.   Loc.  de  Deo. 


S)et  ©Icmbenäldjre  erfier  %t)til  147 

ba%  e§  cttüaS  unroefentltcbe§  fei  b.  5.  bafj  e§  in  einem  menjd)~ 
liefen  ©afein  Dorf  ommen  fönne  unb  aueb  ntdjt,  ie  nadjbem  ber 
äftenfdj  im  Verlauf  feinet  £eben§  mit  biefem  ober  mit  jenem 
gufammentrifft.  ©enn  ba$  (Srfdäeinen  beffelben  bangt  gar 
ntebt  babon  ab,  bafc  einem  fomeit  entmiüelten  ©ubiect  trgenb 
etma§  beftimmteS  äufjerlicij  gegeben,  fonbern  nnr  bafj  ba$ 
finnige  (Selbftbemufjtfein  trgenbnrie  bon  auf$en  aufgeregt 
merbe.  2Ba§  aber  innerlich  borauSgefest  toirb,  ift  nur  ba$ 
Sitten  [djledjtijin  gemeinfame,  bk  ^ntelligenj  in  üjrer  fub* 
jeetiben  Function,  toelctjer  bk  ^idjtung  auf  baä  ®otte§* 
bemufetfein  mit  gegeben  ift.  —  SDafj  aber  ba§  f$ledjtbinige 
2lb^öngig!eit§gefübt  an  unb  für  fidj  aueb  in  TOen  baffelbe 
ift,  unb  niebt  in  bem  ©inen  fo  in  bm.  5lnbem  anber§,  folgt 
fc&on  barau§,  bafj  e§  niebt  auf  irgenb  einer  beftimmten  WlobU 
fication  be§  menfdjlidjen  ®afein§  beruht,  fonbern  auf  bem 
fct)Iecrjtrjtrt  gemeinfamen  SSefen  be§  SOcenfc&en,  melcbe§  bk 
SQ^ÖQltctjfett  alter  jener  ^Differenzen  in  fidj  täliefct,  burd) 
meldte  ber  befonbere  (55et)alt  ber  einzelnen  $erfönlid)feit  be* 
ftimmt  nn'rb.  —  Söenn  nun  rjierbei  afierbingS  ein  llnterfdjieb 
ber  SSoECfommen^eit  unb  Unbollfommenbeit  nadj  Sftaafcgabe 
ber  größeren  ober  geringeren  ©ntmüflung  zugegeben  roirb: 
fo  beruht  bk§  barauf,  bafj  bk  (Srftfjeinung  biefe§  (S5efütjfö 
aueb  babon  abfängt,  bafc  ein  ©egenfaj  in§  SBehmfctfein  aufc 
genommen  ift,  ber  fanget  ber  ©ntnrifflung  ift  aber  eben  ba% 
llngefonbertfein  ber  Functionen.  £)enn  menn  gegenftänbticbeä 
53emu^tfein  unb  (Selbftbemufjtfein  nodj  ntctjt  beftimmt  au§* 
einanber  treten  um  audj  beftimmt  auf  einanber  belogen  merben 
iu  fönnen,  fo  ift  baä  Söetoufetfetn  überhaupt  nod)  nidjt  als 
menf<f)lidj)e§  eigentlich  entroüfelt;  unb  roenn  ftnnlic|e3  ©elbft* 
benmfttfein  unb  IjöljereS  ©elöftbehmfjtfem  nodj  niebt  eben  fo 
bon  einanber  gefebieben  unb  auf  einanber  besiegbar  finb,  ift 
biefe  ©ntmilflung  nod)  nietjt  bollenbet. 

2.  ©empfolge  fann  nun  alle  ®  ottloftgf eit  be§  (Selbft* 
beumfjtfeinS  innerhalb  ber  djriftlidjen  ®emeinfcbaft  nur  in 
mangelhafter  ober  gehemmter  ©ntnrifrTung  begrünbet  fein; 
foE  fie  aber  aud)  hti  bollfommner  (Entmifflung  borfommen, 
fo  fönnen  mir  bieg  nur  für  Söaljn  unb  (Schein  erflären.  %Jlan 
fann  aber  borsügltdj  brej£tlei  ®  ottloftgf  eit  annebmen.  ©ie 
erjte  ift  ber  |inbif^e  ganslicbe  Mangel  an  ®otte§6eroußtfein, 
ber  ftd)  in  berlRegeT in  Verlauf  ber  natürlichen  ©ntmiffiung 
be§  ^nbibibuum§  berliert,  unb  nur  au§nafjm§meife  in  bk 
robe  ®ottlofigfeit  übergebt  hti  foldjen,  meldje  tfjrer  eigenen 
Weiteren  ©ntmüftung  feinbfelig  entgegenftreben.    S3eibe§  fann 

10* 


148  ©er  tfjriftüdje  ©fouöe.  esrfter  StJeU. 


ftd)  aufecrljalb  ber  d)riftlid)en  ®emeinfd)aft  im  ©rofjen  finbeit 
bei  Golfern,  meldje  auf  ber  ntebrigften  ©ntroimungSftufe  un* 
fdjulbiger  imb  fretttrittiger  fielen  bleiben.  £)od)  ift  fic  fo 
fdjtoeritdj  Qefd^icf)tli(^  nacljsuro  eilen.  —  £)ie  iioeüe  ©ottloftg- 
leit  ift  bie  ftnnJMe,  nämlidj  iuemt  smar  ein  fd)led)tf)inige3 
2lbl;ängigfett£gefül)l  erfdjeint,  aber  ba§  barin  mitgefejte  bod) 
ein  foi$e3  ift,  roooon  e§  feine  fdjledjt&uvtge  Slbljängigfeit 
geben  fann;  benn  roa§  leibenfd&aftSfä^iß  borgefteftt  wirb,  ba* 
Don  fann  e§  feine  fd)ied)tT)intge  Slbljcmgtgfeit  geben,  tocil  eine 
felbftttjätige  (ginnnrfung  barauf  möglich  ift.  ^n  biejem  Softer« 
fprud)  fann  man  bann  atoeifel&aft  fein,  ob  §ter  bit  ^td^tung 
auf  ba§  (SotteSbehmfetfeitt  in  ber  £tjat  genrirft  ljat,  unb  nur 
burct)  öerfeljrte  Sftefterton  bit  ©rfdjetramg  getrübt  mirb,  ober 
ob  bie  Üteftejton  ber  urfprünglidien  inneren  £ljat)adje  ange= 
meffen  ift,  unb  biefe  atfo  eigentlich  nidjt  bem  (gebiet  ber 
grömmigfett  angehört.  Mein  bie  Sßergleidjung  mit  ber  5lrt 
tüte  fid)  immer  in  ber  &Hnbt)eit  suerft  ba§  ®otte§beroufstfein 
manifeftirt,  geigt  beutltct)  bafc  Ijier  allerb tng§  bk  Ütidjtung 
auf  ba§>  ©otte§bett)ufetfcin  mirffam  ift,  unb  nur  megen  un* 
fcottfornrnner  ©ntmittlung  be§  ©elbftberaufjtfeinS  ber  ^rosefs 
nid)t  rein  ^u  (£nbe  geführt  rcerben  fann.  SBerroanbt  aber 
ift  biefer  „ßuftanb  offenbar  mit  bem  ber  Vielgötterei.1  SDenn 
berfelbe  $eim  ber  SOcannigfaltigfeit  ift  aud)  frier,  nur  ba£  er 
burd)  bie  entgegenftrebenben  ©innrirfungen  surüffgeljalten 
mirb,  unb  aud)  biefe  antl)ropoüatlrifd)e  Siuffaffung  ift  balb  ge« 
reinigter  unb  geiftiger  balb  auc&  bis  an  ben  getifcl)i§mu§ 
ftreifenb.  —  S)ie  taifiß.  ®ottlofigfeit  enbtid)  ift  bie  eigentlich 
fo  genannte  ($otte§läugmm&,  2ltt)ei§mu§,  toeldje  mitten  unter 
Triften  unbljet  Ootlfommner  ©ntmifflung  ja  auf  ben  pd)ften 
©rufen  ber  Söübung  al§  fpeculatioe  Stjeorte  au§geftorod)en 
nrirb.  SDiefe  nun  ift  jmiefac^.  (£ine§  £t)eil§  eine  freoetljafte 
<§>djeu  Oor  ber  strenge  be§  (StotteS&eiuufctfeinS,  unb  bann, 
mieraol  nie  ofme  bafj  Itcrjte  Slugenbliffe  basnüfdjen  träten, 
offenbar  ein  (£raeugnife  ber  gügelloftgfctt,  ai\0  eine  ®ranf fytit 
ber  Seele  geroöljnlid)  Oon  einer  SBeradjtung  aCCe§  iuteEectueÄen 
begleitet ;  unb  Oon  biefer  fann  man  ganj  eigentlich  fagen,  ba% 
fie  nict)t  ift,  roeil  e§  babei  ganj  an  ber  innem  SSafjrljett  feljlt. 
2lnberntl)eil§  ift  fie  eigentlich  nur  eine  raifonnirenbe  £)ppo- 
fitton  gegen  bie  gangbaren  meljr  ober  meniger  unangemeffenen 
®arftettungen  be§  frommen  33 emufjtfein§.  Sludj  ber2lrljet§nuz§ 
be§  ad)täctjnten  SafcrljunbertS  tr-ar  gröfetentJjeilS  nur  ein  bitrcfc 

1  §•  8,  2. 


£>er  Glaubenslehre  erfter  Sijetl.  149 

bie  fircbltcbe  £t)rannei  beröorgerufener  ®ampf  gegen  bie  in 
ber  Glaubenslehre  oerfteinerten  antbropopatfjifcben  $or= 
ftellungen.  2lber  menn  fo  über  ben  Mängeln  ber  Sarftettung 
aucb  bie  innern  Sbatfadjen  beS  (SelbftbemufctfeinS  felbft  gän^ 
Heb  berfannt  merben:  fo  ift  bieS  tiefe  ^ctfjoerftänbnifj  bocb 
nur  eine  Mnflidjfett  beS  SßerftanbeS,  bie  fidj  smar  bon  Seit 
äu  Seit  fporabtfcb  erneuern  fann,  aber  bo<$  nie  etroaS  ge= 
fdjtdjtüdj  Beharrliches  beröorbringt.  ©aber  !ann  aucb  biefe 
Sljatfadje  unferer  Söebauptung,  bafj  baS  bargelegte  fcblecbt* 
Einige  SlbbängigfeitSgefübt  unb  baS  barin  mitgegebene  GotteS* 
bettmfjtfein  ein  mefentlicbeS  menjdjltdjeS  SebenSmoment  fei, 
feinen  ©intrag  tbun. 

3.  Gefejt  aber  aucb,  man  fönnte  bie  OTgemeinbeit  beffelben 
beftreiten:  fo  mürbe  boct)  barauS  ber  GlaubenStebre  feine 
Verpflichtung  entfteben,  baS  3)afein  GotteS  ju  bemeifen, 
fonbern  fie  mürbe  baran  etmaS  ooßfommen  überflüffigeS  tbum 
Senn  infofern  au$  in  ber  <$riftlidjen  ®ircf)e  baS  GotteS- 
bemufjtfein  erft  entmiffelt  merben  foK  bei  ber  ^ugenb,  fönnten 
bocb  SBemeife,  menn  au<$  bie  ü^ugenb  im  <Stanbe  märe  fie  &u 
f äffen,  nur  ein  obtectiöeS  Söemufjtfein  berborbringen ,  melcbeS 
bier  gar  nicbt  begmefft  mirb,  unb  auS  melcbem  aucb  bie 
grömmigfeit  feineSmegeS  oon  felbft  Ijeröorgebt.  Sie  grage, 
ob  eS  bergleicben  Sßemeife  gebe,  unb  ob  nicbt,  menn  Gott 
unS  nicbt  unmittelbar  gemifs  ift,  bann  eigentlich  baS  untmttel* 
bar  gemiffe,  morauS  Gott  bemiefen  merben  fönnte,  Gott  fein 
muffte,  gehört  gar  nicbt  Ijieber;  fonbern  nur,  ba%  biefe  93e* 
meife  nie  ein  SBeftanbtfjeü  ber  GtaubenSlefjre  fein  tonnen, 
als  meldje  nur  für  biejenigen  ift,  meiere  bie.  betriebene 
innere  Gemifcbeit  öon  Gott  baben,  bereu  fie  fieb  in  jebem 
Stugenbliff  unmittelbar  bemüht  merben  fönnen.  SiefeS  nun 
märe  nacb  unferer  ©rflärung  bon  ber  crjrtftttctjen  Glaubens* 
lebre  gar  nidjt  nötr)ig  befonberS  auszuführen,  menn  eS  ntebt 
bocb  nötbig  fctjtene  gegen  bie  allgemeine  ^5rajiS  §u  proteftiren, 
meiere  an  biefer  ©teile  bie  Sogmatif  mit  folgen  SBemeifen 
auSftattet,  ober  menigftenS  fidj)  auf  biefelben  als  auf  etmaS 
öon  anbern  SSiffenfcbaften  ber  befannteS  beruft.  Saft  nun 
biefe  Berufung  für  ben  Sroeff  ber  Sogmatif  bößig  unnüa  ift» 
ba  meber  in  ber  ®atecbefe,  nod}  in  ber  Ijomiletifdien  Mit* 
tbeilung,  noefc  im  TOfftonSgefcbäft  irgenb  ein  Gebrauch  bon 
foleben  SBemeifen  ju  macben  ift,  unb  aueb  bie  ©rfabrung  jeigt, 
mie  menig  gegen  ben  oben  betriebenen  tbeoretif<$en  SltbeiS- 
muS  bureb  einen  foleben  ®ampf  ausgerichtet  mirb,  bieS  ber- 
ftebt  fieb  bon  felbft    Sie  Sogmatif  alfo  mufj  überall  bie  un* 


150  ©et  c^riftlirfie  ©laube.  <£rfter£$eU. 

mittelbare  ©eroifefjett,  ben  ©lauben,  borauSfcsen,  unb  bat 
oljo  audj  roa§  ba§>  ®otte§beroufjtfein  im  allgemeinen  betrifft, 
niebt  erft  bie  Anerfennung  beffelben  au  bewirf en,  fonbem 
nur  ben  ^nt)alt  beffelben  gu  enttoüfeln.  £>afj  üjr  folcfierlei 
SSeweife  aber  gar  ntdjt  gufommen,  ger)t  au<i)  fdjon  barauS 
berbor,  bafj  e§  unmöglich  ift,  bieten  Söetueifen  eine  bogma* 
tifebe  porm  ju  geben,  iubem  man  babei  auf  (Schrift  unb 
fombolifdje  ©ücfjer  gar  nt$t  aurüffgebn  fann,  Weil  btefe  felbft 
gar  ntcrjt  beroeifen,  fpnbern  nur  bebaubten,  unb  berjenige, 
für  ben  btefe  Söetjauptung  fdjon  eine  Autorität  ift,  feine§  ^8e- 
meife§  bebarf.  £)te  Ijerrfdjenbe  !üftetf)obe  bie  djriftlidje  ©lau* 
benSlefjre  bennod)  mit  folgen  SSemunftbemeifen  unb  mit  S8e= 
urt&eilungen  anrufet)  m  eilen  Ijat  ibren  ©runb  in  ber  nod)  au§ 
bem  t)atrtftifcr)en  geitalter  Ijerrüljrenben  $erroe<$felung  bon 
^^üofopbie  unb  SDogmatif.1  <5ef)r  bermanbt  mit  btefer  unb 
alfo  auef)  bier  namhaft  m  machen,  ift  bie  eben  fo  irrige  An* 
ficf)t,  bie  d)riftlirf)e  Geologie,  su  melier  ja  auef)  bie  S)og* 
matif  gehört,  unter[ccjeibe  ftet)  bon  ber  c^rifttierjen  Religion 
audj  buret)  ben  ©rfenntnifjgrunb ;  fo  nämlich  bafj  bie  Religion 
nur  au§  ber  ©djrift  fd)öpfe,  bie  Geologie  aber  audj  au3  ben 
SSätern  unb  au§  ber  Vernunft  unb  $$&tfofol>Ijie,  ba  boeb 
gerabe  bie  Geologie  au§  ber  ©crjrift  fdjöpft,  bie  ©c&rtft 
felbft  aber  erft  burd)  bie  c£)rtftXict)e  Religion  entftanben  ift, 
ma§  aber  au§  Vernunft  unb  ^Srjtlofoprjie  gefdjöpft  ift,  nidjt 
lann  djrtfiltdje  Geologie  fein.  (£§  ift  genrifj  ein  großer  ®e* 
mimt  liier  unb  anbermärt§  alle  SDcateriaüen  bon  btefer  Art 
au§  ber  d)riftlid)en  ®lauben£lebre  §u  berroeifen,  roeil  nur  ba* 
burd)  eine  (Stfeid&förmigfeit  be§  SBerfatjrenS  fjersuftetfen  ift, 
unb  eine  fol<$e  fdjhrierige  2Baf)i  ätotfdjen  moralifd)en  Söetoeifen 
geometrifdjen  93ett>eifen  unb  ma^rf^einlictien  SBeraeifen2  fein 
©efdjäft  ift  beffen  ftd)  ein  ©laub engtet) rer  audj  nur  su  feiner 
eignen  Söefriebigung  entlebigen  fann. 

Bufas.  (£3  fann  nidjt  unrecht  fein  an  btefer  «Stelle,  roie- 
tool  at§  ganj  aufeerfjalb  unfere§  gegenmörtigen  $erfaljren3 
Iiegenb,  bennod)  p  bemerfen,  bafj  e§  ein  eben  fold)e§  SD^tt^ 
Gefestfein  ®otte§  im  objeetiben  SBemufjtfein  geben  fann,  aueb 
ol§  ntd)t  an  unb  für  ftd)  in  ber  gorm  eine§  seiterfütfenben 
S3emufetfein§  erfc&einenb,  baä  aber  auf  ctfmlidje  Söeife  burd) 


1  Augustin.  d.  rer.  rel.  8.    Sic  enim  creditur  et  docetur,  quod 
tsehumanae  salutis  caput ,    non  aliam  esse  philosophiam ,  id  est  sa- 
•  dintiae  Studium,  et  aliam  religionem. 
*  <5.  Edn^arbtS  SDogm.  §.  7.  u.  §.  30. 


©er  ©lattöengleljre  erfter  S^ctL  151 

tue  ftnnlicfje  SSabrnebmung  ermefft  unb  sur  ©rftfietnung  ge* 
6rad)t  tuerben  fann,  unb  aller  tütffetxfc^aftlt^eii  (Geftaltung 
fomol  auf  bem  bebtet  ber  Statur  als  auf  bem  ber  (Sefdjicbte 
sunt  ®runbe  Hegt.  Sttlein  luic  eS  ber  SBiffenfdjaft  nur  sunt 
(graben  gerettfien  föuute,  memt  man  ftdj  für  fie  niottte  auf 
t>ie  SluSfagen  beS  frommen  ©elbftbenmfjtfeinS  berufen,  ober 
1>er  Sßiffenfdjaft  etmaS  auS  biefem  Gebiet  beimtfdjen:  eben  )o 
fann  eS  aud)  für  ben  (glauben  unb  bk  (Glaubenslehre  nur 
nacbtijeilig  fein,  memt  man  fte  mit  ftriff enfäaftltdjen  ©äsen 
tmrdjfd&iefct  ober  fte  oon  ber  (Grunblage  ber  SBiffenfdjaft  ab* 
gängig  mad)en  toül.  ®enn  bte  (Glaubenslehre  bat  e§  eben  fo 
mentg  mit  bem  objeettben  Söemufjtfein  unmittelbar  au  tbun 
.:      als  bte  reine  SKiffenfctjaft  mit  bem  fubiectiben. 

§.34.  £)aS  f$le$t&intge  ^bpngigfeitSgefiil?l  ift  in 
jeber  <$rtftlt$  frommen  Erregung  mit  enthalten,  in  bem 
Sftaafc  als  barin,  öermittelft  beffen  tooburd)  fte  mit  be* 
ftimmt  toirb,  gum  SBehmfjtfetn  !ommt,  bafj  mir  in  einen 
allgemeinen  ^aturpfammen^ang  geftellt  finb,  b.  $.  in  bem 
flftaafj,  als  mit  uns  barin  unfrer  felbft  als  3#etl  ber 
SBelt  betonet  finb. 

1.  S)aS  ftdj  feiner  felbft  als  eineS  £beilS  ber  SBelt  bettmfit 
fein,  unb  fidj  in  einen  allgemeinen  üftatursufammenfjang  ge* 
l'tettt  ftnben,  ift  eineS  unb  baffelbe.  gn  jebem  mirtli^en 
©elbftbemufjtfein  ift  entmeber  ein  SBesogenfein  unfereS  ©einS 
auf  ibm  entgegengefesteS  ober  gufammenfaffen  eineS  ^einj. 
unb  &aben3.  ®aS  unS  entgegengefeste  mufj  natürlich  ab* 
nehmen ,  ie  meljr  mir  unfer  ©elbftberoufctfein  ermeitera. 
^rmeitem  mir  eS  sunt  93en?u^tfein  ber  menfc&lidjen  Gattung, 
aber  finb  mir  unS  gar  unferer  felbft  als  enblicber  (Seift 
j<$leä)tijin  benutzt:  fo  ift  unS  nichts  meljr  entgegengefest,  als 
nur  maS  ber  ®eift  nidjt  f)at.  9?wt  aber  finbet  bit  (£r* 
Weiterung  nur  ^tatt  oermöge  einer  partiellen  gbentitöt,  mitbin 
eineS  StfatursufammenbangeS,  alfo  in  einen  9?atursufammen* 
$ang  beS  geiftigen  ©einS  ftnben  mir  unS  in  ieber  folgen 
Operation  geftellt.  —  gnbem  mir  aber  in  unferm  ©elbft* 
fcemufjtfein  bon  bem  (Seift  in  unS  bie  Drganifation  beftanbig 
untertreiben ,  ift  biefe  barin  gefest  als  bie  urfarünglidje 
%>aht,  urforungttd)  eben  bermöge  eineS  9?atursufammeri&angeS. 
©ie  ift  aber  in  unferm  ©elbftbemufjtfein  immer  gefest  als 
affteirt  bon  anberm  ©ein  unb  alfo  mit  biefem  ebenfalls  im 


152  S)er  djriftlidje  ®lau6c.  ßrjter  Sfjeil. 

S^atUQufommcnjanöC,  tiefer  aber  ift  nid)t  mit  einer  ©renae* 
gefegt  unb  alfo,  nur  unentmiffelt,  afle§  enblicfje  ©ein  in 
bemielben  mitgefeat.  (Eben  fo  unentmtffelt  ift  and),  wenn  nur 
unfer  (Setbftbemuitfein  au  bem  ber  menfd)tid)en  ©atrung  er* 
meitern,  bte  ganae  (Erbe  nebft  beren  3ufammenl)ang  nacr> 
aufeen,  ttjeil§  a!3  £abe,  tfjeilS  al§  entgegengefeateS  mitgefeat. 
Slber  ba§  entgegengefeate  ift  nur  im  ©elbftberoufetfein,  fofern 
e§  tm§  affteirt,  mithin  mit  un§  im  üftaturaufammenfjang  fteljt; 
unb  fo  ift  alfo  ber  gefammte  9caturaufammenf)ang  ober  bte 
SSett  in  unferm  «Setbftbemufjtfein  mitgefeat,  fofern  mir  un£ 
unierer  felbft  al§  eine§  £ljeil§  ber  SBelt  bemüht  ftnb.  £ie§ 
aber  mufj  vermöge  be§  jebeSmal  mitgelesen  ftnnlicrjen  (Selbft- 
bettmf$tfetn§  in  jeber  crjriftticf)  frommen  (Erregung  ber  gatt. 
fein.  Sind)  menn  mir  un§  unfrer  felbft  al§  nur  Oorftettenbe 
£f)ätigfeit  bemufjt  mären,  alfo  fofern  mir  ber  Ort  für  bk 
^Begriffe  ftnb :  fo  ift  bann  audj  baä  ©elbftbemufetfein  ber 
Ort  für  bie  SöaWeit,  mittun  ein  3ufammenf)ang  be§  ©ein£ 
im  (Selbftbennifjtfetn  gefegt,  melier  bem  .Sufammentjang  ber 
begriffe  im  objeetioen  Söemufstfein  entfprtdtjt. 

2.  93?an  ftnbet  atlerbingS  Ijäufig  bk  Slnftdjt,  ba§  je  meljr 
im  ©etbftbemufjtfein  ber  Sftaturaufammentmng  Ijeröortrete,  um 
befto  meijr  trete  ba$  fd)ted)ttnnige  5lbfjängigfeit§gefüfjl  anruft, 
unb  im  ©egentfjeil  bann  am  ftärtften  tjeroor,  menn  eth>a& 
ben  üftaturaufammenfjang  aufljebenbe§,  b.  Ij.  SSunberbares?  ge* 
fest  ift.  5llletn  mir  tonnen  biefe  nur  al§  einen  Srrtfjunt 
beaeidmen.  Sßielmefjr  bcrljält  e§  ftd)  fo,  bafj  mir  ben  Statur* 
äufammen^ang  am  nt elften  aufgeben,  menn  mir  entmeber 
einen  tobten  ÜÜiedianiSmug  feaen  ober  £ufall  unb  Sßiflfu&r». 
unb  in  beiben  gälten  tritt  bann  aud)  ba§>  ©otteSbemufctfem 
äiirüff  jum  beuttidjen  söemetS,  ba£  e§  nid)t  im  umgefeljrten 
SSerljältnifc  mit  bem  SBemufetfein  be§  üftaturaufammenfjangeä 
ftetjt.  3)a§  SSunberbare  aber  fest  offenbar  ben  92aturaufammens 
Ijang  OorauS ;  benn  allgemeine  gufälligfeit  fdjüefjt  aUe§ 
Sßunberbare  au§.  Sßenn  alfo  mirflid)  baä  SSunberbare  bor= 
äügltdj  ba%  (55 otte^b etuufetf ein  aufregte:  fo  märe  ber  ©runb 
bauon  nur  barin  au  fudjen,  bnfe  äftandie  nur  burdj  bk  2tu3« 
naljine  aum  SBemufetfein  ber  Siegel  fämen.  2)ie  SBeljauptung. 
an  unb  für  ftd)  aber  mürbe  su  ber  gotgerung  berechtigen, 
ba%  in  ben  frommen  (Erregungen  ber  römifdjen  ^iretje  biefcä 
allgemeine  ©otteSbehnifetfein  meit  florier  unb  häufiger  tjeroor* 
trete  al§  in  ber  unfrigen,  meil  nämlich  bort  eigentlich  9ltie 
immer  mitten  in  bn§  SSunberbare  geftellt  ftnb  unb  e3  ieben 
Sdigcubliff  ermarten  tonnen.    £a§  S?crbäftnifj  ift  aber  efier 


2>er  ©lauöenSlefjre  erfter  %fy\l  1 53 

umgefeljrt.  —  Unfer  ©aj  beftätigt  fi$  aber  audj  im  Einzelnen. 
£er  täglidje  Kreislauf  ber  atmofplja'rifd&en  SSeränberungen 
erlernt  unS  oft  als  9ftedianiSmuS,  auf  ber  anbern  <&z\tt 
ift  er  ber  oorsüglidifte  <Si§  beS  fct>einbar  anfälligen ,  mogegen 
bte  periobifdje  Erneuerung  ber  SebenSoerrid^tungen  unS  baS 
lebenbigfte  ^aturgefüfjl  giebt;  offenbar  aber  tft  aud)  in  bie[en 
baS  (SJotteSbeftmMeut  ftärfer  mitgefest  als  in  ienem. 

3.  (£S  läftt  ftdj  aber  feine  djriftlidj)  fromme  Erregung 
benfen,  hzi  melier  mir  unS  nid)t  augleidj  als  in  ben  9^atur= 
äufammen^ang  gefteüt  fänben.  <Sie  mag  auSfagen  maS  fte 
molle,  fie  mag  in  iganblung  ausgeben  ober  in  ^Betrachtung, 
immer  merben  mir  unS  unfrer  fo  bemufjt  fein,  unb  btefeS 
SBemufctfetn  audj  mit  bem  (SSotteSbettmfjtfein  geeiniget,  meil 
fonft  ber  Moment  ein  frommer  märe  unb  audj  feiner.  2)a§ 
eingige,  morauf  nod)  aufmerffam  §u  macljen  märe,  ift  nur 
btefeS,  ba%  biefer  SBeftartbtrjeil  unferer  frommen  Momente 
feinem  Snfjalt  nadj  auf  atfen  ©tufen  ber  tf)riftltd)en  (£nt= 
mifflung  berfelbe  ift.  Senn  freilief)  triel  häufiger  mirb  er 
Oorfommen,  menn  ein  ®emütlj  in  ber  ©emeinfdjaft  mit 
©fjrtfto  f$on  eine  feljr  grofte  Seidjtigfeit  in  ber  (Sntmifflung 
beS  ©otteSbettmfstfeinS  gewonnen,  unb  fer)r  menig  in  einem 
folgen,  meines  ber  ftnnlic&e  £rieb  Oon  einem  Moment  sunt 
anbern  fo  rafdj  b inüberleitet,  ba£  eine  foletje  (Sntnüfflung 
nur  feiten  erfolgen  fann.  5lber  ber  Snjalt  ift  immer  ber* 
felbe,  meil  er  gar  ni$t  Oon  irgenb  einem  beftimmten  $er* 
ijältnifs  ober  Buftanb  abfängt,  fonbern  ber  Einzelne  feine 
fdjledjtljimge  Slb^ängigfeit  als  gan§  biefelbige  fegt  mit  ber 
iebeS  anbern  enblidien  ©einS.  —  9?ic§iS  anberS  alfo  als 
biefeS  fromme  Sftaturgefübl  im  allgemeinen  !)aben  mir  in 
bem  erften  £beil  unferer  ©arfteüung ,  abgefeljen  oon  bem 
befonbern  djriftltdjen  (SJefjalt,  an  bem  eS  jebeSmal  tjaftet,  nadj 
beftem  Vermögen  gu  betreiben. 

§.  35.  2ött  toerben  alfo  mfy  Wlafädbt  ber  bret 
aufgehellten  gormen1  fyier  §u  betreiben  $aben,  juerft 
ba3  in  jenem  ©elbftbetoufjtfein  gefegte  Sßerpltntfj  §roifä;en. 
bem  enblidjen  ©ein  ber  SGßcIt  unb  bem  unenblia>n 
6etn  ®otte3;  bann  im  jtoetten  2lbfd?nitt,  tote  geeigen* 
fd&aftet  in  jenem  ©elbfibetoufjtfein  ©Ott  in  SBeäiefmng 
auf  bte  SSelt  gefegt  totrb;  enblta)  im  britten  2lbfd&mtt, 


1  SBergl.  §.  30, 


154  ®er  cfjriftltdje  glaube.  (Srfttr  SÖjetl. 

toie  befd&affen  in  bemfelben  bie  SBelt  oermöge  ber  f<$le$t* 
Einigen  2lbbängigfeit  oon  ©Ott  gefegt  tft 

1.  2)iefe§  öerou&tfem,  ba5  fidj  felbft  —  qIS  enblicreS 
©ein  betrautet,  alfo  9?amen§  atfe§  enblicben  ©ein§  —  fcbledjt* 
bin  abbängig  ftnben  al§  ein  innerlich  immer  gegebene^,  bn§ 
in  jebem  Moment  aur  (£r[djeinung  gebraut  roerben  fann,  ift 
ein  ®emüttj§auftanb ,  unb  ber  erfte  ©as  entfprtcbt  alfo  gana 
bem,  roa§  mir  ton  ber  bogmatifcben  ©runbform  forbem. 
^n  biefem  nun  mufj  ba&  Sßer^ältni^  ber  SBelt  al§  be§ 
fcblecbttun  abhängigen  au  <3ott  al§  bem,  moöon  e§  fcbledjtbin 
abhängig  ift,  auggebrüüt  fein,  unb  e§  ift,  rcenn  Sie  auf* 
äitfteßenben  ©äae  ficb  in  biefen  ©renaen  galten,  feine  Slrt 
einaufeben,  roie  fie  tonnten  ba§>  eigentliche  Gbzbitt  ber  $)og* 
matif  überfcbreiten. 

2.  $)iefe  ©efabr  finbet  aber  aHerbing§  ftatt  bei  ben 
anbem  beiben  gönnen.  SDenn  biefe  geben  nict)t  mebr  un= 
mittelbar  ba$  fromme  ©elbftoerouMein  roieber,  in  roelcbem 
nur  ber  ©egenfaa  unb  bie  Söeaiebung  be§  entgegengefeaten 
■auf  einanber  gefegt  ift;  fonbern  inbem  bte  eine  ©ott  unb 
bie  anbere  bit  SBelt  aum  ©ubiect  ibrer  ©äae  macben,  muB 
febr  genau  barauf  geartet  roerben,  ba%  fte  nictjt  jebe  öon 
ibrem  ©ubiect  tttvaä  au§fagen,  roa§  über  ben  unmittelbaren 
Snbalt  jene§  ©elbftberouMeinS  binau§gebt.  %hin  bat  bie 
aroeite  bogmatifcbe  gorm,  roelcbe  göttliche  (Sigenfcbaften  au§^ 
faßt,  gu  ibrer  näcbften  (SJrunblage  bie  in  blunnifcben  unb 
bomiletifcben  ©arftettungen  oorfommenben  bicbterifdjen  unb 
tbeorettfcben  9lu§brüffe,  unb  fann  febr  leidjt,  inbem  fie  biefe 
nicbt  genugfam  bem  bialeftifcben  ©pracbgebiet  afftmilirt  bon 
bem  unenblicben  ©ein  zttvaä  auSfagen,  roobei  ber  in  bem 
©elbftberoufjtfein  entbattene  ©egenfaj  nid)t  mebr  befteben 
fann,  fonbern  ba$  Unenblicbe  felbft  at§  ein  abbängigeS  er* 
fdjeint  oon  bem  enbtidjen,  roelcbeä  trielmebr  fcblecbtbüt  ab* 
bängig  oon  ibm  gefeat  mar.  2)ann  alfo  mürben  fie  nicbt 
mebr  bem  frommen  ©elbftberoufjtfein ,  beffen  5lu§bruff  fie 
bocb  fein  fotlen,  entforedjen.  9?acb  einer  anbem  ©eite  bin 
bebenflicb  ift  bie  brtttc  %oxm,  roetl  nämlicb,  roentt  bie  SSelt 
aum  ©ubiect  bogmatifcber  ©äae  gemacbt  mirb,  gar  leicbt 
*beü8  roegen  ber  gemobnten  Sßermifcbung  be§  fpeculatioen 
mit  bem  bogmatifcben,  tbeil3  aucb  roeil  biejenigen  bte  bem 
luiffenfcbaftlicben  Gebiet  fremb  geblieben  finb,  bie  ibnen  aucb 
toünicbengmert^en  allgemeinen  S3orfteHungen  am  liebften  au§ 
berfelben  OueHe  fcböpfen  mögen,  melcbe  ibnen  ibr  böbereS 


S>«  ©taubenälefjre  erfter  33jell.  155 

©efbftberoujstfein  betbeutlidjt,  unb  fo  qu§  <iftad)giebigfeit  gegen 
fctefe  mifjöetftanbenen  gorbetungen  audj  inbte  fatec^etif^en  unb 
tjomüetifdjen  Witti) eüungen  objectioe  <§äse  ftcj)  beritten, 
ioeldje  bann  audj  untet  etma§  beränbettet  gotm  in  bie  S)og- 
matif  übetgefjen. 

3.  gft  nun  fo  in  ben  ©öjen  bet  beiben  anbetn  gönnen 
baZ  bogmatifäje  (Gebiet  übetfd)titten  rootben,  unb  fjaben  biefe 
im  (&5ebtau<$  ba$  Uebetgemid)t  gewonnen:  fo  ift  bann  nut 
Bu  natütlid),  ba%  biefen  leiteten  meljt  unb  me§t  audj  bie 
©äse  bet  etften  gotnt  angepaßt  roetben,  unb  auf  biefe  SSeife 
an  Slbmeidjungen  tfjeüneljmen,  toeldje  i&nen  an  unb  füt  ftdj 
-am  meiften  mütben  ftemb  geblieben  fein.  —  £$n  hnefetn  nun 
btefe§  in  bet  bisherigen  (Sntmüflung  bet  Dogmatil  öot* 
gekommen  ift,  toitb  bie  folgenbe  £)atftetfung  felbft  seigen. 


(Srftet  StBf^tittt 

99efdjm£»ung  unfern  frommen  ©clfiftBctoufetfcinS, 

fofern  fitf)  barin  ba§  S3erMtoüj&  groi)cr)en  ber  SBctt 

unb  ©ott  cmSbrüfft. 

©inleitung. 

§.  36.  2)er  urfprüngliäje  Slu^bruf!  biefe<3  SBerplt* 
rttffeS,  tafo  nämüd?  nur  bie  Söelt  in  ber  f$le<$t§hugett 
SKb^cmgigfeit  »on  ©ott  befielt,  galtet  fi$  in  ber  fir<§* 
licfyen  £efyre  in  bie  beiben  ©ä>,  bafc  bie  Söelt  non  ©Ott 
erraffen  ift,  unb  bafc  ©ott  bie  SBelt  erbält 

Slnm.  ütaTeüü)  eis  ahov  ravxoxpaTopa  ift  audj  ber  urfprüngüdjfte 
einfache  SluSbrutt  be§  römifdjen  (Stymbolum.  —  Docent  —  beum. 
—  semper  adorandum  ut  omnium  Dominum  ac  regem  summum 
in  aevum  regnantem;  ab  eoque  solo  pendere  omnia.  Conf. 
Bohem.  Art.  III.  —  Omnia  ipsum  habere  sub  potestate  et 
manu.     Catech.  Genev. 

1.  ®er  (Sag,  ba%  bie  ©efammtfjeit  be§  enblidjen  ©etn0- 
nur  in  ber  Slbfjängigfeit  oon  bem  Unenblidjen  befterjt,  ift  bie 
öottftänbige  Beitreibung  ber  f)ier  auf§uftellenben  ©runblage 
iebe§  frommen  ©efüljf§.  SSir  finben  un§  felbft  immer  nur 
im  gortbefteben,  unfer  ®afein  ift  immer  fd)on  im  Verlauf  be* 
griffen;  mithin  fann  audj  unfer  ©elbftbemufjtfein,  fofern  mir 
Don  allem  anberen  abgelesen  un§  nur  al§  enblid)e§  ©ein  fe§en,. 
biefeS  nur  in  feinem  gortbefteljen  reprafentiren.  3n  biefem 
aber  audj  fo  öottftänbig  —  roeil  nämüdj  ba$  fd)tedjtf)tnige 
9Ibbängigfeit§gefü§l  ein  fo  allgemeiner  SÖeftanbtljeü  mtfercS 
©elbfiberoufjtfeütS  ift  —  bafj  mir  fagen  fönnen,  in  melier 
silrt  be§  ©efammtfetnS  unb  in  melden  ßeitpunft  mir  audj 
möchten  gefteUt  fein,  mir  mürben  in  ieber  boEftänbigen  SSe* 
finnung  un§  immer  nur  fo  finben,  unb  bafj  mir  biefe§  aud) 
immer  auf  baä  gefammte  enblidje  ©ein  übertragen.  SDer 
<Saa,  ba§  ©ott  bie  SSelt  erhält,  ift  an  unb  für  fi<$  betxafytet 
jenem  oötlig  gteidj ;  er  belommt  nur  menigftenS  fdjeinbar  einen 
anbern  unb  geringeren  ©eljalt  baburd),  ba%  —  gemofjnt  erhalten 


©er@fou6en81e§reerftex3:ijeil.  (SrfterStöfänitt.  157 

itnb  erraffen  sufammen  zu  benfen  —  ber  3tnfang  auS  bem 
Umfang  beS  Begriffs  ber  (Spaltung  auSgefdjloffen  bleibt  £)et 
@a§  fjingegen,  bafc  ®ott  erraffen  Ijat,  an  nnb  für  ftdj  betrautet, 
jagt  graar  audj  fdjlecfctfjütige  Slb^ängigfeit  auS,  aber  mttSluS* 
fdjlufj  beS  gortbefteljenS  nur  für  ben  Anfang,  fei  eS  nun  ber 
SSelt  auf  einmal  ober  nad)  einanber  ifjrer  Steile,  immer  frocfi 
etraaS,  baS  unS  im  (Selbftberau£tfeüt  unmittelbar  gar  mdjt 
gegeben  ift.  SMeferSaj  erlernt  alfo  nur  als  einbogmatifdjer, 
fofern  ©djjöpfung  eine  (Ergänzung  tft  311  bem  begriff  ber 
(Spaltung,  um  bk  unbebingt  alleS  umfaffenbe  Slbljängigfeit 
tnieber  su  gerannten. 

2.  (SS  !ann  alfo  feinen  anbern  ^mreidjenben  ©runb  geben, 
^tatt  beS  urfbrünglidjen  SluSbruffS  ber  fo  nafje  liegt  biefe 
©Haltung  beizubehalten,  unb  !ann  au$  feinen  anbern  richtigen 
©runb  gegeben  ljaben  fte  urfprüngli<$  in  bie  (Glaubenslehre 
einzuführen,  als  bafj  biefe  (Spaltung  fctjon  bort)er  in  ber  att^ 
gemeinen  religio) en  SO^ttttjeünng  geraefen  raar,  unb  bafc  über 
ber  5Ingemeffenljett  ber  SluSbrüffe  um  fo  beffer  gemacht  unb 
baS  redete  99?aaft  für  fte  aufgeteilt  raerben  fonnte,  raenn  man 
tuefelbe  Unterfdjeibung  audj  in  bk  (Glaubenslehre  aufnahm, 
llrfbrünglicfj  alfo  ift  biefelbe  nidjt  auf  rein  bogmatifd)em  SBege 
entftanben;  aber  nidjt  nur  biefeS,  fonbern  fte  ift  audj  nidjt 
ein  (grzeugnifj  beS  reinen  religiöfen  Sntereffe,  als  raeld)eS  ftdj 
in  bem  einfadjen  SluSbruff  bollfommen  befriebigt  finben  mu§, 
unb  alfo  ftdj  jelbft  überlaffen  bie  (Spaltung  raieber  in  35er- 
geffentjeit  bringen  raürbe.  Mein  für  bk  nur  einigermaßen 
geraeffte  menfdjlidje  ©inbilbungSfraft  ift  ber  Slnfang  alleS 
räumlichen  unb  gettlt^ert  <3ehtS  ein  (Gegenftanb,  ben  fte  nicrjt 
borübergeljen  laffen  fann,  mittjin  audj  bie  Sßeljanblung  ber  grage 
älter  als  baS  abgefonberte  hriffenjdjaftlidje  ©erbortreten  ber 
©beculation  unb  fdjon  ber  «Seit  ber  mt)ttjifdjen  ^robuctibttät 
angebörig.  @o  fnübft  fte  ftdj  audj  unter  unS  zulegt  an  bk 
mofaifdje  ©djöpfungSgefdjidfjte ;  aber  baburdj  allein  fann  fte 
eben  fo  raenig  ein  rein  reltgtöfeS  ober  gar  d)riftlid)eS  Clement 
raerben,  als  anbereS  raaS  auf  ä^nlictje  SSeife  auS  ber  urbäter* 
liefen  borgefdjidjtltdjen  3eit  in  benfelben  Söüc&ern  borgetragen 
rairb.  Sßietmeljr  Ijat  ft$  jene  2)arftellung  lange  Seit  gefallen 
laffen  muffen  aud)  fpeculatib  unb  naturraiffenfdjaftlidj  ber^ 
raenbet  §u  raerben  unb  sraar  um  bie  entgegengefezten  5lnftd)ten 
bur<$  fte  äu  beftätigen  ober  gar  auS  irjr  abzuleiten. 

§.  37.  S)a  bie  eoangelifdje  $irdje  beibe  Se^ren  auf* 
genommen  aber  in  ü)ren  23efenntntf3fdjriften  feine  oon 


158  fcet  djrtftlidje  ©Ioube.  Grfter  2$eil. 

beiben  eigentümlich  geftaltet  ^>at:  fo  liegt  un3  ob  fie  fo 
3U  befyanbeln,  ba&  fie  aufammengenommen  ben  urfarüng* 
liefen  2lu3bruff  erfdjöpfen. 

8nm.  2t u 8 36.  S8ef.  I.  ©in  ©Töpfer  unb  grfjalter.  oUct  ®ing,  bei 
ftdjtbaren  unb  unfidjtbaren.  Sbenb.  XIX.  .  .  .  toletnoljl  ©ottber 
Stumätfitig  bte  ganje  Sftatur  gefcb,affen  tjat  unb  erhält  jc.  —  Conf. 
et  expos.  simpl.  III.  Deam  credimus  .  .  creatorem  rerum 
omnium  cum  visibilium  tum  invisibilium  ....  et  omnia  vivi- 
ficantem  et  conservantem.  —  Conf.  gall.  VII.  Credimus 
Deum  cooperantibus  tribus  personis  —  condidisse  universa. 
non  tantum  coelum  et  terram  omniaque  iis  contenta,  sed  etiam 
invisibiles  spiritus.  —  Conf.  an  gl.  I.  Unus  est  Deus  .  . 
ereator  et  conservator  omnium  tum  visibilium  tum  invisibilium. 
—  Conf.  scot.  I.  .  .  unum  Deum  .  .  per  quem  confitemur 
omnia  in  coelo  et  in  terra  tarn  visibilia  quam  invisibilia 
creata  in  suo  esse  retineri.  etc.  —  Conf.  hung.  Confitemur 
Deum  verum  esse  et  unum  auetorem  et  conservatorem 
omnium. 

1.  SDiefe  üftebeneinanberftetfungen  oon  (Sdjöpfung  unb 
Haltung  flammen  fämmtticb  ab  oon  bem,  mag  in  bem 
römifeben  (Stjmbolum  gu  bem  oben  angeführten  einfachen 
9ln§bruff  fpäter  tft  bingugefügt  toorben1,  unb  im  ®onftanti* 
nopolitanifeben  erweitert2.  2)a  nun  biet  über  bie  5lrt  be§ 
£>eroorbringen§  ntcbt§  befttmmt  ift,  fo  ift  an  biefer  Teilung 
aueb  nichts  gu  bemerfen  al§  bie  Slbficbt,  bafj  ntcbt§  fein 
SHaumbunft  unb  fein  Beitjmnft  bon  jener  OTberrfdjaft  fott 
aufgenommen  fein.  Slucb  bte  auf  bit  SDreieinigfeit  bezüglichen 
5lu§brüffe  finb  meber  bem  gattifanifdjen  Söefenntntfj  eigen- 
ibümlicb  noeb  erft  btefer  ßzü  angebörig;  fonbem  baffel6e  ■ 
beftebt  aueb  im  5lug§burgifcben  $8ef  enntnifj ,  inbem  bort  bk 
2)reieimgfeit  ba$  ©u6iect  ift  §u  bem  (Schöpfer  unb  ©rbalter, 
imb  fie  baben  ibren  Urfarung  febon  in  bem  Syinb.  Quic.  mo 
omnipotens  unb*  dominus  bon  bm  brei  $erfonen  präbicirt 
nürb,  roa§  offenbar  gan*  baffelbe  befagt.  9cur  bafj  biefe  93e* 
ftimmungen  ju  unferer  iejigen  ^Betrachtung  gar  niebt  geboren, 
ba  bie  SDreieinigfeitSlebre  feine§meg§  bei  ieber  ebriftlicb 
frommen  ©emütb Serregung  febon  borauS  gefegt  mirb  ober 
aueb  nur  in  ieber  enthalten  ift.  llnberfennbar  aber  ift  in 
biefen  §lu§brüffen  eine  Slbfrufung,  fo  bafj  ber  urfprünglicbe 
Sluöbruff  be§  römifeben  ©tymb.  unb  bie  gattifcmifdje  ßonfeffton 


tl<;  O-sov  7taT£pa  ravioxparopa  7tot7]rr]v  oupavou  xal  yfjs. 


©er  ©IoubenSiefre  erftw  3$eü.  <£rjter  öbfänitt.  159 

bie  öufjerften  (Meber  bilben,  inbem  in  jenem  nodj  gar  feine 
©onberung  tft,  in  biefer  aber  tft  fte  fo  bottftänbig,  bafj  bie 
(Erhaltung  gar  nid)t  in  SBerbtnbung  mit  ber  ©d)öpfung  be« 
banbelt  mirb,  fonbern  ftdj  bernad)  in  ber  SSeltregieruna 
nerbirgt.  2)em  erften  fteljn  bann  am  nädjften  bie  böbmtfcbe 
nnb  fdjottifcbe  ©onfeffton,  ber  legten  bie  9lug§burgifdje  unb 
bie  angeführte  Ijelbettfcbe.  Uebrigen§  gehören  fte  alle  nnferer 
gorm  an,  menn  fte  and)  ntdjt  alle  fo  beftimmt  mie  ber  %u& 
bruff  in  ber  böbmifcben  auf  ba$  erregte  (Selbftbemufjtfem 
äurüffgefjn,  inbem  fie  (Eigenf  haften  fo  menig  oon  Gott  al§ 
üon  ber  Söelt  aufjagen,  fonbern  bon  Gott  nur  Söerböltnife- 
begriffe  unb  £anblungen.  £)enH  anberS  als  fo,  bafj  Gott 
allein  2^ätig!eit  urfbrünglidj)  gugefdarteben  mirb,  läfjt  ftc^ 
bodj  ba$  SSerbältnifj  ber  fcbledjtbinigen  Slbpngigleit  gar  ntdjt 
auSbrütfen. 

2.  5lu§  biefem  (Sadjberbältnite  folgt  fdjon1,  ba%  mir  in 
ber  ebangelifcben  ®ir$e  ni^t  nur  einen  fet)r  freien  (Spielraum 
baben  gu  mannigfaltiger  Bearbeitung  biefer  Sebrftüffe,  fonbern 
bafj  mir  and)  aufgeforbert  ftnb  i&n  %vi  benu§en.  2)enn  e£ 
ftefjt  un§  ntdjt  nur  frei,  inbem  mir  auf  bie  erfte  Duette, 
äurüffgetjen,  un§  mebr  an  ben  ätteften  unb  einfachen  2lu§= 
bxutt  anäufd)Uefjen  unb  biefen  aucb  obne  eine  foldje  «Sonberung, 
fomeit  e§  ber  B^etf  ber  Glaubenslehre  erforbert,  au  ertt* 
mttfeln,  fonbern  aucb  unter  ber  gorm  ber  ©onberung  beiber 
SeMtüffe  mufj  ftdj  in  ber  eoangelifdjen  SHrdje  atte§  al§  freie 
Meinung  geltenb  machen  bürfen,  ma§  nur  eben  fo  fel)r  at§ 
bie  siemlicb  mettjcbicbttgen  unb  unbeftimmten  S(u§brü!fe  ber 
öerfd)tebenen  Söefenntnifjfcbrtften  auf  ben  einfachen  2lu§bru!f 
be3  (tanbgefütjB  fann  aurütfgefübrt  merben.  Ünb  bebent'en 
mir,  ba%  auf  biejeßebren  megen  ibrer  meiten  (Entfernung  oon. 
ben  äunäcbft  ftreitig  gemorbenen  im  erften  (Entfteben  nnferer 
$ircbe  bie  Slufmerffamfeit  ber  Reformatoren  nidjt  bütgelenft 
mürbe:  fo  fyaben  mir  bie  Sßflidjt  ernftlicb  ju  prüfen  —  jumal 
biefe  Seljrftüffe  fo  mancherlei  frembarttgen  (Etnftüffen  au& 
gefegt  ftnb,  benen  Sßiberftanb  mufj  geleiftet  merben  —  ob  bie 
ftanboltfcben  gormein  ttidjt  felbft  bie  ©puren  biefer  (Einflüffe 
öerratben,  unb  menn  aucb  baß  ntdjt,  ob  fte  aud)  ie§t  no$ 
unferm  Söebürfnifj  entfprecben,  unb  ob  nidjt  otetteidjt  bie 
meitere  ©ntmitflung  bei  eöangelifdjen  ®eifte§  unb  bie 
mancherlei  Ummäläungen  im  Gebiet  ber  $l)ilofop§ie  fomol 
al§  ber  realen  SBiffenjcbaften  anbere  Söefttmmungen  erforbern, 

1  S8gt.  §.  27,  2. 


160  STcr  rfjrtftlicfie  (Staube.  (Srfter  Sfjeil. 

in  meldjem  fyatt  e§  bann  ganj  unbebenflidj  fein  mürbe  ben 
fombolifdjen  2&i8bruff  and)  gauj  ju  Oerlaffen. 

3.  S^i  biefer  £)inftd)t  mm  erfdjeint  bie  aufgeteilte  Sftorm 
für  bie  SMjanbhmg  äroefrmcTfjtg  ntdjt  nur,  fonbern  aud)  f)in* 
reidjenb.  2)emt  menn  bod)  unftreitig  ber  Slueff  ber  Sogmatif 
erforbert  ben  einfachen  5Iu§bruff  fo  toeit  ju  entmiffeln,  ba% 
ba§  <Sprad)gebiet  ber  boIfSmäfjigen  religiöfen  ÜÖMttfjeilung 
über  bit%  ®runbüerfjättni£  ber  SBelt  su  (Sott  geregelt  unb 
behütet  werben  tarnt:  fo  ift  e§  aroeffmäfeig  für  jeät  nocj  in  bie 
©onberung  bon  ©d)öofung  unb  (Spaltung  etnauge^n.  Slber 
bie  (Sefaljr,  meldje  In'erauS  entfielt  fid)  in  frembartigeS  gu 
Oerlieren  unb  über  ba$  etgentlictje  religiöfe  (Gebiet  tu  ba$ 
fpeculatiöe  Jjmau§augefjn,  wirb  nidjt  ftcr)rer  abgemenbet,  al§ 
menn  alle  einseinen  ©äse,  mie  man  audj  ba^u  gefommen  fein 
mag,  immer  mieber  auf  ienen  einfachen  2lu§bruff  jurüffgefü^rt 
merben,  ber  ba§  unmittelbare  fromme  ©etbftbemufjtfein  am 
treuften  miebergiebt.  (Singe  aber  jebe§  oon  biefen  beiben 
Sietjrftüffen  ganj  in  jenen  urfprünglidien  5lu§bruÜ  auf,  fo  ba% 
mie  in  jenem  aud)  in  jebem  Oon  ibnen  bem  mefentlicfjen  nadj 
beibeS  gefegt  ift,  in  ber  Seljre  Oon  ber  (Schöpfung  äugleid)  bie 
örfjaltung  unb  umgefeljrt:  fo  märe  jebe§mal  ber  anbere  über- 
ffüfcig.  Sllfo  entmeber  müfete  man  bann  ben  gefammten 
Snljalt  jene§  ($5runbgefüt)l§  3U)iefad)  barftetlen,  ober  ftd^  mit 
beiben  fo  einrichten,  bafj  fie  nur  aufammengenommen  ba$ 
äur  2)arftettung  brächten,  ma§  ber  urjprünglidje  2iu§bruff 
unentmiffelt  enthält,  meld)e§  ledere  benn  offenbar  bor^u* 
äieb,en  ift. 

§.  38.  2Iu<3  jeber  t>on  beiben  Seiten  fann  alles  ent* 
miffelt  merben,  ma<o  in  bem  urfprünglia^en  2lu3bmff  ent* 
hatten  ift,  menn  nur  in  beiben  ©Ott  eben  fo  allein  be* 
ftimmenb  gebaut  mirb,  tote  in  jenem. 

Calvin.  Institut.  I.  16,  1.  In  hoc  paecipue  nos  a  profanis 
hominibus  differre  convenit,  ut  non  minus  in  perpetuo  mundi 
statu  quam  in  prima  ejus  origine  praesentia  divinae  virtutis 
nobis  eluceat.  —  Nemesius  d.  nat.  hom.  p.  164.  Ed.  Ant. 
El  yap  Xe'yoi  x\<;,  oti  xoctoc  xrjv  e£  dpyj\<;  yeveatv  dp[t,oy  rpo(3a(vei 
xb  7:pay(j.a,  touto  av  ea)  Xe'yajv,  ort  rf)  xxtaet  auvurap/si  7:ävTu>s 
rj  Jtpovoto.  to  yap  eippiio  7ipoßa(vsiv  to  xxiaO-e'v,  Sr]Xol  tjJ 
xzfaei  auyxaxaßeßX^aO-ac  ttjv  7:pövoiav  xa\  ouxto;  ouö*kv  av 
aXXo    Xe'yoi,   ^    xov   auTov    eivai    rcotfjTTjv     ajjia    xat    jcpovorjrriv 

Tcöv    OVTtUV. 


®er  ©fau&enälefjre  erfter  S^eil.  erfter  Stöidjnitt.  161 

1.    SSBenn  mir  mit  ben  fombolifdjen  StuSbrüffen,  bie  fantmte 
lieb  nicbt  Oon  einem  W,  fonbera  Oon  äffen  fingen  reben,  ben 
begriff  ber  ©djityfung  gunäcbft  auf  bie  etngelnen  2)inge  be* 
Rieben,  fo  ift  maS  als  ©ntfteJjen  bon  biefen  irgenb  unS  sunt 
«Betouitfeitt    fommt,    immer    nicbtS    als  bie  (Srfjaltung  bcr 
Gattungen,   meiere  bur#  baS  lieber  entfielen  ber  einseinen 
£>inge  bebingt  ift.1     Vertritt  nnn    baS  t)ier    sunt  (Srunbe 
üegenbe  ©etbftbemufjtfein    baS   gefammte  enbticbe  ©ein;  fo 
Hegt  unS  aueb  baS  (SattungSbemufttfein  eben  fo  nabe,  als  ba§ 
beS  ©ingellebenS,  tneil  mir  unS  in  unferm  ©elbftbemufitfein 
immer  als  Sftenfdjen  fegen,  mithin  mirb  aud)  ber  SUtSbruff, 
ba%  bie  ©rneurungen  bitrct)  (Sott  befteben  bem  Zsrifyalt  jene§ 
©eibft&ehmfctfetnS,   ttmS  biefen  (Segenftanb  betrifft,  eben  fo 
öofffommen    entfpredjen  mie  ber,  ba%   bie   eingeinen  £)tnge 
bureb   (Sott   entfielen,      können    mir  nnn   aber    and)  nadj 
nnferer  erneuerten  Sßeltfenntmfc  bit  SSeltlörper  mit  allem 
anf  üjnen  enthrif  feiten  Seben  als  einsein  e  2)tnge  anfefjen,  bte 
nidjt  not^menbig  äffe  gleicbgeitig  entftanben  ftnb:  fo  ift  bo$ 
offenbar   t§r  fucceffmeS  ©ntfieljen    aueb  angufeben   als  ba§ 
mirlfame  gortbefteben  bilbenber  Gräfte,  bie  in  bem  enbltcben 
©ein   muffen  niebergelegt  fein.     Unb  fo  finben  mir  nidjtS, 
beffen  (gntftejen  ntcrjt  nnter  ben  begriff  ber  (Spaltung  ju 
bringen  märe,  fo  meit  nur  immer  nnfer  Setoufetfein  reicht,  fo 
ba%  bie  Sebre  Oon  ber  (Schöpfung  gang  in  ber  Oon  ber  @r* 
baltnng  aufgefjt.    5lber  eben  fo,  menn  mir  bie  einzelnen  ©inge 
als  erfdjaffert  anfebn  unb  nun  meiter  f)inabfteigen:  fo  ift  bie 
(Srbaltung    berfeiben    bo$    suglei«^    ber  SBecbfelOon  $er* 
iinberungen  unb  Söemegungen,    in  bem  iljr  3)afein  abläuft. 
■Slffein   inbem  biefe    immer   mefjr   ober  meniger   stammen* 
gehörige  Reiben  bilben,  fo  mirb  mit  jebem  Anfang  einer  IRet^c 
tion  Sfjätigfetten  ober  auS  bem  ©ubjeet  auSgebenben  SSir* 
tagen  etmaS  neues  gefegt ,  maS  borber  in  bemfeiben  ©ingel* 
mefen  nidjt  gefegt  mar;  bieS  ift  mitbin  ein  neueS  ©ntfteben 
unb  !ann  als   eine  (Sdjöbfung  angefeben  m erben,  um  befto 
mebr  fretltdj,  ie  mebr  ein  foleber  Anfang  alS  ein  bebeutenber 
(SntmifflungSfnoten   erf^eint;    affein  baS  mefjr  ober  minber 
fann  fjter  feinen  beftimmten  Slbfdjnitt  macben.     ®a  nun  ]tbt 
einzelne  Sfjätigfeit  in  ftdj  fetbft  mieber  eine  fHet^e  Uibtt  unb 
ibr  Slnfang  ein  (Sntfteben  ift:  fo  fäfft  affeS,  fo  meit  ftdj  nur 
unfer  SBemufjtfein  erftrelft,  maS  mir  gern öbnlicb  als  (Segenftanb 


30 


audj  Nemesius  p.   163.     *<ä>;   ouv  gxaarov  ex  xoü   ofxciou 
'CTOpfjLaroi;  «pusxat  xat  oux  i%  clXkou  7ipovo(ac  a7roua7}s; 

©<$!..  (E&riftl.QH.I  u 


1 62  .  viüiutK  OMaube.  ßtftex  Zfyil. 

ber  göttltd)cu  (Jrbaltuug  aufeben,  nud)  unter  ben  Sßegrtff  ber 
©djöpfung.  2)iefet  alfo  in  feinem  gangen  Umfang  genommen 
madit  jenen  überfiüfng,  gerate  mie  mir  e§  uorljer  umgefeW 
geicOcn  baben;  benn  ma§  in  bem  einen  üon  beiben  nidjt  auf* 
geben  null,  ift  un§  aud)  für  ben  anbern  nid)t  gegeben,  ©te 
öolfSmäfjige  religiöfe  ÜDHttf)  eilung  I)ält  ftdj  baljer  ofjne  Xabei 
an  biefe  greiljeit,  unb  betrad)tet  biefelbe  Gegebenheit  balb 
al§  neue  ©djöpfung  balb  al§  gefeamäfjige  (Spaltung,  unb  bie 
5lnbadjt  rcirb  ftd)  jdjroerlid)  ba§u  berfteJjeh,  eine  SRangorbnung 
f ef tauftetten ,  al§  ob  ba§  eine  bollfommner  ober  in  einem 
i)öl)eren  ®tt)l  bem  fdjledjtljinigen  2lbl)ängigteit3gefü{jl  ent* 
fprädje  al§  ba$  anbere. 

2.  3)tefe  (Sleid)l)eit  ift  inbefc  aUerbing§  baburdj  bebingr, 
bafj  bie  göttliche  SBcgrünbung  auf  ber  einen  unb  bie  5lb* 
Ijängtgfett  be§  enblidjen  ©ein§  auf  ber  anbern  ©eite  gleich 
öottftänbig  Qtba<$t  merbe,  man  möge  nun  etraaS  al§  Don  (Sott 
erfdjaffen  ober  als  burdj  (Sott  erbalten  borftetfen.  £>enft  man 
nun  bie  ©djöpfung  ber  SBelt  al§  ©inen  göttlichen  9lct,  unb 
mit  Meiern  ben  gangen  Sftaturauiammen&ang:  fo  fann  biefeS 
ein  bollfommner  SluSbruff  be§  fd)led)tl)inigen  2ibl)ängigfeit§<= 
gefüljl§  fein,  menn  man  ftet)  nur  nid)t  jenen  2ict  benft  al§ 
aufgehört  fyabenb,  mithin  auf  ber  einen  ©eite  in  (Sott  einen 
Sßedjfel  bon  £l)ätigfeit  in  Söeaiefjung  auf  bie  SBelt  unb  Don 
9iuf)c,  auf  ber  anbern  aber  in  ber  SBelt  einen  SBedjfel 
an) tiefen  einem  SBebingtfein  be§  (Sausen  burd)  (Sott  unb  einem 
SBebtngtjein  alles  einaelnen  jebe§  burd)  ba§  anbere.  ©ben  fo, 
benft  man  ftdj  bie  ©Haltung  al§  eine  auf  ben  gangen  SBelt* 
lauf  ftd)  beaiebenbe  göttlidje  £l)ättgfeit,  unb  auf  biefer  eben 
fo  ben  erften  Anfang  beruljenb  mie  jeben  folgenben  «Suftanb: 
fo  ift  MefeS  ein  öollfommner  2Iu§bmff  be§  betreffenben 
<Selbftbemufetfein§ ,  menn  man  ftd)  nur  nidjt  benft  audj  bor 
unb  nad)  jener  Stljätigfett  nod)  ctwaS  anbereS  ben  Einfang  ber 
SBelt  bebingenb.  ®enn  fonft  märe  aud)  in  jebem  guftanbe 
nur  einiget  oon  ber  göttlichen  £l)ätigfeit  abhängig,  anberc§ 
aber  fei  e§  aud)  nod)  fo  raenig  burd)  ba%  oorl)er  gemefene 
bebingt,  mitlnn  au$  bie  göttlidje  £l)ätigfeit,  bereu  (Segenftanb 
bie  ganae  SBelt  fein  foll,  immer  bermifdjt  mit  Seiben.  ©affelbe 
erfolgt  auf  anbere  SBeije,  menn  man  bie  erfdjaffenbe  göttliche 
23)ätigfctt  amar  nidjt  momentan  benft,  aber  nur  an  einaelnen 
fünften  unb  an  gemtffen  Seiten  fiel)  mieberljolenb;  benn  menn 
bann  aud)  bie  erbaltenbe  £f)ätigfeit  aroifdjen  biefe  fünfte 
tritt,  bannt  nie  unb  nirgenb  göttlidje  Sljättgfeit  med)fle  mit 
Untjjä  tigfeit ,  fo  tritt  fte  bod)  ein  al§  eine  anbere  Don  jener 


©er  ©lauber.SIefjie  erfter  2f)eÜ.  (Srjter  St&fc&nitt.  163 

unterföeibbare,  unb  inbem  fie  einanber  begrenjenb  auSfdjltefcen, 
bleibt  bie  Sßett  smar  gänsüd)  abrjöngig  üon  (Sott  aber  um* 
gteicbmäfjig  unb  bort  ftdj  gegenfettig  rjemmenben  göttlichen 
Srjätigfeiten.  Unb  rticrjt  minber,  menn  man  bit  errjattenbe 
£f)ätigfeit  ätuar  unoermifdjt  mit  Seiben  benft,  aber  entroeber 
nur  fo  auf  eine  rein  erfdjaffenbe  folgenb,  ba%  fie  in  bem 
ma§  ficrj  au§  biefer  entmiffelt  einen  SSiberftanb  befiegen  mu£, 
ober  fo  bafj  bie  erfdjaffenbe  als  eine  anbere  an  einseinen 
fünften  roieber  eintritt,  ©odj  ift  bie  Neigung  §u  folcrjen  in 
ber  £fjat  oerfefjrten  gormein,  meldte  ba§  reine  Stb^ängigfeitS- 
gefür)!  feine§meg§  au^brüften  fonbern  auf  aUe  2öeife  entfteüen, 
faft  su  allen  Betten  unOerfennbar  oorfjanben.  SHefe  fjat 
inbefj  natürlich  ifjreSSurset  rndjt  in  ber  djriftttdjen  grömmig* 
feit,  fonbern  in  einer  oerroorrenen  aber  im  gemeinen  Qzbzn 
nur  aKäugeroör)niicfjen  2Beltanfict)tr  roetdje  bie  Stbrjängigfeit 
öon  (Sott  nur  al§  (Srflärung§grunb  be3  SSeltlauf§  gu  ipülfe 
nimmt,  roo  fttf)  ber  -ftatursufammenfjang  Oerbirgt,  alfo  am 
meiften  ba,  mo  tttvaä  Oom  früheren  abgeriffen  unb  Oom 
umgebenben  getrennt,  al§  ein  anfangenbe§  ober  ifoürte§ 
erjcf)eint. 

§.  39.  S)ie  £er)re  t-on  ber  6cr)öpfung  ift  oor§üglid)  itt 
ber  §infidjt  gu  entroiffeln,  i>ag  frembartigeä  abgeroer)rt 
toerbe  barmt  nid)t  au£  ber  5lrt  tote  bie  grage  nadj  bem 
@ntfter)en  anbertoärtö  beantwortet  roirb,  ettt>a£  in  unfer 
(Gebiet  einfdjleidje ,  tt>a<§  mit  bem  reinen  2iu£bruff  be3 
fd)tecr)tr) inigen  2lb$ängtgfeit3g,efü&l3  im  2öiberfprua)  ftefyt. 
SDie  Sefyre  oon  ber  @r  Gattung  aber  üorgüglid?  um  baran 
iene£  ©runbgefüt)!  felbft  ooüfommen  barjuftellen. 

1.  llnfer  ©elbftbenmfjtfein,  in  ber  OTgemeinrjeit  nrie  fid) 
beibe  Serjrfrüffe  barauf  besiefjn,  fann  ba§  enblidje  ©ein  über* 
fjaubt  nur  fofern  biefe§  ein  fortbeftefjenbe§  ift  öertreten,  rueil 
mir  un§  feibft  nur  fo  finben,  bon  einem  Anfang  be§  <Sein3 
aber  fein  (Setbftbemufjtfein  fjaben.  ©§  mürbe  baljer  smar, 
mie  mir  oben  gejefjen,  nid)t  unmöglich  fein  aber  bod)  großen 
(Scfymierigfeiten  unterliegen  baffetbe  überroiegenb  ober  au§* 
fc&iiefjenb  unter  ber  gorm  ber  <5d)öpfung§te{jre  ju  entmiffeln: 
unb  ein  foldjer  SSeriud)  mürbe  eben  fo  nritffürjrlid)  fein  at§ 
ber  5lbsmeffung  ber  SDogmatif  unangemeffen,  ba  aud)  in  ber 
OolfSmäfjigen  religiöfen  ÜÖftttljeimng  bie  ßefjre  bon  ber  (£r* 
Haltung  eine  weit  grö&ere  SSebeutung  Ijat.    Unb  ba  überhaupt 


164  ©erci!vi|tlirf}e(VHcwbe.  gtftcrX^eiL 


bk  gtoße  und)  bcm  Anfang  atCc§  enbtidjcn  £ein§  nid)t  in 
bem  Sntercffe  ber  g-römmtgfett  entfterjt  fonbevn  in  bcm  ber 
2£if3bcgierbe,  nnb  alfo  and)  nur  burd>  bte  SDlittcl,  rockte  bicfc 
barbtetct,  beantwortet  toerben  fann:  fo  t'ann  aud)  bie  Stämmig* 
feit  immer  nur  ein  mittelbares  Sntereffe  baran  nacfjrocifeu, 
nämlich  bafc  fte  feine  Söeantroortung  berfelben  anerfennt, 
roeldje  ben  frommen  mit  feinem  ®runbgefiU)l  in  SStberfprud) 
braute.  Unb  eine  folct)e  (Stellung  5at  aud)  bk  Sebre,  foroe! 
roo  fte  im  neuen  £eftament  oorfommt,  a\§>  aud)  in  aller 
eigentlichen  Söefenntnifjfdjriften.  SSogegen  ba&  altteftamentifdje 
gunbament  berfelben  in  ben  Anfängen  eine§  ®efd)idjt§bud)e§ 
liegt,  roeld)e§  alfo  überroiegenb  bem  Sntereffe  ber  SBifcbegierbe 
bient. 

2.  SBenn  rcir  nun  hei  ber  SMjre  bon  ber  ©cböbfung 
bornebmlid)  31t  bereuten  baben,  bafj  fiel)  nidjt  frembartige§ 
au§  bem  Gebiet  be§  SSMffenS  eütfdjleidje:  fo  ift  freiließ  aud) 
bie  entgegengefe§te  ®efabr  511  berüffftcrjtigen ,  bafj  nämlich 
au$  bie  Gnttroifflung  unfereS  frommen  (SelbftberoufjtfeinS 
nid)t  fo  gefafjt  roerbe,  bafj  ber  SSifjbegierige  baburdj  in 
SBiberfprud)  geratbe  mit  ben  ^rinetpien  feine§  gorfd)en§ 
auf  bem  Gebiet  ber  Üftatur  ober  ber  (55efcc)tc6)te.  Mein  ba 
ba§>  (Selbberoufetfein,  auf  roeld)e§  I)ier  &u  reflectiren  ift,  fdjon 
biefeS  in  ftctj  f  erliefet,  baf?  mir  in  einen  Sftatursufammenfjang 
geftellt  ftnb:  fo  roirb  bie  &eljre  bon  ber  ©rbattung,  meiere 
biebon  unmittelbar  ausgeben  fann,  in  ber  reinen  (gntroifftung 
biefe§  ScibftberouMeütS  feinen  Slnlafe  ftnben,  jene  3$orQU&= 
fejung  serftören  ju  rootfen.  Unb  bie§  roirb  aud)  irrtbümltdj 
um  fo  weniger  begegnen  fönnen,  roenn  bte  angegebene  Söe^ 
banblung  ber  ©cfjöpfungSlebre  fdjon  boran  gegangen  ift. 

3.  Sßenn  nun  ba§  unmittelbare  bösere  (Selbftberoufjtfein, 
Weld)e§  in  betben  Sebrftüffcu  bargeftellt  roerben  foll,  nur 
eine§  unb  baffelbe  ift;  ber  Bweff  ber  djrtftltdjen  ®IaubeiH- 
lebre  aber  tljeilS  ber,  bk  in  ben  öerfdjtebenen  Gebieten  ber 
religio! en  ÜMttl)  eilung  innerhalb  unferer  ®ird)e  geltenb  ge 
roorbenen  SDarfteHungen  üjrem  Wefentlidjcn  ^nljalt  nad^ 
anfebaulieb  unb  normal  sufammen  §u  faffen,  tl)cil§  aud) 
(Sautelen  aufjufteffen ,  um  511  Oermeiben,  bafi  ftd)  nichts  etn* 
fd)tctd)e,  roa§  bcm  biebergebörigen  wiberfprcdjen  fönnte,  rijne 
bah  bie§  in  jebem  gegebenen  .gufammenbang  bewirft  würbe: 
fo  roerben  beibe  Scfjrftüffe  aufammengenommen  bie  bog* 
matijdje  3)arftcllung  be§  l)icr  jum  ®nmbe  licgenben  [djledjt* 
biuigen  ?lbt)ängigfeit§gefübt§  erjdjöpfen,  roemt  roir  bei  bem  einen 


£et  ©foußenSIeijre  erfter  a#eü.  ©rfter  Sf&fänttt.  165 

fcorsügtidj  bie  Stuffteflung  ber  nötigen  $orfid)tSregeln  be* 
hurten,  bei  bem  anbera  aber  übermiegenb  bie  tiofttioe  @nt* 
mtfflung  im  Singe  fjaben. 

GifteS  ße^rftüfi 
$on  ber  Stfjüpfung. 
§.  40.    £>em  t)iet  §um  ©runbe  liegenben  frommen 
©elbftbetoußtfein  miberfprid?t  iebe  Sßorftellung  Dort  bem 
©ntfte^en  ber  SBelt,  bur$  roel^e  irgenb  etmaS  Don  bem 
©ntftanbenfem     bur<$    ©Ott    auggefd&loffen,    ober    ©Ott 
ielbft     unter    bie    erft    in    ber    2Mt    unb    burä)    bie : 
SOßelt  entftanbenen  SBeftimmungen  unb  ©egenfäge  geftellt  I 
ttrirb. 

SIpoftelg.  17,  24.  9töm.  1, 19.  20.  §ebr.  11,  3. 

2.  SDie  angesogenen  neuteftamenttfdjen  ©teilen  geben  barin 
toora'n,  iebe  näber  beftimmte  SSorfteuung  öon  ber  (£d)önntng 
aoäuroeifen.  Sludj  ber  SluSbrutf  Hf"*""  ift  für  lebe  nähere  Sße= 
ftmunung  nnr  uegatiö,  mit  nämlich  alle  SBorfteffung  irgenb 
eine§  SSerfseugeS  ober  StfittelS  au§5ufd)liefeen.  @S  läßt  fiel) 
aud)  in  Uebcreinftimmung  bamit  unb  mit  bemfelben  9$ect)t 
tagen,  bie  SBelt  feibft  fei,  als  burä)  baS  ©üredjen  gemorbeit, 
baS  oon©ott  gefprodjene.1  Unb  fo  begnügen  mir  unS  bamit, 
biefe  negatitoen  (Stjaraftere  aufeuftetten  als  Regeln  ber  $3c* 
urtbeilung  für  baS,  h)aS  als  nähere  SBeftimmung  MefeS  S8e= 
griffet  in  bie  ©taubenSIebre,  aber  unferer  Ucberäeugung  nadj 
mit  Unrecht,  eingebrnngen  ift.  $enn  ba  unfer  unmittelbares 
Selbftbercufetfeüt  baS  enblidje  ©ein  nur  in  ber  Sbentität 
beS  (SntftefjenS  unb  gortbeftebenS  reöräf entirt :  fo  finben  mir 
in  bemfelben  gu  ber  (gntmifflung  beS  erfteren  für  fid)  allein 
mcber  SSeranlaffung  nod)  Anleitung,  tonnen  alfo  and)  oer* 
möge  beff  elften  feinen  befonberen  Slntfjeü  baran  nehmen. 
2)ie  meitere  SluSbübung  ber©d)öt>fungSlel)re  in  berSDogmattt 
rübrt  auS  ber  Seit  ber,  mo  man  and)  naturmiffenfd)aftlid)eii 
(Stoff  auS  ber  ©c&rift  Idolen  mollte,  unb  mo  bie  Elemente 
aller  pberen  SBiffenf haften  nod)  in  ber  Geologie  Verborgen 
lagen  (SS  gebort  baber  gut  gänäüdjen  Trennung  beiber,  bafj 
mir   biefe  <5a$z  ben  rüftmärtS   geljenben  gorfc&ungen  ber 

1  23a§  ift  bie  Qange  föeatur  anberS,  benn  ein  SSort  föotte§  ton  ©Ott 
flefagt  unb  ausgebrochen,  .  ...  bat  alfo  ©ort  ba§  ©Raffen  nidjt  fernerer 
anfommt,  benn  unS  ba§  Kennen.     £u  tlj.  j.  ©enef.  I.§.  51. 


166  -Der  djTijtltdie  ©fouöe.  Grfter  Sljell. 

Jftaturtotffenfdjaft  &6ergeben,  ob  fte  un§  bi§  gu  ben  bie  SBeft* 

förper  bübenben  Gräften  unb  Waffen  ober  nod}  ruetter  hinauf 
füfjrcn  fann,  unb  bafe  mir  unter  ber  obigen  SBorauSfeaung 
bte  9?efultate  raljtg  abwarten,  inbent  oljne  trgenb  uon  ber 
cbriftlicjen  ©laubenSleljre  abljängig  3»  fein  ober  e§  Ijieburd) 
31t  werben,  jcbeS  iuiffenfcr)nftlict)e  SBeftreben,  ir>elct)e§  mit  ben 
^Begriffen  ©ott  unb  Sßelt  arbeitet,  ftd>  burdj  biefelben  $8e= 
ftürammgen  abgrenzen  nmfe,  wenn  m#t  biefe  Segriffe  auf- 
frören  fotten  ^wei  51t  fein. 

2.  2öte  nun  bte  nenteftamenttidjen  ©teilen  fo  gar  feinen 
©toff  an  bie  £>anb  geben  gttr  Weiteren  ?(u§bübung  ber 
©djityfungSIeljre,  unb  bie  ©laubcnSlefjrer  bod)  au$  ba,  wo 
fte  in  jeuer  SSerroedjfelung  if)rer  Aufgabe  ntitber^ilofoplufdien 
begriffen  waren,  fidj  immer  auf  bie  ©djrift  äurüffbesogen: 
fo  baben  mir  suntidjjft  auf  bk  mofatfefce  ©raäljümg  unb  bie 
gemif  fernlagen  bod)  fämmtlidj  oon  biefer  abhängigen  alt* 
teftamentiferjen  ©teilen  ju  feljen.  Seite  nun  mürbe  unlängbar 
oon  ben  Reformatoren  für  eine  eigentliche  Ö5efct)tcrjt§eränljlunft 
genommen.1  ßutljerS  2lu§[prudj  inbefj  ift  oorneljmlid)  ber 
attegortfdjen  ©rflärung  entgegengehest,  unb  (£aloin§  silnftd»t 
idjltefet  bod)  [(Jon  einen  (Sebraudj  biefer  (Srääfjtuitg  §ttr  9lu§= 
bttbnng  einer  eigentlichen  Sfjeorie  an§.  3Iuf  jebe  SSeife  ift 
e§  ber  ©ac^e  sunt  Sßortfjeil,  ba$  hierüber  nidjtS  tymbotifdj 
gemorben  ift,  jumal  fdjon,  menn  man  nid)t  gemaltfamermeife 
bie  stoette  @rjäf;Iung  in  ber  ®enefi§  al§  eine  recajritnlirenbe 
gortfeäung  ber  erften  anfeljeit  Witt,  bie  S3erfcr)tebenr)ett  äWifdjen 
beiben  fo  bebeutenb  ift,  ba%  man  itjnen  einen  eigentlich  ge* 
fctjicrjtHcrjen  CHjarafter  fcrjtüerltcrj  beilegen  fann.  9M)mett  mir 
nun  ba^u,  ba%  in  ben  altteftamentifdjen  ©teilen,  roeldje  ber 
©crjöpfuttg  ermähnen,  tf)til§>  biefelbe  (£infad)t3eit  öorljerrfdjr, 
mie  in  ben  neuteftamenttfdjen*  tt)eil§  bie  mofaiidjen  ©äje 
gwar  sunt  (Srunbc  gelegt,  aber  00$  feljr  frei  betmnbelt 
merbeu;8  ferner  bafj  ein  rein  bibaftüdjer  ©ebraud)  biefer 
©rjäOlung  gar  nierjt  üorfontmt,  unb  ba%  $tjiton,  roeldjer 
bie  fccl)§  Sage  in  bud)ftäblid)em  ©iune  burd)au§  berwirft,  bod) 
gewife  Vorgänger  gehabt  Ijaben  wirb:  fo  tonnen  mir  atetultä) 


1  ßittfj.  5.  ©enef.  I.  3.  §.43.  2>enn  SUiofeS  fdjreibct  eine  fctftorie, 
unb  melbct  gefd)eljene  Singe.  —  Calvin.  Instit.  I.  14,3.  Moses 
vulpi  ruditati  se  aecommodans  non  alia  Dei  opera  commemorat  in 
historia  creationis,  nisi  quae  oculis  nostris  oecurrunt. 

2  Scf.  45,  18.  herein.  10,  12. 

1  $f.  33,  6—9.  W-  104.  §iob  34,  4  fTgb. 


©er  ©Iaufctt§le§re  etfter  Sfceil.  erster  STCfönttt.  167 

fidler  fdjliefjen,  ba%  bie  budjftäblidje  (Srflärung  nie  allgemein 
bitrcbgebrungen  ift  in  iener  Seit,  fonbern  immer  ein  roenngteidj 
bunfleS  bocb  gefunbeS  ®efübl  babon  übrig  geblieben,  ba% 
bieZ  alte  2)enfmal  nacfj  unfern  SBorfteutmgen  bon  ©efdjtdjte 
mrf)t  bürfe  bebanbelt  roerben.  &afjer  mir  nidjt  Ürfadje 
Ijaben  über  foldjem  gefd)idjtlidjen  SBerftänbntfc  firenger  311 
galten,  ol§  ba§  fßolt  feföft  in  feinen  beften  Briten  getljan  %at. 
Seiest  aber  and)  man  Mite  bolleS  IRec^t  anauneljmen,  bte 
ntofaifdje  SBefc&retbung  fei  eine  auf  aufeerorbentlidjem  SBege 
mitgeteilte  Ö5efctjicrjt§erääc31ung :  fo  folgte  barauS  nur,  bau 
mir  auf  biefem  SSege  eine  anberS  nidjt  gu  ermerbenbe  natur- 
miffenidjaftlidje  ©tnftdjt  erlangt  f)ätten,  aber  fetneSroegeS 
mürben  bte  einzelnen  Steile  berfelben  beSbalb  (SHaubenSfäse 
nad)  unferm  ©pradjgebraudj  fein,  ba  unfer  fdjtedjtbinigeS 
AbbängigfeitSgefübt  baburd)  meber  einen  neuen  ©etjalt  nodj 
eine  anbere  ($5eftaltung  nodj  irgenb  eine  nähere  S3eftimmung 
erhält.  3)aber  nun  audj  eine  commentirenbe  Auslegung  ber* 
felben  ober  bte  Söeurtbeüung  foldjer  Auslegungen  gar  fein 
•<55e>ct)äft  ber  £)ogmatif  fein  fann. 

3.  SßaS  aber  bte  aufgehellten  Söeftimmungen  felbft  be* 
trifft,  fo  ift  mol  beutüdj,  ba%  unfer  fcr)IedE)tr)itttge§  AbbängigfeitS* 
öefüt)!  rttcfcjt  tonnte  auf  bie  allgemeine  SBefdjaffen&ett  alleS 
enbltdjen  <3etnS  belogen  merben,  menn  in  biefem  irgenb 
etmaS  bon  (Sott  unabhängig  märe  ober  jemals  gemefen  märe. 
(gben  fo  geroifj  aber  aud)  ift,  bafj  menn  in  allem  enblid)en 
©ein  als  folgern  irgenb  etmaS  märe,  baS  al§  bon  (Sott  un* 
abhängig  in  bk  (Sntftebung  beff elften  eingegangen  märe:  fo 
lönnte,  n>ei(  eben  bieS  aud)  in  unS  fein  müfjte,  baS  fctj»tedt)t= 
Einige  SXbr)ärtgtgfett§gefitr)l  aucb  in  S3eäiet)ung  auf  unS  felbft 
feine  SBaljrrjett  baben.  Sßürbe  hingegen  <S5ott  als  fdjaffenb 
auf  irgenb  eine  SSeife  befdjränft  gebaut,  alfo  bemienigen 
äbnlidj  in  feiner  SHjätigf eit,  maS  bodj  fdjledjtbm  bon  itjm 
abhängig  fein  foH:  fo  mürbe  baS  biefe  9lbf)  ängtgf  eit  auS* 
fagenbe  Ö5efür)l  ebenfalls  nidjt  roatjr  fein  fönnen,  inbem 
<5>letct)rjett  unb  Abbängtgfett  fidj  gegenfeitig  aufbeben,  unb 
alfo  baS  ßhtblidje,  fofern  eS  (Sott  gleich  märe,  nidjt  fönnte 
fctjlecr)tr)itt  bon  üjm  abhängig  fein.  Unter  einer  anbern  al§ 
biefen  beiben  formen  aber  ift  ein  Söiberfbrudj  irgenb  einer 
£t)eorie  bon  ber  ©djöpfung  mit  ber  aligemeinen  (Srunblage 
unfereS  frommen  (SelbftbemufjtfeinS  rttcrjt  äu  beulen.  dMt 
bem  crjrtftlicrjert  (Sljarafter  beffelben  aber,  ba  biefer  eine  ©r* 
fabrung  fdjon  borauSfejt,  fann  eine  Setjre  bon  ber  btofjen 
-Sdjöbfung,   meil   fie   auf   baS  gortbefteben  feine  SRüfrTtdjt 


168  2cr  dirijtlidje  ©laube.  Grfter  S$eil. 

nimmt,  audj  nicfjt  in  äßtberfprudj  ftefjen.  SMe  djrtftttdje 
grömmiafett  fann  alfo  bei  bieten  gorftfnmgen  fein  anbereg 
^ntereffe  baben,  al§  nur  fte  oon  bieten  6eiben  Slippen  enfc 
fernt  311  ijalten.  Db  nun  a6er  biefeS  leicht  fei,  ober  audj 
jjier  mer  bie  eine  oermeiben  lüitt  nur  §u  letebt  ber  anbern 
nafje  fommt,  ba$  mufe  fiefi  au§  ber  näheren  Betrachtung  ber 
in  bie  ©laubenSleJre  aufgenommenen  Bufäse  ergeben. 

§.41.  äöenn  ber  Begriff  ber  (Schöpfung  toetter  ent* 
tütüelt  toerben  foll,  fo  muB  t>a§>  ©ntfte^en  ber  äßelt  gtoat 
ganj  auf  Vit  göttliche  Styätigfett  surüffgefüfyrt  toerben, 
aber  nt<$t  fo,  bafe  biefe  na*  2lrt  ber  menf$lia>n  be* 
ftimmt  toerbe;  unb  ba$  (Smtftefyen  ber  äßelt  foll  al<3  bie- 
atten  SBe^fel  bebingenbe  getterfüilung  bargefteüt  toeroen, 
aber  nia)t  fo,  $>afc  bie  göttliche  S^ätigfeit  feibft  eine  jeit* 
li$e  toürbe. 

Conf.  Belg.  XII.  Credimus  Patrem  per  verbum  hoc  est  filium 
suum  coelum  et  terram  ceterasque  creaturas  omnes  quandoque 
ipsi  visum  fuit,  ex  nihilo  creasso.  —  Jo.  Dam.  d.  orth. 
f.  II,  5. .  .  ex  xou  U7]  ovrog  ei?  xo  sivai  7:apayayu)v  xa  aü|j.7:avxa. 
—  Sutlj.  3.  ©en.  II,  2.  §.7.  Unb  tft  ©ott  in  Summa  aufjet 
altem  Mittel  unb  (Gelegenheit  ber  Seit.  —  ©benb.  2tUe§  ma§  ®ott 
fiatfd)Qffen  motten,  ba§  fiat  er  gef Raffen  bagumal,  ba  er  forad),  ob 
e§  toobl  niebt  alle§  plöälid)  ottba  oor  unfern  Singen  fdjetnt  .  .  .  %$ 
jtoar  bin  etroa»  neueä  .  .  aber  .  .  .  für  ©ott  bin  ia)  genüget  unb 
gett>al)ret  balb  am  Stnfang  ber  3Selt,  unb  bie§  SSort,  ba  er  ftnrorf), 
Saffet  un§  SReitfdjen  mad)en,  bat  audi  midi  geierjaffen.  —  Hilar. 
d.  f.  Tr,  XII,  40.  Nam  etsi  habeat  dispensationem  sui  firmamenti 
solidatio  —  sed  coeli  terrae  ceterorumque  elementorum  creatio 
ne  levi  saltem  ruomento  operationis  discernitur.  —  Anselm. 
Monol.  9.  Nullo  namque  pacto  fieri  potest  aliquid  ratiouabiliter 
ab  aliquo,  nisi  in  facientis  ratione  praecedat  aliquod  rei 
faciendae  quasi  exemplum,  sive  ut  aptius  dicitur  forma  .  . 
quare  cum  ea  quae  facta  sunt,  darum  sit  nihil  fuisse  ante- 
quam  fierent,  quantum  ad  boc  quia  non  erant  quod  nunc 
sunt,  nee  erat  ex  quo  fierent,  non  tarnen  nihil  erant 
quantum  ad  rationein  facientis.  — Phot.  Bibl.  p.  302.Bekk. 
oti  6  *ßpiy£V7]s  eXeye  cuvatö'.ov  eivou  toj  .  .  -0-eoj  xo  rcav.  El  yap, 
e<pa<rxe,  oOx  Eort  Si](uqupyb(  ä'vsu  o,Tjuioupy7j[j.äxiov  .  .  ouok 
raxvxoxpäxcop  aveu  xtov  xpaxoujxsviov  .  .   .  aväyx7)  i%  apyjj<;  auxä 

Idr.o  xou  -0-sou  jeysvfjaöat,  xa\  [xr\  etvat  ypövov,  oxe  oux  r,v 
xaüxa.  el  yap  7]v  ypovo;,  oxe  oux  7Jv  xa  7couj[Aaxa  .  .  .  xat 
ÄXXoiouafrat  xa\  [j.G-aßaX^stv  tov  arpsTirov  xai  avaXXotwTov- 
auja.ßrjaeiat  {heöv  tl  yap  uaxspov  rtSJtoiTjxe  xo  ~äv,  ofjXov  ox« 
--,  tocelv    et?    to    -otetv    (xexeßaXs.     —    Hilar.    d.  f. 


£>er  ©lau&en§lefjre  erjter  Sfjeil.  (gxfter  Slbidjrtiit.  163 


Tr.  XII.  39.  Cum  enim  praepararetur  coelum  aderat  Deo. 
Kumquid  coeli  'praeparatio  Deo  est  temporalis?  ut  repens 
cogitationis  motus  subito  in  mentem  tamquam  antea  torpidam 
subrepserit,  humanoque  modo  fabricandi  coeli  impensam 
et  instrumenta  quaesierit?  .  .  .  Quae  enim  futura  sunt,  licet 
in  eo  quod  creanda  sunt  adhuc  fient,  Deo  tarnen,  cui  in  cre- 
andis  rebus  nibil  novum  ac  repens  est,  iam  facta  sunt:  dum 
et  temporum  dispensatio  est  ut  creentur,  et  iam  in  divinae 
virtutis  praesciente  efficientia  sint  creata.  —  Augustin.  d. 
civ.  D.  XI,  4,  2.  Qui  autem  a  Deo  factum  fatentur,  non 
tarnen  eum  volunt  temporis  habere  sed  suae  creationis  initium, 
ut  modo  quodam  via  iutelligibili  semper  sit  factus:  dicunt 
qnidem  aliquid  etc.  ibid.  XII.  15.  Sed  cum  cogito  cuius  rei  ; 
dominus  semper  fuerit,  si  semper  creatura  non  fuit,  affirmare 
aliquid  pertimesco.  —  ibid.  17.  üna  eademque  sempiterna 
et  immutabili  voluntate  res,  quas  condidit,  et  ut  prius  non 
essent  egit,  et  ut  posterius  essent ,  quando  esse  coeperunt.  — 
Idem  de  civ.  D.  XI,  6.  Procul  dubio  non  est  mundus 
factus  in  tempore  sed  cum  tempore.  —  Idem  de  Genes,  c. 
Man.  I,  2.  Non  ergo  possumus  dicere  fuisse  aliqnod  tempus 
quando  Deus  nondum  aliquid  fecerat. 

1.  ©er  ShtSbruff  au§  9eidjt§  läugnet,  ba§  oor  ber  @nt* 
ftebung  ber  SSeit  irgenb  etttm§  aufeer  (Sott  öor^anben  ge* 
mefen,  ma§  als  Stoff  in  bie  SBeltbübung  eingegangen  märe; 
unb  ofjnftrettig  mürbe  bie  21nnaf)me  eine§  unabhängig  oon 
ber  göttlichen  Sfjättgfeit  t>orf)anbenen  StoffeS  ba§>  fd)ted)t* 
Einige  Slbpngigt'eitSgefüfji  aerftören,  unb  bie  mirflid)e  SEeit 
barfietfen  ai§  eine  äJcifdjima  au§  bcm  ma§  burd)  (Sott  unb 
bem  ma§  nid»t  burd)  (Sott  ba  märe,  ^nbem  nun  aber  biefe 
formet  unläugbar  bie  Slriftotetijcbe  Kategorie  %  ou  jurürrruft 
unb  berfelben  nad)gebi(bet  ift:  fo  erinnert  fte  auf  ber  einen 
(Seite  an  bie  men)d)(icbe  Sftt  su  bitben,  meiere  einem  bor* 
Baubeiten  (Stoff  bie  gorm  giebt,  auf  ber  anbern  Seite  an 
ba§>  Verfahren  ber  9catur  in  ber  Bniammenfesung  ber  Körper 
au§  mehreren  Elementen.  Sn  fo  fern  nun  bieburd)  aUe§- 
ma§  fefcon  ^aturOerlauf  ift  ftreng  oon  ber  erften  ©ntftetnmg 
geid)ieben  unb  eben  fo  bh  Schöpfung  über  bie  blofje  %t* 
ftaltung  fjinauS  gehoben  mirb,  ift  ber  %v&bx\\xt  aud)  tabeI!o§. 
9to  fielet  man  au§  £>üariu§  unb  StnfelmuS  mie  leicht  udj 
boct)  l)inter  bie  Verneinung  be§  Stoffs  ein  Vorijerfem  ber 
(Seftalten  bor  ben  fingen  naiürlid)  nietjt  au£er  (Sott  fonbern 
in  (Sott  berftetrt.  Studj  biefeS  erfdjeint  an  ftd&  gans  un* 
berfängiidi;  aber  inbem  nun  boeb,  bie  beiben  (Siieber  biefeS- 
(SegenfaseS  Stoff  unb  gorm  ftd)  nidjt  gleich  au  (Sott  ber* 
galten,  mirb  bieier  bod)  au§  ber  ^nbifferem  gegen  ben  (Segens 


170  $«  djriftlufce  ©taube.  Cfrfter  Xbcil. 

|aj  IjütauSgerüfft  unb  alfo  gemiffermafjen  unter  benfelben 
geftellt.  £aljer  and)  natürlich  biefe§  Sein  bcr  gönnen  in 
©ott  bor  bem  Stofein  ber  2)inge  al§  bod)  fdjon  auf  baffelbe 
ftdj  bcgieljenb  ein  Vorbereiten  genannt  derben  fann.  Mein 
r}tebnrcr)  mirb  fogletdt)  bie  anbere  Üteget  berieft  unb  mir 
muffen  bagegen  £utrjer§  51u§fpructj  geltenb  machen;  benn 
®ott  bleibt  nicrjt  mebr  aufeer  aller  SBerübrung  mit  ber  Qtit, 
menn  e§  sroei  göttliche  £fjättgfeiten  giebt,  bie  mie  Vor- 
bereitung unb  (Schöpfung  nur  in  einer  beftimmten  geitfolge 
gebaut  roerben  fönnen.  5lnjelm  fpricrjt  biefe  3ettltct>fett  nadj 
fetner  2lrt  am  troffenften  unb  unbefangenften  au§.  &ilariu§ 
möchte  fte  auffjeben;  aber  bie§  gelingt  irjm  eigentlich  bodj 
nur  mit  bem,  roa§  'wöt  nocrj  einzeln  in  ber  3eit  entfielt  mdjt 
aber  mit  ber  urfprünglidjen  (Scfjöpfung;  benn  bon  biefer  fann 
man  ntcfjt  fagen,  bafj  fte  in  ber  borljermiffenben  28  ir  ff  am* 
feit,  fdjon  e&e  fte  mürbe,  roäre  gefcrjaffen  geraefen.  —  9cur 
beiläufig  fann  Ijier  bemerft  roerben,  bafj  ber  2Iu§bruff  au§ 
9iid)t§  auctj  öfter  borfommt  um  bit  ©rfdjaffung  ber  SBelt gu 
unterbleiben  bon  ber  (Sräeugung  be§  ©oljneS.1  SBäre  nun 
I  bie  legte  allgemein  anerfannt  eine  einige  unb  bie  erfte  eben  fo 
allgemein  anerfannt  eine  seitliche,  fo  märe  rticfcjt  nötrjig  nocrj 
einen  anbern  Unterfctjieb  auf  aufteilen ;  ober  auclj  menn  man 
nur  auf  biefem  bebtet  bofffommen  einig  märe  über  ben  Unter* 
fcrjteb  groifdjen  ©rgeugen  unb  ©rfdjaffen.  5)ocrj  ift  aud)  fo 
ber  5lu§bruff  ju  biefem  Broecf  nid)t  nötr)ig,  inbem,  menn  man 
aud)  SSort  unb  ©oljn  gar  nierjt  tbentificirt,  fdjon  ber  5lu§* 
bruff  burdj  ba§  SSort  gemacht  fein2  jeber  Verroedjfefung  biefer 
2lri  hinlänglich  borbeugt,  felbft  menn  man  ben  Unter  fcrjieb 
aroifdjen  ©Raffen  unb  ©rgeugen  ntcrjt  fjerborljebr. 

2.  Söenn  mir  nun  fo  ftreng  mie  oben  angebeutet  ift  bie 
erfte  (Sntfterjung  fonbern,  bafj  mir  aHe§  nierjt  fdjledjtljm  prt* 
mitibe  fdion  ju  bem  in  ber  ©ntroifflung  begriffenen  Natur* 
lauf  redjnen,  unb  alfo  unter  bm  begriff  ber  (Spaltung 
bringen:  fo  ift  bk  grage,  ob  bie  <Sd)öpfung  felbft  eine  3eit 
eingenommen,  fd)on  bemeinenb  erlebigt.  SS)te  Unterfdjeibung 
einer  erften  unb  aroeiten  (Schöpfung  ober  einer  unmittelbaren 


1  Fecisti  enim  coelum  et  terram  non  de  te,  nam  esset  aequale 
unigenito  tuo  —  et  aliud  praeter  te  non  erat  unde  faceres  ea,  et 
ideo  de  nihilo  fecisti  coelum  et  terram.     Augustin.  Conf.  XII,  7. 

a  £enn  e§  finb  alte  SMnge  burd)  ®otte§  SSort  alfo  gemadjt,  bafj  fle 
billiger  geboren,  benn  gefajaffen  ober  erneuert  rjei&en  mögen,  benn  ba  ift 
fein  Snftntmcnt  ober  SScrf^eug  rjfnsugefommen.     Sutf».  %f).  V.  @.  1 102. 


£er  ©laubensfefire  erfler  33jeü.  grftcr  2(bfcf)mtt.  171 

«nb  mittelbaren  fommt  immer  juruß  entroeber  im  allgemeinen, 
auf  baä  SBerben  be§  sufammengeieäten  cm§  bem  einfachen, * 
unb  auf  ba§  be§  organiicfjen  au§  bem  elementartfdjen. 2  &ier 
aber  mieber  eine  (Schöpfung  eintreten  laffen  Ijebt  entmeber 
ben  llnterfd)ieb  sroifdien  (Schöpfung  unb  ©Gattung  gan$ 
mieber  auf,  ober  e§  fegt  bifferente  (Stoffe  ofjne  alle  itjnen 
einroolmenbe  Gräfte  borau§,  meldje§  ein  oöftig  leerer  (gebaute 
ift.  (Sonbern  menn  man  aud)  bei  (Sd)öofung  auriädjft  an 
(Stoffe  benft,  rotem  ol  boKfommen  eben  fo  natje  liegt  an  Gräfte 
3U  beuten:  fo  mufe  bo$  oon  ba  an  ein  Iebenbige§  beroeglidje§ 's 
(Sein  beftanben  unb  ftdj  roeiter  fort  entruiffett  Ijaben,  fottft 
roäre  bie  <Sdj)öofung  be§  bloßen  (Stoffes  bo<$  aud)  nur  eine 
Vorbereitung  geroefen,  eine  äußere  materielle  entfpre^enb 
jener  inneren  formellen.  SBir  bürfen  baljer  biefe  Söeftim* 
mungen  einer  Seit  surüff  geben,  bk  fid)  in  folgen  31b* 
ftractionen  gefallen  lonnte,  roett  oon  einer  bmtamijdjen  Sin*: 
ftd)t  ber  Statur  feine  Dtebe  mar.  (Sine  anbere  aud)  gar  ntcrjt  i 
in  unferm  (Gebiet  «infjeimifdje  grage  über  ba§>  Sßerfiältnifj  ber 
2Beltfd)öpfung  gur  Qtit  ift  bie,  ob  eine  £eit  oor  ber  Sßelt  ge* 
roefen  ober  ob  bie  3eit  erft  mit  ber  SBelt  begonnen  Ijabe. 
9?ebmen  mir  aber  SBelt  in  bem  roeiteften  (Sinn:  fo  bürfen 
mir  baZ  erfte  ntcfct  bejahen  laffen,  roeil  eine  S&  öor  ber 
SBelt  ftd)  nur  tonnte  auf  QJott  belogen  ftaben,  unb  biefer  alfo 
in  bie  3eit  berieft  mürbe.  ®ie  Conf.  belg.  mit  itjrem  quando 
ipsi  visum  fuit  fallt  aber  offenbar  in  bieten  geiler,  unb  mir 
muffen  un§  bagegen  auf  bie  gormein  be§  SluguftinuS  jurüff* 
gießen.  —  ®er  (Streit  enbltdj  über  eine  seitliche  unb  eroige 
(Schöpfung  ber  SBelt,  ben  man  auf  bie  Srage  äitrüfffü&ren 
fann,  ob  ein  (Sein  (SotteS  oljne  (Sefdjöpfe  gebacrjt  roerben 
fönne  ober  muffe,  betrifft  ebenfalls  feine§roege§  ben  ummttel* 
baren  ®efjalt  be§  fd^lecrjtfjinigen  8t6tjcmgtgfett§gefüf)l§,  unb 
e§  ift  bafier  an  unb  für  ftd)  gleichgültig,  mie  er  entf^ieber 
roirb.  9?ur  in  fofern  man  mit  ber  Öorfteüung  einer  (Sd)öpfunp 
in  ber  3eit  ben  tiwZ  2lnfang§  ber  göttlichen  Sfja'ttgfett  nad 
aufcen  ober  eine§  Slnfang§  göttlicher  £errfd)aft  toerbtnbe).< 
ntu§,   mie  DrtgeneS  bh  (Sadje  barfteßt,   fo  mürbe  baburcl 


1  TrJ  [jlsv  ~ptoTr(  T^ipa.  e::onr]aev  6  -8;o?  oaa  i-oirfizv  ex  [jj;  ovxa></ 
xat;  3k  aXXac?  oux  ex  (juj  ovtiov,  aXX'  e£  idv  e^oäjas  T7j  7tpojTT]  ijuipe 
|jL£Te'ßaXsv  to<;  fftO^rpe.     Hippolyt.  in   Genes. 

2  Tä  (xkv  oux  ex  jrpou-oxc:piv7];  uXrj?,  ciov  oupavov ,  too  oupavo« 
bte  artftotelifc^e  fünfte  (Subftan3  ift,  yr{ v  ae'pa  7cup  u8wp*  xa  8k  ^x  to  C-m>  , 
oüov  ^oa  cuxa  etc.     Joan.  Damasc.  II,  25. 


172  $er  djrtftlidic  ©taube.  Grfter  £b,eil. 

©Ott  in  ba§>  gebiet  bc§  SBec^feXS  geftellt,  al§  jeiiiidj,  mithin 
ber  ©egenfa-j  sunfdjcn  iljiit  unb  bem  enblidjcn  ©ein  ber* 
ringert,  tooburd)  beim  freilief)  bie  SReiuljeit  be§  SlbljängigfeitS* 
gefühlt  gcfaTjrbet  luirb.  SBenn  Sluguftin  um  bieg  su  Oer- 
meioen  bod)  nur  ©inen  göttlichen  SBillenSact  für  ba& 
frühere  Sftidjtfein  unb  ba§>  fpätere  (Sein  ber  2)inge  aufftelit: 
fo  genügt  bie»  mol  fc£)tnerlict).  2)ann  gehört  ein  gleid)  mxU 
j'amer  göttlicher  SBilte  bagu,  bamit  bie  SBelt  früber  nidjt  fei: 
fo  nmfe  man  annehmen,  bnft  fte  obue  btefen  göttlichen  SBitten 
früher  toerbe  geroorben  fein,  mithin  baf;  ein  Vermögen  titS 
Safein  31t  treten  unabhängig  bon  (Sott  borljanben  fei.  Sit 
aber  berfelbe  (Sine  göttliche  SBUle  bod)  toa&reitb  be§  SRi(ft* 
fein§  ber  Singe  audj  ein  unnnrffamer,  inbem  er  tbzn  fo  raenig 
etroa§  oerfnnbert  al§  hervorbringt:  fo  bleibt  bod»  ba§  lieber- 
gelten  au§  bem  üftidjtljanbetn  in  ba§  &anbeln,  roenn  man  e§ 
and)  anber§  auSbrüfft  al§  Uebergang  au§  bem  SBollen  in  bie 
Sßßirffantf  eit,1  wogegen  ftdj  nicfjt  beuten  iäfct  nrie  bit  $or~ 
fteftung,  ba%  ®ott  nidjt  oijne  bon  iljm  fdjledjgljimg  abhängiges- 
ift,  auf  irgenb  eine  Sßeife  füllte  ba§  fromme  ©elbftbeiuu£tfein 
fdjinäcljen  ober  bertnirren  tonnen.  SBte  benn  audj  bie  Ijier 
nocij  gar  nid)t  §u  belmubelnbeBurülffübruttg  be§  SBorteS,  rco^ 
burcl)  ©ott  bie  SSeft  gefd)affen,  auf  ba§  Sßort  meld)e§  bon 
(Stoigfeit  bei  (Sott  mar,  ftdj  nur  jur  rechten  SHarijeit  bringen 
iafet,2  raenn  nidjt  burcl)  ba§>  einige  SBort  aud)  etuig  gefdjnffeit 
mirb. 

3 ufa§.  Man  lann  Ijieljer  audj  nodfc  bte  SBeftiinmung 
rcclmen,  ba%  ®ott  bie  SBelt  burd)  einen  freien  SSefeljlufc 
gcfcl)nffen.  9hm  berfteljt  fid)  tum  felbft  ba%  Derjenige  fdjledjfc 
tjin  frei  ift  bon  melcrjem  alles?  fd)led)tl)tn  abhängig  ift.  dlux 
menn  man  fi$  bei  bem  freien  iöefdjluft  eine  SSeratfjung  bor^ 
^ergeljenb  benft,  auf  meldje  eine  SBaljl  folgt,  ober  tnemt  man 
jene  greüjeit  fo  auSbrüfft,  ba%  ®ott  bie  SBelt  audj  eben  fo 
gut  nidjt  Ijätte  fdjaffen  tonnen,  roeil  man  meint  e§  fei  nur 
entmeber  biefe§  möglidj,  ober  bafc  (Sott  bie  SBelt  fjabe  fdjaffen 
muffen:  fo  Ijat  man  fdjon  borljer  ftdj  greiljeit  nur  im  (Segen* 
fa§  mit  ■ftotljmenbigfcit  gebadjt,  unb  alfo,  inbem  man  (Sott 
eine  fold)e  greiljeit  aufdjreibt,  ifm  in  baä  (&ebkt  be§  ©egen= 
fageS  geftettt. 

1  Addaraus  eum  ab  aeteruo  id  voluisse.  Quicquid  enim  vult,  id 
voluit  ab  aotorno.  Jam  quod  voluerat  ab  aeterno  id  aliquando  tan- 
dem  factum  est.  9hm  untfte  er  alfo  unb  noar  tfjätig  bab  bie  Sßelt  ent= 
ftanö.     Horas  Conment.   T.  1.  §.292. 

2  Sgl.  Smfjer  SS.  «.  1.  @.  2f3— 28.  u.  III.  (5.  36—40. 


®lau6en§lef)re£rfterS#eU.  grjter  SuMdjnüt.  H3 


Gtfter  «luljanß.  ®on  ben  (Sngeln. 
§.  42.  2)a  biefe  in  bcn  aUtejtomentif$ett  53üa)ern 
eitt$eintifd?e  Sotfteüuttg  aud)  in  baä  neue  Seftament  $in= 
übergefommen  ift ,  unb  auf  ber  einen  (Seite  tteber  ettoaä 
unmög.tid>e3  in  ft#  ld)lieftt,  nod)  mit  ber  ©runblage  atteS 
gottgläubigen  äBetoufctfrötö  im  28iberfprud)  fielet,  auf  ber 
anbern  Seite  aber  nirgenbS  in  ben  Rm§>  ber  eigentlid)en 
djriftlidjen  Se^re  l;ineina.egogen  ift:  fo  !ann  fte  and) 
ferner  in  ber  d)rifiüd)en  @prad)e  tiorfommen,  ot>ne  jebod)  i 
baB  nur  t>er^ftid)tet  mären  ettuaS  über  tyre  Realität  feft* 
gufteüen. 

1    ®te  (Srsäjjlungen  bon  2l6ral)am,  Sotb,  Safob,  oon  ber 
Berufung   be§   TOofe§  unb   ©tbeon,  ber  SBerfünbtgung  be§ 
©Union,  tragen   ba§  Gepräge  bellen,   nrnS  nur  ©age & 
nennen  üflegen,  febr  beutlid)  an  ftd),  ja  in  mehreren  ben elben 
werben  ©ott  fclbft  unb  bie  (Sngei  be<5  £erra  fo  mit  etnanbet 
uertned)fett,  baB  ba§  ®anäe  aud)  fann  als  eine  %fcvf) ante 
a°badjt  nrerben,  mo  bann  ba§  §ur  ftnnüdjen  2Sa^rnet)mung 
apiangenbe  gar  ntd)t  brauet  bie  @rf Meinung  eines  öon  0>ott 
**r?(Mebenen  fetbftänbigen  SScfcnS  m  fein.    %n  bteter  Unbe* 
fttmmtbeit  alfo  ift  bie  SBorftettung  älter  als  biefe  (frjaglungen, 
ia  öieüeidjt  nod>  als  bie  ersten  <£egebenbeiten,  unb  bann 
aud)  niebt  auSfäiiefcenb  bebrätfd)  im  engeren  @^,  »etc£e8 
aud)  au§  mancherlei  anbem  ©puren,  5.  33.  ber  ©einlegte  be§ 
SMfeam    fierooraugeSen   fäeint.     2)id)terifd)e    to8fu$rungen 
mand)er  Slrt  in  ben  Valuten  unb  $ro*&eten  leiten  auej >  ba* 
tauf,  bafc  atle§,  tta§  ein  Präger  eine§  gottlufcen  «Befgitö  *% 
aud)  (gngei  fann  genannt  merben;  fo  baB  biStoeiten  befrimmte 
befonbere  SSefen  unter  biefem  SfoSbrutf  au  benfen  ftnb ,  btj* 
meüen  aud)  nidjt    Sene§  nun  baben  mir  tool  P™% ntd)t 
anberS  *u  erfiären,  al§  tote  überbauet  üerfdnebene  SSoßer 
unter  üerföiebenen  gönnen  fid)  geiftige  SBefen  manntgfaittger 
Slrt  qebilbet  baben,  meit  nämüd)  ba§   Söenmfcrtem  oon  ber 
bemalt  be§  ©elftes  über  ben  ©toff.  immer,  je  weniger  bte 
Aufgabe  nod)  geiöft  ift,  um  befto  mebr  eine  Tagung  tu  ]td) 
fäliefct,  mebr  ©eift  öorau§sufeäen  als  ber  fid)  ™  to™«™* 
lieben  (Sattung  manifeftirt,  unb  anbem  als  tote  bte  t$tertf«en 
lebenbigen  Gräfte  unb  Sunfttriebe  bie  erft  fclbft  «"***« 
bemalt  über  ben  (Stoff  fotten  als  ©toff  tn  uufere  Gewalt 
gebradot  werben.    SBir  nun,  melden  bte  9Jtebrbett  ber  23elt* 


174  £er  ctjrtftlicije  ©laube.  Srfter  3$eil. 

fövpcr  befanut  ift,  beliebigen  jeneS  Verlangen  bitrcf»  bie  un§ 
geläufige  SßorauSfejung,  ba%  biefe  großenteils  ober  alle  mit 
nad)  berfd&tebenen  (Stufen  befeelten  Söefen  erfüllt  finb.  83  or* 
5er  aber  blieb  nidjtS  anberS  übrig,  als  entmeber  bie  @rbe 
felbft  mit  unS  Verborgenen  geiftigen  Sßefen  ju  bebölfern  ober 
ben  £ummel.  £aS  jübifdtje  Jßolf  fdjeint  fidj  entfdjieben  mcl)r 
an  baS  teste  gehalten  ju  Ijaben,  jumal  feit  baS  tjö^fte  Sßefeit 
suoleict)  al§  ber  ®ömg  beS  $ol!S  gebaut  mürbe,  alfo  Wiener 
in  feiner  9uifje  fjaben  mufjte,  um  fie  beliebig  an  ieben  Sßunft 
feine§  Sfteid^S  ju  fenben,  unb  fie  in  ieben  3tt>eig  ber  Sßer^ 
jualtung  eingreifen  §u  taffen,  unb  bieS  ift  auc§  geuufj  bie  am 
meiften  auSgebübete  SBorftellung  bon  (Engeln.  2öir  müßten 
fie  bemnadj  gänalidj  trennen  bon  unferer  SBorftetfimg  beS  auf 
anbern  Sßettförbern  ibrer  DJatur  gemäß  in  SSerbinbung  mit 
einem  DrgamSmuS  entmiffelten  geiftigen  SebenS;  benn  bie 
biblifdäe  Vorfteüung  fann  man  hierauf  nidjt  surüfffüljren,  * 
fonbern  fest  bann  etmaS  ganj  frembeS  an  beren  ©teile.  2öir 
mürben  fie  unS  bielmetjr  benfen  muffen  als  feinem  Sßeltförper 
beftimmt  angetjörige  geiftige  Sßefen,  bie  ftctj  nad)  ber  Sße- 
fcfyaffentjeit  eineS  ieben  für  if)r  (Sefdjäft  auf  bemfelben  einen 
menn  audj  nur  borübergefjenben  DrganiSmuS  anbilben  fönnen, 
mie  fie  benn  audj  auf  beut  unfrigen  nur  auf  borübergeljenbe 
Sßeife  bon  $tit  ju  Bett  foltert  erfd)ienen  fein.  Unb  offenbar 
miffen  mir  bon  bem  ämifdjenmelttidjen  9?aum  fomol  als  bon 
ben  möglichen  Sßerbältniffen  amifdjen  <25eift  unb  ®örber  biet 
äu  wenig,  um  bie  SBabrfceit  einer  folgen  SSorfteßung  fdjledjt* 
bin  abläugnen  su  bürfen.  ^a  menn  mir  bie  (jrfdjeinung  ber? 
felben  als  etmaS  munberbareS  anfeljn:  fo  gefcbiefjt  bieS  roeit 
meniger,  meil  mir  notbgebrungen  behaupten  müßten,  ba§  ein 
fotdjeS  borübergeljenbeS  ©intreten  frember  SBefen  in  unferen 
SebenSfreiS  an  fidj  ben  ^aturäufammenbang  auffjöbe,  als 
trielmetjr  meil  it)re  (Srfcfjetnung  —  im  (S&riftentfjum  überall 
aber  audj  großenteils  im  alten  £eftament  -  an  befonbere 
(Entmif  flungS  *  unb  DffenbarungSpunfte  gefnübft  ift.  %m 
neuen  £eftament  erfc&einen  bie  (£ngel  hü  ber  Sßerfünbigung 
(SPjrifti  unb  feines  Vorläufers  unb  bei  GHjrifti  (Geburt  außer* 
balb  beS  eigentlichen  ®retfeS  ber  ebangelifdjen  Ueberlieferung 
in  mebr  ober  meniger  bidjterifdj  gehaltenen  ©raätjlungen. 
SDaS  ledere  gilt  gemiffermaßen  audj  oon  bem  ftärfenben 
(£ngel  in  ©etbfemane,  für  ben  menigftenS  fein  Beuge  an* 
geführt  mirb.    93ei  ber  Sluferftefjung  unb  ©immelfaljrt,  fo  mie 


I.  SRein^.  Sogm.  §.  50. 


©er  ©laubenSlef)«  elfter  SljeU.  ©rftei  Stbjdjnitt.  175' 

bei  ber  23efet)rung  be§  (£orneliu§  unb  ber  Befreiung  be§ 
$etru§  fann  man  ätoeifelfjaft  fein,  ob  (Sngel  ober  3ftenf<$  ge* 
meint  finb;  unb  in  ber  ©räctfjlung  oon  $J3btüppu3  toeajfelt  nacb 
altteftamentifdjer  Sßetfe  ber  2lu§bruff  ©ngel  be3  £>errn  unb 
(Seift.  (Späterhin  öerfdjroinben  fte  aud)  in  ber  apoftolifdjcn 
©efdjtdjte  gänalidj. 

2.  Üeberall  aber  merben  in  unfern  heiligen  ©Triften  bie 
(Sngel  nur  Oorau§gefeat,  nirgenb  aber  etma§  in  Söeaidjung  auf 
fie  gelehrt.  (£fjriftu§  felbft  ermähnt  ifjrer  aufjer  ben  ebenfalls 
im  (bebtet  ber  propbetifcijen  Sttdjterfpradje  eint)  eimif  eben  33e* 
fctjreibungen  bom  iüngften  £age,x  nur  mo  er  oor  ber  Sßer* 
actjtung  ber  kleinen  marnt,2  unb  bei  ber  unnüsen  JÖertbei* 
btgung  be§  betrug.3  SSotlte  man  nun  biefe§  bibafttfct)  f äffen, 
fo  müfete  man  aud)  als  Sefjre  aufftetten,  bafj  bie  dinier  ober 
öiettetcbt  alte  eingetnen  XRenf^en  befonbere  ©ngel  baben,  ba% 
bie  (Sngel  ba§>  5Ingeftct)t  (Sottet  feben,  unb  bafj  fie 
legionenmeife  fönnen  oermenbet  merben.4  ©affelbe  gilt  aucb 
öon  ben  apofiolifd^en  ©teilen,  menn  man  iene  bunfeln  unb 
otelbeutigen  2lu§brüffe  Oon  fronen  unb  £>errfd)aften6  auf 
©ngel  besiegen  mill.  $a  audj  im  Briefe  an  bie  Hebräer6 
mirb  boctj  nictjt  fomol  über  bie  Gngel  bogmatiftrt,  al§  nur 
oermittelft  berfetben;  benn  btfyauiptti  wirb  aud),  bafj  (£ljrifrit§ 
mett  erhabener  fei  al§  alle  (£ngel,  tote  fie  in  ben  alttefta* 
mentifdjen  ($efdjtd)ten  jo  mie  in  ben  ^ropbeten  unb  ^falmen 
Oorfommen;  benn  auf  bie  nettieftamenttfdjen  (Sngelertdjetnungen 
mirb  leine  Ütüfffic^t  genommen.  (£§riftu§  alfo  unb  bie  apofto* 
lifdjen  SDMnner  tonnten  bte§  aHe§  gefagt  baben,  obne  bafj  fte 
eigene  nnrfltdje  Ueberseugung  oon  bem  2)afein  foldjer  SBefen 
gehabt  bätten  ober  bätten  mitteilen  gemotlt:  fonbem  nur  fo 
mte  überall  ieber  fiel)  öolf§tbümlicbe  SBorfteßungen  aneignet, 
inbem  man  nämlicb  gelegentlich  (Sebraudj)  baoon  mad)t  bei 
ber  SSebanbtung  anberer  ©egenftänbe,  mie  aud)  mir  Oon  geen 
unb  ®eiftererfd)  einungen  reben  fönnen,  otjne  ba%  biefe  $or~ 
fteßungen  mit  benen,  bie  unfere  eigentlichen  Ueber^eugungen 
bitben,  in  irgenb  eine  beftimmte  SSe^iebung  gefest  mären. 
®ar  ni$t  alfo  auf  biefelbe  SBeife  ift  bieg  gemeint,  ttrie  man 
bei  bem,  ma§  gemöimlid)  Slnbequemung  genannt  mirb, 
oorauSfejt,  ba§  berjenige,  ber  ftd)  §u  t)errfd)enben  $or* 
fteüungen  Ijerabläfjt,  felbft  eine  anbere  fenen  mtberfprecfcjenbe 
Heber^eugung   Ijat.     5lud)    bie  Söefenntnifef Triften   ber  pro- 


1  9ttattf>.  16,  27.  u.  25,  31.  2Jcatt$.  18,  10.        8  3Jcatt§.  26,  53. 

Offenbar  büblicb,  ift  3o§.  1,  51.      6  ffolofi.  1, 16.     6  fcebr.  1,  4flgb. 


®er  djriftlicOe  ©taube.  Grfter  Sljeil. 


teftantifdjen  SHrdje   (jaben  tiefe  SBorfteKung  mir  geiegentlid) 

mit  aufgenommen,  unb  bie  2lu§brüffe  seigen  beutltd)  genug, 
bafj  fie  feinen  SBerÜj  barauf  legen,  etroa§  über  bie  (Engel  §u 
lehren.1  ®eine§roege§  al§  ob  bie  ©adje  felbft  ben  9iefor* 
matoren  nidjt  geläufig  geraefen  märe,  ober  al§  ob  fie  an  ber 
budjftäblidjen  28a§rljett  ber  in  ber  (Sdjrift  ersäfjlten  Ginget* 
eijdjeinungen  gearoeifelt  Ratten,  moOon  i§re  ftrdjltd)en  Sieber 
baZ  ®egent&eü  beaeugen;  nur  einen  großen  Sßertb  auf  bem 
Gebiet  ber  grömmigt'eit  legten  fie  iljr  f'eine§roege§  bei. 

§.  43.  SDa3  einzige,  raa3  als  Sefyre  über  bie  ©ttgel 
aufgeteilt  luerben  fann,  ift  biefe£,  ba§  ob  ßnget  finb 
auf  unfere  §anb(ung§meife  feinen  (Sinfluß  fyaben  barf, 
unö  bafj  Offenbarungen  ifyre£  SDafein3  jejt  niä)t  mefyr  §u 
erwarten  finb. 

1.  ©0  ift  nict)t  ofme  vielerlei  Sßebenfen  ba§  Vertrauen  ber 
(Triften  auf  ben  ©djuj  ber  (Sngel  §u  bermeifen.  £>enn  juerft 
ba%  fie  bie  2ftad)t  ber  böfen  (SJetfter  abmelden,2  möchte  fd)roer= 
ltdj  anbern  al§  ^inbern  oljne  Sftadjt&eit  borgetragen  merben 
tonnen,  inbem  mir  gegen  affe§,  roa§  bem  Teufel  sugefc^rieben 
Sit  merben  pflegt,  bie  geiftige  Stiftung  gebrauten  fotten,  meldte 
bie  ©djrift 3  un§  empfiehlt,  nid)t  aber  im§  auf  einen  englifdjen 
(Sdms  berlaffen.  llnb  nid)t  minber  bebenflidj  ift  e§,  aud) 
einen  äufjern  ©dmj  burd)  Ginget  su  lehren.4  S)enn  ba£  ($5ott 
ber  ©ngel  f)iep  ntd)t  nötbig  Ijabe,  mufjmanroool  leljren,  menn 
man  nid)t  eine  beftänbige  SSirfiamfeit  ber  Gingel  annehmen 
min,  unb  alio  ben  ^atursufammenlmng  gana  aufgeben.  2öie 
e§  aber  meljr  Xroft  gemäljren  foff,  menn  ®ott  ft<S  ber  Gingel 
bebient,  al§  menn  unfere  Sßemafyrung  auf  bem  SSege  ber  Statur 
bemirft  roirb,  fo  ba%  fidj  (Sott  um  unferer  (Sd)iüad)t;eit  mitten 
lieber  ber  Ginge!  bebiene  unb  un§  bie§  offenbare,  ba$  möd)te 
auf  ber  einen  (Seite  ofjne  ferjr  b  ef  d^ränf  te  ja  faft  finbifdie  $or* 
ftettungen  bon  ®ott  nidjt  burd)äufül)ren  fein ;  auf  ber  anbern 
(Seite  fann  e§  nur  bie  Giitelfeit  näbren,  menn  man  annimmt, 
bafj   eine  gange  Gattung  eigentlich   Ijöljerer  SSefen  nur  $u 


1  Apof.  conf.  Art.  IX.  Praeterea  et  hoc  largimur  quod 
an^eli  orent  pro  nobis.  Art.  Smalc.  Etsi  angoli  iu  coelo  pro 
nobis   orent  etc. 

2  Luth.  Catech.  min.  Tuns  sanetus  angelus  sit  mecura  ne 
diabolus  quidquara  in  me  possit. 

8  Cpf).  6,  llflflb.     l.sßctr.  5,  8.9. 
*  Sgl.  Calvin.  Institt.  I.  XIV,  6— 11. 


®cr  ©Iauben&Ie§re  crfter  Sfjeit.  (Srftcr  Sibfdjnitt.  177 

unferm  3)tenft  borijanben  tft.  SDaljer  ift  in  unfern  SBefemttmB* 
Triften  roeiglidj  —  miemol  eigentlich  im  (Segenjas  §u  ben 
ipeitigen  ber  römtfdjen  ®irä)e  —  an  bk  ©teile  ber  tätigen 
(Einmirfung  ber  (£ngei  tfjre  Fürbitte  für  un3  getreten;  nur 
ber  bibltfdjen  ©teile,1  auf  meiere  man  biefe§  gegrünbet  §at, 
fönnen  mir  feine  betueifenbe  ®raft  beilegen.  @§  ergiebt  ftd) 
aucl)  bon  felbft,  ba%  biefe  Sßorftellung  unter  ben  Triften  üjren 
©influfe  r-erliert,  ba  fie  einer  Stit  angefjört,  mo  bk  ®ennt* 
ntfc  ber  üftaturfräfte  noef)  fet)r  gering  mar,  unb  bk  £errfc(jaft 
be§  93?enftf)en  über  biefelben  auf  ber  niebrigften  (Stufe  ftanb. 
liniere  Sßetradjtungen  nehmen  iegt  hei  ieber  foldjen  SSeranlaffung 
fdjon  unrottffitfjrlidj  einen  gans  anberen  (Sang,  fo  ba%  mir 
ntdjt  leidjt  im  tätigen  Seben  auf  bk  (gngel  jutüfffommen. 
Sludj  mag  Sut^er2  ausführt,  r)at  mag  bie  ©nget  betrifft  bor* 
sügttdj  bk  Senbens,  allen  Seidjtfinn  anruft  §u  tjalten,  ber 
burdj  ba$  übernatürliche  fo  gern  Ijerborgetoftt  mirb.  $)a§ 
Vertrauen  aber,  roetd)e§  er  ftärfen  miß,  mirb  baffelbige  fein, 
aud)  menn  mir  nid)t  an  bie  (£ngel  beuten,  fonbern  ben  gött* 
liefen  ®c£)Uä  auf  beut  gemöfjnlidjen  SSege  erroarten.  %at  fi<$ 
aber  bk  ^tretje  gegen  bie  ^ereljrung  ber  @ngel  erfiärt,  fo 
fönnen  mir  mit  fRecrjt  fagen,  e§  mürbe  bie  fclilimmfte  2trt  ber 
SSerefjrung  fein,  menn  mir  glaubten,  au§  fRüffftcr)t  auf  ifjren 
un§  unbefannten  Stfenft  irgenb  etma§  unterlaufen  gu  bürfen 
bon  ber  un§  anbefohlenen  (Sorge  für  un§  unb  Rubere. 

2.  Genauer  betrachtet  aber  läfjt  ftdj  au§  allen  Ghtgel* 
erf et) einungen  bon  melden  mir  9?ad)rid)t  Ijaben  niditg  für 
gegenmärtige  unb  fünftige  Seiten  fdjliefcen.  SDenn  tr)etl§ 
fommen  biefe  ($;rf  Meinungen  in  jener  llrgeit  bor  al§  ber  3u* 
fammenljang  be§  SJcenfc^en  mit  ber  9?atur  noä)  nidjt  georbnet, 
unb  er  felbft  noef)  nic£)t  entmiffelt  mar;  unb  ba  für  jene  Seit 
felbft  mannen  TOlofobljen  bk  5lnnal)me  einer  (grjieljung  burd) 
Ijöljere  Sßefen  nidjt  fremb  ift,  fo  fönnten  aud)  biefe  marnenben 
unb  sufbredjenben  (Srfdjeinungen  ein  9Za(X)t)alI  bon  jener  $er~ 
binbung  fein.    (Späterhin  finben  mir  bk  föngei  faft  nur  an 

1  Sacdjar.  1, 12. 

*  3u  ©enef.  II.  §.19.  5Die  Sngel  foHen  tool  unfre  $üter  fein  unb 
un8  betoafjren;  aber  fofem  totr  auf  unfern  Sßegen  bleiben.  Stuf  biefe 
»uflöfung  toeifet  (SfjriftuS  Ijln,  ba  er  bem  Teufel  ba§  ©ebot  atö  S)eu= 
teron.  6,  16.  Ootfjielt.  ®enn  bantit  aeigt  er  an,  ba%  be§  9tfenfdjen  Sßeg 
nidjt  toäre  in  ber  Suft  fliegen.  ®rum  toenn  wir  in  unfernt  SBeruf  ober 
Slmt  faw  au§  ©otte§  ober  ber  2ftenfdjen,  bie  be8  SBerufg  redjten  gug 
haften,  Sefe^I,  ba  foHen  totr  glauben,  bc&  un8  ber  ©ojuj  ber  lieben  dnget 
itia)t  fehlen  fann. 


178  $er  tfjiiftlidje  ®laube.  Grfter  XljffT. 

grofeen  gntnrif  flung§punf  ten ,  mo  cmdj  anbereS  munberbare 
öoräufommcn  pflegt.  Unb  menn  auco,  ältere  ®ird)enlef)rer  be^ 
Raupten1  ba&  fo  lange  Bett  unterbrochen  gemefene  Sßerfeljr 
ätmicfcen  (Engeln  unb  äftenfdjen  fei  crft  burd)  (£briftum  red)t 
nneberbergeftetfttoorben:  fo  ift  audj  ba§  eben  fo  au  berfteben, 
benn  biefe  SßieberJjetftettung  Ijat  bod)  nidjt  über  ba$  apoftolifcfce 
3eitalter  ljinau§geretd)t.  kommen  fie  nun  fogar  nid)t  in 
unfern  Söereicf),  fo  ift  aud)  gar  fein  (Srunb  genauere  Unter* 
fu^ungen  anstellen  über  bte  ©d)öpfung  ber  (£ngel  an  ftd> 
ober  in  Söeaug  auf  bit  mofaifdje  (3dj)öpfung§gefd)id)te,  fo  nrie 
au<$  über  iljre  anbermeitigen  23efdj)affenf)eiten,  £eben§toeife 
unb  Verrichtungen. 2  Vielmehr  bleibt  ber  (Segenftanb  für  ba& 
eigentliche  bogmattfdje  ®ebiet  böUig  problematifd) ,  unb  e§  ift 
nur  anzuerkennen  ein  $rtbatgebraudj  oon  biefer  SSorftettunct 
unb  ein  liturgifdjer.  Sener  nnrb  ftd)  bodj  immer  nur  barauf 
befdjränfen,  bit  Ijctyere  $8etoaf)rung  fofern  fie  fidj  nidjt  he- 
nmfeter  menfdjltdjer  £J)ätigfett  bebient  §u  berfinnlidjen.  SBei 
bem  liturgifden  (Sebraudj  fjat  man  bon  ief)er  boraügtidj 
barauf  23ebad)t  genommen,  bafc  (Sott  borgefteHt  merben  fott 
als  oon  reinen  unb  unfdjulbigen  enblidjen  (Setftern  umgeben.  * 

Bmeiter  Slnljang.    S3om  Teufel. 

§.  44.  $)ie  Vorftettung  oom  £eujel,  tüte  fie  fi$  unter 
im3  auägebilbet  Ijat,  ift  fo  ^altung£to<3 ,  fcafj  man  eine 
Uebergeugung  öon  ifyret  SBa^r^eit  niemanben  §umut^en 
fann;  aber  unfere  $ird>  §at  au$  niemals  einen  boctri* 
nalen  ©ebrauä)  baoon  gemalt. 

1.  $ie  &auptmomente  in  ber  SSorfteüung  finb  biefe,  bafc 
fteiftige  SBefen  bon  fjoljer  SSotffommenljeit,  meiere  in  nafjer 
SSerbinbung  mit  (Sott  lebten,  au§  bieiem  ßuftanbe  freinritfia, 
in  einen  Buftanb  be§  2Siberfprud)§  unb  ber  Empörung  gegen 
(Sott  übergegangen  finb.  9cun  fann  man  aber  bon  üfttemanb 
f orbern  biefeS  anauftfiauen,  menn  man  il)m  nic^t  über  eine 
äftenge  oon  (Sdjnrierigfeiten  lu'ntuegfjelfen  fann.  Buerft  nämlid) 
laffen  ftdj  bon  biefem  fogenannten  gaU  ber  guten  Gmgel,  ie 
öollfommener  fie  foHen  gemefen  fein,  um  fo  meniger  anbere 
IRotibe  angeben,   alg  meiere,  mie  j.  33.  ©offafirt  unb  9Wb, 


1  Sgl.  Chrysost  $u  ftol.  1,  20. 

*  SSgl.  ftetnfjaib  ©oqbi.  §.  53.  54. 

*  Sgl.  §ebr.  12,  22. 


2)er  ©laubenäleljie  erjter  S^cil.  ©rfter  Slbföirttt.  179 

einen  folgen  gaE  fdjon  borau§fe3en.  *  ©ollen  nnn  ferner 
audj  na<$  bem  galt  bie  natürlichen  Gräfte  be3  Teufels  un* 
oerrüfft  geblieben  fein:2  fo  ift  nt<$t  su  begreifen,  mie  be* 
Ijarrlid&e  $8o§bett  bei  ber  au§ge§eid)netften  (Sinfitf)t  fotfte 
befielen  fönnen.  ©enn  biefe  (ginftc^t  mu§  juerfi  ieben  «Streit 
gegen  ®ott  als  ein  oößig  ieereg  Unternehmen  barftelten; 
unb  nur  für  ben  fann  babei  eine  freilid)  audj)  nur  äugen» 
bliffltcrje  SBefriebigung  gebaut  werben,  bem  e§  an  magrer 
(Sinftdjt  fetjlt,  mogegen  ber  einftcfjt^öotfe ,  um  in  folgen 
streit  fidj  su  begeben  unb  barin  ju  beharren,  notfjmenbtg 
müfjte  unfelig  [ein  unb  bleiben  motten.  (&bzn  biefe§  nun  er* 
Üärt  man  fid)  beim  äßenfdjen,  meil  e§  au§  bem  ©ubjeet 
felbft  nid)t  äu  erklären  ift,  am  liebften  al§  SBefeffen&ett;  lann 
e§  nun  au§  bem  oottfommneren  3uftanb  ber  ßmgel  nodj 
meniger  erflärt  merben,  üon  mem  müßten  benn  biefe  befeffen 
getoefen  fein?  &at  aber  ber  Teufel  bei  feinem  galt  audj 
ben  alterfdjiönften  unb  reinften  Sßerftanb  berloren,  nrie  e§ 
benn  freilid)  bie  größte  Berrüttung  ift,  roenn  er  au§  ®otte§ 
greunb  beffen  aüerbitterfter  unb  oerftofftefter  geinb  getoorben 
ift:  fo  Iäfet  fidj  auf  ber  einen  ©eite  nidjt  einfelm,  mie  burdj 
©ine  SSerirrung  be3  SSiHen§  ber  SSerftanb  für  immer  fottte 
oerloren  gefjen  fönnen,  menn  nietjt  jene  felbft  fdjon  auf  einem 
Mangel  an  Söerftanb  beruhte;  auf  ber  anbern  (Seite  märe 
nierjt  su  begreifen,  nrie  ber  Teufel  nadj  einem  folgen  S3erluft 
feines  $erftanbe§  nod)  foltte  ein  fo  gefährlicher  geinb  fein 
fönnen,  ba  nichts  leichter  ift  al§  gegen  baä  unüerftänbige 
Sßöfe  su  ftreiten.  ©ben  fo  ferner  ift  nun  aud)  ba$  35er* 
tiältniB  ber  gefallenen  (£ngel  su  ben  anbern  sured)t  su  legen. 
2)enn  menn  fie  fiel)  gleich  mären,  unb  e§  bod)  für  bit  einen 
nicfcjt  befonbere  perf online  SJiotiöe  geben  tonnte,  mie  ift  e§ 
su  begreifen,  bafj  bie  (ginen  gefünbiget  Ijaben  unb  bie  anbern 
nid)t?  Unb  gemifc  nidjt  minber  fdmrierig,  menn  man  an* 
nimmt, 8  bafj  bit  (Sngel  inSgefammt  üor  bem  galt  be§  einen 
Xt)eil§  in  einem  roanbelbaren  <Stanb  ber  Unfctjulb  gemefen 


1  ©eljr  richtig  Su  tljer  (§aH.  2lu§g.)  %$.  I.©.  36.  Unb  i)at  »etnarbuä 
biefe  ©ebanfen,  ba%  Sucifer  an  ©ort  geiefjen  $abe,  bafc  ber  2Kenfä  über 
ber  enget  Statur  joEte  erhoben  toerben;  barum  Jjabe  ber  tjo  ff  artige 
6eijt  foläje  ©eltgfeit  ben  9Kenfcb,en  mifcge gönnt  nnb  fei  aljo  gefatten. 
aber  foldje  ©ebanfen  bleiben  in  Ujrem  Sßerttj.  3$  atoar  tooEte  nidjt 
gern  einen  bagu  atotngen,  ba%  er  folgen  SKetnungen  herfallen  fottte. 

'  Sgl.  ßutljer  (Sbenb.  ©.261.262. 

•  SSgl.  Sutljer  Sbenb.  ©.  202. 


ISO  3>er  djrt|"tlic&e  ©fou&e.  grfter  Xfjeil. 

feien,  ba%  aber  mie  bte  ©inen  um  (Siner  £fjat  mitten  für 
immer  gerietet  unb  oerbammt  roorben,  eben  fo  bie  9lnbern 
um  (5ine§  2Siberftanbe§  mitten  für  immer  alfo  confirmiret 
unb  oerftc&ert  morben,  ba%  fte  tjemad)  nie  mefjr  tjaben  fallen 
fönnen.  2Ba§  enblidj  ben  3uftanb  ber  gefallenen  Gsnget  nach 
bem  gatt  betrifft:  fo  ift  au$  btefe§  htibt$  ferner  sufammen 
SU  benfen,  ba%  fte  f  ollen  bon  großen  Uebetn  bebrüfft  nod) 
größere  ermarten,  unb  botf)  äuglettf)  au§  £&$  ßegen  ®ott 
unb  um  ftcfj  ba§  ®efüfjt  tfjrer  Hebet  §u  erteiltem,  in  einem 
tätigen  SBiberftanb  gegen  ®ott  begriffen  fein,  unb  bod) 
nidjtS  roirfticf)  ausrichten  fönnen,  at§  mit  ®otte§  SBiffen 
unb  gulaffung,1  in  roeldjem  gatte  fte  ja  meit  mefjr  Sinberung 
üjrer  Uebet  unb  iöefriebigung  i§re§  £mffe§  gegen  ®ott  ftnben 
mürben  in  gänslitfjer  Untljätt  gleit.  Sott  enblidj  ber  ieufel 
mit  feinen  ©ngeln  al§  ein  ytziti)  gebaut  merben,  mithin  alle 
auf  eine  aufammenftimmenbe  SBeife  jebocf)  immer  nur  nacrj 
aufjen  unb  namentlich  auf  bie  menfc^tictjen  Angelegenheiten 
roirfenb:  fo  ift  ein  folctjeS  S^eidt)  tfjeil§  unter  ber  eben  auf- 
gehellten allgemein  anerkannten  SBefdjränfung  nid)t  ju  benlen, 
menn  ber  Dbertjerr  nid)t  aud)  attroiffenb  ift,  unb  borljer 
meifc  ma§  ®ott  geftatten  rotrb,  trjetlö  au<$  brängt  ni$t  nur 
ba§  meifte  Sööfe  tu  (Sinem  Sftenfdjen  baffelbe  in  Ruberen  ju* 
rüff,  fonbern  audj  in  iebem  ©in  S5öfe§  ba$  anbere. 

2.  (£§  gäbe  borsüglid)  jmet  Derter,  mo  bon  biefer  $or* 
fteffung  ein  boctrineller  (SJebrauä)  gemalt  merben  tonnte, 
nämlid)  menn  man  ba$  SBöfe  im  Sftenfctjen  auf  ba$  frühere 
SBöfe  im  Satan  äurürtfüljrte  unb  au§  biefem  erflärte,  unb 
bann  menn  man  ben  Teufel  bei  ben  (Strafen  für  bie  Sünbe 
al§  ttjätig  aufführte.  Unfere  Söefenntnifjfcfiriften  aber  ftnb 
ju  borftd)tig,  um  irgenb  etma§  in  biefen  ßebrftürren  auf  eine 
fo  gemagtc  SBorftellung  §u  grünben.  $)enn  ma§  ba§  erfte 
betrifft,  fo  [teilen  fte  ben  Teufel  mit  ben  SBöfen  nur  aufammen 
Jjö<$ften§  al§  S5orbermann  an  ir)re  Spi^e,2  auf  roeldje  28eife 
burcf)  ba§  Jßorfjanbenfetn  be§  95öfen  im  Satan  nid)t§  auf* 
QerjeUt  mirb  für  bie  ©rfiärung  be§  Sööfert  im  äflenfc&en, 
fonbern  iene§  bleibt  eben  fo  für  ftcf)  *u  erflären  mie  biefeS. 
llnb  menn  audj  in  anbern  Stellen  auf  bie  SBerfüljrung  be§ 
Satan§  surüffgegangen  mirb,8  fo  ift  in  einigen  berfelben  bie 


1  Mosh.  Th.  dogm.    T.  I.  p.  417  sq.      Calv.  Instit.  I,  14,  16. 
A  ug.  c  o  n  f.  19.     Causa  peccati  est  voluntas  diaboli  et  malorura, 
quae  .  .  .  avertit  se  a  Deo. 

•  Conf.  belg.  XIV.   verbis   diaboli  aurem    praebens.  —  Conf. 


©er  ©Icmbenälefjre  erfter  £fjetl.  ©rfter  Stöfänitt.  181 

Slbftd&t  weniger  auf  ©rflärung  gerietet  al§  auf  Säuberung 
jener  2Infid)t,  bafj  ber  Teufel  eüt  gang  anbere§  ö5efc^ö^f  an 
bk  (Stelle  be§  urforünglidjen  gefegt  fjabe,  tijeüS  fest  ja  aud> 
ba$  ©tdjberfüfjrenlaffen  f<$on  immer  eine  2lbroei<$ung  unb 
ein  böfe§  öorauS,  fo  bafc  bie  (grflärung  bo<$  feine  märe.  Unb 
roenn  r)ie  unb  ba  bit  SDtodjt  unb  ©eroalt  be§  £eufel§  mit 
unter  bie  ©trafen  ber  ©ünbe  gefegt  mirb :  fo  tjat  biz$  tfjetlS 
auf  aic§,  roa§  ^ur  Befreiung  ber  9ftenf<$en  t)on  ber  ©ünbe 
unb  iljren  ©trafen  gehört,  feinen  anbern  (Sinftufc,  al§  menn 
dou  bem  (ginffafc  be§  Sööfen  o§ne  ein  perfönlidjeS  Dbertjatrot 
gerebet  mürbe,  tljeilS  müfjte,  menn  bit  SD^actjt  be§  £eufel§, 
unb  bit  berfüljrenbe  ift  bodj  bte  größte,  erft  eine  Solge  ber 
©ünbe  märe,  ber  Teufel  al§  er  bie  größte  SBerfüljrung  üofl> 
braute  nod)  oljnmäcfjtig  gemefen  fein,  roeldjeä  ebenfalls  ni<$t 
äufammenfrimmt.  ©onft  aber  mirb  audj  bie  ©träfe  a!§  etma§ 
bem  Teufel  unb  ben  93öfen  gememfdjaftlidjeS  bargefteHt ; *  rote 
benn  audj  bie  fonft  freiließ  siemlidj  häufige  SSorfteHung,  ba% 
ber  Teufel  baZ  Söerfseug  Lottes  ift  in  Söeftrafung  ber  Sööfen, 
mit  feinem  SSiberftreben  gegen  bie  göttlidjen  Üktbfdjlüffe  im 
Streit  ift. 

§.  45.  2)a  nun  aud?  in  ben  neuteftamentifajen  ©Triften 
ber  Teufel  jroar  puftg  toorfomntt,  aber  bod)  roebet 
(StyrtftuS  no<§  bie  Slpoftel  eine  neue  Sefyre  über  ityn  auf* 
(teilen ,  noä)  roeniger  biefe  SSorfteHung  irgenb  in  unfre 
§eil3orbnung  fcerfledjten :  fo  bürfen  mir  übet  biefen 
©egenftanb  ni$t3  anbetet  für  bie  <$rtftft<$e  ©lauben<o* 
lefyre  feftfejen,  al<8  bafe ,  roa3  aud?  über  ben  Teufel  au3* 
gefagt  roerbe,  baburä?  bebtngt  ift,  tai  ber  ©laube  an 
ifyn  auf  feine  SBetfe  al£  eine  Sebingung  be£  ®lauben£ 
an  ©Ott  ober  an  ©fyriftum  aufgeteilt  roerben  barf,  unb 
bafc  toon  einem  (gtnftuj  beffelben  innerhalb  be£  fHeid^e^ 
®otte3  ntd?t  bie  9ftebe  fein  fann. 

1.  (£§  giebt  unter  allen  neuteftamentifd)en  beftimmt  unb 
unäroeifettjaft  com  Teufel  fjanbelnben  ©teilen  feine  einige, 


nelv.  VIII.    instinetu  serpentis   et   sua  culpa.  —   Sol.  decl.   1.  se- 
duetione  Satanae  iustitia  concreata  amissa  est. 

1  Conf.  aug.  17.  impios  autem  homines  et  diabolos  condemnabit 
ot  sine  fine  crucientur. 


182  ©er  djrtftüc^e  QHaube.  grfter  5E$eU. 

in  melier  (£lmfru§  ober  bie  9lboftel  etroa§  al§  neu  unb  eigen, 
fei  e§  aud)  nur  beridjtigenb  ober  ergänsenb,  über  bieien 
(SJegenftanb  bortragen  rooilten,  fonbern  fte  bebienen  fldj  biefer 
Sßorftetfung,  roie  fte  unter  beut  SBolf  int  ©djmange  ging. 
SBoHtc  man  nun  bemtodj  eine  djriftlidje  £eufellefjre  auffteüen, 
fo  müfcte  man  audj  annehmen,  biefe  $orftettung  fei,  fo  ttrie 
(£fjriftu§  unb  bte  5lboftel  fte  fanben,  bollfommen  ber  Söafjrljeit 
gemäfe  genau  unb  unberbefferlidj  geroefen;  unb  bie§  müfcte 
Seber  um  fo  mebr  borau§fesen,  je  abgeneigter  er  märe  ba§ 
roa§  man  geroölntiicf)  Slccommobatton  nennt  bei  (Pjrifto  an= 
suneljmen.  Unb  eine  foldje  Sßottfommenljeit  biefer  Sßorftellung 
ift  um  fo  mafirfc&einlidjer,  al§  bit  ^auptjüge  berfelben  au<$ 
im  alten  £eftament  feinen  ®runb  Ijaben,  ifjr  Urfbrung  alfo 
böttig  apofrtjptjifd^  ift.  $)afe  nun  (£tjriftu§,  unb  bon  ben 
9ty>  oftein  gilt  baff  eibige,  ftcr)  ber  SBorfteltung  nur  ju  anbem. 
«Sroeffen  bebient,  olme  ba%  er  i§r  baburd)  eine  neue  Haltung 
ober  ©emäljrleiftung  5at  geben  motten,  erljettt  au§  ber  ganzen 
2lrt,  nrie  biefer  ©egenftanb  borfommt,  oljne  bafj  (Hjrifto  eine 
bejonbere  Sßeranlaffung  baju  mar  gegeben  roorbeu,  nämlidj 
immer  nur  in  ®teiämifjreben  ober  forüdjroörttidj  ober  in 
furgen  Sefjrfbrüdien  bk  aber  immer  einen  anbem  ($>egenftanb 
beraub  ein.  ^n  bem  ®leidmifj  bom  ©ä'emann  ftnb  bie  5lu3= 
brüffe1  bon  ätDetfeltjafter  Auslegung,  unb  bte  getnbfeligfeit 
ber  Sttenfdjen  gegen  ba§  göttlidje  28ort  liegt  bahei  eben  fo 
nalje  al§  ber  Teufel.  Sßöre  nun  menigften§  bon  feinem  $er= 
^ältnifj  jur  menfd)lid)en  (Seele  unb  feiner  28irfung§art  auf 
btefelbe  bie  Sftebe:  fo  märe  iene  Ungemififjeit  gehoben,  unb 
e§  fönnte  eine  Sebre  bon  tljm  aufgeteilt  fein;  nun  fteljt  er 
I)ödjften§  ba  al§  eine  ganj  unbefannte  Urfa$e  fdmeller  Ueber* 
gänge  ju  einem  entgegengefe^ten  ®emütlj§äuftanb.  (£ben  fo 
menig  fann  eine  £el>re  aufgefteüt  roerben  au§  bem  (55Ietd^mfe 
bom  Unfraut  auf  bem  SXffer.  ©er  (Säenbe  ftebt  gegenüber 
bem  Sttenfdjenfoljn,  ber  offenfunbig  burcfj  Seigren  fäet,  unb 
ber  Unfraut  fäenbe  tbut  baffelbe  aber  nädjtlid),  b.  §.  nidjt 
offenfunbig,  unb  fo  roirb  man  audj  r)ter  leidet  auf  bie  eigent* 
Udje  Söebeutung  be§  2Sorte§,  ben  Sßerläumber  geführt.  5ll§ 
eine  ßeljre  bafj  ber  Teufel  e3  fei,  melier  ba§>  Unfraut  auf 
ben  bon  (£f)rifto  beftettten  Ziffer  fäe,  baben  bte  Stboftel  bieje§ 
tt>emgften§  nidjt  berftanben,  meil  fte  nirgenb§,  mo  bon 
fal|d)cn  trübem  ober  gan§  unmürbigen  (SJemeingliebem  bie 
$ebe  ift,  ben  Xeufel  al§  Ur|adje  anführen,  fonbem  r}ö<^ften§ 


1  7:ov7)pö;  fot  Sftattf).  13,  19.  unb  fr.aßoXo?  6el  ßufa«. 


©er  ®fou&en§te§re  elfter  Sfjett.  drfter  Stöfämtt.  1S3 


?oldje  bem  Teufel  übergeben.    $enlt  man  aber  baran,  bafc 
feine  <Saat  burd)  Araber  be§  Sirgen1  erflärt  mirb:  fo  erinnert 
bie  ©teile  an  eine  ber  midjtigften,2  mo  <£&riftu8  *u  ben  femb* 
feiig  gefilmten  Suben  fagt  fie  feien  bon  bem  SSater  bem  Teufel, 
mo  offenbar  na<$  ber  (SiflcnftümIWcit  ber  5cbtäif4cn  @*)ta** 
toeife  btefe  2ln§brü!fe  nur  bon  bem  ^erbäitnifc  ber  EeSnlidg 
feit  nnb  3ufammengeprigfeit  gebraust  finb.  ®enn  eigentlich 
fann  btä  niemanb  nehmen  motten,  meil  fte  meber  tn  bem* 
■fetten  Sinne  bom  Teufel  abftammen  lonnten   tote  fte  ft$ 
rühmten  bonSlbrafjam  abstammen,  nod)  fo  hrie  uriprungltd) 
(£tjrtftu§,  bem  fte  e§  nur  nacbfpradjen,  behauptete  ©ott  sunt 
Später  ra  baben.    (So  bafj  man  überall  btefe  (Stelle   unter 
gSoraugfeawiß  ber  Realität  be§  £eufet§  nt*t  ftreng  anlegen 
fann,  otjne  entmeber  ben  Teufel  gans  manitfjäifö  ©ott  gegen 
über  ^u  fteiten,  ober  auf  ber  anbern  (Seite  (Stjriftum  nur  tu 
eben  bem  meiteren  Sinn  Sotjn  ©otte§  m  nennen,  in  meiern 
^ene  mirflictj  ©ö$ne  |beS  fcenfetö  tjeifcen  fonnten.    Stuf  eine 
GJefdjüfcte  be§  £eufel§  toirb  fremd)  angefpielt,  aber  aud)  nur 
al§  auf  etma§  befannte§,  unb  au$  biefe§  mie  baZ  bortge 
ittht  nur  ba  in  93esiefjung  auf  ben  eigentlichen  2iu§bmr% 
bau  fte  nt«t  au§  ©ort  mären.    $a§  Gepräge  eines  forucfc 
mörttic&en  ©ebraucgä  trägt  ber  5lu§bru!!,4  ba%  ber  Satan 
ftd&  bie  jünger  geforbert  fyabz  um  fte  %u  fixten,  mobet  man 
offenbar  nicfct  an  ben  Seufet   al§  Oberhaupt  be§  «Böten  an 
benfen  tjat,  ionbern  bie  gan§e  Lebensart  ift  au§  bem  ©tob 
abgeleitet,  unb  ber  (Satan  berfjanbeit  $ter  auf  bieietbe  SBeite 
mit  ©Ott  mie  bort,  fo  bafe  nur  bon  jener  äcf)t  btbttfdjen  $or* 
Stellung  gier  ein  marnenber  ©ebraud)  gemalt  wirb,  toobet 
feine  2tbftd)t  etma§  über  ben  (Satan  §u  lehren  ober  jene  Soor* 
ftettung  su  beftätigen  sunt  ©runbe  liegen  fann.    Stebnttdjem 
jprüd)mörttid)en  ©ebraud)   gehört  aud)  bie  Lebensart  „bom 
(Satan  überborttjeitt  merben," 6  tjier  freiließ  in  ^erbtnbung 
bamit,  ba£  (giner  bem  (Satan  mar  übergeben  morben,   aber 
abgelesen  giebon  getora  anmenbbar  in  iebem  gatt  toenn  in 
guter  Meinung  eüoa§  getrau  mirb,  ma§  bem  ©uten  idj  ab  et. 
Dto  mu&  man  tjier  nidjt  eram  an  ben  Satan  beuten,  ber  nur 
3>a3  SBöfc  an§  ßtctjt  bringt,  fonbern  an  ben,  ber  baß  ©ute 
betagt.    (Scbmanfenb  smifdjen  beiben  Sßebeutungen  tft  offen* 
bar  ber  brütfenbeSömebe§$etru§;6  benn  bereinigen  beutet 
auf  ben  £obfeinb,  Sßiberfacfcer  aber  auf  ben  Auflager.    <Bo 

1  uioi  tou  rawjpou  gjtattt).  13,  38.      *  3o§.  8,  44.     *  (Soenb.  SS.  47. 
*  SnlaS  22, 31.      5  2  Kor.  2, 10.      6  1  ^etri  5,  8. 


184  SDer  c&rtftlidje  ©fou&e.  (grfter  Xfjeil. 

ba%  biefe  brei  ©teilen  äufammen  gehören,  unb  al§  nusbare 
Slnctgmmg  einer  als  pc&ft  fdjwanfcnb  überlieferten  bilbticfcen 
SSorftellung  einanber  oollfommen  ergänzen,  £er  5luSbruff 
„gürft  biefer  Söelt,"  beffen  ftdj  (SfiriftuS  öfter1  bebient,  ge* 
Stattet,  —  tuenn  man  bie  äufammengebörigen  ©teilen  Der- 
ßleidjt  —  eben  fo  gut  eine  anbere  Auslegung.  SSenigftenS 
menn  audj  bit  Sünger  (£fjrifti  biefe  ©entena  auf  ben  Teufel 
gebeutet  fmben,  ift  er  Vorübergegangen,  o§ne  baJ3  ftcfc)  ber 
ÜÖolfSüberlieferung  etroaSI  anbereS  als  eigentümlich  c^rift- 
lic^e  ^etyre  gegenüber  geftettt  fjätte.  £)enn  einige  neutefta* 
mentifc&e  ©Triften2  rennen  baS  ©ebunbenfein  beS  ©atanS 
fc&on  oon  frütjer  Ijer,  mogegen  anbere3  nur  fretlictj  audj  oon 
ätoeifelrjafter  Deutung  einen  nodj  fortroäbrenben  ®ampf  mit 
bem  ©atan  annehmen,  fo  ba%  (SljrifruS  auf  alle  SSeife  feinen 
Stüttt  oerfeJjtt  Ijätte,  tuenn  er  bux&>  obige  5luSbrüffe  eine 
Seljre  hierüber  Jjätte  aufftetten  motten.  3)te  SSerfudjungSs 
ßefdjidjte  ift  (jierau  eben  fo  menig  geeignet.  Sftüfjte  man  fie 
aud)  al§  eine  Sbjatfadje  bucr)ftäbüc^  aufnehmen,  mogegen 
inbefj  l'eljr  OieleS  [priest:  fo  liefje  fiel)  boef)  meber  auS  tf>r  eine 
üottftänbige  SBorftettung  beS  £eufel§  conftruiren,  nodj  oon 
t&r  irgenb  eine  meitere  Slnmenbung  machen.  3ln  ben  beiben 
©teilen  roo  ©tjriftuS  auf  üjm  befonberS  gegebene  SSeranlaffung 
beS  Teufels  ermähnt,4  ift  oon  fo  genannten  Söeftsungen  bie 
9?ebe,  aljo  bon  ber  Dcaturbebeutung  beffelben,  meiere  f#on 
überhaupt  mit  bem  glauben  nidjtS  §u  tijun  tjat.  ©o  bun!el 
aud)  bte  erfte  ©teile  ift:  fo  Sängt  fie  bod)  auf  baS  genaueste 
mit  bem  austreiben  ber  Dämonien  sufammen.  SHefelbe  33e= 
äieljung  Ijat  aud)  bie  Sleufjerung  über  baS  uneinige  9teic^  be§ 
©atanS;  fo  nrie  bie  bamit  aufammen^ängenbe  bilbtidje  2)ar* 
ftellung  bon  ber  fRüffefcr  eines  aufgetriebenen  böfen  ®eifteS 
feineSmegeS  bie  ©idierljeit  ber  Heiligung  oerbädjtig  machen 
fotf,  fonbern  ebenfalls  jeneS  9?aturgebiet  bon  ben  SteufetS* 
bedungen  jum  ®egenftanb  Ijat,  unb  sunädjft  auf  ben  Unter* 
fd)ieb  attrifc&en  ben  nrirffamen  unb  bauernben  Teilungen  ©&riftt 
unb  ben  fdjeinbaren  unb  öorübergebenben  ber  jiibifcr)en  *8e* 
fd)mörer  binroeifet.  ^n  bieten  gälten  unb  allen  ätmltdjen 
meiere  borgefommen  fein  mögen,  unS  aber  nid)t  überliefert 


1  S°Ij-  12,  31.  ©  «PX.wv  xou  x&auou  toutou  exßX7]97)<j£Tai.  — 
3o^.  14,  30.  epxeTat  6  xou  xoauou  ap^iov,  xai  oux  eyet  ev  £{xo\  oüSev.. 
—  %o1).  16,  11.    6  apycov  tou  xoa|j.ou  toutou  xe'xpiTai. 

*  2  «Petr.2,  4.     Sub.  6.  8  2  Äor.  12,  7.     <£p&ef.  6,  11.  12. 

*  fiuf.  10,  18.  u.  gRatt$.  12,43.,  parallel  Suf.  11,  24. 


®er  ©Iaufceitglefjre  erfter  2#eü.  (grfter  Stöförntt.  185 

morben  finb,  mar  eben  fo  menig  $eranlaffung  bie  gang* 
baren  SSorftellungen  einer  genauen  Prüfung  ju  unterwerfen 
als  aud)  bei  beut  baoon  gemalten  ®ebraud)  bie  Slbficbt  fein 
fonnte  fie  als  göttliche  Sebre  l^u  fanctioniren.  Sßebenft  man 
nun  hrie  ^oljanneS  in  feinem  Briefe1  ben  Sufcmunarij ang 
ämijdjen  bem  Teufel  unb  bem  ber  ©ünbe  tbut  grabe  fo  ftettt,. 
mie  ©IjrtfruS  in  feiner  oben  angeführten  S^ebe  su  ben  Snben: 
fo  Ijat  man  auf  gleidje  Sßeife  audj  baS  ju  erflären,  ba%  er 
bit  SSerrätljerei  beS  SubaS,  maS  übrigens  (£b"riftuS  nie  tbut, 
bem  Teufel  auftreibt.  £)ie  raenigen  nod)  übrigen  apoftolifdjen 
©teilen  *  finb  ebenfalls  nidjt  mebr  bibaftif<$  ju  gebrauten, 
al§  baS  biSberige.  Ratten  nun  (£&rtftu§  unb  bie  5tyoftei 
irgenb  gerootft  bit  gurdjt  Oor  bem  Teufel  mit  in  bie  cbrift* 
lic^e  grömmigfeit  oerftedjten,  unb  fomtt  audj  eine  eigen* 
tfjümlidje  auS  biefem  (Clement  beS  frommen  SöettmfjtfeinS  ber* 
genommene  unb  ifjm  entfpredjenbe  Seljre  auffteüen:  fo  fyätttn 
fie  biefer  Jßorftettung  bodj  muffen  ben  gebörigenSHaum  gönnen, 
tbeilS  ba,  roo  fie  mirflid)  lebrenb  t>om  Urfprung  unb  ber  $er* 
breitung  beS  SSöfert  im  9ftenfdjen  überhaupt,  ober  audj  oon 
ber  5lrt,  nrie  bie  ©ünbe  nodj  in  ben  (gläubigen  übrig  ift, 
Ijanbeln,  tfjeüS  aud)  roo  oon  ber  ^otfjraenigfeit  ber  Gsrlöfung 
bie  SKebe  ift,  falls  nämtid)  irgenbnrie  toegen  einer  ®era  alt,  bit 
ber  Teufel  über  ben  9)cen|d)en  Ijatte,  gerabe  ber  ©oljn  ®otteS 
bie§u  notljroenbig  märe.  Mein  tueber  ift  oon  bem  legten 
irgenbroo  bit  geringfte  <S$mr3  oorbanben,  nod)  fiubet  fidj  mo 
oon  ber  ©ünbe  geljanbelt  nrirb  audj  ba,  mo  man  eS  am  efjeften 
ermarten  fottte,  irgenb  eine  (Srmäbnung  beS  Teufels,4  roeldjeS 
gänglidje  ©djmetgen  an  allen  eigentlid)  lebhaften  (Stellen  bod) 
immer  böd)lid)  ^ättt  beachtet  merben  follen. 

2.  9Äögen  nun  alfo  nur  einige  ober  audj  roirfüd)  alle  an* 
geführten  unb  fonft  nod)  bafür  angefebenen  ©djriftftetten  oom 
Teufel  Ijanbeln:  fo  feblt  eS  unS  an  allem  ©runbe,  biefe  $or* 
ftellung  als  einen  bleibenben  jQ3efianbtfjeil  in  bit  d)riftlidje 
(StfaubenSlebre    aufzunehmen,   unb   fie   bem  gemäfj   fo   totit 


1  3<4  3,  8. 

*  2  ßor.  4,  4.     (Sbenb.  11, 14.     2  S&effat.  2,  9. 

■  ®ie  ©telje  §ebr.  2,  14.  15.  ift  fiieräu  rool  weniger  angetan,  bet 
weber  öon  bem  Teufel  gefagt  mirb ,  bat  er  eine  ®ttoalt  über  bie  Sftenfdjen 
f)abe,  fonbern  nur  über  ben  Zob,  fo  bat  man  fjier  junädtft  an  ben 
£obe§engel  gu  benfen  ljat,  noa)  oon  ben  SKenftfien,  bat  fie  btm  Seufel, 
tonbern  nur,  baß  fie  ber  Xobe§[urd)t  fnedjttfd)  unterworfen  mären. 

4  SSqI.  3Ratt$.  15, 19.  «Rom.  5, 12—19.  ©benb.  7,  7  jlgb.  Söcob.  1, 12. 


186    §  «Der  <&riftl«$e  ©laube.  Grfter£5eU. 

näber  ju  bestimmen,  bafj  aüe§  bem  Teufel  sugefdjri  ebene  aucb 
roirflic^  sufammengebad^t  merben  fann.  $)enn  bie  Sßorfteuung 
toar  in  (Hjrifto  nnb  feinen  Jüngern  nidjt  al§  eine  au§  ben 
^eiligen  ©Triften  be§  alten  S3unbe§  Ijergenommene,  nodj)  aucb, 
auf  irgenb  einem  2Sege  göttlicher  Offenbarung  erroorbene, 
fonbem  au§  bem  bamaligen  gemeinfamen  Seben  Ijer,  alfo  auf 
fciefelbe  SSeife  mie  fie  mefjr  ober  meniger  noä)  in  un§  TOen 
ift  ofmeradjtet  unferer  gänsltdjen  UnroiffenG eit  über  ba§  Kä- 
fern eine§  folgen  SßefenS.  Unb  inbem  ba&,  roooon  mir  §u 
erlöfen  ftnb,  baffelbige  bleibt,  mag  e§  Teufel  geben  ober  mctjt, 
unb  bie  5trt  mie  mir  baöon  eriöft  merben  and)  biefelbe:  fo  ift 
aucb,  bie  grage  über  ba§  ©afein  be§  Teufels  gar  feine  djrift* 
lidj  tljeoIogtfc|e,  fonbem  nur  in  bem  roeiteften  (Sinne  be§ 
28orte§  eine  fo§mologif$e,  ganj  gleicf)  ber  über  bie  9catur 
be§  girmamente§  unb  ber  £>immel§förper.  Unb  mie  mir 
hierüber  in  ber  Glaubenslehre  eben  fo  menig  etma§  ju  be* 
jafjen  Ijaben,  al§  ju  Oerneinen;  fo  fann  aud)  eben  fo  menig 
eine  Söeftreitung  jener  SSorfteffung  in  ber  Glaubenslehre  ge= 
forbert  merben  al§  eine  Söegrünbung  berfelben.  üftur  fobiel 
geigt  fdjon  baZ  biblifc^e  Sßorfommen,  bafj  fte  im  iübtfdjen 
ISolt  felbft  sufammengefToffen  mar  au§  sroei  ober  brei  ganj 
berfd)iebenen  SBeftanbtfjeilen.  £)a§  erfte  ift  ber  ba§  SSöfe  au§= 
funbfdjaftenbe  ©iener  ($5otte§,  ber  feinen  5ftang  unb  fein  ®e= 
fd)äft  unter  ben  anbern  ©ngeln  Ijat,  hei  bem  aber  bon  einem 
SBerftofjenfein  au§  ber  9M)e  (&otte3  nidjt  bie  $lebe  fein  fann. 
2)a§  anbere  ift  ba$  böfe  Grunbraefen  be§  orientalischen 
©ualiSmuS,  fo  mobificirt  mie  bie  $uben  allein  im  <&tanbe 
roaren  e§  ftdj  ansueignen.  Grenzt  nun  jene§  Gefdjäft  fdmn 
gemiff ermaßen  an  eine  greube  am  SBöfen:  fo  fonnte  leicht 
genug  burdj  eine  foldje  giction  mie  ber  $lbfatt  au§  jenem 
biefeS  merben,  ober  öielmeljr  ber  Sftame  bon  jenem  auf  biefeS 
nberge^n.  ©idjtlid)  ftnb  au§  biefen  beiben  (Elementen  bie 
gormein  be§  fc^arfftnnigen  ©aloin  äufammengefeat,1  bie  aber 
bodj  aucf)  ntcrjt  in  eine  flare  5lnfdjauung  jufammen  gefjen 
motten.  3)a§  brüte  OieHeid)t  nictjt  eben  fo  fixere  aber  audj 
mt§  eignem  unb  fremben  jufammengefeäte  (Clement  ift  ber 
£obe§engel,    melier    alfo     auct)    al§    fein    9teidj    in    ber 


1  Institutt.  I.  14,  17.  Quamvis  voluntate  et  conatu  semper 
Deo  aversotur,  tarnen  nisi  annuente  et  volonte  Deo  nihil  facere 
potest.  —  Legimus  eum  se  sistere  coram  Deo  nee  pergere  audere 
ad  facinus,  nisi  impetrata  facultate.  .  .  18.  Deus  illis  fideles  cru- 
ciandos  tradit,  impios  gubernandos. 


©er  ©lau&enäleljre  erfter  S^eil.  Grfter  Stbfdjmtt.  18" 


Unterwelt  Ijabenb  bargefteHt  werben  fann.    SBogegen  bie  bei 

ben  S3efeffenert  wirffamen  SBefen    immer    anber§  bekämet 

werben,  unb   nur   erft   mittelbar  mit   ber  Borftetlung  be§ 

£eufel§  in  SSerbinbung  gebraut  werben.    2lbgefel)en  nun  ba* 

tum,  bafj  burctj  bie  gleite  23etrac£)tung§weife  biefer  Buftänbe 

bie  Borftellung  fortgeteitet  mürbe,  Ijat  fte  burd)  bie  manmg* 

faltigen  SWHSfel,  meiere  ber  plöslidje  2Sed)fel  be§  ®emütlj^ 

äuftänbe  für  bie  <3etbftbeobaä)tung  barbietet,   eine  fo  ftarfe 

Haltung  befommen,  bafj  man  faft  jagen  fann,  fte  erzeuge  ft$ 

in  Slllen,  bit  nietjt  für  tiefere  Unterfudjungen  geeignet  ftnb, 

immer  bon  felbft  mieber,  inbem  nur  au  oft  böfe  Erregungen 

auf  eine  ljöd)ft   feltfame   unb    abgeriffene   SSeife   oljne  3«5 

fammenljang  mit  unfern  £aubtrict)tungen  in  un§  entfielen,  ja 

bi§  auf  einen  gewiffen  $unft  wiberftanbSloS  wadjfen,  fo  bafc 

mir  fte  nicfcjt  ai§  eigne§    fonbern  al§   frembeS   anfe^en  ju 

muffen  glauben,  olme  bod)  eine  äußere  Stuf  reisung  baju  naefc 

weifen  ju  fönnen.    2Sie  nun  ba§  am  meiften   unerwartete 

<§mte,    beffen   @ntftel)ung§art   man   nietjt  au§fbüren  !onnte, 

borpglictj  bem  ©tenft  ber  ©ngei  jugef  ^rieben  mürbe;    eben 

fo  erllärte  man  ftet)  Böfe§  unb  Hebel,  beffen  erfteCueüe  ft# 

nicejt  entbelfen  wollte,  au§  ben  Püffen  unb  (Sinwirfungen  be§ 

SeufelS  unb  ber  böfen  ®  elfter.    Unb  fo  bietet  ftdj  bie  Bor* 

ftetlung  immer  mieber  bar,   Wenn  mir  öorneSmltdj  in  S3e= 

§iel)ung  auf  ba§  Böfe  an  bie  (Sren^e  unferer  Beobachtung 

fommen.    £)a  nun  aber  aud)  bie  ©djrift  un§  in  biefer  &in* 

ftc&t  allein  auf  uufer  8ttnere§  berweift,   alfo  aud)  bie  Be* 

obacfjtung  immer  Weiter  fortgefejt  werben  fott:  fo  fott  audj 

immer  mebrereS  aufhören  al§  (SmWirrung  be§  £eufel§  an* 

gefeben  werben  §u  fönnen,  alfo  aud)  bon  titer  au§  bit  Bor* 

ftellung  allmäljlig   beratten.    ©affelbe  gilt  bon  bem  Snetn* 

anbergreifen  unb  bem  ßufammenwirfen  be§  Böfen,1  woburdj 

e§  ftdj  tn  bebeutenben  Slugenbülf en ,  Wo   e§  ®egenwirfung 

gegen  eine  biöstid)e  (Sntwitflung  be§  $uten  gilt,   fd)einbar 

afö  ein  fRetct)  unb  eine  90?ad)t  offenbart.    Se  me&r  ftd)  näm* 

Itdj  ba§  ®ute  al§  ein  gefd)id)tiid)e§  ©anje  befeftigt,  um  befto 

feitener  fönnen  folcbe  ®egenmirfungen  wieberfeljren,  unb  um 

befto  mefjr  muffen  fte  ftdj  in§  Reine  serfbiittem,  fo  ba%  aud) 

Jter  an  ben  Teufel  tttdjt  mef)r  gebaut  wirb.    SBer  hingegen 

einen   (glauben  an  fortbauernbe  Einmirfungen  be§  Teufels 

fogar  im  Ütodje  ®otte§  ober  gar  an  ein  bem  9ßeid)e  ®otte§ 

gegenüber   fortbefteljenbeS  ^eid)  be§  <Satan§  al§  c^riftli^e 

1  ©.  §.  43, 1. 


ItS  »er  c^xiftLic^e  ©laube.  (gtfter  Xfjcü. 

Setjre  aufftctten  mitt,  ber  fe^t  fi<$  nicfjt  nur  mit  Dielen  bel- 
eben angeführten  ©djriftftetten  in  getaben  Sßiberiprudj, 
fonbern  er  ftettt  ljüd)ft  gefährliche  Behauptungen  auf. 
Senn  burd}  ba$  erfte  mirb  ba3  Beftreben,  alle  aud)  bie 
fonberbarften  @rjd)emungen  in  einer  einzelnen  (Seele  au-5 
üjrer  (£tgentl)ümlicf)fett  unb  au§  ben  (£inflüffen  be§  gemein- 
famen  SebenS  au  oerfteljen,  meines  ja  $uni  Befjuf  ber  (Stott* 
feligfeit  nicrjt  genug  geförbert  Imerben  fann,  an  jeber  fdjnrie*- 
rigen  ©teile  gehemmt,  unb  sugleicfj  ber  oljnebte3  fo  großen 
Neigung  be3  äftenfdjen,  bie  ©cfjulb  oon  fi<$  ab^umälgen,  tili 
bebenfltctjet  Boticrmb  geleiftet.  2öie  e3  nun  fcrjon  übel  genug 
märe,  menn  jemanb  im  Vertrauen  auf  ben  ©djus  ber  (Sngel 
bie  iljm  übertragene  ©otge  für  ftdj  unb  Slnbere  oernacf)* 
läjftgen  roottte:  io  gemife  nocfj  gefährlicher,  menn  ftatt  ftrenger 
©clbftprüfung  ba§>  auffteigenbe  SBöfe  nacl)  Belieben,  ba  ja  be* 
ftimmte  ®ennäeidj)en  unb  Trensen  nid)t  angegeben  merben 
fönnen,  mithin  bit  größte  Sßittfüfjr  freien  (Spielraum  Ijar,  ben 
(Sinmirfungen  be£  ©atan§  äugeicrjrieben  mürbe,  ^a  ba  (Sin* 
mtrfungen  be§  ©atan3  im  ftrengen  ©inne  ntdjt  anber§  al& 
unmittelbar  innerlich,  alfo  jauberljaft  fein  fönnen:  fo  mufc. 
bei  einem  mitfliegen  (glauben  an  folcfje  ba§  freubige  Bemüht- 
fein  eine§  fiebern  33eft3tfjum§  im  9fteid)e  ($5otte§  aufhören, 
tnbem  alte§  ma§  ber  ®eift  ®otte§  gemirft  Ijat,  ben  entgegen* 
gelitten  (Smmirhingen  be§  £eufel§  $rei§  gegeben  unb  atte 
3uöerftd)t  in  ber  Seitung  be§  eigenen  ®emütf)§  aufgehoben 
ift.  ©elbft  menn  man  nur  an  folerje  CSinmitfungen  aufjerljalb 
ber  cftriftUcJDen  ^irclje  glaubt,  mufe  bie  äc§t  djrtftlidje  Befjanb- 
iung  ber  (Sinaeluen,  benen  ba§  (äfoangeltutn  bert'ünbigt  merben 
fott,  gefjutbert  merben..  -Der  ®laube  aber  an  ein  fort* 
befteljenbeS  ^tetcrj  be§  ©atan§,  mobei  botf)  immer  einzelne 
9Jcenfd)en  al§  feine  Sßetf^euge  angefeljen  merben  muffen,  mu& 
nietjt  nur  bk  greubigfeit  be§  SftutfjeS  fd)mäcfjen  unb  bit 
©icrjerijett  be§  Betragend  gefäljtben,  fonbern  aud)  bet  ctjtift* 
liefen  Siebe  nerberblicl)  merben.  diejenigen  aber,  meiere  gar 
fo  meit  geljen  ju  behaupten,  bafj  bet  lebenbige  (glaube  an 
(Sljriftum  auf  irgenb  eine  Seife  buref)  btn  glauben  an  ben 
Teufel  bebingt  fei,  mögen  mol)l  sufel)en,  bafj  fie  l)ietburd) 
nicfjt  (£l)riftum  Ijerabfeäen,  fid)  felbft  aber  über  bie  (Sebüljr 
ergeben.  3)enn  hiermit  fommt  e§  immer  barauf  Ijinaug,  fca£ 
bie  (Srlöfung  burd)  ©^riftum  minber  notlnuenbig  märe,  menn 
e§  feinen  Teufel  gäbe;  unb  fo  erfdjemt  auf  ber  einen  ©ette 
bie  ©rlöjung  nur  als?  eine  §ülfc  gegen  einen  äu§em  geinb, 
auf  ber  anbern  folgt,  bafj  ber  9ftenfä  fidj  mol  felbft  toürbe 


»er  @Uou6en8te$re  erfter  Efjeil.  (Srfter  Sttfötrfit.  189 

in  Reifen  miffen,  menn  ba§  93öfe  oljite  teufet  feinen  <5i%  nnr 
in  her  menfc&lidjen  9?atur  felbft  Mite. 

Bnfaa.  ©obalb  aber  nidjt  bte  'Steht  ift  oon  einer  su= 
fammenfjängenben  Sieljre,  fonbern  Don  einseinen  Slnmenbungen 
balb  be§  einen  balb  be§  anberen  3uge§  aug  biefem  ftfitoanfenben 
$ilbe:  fo  ift  feinem  Triften  bte  $Sered)tigung  abauforedien 
—  mie  ia  atfe§,  ma§  in  ben  eigentlitf)  9?euteftamentifd)en 
©Triften  oorfommt,  au$  in  unferer  religiöfen  rottJjeilung 
mul  borfommen  fönnen  —  bafj  er  Momente  feinet  eigentli<$ 
tf)riftlid)  frommen  SßemufjtfeinS  in  ben  oben  bestimmten 
(Örenjen  ftdj  burd)  bergleidjen  güge  oergegenmärtige  ni<$t 
nur,  fonbern  aud)  ftd)  biefer  SBorftettung  in  ber  religiöfen 
TOittrjeilung  bebiene;  menn  fte  ü)m  ba§u  miHfommen  ober 
r»ieftei$t  föeinbar  unentbehrlich  ift,  nm  ftcfj  bie  pofitioe  (&otU 
loftgfeit  be§  SBöfen,  menn  e§  für  fid)  gebaut  mirb,  anf^aulicb 
au  madjen,  ober  um  ftd)  einzuprägen,  bafj  ber  Sftenfd)  gegen 
ia§  93öfe  al§  gegen  eine  tljrem  Urfprung  nac§  feinem  SStlten 
unb  feinem  SSerftanb  unerreichbare  $emalt  nur  in  einem 
^öfteren  Söeiftanbe  ©crjuä  finben  fann.  @o  lange  nun  bie 
23orftetumg  auf  biefe  SBeife  in  ber  lebenbigen  lieb  erlief  erung 
ber  religiöfen  ©pradje  fortbauernb  itjre  Haltung  ftnbet,  mirb 
e§  bann  aud)  tue  unb  ba  einen  titurgifd)en  (SJebraud)  ber* 
leiben  geben,  ber  ft<$  aber  um  fo  notfjtoenbiger  in  allen 
v er fctjt ebenen  Söegieljungen  genau  an  ben  %t)$u<o  ber  <Sd)rtft 
galten  mufj,  al§  bie  Entfernung  oon  biefem  um  befto  meljr 
feermirrung  ^eröorbringen  mirb,  ie  mefjr  auf  ber  einen  ©eite 
bie  ©mpfänglic&feit  für  biefe  SBorfteuamg  mit  ber  3eit  ab* 
nimmt,  auf  ber  anbem  aber  bie  üturgif^e  äßittljeihmgSmeife 
ft<$  tljeil§  bem  ftrengen  miffenfdjaftlidjen  (£|)arafrer,  tljetl§ 
ber  ftjmbolifdjen  Stutorität  nähert.  Stm  freieften  ift  baljer 
unb  audj  am  unbebenflid)ften  ber  btcrjtertfcrje  ©ebraud);  benn 
in  ber  Sßoefte  ift  bie  Sßerfonificatton  gans  an  üjrer  ©teile, 
unb  batjer  fann  au§  einem  fräftigen  (SJebraud)  biefer  Sßor* 
ftettung  in  frommen  (SJeftnnungen  an  unb  für  ft<$  nid&t  leicht 
dn  9^ac^tr)eil  §u  beforgen  fein.  @3  märe  baljer  ntdjt  nur 
unämeffmäfjig,  fonbern  mödjte  in  mancher  ipinftd^t  nidjt  leicht 
äu  berantmorten  fein,  menn  iemanb  aud)  au§  unferm  djrift* 
Hd)en  Sieberfcüas  bie  Sßorfteuung  be§  Teufels  öerbrängen 
-motfte. 


190  SerQriitlidjeGHaube.  (£r(iev  2$eiL 

3meite§  ße$tftü!l 
So«  ber  (Spaltung. 

§.  46.  ®a<8  fromme  Setbftberoufctfein,  vermöge  beffert 
mir  aUeä  ma£  un£  erregt  unb  auf  un£  einmirft  in  bie 
fä)lea)tfytnige  SIbbängigfeit  toon  ©Ott  ftellen,  fällt  gang 
gufammen  mit  ber  ©inficbt,  bafj  eben  btefeä  alles  burd? 
ben  ^atur^ufammenbang  bebingt  unb  beftimmt  ift. 

1.  (SS  foH  feine§toege3  behauptet  Serben,  bafc  mit  ieber 
©rregung  be§  fumüc&en  (SelbfibetoufjtieinS  aud)  jene§  fromme 
©efbftbemufjtfein  mirflid)  tuerbe,  eben  fo  tuenig  al§  aud)  lebe 
2öabrnel)mung  un§  ben  ^atursu)  ammenbang  mirflidj  oer* 
gegenumrtigt.  Slber  eben  jo  nrie  mir,  fo  oft  ein  objectü>e§ 
Söenmfttfem  bi§  ju  biefem  ®rab  ber  ©eutlic&fett  fommt,  aud) 
ben  üftaturaufammenljang  nueber  al§  etroa§  gang  allgemein 
unb  aud)  für  atte§  mobei  er  un§  nidjt  gum  Söemufjtjein  ße- 
fommen  ift  nid)t  minber  beftimmenbeS  fegen:  eben  fo  erfennen 
mir  in  ben  3lugenbltf t en ,  mo  ba%  fromme  ©elbftbemufctfein 
au  ©tanbe  fommt,  bieienigen,  mo  e§  fehlte,  für  unöoUfommne 
3uftänbe,  unb  jegen  baä  Slbbängig!eit§gefübl,  meil  mir  e§ 
audj  auf  unfer  eigenes  ©ein  fdjon  fofern  mir  Steile  ber 
Seit  finb  begieben,  aud)  für  alle  foldje  obne  2lu§nabme 
gültig.  Slber  eben  fo  menig  fott  aud)  unfer  @a$  binter  bem 
^Begriff  ber  ©rbaltung  gurüffbleiben ,  miemol  er  ftdj  ber 
9?atur  be§  ©elbfibemufjtfeinS  gemäß  auf  baä  befdjränft  ma§ 
auf  un§  einmirft,  unb  aHerbing§  unmittelbar  nur  bk  Sße* 
megungen  unb  SSeränberungen  ber  SDinge  un§  erregen,  nid)t 
bie  $)inge  [elbft  unb  tfjr  innere^  ©ein.  2)emt  ieber  antrieb 
ber  auf  Sßabrnebmung  unb  ©rfenntnifj  gerietet  ift,  meldte 
bod)  bie  Gstgenfdmften  unb  baZ  «Sein  unb  SBefen  ber  $)inge 
sunt  ©egenftanb  baben,  beginnt  aud)  mit  einer  Erregung  be§ 
(SelbftbemufjtfeinS,  meiere  bann  audj  bk  Operation  be§  @r* 
tennenS  begleitet;  mitbin  gebort  audj  ba&  ©ein  unb  SBefen 
ber  2)inge  m  bem  ma§  auf  un3  einmirft. 

^nnerbalb  biefe§  Umfanget  nun  geftattet  unfer  (gas  feinen 
Unterfdjieb,  fonbem  für  atte§  unb  iebeö  f ollen  mir  eben  fo 
febr  bie  f<$led)tbintge  5lbbängigfeit  oon  ®ott  füblen  unb  mit* 
füllen,  mie  mir  un§  aUe§  unb  iebe§  al§  OoHfommen  bebingt 
burd)  btn  Sftaturäufammenbang  benfen.  ®em  ganj  entgegen* 
gefegt  aber  finben  fair  bie  Sßorftettimg  febr  meit  verbreitet, 
bafc  biefeS  beibe§  nidjt  äufammenfätft,  fonbern  fid)  oielmebr 


©er  ©laubenäleijre  elfter  £§eil.  (Srfter  a&fdjnttt.  191 

gegenteilig  ausliefet.  (£g  mirb  nämlidj  gefaßt ,  je  Rarer 
nur  un§  etma§  in  feiner  üottfomtnnen  S3ebinötl)eit  burd)  ben 
9?atursuiammenJjang  benfen,  nm  befto  meniger  tonnten  mir 
äum  ®efü§l  [einer  fctjle^trjtnigen  Slbbängigfett  öon  ®ott 
fommen,  unb  umgerefjrt  je  lebenbiger  biefeS  ©efüt)l  fet,  nm 
befto  meljr  müßten  mir  ben  Sftaturäufammentjang  beffelben 
unbeftimmt  bat)in  gefteüt  fein  laffen.  2)af$  mir  aber  öon 
unfernt  Stanbbunft  nnb  in  Uebereinftimmung  mit  allem 
bisherigen  einen  folgen  ($5egenfa3  smifdjen  beibem  nid)t  gelten 
laffen  tonnen,  leuchtet  ein.  £)enn  e§  müfjte  bann  mit  ber 
SSoHenbung  unferer  (£rfenntnifj  ber  SBelt,  meit  un§  bann 
aEe3  immer  im  ^aturänfammen^ang  fiel)  barftellt,  bie  (£nt* 
mifflung  be§  frommen  SöemufjtfeinS  im  gemöbnlic&en  Seben 
ganj  auffjören,  gan§  gegen  unfere  SBorauSfesung  bafe  bie 
grömmigfeit  ber  menfdjlid)en  9?atur  mefentltd)  fei.  Unb 
auf  ber  anbern  Seite  müfjte  umgefebrt  bie  2kht  jur 
grömmigfeit  allem  gorfd)ung§trieb  unb  aller  ©rmeiterung 
unferer  sftaturerfenntnifj  entgegenftreben,  gans  gegen  ben  Saj 
bafj  bit  SSatjrnebmung  ber  Schöpfung  jum  SBemufjtfein  ®otte§ 
rubre.  Unb  autf)  fdjon  bor  ber  SBottenbung  beiber  SKid)tungen 
müfcte  jeber  SRaturnmbigfte  immer  ber  am  menigften  fromme 
fein  unb  umgeteljrt.  $)a  nun  aber  bie  Üftd)tung  auf  bit 
©rt'enntnifj  ber  SBelt  eben  fo  mefentlidj  in  ber  menfdjlidjen 
Seele  ift  als  bie  auf  baS  ©otteSbemufjtfein:  fo  fann  eS  nur 
eine  falfc^e  SSeiSljeit  fein,  metdje  bie  grömmtgfeit  aufbeben 
miU,  unb  eine  mifjoerffanbene  prömmigfett  meiner  §u  Siebe 
baS  goitfdjreiten  ber  (grtenntnife  gehemmt  merben  foff.  2)er 
einsige  S^eingrunb  für  biefe  SBefjauptung  ift  mol  nur  ber 
Umftanb,  bafc  in  ber  Siegel  allerbingS,  je  ftärfer  in  einem 
Moment  baS  objectiüe  $Bemuf3tfein  tjeroortritt,  um  befto  meljr 
in  bemfelben  Moment  baS  Selbftbemufjtfein  surüttgebrängt 
nrirb  unb  umgefefjrt,  meü  mir  in  bem  legten  gall  über  unS 
felbft  ben  einmirfenben  ®egenftanb  berlieren,  fo  mie  mir  in 
bem  erften  gans  felbft  im  ©egenftanb  aufgeben.  SlEein  bieS 
btnbert  gar  nic|t,  bafj  ntc&t  bie  eine  S^ätiöfeit,  menn  fte 
fi$  felbft  genügt  Ijat,  bie  anbere  aufregt  unb  in  biefelbe 
übergebt.  Unb  offenbar  mit  Unrecht  beruft  man  ftdj  at§ 
auf  eine  allgemeine  ©rfaljrung  barauf,  bafj  baS  Unbegriffene 
al§  foldjeS  unS  immer  mebr  als  baS  berftanbene  sur  Slufs 
regung  beS  frommen  (SJefüblS  ftimme.  Man  fütjrt  bahti  am 
liebften  bie  großen  9?aturer[$einungen  als  Söeijpiel  an,  meldje 
burc§  bie  elementarifc^en  Gräfte  t)ert>orgebratf)t  merben;  allein 
au<$  bie  gröfete  3uoerfidjt,  mit  ber  mir  irgenb  eine  r)rjpotr}etifct)e 


192      •  $er  d)riftllc&e  ©lauöe.  Erfter  Xfctl. 

©rflärung  biefer  $l)änomene  annehmen,  Ijebt  bennod)  iene§ 
®efül)l  nidjt  auf.  £)er  ®runb,  me§§alb  jene  (Srfdjetnungen 
fo  öoräüglicf)  leidet  ba§>  fromme  ($5efüt)l  erregen,  Hegt  ütelmebr 
in  ber  Unüberfeljlid)fett  if)rer  SSirfungen  fomol  ber  förbernben 
nl§  ber  aerftörenben  auf  menfd)li($e§  $)afein  unb  auf  bit 
Söerfe  menfd)lidjer  ®unft,  alfo  in  bem  erregten  Söeroufctfein 
non  bem  Söebingtfein  unferer  Sßirffamfeit  burdj  allgemeine 
^otensen.  ®rabe  biefe§  aber  ift  \a  ba$  boHfommenfte  5ln^ 
erfenntnifj  bon  ber  Mgemeinljett  be§  9?atur3ufamment)ange§, 
unb  e§  fönnte  alfo  aud)  f)ierau§  bielmeljr  umgefefjrt  für 
unfern  ©aj  gefolgert  merben.  2luf  anbere  SBeife  freiließ  ift 
e§  eine  SluSfunft  für  bie  menfdj)lid)e  Xräg^eit,  unberftanbene§ 
am  liebften  unmittelbar  auf  ba§  llebernatürlidje  ju  begießen; 
allein  biefe  Söegieljung  gehört  bann  gar  nid)t  ber  $id)tung 
auf  bie  grömmigfeit  an,  fonbem  inbem  ba$  fjödjfte  SSefen 
bie  ©teile  be§  9?aturäufammenljange§  bertreten  fott,  befinbet 
man  ftd»  in  ber  Stiftung  auf  bie  ©rfenntnifj ,  roie  benn  audj 
in  biefem  ©inn  nidjt  atteg,  fonbern  nur  ba§  llnbegreiflidje 
in  eine  folcfce  unmittelbare  Slbljängigfeit  bon  (Sott  geftettt 
mirb.  SDaljer  benn  audj  öon  r)ter  au§  bte  9ftenfd)en  eben 
fomol  böfe  unb  gerftörenbe  übernatürliche  (bemalten  erfonnen 
ijaben,  al§  fte  auf  bie  Jjöcrjfte  gute  äurüffgegangen  ftnb  mo- 
burd)  ftdj  gleich  berrät^,  ba%  biefe  SBerfnüpfung  nidjt  au§ 
bem  ^ntereffe  ber  grömmigfeit  Ijerborgegangen  ift,  inbem 
burdj  eine  fotct)e  ©egenüberfteüung  unbermeiblidj  bie  ©inljeit 
unb  (Sattheit  be§  $bf)ängigfeit§berbältniffe§  serftört  mirb. 

^nbern  mir  ferner  aEe§,  ma§  un§  erregt,  al§  ©egenftanb 
biefe§  frommen  SBemufetfeinS  fejen:  fo  fotf  aud)  baä  an  ftdt> 
fleinfte  unb  unbebeutenbfte  nidjt  aufgenommen  fein  bon  bem 
SSerljältnife  ber  fd)led)tljimgett  Slbljängtgfeit.  Qiehti  ift  aber 
gu  bemerfen,  bafj  auf  ber  einen  &titt  nidjt  feiten  ein  un* 
richtiger  Sßertlj  gefest  mirb  auf  ein  au§brüffttdje§  3urüff* 
führen  audj  be§  fleinften  auf  iene§  SSertjältnife,  auf  ber 
anbern  Seite  mir  oft  mit  nidjt  größerem  SRecrjt  einer  folgen 
SBe^ieljung  miberftreben.  2)a§  erfte  gefdjieljt  in  ber  Meinung, 
aud)  ba$  fleinfte  muffe  befonber§  beSIjalb  au§brüfflid)  bon 
CSSott  georbnet  fein,  roeil  fo  oft  bci$  größte  barau§  Ijerborgelje. 
2)enn  e§  fdjeint  nur  ein  Ieere§  aber  f  eine§mege§  unberbädjtigeS 
©piel  ber  gantafte  vx  fein,  ma§  fo  bäufig  gehört  mirb  bon 
großen  Gegebenheiten  au§  flehten  Urfadjen,  inbem  bie  3luf= 
merffamfeit  baburdj  nur  bon  bem  allgemeinen  3ufammenf)ang, 
in  meinem  bie  mabren  Urfadjen  bod)  eigenttidj  liegen,  ab= 
gelenft    mirb.     (£tne    reine   Söeredjnung    fann    immer    nur 


©er  ©IcubenSIc^re  crftcr  %fy\l  ©rftcr  Sffifönttt.  193 

angelegt  merben  auf  bem  ®runb  ber  (Stfeidjbeit  bon  Urfadje 
unb  Söirfung,  [ei  e§  auf  bem  Qefdjidjtlidjen  ®ebiet  ober  auf 
bem  ber  Üftatur,  uub  nur  in  befttmmten  Söegietjungen  bürfen 
jebeSmal  einzelne  SBeränberungen  mit  ttjren  Ur[a$en  au§ 
bem  allgemeinen  Buiammenbang  IjerauSgertffen  für  ftctj  ge- 
fegt merben.  Sobalb  aber  mit  einer  (olcben  Betrachtung 
ba§  fromme  (Sefüfjl  fidj  berbinbet,  mu|  fte  fidj  §u  bem  atf* 
gemeinen  Bufammenbang  surüffmenben ,  bamit  ntctjt  etroa 
aud)  in  ®ott  eine  auf  menfdjlidje  Sßeife  bereinaelte  unb  ge^ 
feilte  £f)ätigfeit  gefegt  merbe.  2>a3  anbere,  ba§  nämltdj 
unferer  ©müfmbung  bie  Slntnenbung  be§  fcf)Iecrjtr)intcjeri  2lb* 
IjängigfeüSöerbältniffeS  auf  fleinfteS  miberftrebt,  bat  feinen 
(S?runb  in  ber  SBeforgntfe,  bk  grömmigfeit  fönne  auf  grebel 
geaogen  merben,  raenn  SStlftüIjr  im  unbebeutenben,  s.S. mit 
meinem  gufc  einer  guerft  borroärtB  breitet,  unb  Bufatt  in 
bem  ma§  gar  ntcrjt  in  baZ  ©ebiet  be§  (SrnfteS  gebort,  roie 
®eminn  unb  SSerluft  hti  Spiel  unb  SSettfampf,  aucb  auf 
göttliche  5Inorbnung  äurüffgefüfjrt  merben  [oft.  Mein  ba§ 
unangemeffene  liegt  In" er  nicbt  in  bem  $egenftanb,  fonbern 
nur  in  ber  $8etract)tung§raetfe,  nämlicfy  bem  ^foliren  be§ 
einselnen  gatteS,  ba  in  ben  gcillen  ber  erften  2lrt  bie  fcl)ein= 
bare  SSiftrutjr  immer  nur  einzelner  2lu§bruff  ttjeüS  eine§ 
<$5efammtauftanbe§  ift,  au§  meinem  bielerlei  bergleicben  folgt, 
tbeit§  eine§  ungemeineren  ®efeae§,  mobur$  vielfältig  ärjnltctjeg 
geregelt  roirb,  unb  in  benen  ber  legten  ber  2lu§gang  immer 
Unterm erfung  unter  einen  gemetnfamen  Sollten ,  raeldjeS 
beibe§  nicbt  für  unbebeutenb  angefeben  merben  fann;  unb 
fo  mirb  nichts  bagegeu  fein,  beibeg  auc§  in  ber  fdjledjtfjüugen 
Wbängigfeit  bon  ®ott  au  betrauten. 

2.  Betrachten  mir  nun  uniern  @a§  rein  an  unb  für  fid}, 
fo  mufe  er  Gebern,  ber  nur  überhaupt  bie£,  bafj  burdj  ©in* 
mtrfungen  auf  unfer  ftnnlic^eS  ©etbftberoufjtfein  ba$  fc^ledjt* 
binige  2lbbängigfett§gefüt)l  erregt  merben  fann,  als  einen 
(SrfaljrungSfaa  augiebt,  au$  in  (einem  ganaen  Umfang  un= 
mittelbar  einleucbten.  SDenn  iene§  ©efübl  ift  am  boßftcmbigften, 
roenn  mir  un§  in  unferm  <S elbftbem ufetfetn  mit  ber  gangen 
SBelt  ibentificiren,  unb  un§  aucb  fo  nodj,  gleidjfam  als  biefe, 
nidjt  minber  abhängig  füllen.  £)iefe  ^benttfication  fann 
un§  aber  nur  in  bem  SOtaafs  gelingen,  als?  mir  in  (Sebanfen 
atle§  in  ber  (Srfcf)  einung  getrennte  unb  bereinaelte  berbinben, 
unb  mittelft  biefer  SBerfnüpfung  a£Ce§  als>  (SineS  feaen.  3n 
biefem  Meinen  be§  enbltd)en  ©eins?  ift  bann  ber  boü- 
fommenfte  unb  attgemeinfte  9?aturau[ammenljang  gefeat,  unb 


194  ®er  djrtftlidje  ©laube.  Srfter  Sfjeil. 

trenn  mir  unS  alfo  als  biefeS  fcbiedjtljin  abbängig  füfjten:  fo» 
fällt  beibeS,  bie  bolffommenfte  UeberseuQimg,  ba%  2ltfeS  in 
ber  ©efammfl&eit  beS  üftatursufammenbangeS  bollftänbig  be* 
bingt  nnb  bearünbet  ift,  unb  bie  innere  ©etüifet)eit  ber 
fd)ledjt&imgen  5lbt)ängig!eit  alleS  ©nblidjen  bon  ©ott  bott« 
fommen  sufammen.  hieraus  folgt  nun  äugleid)  bie  Sftöglid^ 
feit  beS  frommen  ©elbftberoufjtfeinS  für  jeben  Moment  eineS 
objectiben  23emu£tfeinS,  nnb  bie  9ftö gliedert  beS  bottenbeten 
2öeltbemuf3ifeinS  für  ieben  Moment  eines  frommen  ©elbft* 
bemufjtfeinS.  3)enn,  ttmS  baS  lejte  betrifft,  roo  ein  frommes 
<$tefüf)I  mirflid)  gemorben  ift,  ba  ift  au$  fdjon  immer  ein 
^aturaufammenfjcmg  gefegt,  unb  fomit  hrirb  oljne  9?ad)tfjeit 
für  ieneS  baS  SBeftreben,  btefen  fortsufesen  unb  tljn  jur 
SSeltoorfteHung  §u  bollenben,  in  beut  $Jlaa%  nrirffam  fein 
fönnen,  als  übertäubt  bk  Sprung  auf  baS  (Srfennen  bominirt 
@ben  fo  hmS  baS  erfte  betrifft,  mo  eine  gegenftänblic&e  $or~ 
ftettung  ift,  ba  ift  immer  au<$  ein  erregtet  ©elbftbetuufctfeuv 
unb  auS  biefem  fanu  fidj  alfo  oljne  ^adjtfjeil  für  jene  mit 
ber  me^r  ober  weniger  beittltdj  in  iljr  mitgefe^ten  Sßelte 
borftellung  baS  fromme  ©eibflbehmfetfem  enttuitteln  in  bem 
Waa%  als  übertäubt  in  Sebem  bie  9tidj)tung  auf  baS  @r* 
fennen  bominirt.  2)enfen  mir  unS  nun  in  einem  9ftenfdjeit 
beibe  9ttd)tungen  böHig  auSgebilbet,  fo  roirb  and)  jebe  bie 
anbere  mit  bottfommner  ßeidjtigfeit  Ijerborrufen,  fo  bafc  jeber 
©ebanfe  als  Xrjeil  beS  SBeltbegriffS  ibm  gum  reinften  frommen 
<S5efü^X,  unb  jebeS  fromme  ©efübt  als  bon  einem  Sb&eü  ber 
SBelt  ^erborgerufen  if)m  jur  bollftänbigen  SöeltborfteHung 
roirb.  SSogegen  roemt  bie  eine  nidjt  bie  anbere  berborriefe, 
fonbern  fte  ft<$  irgenbroie  begrensten:  fo  müfcte  jebe,  je  boJC* 
fommner  fte  entroiffelt  märe,  um  fo  metjr  bie  anbere  auf* 
fjeben.  Gsben  btefeS  nun,  bafj  bie  göttliche  ©rfjaltung  als- 
bie  fcf)tetf)tf)inige  2lb§ängigfeit  aller  Gegebenheiten  unb  23er* 
änberungen  bon  ©ort,  unb  bie  Sftatururfäcblictjt'eit  als  bie 
bollftänbige  Söebingttjeit  atteS  beffen  roaS  gefdjie&t  burd)  bm 
allgemeinen  Bufammenljang,  nietjt  eine  bon  ber  anbern  ge* 
fonbert  ift,  nodt)  aueb  eine  bon  ber  anbern  begrenzt  roirb, 
fonbern  beibe  baffelbige  finb  nur  auS  berfebiebenen  ©eftcbrS^ 
bunften  angefeben,  ift  fdjon  immer  bon  ben  ftrengfteu  ®og= 
mattfern1    anerfannt    roorben.     SSer  hierin   bennodj   einen 


1  Quenstedt  Syst.  theol.  p.  761.  .  .  ita  ut  idem  effectus- 
non  a  solo  Deo  nee  a  sola  creatura,  sed  unä  eädemque  efficientiä 
totali    simul    a  Deo    et    creatura    producatur  .   .   .  actum    dico    (sc 


©er  ©lauBenSle^re  erfter  %fy\\.  Srfter  3ftfdjitUt.  195 

(Schein  be§  $antljei§mu§  fittben  toiU,  ber  möge  nur  bebenfen, 
ba%  fo  lange  bte  3ßetoet§fjett  feine  allgemein  al§  gültig  an* 
erfannte  gormei  aufftettt  um  ba§  Sßer^äUntfe  smifdjen  Gott 
unb  SBelt  au§subrüf  f  en ,  aud)  auf  bem  bogmatifcfien  Gebiet, 
fo  balb  ni<$t  mefjr  tjon  bem  (gntftejen  ber  Sßett,  fonbern  oon 
iijrem  gufammenfein  mit  Gott  unb  iljrem  SBesogenmerben  auf 
©ott  bte  9£ebe  ift,  baä  ©cfcmanfen  nidjt  oermieben  merben 
fann  ghrifdjen  folgen  gormein,  bk  ftdj  mefjr  ber  bermifäenben 
Sbentität  beiber,  unb  folgen,  bk  fictj  meljr  ber  betbe  entgegen* 
fesenben  ©Reibung  nähern.  5ludj  barf  man  nur  um  fidj  nidjt 
auf  biefe  5lrt  su  oermirren,  ben  Unterfdjieb  jhrifdjen  ber  aß* 
gemeinen  unb  befonberen  tfrfadje  beffer  beadjten.  ©enn  in 
ber  Gefammtfjeit  be§  enbtid)en  (5ein3  fommt  iebem  einseinen 
nur  eine  befonbere  unb  t&eilmeifige  Urfäcfcltdjfeit  su,  inbem 
)tbz%  nidjt  oon  @inem  anbern  fonbern  oon  allem  anbern 
abhängig  ift,  bk  allgemeine  ift  nur  in  bem,  mooon  bk  Ge* 
fammttjeit  Meter  geseilten  Urfädjüdjfeit  felbft  abhängig  ift. 

3ufaj.  %\t  fpaltenbe  urfprüngltdj  fc^olaftifd&c  Sftefl&obe 
in  ber  Glaubenslehre  Sat  unfern  einfachen  ©a§  auf  bk 
mannigfaltigfte  SSeife  in  eine  Sftenge  oon  ©liebem  unb  2lb* 
Teilungen  serfällt,  unb  e§  mirb  siemlid)  gleichgültig  fein,  an 
welcher  oon  tfjnen  mir  öerfudien  §u  jeigen,  in  ttm§  für  einem 
SBet&äftnifc  fie  su  unferer  S)arfteHung  ftefjt.  Einige  nun 
feilen  ben  begriff  ber  (Spaltung,  btn  unfer  <Sas  gans  unb 
ungeteilt  au§brüf!t  in  bk  allgemeine  meiere  fidj  auf  bk 
ganse  SSelt  al§  (Stnljeit,  in  bie  befonbere  meldte  fiel)  auf 
bk  Gattungen  unb  in  bk  befonberfte,  meldte  fidj  auf  bk 
einseinen  ©inge  besiegt.  £)iefe  ©intljeilung  erferjeint  fdjon  um 
be§  mitten  nidjt  in  bem  ^ntereffe  ber  grömmigfeit  oon 
meinem  bodj  Ijier  aHe§  ausgeben  fotf  gemalt,  meil  fie  auf 
bie  gans  naturmiffenfdjaftlidie  grage  füljrt,  ob  e§  in  ber  SSeit 
nod)  irgenb  etma§  giebt  ba$  nicf)t  unter  einen  Gattungsbegriff 
SU  bringen  ift.  Sßäre  nun  aber,  falls  biefe  grage  bejaht 
werben  mufc,  bk  ©int^eilung  ergänst:  fo  mürbe  bennod)  bk 
allgemeine  ©rfjattung  aHe§  anbere  in  fidj  [fließen,  unb  bk 
Bert^eilung  mürbe  unS,  ba  unfer  Grunbgefüfjl  nur  auf  ber 


coneursum  Dei)  non  praevium  actioni  causae  seeundae  nee  sub- 
sequentem  .  .  .  sed  talis  est  actus ,  qui  intime  in  ipsa  actione 
creaturae  includitur,  imo  eadem  actio  creaturae  est.  —  ibid.  p.  782. 
Non  est  re  ipsa  alia  actio  influxus  Dei,  alio  operatio  creaturae, 
«ed  una  et  indivisibilis  actio  utruinque  respiciens  et  ab  utraque 
pendens,  a  Deo  ut  causa  universali,  a  creatura  ut  particulari. 


196  £er  tfjriftltdje  ©taube.  Grfter  2#elt. 

(£nbli<$fett  be§  (Setn§  überljaubt  beruht  böllig  überflüfeig  [ein. 
©hie  cmbere  Slbatoefrung  btefer  (£intljeilung  aber  läßt  ftdj 
aljnben,  menn  man  ben  Bufas  berüffftcbtigt  ber  getuölmlid) 
bei  bem  legten  (bliebe  gemacht  ttrirb,  bafj  nämlidj  (Sott  bte 
einzelnen  2)inge  bei  iljrem  2)afein  unb  itjren  Gräften  errjält 
fo  lange  er  toitL  2)enn  ba  bie  (Gattungen  al§  ^Rebrobuction 
ber  einseinen  £)inge  gennffermafjen  unbergängtidj)  ftnb,  bie 
einzelnen  2)inge  aber  bergänglid) :  fo  bat  man  einen  Untere 
ftfjieb  feftftellen  motten  sunfcrjen  ber  Spaltung  be§  bleibenben 
unb  be§  bergänglid^en.  §ür  biejenigen  inbeft,  tneldje  einen 
Anfang  ber  SBelt  unb  ein  (£nbe  berfelben  annehmen,  ift  gar 
fein  (Grunb  borljanben  §u  einem  llnterfdjieb  anufd)en  ber 
SBelt  unb  ben  einzelnen  fingen,  ^ebenfalls  aber  mu|  ber 
©aj  ebenfo  gut  auf  ben  Anfang  al§  baZ  (£nbe  geljen:  unb  ba 
mir  bon  unferer  ©rbe  äiemlidj)  nuffen,  ba§  e§  (Gattungen 
barauf  gegeben  Ijat  bie  nid)t  mebr  borljanben  ftnb,  unb  bafj 
bie  jejigen  nic&t  immer  gemefen  ftnb:  fo  mufc  ber  @a§  audj 
auf  fte  auSgebe^nt  merben.  (£r  fagt  alfo  eigentlich  ntcrjtS  au§, 
al§  ba£  audj  bit  SeitltcSfctt  ober  bie  £)auer  be§  (gnblidjen 
nur  in  ber  fdjledjtfetmgen  2Ibt)ängigfeit  bon  (§5ott  §u  benfen 
ift.  ®a  nun  aber  bie  2)auer  ber  einzelnen  fotnoljl  al§  ber 
allgemeinen  2)inge  nidjt§  anbereS  ift  al§  ber  5lu§bruff  be§ 
9Jcaaf3e§  üjrer  Straft  im  gufammenfein  eine§  leben  mit  allen 
übrigen:  fo  ift  in  jenem  3ufaä  an  unb  für  ftd?  betrautet 
nichts  enthalten,  ma§  unfer  ©a§  ntdjt  au$  au§fagte;  mie  er 
aber  gefaxt  ift,  fann  er  fet)r  leidet  bk  Meinung  erregen,  al§ 
ob  ber  erljaltenbe  SBiUe  (55otte§  irgenb  mann  anfinge  ober 
aufhörte,  unb  e§  mufj  alfo  gegen  itjn  bebortoortet  »erben, 
bafj  (Gott  in  ber  ©rljattung  ehzn  fo  gut  at§  in  ber 
(Schöpfung  aufcer  allem  Mittel  unb  (Gelegenheit  ber  Seit 
bleiben  mu§. 

©ine  anbere  bermanbte  (gintfjeilung  ift,  ba%  man  unter* 
treibet  (Sr^attung  unb  SOHtmirfung  (Gotte§;  allein  bit 
Untertreibung  roirb  ntctjt  bon  allen  (GlaubenSlefjrern  gleich 
mäfjig  gemalt,  inbem  (Einige  btn  5Iu§bruff  ©rtjaltung  nur 
auf  (Stoff  unb  gorm  belieben,  SQfttnnrfung  aber  auf  Gräfte 
unb  £>anblungen;  Slnbere  beaieJjen  ©Haltung  auf  ba$  ©afein 
unb  bie  Gräfte  ber  £)inge,  unb  SDcitnürfung  nur  auf  bie 
Snjätigfeiten.  @&  ift  aber  nid)t  ju  überfeinen,  ba$  in  bem 
2lu§bruf!  SDcitmirfung  eine  berborgene  Einbeulung  liegt,  al§ 
ob  e§  in  bem  ©nblidjen  eine  SBirffamfett  gäbe  an  unb  für  ftd) 
alfo  unabhängig  bon  ber  erhaltenen  göttlichen  £t)ätigfeit, 
toelctjeä  ganä  bermieben  »erben  mufc,  unb  nidjt  etnm  nur 


Ser  ©laubenäiefiie  crftex  £3jeil.  Sriter  Sttidjnitt.  197 

burdj  Xtnbeftimmtl)eit  ber^üttt.1  Sarf  alfo  ein  folget  Unter* 
fc^teb  nidjt  gemalt  merben,  unb  ftnb  bte  Gräfte  ber  Singe 
eben  fo  menig  ettua§  abgefeben  bon  ber  göttlichen  ertjaltenben 
£bätigfeit  al§  ba§  (Sein  berjelben,  melct)e§  man  bodj  auäj 
nur  oermittelft  einer  Ijieljer  nid)t  gehörigen  Slbftraction  in 
Stoff  unb  gorm  verfällt:  fo  beruht  ber  Unterfd)ieb  ättnidjjen 
(Srfjaltimg  unb  93Zitlütr!ung  aud)  nur  in  einer  Slbftraction. 
Senn  ein  für  ft<$  §u  fesenbeS  Sein  ift  bo<$  nur  ba  mo  ®raft 
ift,  fo  mie  ®raft  immer  nur  ift  in  ber  Stfjätigfeit;  eine  (£r* 
Haltung  bie  alfo  nidjt  äugleid)  ba§  in  ftdj  fcfjlöffe,  bafj  aud) 
alle  Stbätigfeiten  irgenb  eine§  enblidjen  <Sein§  unter  bie 
fdjlec&tfjimge  SHrtjängigfeit  oon  <S5ott  gefteHt  ftnb,  märe  tin 
eben  fo  leere§  mie  eine  <S'd)öüfung  otjne  (Srfjaltung.  S>o  mie, 
menn  man  eine  äftitnrirfung  benfen  füllte,  otjne  ba%  aud)  ba§ 
Sein  ber  Singe  in  feiner  ganzen  Sauer  oon  (Sott  abhängig 
märe,  biefeS  Sein  bann  aud)  im  erften  Slugenbliff  unabhängig 
tonnte  gemefen  fein,  unb  bie§  märe  bann  fooiel  al§  ©rtjaltung, 
)o  bafs  fte  bie  (Schöpfung  nic&t  in  ftd)  fältelt,  aber  ofjne  bie 
Schöpfung  äu  fegen,  £>ie§er  getjört  nun  audj  nodj  btefe§,  ha% 
aud)  folctje  ®lauben3let)rer,  meldje  ben  (Segenftanb  im  (Jansen 
fefjr  richtig  gefaxt  tjaben,  ftctj  bo<§  Verleiten  laffen  bie  9Kit* 
mirfung  al§  tttvaZ  metjr  unmittelbares  §u  fd)ilbern  al§  bie 
Grbaltung2,  fo  bafj  bie  STtjäti  gleiten  nod)  auf  eine  befonbere 
SSetfe  untertrieb en  oon  ber  (£rt)altung  ber  Gräfte  au§  einer 
göttlichen  SBirffamf  eit  tjeroorgefjen,  moburd)  mieber  genau 
genommen  bie  ©Haltung  ber  Gräfte  auf  SßidjtS  surüff  geführt 
mirb,  ba  bodj  biefe  in  bem  (Gebiet  beS  ^atur§ufammenbange§ 
immer  mieber  abhängig  ift  oon  ben  Tätigkeiten  ber  übrigen 
Singe.  $lan  fann  alfo  nur  fagen,  bafs  in  bem  (Gebiet  ber 
fdf)led)tr)tntgen  5lbtjängigfeit  oon  ®ott  aHe§  gletctj  Vermittelt 
ift  unb  gleich  unvermittelt,  ba$  eine  in  ber  einen  ba§  anbere 
in  ber  anberen  SBejietjung. 

(gütige  nun  öerbinben  gleich  mit  biefen  beiben  gegriffen 
ben  ber  göttlichen  Regier  uns,  allein  fofern  bierburd)  eine 
(Erfüllung  göttlicher  fRatr)f djlüff e 3  ober  eine  Einleitung  aller 


1  SSie  Morus  1,  p.  306.  limites  non  definiuntur  quousque  ope- 
ratur  sol,  agricola  et  ubi  incipiat  Deus  .  .  .  adjuvando  et  limitando 
efficit  Deus,  ut  fiat  consilium  suum. 

2  Quenst.  1.  c.  Observandum  quod  Deus  non  solum  vim  agendi 
dat  causis  secundis  et  etiam  conservat,  sed  quod  immediate  influit 
in  actionem  et  effectum  creaturae. 

3  Morus  L  p.  319.  Gubernatio  est  opus  Dei  efficientis  ut  in 
mundo  ipse  suum  semper  adsequatur  consilium. 


198  5)er  tfriftKc^e  ©Iaube.  Grfter  Sfctl. 

£>inge  gu  göttlichen  3^ef!en  gemeint  ift,  unb  etma§  anbere§ 
baritnter  berftanben  merben  fott,  al§  bafj  fcermütelft  aller  in 
bie  SBelt  bertfjeilten  unb  in  berfelben  erhaltenen  Gräfte  atte§ 
nur  fo  Qefc^ie^t  unb  gefdjefjen  fann,  mie  e§  ®ott  urfprüngltdj 
unb  immer  geraottt  Ijat  —  benn  biefe§  ift  aud)  in  unferm  @a$ 
fdmn  enthalten:  fo  fonnen  mir  ben  begriff  f)ier  ntd)t  be~ 
ijanbeln,  inbem  mir  rjier,  mo  mir  e§  nur  mit  ber  Söefdiretbung 
be§  (S5efüt)l§  fcfcjlec^tr)triiger  3lbl)ängig!eit  überhaupt  gu  t^un 
baben,  eine  ^Betrachtung,  melier  ber  ©egenfag  bon3toeff  unb 
Mitteln  gum  ©runbe  liegt,  felbft  gang  abgeben  bon  ber 
grage,  ob  e§  einen  folgen  für  ®ott  geben  fann,  bod)  böttig 
au§fd)liefjen  muffen.  ®enn  eine§  33jeü§  lönnte  e§  bod)  für 
unfer  djriftltdj  frommes  ©elbftberoufjtfem  nur  baZ  burd)  bk 
(grlöfung  gu  begrünbenbe  D^eict)  ®otte§,  alfo  etma§  aufjer  unferer 
gegenwärtigen  ^Betrachtung  liegenbeS  fein,  morauf  ftdj  atte§ 
anbere  al§  auf  feinen 3mett  begießt;  anberntfjeilS  aber  mürbe 
Ijiebei  menn  unfer  ©elbftbemufctfein  boc§  jegt  ba$  enblidie 
<5ein  überhaupt  repräfentiren  fott,  3^e!f  aber  unb  Mittel  ftd> 
behalten,  mie  ba$  um  fein  felbft  mitten  gefegte  unb  ba$  nid)t 
um  fein  felbft  mitten,  eigentlich  alfo  mie  ba$  bon  ©ott  ge= 
mottte  unb  nidjt  gemottte,  ein  ®egenfag  in  unfer  frommes 
(Selbftbemufjtfetn  aufgenommen  merben  muffen,  mobon  unfere 
gegenroärtige  ^Betrachtung  rttcrjt^  roeifc.  3)aS  eingige  alfo,  mag 
un§  biefer  begriff  Ijier  barbieten  fönnte,  märe  biefeS,  ba% 
fofern  bie  göttliche  (Spaltung  al§  9Jcitmirfung  ftd)  nur  auf 
bk  Gräfte  unb  £t)ätigfeiten  jebeS  für  ftd)  gu  fegenben  begießt, 
mir  eineS  ©egenftüffeS  bagu  bebürfen  für  bie  leibentlidjen 
Buftänbe  ber  enblidjen  S)inge;  nun  aber  ftnb  biefe  für  bie 
©rreidjung  ber  göttlichen  3toeffe  eken  fo  mefentltdje  (^lieber 
unb  alfo  bie  fctjledjtfjtntge  Slbtjängigfeit  berfelben  in  bem  SBe= 
griff  ber  Regierung  mit  eingefdjloffen.  $>nbeffen  ift  für  un§ 
aud)  biefeS  überflüfjig.  ®enn  ba  bie  ©rljaltung  bod)  ba$ 
©ein  ber  SDinge  gum  ($5egenftanb  Ijat,  in  biefem  aber  fofern 
fte  ein  Ort  für  Gräfte  ftnb,  ber  ®egenfag  oon  ©  elbfttlmtigf  eit 
unb  (£mpfänglic|feit  enthalten  ift,  ftnb  aud)  bie  leib  entließen 
3uftänbe  fdjon  mit  in  bie  fd)led)tljimge  2lb$  ängigfett  auf* 
genommen,  unb  befonberS  ba  fte  ebenfalls  gu  ben  unfer  (Selbft- 
bemufjtfetn  afficirenben  gehören,  fomol  unter  ber  porm  ber 
SBatjrneljmung  als  unter  ber  be§  SOcttgefütjlS,  ftnb  fte  aud)  in 
unfern  allgemein  en  <5ag  mit  eingefcftloffen.  lleberbieS  aber 
ftnb  einerfeitS  bk  leibentlidjen  3uftänbe  beS  einen  SDingeS  nur 
baä  au§  ben  tfiätlidjen  8uftänben  anberer  Ijerborgegangene, 
unb  anbrerfeitS  fjängt  aud)  bie  5lrt,  mie  bie  tljätltdjen  3uftänbe 


®er  ©laubenälefire  erfter  Sfjetl.  grfter  2t6itfjnitt.  199 

"ber  2)inge  na$  einanber  fjeroortreten  unb  in  roelc&er  ©tärle 
fte  erfreuten,  nidjt  allein  toott  eine§  leben  2)inge§  eigentbüm* 
lieber  Slrt  &u  fein  ab,  fonbern  aud)  Oon  beffen  Bufammentreff  en 
mit  anbeten,  mithin  bon  ben  ©inhrirftmgen  anberer  3)ütge 
unb  oon  feinen  eigenen  leib  entließen  Buftänben.  SDaljer  !önnte 
man  benfen,  man  unterfebiebe  btefteiebt  noeb  beffer,  it-enn  man 
■faßte,  e§  fei  gleichmäßig  nnter  bie  fc&tedjt&utige  2lb§ängigfeit 
bon  (Sott  gefteftt,  roa§  au§  bem  Sürfidjßefestfetn  iebe§  S)ing§ 
itad)  feiner  eigentümlichen  5lrt,  nnb  ma§  au§  bem  Bufammen* 
fein  beffelben  mit  allen  übrigen  berborgebe.  Mein  auc§  biefe§ 
märe  nur  eine  SIbftraction  oljne  Vebeutung  für  unfer  frommes 
©elbftbehmjjtfein,  in  meinem  ftdj  beibe§  al§  erregenber 
(Segenftanb  gar  nid)t  Reibet,  nnb  mir  faffen  baljer  am 
beften  atte§  ma§  unfer  Vemufjtfein  erregt  sufammen  in  ber 
BorfteEung  be§  nur  be^ieljungSmeife  für  ft<$  gefegten  unb 
tmrcij  ba§  allgemeine  Bufammenfem  in  feiner  Vereinzelung 
bebingten  enblidjen  «Seins? ,  melcbeS  nur  ganj  baffe!6e  ift  mit 
3>em,  tt>a§  unfer  (saj  burdj  ben  2lu§bruff  9caturäufammenljang 
fteseidmet. 

§.  47.    2lu3  bem  Qntereffe  ber  grömmigfeit  !ann  nie 
ein  33ebürfnt§  entfielen,   eine  £fyatfad?e  fo  aufraffen, 
fcafc  burd)  ifyre  Slb^ängigfett  oon  ©Ott  ifyr  SBebmgtjein  \ 
äurcfy   htn  Diaturgufammenfyang    fd;lec^)tl>tTt    aufgehoben ) 
m?erbe. 

1.  tiefer  ®a§  ift  fo  fefjr  eine  unmittelbare  golge  au3  bem 
Vorigen,  bafj  bie.  natürliche  gortfebreitung  gar  niebt  geforbert 
§ätte,  itjn  befonberS  aufstellen;  allein  SSorfteltungen,  meiere 
noeb  bt§  auf  einen  gemiffen  ($5rab  berbrettet  finb  in  ber  djrift- 
lieben  ®ird)e,  muffen  in  ieber  (Glaubenslehre  an  ber  geeigneten 
stelle  beruf  fftdjtiget  merben.  9^un  aber  ift  eben  bieä  eine 
noeb  febr  gemöljnlidje  VorfteHung  t>on  ben  in  bie  ©ntfte^ung 
bz%  (£{jriftentfjum§  berflo$tenen  ober  menigften§  in  ber  «Sdjrift 
irgenbmie  berichteten  Sßunbern,  bafj  fte  ©reigniffe  feien  bon 
1)er  befdjriebenen  Slrt;  unb  ba,  roenn  bie  Vorftellung  felbft 
mtftattfjaft  ift,  fte  auef)  niebt  auf  biefe  ober  iene  eingelne 
."Sljatfadje  übertragen  h) erben  fann:  fo  tjaben  audj  fdjon  öon 
:ieber  bie  ®lauben§tel)rer  biefe  grage  im  allgemeinen  be« 
Jjanbelt.  5lftein  über  bie  üücöglicttfeit  an  unb  für  ftrf)  Ijaben 
mir  l)ter  nidjt  su  urteilen,  fonbern  nur  über  ba$  $erljältnt§ 
t)er  9lnnafjme  §u  bem  f$lecbt§ütigen  5161;ängig!eit§gefübL 
3)enn  ift  biefeS  fo  roie  unfer  <Sas  auSfagt:  fo   m erben  mit 


200  ©er  djriftlid)e  ©lauöe.  (Srfter  3$etl. 

auf  unferm  (bebtet  jebe  £t)atfad)e,  \o  lange  e§  irgenb  möglich 
ift,  mit  Sttüffftät  auf  ben  ^aturgufammentjang  unb  unbefcfcabet 
beffelben  aufgufaffen  fu^en. 

(ginige  nun  Gaben  SBunber  in  biefcm  ©inn  als  not&roenbig, 
bargeftetft,  bamit  e§  ooltfommene  Darlegungen  ber  göttlidjcu 
SlHmac&t  gebe.  Mein  einerfeitS  ift  fc^irer  gu  begreifen,  urie 
ftd)  bk  SWmadjt  gröfjer  geigen  folttte  in  ben  Unterbrechungen 
be§  9caturgufammentjange§  al3  in  beut  ber  urfprünglidjen  aber 
ja  aud)  göttlichen  $lnorbnung  gemäßen  unabänberlidien  Ver- 
lauf beffelben,  ba  \a  boctj  bog  s2lenbern!önnen  in  bem  ge= 
orbneten  für  ben  Drbnenben  nur  ein  Söorgng  ift,  roenn  e§> 
für  ifm  ein  Slenbemmüflen  giebt,  roelcrjeS  nrieber  nur  in  einer 
Unoollfommentjeit  feiner  felbft  ober  feine§  2öerfe§  gegrünbet 
fein  fann.  äßottte  man  alfo  ein  foldjeS  Eingreifen  be§ 
5öct)ften  3ßefen§  al§  einen  $orgug  beffelben  poftuliren:  fo 
müfete  man  erft  annehmen,  bafj  e3  etma§  nidjt  Pon  i§m  ge- 
orbnete§  gäbe,  rca§  i|ra  Sßiberftanb  entgegenfegen  unb  alfo  in 
um  unb  fein  SSerf  eingreifen  fönnte,  rooburd)  bann  unter 
(Skunbgefüt)!  gang  aufgehoben  mürbe.  3luf  ber  anbern  Seite 
ift  nod)  gu  bebenfen,  bafj  mo  bk  5Inroenbung  einer  folct)cn 
$Borfteltung  oon  SSunbern  am  Ijäufigften  ift,  b.  1).  in  guftänben,. 
mo  e§  nod)  menig  ^aturfenntnifs  giebt,  eben  ba  aud)  unfer 
®runbgefüf)l  am  fdjroädjfteit  unb  unmirffamften  erferjemt,  je- 
met)r  aber  Sftaturfunbe  Verbreitet  ift,  alfo  Me  5lnroenbung 
jenes?  begriff  §  fparfam  porfommt,  befto  metjr  folerje  ®otte§* 
r>erel)rung,  meiere  3fa§bruff  unfereS  ($5runbgefüfjl§  ift;  morauS 
benn  folgt,  bafe  bk  ooüftänbigfte  Darlegung  ber  göttlichen 
9lttmadjt  märe  in  einer  foldjen  Sluffaffung  ber  SSelt,  meiere 
r>on  jener  SSorftcthmg  gar  feinen  (SJebraud)  machte.  —  Datyer 
Rubere1  fdjarffinniger  aber  fdjraerlidj  faltbarer  bie  ©ac^e  fo 
oertl) eibigen.  bafj  (55ott  tt)eil§  ber  SBunber  beburft  Ijat,  um  bie 
(Sinmirfungen  ber  freien  Urfadjen  in  ben  ^aturlauf  baburd) 
au§äugleid>en,  tt)eil§  aud)  fönne  er  überhaupt  ®rünbe  gehabt 
fjaben,  in  einer  unmittelbaren  SSerbinbung  mit  ber  SSelt  gu 
bleiben.  £)a§  legte  fegt  nun  tjjeilS  eine  gang  tobte  51nfid)t 
t>on  ber  göttlichen  Erhaltung  oorau§,  tljeil3  überhaupt  einen 
©cgenfag  gnnfdjcn  mittelbarer  unb  unmittelbarer  £t)ätigfeit 
in  ®ott,  ber  nietjt  gebadet  merben  fann  oljne  ba§  pdjfte 
SBefen  in  bk  (Bptjäre  ber  Söefdjränfttjeit  Ijerabgugteljen.  $>a£> 
erfte  Hingt  faft,  al§  ob  bk  freien  Urfadjen  ntctjt  aud)  ®egen= 
ftänbe  ber  göttlichen  ©rljaltung  mären,  unb  gmar  fo  mie  ber^ 


©.  ©torr  $ocun.  §.25. 


©er  ©IauöettSIefire  erftet  £$eü.  Grfter  St&fänlti.  201 

felbe  aud)  ben  begriff  ber  ©tf)öpfuug  mit  in  ft$  fdjttefct,  tit 
ber  idjledjfi&üttgett  SIbbängigfeit  Don  <35ott  geworben  unb 
fortbefte^enb ;  benn  finb  fie  bietet,  fo  !ann  für  ®ott  eben  fo 
menig  eine  Sftotljroenbigfeit  entfielen,  ibren  (ginffüffen  entgegen 
gu  mirfen,  roie  ben  ©inftüffen,  bie  eine  rcitfenlofe  Sftaturfraft 
auf  bem  (Gebiet  ber  anbern  ausübt  SBeber  aber  berftebt 
jemanb  unter  ber  SBelt,  meldte  ber  ©egenftanb  ber  göttltctjert 
(grtjaltung  ift,  ben  Sftaturmecbani§mu§  allein,  fonbern  baZ 
^neinanb ergreifen  bon  btefem  unb  ben  freibanbelnben  Söefen,. 
fo  bafj  hei  ienem  fdjion  auf  biefe  fo  roie  hei  biefen  auf  jenen 
geregnet  ift  Unb  überbie§  ftnb  bie  btbtifcben  SBunber,  um 
berentmillen  bocb  bie  gange  £fjeorie  aufgefteßt  nrirb,  biet  gu 
bereinselt  unb  ju  menig  umfaffenb  iljrem  ^nbatte  nadj ,  al§. 
ba%  in  SBegiebung  auf  fie  eine  £beorie  brauchbar  fein  fönnte,. 
bie  ibnen  bie  Aufgabe  ftetCt,  ba$  nrieb  erb  erstellen  roa§  bie 
freien  SBefen  im  !iftaturmed}ani§mu§  alterirt  bätten.  ©onbent 
nur  ba$  (Sine  SBunber  ber  (Beübung  (£brifti  bat  freüid)  ben 
gtvett  nriebertj  erstellen,  roa§  bie  freien  llrfacben  aber  in 
ibrem  eignen  (Gebiet,  nidjt  in  bem  be§  $ftaturmedjani§mu§- 
unb  aucb  nidjt  gegen  ben  bon  ©Ott  urfprüngticb  georbneten 
Verlauf  geänbert  baben.  Sftodj  aud)  forbert  ba$  Sntereffe- 
ber  grömmigfeit,  ba%  bie  mieb  erb  erfiettenbe  freie  lXrfacrje 
in  bem  (Gebiet  ber  (Srfdieinung  fidj  äu  bem  Statur* 
äufammenfjang  anberS  berbalten  muffe  nrie  anbere  freie  Itr- 
fad)en. 

@§  laffen  ft$  inbefj  nod)  ein  $aar  anbere  ©rünbe  auf* 
fteHen,  um  berentroiften  e§  ein  Sfatereffe  ber  grömmigfeit 
geben  fann  an  einer  abfotuten  5lufbebung  be§  9?aturäufammens 
bangeS  burd)  SBunber;  unb  e§  lä'fet  ftcb  nidjt  läugnen,  ba% 
gerabe  biefe  e§  ftnb,  burcb  roelcbe,  tuenn  fie  aud)  nie  eigentltcr> 
al§  firdjlicbe  Sefjre  aufgeteilt  morben  ftnb,  bod)  biefe  $or* 
fteüung  bon  ben  SSunbern  nodj  am  meiften  eine  praftifdje 
Haltung  hex  bieten  ©briften  bebält  2)er  erfte  ift  bie  ®ehet§* 
erbörung,  roeil  nämtidj  biefe  nur  roirflicr}  ettva§>  %a  fein  fdjeint, 
menn  um  be§  ($5ebete§  mitten  ein  anberer  5tu§gang  entftebt, 
al§  fonft  entftanben  fein  mürbe,  morin  alfo  eine  äufbebung 
be§  (£rgebniffe§ ,  roel$e§  nad?  bem  Sftatursufammenbang  er^ 
folgt  fein  mürbe,  §u  liegen  fdjeint  2>er  anbere  ift  bie 
SBiebergeburt,  roeldje  al§  eine  neue  ©djjöbfung  bargefteHt 
mirb,  iueldie  alfo  tbeil§  eine  eben  folcfjje  5luff)ebung  erforbert, 
tbeilS  ein  in  bem  9?atursufammeubang  nid)t  mit  entbalteneä 
^rinctp  Ijineinbringt  SBeibe  ©egenftänbe  tonnen  an  biefem 
Ort  nid)t  erörtert  merben;    e§    mirb    aber    ^tnretctjen    in 


"202  $er  djriftltc$e  ©laufte.  (Srftcr  Sfjeit. 

1ßeätel)img  auf  ben  ersten,  roetdjjer  meljr  ber  grömmigfett  im 
'Slffgememen  angehört,  gu  bemerfen,  bafj  unfer  <5aj  aud)  ba§ 
<$5ebet  felbft  unter  bte  göttliche  ©Haltung  ftellt,  fo  bafj  ba§ 
^ebet  unb  bie  Erfüllung  ober  9ctd)terfüllung  nur  SDjeüe  ber* 
felben  urforüngltd)en  göttlichen  Drbnungfinb,  mithin  ba§  fonft 
anber§  geworben  fein  nur  ein  leerer  ®ebanfe  ift.  2öa§  aber  ba§ 
anbere  betrifft,  bürfen  mir  tjter  nur  auf  ba%  oben  gefagte 
surüffroeifen ;  benn  wenn  bie  Offenbarung  ®otte§  in  (Srjrifto 
nt$t  ettt>a§  f(^»lec^tr)in  übernatürlich  fein  mufj:  fo  fann  aud) 
t)ie  $riftlidje  grömmigfeit  nid)t  im  öorau§  beftimmt  fein,  tt)®a% 
bamit  äufammen^ängenbe§  unb  barau§  Ijeroorge§enbe§  für 
fcrjlecr)tr)in  übernatürlich)  ju  fjalten. 

2.  $)ie  näheren  Sßeftimmungen,  tooburdj  bie  Slnnaljme 
folc^er  SBunber  in  «ßufammenljang  gebraut  roerben  foH  mit 
benen  ©ä§en  unb  gegriffen,  meiere  bit  gänälidje  5lbljängigfeit 
fo§  9?aturäufammen(jange§  bon  ($5ott  be^eiebnen,  geben  aud) 
fel)r  beutlict)  su  erfennen,  roie  roenig  jene  SSorfteHung  burdj) 
nnfere  frommen  (Erregungen  geforbert  nrirb.  SDenn  je  be* 
ftimmter  fte  ba$  abfolute  SSunber  fefrfteüen  motten,  um  befto 
me^r  entfernen  fte  ftd)  baoon,  5lu§bru!f  einer  frommen  @r- 
regung  ju  fein,  unb  an  bie  (Stelle  be§  eigentlich  bogmatifd)en 
<55et)alt§  tritt  ein  ganj  anbere§  (Gepräge.1  $m  allgemeinen 
läfet  ftcr)  bk  ©a($e  am  leicrjteften  überfeljen,  toenn  man 
Nation  au§ge^t,  ba§  ba  baSjenige,  moran  ftcrj  ein  SBunber 
Jbegtebt,  mit  allen  enblidjen  Urfadjen  in  SSerbinbung  ftebt, 


1  2ftoo§fjetm  a.  a.  D.  ©.  462.  nennt  bie  göttlidje  Sljattgfett  burd) 
1t>eld)e  bie  Sßunber  betoirft  toerben,  guberuatio  immediata  ober  inordinata, 
iDoburd)  ein  ©egenfag  gemacht  toirb  gtoifdjen  ben  Sßunbem  unb  ber  er* 
Ijattenben  33)ätigfeit  ©otte§  gum  SSort^eil  ber  legten  in  ber  legten  gormel, 
aber  gu  it)rem  5ftad)tl)eU  in  ber  erften.  Stltein  ba§>  fromme  ©efüfjt  wirb 
ftd)  eben  fo  toeigera,  ettoa§  in  bie  9ftitte  gu  fteHen  gtoiid)en  bem  toaS  ift 
.unb  ber  göttlichen  £f)ätigfeit  burd)  bie  e§  ift,  al§  e§  toirb  ettoaS  ber 
fiötttid)en  Sljättgfett  auftreiben  unb  e§  gugteidj  ein  ungeorbneteS  nennen 
toollen.  Sugleid)  ftreitet  ber  StuSbruff  mit  ber  allgemeinen  ©rflärung,  bie 
er  bon  gubematio  giebt,  bafj  e§  eine  directio  virium  alienarum  fein 
-foH,  toenn  bodj  ba§  Sßunber  nidjt  fotf  au§  ben  betreffenben  natürlichen 
Gräften  begriffen  toerben  fönnen.  —  Steint)  arb  nennt  (S)ogm.  ©.236.) 
biefelbe  göttliche  £f)ätigteit  Providentia  miraculosa,  unb  erflärt  fie  burd) 
-cura  divina,  qua  Deus  aliquid  efficit  mutationibus  a  consuetudine 
naturae  plane  abhorrentibus.  gftag  man  toie  Ijier  ben  ©egenfag  fudjen 
in  ber  göttUdjen  Sorgfalt,  fo  toiirbe  bann  bie  (Spaltung  eine  ©orglofig* 
teit  fein;  ober  in  ber  ©etootjnljeit  ber  Statur,  fo  erfdjeint  bie  ©etooljnijett 
ier  9?atur  aI8  ettoaS  nid)t  abhängiges  bon  ber  göttlichen  «Sorgfalt,  unb 
S>a3  fromme  ©efü^l  toirb  fid)  nottjtoenbig  gegen  beibeS  erflären. 


£er  ©laubenSIefjre  erftex  £fjeil.  Grfter  Sttfönltt.  203 

<aucb  jebe§  abfolute  SSunber  ben  gangen  DMuräuf  ammenbang 
gerftört;  tmb  bafj  e§  mithin  oon  einem  folgen  eine  stütefad^e 
Uhtftdjt  giebt,  eine  pofirtbe,  meldte  auf  bte  gange  Bufunf-t 
J)inau3gebt,  unb  eine  negatioe,  rceldje  in  geroiffem  ©tun  bie 
gange  Vergangenheit  afficirt.  $nbem  nämlidj  ba§jenige  ntdjt 
erfolgt,  roa§  burdj  bh  ©efamnttfjett  ber  enbüdjien  Urfad^en 
bem  natürlichen  3u)ammenbange  gemäfj  erfolgt  fein  mürbe; 
fo  nrirb  eine  SSirtung  berbinbert,  unb  groar  nicbt  burcb  ben 
<$Hnftufj  anberer  auf  natürliche  SSeife  gegenmirfenber  unb 
<tudj  im  ^aturgufammenljang  gegebner  enbti$er  Urjacben, 
fonbern  oljneradjtet  alle  nrirffamen  Urfadjen  gur  §erbor* 
bringung  biefer  Sßirlung  gufammenftimmen.  OTeS  alfo,  roa§ 
t)on  je  5er  biegu  beitrug,  rotrb  genriffermafeen  oernicbtet,  unb 
^tatt  nur  ein  eingelneS  übernatürliches  mitten  in  ben  ÜJtatur^ 
äujammenljang  biueingufteEen ,  roie  man  e§  eigentlich  miH, 
tnufc  man  ben  ^Begriff  ber  9catur  gang  aufgeben.  2)ie  öofttioe 
<5eite  ift  nun  bie,  bafj  etma§  erfolgen  fott,  roa§  au§  ber  ($5e- 
jammtljeit  ber  enbücben  Urfacben  nidjt  gu  begreifen  ift.  5lber 
inbem  biefe§  nun  al§>  ein  roirffameS  ©lieb  mit  in  ben  ^atur^ 
^ufammenbang  eintritt,  fo  roirb  nun  in  alle  Bufttnft  alle§ 
tin  anbereS,  al§  roenn  biefeS  eingetne  SSunber  nicbt  ge* 
fcbeben  märe;  unb  iebe§  SBunber  Ijebt  nicbt  nur  ben  gangen 
3ufammenbang  ber  urfprünglicben  5lnorbnung  für  alle  Qu* 
fünft  auf,  fonbern  jebe§  füätere  Sßunber  aud)  alle  früheren, 
fofern  fie  fcbon  in  bie  SReibe  ber  nrirffamen  Urfadjen  ein- 
getreten  ftnb.  Um  nun  aber  bie  ©ntftebung  be§  (£rfotg§ 
gu  befdjreiben ,  mufj  man  eine  göttliche  (ginmirrung  obne  i 
Sftatur  urfacben1  eintreten  laffen.  3ln  meinem  $untt  man  aber 
xutcb  btefe  göttliche  2Bir!famteit  gu  ettotö  eingelnem,  bie 
immer  al§  etma§  magifdjeS  erfreuten  mute,  eintreten  laffen 
mitl :  fo  geigen  ftd)  bon  iebem  au§  eine  SOxenge  bon  WöqU& 
feiten,  roie  baffelbe  burd)  natürliche  Urfacben,  menn  fie  gettig 


1  £)ie  Formel,  ©ott  fei  babei  toirfiam  ofjne  an  3ttHfd)enurfad)en  ge* 
■Sunben  ju  fein,  ift  fdjon  beätjalb  mit  unferm  ©runbgefüljl  im  SBtberfprud), 
toeil  barin  ©ott  in  bem  getoöfjnltäjen  9taturlauf  al§  gebunben  bargefteOt 
lulrb.  S^Q^eim  aber  ift  btefe  Terminologie  felbft,  toeldje  bie  Sftaturs 
urf aalen  al§  Stoifd&enurfad^en  befd^reibt,  bon  bem  ©mnbfe^ler  angeftefft, 
bie  SCbfjängigfeit  beffen  toa§  gefd)ie^t  bon  ©Ott  al§  eine  ber  2lb^ängtgfeit 
bon  ben  einjelnen  enblia^en  Urfadjen  gleichartige  nnr  toeiter  rüfftoärtä 
liegenbe  au  benfen.  SBie  benn  in  ber  £fjat  ©torr,  wo  er  aeigen  toiff, 
toie  ©ott  lönne  unmittelbar  in  bie  SBelt  eintoirfen  unb  ben  Sftaturlauf 
-abänbern  o^ne  bie  Slaturgefeae  aufau^eoen  (®ogm.  ©.  336.) ,  üjn  nad)  Art 
einer  enblidjen  freien  tlrfad)e  borauftettcn  fdjeint. 


204  £er  cfiriftlicfie  glaube,  ßrflet  8$eil. 

barauf  eingerichtet  korben  mären,  Ijätte  bewirft  merben? 
fönneit  So  bafj  man  entmeber  auf  eine  blofj  epibetftifdje 
Senbenj  ber  SSunber  geführt  mirb,  um  berentmitten  ©Ott 
bcn  Üfaturäufammenfjang  abftc^tlicf)  nidjt  fo  angelegt  Ijabe, 
bafj  fein  ganzer  SSiffe  barau§  berüorgeljt,  mogegen  f$on  bie 
obige  (Erörterung  über  ba§  SBerbältnifj  ber  SlUma^t  §u 
biefem  begriff  be§  SBunberS  gerietet  ift;  ober  menn  bie 
©eiammtfjeit  ber  enblid)en  Urfadjen  nicljt  fonnte  fo  ein* 
gerichtet  merben,  fo  fann  audj  nie  ba§jenige,  ma§  au§  bent 
^catursufammenfjange  begriffen  merben  fott,  ba%  ®efüljl  ber 
fdjledjttnnigen  Stb^ängigfeit  be§  enblidjen  mit  !Recr)t  in  un§ 
erregen.  SSenn  nun  Rubere  biefelbe  SßorfteKung  bon  bert 
SBunbern  leidjter  feftäufteßen  glauben,  menn  fte  bie  göttliche 
9)citmirfung  bon  born  fjerein  einteilen  in  bie  orbentlidie 
unb  aufjerorb entließe,  toa§  ieboct)  nur  fdjjetnbar  bon  ber  un* 
georbneten  unterf  du*  eben  ift,  unb  bann  jene  ben  natürlichen, 
biefe  ben  übernatürlichen  SSirfungen  sutfjetten,  fo  bafj  bie 
negatibe  Seite  be§>  2Sunber§  ba§  Surüffsietjen  ber  orbentlidjen 
9Jtitmirfung  ift,1  bie  pofttibe  aber  ba$  (Eintreten  ber  aufjer- 
orb entließen:  fo  ift  auf  ber  einen  (Seite  bie  orbentlidje  WliU 
mirfung  bo<$  nidjt  metjr  bie  orbentlidje,  menn  fte  surüffgesogen 
merben  fann,  unb  bon  ber  aufjerorbentlidjen  gar  nidjt  meljr 
beftimmt  unterfdjieben,  fonbern  nur  bie  häufiger  borfontmenbe 
nennen  mir  bann  bie  orbentlicbe  unb  bie  feltene  bie  aufjer* 
crbentlictje,  ein  SBetfjättnife,  melc^e§  ftdj  eben  fo  gut  umfebren 
fann;  auf  ber  anbern  (Seite  mirb  bod)  ba$  SBunber,  menn 
oermittelft  einer  göttlichen  ÜJJcitmirfung ,  fei  fie  auet)  eine 
aufjerorb entließe,  äunädjft  burdj  enblictje  Urfadjen  oottbradjt, 
inbem  aber  etma§  burcij  fte  31t  Staube  fommt,  ma§  iljrer 
natürlichen  SBefdjaffenfjeit  nad)  nidjt  burdj  fte  su  Stanbe 
fommen  fonnte,  fo  finb  fte  entmeber  in  biefem  gatt  nidjt 
Urfadjen,  unb  bann  ift  ber  2ln§bruff  Söcithnrfung  unrichtig, 
ober  fte  merben  etma§  anbereS  als  fte  borljer  maren,  unb 
bann  ift  jebe  foldje  aufeerorbentlidje  Sftitnrirfung  eine  mabre 
Schöpfung,  auf  meiere  fjernad)  bie  SSieberfjerfteHung  be§ 
mtrffainen  3)tnge§  in  feinen  urfbrünglidjen  Staub  al3  eine 
abermalige,  bie  bortge  mieber  auffjebenbe,  Schöpfung  folgen 
mui  Uebrigen§  ift  nidjt  su  berfennen,  ba%  bon  biefen  ©r» 
f  Urningen   bie  eine  mefjr  auf  bie  eine,  bie  aubere  auf  eine 


1  Quenstedt  1.  c.      Deo    coneursum    suum   subtrahente    cessat 
creaturae  actio. 


2>er  ©laubenälefjre  erftcr  Sfjeil.  ©rfier  2t&id)mtt.  205 

anbete  klaffe  bibtücfyer  SBunber1  pafet,  unb  alfo  bte  ber* 
fdjiebene  S3efd)affenf)eit  biefer  (Sreigniffe  auf  bte  21u§bilbung 
biefer  oerfd)iebenen  gormein  bebeutenben  ©inftufj  gehabt  tjat. 
SSenn  alfo  audj  gu  btefer  SSorftellung  fidj»  nidjt  leicht  jemanb 
bef  ernten  mirb:  fo  mufj  man  mol  gefielen,  bafj  toenn  bte 
älteren  Geologen  biefe  SSorftellung  be§  SSunber§  im  (Jansen 
feft^alten,2  neuere  aber3  btefe  Sptmotfjefe  nidjt  augfdtfiefeenb 
metjr  geltenb  machen  motten,  fonbern  aud)  bte  sutäfjig  ftnben, 
bafj  ®ott  bte  SSunber  auf  eine  un§  unbegreiftidje  2lrt  in  ber 
Sftatur  felbft  Vorbereitet  gehabt:  fo  muffen  mir  bw$  audj  in 
fcem  gntereffe  btx  grömmigfett  al§  eine  reine  gort)$rettung 
auf  eben. 

3.  (3ona<$  fc&einen  au$  in  $8esug  auf  ba§  SSunberbare 
überhaupt  ba§  allgemeine  ^ntereffe  ber  28iffenf$aft,  nament* 
lid)  aber  baZ  ber  9?aturforfc£)ung ,  unb  baZ  Sfrtereffe  ber 
grömmigfeit  auf  bemfelben  $unft  sufammen  ju  treffen,  ba% 
mir  nämlicrj  bie  $orftettung  be§  fd)led)tl)tn  übernatürlichen, 
roeil  un§  boctj  in  feinem  einseinen  gälte  etma§  al§  fotctje§ 
erfennbar  märe,  unb  audj  nirgenb  eine  folctje  51ner!ennung 
t>on  un§  geforbert  mirb,  fahren  laffen,  unb  bemnääjft  tb>il§ 
im  allgemeinen  eingegeben,  bafj  meil  unfere  ®enntnifj  ber 
erfdjaffenen  9?atur  im  Serben  begriffen  ift,  mir  am  menigften 
ein  9£ecrjt  {jaben,  irgenb  etma§  für  unmöglich  ju  galten, 
ir)etl§  auclj  in§befonbere  zugeben,  bei  \a  bei  m eitern  bie  meiften 
neuteftamentifd^en  SSunber  auf  biefem  (bebtet  liegen,  ba% 
mir  audj  bie  (Trensen  für  ba§>  Secbielöerfjältntfj  be§  leib* 
liefen  unb  geiftigen  roeber  genau  bestimmen  nodj  aud)  nur 
behaupten  fönnen,  bafj  fie  überall  unb  immer  gan§  biefelben 
ftnb,  ol)ne(Srmeiterungen  erfahren  sulömten  ober  (Sd^manfungen 
au§gefe§t  §u  fein.  Sluf  biefe  Sßeife  bleibt  atte§,  audj  baä 
hmnberbarfte  ma§  gefrier)!  ober  gefdjeljen  ift,  eine  Aufgabe 
für  bie  roiffenfdiaftlicrje  gorfebung,  äugleicb,  aber  mo  baffetbe 


1  9ft  0  r  U  §  6efdjret6t  fte  a.  a.  D.  fo :  aut  enim  mentio  quidem  fit  ad- 
miniculi  naturalis;  aut  ne  fit  quidem  mentio  talis,  sed  praegresso 
Terbo  res  facta  est. 

2  Buddei  Thes.  de  atheism.  p.  291.  Operatio,  qua  revera  naturae 
leges,  quibus  totius  huius  universi  ordo  et  conservatio  innititur, 
suspenduntur.  Sißadj  Thomas  p.  I.  Cap.  CX.  Ex  hoc  aliquid  dicitur 
miraculum,  quod  sit  praeter  ordinem  totius  naturae  creatae. 

8  ©.  Rtintiaxb  ©ogmat.  <S.  238;  tote  benn  audj  fdjort  ber  o6en 
angeführte  2tu§bruff  consuetudo  naturae  in  btefer  £tnfiajt  toorfidjtig  ge* 
toä^lt  ift.  —  3n  bemfelben  (Sinne  aber  oberfIäa)tidj  betjanbelt  bie  ©acfje 
3Kom§  in  Commentar.  P.  I.  p.  97  sq. 


20ö  ©er  (&rtftltdje  ©taube.  grfterSfjeü. 

feiner  ^Ibämeffung  roegen  ober  fonfttoic  ba%  fromme  ®efüf>T 
aufregt,  finbet  ftd)  biefeS  burcb  bie  borgeftellte  äftöglicfjfeit 
einer  fünftigen  ©rfenntnifj  auf  feine  SSeife  beeinträchtigt. 
Bubem  entlebigen  mir  un§  gänslicb  ber  fcbroierigen  unb  böcbft 
bebenflicben  Aufgabe,  rooran  ftcf)  bie  ©ogmatif  fo  lange 
öergeblid)  abgemüht  Ijat,1  nämtidj  fictjere  tanaeicben  auf- 
äitfinben  §ur  Unter)  djeibung  ber  falfdjen  unb  teuf  Uferen 
SSunber  oon  ben  göttlichen  unb  mabren. 

§.  48.  Erregungen  l>e5  ©elbftberoufctfeinS ,  roelc^e 
fieben^^entmung  auäbrüffen,  ftnb  Doflfommen  tbtn  ja 
in  bie  f$le$tl)inige  2Ibpngtgfeit  oon  ©ott  ju  [teilen,, 
toie  btejenigen,  toelcfye  eine  £eben£förberung  auäbrüffen. 

1.  SDiefer  ©aj  l)at  e§  eigentlich  ju  tbun  mit  bem  ®egen^ 
faj  äroifcben  ^eiteren  unb  trüben  £eben£momenten,  er  folgt 
aber  fo  unmittelbar  au§  unferm  ^auptfas2  ober  oielmebr 
liegt  fd)on  fo  ganj  in  bemfelben  eingefcbloffen,  bafj  mir  gar 
feine  SSeranlaffung  gehabt  Sötten  ibn  al§  etma§  befonbere§ 
aufstellen,  menn  nidjt  bie  lange  ©rfaljrung  borbanben  märe, 
bafj  unboßfommene  grömmigfeit,  fei  e§  nun  meil  burdj  bie 
2eben§bemmungen  felbft  übermältigt  ober  meil  burdj  ffebtifebe 
unb  ungläubige  ©arfteüungen  oerroirrt,  e§  §u  allen  Reiten 
ferner  gefunben  Ijat,  ba$  Sßorbanbenfein  ber  trüberen  unb 
unglüfflieben  SebenSmomente  mit  bem  ($5otte§berouMem  su 
oeretnigen,  unb  bafj  begfyctö  faft  jebe  ^eligionSlebre  unb 
fo  aud?  oorsüglidj  bk  djriftlidje  ©laubenSIeljre  e§  fieb  gur 
befonbern  Aufgabe  macben  tnufete  biefe  $ereinbarfeit  bar= 
aufteilen,  meldje§  bann  geroöbnltdj  in  falfdjer  Sftacbgiebigfeit 
gegen  jene  unoottfommenen  ©emütb§erregungen  unter  ber 
gorm  gefebab,  ba$  böcbfte  SBefen  tijeilS  über  ba§  borbanben* 
fein  foleber  SebenSjuftänbe  su  redjtfertigen,  tbeil§  aueb  mol 
gar  eine  SBeränberung  be§  fctjlecrjtrjiriigen  2Ibböngigfeit§gefübl§ 
in  SBesie^unö  auf  biefelben  ausgeben.  ©3  gilt  alfo  bier  nur 
gegen  beibes?  jorool  gegen  ba$  berfälfebte  ®efübl  al§  gegen 
bie  meicblidje  unb  unflare  Söebanblung  beffelben  gu  broteftiren, 
bamit  bie  einfache  unb  ooßftänbige  5luffaffnng  be§  ®runb= 
gefübl§  niebt  ©efabr  laufe,  tarnen  nun  bie  getrübten  2eben§= 
suftänbe  menugleicb  bäufig  boeb  nur  öereinjelt  bor,  unb  fo 
bafj  man  einen  gufammenljang  berfelben  nietjt  Verfölgen  fönnte : 


1  Sgl.  Gerhard,  loc.  th.  loc.  XXIII.  §.271. 

2  §.  45. 


®cr  ©faußensieljre  erfter  3$etl.  (Srfter  Stöfdjnitt.  20T 

fo  mürben  fte  eine  folctje  Sßirfung  fcrjmerlidj  baben  fjerbor* 
Bringen  fömten;  fonbern  biefe  Sängt  baoon  ah,  ba§  e§  Su* 
fränbe  giebt,  melcbe  ein  an$altenbe§  ftdö  regelmäßig  erneuembe§ 
Söemußtfein  uon  2eben§bemmung  mit  ftct)  führen.  ©iefe  nun 
ftub  e§,  meldte  mir  burcl)  ben  5lu§bruff  Hebel  ju  beaeidjnert- 
Pflegen,  nnb  es  ftnb  alfo  alle  Uebel  im  ganzen  Umfange  be§ 
SBorteS  bon  melden  ju  behaupten  ift,  baß  fte  eben  fo  nrie 
ba§  trjrten  entgegengefeste  nämlich  bte  ©üter  ftcE»  §u  ber  aß* 
gemeinen  fctjtecrjtrjtritgen  Stbljängigfeit  bon  ©ort  behalten. 
Offenbar  aber  muffen  mir  unter  bit  Uebel  aud)  ba§  Sööfe 
mitrechnen,  benn  e§  jetgt  ftdj  überall  roo  e§  ift  al§  eine  un* 
erfct)öpflict)e  Duelle  bon  SebenS^emmungen;  nur  baß  mir  e§ 
t)ier  tttcrjt  §u  hdxafytm  baben  als  menfctjlidje  SJätigfeit 
fonbern  al§3uftanb.  ©aber  fo  mie  mir  weiter  unten  merben 
in  einer  anbern  $8etradj)tung§meife  ba$  Uebel  im  Bufammen* 
bange  mit  bem  SBöfen  %u  bet)anbeln  baben:  fo  ift  tjier  um* 
gefetjrt  ba§  SBöfe  mit  unter  ba$  Uebel  §u  rennen,  mobei  alfo 
bon  bem  etrjtfctjen  absufetjen  ift,  unb  e£  nur  als  ein  auf  ba% 
<SeI6ftberoußtfem  all  SebenSbemmung  einmirfenber  ßuftanb 
gegeben  erfdjeint,  fo  baß  nactjbem  MefeS  r)ier  auSgefbroccjen 
morben,  eS  andj  niccjt  meiter  abgefonbert  beraub  getjoben 
wirb,  ^nbeß  giebt  eS  eine  anbere  6intt)eiluug  beS  Uebel§„ 
meiere  mir  aber  aueb  nur  infofern  su  beruf  ffidjtigen  tjaben, 
bamit  fo  mie  mir  behaupten,  Uebel  unb  ®üter  feien  gleich 
fet)r  in  ber  allgemeinen  2lbt)ängigfeit  bon  ®ott  gegrünbet, 
fo  auet)  beutlict)  merbe,  baß  in  berfetben  &ittftdjt  sroifcljen 
biefen  beiben  5lrten  ober  klaffen  beS  UebelS  ebenfalls  fein 
Untertrieb  ftattfinbet.  ©ie  einen  ftnb  foldje  gnftänbe  in 
melcben  baS  menfdjlicrje  ©afein  tbeitmeife  aufgetjoben  wirb, 
unb  mir  nennen  fte  natürliche  Uebel;  bte  anbern,  meiere  mir 
gefeitige  nennen,  ftnb  foldje  guftänbe  in  melden  bit  menfd> 
lidje  £bätigfeit  im  (Streit  mit  anberer  trjeitmeife  überwunben 
mirb,  unb  unter  biefe  gebort  bann  boraüglicb  auetj  bk  @in=» 
mirfung  beS  Sööfett.  Offenbar  aber  führen  beibe  rttcfjt  nur 
einanber  gegenfeitig  berbei,  inbem  bei  berminbertem  ©afein 
audj  bit  Srjättßfeit  leidster  übermunben  mirb,  unb  übermunbene 
S^ätigfett  immer  berminbernb  auf  baS  gange  ©afein  §urüff* 
wirft;  fonbern  auä)  bem  begriff  nacr)  get)n  fte  in  einanber. 
über,  ba  boctj  baS  ©afein  beS  ^enfetjen  nur  ift  in  ber  (£5e* 
fammttjeit  feiner  £l)ätigfeiten  unb  umgefetjrt.  ©er  Unter* 
fd^teb  befteljt  batjer  borsügltcb  barin,  ba%  bie  einen  über« 
miegenb  bebingt  ftnb  bureb  bie  ®efammtbeit  ber  -ftaturfräfte,  bie 
anbern  buret)  ben  ®efammtsuftanb  ber  menfcblictjen  3:r)ätigfeitert. 


203  $er  djriftltdje  ©lau&e.  Grfter  3#eil. 

2.  Um  mm  untere  Aufgabe  in  bem  angegebenen  Umfange 
au  Iöfen  finb  mir  gar  nicbt  oerantafjt  un§  in  teleologifdje 
^Betrachtungen  zu  tiertiefen,  unb  über  bie  Uebel  l)tnau§  auf 
ba^jenige  §u  feljen,  ma§  etma  burd)  fie  betoirft  mtrb,  unb 
mooon  fieb  bod)  niemals  nadjnjetfen  läfjt,  bafj  e§  mdjt  au<$ 
auf  aubere  Sßeife  märe  ju  bemirfen  getoefen.  (Sben  fo  menig 
Jjaben  mir  Don  bem  begriff  ber  (Srbaltung  rüffmärtS  su  geben 
auf  ben  ber  ©crjöüfung  ober  bariiber  §inau§  um  etma  §u 
seigen,  ba%  Hebel  mären  unoermetblicf)  gemefen.  (Sonbern 
ganz  ftreng  in  unferm  Gebiet  bleibenb  jjaben  mir  nur  nad)* 
äumeifen  bie  gufammengeljörigfeit  beffen,  mag  einanber  ent= 
gegengefezt  erfd^eint,  unter  ber  allgemeinen  3lbljängtgfeit 
Riebet  nun  fommt  e§  für  beibe  5lrten  ber  Uebel  auf  ^meiertet 
an.  Buerft  auf  ba$  S5err)ältni^  be§>  mec^felnben  bergänglidjen 
gu  bem  Söeljarrlidjen  in  allem  enbltcben  ©ein.  $u  bem  Der* 
gänglidj)en  nun  geboren  audj  bie  (Sinäelmefen  in  ber  gorm 
einer  erft  bi§  su  einem  gemiffen  (Gipfel  fortfdjreitenben 
£eben§entmif!lung  bon  ba  au§  aber  bi§  zum  Xobe  fidj  att* 
mäblig  Oerringernben  Seben§t^ätig!eit.  2öie  nun  im  ®roften 
angefeljn  alle  SBerbältniffe,  meldte  jene  Gmtmifftung  bebingen, 
ba§>  SBehmfctiein  geförberten  ßeben§  erregen,  unb  umgefeljrt, 
ma§  auf  bie  2lnnäl>erung  an  ben  £ob  In'nmirft,  al§  &eben§~ 
Hemmung  aufgefaßt  mirb:  fo  giebt  e§  aud)  einen  zufälligen 
SBedjfel  stotfd^en  beibem  mäbrenb  be§  ganzen  SSerlaufg.  Offen* 
bar  ift  e§  auf  ber  einen  <5eite  ba§felbe  (^efanimtoerljältnifj 
be§  SJRenfrfien  zur  Sftatur  meld;e§  bie  görberungen  unb  melcbe§ 
bie  Hemmungen  bebingt,  fo  ba$  bie  (Sinen  niebt  fein  fönnen  obne 
bie  anbern.  (Sben  fo  ift  e§  auf  ber  anbern  (Seite  auf  bem 
gefetligen  (Gebiet,  mo  aud)  nict)t  eine  füätere  ©eftaltung  be§ 
gemeinfamen  ßeben§  §um  Söeifpiel  madjfen  unb  gebeüjen  fann, 
obne  baft  bie  frühere  äitrüffgebrängt  mürbe  unb  in  Verfall 
fäme,  fo  bafj  audj  ^ier,  ba  beibeS  ße&enSformen  finb, 
görberung  unb  Hemmung  be§  Seben§  burd)  einanber  bebingt 
finb.  ©a§  anbere,  morauf  e§  anfommt,  ift  baZ  SSerbättnifj 
be§  nur  beziel)ung§meifen  8ürftdjbefte§en§  unb  ber  ent= 
foredjjenben  gegenfeitigen  33ebingtt)eit  be§  enblidjen.  $)a  e3 
nämlidj  feine  fct)lecrjtt)intöe  Vereinzelung  gtebt  im  enbltdjen: 
fo  ift  jebe§  nur  in  fofern  für  fi$  beftebenb,  al§  anbereS  burd) 
baffelbe  bebingt  ift,  unb  jebe§  nur  fofern  buret)  anbere§  be= 
bingt  al§  e§  audj  für  fiel)  befielt.  9?un  aber  ift  ein  anbereä 
nur  bitrd)  mtdj  bebingt,  menn  e§  irgenbmie  geförbert  merben 
fann  nur  buref)  miel),  morin  aber  zugleid)  liegt,  ba$  idj  auc^ 
Semmenb  fein  fann;   unb   ba$  ganje  Verljältnifj  fommt  nur 


©er  ©lcw6en§Id)re  erfter  Sfjeü.  (gifter  2t6fdjnitt  209 

*um  Söenmfctfein,  fofem  htibz  ©lieber,  unb  atoar  unter  beiben 
gormen,  ber  be§  gürfic&gefestfeinS  unb  ber  be§  SSebingtfeinS 
burcb  Slnbere§,  sunt  SßetouMetn  fomrnen,  mithin  ftnb  bie 
Hemmungen  eben  fo  bon  ©ott  georbnet  als  bie  görberungen. 
2)iefeS  gilt  nun  auf  gleite  SSeife  für  baS  öerf önlidje  ©efuljl, 
tote  für  baS  3JUtgefüt)X  unb  ©emeingefübl.  Dbne  ein  fejjr 
meitgreifenbeS  Siücifeberftänbntfj  fann  alfo  Sftemanb  fStfjnuerig* 
feit  barin  ftnben,  au<$  baS  toaS  Üjm  als  ein  Hebel  erfctjeint, 
gleid^oiel  ob  als  eigenes  ober  frembeS  ober  gemetnfameS,  als 
in  golge  ber  fdjteäjtfnnigen  Slbbängigfeit  botfjanben,  mithin 
als  üon  ©ort  georbnet  su  feaen;  er  müfjte  benn  überhaupt 
nidjt  oergänglicbeS  unb  bebingteS  als  buräj  ©ort  feienb,  baS 
beifet  überhaupt  feine  SSelt  als  bon  ©ort  abhängig  btnten 
toollen  ober  tonnen,  unb  alfo  aucb  unfern  ^auptfas  felbft  in 
Slbrebe  fteEen.  —  SSie  nun  biefeS  äTcifjüerftänbrnfe  auf  ber 
einen  <&tite  barauf  beruht,  bafj  man  bk  Buftänbe  felbft  aufjer 
ibrer  natürlichen  Sßerbinbung  auffaßt:  fo  roirb  eS  aud>  ba* 
burd)  begünftigt,  bafc  man  ftdj  fälfd&ltdj  borfrellt,  bieienigen 
<£innnrfungen,  bon  melden  bauembe  ßebenSljenmtungen  aus- 
geben, toären  ein  befonberS  für  fidj  abgesoffenes  ®thitt,  fo 
bafj  fte  abgefonbert  unb  auSgef Rieben  toerben  tonnten,  fürs 
bafj  bk  Sßelt  fönnte  oljne  Uebel  fein.  (SS  berljält  ftcr)  aber 
bielmeljr  fo,  ba%  biefelbe  Sttjätigfeit  ober  5öefct)affenr)eit  eines 
3)ingeS,  moburdj  e§  auf  ber  einen  <5üte  als  ein  Uebel  in 
oaS  menfct)iicf)e  Seben  tritt,  auf  ber  anbem  <&tite  au<$  ©uteS 
benrirft,  fo  bafj  eS  audj  für  bk  SebenSförberongen  an  bem 
fehlen  mürbe,  tooburdj  fte  bebingt  finb,  toetut  man  baS  bin* 
toegfcbaffen  moHte,  toobon  bk  SebenSljemmungen  ausgeben. 
2)ieS  gilt  felbft  bom  SBöfen,  meldjeS  ja  nur  als  Uebel  mirft, 
fofern  eS  in  ber  äußeren  %$at  erfc&eint,  unb  §n>ar  gilt  e§ 
nicbt  nur  sufättig,  toeil  eS  balb  im  einseinen,  balb  als  grofjer 
geföicljtlic&er  &ebel  mobltbätig  nrirft,  fonbern  ganj  im  M? 
gemeinen,  inbem  eS  ja  nur  sur  Sljat  toixb  bermöge  ber  atteS 
<$5ute  behrirfenben  gäljigfeit  beS  SJcenfc&en  mit  feinem  Sinteren 
Ijerborsutreten.  SBeil  ftdj  aber  auf  ber  anbem  <5tite  eben  fo 
im  SlUgemeinen  behaupten  läfjt,  ba%  in  bem  allgemeinen  3u* 
fammenljange  aucb  baSjenige,  mooon  bk  meiften  SebenS* 
förbemngen  auSgebn,  ftcr)  bocb  nacb  irgenb  einer  <5titt  aucfj 
nrieber  als  Uebel  berljält,  burdj  eben  baS,  tooburdj  e§  auc^ 
bülfretc^  ift,  toie  benn  ba$  bon  allen  9caturfräften  unb  bon 
allen  gefeiligen  Sßerbältniffen,  bie  bon  ber  SnteHigens  auS* 
ge^n,  unb  nur  zttoa  bon  ber  Sutettigens  felbft  nicbt,  gefagt 
loerben  fann:  fo  $at  man  audj  boHfommne§  IRecrjt  in  einem 

©d&t.,C$riftt.&l.I.  14 


210  ©er  töriitlüöe  ©laubc.  grjter  £f)eil. 

•  anbern  (Sinne  ju  lagen,  bafj  ba§>  llebel  nidjt  für  ftct)  al§ 
foldjeä  oon  ©ott  georbnet  tfc  freit  nänilid)  ein  foldjeS  nirgenb 
abgefonbert  t»orf)anben  ift,  unb  baffetbe  aud)  t>on  ben  Gütern; 
fonbem  iebe§  ift  öon  ©ott  baju  georbnet,  bafj  e§  beibe§  [ei 
©arin  nun  liegt  für  unfer  (gebiet  borsügüd)  Mefe§,  bafj  e§ 
eine  Unt>oHfommenf)eit  be§  «SelbftbemufjtfcinS  ift,  fei  e§  nun 
be§  unmittelbaren  ober  be§  bie  Sbätigfctten  be§  objectiöen 
SBemufjtfeinS  begleitenben,  menn  eine  Hemmung  al§  foldje 
einen  Moment  oottfommen  unb  au§fcl)lief$enb  erfüllt,  unb  eben 
fo  eine  irrige  93etradj)rung§meife,  wenn  bie  Urfäcljtidjfeit  ju 
Hemmungen  al§  ba$  eigentliche  SBefen  irgenb  eines  in  ber 
äbtjängigfeit  öon  ©ort  befteljenben  ©egenftanbeS  gefest  mirb. 
Unb  audj  biefe  Unoottfommenljeit  ift  eine  mit  äuneljmenber 
©ntmifflung  be§  ©uten  oerfdjhnnbenbe,  aber  audj  mie  jebe§ 
Uebel  an  bem  ($5uten  felbft,  nämlidj  an  ber  (Smpfängltdjfett 
be§  finnlidjen  <Selbftbettmf3tfein§  überhaupt  für  bie  Bereinigung 
mit  bem  ©otteSbemufetfein. 

3.  S)ie  getr>öljnlid)en  bogmatifdjen  Söeftünmungen,  toeldjc 
biefen  ©egenftanb  in  ben  Dertern  oon  ber  ©rtjaltung  unb 
üDcitttrirfung  in§  Sictjt  fegen  f ollen,  fdjeinen  stuar  bie  nämliche 
Sluflöfung  au  beabftdjtigen,  aber  fie  nur  fefjr  unOoHfommen 
ju  erreichen.  SDcan  unterfdjeibet  nämlich  ju  biefem  SBefjuf 
tfjeitö  eine  Ijülfreidje  göttliche  3Jcitmirfung  ton  einer  nidjt 
tjütfreidjen,  tljett§  eine  nur  materielle  oon  einer  aud)  formellen. 
Urforünglid)  nun  fdjeinen  biefe  5lu§brüffe  oorsüglid)  auf  ben 
©egenfas  be§  ©uten  unb  Sßöfen  berechnet  ju  fein,  unb  au  bem 
legten  fei  bie  ^citmirfung  nid)t  rjülfreict)  ober  nur  materiell. 
Mein  abgefeljen  baoon,  bafj  S0ciÜr»irfung  uub  £>ülfe  un^ 
aertrennlidje  Sßorftellungen  finb,  unb  bei  einer  nidjt  Ijülfreid)en 
TOtnrirfung  nidjtS  beftimmteS  au  benfen  ift;  unb  bafj  tnenn 
SJcitnrirfung  auf  £tjätigfeit  get)t  e§  audj  feine  £ljättgteit  giebt 
otjne  gorm,  mithin  aud)  feine  ÜOcithrirfung  au  einer  £t)ätigs 
feit,  bie  nid)t  aucf)  mitnrirfte  auf  bereu  gorm,  fo  bafj  eine 
blofc  materielle  TOtmirfung  nid)t3  anberS  fein  mürbe  al§  eine 
©rtjaltüng  oljne  SDcitnrirfung,  moburdj  alfo  alle  fo  bezeichneten 
£[)ätigfeiten  au3  bem  9Serr)ältnife  ber  fd)ledjtljinigen  5lb~ 
Jjängigfeit  IjerauSgefeat  mürben.  $)atjer  nad)  beiben  gormein 
Sag  Sßöje  ftärfer  unb  mächtiger  erfc&eint  al§  ba§  ©ute,  roenn 
bodj  ba&  legiere  nur  burd)  bie  Jjülfreicfce  ober  mit  Zutritt  aud) 
ber  formellen  äRitmirfung  su  ©tanbe  fommt,  ba§  erfte  aber 
audj  olme  bie\e  —  abgelesen  fage  id)  l)ieroon  fann  an  biefem 
Ort  oon  bem  33öfen  oor  irgenb  einer  Zfyat  rein  innerlid)  al§ 
©efinnung  betrautet  nic^t  bie  Siebe  fein,  meil  eZ  fo  aucl)  baä 


©er  ©tauöenäteljre  erfter  £f)eii.  (Srfter  Sftfdjnitt.  211 

eigne  ©elbftbemuMein  nid)t  erregt,  biel  meniger  benn  ein. 
frembeS.  23etract)ten  mir  eS  aber  tr)attg,  fo  merben  bo<$  audj 
alle  böfe  £anblungen  ntc^t  nur  bermittelft  ber  natürlichen 
Gräfte  beS  Sftenfdjen,  fonbern  audj  eben  fo  auf  eine  iljnen 
angemeffene  Sßeife  mte  bie  guten  t>errid)tet,  fo  bafj  fein  ÖJrunb 
Bleibt  gu  einem  folgen  Untertrieb.  ®efeat  nun,  bafj  alle 
gefeiligen  Hebel  irgenbmie  mit  bem  Sööfen  auf ammentjingen : 
fo  mürbe  auf  biefe  jene  Unterfdjeibung  gar  nicfcjt  anmenbbar 
fein.  2öie  aber  auf  bie  natürlidjen?  ba  ia  serftörenbe  @r= 
eigniffe  gerabe  bie  ftärfften  Steuerungen  ber  Sftaturfräfte  finb, 
alfo  no$  meniger  o^ne  rjülfreicr;e  Sftitmirfung  erfolgen  fönnen 
al§  anbre,  unb  eben  fo  menig  als  irgenb  anbere  ofnte  formelle 
9Kitmirfung,  inbem  man  iljnen  eine  eigentümliche  gorm  nicrjt 
beilegen  fann.  (55er)t  alfo  gleich  bie  2lbfttf)t  bafjin,  ba%  fofern 
eine  9Jeitmirfung  angenommen  mirb  audj  baSUebel  foß  unter 
bie  9lbtjängigfeit  Oon  (Sott  geftettt  fein,  fofern  aber  bie  WiU 
mirfung  nid)t  Ijülfreictj  ift  ober  nur  materiell,  (Sott  mctjt  foH 
Urheber  fein:  fo  mirb  bodj  biefe  2lbfidjt  genau  genommen 
gar  nicfct  erreicht.  Sonad)  erf$eint  als  eine  richtigere  2luS~ 
fünft  bief  menn  man  fagt  atteS  mirflic&e  oljne  5luSnafjme  er- 
folge burdj  göttliche  9ftitmirtung,  unb  eine  Verringerung 
fönne  biefe  ntdjt  erleiben;  aber  alleS  Uebel,  baS  $8öfe  als 
foldjeS  mit  eingefcfytoffen  grünbe  fict)  in  einem  blofjen  Mangel, 
unb  auf  einen  folgen  als  ein  partielles  9^icf)tfein  fönne  eine 
göttliche  ÜDcitmirfung  ntd)t  geljn.  SSenn  nämlich  jebeS  enbtidje 
als  eine  (Sröfje  öon  (Sott  mit  feinem  Sftaafj  äugleidj  georbnet 
ift:  fo  ift  baburcf)  nidjt  gefegt,  ba%  eS  bie  aufjer  biefem  *>fflaa% 
liegenben  £f)ätigfeiten  ausübe,  oielmeljr  mürbe  §u  biefen  bie 
göttliche  SJcitmirfung  fehlen,  mithin  fann  eS  audj  nidjt  gegen 
äußere  ©inmirfungen  einen  über  biefeS  $Jlaa%  IjmauSgeljenben 
Sßiberftanb  leiften.  5lHein  bie  Hemmungen  entfielen  nidjt 
barauS,  bafj  ein  SBiberftanb  nidjt  geleiftet  merben  fann,  mosu 
bie  göttliche  TOtmirfung  feljlt,  fonbern  barauS,  bafj  eS  auf 
eine  feine  SSiberftanbSfäljigfeit  überfteigenbe  SSeife  an* 
gegriffen  mirb,  gu  meinem  Angriff  bodj  bie  göttltctje  fflliU 
mirfung  oorljanben  ift.  (SS  bleibt  alfo  nidjtS  übrig  als  auf 
ber  einen  <5eite  bie  göttliche  äRitnrirfnng  auf  alleS  maS  ftdj 
ereignet  gleichmäßig  §u  besieljn,  auf  ber  anbern  «Seite  §u  be= 
Raupten,  ba$  liebet  an  unb  für  fidEj  gar  ntdjt,  fonbern  nur 
als  sDcitbebingung  beS  (Suten  unb  in  Sßesiefcung  auf  baffelbe 
to'oh  (Sott  georbnet  finb. 


u* 


212  ®cr  djriftlidje  ©taube.  (Srftcr  X^eif. 

§.  49.  Ob  bctS  toajS  unfer  ©elbftbetüufetfein  erregt, 
mithin  auf  uns  emtmrft,  auf  irgenb  einen  £l)ett  beS  fo* 
genannten  ■ftaturmea^amStnuS  gurülf^ufü^renift,  ober  auf 
i)ie  £I)ätigfeit  freier  Urfadjen:  ba§>  eine  ift  oollfommen 
eben  fo  tote  ba<S  anbere  ocm  ©Ott  georbnet. 

1.  25er  <Saj  ift  an  unb  für  ftcb  nur  her  5luSbruff  her 
geroifj  allgemein  jugeftanbenen  S^atfacbe,  ba%  mir  unS  ntcbt 
minber  fdjtedjtfjin  abhängig  füllen  oon  ©ott,  roenn  unS  etroaS 
begegnet  Vermöge  ber  £>anbtungen  anberer  ÜDtafcben,  als  in 
allen  anbern  gätten.  dr  ift  alfo  ebenfalls  fcbon  öoUftänbig 
in  bem  ipauptfas  unfereS  SebrftüftS  enthalten,  unb  roirb  nur 
als  Erläuterung  befonberS  aufgehellt,  um  einem  nid)t  feitenen 
5DU§t>erftänbni^  ooräubeugen,  als  ob  nämltcb  baS  Söeroufctfein 
unfer  er  SßittenSf  reib  dt  im  Sßiberforucb  ftänbe  mit  bem  ©efübt 
ber  fdjtedjtbinigen  Slbbängigfeit  Unb  sroar  banbelt  eS  fii) 
sunäcbft  nur  um  bk  SBirfung  freier  £anblungen,  sunädjft  in 
bem  Seben  Ruberer  aber  bann  freilieb  audj  in  unferm  eigenen. 
Sft  nun  bie  greitjeit  nod)  fo  fetjr  in  ber  SötttenSbeftimmung 
unb  im  ©ntfcbtufj,  fo  nn'rb  bocb  bie  föanblung  immer  fcbon 
gleicb  ein  heraustreten  burdj  anbermärtS  ber  gegebenes  fo 
mitbeftimmt,  ba%  fie,  roaS  fie  roirb,  nur  als  bemfelben  a£t= 
gemeinen  gufammenbang  Qngebörig  roirb,  meiner  ber  eigent- 
lich untfjetlbare  ®egenftanb  beS  fcblecbtbüttgen  SlbbängigfeitS* 
gefübtS  ift;  unb  biefeS  mürbe  auf  bem  ganzen  gefdjicbtltcben 
<&tbkt  feine  Söebeutung  berlieren,  roenn  mir  oon  biefem  3u- 
fammenbange  bk  freien  Urfacben  auSgefcbloffen  benfen  toottten. 
SSielmebr  ift  bier  ber  Drt  baSjenige  in  feiner  trollen  (Geltung 
aufaufteilen,  roaS  borber  fcbon1  bierüber  mebr  gelegentlicb  ge* 
fagt  roorben  ift  Eben  beSbalb  aber  roeil  bie  freien  Urfacben 
ben  allgemeinen  3uf ammenbang  mitbüben,  muffen  mir  audj 
öon  bem  Moment  beS  föanbelnS  felbft  unb  bem  baffelbe  be* 
glettenben  ©elbftberoufjtfein  baS  nämlicbe  fagen  fönnen.  Unb 
in  biefem  (Sinn  ift  aucb  fcbon  in  ben  erften  Gcrflärungen  * 
über  baS  ÖJrunbgefübl  auSeinanbergefest  morben,  mie  baS 
beätebungSroeiftge  greibeitSgefübl  unb  baS  fcbtecbtbinige  2lb= 
bängigfeitSgefübt  in  unb  mit  einanber  finb,  fo  ba|  ba&  Ie^te 
obne  jenes  gar  nicbt  befteben  !önnte.  ®ebn  mir  nun,  roaS 
ben  Moment  beS&anbelnS  betrifft,  babon  auS,  bafejeber  anbere 
f reibanbelnbe  an  bemfelben  Drt  anberS  mürbe  gebanbelt  $ahen 

1  @.  §.4«,  l.  *  ©.§.4,3. 


©et  ©Iou&enSIefre  erjter  S$eü.  (Srfter  STbf^nitt.  213 

oI§  ber  ttrirfltd)  bort  befinblidje,  eben  fo  geroifj  al§  biefer  an 
einem  anbern  Dxt  anber§,  unb  tft  bodj  biefe§  an  ro  eifern  Dxt 
ieber  ift,  in  bent  allgemeinen  gufammenijang  gegrünbet:  fo 
fann  niemanb  beameifeln,  ba%  aucf)  bte  Söirfungen  ber  freien 
£anbhmgen  bermöge  ber  fdjledjitfjinigen  Slbljcmgigfeit  erfolgen, 
änb  ift  ferner  roa§  baZ  begleitenbe  ©elbftbemufjtfein  betrifft 
gemi§,  ba%  mir  be§  fcölec^t^irtigen  5lb5ängtgfeit§gefü^I§  nur 
al§  freie  felbfttljätige  fällig  finb,  unb  baburdj  au§gefagt  nrirb, 
ba%  mir  un§  unferer  greift  eit  al§  eine§  empfangenen  unb  im  l 
allgemeinen  gufammenljang  allmäljitg  entrotffeXtert  bemüht 
finb :  f o  mufj  audj  in  jebem  frommen  Moment  freier  <5elbft* 
t^ätigleit  ba$  (Selbftberoufstfein  au§  beibem  sufammengefest 
fein  bem  fdjledjtfjinigen  5lbfjängigfeit§gefüf)I  unb  bem  be* 
5ie5ung§meiftgen  greir)eit§gefür)L  —  2>er  2lu£bruff  „freie 
Urfacrjen"  in  unferm  <Sa§  mactjt  nun  offenbar  einen  Unter* 
fctjieb  snufc&en  gret&eit  unb  Urfäcrjlitftfeit  überhaupt,  unb  fe§t 
Urfadjen  borauS  meiere  nid)t  frei  finb.  Slber  Urfa^en  fotten 
fie  boä)  fein.  3fr  ber  gemölmlic&en  SSorfteHung  aber  bon 
bem  allgemeinen  üftaturmecrjanigmuS  giebt  e§  ftreng  genommen 
aufcer  ben  freien  Urfadjen  gar  feine  Urfädjlic&feit.  2)enn  man 
benft  fiel)  barunter  ein  gufammenfein  unb  9lufeinanbernrirfen 
ber  SDinge  al§  folcfcjer,  melcrje  nur  fofern  fie  felbft  betoegt 
merben  mieber  betoegen,  unb  bon  biefen  fatm  man  bann  jebe§ 
in  feiner  SSirffamfeit  nur  anfeftn  al§  einen  ©urdjganggpunft, 
|ö  ba§  Urfääjltdjfeit  nur  bem  aufcer  biefem  Gebiet  liegenben 
erften  betoegenben  aufommt;  ba§  Ijeifjt  bei  biefer  Sßorftetfung 
giebt  e§,  bh  freien  Urfactjen  aufgenommen,  im  enblictjen  gar 
feine  Urfä  erlief)  feit,  fonbern  aufjer  jenen  nur  bit  freie  unenb* 
licfte  Urfadje,  nämlidj  bte  göttlidje  Urfäd)lid)fett  meiere  bor* 
geftettt  nrirb  al§  burtf)  einen  erften  ©tofc  ieneg  gange  (&tbizt 
urforünglictj  in  Söeroegung  fejenb.  %a%t  man  nun  afle§  unter* 
georbnete  Seben  ba%  tljiertfc&e  unb  begetabilifdje  mit  in  biefen 
3Jce$ani§mu§  ein,  benn  bon  einem  allgemeinen  Seben  ber ' 
3Seltföxt>er  ift  hd  biefer  SBorfteHung  ofjnebie§  nid)t  bie  S^ebe: 
fo  finb  bann  bie  freien  Urfadjen,  für  un§  bie  ÜD?enfdjen,  bit 
cinsige  enblicfte  Urf äctjltccjfett ,  unb  e§  fer)Xt  um  bie  göttlidje 
ganj  allein  übrig  gu  laffen  nur  biefe§,  ma§  aber  nrie  bereits 
geaeigt  morben  mit  bem  fcrjledjtljinigen  $bftängigfeit§gefüljl 
äße  grömmigf  eit  bernidjten  mürbe,  ba%  nämltdj  bie  ÜDtenfdjen 
au$  ftd)  felbft  nur  al§  £ljeil  biefe§  üftaturmed)ani§mu§  an* 
jä'ben,  unb  ba§  SBemufjtfein  ber  ©elbfttfjätigfeit  nur  al§  einen- 
unbermeiblidjen  @(^ein  befjanbelten.  3um  ©lüff  aber  finb 
x>on  jetjer  nur  Wenige  biefer  felbftbernirfitenben  ©ntfagurtg 


214  Der  tfjriftltdje  ©laube.  Grfter  £fjeü. 

fäl)tg  gemefen,  nacbbem  fte  bie  übrige  SBelt  Qetöbtet  Ijaben, 
nun  audj  ftd)  felbft  ber  Sßottftänbigfeit  einer  folgen  2Sor- 
fteHung§meife  sunt  Dpfer  §u  bringen.  $)enn  ift  auf  biefe 
SCSetfe  alle  Urfä$licf)feit  be§  (Sublimen  in  (Schein  oermanbelt: 
fo  feljlt  e§  au<$  an  jebem  ®runbe  einzelnes  enbli^e§  ©ein 
al§  für  fidj  beftefjenb  anäufeljn,  alfo  an  einigen  fünften  in 
biefem  allgemeinen  Sßecfnel  Don  Söemegtmerben  unb  mieber 
bemegen  metjr  fter) en  ju  bleiben  al§  an  anbern,  fonbern  atte§ 
ift  entmeber  unheilbar  eines  ober  eine  unsäfjlige  ÜDZenge  oon 
öereinselten  2)ur$gang3punften  b.  f).  Sttomen.  Segen  mir  nun 
un§  fetbft  mit  ber  fdjtedji&migen  Hbljängigfeit  äitgletd)  freie 
Urfädjlidjfeit  hei,  allem  lebenben  aber  bod)  audj  eine  Urfäd5= 
licftfeit,  fo  gemi|  mir  e§  al§  ein  für  ftct)  befte§enbe§  lesen; 
unb  ift  gänsüdjier  Mangel  an  greitjett  nur  ba,  mo  ofme  ftd) 
§u  bemegen  nur  iebtä  fofern  e§  bemegt  mirb,  meiter  bemegt: 
fo  merben  mir  bie  Urfäc&tid^'eit  be§  Sebenbigen  nur  al§  eine 
fcerminberte  greifjeit  anfe^n  tonnen,  unb  merben  fagen  muffen, 
mafjre  Urfädjlidjfeit  fei  nur  ba  mo  Seben  fei,  ber  gänslictje 
,  Mangel  an  greifjeit  fei  aber  aud)  ein  gematteter  Mangel  an 
iUrfftdjli<$fett,  inbem  ber  gmpnß,  ber  ba§  tobte  in  Setuegung 
fest  bamit  e§  meiter  bemege,  immer  oon  bem  lebenben  au§= 
gelje.  SDarum  nun  bebient  fidj  ber  <Saj  be§  5lu§brutt'§  9catur= 
med)ani§mu§  audj  nid)t  al§  feine§  eigenen,  meil  mir  nur  mit 
Unrecht  irgenb  etma§  ma§  unfer  ©elbftbemufctfeiit  erregt  unb 
alfo  auf  un§  einmtrft,  auf  ba§>  blofc  med)anifd)e,  b.  Ij.  al3 
S)ur$gang§punft  mirffame,  aurüfffü^ren.  28  ie  meit  aber  ba$ 
Gebiet  ber  magren  Urfädjlidjfeit  unb  alfo  be§  Seben§  ftct)  er- 
ftrefte,  unb  mie  für  jeben  gatt  bie  maljre  Urfadje  aufeufmben 
fei,  biefe  Unterfuc^ungen  finb  unferm  Gebiete  fremb.  Unfer 
(Setbftbemufjtfein  aber,  fo  fern  e§  ba$  be§  enblidjen  ©ein§ 
ift,  unb  mir  in  bemfelben  unterfei)  eiben  t^eilmeifige§  greüjett§* 
unb  t^ciltoctftgeS  rö&ängigfeit§gefiHjt  al§  sufammengeljörig 
r>on  fdjledjtijtntgem  SlbfjängigfeitSgefüljl  al§  beibe  unter  ftd) 
begreif enb,  forbert  für  iebe  Erregung  eine  enbtidje  Urfäd&ltdj* 
feit  in  bem  <&ehkt  be§  allgemeinen  9catursufammenf)ange3, 
meiere  al§  ein  Gsrgebnifj  Oon  biefem  mit  in  bk  fdjlect)tlnntge 
Stbbängigfeit  aufgenommen  mirb.  2)enn  ba§>  ®efüfjl  Oon  btefer 
mürbe  nidjt  ftd)  felbft  gleich  fein,  menn  e§  ein  (Gebiet  amar 
gäbe,  ncimlidj  ba$  ber  natürlichen  Urfadjen,  morin  enbfidje 
unb  göttliche  Urfäctj(icr)feit  gufnmmenträfen,  baneben  aber  smei 
anbere,  auf  ber  einen  (Seite  ba$  ber  medjanifdjen  ober  Oiel- 
mcljr  fcfyeinbaren  Urfacben,  mo  nur  göttliche  Urfödiüdjf eit 
mattete,    enMtdc   aber  feblte,   auf  ber  anbern  aber  ba$  ber 


©er  ©Iau&enSIefre  erfter  S$eil.  (£r|ter3töfänttt.  215 

freien  Urfadjen,  roo  nur  enbtic^e  Urfäcblidjfeit  mattete,  bie 
«göttltdje  aber  fehlte.  2)amit  bangt  aber  freiließ  aufammen, 
bafj  nrir  in  Söeaug  auf  bie  fcblecbtbütige  Slbbängtgrett  tu  bent 
enblicben  ©ein  leinen  ftrengen  ®egen|aa  annehmen  atoifc&en 
greibett  unb  ^aturnotbmenbigfett,  inbem  ma§  nur  nrirflicb 
ein  für  ftd)  befteljenbe§  rft,  menn  e§  auef)  am  geiftigen  Seben 
feinen  £beil  Ijat,  bodj  in  irgenb  einem  (Sinne  ftdj  felbft  be* 
roegt,  audj  in  ben  freieften  Urfacben  aber  tbr  9ttaa|  Oon  ®ott 
ßeorbnet  ift. 

2.  ©ben  biefeS  roirb  nun  in  ber  Jjerrfdjenben  bogmatif^en 
©pradje  tbeil§  bureb  ben  begriff  ber  ©rbaltung,  tbeil§  burdj 
ben  ber  SDfttnrirfung  au§gebrüfft.  3)ie  getoöbnlicbfte  gormel 
ber  erften  2lrt  ift  bie,  (Sott  erhalte  ein  iebe§  3)ing  mie  e§  ift, 
alfo  aueb  bie  freien  Urjadjen  als  jotebe.  ^n  biefer  tonnen 
mir  aüe§  ermittelte  hrieberfmben,  bafj  itämlidj  unbefebabet  ber 
bureb  ben  3lu§bmff  ©rbaltung  beaeidmeten  fct)le<$tbimgen  5lb* 
bängigfett  bie  ^ätigteiten  ber  freien  SSefen  boeb  Oon  innen 
beftimmte  ftnb.  gür  fi<$  allein  betradjtet  aber  bürfte  biefe 
gormel  boeb  Oon  bem  £abel  betroffen  raerben,  bafj  fie  auf 
oberflächliche  SBeife  bk  eigentliche  (Sdjtoierigfeit  mebr  §u  ber* 
betten  febeint  al§  nrirftid)  aufaulöfen.  —  2luf  äljnüdje  Sßetfe 
unterf Reibet  man  in  bem  begriff  ber  SDUtnrirfung  eine  WfliU 
ioirfung  nacb  5lrt  ber  freien  Urfadjen,  unb  eine  anbere  nad) 
Slrt  ber  natürltcben.1  SlHein  biefer  2tu§bruft  bebarf  roenig* 
ften§  großer  Sßorftdjt  in  ber  SBebanblung ,  tuenn  niebt  baburdj 
bie  Differenzen  be§  enblicben  <Sein§  in  ba§  böcbfte  SSefen 
felbft  bineinüerje§t  werben  fotfen,  fo  bafj  (SJott  felbft  al§  ber 
Inbegriff  berfelben  erfebeint,  meldjeS  Oon  ber  pantijeiftifcbett 
finftebt  fdjmer  möchte  unterfdjteben  roerben  tonnen.  Sie 
Meinung  tarnt  aber  nur  fein,  bafj  ®ott  mitmirft  in  jebem 
gatfe  su  SUjätigfeiten,  bie  ber  9?atur  be§  urfädjlicben  2)tnge§ 
gemäfj  ftnb,  jeboeb  immer  nur  nacb  feiner  eigenen,  Oon  iebet 
bie  in  bem  (bebtet  ber  äöecbfelmirfung  liegt  gänjlic^  öer* 
fc&iebenen,  Urfäcbticbf  eit. 

Bufas  §u  biefem  Sefjrftüff.  Die  ©äae,  oon  melden 
äugegeben  toorben,  bafj  fie  eigentlich  fc&on  in  ben  £au{>t!aa 
t>e§  Se^rftüffS  enthalten  finb,  bodj  befonber§  aufauftetfen, 
mar  au§  am  ei  Urfacben  ratbfam.  Buerft  meil  über  biefe 
(gegenftänbe  gar  tetebt  Söeftimmungen  aufgeteilt  toerben, 
toetebe  ba&  riebtige  SBertjälrntfe  annfdjen  ©cböpfung  unb  (5r* 
baltung  trüben.    S)ie§  gefeftietjt  bei  bem  SSunberbaren,  menn 


1  Conctirsus  ad  modum  causae  liberae  unb  ad  modum  causae  naturalis. 


216  »er  c&riftlttfe  QHaube.  erfterSfcll. 

man  e§  al§  rein  übernatürlich  auffteHt,  inbem  auf  bieje  28eife 
eine  9?ad)fd)  öbfung  entfteljt,  mefdje  bk  ©rbattung  tc)eilroetfe 
aufbebt  unb  alfo  mit  üjr  im  Sßiberftmtdj  ftefjt.  ©affelbe  ge* 
fcbtebt,  menn  man  MeUebel  roentger  bon  ®ott  georbnet  benft 
ol§  anbereS,  meil  er  \a  bann  bon  bem  ötetct)  fefjr  gefdjaffenen 
einiget  mefjr  im  ©tief)  läfct  als  anbere§.  @8  gefcrjter3t  enblicb, 
menn  man  bk  freien  Urfatfjen  fo  fefjr  ben  natürlichen  ent* 
gegenfest,  bafc  iene  in  ijjrer  SBirlfamfeit  meniger  bon  (Sott. 
abhängig  erlernen.  2)enn  fte  Ijaben  bann  tfcre  Sötrffamfeit 
jum  £beil  anberroärtS  ber,  ba  fte  bodj  it)r  ©afein  eben  fo 
bon  <3ott  ber  Ijaben,  mithin  ift  aud)  Ijier  eine  Ungleichheit 
jmifc^en  (Schöpfung  unb  Haltung  gefegt.  —  3meiten§  aber 
toar  fjier  boraügtitf)  nötfjtg ,  bie  Bufammenftimmung  m  seigen 
jhrifc&en  bem  Sntereffe  ber  grömmtgfeit  unb  bem  rotffenfdjaft* 
liefen  auf  ber  einen  bem  ftttlidjen  auf  ber  anbern  (Seite.. 
2)a§  ftttlicbe  nömlicb  mufj  immer  gefäbrbet  fein  ober  feiner* 
feit§  ba§  fromme  gefäljrben,  roenn  bie  fcrjIecrjtrjirttQe  21bljängig* 
feit  fo  gefafjt  nrirb,  ba%  bie  freie  (Selbftbefttmmung  babei 
■  niebt  befteben  !ann  unb  umgefeljrt.  S)a§  hriffenfäaftlidje  aber 
ift  ein  ahriefadjeS,  ba§  ber  9caturforfd»ung  unb  baä  ber  ®e* 
f$id)te.  $)ie  erftere  bon  btefen  finbet  fte!)  burd)  bie  ShmaÜme 
I  be§  fd)Iecrjtr)m  übernatürlichen  Imitten  im  9?aturberlauf  fo  be* 
iengt,  ba%  'ixt  baburd)  auf  nichts  aurüff  geführt  merben  ?ann. 
2)ie  lestere  $at  e§  boraüglid)  mit  bem  ©egenfaa  atotfdjen 
Eutern  unb  Hebel  ju  tbun,  unb  mufc  bei  ber  21rt,  nrie  ftdj 
beibe  ineinanber  berfdjlungen  geigen,  notfjroenbtg  fatatifttfdt) 
merben,  b.§.  bie  $8eaie§ung  auf  bie  %bee  be§®uten  aufgeben, 
menn  \>a$  Üebel  gar  nid)t  ober  aud)  nur  minber  foHte  bon 
©ott  georbnet  fein  al§  fein  ©egentbeil.  S^ren  rein  bogma* 
tifc&en  Ö5er)alt  aber,  unb  bafc  fte  oljnerad)tet  biefer  33e* 
jiefjungen  feine§mege§  in  ba§  foeculatibe  Ijinüberfpielen,  be* 
mähren  unsere  ©äje  boraüglicG  eben  baburd),  ba%  fie  ganj 
in  bem  £aubtfaa  enthalten  ftnb.  35r  gemeinfd)aftltd)e§  $er* 
bältnifj  au  bemfelben,  tt>e(d)e§  rticr)t  überaß  cjleicr)  ftarf  ya. 
Sage  liegt,  ift  übrigens  MejeS,  ba§  ieber  in  feinem  ®tbkt 
ein  ©rö£te§  unb  ein  ®leinfte§  aufftetlt,  unb  nad>meifenb,  bafj 
ba§  2lbbängigfeit§gefüf)l  ftdj  für  beibe  ©nbbunfte  gleich  ber* 
Itfit,  biefe  ©leicbfesung  nun  al§  bie  Siegel  für  ben  religiöfen 
5lu§bruff  feftftettt.  ®er  ©egenma  stüifd)eu  bem  gemöbntteben 
unb  bem  munberbaren  Qer)t  jurülf  auf  ba§  ©rö^te  unb 
Äleinfte  be§  9^aturfreife§,  au§  bem  ba$  eine  unb  i*a$  anbere 
in  erllären  ift;  ber  ©egenfaj  ärotföen  gut  unb  übel  auf  bn§ 
©röfete  unb  '^leinfte  in  ber  Bufammenftimmung  ber  attge= 


$er  ©lauöenSIefjre  elfter  Sfjeü.  (grfter  2tf>jd)mtt.  217" 

meinen  SSedjfelnnrtung  §u  bent  gürfttf)befteben  be3  einzelnen; 
ber  (Segenfas  ännfdjen  greüjeit  unb  9Kedjani§mu§  auf  ba$ 
(Profite  unb  0etnfte  be§  inbtütbualiftrten  £eben§.  (£§  mar 
bafjer  gu  zeigen,  bafe  roenn  auf  irgenb  einem  biefer  fünfte 
bit  <$Ietdjfesung  aufgehoben  mürbe,  al§bann  audj  ber  SfravipU 
faj  be§  SeMtüffe§  felbft,  unb  meber  ba$  bebingte  TOfjängig* 
feitSgefüijt  nodj  ba§  bebingte  greif)  eit§gefitfjl  bann  iemal§  mit 
bem  fdjlec&tljtmgen  5lb^ängtg!ett§gefü^l  sufammentreffen  lönnte. 
Rubere  fdjmierige  gälte  aufeer  biefen  werben  ni<i)t  nad)5U* 
weifen  fein. 


gtoeiter  2lbfd)nttt. 

$8on  ben  göttlichen  Gsigenfdjaften,  toeldje  ftd)  auf 

ba£  fromme  ©elbftbetoufetfem,  fofern  e£  ba£  allgemeine 

$3erljältntj$   jtoif^cn    (Sott  unb    ber  SBeft  auSbrüfft, 

begießen. 

§.  50.  Sitte  ©igenfcfyaften ,  meiere  hrir  ©Ott  betlegen, 
follen  ni$t  ettoaS  befonbere<8  in  (Sott  begetdjnen,  fonbern 
nur  ettoaS  befonbereS  in  ber  2lrt,  ba£  fdjledjtfyintge  2lb^ 
§ängtgfeit§gefü§l  auf  ifyn  §u  bejie^ett. 

l.  Sßemt  ba§  bier  besetebnete  fdjlecbtbtnige  3lbbängigfett§= 
aefü^l  feinen  entfüreebenben  5lu§bruff  fdjon  in  ben  Sebrftüffen 
be§  oortgen  5Ibfcbnitte§  finbet:  fo  fönnen  mir  audj  nidjt 
glauben,  ba%  bie  £beorie  ber  göttlichen  ©tgenfebaften  ur* 
fprünglicb  bon  bem  bogtnatifeben  ^ntereffe  ausgegangen  ift 
SSon  ber  ©peculation  aber  lebrt  bie  (Sefdjicbte,  bafj  feitbem 
fte  ftdj  ba$  göttlicbe  Sßefen  gum  (Segenftanbe  gemalt1  fte 
gegen  atte§  in§  einzelne  gebenbe  Söefcbreiben  beffelben  (Sin* 
fprudj  eingelegt  unb  ftdj  nur  baran  gehalten  §at,  (Sott  al§ 
baä  utfarünglid)  ©eienbe  unb  ba&  abfolut  ®ute  ju  beseiebnen, 
unb  jtt>ar  fo,  bafj  aueb  in  biefen  SßorfteUungen ,  beren  erfte 
nur  bierber  geboren  mürbe,  ba&  inabäquate,  fofern  nodj  irgenb 


1  $a  natürlich  Ijler  nur  bon  c^rifttid^er  bie  Siebe  fein  lann:  fo  retdje 
e8  Ijin  JU  bertoeifen  auf  Dionys.  Areop.  de  myst.  theol.  c%4.  u.  5- 
Aeyofxev  ouv  ei?  r\  tcocvtiov  ahla  xa)  \>Tzkp  7cavra  ouaa  oute  avouaio? 
i?tv  oute  a&oos  .  .  .  oute  7CotoT7)Ta,  7]  7woa6T7]Ta  7]  oyy.ov  e'^ec  .... 

OUTE  ^X.7)  ^tV  0^T£  V0U^  •  •  •  0U^  ^0Y05  £?\v,  OUTE  V07](Jt?  .  .  .  OUTE 
X,T]    OUTE    £ü)7]    I?IV  .  .  .   OUOS    Tt    TWV    OUX    OVTIOV  ,    OUOS    Tl    T(OV    OVTIOV    E^CV, 

unb  auf  Augustin.  de  Trin.  V,  1.  ut  sie  intelligamus  Deum,  si 
possumus,  quantum  possumus  sine  qualitate  bonum  sine  quantitate 
magnum ,  sine  indigentia  creatorem  sine  situ  praesidentem  sine 
habitu  omnia  continentem  sine  loco  ubique  totum  sine  tempore 
sempiternum ,  sine  ulla  sui  inutatione  mutabilia  facientem.  Unb 
Hilar.  de  Trin.  11,7.  Perfecta  scientia  est  sie  Deum  scire,  ut 
licet  non  ignorabilem  tarnen  inenarrabilem  scias.  Sßgl.  Anselm. 
Proslog.  c.  18.  u.  22. 


©er  ®lau6ett§lel)re  elfter  Sfjert.  ^toeiter  Stöfdjititt.  219 


*üüa§  bom  (Segenfaj  ober  bon  anbetet  Analogie  mit  bem 
enblic&en  batin  mttgefest  mäxe,  Wuftg  ift  anetfannt  moxben. 
£)iefe  33ef)anbtung§meife   bexbanft  babex  ifjxen  Uxföxung  £u= 
ttädtft  ben  SSetlen  bet  xeligiöfen  SDidjtmtß,  botaügticf)  ben 
ijtimnifcfcen  unb  anbextoeitig  iötifc^en,  bann  abex  aud)  bem 
jwar  funftlofexen  im  mefentiic^en  abex  bo<$  mit  ienem  ganj 
äufammenfttmmenben  S3exfaf)xen  im  gemeinen  ßeben,  K>eldj)e§ 
bte  einfa^e  Söotfteuung  be§  böc&ften  3Sefen§  babuxd)  m  *>e* 
leben  unb  ju  befeftigen  fuc&t,  ba£  in  2lu§bxü«en,  beten  mtt 
un§  au<$  beim  enbltc&en  bebienen,  babon  getjanbett  mexbe. 
18eibe§  gefjt  bon  bem  Sntexeffe  bet  ftxömmigfeit  au§,  unb 
feat  tocit  meljx  bie  2lbftd)t,  ben  unmittelbaxen  (SinbtuÜin 
feinen   fcexfd)iebenen   ©eftaltungen    miebetjugeben    al§    eine 
^tfenntnii  §u  begtünben.    SDatum  mutbe  e§  nun  fdjon  bon 
Anfang  an,  weil  nämiid)  beibe§  nod)  au§  bem  8ubentf)um 
übetfommen  max,  bie  ©aä)e  bet  djriftfo&ett  ®tauben31eljxe, 
biefe  $oxfteflungen  §u  xegeln,  fo  ba§  ba§  menfäenäSitltdje, 
mel^e§  fi<$  mebx  obet  meniget  in  allen  ftnbet,  unb  ba§  Tum* 
iidbe,  ba§  fo  mannen  beigemiftf)t  ift,  mögtidrft  unfcf)äbltd)  ge== 
ma&t  ttexbe,  unb  nidjt  ein  fRiif f f c^ ritt  gegen  bie  SStelgottetet 
bin  batauS  entfiele.  Sind)  baZ  fcfcolaftifdjeBeitaltet  fiat  fcertn 
totel  tieffinmge§  unb  5crrli«c8  geleiftet.    9US  abet  Scrna« 
bie  2Jteta$tftt  füt  ftdj  allein  unb  abgefonbett  bon  ber  *rtfe 
liefen ©taubenSieljxe  bet  Statur  bet  ©atfje  gemäfs,  bebanbeit 
ttmxbe,  übexfal)  man  lange  Seit,  nüe  e§  bei  folgen  S6 «lungert 
gax  Ietc&t  5U  ge^en  pflegt,  bafc  biefe  üßoxftellungen  göttitctiex 
(gtöenfäaften  nid)t  ölnlofopljt|d)en  fonbetn  xeligtofen  Uxföxungg 
ftnb,  unb  naljm  fie  mit  in  biejenige  pr)üofopt)iTc^e  ©ifctplm 
Einübet,  bie  man  mit  bem  tarnen  bex  natüxli^enj^eologte 
beaeidjnete.     ©ort   abet  mußten,  ie  meljx   bk  SStfienfc&aft 
einen   äd&t    fbecutatiben    ßfjaxaftex    entmiffelte,    btefe   mdjt 
auf  füecutatibem  Sßoben  entftanbenen  $oxfteuungen  um  befto  i 
me^x  nux  Iritifdj  unb  ffeptifä  be^anbett  metben,  wogegen  bte; 
2)ogmatif  fie  mebt  unb  mef)x  mu£te  ju  fttftemattftten  fudien, 
itid)t,  wenn  fie  ftd)  redjt  betftanb,  um  m  bem  Setou^tfetn ju 
fommen,  bafe  batin  bie  ©ttenntnife  (^otteS  botfftänbtg  gegeben 
fei,  fonbexn  nux  m  bem,  ba%  ba§  un§  euuuofotenbe  ©otteS* 
betoufetfein  nac^  allen  ben  SSetfdjieben^eiten,  mte  e§  ft*  auf 
SSetanlaffung  bexfc^iebenattiget  2eben§momente  tealifttt,  bann 
befafjt  fei.    Sßeit  abet  bie  Stennung  nic^t  öotCftänbig  unb 
ba$  SSetfe^t  ätoif^en  beiben  ©ifctpünen  immet  lebfjaft  unb 
mannigfaltig  toax,  fo  ift  foxttoätjxenb  fotnol  in  bex  ^tlofo^tf^en 
^ebanblung  biele§  geblieben,    ma§  nux  in  bie  bogmattf^e 


220  $er  cörijtlidje  ©taube,  (grfter  Sfatl. 

gel)  ort  Ijatte  aI3  aud)  umgetefjrt.  £)a£>er  ift  immer  nocfy 
nötbig,  ju  bebormorten,  bafj  ofme  fpeculatibe  5lnfprü<$e  jit 
machen,  aber  aud)  oljne  fpeculatibe  JpülfSmittel  in&nmenbunft 
ju  bringen,  mir  un§  ganj  innerhalb  ber  (SJrenäen  be3  reiu 
bogmatifd)en  S3erfab,ren§  galten,  fomol  ma§  ben  ®e§alt  ber 
einselnen  Söeftimmungen  al§  ma§  bie  9Jcetljobe  betrifft. 

2.  ©ben  in  biefer  Söesieljung  längnet  nun  unfer  (Saj  im 
allgemeinen  ben  fbeculatiöen  ®efjalt  alter  in  ber  djriftlidjeu 
©laubenSletjre  aufeuftettenben  göttlichen  ©igenf haften,  fdjon 
um  beSmiHen  unb  fofern  al§  fte  mehrere  ftnb.  S)enn  fottten 
fie  al§  folcfje  eine  (jrfenntnife  be§  göttlichen  SSefenS  barftetfen, 
fo  müfjte  jebe  bon  itmen  ettvaZ  in  ©oit  auSbrüffen,  ma§  bie 
anbere  nid)t  auSbrüfft,  unb  märe  bann  bie  ©rfenntnifj  bem 
©egenftanb  angemeffen,  fo  müfjte  biefer  roie  bie  Gsrtenntnife 
eine  äufammengefeste  märe,  aud)  ein  aufammengef  eater x  fein. 
Sa  m°nn  aud)  btefe  ©igenfdjaften  nur  $ert)ältniffe  beffelben 
jirr  33elt  au§fagen,  müfjte  bod)  ©ott  felbft  mie  ba$  enblidje- 
Seben  nur  in  einer  SDcannigfattigfeit  oon  Functionen  begriffen 
merben;  unb  ba  biefe  at§  oon  einanber  öerfdüebene  audj  be* 
gteftungSmeife  einanber  entgegengefest  jein  unb  menigftenä 
tfjeilmeife  einanber  auSfcfyliefjen  muffen,  fo  mürbe  baburd)- 
©ott  ebenfalls  in  ba$  (gebiet  beS  ©egenfaseS  geftedt.  So- 
rocnig  nun  btejeS  ben  gorberungen  ber  fpeculatiben  Sßernuuft* 
tf)ätigfeit  entfpric^t,  fo  bafj  fo  gefafjte  ^öeftimmungen  auc^ 
nicfjt  für  fpeculatibe  SluSfagen  gelten  tonnen;  eben  fo  menig 
mürbe  ba$  ^ntereffe  ber  grömmigfeit  befriebigt,  menn  man 
bie  bogmatifc^en  Sßeftimmungen  fo  öerftef)en  mottle.  ®enn 
aud)  ba$  fci)Iecr)tr)irtiöe  &bljä'ngigtett§gefübi  tonnte  nictjt  an 
unb  für  fid)  betrachtet  unb  fid)  felbft  immer  unb  überall  gleich 
fein,  menn  in  ©Ott  felbft  bifferenteS  gefegt  märe;  e3  müfjte 
bann  Sßerfdjieb enteilen  barin  geben,  bie  iljren  ©runb  nidjt  in 
ber  SSerfctjtebentjeit  ber  SebenSmomente  hätten,  burd)  bie  e& 
im  ©emütt)  §ur  (£rfd)etnung  fommt.  ^nbem  mir  alfo  biefen 
Seftimmungen  nur  bie  in  unferm  <Sas  auggefprodjene  5öe* 
beutung  beilegen:  fo  bleibt  babuxä)  äugleid)  jebem  freigeftettt, 


1  Mosbeim  Theol.  dogm.  I.  p.  232.  Si  essentia  Dei  vere 
differret  ab  attributis,  et  si  attributa  realiter  inter  se  differrent, 
Deus  esset  natura  composita.  2ftand)e  £f)eologen  jtretfen  inbejj  fetjr 
itaije  baran,  foltfje  2)ijferenaen  in  ©Ott  ausgeben,  3. 33.  Ende  mann 
Institt.  p.  51,  iüeldjer  unterfdjeibet ,  ea  attributa  sine  quibus  Deus 
nequit  esse  Deus  unb  determinationes  internas  Dei,  quae  salva  eius 
essentia  et  actualitate  abesse  possunt ,  bie  er  bafjer  aud)  aualoga 
accidentium  nennt. 


S)er  ©laubenälrfjre  erftcr  £$eü.  3rceiter  Sttfdjmtt.  221 


ambefcbabet  [einer  Buftimmung  äur  djrifilic^eri  (SlaubenSteljre, 
jtcb  iebet  gorm  ber  ©pecutation  ansufcbliefeen,  melcbe  nur 
■einen  ®egenftanb  suläfst,  auf  melden  ftcb  baS  fdjledjtljinige 
lÄbbängigfeitSgefübl  begeben  fann. 

3.  2BaS  aber  bie  SRetrjobe  betrifft,  fo  finbet  man  tn  bet 
bisherigen  Söe^anblung  ber  ®laub enSlebre  ^eierlet  bor* 
-berrfdEjenb;  einmal  merben  SBorfcbriften  aufgeteilt  nrie  man 
^u  ricbtigen  Vorftetfungen  Oon  göttlichen  ©tgenfcbaften  ge* 
langen  fönne,  bann  merben  aud)  genriffe  tobrifen  aufgeteilt, 
unter  meiere  bie  begebenen  begriffe  götttieber  ©igenfebaften 
%u  Oertbeilen  ftnb.  2öie  nun  beibeS  barauf  ftbsmefft  biefe 
«Borfteuungen  zu  foftematiftren:  fo  ift  in  biefer  ©inftdjt  baS* 
feibige  im  allgemeinen  su  beOottoorten.  S)enn  fet)e  man  ba§ 
'$Beräetdjnt&  biefer  ©igenfdmften  für  einen  Ootfftänbigen  ^n* 
begriff  oon  SBeftimmungen  an,  bie  auf  ®ott  feibft  au  beaiefjen 
ftnb:  fo  mutete  eine  OoHftänbige  (grfenntnvfc  ®otteS  auS  SBe* 
griffen  möglieb  fein,  unb  eine  folgerechte  ©rflärung  mürbe 
an  bie  ©teile  ber  XtnauSfprecbli<i)feit  beS  göttlichen  SßefenS 
treten,  melcbe  ledere  boeb  bie  «Schrift—  joOiel  göttliche  ©igen* 
fdmften  aueb  in  it)r  nambaft  gemalt  merben  —  auf  allen 
blättern  fo  febr  anerlennt,  bafj  e§  überftüfftg  märe  emgelne 
©teilen  bafüt  ansufübten.  SBir  baben  babet  audj  feine 
anbere  Mftänbigfeit  anpftteben,  als  ba§  mir  feineS  Oon 
ben  betriebenen  Momenten  beS  frommen  (SetbftbettmfjtfemS 
borbeigeben  laffen  obne  bie  ibnen  entfbreebenben  göttlicben 
{gigenfebaften  auf§ufucben.  Unb  bei  biefem  Verfabren  ergtebt 
-ftcb  aueb  bie  ßlafftftcation  Oon  feibft,  inbem  beiieberSlbtbeilung 
nur  bie  babin  gebörigen  @igenfd)aften  sur  2)arftellung  f ommen 
tonnen.  Um  fo  mebr  ift  e§  bter  an  ber  ©teile  auSeinanber 
ju  fejen,  mie  menig  an  bem  biSberigen  5lbbarat,  ber  unS  bei 
unjerm  Verfaßten  überflüfjig  mirb ,  für  bie  <&a$t  feibft  ber* 
loten  getjt. 

^ämlidj  maS  juerft  bie  äERetljoben  anbetrifft  fo  Ijat  man 
brei  Sßege  angenommen,  mie  man  §u  göttlichen  (Sigenf haften 
gelangen  fann,  ber  SBeg  ber  @nt)cbrän!ung,  ber  Verneinung 
ober  Slbforecbung  unb  ber  Xtrf äd)licbfeit. x  9?un  leuchtet  mol 
Oon  feibft  ein,  bafe  biefe  teineStoegeS  gleichartig  unb  als  folebe 
einanber  coorbinirt  ftnb.  2)enn  für  biz  erften  mufj  erft  ettoaS 
aufjer  ®ott  als  ©igenfebaft  gefesteS  gegeben  fein,  maS  bann 
etmeber  naebbem  eS  Oon  ©ebranfen  befreit  motben  i&m  bei* 
gelegt  obet  beffen  Verneinung  tt)m  beigelegt  ttritb,  mogegen 

1  Via  eminentiae  negationis  et  causalitatis. 


222  $er  cfcriftlttfe  ©laufce.  grfter  X&etl. 

ber  begriff  ber  Uriädjlt<$feit  mit  bem  fdjlecbtljintgen  51b* 
bängigfeit3gefübl  felbft  im  genaueren  gufammenbange  ftebt. 
Söenn  man  nun  aber  bie  beiben  erften  in  itjrem  Verf)ältni% 
unter  ftdj  bttxafyttt:  fo  ift  flar  ba%  bie  Verneinung  für  ftcb 
gar  fein  Sßeg  ift  um  irgenb  eine  ©igenfcbaft  ju  fesen,  memt 
nidjt  hinter  ber  Verneinung  bod)  etma§  öofttibeS  äurüffbletbt. 
Slber  bann  roirb  eben  bie  Verneinung  barin  befteljn,  ba%  oon 
jenen  öofttioen  bie  ©Traufen  oerneint  merben;  auf  biefelbe 
SSeife  aber  ift  aud)  bie  (Entfdjränfung  eine  Verneinung,  benn 
e§  foll  etma§  gefegt  merben  in  (Sott,  aber  bie  <Sd)ranfen, 
roeldje  anbermärt§  mitgejest  merben,  fotten  in  (Sott  nidjt  ge* 
fejt  fein.  2)te  ©tnerleibett  beiber  99cett)oben  roirb  oottfommen 
anfdiaulid)  in  bem  Vegriff  ber  Unenblid)f  eit ,  ber  äugteid)  biz 
allgemeine  gormel  ber  (£ntfd)ränfung  ift,  benn  roa§  unenblid) 
gefest  roirb,  roirb  aud)  entfdjränft,  sugleidj  aber  jeigt  er  aud) 
gang  allgemein,  inbem  er  eine  Verneinung  ift,  burdj  bit  un* 
mittelbar  ntd)t§  gefest  roirb,  aber  burd)  bie  aud)  atteS  gefest 
fein  mag,  roa§  eben  fo  roobl  befd)ränft  al§  fdjranfenloS  ge* 
bad)t  roerben  fann,  bafj  mir  burd)  Verneinung  nur  infofern 
eine  (Sigenfdjaft  fesen,  als  zttoaZ  pofitioeS  hinter  ber  Ver* 
netnung  surüffbleibt.  Veibe  äftetfjoben  fönnen  alfo  nur  sur 
Slnroenbung  fommen  entroeber  auf  (Seratberoobl,  ob  man  nicljt 
etroaS  sur  Unbefdjränftljeit  erhoben  als  göttlidje  ©igenfdjaft 
fest,  roa§  nur  fdjtecbtbin  oon  (Sott  fönnte  oerneint  roerben; 
ober  roottte  man  bie$  oermeiben,  fo  müfjte  ber  5lnroenbung 
biefer  SQcetboben  eine  Veftimmung  oorangebn,  roa§  für  ©igen* 
fdjaftSbegrtffe  überhaupt  fid)  basu  eignen  (Sott  auf  unbefcbränfte 
Söeife  beigelegt  su  roerben,  unb  mag  für  meiere  fd)led)tbin 
öon  tljm  oerneint  roerben  muffen.  SBogegen  ba§  bxitte  Ver* 
fahren  atterbingS  ein  felbftänbigeS  ift.  Unb  menn  mir  audj 
ntebt  bebaupten  motten,  bafj  alle  göttlichen  ©igenfebaften,  roeldje 
irgenb  einer  9Jcobification  unjer§  ^bbängtgfeitSgefüblS  entt 
fpredjen,  gleich  unmittelbar  au§  bem  Vegriff  ber  Urfäd&lidjf'eit 
abgeleitet  merben  fonnen,  Oielmeljr  rjter  gleich  beoorroorten 
muffen,  tljetlS  bafj  eben  auf  biefen  Vegriff  erft  ba§  anbere 
Verf obren  mufj  angemenbet  merben,  nämltd)  ba$  enblidje  in 
ber  Urfäd)lid)fett  Oerneint,  bie  $robuctüntät  barin  aber  un* 
befebränft  gefest,  tfjeilS  bafj,  infofern  an§  ber  göttlichen  Ur* 
fäc^licbfeit  mehrere  (£igenfd)aften  entroiffelt  merben,  bk  Ver* 
fdjiebenbeiten  berfelben  ebenfalls  nid)t§  reelles  in  (Sott  finb, 
ia  bafj  fie  aud)  meber  einsein  noeb  sufantmen  genommen  baS 
Söefen  ©otte§  an  ficr)  auSbrüffen,  mie  benn  niemals  auS  ber 
Sßtrt'ung  ba§  2Be[en  beffen  feibft,  mag  eingemirft  %at,  erfannt 


5)ex  ©tauben§le$re  erfter  Seil.  Streitex  Sttfdjntit.  223 

»erben  fann:  fo  ift  bo<$  forjiel  gehrifc,  ba%  alte  in  ber  djrift* 
liefen  ®lauben§lef)re  abäuljanbelnben  göttlichen  ©igenfdjaften, 
ba  fte  nnr  baä  [ct)lecr)tl3tmöe  3lbr3ängigfett§gefül)l  erflären 
follen,  auf  bk  göttliche  llrfäc&lidtfeit  irgenbroie  surüffgeljn 
muffen. 

2Sa§  enbti<$  bk  (£intfjeüung  ber  göttlichen  ©igenfdjaften 
betrifft,  fo  geigt  fdjon  Me  grofse  üücannigfaltigfeit  berfelben, 
roie  toenig  Sictierijeit  in  bem  ganzen  $erfat)ren  ^tatt  ftnbet,| 
unb  rate  tnenig  irgenb  eine  ftdj  Ijabe  einer  allgemeinen  3u* 
ftimmnng  berftdjern  fönnen.  2Bir  lönnen  aber  fjter  nur  über 
einige  babon  fur§e  5lnbeutungen  geben.  Site  £aupteintfj  eilung 
nrirb  bon  ©inigen1  aufgeteilt  bie  in  natürliche,  aud)  meta* 
pl)t)fifcr)e  genannt,  toeldieS  freutet)  bti  ®ott  gan|  baffelbe  fein 
mu£,  unb  in  fttttidje,  toeldjeS  freiließ  fd)on  be^alb  fetjr  ab* 
fdjreffenb  flingf,  meil  ftd)  barau§  fct)lie§en  läfct,  ba$  ftttltctje 
gehöre  nierjt  auf  gleite  SSeife  sunt  SBefen  ®otte§.2  Rubere 
tfjeüen  äuerft  alle  göttlichen  @igenf$aften  in  hnrffame  unb 
rufienbe,  melct)e§  aud)  menn  ®ott  bodj  nur  al§  lebenb  bor* 
geftellt  roerben  fann,  fdjroer  p  begreifen  ift,  ba  in  bem 
iebenben  al§  folgern  au<$  aHe§  £l)ätigfeit  ift.  SBerben  nun 
freilief)  bie  einen  al§  in  ($5ott  bleibenb  al§  SBeftimmungen  ber 
öott!ommenften  ©ubftang  befdjrieben,  meiere  feine  SSirffam- 
feit  nad)  aufeen  in  ftd)  fd)liefcen,  fo  läfjt  ft<$  eine  rein  innere 
^rjätigfeit  benfen  audj  ber  ru&enben  (£igenf djaften,  unb  bit 
©intljeilung  träfe  bann  sufammen  mit  einer  anbern  in  abfolute 
unb  relatiüe  ©igenfdjaften.  Mein  ungerechnet,  ba%  eine 
Schöpfung  in  ber  3eit  borau§gefe§t,  bk  nrirfjamen  ©igen*  i 
idjaften  au<$  entroeber  erft  mit  ber  8?ü  entftanben  ober  bor* 
Ijer  ruljenb  müßten  geroefen  fein,  mithin  für  biefe  S8oxau& 
iejung  bie  Gsintljeüung  nichtig  ift,  fo  ergiebt  ftdt)  bod)  immer 
ein  smiefac^e§  in  ®ott,  ein  rein  innere^  Seben  bermittelft 
ber  mbenben  unb  ein  auf  bie  SSeit  beäügltctjeS  bermittelft  ber 
mirüamen,  unb  hrie  betbe§  auf  biefe  !s$eife  ganj  bon  einanber 
gefonbert  erfdjeint,  fo  möchte  man  nodj  eine  bxittt  klaffe  bon 
©igenfdjaften  bermiffen,  um  beibeg  mit  einanber  §u  berbinben. 
2ÜIein  fragt  man  nun,  roeldjeS  iene  ruljenben  (Sigenfdjaften 
finb,  fo  ift  in  iljnen  §uf ammengenommen  freiließ   gar  fein 


1  (Statt  aHex  Stnfüljxungen  eingelner  ©teilen  möge  fax  Sefet  fctesu  bex« 
gleidjen  Me  Sefjxe  üon  ben  göttltdjen  eigenfdjaften  frei  ÜRoSljetm,  bei 
Stein fjaxb  unb  bei  ©ä)ott. 

2  (5§  toürbe  bann  an  ben  Ort  gehören,  ben  (ginige  aI3  wwlogon 

aeeidentium  bejeiajnen. 


•224  ©er  Wüic^e  ©laufte.  Grfter23eü. 

inneres  Seben  befdjrteben,  fonbern  tljeilS  ftnb  fte  blofj  formell, 
trte  (£int)eit  (Sinfacrjljeit  ©wigfeit,  tljeilS  gar  nur  negatito  wie 
ltnabpngigfett  unb  Unberänberlicf)!  eit ,  tr)eil8  lote  Unenblidj* 
fett  unb  Unermefjltc&feit  ftnb  fte  felbft  nur  SDcaafc  unb  $8e* 
fdjaffenljeit  ber  mirffamen  (£igenftf)aften.  $)abei  geigen  ftdj 
nun  btefe  ©intljeilungen  aud)  als  nidjt  erfdjöbfenb,  inbent 
oftmals  nodj  aufcerljalb  ber  ©mtljeilung  einzelne  ©igenfdjaften 
als  Folgerungen  auS  ben  anbern  angeführt  werben,  wie 
Seltgfeit,  ©errlidjfeit,  Sftaieftät,  ober  aud)  bafj  ©ott  baS 
fcotjfte  ®ut  ift.  Unb  fo  fdjetnt  e§  freiließ  auf  ben  erfteit 
$nbliff  wittfommen  um  bergleidjen  gu  oermeiben,  bafj  (ginige 
öon  borne  herein  bie  göttlichen  (Sügenfdjaften  eintfjetlen  in 
urfprünglidje  unb  abgeleitete;  unb  wenn  man  nidjt  leitet 
fteljt,  wie  eine  foldje  (SHnttjeilung  gemalt  werben  fann,  oljne 
ba%  bie  GKgenfdjaften  felbft  fdjon  gegeben  mären,  fo  tonnte 
fte  nur  um  fo  eljer  eine  äctjt  bogmatifetje  fein.  $lttem  wenn 
1>odj  allgemein  gugeftanben  ift,  ba^  bie  SSerfdjiebenljett  ber 
©igenfdjaften  nichts  reelles  in  ©ott  ift,  fo  ift  bann  iebe  nur 
ein  anberer  5luSbruff  beS  gangen  ftdj  immer  gleiten  gört* 
liefen  SßefenS,  mttljut  ftnb  alle  urjprünglidj,  unb  bie  abgeleiteten 
mären  bann  überhaupt  ni$t  ©tgenfdjaften  in  bemfelben 
©inn.  (Sotten  aber  bie  fo  geseilten  Gsigenfc&aften  auS  bem 
frommen  ©elbftbewufetfein  entwiffelt  unb  bie  (Süntjjeilung  in 
btefem  ©inne  bogmatifdj  fein:  fo  gäbe  eS  bann  Wieber  feine 
urförünglidje  ©tgenfdjaft  fonbern  alle  mären  gleich  fefjr  ab* 
geleitet.  ©odj  ift  bxt  ©utt&eüung  nietjt  auS  biefer  S8etra#tungS~ 
weife  Ijerborgegangen ,  fonbern  auS  jener,  na<$  Welctjer  man 
aber  audj  in  anberer  ©inftdjt  fagen  fönnte,  baS  götttidje 
SBefen  allein  fei  uribrünglid) ,  atte  (Sigenfdjaften  aber  ah* 
geleitet.  Sine  foldje  Slbieitung  göttlicher  (Sigenfdjaften  auS 
bem  göttlidjen  Sßefen  mürbe  baS  legte  als  befannt  öorauSfegen, 
unb  märe  ein  rein  foeculatibeS  SBerfaljren.  OTerbütgS  aber 
fann  audj  baS  rein  bogmatifdje  nidjt  anberS  als  fo  ftdj  ge* 
ftalten,  nur  ba'p  nichts  gum  ©runbe  gelegt  werben  fann,  als 
nur  baSienige  in  bem  Ijödrften  SBefen,  Woraus  baS  fdjledjt* 
Einige  SttbljängtgfeitSgefüfjl  gu  erfTären  ift.  ©rgängt  man  fiel) 
aber  ben  einfachen  StuSbruff,  ba%  atteS  bon  ©ott  abfängt, 
nod)  burd)  ben  negatiben,  er  felbft  aber  bon  nichts :  fo  ift 
fogleidj  wieber  SBeranlaffung  gegegen  gu  einer  ©intljeilung 
in  pofittbe  unb  negatibe  Gsigenfdjaften.  Unb  inbem  ^ier  fdjon 
in  bem  (SintljetlungSgrunbe  baS  SBerljältnifj  gwifdjen  beut 
Ijödtften  SBefen  unb  allem  anbern  ©ein  borauSgefegt  ift:  fo 
ftefct  man,  wie  bon  Ijier  auS  bit  abfoluten  ober  ru&enben 


©er  ©laufcenSlefjre  erftcr  Söeil.  Stoeiter  Sübfc^Tiitt.  225 


.-ober  natürlichen  ober  ntetajrfjtiHldjen  (Stgenfc&aften  nurnegatib 
auffallen  tonnen,   alfo  ftreng   genommen   oljne  bestimmten 

«alt. 

4.    Sßenn  nun  au§  tiefet  2Iu§einanberfeäung  beroorgebt 
auf  ber  einen  Seite,  baß  biefelbe  $orau§fesung,  burd)  metcbe 
biejenigen  ©igenfdjaften,  meiere  Sßesiebungen  ©ottcS  sur  SBelt 
ausbrüffen,  nur  als  gletcbfam  binaugefommene  unb  acetbentette 
erf  feinen,  nämlicb  bie  Trennung  beffen,  ma§  ©ott  an  unb 
für  ftdj  tft  bon  feiner  SBeaiefjung,  gur  SBelt,  aud)  Urfacbe  tft, 
ba%  bie   rein  innerlicben  (Stgenfdjaften  nur  negatit»  tonnen 
aufgefaßt  merben;  auf  ber  anbern  ©eite,  baß  bie  Maßregeln, 
um   bk  BufammenfteEung   alter  göttlichen  ©igenfebaften  an 
Einern  £>rte  ftc&er  p  ftetten,  tfceitS  aud)  folcbe  begriffe  ^eroor* 
rufen,   meldte  bem  Sntereffe  ber  grömmigfeit  gans  fremb 
ftnb,  tljeilS  ma§  fte  au§einanber  galten  motten  bod)  mieber 
bermirren:  fo  bürfen  mir  hoffen,  oljne  biefen  Slbbarat  unb 
olme  iolc&e  Bufammenfteuung  bie  Aufgabe  mol  thtn  fo  gut 
äu  löfen,  menn  mir  nur  iebem  einzelnen  St)eü  unfereS  (£nt- 
■Wurfes    möglidjft    ©enüge     leiften.      $od)     aber    merben 
auet)   mir  bon  mannen  biefer  gormein  nad)  unferer  SSSetfc 
©ebraud)  machen  tonnen.    SBenn  mir  e§  a.8Mier  nod)  nidjt 
mit  ber  mirflidien  (Srfd)einung  be§  frommen  ©elbftbemußt* 
feinS   in  ber  gorm   ber  Suft  unb  IXuluft  su  tbun  babett, 
fonbern  nur  mit  bem  mag  biefen  (Srfd)eimmgen  gleichmäßig 
§um  ©runbc  liegt,  mit  ber  innern  brobuetiben  Stiftung  auf 
ba§  ©otteSbemußtfein,  abgefe^en  babon,  ob  fie  ftdj  gehemmt 
finbet  ober  geförbert:  fo  merben  mir  bie  &igenf djaften,  bte 
ftdj  im§  bier  ergeben,  in  fofern  al§  jene  ^Ridjtung  ba§  ur= 
fprüitQlidje  tft,  aud)  urfprünglidje  nennen  lönnen,  unb  bte, 
mclcbc  Tief)  nn§  im  smetten £beü  ergeben  merben,  abgeleitete.  Unb 
menu  mir,  baS  fromme  ©etbftbehmßtjein  in  feinen  (Srfcbetnungen 
betradjtenb,  finben,  baß  ba§jenige  an  ©ott  am  metften  ber* 
ncint  merben  muß,  moburd)  fein  ©efeatfein  in  un§  aufgehoben 
mirb,  unb  baSjenige  am  meiften  in  iljm  gefegt,  moburd)  fein 
©efestfein  in  un§  am  freieren  l)erb ortritt:  fo  merben  mir 
nad)  unferer  SBeifc  fagen  tonnen,  baß  auf  biefe  Sßetfe  gott* 
liebe  (£igenfd)aften  nacb  ber  $cetbobe  ber  ©ntfdjräntung  unb 
2lbfpred)ung  gebilbet  merben,  biejenigen  aber,  melcbe  un§  bei 
ber  gegenmärtigen  ^Betrachtung  entfielen,  unb  aud)  bort  mirb 
e§   foldje   geben,  nad)  ber  SJcettjobe  ber  ©aufalität.     S)od) 
meiert  biefe  Slnmenbung  meit  genug  ab  bon  ber  Qeroöfcnlidjen 
mebr  bie  Analogie  mit  ber  ©beculation  berrat&enben  ©e* 
braucb§lueife  jener  gormein. 

<S$t.,G§nftt.©l.I.  15 


226  $er  djriftlWJe  ©Iau&e.  Grfter  S#etl. 


§.  51.  2)ie  Td;Ied?t^tnige  Urfäd)licbfeit,  auf  meldje  ba$ 
fd)led)tlnnige  ^bbängigfeitägefüfyi  gurüfftücifet ,  fann  nur 
jo  befcbrieben  merben ,  ba6  fte  auf  ber  einen  Seite  toort 
ber  innerhalb  be£  sftatursufammenbangeS  enthaltenen 
unterfc&teben,  i^r  alfo  entgegengefegt,  auf  ber  anbern 
Seite  aber  bem  Umfange  naa)  ifyt  gieid;gefe§t  totrb. 

1.  $)a  mir  btö  fcbleditbinige  SIbbängigf  eitSgefübt  al§  ein  f old>e§ 
baben,  meld)e§  einen  Moment  erfüllen  fann  jotool  in  Sßerbinbung. 
mit  bem  tbeilmeifen  nnb  bebtngten  5lbbängtgfeit§gefübl,  al§  mit 
bem  tfjeilmeifen  nnb  bebingten  greif) eitSgefitfjI,  ba  in  biefem  £n* 
einanber  öon  bebingter  9lbbängigfeit  nnb  bebingter  greibeit  ober 
tbeiimeiferUrfä($lidjfeitunb  Seib entlief eitunf er  Selbftbemufjt* 
fein  ba§  enblicbe  ©ein  überhaupt  refcräf  enttrt ;  immer  aber,  tuemt 
irgenbmo  Slbbängigfeit  ober  ßeibentlidjfett  gefegt  ift  in  einem 
SHjeü  be§  enblicben  Sein§,  bann  in  einem  anbern  Selbfc 
tbätigfeit  nnb  Urjäd)lid)f  eit  gefegt  ift,  morauf  iene  belogen 
ttnrb,  nnb  bie§  gegenfeitig  auf  einanber  besogen  fein  fcon  oer* 
fd)ieben  bertbeilter  Urfäd)Ud)feit  unb  £eibentlid)feit  ben  Sßatur*- 
äitfammenlrnng  btlbet:  fo  folgt  notbtnenbig,  bafc  ba§  unfer 
fcbledjtbuügeS  5lbbängigfeit§gefübl  begrünbenbe,  b.  b.  bie 
göttliche  Urfäd)lid)feit ,  fidj  and)  fo  toeit  erftrefft  al§  ber 
Sftaturjufammenbang  nnb  bie  barin  entbaltene  enblicbe  Ur~ 
fäcblidtfeit,  mitbin  biefer  bem  Umfange  nad)  gleidj  gefegt  ift 
®a  ficb  femer  ba$  fdjledjtbinige  3tbbängigfeit§gefübl  ju  bem 
partielten  5lbbängigfeit§gefübl  grabe  eben  fo  oerbält,  mie  §u 
tbeiimeifem  greibeitSgefübl,  mitbin  ber  snrifdien  biefen  beiben 
beftebenbe  (SJegenfaj  in  SBejiebung  auf  iene§  oerfdmnnbet ; 
bie  enblicbe  Urfäcblidjfeit  aber  nur  öermittelft  üjre§  ®egen* 
faje§  m  ber  enblidjen  2eibentlid)feit  baä  ift,  ma§  fte  ift:  fo 
ift  folglid)  and)  bie  göttliche  Urfädjltdjfeit  ber  enbtid)en  entgegen* 
gefest.  2)ie  göttltdjeUrfäcbüdjf  eit  al§  ber  (Sefammtbett  ber  natura 
lieben  bem  Umfange  nad)  gleicb  mirb  bargefteüt  in  bem  SfoSbruft 
ber  göttlichen  51  Umad)t,  melier  nämlid)  aHe§  enblicbe  Sein 
unter  bie  göttlid)eUrfäd)licbfett  ftcttt  ©ic  göttltdjeUrfäcblidtfeit, 
at§  ber  enbtid)enunb  natürlichen  entgegengefest,  mirb  bargeftetlt 
in  bem  SluSbruff  ber  göttlichen  (£  mi  g  f  e  i  t.  Sftämlidj  ba$  Sluf- 
etnanberbesogenfein  »erteilter ltrTaec^Ttc5!ett  unb  Seibenttid)* 
feit  geftaltet  ben  SRaturjufammenbang  gn  bem  (Gebiet  ber 
SBccbfelmtrfung  nnb  alfo  be§  SSecbfelS  überbauet,  inbem  aller 
SBecbfel  unb  alle  SSerönberung  auf  biefen  ®egenjaa  surüff* 
geführt  merben  fann.    @§  ift  alfo  in  eben  ber  Söesiebung ,  in 


£er  ©lau&enSIeßre  erfter  £fjeü.  3toeiter  Stöfönitt.  227 

treibet  bte  natütlicbe  Urfädilidjfeit  ber  göttlichen  entgegen* 
gefejt  ift,  ba§  SSejen  bet  erfteren  geitlicb  §u  fein,  mithin 
fofern  eitrig  baZ  ©egentbeil  Don  seitlict)  ift,  nrirb  audj  bte 
(Smigfeit  (SotteS  ber  2lu§bruff  jenes  ($5egenfase§  fein. 

Hebet  baZ  ft>a§  beibe  2Iu§brüffe  mebr,  nämli<$  übet  bte 
göttliche  ßaufalität  obet  übet  ben  Umfang  bet  enblidjen 
binau§geljenbe§,  nad)  bem  gemöbnlicfjen  <S*>rad)gebraud)  §u 
enthalten  freuten,  nrirb  ftct)  bte  folgenbe  weitete  (gntmifftung 
beiber  Segriffe  au§laffen.  £iet  ift  nut  im  allgemeinen  ju 
bemerken,  ba|  eben,  meit  beibe  begriffe  ftdj  l)iet  nut  auf 
bte  göttliche  Urfä<$licbfeit  belieben,  autf)  an  iljnen  ftct>  fogletct> 
bemätjren  läfjt,  ba%  bte  einzelnen  (Eigenfdjaften  na<$  iljren 
3)ifferensen  nidjts?  reelles  in  <25ott  finb.  ß&  ift  immet  eine 
Ungenauigfeit ,  bte  man  menigftenS  al§  folcbe  bemerflid) 
machen  mufj,  menn  mir  biefe§  al§  smei  berfdjjiebene  ©igen* 
fcbaften  auffteEen.  £)enn  bte  göttliche  Urfätf)li<$fett  ift  nur- 
tnjofern  bet  enblidjen  bem  Umfang  nad)  gleidj,  als  fte  ibr 
bet  2ltt  na$  entgegengefe^t  ift,  tnbem,  memt  fte  iljr  bet  5lrt 
nadj  gleid)  märe,  mie  e§  ftdj  in  attsumenfd)lid)en  $or* 
fteEungen  bon  (Sott  nid)t  feiten  au§ft>rtcfjt,  fte  ebenfalls  bem 
(Gebiet  bet  SSecbfetmirrung  angetjörte,  unb  alfo  ein  SHjeil  bet 
©efammt^ett  be§  9?aturaufammenbange§  märe.  (Sben  fo  abet, 
toenn  bie  göttliche  bet  enblidjen  bem  Umfange  nad)  nid)t 
gleid)  -märe,  !önnte  fte  üjt  audj  nidjit  entgegengefest  fein 
oljne  jugleicE)  bte  ©in^eit  be§  9?aturäufammentjange§  auf* 
gubeben,  meil  fonft  gu  einiget  enblicben  Urfä'djttdjfeit  eine 
göttliche  märe,  §u  anbetet  aber  nidjt.  Slnftatt  alfo  %u  fagen,  i 
©ott  fei  emig  unb  allmächtig,  mürben  mir  beffet  fagen,  er  J 
fei  attmädjtigsemig  unb  emig  *  allmäd)tig ,  obet  audj  ©ott  fetl 
bte  eitrige  SUImadjt  obet  bte  allmächtige  (gmigfeit.  SSit  muffen 
abet  benno$  f$on  megen  btx  unumgänglichen  Setgleidmng 
mit  ben  bi§ljet  geltenben  näbeten  Sefttmmungen  beibet 
©igenfdjaften  jebe  befonberS  bezaubern. 

2.  (£3  ift  abet,  ba  man  immet  bon  b^x  SSetgleidjung  ber 
göttlichen  Urfäcblidtfeit  mit  ber  enblictjen  ausging,  natürlich, 
ba%  ftdj  §u  biefen  beiben  Segriffen  in  ber  teligiöfen  2)idjtung 
fomol  al§  in  bem  teligiöfen  ©efprädj  nodj  smei  anbete  Se* 
griffe  gefeilt  Imben,  nämlich  %vl  bem  Söegriff  bet  ©mjajeit 
bet  bet  511  Ige  gen  matt  unb  §u  bem  Segriff  ber  gjlmadjt 
ber  ber  2111  roiffenlje  it.  SSenn  bie  beiben  2lu§brüWe,  bon 
benen  eben  geljanbelt  ift,  ben  beiben  in  unferm  ©aj  auf* 
gefteHten  ©liebern  jene§  S5erbältniffe§  boEfommen  entfpräcben: 
fo  mürben  mir  bie  beiben  jest  erft  ermähnten  ^Begriffe  nic^t 

15* 


228  »er  (fcriftUdje  ©laube.  Grfter  Sijell. 

auf  ßtetcfie  SBeife  mie  jene  au  befianbeln  f)aben;  fonbern  e§ 
roütbe  nur  nötljig  [ein  SorftcrjtSmafjregeln  aufstellen,  bamit 
nidjt  in  benfelben  irgenb  etma§  unterm  ©aj  unb  ienen 
beiben  &auptbegriffen  luiberforedjenbeS  mit  gebaut  merbe. 
(SS  behält  ftct>  ieboct)  nid)t  gan§  fo.  ©er  Segriff  (Snugfett 
brüfft  aHerbing§  ben  Gegenfas  au§  §u  ber  im  9fcaturaufammen* 
Ijang  enthaltenen  Urfäc&lidtfeit,  aber  bod)  juna'djft  nur  fofern 
biefe  seitlich  bebingt  ift,  unb  fte  ift  bod)  eben  fo  gut  aud), 
unb  jmar  bk  geiftige  nicr)t  minber  al§  bk  leibliche,  räumlid) 
bebingt.  £)enft  man  nun  freilief)  an  bie  Gleichung  bem 
Umfang  nad):  fo  liegt  barin  allerbing§  fdjon,  bafc  bie 
enbüdje  Urfädjlidjfeit  überall  im  Üiaum  abpngig  ift  bon  ber 
göttlichen;  aber  ber  begriff  melier  bk  ©ntgegenfesung  au^ 
brüfft  tritt  burd)  biefe  Se^ieljung  äurüff,  unb  ber  boHftänbige 
$fo§bruff  ift  erft  in  ©hrigfett  unb  OTgegenraart  sufammen* 
genommen.  —  2öa§  ferner  ben  Segriff  ber  OTroiffenljett 
betrifft,  fo  ift  er  in  bem  (Gebiet  ber  botfSmäfcigen  unb  ber 
btd)terif$en  «nb  reügiöfen  TOttl)  eilung  bietfeidjt  urfbrünglid) 
entftanben  um  baä  Serljättnifj  ährifdjen  Gott  unb  bem  toa§ 
in  bem  Innern  be§  9Jcenfd)en  borgest  §u  beseidmen;  in  ber 
Glaubenslehre  finbet  er  ftd)  aber  immer  an  biefem  Ort  ab* 
geljanbelt,  unb  er  gehört  in  bem  meiteften  Umfang  gebadjt 
fcierljer,  roeil  mir  in  bem  Gebiet  ber  enblidjen  Hrfäcrjüctjfett 
einen  Gegenlas  äu  machen  Pflegen  ämifdjen  lebenbigen  unb 
tobten  Gräften,  unb  oljneradjtet  in  ber  Setjre  bon  ber  (£r^ 
Haltung  audj  bk  beraufjt  enblidje  Urfäcr)Iict)feit  unter  bie 
göttliche  geftetlt  ift,  hkibt  bod)  in  bem  Segriff  ber  2Mmad)t 
felbft,  roemt  einmal  mit  SRed&t  ober  Unrecht  tobte  Gräfte  an= 
genommen  werben,  bk  äRöglidjfeit  nidjt  auSgefdjloffen  fie 
nad)  ber  Analogie  ber  tobten  Gräfte  su  bent'en.  S)em  rairb 
nun,  ba  SBenmfetfein  bie  Ijödjfte  un§  gegebene  gorm  be§ 
£eben§  ift,  burd»  ben  Segriff  ber  TOmiffenf)  eit  abgeholfen. 
SJcatürtidj  aber  tonnen  biefe  fjinaufommenben  (£igenfdjaft§= 
begriffe  ebenfo  wenig  jeber  für  ftd)  etma§  befonbereS  unb 
berfdjiebeneS  in  Gott  beseidjnen  mie  bie  anfänglich  aufgehellten ; 
unb  fo  mie  e§  in  Sesug  auf  iene  beiben  ber  ridjtigfte  5lu§- 
bruff  fdjien  au  fagen,  Gott  fei  in  feiner  Ur[äd)li#feit  bie 
emige  51Hmad)t  ober  ber  allmächtig*  einige,  fo  mürben  nun 
aud)  bie  beiben  anbern  Segriffe  am  beften  in  einen  foldien 
gufammenfaffenben  SluSbruff  mit  eingefd)Ioffen.  Stber  aud)  ieber 
bon  bie[en  beiben  Segriffen  für  ftd)  mufc  ein  5fu§bruff  für  ba$ 
göttliche  Sßejen  fein,  meil  ja  feiner  ztlvaä  ber[d)iebene§  in 
iiott  btbmkn  fann;  unb  fo  ift  aud)  OTgegenmart,  ber  gört* 


©er  ©Iauöen§Ie^re  erfter  Sfjetl.  Stoetter  Sttfd&nitt.  229 

lidjen  ttrfäd^icijfeit  Betgelegt,  fdjon  felbft  audj  211Ima<$t  uub 
Sltfroiffenfjeit  fion  felbft  audj  (Sroigfeit  (£§  liefee  fidj  aber 
um  Me  ^bentität  aller  biefer  (£tgenfd)aften  auf  bie  fürsefte 
SBeife  auSäubrüffeu  nod)  ein  auberer  (S^radjgebraudj  auf* 
fteKeu.  Sßenn  nämlidj  Seit  uub  Staunt  überall  bte  äufcerlic&s 
fett  barftetten,  uub  ronfbabei  immer  etu  (StroaS  oorauSfeaen, 
baS  erft  tu  3^tt  uub  $Raum  ftdj  oerbreitenb  etu  äufjerlidjeS 
roirb:  fo  läfct  ftd)  aud)  ber  ®egenfaa  %vl  Bett  uub  Ütaum  be* 
äeidmen  als  ba$  fd)ledjtt)in  innerlidje.  (£ben  fo ,  roenn  burdj 
beu  5Iu§bruff  OTroiffentjeit  oorsüglid)  beoorroortet  roerben 
fott,  ha%  bk  Mutant  nidjt  als  eine  tobte  ®raft  gebaut  roerbe, 
fo  roürbe  baSfetbe  erreidjt  burdj  btn  5lu§bruff  fdjtedjtljinige 
Sebenbigfeit,  uub  btefeS  beibeS  ^nnerlidjfett  uub  Sebenbtglett 
roäre  alfo  eine  eben  fo  erfdjöpfenbe  uub  t»tetTetct)f  nodj  meljr 
gegeu  alle  frembartige  (£inmifdjung  ftdjer  fteflenbe  2)ar* 
ftellungSroeife. 

(SrfteS  Seljrftüff. 
©ott  tft  ewig, 

§  52.  Unter  ber  (Sroigfeit  ©otteS  oerftefjen  roir  bte 
mit  allem  jettlidjen  aud)  bte  Seit  felbft  bebingenbe  fcfylec&t* 
^in  settlofe  Utfä$lt$feit  ©otteS. 

1.  SSenn  mau  bte  (groigfett  ©otteS  oon  ferner  Sttlmadjt, 
roeldje  ^ier  uur  tu  befouberer  93e§ieljung  auf  bte  (Srotgfett 
umf  trieben  tft,  abfoubert:  fo  hUiht  fie  uur  etue  fogeuauute 
ruljenbe  (gigenfdjaft,  uub  fo  roirb  fie  audj  oft  befdjrieben  als 
bte  auf  bte  Bett  angeroenbete  Unenblidjfeit  ober  Xtnermefjlidjs 
fett,  ©ie  aber  als  etue  fotdje  aufaufteilen,  mürbe  uur  bte  mit 
bem  frommeu  Söeroufjfein  gar  nidjt  sufammentjängenbe,  mithin 
für  uuS  oölltg  teere  SSorfteHuug  begüuftigeu  t>on  einem  (Sein 
©otteS  abgefeljen  oon  beu  ©rroeifungen  feiuer  ®raft;  eine 
Sßorftellung,  meiere  allemal  fdjon  ben  in  Söe^ieljung  auf  ©ott 
immer  oerbädjttgen  auf  bem  Gebiet  ber  djriftlidjen  grömmig* 
feit  aber  ööttig  uuauiueubbareu  ©egenfas  oon  Sftulje  ober 
Wflu%t  uub  £ljätigfeit  in  ftdj  fdjliefct.  S)aS  fromme  Sßeroufjt* 
feiu  aber  roirb,  inbem  mir  bte  SBelt  überhaupt  auf  ©ott  be* 
äteljen,  uur  roirflidj  als  baS  Söeronfctfein  feiuer  eroigen 
Äraft.1    Sßenn  bidjterifdje  £>arftetlungen  bagegen  Me  (groig* 


Stönt.  1,  19. 


230  ©er  d)riftltc&e  ©laube.  Grfter  £!>eU. 

feit  ®ottc§  nur  al§  ein  ©ein  bor  allem  seitlichen1  au§brüffen: 
fo  fann  biefe§  nidjt  oljne  9cad)tljeil  eben  jo  in  bie  btbaftifdje 
(Spraye  aufgenommen  Werben;  inbem  auf  biefem  ©ebtet  eine 
SSergleidjung  &on  meljr  ober  mettiger  mir  stoiicfcen  gleichartigem 
angeftellt  werben  fann,  bie  göttliche  Urfäcfyiicfifett  aber  mufj, 
ba  ja  audj  Me  Seit  felbft  burd)  biefelbe  bebingt  ift,2  um  fo  metjr 
t)oH!ommen  seitloS  gebaut  Werben.8  £)iefe§  mirb  burdj  5lu§^ 
brüffe,  meiere  seitliches  beseidjnen  unb  aljo  gleidjfam  bilblid) 
erreicht,  inbem  man  bie  seitlichen  ®egenfäse  be§  öor  unb  na$, 
be§  älter  unb  jünger  in  Söesiefjung  auf  ®ott  burä)  ®leidj* 
fesung  aufgebt.4  —  ^nbem  mir  aber  bie  ©wigfeit  ($5otte§  auf 
feine  TOmadjt  besiegen,  unb  fie  iljr  gleich  unb  mit  ifjr  ibentifd) 
fesen:  fo  folgt  barau§  an  unb  für  fidj  nodj  feine§Wege§,  bafc 
ba$  seitliche  SDafein  ber  Sßelt  einen  TOftgang  in  ba§  unenblidjie 
bilben  muffe,  fo  bafj  lein  Anfang  ber  Söelt  gebaut  merben 
bürfe.6  S)enn  mie  ba§  jest  in  ber  3eit  entfteljenbe  bodj  aud) 
in  ber  SlUmadjt  ®otte§  gegrünbet,  mithin  oon  iljm  auf  ewige, 
b.  I).  seitlofe  Sßeife  gewollt  unb  bewirft  morben  ift:  fo  lönnte 
au$  bie  SSelt  seitlo§  gewollt  bod)  al§  im  Slnfang  ber  Seit 
Ijeroorgetreten  fein,  ^ur  ift  aud)  auf  ber  anbern  (Seite  eben 
*  fo  wenig  su  beforgen,  bafe  wenn  bie  Sßelt  anfang§lo§  unb 
enblo§  gefest  Wirb,  be§§alb  ber  Unterfdj)ieb  stoifdjen  ber  gött= 
liefen  lXrfäcr)Itc^feit  unb  ber  innerhalb  be§  ^atursufammen* 
^ange§  aufgehoben  Werbe,  unb  bie  SBelt  bann  ewig  wäre  toie 
(SJott.  Söielmetjr  bleibt  bie  ©Wigfeit  ®otte§  bennodj  einsig, 
inbem  ber  ©egenfas  stoifdjen  3eitüd)fett  unb  (£wig!eit  aud) 


1  $f.  90,  2. 

*  Augustin  de  Gen.  c.  Man.  I,  3.  Deus  enim  fecit  et  tem- 
pora.  .  .  Quomodo  enim  erat  tempus,  quod  Deus  non  fecerat,  cum 
omnium  temporum  ipse  sit  fabricator.  —  ©affelbe  fcfceütt  Ctud)  in  bem 
Slugbruf!  ao&apros  ßaatXeu?  tü>v  a?tov<ov  1  Tim.  1,  17.  angebeutet  ju  fein. 

8  Aug.  Conf.  XI,  16.  Nee  tu  tempore  tempora  praecedis, 
alioquin  non  omnia  tempora  praecederes;  sed  praecedis  omnia  cel- 
situdine  semper  praesentis  aeternitatis.  —  Boeth.  p.  187.  Inter- 
minabilis  vitae  tota  simul  et  perfecta  possessio.  Aeternum  necesse 
est  et  sui  compos  praesens  sibi  semper  assistere,  et  infinitatem  mobilis 
temporis  habere  praesentem. 

4  Augustin  de  Gen.  ad  litt.  VIII,  48.  Nullo  temporum  vel 
intervallo  vel  spatio  incommutabili  aeternitate  et  antiquior  est  Omni- 
bus ,  quia  ipsa  est  ante  omnia ,  et  novior  omnibus ,  quia  idem  ipse 
post  omnia.    $n  einer  anbem  gorm  baSfelbe  toie  2  ^Setr.  3,  8. 

6  SSflI.  Jo.  Damasc.  c.  Man.  VI.  ou  y<*P  ^poTepov  fxrj  fteXwv 
5<rcepov  TJO-eXTjaev,  aXX'  ael  ^0-eXev  Iv  tu>  utc  ocutou  copiajjivu)  xatpco 
^(veaO-at  Trjv  xx(aiv 


©et  ©foufienSlefjre  erfter  23jetL  Stoeiter  8C6f<fjnitt.  231 

SvHrdj  bie  unenblidje  Sänge  ber  Bett  nidjt  im  minbefteit  ber« 
rtngert  mirb.1 

2.  (Sefjr  berbunfelt  wirb  aber  biefe§  SBerljäftnifc  freiließ 
buretj  alle  foldje  ©rflärungen  ber  ©nngt'ett  (SJotteS,  meldte  fie 
jener  fdjeinbarenSroigfeit,  nämüc^  ber  unenbli<$en  Bett,  tt)eil§ 
-gleich  fe§en,8  teil§  aud)  nur  fie  mit  berfetben  bergleicb,en.8 
3tudj  bie  geroöfjnltd)e  gormel,  bie  (Slroigfeit  ®otte§  al§  bie* 
jenige  GSigettfdjaft  su  betreiben,  bermöge  beren  er  roeber 
angefangen  fjabe  noeb,  aufhören  raerbe,  ift  bon  biefer  5lrt. 
'£)emt  inbem  fjter  in  ber  seitlichen  2)auer  nur  bie  ßmbjmntre 
-geläugnet  werben,  wirb  bodj  steiften  Meiert  ba§  ©ein  ($5otteS 
bem  seitlichen  gleich  gefest,  mitfitn  bie  Beittidjteit  an  ftdj  unb 
bie  !tOceparfeit  be§  göttlichen  ©ein§  unb  alfo  audj)  2öir!en§ 
t)urd)  bie  Beit  nid)t  geläugnet,  fonbern  inbirect  bielmetjr  be* 
Rauptet.  SSir  muffen  alfo  alle  foldje  ©rflärungen  al§  urt* 
angemeffen  bermerfen,  meldte  nur  bie  (Stf)ranfen  ber  &tit, 
nidjt  bte  Beit  felbft,  für  ®ott  aufgeben,  unb  meiere  ben  SÖe* 
griff  ber  ©hngfeit  au§  bem  ber  Beitltdjfeit,  beffen  ($5egentl)eil 
er  bodj  ift,  burdj  (Entfdjränfung  bilben  motten.  SSenn  nun 
auet)  Mdjterifdje  «Stellen4  bie  (Smigfeit  nidjt  anber§  al§  unter 
£>em  Sßübe  ber  unenbüdjen  Beit  betreiben  tonnen:  fo  leljrt 
un§  baZ  neue  £eftament5  felbft,  rtrie  biefe  für  ba§>  Mbaftifdje 
ju  ergänzen  finb.  9Jlu%  man  balier  bon  Einigen  Geologen 
frettidj  augeben  ba%  fie  mit  ©ocin  nur  um  anberer  bogmatifegen 
'Slnftdjten  mitten  bie  böttig  fdjxiftmä'fcigen  ©rflärungen  be§ 
1Kuguftinu§  unb  S3oetr)tu§  berroorfen  Ijaben:  fo  tarnt  man  fict> 
MefeS  hti  anbern  bod)  nur  au§  ber  Söeiorgnifj  erflären,  bafc 
ruenn  man   bie  (Smigfeit   al§   eine  Beitlofißfeit   feje,   bann 

1  Augustin  de  mus.  VI,  29.  tempora  fabricantur  et  ordinantur 
aeternitatem  imitantia.  —  Id.  de  Gen.  c.  Man.  I,  4.  Non  enim 
coaevum  Deo  mundum  istum  dieimus,  quia  non  eius  aeternitatis  est 
hie  mundus,  cuius  aeternitatis  est  Deus. 

*  Socin  Praelectt.  cap.  VIII.  Nee  vero  in  mundi  creatione 
Tempus  primum  extitit  .  .  .  quamobrem  ipsius  quoque  Dei  respectu 
aliquid  praeteritum  aliquid  vero  praesens,  aliquid  etiam  futurum  est. 
Mosheim  Theol.  dogm.  I.  p.  254.  Aeternitas  est  duratio  infinita. 
Sßgl.  äu  Cudw.  Syst.  intell.  p.  781.  —  Reinh.  ©.104.  Aeternitas 
-est  existentiae  divinae  infinita  continuatio,  WOÖet  fdjon  eine  unättläfflge 
ttnterfrfjeibung  3tr>tfd)en  ©uöftans  unb  ßfiftenj  tn  ©Ott  jum  ©runbe  Hegt. 

3  (Scfermann  2)ogm.  I.  ©.123  nennt  fte  eine  nott)tt>enbige ,  inbem 
•er  fte  mit  ber  llHfter&Itctjfeit  ber  (Seele  unb  ber  Unnergänglicijfeit  ber  Gräfte 
Sergletdjt 

4  §to&  36,  26.     ^f.  102,  28. 

6  Sgl.  2  spetr.  3,  8.  mit  «ßf.  90,  2. 


232  $er  ojriftticfje  ®lau6e.  grfter  Sfjeil. 

eigentlich  nichts  gefegt  fei.  £>iefe  fann  aber  nur  entftcben,, 
ioenn  man  bk  ©ungfeit  unter  bie  ruljenben  ©igenfdjafteu  lest, 
unb  babei  bod)  benft,  bafj  jebe  für  ftctj  atiein  ba§  SBefen  be§- 
göttlichen  @ein§  auSbrüffen  foü;  fie  berfdjroinbet  hingegen, 
roenn  man  biefen  begriff,  fo  hrie  mir  e§  f orbern,  mit  bem  ber 
TOmactjt  Oerbinbet,  benn  inbem  eine  göttliche  äöirffamfeit  ges 
fejt  mirb ,  fann  smar  etmn§  unbefannteS  unb  bielleidjt  nidjt 
anfdjaulitfc  barsuftettenbeS,  aber  bodj  feine§raege§  nidjtS  gefejt 
fein.  Sa  öudj  für  bk  ^Infctjanlicrjteit  be§  Begriffs  bietet  un§ 
ba$  enblidje  Sein  eine  ipülfe  bar,  inbem  auct)  biefem  bie  3eit 
übermiegenb  nur  anfängt,  fofern  e§  berurjacfit  ift,  minber 
aber  fofern  rjerurfadjenb ;  bielmefjr  fofern  e§  erfüllte  Beitreten 
al§  baffelbige  hervorbringt,  unb  alfo  al§  ftd)  felbft  gleictjbleibenb 

—  ttrie  3.  $8.  ba§  $<$  olg  beharrlicher  ©runb  alter  medjfelnben 
$emütlj§erfcl)emungen,  namentlich  aller  (£ntf  d)lüff  e ,  bereu 
jeber  mieber  al§  SDtoment  eine  erfüllte  Beitrei^e  Ijeroorbringt 

—  ba$  beharrliche  Oerurfadjenbe  ift  §u  bem  mecljfelnben  oer* 
urf achten,  mirb  e§  audj  begieljungSroeife  ju  bem  oerurfacfjten 
al§  seitloS  gefegt.  Unb  mit  einem  folgen  analogifdjen  3(n* 
fnüpfung§pun!t  muffen  mir  un§  Riebet  begnügen. 

3ufag.  $on  ber  Unöer änberüci)f  eit  ©otteS.. 
Sft  ber  begriff  ber  ©roigfeit  fo  gefaxt:  fo  ift  leine  Sßeran* 
laffung,  bk  Unoeränberlicitfeit  nodj  als  eine  befonbere  ©igen« 
fäaft  aufzuführen,  bielme^r  ift  fie  in  iener  fdjon  enthalten. 
2)enn  ift  (55ott  in  feinem  iljre  fcrjlect)tt)inige  51bpngigleit  be* 
bingenben  SSert)ältni§  §ur  Söett  üöEig  äeitlo^:  fo  giebt  e§ 
barin  auct)  lein  mannigfaltiges  nacl)  einanber.  21nberS  fdjeint 
eS  fiel)  su  ftelten,  menn  man  oon  bem  Unterfcljiebe  ghrifdjeit 
Subftan§  unb  ©jiftenä  in  ©ott  auSgefjenb  bie  (Sroigfeit  nun 
al§  bie  eine  (Seite  ber  Unt>eränbertict)feit  barftellt.1  Mein  e§ 
fommt  bod)  für  unS  auf  baSfelbe  IjinauS,  ba  bie  anbere  (Seite 
eine  raljenbe  ©igenfetjaft  ift,  meiere  nidjtS  in  bem  frommen, 
Setbftbenmfjtfein  oorfommenbeS  auSfagt.  Ü0?an  lann  alfo  eljer, 
ba§  ©ott  unOeränb erlief  ift,  nur  als  einen  ®anon  aufftetten, 
um  su  berljüten,  ba%  feine  fromme  ©emütbSerregung  fo  ge* 
beutet,  unb  feine  9tuSfage  oon©ott2  fo  üerftanben  merbe,  bafc. 
babei  irgenb  ein  SBecfcfel  in  ©ott  muffe  r-orauSgefest  merben. 


1  SSfil.  9telnf)arb  $ogm.  ©.  105.  SBetradjtet  man  fie,  bie  llnu>er= 
änberltdjteit,  an  bem  SBefen  ©otte§,  fo  Reifet  fte  (Sinfaajljeit;  an  ber 
(Sfiftenj,  fo  ift  fte  ßroigfeit.  —  SSorljer  aber  mar  aud)  bei  Ujm  bie  dins 
fadjljett  fd)on  eine  befonbere  ßigenfrijafr,  unb  bie  (Smiglelt  mar  bie  an  ber 
©jiftenj  betradjtete  Unenblicfjtelt. 

2  2.  SKof.  32,  14.     Fevern  2Q,  13.  tt.  42,  10. 


£)er  ©lau&enälefjre  erfter  3#etl.  Stoeiter  Sttfdjnltt.  23a 

3meite§  öei&rftüft 
(Sott  tft  aflgegemtmrtig. 

§  53.  Unter  ber  Mgegenmart  ©otte<3  fcerfteljen  mir 
bie  mit  allem  räumlichen  aud)  ben  $aum  felbft  bebtngenbe 
fc^tec^tl)irt  raumlofe  Utfäd&licfyfett  ©otte3. 

1.  <So  mie  ber  @aj  bem  t-ortjergeljenben  ganz  gleichförmig 
lautet,  unb  ber  begriff  ber  OTgegenmart  felbft  nur  t)ier  auf* 
geuommeu  morben  tft,  meit  ber  ©egenfas  ber  göttlichen  Ur* 
fäd)lic§fett  gegen  bie  enblidje  in  bem  5lu§bruff  ©migfett  über* 
miegenb  auf  bie  3eit  belogen  mürbe:  fo  fdjetnt  nidjtS  anber§ 
nött)ig,  al§  eben  fo  gleichförmig  affeS  §u  bem  oorigen  @a§  bei- 
gebrachte 9?aum  in  3eit  oermanbelnb  auf  bieten  überzutragen. 
$on  ber  retigtöfen  2)icf)tfunft  §mar  ift  biefer  begriff  fdjion  uon 
jetjer1  auf  eine  öorzügltctje  SSeife  unb  meit  metjr  al§  ber  ber 
(Smigfeit  gefeiert  morben.  (So  mirb  man  aud)  überhaupt 
jagen  muffen,  ba%  meit  metjr  fromme  Momente  ben  begriff 
ber  Slltgegentoart  tierüorrufen,  unb  biefer  alfo  lebenbiger  tft 
unb  eine  allgemeinere  ©eltung  Ijat;  mogegen  bie  ^e^ie^ung 
©otte§  auf  bie  3eit,  meiere  in  bem  begriff  ber  ©mtgfeit  au§* 
gebrüfft  tft,  minber  in  ba$  fromme  Seben  eingreift,  unb  ftd) 
baljer  burd)  einen  folteren  £on  unterfctieibet.  S)ie§  liegt  mot 
barin,  bafj  ber  größte  Stjeil  ber  grommen  mit  feinem  23e- 
muBtfein  an  ber  ©egenroart  feftgeljalten  mirb.  Sßenn  alfo 
bie  ©letdjfeäung  ber  göttlichen  UrfädjUcfcfeit  mit  bem  ©efammt* 
intjalt  ber  enbticben  jebem  Stet,  in  meinem  mir  einen  £Ijetl 
be§  9^atur5ufammen^ange§  in  un§  aufnehmen  ober  un§  mit 
einem  folgen  ibentificiren,  alfo  iebem  Moment  unfere§  über 
bie  ganze  Sßelt  ftei)  auSbefjnenben  (SelbftbemuMeinS  ba& 
fKed)t  giebt,  ba%  fromme  SBemufjtfetn  aufzuregen;  unb  alfo 
ioo  irgenb  ber  ÜD?enfdj)  fiel)  bemegt  ober  bemegt  mirb,  er  aud} 
aufgeforbert  ift  bie  in  jeber  enblicljen  Urfäct)li<±)feit  iljm  un- 
mittelbar nalje  ®raft  be§  föödtften  mit  feinem  SBemufctfein  jit 
ergreifen:  fo  ift  natürlich,  bafj  mir  uns?  in  biefer  £>inftd)t 
meit  öfter  in  bit  un§  bod)  unmittelbar  zur  Sßaljrnetjmmtg 
fommenben  entfernteften  Zäunte  oerf  ezen,  al§  mir  auf  bie 
entfemteften  Seiten  znrüffgeben.  Sluf  unferm  ©tanbjmuft 
aber  erfc&eint  biefe  Ungleichheit,  mie  natürlich  fie  aud?  fei, 
bo<$  nidjt  billig,  unb  ber  ©tauben§letjre  als  einem  miffen* 
fetjaf tuckeren  $erfal}ren  liegt  ob  fie  ausgleichen,  ma§  $ter 


1  $f.  139  u.  a. 


234  ®er  c&rtfilt<$e  ©Iaufc.  Grfter  2$ell. 

bur<$  bie  Strt  ber  unmittelbaren  ,8ufammenfteuung  beiber  $8e* 
griffe  bewirft  merben  foll.  .Sugteiclj  a&er  mu£  ^e  ^  00ts! 
fefjen,  bafj  nid)t  bte  größere  ^ebenbigfeit  be§  bier  au  be* 
banbetnben  23egriff§  mit  einer  ftarfen  fmnücfoen  Söeimifd^ung 
gufammenbänge  unb  fte  t)on  biefer  etma§  mit  aufnehme. 

Söie  nun  bie  QÖttltdje  Urfä  d)lid)f  eit  al§  ©toigfeit  gar  leid)t 
fo  erflehten  Jann,  al§  fei  fte  bodj)  ftdj  ungleich,  roenn  man 
öor  bem  &tin  ber  enblidjen  ein  9?id)tfein  berfetben  fejt;  eben 
fo  erfdjeint  fte  and)  leicht  fo  in  Söe^ieljung  auf  ben  &aum, 
roenn  man  bodj  zugeben  mute ,  bafj  bie  enblidje  IXrfäcrjUd^feit 
größer  unb  Heiner  ift  an  Oer|*ct)iebenen  Orten,  am  ftetnften 
nämtidj  ba,  wo  ber  Sftaum  nur  erfüllt  ift  burd»  fogenannte 
tobte  Gräfte,  unb  größer  mo  eine  größere  SebenSentmilflunß 
ift,  am  größten  alfo,  tt>o  flare§  menfd)lt$e§  ^öemu^tfein  tüixU 
fam  ift  unb  fo  Ijöfjer  Ijmauf.     £iegegen  nun  mufj  sunäc&ft 

,  gefagt  tuerben,  bafj  f)ieburd)  mojloerftanben  fein  Unterfdjteb 
in  ber  allmädjtigen  ®egenft>art  ®otte§  gefest  ift,  fonbern  nur 
in  ber  (Snupfänglic^feit  be§  enblidjen  <Sein§,  auf  beffen  berur* 
fadjenbe  £I)ätigfett  eben  bie  göttliche  ($egenmart  belogen 
wirb;1  benn  fo  ift  bk  Gnnpfängli^feit  be§  ÜD?enfdjen  bafür 
größer  al§  irgenb  eine§  anberen  trbtjdjen  <Sein3,  unter  ben 
Sftenfdjien  aber  ift  fte  hd  ben  frommen  am  größten.  2)odj 
au<$  biefe§  mirb  erft  ganj  beutlid),  menn  man  ftdj  erinnert, 
bafj    gufolge    ber    ©rllärung    unfere§    <Saae§    bie    göttliche 

'  Slttgegenmart  audj  OoEfommen  raumlog,2  mttfjin  au$  nicfct 
größer   ober   fleiner    an   oerfc&iebenen  Orten    barf  gebaut 

.  merben. 

2.  (£§  ift  aber  fetjr  ferner,  um  alle  fotctje  Söeftimmungen, 
mel^ie  bod)  in  bie  göttliche  OTgegenftart  ettütö  räumltd)e§ 
hineinlegen,  glüffltcf)  Ijerum  §u  fommen,  menn  man  unmittel= 
bar  bie  btcfcterifcben  unb  oolfömäfjigen  Söefc&reibungen,  meldte 
faft  immer  bie  raumbebingenbe  llrfädjlidtfett  in  ®ott  unter 
t>em  Sßilbe  be§  unbeidjränften  9?aume§  felbft  oorfteHen,  in  baS 


-  Jo.  Damasc.  de  fid.  orth.  I,  13.  ccuxos  [xlv  yap  Sta  tocvtcov 
a[i.(Yw?  Swjxei,  xa\  rcaat  (xsTaStSwat  1%  eocutou  evepyeia?  xaxa  tvjv  £xa- 
axou  iTOT7]8stoTr]Ta  xal  Sexxtxrjv  SüvajJLtv. 

2  Augustin.    de    div.    qua  est.  XX.      Deus    non    alicubi    est, 
'quod  enim  alicubi  est,  continetur  loco;    et   tarnen    quia  est,    et   in 

tloco  non  est,  in  illo  sunt  potius  omnia  quam  ipse  alicubi.  Nee 
tarnen  ita  in  illo,  ut  ipse  sit  locus.  —  Id.  Ep.  187,  11.  Et  in  eo 
ipso  quod  dicitur  Deus  ubique  diffusus  carnali  resistendum  est  cogi- 
tationi  .  .  ne  quasi  spatiosa  magnitudine  opinemur  Deum  per  euneta 
^diffundi,  sicut  aer  aut  lux. 


£er  ©Iaufcrt8Ie$re  crftet  3#eil.  S^eiter  Jttjdjnltt.  235 


'bogmatifd^e  bebtet  übertragen  null;  nnb  eben  fo  ferner,  tuenr. 
man  bamit  anfängt,  Me  göttliche  OTgegennmrt  o&ne  SBeste&uns 
auf  bie  göttliche  UrfSälü&leit  als  eine  rufjenbe  (Sigenfcbaft  §u 
betrauten,     $n  ber  erften  $8eäiet)ung  fann  richtig  gebraust 
indjt  ofme  beugen  fein  bk  in  ber  griec&ifäeit  Geologie  ubltäje 
SBeaetdjnwtQ  ber  göttlichen  TOgegentuart  burdj  bie  SluSbrüffe 
aSta$T«a(a  unb  ouvouaia  beibe  nämlidj  auf  bie  allmächtige  ©egen* 
mart  belogen,     SRamlitf)   bie   Verneinung   alter  Entfernung 
brüfft  ben   ©egenfas   gegen   bie   enbtictje  Uxfädjlidjfett  au§f 
meiere  —  unb  str-ar  bit  geiftige  lote  bit  leibliche  —  bur*  bte 
Entfernung  bon  ifjrem  urfürüngtic&en  Drt  ober  SDctttelüunft 
öefd&ioä^t  toirb,  fo  bafc  iebe  ®raft  mie  fte  ba  gar  mdjt  mebr 
tft,  too  fte  niebt  metjr  mirft,  auef)  überhaupt  memger  tft,  too 
fte  weniger  toirft.  tiefer  Unterschieb  ift  e§,  melier  geläugnet, 
unb  alfo  ein  ©tdj  überall  Qleicr)  fein  ber  göttlichen  Uriädjtid)* 
liefert  behauptet  ttrirb;  bie  Söe^ieljung  auf  ben  $aum  aber, 
meiere  in  beut  9Iu§bruff  9cid)taufcereinanb  erfein  hegt,  unb 
fo  auet)  in  bem  ©trüber  alt  gleichem  gilt  nur  öon  beut  @nb* 
ticken  al§  bem  beunrften,  ttidjt  aber  öon  ©ott.   ©affelbe  tft  oon 
beut  SluSbruff  auvouafaju  merfen,  meldjer  nur  besagen  fann,  bafj 
nirgenb  enblicr)eUrf  äctjlic^fett  tft  otjne  göttliche,  m*t  aber  augletdj, 
bafe  bie  göttliche  mit  ber  enbiie^en  int  9tauntU)äre.  $ennntc&t  nur 
bie  auvouata  Ivepn^i  fonbern  audj  bie  uTcorcaxixr],  in  fofern  lejtere 
bie  göttliche  OTgegenmart  at§  Erhaltung  ber  SHnge  bei  iljrem 
<3ein  unb  ibren  Gräften  aufriebt,  bejie^t  fict)  auf  bie  enbttc^e 
Urfätfclidjfeit.    Sebe  anbere  Erflärung  mürbe  ben  SSerbadjt 
einer  SSermifc^ung  be§  göttlichen  @ein£  mit  bem  enbltdjen, 
mithin  einen  pant$eiftif*en  (Schein,    ni#t  leicht  bermetbeni 
lönnen.    liefen  (Schein  trägt  and)    gar  fe^r  ftar!  jene  *öe* 
ftimmung,  bafc  ©ott  nic&t   circumscriptive  fonbern   repletive 
überaß  fei.  ®enn  bei^taumerfüüung  fönnen  mir  bie  Analogie 
mit  ejpanftöen  Gräften  niefct  entfernen,  unb  bann  liegt .bte 
SSorfteEung  Oon  einer  (Sott  susutäreibenben  unenbltc&en  2lu§* 
be^nung  nur  311  na^ie.    Unb  aueb  bie  Verbefferung,  btc  man 
anbringt,  inbem  man  fagt,  bie§  fotte  ntc&t  iötöerli* ,  öerftanben 
tr-erben,  als  ob  etma  bureb  bie  göttliche  ftaumerfuuung  ba§ 
©ein   eine§  enblic^en  im  9taum  öerbinbert   merbe,  fonbern 
.auf  göttliche  SSeife,  mirb   fetten  mit  ber  gehörigen  »orftdjt 
tjefafjt;1  unb  memt  fte  bann  fo  auSgebrüüt  nrirb,  bafj  ©ort 

1  SDiefe  fann  man  rühmen  an  Jo.  Dam.  1.  c.  wE<m  »  xa\  votj- 
«0«  xoko?,  evda  voelxai  xa\  e'axtv  tj  votjxtj  xort  aawfxaxo?  cpucn.?, 
^vS-aTiep  ratpsaxi  xa\  ivepyei  .      .  6  fxev  ouv  $sos  .  .  .  Xs^Exat  xai  £v 


236  £er  djriftlidje  ©lauBe.  Erfter  Sljeil. 

alle  Derter  in  ftdj  faffe  *,  fo  fütjrt  bn§  leicht  auf  ba$  entgegen- 
gefeste,  bafc  nämltd)  (Sott  audj  räumtid)  ba§  allgemein  aües- 
umfcbliefjenbe  ift ;  unb  toenn  nun  biefe  OTgegentuart  rufjenb 
im  d5egenfaa  t>on  hrirffatn  gebaut  wirb,  fo  bleibt  faft  nur 
übrig,  bafj  er  ba§  an  fid)  leere  fei.  2öie  benn  aud)  ber  Der- 
manbte  2Iu§bruff,  ba%  ©ort  felbft  ber  Drt  für  alles  fei2,  tbm 
beSbalb  nur  mit  großer  $orft$t  gebraucht  merben  barf. 
Staljer  bleibt  t>on  biefer  ©eite  bie  grünbltcfjfte  Sßerbefferung, 
meldte  ba§  räumliche  gänglicr)  aufgebt,  bie  formet,  ba%  (Sott 
in  ftct)  felbft  fei8,  ber  aber  freütdj  bie  sur  (Seite  fteljen  mufj, 
bafj  bie  SSirfungen  feines  urfäctjiidjen  ^nfi(^felbftfein§  überall 
feien.  Mittelbar  unb  gleidjfam  bilblicl)  roirb  aber  baffelbe 
erreicht  burct)  Slufbebung  ber  räumlicrjen  ©egenfäse4.  Da§ 
anbere  anlangenb,  fo  l^ht  bie  Unterfdjeibung  ber  göttlichen 
51Ugegentnart  al§  einer  rubenben  unb  als  einer  roirffamen 
©igenfdjaft  ba%  mefentlidje  ©idjfelbftgleidjfeüt  ber  göttlichen 
Hrfticr)Iict)fett  faft  unfehlbar  auf,  unb  bringt  baburdj  nur  $er= 
mirrungen  fjeroor.  SBenn  man  sunt  53eifpiel  unterfdjeibet, 
bie  9Mgegenroart  (ttotttä  fo  taett  fte  fiel)  auf  it)n  felbft  begießt, 
unb  bieMgegenraart  besügüct)  auf  bie  (55efcJ)öpfe6,  unb  nimmt 
habei  entroeber  eine  <Sct)ö{>fung  in  ber  Seit  an,  fo  gab  e§  oor 
biefer  nur  bie  erfte  OTgegenmart,  unb  bie  anbere  ift  erft 
rjinsugef  ommen ;  ober  man  fest  \)k  Sßelt  enblidj  im  Staunt 
unb  alfo  einen  am  ßnbe  freiließ  immer  leeren  Staunt  aufjer 
berfelben  fo  erftrefft   fidj  mieberum  bie  erfte  SlEgegenmart 


Tozw  stvat,   xa\   Tdyexcu  to^o;  -9-sou,  evöu  exSrjXo;  ^  evs'pfsia  auxou 
"flvzxa.'.. 

1  Hilar.  d.  f.  Tr.  I,  6.  Nullus  sine  Deo,  neque  ullus  non  in  Deo 
locus  est. 

3  Theoph.  ad.  Au t.  II.     0eb?  yap  ou  ywpsttat,  aXX'  auiros  sert 

T0710?    T(OV    oXlOV. 

8  August  in.  Ep.  187,  14.  Nullo  contentus  loco,  sed  in  se  ipse 
ubique  totus. 

4  Augustin.  de  gen.  ad  litt.  VIII,  48.  incommutabili  ex- 
cellentique  potentia  et  interior  omni  re  quia  in  ipso  sunt  omnia,  et 
exterior  omni  re,  quia  ipse  est  super  omnia.  —  Hilar.  1.  c.  ut  in 
his  eunetis  originibus  creaturarum  Deus  intra  extraque  et  super- 
eminens  et  internus,  id  est  circumfusus  et  infusus  in  omnia  nos- 
ceretur,  cum  .  .  .  exteriora  sua  interior  insidens  ipse,  rursum 
exterior  interna  concluderet  atque  ita  totus  ipse  intra  extraque  se 
continens  neque  infinitus  abesset  a  eunetis,  neque  euneta  ei ,  qui 
infinitus  est,  non  inessent. 

6  radicaliter  et  relative.     ©.  Gerh.  loc.  th.  T.  HI.  p.  136. 


£>er  ©tauöenStefire  erfter  Sfjeü".  gtoeiter  Sttfänttt.  237 


meiter  als  bte  anbete,  unb  eS  gefc^ie^t  bann  fefjr  leicht,  bafj 
man  fagt,  ®ott  fei  an  nnb  für  fidj  autf)  aufjer  ber  SSelt,  be* 
Sügltcb  auf  bte  @efd)öpfe  aber  nur  innerhalb  ber  Sßelt  gegen* 
märtig,  moburd)  eine  crtmlidje  Ungleichheit  eintritt.  $lm 
tneiteften  ftnb  au$  hierin  bte  ©ocinianer  gegangen1,  toor* 
äüglicf)  aber  bod)  um  ienen  pahtijetftifdjett  (Schein  &u  ber*: 
meiben*,  meldjeS  fie  nur  fo  erreichen  §u  tonnen  meinten,  tueii 
-fie  ftd)  nidjt  gans  oon  ber  ÜMumtidtfeit  in  bem  ©ein  unb 
Söirfen  (55otte§  loSmadjen  !onnten;  unb  am  ftärfften  tritt  bteS 
Ijeröor,  raemt  bafür  als  Rechtfertigung  angeführt  nrirb,  eS  fei 
an  ben  enblidjen  fingen  eine  Sßofffommenljeit,  menn  fie  mit 
itjrer  ®raft  meiter  reichen  als  mit  ib,rem  28e[en.  SDem  ent* 
gegen  mufj  bann  freutet)  baS  Ueberafffein  ®otte§  auf  fein 
23efen  unb  feine  9ftad)t  gleichmäßig  belogen  merben. 

3ufa&.  fSon  ber  UnermefcüdjJett  (SotteS.  (£S 
ergiebt  ftet)  fd)on  oon  felbft,  bafc  mir  öon  biefem  SluSbruff  als 
SBeseic&mmg  einer  befonbern  göttlichen  ©tgenfdjaft  nid)t  meiter 
än  Ijanbeln  fjaben.  S)er  ®ebrb,udj  beffelben  ift  aud)  mit 
großen  @d)tt>ierigfetten  oerfnüpft3,  t&eilS  toirb  er  mit  ber 
Xlnenbiidtfeit  ®otteS  gleich  geftefft,  t$ei(3  mirb  er  auS  ber* 
felben  abgeleitet,  tnbem  nämlich  biz  Unenbiidtfeit  an  ber 
©nbftans  betrautet  IXnermefjiidifeit ,  an  ber  ©siftena  be= 
trautet  aber  bte  ©hrigfeit  giebt.  @o  noie  aber  auf  biete  SBeifc 
genommen  in  ber  (Smigfeit  bte  gett  ntctjt  aufgehoben  mirb 
fonbern  nur  bte  (getrauten  berfelben,  eben  fo  audj  in  ber 
ttnermefjltdjfeit  ntdjt  ber  Raum  fonbern  nur  bie  ©grauten 
beffelben4;  unb  mir  Satten  bann  an  bemfetöen  nur  bte  oon 
ber  Wmafyt  getrennte  mithin  rufjenbe  aber  boeb,  immer 
räumlid)  gebaute  OTgegenmart.  Sßirb  bie  Unermefjlid)feit 
aber  als  bit  Uitenbltdjfeit  felbft  gebaut:  fo  mirb  biefe  mieber 
häufig  als  eine  ©igenfäaft  affer  (£tgenfd)aften©otteS  bargeftefft. 
SlIS  folct>e  lönnten  mir  nun  bier  auf  feinen  gaff  toon  iljr  §u 
rebenljaben,  aberfiemirb  aud)  nirgenb  oorfommen,  meitfteifjreS 

1  Smalcius  refut.  Franc,  p.  4.  Essentia  et  praesentia  Dei 
in  locis  omnibus  nulla  datur,  nee  enim  frustra  in  coelis  Deus  esse 
dicitur. 

2  Thom.  Pisecius  respon.  ad  rat.  Camp.  Virtutem  Dei 
infinitam  permeare  omnia  scripturae  testantur,  non  essentiam,  cuius 
infinitate  concessä  universa  orbis  machina,  quam  cernimus,  corpus 
quoddam  divinum  esset. 

8  SSgl.  Gerb.  loc.  T.  in.  p.  122.  u.  ffteinfj.  ©ogm.  ©.  101—104. 
4  ©.  Mosheim  Tbeol.  dogm.  I.  p.  247.  Quando  infinitas  cum 
^«»peetu  loci  seu  spatii  consideratur  dicitur  immensitas. 


238  2>er  <$rlftli($e  ©taube.  Grfter  Xfjeil. 

negativen  ®ebalte§  megen  feine  roaljre  (5tgenf<$aft  fein  fann; 
aud)  ntd)t  ber  (gigenfdjjaften,  fonbern  nur  eine  Kautel  in  S8e* 
äietjung  auf  biefelben.  (Sie  müfjte  aber  baun  bod)  an  allen, 
grabe  bie  Sinologie  mit  bem  ©nblidjen  abmeifen,  unb  märe 
alfo  bie  allgemeine  antiantt)ropoeibifdje  unb  antifomatoeibifdje 
gormel.  Unb  a!3  folcrje  r)at  fie  un§  audj  r)ier  geleitet  unb 
mirb  e§  aud)  in  gufunft,  otme  bafc  mir  be§tjalb  ridjtig  finben 
fie  als  eine  G£tgenfc§aft  aufeuftetten.  £)enn  ba  mir  e§  t)ier 
nur  mit  ber  Urfäcrjlictjfeit  ®otte§  gu  tljun  Ijaben,  fo  enthält 
bie  Unenbli^feit  (Öotte§  aud)  nur  bk  Aufgabe  bie  Analogie 
mit  ber  enblidjen  Urfä$lid)feit  abäumetjren.  9?un  ift  aber 
alle  enblidje  Urfäcfjlidjfeit  bur$  Bett  unb  Sftaum  mefebar,  mit* 
Irin  Ijaben  mir  bie  göttliche  im  eigentlichen  ©inn  unenblid) 
gefe§t,  inbem  mir  fie  fc^led)ttjtn  äeitlo§  unb  raumlo§  fegten^ 
Unb  äur  ©leictjljeit  mit  biefem  richtigen  ©ebalt  ber  Unenblid}* 
feit  läfjt  ftd)  audj  ber  2lu§bruff  Unermefjlidjfeit  leidjt  um* 
lenfen,  menn  man  nur  Unme£lt$feit  [agte,  roeil  aHe§ 
Steffen  fic^  bod)  auf  SRaum*  unb  Beitbeftimmung  surüfffüljren 
läfjt.  SBie  nun  bit  Unermeßlich  feit  gemöljnltd)  beftimmt  mirb, 
legt  man  auf  ber  einen  (Seite  ein  Ueberattfein  Irinein,  marnt 
aber  auf  ber  anbern,  ba%  bie§  nid)t  nad)  ber  SSetfe  berSluä* 
befjnung  oerftanben  merben  foll.  SlHein  ^at  man  einmal  bit 
SSirffamfeit  ®otte§  Oon  bem  ©ein  ®otte§  getrennt  unb  ba& 
legiere  allein  betrautet:  fo  bleibt  freiließ  für  biefe  Unermefe* 
Iid)feit  nur  eine  Verneinung  übrig,  olme  irgenb  eine  toofitibe 
Unterlage,  meldte  au§  ben  frommen  (SJemütijSerregungen  tonnte 
Ijeröorgegangen  fein;  mogegen  ftd)  leictjt  Oon  felbft  ergiebt, 
ba%  ber  ®egenfa&  ährifdjen  bem  fdjledjt&üttQen  Slb^ängigfeit^ 
gefüljl  unb  bem  ttjeilmeifen,  gleidjöiel  ob  Slb^angigfeitS*  ober 
greil)eit§gefüt)t,  al§  meldjeS  beibeS  gleich  fetjr  seitlich  unb 
räumlid)  ift,  eben  biefeS  in  ftd)  fdjliefet,  bafj  bie  Urfäd)licf)feit,. 
meiere  ieneS  in  un§  Ijeröorruft,  nic&t  fann  aettXtc^  unb  räum« 
lid)  fein. 

SDrttte§  ßeljrftüft 
®ott  ift  aflmärf)tig. 

§.  54.  Qn  bem  begriff  ber  göttltd&en  Wmatyt  i|t  fo 
forool  biefeS  enthalten,  bafc  ber  gefammte  alle  Zäunte 
unb  geiten  umfaffenbe  Sftatursufammenfyang  in  ber  gött- 
lichen, als  emig  unb  allgegenwärtig  aller  enbüa)en  ent* 
gegengefe^ten,  Urfäa)Ua)fett  gegrünbet  ift,  als  aud)  btefeS, 


©er  ©IaufcenSIeijre  erfter  3#ell.  3toetter  2ttfdj  tritt.  239' 

bafj  bte  göttliche  Urfä$lid?feit ,  tote  unfet  Slb^ängigfeitS* 
geführt  fte  auSfagt,  in  ber  ©efammtljett  be3  enblid&ett 
©eins  öottfommen  bargefteHt  mirb,  mithin  au<$  alle& 
roirfli<$  mirb  unb  gefdjiefyt,  roogu  e3  eine  Urfä<$U<$feit  in 
©Ott  giebt. 

1.  2)a  ber  Sftaturäufammenbang  nidjtS  anbere§  ift,  als 
bte  ähriefadje  bur<$  einanber  gegenteilig  bcbtngte  ®efammtbeit 
beS  enblidj  berurfac&enben  unb  beS  enbltrf)  berurfac&ten :  fo 
Hegt  in  bem  erften  STljeil  unfereS  <5a§eS  sunäd)ft,  ba£  jebeS 
für  fi<$  gefegte  enbtidje  bermöge  feinet  Sßegrünb  etf einS  in  ber 
göttlid)en  StUmadjt  alles  bemirft,  roaS  bie  üjm  eingepflanzte 
Urfädjlidjfeit  im  (bebtet  ber  allgemeinen  Urfädjlidjfeit  ber* 
mag.  ©benfo  aber  liegt  aud)  barin,  bafj  jebeS  innerhalb  beS 
SßatursufammenbangeS  berurfadjte  aueb  vermöge  feines  %z* 
orbnetfeinS  burdj  bte  göttliche  Mmait  baS  reine  (£rgebni§ 
ift  bon  allem  innerhalb  beS  ^atursufammenbangeS  berur- 
facbenbem  nadj  Sftaafsgabe,  mie  eS  mit  iebem  in  Söe^iebung 
ftebt.  SSie  nun  alles,  maS  mir  in  ber  ®efammtbeit  beS  enb- 
Iidjen  <3einS  als  ein  befonbereS  für  fictj  fegen  fönnen,  fomol 
berurfadjenb  als  berurfadit  fein  mufj:  fo  gtebt  eS  nirgenb  unb 
niemals  etroaS,  mag  ein  ®egenftanb  für  bte  göttliche  Urfäcb= 
Ii$feit  erft  mürbe,  borber  aber  fdjon  —  mitbin  irgenbraie 
unabbängig  bon  ($5ott  unb  ibm  gegenübergeftellt  —  geraefen 
märe;  bielmebr  mürbe  burd)  jebe  foletje  Slnnabme,  fei  eS  nun, 
bafc  bk  2Bir!fam!eit  ber  göttli^en  OTmad&t  übertäubt  auf 
fotdje  Sßeife  beginne,  ober  ba%  biefe  SBirffamfeit  burdj  folc^eS 
Entgegentreten  gteidjbiel  ob  feiten  ober  oft  unterbrodjen  merbe, 
immer  mirb  baS  ®runbgefübt  ber  grömmigfeit  baburdj  auf* 
geboben.  S)enn  menn  nitf)t  unmittelbar,  bodj  inbem  mir 
unfer  ©elbftbemu^tfein  su  bem  beS  gefammten  enblicrjen  ©einS 
ermeitern,  repräfentiren  mir  bann  eben  jenes  audj,  unb  fo 
fann  audj  eine  fdcjledjtbintge  5lbbängig!eit  nic&t  mebr,  fonbern 
nur  eine  tbeilmeiftge  ftattftnben.  —  gerner  inbem  bie  göttliche 
2lttmad)t  nur  emig  unb  allgegenmärttg  gebaut  merben  fann, 
fo  ift  eine§  £beilS  unftattfjaft,  bafj  §u  irgenb  einer  Seit  etmaS 
burdj  biefelbe  erft  merben  foll,  fonbern  burdj  fte  ift  immer 
atte§  fc£)on  gefegt,  roaS  burdj  bie  enblidje  lXrfäd^ltctjfett  freiließ 
in  Seit  unb  3taum  erft  merben  foH.  Unb  eben  fo  roenig  ift 
irgenb  etmaS  beSbalb  meniger  burdj  bie  göttliche  OTmadjt 
gefegt,  roeil  eS  fdjon  als  burdj)  enblic^e  Urfäct)li(^!eit  gemorben. 
erfannt  merben  fann    ober  beSlmlb  mebr  burc^  göttliche  51H- 


240  $)et  «tlftlirfie  ®tou6e.  g rfter  SDjeil. 

madjt  geworben,  lt»eit  e§  nidjt  auf  ertblidje  Urfädjltdjfeit 
äurüffgefübrt  ift.  Niemals  alfo  fann  auf  irgenb  eine  SBctfc 
bk  göttliche  5lHmad)t  gleiccjfam  al§  eiue  ©rgäusung  ber  9catur= 
urfacben  tu  bk  ©teile  berfelben  treten,  inbem  fie  bann  audj 
iljnen  gleichartig  aettlid)  unb  räumlich  mirfen  müfjte,  unb  balb 
fo  mirfenb  bann  lieber  nidjt  fo,  ftdj  jetbft  ungleich  märe, 
mithin  meber  emtg  nod)  allgegenmärttg.  Söielmetjr  ift  unb 
mirb  alles?  ganj  burd)  ben  9catur3ufamment)ang,  fo  bafc  jebe§ 
burd)  atte§  beftebt,  unb  atfe§  gan§  burd)  bie  göttliche  OTmactjt, 
fo  bafe  TOe3  ungeteilt  burd)  (£me§  befielt. 

2.  £>er  anleite  SJeil  unfere§  ©ase§  beruht  nun  barauf, 
bafj  mir  auf  unferm  Gebiet  sur  Sßorfteltung  ber  göttlichen 
Slltmacbt  nur  fommen  burd)  bte  Sluffaffung  be§  fcrjledjts 
Innigen  2lbbängigt'eit3gefüt)l§ ,  unb  e§  un§  alfo  an  jebem 
Sln!nüpfung§pun!t  fetjlt,  um  an  bie  göttliche  lXrfäc^iictjfeit 
Slnftirücfje  §u  madjen,  meiere  über  ben  9caturäufammenfjang, 
ben  eben  jerte§  (55efüt)l  umfaßt,  t)inaus>geben.  £)iegegen  fctjetnt 
freiließ  gefagt  merben  ju  tonnen,  1053  mir  2ltfe§  nennen, 
ba$  befiele  au§  bem  mirflicben  unb  bem  möglichen;  bie  WL* 
maerjt  tnüffe  alfo  aud)  biefeS  beibe3  umfaffen:  menn  fie  ftet) 
aber  in  ber  ($5efammtt)eit  be§  enblidjen  <Sein§  öottfommen 
unb  erfeppfenb  barftelle,  fo  umfaffe  fie  nur  ba$  mirtlidje 
unb  nicfjt  aud)  ba$  mögliche.  Slllein  mie  rcenig  ber  Untere 
fcfiieb  gmifcfjen  mögliebem  unb  mirflicbem  für  (Gort  einer  fein 
tonne,  baZ  mirb  fict)  fetjr  beutlidj  ä^igen,  menn  mir  nur 
barauf  achten,  in  melden  gälten  mir  jelbft  oornetjmlid)  ben= 
felben  in  Slnmenbung  bringen.  Sßir  benfen  un§  guoörberft 
manches  in  einem  ®inge  möglich  sufolge  be§  allgemeinen 
Begriffs  ber  Gattung  ber  e§  angeprt,  mag  aber  nierjt 
mirfltci)  mirb,  meil  bie  befonbere  Sßeftimmttjeit  beffelben  grabe 
"biefe§  au§fcrjliefet ,  mäljrenb  bti  anbern  einzelnen  berfelben 
(Gattung  anbere  aud)  oermöge  be§  (Gattungsbegriffe  mögliche 
S3eftimmungen  au§  berfelben  Urfadje  auSgeidjioffen  bleiben. 
£ier  erfetjeint  aber  etma§  nur  un§  al§  möglich,  meil  bk  Sße* 
ftimmttjeit  be3  ©in^elnen  gu  finben  eine  Aufgabe  ift,  bk  mir 
nie  uotlfommen  31t  löfen  Dermaßen.  %n  Söeatetjung  auf  (Gott 
aber  ift  ein  folctjer  Unterschieb  ämifdjen  bem  Sittgemeinen 
unb  (Stilreinen  nid)t  oortjanben;  fonbern  in  ilmt  ift  uilprüng« 
lid)  bie  (Gattung  ai$  bie  (Gefammtljett  aller  iljrer  ©inselmefen, 
unb  btefe  mieberum  finb  mit  ibretn  Ort  in  ber  (Gattung 
äiigleid)  gefegt  unb  begrünbet,  fo  bafj,  ma§  bieburd)  niebt 
mirfltci)  mirb,  in  äßeaieljung  auf  ilnt  aud)  ntcfjt  möglidj  ift. 
(iben  fo  fagen  mir,  e§  fei  ntandjeS  möglich  äufolge  ber  SJcatitr 


£er  ©laubenSIefjre  erfter  S$ett.  3toeiter  Sttfänttt.  241 

eines  2)ingeS,  aufammen  genommen  feine  innere  Veftimmtljeit 
tmrdj  bk  Gattung  unb  als  (ghtäelmefen,  maS  botf>  in  nnb  an 
betreiben  nidjt  mirfli<$  mirb,  meil  eS  gehemmt  ift  burd)  bic 
(Stellung  beS  ©ingeS  in  bem  (gthkt  ber  allgemeinen  Söedjt'el* 
nrirfung.  liefen  Unterf^ieb  matten  mir  mit  3fted)t,  unb 
f<$retben  bem  fo  als  mögltdj  gebauten  eben  mie  jenem  eine 
SBaWeit  ju,  meil  mir  unS  nur  oermittelft  biefeS  inbirecten 
Verfahrens  auS  bem  unfrudjtbaren  (bebtet  ber  5lbftractiott 
IjerauStret'enb  eine  Slnfdjauung  äufammenfesen  oon  ber  Ve* 
bingtfjeit  ber  ©ntmittlung  beS  einzelnen  ©ein§.  könnten  mir 
hingegen  für  ieben  $unft  ben  ©influfj  ber  gefammten  SSedjfel* 
hrirfung  überfein:  fo  mürben  mir  bodj  gleich  gefagt  baben, 
maS  nid)t  mirftirf)  gemorben,  fei  aud)  innerhalb  beS  -iftatur* 
SufammenfjangeS  ni$t  mögliäj  gemefem  3?n  ®ott  ift  aber 
nid)t  eine§  getrennt  oom  anbern,  baS  gür  ftd>  befteljenbe 
befonberS,  unb  bk  2Beä)felmirfung  befonberS  gegrünbet, 
fonbern  beibeS  mit  unb  burd)  einanber,  fo  ba%  in  Veaietmng 
auf  ifjn  nur  baSjenige  möglich  ift,  maS  in  bem  einen  oon 
betben  eben  fo  feljr  begrünbet  ift  mie  in  bem  anbern.  2Iuf 
biefe  beiben  gäHe  aber  laffen  ftdj  alle  äurüüfü^ren,  roeldje 
für  unS  eine  SBa^rljett  Ijaben.  2)enn  bk  Vorftettung  öon 
einem  möglichen  aufjerbatb  ber  ($5efammtt)eit  beS  mirflidjen1 
bat  nidjt  einmal  für  unS  SSatjrljeit,  meil  nidjt  nur  ba§ 
fromme  (SelbftberouBtfein  unS  auf  bieten  $unft  nid)t  fü&rt, 
fonbern  audj,  mie  mir  immer  ba%u  gelangt  fein  möchten,  mir 
alSbann  eine  «Selbftbefcfcränrung  ber  göttliäjen  TOmadjt  an* 
nehmen  müßten,  bk  unS  niemals  gegeben  merben  fann,  |u 
ber  fic&  aber  audj  !ein  ®runb  üorfteüig  machen  liefe,  e3 
mü%te  benn  baS  als  mögtidj  gebaute  nidjt  als  eine  Ver* 
meljrung,  fonbern  nur  irgenbmie  als  eine  Verringerung  beS 
mirfli^en  inS  SDafein  treten  tonnen,  roobur<$  bk  ganje  Vor« 
auSieaung  aufgehoben  mirb.2 

3.  2öie  nun,  menn  in  Veäiebung  auf  Q&ott  fein  Unterfd^ieb 


1  3fa§fprüd)e,  tote  Basil.  bom,  I.  in  hexaem.  xbv  xou  jeaveb; 
tootou  SrjfxtoupYov  ou^  evi  xoa{j.w  aufjLjxeTpov  iyziv  ttjv  7cot7jTtx7jv 
Sovapiv,  aXX'  tl<;  xb  arctpo^Xaacov  urcspßaivouaav  muffen  toir  mt§  cuiS 
ber  ©eringfügigfett  ber  bamaligen  fienntniS  be§  SBeltattS  erflären,  über 
toeldje  toir  31t  bem  dmipoizkäaiov  frfjon  gefommen  finb. 

*  Slirfjtig  ba^er  Abelard  Introd.  III,  5.     Potest,  quod  convenit, 
non  convenit  quod  praetermittit,  ergo  id  tantum  facere  potest,  quod 
quandoque    facit.      £tei3lt    CUtd)    August.    Enchirid.    24.      Nequa 
enim  ob  aliud  veraciter  vocatur  omnipotens,    nisi  quoniam  quiequid  I 
vnlt  potest. 

©^t.,(^rtftr.©l.I.  16 


242  £er  djrt[tlid)e  ©laube.  (grfter  Sfjeil. 

anrifdjen  möglidjem  unb  roirflidjiem  ftattfinbet,  bie  oolfSmäfcige, 
bod)  audj  oft  in  hnffenfdj)aftltd)e  $lu§einanberfesungen  auf* 
Genommene  ©rflärang  ber  OTmadjt,  al§  ber  ©tgenfdjaft, 
Vermöge  beren  ®ott  atte§  benrirfen  fönne  toa§  möglich  ift 
ober  feinen  Sßtberfarudj  in  ftd)  fdjliefjt,  su  beurteilen  fei, 
ba$  ergiebt  ftc^  leidet  oon  felbft.  Sßenn  man  nämli$  ben 
Sßiberfpmc^  realiter  nimmt,  unb  ba§  nriberffcredjenb  nennt, 
ma§  in  ber  (Sefammtljeit  be§  ©einS  feinen  Drt  ftnben  fann, 
fo  ift  fie  ooEfommen  richtig;  benn  aÄe§  aufammen  mögliche 
bringt  bie  göttlid)e  OTmadjt  gereift  Ijeroor.  9hir  eben  biefe§ 
bliebe  ju  tabeln,  menn  fie  fagt,  (Sott  fönne  oermöge  ber 
OTmad)t  benrirfen,  nic^t  er  benrirfe;  benn  baburd)  ttrirb  ein 
Unterfd)ieb  ättrifdjen  können  unb  SSoHen  gefegt,  unb  bie  (Sr= 
flärung  nähert  ftdj  einer  anbern,  bie  TOma$t  nämli#  fei 
bit  (Sigenfd)aft ,  oermöge  beren  (Sott  aHe§  fönne  ma§  er 
tooKe.  (Sin  llnterfd)ieb  ahrifdjen  können  unb  SSoUen  ift  aber 
in  (Sott  eben  fo  menig,  nrie  ber  3ttrifd)en  nrirflid)  unb- 
mögltd).1  £)enn  toeldjeS  oon  beiben  aud)  größer  fei  at§  baZ 
anbere,  ba&  SBotten  ober  baZ  können,  e§  liegt  baxan  immer 
eine  SBefc&ränfung ,  tueldie  nur  aufgehoben  toerben  fann, 
roemt  man  beibe  bem  Umfange  nadj  gleich  fest.  Slber  audj 
fd>on  bie  Trennung  beiber  für  fid),  al§  ob  nämlidj  können 
ein  anberer  Buftanb  fei  al§  SBoEen,  ift  eine  Uubottfornmen^ 
beit.  £)enn  foll  idj  mir  ein  können  oljne  SBotten  benfen, 
fo  mufj  ba$  SSotfen  Oon  einem  einaelnen  alfo  mol  audj  immer 
oeranlafjten  antrieb  au§ge§n,  unb  foß  id)  mir  SßoEen  obne 
können  benfen,  fo  mufj  ba$  können  nidjt  in  ber  innern 
®raft  gegrünbet  fein,  fonbern  ein  äufjerltd)  gegebene^.  Soffen 
ftd)  ba^er  roeil  e§  in  (Sott  fein  SBoHen  burdj  eingelne  2ln= 
triebe  giebt,  unb  fein  Oon  aujjen  ber  mad)fenbe§  unb  ab* 
nebmenbe§  können,  in  (Sott  audj  beibe  felbft  in  (Sebanfen 
nid)t  trennen:  fo  ftnb  aud),  roeil  Sßotten  unb  können  511* 
'  fammen  notbtoenbig  £§un  finb,  aud)  toeber  SSitfen  unb  £l)nn 
oon  einanber  au  trennen,  nodj  können  unb  £bun,  fonbern 
bie  ganje  $lllmac&t  ift  ungeteilt  unb  unOerfürst  bie  a£te§ 
tbuenbe  unb  bettnrfenbe.  darüber  fyinauZ  aber  nodj  ettt>a§ 
fagen  au  wollen,  ttrirb  eben  megen  ber  bamit  unöermeiblid) 


1  Joh.  Damasc.  d.  fid.  orth.  I,  8.  nennt  ®ott  atoar  Suvapv 
ouSev\  (J.£Tpw  yvcopi^ojJLe'vrjv,  fiovco  xw  olxst'u)  ßouXr'(j.aTt  |j.ETpoupiv7}v. 
SlUein  bieS  ift  nur  eirifeitig  gemeint;  benn  I,  13.  fagt  er  navxa  plv  ooa 
«ö-eXei  ouvaxat,  ou^  oaa  8k  öuvaxou  \HXei. 


S)er  ©IaubeiiSIeljre  erfter  Sfjeil.  gtoeiter  2t6|rf)nttt.  243 

oerbunbenen  Gmtsroeiung  stützen  können  unb  SSotlen  roieber 
nichtig.1 

4.  SD^it  ben  bi§ljer  gerügten  SDxifjoerftcmbniffen  Rängen 
nun  audj  mehrere  öoräüglidj  burdj  bie  fcf)olaftifcr)eri  Be- 
arbeitungen aufgefommene  Unterf^eibungen^tnnerSdTb  ber 
göttlidjen  OTmadjt  unb  (Sintb  eilungen  berfelben  §ufammen, 
roeldje  obne  ©djaben  tonnten  aufjer  Umlauf  gefegt  n>erben. 
Statin  gehört  äunädjft  ber  (SJegenfas  srotfcCjen  einer  unmittel- 
baren unb  mittelbaren  ober  abfoluten  unb  geordneten 
3tu§übung  ber  göttlichen  5IKma(^t  b.b.menn  fie  o^ne3^Ü^en= 
urfad>en  roirffam  ift,  unb  roenn  oermittelft  biefer.  ©obalb 
nun  einzelne  SSirfungen  einige  nur  auf  biefe  anbere  nur 
auf  jene  surüffgefütjrt  merben  fotten,  fo  ift  bk  Hnterf Reibung 
falfdS-  2)enn  atte§,  roa§  seitlich  unb  räumlidj  gefcrjietjt,  §at 
audj  in  ber  (Sefammtljett  be§  Slufeer  itjm  unb  Bor  ifjm  feine 
Bebingungen,  mögen  ftd)  un§  biefe  audj  nodj  fo  fefjr  öer^ 
bergen,  unb  fällt  in  fofern  unter  bit  georbnete  9ftadjt;  foll 
einiget  mit  3lu§fdjtuf3  oon  anberem  auf  bie  unmittelbare 
äurüffgefüljrt  merben,  fo  roirb  aller  Üftatursujammenbang  i 
aufgehoben.  SDenfen  mir  aber  nidjt  ba§  einzelne  al§  Sßirfung  | 
ber  göttlichen  OTmadjt  fonbern  bie  SSelt  felbft:  fo  fönneu 
roir  nur  auf  bie  unmittelbare  2lu§übung  äurüffgeJjn.  @o 
meit  mir  batjer  mit  ber  21nroenbung  be§  Begriffs  ber  @djö})fung 
in  ba$  einzelne  ge^en  tonnen,  fo  meit  audj  au§  bemfelben 
®runbe  mit  bem  einer  abfoluten  5lu§übung  ber  OTmadjt: 
fo  meit  aber  mit  bem  richtig  öerftanbenen  Begriff  ber  ffliu 
mirfung  ober  ber  ©rtjaltung  nadj  biefer  «Seite  t)irt, 2  fo  meit 
gebort  benn  aud)  aUe§  ber  georbneten  5lu§übung  ber  dJlafyt, 
roeldje  bie  51bljängigfeit  jebe§  eingelnen  üon  ber  ©efammt- 
beit  be§  ©ein§  auf  emige  Sßeife  feftgeftettt  bat,  unb  fid) 
gum  gortbefteben  ber  allgemeinen  SSecbfelroirfung  ber  Gräfte 
ber  einzelnen  2)inge  btbitnt  (Sinen  $unft  aber,  ben  mir 
nur  auf  bie  abfolute  5tu§übung  —  bit  man  ftrenger  tx\U 
gegenfegenb  nicbt  etma  bie  ungeorbnete  fonbern  bie  orbnenbe 
nennen  müfcte  —  unb  nictjt  auf  bie  georbnete  belieb cn 
bürften  ober  umgefebrt,  giebt  e§  für  un§  nidjt.  —  ©ine 
übnüdje  Beroanbtni&  bat  e§  mit  bem  Unterfd)iebe  ber  faft 


1  $>ie§    ßilt    oon    atten    folgen    gormein    toie    Deus    absoluta    suaj 
potentiä  multa  potest,    quae  non  vult  nee  forte  unquam  volet;  ober  i 
Nunquam    tot    et    tanta    efficit    Deus,    quia    semper   plura  et  majorn 
efficere  possit.     Ig.  Gerh.  loc.  theol.  I.  p.   132.  133. 

2  SSgC.  §.  38,  1,  u.  §.  45  Sufag. 


244  2)cr  d)i1ftltd)e  ©taube.  (Srfter  XtjeU. 


überall  gemacht  hrirb  ältufdjen  einem  fd)led)tl)tmgen  göttlichen 
gBttfen  unb  einem  bebingten.  *Rämli<j^r"dj'btefe  Slnnaljme 
mirb  ebenfalls  ba§  können,  meil  in  biefem  ein  fotdjer  Unter* 
fd)ieb  nicfct  gemad)t  mirb,  größer  gejest  at§  ba§>  äöollen; 
unb  e§  gestaltet  ftd)  eine  Slbftufung,  fo  bafj  bon  bem,  ma§ 
öott  rann,  er  einiget  fct)tect)tr)tri  null,  anbereä  nur  unter 
gemiffen  Söebingungen  mtlt,  unb  noct)  anbereS  gar  nicfjt  muX 
'Jlber  e§  berljält  fid)  aud)  feine§roege§  fo,  bafj  ©Ott  einiget 
fctjlectjtr)in  roottte  unb  anbereS  bebingt;  fonbern  mie  e§  für 
iebe§  roa§  gefd)terjt  etroa§  giebt,  mobon  mir  fagen  tonnen, 
roenn  biefeS  nictjt  märe  mürbe  and)  iene§  nictjt  fein:  fo  fann 
man  bon  allem  etnaelnen,  bafj  e§  ift  unb  mie  e§  ift,  fagen, 
ba%  ©ott  e§  nur  bebingt  min,  meii  jebe§  bebingt  ift  burd) 
,  anbereS.  5UTein  baSjenige,  raoburcrj  anbereS  bebingt  mirb,  ift 
felbft  burd)  ben  göttlichen  Sßilten  bebingt;  unb  §mar  fo  ba§ 
ber  göttliche  SSitte  auf  bem  ba§  bebingenbe  beruljt,  unb  ber 
göttliche  SBille  auf  bem  baä  bebingte  berufjt,  nidjt  ieber  ein 
anberer  ift,  f onbern  e§  ift  nur  ein  unb  berfelbe,  baZ  ganse 
öebiet  be§  fidj  unter  einanber  bebingenben  enblictjen  ©ein§ 
umfaffenbe,  göttlidie  SBitte,  unb  biefer  ift  gemifj  ber  fctjled)^ 
Einige,  meii  nid)t§  üju  bebingt.  <Sonadj  mürbe  alte§  einteilte 
bon  ©ort  bebingt  gemollt,  ba$  ©an^e  aber  al§  @ine§  mürbe 
fd)ted)trjin  gemollt.  21uf  ber  anbern  (Seite,  roenn  mir  einmal 
einselneS  au§  bem  Bufammenrjange  tjeraugnerjmen  unb  jo  ani 
ben  göttlichen  SSillen  besiegen,  merben  mir  fagen  muffen,  ba% 
jebe§  für  ftdj  befteljenbe,  foferu  mir  e§  nic^t  al§  bebingt  be= 
trachten  fonbern  al§  baZ  ©an^e  mitbebingenb ,  bon  ®ott  fo 
fef)r  al§  ba§  roa§  e§  ift,  gemollt  mirb,  bafj  \a  aud)  alle§ 
anbere  fo  merben  mufj  unb  nid)t  anbereä  merben  fann,  al§ 
fo  mie  biefe§  barauf  einmirlt,  roeld)e§  ja  eben  fo  biel  fagen 
mitl,  al§  bafs  e§  fc^ledjt^in  bon  ©Ott  gemollt  fei.  %n  biefer 
iBesieljung  alfo  mirb  man  fagen  tonnen,  bafj  aü*e§  einzelne, 
foferu  e§  bur<$  anbereS  beroirft  merben  mufj,  aucl)  nur  bebingt 
bon  ©ott  gemollt  ift,  unb  ja  nierjt  al§  ob  e§  be§l;alb  roeniger 
gemollt  märe  ober  meuiger  sur  2BirfIid)feit  fäme;  aüe§  aber 
foferu  e§  felbft  roirtjam  ift  unb  anbereS  auf  mancherlei  Steife 
bebingenb,  fei  ba§  bon  ©Ott  fd)led)tl)in  gemoate. 

21m  fd)limmften  aber  fetjeint  ber  ganje  begriff  ber  göttliche« 
51ttmad)t  gefä^rbet,  menu  man  einanber  gegenüberftetlt  eine« 
mirtiamen  unb  unmirfiamen  göttlid)en  Söitlen,  unb  einen 
freien  unb  notljmenbigen.  2)er  not^roenbige  28iHe  nämlici 
foll  ftc^  auf  baäjentge  be^ieljeu  mag  ©ott  bermöge  feines 
Sefeng  miH,  ber  freie  auf  ba%,  ma§  er  feine§  SBefenS  falber 


fter  ©IaitEenSIetjre  erfter  Sfoil.  3weiter  Stöföniti.  245 

•uct)  eben  fo  gut  ntc^t  motten  fönnte1  mobei  man  boraugfest, 
eg  gehöre  nidjt  an  feinem  SSefen  ftd)  felbft  su  offenbaren. 
Vermöge  beg  notbmenbigen  Sßitteng  alfo  mitt  ©ott  ftd)  felbft, 
unb  vermöge  be§  freien  anbereg  alg  ftd)  felbft.  2lber  ein  ©icfc 
felbft  motten  ®otteg  bleibt  immer  eine  pdjft  unbequeme 
gormel,  unb  man  fann  ftd)  bann  faum  mefjr  surüf  galten  bon 
ber  fpigfinbigen  grage,  ob  mie  bermöge  ieineg  freien  SBitteng 
bie  SBelt  ift,  fo  aud)  ®ott  felbft  ift,  meit  er  öermöge  feineg 
notf)menbigen  SMeng  ftd)  felbft  mitt,  ober  ob  er  ftd)  felbft 
Witt,  meit  er  ift.  Ober  um  eg  etmag  anberg  anzubrüllen, 
ob  biefeS  ©idj  felbft  motten  meljr  nad)  ber  SSeife  ber  ©elbft* 
crfjattung  ift  ober  meljr  nad)  ber  SSeife  ber  ©elbftbittigung, 
»ber  menn  man  bcibzä  aufammenfaBt  nad)  ber  SBeife  ber 
©elbftliebe.2  ®a  nun  ©eibfterijaltung  alg  mirftidjer  SSBitte 
fidj  fdjmerlidj  benfen  lä£t,  menn  nidjt  etmag  angeftrebt  ober 
abgeftofjen  m erben  muB,3  unb  ©elbftbittigung  ein  gehaltenes 
SkmuMein  faft  notbmenbig  ooraugfest:  fo  fter)t  man  leidjt,  baB 
bie§  ©idj  felbft  motten  ni<$t§  anbereg  befagen  fann  alg  bag 
©ein  Lottes  felbft  unter  bergorm  be§SSitten§  gefeät.  2)iefeg 
rein  innerliche  auf  iljn  felbft  belogene  in  ®ott  fann  aber  in 
nnferm  frommen  ©elbftbettmfjtfein  niemals  oorfommen;  unb 
fo  fiele  biefer  notfjmettbige  SBitte  ®otteg  auf  jteben  gatt  alg 
etmag  rjtetjer  gar  nicfct  geprigeg  ber  foeculatioen  Geologie 
enljetm.  Ueberbieg  aber  fdjetnt  meber  biefer  ®egenfas  felbft 
auf  ®ott  anmenbbar  ju  fein,  nod)  aucf)  mag  man  unter  bie 
entgegengefegten  (^lieber  gebracht  pat,  Oon  einanber  getrennt 
merben  ju  fönnen.  2)enn  mo  ein  foldjer  ($5egenfas  befielt,  ba 
mufj  bag  notljmenbige  unfrei  fein  unb  bag  freie  in  feiner 
9*otljroenbigfeit  begrünbet,  alfo  mittrufjriid).  23eibeg  ift  aber 
eine  Unoottfommen(jeit,  folgltcf)  l}at  biefer  ©egenfa^  überhaupt 
feinen  Ort  nur  in  bem  burd)  anbereg  mitbebingten  ©ein,  unb 
mir  bürfen  baljer  in  ®ott  nic^tg  alg  notfjmenbig  benfen  of)iie 
eg  äugleid)  alg  frei  gu  fegen,  unb  nid)t  alg  frei  bafj  eg  nid)t 

1  Gerh.  loc.  th.  III.  p.  203.  Ex  uecessitate  natura© 
vult  quae  de  se  ipso  vult ,  Bulla  re  sive  extra  se  sive  intra  se  per- 
motus.  Libere  vult,  quae  de  creaturis  vult,  quae  poterat  et 
Teile  et  nolle. 

2  Weg  scheid.  Institt.  §.67.  voluntas  necessaria  i.  e.  actus 
voluntatis  quae  e  scientia  necessaria  promanare  dicitur,  amor  nimirum 
quo  Deus  .  .  .  se  ipsum  complectatur  necesse  est. 

3  <5o  fretlid)  bejcfjreiben  SSiele  nodj  £>en  göttlichen  SGßiHen,  toie  Mos- 
heim.  T  h.  dogrn.  p.  277.  actus  appetendi  quae  bona  sunt  et 
aversandi  quae  mala  sunt. 


246  Der  djrtftlifle  ©taube,  (grfter  £IjeU. 


«iugletdj  uotljmenbtg  fei  (Sben  fo  menig  aber  fönnen  mir 
aitdj  (55otte§  SBoIIen  feiner  fe!6ft  unb  ©otte§  SBotten  ber 
SBelt  bon  etnanber  getrennt  benfen.  2)emt  tt>tU  er  ftcf)  felbft, 
f o  nritf  er  fidj  audj  q!§  @d)öpfer  unb  ©rfjalter,  fo  bafj  in  bem 
<Si<$  felbft  motten  tdjon  ba§  SSotten  ber  SSett  eingefd)!  offen 
ift.  Unb  lütEC  er  bie  23elt,  fo  iütH  er  in  ifjr  aueq  feine  emige 
unb  atfgegenmärtige  Slttmadjt,  morin  alfo  ba$  SBoIIen  feiner 
felbft  eingefcfjloffen  ift;  ba$  Reifet  ber  notfjmenbige  SSiHe  in 
bem  freien  unb  ber  freie  in  bem  not^menbigen.  Unb  offenbar 
entftmdjt  in  ber  5lrt,  roie  ©ott  in  unferm  frommen  ©elbft* 
benntfjtfein  borfommt,  nidjtS  biefem  (S5egenfaj  unb  e§  fefclt 
itjm  an  bogmatifdjem  ^5er)att.  —  3ßa§  enbiidj  ben  <55egenfaj 
ärotfe^en  einem  mirffamen  unb  unroirffamen  göttlichen 
SSitten  betrifft:  fo  ttriberfortdjt  er  suerft  bem  allgemein  aner* 
fannten  (gas,  i>a%  baZ  göttliche  Sßollen  ft$  ntdjt  roeiter  er* 
ftreftt  al§  ba§  können.1  S)enn  roie  foffte  roofjl  ein  regier 
unb  roirflidjer  Sßttte  unroirffam  fein,  roenn  it)m  ba$  können 
nid)t  fehlte.  (£§  ift  aber  ju  bemerfen,  bafj  ber  (Sine  alle§  um^ 
faffenbe  göttliche  SSiffe  baffeibe  ift  mit  ber  einigen  OTmatf)t ; 
ift  er  nun  al§  eroig  seitlo§,  fo  fann  ü)m  ber  @er)alt  feiner 
beftimmten  gtit  gans  entfbredjen,  unb  erft  fcier  ift  ber  ßött* 
Itc&e  Sßitte  immer  unroirfTam.  @r  ift  aber  immer  roirffam, 
tu  eil  ieber  3etttt)etl  nur  in  ber  Erfüllung  be§fetben  berläuft; 
unb  roa§  bem  göttlichen  SBitten  ju  rotberftreben  ober  iljn 
äurüüsubrängen  fcf»eint ,  ba§  ift  immer  nur  sur  seitlichen  GSh> 
füttung  beffelben  mitroirfenb.2  galten  mir  nun  biefe§  feft:  fo 
ift  bon  einem  borl)ergef)enben  unb  nadjfolgenben  SSillen, 
roenn  man  nur  Sßille  unb  SBefeljl  unterfdjeibet,  gar  ntdjt 
nött)ig  su  ljanbelri,  bur<$  roel<$e  SluSbrüfte  noc^  gar  ber 
<Sdjein  eine§  2öecbfel§  in  bem  SSitten  ®otte§  entfielen 
mürbe. 

Sufas.  SSon  b  er  Unabljängigfett  ®otte§.  ©nt* 
Ijält  nun  ba§  fä)led)tt)imge  5lbljängigfeit§gefüljl  bie  £>inroeifung 
auf  bie  göttliche  OTmac^t:  fo  ift  nidjt  meljr  notljroenbig,  bie 
llnabljängigfeit  ®otte§  al§  eine  befonbere  (£tQenfcr)aft  berbor- 


1  (5.  Gerh.  1  o  c.  th.  I.  p.  154.  praeter  voluntatem  non  indiget 
aliqua  potentia. 

2  hierauf  arünben  ftd)  aud)  bie  gormein  be§  Augustinus  auf  bje 
man  fjler  immer  jurüfffornmen  tnufe.  Enchirid.  26-  Omnipotentis 
voluntas  semper  invieta  est.  —  nee  nisi  volens  quiequam  facit,  et 
wnnia  quaeeunque  vult  facit.  27.  dum  tarnen  credere  non  cogamur 
illiquid   omnipotentem  Deum  voluisse  fieri,  factumque  non  esse. 


2>er  QHautenSIefjre  erftcr  Sfoil  3toeiter  TOSnitt. 247 

jufjeben.  £>enn  bleibt  man  irgenb  ber  ^CbXettuttg  be§  SßorteS 
getreu:  fo  ift  fte  al§  ba§  (Segentljeil  ber  Slbljängigfeit,  in 
melier  mit  un§  fetöft  ftnben,  bo#  nur  eine  negatibe  ©igen* 
fdjaft  unb  gleitf)t*am  ein  ©c&attenbilb  ber  Wmafit,  unb  faßt 
nur  ou§,  bai  ^5ott  feine  Söegrünbung  ober  feine  Urfadje  feine§ 
2)afem§  aufjer  ftdj  Ijat,  toaS  mit  ber  fcr)o!afttfc^en  Aseitas, 
öleic&fam  21u§  ftdj  fein,  aufammenfällt.  sßerroanbelt  man  nun 
bieg  in  bie  gang  gleichartige  gormel,  bafe  in  Söe^ieljung  auf 
•®ott  nacb,  einem  ®runbe  gar  ntdjt  gefragt  merben  fann,  fo 
fte&t  man  Togletcrj ,  hrie  bitZ  in  unfern  beiben  ^autotbegriffen 
ßmigfeit  unb  Stllmac&t  föon  oottftänbig  enthalten  tft  5lbet 
freiließ  tft  bie  SBeljanblung  biefeS  5lu§bruff§  feljr  berfdjieben. 
Einige  legen  in  ben  Söegriff  biefe§  mit  Innern,  bafe  (Sott  &ert 
über  alles  tft.1  £)ie  £errfd)aft  Ijängt  aber  mit  ber  Unab* 
Ijängigfett  nur  sufammen  unter  ber  SBorauSfejmtß,  ba§  ber 
Unabhängige  bodj  sugletdj  audj  bebürftig  fei ;  benn  f onft  fann 
»einer  gans  unabhängig  fein,  otme  au<$  bie  gertngfte  £>errfdjaft 
3U  Ijaben.  ©onadj  ift  biefe  3uf ammenf affung ,  menn  bodj 
überhaupt  göttlidje  ©igenfcfcaften  gefonbert  merben  fotfen,gani 
untb,unli<$.  &at  nun  ba§  „Sftiemanben  etma§  fc&utbig  fein" 
bod)  nur  einen  moralifc&en  (Sinn,  unb  leugnet  bie  5lnmenb* 
barfeit  be§  Begriffs  einet  SBerbflidjtung  in  Söesieljung  auf 
<Stott:  fo  mirb  ber  begriff  baburdj  geseilt,  unb  e§  gtebt,  nadj 
ber  gemöfjnlt<$en  SßerfaljrungSmetfe,  eine  bMtfc&e  Unabhängig* 
feit  unb  eine  moraltfdje.  lieber  bie  lestere  nun  Ratten  mit 
biet  nidjt§  ju  fagen;  unb  menn  ba$  £>err  übet  a£Ce§  fein 
botf)  nut  ein  5Iu§btuff  bet  OTma^t  fein  fann,  menn  mir 
nämlidj  ba§  moratiföe  im  borau§  meglaffen,  ba§  ftdj  audj 
5ier  einmtfdjt,  bafc  ©ort  aud)  als  &err  nidjt  berfcfüd)tet 
merben  fann,  b.fi.  unter  feinem  ®efes  fteljt:  fo  bleibt  un§ 
nichts  übrig  als  iene§  2lu§  ftdj  fein  ®otte8,  meiere  rein 
fpeculatibe  gormel  mir  auf  bem  bogmatifdjen  (gebiet  nur  in 
ben  ®anon  umfe§en  fönnen,  bafc  ju  irgenb  etma§  in  (Sott  ein 
S5efttmmung§grunb  aufcer  (Sott  ntdjt  %u  fe§en  ift.  2)iefe§ 
aber  liegt  fd>on  fo  beftimmt  in  untrer  erften  (grfläruna,*  bafc 
nid)t  nötljig  ift  e§  befonber§  Ij  er  ausgeben. 


1  9vein^arb§S)ogtn.  ©.  106.1ndependentia  est  illud  attrributum, 
quo  nemini  quiequam  debet,  et  ipse  solus  est  omnium  rerum  domi- 
nus. —  Jo.  Dam.  de  orth.  fid.  I,  19.  ljat  ftä)  tool  Jdjtoerlidj 
«oxsSouaios  toa§  am  meiften  bem  unabhängig  entfpridjt  mit  auToxpaiTj? 
anb  avsvSer]?,  gufammen  al§  Sin  Sßräbilat  gebaut. 

*  SSflI.  §.  4,  4. 


248  Sex  $xiftlid;e  ©taube.  Srfter  Xfjeil. 

$ierte§  ßebrftüff. 
©Ott  ift  oltouffeub. 

§.  55.  Unter  ber  göttlichen  2lEtr>iffenl;ett  ift  gu  benfett 
bie  fd?led)tfyinicje  ©eiftigfeit  ber  göttlichen  SWmacfyt. 

1.  ®iefc  (Erflärung  ift  ganj  ber  Slrt  attöemef Jen ,  tute  mir 
oben1  au  biefem  begriff  gefommen  finb;  aber  e§  ift  bocb  audj 
l)ter  nod)  bejonberS  au  bebormorten,  ba%  audj  überall  bie 
£auptabameffung  beffelben  meit  mebr  babin  gebt,  bafj  bte 
aöttlic^e  Urfäcblidjfeit  al§  fdjted)tt)in  lebenbig  gebaut  merbe, 
al§  bafj  eine  5let)rtlict)fett  anheben  ®ott  unb  bem  ma§  mir  in 
bem  un§  gegebenen  ©ein  al§  ($5eift  beaeicbnen  anf  eine  be* 
ftimmte  9lrt  feftgefteüt  merbe.  ^ene§  gefjört  mefentlicfc  baau, 
menn  baä  fcbtedjtbimge  5lbbängigfeit§gefübl  ober  bie  grömmtg* 
feit  mabrbaft  unb  tüirflict)  fein  foll;  benn  eine  tobte  nnb  blinbe 
^cotljmenbigfeit  toäre  in  ber  Stjat  nicbt  dtoa§,  womit  mir  in 
SBeaicljung  fielen  fönnten,  nnb  eine  folcbe  al§  aller  enblicfjen 
Urfäcbltdjfeit  gleich,  itjr  aber  entgegengefeat,  biefje  eigentlich 
nur  bie  leate  allein  feaen,  alfo  audj  eine  fcblecbtbinige  %lb* 
fjängigfeit  für  etma§  unmaljre§  erflären,  meit  mir  ja  at§ 
%elbfturfad>en  bon  enbtic^er  Urtäc&lidjfeit  nidjt  fcr)lecrjt5tn  ab* 
gängig  finb.  2)ie  5lebnlidjfeit  aber  steiferen  ($5ott  unb  bem 
geiftigen  im  enblidjen  ©ein  beftimmen  motten,  ba%  ift  eine 
gemifc  nur  burdj  unenblic^e  2lnnätjerung  au  löjenbe  Aufgabe, 
inbem  mir  unoermeiblidj  megen  ber  I;ier  überall  in  irgenb 
einem  ®rabe  oortjanbenen  SBeimifdjunö  oon  ©mpfänglicbfeit 
unb  Seibentlidjfeit  in  iebem  3lu§bruff,  märe  e§>  aueb  unbemufet, 
etma§  mttfeaen,  ma§  erft  mieber  burd)  einen  anbern  binmeg* 
öefetjafft  merben  muf).  SBirb  nnn  bier,  mo  mir  be§  fcblec&t* 
Einige  2lbf)ängigfeit§gefübl  nur  feinem  28e[en  nadj)  betrachten, 
unb  e§  alfo  mit  ber  göttlidjen  Urfädjlidjfett  aueb  nur  ibrem 
Söefen  nadj  au  ttjun  gaben,  bk  (SJeiftigleit  bureb  bie  Function 
be§  323iffen§  beaeiefmet,  jo  muft  alfo  unfer  erfter  ®anon  ber 
fein,  alle§  bon  ber  ©eifttgleit  be§  göttlichen  SSefenS  au^u- 
fcbliefcen,  ma§  eine  (£mpfänglicb!eit  ober  ßeibentltcbfeit  notb* 
menbig  in  fiel)  fcbüefjt.  (So  menig  alfo  ber  göttliche  SBiffe 
al§  ein  23egel)rung§oermögen  gebaut  merben  barf,  eben  [o 
menig  aueb  bie  göttlicbe  OTmiffenbeit  al§  ein  SBerueljmen  ober 
©rfabren,  ein  ßufammenbenfen  ober  gufammenfebauen.  ggfr 
nnn,  meil  mir  fein  anbereS  al§  folcbcS  SSiffen  fennen,  morin 

1  §.  50,  2. 


£er  ©fouöenSlefce  erfter  S^eil.  a^etter  Stöfdjnitt.  249 

(gelbfttljätigfeit  unb  (£mbfcmgtiä)feit  in  einanber  ftnb,  nur  in 
öerfätebenem  Wlaa%,  untcrf Reiben,  je  nad)bem  eine§  r>on 
biefen  betben  übernriegt,  ein  meljr  in  un§  ftdj)  bilbenbe§  unb 
ein  mefjr  üon  aufjen  aufgenommene^ ,  unb  nodj  Ijöljer,  meü 
ber  größte  £beit  unfereS  ®enfen§  baZ  ©ein  al§  feinen  ®egen* 
ftanb  üorau§fest  unb  nur  roenige§  auf  unfer  hervorbringen 
im  ©ein  ftct)  beliebt,  bie  ätteffbilbenbe  ©enffl&ätigfeit,  auf 
meiere  ein  £eroorbrtngen  folgt,  unb  bie  betratf)tenbe,  meiere 
fid&  auf  ein  fdjon  öorfjanbeneS  beliebt.  Sluf  ®ott  aber  ift 
bieder  legte  Unterfcbieb  äunädjft  gar  ntcr)t  anmenbbar,  meü  e§ 
feine  ®egenftänbe  ber  ^Betrachtung  für  itjn  giebt,  al§  burd) 
feinen  SBitfen  beftebenbe,  fonbern  atte§  göttliche  SSiffen  ift 
nur  ba§  Sßiffen  um  ba§>  ($5emolIte  unb  £erOorgebrarf)te,  ntcrjt 
ein  SBiffen  bem  ein  ©egenftanb  anbermärtS  Ijer  tonnte  ge* 
geben  merben.1  ^a  ba  e§  für  üjn  feine  Slufeinanberfolge  i 
giebt:  fo  fann  man  aurf)  nidjt  einmal  fagen,  ba%  bie  sroeft>v 
bilbenbe  £>enftf)ätigtat  ber  2Bttfen§tf)ätigfeit  Oorangeljt.2  Unb 
ba  infolge  be§  obigen  auetj  attrifdjen  bem  SBefdjIiefcen  unb 
bem  5lu§fübren  be§  SBefäloffenen  ein  fold)er  ttnterfdjieb,  Der* 
möge  beffen  un§  bie  3m  eff  begriffe  ganj  ober  tbeilmeife  nur 
ibeal  bleiben,  ntebt  ftatt  finben  fann,  inbem  fonft  bie  göttliche 
5Ittmacrjt  ftdj  im  enbticcjen  ©ein  nidjt  Oollfommen  barfteEen 
mürbe,8  eben  \o  roenig  aber  gu  bem  göttlichen  Renten,  bamit 
fein  ®egenftanb  roirflid)  roerbe,  meber  irgenb  anbere  benletb* 
liefen  mefjr  analoge  £f)ätigfeiten,  nod)  ein  «Stoff  trgenbnüe 
binäufommen  barf,4  fo  ift  baZ  göttliche  ®enfen  gans  baffelbe 
mit  bem  göttlichen  SSolIen,  unb  Mmad)t  unb  Mnüffenbeit 
einerlei.  (£ben  bieie*  rairb  aud),  ba  in  ©ort  fein  Smiefpalt 
irotfefen  Söort  unb  ©ebanfen  ftatt  finbet,  ja  ber  2lu§bruff 
Sßort  fetbft  nur  bie  SBirffamfeit  be§  ©ebanfen§  nad)  aufcen 
tJuTBebeuten  fann,  in  allen  gormein  au§ge[agt,  meldje  ba§ 
göttlidje  SSort  ai§  ba§  fdjaffenbe  unb  ertjattenbe  barftellen; 
unb  e§  ift  ooHfommen  richtig,  roa§  aud)  Otelfältig  ift  gefagt 


1  ®ie3  meint  Calvin.  Institt.  III.  23,  6.  Quum  nee  alia  ratione 
quae  futura  sunt  praevideat,  nisi  quia  ut  fierent  decrevit;  too  nur 
ba§  öorau§  ettoa§  unöeljolfen  ift.  Keffer  ödjer  Erigena  de  praedest. 
p.  121.  Ea  ergo  videt  quae  facere  voluit,  neque  alia  videt,  nisi  ea 
quae  fecit. 

2  Id.  ibid.  p.  125.  Non  in  eo  praecedit  visio  Operationen^ 
quoniam  coaeterna  est  visioni  operatio. 

3  Sgl.  §.  53,  2. 

4  sRgl.  Ansei m.  Monol.  cap.  XI. 


250  2)er  djrlftlidje  ©lau&e.  ßrfter  a$eil. 

roorben,  bafj  2Itfe§  ift   baburd),  bafj  ®ott   e§   fprtd)t   ober 
benft.1 

Snbcm  nun  fo  bie§  göttliche  Söiffen  für  bie  göttliche 
Sßrobucttbität  bte  fdjaffenbe  forcol  al§  erljaltenbe  felbft  erfannt 
lDtrb:  fo  folgt  barau§  junädjft,  bafc  e§  bottfommen  baffelbige 
göttlidje  SBtffen  ift,  tuelc^eS  bte  göttliche  Sltfmiffenljeit  unb 
roeldjeS  bte  göttliche  SSeiS^ett  conftitutrt.3  SBirb  beibe§  ge* 
trennt:  fo  hrirb  tttvaä  au§  unferem  (Sein  auf  (Sott  übertragen, 
ir>a§  für  tfm,  unb  h)enn  man  e£  audj  unenblid)  fest,  bodj  nur 
eine  Unbotffommenljeit  fein  fann.  S)emt  ba  ba§  roenigfte  in 
bent  un§  untgebenben  Sein  bon  unferer  £fjätigf  eit  au§geljt: 
fo  ift  für  un§  freiließ  ein  bon  unferm  (Sinflufj  auf  bk  £)inge 
unabhängiges  (Srfennen  berfelben  atterbingS  ein  (&ut  unb  eine 
SSottfommenbeit.  @d}liefjen  nrir  aber  in  ®ebanfen  ba$  bebtet 
unfereS  trenn  audj  nodj  fo  befdjränften  $8ilben§  unb  $erbor* 
bringen§  für  ftdj  ab:  fo  wirb  e§  immer  bon  einer  Unbott* 
fommentjeit  jeugen,  menn  bk  fbätere  ©rfenntnifj  be§®ünftler§ 
bon  ber  ($5efammtt)eit  feiner  Sßerfe  ettvaä  anbereS  enthält,  al§ 
roa§  in  feinem  gtoeffbegriff  mar;  mag  nun  ba&  Urbilb  un* 
bottfommen  gemefen  fein  ober  bte  bitbenbe  Sf)ätigfeit,  ober 
mag  ba$  (bebtet  nidjt  fo  abgef^loffen  gemefen  fein,  ba%  nidjt 
notf)  etma§  frembe§  auf  bie  SSerfe  I^abe  (Smflufj  geminnen 
!önnen.  9lun  aber  ift  bie  SÖSelt  al§  ber  Inbegriff  be§  gört* 
liefen  23itben§  unb  £>erborbringen§  fo  abgef tfjloffen ,  bau  e§ 
nichts  aufjer  berfelben  giebt,  ma§  (jinftufj  barauf  geminnen 
fönnte.  Sllfo  müfjte  febe§  Unterfdjetben  ber  SBetSljeit  unb  ber 
OTmiffenljeit  i^rem  Snljalte  nad)  eine  Unbottfommentjeit  in 
<$ott  borau§fe§en.  Slber  aud)  ber  gorm  nadj  fann  ein  Untere 
fd)ieb  änrifdjen  beiben  fdjmerlid)  ^gegeben  merben;  benn 
meber  fann  ba§  eine  meljr  einen  innern  unb  ba§  anbete  meljt 
einen  äußern  Urfbrung  fjaben,  nod)  fann  ba$  eine  me^r,  ba§ 
anbere  meniger  mit  bem  göttlichen  SBotten  berbunben  fein, 
fonbern  menn  fdjon  bie  OTmiffenl^eit  nidjt§  anbere§  ift,  al§ 
bie  abfolute  Sebenbigfeit  ber  göttlichen  OTmadit,  fo  mufj  bk§ 
eben  fo   fefjr  bon  ber  göttlichen  %8ti§fytit  gelten,  menn   fte 


1  Hilar.  in  Ps.  CXVIII.  sgm.  4.  Ergo  omne  ex  quo  vel  in 
quo  mundi  totius  corpus  creatum  est ,  originem  sumit  ex  dicto ,  et 
subsistere  in  id,  quod  est  ex  verbo  Dei,  coepit.  —  Ansei m.  Monolog. 
c.  XII.  Quicquid  fecit,  per  suam  intimam  locutionem  fecit,  sive 
singula    singulis   verbis,  sive  potius  uno  verbo  simul  omnia  dicendo. 

2  Augustin.  de  div.  qu.  ad  Simpl.  II.  2,  3.  Quamquam  et 
in  ipsis  hominibus  solet  discerni  a  sapientiä  scientia  ...  in  Deo 
autem   nimirum   non  sunt  haec  duo  sed  unum 


£)er  ©Iau&en§refcre  erfter  Sfieil.  3toeiter  Stöföniti.  251 

bodj  ber  Inbegriff  ber  göttlichen  gmeffbegriffe  fein  foH.  @§ 
fann  baljer  immer  nur  eine  befonbere  Sßetrac&tungSmeife  [ein, 
um  berentraillen  bk  2Sei§t)ett  nod)  all  eine  befonbere  (£igen= 
fd^aft  gefegt  mirb,  unb  in  fofern  nrirb  anberroärtS  bon  iljr 
bte  Sftebe  fein.  @§  folgt  aber  aud)  femer,  bafj  ba$  enbli^e 
©ein  eben  fo  ooüfommen  in  bem  göttlichen  SBiffen  aufgelm 
mufj,  al§  in  ber  göttlichen  OTmadjt,  unb  bafj  ba$  göttliche 
Riffen  fiä)  aucf)  eben  fo  ganj  in  bem  enbtiäjen  ©ein  barfteUt, 
xvk  bie  göttliche  SlUmac^t:  fo  bafj  htibtä  gegen  einanber  ge* 
galten  in  bem  göttlichen  SSiffen  nichts  übrig  bleibt,  roosu  e§ 
nic&t  entfprecfjenbeS  im  (Sein  gäbe,  ober  meldje§  in  einem 
anbern  Sßerljältnife  sunt  ©ein  ftänbe,  fo  bafj  biefe§  f<$on  müfcte 
borauSgefeat  merben,  bamit  jeneB  gefegt  fei.  Dber  um  e3  fürs 
äu  fagen,  ®ott  meifj  aHe§  ma§  ift,  unb  alle§  ift  ma§  ®ott 
meifj,  unb  biefeS  htü>t%  ift  nictjt  ätüeierlet,  fonbern  einerlei, 
toeil  fein  SSiffen  unb  fein  allmächtiges  SBotten  eine3  unb 
baffelbe  ift. 

2.  9^act>  bem  bisher  gefügten  muffen  nun  bk  anbermeitigen 
aröfjtentljeitS  fpäteren  95eftimmungen  über  bie  göttliche  WL- 
roiffenljeit  beurteilt  derben,  oon  benen  ftcf)  freiließ  im  all* 
gemeinen  fagen  iäfjt,  ba%  fte  ntenfc&lü&e  Tätigkeiten  fo 
aufgefaßt,  raie  fte  fc&on  bk  Unbottfommenfjeiten  in  ftdj 
fdjtiefeen,  auf  ®ott  übertragen,  fo  bafj  burd)  bk  (Sntfdjränfung 
feine§mege§  bie  UnooIIfommenljeit  ^erauSgefc^afft  nrirb.  2)a* 
§in  geprt  nun  gunäc^ft,  menn  in  ®otte3  Sßiffen  um  ba$ 
©ein  untertrieben  nrirb  5lnfc(jauung,  (Erinnerung  unb 
Ißor^ertoiffen,  unb  bann  bie  göttliche  SlUmiffen^eit  al§  bk 
atteroottfornmenfte  (Srfenntnifj  ber  ®inge  au§  biefen  breien 
^ufammengefeät. 1  2)enn  ba  baffelbige,  ma§  ie§t  ein  gegen* 
loärtige§  ift,  Ijeraad}  ein  Vergangenem  nrirb,  nrie  e§  oor&er 
ein  surunftige§  mar:  fo  muffen  biefe  brei  ©rfenntnifjarten 
in  (Sott  entmeber  augleidj  fein  auc&  für  benfelben  (Segen* 
ftanb,  aber  bann  muffen  ftdj  audj  bk  Unterfd)iebe  im  gugleidj* 
fein  gän§licf)  abftumbfen,  ober  foHen  fte  bodj  unterfdjieben 
bleiben  unb  aufjer  einanber  fein,  fo  muffen  fte  au$  in  (Sott 
auf  einanber  folgen,  je  nadjbem  bk  ernannten  £>tnge  au§  ber 
<8ufunft  in  bie  SSergangen^eit  übergeben,  rooburd)  bann,  gegen 


1  So  Sftetnfjarb  S)ogm.  §.25.  Omniscientia  divina  est  attri- 
butum,  quo  omniam  rerum  Cognitionen!  habet  longo  perfectissimam. 
St&er  fdjon  biefer  ©uperlatio  fefiliefet  eine  S3ergleic§ung  in  ftd),  unb  fest 
-alfo  bie  göttlidje  (Srfenntnifj  ber  ber  enblic&en  SBefen  gleichartig,  mitfiin 
äeitltdj.     §ernad)  tontnten  dttä)  praescientia  visio  unb  reminiscentia  cor. 


252  ©er  c$rt[tttdje  ©Iau&e.  (Srfter  Sfieil. 

ben  ®anon  bafc  in  ©ott  feine  Sßeränberung  fei,  eine  3Mfferen& 
in  ba§  göttliche  SBiffen  gebraut  nrirb.1  2öenn  mir  nun 
fagen,  tüte  nur  fdjon  öfter  burdj  gufammenfaffen  ber  ©egen^ 
fäse  im§  ba§  göttltcfcje  über  ben  ©egenfas  gefteUt  fein  Ijaben 
barsufietten  oerfud)t,  ba$  bottfommne  Söiffen  um  ba§  gür 
ftdj  fein  eine§  ®inge§  fei  baffelbe  mit  bem  SSiffen  um  ba§ 
innere  ©efes  feiner  ßmtmifflung,  unb  ba§  oollfommne  SBiffen 
um  ben  Drt  eine§  £)inge§  im  ©ebiet  ber  allgemeinen  2Be$fel- 
mirfung  fei  einerlei  mit  bem  SSiffen  bon  bem  (SinjTufe  aller 
anbern  3)inge  auf  biefe§,  beibtä  DoHfommne  SBiffen  aber  fei 
in  ©ott  ein  unb  baffelbe  unsettltdje  ba$  ©ein  be§  ©egen* 
ftanbe§  beftimmenbe  SSiffen,  bei  un§  aber  werbe  beibe§,  meil 
unoollfommen,  baljer  audj  ein  fcerfd)iebene§  seitliches,  roeil 
unfer  SSiffen  ntctjt  ba%  ©ein  ber  2>tnge  beftimmt,  fonbera 
burd)  baffelbe  beftimmt  rairb:  fo  Ijaben  mir  eine  Slnbeutung 
menigftenS,  um  jene  §u  grofje  $ermenfct)licbung  be§  göttlichen 
SSiffen§  nadj  SDcöglicltfett  m  oermeiben.2  —  9?tdjt  beffer  tft 
e§  nun  aud)  mit  ber  (Eintbeilung  beftellt  in  ba§  freie  ober 
anfdjaulidje  göttliche SSiffen  unb  einnotbtoenbige§SSiffen 
ober  blo|e§  teufen,3  ha  benn  ba§  erfte  ©lieb  jene  hi& 
5er  tetxa^tekn  brei  Slrten  be§  Sßiffen§  in  fiel)  begreift,  \>aZ 
anbere  aber  baSjenige  göttliche  SSiffen,  roelcfjeS  ©ott  felbft 


1  August  in.  1.  c.  Quid  est  enim  praescientia,  nisi  scientia 
futurorum  ?  Quid  autem  futurum  est  Deo ,  qui  omnia  supergreditur 
tempora  ?  Si  enim  scientia  Dei  res  ipsas  habet,  non  sunt  ei  futurae 
sed  praesentes,  ac  per  hoc  non  jam  praescientia  sed  tantum  scientia 
dici  potest.  Si  autem  sicut  in  ordine  temporalium  creaturarum,  ita 
et  apud  eum  nondum  sunt,  quae  futura  sunt,  sed  ea  praevenit 
sciendo,  bis  ergo  ea  sentit,  uno  quidem  modo  seeundum  futurorum 
praescientiam,  altero  vero  seeundum  praesentium  scientiam.  Aliquid 
ergo  temporaliter  accedit  scientiae  Dei  quod  absurdissimum  et 
falsissimum  est. 

2  A  u  g  u  s  t  i  n.  1.  c.  Cum  enim  demsero  de  humana  scientia 
mutabilitatem  et  transitus  quosdam  a  cogitatione  in  cogitationem, 
cum  .  .  de  parte  in  partem  crebris  recordationibus  transilimus  .  .  . 
et  reliquero  solam  vivacitatem  certae  atque  inconeussae  veritatis 
una  atque  aeterna  contemplatione  euneta  lustrantis,  immo  non  reli- 
quero, non  enim  habet  hoc  humana  scientia,  sed  pro  viribus  cogita- 
vero:  insinuatur  mihi  utcumque  scientia  Dei;  quod  tarnen  nomen, 
ex  eo  quod  sciendo  aliquid  non  latet  hominem  potuit  esse  rei  utrique 
commune. 

8  Scientia  libera  ober  visionis  mib  scientia  necessaria  ober  sim- 
plicis  intelligentiae. 


£er  gtofienglefre  erfter  Sfoil.  gtoetter  gfifänitt. 253 

unb  atte§  mögliche  pm  ©egenftanb  ^aben  fott.1  ©onberbar 
tnufc  rjier  einem  Seben  unb  stt)ar  auf  bie  unerfreuliche 
Sßeife  auffallen,  bafc  unter  gutem  tarnen  aufammengefafjt 
toirb  ©otte§  SSiffen  um  fufc  felbft  unb  fein  SBtffen  um  ba§ 
blofj  mögliche.  SDenn  mag  man  barunter  nur  benfen  ba§* 
jenige,  roa§  niemals  nrirllicrj  mirb,  ober  audj  ba§  roa§  sum 
2>afein  fommt,  aber  abgefeljen  oon  feiner  803irftt<$feit:  immer 
bUiht  ©ott  ba§  roarjrgaftefie  unb  urforünglicbfte,  ba§  blofc 
mögliche  aber  ba§  fdjattenä$nli<$fte  unb  erfolglofefte,  fo  ba§ 
eine  folcbe  Bufammenfesung  faft  borau§fest,  ©ort  roiffe  um 
ftdj  felbft  aud)  nur  burctj  eine  abftracte  fdjattenärjnlidje  23or* 
ftettung.2  9ftan  müfcte  mithin  aufjerbem  annehmen  ein  jur 
anfäauitdjen  ©rfenntnifj  geprige§  unb  biefer  aljnlidjeS  gött* 
ü(Jc§  ©elbftbehnr&tfeüt;  ba§>  ledere  märe  ba§  lebenbige  $8e* 
roufctfein  ©otteS  in  feiner  SStrtlidtfett ,  ba§  erftere  aber  ein 
rurjenbe§  gleicrjfam  leibentlidieS  be§  göttlichen  2Befen§.  OTein 
ba  einftimmig  beraubtet  mirb,  bafe  ©otte§  SSefen  unb  ©otte§ 
(Sigenf haften ,  mitfjin  autf)  bie  roirffamen,  nur  eine§  unb 
baff  eibige  feien:  fo  fältt  au#  biefer  Unterfcnieb,  mithin  auä) 
biefer  SJcü  be§  bloßen  S)eufen§  in  ©Ott,  in  nichts  aufammen. 
Md&ftbem  erfdjeint  audj  bie  eine  SSeseicrjnung  gar  ferjr  banaäj 
gebilbet,  roie  bei  un§  %u  ber  unbeftimmten  $orftettung  eine§ 
blofe  möglichen  ber  unmittelbare  @uute§etnbruff  rjüiaufornmen 
rnufe,  roenn  iene  in  ba§  SBeroußtfem  be§  ©egenftanbeS  al§ 
eine§  nurHid)en  übergeben  fott.  3fr  nun  auf  jeben  gatt  bie 
anfd)aultcl)e  ©rfenntnt^  eine  inljalrreidjere  al§  ba§>  blofce 
teufen,  ba  boct)  iener  ein  ©ein  entftm<$t,  biefem  aber 
niccjt;  unb  ijängt  baZ  enblic^e  ©ein  bocij  ab  bonbem  göttlichen 
SDenfen:  fo  ift  bit  grage  nidjt  absuroeifen,  roarum  ®ott,  ber 
bo<$  baZ  abfolut  größte  bon  grfenntnifj  in  ftdj  mufj  fegen 
motten,  nur  einiget  mögliche,  nämlich  baZ  irgenbmann 
nrirfliä)  merbenbe  mit  anföaultdjer  ©rfenntnifc  meifs,  unb 
niä)t  atte§?  unb  fcr)rnerltcrj  roenn  man  ntcrjt  auf  blofje  Sßitt* 
fiiljr  surüfrrommen  roitt,  bie  im  ©enlen  boctj  auä)  immer 


1  Gerhard,  loc.  th.  I.  p.   148  not. 

2  ®ie§  toirb  nur  feljr  toenig  gemilbert  burd)  einen  StuSfbrud)  tele 
bieten  bon  Thomas  (bei  Gerh.  1.  c.)  Deus  se  ipsum  videt  in  se 
ipso,  quia  se  ipsum  videt  per  essentiam  suam:  alia  a  se  videt  non 
in  ipsis  sed  in  se  ipso,  in  quantum  essentia  sua  continet  similitudinem 
aliorum  ab  ipso.  ®enn  tjter  ift  mefjr  bon  bera  toirflidjen  bie  Sftebe ,  unb  bie 
«Befjcmöimtg  ift  eigentlich  bie,  ba&  ©Ott  um  bo§  enbiid)e  ©ein  auf  bie* 
fetbige  Seife  toeifc  rote  um  fid)  felbft,  ofjne  9tüKfu$t  auf  ba§  mögliche. 


254  ©er  c&riftltdje  ®Iaube.  (Srfter  Sljeil. 

eine  llnoollfommenljett,  mithin  eine  Setbftberringerung  ®otte§ 
märe,  roirb  e£  eine  anbete  Slntmort  auf  bieje  §rage  geben, 
al§  bafj  e£  einigem  möglichen  boct)  an  ber  9Jcögltd)fcit  feljle, 
mit  bem  übrigen  aufammen  su  fein.  2)a§ienige  aber,  beffen 
(Sein  mit  bem  ©ein  alle»  übrigen  ftreitet,  ift  aud)  in  fidj 
miberfpred)cnb ,  alfo  giebt  e§  baöon  fein  göttliches  SSiffen 
aud)  nad)  ber  ^ergebradjten  (Srflärung  ber  göttlichen  ^Ittmiffen^ 
Ijeit,  meil  baä  fxct)  feibft  miberfprecljenbe  meber  ein  5)ing  ift 
nod)  erfennbar.  $8etrad)ten  mir  bie  <Sad)e  aber  meljr  auS 
bem  ©eftdjtSpunft  ber  anbern  Söeseicimung ,  bafj  bie  anfd)au= 
ltdje  ©rfenntnifj  bie  freie  ift,  bie  anbere  aber  bie  notljmenbige; 
fo  mtrb  baburd),  meil  bie  freie  eine  anbere  ift  als  bie  notlj- 
menbige, (Sott  unter  biefen  (Segenfaä  geftetlt,  unb  bit 
jftotfjmenbigteit,  oermöge  bereu  etmaS  nidjtfreieS  in  iljm  ift, 
ift  ntdjt  etmaS  in  i§m,  fonft  märe  fie  feine  f$reit)ext  feibft, 
jonbern  etroaS  au£er  it)m  unb  über  iljm,  meldjeS  mit  bem 
«Begriff  beS  pdjften  SSefcnS  ftreitet. 

2luS  bem  !öi£ljerigen  ift  nun  fefjr  leicht  ju  folgern,  ma§ 
oon  ber  fogenannten  mittleren  Grfenntnifj1  (SotteS  su 
galten  fei,  oermöge  bereu  er  eben  miffen  foU,  n>a£  erfolgt 
fein  mürbe,  menn  etmaS  eingetreten  märe,  ma§  nicrjt  ein- 
getreten ift.  ©ie  beruht  gans  auf  ber  $orau§fesung  eines 
möglichen  aufjer  bem  mirflidjen,  meiere  mir  fdjon  befeitiget 
Ijaben.  ©obalb  mir  fie  nun  bem  gemäft  fo  auSbrütten,  (Sott 
miffe,  raa£  erfolgt  fein  mürbe,  menn  an  irgenb  einem  fünfte 
ba$  unmögliche  märe  roirflid)  gemorben:  fo  äerfliefjt  biefe 
ganje  (Stfenntmfj  in  9?id)t3,  meil  ma£  nur  auf  bem  SSirflidj- 
merben  be£  unmöglichen  beruht,  feibft  unmöglich  ift.  ^nbefj 
aud)  abgefe^en  Ijierüon  mürbe  fiel)  ergeben,  bafj  menn  über= 
Ijaupt  aud)  für  (Sott  etmaS  möglict)  ift  aufjer  bem  mirflidjen, 
bann  aud)  auf  jebem  $untt  unenblid)  oiel  möglid)  ift,  unb 
ba  jeber  $unft  mitbeftimmenb  ift  für  alle  übrigen:  fo  entfielt 
für  jeben  gaU  öon  jebem  $untt  au§  eine  anbere  SSelt.  £)te 
fo  unenblid)  mal  unenblid)  üielen  unenblid)  oft  fid)  geftaltenben 
2Selten,  unter  benen  bk  mirflidje  SSelt  fiel)  al§  ein  unenblid} 
fleineS  oerüert,  finb  alfo  ber  (Segenftanb  btefer  mittleren 
(Srfenntmfc ,  melc&er  fict)  nodj  inS  unenblidje  oeroielfältigt, 
menn  man  bebenft,  ba%  bk  notljmenbige  (Srfenntntfj  fd)on 
für  fid)  eine  unenblidje  2lnaal)l  urfprünglid)  oon  ber  mir!* 
liefen  SSelt  berjdjiebener  Selten  enthält,  für  beren  jebe  e§ 
ebenfalls  eine  eben  fo  reichhaltige  mittlere  (£rfenntni|  giebt. 

1  Seien tia  media   and)  futuribilium  ober  de  futuro  conditionato. 


5Der  ©Iau6en81e$re  erfter  S$eil.  3toetter  Stbfdjnttt  255 

nrie  Me,  ioelcbe  ftcb  auf  Me  nrirflitfie  SBelt  besiegt,  ^n 
folgern  SJcaaß  alfo  erfreuten  in  ber  göttlichen  Mnriffenljeit 
feXbft  bie  Söerfe  ber  göttlichen  Sltfmadjt  als  ein  unenblicrj 
fteineS  im  Bergleicf)  mit  bem  toaS  fte  nicfct  sur  äSirflicfcfeit 
bringt,  mithin  in  ©ort  auf  einige  unb  unbergänglicbe  Sßeife 
eine  üöcaffe  öertoorfener  ©ebanfen;  unb  bie  Unoottfornmen* 
I)eit  eine§  menf d)licr)en  ®ünftterS,  ber,  toeü  fein  BilbungS* 
üermögen  ein  fcbtoanfenbeS  unb  unftcbreS  ift,  bie  einselnen 
Steile  feines  SßerfS  erft  auf  üerfdjtebene  SSeife  anberS  bentt 
als  er  fte  bemad)  bilbet,  nrirb,  raenn  mir  biefe  mittlere  @r* 
fenntniß  annehmen,  oon  allen  ©Traufen  befreit  als  eine 
unenblictje  auf  ®ott  übertragen,  tiefer  ganje  Apparat  Oon 
oertoorfenen  (Sebanfen  ift  für  ftct)  httxafytzt  nur  eine  (Er* 
fenntniß  öon  nichts,  unb  fann  nur  eine  Bebeutung  bekommen, 
menn  man  annehmen  lönnte,  baß  (Sott  aucfj  nacb  SSabl  unb 
Beratbfdjlagung  befdjuefct  unb  b ero orbringt ,  toogegen  ftdj 
aber  jebe  nur  einigermaßen  folgerechte  Set)re  Oon  ieber  er* 
flärt  l^at.1  Sßeit  fixerer  toäre  eS  baber  getoefen,  menn  boct) 
oon  menjdjüdjem  ausgegangen  merben  foE,  bie  ©icberbeit 
beS  OoHenbeten  günftlerS,  ber  im  Buftanb  ber  begeifterten 
©rfinbung  nichts  anbereS  benft,  bem  ftct)  nichts  anbereS 
barbietet  als  baS  toaS  er  aucf)  nrirfttdj  berüorbringt,  ent* 
jcrjränft  unb  ooftfommen  auf  (Sott  übertragen.  2)ieS  Oer* 
trägt  ficb  aucb  fetjr  ttobl  mit  ber  (Srääblung  oon  ber 
Schöpfung,  meiere  bon  feiner  snrifebeneintretenben  lieber* 
legung  unb  befcrjlteßenben  SSarjl  ettoaS  weiß,  fonbern  bie 
Betrachtung  ganj  auf  baS  (Enbe  berfpart,  mo  fte  aud)  nur 
als  abführte  Billigung  Ijerüortritt,  0t)ne  baß  (Sott  eine  Be* 
tractjtung  beffen  nmS  er  niebt  gemalt,  eine  SSergteicrjung 
ber  nurflicben  SSelt  mit  ienen  möglichen  S&eiten  angetrieben 
roürbe.  SSirb  aber  baS  erbauliche  unb  berubigenbe  in  jener 
Borftettung  einer  folgen  mittleren  (Srtenntniß  (SotteS  beroor* 
geboben:2  fo  läuft  baS  bodj  im  toefentlicben  nur  barauf 
biuauS,  baß,  toenn  mir  unS  beiberllnluft  über  feblgefctjlagene 
(Srtoartuugen  sunt  frommen  Bettmßtfein  ergeben,  toir  beuten 
follen,  untere  SBünfcbe  feien  audj  in  ben  (Sebanfen  ®otteS 
getoefen  aber  unter  ben  bertoorfenen.    Slttein  bie  toatjrbaft 


1  Jo.  Dam.  d.  f.  orth.  II.  22.  Xprj  o£  yivwaxeiv,  ottE7cl  -9-soü  ßoJ- 
Xirjaiv  [xev  Xc'yojjlsv,  7:poaip£aiv  Ss  xupitog  ou  Xsyofjisv  *  ou  yap  ßouXeusrat 
ateo?'  ayvota;  yoep  £ari  to  ßouXsusafrai '  jrepx  yap  xou  yivcoa/co^'vou 
ouöYi;  ßouXsusxat. 

2  Stetnfjarb  ®ogm.  ©.  112. 


256  S>er  djriftltrfje  ©taube.  (Srfter  Xfjeil. 

fromme  (Ergebung  mad)t  tuot  nidjt  foldje  2lnfbrüd)e,  bafj  (55ott 
unfere  tl}örtd)ten  ©ebanfen  al§  eigene  [oll  gehabt  fyaben, 
fonbern  begnügt  ftd)  bamit  an§  bem  (Srfolg  §u  feigen,  bafe 
unfere  ©ntmürfe  nictjt  in  iener  urfprünglid)en  ober  oielmetjr 
emigen  Billigung  enthalten  gemefen  finb.  —  Sine  befonbere 
Betrachtung  oeranlafjt  aber  bod)  nod)  ber  üftame  mittlere  @r* 
femttnife,  ber  ft$  nur  auf  bie  Benennung  ber  beiben  anbem 
Slrten  ber  ©rfenntnifj  besiegen  fann.  ©oU  fte  nun  eine 
mittlere  fein  annfdjen  ber  notfjtoenbigen  unb  freien:  fo  märe 
©ott  gleid)fam  gebunbener  im  ©enfen  be§  Oon  einem  ge= 
gebenen  $unft  au§  möglid3en  al§  im  ©enfen  be§  mirflicljen, 
obnerad)tet  le§tere§  bod)  bie  größte  ©ebunbenljeit  nämlid) 
bie  (Stefammtfjett  be§  ^caturäufammenljanges)  barftettt.  Dber 
memt  bie  freie  (Srfenntnifj  ©otte§  bod)  jugleid)  bie  Ijeröor- 
bringenbe  ift:  fo  märe  burdj  bie  mittlere  ein  Uebergang  ge^ 
fegt  au§  ber  $robuctürität  in  bie  erfolglofe  mitfeige  Sbättgteit 
be§  blofjen  SDen!cn§.  SDte  mittlere  alfo  al§  eine  ftd)  oer- 
minbernbe  £>erborbringung  märe  gleidjfam  bie  nadj  allen 
3tid)tungen  fict)  Ijemmenbe  göttliche  ©r^altung  unb  SQcitmirfung, 
mie  ftd)  in  un§  bie  immer  leblmft  un§  bemegenbe  BorfteUung 
bc§  nrirfltdjen  abftuft  in  bie  aud)  nod)  lebhaft  gefärbte  unb 
bur$  Hoffnung  unb  gurdjt  bemegenbe  be§  Söaljrfcrjetnlidjen, 
meldje  ftdt>  bann  in  bie  gleichgültigen  ©djattenbüber  be§  blofj 
möglichen  oerliert.  2)ergleid)en  aber  Oon  un§  auf  ©ott  über= 
autragen  fott  man  billig  $lnftanb  nehmen.  <Solt  aber  biefe 
©rfemttnifj  bie  mittlere  fein  atoif^en  ber  anfdjaulidjen  unb 
bem  blofjen  teufen,  fo  Vermittelt  fte  ben  Uebergang  oon  ber 
erften  §um  lesten,  ber  nidjt  ofme  eine  Berminbernng  ber 
&ebenbigfeit  §u  benfen  ift,  unb  fo  entftetjt  audj  bon  Ijier  au§ 
ai§  leste§  ü^efultat,  bafj  ba$  9Jcöglid)e  aufcerljalb  ber  Söirfiic^ 
feit  nidjt  ein  ©egenftanb  be§  göttlichen  (£rfennen3  fein 
fann. 

3.  Stimmt  man  nun  nod)  ba§u,  bafs  unläugbar  roenigftenS 
ein  ftarfer  (Schein  borljanben  ift,  at§  fotte  auf  ber  einen 
Seite  ©ott  aud)  ein  smiefad)e§  ©elbftbemufetfein  beigelegt 
merben  ein  urfbrüngtid)e§  unb  ein  reflectirte§ ,  unb  auf  ber 
anbem  (Seite  aud)  eine  Vereins elung  be§  SßiffenS  in  il;m 
t)orau§gefest :  fo  ergiebt  ftdj,  ba%  bie  bisherige  iljeorie  biefer 
göttlichen  (5igenfd)aften  alle  Unoottrommentjetten  unfere§  Be- 
hmfetfeinS  auf  ba$  Ijödjfte  äöefen  überträgt.  ®a§  erfte  gebt 
barau§  Ijeröor,  ba|  ba$  ganje  Umftd)felbftmiffen  <SJotte§, 
toeld)e§  feinem  SSiffen  um  aEe§  mögliche  gleichartig  ift,  mie 
e§   benn   aud)  oon  ber  göttlichen  £i)ätigfeit  gans   getrennt 


&er  ©IaitfenSIeljre  erfter  33jetl.  3toetter  2ü6fänttt.  257 

fcleibt,  nur  lann  oI§  ein  gegenftänblicf)e§  nnb  zwar  nadj 
5lrt  uufere§  abftracteften  gebaut  merben,  aber  al§  fold>e§ 
boclj  unmöglich  ba§  einzige  fein;  fonbem  e§  gehört  bann  ein 
urft>rünglitf)e§  notfjtoenbtg  bazu.  £)iefe§  tritt  z^ar  in  ber 
©djulforad&e  nidjt  unmittelbar  fjerau§,  mittelbar  aber  bodj 
unb  al§  borau§gefezte§  überall  tr-o  bte  in  ber  bolfSmäfcigen 
rebnerifdjen  unb  bitf)terifdjen  frommen  SDcittljeilung  ©ott  zu* 
Qefdjriebenen  affectartigen  Erregungen  bogmatifdj  befjanbelt 
■werben,  raobei  ftdt)  nur  gar  zn  leidet  ein  ba$  (Srunboerljalt* 
nifj  ber  ftf)Ietf)tljintgen  9lb§  ängigf  eit  jerftörenbe§  Äfftcirtfein 
t>e§  Ijödjften  2öefen§  einf$letd)t.  51ber  ein  fold)e§  ©rregtfein 
fegt  audj  immer  f$on  bte  anbre  un§  nadjzuroeifenbe  UnooÖ* 
fommenljett,  bk  Vereinzelung  be§  2Biffen§  in  (Sott  borau§. 
5£)eun  nur  bk  SSirtung  eine§  beftimmten  9)coment§,  burdj 
toeldjien  mir  un§  aufgeforbert  füllen,  fo  ba%  in  Söezielmng 
auf  tljn  etroa§  gefdjeljen  mufc,  regt  ben  Slffect  auf,  fo  ba%  für 
eine  richtige  £ljeorie  Ijiebon  nidjt§  anber§  übrig  hkiht  al§ 
bte  gormel,  ba%  ftdj  (Sott  %vl  beut  (Segenftanb  auf  enrige 
unb  allgegenwärtige  SSeife  berljält  mie  in  un§  bk  Erregung 
be§  Effectes  ftdj  berljält  ju  bem  momentanen  Gmtbruff.  Unb 
bann  wirb  audj  feine  Veranlaffung  meljr  fein  roeber  in  ba$ 
Qöttlt<$e  ©elbftberoufctfeüt  jenen  ©egenfaz  zrotfc&en  bem  ur* 
fyrünqttdjen  unb  reffectirten  hineinzubringen,  nodj  biefeS 
felbft  in  einen  (Segenfaz  mit  bem  gegenftänbltdjen  zu  bringen, 
mozu  bk  abroefjrenbe  Formel  fdjon  oben1  aufgeteilt  tft  — 
ba§>  anbere  namtidj  bk  Vereinzelung  be§  göttlichen  SBiffenS 
Verbirgt  ftct)  nojdj  auf  eine  befonbere  SBeife  in  bk  Vetmnblung 
ber  grage,  ob  audj  ba§  geringfügige  ein  ©egenftanb  be§ 
göttlichen  2Biffen§  fei.  2)enn  biefe  fönnte  gar  ni$t  auf* 
gemorfen  werben,  Wenn  man  bon  ber  ben  ©egenfaz  znrifc&en 
großem  unb  fleinem  OöHig  auf^ebenben  unb  bodj  allein 
richtigen  burdj  bk  Sbee  eine§  ftätigen  Üftaturzufammenfjange^ 
fc^on  gegebenen  gormel  ausgegangen  wäre,  ba%  Q5ott  Wte 
im  (Sausen  jebe§  fo  audj)  in  jebem  ba§  (Sanze  wiffe.  S)iefe§ 
aber  ergiebt  ftct)  f$on  auf  bem  gewöhnlichen  SBege  ber  Ent* 
fc&ränftmg,  Weil  mir  ja  au#  ein  menfdjlid)e§  VeWufjtfein  für 
um  fo  bollfommner  galten  je  meljrere§  ttjm  bei  iebem  einzelnen 
gegen  W artig  wirb.  —  Unb  biefe§  giebt  Veranlaffung  einen 
^egenftanb  melier  eigentlich  al§  fc^on  abgemalt  anzufe^n 
ift2  nodj  au§  bem  ©eftc^t§üunft  biefer  göttlichen  ©tgenfctjaft 
§u  betrachten,  nämlich  ob  ba§  göttliche  Sßiffen  um  bie  freien 


1  ©.  288.  3. 22.  §.  49. 

@ät..£$riftf.®I.l.  17 


258  $er  cfiriftlicfce  ©laube.  grfter  Sfjeil. 

JoanMungen  ber  $?enfd)en  mit  biefer  greifjeit  befielen  fann. 
$)ie  metften  gennfj,  tnefteid)t  felbft  bie  (Socinianer,  mürben 
ftd)  gekramt  baben,  biegrage  511  Verneinen,  ja  audj  nur  auf* 
jumerfen,  menn  fte  bebaut  Ijätten,  bafc  bann  nictjt  nur  tum 
einem  emigen  SHatbftfjIufe  ®otte§  über  bk  (Srlöfung  nidjt 
weiter  bie  Sftebe  fein  fönne,  fonbern  bafj  bann  überhaupt  bie 
ÖJefc^ictjte  etma§  mürbe,  mag  ©ott  nur  aumäijUg  erfüfjre, 
mithin  ber  begriff  ber  23orfebung  ganj  müfjte  aufgegeben 
werben.1  SBenn  nun  ber  ditih  bie  grage  ^u  Demeinen,  unb 
baä  Söebürfnifj  fte  aufaumerfen  in  bem  ^ntereffe  ber  menfä> 
lidjen  gretijeit  gegrünbet  ift:  fo  ift  nur  §u  bebenfen,  bafj  ba$ 
eigne  Öorljerhuffen  ber  freien  £>anblungen  unb  baZ  SBorljer* 
mtffen  Slnberer  bie  greüjeit  nodj  metjr  aufgeben  mü%te  al§ 
ba&  göttliche  SSor^ermiffen.  ttnb  bodj  adjten  mir  benjenigen 
gerabe  al§  freien  am  geringften,  ber  aud)  nic&t  im  all* 
gemeinen  feine  ^anblungen  oorauS  miffen  fann  b.  ij.  ber  ftdj 
feiner  beftimmten  £anblung§meifen  bemüht  ift:  mo  aber  foldje 
ftnb,  ba  fet)lt  ba$  befonbere  23orbermiffen  nur  Weil  baZ  ber 
befonbern  äußeren  unb  burdj  äußeres  berborgebradjten  innern 
^öebingungen  fefjlt.  Unb  eben  fo  meffen  mir  an  bem  &or* 
bermiffen  be§  ©inen  um  bie  föanblungen  be§  SInbern  auf 
btefelbe  SSeife  bk  ©enauigfeit  be§  unter  ifjnen  beftebenben 
5ßerbältniffe§,  otjne  baf*  mir  burtf)  ba%  eine  unb  ba$  anbere 
bie  eigne  greiljeit  ober  bie  be§  5lnbem  gefäfjrbet  glauben. 
5ltfo  fann  aud)  &&§  göttliche  SBorljermiffen  bie  greüjeit  ni<$t 
gefä^irben. 

Sln^anö  tum  gmeiten  3tbfdjnitt. 
fBon  einigen  anbern  gottlic^ett  (Stgenfdjaften. 

§.  56.  Unter  ben  gemöfynlidj)  angeführten  göttlichen 
(gigenfcfyaften  mürben  al<3  feinen  Segug  fyabenb  auf  ben 
in  ben  Erregungen  be§  frommen  23ett>ufjtfein3  ftattfyabenben 


1  ®od)  fd)eint  bie  ©ocinfanifdje  föegel  in  i&rer  ßanaen  Stntoenbung 
Mefe8  rolrtlidi  in  fid)  au  fdjliefeen.  Wem  fteffe  fid)  aI3  bie  entgegengefejten 
gormein  gegenüber  Augustin.  de  civ.  Dei  V,  9.  Non  est  con- 
sequens,  ut  si  Deo  certus  est  causarum  oinnium  ordo,  ideo  nihil 
sit  in  uostrae  voluntatis  arbitrio,  unb  Socin.  Praelect.  cap.  VIII. 
Namque  non  entium  nullae  sunt  qualitates.  Atqui  ea  quae  nee 
fuerunt  nee  sunt,  uec  certo  futura  suut,  nullo  modo  sunt,  itaque 
ea  Deo  praesentia  esse  nequeunt.  Eiusmodi  autem  sunt  voluntariae 
bominum  actiones,  quae  nondum  revera  extiterunt. 


Ser  ®Ittufien3re$re  erfter  Sfieil  8toeiter  Sttfönttt.  259 

©egenfaj  Dornefymticb  no$  fyte^er  gehören  bte  @inj)eit, 
ttnenfrUcbfeit  unb  ©irtfad^eit  ©otteS;  allein  biefe  tonnen 
nicbt  in  bemfelben  ©inne  tote  bie  bi^er  abgeijanbelten 
al£  göttliche  (Stgenfd^aften  angefefyen  werben. 

1.  2>ie  bier  genannten  (gigenfcbaften  bestehen  ftcb  ntcbt, 
tote  bte  melcbe  im  smeiten  £beil  ber  ®Iauben§lebre  Oorfommen 
werben,  auf  bie  Setcfcttgfett  ober  ©d&nnerigfett,  mit  melier 
ftcb  in  oerfdjiebenen  Momenten  baä  (SotteSbemufctfein  in  un§ 
entmiffelt,  nnb  in  fofern  mürben  fie  bieder  geboren,  menn  fte 
überbauet  einen  bogmatifcben  ®ebalt  bätten.  Mein  biefer 
fef;lt  ibnen,  meit  fte  ntdgt  mte  jene  m'er  au§  bem  Sßerbältnifc 
ämifdjen  bem  fdjlecbtbintgen  2lbbängigfeit§gefübl  nnb  bem  ftnn* 
Kdj  erregten  ©eibfibehmfjtfein  beroorgebn  nnb  2lu§fagen  ba* 
rüber  ftnb;  aber  aud)  bte  nebenbei  bebanbelten  bret  ©igen* 
fcbaftSbegriffe  fteben  menigftenS  in  fofern  mit  ienen  in  genauer 
SSestebung.,  at§  fie,  menn  aucb  nur  auf  bilbticbe  SBeife,  bte 
®leicbartigfeit  ber  göttlichen  unb  ber  enblicben  Urfäcgltcbreit 
läugnen;  unb  audj  eine  folcrje  (Stellung  fann  man  biefen  in 
ber  (SJlaubenSIebre  nicbt  geben.  @§  entfielt  alfo  nur  bte 
grage,  ob  biefe  2lu§brütfe  ganj  au§  unferm  (Bebtet  ju  oer* 
meifen  unb  etma  ber  fpeculatioen  ®otte§lebre  surüffsugeben 
ftnb,  ober  ob  ibnen  bodj  irgenb  eine  Söebeutfamfeit  für  bte 
$(auben£Iebre  absugeminnen  ift.  2)te§  mufj  aber  oon  teber 
einzeln  unterfucbt  merben,  ba  mir  nicbt  im  OorauS  behaupten 
tonnen,  bafj  fte  ficr)  in  biefer  ©tnfid&t  gleicb  behalten. 

2.  SSa§  nun  suerft  bie  (ginj&eit  ®otte§  betrifft,  fo  fann 
e§  ftreng  genommen  nie  bie  ©igenfcbaft  eine§  £)inge§  fein, 
bafc  e3  nur  in  beftimmter  3abl  öorbanben  ift.  <£§  ift  nicbt 
bie  (Sigenfcbaft  ber  £>anb  smiefad)  su  fein,  fonbern  bie  ©igen* 
fcbaft  be§  SDcenfdien  gmei  £änbe  su  traben,  be§  Slffen  aber 
SSiere.  (Sben  fo  tonnte  e§  aucb  eine  ©igenfcbaft  ber  SBelt  fein, 
nur  oon  ©inem  (Sott  beberrfcbt  gu  merben,  nicbt  aber  ®otte3 
nur  (Siner  §u  fein,  ©aber  muffen  mir  un§,  menn  fiiebei  eine 
göttliche  (Sigenfcbaft  gemeint  jein  foll,  oon  ber  blofcen  £abi 
abmenben,  unb  bann  ift  e§  am  näcbften  bei  bem  allgemeineren 
SluSbruff  fteben  an  bleiben,  bafj  ®ott  nicbt  feinet  gleidjen 
babe,1  ma§  freilieb  unfere  ©pracbe  unterfebeibenber  burdj 
©tnaigfeit  auSbrüffen  fann.  (Sofern  nun  mebrere  gleite 
immer  berfeloen  5lrt  ftnb  ober  Gattung,  nnb  bann  bie  ein* 

1  Mosheim  Th.  dogm.  I.  p,  241.  Quando  ergo  dieimus  Deum 
esse  unum,  negamus  Deum  habere  socium. 


260  ©er  djriftltdie  GHau&e.  grfter  3$ell. 

Seinen  Söefen  ba§  £)afetn  ber  (Gattung  barftetten,  bte  (SattUÄÖ 
aber  ba§  SSefen  ber  Einzelnen:  fo  mürbe  man  fagen  fönnen, 
bte  Emijett  ober  Einjigfett  (SotteS  fei  biejentge  Eigenfcfiaft, 
bermöge  beren  in  (Sott  fein  llnterfdjieb  fei  amifdjen  SBefen 
unb  SDafetn.  $)iefe§  nun  formte  an  unb  für  fidj  nur  ber 
fpeculattben  2:r)eoIoQte  angehören,  ©teljt  man  hingegen  ab 
bon  bem  maß  ber  (Strenge  nadj  unter  Etgenfdjaft  §u  berfteljen 
ift,  unb  bebenfen  mir,  bafj  bte  Erregungen  be§  frommen  $8e~ 
mufetfeinS  einzelne  Momente  ftnb,  baSjenige  aber  roobon  mir 
un§  in  jenen  Erregungen  fdjledjt&m  abhängig  füllen,  nid)t 
gegenftänblidj  gegeben  ift:  fo  mirb  burd)  jenen  2lu§bruff  btefe§ 
au§gefprod)en,  bafj  alle  jene  Erregungen  al§  Slnbeutungen  auf 
Einen  gemeint  unb  aufgefaßt  ftnb,  unb  nid)t  auf  ÜDxebrere. 
llnb  §mar  mirb,  menn  mir  auf  bte  frühere  Erflärung  über 
bte  urfprünglidje  SBebeutung  be3  9Iu§bruff§  (Sott1  aurürrgetm, 
in  bem  5Iu§brutt  Einheit  (SotteS  auSgefagt,  bati  btefe  3«- 
fnmmenget)örtg?eit  ber  frommen  Erregungen  mit  berfelben 
©enripett  gegeben  ift,  als?  btefe  Erregungen  felbft.  £)a  nun 
nur  unter  ber  23orau§fesung  biefer  Bufammengeljörtgfeit  au§ 
ber  ^Betrachtung  be§  (Seljalt§  ber  frommen  Momente  göttliche 
Eigenfcrjaf  Inbegriffe  entmüfelt  merben  tonnen:  fo  ift  biefer 
§lu§bruft  Einheit  (SotteS  meniger  eine  einzelne  Etgenfdmft, 
a(§  ber  monotfjeiftifcb,e  ®anon,2  meldjer  aller  llnterfudmug 
über  göttliche  Eigenfdjaften  immer  fdjon  sunt  (Srunbe  liegt,  unb 
e6en  fo  menig  irgenbmie  bemiefen  merben  fann,  al§  ba$  (Bein 
(Sottet  felbft.  ^a  fäimerlid)  mirb  ein  SBerfudj,  btefe  Einheit 
anbermeitig  §u  erörtern  ober  gu  bemeifen  bem  ganj  entgegen 
fönnen  einen  Unterfd)ieb  su  machen  stützen  bem  begriff 
(Sott  unb  bem  begriff  fjöd)fte§  SSefen,  3ludj  finben  ftd)  btefe 
Sßerfudje  allemal  im  ©treit  gegen  ben  $olt)tt)ei§mu§,8  unb 
gebm  bodj  bon  ber  SSorauSfesung  au§,  beiben  liege  eigentlich 
berfelbe  SÖegriff  jum  (Srunbe ;  bon  biefer  aber  traben  mir  un§ 
bon  borne  herein  fd)on  loSgefagt. 

2)er  2lu§bruff  Unenblid)fett  ift  ebenfalls  ju  negattb, 
um  eigentlich  ein  Etgenfcf>aft§begriff  ju  fein,  mie  er  benn  aud) 
auf  fetjr  berfcrjiebene  SSeife  ift  beljanbelt  morben.    2)ie  ge- 


1  ®.  §.  4,  4. 

*  ©o  f)at  iljn  ridjtig  gefaxt  Ruffinus  Expos,  symb.  Deum  non 
numoro  unuui  dicimus  sed  universitate. 

8  L acta n t.  I,  3.  Virtutis  perfecta  natura  non  potest  esse  nisi 
in  eo,  in  quo  totum  est  .  .  Deus  vero  si  perfectus  est  . .  non  potes-t 
esse  nisi  unus  ut  in  eo  sint  omnia. 


©er  ®Icmkn§Ief)re  erfter  Xfjeil.  3toeiter  Stöfdjnttt.  261 

Wöbntidjje  (Erftärung *  „Verneinung  ber  ©djranfen"  ift  fjödjft 
unbeftimmt.  £)enn  Jjätte  man  oortjer  fdjon  eine  SBefdjreioung 
be§  pdtften  SßefenS:  fo  müfcte  gar  nidjt  bie  SHebe  baoon  fein 
fönnen,  ba%  eS  möglidj  fei,  biefeS  als  umfdjrctnft  öorsuftettciu 
©oll  btefe  aber  erft  oermittelft  beS  StuSbruttS  gebtlbet  werben: 
fo  ift  er  ebenfalls  nur  eine  VorftcfitSregel  hd  ber  Vilbung 
göttlicher  (Eigenfc&aftSbegriffe,  nämltd)  bafj  ®ott  nidjt  folc^c 
bürfen  beigelegt  werben,  welctje  eS  ntc|t  Vertrügen  otjne 
©Uranien  gebaut  §u  werben,  unb  mittelbar  Wirb  er  bann 
eine  (jtgenfdjaft  aller  göttlichen  (Eigenfdjaften.  ®af)er  fü^rt 
aud)  jebe  (Erörterung  barüber  auf  anbere  göttliche  (Eigen* 
jdjaften,  Welche  an  ber  ttnenbltdjfeit  £fjeil  Ijaben.2  Sftur  ift 
eS  ein  Seiten,  ba%  auc§  biefer  ®anon  sur  Sßtlbung  ber  gött* 
liefen  (Etgenfdjaften  nidjt  geprig  angewenbet  wirb,  wenn 
man  ^tatt  bte  Siffmadjt  als  bte  llnenbltdjfeit  ber  göttlichen 
^robuctiüität  unb  bie  OTwiffenljeit  als  bit  llnenblidjfett  ber 
göttlichen  2)enffraft  barauftellen  lieber  eine  llnenbltdjfeit  ber 
©ubftana  unb  eine  ber  (Ejtftens  unterfdjeibet,  unb  fo  einen 
llnterfc^ieb  ber  nur  bem  enblidjen  gulommt  hti  ber  $8e- 
fdjretbung  beS  göttlichen  SSefenS  §um  (Srunbe  legt.  SDenn 
eigentlich  fott  bodj  unenblidj  nidjt  baSjentge  fein  waS  oljne 
(Snbe  ift,  fonbern  baS  bem  enblid)en  b.tj.  bem  burdj  anbereS 
mitbeftimmten  entgegengefeste.  Unb  fo  aufgefaßt  bewährt  fi# 
ber  5luSbru!t  als  im  genaueften  Bufammenljang  mit  bem 
oorigen  ntonotljeifrtfdjen  (Srunbf  anon ,  unb  fagt  unter  ber 
gorm  eineS  abwetjrenben  ^5räbicatS  bie  ®ifferen§  ber  gött* 
liefen  Urfädjttc&feit  Oon  aüer  (Snbltcf)! eit  auS.  SDenn  tok  biefe 
gorm  et  nur  Verwirrung  anrichtet,  wenn  man  fie  als  eine 
Snweifung  befjanbelt  (Etgenfdjaften ,  bte  wefentlid)  nur  bem 
enblidjen  anhaften,  burd)  ©ntfdfcjränrung  auf  (Sott  übersutrageur 
ba^  ijat  fict)  fdjon  öfter  gezeigt. 

5luct)  ber  begriff  ber  (Einfad) 5 ett  wirb  oljneradjtet  er 
eS  foradjlidj  angefeljen  ntcJjt  ift  bodj  überall  als  ein  negatiber 
befyanbelt,  fei  eS  nun  ba%  baburet)  nur  üon  (Sott  aud)  bte 
Materie  entfernt,  ober  bafc  alteS  WaS  SDjeil  unb  gufammen- 
fesung  ift  auSgefdjloffen  werben  foU.3  2)aS  erfte  anlangenb 
fo  ift  wot  für  ftdj  tlar,  bafj  Wenn  (Sott  unb  Sßelt  nur  irgenb* 


1  Mosheim  1.  c.  p.  299.     Infinitas  itaque  sie  absoluta  nihil  aliud 
est,  quam  absentia  finium  in  Deo. 

2  ©.  2fto§fjetm  a.a.O.  unb  3Utnf)arb  ®ogm.  §.33,3. 

8  (SrftereS  beifteinijarb  $ogm.  §.  33,  2.  Ie|texe§  bei  2fto§§eimTb, 
Dogm.  I.  p.  243. 


S)er  djrtftltdje  ©laube.  (^rier  Stfjeil. 


tt»te  f  ollen  au§einanber  gehalten  merben,  bann  alle  Materie 
ntu§  ber  SBclt  angebörig  fein.  Mein  bie  ©tnfadjljett  ftreng 
öenommen  fcfjHefjt  nid)t  nur  bie  Materialität  au§,  fonbern 
aucb  bie  Stbetmaljme  an  allem  rcoburdj)  mir  ben  enblid)en 
©eift  a(§  folgen  besetdmen,  al§  roeld)er  int  ftrengen  (Sinn 
be§  2$orte§  and)  feine§mege§  einfnd)1  fann  genannt  merben, 
fonbern  eben  fo  mol  nur  ber  2Mt  angehören  mufj  mie  bie 
Materie.  $)emt  bie  relatibe  ®etrenntt)eit  ber  Functionen 
miberftreitet  fcbon  ber  ©iufacrjtjett,2  unb  jeber  seitliche  Moment 
ber  geiftigen  (£rfd)einung 8  ift  eben  fo  fer)r  ein  Gsrgebnifc  au§ 
bem  ^neinanberfein  be§  besiet)ung§meife  entgegengefejten,  mie 
mir  in  biefem  (Sinn  aud}  bie  Materie  nur  in  fofem  für  ju* 
fammengefegt  erklären,  al§  mir  ®egenfäse  innerhalb  berfelben 
entmift'eln  fönnen.  2öie  baljer  bie  Unenbltd)f eit  auf  ber  einen 
(Seite  eine  ©igenfdjaft  aller  ©igenfdjaften  ®otte§  ift,  fo  bie 
(£infadj]Ejeit  nur  ba§  ungetrennte  unb  untrennbare  ^nein- 
anberfein  aller  göttltctjen  (Sigenfd)aften  unb  £bätigfeiten,  mie 
e§  bier  im  allgemeinen  unb  bei  jeber  befonber§  ift  bargeftettt 
morben.  Unb  mie  auf  ber  anbern  (Seite  bie  tfnenblidjfeit  ah- 
mehren  fott,  ba%  <S5ott  nid)t§  beigelegt  merbe,  roa§  nur  mit 
feinen  <Sd)ranfen  ättgleid}  !ann  gebadjt  merben,  fo  bie  (£infad> 
Ijeit  ba§  nid)t§  mit  aufgenommen  merbe,  roa§  mefentlid)  in 
ba$  (bebtet  be§  ®egenfase§  geprt. 


3ufa^  ju  biefem  2lbfdjnttt.  $afj  ber  ganje  Ijier  be= 
Rubelte  ®rei§  bon  göttlichen  (£igenfd)aften  rein  ben  GHjarafter 
biefe§  erften  Str)eil§  ber  Glaubenslehre  an  ftd)  trägt,  nämlid) 
abgeleitet  su  fein  au§  bem  frommen  (Selbftberaufjtfein  mie  e§ 
in  iebem  djrtftliä)  frommen  Seben§moment  fdjon  oorauSgefest 
mirb ,  errjeCCt  unter  anbern  aud)  au§  folgenbem.  SBir  !önnen 
un§  bei  bem  teleologifdjert  (£ljarafter  be§  (£Jjriftentljum§  feinen 
öoHfommen  au§gebilbeten  frommen  Moment  benfen,  roeldjei 
nid)t  entmeber  fetbft  in  etma§  tl)ätige§  übergeben  ober  auf  bie 
öorfjanbenen  £ljätigfeiten  auf  befttmmte  Sßeife  etnmirfen  unb 


1  2öa§  bie  Stilen  fxovoei&s  unb  apepU  nannten. 

*  Die  ©ocintaner  fjaben  bafjer  nid)t  unrecht,  toenn  fie  behaupten, 
überall  fei  3ufammenfeäung  roo  eine  SSerfnüpfung  ober  ^Bereinigung  öon 
toerfcfjicbenem  jel  (<S.  Vorst  Parasceve  p.  50.)  -Kur  ljaben  fie  unredjt 
baä  Wen  ©otteS  unb  ben  SBirten  ©otteä  ju  trennen. 

8  Augustin.  Tract.  XIX,  9.  inJoan.  Non  est  Deus  mutabilis 
Spiritus  .  .  Nam  ubi  invenis  aliter  et  aliter,  ibi  facta  est  quaedam 
mors 


$er  ©Iau&enSIetjre  erfter  S^eil.  3toetter  Sttföniti.  263 

fidj  mit  ümen  oerbinben  foHte.  Seber  folc^e  mufc  aber  eben 
fo  gut  unter  ber  gorm  bietet  SlbfdjmtteS  at§  unter  ber  be§ 
erften  ober  brüten  befdjrieben  tuerben  fönnen.  Q3ebingt  alfo 
eine  einzelne  bon  biefen  (£igenfd)aften  ober  atte  suiammen* 
öenommen  einen  beftimmten  frommen  Moment:  fo  müfete  fict) 
oud)  au§  bemfelben  entmeber  eine  ©efinnung  ober  fogenannte 
$fli$t  gegen  ®ott  ober  menigftenS  eine  burdj  btefe§  ®otte§= 
bettm&tfein  geforberte  £anblung§meife  im  allgemeinen  ober  in 
SBeaiefmng  auf  Slnbere  ableiten  laffert.  2)ie§  ift  aber  nid)t  ber 
galt;  unb  fein  ©as  ber  djrtftlidjen  Sittenlehre  !ann  auf  bte 
bier  bebanbelien  (Sigenfctjaften  allein  meber  einzeln  nodj  au* 
fammengenommen  gegrünbet  loerben,  fonbern  e§  gehören  ba^u 
immer  nodj  anbere.  2)aljer  nun  tonnen  au<$  btefe  @tgenfdjaft§s 
begriffe,  mie  OoHfommen  aucl)  sujammengefdiaut  unb  auf  ein* 
anber  belogen,  feine§roege§  für  eine  Beitreibung  be§  gött* 
üdjen  SBefenS  gelten  motten.  2öol  aber  mirb  r)ier  f$on  im 
öorau§  MefeS  feftsufteEen  fein,  bafj  ma3  für  göttliche  (£igen= 
frfjaften  fidj  and)  im  folgenben  ergeben  mögen,  bie  bier  be^ 
jdjriebenen  in  jenen  immer  merben  mit  gebaut  merben  muffen, 
fo  bafj  eine  Sbättgfeit,  meiere  fidj  ntdjt  unter  ber  gorm  ber 
etoigen  OTmadit  beuten  Iäfct.  audj  nid)t  al§  eine  göttliche 
barf  gefegt  merben. 


©rittet  Stbfdjttttt. 

SBon    ber   ffiefdjaffenfjett   Der  SBelt,    toeldje   in  bem 

frommen  ©elbftbetoitßtf ein  f  fofern   e$  ba£  allgemeine 

SBer&ättnife   jtotfdjen  ®ott   unb    ber  SBeß   au§brüfftr 

angebeutet  ift. 

§.  57.  5Dte  2ltlgemetn$eit  be3  fd)Ie$tfyhttgen  Slb^ängtg* 
leit^gefü^ls  jd&ließt  in  ji$  ben  ©tauben  an  eine  ur* 
forüngüd&e  $oHfommenl)eit  ber  Sßelt. 

1.  Unter  $olUommenfjeit  berSöelt  foH  Ijier  gar  nid)t§ 
anberg  oerftanbeu  merben,  al§  toaS  mir  in  bem  ^ntereffe  be§ 
frommen  ©elbftbemufjt[ein§  [o  nennen  muffen,  nämltdj  ba& 
bie  ©efammtljeit  be§  enbüdjen  (SettiS,  nrie  fic  auf  un§  ein* 
mirft,  unb  fo  and)  bie  au§  unferer  (Stellung  in  berfetben 
f)  erborg  eljenben  menfc&ltdjen  (Einmirfungen  auf  ba$  übrige 
©ein  bafjin  äufammenftimmt,  bie  ©tätigfett  be§  frommen 
©etbftbemufjtfeinS  möglidj  %u  madjen.  ®enn  ba  btefe§  nur 
in  ber  ^Bereinigung  mit  einer  (Erregung  be§  finnlidjen  ©elbft* 
bemufjtfeinS  einen  Moment  erfüllen  fann,  unb  \tbe  foletje  ein 
Sßelteinbruff  ift:  fo  mürbe  bie  gorberung  nichtig  fein,  ba& 
mit  jeber  finnlidien  Sefttmmung  be§  ©etbftbemufjtjein§  ba£ 
(SJotteSbemufjtjem  fid}  einigen  fönne,1  menn  ntd)t  alle  SSelt* 
einbrüffe,  unb  biefe  finb  bod)  nur  2lu3brüfte  für  ba$  58er* 
fjnltnife  atteS  übrigen  enblic^en  ©ein§  su  bem  ©ein  be£ 
9ftenfd)en,  barin  sujammenfttmmten ,  ba%  bie  9?id)tung  be3 
©eifte§  auf  ba&  ©ottesbemufetfein  i(men  compojfibel  ift 
®affelbe  gilt  audj  oon  ber  anbern  ©ette  be'§  SBertjältniffcS, 
nämlid)  ber  93eftimmbarfeit  be§  un§  gegebenen  ©ein£  burd) 
unfere  ©elbfttbätigfeit,  meit  biefe  immer  aud)  Oon  einem  jener 
©rregung  fähigen  ©elbftbemufjtfein  begleitet  ift.  ^nbem  mir 
aber  aud)  geieat  Ijaben,  ba%  ba$  id)led)tt)imge  2lbl)ängigfett§* 
ßefür)l  fid}  niefct  bermtnbert,  no<$  Oiel  meniger  aufbort,  menn 

1  ©.  §.5,5.  8.  31. 


©er  ©tau&enSIefjre  erfter  Stielt,  ©rittet  Stöföniit.  265 

mir  unfer  ©elbftbercußtfein  aud)  au  bem  ber  gangen  SBelt  er* 
meitern  ,*  alfo  fofern  mir  in  bemfelben  ba§  enblictje  (Sein  im 
allgemeinen  refcräientiren :  fo  liegt  aud)  barin,  bafj  alle  ber* 
fdjiebenen  Slbftufungen  be§  ©ein§  in  bie[em  ®efüljl  gufammen* 
gefaxt  finb,  mithin  feine  nähere  Sßeftimmtljeit  beffelben  jene£ 
Bufammenbefteljen  be§  (SotteSbemu&tieinS  mit  bem  28eltbe* 
mufjtfetn  unb  ba$  ©rregtm  erben  öon  ienem  burd)  biefe§  auf* 
Ijebe.  $)urd)  ben  SluSbruff  urffcrüngltdj  aber  foE  beoor* 
mortet  werben,  bafj  rjier  ntcbt  oon  irgenb  einem  beftimmten 
3uftanb  ber  SBelt  nod)  aud)  be3  $tenfd)en  ober  be§  ©otteg- 
bemufjtfeinS  in  bem  äftenfdjen  bie  9?ebe  ift,  meld)e§  alle»  eine 
gemorbene  83oEfomment)ett  märe,  bte  ein  SDceljr  unb  äftinbet 
guläfjt,  fonbern  oon  ber  fict)  felbft  gleiten  aller  seitlichen 
(gntmitllung  borangetjenben,  meiere  in  ben  innem  $erljält* 
niffen  be§  betreffenben  enblid)en  ©etn§  gegrünbet  ift.  feine 
foldje  SSoUfommentjeit  in  bem  obigen  <Simt  mirb  alfo  be* 
i^anptet,  bafj  Reifet,  es*  mirb  gefegt,  aEe§  ertblic^e  ©ein,  fofern 
e§  unfer  (Selbftbemufjtfein  mitbeftimmt,  fei  gurüfffüljrbar  auf 
bk  einige  allmächtige  lXrfäcr)Uctjfett ,  unb  fomol  alle  SBeltem* 
brülfe,  meiere  mir  empfangen,  als  bk  in  ber  menfdjlidjen 
9?atur  gefegte  2lrt  unb  SBeife,  mie  fiel)  bk  IRictjtunö  auf  ba$ 
©otteSbettmfjtfeirt  oermirllid)t,  fdjlöffen  bie  SJcöglic&feit  in  fiel), 
ba%  fiel)  mit  jebem  SBelteinbruf!  ba$  ©otteSbemufetfein  gur 
©inljeit  be§  Momentes"  Mibe.  S)iefe§  liegt  in  ber  ®ehnfe§ettr 
meldje  mit  bem  ©otteSberoufetfein  unmittelbar  Oerbunben  ift. 
$)enn  märe  baä  ©otteSbemu^tfein  nietet  auf  foXctje  innere 
Sßeife  begrünbet:  fo  märe  e§  etma§  gufälligeS,  mithin  un* 
gennfj  unb  mittfüljriidj.  hieraus  ergiebt  fiel)  gugteict),  mie 
biefer  (glaube  natürlich  unb  notpmenbig  gufammengeljört  mit 
bem  an  bie  emig  aUgegenmärtige  unb  lebenbige  Slftmadjt, 
inbem  beibe  ftet)  gang  gleichmäßig  behalten  gu  unferer  ©runb* 
borau§fegung.  2)enn  mie  jener  auSfagt,  bafj  fiel)  in  allen  @r* 
regungen  be§  frommen  ^emußtfeinS  ba§>  ©ottegbemufjtfein 
al§  geeinigt  mit  bem  Sßeltberoufetfeitt  auf  ©inen  begießt:  fo 
biefer,  bafj  in  jeber  folgen  (Erregung  ba§>  SBeltbemufjtfein  als- 
geeinigt  mit  bem  (StotteSbemufctfeüt  fiel)  auf  SXDCeg  bz^k^t, 
Unb  fo  mie  in  bem  (glauben  an  bk  emige  Mmadjt  sugleidj 
biefeg  liegt,  ba%  bie  SBelt  bie  gange  Offenbarung  berfelben  ift: 
fo  liegt  in  bem  (glauben  an  bie  urfprünglid)e  $oEfommenl)ett 
ber  SSelt  gugleidj  btefe§,  ba%  bie  göttliche  OTmadjt  in  ber 
gangen  £ebenbigfeit,  als"  bte  emige,  allgegenmärttge  unb  aü> 

1  ©.  §.  8, 2.  ©.  44. 


266  ©er  djriftlic&e  glaube.  (SiiterSfjcil. 

hriffenbe  ftdj  überall  in  ber  SSelt  bermtttelft  be§  [djlcdjtljtmgen 
8b$ättgigfeit§geffi$Ö  offenbart,  ot)ne  einen  Uuterjcbieb  bon 
Üflcebr  ober  SBeniger  ober  gar  einen  ©egenfaa,  ber  in  53e* 
jiebung  awf  &ie  Slbljängigfeit  ftatt  fänbe  anriidjen  einem  £beil 
unb  bem  anbem. 

2.  ^nbem  nun  Me  gemäblten  s2lu§brüffe  in'  biefem  «Sinn 
genommen  fein  motten:  fo  folgt  fdjoit  bon  felbft,  bafj  t)ter  bon 
jebem  Snfjalt  eine§  hrirflidjen  2eben§momente§  bermittelft 
eine§  beftimmten  28elteinbrutt§  abgelesen  merben  foH,  ba  mir 
e§  nur  mit  bem  ursprünglichen  auf  gleite  Sßeife  immerfort 
roäfjrenben  innern  ©intretenm ollen  be§  niebern  unb  Pieren 
©elbftbehmfetfeinS,  unb  mit  ber  SBefdjaffen^eit  atte§  un§  ge* 
gebnen  ©ein§  al§  ber  immerfort  nrirffamen  Urjactje  ber  jene 
9tict)tung  mitbebingenben  Sßelteinbrütre  au  tfjun  fjaben.  Un* 
mittelbar  roirb  alfo  fjier  gar  nidjt  bon  irgenb  einem  seitlichen 
Buftanbe  ber  SBett  uub  be§  93cenfcben  inSbefonbere  meber 
Vergangenen  noä)  gegenraärtigen  ober  aufünftigen  geftanbelt, 
fonbern  nur  bon  ben  ber  gangen  seitlichen  (Sntnnffhmg  gleich* 
mäfjig  sum  ©runbe  liegenben  unb  mäljrenb  berielben  ftd) 
immer  gleich  bleibenben  SSer^ältniffen.  2öa§  mir  in  bem 
(&tbkt  ber  drfabrung  Sßollfommentjeit  ober  Unbotlfommenljeit 
nennen ,  babon  tft  nur  jene  ba$  bermöge  ber  urforünglicrjen 
Söollfommenljeit  fcrjon  gemorbene,  biefe  ba$  bermöge  berielben 
nod)  nictjt  gemorbene,  btibtZ  jufammen  genommen  aber  bie 
merbenbe  SBollfommenljeit  SSir  fönnen  bat) er  [agen,  für  leben 
gegebenen  Moment  fei  bk  ursprüngliche  S5olIfommenbeit  in 
bem,  roa§  it)m  al§  reine  enbttdje  Urfädjlicrjfett  sunt  ©runbe 
liegt,  bk  befmitibe  aber  in  ber  ®efammtfjett  aller  SBirfungen 
barau§,  bie  gortentmüflung  al§  in  bem  Moment  einge|cl)loffen 
gebaut.  9cun  ift  aber,  roa§  jebem  Moment  al§  enblicrje  Ur* 
fäd^lidbfeit  äum  ©runbe  liegt,  nichts  anberS  al§  bk  ($Mammt* 
jjjeit  aller  beharrlichen  ®eftaltungen  be§  ©ein§  unb  aller  ent= 
gegengefegten  Functionen  beffelben,  folglich  ift  bie  urfprünglidje 
Sßottfommenljeit  bie  3u[ammcngel)örigfeit  bon  allen  biefen, 
bermöge  beren  fte  bem  Umfange  na<$  ber  göttlichen  Utfädj* 
Hdjfeit  gleich  finb,  unb  megen  be§  ©egenfaaeS  baä  Söemufjtfein 
berielben  Ijerborrufen. 

I  2)er  urfprünglidje  SluSbruff  biefeS  ©InubenS  nur  tn  einer 
anbem  gorm  ift  bk  göttliche  Billigung  ber  SBelt,1  melcrje  auf 
ben  5lft  ber  (Schöpfung  atö  folcl)en  bejogen  leinen  seitlicf)  au§ 
einem   früheren   gemorbenen   Buftanb   gum  (Segenftanb   fyat, 


®en.  1,31. 


©er  ©Iau&en§Ief)re  erfter  S^etl.  dritter  'ätöftfjnttt.  267 

fonbern  nur  bie  Urforüngltdjrett  beS  enMtdje»  <3etnS,  aber 
biefe  freilieb  als  Duelle  ber  gefammten  sdtlid^en  ©ntmifflung. 
<&o  menig  baljer  bitte  göttlidje  Söttfiguna,  burd)  irgenb  etmaS 
äeittidjeS  aufgehoben  merben  famt,  eben  fo  menig  fann  audj) 
ber  Sßaljrljeit  unfereS  ©a^eS  burdj  ben  üerfdn'ebenen  ^5er)alt 
ber  aeitlidjen  Momente  (gmtrag  gefdjeljen,  mögen  fte  nun  jegt 
meljr  als  geroorbene  23oEfommenbeit  bann  meljr  als  nodj 
§u  berbeffernbe  Unoottfornmenbeit  erfebeinen.  SSemt  bin* 
gegen  in  ber  Glaubenslehre  gemöljnltd)  unter  eben  biefem 
tarnen  bon  gjjf^idjtlidjen  Momenten  gebanbelt  mirb,  nämüdj 
ton  einem  üarabieftfdien  3"ftanbe  ber  SBelt  unb  einem  3u* 
ftanbe  ftttlidier  Sßollfommenfjeit  beS  9ftenf$en,  meldje  letbt 
eine  3eitlang  gemährt  bauen:  fo  ift  flar,  bafj  eine  folctje 
Öebre  ntdjit  benfelben  Ort  einnebmen  famt,  mie  bie  bier  auf* 
geftellte.  £)enn  ein  mirflidier  auf  jeben  gatt  alfo  ber  $er* 
änberung  unterworfener  guftanb  fann  ftdj  nid)t  auf  biefelbe 
SBeife  auf  biegöttItdjeMma$t  besieljn,  mie  baSienige  in  bem 
enblidjen  ©ein,  maS  allen  auf  einanber  folgenben  guftänben 
sunt  Grunbe  liegt,  am  menigften  aber  ein  foldjer,  melier 
ganglid?  t>erfd)rounben  fein  fotl,  meil  bann  audj  bk  göttliche 
OTmadjt  ntdjt  mebr  biefelbe  tonnte  geblieben  fein.  SBogegen 
menn  aueb  mir  etmaS  füllten  in  ben  begriff  ber  urfbrünglidjen 
SSottfommenbeit  aufnehmen ,  maS  ftd)  naljer  hctxa<$tet  als  ein 
nerä'nberlid^eS  geigte:  fo  märe  biefcS  nur  ein  auf  einer  un* 
richtigen  ©ubfumtton  berubenbeS  $erfefjen,  meldjeS  fobalb 
entbefft  aud)  oerbeffert  m erben  tonnte,  obne  bafc  ftd)  in  ber 
Sebre  etmaS  emberte.  (SS  mirb  aber  aüerbingS,  menngleicb 
t>er  Gang  unferer  ^arfteUung  unS  gar  ni$t  barauf  geführt 
fiättt,  ba  biefeS  (Element  einer  hrirfiidjen  al%  Gefdjidjte  ge* 
gebenen  S5od!ommenbeit,  meldte  als  urfürüna/iid)  gefegt  mirb, 
nun  einmal  in  ber  Glaubenslehre  fcorbanben  ift,  §u  unter* 
fueben  fein,  ob  eS  überbauet  für  eine  foldje  Seljre  einen  Drt  giebt, 
ober  ob  fte  überall  nur  auf  einem  $tifberftnnönif3  beruht. 

§.  58.  ©er  betriebene  Glaube  ift  barguftellen  in 
§mei  Se^rftüffen ,  bereu  eine£  ton  ber  £Mfommenfyeit 
fcer  übrigen  28elt  in  33e§te^ung  auf  ken  9Jlenfd;en 
f?anbelt,  ba§  anbere  r-on  ber  SBolifomntenJ&eit  be£ 
Sflenfäen  felbft. 

1.  £)a  ber  befdjriebene  Glaube  nichts  anberS  ift  als  bte 
SluSfage  über  baS  gemeinfame  ber  frommen  (Erregungen ,  nur 
üüf  baS  btefelben  mitbeftimmenbe  enbüdje  Otogen,   miemol 


268  ©er  djriftlic&e  ©laitbe.  ©rfter  3^etl. 

aurf)  biefe§  in  fetner  2lUgemetnljeit  betrautet,  nämlid)  auf  bie 
SBeltetnbrüffe,  meldte  mir  empfangen:  fo  ergiebt  ftdj  biefe 
Teilung  gang  öon  felbft.  2)enn  meber  mürbe  burd)  biefe 
SBeltetnbrüffe  ba$  ®otte§bemufjtfein  erregt  merben  !önnenr 
menn  fie  öon  einer  bem  miberfpredjenben  58efcrjaffenr)eit 
mären,  nod)  audj  menn  ber  SJtenfcr)  nic^t  jo  befetjaffen  märe, 
bafj  fomol  jene  Gcinbrüffe  bi§  gleidjfam  an  ben  Drt  feinet 
fmfjeren  ©elbftbettmfctfeütg  gelangten,  al§  audEj  bie  ben  gangen 
$rogefj  ber  Erregung  be§  (SotteSbemufctfeinS  öermrttelnbe 
Begtetmng  be§  niebern  nnb  ljöljeren  @elbftbemufetfein§  auf 
einanber  in  üjm  beftänbe.  Sßonadj  benn  biefe  beiben  Be* 
bin^ungen  iebe  für  ftet)  in  Betrachtung  fommen.  9#an  tonnte 
aUerbing§  fagen,  ber  üöienfdj  fei  felbft  mit  biefer  feiner  Be* 
fdjaffenbeit  ein  Söeftanbtrjetl  ber  SSelt,  unb  nur  bermöge  biefer 
SSefcrjaffenrjeit  grabe  ber  Beftanbtfjeil,  ber  er  ift,  mithin  auefr 
'  fei  bk  urforünglidje  Bollfommenfj  eit  be§  9#enfd)en  fdjon  mit 
eingefd)loffen  in  bit  urfbrünglidje  BoJIfommenlj dt  ber  Söelt. 
2)iefe3  ift  audj  gang  richtig  unb  in  einem  rein  miffenfcfjaft* 
liefen  Berfaljren,  mo  e§  fiel)  um  bie  Slnfdjauung  be§  enblidjen 
©ein§  an  ftdj)  Rubelte,  mürbe  eine  fotdje  Teilung  nur  gu= 
läfftg  fein,  fofern  aud)  anbre  gemalt,  unb  ber  Begriff  ber 
Bollfommenljeit  ber  Sßelt  in  bk  ttjrer  berfd)iebenen  Beftanb* 
ir)eile  unb  ber  Bertjältniffe  berfelben  gegen  einanber  gerlegt 
merben  fottte.  2lnber§  aber  ift  e§  auf  bem  bogmatifc&en  <55e= 
biet,  beffen  urfp  dinglicher  (Segenftanb  gar  nid)t  ba§  objectiüe 
Bemufetfein  ift,  fonbern  ba$  ©elbftbemufjtfetn,  unb  ijier 
namentlich  in  fofern  ber  TOenfcrj  ftdj  barin  ber  Sßelt  gegen= 
überfteltt,  unb  gu  bem  übrigen  Sein  in  bem  Bertjättnifj  ber 
2ßed)fetmirfung  fteftt. 

2.  5lu§  bemfelben  (Srunbe  fann  audj  Ijier  nict)t  bon  ber 
urfarüngüdjen  BoHfommenljeit  ber  SBelt  an  ftdj  unb  in  Begug 
auf  ben  Begriff  be§  enblidjen  SeinS  bk  9?ebe  fein,  fonbern 
nur  in  Begleitung  auf  ben  Sftenfdjen.  SBürbe  babei  gugteici) 
behauptet,  bafc  e§  feine  anbere  Botltontmenljeit  ber  SSelt  gebe, 
unb  biefe  alfo  gang  teleologifd),  ba$  Söort  in  bem  gemöljnlidjen 
(Sinne  genommen,  betrautet:  fo  bebürfte  bie§  einer  nähern 
(Srflärung,  bamit  ber  (Schein  bermieben  mürbe,  al§  ob  ber 
SJienfd)  fotCe  al§  ber  SKittelpunft  alle§  enblidien  ©einS  bar* 
geftellt  merben,  in  Begiebung  auf  meieren  allein  alles  eine 
Bottfommenbeit  babe.  2)iefe  ©rflärung  mürbe  audj  nid)t 
fd)mer  gu  geben  fein,  meil  unter  Borau§fegung  einer  orga^ 
nifrfjen  Bufammenfegung  be§  (Sangen  alleS  eben  fo  gut  für 
ieben  ift,  mie  ieber  für  atfeS,  mitfnn  au<$  ba§  entferntefte,  mie 


©er  ©laufcett§Ie*jre  crfter  2$eit.  dritter  «bfönitt.  269 


feine  @inrid)tung  bodj  sufammenbängt  mit  ber  (SJefammtöert 
feiner  mittelbaren  unb   unmittelbaren  SSerbättmffe,    fo  au$ 
nicbt  nur  in  Sejiebung  ftebt  mit  bem  SOtafäen,  fonbern  au* 
Sei  öotfftänbiger  (Sinftcfct  eben  biefe  Sesiebung  ber  »uSbrutl 
für   bie  ©ißent&ümlidjfett    feineä    £)afein§    merben    tonnte, 
ftaein  mir  baben  nicbt  nötbig,  un§  auf  fotc&e  (Srttärungen 
einjulaffen,  meil  mir  gar  nid)t  eine  erfdjöfcfenbe  £ebre  über  bte 
SSoUfommen^eit  ber  SBelt  aufstellen  baben,  als  meltf>e§  eine 
fo§motogifd)e  Aufgabe  märe;   fonbern  ber  f)ier  barsulegenbe 
Glaube  fo£C  nicbt  meiter  gebn,  als  ba$  Gebiet  ber  reltgtMen 
Erregungen  gebt,  in  melcbeS  nur  bie  SBerfcältmffe  ber  Sßelt 
m  bem  2#enf<$en  eingreifen,    Snbem  mir  aber  auf  ben  ®e* 
fammtgrunb  berfelben  äurüffgebn,  fo  mirb  äugtet*  gelebt,  bali 
feine  noc&  beborftebenbe  meitere  (Sntmifflung  btefer  $erbalt* 
uiffe  iemalS  etma§  enthalten  tonne,  ma§  biejen  (glauben  auf* 
fjöbe     2öa§  nun  bie  $oEfommenf)eit  be§  2R crimen  anbelangt, 
fo  märe  e§  nidjt  ber  <Sarf>e  angemeffen  gemefen,  $ut5uaufeaenf 
ba%  fte  ebenfalls  nur  in  Sesug  auf  bk  SBelt  »u  oerfteben  feu 
SStelmebr  ift  sunätf)ft  feine  urfprünglid)e  $oltfommenbett  tn 
SSejiebung  auf  ©ort,  b.j.  auf  ba§  ©cfc§tfein  beS  (SJotteS* 
bemufetjein§  in  ibm  gemeint,  unb  leine  Anlagen  in  SBeste&unfl 
auf  bie  SBelt  gehören  nur  Sicher,  fofern  aud)  fte  U§  ®otte3* 
bemufetjem  ermelfen.     £>te  ganse  (Stellung  be§  ©aseS  aber 
f cfcliefct  alterbingS  biefeS  in  ft«,  ba£  alle  jene  plagen,  öer* 
möge  bereu  ber  SQtafcb  Meter    beftimmte  £eftanbtbett  ber 
SSelt  ift,  mit  Wiedergeboren;  meiner <Sa*  ein  mtdjttger  Stamm 
mirb  in  bem   Gebiet  ber  djriftlicben  (Sittenlehre,   um  eine 
beenge  öon  9fti£öerftänbniffen  au  beseitigen. 

3.  hieraus  mirb  fdjon  obne  meitereS  erbellen,  mte  natur* 
IIA  e£  ift,  ba£  bie  Sebre  öon  ber  eigentbümtidjen  urforuitg» 
Heben  SBoltfommenbeit  be§2Renfcben  biet  reicher  bogmatt)^ 
bearbeitet  ift,  atö  bit  öon  ber  SSoKfommenbeit  ber  SBelt  m 
SBeättg  auf  ben  9ftenfd)en.  Sßenn  aber  lejtere  gans  feWt,  fo 
fann  bie§  ntdjt  nur  ber  erfteren  gemife  nid)t  sunt  SSortbetl 
gereiften,  fonbern  au*  bie  unter  bem  Eitel  Oon  ber  gotttteben 
^öorfebung  ober  mie  fonft  öorfommenbe  Sebanblung  ber  ge* 
morbenen  SSoEfommenbeit  mirb  bann  ni*t  feiten  berfeblt, 
meil  ein  ri*tiger  Segriff  üon  ber  urfarünglt*en  SSoU* 
fommenljeit  ni*t  ift  su  ®runbe  gelegt  morben.  billig  aber 
$ebt  ba$  minber  bringenbe  unb  baber  au*  minber  auS^u* 
fübrenbe  bem  mistigeren  unb  su|ammenge[eateren  als  ©in* 
(eitung  öoran. 


270  «Der  cöriftlWje  ©lau&e.  Grfter  Sfjeil. 

(grfteS  Se$rftült 
S8on  ber  urforüngudjen  SBoUfommenljeit  ber  Sßett. 

§.  59.  Seber  Moment  in  toeldjem  mir  nn£  bem  un3 
äufeertid)  gegebenen  ©ein  gegenüberstellen  enthält  tfyeilS 
bie  Sßoranofesung,  bafy  bie  2Bett  bem  menfd)lid)en  ©eift 
eine  gülle  öon  Sftet§mittelTt  barbiete  ptr  (Snttuiülung  ber 
3uftänbe,  an  benen  ftd)  ba£  ©otte^beiüufetf ein  üermirf* 
lieben  fann,  tt)eil3  bie,  bafe  fie  fid)  in  mannigfaltigen 
Slbftufungen  toon  i§m  bebanbeln  laffe,  um  ifym  al£  Drgan 
unb  als  SDarfiellunggmittel  &u  bienen. 

1.  ©cfjon  oben1  ift  üorauSgefest,  bafj  fid)  ba$  (S5otte§* 
beroufetfein  an  allen  ßuftänben  be£  SBemufjtfeinS  entmtffein 
!ann ,  meiere  bie  tbiertfebe  SSermorrenb  eit  überttmnben  baben, 
fo  bafc  ber  ©egenfas  atuifeben  bem  ©elbft  nnb  bem  btefem 
gegebenen  ©ein  fo  mie  anrifdjen  bem  gegenftänbltcben  $8e== 
ft>uJ3t|ein  unb  bem  ©eibftbemufjtfein  ftet)  barin  au§fprid)t, 
inbem  nämlid)  beibe  ©lieber  einanber  gleichseitig  gegenüber- 
treten,  ©affetbe  gilt  and)  öon  bem  ©egenfaa  amifeben  bem 
leibentltdjert  nnb  tätigen ;  aber  menn  gleidj  auf  unferm 
©ebtet  megen  be§  teleologifdjen  (£barafter3  ber  djriftUcben 
^römmigfeit2  mit  bem  leibentlic6»en  nur  in  feiner  Öeaiebung 
auf  ba&  felbfttfjätige  fiel)  ba§>  ©otteSbenmfjtfein  einigen  fann: 
fo  ift  boct)  §ur  tlaren  ©Reibung  ber  felbfttbätigen  Momente 
ba§  Stojnrifdjentreten  be§  leibentlicben  notbmenbtg,  meü  nur 
in  bem  fuccefioen  ©egenjaa  gefdjiebener  Momente  bit  SHarbeit 
be§  23emuf$tfein§  murselt.  Seibentlicbe  Buftänbe  aber  tonnen 
nur  merben  bureb  einnrirfenbeS  ©ein ;  unb  bie  urfprünglic&e 
Söoülommenbeit  ber  SBelt  in  23eaug  auf  ben  Sftenfcben  beftetjt 
fonad)  barin  aunädjft,  bafe  in  it)r  bie  Erregung  leibentlid)er 
Buftänbe  au§  melden  tbätige  merben  f  ollen,  unb  folerje  £u* 
ftänbe  nennen  mir  9t eise,  seitUä)  begrünbet  fei,  ober  ba% 
fie  bie  G&hnpfänglicbtett  be§  äftenfeben  sur  Aufregung  unb  Söe- 
ftimmung  feiner  ©elbfttbättgfett  aureidjenb  befttmmen.  gaffen 
mir  nun  sunädjft  ben  9ftenfd)en  OöUtg  innerlicb  auf,  al§ 
©elbftt&ätigeS  in  toeldjem  ©otteSbemufjtfetn  mögtieb  ift  ba$ 
Reifet,  als  ©etft:  fo  gebort  feine  leibliche  Seite,  bie  ntdjt  btefeS 
felbft  ift,  urfprünfllicb  biefem  Sßeltförper  an,  in  meldjen  ber 


©.§.5,3.  ■  ©.  §.  9,  l.u.§.  11. 


©er  ©IaufienSIeljre  erfter  Sfjeil.  ©titter  Sttfönttt.  271 

(Seift  tritt,  unb  mtrb  erft  attmäpg,  fo  tote  tjernadj  mittelbar 
burd)  fte  audj  atte§  anbere  attmäblig,  Organ  unb  S)arftettung§* 
mittel  be§  (Seiftet  früher  aber  unb  aunädjft  Vermittelt  fte  bte 
retsenben  (£inmirrungen  ber  SBelt  auf  ben  (Seift  ©onad) 
läfet  ftdj  biefe  ganae  ©ette  ber  ursprünglichen  23ollfommentj  eit 
berSSelt  barin  aufammenfaffen,  bafj  in  iljrlebenbtgauSammen* 
fcängenb  mit  altem  übrigen  für  ben  (Seift  eine  Organisation 
mie  bk  menfdjlidje  gefegt  ift,  meldte  itjm  alle§  übrige  ©ein 
anleitet.  —  2ßie  nun  aber  bk  SHarfcett  be§  SBemufetSeinS  aud) 
bebingt  ift  burdj  bk  entgegenfeaenbe  Unterf Reibung  be§  ^el&ji? 
bemufjtSeinS  unb  be§  gegenftänblidjen,  moau  toefentltc^  gebort 
bafj  aud)  berfdjtebenaftige  (£inmirtungen  auf  baffelbe  fönnen 
belogen,  unb  biefeg  baburd)  oon  ieber  einaelnen  ©inmirfung 
unabhängig  al§  (Sin  ©eienbeS  fann  beftimmt  merben,  mooon 
mieberum  alle  ©rfatjrung  unb  anlest  aud)  alle  SBiffenfdjaft 
abbängt,  meldje  legiere  un§  ieboctj  Ijier  nur  um  ber  erften 
mitten  interefftrt:  fo  fönnen  mir  biefe  (Seite  ber  ursprünglichen 
SSottfommen^eit  ber  SBelt  auSammenfaffen  unter  bem  begriff 
iljrer  (Srfennbarfeit.  SöetbeS  gebort  meSentlidj  aufammen;  beim 
obne  eine  Organisation  mie  bte  unfrige  märe  fein  ßufammen^ 
Ijang  atoifd)en  bem  enblidjen  (Seift  unb  bem  leiblichen  ©ein, 
mie  atoeffmäfjig  bafür  aud)  biefeS  georbnet  fein  möchte,  unb 
otme  eine  folcfce  georbnete  ©Reibung  be§  @ein§  märe  bie 
menfdjlidie  Organisation  eine  erfolglose  (£r[d>einung.  <So  ift 
benn  beibe§  aufammen  (£tne§,  nur  ift  bk  ©rfennbarfeit  be§ 
©ein§  bk  ibeale,  ba&  naturgemäße  Söeftetjen  ber  menfd)lid)t:n 
Drganifation  aber  bie  reale  &t\tt  ber  ftd)  unmittelbar  auf 
bie  menf<$lid)e  ©mpfänglidjfeit  beaietjenben  ursprünglichen 
$olIfomment)eit  ber  SBelt. 

2.  SDiefelbige  ^eitje  ift  nun  aber  aud)  rüffmärtS  an* 
gulegen.  2)enn  menn  alle  (Selbftttjätigfeit  be3  9ttenfd)en 
bebingt  märe  burd)  bie  ©inmirfungen  ber  SBelt:  fo  märe 
fte  nur  Sfteaction,  unb  a&eS  aud)  partielle  greüJeitSgefüfjl 
märe  nur  StäuSdjung.  Sft  aber  menigften§  bk  (gmpfänglid)* 
feit  eine  lebenbige  unb  eigentümliche,  fo  ba\}  biefelbe 
(Sinmirfung  nid)t  in  5ltten  baffelbe  mirb,  ober  nod)  mejjr, 
menn  eine  ursprüngliche  öon  ber  ©inmirfung  unabhängige 
©elbfttljätigfeit  bem  (Seifte  beigelegt  mirb;  meiere  ni#t  blofr 
immanent  fein  fott  in  ber  einaelnen  geiftigen  $erf  önlid)f  eit, 
unb  barauf  möchte  bodj  alle§  bem  9ftenSd)en  So  mefentltc&e 
(SattungSbemufctfein  berufen:  So  geprt  aur  SSottfommen^eit 
ber  Sßeit  au<$  eine  an  unb  für  fid)  betrautet  unbefdjränfte 
(£mpfänglid)feit  berSelben  für  bie  ©inmirfungen  ber  geiftigen 


272  ©er  cf)riftltdje  (glaube.  (Srfter  Xfjell. 


©elbfttljntiafeit  be§  9Qcenfd)en.  ®iefe  (£mt.fängttd)feit  mufc 
natürlitf)  bei  ber  menfd)Ud)en  Organifatton ,  fofem  bie[e  a(3 
SBeftanbtOeil  ber  SBelt  betrautet  merben  fann,  beginnen,  üon 
bicfer  au§  aber  ftct)  immer  rueiter  tierbreiten,  bi§  auf  folctje 
_93eftanbtl)eile  ber  SBelt,  auf  roetdie  feine  anbere  (Sinroirfung 
ftattfinbet,  al§  bafj  fic  erfannt  tu  erben,  roeld)e§  un3  an  bie 
Trense  be§  oorigen  ©tüffeS  bringt.  SSenn  mir  nun  biefe 
(£mt.fänglic£>feit  ber  SSelt  unter  ben  beiben  2lu§brüffen  Organ 
unb  ®arftettung§mittel  suf  ammenf  äff  en :  fo  foH  bamit  feinet 
mege§  eine  Teilung  beseidmet  merben,  al§  ob  einiget  nur 
ba§  eine  fein  fönnte  unb  anbereS  ba$  anbere;  oielmeljr  ift 
gleich  bie  Organifation  felbft  beibe§,  baä  unmittelbarfte 
Organ  unb  ba§  unmittelbarfte  SDarfteUunggmittel,  unb  fo 
mirb  jebe§  aud)  immer  ba$  anbere,  roenn  e§  ba$  eine  ift. 
28ot  aber  finb  bie§  beibeS  bte  SÖesieljungen,  burdj  meiere 
ba§>  bie  felbfttljätigen  £uftänbe  begleitenbe  ©elbftberoufstfein 
ein  (£rregung§mtttel  mirb  für  ba$  (SotteSberoufetfem.  2)enn 
nur  in  Verbinbung  mit  feinen  Organen  ftellt  ber  Menfcrj 
bie  ©errfdjaft  über  bie  SSelt1  bar,  bte  iljm  nur  al§  in  ber 
Qöttlicrjert  SlÄmac^t  begrünbet  sunt  Söenmfjtfein  fommen  fann, 
unb  nur  inbem  bk  einfache  ®eifte§tfj ätigf dt  in  räumlicher 
unb  seitlicher  Vermittlung  bargefteHt  mirb,  erroefft  fie  als 
Gbenbilb  berfelben8  ba£  Söemufjtfein  ber  göttlichen  Ur= 
fäctjlictjf'ett. 

3.  ©afj  biefe  beiben  föamptmomente  ber  urtyrünglidjen 
$Sottfomntenr)eii  ber  SBelt  roefentltct)  gufammenge^ören,  leuchtet 
t»on  felbft  ein.  2)enn  ba$  erfte  märe  nur  eine  Unooßfommen= 
Seit,  nämltdj  eine  erfolglofe  Slnlage,  oljne  ba3  leare,  bk  @r= 
fennbarfeit  ber  Sßelt  etma§  leere§,  menn  fie  nidjt  aud)  felbft 
bie  ©arftettung  i§re§  (£rfanntfetn§  aufnähme,  unb  bk  menfdj* 
lic^e  Organifation  mürbe  ficrj  unter  bk  unoollfommneren, 
gefest  aud)  fie  fctjlöffe  ba$  innere  Seben  be§  ®etfte§  in  fidj, 
al§  itjre§  gleichen  oerlieren,  menn  nidjt  bon  il)r  au§  eine 
neue  Motens  be§  Organifiren§  begönne,  in  meldte  aUe§  anbere 
mit  fann  aufgenommen  merben.  Slber  aud)  bk  ©mpfänglic^s 
feit  be§  übrigen  ©ein§  für  bie  (Sinratrfungen  be3  ®etfte§ 
märe  etma§  leere§,  menn  biefer  nictjt  au$  t&r  fönnte  angefüllt 
merben.  SBogegen  nun  audj  beibe  piammen  bie  Sßesieljungen 
ber  SBelt  311  bem  (Seift  al§  bem  ©ij  be§  (SotteSbettwfjtfemS 
öoßftänbig  umf äffen,  inbem  für  bie  ©ntmifflung  biefe§  53e= 
toufitfemS  ber  menfdjlictje  (Seift  an  bem  itjm  gegebenen  ©ein 

1  ©en.  1,  28.  *  ß&enb.  £.  26. 


£er  ©fau6en§Ie6re  erfter  Sfieil.  dritter  Sftfd&nitt.  273 

3it<$ig  tmber§  als  biefe§  Mafien  fann.  Unb  afoar  Ijat  er  in 
btefer  Söeäieljung  an  ben  burtf)  (ginttrirfungen  be§  <3em§ 
entftel)enben  leibentiidjen  3uftänben  an  unb  für  ftcfe  betrautet 
öoUfommen  baffelbe  ob  fie  als  £eben§momente  angenehm 
ober  unangenehm  erfjebenb  ober  nieberbrüffenb  finb,  unb 
'baffelbe'  gilt  aud)  oon  ben  erworbenen  Organen  uub  auf* 
gefammelten  S)arfteHung§mttteln,  infofern  aud)  fie  al§  äu£ere§ 
©ein  fo  ober  fo  auf  ben  Sötaifdjen  surüffmirfen  unb  leibent* 
lidje  guftänbe  erregen  fönnen,  tnbem  baburd)  Weber  ba§ 
23erfjältnif$  beiber  gur  ©elbfttptigfeit  be§  Sftenfc&en  über* 
Ijaupt  geänbert  Wirb,  nod)  aud)  ba§  ®otte§6etöutjtfem  an 
unb  für  fidj  burd)  ba§  unangenehme  fernerer  erregt  wirb 
al§  burd)  ba§  angenehme. 

Bufaä.  23on  bem  l)ier  aufgehellten  ©as  tft  au  unter* 
fdjeiben  auf  ber  einen  (Seite  bie  Setjre  weld)e  befannt  ift 
unter  bem  Stiel  ber  ftefrte  oon  ber  beften  Sßelt,  auf  ber 
anbem  ©eite  bie  Söe^aüptung  oon  einer  Sßottfommen&eit  ber 
SSelt,  meiere  §war  aud)  bie  urfprünglidje  genannt  Wirb  aber 
nid)t  in  bemfelben  «Sinn,  fonbern  fo  bafj  fie  oor  ber  gegen* 
Wärtigen  S8ef<$affen§ett  einen  geitraum  aufgefüllt  Ijaben  fotf, 
Ijernad)  aber  ftd&  in  bk  gegenwärtige  unöoHfommene  um* 
gemanbelt  bat 

®ie  Seljre  bon  ber  beften  SSelt  Ijat  urfürünglidj ,  sumal 
fett  ßeibniä,  iljren  Ort  in  ber  fogenannten  natürlichen  ober 
rationellen  Geologie,  unb  tft  alfo  nid)t  al§  eine  SluSfage 
über  ein  frommes  SöeWufjtfein  entftanben,  fonbern  ein  (£r* 
geugnt^  ber  ©peculation.  ©aljer  tonnte  aud)  §ier  gar  nid)t 
Oon  üjr  bk  Üxebe  fein,  Wenn  nidjt  manche  (SJotteSgeleljrte1  fie 
in  berfelben  gorat  aud)  in  bk  djrtftltdje  ©laubenSleljre  herüber* 
genommen  hätten,  SDiefe  Seijre  aber  tjat  e§  nidjt  nur  mit 
bem  su  tfmn,  tua§  berBetterfüüung  sunt  ®runbe  liegt,  fonbern 
mit  ber  Beiterfüüung  fetbft,  in  melier  ba$  gefdjic&tltdje,  bk 
Sßirffamfeit  be3  menfd)iid)en  ®eifte§,  oon  bem  natürlichen, 
ber  SBirffamfett  ber  Of)t)ftfd)en  Gräfte,  nid)t  getrennt  Werben 
tarnt,  unb  fie  behauptet  ba%  otmeracljtet  aller  ^ebel  unb 
Unooltfommentjeiten  bod)  eine  größere  ©umme  oon  ©ein 
unb  SSoljlfeht  nidjt  märe  31t  erzielen  gewefen.  Unfere  beiben 
Seljrftüffe  fdjliefjen  freiließ  ebenfalls  bie  SSetjauptung  in  ftd), 
ba%  ba  ber  ganje  geitöerlauf  nur  eine  ununterbrochene  SSirf* 
famfett  ber  gerammten  urfprünglidjen  SSoEfommen^eit  fein 
fann,  ba§  enbüd)e  ©rgebnifj  eine  [d)lec&ttnmge  Söefrtebigung 

1  <S.  U.  a.  Michaelis  Th,   dogm.  §.55. 

@4I..  (grifft.  ©I.L  18 


274  Xetdjttftttdje  ©taube,  giftet  Sfjeü. 


fein  mufc,  unb  eben  fo  ieber  Moment  im  ganzen  betradjtet- 
befriebtgenb  als  5lnnäljerung.  2TOein  bic  Söetjaubtung,  tote 
fie  nur  bon  bem  frommen  Söeroufetfeht  auggebt,  begehrt  nid)t 
eben  fo  in  bie  fbecutatibe  Geologie  bütetngetragen  ju  fein», 
mie  man  iene  in  bk  djriftlidje  ©laubengleljre  aufgenommen 
bat.  gür  biefe  aber  muffen  mir  bahei  ftetjn  bleiben,  bafj  bie 
Sßelt  gut  ift,  unb  tonnen  bon  ber  gormel,  ba%  fte  bie  befte 
fei,  feinen  ®ebraud)  machen,  unb  §mar,  meil  jeneg  weit  mebr 
befagt  ol§  biefeg.1  ©er  festere  2lu§brurt  nämlid)  besiegt  fidj 
>ni$t  nur  auf  bk  bon  ung  fdjon  bermorfene  Vorftettung  bon 
mehreren  SSelten,  meldje  urlbrünglidj  gleidj  möglid)  gemefen 
mären  mie  bie  tDtrflict)  gemorbene,  fonbern  aud)  miß  er  ben 
gefammten  3eitbertauf  in  ber  miriiid)en  Sßelt  barfteüen  al§ 
bag  ©rgebnifj  ber  ebenfalls  bermorfenen  mittleren  ©rfennt- 
nifc,  fo  bafj  bie  gefammte  tjerborbringenbe  £l)ätigteit  ®otte§ 
alg  eine  fritifdje  folglich  fecunbäre  borauggefest  mirb. 

2)te  anbere  Söetjanbtung  finbet  ftd)  in  ben  Ueb erlief erungett 
ber  meiften  SSölfer  alg  <Sage  bon  einem  bor  ber  eigentlidjen 
®efd)ia)te  abgelaufenen  golbenen  Bettaltex.  ©a§  mef entließe 
babon  ift  immer  biefeg,  bafj  bie  SBelt  fo  befdjaffen  gemefen, 
bem  9ftenfd)en  oljne  Vermittlung  einer  entmif  feiten  ©elbft* 
ttjätigfeit  Söefriebigung  p  gemäßen.  5Xel3nltcrje§  nun  —  nur 
bafj  t)ter  nod)  biefeg  Ijinsufommt,  ba%  bie  SDtafdjen,  roenn 
jener  Buftanb  gebauert  t)ätte  aud)  nidjt  mürben  geftorben 
fein  —  Ijat  man  aud)  in  bie  turnen  altteftamentifdjen  2ln* 
beutungen  bon  bem  toarabiefifdjen  üzten*  hineingelegt,  meldje 
inbefj  fein  Bettalter  fonbern  nur  einen  berfjältnifemäfjig 
furzen  Zeitraum  in  bem  ßeben  ber  erften  Sftenfdjen  barfteUen. 
3unäd)ft  alfo  märe  gier  ber  feit  langer  3eü  fd)on  fdjmebenbe 
(Streit  über  bk  2lu§legung  au  fdjlidjten,  ob  bort  roirflid} 
eine  ($5efdjidjte  fott  ersäljlt  merben  unb  mitbin  bon  einer 
3eiterfüHung  bie  9?ebe  fein  ober  nidjt.  gänbe  ftd)  nun 
erftereg,  fo  mürbe  bie  ©adje  alg  eine  gefdjicbtlidje  5lu§fage 
gar  ni<$t  r)iet)er  gepren,  aufeer  infofern  einer  folgen  &tiU 
erfüKung  entmeber  eine  anbere  urfbrünglidje  SSoHfommenbeit 
Stirn  ®runbe  gelegen,  bk\t  aber  ftd)  in  bie  eben  befdjrtebene 
beüuanbelt  bafee,  bon  meiner  aug  eine  foldje  3eiterfüttung 
nietjt  meijr  möglich  fei,  ober  iener  Ö5efcrjtcrjte  fyaht  bie  Ijier 
befdjriebene  urfprüngtid)e  SSotltommeuf)eit  sunt  ®runbe  ge= 
legen,  aber  tben  biefe  liege  jegt  ni&t  mefjr  sunt  ÖJrunb'e. 
£eatereg  ift  nirgenb  behauptet  morben  unb  mürbe  ftd)  bon 


§.54,2.  2©en.  2,8. 


©et  ©IaufcensleDre  erfter  Sfjeil.  ©rittet  Stöfdjnltt.  275 

felbft  baburtf)  miberlegen,  bafj  ber  gefdjidjtlic&e  Verlauf 
überall  nur  Functionen  ber  oben  betriebenen  urforünglidjett 
Vollfommenlj  eit  barfteUt.  SDie  erftere  Veliauptung  aber  rnufc 
f)ier  ertoogen  merben.  @ejt  btefe  nun  notljtt)enbig  borau§, 
bafj  bie  urfprünglidje  Votffommenljeit  ber  SBelt  fttf)  nid)t 
gleich  geblieben:  fo  feljlt  e§  bann  fdjon  an  ^tnrjett  ber  ge* 
fammten  SSelteinrid^tung,  nrie  biefe  fidj  auf  bk  @d)öpfung 
unb  hn'e  fie  fidj  auf  bie  ©tätigfeit  ber  göttlichen  (Srtjaltung 
htlit^t  Slufjer  biefem  unläugbaren  ®runbfeljler  aber  folgt 
femer,  ba%  ®ott  jene  anfängliche  Einrichtung  gebilligt  iätte 
au$  in  Vestebung  auf  ben  £beil,  melier  ber  Verfdjlimmerung 
fäljig  toar  unb  biefelbe  au$  erfahren  fotCte.  UeberbieS  aber 
fcrjeint  e§  mib  erfprecb  enb ,  bafj  btejenigen  ®runbberljältniffe, 
unter  n^elc^en  bo$  ber  ©rlöfer  beftintmt  mar  in  bk  SBelt 
gu  treten  unb  ba$  unüberminblicbe  Sftetcb  ($5otte§  §u  grünben, 
minber  Oollfommen  fein  fönten,  al§  biejenigen  unter  meldten 
ber  erfte  SXftenfcb  in  bie  SSelt  trat,  ba  bodj  unter  ienen  roeit 
größeres  äu  ©taube  fommen  follte  a!3  unter  btefen.  prüfen 
mir  nun  jene  anfängliche  (Einrichtung,  fo  finben  mir  fie  in 
2Biberfpru$  mit  bem  göttlichen  Auftrag  an  bk  SOcenfdjen; 
benn  sur  £>errf$aft  über  bk  (£rbe  fonnte  ber  Sftenfclj  nur 
gelangen  ntittelft  ber  (Entmifflung  feiner  Gräfte,  unb  bk 
Söefctjaffenrjett  ber  SBelt,  welche  biefe  oeranlafcte  unb  §u* 
gleich  bie  @hnpfängli$feit  für  bie  ©inmirfung  ber  ent* 
nrif feiten  Gräfte  in  fiel)  f djliefet,  mufs  jenem  göttlichen  S3efet)I 
gleichseitig  gemefen  fein,  ^ft  enblic^  ($5efdjtct)te  unsertrenn* 
lidj  oon  Vilbung  ber  Sßelt  burdj  ben  üötenfc&en:  fo  enthält 
boc§  jene  (£rsäl)lung  in  Meiern  ©inn  nur  oorgef$t$tlidje§, 
unb  iljr  eigentlicher  SfaWt  ift  nur  ber,  ba%  eine  gulänglicfj* 
feit  ber  -ftatur  für  ba$  Vefteljen  ber  menfdjlidjen  Drganifation 
aller  Gnttmifflung  ber  Gräfte  boranging,  unb  bafj  bk  auf 
unferm  (Srbball  fo  bebeutenben  nad)tl)  eiligen  SDifferensen  in 
biefer  3^änglicl)!eit  erft  mit  ber  Verbreitung  unb  meiterett 
©ntmiülung  be3  Teufel) en  ftet)  enthüllen  fonnten.  Unb  menn 
man  aueb  au§  ber  (Srääblung  bietfeiebt  fctjltefeeri  fonnte,  bafj 
e§  bamal§  feine  feinbfeligen  Verljältniffe  im  Sttjietreidj  ge* 
geben  labt,1  unb  überhaupt  nichts  fctjäblict)e^  ober  unbrauäjs 
bare§  für  ben  9Jcenfcben:2  fo  folgt  feine§mege§,  bafj  bie§  audj 
aufjertjalb  be3  Raumes ,  in  bem  fi$  bk  SDcenfc^en  urfprüng* 


1  ©enef.2,  19.  enthält  fye%u  fefjt  toenig. 

2  ßbenb.  SS.  16.  toernt  nämlicfj  ber  S3oum  35. 17.  ntajt  an  un&  für  ftdj 
betberblidj  ioar. 

18» 


276  ©er  djriftüdje  ©laubc.  Grfter  5#eil. 

Iid)  bcfanben,  Gegolten  ljabe,  nodj  aud),  bafj  bieferÜtam  feine 
eigentt)ümlid)en  SBorsüge  bcrloren  babe.  —  Ergäbe  fid)  I)tn* 
gegen  au§  ber  ljermencuti)djen  Unterfudjung ,  bafj  bier  feine 
roirfltdje  ($5efd)td5te  Ijabe  ersnblt  derben  fotten  unb  märe  bk 
Grää^lung  baljer  trgenbroie  al§  S)id)tung  ansufeljen:  fo  mürbe 
fie  tjieljer  gehören,  fofern  fie  entroeber  unmittelbare  5lu§)agen 
be3  frommen  ©eibftbehmfjtfemS  enthielte,  ober  burd)  foldje 
beranlafjt  märe.  2öa§  fie  nun  über  bie  (Sntfteljung  ber  ©ünbe 
auSfagt,  ba§>  geprt  nidjt  t)ier)er.  Sludj  bie  ^ieljung  äunfdjen 
<5ünbe  unb  llebel  unb  ©ünbe  unb  Xob,  bon  melier  fie  offene 
bar  ausgebt,  ift  an  unb  für  fid)  l)ier  ntdjt  §u  unterfudjen, 
fonbern  nur  Ijinfiditlid)  ber  oben  aufgehellten  £et)re  bon  ber 
urfprüngtidien  SBottfommenljeit  ber  Sßelt  folgenbe§  §u  be- 
merfen.  Sßenn  mir  aud)  fct)lecrjtt)m  annehmen  mollten,  bafj 
e§  otjne  (Sünbe  meber  Uebel  noc§  Xob  mürbe  gegeben  Ijaben: 
fo  mürbe  barau§  nod)  feine§mege§  folgen,  bafj  bie  (£rbe  ur* 
fprünglid)  auf  einen  fortbauemben  Buftanb  olme  ©ünbe  muffe 
eingerichtet  gemefen  fein;  bielmeljr  fönnen  bem  olmeradjtet 
Hebel  unb  £ob  borljer  beftimmt  gemefen  fein,  fo  gerotfj  al§ 
(Sott  bte  ©ünbe  borber  gemußt.  Sfteljmen  mir  nun  nodj  ba§u, 
bafj  menn  mir  ba$  allmäljlige  Slbne^men  ber  organifdjen  Gräfte, 
bie  äÄöglidjf eit ,  bafj  ber  Organismus  burdj  äußere  üftatur* 
potenten  geftört  roerbe,  unb  ba§  Sßerfdjminben  burdj  ben  %ob 
l)inmegbenfen,  mir  nid)t  meljr  SSefen  unferer2lrtgebad)t  Ijaben, 
unb  bie  eigentlich  menfdjlidje  (35efcr)id)te  bodj  erft  ba  anfangen 
mürbe,  roo  biefe§  atte§  gefest  ift;  ferner  bafj  bk  burd)  bte 
<Sterblid)feit  bebingte  (Sorge  für  bk  (Srljaltung  be§  £eben§ 
unb  bie  Slbmenbung  aller  (Störungen  beffelben  §u  ben  mädjtigften 
©ntmilflungSmotiben  gel)  ort,  mithin  hä  ber  ©terblidjfett  unb 
ben  bamit  äufammenljängenben  liebeln  meljrmenf$lid)e£ljätig* 
feiten  auf  SSeranlaffung  unfereS  $erljältniffe§  jur  5Xufjenmelt 
entroiffelt  roerben  al§  oljne  biefelbe  ermartet  mürben  fonnte, 
unb  borauSgefegt,  bafj  bie  (Sefammttjeit  be§  menfdjlidjen  Seben§ 
eljer  3U  al§  abnimmt,  burdj  ben  £ob  ber  ©injelnen  meber  bie 
(gmbfänalidjfeit  ber  SBelt  für  bie  &errfdjaft  be§  ÜDcenf$en 
berminbert,  nodj  fie  in  ber  ©ntmifflung  ber  ganzen  gülle 
tt)rer  Sfteiätnittel  gehemmt  mirb ;  enblictj  audj,  bafj  bk  fort* 
bauernbe  ©ünbloftgfeit  meit  ftärfer  unb  glänsenber  mürbe 
berüorgetreten  fein,  menn  ber  9)cenfd)  unaufgeljalten  in  ber 
Gntmifflung  unb  bem  (Sebraudj  feiner  Gräfte  ba$  llebel  er* 
trug,  unb  burdj  bie  SSerbinbung  be§  (#otte§bemufjtfein§  mit 
ber  2kbe  %um  ©efdjlccbt  bk  5ln^ängli($feit  an  ba§  eigne 
Seben  beftegte  unb  fiel)  ben  Xob  gefallen  lief*:  fo  bleibt  mol 


£er  ©laufciieletire  erffer  ZMl  dritter  STbfänttt.  277 

feine  Urfac&e  übrig  %vl  geifern,  ba%  bie  urfprünglid)e  $otf* 
fommenljeit  ber  Sßelt  in  SBesiefmngen  auf  ben  9ftenfd)en  ftfjon 
anfänglich  feine  anbere  als  bie  bter  befdjrtebene  gemefen  fei, 
unb  bafj  meber  bit  ©rääbtung  ber  altteftamentifdjen,1  nodj 
bie  ljief)er  gehörigen  Slnbeutungen  in  ben  neuteftamentif^en 
©Triften8  unS  nötigen  anännefjmen,  bafj  ber  90?enfd)  un* 
fterbtid)  erraffen  mar,  unb  ba%  mit  feiner  9?atur  and)  bie 
ganse  Einrichtung  beS  ©rbbaftS  in  93esiel)ung  auf  ifjn  fei  ge* 
änbert  morben. 

Btneiteg  ße§rftüft 
2?on  ber  urf^rünglit^ert  $oüfoHtmenl}ett  be»  äftenfdjen. 
§.  60.  S)ie  fRt<$tung  auf  baS  ©otteSbemufstfein  föliefet 
als  innerer  Srieb  baS  äBetoufjtfein  beS  Vermögens  in  fia) 
mittelft  beS  menf$li$en  Organismus  p  benjenigen  3u* 
itcmben  beS  ©elbftberoufjtfemS  §u  gelangen,  an  melden 
]id)  baS  ©otteSbemufetfein  oermirfltdjen  fann;  unb  ber 
i>aoon  unzertrennliche  Srteb,  baS  ©otteSbemufetjein  &tt 
äufeern,  föltefct  eben  fo  ben  gufammenbang  beS  ©attungS* 
benmßtfeinS  mit  bem  perfönlia)en  ©elbftberoufetfein  in  ftdj, 
unb  beibeS  pfammen  ift  bie  urfprünglta)e  SBoüfommen* 
fyeit  beS  3ftenfd>en. 

1.  SSenn  baS  ©otteSbemufjtfein  in  ber  gorm  beS  f<$le<$t* 
Einigen  2ibf)ängigfeit§gefüljlS 3  nur  hrirflicfc  merben  fann  im 
Sufammen^ang  mit  einer  finnlicijen  SBeftimmtfjeit  be§  ©elbft* 
bemufjtfeinS:  fo  märe  bte  Stiftung  barauf  etmaS  Oötüg  leereS, 
menn  bie  Söebütgung  ba&i  in  bem  menfd)(icf)en  Seben  nidjt 
^erborgurufen  märe;  unb  mir  mürben  fte  un§  eben  fo  menig 
ai§  etmaS  mirflidjeS  beulen  fönnen,  mie  mir  fie  bei  ben 
Spieren  borauSfesen,  meit  ber  bermorrene  Buftanb  be§  23e* 
mufjtfeinS  bie  Söebtngungen  nicfjt  gemährt,  unter  benen  allem 
iene§  ©efütjl  Ijerbortreten  tonnte.  9fom  aber  befielt  bte 
grömmtgfeit  eben  barin,  bafj  mir  unS  biefer  9ftd)tung  ai§ 


1  ®en.  2,  17. 

2  «Rom.  5, 12.  auf  G5en.  2,  17.  gegrünbet,  fdjltefct  eben  fo  wenig  au§, 
bafe  Slbam  fterblirf)  fann  erraffen  getoefen  fein;  unb  1.  fior.  15,  56. 
fü$rt  eben  barauf,  ba§  ber  %ob  an  unb  für  fidj  föon  bor  ber  ©ünbe 
fceftanb. 

3  »flL  §.  5,  1-3. 


278  ©er  djriftlk&e  ©Icutbe.  GSrfter  S^ell. 

eine§  Iebenbigen  SmbutfeS  berufet  ftnb;  ein  joldjer  aber 
fann  immer  nur  au3  ber  inneren  Söaljrljeit  be§  Sße)en3 
Ijerborgeljn  meld)e3  er  eben  mit  conftituirt.  SDaber  rechnen 
iuir  nun,  fo  geroifj  mir  fromm  ftnb,  ben  ganzen  UmfreiS  bon 
3uftanben,  mit  benen  ba§>  ©otteSbercufjtfein  ft$  einigen  !ann, 
gu  bie[er  SBaljrfjett.  Unb  mie  e§  eine  fd)letf)ti)inige  Unbotf* 
fommenfjeit  ber  menfdjlidjen  9catur  märe,  nämlid)  ein  gän^ 
Itctjer  Mangel  an  innerer  Bufammenftimmung ,  menn  bie 
Sprung  äraar  angelegt  märe,  aber  nidjt  berbortreten  lönnte: 
fo  gehört  eben  biejeS  mefentüd}  gur  urfprünglidjen  Sßottfommen* 
I^eit  ber  Üftatur,  bafj  jene  bie  (£rfd>etnung  be§  (SJotteSbemufjt- 
fein§  bebingenben  Buftänbe  Don  bem  fünfte  an,  roo  bit 
geiftigen  Functionen  entroiftett  ftnb,  baä  gan^e  flare  unb 
tt>ad)e  Q&en  be§  SDcenfc^en  erfüllen  tonnen.  Unb  mie  mir 
e§  al§  ben  unbotffommenen  Buftanb  ber  grömmigfeit  in  bem 
©injelnen  anfefm,  menn  biete  Momente  i'laren  ftnnlid)  be= 
ftimmten  ©elbftbemufetfeinS  borfommen,  oljne  bafj  ftd)  ba§ 
(S5otte§bemuf3tfein  mit  üjnen  berbinbet:  fo  rechnen  mir  e§ 
ebenfalls  äur  urfbrüngltdjen  $ottfommenf)eit  be§  9)cenfd)en, 
bafj  in  unferm  Haren  unb  madjen  Seben  eine  ©tätigteit  be§ 
@otte§bemu^tfein§  an  unb  für  fictj  betrautet  mögticö  tft; 
hne  mir  e§  aud)  im  (SJegenttjeü  al§  eine  mefenttidje  Unbofts 
fommenfjeit  empfinben  müßten,  menn  ba$  £erbortreten  be§ 
fd)led)tbinigen  2lbfjängigfeit§gefüfri§,  o^nerac^tet  e§  fein  tljeif* 
meiftgeä  Slbpngigf eit§ *  ober  gretf)eit§gefüf)i  aufgebt,  bod) 
f$on  an  unb  für  ftd)  nur  auf  einzelne  gerftreute  Momente 
beidjränft  märe.  —  $)a  übrigens  ba§  ($5otte3beroufjt[ein  ftdj 
einigt  nid)t  nur  mit  benjenigen  ftnnlic&en  Erregungen  be§  ' 
©elbftberaufjtfeinS ,  meiere  unmittelbar  au§  SSeltetnbrüften 
entfte^enbe  2eben§förberungen  ober  Hemmungen  auflagen, 
fonbern  aud)  mit  benen,  meiere  bie  ertennenben  £ljättgfeiten 
begleiten,  enblid)  aud)  mit  benen,  meldte  mit  jeber  3lrt  bon 
SBirf[am!eit  na#  aufcen  in  Bufammentjang  fielen:  fo  gepren 
aud)  atfe  biefe  geiftigen  SebenSfunctionen  unb  bie  barauf  S8e= 
äug  babenbe  Einrichtung  be§  £>rgani3mu§  mit  jur  urforüng* 
liefen  Sßottfommenljeit  be§  SJcenföcn,  roenngletdj  nur  fofem 
bie  gorberung,  roeldje  mir  für  ba&  ©otteSbemufetfein  auf= 
ftetten,  bur<$  fte  bebingt  rcirb,  unb  fo  bafe  jenem  felbft  immer 
bie  erfte  ©teile  äufommt.  3ubörberft  alfo  bie  £fMtfd)e 
®runbbebingung  be§  geiftigen  SebenS,  bafj  nämlidj  ber  ($5eift, 
im  men[d)Ud)en  ßeibe  äur  ©eele  gemorben,  nun  aud)  in  bie 
übrige  Sßelt  auf  baS  mannigfaltigfte  einmir!t  unb  fein  S)ajein 
ßeltenb  mac^t,   mie  benn  audj  bie  anbern  lebenbigen  Gräfte 


©er  ©IctufcenSIeJjre  erftcr  XJjell.  ©rittet  Stöfönltt  279 

i^r  ©afetn  tljm  geltettb  machen,  fo  ba%  ba§  allgemeine  £eben§* 
flefftffl  fidj  al§  SBeroufjtfein  ber  2Be<$felnrirfmtQ  gehaltet,  in 
'toelc^cr  £tnfidjt  bann  gur  urfbrünglicften  VoIIfommenljeit  be§ 
Sftenfdjien  mefentlid)  au$  btefe§  geprt,  bafj  bie  entgegen* 
gefegten  £eben§momente,  Hemmungen  näntlidj  unb  görberungen, 
Tidb  §ur  (Erregung  be§  (SotteSberou&tfemS  gleichmäßig  ber* : 
galten.  £)emnädjft  nun  bie.  inteHectuelte  ®runbbebtngung, 
"bafj  nämltdj  ber  (Steift  bermag  bermittelft  ber  ©inne§einbrüffe 
ba$  fein  SBefen  mit  conftituirenbe  Sßiffen  um  ba§  (Sein,  unb 
um  ba%  ma§  mir  felbft  burdj  unsere  £fjätigfeit  in  unb  au§ 
bemfelben  Ijerborbrtngen  fönnen,  in  ben  mannigfaltigften  516* 
ftufungen  affgemeiner  unb  befonberer  Vorstellungen  sunt 
mirflidjen  Söeroufctfein  auszuprägen,  unb  ba%  er  baburdj  §u 
t>em  begteitenben  Vemufstfetn  eine§  9?aturäufammenljange§  ge* 
langt,  an  meldjem'ftdj  ba§  ($5otte§bemufjtfein  enthriffelt.  5Iuf 
3>er  Bufammenftimmung  biefer  Vorftetfungen  unb  Urteile  mit 
bem  SSefen  unb  ben  SSerrjältniffen  ber  S)inge  beruht  aUe§ 
meljr  al§  inftinctartige  (Sinmirfen  be§  ÜD?enfdjen  auf  bie 
äußere  9?atur,  mithin  audj  ber  gufammentjang  §mifd)en  ber  i 
■■Grlenntnifj  unb  bem  tätigen  Seben.  Verbinbet  fi$  aber  auf ! 
HeTetn  ©ebtet  ba%  (SJotteSbehntfstfeüt  borne^imlic^  unb  am  ur* 
fbrünglidjften  mit  ber  Vorftellung  bom  üftaturäufammenljang: 
fo  ift  aud)  ba§>  £  erb  orgerufenm  erben  be§  ®otte§bennr§tfein3 
gar  nidjt  baburdj  gefäfjrbet,  menn  einzelne  Vorfteffungen  ntdjt 
mit  bem  SSefen  be§  bargufteHenben  ®egenftanbe§  überein* 
ftimmen;  mie  benn  in  unferm  Vorfteffen  bie  aKfetiige  Ver* 
bunbenljeit  atte§  (5ein§  nidjt  nad>gebilbet  mürbe,  memt  mir 
■ntdjt  borau§[e§ten,  ba%,  fo  lange  nodj  nidjt  affe§  (Sein  in 
nnferm  SDenfen  abgebilbet  ift,  audj  jebem  SDenfact  nodj  irr* 
£§ümlid)e§  b  etgemif  d)t  bleibt. 

2.  2öa§  nun  ben  £rteb  ba$  (SSotteSbemufjtfetn  in  äufjern 
Betrifft:  fo  ift  fretlid^  fein  inneres,  ba§  nidjt  audj  ein  2leufcere§ 
mürbe,  unb  fo  giebt  e§  aud)  Steuerungen  be§  ®otte§ben;uf}t* 
fctnS,  in  melden  ftd)  unmittelbar  feine  Veaietmng  auf  ba$ 
$attung§benntfctfein  nadjmeifen  laffen  bürfte.  £>ier  aber  ift 
bie  Diebe  bon  benjenigen  5leufjerungen,  meldje  auf  bie  <$e* ; 
metnfdjaft  abameffen,  unb  einer  jeben  folgen  §um  ®ruhbe< 
liegen.  Sft  alfo  nun  bte  (SJemeinfdjaft,  olme  meldje  un§  audj 
feine  lebenbige  unb  fräftige  grömmigfeit  gegeben  ift,  burdj 
jene  Steuerungen  bebingt:  fo  ift  fie  e3  audj  burd)  bie  innige 
Vereinigung  be§  (StottmtöSberoufstfeutS  mit  bem  perfönltdjen 
<5elbftbemu^tfein,  meiere  mie  fie  im  allgemeinen  a'tte  STner* 
iennung  Ruberer  al§  gleichartiger  SSefen  bermittelt,  fo  auc& 


280  £er  djrtitlidje  ©laufte.  grfter  2fjei(. 


allein  bie  5Borau§jeäung  erregt  unb  im  (Jansen  erhält,  baf: 
mit  unb  att£>  bem  Sleufeeren  audj  ba$  innere  merbe  erfannt 
unb  auföenommen  merben;  unb  mir  rennen  baljer  billig 
bcibtä  in  biefer  3ufamengcjjörigfett  gur  urforüngüdjen  $ott~ 
fommenfjeit  be§  SKenfcrjen.  £>iefe§  TOtentfjaltenietn  be£ 
(SJattungSberoufctfetnS  in  bem  periönHdjen  ©eibftbemufetfein 
unb  bte  bamit  äufammeufjängenbe  ÜDftttljeitbarfeit  be§  ümern 
burd)  ba§  äußere  ift  bie  gefeftige  ®runbbebingung,  inbem  jebe 
menfdjlidje  ®emeinfd)aft  nur  auf  tp  beruht,  unb  fte  geprt  aud) 
in  biefem  meiteren  Umfang  r)ter)er,  meit  audj  in  ieber  anbern 
©emeinfcrjaft,  Üjr  (Segenftanb  fei  melier  er  motte,  bie  £>anb* 
Iungen  be3  SOrenf^en,  meil  bem  einer  fumlidjen  ©rregtfjeit  beg 
<3elbftbemuf$tfeüt§  begleitet,  äitgleidj  aud)  eine  9Jctttbeilung 
I  feine§  ®otte§bemufstfein§  enthalten  tonnen.  Slber  nodj  mefjr,  bie 
frei  beraeglidje  2Ieut$erltdjfeit  be§  9}cenfd>en  mufj  in  tfjrem 
ganzen  Umfange,  menn  aw$  nid)t  jebe§  (Stnjelnen  für  ftct) 
attein  fonbern  nur  in  SBerbinbung  mit  Ruberen,  biefer  mit* 
t^eilenben  Steuerung  be§  (SJotte§berouf$tfein§  bienen  fönneiv 
meil  e§  fonft  finnlictj  betoegte§  ©elbftbemufjtfein  geben  müfete,. 
mit  meinem  ba§  (55otte§berouf3tfein  ftd)  smar  innerlidj  Der* 
binben,  nid)t  aber  in  ber  Sßerbinbung  mit  bemfetben  aud} 
äufeerlict)  fj  er  austreten  tonnte,  unb  jonadj  ba§  G&ebitt  ber 
Steuerung  unb  TOtttrjeilung  bon  borne  herein  fteiner  abgeftefft 
märe,  al§  ba§  ber  innern  (Erregung,  meldje  Ungteid^eit  eine 
urfbrün gliche  Unb ottfommen^eit  mürbe  genannt  merben  muffen. 
3.  ®a  nun  in  ben  5lufftettungen  unfere§  ©a^eS  alle  S3e* 
bingniffe  enthalten  finb,  fomol  um  ba%  ®otte£>bemufjtfein  in 
jebem  menfd)tict)en  Gnngelroefen  ^ur  (Stetigfett  §u  förbem,  al§- 
aud)  um  e§  t>on  Gebern  auf  bit  21nbern  nad)  9ftafjgabe  ber 
berfdjiebenen  SIbftufungen  menfdjlidjer  ^emeinfdjaft  §u  über* 
tragen,  unb  gmar  aud)  in  ber  IsBottfommenfjett,  mie  e§  oon 
bem  (Srlöfer  au§  unb  burdj  it)n  auf  bie  (grlöften  übertragen 
merben  fann:  fo  ift  burdj  benfelben  audj  ber  gorberung 
unfere§  2tbfdjnitte§  genügt.  Unb  in  bem  SSiffen  um  bie  (Sie* 
mente  biefer  urförünglidjen  Sßottfommenbeit  al§  in  einem 
Seben  borfjanben  rechtfertigt  fict)  sugfeidj  bie  urfbrünglidje 
gorberung  ber  (Stetigfeit  unb  allgemein  jjeit  be§  Ö5otte§be= 
mufjtfeinS;  unb  bie  menfdjlidje  9?atur,  mie  fte  ftcf)  nermittetft 
ber  ^tbftammung  in  einem  ieben  eisernen  ÜÖtenfdjen  al£  bie* 
felbe  micberf)olt,  erfdjeint  äulänglidj  au  ifjrer  (Erfüllung.1    Sn* 


1  Omnos  homines  in  primo  bomine  sine  vitio  conditi.  Ambros.. 
de  vocat.  gent.  I,  3. 


£er  ©IemBenSIrfjre  erfter  S^eil.  dritter  Stöfänitt.  28t 

bem  mir  aber  beibe  föauptpunfte  al§  ein  in  ftdj  felöft  öott* 
ftänbigeS  auf f äffen  mußten:  fo  recbtfertigt  fidj  baburdj  auf§ 
neue  bic  überall  auf  Totalität  au§gebenbe  unb  nur  unter 
btefer  Söebingung  mögliebe  tt>iffenfctjaftltc6>e  Söebanblung  für 
ba§  (Gebiet  be§  ©otteSbemufjtfeinS,  unb  gmar  fomol  für  bie 
eigentliche  ($5lauben§lebre,  meiere  bk  ©efammtbeit  ber  frommen 
Erregungen  auf  gemeine  SDerter  gurüffgufübren  tjat ,  als?  aueb 
für  baZ  ber  religiöfen  (Sittenlehre,  melier  obliegt  bieienigen 
£>anblung§metfen  311  unterbleiben,  meiere  bon  bem  Einfluß 
be§  ©otteSbemufjtfeinS  auf  unfere  gm  eff  begriffe  geugen,  fo 
rcie  aueb  für  bie  praftifebe  Geologie  im  allgemeinen,  rcelebe 
e§  mit  ber  SBejefdjnung  unb  (Sonberung  ber  berfebiebenen 
formen  ber  ©emeinfebaft  be§  ©otteSberaufjtfeinS  gu  t§un  bat 
Unb  bk$  ift  natürlich,  ba  bn§  gange  bogmatifdje  Sßerfabren 
—  toogu,  menugleicb  ber  3Iu§bru!f  in  etma§  meiterem  ©inne 
genommen  roerben  mufj  als  gemöbnlicb,  aueb  bie  gulegt  an* 
geführte  $)i§ciplin  gebort  —  nur  auf  bem  (glauben  an  ba$* 
jenige  beruljt,  ma§  mir  rjter  als  bie  ursprüngliche  SBottfommen* 
beit  beS  ÜDcenfcben  bargelegt  baben. 

§.61.  2Bie  ftd?  r-ermöge  tiefet  urfprüngli^en  SBouV 
fommenl)eit  ber  ntenf$lidj>en  3ftatur  ein  jebe<o  oermittelft 
ber  ©t^eugung  an£  Sicfyt  tretende  tnenfcfylidje  Seben  ent* 
anffeit,  ba$  giebt  bie  gütte  ber  Erfahrung  im  ©ebiete  be£ 
©lauben£:  toie  aber  unter  berfeiben  $orau£fegung  bie 
erften  SJcenf $en  ft$  enttoif  f  elt  Reiben,  baoon  fe^lt uns  bie  ©e* 
fd)i$te;  unb  bie  barüber  borfyanbenen  2lnbeutungen  !önnen 
feinen  ©laubengfag  bilben  in  unferm  ©inne  be£  2Sorte<3. 

1.  £)ie  ©runbberbältntffe  beS  menfeblicben  SebenS  fo  auf* 
gufaffen  nrie  in  ber  obigen  Söefdjreibung  ber  urfbrünglicben 
SBoEIommenbeit  beS  ÜDtofcben  gegeben,  fo  nämlidj  baS  atleS 
auf  baS  ©otteSberoufjtfein  begogen  mirb,  baS  ift  atterbingS 
eine  (5acbe  beS  ©laubenS;  benn  e§  bäugt  gang  ah  bon  ber 
ben  frommen  Erregungen  betroobnenben  ©enrifjjett,  fraft 
beren  allen  anbern  SebenSguftänben  nur  bermöge  ü)reS  Sin*. 
tbeilS  an  jenen  eine  ©emifebeit  gufommt.  SDenfen  mir  unS 
im  ©egentfjeil  in  einem  SDcenfcben  gtr-ar  aueb  fromme  (Sr* 
regungen,  aber  obne  begleitenbe  ©ennfjljett  fo  bafs  er  fte  eben 
fo  leicht  für  Sauf  (Jung  balten  fann  als  für  S&afytfytit:  fo 
mirb  er  titctjt  gu  ber  obigen  SSorfteüung  bon  ber  urfprüng* 
lieben  2ß oKfommenbeit  gelangen,  fonbern  baS  ©otteSbenwfjtfein 


282  ©er  tfriftlit&e  ©laute.  Grfter  Sljelt. 


«ntmcber  nur  onbern  £eben§elementen  coorbtmren,  ober  oiel* 
letdit  gar  ättr  urfprüngltdjen  SBottfommenljeit  nur  bie  9Jcög= 
Itdjfeit  rennen  ftd)  Don  bemfelben  al§  einem  (Sraeugnifj  ber 
■ntenfdjlid&en  UnboIIfommenljett  Inieber  311  befreien;  unb  fo 
inirb  benn  ber  ©ine  baff  eibige  al§  Hemmung  erfahren,  raa§ 
ber  SInbere  al§  görberung  erfährt.  2)a§  tijatfäd&lidje  nun  in 
ber  menfdjlidjen  Sntmtfftung  ift  nirgenbä  ©adje  be§  ®tauben§ 
fonbern  e§  ift  bte  ®efä)id)te,  bie  5lu§fagen  barüber  feien  fte 
nun  allgemeine  ober  befonbere  finb  nid)t  ($51auben§|äae  fonbern 
Gefcrjidjtlidje  2lu§jagen,  audj  roenn  unmittelbar  ber  Buftanb 
be§  (S5otte§beroufjtfein§  in  einem  ©internen  ober  einer  ®e* 
noffenfdjaft  ber  ®egenftanb  ber[elben  ift.  Unb  hierin  fann 
aud)  fein  Unterfcljieb  fein  smifd)en  ben  erften  $D£enfdjeit  unb 
nn§,  fonbern  aHe§  roa§  mir  oon  ben  rcirfücEien  guftänben 
nnb  bem  (5ntmiffluno§gang  ber  erften  9?cenfdjen  müßten,  aud) 
biefe§  mit  eingejdjloffen  mie  ficlj  in  ifjnen  otjne  bie  erregenbe 
$raft  ber  Heb  erlief  erung  bie  ber  Sftatur  einrooljnenbe  $fti<$tung 
auf  ba$  ®otte§beroufjtfein  nermirflidjt  Ijabe,  bie§  aHe§  märe 
auf  leine  SBeife  (Glaube  fonbern  (S5efctjid)tef  menn  mir  nid)t 
ben  ^ebraud»  jene§  SSorte§  gän^lid)  änbern  unb  etma  eine 
mit  Ungeteilt) eiten  oermengte  Ö5efcrjtctjte  motten  glauben 
nennen,  ©onft  tonnten  jene§  immer  nur  gefd)idjtli<$e  ®ennt* 
niffe  fein,  unb  burd)  gefd)id)tlid)e  Slu§fagen  unb  ©arftettungen 
erhalten  unb  Derbreitet  roerben.  Stafc  mir  aber  aucrj  unter 
t^ren  guftänben  nur  bieienigen  meldje  einen  oergröfjerten 
Sßertlj  be§  ®otte§bemuf5tfein§  auSbrüffen  al§  gortfdjrettimg 
anfeljen  mürben,  ba§>  märe  atterbing§  eine  SHjatfadje  be§ 
■<5JIaubcn§  aber  nur  beffelben  ®lauben§,  melier  fidj  in  bem 
obigen  begriff  ber  urfprünglidien  Sßollfommenf)  eit  be§  SDcenfdjen 
au§fprid)t.  ©tßentfjümltdje  ®lauben§[äae  über  bie  erften 
2ftenfd)en  tonnte  e§  immer  nur  geben,  fofern  iene  tljnen  au§* 
fd^liefjlid)  gulommenbe  2lrt  be§  ®emorbenfein§,  unb  alfo  aud) 
jeitlid)  betrautet  be§  ©eins,  bie  Shtroenbtmg  unfereS  Begriffs 
auf  fte  mobiftcirte.  Slud)  bann  freilid»  mürben  mir  immer 
bürfen  babei  fteljn  bleiben,  bie  Slnraenbbarfeit  unfere§  Begriffs 
auf  ba§  (Gebiet  ber  (Srseugung  ju  bejdjränfen,  unb  mürben, 
ma§  hei  ifjnen  an  bie  ©teile  su  fejen  fei,  baf)in  geftettt  fein 
Iaffen  tonnen,  aufgenommen  fofern  ba$  barau§  ämijc&en  tljnen 
nnb  un§  entftefjenbe  Sßerljältnifj  aud)  unfer  (55otte§beroufjtfein 
in  feiner  SSerbinbung  mit  bem  ©attungSberoufetfein  anber§ 
geftaitete.  (58  fragt  fidä  alfo,  ob  un§  ü)re  ®efd)id)te  fo  mit* 
geseilt  ift,  bafc  mir  jur  Slufftettung  folc&er  ©äse  genötigt 
.mären. 


©er  ©fau&enSletjre  erfter  Sfjetl.  dritter  3C6fänltt.  233 


2     9cun  aber  tft   offenbar,  bafc  bte  altteftamemifcrje  (Sr* 
Gablung,1  an  bte  mir  Ijter  aHein  gemiefen  finb,  toeit  entfernt 
ift  eine  foldje  (Stefdjtdjte  aufstellen.    ©emt  roenn  aucb  bte 
Krage  üotffommen  bejabenb  entfcbieben  märe,  ob  überhaupt 
biefe  (Srsä^lung   gefc&icfjtlicb   gemeint  tft:  fo  fegen  bo«  bte 
einseinen  fünfte,  meiere  fie  barftetft,  fctjon  ba§  metfte  bon 
bem  öorau§,  ma§  toir  über  bie  erften  9ftenf$en  borsugltcb 
erfahren  motten,    ^amentliä)  nrirb  auf  ber  einen  (Seite  bte 
(5üra<$e  unb  bie  burdj  fie  bebingte  gorm  be§  SBetoufctieutS, 
Seren^neignung  bei  ben  geborenen  SDlenfdjen  am  Merften 
bemeift,  ba£  ber  bem  t$ierifäen  ffl&nlufce  Mtanb  ber  Ser* 
tnorrenbeit  fdmn  im   SBerfäaunben  ift,   Ijier   überall   fäoit 
»orauSgefeat;  unb  eben  fo  exfäeüit  ba§  ©otteSbehmfctfeut  als 
fcbon  oorfjanbcn,  unb  mir  erfahren  ni#tS  bon  ber  Strt  lote 
eSftä  entmiffelt  Ijat.    9lu<$  tta§  bon  (äJeferäd&füSnmfi  ®otte§ 
mit  bem  STCenfc&eit  ergäbt  mirb,  ift  ftatt  bie  Sömng  ber 
anbern   Aufgaben   §u   erleichtern  nur   eine   neue   unb  nocb 
fdimierigere.    ®enn  mir  erfahren  gar  nichts  näl>ere§  bon  ber 
%xi    iütc  ftct>  OJott  ben  äffenfdjen  Oerne^mlicf)  gemalt,  uu§* 
genommen  bafe  i&m  fer)r  beutlicf)  leibliche  ©eftalt  beigelegt 
tutrb     9tun  aber  ift  e§  gleich  unerfiärlicb,  mie  auf  etne  foldje 
fefctjeinung  eine  fcbon  bor$anbene  $orfteuung  bon  ßjott  $abe 
ol§  auf  üjren  ©egenftanb  übertragen  merben  fbnnen,  ober 
tote  auf  SBcranlaffuitö  einer  folgen  ein  mabre§  ©ottcSbcnm^ 
fein  UU  entftejen  fönnen.    Sa  aud)  toaS  bie  äußeren  «er* 
I)ältniffe  betrifft,  ift  hk  SBetäteibung  be§  üarabieftferjen  3u* 
ftanbeS  mol  eine  negatibe  ©Ulfe,  infofern  bie  grage,  tote  ber 
2)ienfd)  feinen  £eben§unterbalt  OonSlnfang  an  babe  gemtnnen 
fönnen,  feine  befonbere  <ö<$nrierigfett  barbietet,   aber   etne 
©arftetfung  bon  ber  Strt  mie  bie  Seit  aufgefüllt  gemefen  unb 
Don  ben  «ftefultaten  baoon  für  bie  (Weiterung  be3  gegen* 
ftänblicrjen  fomol  at8   be§  ©elbftbemu^tfein§   mtrb    ganaltd) 
öermi^t     ©elbft  roa§  bon  bem  benennen  ber  Sljtere    gefagt 
mirb  Iäfct  un§  gänali*  ungemifc,  ob  unb  in  miefern  btejöe* 
aet*mmg   fäon    auf   bat  SBer$äItmß    ber  Strien    P   t$ren 
Gattungen  unb  ber  größeren  Slbtbeitungen  au  btefen  »tuEftc&t 
genommen  faU-    ®&en  fo  unbeftimmt  ift  baZ  ftttlt«cf  beim 
fomol  ber  unfctjulbige  Mangel  an  ©c^aam^afttgfett  als  ber 
anfängliche  ®e§orfam  gegen  baZ  göttliche  Verbot  Iäfct  bte  ber* 
^iebenften  Sluffaffungen  au.    ®a  nun  überbie§  auetj  gar  fem 


1  ©enef.  1,  26.  ffgb.  ».  2,  7—3,  24. 
*  ©enef.  2,  19. 


2S4  £er  cfjrifttitfce  ©(auöe.  (Erftcr  SfjcH. 

3citman§  angegeben  ift:  fo  feOit  e§  an  altem  roa§  nötf)ig; 
märe  um  ein  gefdjtdjtlidjeS  SBilb  3U  geftalten;  unb  man  fann 
rate  jagen,  bafj  aüe§  ma§  un§  bon  ben  erften  Sftenfdjen  au§< 
bem  Settraum  bor  bem  galt  beridjtet  mtrb,  fic^)  fet)r  moljl 
au§  bem  rjier  aufgehellten  begriff  bon  ber  urforüngltc^en 
SBottfommenljeit  be§  Sftenfdjen  erflärt. 

3.  SBitt  man  biefe  (£rsäljlung  nid)t  al§  ©efdjic&te  anfeljen, 
fonbern  nur  al§  einen  uralten  SBerfucb,  ben  Mangel  an  einer 
gefd&idjtlidjen  5ßadjric&t  bon  ben  Anfängen  be§  menfdjlidjen 
($5efd)lecf)t§  su  ergänzen:  fo  werben  bk  einzelnen  eingaben 
fobiel  innere  SSafjrljeit  für  un§  fjaben,  al§  fie  mit  nnferm 
aufgehellten  begriff  übereinftimmen ;  alte  SSerfudie  aber,  ein 
gefcf)idjtiicf)e§  «güb  bon  ben  erften  Anfängen  be§  menfdj)licf)en 
2)afein§  ju  geftalten,  muffen  notfjmenbig  mißlingen,  toetl  e§ 
un§,  mie  un§  benn  überfjaubt  fein  abfoluter  Anfang  gegeben 
ift,  an  alter  Analogie  fef)lt,  moran  mir  un§  einen  abfoluten 
Anfang  be§  bernünftigen  SöeroufetfeinS  berftänblicf)  machen 
tonnten.  2lucf)  bon  bem  finblid^en  SBemufjtfein  in  bem  erften 
ScbenSabfdjnitt  fjaben  mir  feine  anfdjaulicfje  Sßorftettung.  Unb 
boefj  fommt  un§  Riebet  nodj  gu  Statten,  bafj  ba$  Slufgeljn  bes 
SBenmfctfeinS  au§  ber  Sßettmfjtloftgfeit  sufammenfätft  mit  bem 
ftcf)  So§reiffen  unb  2tbfonbem  be§  Seben§  au§  ber  (gemein* 
febaft  mit  bem  mütterlichen,  unb  ba%  fogleidj  ber  umgebenbe 
fc|on  enthriffelte  ®eift  einwirft  auf  ben  erft  sur  SBefinnung, 
fommenben;  ber  erfte  äftenfdj  hingegen  ift  grabe  nur  §u  be= 
fcfjreiben  al§  berjenige  hei  bfht  biefe§  bittet  gänäHcl)  fefjlte. 
£>ie  fretlictj  jener  Analogie  am  näd)ften  liegenbe,  unb  fo  aud) 
unterer  Erfahrung  bon  bem  guftanbe  folctjer  menfcfjlidjen  ®e= 
feüfcljaften,  raeldje  nodj)  bie  meiften  (£ntmiffiung§ftttfen  bor  ftdj 
fjaben,  angemeffenfte  gormel,  baf$  bk  erften  SÜcenfcfien  al§ 
gutartige  erraaebfene  ®inber  ansufetjen  feien,1  gemährt  feine 
anfdjauttcfje  SBorftettung,  tu  eil  mir  un§  bie  getftige  ©ntmtfffung 
nicf)t  leichter  rein  bon  innen  JjerauS  benfen  fönnen,  af§  bie 
be§  ®inbe§,  unb  meil  bie  leibliche  ©rljaltung  be§  ermacfjfenen 
erften  9ftenfcf)en  bon  Anfang  an  ©etbfttfjätigfeiten  erforderte, 
bit  mir  un§  nur  a!3  buref)  Erinnerung,  Sßerfnüpfung  unb 
Söieberfjolttng  erworben  benfen  fönnen.  2SiH  man  annehmen, 
ber  erfte  S)cenfdj  fei  anfänglich  mefjr  tljiertfcf)  nur  burd)  gn* 
fünft  geleitet  morben:  fo  ift  ber  Uebergang  au§  btefem  3u* 
ftanb  in  ben  be§  $8ewufjtfein§  unb  ber  Söeftnmtng,  ofjne  bk- 


*  SSflT.  u.a.  be  SSettc  Sittenlehre  §.  38.  unb  tfjeol.  3cttf^xift  II> 
6.  84— 88. 


£er  ©fau&enSMjre  erfter  Stjetl.  dritter  Sftfdjntti.  285 

^pülfe  eute§  fcbon  beftebenben  berftänbigen  SebenS  nicbt  ju 
begreifen,  inbem  er  ber  Anfang  eme§  neuen  mit  bem  borigen 
gar  nicbt  sufammenbängenben  S>afetn§  märe,  ©iefer  (Scbroierig* 
feit  bat  man  abhelfen  gefugt  burcb  §raet  SBorftellungen,  §u 
benen  bie  $eranlaffung  in  ber  altteftamentifcben  ©rsäblung 
einigermaßen  tr>enigften§  gegeben  ift.  S£)a§  eine  ift  bie  aud) 
in  Dielen  ®lauben§lebren  einbeimifcbe  ^formet,  baß  bem 
Wenden  bie  narbigen  gertigfeiten  fcbon  feien  anerfdjaffen 
morben,  metcbeS  ftc^  bann  beliebig  Don  bem  §ur  griftung  be§ 
2cben§  notbroenbigen  aucb  meiter  nnb  bi§  auf  ba$  eigentliche 
geiftige  (gebiet  au§bebnen  läßt.  Mein  bieZ  beißt  eigentlictj 
nur,  ba%  ber  erfte  Buftanb  be§  !>ücenfcben  ficb  ntctjt  anber§ 
benfen  läßt,  al§  hrie  bie  fbäteren,  roetcbe  burcb  frübere  bebingt 
finb,  gebaut  roerben,  ba§  beißt,  ba%  ein  fc^lecr)tr)ttt  erfter 
3uftanb  ftcb  gar  ntdjt  benfen  läßt.  Sludj  ift,  menn  mir  nicbt 
auf  ben  Sfaftinft  §urüffgeben  motten,  ein  Sßenmßtfein  biefer 
anerfdjaffenen  gertigfeüen  nicbt  ben!bar  bor  itjrer  5lnroenbung, 
unb  nrieberum  in  einem  eigentlich)  menfcblicben  guftanb  obne 
Söeroußtfem  berfelben  fein  SntfmlS,  ber  fte  in  Söeroegung  fejen 
tonnte.  ®enriß  aber  berringern  biejenigen  ©laubenSlebrer1 
bie  ©djnrierigfett  nicbt,  fonbern  febren  auf  ben  erften  SJSunft 
jurüff  unb  befcbreiben  bie  Aufgabe  mebr  al§  fte  fte  löjen, 
meldje  einen  hrirflicben  guftanb  ber  erften  ätfenfdjen  aufftettert 
motten,  babei  aber  bie  perfönlidjen  $ottfommenbeiten,  bie  fte 
ibnen  beilegen,  al$  bloße  Vermögen  befcbreiben,  unb  aHe§, 
roa§  fcbon  Hebung  erforbern  mürbe,  babon  ausließen. 
2>a§  anbere  2Iu§funft§mittel  ift  biefe§,  ba^  man  ftcb  benft, 
toa§  bem  gebornen  SDcenfcben  bie  (Semeinfdjaft  mit  ben 
fcbon  entroiffelten  unb  erroacbfenen  gemäbrt,  ba§  fei  ben 
neugefcbaffenen  burcb  eine  offenbarenbe  unb  ersiebenbe 
(S5emeinfcbaft  mit  (SJott  ober  ben  ©ngeln  geleiftet  morben. 
Mein  biefe§  fübrt  un§  näber  betrautet  auf  bie  eine  ober 
anbere  Sßeife  immer  mieber  auf  ba$  erfte  surüff.  £)enn  foH 
biefe  ersiebenbe  Offenbarung  eine  bloß  innere  (Sinnürfung 
gemefen  fein:  |o  märe  biefe  ber  ©rfcbaffung  ftcb  unmittelbar 
anfcbtießenb  bon  tr)r  nicbt  ju  unterfcbeiben,  unb  baä  eigentlicb 
eigene  Seben  be§  SJJenfdjen  finge  nicbt  biel  anber§  an  al§  mit 
anerfcbaffenen  gertigfeiten.  ®ott  bingegen  bie  $emeinfcbaft 
eine  äußere  burcb  menfcblicbe§  SBort  »ermittelte  fein:  fo  fann 
bann  freilieb  ba§  erroaebfene  3Knb,  fo  umgeben,  mit  bem 
©preäjen   aucb    benfen   lernen    bermöge    ber  anerfcbaffenen 


1  ©.  Stein!) axb  ©ogm.  §.  70.  73. 


286  5)er  djrtftlidje  ©laube.  Grftcr  S^eil. 

menfdjlicben  SSermmft;  foll  eS  aber  audj  ju  beftimmten  £anb* 
lungen,  wie  [eine  ©rfjaltung  fie  erforbert,  in  Bewegung  gefest 
werben:  fo  nutzten  entWeber  jene  fjofjeren  Sßefen  and)  ein 
ganj  men[d)li(^e§  Beben  führen,  bamit  ber  ^acbabmungStrieb 
mitwirfeu  tonnte,  ober  ber  Sßerftanb  mufe  bod)  al§  idjjon  ent* 
wiffelt  OorauSgefest  Werben,  um  Sebre  unb  ®ebot,  Weld)e§ 
bilbenb  wirlen  fottte,  aufeufaffen. 

4.  SBenn  Wir  un§  alfo  bon  ben  erften  GnttWtfftunggsuftänben 
ber  erften  Jäftenjdjien  leine  anfdjaulicbe  Sßorftettung  au  machen 
wiffen,  Wir  mithin  aucb  ntdjtS  angeben  fönnen,  Wa§  nn§ 
nötigte  bie  5ln wenbbarfeit  be§  aufgehellten  Begriffs  auf  fie 
auf  irgenb  eine  befonbere  SBeife  gu  mobificiren:  fo  ift  aud) 
feine  $eranlaffung,  befonbre  ®lauben§fäse  auf gufteltett ,  bereu 
©egenftanb  bk  erften  ÜUcenfdien  wären.  9?ur  fobtel  folgte 
ba%  wir  bie  ©ültigfeit  unfere§  Begriffs  nur  gur  ©arftettuna 
bringen  fönnen  innerhalb  be§  3ufammenfein§  früherer  unb 
fbäterer  ®efd)led)ter,  ba  Wo  menfd)lidje§  SDafein  auf  bk  un§ 
gegebene  SSeife  anfängt,  unb  in  feiner  ©ntwifftung  auf 
menfd)lid)er  Ueberlieferung  ruljt.  $n  biefer  SBe^iebung  nun 
wirb  burd)  unfere  $eWif$eit  über  bie  bargeftettte  urfürüng* 
Iidje  SSotffommenbeit  ber  menfd)It$en  Statur  bk  SSorau§* 
fesung  begrünbet,  bafj  aUd)  bie  erften  Sftenfdjen,  als  ibr  ©in» 
flufc  auf  ein  gweüe§  ©efdjledjt  begann,  auf  irgenb  einem  Wenn 
and)  für  un§  gar  nidjt  näljer  beftimmbaren  $unft  ber  (£nt- 
Wi!flung§tinie  ftanben,  mitbin  ba§  fie  aud)  im  ©taube  Waren 
auf  bie  ©ntwilftung  be§  (S5otte§beWu^tfein§  in  bem  folgenben 
(SJefdjIed&t  §u  Wirfen,  ba§  beifct,  bafj  bk  ftdj  mttttjeilenbe 
grömmigfeit  fo  alt  ift  al§  ba$  ficrj  fortbflanaenbe  menfdjltcbe 
<S5efct>lect)t.  SDiefe  SSorauSfejung  liegt  in  bem  SöeWufjtfein, 
ba%  bk  grömmigfeit  ein  allgemeines?  menfdjlidjeä  ßeben§= 
element  ift. 

SSenn  nun  nadj  ber  Analogie  mit  ber  mofaifdjen  SDar* 
ftellung  ber  <3d)öbfung,  Welcbe  alle  organifdje  SSefen  immer 
in  ibrer  Slrt1  betrachtet,  aucb  ber  bortige  2lu§bruff  be§ 
göttlicben  2Sillen§  bei  (Srfdmffung  be§  ÜÖtenfcben3  nid}t  auf 
bie  erften  9ftenfd)en  in  ibrer  Söefonberbeit  gebn  fann,  fonbern 
nur  fofern  fie  ber  erfte  Slbbruff  ber  $2enfcbengattung  waren  ; 
unb  bie  grage  wirb  aufgeteilt,  ob  bie  Söeseicbnung  „(gbenbilb 
®otte§,"  Woburct)  bocb  ofmftreitig  bie  9?atur  be§  ÜDtenfcben  in 
ibrem  SSoraug  bor  ben  anbern  befdjriebenen  (S5efd)öpfen  bar^ 
geftellt  werben  fotC,  bem  bon  un§  aufgeteilten  begriff  an* 


1  ©enef.l,  11.21,  24.  *  Sßenb.  1,26. 


$er  ©fauoenSIefjre  erfler  Xmi  dritter  Stöfämtt.  28? 

gemeffen  fei:  fo  fann  biefe  grage  nur  mit  großer  SSorftc^t * 
bejaht  werben.  £)enn  wenn  wir  aucb.  bie  Sebenbigfeit  be£ 
<Sotte§beWuMein§  als  ein  <3ein  <Sotte§  in  un§  betreiben 
fönnen,  Weld)e§  ja  weit  mebr  su  fein  fdjeint  al§  eine  5le^ns 
Itcfjfett  mit  ©Ott,  fo  ift  bocfj  biefe  tttvaä  anbereS;  nnb  ba  iene 
Sßirffamfeit  be§  (SottegbemufctfeinS  in  un§  nur  gegeben  ift  im 
gufammenbang  mit  unferm  pfjtyfifdjen  nnb  leiblichen  Organa 
mu§,  fo  mürbe,  wenn  man  bon  ber  Sleljnltdjfeit  ober  bem 
©benbilbe  (Sottet,  fo  Wie  e§  ift  nnb  aud)  bier  bargeftettt 
morben  ift,  auf  (Sott  felbft  surüf ff ctjliefs en  Wollte,  eine§  bon 
beiben  muffen  angenommen  werben,  entWeber  ba%  fi<$  bit 
ganse  Sßelt  au  (Sott  berbielte  wie  unfer  (Sefammtorgani§mu§ 
§u  ber  Jjödjften  geiftigen  ®raft  in  un§,  wobei  e§  aber  fdjwer 
fein  würbe  bor^ufteHen,  wie  (Sott  audj  fönne  nictjt  (£in§  fein  i 
mit  ber  Sßelt,  ober  bafj  audj  in  (Sott  ttwa$  fei,  tva& 
wenigften§  unferm  pfocbifdjen  Drgani§mu§  entfarädje,  ben 
befonberS  aud)  bk  fo  genannten  nieberen  ©eelenfräfte  mit 
conftituiren,  Woburd)  bem»  bie  SSorfteltung  bon  (Sott  eine 
ftarfe  unb  fie  bebeutenb  berunreinigenbe  Söeimifdjung  bon 
SQ?enf<^Iict)fett  befäme,  unb  (Sott  (£tgenf<$aften  müßten  bei« 
gelegt  werben,  bei  benen  al§  göttlichen  fidj  nicbt§  benfen 
läfjt,1  ober  aud)  bem  äRenfdjen  foldje,  bie  al§  menfc&lic&e 
ntdjt  gebaut  Werben  fönnen.2  Sludj  bie§  ift  baljer  ein  Vßti* 
fpiet  Wie  Wenig  biblifcfje  5lu§brüffe ,  §umal  wenn  fie  itidjt  in 
einem  rein  bibaftifcben  Bufammenljang  borfommen,  oljne 
weitereg  in  bte  bogmatifdje  Sprache  aufzunehmen  finb.  SDatjer 
ift  audj  Tttctjt  gu  berwunbern,  bafj  Sßiele  unferer  Geologen, 
inbem  fie  ba§  unmittelbar  folgenbe  al3  bit  eigentliche  (£r* 
flärung  jene§  göttlichen  3lu§fprucf)e§  anfeljen,  benfelben  mit 
ben  (Socinianern  mefjr  auf  ba§  bilbenbe  unb  beljerrfdjenbe 
Sßerpltnifs  be§  9ftenfd)en  gur  äußern  Statur  belogen  §aben 
al§  auf  fein  inneres  SSefen  felbft.  —  Slnbere  ttnbequemlidjs 
feiten  bietet  ber  anbere  gewöhnliche  5lu§bruff,  urißrüngltc^e 
^crc^tigfeit,  ber  aber  nic^t  eben  fo  fdjrtftmäfstQ  ift,  bar. 
Üßtdjt  etwa  nur  beSljalb  Weil  (Seredjtigf  eit  in  bem  gewöhnlichen 
(Sinne  fictj  nur  auf  ausgebreitetem  gefetlige  $er§ättniffe  be* 
gieljt,  toie  ein  erfte§  Sftenfdjenpaar  fie  nodj  gar  nidjt  Reiben 


1  ©0  Quenstedt  Syst.  theo  1.  p.  843.  rennet  jur  ur* 
fyrürtflUtfjen  SSotfEommen^ett  conformitas  appetitus  sensitivi  cum  De£ 
castitate. 

2  Gfcenb.  p.  844.  In  corpore  primi  hominis  eluxit  imago  Dei  .  .  „ 
per  impassibilitatem. 


288  £er  cöriftlfdje  ©Iaufie.  ©rficr  X^elf. 

Eomtte,  unb  3nmr  ooraügttcb  auf  ba§  (Gebiet  be§  etgentltcben 
tHerfjtB,  metd)e§  ftdj  bon  einem  einfallen  gamilienäuftanb  au§ 
erft  in  fpöteren  (Generationen  entmttfeln  tonnte;  fonbern  bor* 
nebmltdj  meil  mir  biefe§  Sßort  nnter  ben  allgemeinen  begriff 
ber  £ugenb  an  ftetten  gemobnt  ftnb,  niemals  aber  ein  funba* 
mentaler  Buftanb  fonbern  nur  ein  burdj  ©elbfttfjätigfeit  ent* 
ftanbener  Sugenb  genannt  mirb.  &ier  aber  ift  bon  einem 
folgen  sunt  (Grunbe  liegenbcn  ober  anerfdiaffenen  Buftanbe 
bit  Sftebe,  bon  roelcbem  erft  eine  ßmtmirtlung  anheben  fott, 
meldje  Söe^iebung  nehmen  fann  auf  göttliche  f^orberungen; 
unb  bie  burd)  tbätige  SBesugnobme  auf  biefe  erlangte  SÄn* 
gemeffenbeit  §u  benfetben  ift  e§,  roa§  bit  (Sdjrift  be§  alten 
58unbe§  fo  oft  (Gerecbtigfeit  nennt,  fo  bafc  eine  fet)r  un* 
erroünfcbte  ©upücitä't  be§  SSorte§  entftebt  SDiefe  mürbe  nur 
IM  leicbt  auf  bie  SßorfteKung  bon  anerfdjaffenett  gertigf  eitert 
binfübren,  unb  bem  märe  nur  au§sumetd)en  burcb  bit  ht* 
ftimmtefte  ©rflärung  barüber,  bafj  in  biefer  gufammenjesung 
ba$  SBort  (Geredjtigtett  einen  gan§  anbern  ©um  i)abt,  meieren 
mir  aHerbing§  aud)  äurütffübren  !önnen  auf  einen  in  bem 
gemeinen  Seben  einbeimtfdjen  (Gebraud),  ba  mir  etma§  geregt 
nennen,  raa§  feiner  üöeftimmung  angemeffen  ift.  ®en!en  mir 
nun  an  ben  göttlichen  IRatrjfdjlu^  ber  (Gefammtentroifflung  be§ 
menfcblicben  ^5efctjlect)t§  bermittelft  ber  ©rlöfung,  unb  bafj 
biefe  fd)on  in  ber  ^bee  ber  menfcblicben  ^atur  bon  5lnbeginn, 
menn  gleicb  ben  ÜDcenfdjen  felbft  unberou&t,  eingefcbloffen  lag: 
fo  merben  e§  eben  bie  in  bem  bongen  @as  aufgehellten 
Stgenfcbaften  fein,  morauf  biefe  SIngemeffenb  eit  berfelben 
berubt 

5.  9cacb  biefen  ^Betrachtungen  mirb  man  e§  febr  natürlicb 
finben,  ba£  fomol  unfere  fombolifdjen  Söüdjer,  al§  aueb  im 
(Gefolge  berfelben  bit  fpäteren  (GlaubenSlebrer  im  (Gebraucb 
biefer  Slu§brü!fe  febmanfen,  balb  mebr  bit  urfbrüngltcben  aller 
menfcblicben  (Sntroifflung  -mm  (Grunbe  liegenden  ^orjüge  ber 
menfcblicben  Statur  babureb  beseiebnenb l,  balb  mieberum  mebr 
einen  beftimmten  boHfommnen  Buftanb  be§  erften  ÜDcenfcben, 


1  Sftefa  Ijierfln  neigen  fldj  Apolog.  Conf.  I.  (p.20.  Ed.  Lücke.) 
Justitia  originalis  habitura  erat  non  solum  aequale  temperamentum 
qualitatum  corporis,  sed  etiam  haec  dona,  notitiam  Dei  certiorem 
timorem  Dei  fiduciam  Dei,  aut  certe  rectitudinem  et  vim  ista  effi- 
ciendi,  tuietool  aud)  biefc§  ntd)t  ofjne  SSertolrrung  ift,  —  unb  Solid, 
decl.  p.  G43.  In  Adamo  et  Heva  natura  initio  pura  bona  et  saneta 
creata  est- 


SDer  ©IciubenSIefjre  erfter  Sljeil.  dritter  Stöfönitt.  239 

unb  alfo  ^IauBenSfäge  über  ben  erften  SDcenfdjen  aufftellenb,1 
mobei  benn  btefer  ßuftanb  balb  mebr  al§  anerfdjaffen,  balb 
sunt  £beil  als  ermorben  gebaut  mexben  fann.  Sßerfteljen  mir 
nun  bie  ©teilen  ber  ersten  2lrt  fo,  bafj  in  ber  sroeiten  unter 
ifmen  bit  Statur  beSIjalb  gut  unb  heilig  genannt  merbe,  roeil 
fidj  auS  i^r  bie  in  ber  erften  aufgefaßten  ^oUfommen^ 
betten  enthriffeln,  nrie  audj  bie  erfte  felbft  biefelben  als 
funftigeS  barfteHt:  fo  ergiebt  ftrf),  mie  unb  roobur<$  btefe§ 
gefdjeben  fann,  au§  unferm  @a§.  3)enn  audj  bie  gleidjmäfjige 
Temperatur  ber  leiblichen  Functionen  fann  bodj  auf  ber  einen 
Seite  nur  bie  nad)  allen  ^idjtungen  gleich  leiste  £>errfd)aft 
ber  (Seele  über  biefelben  bebeuten;  auf  ber  anbern  @eite  ge* 
bort  freilidj  baju  aud)  ber  nad?  allen  Dftdjtungen  gleich  bin* 
reidjenbe  SSiberftanb,  ben  ber  Crgani§mu§  ben  äußern  ©tn* 
tt)ir!ungen  entgegenfest,  unb  fiel)  babet  in  fein  urfbrünglid)e§ 
SSerljältmfj  immer  rjerfteHt.  9ta  ba§  lettre  ift  in  unfern 
gormein  ntdjt  beftimmt  enthalten,  raeil  babon  nidjt  unmittel* 
bar  bie  Sraft  be§  <5$otte§beftmf$tfein§  abfängt,  bielmeljr  biefe 
gegen  günftige  unb  ungünftige  SßerljäJtniffe  be3  leiblichen 
Seben§  jur  äußeren  9catur  fiel)  fo  inbifferent  seigt,  bafj  oft 
fogar  belauftet  roorben  ift,  bie  grömmigfeit  gebeib,e  am  beften 
hei  ®ranfijeit  unb  5lrmutt).  ^a  biefe  3ulängli<$!eit  be§Drga* 
ni§mu§  unb  aüe§  auSfdjltefcenb  gur  ÜRarurfeite  be§  SÖtafdjen 
gehörigen,2  im  ®ambf  gegen  anbere  ^caturbotenaen  mürbe 
beffer  unter  bem  Sitel  bon  ber  SBoHfommenl) eit  ber  SSelt  in 
$8e§ieljung  auf  ben  SOcenfcben  bebanbelt;  au§  bemfelben  ®runb 
au§  meinem  mir  au$  bie  grage  bon  ber  ©terbHc&feit  be§ 
9ftenfcben  nic^t  in  ber  gorm,  ob  fie  mit  feiner  eignen  $ott* 
fammenljeit  ftreite,  Ijefjanbelt  Ijaben,  fonbem  nur  in  ber,  ob 
bie  SSoltfommen^eit  ber  SBelt  in  Söejug  auf  ben  SÖcenfdjen 
baburdj  berringert  »erbe.     2öa§  aber  tnSbefonbere  ben  %e* 


1  &ietjer  gehört  Solid,  decl.  p.460,  fofern  ftc  bie  gr&fünbe  nennt 
«ine  privatio  concreatae  in  paradiso  iustitiae  originalis  seu  imaginis 
Dei,  ad  quam  homo  initio  in  veritate  sanetitate  atque  iustitia  crea- 
tus  fuerat  unb  Conf.  belg.  XIV.  Credimus  deum  ex  limo  terrae 
bominem  ad  imaginem  suam  bonum  scilicet  iustum  et  sanetum 
creasse,  qui  proprio  arbitrio  suam  voluntatem  ad  Dei  voluntatem 
componere  et  conformem  reddere  posset.  SBentger  beutltd)  Conf. 
helv.  Fuit  bomo  ab  initio  a  Deo  conditus  ad  imaginem  Dei  in 
iustitia  et  sanetitate  veritatis,  bonus  et  rectus. 

2  Sgl.  Sutfier  au  ©enef.  1.  §.  187.  „3u  biefer  innern  SSoff* 
!ommen^eit  ift  fiienad)  aud)  gelommen  be§  SeibeS  unb  aller  ©lieber  fdjönfte 
unb  trefflidjfte  firaft  unb  fcerrltdjleit." 

<3c&[.,  (grifft,  ©r.i.  19 


290  Der  ^riftlic^c  ©laube.  @rfter  Xt)c«. 

5orfam  ber  unteren  <Seelenfräfte  gegen  bie  oberen  betrifft,  ber 
überall  mefentüdj  mit  jur  urfprünglidjen  (SJeredjtigfeit  ge* 
rechnet  mirb :  fo  fann  ljter,  mo  mir  bon  rotrflid)en  guftänben 
ber  erften  9ftenfdjen  al§  ©injelner  nodj  ganjlidj  abfegen,  nur 
in  fofern  bie  Ütebe  babon  fein,  al§  ben  nieberen  Functionen 
eine  Gsmpfänglidjfeit  für  ^mjmlfe  ber  Ijöljeren  etnmoimt,  welche 
nidjt  nur  auf  ben  3uftanb  ber  %tu$t  biefer  Functionen  fidj 
erftrefft,  fonbern  audj  mä&renb  iljreS  eigentümlichen  Sebenl* 
projeffeS  ftatt  finbet,  unb  biefe  ift  aHerbing§  in  unferm  @aj 
mit  auSgebrüftt,  inbem  bie  £Ijätigfeiten,  in  melden  ftdj  biefer 
(Sinflufe  be§  ®otte§bemuf}tfein§  äußert,  alle  Mitteilungen 
beffelben  bebingen.  Sßenn  aber  5luguftin  unter  bem  3Iu§bruff 
Sßegterbe1  nur  ben  eigentümlichen  SebenSprosefj  iener 
Functionen  berfteljt,  unb  bennodj  meint,  fte  fönne  mcr}t  mit 
ber  urfbrünglic&en  <$eredjtigfeit  jugteidj  gebaut  toerben:  fo- 
möchte  er  menigften§  eben  fo  ferjr  ju  tabeln  fein  ai§  bit 
$elagianer,  menn  fte  hit  Söiberfejliclfeit  ber  niebern  $er* 
mögen  gegen  bie  tjöijeren  al§  ben  urfbrünglic&en  menfdjlidjen 
Suftanb  betrachten,  unb  alle  erroorbene  $ollfommen§eit  unter 
ber  gormel  ber  9Iuf(jebung  biefer  SBiberfeglicftfeit  sufammen* 
faffen.  2)enn  iene  Meinung  fegte  audj  einen  urfprüngltc&en 
Söibertyradj  borau§  ätüifcr)en  bem  ®eift  im  9ftenfd)en  unb  bem, 
roa§  gu  feinem  tr)tertfcr)eri  ßeben  notljroenbig  ift.  —  $)odj  bitä 
füljrt  un§  auf  hit  anbere  «Seite  hinüber,  nämlidj  bit  2)ar* 
ftettung  ber  urfprüngHdjen  ®ered)tigfeit  ober  be§  göttlichen 
(Sbenbilbe§  al§  eine§  mirflidjen  3uftanbe§  ber  erften  9ftenfdjen. 
SBenn  nun  in  btefem  ©inn  unter  bem  2lu§bru!f,  bafj  ber 
Genfer)  bon  ®ott  gut,  geregt  unb  heilig  erfdjaffen  fei,  nichts 
anber§  berftanben  merben  foff,  al§  im  ®egenfag  gegen  jene 
pelagianifctje  Sßeljaubtung  bie§,  bafj  ber  erfte  mirflidje  3uftanb 
;  be§  9ttenfd)en  nidjt  !önne  bie  «Sünbe  geroefen  fein:  fo  ift  bem 
I  unbebingt  beistimmen.  $)emt  menn  ber  Sünbe  bodj  ®ennt* 
nifc  unb  Slnerfennung  be§  göttlichen  SStlCen§  borangegangen 
fein  mufj:  fo  ftnb  ifcr  audj  freie  £>anblungen  borangegangen, 
in  benen  feine  @ünbe  gefegt  mar.  ©oH  aber  barunter  ber* 
ftanben  merben  eine  hrirflidje  Sftadjt,  meiere  t)k  Ijöfjeren  95er* 
mögen  über  bie  nieberen  ausgeübt  Ijaben:  fo  mürbe,  je  gröfcer 
biefe  gefegt  hrirb,  au<$  menn  mir  nidjt  bie  obige  Slugufrinifdje 


1  Concupiscentia.  Der  ©teilen,  bie  Ijteljer  gehören,  finb  $u  biete,  um 
fie  einjeln  atijufüfiren,  aber  ber  ®ebrauai  be3  2Sorte§  aud)  fo  fdjtoanfenb, 
bab  jd)h>er  möchte  ju  beftimmen  fein,  ob  unb  in  toiefern  leine  ©efjauptung 
bie  richtigen  ©renjen  ttberfdjrelte. 


$er  ©laubenälefjre  elfter  Sfjetl.  ©rittet  STbfänitt.  291 

33etjauptung  nodj  mit  baju  nehmen,  bodj  bon  biefem  $unft 
au3  nur  eine  in  bemfelben  SBerljältnifj  ft<$  fortentmiffelnbe 
(Steigerung  bietet  SOcactjt  gebaut  werben  fönnen.  2)iefe§  nun 
ift  mafjrfd&einlidj  ber  eigentliche  ©runb,  marum  bie  römifdje 
®ird)e  ben  ursprünglichen  £uftanb  ber  ©ünbtofigfeit  ber  erften 
2ftenfdjen  lieber  nidjt  au§  ber  urforüngltdjen  SBofffommeri&eit 
ber  menf<$lidjen  Statur,  fonbern  au§  einer  aufcerorbentlidjen  | 
göttlichen  (ginmirfung *  erflärt,  mobei  offenbar  bon  ber  meni<$*  ; 
liefen  9catur  an  unb  für  fict)  betrautet  bie  pelagtanifd)e  SBor* ) 
ftetfung  sunt  ©runbe  liegt.  @§  mag  nidjt  ganj  fo  nae&tijeüxa  I 
fein  in  feinen  folgen,  aber  e§  bermirrt  bodj  ben  Söegriff  ber 
urforüngli^enißoafommentjeitmdjt  minber,  menn  bon  unfern 
©lauben§le§rem  behauptet  toirb,  bie  erften  SUcenföen  mären 
in  it)rem  urförünglidjen  guftanbe  be§  Jjeiligen  ©eifte§  tfjeü* 
Saftig  geioefen.*  ©onac^  erfc&eint  ba$  SBeftreben  erfolglos, 
bie  erften  Buftänbe  be§  erften  9Jcenfct)en  genauer  §u  beftimmen, 
menn  er  entmeber  ganj  bem  angemeffen  gebaut  merben  foll, 
ma§  ftdj  un§  in  ben  fpäteren  al§  fortfdjreitenbe  ©ntmüflung 
ber  urfprunglic^en  SSottfommentjeit  gu  erf  ernten  gtebt,  ober 
gana  bem,  ma§  ftet)  un§  al§  Sftüfffdjrttt  in  ber  (Srntnuffluna. 
seigt.  2)enn  bie  $elagianer,  bon  ber  legten  SBorauSfesung 
au§gel)enb,  erlaufen  ben  anriefadjen  SSorttjeü,  bafj  fte  feine 
urfprünglidje  23otffommeri&ett  annehmen,  meiere  oerloren  ge* 
gangen  fei,  unb  bafj  bon  bem  9lnfang§punft  au§,  ben  fte  an* 
nehmen,  eine  fortfdjreitenbe  ©nthrifflung  ftatt  finben  fann,  mit 
bem  bopbelten  9toct)tt)etl,  bafj  ba§  <35ute  hti  ifmen  nidjt  ba$ 
urfprünglidje  ift,  unb  bafj  in  ber  ©ntmifflung  beffelben  ber 
(Srlöjer  nur  al§  ein  einzelnes  ®lieb  erf<$etnt.  ®ie  firdjltdje 
ßel)re  hingegen  erlauft  ben  atoiefadjen  SSoraug,  bafj  fte  ba3 
©ute  al§  ba$  bon  ©ott  unmittelbar  ljerborgebrad)te  fest,  unb 
bafj,  toeil  nad)  bem  SSerluft  btefeS  guftanbeS  bie  ©ntmiffiung 
abgebrochen  unb  ein  neuer  5lnfang§punft  unerläßlich  mirb, 
ber  ©rlöfer  al§  Söenbepunft  auftreten  fann,  mit  bem  atoie* 
fachen  9cad)tt)etl,  bafj  ba§  in  ber  ©rfäeinung  fdjon  nrirflidj 
gefeate  ®ute  ofjneradjtet  ber  erljaltenben  göttlichen  OTtnadtf 
bo<$  §at  berloren  gefjen  fönnen,  unb  bafj  bie  einsige  SIbftdjt, 
um  berentmiHen  mir  berfud)t  lein  fönnen  un§  ben  urfprüngltäjen 
Buftanb  be§  erften  äRenfdjen  au  imaginiren,  nämlict)  um  für 


*  Frenum  extraordinarium.     ©.  Bella r min.  de    gratiapr. 
hom.  C.V. 

s  Melanchth.  loc.  p.  112.      Adam    et    Eva    erant    electi,   et 
tarnen  revera  amiserunt  spiritum  sanetum  in  la^su. 

19* 


392  S)cr  djriftltdje  ©laube.  ßrfter  23jetL 

bie  genetifdje  SSorfteHung  atte§  fotgenben  einen  SlnfangSpunft 
ju  Ijaben,  boefc  ni<$t  erretdjt  tnirb.  2)aljer  tft  eS  rool  sroeff* 
bienltdjer,  über  bk  erften  Buftänbe  ber  erften  9ttenfd)en  nid)t$ 
genaueres  au  beftimmen,  unb  nur  bie  ft<$  immer  Gleite  ur* 
fbrünglidje  Sßottfommen^eit  ber  $atur  au§  bem  Pieren 
Selbftbehmfjtfetn  in  feiner  TOgemeinfiett  betrautet  ju  ent* 
hnffeln.  (Sott  ober  in  einer  einzelnen  menfcfclidjen  ©rf^einunß 
atteS  äufammengefdjaut  werben,  ma§  fi<$  au§  folc&er  urforüng* 
liefen  SBottfommenl^eit  enthriffeln  fann:  fo  nrirb  biefeS  nid^t 
in  Slbam  aufeufudjen  fein,  in  bem  e§  mieber  berloren  ge* 
Gangen  fein  müfete,  fonbent  in  (S&rifto,  in  tueldjem  e8  Sitten 
föelüinn  gebracht  Ijat. 


£>er 

(Slaitöen^Ieljre  Reiter  £f)eil. 


3toeiter  SljetL 

(gntotfömtg  ber  S^atfadjen  be§  frommen 

@elbftbetouf;tfem§,  tüte  fte  burdj  bett 

(Segenfag  Beftimmt  fittb. 


(Sin  Leitung. 

§.  m.  2)a3  fcis&er  befd&riebene  ©otte^betougtfein 
foramt  al£  nrirttidje  Erfüllung  eincö  3Jlomente3  nur  toot 
unter  ber  allgemeinen  gorm  be£  ©elbftbettmfctfeins,  näm* 
Cid?  bem  ©egenfaj  mm  Suft  unb  Unluft. 

SCnm.  8JflI.§.5. 

1.  9#an  fann  fidj  bie  Sfttd&tung  auf  bo§  ®otte§beh)uf$tfeut 
fcorftettert  al§  ein  ftetige§  ©efestroerben  beffelben,  aber  nur 
in  bem  SSertb  be§  unenblidj  Keinen;  fo  bafe  ber  Uebergang 
Don  biefem  ju  einer  beftimmten  maijrnebmbaren  ©röfce  bocfc 
immer  burd)  irgenb  eine  anbere  Stbaifadje  be§  SöeroufctfeinS 
bebingt  bleibt,  ©oll  nun  biefer  Uebergang  im  ©elbftbenmfet* 
fein  abgelöft  bon  ber  gorm  be§  ®egenfaäe§  üorfommen,  alfo 
meber  al§  görberung  nod)  at§  Hemmung  be§  (SotteSbehmfct* 
iein§:  fo  fann  bieg  nur  gegeben,  roenn  er  ftetig  unb  gteidj* 
mäfcig  ift.  £)ie§  ift  benfbar,  fomoi  menn  oon  feiner  Sbatfadje 
be§  $8eiuuMein§  au§  baä  ®otte§benmfetfein  fidji  merflidj  über 
tene§  unenblid)  Heine  erbebt,  unb  bk§  märe  bit  ftetige  3urüff* 
brängung,  bie  ftumpfftnnige  (Stteidjmäfjigfett  be§  ®otte§bemui$t* 
iein§  in  einem  £)  afein,  in  meinem  aHe§  lebhafte  föerbortaudjen 
über  einen  fer)r  niebrigen  SebenSburdjfdjnitt  nur  auf  <5tittn 
ber  anberen  äfjatfadjen  be§  $8emufjtfein3  märe.    (Eine  ftetige 


296  Ser  cfjrtftüdje  ®Iaube.  Srfter  XfjeU. 

(SJletdjmäfjtgfeit  be§  ®otte§berouf3t[ein§  ift  aber  audj  benfbar 
in  einem  2)aiein,  meines  fid)  burd)  eine  abjolute  £eid)tigfeit 
j  auSseicbnet,  e£  oon  ieber  anberroetttgen  Xl)atfad)e  be§  23e* 
mufjtfeinS  au§  in  abfotuter  (Stärfe  fjeroorsurufen;  unb  bieS 
märe  bte  feXtge  (SJleidjmäfjigfeit  einer  ftettgen  Obergemalt 
be§  ($5otte§ben)ufjtfein§.  Offenbar  aber~Tft  iinjer  Frommes 
(Selbftberaufjtfein  nidjt  ein  fold)e§,  in  meinem  fein  SCRetjr  unb 
SDcinber  gefejt  märe;  fonbern  ba§  unfrige  fd)manft  äratfctjert 
ienen  beiben  ©jtremen,  inbem  e§  bk  Ungleichheiten  be§  jett^ 
liefen  SebenS  tljeilt.  «Steint  nun  bkk%  9JJer)r  unb  ÜXßmber 
an  unb  für  ftdj  meljr  eine  fliefcenbe  £)ifferenj  ju  fein  al§  ein 
(SJegenms:  fo  roirb  legerer  bo$  Ijeroorgerufen  burd)  bk  ent* 
gegengefe^te  SBeroegung;  benn  bie  oom  Sftinber  sum  90?et)r 
beutet  barauf,  ba%  bk  9?id)tung  auf  ba%  Ö>otte§bemufetfein  fidj 
freier  entroiffelt,  unb  umgefefjrt  ift  bie  oom  9Jcef)r  sunt 
SKtnber  eine  Hemmung,  unb  beutet  auf  eine  größere  (bemalt 
anberer  Sntfmlfe.  —  SöeibeS  aber,  Suft  unb  Unluft,  ift  aud> 
auf  biefem  (Gebiet  feineSraegeS  fo  oon  einanber  gefdjteben  su 
benfen,  ba%  ftreng  genommen  irgenbroo  ober  irgenbmann  bci$ 
/eine  märe  ofjne  ba%  anbere,  roeü  e§  nämltdj  nirgenb  abfolute 
i  ©eligfeit  giebt  ober  abfolute  Nullität  be§  ®otte3bemu&tfetu3. 
Söirb  nun  bie  beftimmenbe  ®raft  be§  (55otte§beumfjtlein§  al§ 
begrenzt  empfunben:  fo  ift  audj  Unluft  mitgefest,  alfo  felbft  in 
b er  größten  £uft.  Erregt  aber"  bäi  $emufjt)ein,  bafj  btefe 
®raft  gehemmt  ift,  Unluft:  fo  roirb  bod)  ba§>  ®otte3beroufst[eht 
al§  eine  foldje  ®raft  gern  out,  unb  ift  mithin  an  unb  für  fict) 
ein  ®egenftanb  ber  Suft. 

2.  äöenn  aber  unfer  @as  sugteidj  fo  oerftauben  roerben 
foff,  bafc,  roa§  nun,  unter  melier  oon  beiben  gormen  bt§ 
®egen[aäe§  e§  audj  fei,  im  roirflidjen  Söeroufjtfein  hervortritt 
als  ®otte§behmf3t[ein,  immer  baä  bisher  betriebene  i% 
nämlich  baZ  fcrjlectjtrjtmge  5lbljäugigfeit§gefül)l,  unb  ba$  feiue 
SO^obification  be§  ($5otte3beroufjt|etn£  nadjäuroeifen  ift,  an 
melier  btefeS  fehlen  bürfe  ober  audj  gu  bemfelben  etma§- 
anbereS  fjinaufäme  al§  ba§,  roa£  ftdj  auf  ben  biet  in  9?ebe 
ftebenben  (Skgenfaj  beriet)!  unb  iljn  conftituirt,  unb  mir  oben1 
gefagt  Ijaben,  ba%  im  djriftltdjen  frommen  SBeroufctfem  — 
l  baffelbe  gilt  aber  aud)  oon  ieber  nadj  einer  anbern  ©laubenS- 
|  roetie  ausgeprägten  grömmigfeit  —  ba$  fdjledjtljtnige  $lb- 
IjängigfeitSgefübl  an  unb  für  ftdj  nie  einen  frommen  Moment 
allein  erfülle:  fo  erflärt  ftdt)  beibeS  burdj  einanber  baljin,  bafc 

1  §.29 


S)ei  ©fou6en£tefjre  jtoetter  S^etl.  297 

ba§  in  unferm  erften  £beil  betriebene  —  aufammen  genommen 
mit  bem,  ma§  fxcb  in  anbern  Jfteligion§formen  anber3  barau§ 
entmiflelt,  bafj  nämtidT  fo  oft  ba§  etntoorjnenbe  (SJotteSbenmtjt* 
fein,  mirflidj  berüortreten  mitt,  biefe  Function  entmeber  ge* 
förbert  erfcbeint  ober  gehemmt  —  aucb  ben  ganzen  Umfang 
be§  @otte§bemufetfein§  conftitutrt,  unb  ba§  ber  gange  ^nbalt 
jebe§  irgenbmo  borfommenben  frommen  Moments  §kxau% 
begriffen  roerben  mufj.  2)iefe  93el)aubtung  finbet  boraüglidj 
be§§alb  SBiberfprud),  meit  mir  für  bk  fc£)Iecr)tr;tmge  Hbbängig* 
fett  allen  Unterfd)ieb  aufgehoben  Ijaben  annfdjen  ber  menfdjlidjen 
gretljeit  unb  ben  untergeordneten  formen  be§  enblidjen  ©ein§, * 
bo$ahexba§>  ©ottegbemufjtf  ein—  mennbodj)  eigene  Söejafjung  be§ 
göttlichen  2Bttfen§  unb  Siebe  §u  ®ott  aud)  aum  ($otte§bemut3ts 
fein  gehören  —  einen  (55er)att  tjabe,  ber  ficf)  au§fd)tie£enb  auf 
bie  menfd)lidje  greitjett  beaiebt  unb  fte  Oorau§fe§t,  biefe  (£Ie* 
mente  mitbin  au§  bem  fc^Iec^tt) inigen  9lbbängigfeit§gefüf)t  nid)t 
abpleiten  feien,  unb  eben  fo  wenig  aud)  au§  biefem  ®egen* 
\a%,  menn  er  ftdj  anber§  Iebigltdj  auf  jene§  beaiefjt.  liefen 
Sßiberfprud)  nun  allgemein  §u  befeitigen,  unb  baburdj  unfere 
Söetjauptung  für  alle  menn  aud)  nur  monot^eiftifcfje  ®lauben§* 
meifen  au  bemätjren,  liegt  aufeer  unferm  ®efdjäft.  ©in  gemein* 
fcbaftli(|er^unft  aber  für  alle  ®lauben§meifen,  fofern  fte  alle 
an  biefem  ($5egenfaa  tljetlnelnnen,  ift  Ijier  nod)  aufgeteilt 
DMmlici)  bk  ai§>  gielpunft  aufgeteilte  abfolute  2eicl)tigteit  ber 
(Sntmüflung  be§  ($5otte§bemu£tfein§  Oon  jeber  gegebenen  (£r* 
regung  au§  unb  in  iebem  3uftanbe  ift  bk  ftetige  ®emeinfcf)aft 
mit  (55ott,  iebe  Söeroegung  rüffmärt§  aber  ift  eine  Stbmenbung 
öon  ®ott.  ®amt  nun  bermöge  ber  5Iner!ennung  ber  grömmig* 
feit  als?  eine§  mefentlidjen  2eben§elemente§  nur  bie  ®emein* 
fdjaft,  nid)t  aber  bk  5lbmenbung  gemoHt  merben:  fo  fann 
biefe  aud)  nur  al§  bie  urfprünglicbe  Uebereinftimmung  mit 
bem  göttlichen  SSiUen  in§  SBemufjtfein  aufgenommen  merben; 
im  (£ljriftentf)um  aber  mirb  bie|e§  am  aUgemeinften  unb ' 
frucbtbarften  fd)on  baburd)  au§gebrü!ft,  ba%  bk  ©rlöfung; 
al§  SSerf  unb  SSeranftaltung  <55otte§  gefegt  mirb,  alfo  aud)1 
ber  (glaube  an  biefelbe  al§  bie  guftimmung  §u  bem  göttlichen 
Sßillen. 

3.  Sßenn  alfo  atte§,  ma§  ft$  in  bem  frommen  gemutet* 
fein  be§  ©bnften  auf  bm  (Srlöfer  bejteljt,  nur  au  bem  eigen* 
ttjümlid)  d)riftlidjen$lu§bruff  be§  rjter  gitr  ©brache  fommenben 
($kgen|"aae§  gehört,  unb  mir  fd)on  oben  bebormortet  fjflben, 

1  §.  49. 


298  ©er  $riftlicf)e  ©laube.  GrfterS^eü. 

ba%  alle  ©äse,  Welche  ba§  fdjled)tbinige  2lbbängigfeit§gefü&t 
abgeben  bon  biefem  (Segenfaj  betreiben,  nicbt  Beitreibungen 
bon  bem  ©efammtinbalt  eines  frommen  Momentes  ftnb,  in« 
bem  in  einem  ieben  folctjen  ieneS  (Sefütjl  nnr  al§  ein  relatibe§ 
2lbgemenbetfein  bon  (Sott  ober  £>ingewenbetfein  su  fljnTbor- 
fommt:  fo  Werben  mir  ebenfalls  bebauten  muffen,  bafj  alle 
©öje,  meiere  nur  ben  guftanb  be§  einselnen  &eben§  in  &in= 
ftdjt  auf  biefen  (Segenfaa  betreiben,  eben  fo  Wenig  95e* 
Betreibungen  bon  bem  (Sefammtinbalt  eines  frommen  Momentes 
ftnb,  inbem  in  einem  ieben  folgen  ber  befdjriebene  guftanb 
fid)  an  bem  $orfommen  beS  fdjledjtbütigen  TO&ängigfeit§* 
öefür)I§  manifefttren  muß.  Sn  ber  Sßirflidjfeit  be§  djriftlidjen 
)Beben§  ift  alfo  betbeS  immer  in  einanber;  fein  allgemeines 
(SotteSbewufctfein,  oljne  bafj  eine  Söejieljung  auf  ©fjriftum 
-mitgefeät  fei,  aber  audj  fein  SSerljältnifj  ^um  Gsrlöfer,  Weld)e§ 
•Htd)t  auf  baä  allgemeine  (SotteSbeWufetfein  belogen  mürbe. 
SSenn  bk  ©äse  be§  erften  £tjeil£  oft  beSljalb,  weil  ba&  eigen* 
tljümlid)  ct)rift(idt>e  barin  weniger  unmittelbar  fcerbortritt  al§ 
urforüngltdje  unb  allgemeingültige  natürliche  Geologie  be- 
banbelt,  unb  als  foldje  bon  benen  überfdjäät  werben,  meldte 
felbft  bon  bem  eigentümlichen  be§  ©fjriftentljumS  Weniger 
burd)brungen  ftnb;  Slnbere  hingegen  jene  ©äae  als  fold)e,  §u 
benen  man  audj  aufcerljalb  beS  ©IriftenttjumS  fommen  fönne, 
Qeringfdjäaen,  unb  nur  bte  <5äae,  Welche  eine  Söeaieljung  sum 
(Srlöfer  auSbrüffen,  für  eigent^ümlid)  djriftlidje  Wollen  gelten 
laffen:  fo  ift  beibeS  mcf)t  richtig.  $)enn  iene  ©äae  finb  feines* 
wegeS  bie  Slbftriegelung  eines  bürftigen  nur  fo  eben  mono- 
tt)eiftifdt)en  (SotteSbemufjtfeinS,  fonbern  bon  bemienigen  ab* 
ftrabirt,  Welches  fidj  burdj  bie  (Semeinfcbaft  mit  bem  (£rlöfer 
entwiffelt  bat.  Unb  eben  fo  finb  alle  (Sä'ae,  Welche  eine  S3e- 
atefjung  auf  ©fjriftum  auSbrüffen,  nur  maljrbaft  d)riftlid)e 
<3äae,  infofern  fte  feinen  anbern  ÜUcaafjftab  für  baS  $er= 
bältmfj  ju  bem  ©rlöfer  anerfennen,  als  Wiefern  bit  @tetig= 
fett  jene§  ©otteSbeWufetfetnS  baburd)  Ijerborgebradjt  Wirb;  fo 
ba%  ein  Sßerbättnifs  au  ©fjrifto,  burd)  WeldjeS  baS  (SotteS* 
bcwufjtfein  in  ben  £>intergrunb  gefteEt  ober  gleidjfam  antü 
quirt  würbe,  inbem  baS  in  bem  ©elbftbeWufjtfein  mitgefeate 
J\*/nur  (£briftuS  Wäre,  nidjt  aueb  (Sott,  a^a*  ein  fejjr  inniges 
fein  fönnte,  aber  eS  würbe  ftreng  genommen  nidjt  in  baS 
©ebiet  ber  grömmigfeit  gehören. 

§.  63.    SBenn  wir  nun  im  allgemeinen  bie  2lrt ,  wie 
ft$    baS   ©otteäbewufjtfein    an   unb    mit  bem  erregten 


$er  ©laufcnSleljre  fetter  Sljeil.  299 

©elbftbemu&tfem  gehaltet,  nur  auf  bie  3$at  beS  @in§elnen 
$urüf  ffü^ren  fönnett :  f  o  befielt  ba3  'eigentfjüntUd&e  bcr 
<brtftli<ben  grömmigfeit  barin,  bajj  mir  uns  beffen,  ma§ 
in  unfern  3uft änben  2Ibmenbung  r-on  @ott  ift,  ai3  unferer 
urfptünglia)en  £bat  berufet  finb,  meldje  mir  ©ünbe 
nennen,  beffen  aber  ma3  barin  ©ememfä^aft  mit  ©Ott 
ift ,  als  auf  einer  2ftittl?eilung  be3  @rlöfer§  beru^enb, i 
meldte  mir  ©nabe  nennen. 

1.  (Segen  mir  eine  öjtyetiidie  ©taubenSmeife,1  fo  mirb    jM 
btefe  fomol  Hemmungen  als^rfentmiffiungen  audj  be§  ®otte§* 
bemufjtfeinS  eben  fo  gut  mie  alle  attberen  Sßeränberungen  im 
9ftenfc&en  auf  leibentltdje  Buftänbe  surüftfübren ,  mithin  fo  /*- 
al§  golge  äußerer  GHnmirfungen  barftetten,  ba%  fie  nur  al§ 
(Stiftungen  erlernen,  bie  begriffe  SBerbienft   unb  <Scbulb 

aber  in  ifjrem  magren  ©inn  leinen  ^Slaj  finben.  ülftan  fann . 
baber  fagen,  ba%  ber  (Streit  über  bie  greüjeit,  mie  er  auf 
biefem  (&thitt  geführt  ju'to erben  pflegt,  ni<$t§  anber§  ift  al3 
ber  ©txeit  barüber,  ob  bie  letbentlicben  guftänbe  ben  tfjättgen  j 
untergeorbnet  werben  foUen  ober  umgefebrt,  unb  ba§  bie  l 
greitjeit  in  biefem  (Sinn  bie  allgemeine  $rämiffe  aller  teleo= 
logtfdjen  ®lauben§meifen  ift,  meld&e  nur,  inbent  fie  Oon  bem 
KeBergercid)t  ber  (Selbfttbätigfett  in  bem  Sftenfdjen  ausgeben, 
in  allen  Hemmungen  ber  $id)tung  auf  baä  (SotteSbemufjtfein 
(Sdjulb  unb  in  allen  gortfcbrettungen  berfelben  Sßerbienft 
finben  fönnen.  habere  Söeftimmungen  über  ba$  2öie  Oon 
beibem  liegen  aber  nifyt  in  bem  gemeinfamen  (Ebarafter  biefer 
<$lauben§meifen ;  nur  foöiet  erbeut  öon  felbft,  bafj  menn 
betbe§,  Hemmung  be§  £riebe§  auf  ba§  (35otte§bemuMein  unb 
befdjleunigte  ©ntmifflung  beffelben,  auf  gleite  SSeife  Zfyat 
beffelben  ©in^elnen  fein,  mitbin  entgegengefesteS  auä  bem* 
felbeu  ©runbe  erflärt  merben  foE,  al§bann  hzibtä  aufboren 
müfjte,  in  Schiebung  auf  ben  &bäter  entgegengeht  $u 
[ein. 

2.  $n  ber  djriftlicben  grömmigfeit,  mie  fie  bier  betrieben 
mirb,  bttben  mir  biefe  (Sdjmierigfeit  nidjt  erft  ju  überminben; 
bit  bier  gegebene  SBefäretbung  ift  aber  mit  ber  oben*  auf* 
geftetften  allgemeinen  (Srflärung  ganj  baffelbe.  $)enn  ift  ba3 
oorber  gebunben  gemefene  fcf)le<$tfjimge  5lbbängig!ett§gefübl 
nur  burd)  bie  ©rlöfung  frei  gemorben:  fo  t)at  bit  Seidjtigfeit, 


i.§.9.  *  s.§.  11,  2.3. 


300  £er  d)riftlic&e  ©lau&e.  Srfter  Sfjetl. 

mit  meiner  nrir  ben  Derlei  ebenen  finnlicfjen  (Erregungen  be§ 
<SelbftbeHmfctfem§  ba%  ©otteäbennifstlein  einjubilben  oermögen, 
aucf)  nur  in  ben  Sfjatfadjen  ber  (Erlöfung  ib,ren  ©runb,  unb 
ift  alfo  eine  mitgeteilte.  Unb  mar  ba$  ©ebunbenfein  be§ 
fd^edjttnnigen  2lbf)ängigfeit§gefüf)l§  feine  eigentliche  Nullität 
beffelben,  ba  e§  [a  in  biefem  galt  autf)  feine  £I)at,  mie  fte 
§ier  al§  ©ünbe  betrieben  mirb,  geben  tonnte:  fo  mar  in 
jebem  2eben§tf)eü,  ber  a!3  ein  ($5anae§  für  fict)  betrachtet 
merben  fann,  ba%  (SJotteS&eroufjtfein  audj  etma§,  menn  aucb, 
nur  ein  unenblicf)  fteine§,  unb  e§  fam  alfo,  jo  oft  ein  folctjer 
SebenStljeit  abgesoffen  mürbe,  eine  Zfyat  in  ©esietjung  auf 
baffelbe  su  ©tanbe;  aber  ntctjt  eine  folctje,  moburd)  e§  al§ 
ben  Moment  mitbeftimmenb  gefest  toorben  märe,  atfo  feine 
^inmenbung  au  ©ott,  au3  meiner  oon  fetbft  immer  eine 
©emeinfcfjaft  mit  ©ott  entfielt,  mithin  eine  Slbmenbung  Oon 
©ott,1  jo  bafc  mit  berSInnafjme  einer  folgen  (Erlöfung  immer 
ein  gurüfffebm  auf  bie  (Sünbe  als  ba§  frühere  Oerbunben  ift 
£)af$  nun  f)ter  bie  ©emeinfdjaft  mit  ©ott  auf  einer  fremben 
Xfyat  beruht,  bie§  fjinbert  feine§mege§  bie  ©ubfumtion  be§ 
(£ljriftentijums  unter  ben  gemetnfamen  (Eljarafter  ber  teleo- 
logifdjen  ©lauben§mei[en.  2)enn  einerfeit§  fdjliefjen  ffllit- 
ttieilung  unb  %§at  einanber  ntdjt  au§,  mie  benn  größtenteils 
gemeinfame  Späten  it)ren  Anfang,  in  (Einem  Ijaben,  beSIjalb 
aber  bodj  in  ben  übrigen  aud)  Xfyat  finb;  anbrerjeitS  mirb 
bie  Aneignung  ber  (Erlöfung  überall  al§  SHjat,  al§  ein  (Ein* 
greifen  ©fjrifti  unb  ätjulictjermeife  bargefteflt 2  <Ses£  aber  ein 
frommes  SBettmfetfetn  umgefefyrt  anberSmotjer  bie  Störungen 
fommenb,  bie  ©emeinfdjaft  mit  ©ott  aber,  mo  jene  nicb,t 
eintreten,  au§  ber  geiftigen  SebenSfraft  beS  (Einzelnen  Ijeroor- 
geljenb:  fo  fönnte  man  nur  ba$,  unb  jmar  in  einem  fetjr 
untergeorbneten  (Sinne,  (Ertöfung  nennen,  ma§  bie  äußeren 
Ouetten  ber  Störungen  oerftopft:  fo  aber  ift  bie  (Erlöfung 
burct)  Sefum  niemals  gebaut  morben.  Unb  je  mefjr,  menn 
man  in  biejem  ©um  iueiter  fortf freitet,  ber  Mangel  an  ©e= 
meinfrfjaft  mit  ©ott  nur  at§  äufätfig  gefeat  mirb,  um  befto 
mentger  treten  ©ünbe  unb  ©nabe  an  unb  für  ficb,  fomol  als 


1  33gl.  5Röm.  3,  23.  Conf.  Aug.  XIX.  voluntas  .  .  .  avertit  so  a  Deo. 

2  2tug§6.  (£onf.  XX.  $)arum  luttt  er,  bafe  man  burcfo  ©lauben  bie 
S?erf»eifeung  ©otte§  ergreifen  muffe.  —  Melanchth.  1.  th.  p.  m.  230. 
Si  fides  non  est  fiducia  intuens  Christum  .  .  non  applicamus  nobis 
eius  beneficium.  p.  435.  pia  mens  .  .  intelligit  haue  misericordiam 
fide  id  est  fiducia  apprehendendam  esse. 


S)er  ®lauben§lef)re  gtoeiter  2^eil.  301 

audj  al§  früheres  unb  fpötereS  bestimmt  au§einanber,  unb 
um  befto  mefjr  tritt  ber  SBegriff  ber  Ertöilmg  gurüff,  bi§ 
alle  brei  mit  einanber  berfdjminben.  2)ie|e§  Sßerfdjroinben 
tritt  ein ,  tuenn  man  bie  ©inrjett  be§  ftnntidjen  unb  be§  i 
böfjeren  (SelbftberoufctfeinS  al§  ben  natürlichen  ©runbsuftanb , 
jebe§  (Sinäelnen  annimmt;  mobei  bie  Slbmefentjeit  be§  ®otte§- 
bemufjtfein§  in  irgenb  einem  einzelnen  Moment  nur  etma§ 
jufäEigeS  bleibt,  ma§  ftdj  in  ber  ®emeinfdjaft,  fofem  nic&t 
gleichseitig  Sitte  an  berfelben  gufättigf  eit  leiben,  fofort  au§* 
gleichen  mufj.  £)iefe§  ftreng  genommen  ift  bie  nidjt  djriftlidje 
SSorftettung,  bie  feine  (£rlöfung§bebürftigfeit  anerfennt;  benn 
im  Eljriftentljum  finbet  btefeS  beibe§  nur  'itatt  bermittelft  ber 
Erlöfung,  unb  unter  ber  23orau§fesung,  bafj  fie  angeeignet  fei. 

3.  Uebrigen§  fann  ber  @aj  nidjt  fo  oerftanben  werben, 
al§  ob  in  bem  unmittelbaren  djriftlidjen  (Selbftbemufjtfetn 
©ünbe  unb  ©nabe  in  oerfdjiebene  Momente  bernriefen,  unb 
al§  mit  einanber  unberträglid)  gan§  au§einanber  gehalten 
mären.  SSielmetjr  ba  bie  (Energie  be§  ®otte§bemuf$tfein§  nie 
eine  fdt)Iect)tr)m  größte  ift,  unb  eben  fo  menig  bie  £)inetm= 
bilbung  beffelben  in  bie  Erregungen  be§  ftnnlidjen  (Selbft* 
bemuMein§  eine  fc£|lec6)tr)tn  ftetige:  fo  ift  eine  begrenjenbe 
Unfräftigleit  beffelben  mitgefest,  meiere  geraifj  fürtbXicr)  ift. 
Eben  fo  menig  fann  aber  audj  in  einem  mirflidj  djriftlidjen 
SöemuMem  ^er  gufammen^ang  mit  ber  ©rlöfung  bötttg  Sfatt 
fein,  roeil  e§  fonft,  bi§  er  mieber  t)erQefteHt  mirb,  ein  un- 
djrtftlidje§  märe  gegen  bie  $orau§[esung.  Unb  ba  biefer 
3ufammen^ang  urfarünglidj  bon  bem  Srlöfer  au§ge^t,  fo  ift 
audj  bie  mitgeteilte  £tjat  beffelben  überall  mitgefest.  2)at)er 
ift  Ijier  nur  bie  fdebe  bon  entgegengefesten  Elementen,  bie 
aber  im  äjriftlid)  frommen  Seben  in  jebem  Moment  nur  in 
berfdjtebenem  Waa%  berfnüpft  ftnb. 

§.  64.  Unfere SDarfteEung  erforbert  betbe3  gutrennen, 
fo  bafc  mir  juerft  bon  ber  ©ünbe,  unb  fyemacfy  bon  ber 
©nabe  l^anbeln,  beibe£  nad?  allen  brei  gormen  bog*» 
matifd&er  ©öje. 

1.  2UIe  eigentlichen  (55lauben§fä§e  muffen  in  unferer  2)ar* 
ftettung  au§  bem  djriftlid)  frommen  «Selbfibenwfjtfein  ober 
ber  Innern  Erfahrung  ber  Triften  genommen  raerben.  $ft 
nun  §mar  ieber  (Slmft  fidj  ber  ©ünbe  unb  aud)  ber  ©nabe 
berou|t,  aber  nie  abgefonbert,  fonbern  immer  beibe§  in  ein= 
anber  unb  mit  einanber :  fo  f önnte  an  ber  SBefitgnifj  gesmeifelt 


302  $er  djriftlidje  ©laufte.  Grftet  Xfjell. 


werben,  beibe§  oon  einanber  31t  trennen,  roeil,  tnenn  eine? 
non  betben  für  ftdE)  betrieben  ttrirb,  bie§  feine  Beitreibung 
etne§  djrtftlidjen  33erou£tfein§  märe.  «Sonbern  ein  Bemufjt* 
fein  ber  ©ünbe  al§  ausliefe enb  au<$  nur  einjelne  2eben§* 
ti)etle  erfütfenb  betreiben ,  ba$  märe  für  un§  nur  eine 
gefd)i$tlid)e  (Säuberung,  beren  $id)tigfeit  irgenbmie  er* 
miefen  merben  müfete,  aber  in  bem  djriftlid)en  Bettmfjtfein 
felbft  ifjre  Bemäfjrang  nid)t  finben  fönnte,  ba§  Ijeifct,  fxe 
märe  fein  ®lauben§faj.  (£ben  fo  märe  eine  Betreibung 
einer  i^rer  Statur  nad)  abfoluten  unb  fietigen  ®räftigfeit  be§ 
®otte§bemufstfein§  nur  eine  Slfmbung,  aber  niemanb  fönnte 
biefen  Buftanb  al§  einen  burd)  bie  ©rlöfung  bettrirften  in  ftcfj 
nadjmeifen,  mithin  audj  biefe  fein  ®lauben§faä.  BeibeS  nun 
äugegeben,  fofem  in  iebetn  gatt  ba$  anbere  Clement  ganj 
foll  au§gefdjloffen  fein,  ift  bennod)  bie  Trennung  für  unfere 
©arftetlung  notljmenbig,  nur  ha%  mir  Riffen  muffen,  bafj  fie 
in  feinem  djriftlidjen  Bemufjtfein  gegeben  ift,  fonbern  nur 
ber  reineren  Betradjtung  megen  mittfüljrlidj  gemacht.  Sßenn* 
gleidi  nämli<$  unfere  bogmatifdien  ©äge  äufammengenommen 
nur  bie  in  biefer  $eriobe  innerhalb  ber  eoangelifdien  ®trd)e 
geltenbe  Seljre  barftetten:  fo  ift  bod)  ba§  c^riftlictje  ©elbft* 
bemufjtfein,  für  meid>e§  fie  ber  möglidtft  nötige  2lu§bruff 
fein  motten,  nidjt  etma  nur  ba&  eine§  beftimmten  3eitraum§, 
fonbern  e§  ift  ba$  allgemeine  ftct>  felbft  immer  unb  überall 
in  ber  d)riftltd)en  ®irdje  gleite,  fofern  nämlidj  bogmatifc&e 
(Säge  ftd)  nid)t  auf  bie  ^Differenzen  ber  d>riftlid)en  ®ird)en* 
gemeinfdjaften  bejie^n,  unb  bie§  ift  nid)t  ber  Sali,  mo  über* 
Ijaupt  oon  bem  ($5egenfas  smifdjen  <Sünbe  unb  ($5nabe  bie 
fRebe  ift.  SBir  muffen  alfo  ba§  djriftlidje  Bemufetfein  in  Be= 
äug  auf  feinen  au§  biefen  entgegengefezten  Elementen  be* 
fte^enben  <$5eljalt  fo  betreiben,  bafc  au<$  ber  erfte  Moment 
ber  ©ntfteljung  be§  d)rifttid)en  Bemufjtfein§ ,  unb  aüe§  ma§ 
in  fpäteren  Momenten  biefen  erften  re^räfentirt ,  fiel)  mit 
unter  unferer  Beitreibung  äufammenfaffen  läfct.  ©enfen  mir 
nun  an  bieienigen,  meldje  oljne  im  (£l)riftentfjum  geboren 
äu  fein  ftdj  bemfelben  äitmenben:  fo  mufj  bod)  bem  (Singreifen 
ber  ©rlöfung,  alfo  aud)  ber  ©nabe,  eine  5lnerfennung  ber 
eignen  (Srlöfung§bebürftigfeit  oorangefm,  unb  biefe  ift  nur 
mit  bem  Bemufjtfein  ber  (Sünbe  gegeben.  Sllfo  giebt  e§  in 
ifmen  ein  Bettmfjtfein  ber  ©ünbe  cor  bem  Bemufjtfein  ber 
©nabe;  unb  menn  aHe§  fünbtidje  in  ifjrem  foäteren  Seben 
bod)  mit  jener  bor  ber  (Snabe  oortianben  gemefenen  ©mibe 
jufammenl)änöt,  fo  Ijaben  fie  audj  in  iebem  tyäteren  klugen* 


®er  ©lau&enSIeljre  atocitct  Sljetl.  303 

Btiff  ba§  ©ctoußtfem  ber  ©ünbe  fo  in  ftdj,  bafc  fte  ettonS 
bor  ber  ®nabe  in  iljnen  gemefen  ift.  Sa  eben  btefe§  muffen 
audj  alle  in  ber  (S&riften&ett  <$5ebornen  mit  ienen  tljeilen, 
menn  aud)  nur  bermöge  iljre§  ®emeingefüljl§,  inbem  biefe 
Formel,  bafj  bit  ©ünbe  bor  ber  ®nabe  gemefen  tft,  nur  ber 
2lu§bruff  ift  für  bit  @rlöfung§bebürftigfeit  be§  menfc&tidjen 
®efd)ie<$t§  unb  für  beffen  SBerfjältnife  ju  (Sfjrifto.  ttnb  fo 
brausen  mir-  jur  Rechtfertigung  unfere§  <Sase§  ntd)t  einmal' 
bte  grage  ju  entfd>eiben,  ob  aud)  ieber  ©injelne  in  ber  Triften* 
Seit  geborne  erft  eine  Bettlang  bon  ber  (Snabe  getrennt  ift, 
unb  nur  burd)  einen  eben  foldjen  guftanb  au§fd)ltef3lid)en 
Söenntfjtfeinä  ber  ©ünbe  mie  ^ene  §ur  ©nabe  gelangt  ober 
ntd)t. 

2.  SBenn  mir  bemnadj  Söemufjtfein  ber  <3ünbe  unb  ber 
®nabe  in  unferer  Darfteilung  bon  einanber  trennen:  fo  be* 
fdjreiben  mir  abgefonbert  suerft  ba§ienige  Clement  be§  djrift* 
liefen  @el6ftbemufctfein§ ,  toetd)e§  bermitteift  be§  anbern 
immer  mebr  berfd>minben  fott,  meld)e§  alfo  feinen  (Srunb 
babenb  in  bem  ©efammtauftanbe  bor  ©tntritt  ber  ©rlöfung 
biefen  gugteid)  re^räfentirt,  unb  bann  abgefonbert  baSjenige 
Clement,  meld)e§  immer  meniger  burd)  ieneg  erfte  fott  be* 
grenzt  merben,  unb  metdje§  in  ber  ©rlöfung  feinen  ®runb 
babenb  sugieidj  bie  ®efammtfraft  bon  biefer  repräfentirt. 
Die  Trennung  biefer  beiben  äffen  cr}rtftXt<$en  ®emütfj§* 
suftänben,  in  meiere  ftct>  ber  ®egenfa§  eingebübet  Ijat,  ge* 
meinfamen  Elemente  ftetft  ftet)  fdjon  bon  fetbft  als  möglich 
bar,  fo  mie  ofjne  fte  fdjroerlidj  iene  beiben  Söe^ielrnngen  boH* 
ftänbig  tonnten  jur  5lnfd>auung  tommen.  (Schmieriger  aber 
ift  e§  nadiäumeifen,  bafc  unb  mie  ftd)  biefe  Trennung  aud) 
in  ben  anbern  beiben  formen  bogmatifd)er  ©äje  oljne  %la<$* 
tfjeü  be§  Sn^alteS  bemerfftetfigen  laffe.  SSenn  nun  juerft 
bon  ber  SBelt  bit  Rebe  märe  an  unb  für  ftet)  unb  nid&t  in 
Söesieljung  auf  ben  $cenfd)en:  fo  mürbe  juerft  ma§  in  ber 
Sßelt  auf  ben  Sftenfdjen  einmirft,  immer  baffeibe  fein,  biefer 
®egenfas  möchte  in  bem  9ftenfd)en  entmitfelt  fein  ober  nidjt, 
mithin  tonnte  aud)  fein  befonbere§  SBer^ältni^  ftattftnben 
gu  ben  beiben  (Stfiebem  biefeS  ®egenfase§.  Dasjenige  aber, 
mag  burd)  menfdjiidje  £fjätigfeit  in  ber  Sßelt  gefejt  mirb, 
ift  immer  für  bie  SSelt  nur  ba§  SBert  be§  ganzen  äRenfdjen; 
unb  bit  Differensen,  meiere  ftet)  auf  ba§  ©otteSbettmfjtfem 
besiegen,  mürben  bahti  am  menigften  in  Wdjlag  ju  bringen 
fein.  Run  aber  fann  tjter  immer  nur  bit  Rebe  fein  bon 
Söefdjaffenfjeiten  ber  Sßelt  in  SBejug  auf  ben  SRenfdjen,  unk 


304 £er  djriftli^e  Glaube.  (Srfter  £Qet(. 

ba  ift  offenbar,  bafj  fte  ifjm  eine  anbere  fein  mufe,  toenn  er 
fie  in  bem  Buftanbe  be§  gans  gelähmten  <5$otte§belmtfetfetn§ 
auffaßt,  unb  roemt  in  bem  Buftanbe  be§  auSfdjliefeenb 
f)errfd)enben.  (Sben  beSljalb  tüirb  and)  in  bem  d)riftlid)en 
Seben  felbft  unterfdjieben  derben  fönnen,  tt>a§  in  nnferer 
SSeltauffaffung  auf  Sfiedmung  ber  ©ünbe  fommt  unb  ma§ 
auf  sJte$mmg  ber  ®nabe.  ©affelbe  gilt  aud)  bon  ben  (Sin* 
uurtungen  be§  üücenfc&en  auf  bte  Sßelt,  in  fofern  fie  ettoaS 
für  ifcn  felbft  finb  unb  üjm  sunt  Söemufjtfein  fommen. 
®enn  je  me^r  SBertfj  biefer  <$egenfas  für  ifjn  Ijat,  um  befto 
meljr  roirb  iljm  aud)  al§  gleichartig  unb  äufammengeljörig 
erfdjeinen,  toa§  burd)  bk  (Sünbe,  mithin  olme  ^müul§  be§ 
(SJotteSbercufjtfeinS,  bon  ifjm  ausgegangen  ift,  unb  eben  fo 
auf  ber  anbern  <5eite  ba$,  roa§  burdj  bk  SBirffamfeit  ber 
Grlöfung  bebingt  aud)  baZ  (Gepräge  berfelben  tragen  mui 
2öa§  aber  enblidj  bie  göttlidjert  ©igenfdjaften  betrifft,  fo  ift 
freilief)  offenbar,  bafj  bon  einem  Buftanbe,  roeldjer  5lbmenbung 
bon  <&ott  ift,  nidjt  SluSfagen  über  ®ott  au§gefjn  fönnen, 
fonbern  nur  erft,  wenn  ber  TOenfct)  irgenbmie  roieber  31t 
(Sott  fjingetuenbet  ift;  benn  alle  2lu3fagen  über  ©ort  fesen 
eine  ^tniuenbung  §u  iljm  borau§.  3lber  aud)  roemt  bie  ©ünbe 
bon  einem  Buftanbe  tjerrfdjenben  ©otteSberoufjtfeing  au§  be= 
trankt  roirb,  tonnen  bod)  göttliche  (Sigenfdjaften,  meiere  ftcr) 
auf  bie  ©ünbe  abgelesen  bon  ifjrem  Sßerfiroinben  burd)  bie 
(Jrlöfung  besögen,  nid)t  gebaut  roerben.  £>enn  ba  alle  gört- 
Itdjen  (£igen|d)aften  £t)ätigfeiten  finb,  fo  fönnten  bkä  nur 
£f)ätigfeiten  sur  (Srlmltung  unb  SSeftätigung  ber  «Sünbe  fein ; 
foldje  ansunerjuten  mürbe  aber  ber  d>rtftltcr)en  grömmigfeit 
roiberftretten.  Unb  eben  fo  roemt  mir  eine  göttliche  SSirffam* 
leit  fegen  moHen,  in  roeldjer  ba$  ©otteSberoufetfein  gegrünbet 
ift,  aber  nid)t  al§  au§  ber  @ünbe  fi$  entmiffetnb  unb  burdj 
bie  ©ünbe  begrenzt:  fo  fönnte  audj  biefe  nur  in  göttlichen 
(5igenfd)aft£>begriffen  bargeftellt  roerben,  in  benen  ber  ct)rift= 
tiefte  ©Ijarafter  ganj  surüffträte,  melier  bann  in  bem  Gebiet 
biefer  gönn  nirgenb  mürbe  sur  (Srfdjeinung  fommen.  Sßoljl 
aber  ift  e§  ber  djriftltcrjen  grömmigfeit,  fo  geroife  fie  bie  (£r* 
Iöfung  al§  eine  göttltdje  Slnftalt  anerfeunt,  natürlich  5lu§fagen 
über  @ott  aufstellen,  meiere  fid)  auf  ba&  ©otteSberouMein 
besiegen;  ja  biefe  merben  e§  eben  fein,  meiere  ber  göttlichen 
Urfäd)lid)fett,  mie  fte  fid)  in  unferm  fct)led)tl)  inigen  5lbr)ängig= 
feitSgefufjl  im  allgemeinen  abfbtegelt,  Sftidjtung  unb  Slbsroeffung 
auSbrüffen,  fo  bafc  bie  ben  ©äsen  unfereS  erften  Xt)eil§  sunt 
©raube  liegenben  SBorfteUungen  erft  burd)  bie  Sßerbutbung 


©er  @lau&en§Iet)re  awetter  23jell.  S05 

tritt  biefen  au  bölliger  SBefttmmtrjett  unb  lebenbtger  2lnf$au* 
jicjtjfett  gelangen.  Um  nun  biefe  5Iu§fagen  auSaumttteln,  tft 
jmar  feine§mege§  notljmenbtg,  bte  beiben  ©lieber  unfere§ 
<55egenfaae§  bon  einanber  §u  trennen;  aber  bocl)  roirb  e§  eine 
richtige  unb  btelleidjt  be§  oben  angeführten  megen  borsüglidje 
Uftetljobe  fein,  bie  göttliche  SBtrffamfeit,  burdj  meiere  ba§ 
©otteSfietüufctfetn  aur  &erri<$aft  gelangt,  ju  betreiben,  menn 
mir  auerft  fragen,  ma§  für  göttliche  ©igenfdjaften  ftdj  in  bent 
guftanbe  ber  ©ünbe,  aber  freiließ  nur  fofern  barin  bie  (Sr* 
löfung  ermartet  unb  Vorbereitet  mirb,  %u  ernennen  geben,  unb 
bann  mieberum  auf  mag  für  treibe  bie  merbenbe  iperrf($aft 
be§  ($5otte§bemuMein§  surüffmetfet,  fo  roie  fie  ftd)  au§  beut 
Buftanbe  ber  @ünbe  burtf)  bie  (Srlöfung  geftaltet.  SSären  biefe 
benn,  ma§  jebo(ft)  offenbar  bon  ben  lejten  weniger  gilt  als 
bon  ben  erften,  au$  nur  5lbftractionen:  fo  mürben  fie  bod) 
äufammengefdjaut,  roie  ja  aud)  ba$  ^neinanberfein  jener  beiben 
Elemente  bie  SBabrtjeit  be§  c&riftlidjen  ßeben§  Ulbtt,  eine 
lebenbige  2lnf$auung;  unb  flauen  mir  fie  bann  au#  mit 
ben  in  unferem  erften  £i)etl  aufgehellten  göttlichen  ©igen* 
ferjaften  stammen,  fo  mufj  bann  bie  SDarftettung  unfer§  ®otte§* 
bemuBtfein§  unter  biefer  gorm  boHenbet  fein. 

3.  (£§  lä^t  ftd}  fona<$  eine  amiefact)e  3lnorbnung  biefe§ 
SHjeils?  ber  Glaubenslehre  benfen.  SBir  fönnen  bie  brei 
formen  bogmatifdjer  (Säge  §ur  £aubteintljeilung  machen,  unb 
in  jeber  guerft,  ma§  ftet)  auf  bie  @ünbe,  unb  bann,  ma§  ftd& 
auf  bie  ©nabe  beliebt,'  abljanbem.  2Bir  lönnen  audj  biefe 
beiben  Elemente  unfere§  «Selbftbemu&tfeinS  al§  ipauptglieber 
aufftellen,  unb  suerft  nad)  allen  brei  gormen  bon  ber  @ünbe 
^anbeln,  bann  aber  eben  fo  bon  ber  ©nabe.  2)ie  legte  ferjeint 
um  be§miHen  borsügli$  %vl  fein,  meil  bann  bie  £au£temtljeilung 
burdj  ba§  gebilbet  mirb,  ma§  in  bem  unmittelbaren  djrtftlidjen 
@elbft6erouf$tfem  geseilt  ift.  (Sonaä)  jerfättt  biefer  2^ eil  in 
ivoei  (Seiten,  inbem  suerft  ba$  Söemufjtfein  ber  <Sünbe  nadj 
allen  brei  bogmattfdjen  formen,  unb  bann  eben  fo  ba3  ber 
Q5nabe  entmiffelt  mirb. 


©<fir..0'6rifi  [.©[.I.  20 


£)  e  £    (Segen  fajes 

©rfte  «Seite. 

ßmtotlflung  be3  23etoufjtfeittg  ber   ©ünbe 

§.  65.  5lUe  ^ter  aufsuftellenben  ©äge  muffen  mit 
betten  gleicher  gorm  be3  erften  S^etle^  jujammen^ 
ftimmen  unb  ftd)  auf  fie  begeben,  ebenfo  aber  muffen  fie 
auf  bte  ©ä§e  ber  fetten  ©eite,  freiere  baä  SBemufjtfeüt 
ber  ®nabt  entrotffeln,  ^tnfetyn,  unb  btefe  babei  r>or* 
besaiten  bleiben. 

1.  (gut  febeinbarer  3ßiber[brucb  brängt  ftdj  bier  rool  einem 
Gebern  bon  felbft  auf,  fobalb  bk  ©ünbc  an  unb  für  ftcb  foEC 
betrautet  merben.  £)enn  bürfen  mir  auf  un[erat  ©tanbpunft 
jebe  eintretenbe  Hemmung  ber  SBtrffamf eit  beS  ©otteSbemufjts 
feing  nur  al§  bie  ^at  ber  ÜJttenfdjen  anfebn :  fo  ftebt  fie  als  TOeljr 
bon  ©ott  in  SSiberftmtdj  mit  ber  ben  9Ken[cben  als  lebenber 
£rieb  aufommenben  unb  bon  unS  fo  borauSge[e§ten  Sftidjtuna,  auf 
baS  ©otteSbemufjtfein.  llnb  eben  fo  ferner  [cbeint  eS  gu  [ein, 
bafj  baS  tütrflidje  SBefteben  ber  ©mibe  beretnbar  [ein  fott  mit 
ber  göttlichen  OTmacbt,  inbem  alSbann  bie  Slbfebr  beS  99cen[cben 
bon  Ö5ott  boeb  metjt  minber  müfcte  bon  ©ott  georbnet  fein 
nüe  alles  anbere,  meil  ja  ber  ÜDcen[cb  aueb  im  Buftanb  ber 
©ihtbe  in  ben  üftatursufammenbang  geftellt  ift,  unb  nur  nadj 
Sftaafjgabe  [einer  (Stellung  in  bie[em,  melcbem  ja  bk  göttliche 
Urfädjiidjfett  bem  ganjen  Umfange  nadj  gletclj  gefegt  ift,  bk 
(Sünbe  fidj  in  üjm  entmüfeln  fann.  Unb  giebt  eS  göttltdje 
(£tgenfcbaften,  toeldje  fidj  auf  bie  (Sünbe  belieben,  ol)ne  boeb 
eine  (Srbaltung  unb  Söeftätigung  ber[elben  ju  [ein:  mie  fott 
im  8u[ammenbang  mit  allem  bureb  bie  emig  attmiffenbe  gött* 
jtebe  OTmacbt  gemorbenen  aueb  baS,  maS  [einem  SBe[en  nacb 
•ntdjt  fortbefteben  foH,  gemorben  [ein?  Sft  enblicb  <5ünbe 
nur,  mo  eine  Unfräftigleit  beS  ©otteSbemufetfeütS  ift,  unb 
entmtffelt  fte  ftcb  auS  bem  Sftenfdjen  auf  SSeranlaffttng  ber 
©tnbrüffe,  meldje  er  bon  ber  ©efammtbett  beS  enbltdjen  (SetnS 
empfängt:  mie  foltte  babureb  nietjt  aufgeboben  merben,  maS 
mir  al§  urfbrüngltdje  Söottfommenbett  beS  9ften[cben  unb  aueb 


$e§  ®egenfaäe§  (Srfte  Seite.  307 

als  S5ottfommen§eit  ber  Sßelt  in  Söeaiefjung   auf  iljn  gefeat 
tjaben? 

2.  ®ann  nun  gleich  biefer  Sßiberfbrud)  nur  fdieinbar  fein, 
ba  ja  iene  unb  biel'e  ©äse  gleid)  ietir  auf  unfer  unmittelbar e§ 
©elbftbettmfjtfein  jurüffgeljn,  roeldjeS  als  bie  28al)rljett  unferS 
XafeinS  nidjt  mit  ftdj  feibft  in  3Siberfbruc§  fein  fann :  f o  geljt  . 
bodj  auS  biejem  Sßerljältnifj  tjerbor,  ba£  5ter  ein  Drt  ift, 
melier  eine  Stenge  bon  (Sdjnüerigfeiten  barbietet,  $)enn 
neigt  man  §u  fefjr  baljin,  bit  ©ünbe  auS  bem  UmfreiS  ber 
jcf)iect)t^imgen  Slbtjängigfeit  bon  (Sott  auSaufdjliefcen,  fo  ftreift 
man  unbermeiblidj  an  baS  ntanic&ätfdje;  unb  mitt  man  fte 
mit  ber  urfbrünglidjen  Sßotffommenfjeit  beS  9ftenf$en  ber« 
tragen,  fo  ift  baS  belagianifdje  faum  §u  bermeiben.  $a  man 
fann  fagen,  bafj  in  ber  ©ntmifflung  ber  firdjlid)en  Sefjre  baS 
Sdimanfen  snrifdjen  biefen  entgegengefesten  fünften  niemals 
gan§  §ur  Ührfje  gefommen  ift  SSenn  aber  audj  biefeS  lest  nidjt  ju 
bemerfftelltgen  unb  feine  gormel  aufeufinben  ift,  meiere  ntdjt 
(Einigen  f feinen  fotlte  mefjr  nadj  biefer,  unb  Slnbern  meljr 
nadj  jener  <&z\tt  §u  liegen:  fo  ift  menigftenS  im  OTgemeinen 
ber  amette  Stljeil  unfereS  @aaeS  eben  fo  geeignet,  b\t  (gdjroierig* 
feiten  §u  ebnen,  mie  ber  erfte  £ljeil  fte  aufregen  mufc.  ®enn 
foUcn  mir  in  ben  5luSfagen  über  bie  ©ünbe  immer  bie 
fünftigen  über  bie  ®nabe  im  2luge  fjaben,  fo  tonnen  mir  bie 
(Sünbe  nur  betrauten  einerfeitS  als  baSjenige,  maS  nidjt  fein 
mürbe,  menn  nidjt  audj  bie  ©rlöfung  Jjätte  fein  f  ollen,  unb 
bann  berfdjminbet  iebe  fcfjeinbare  9f?otljmenbigf'eit  unS  bem 
manidjäifdjen  au  nähern;  anbrerfeitS  audj  als  baS,  maS  mie 
eS  berfdjroinben  foll,  nur  burdj  bk  ©rlöfung  berfdjroinben 
fann,  unb  geljen  mir  bon  rjter  auS,  fo  f bunten  mir  faft  nur 
mutfjroittig  an  baS  betagiantfdje  geraden.  (Sott  ftdj  aber 
nidjt  burdj  bie  9cotljroenbigfeit,  unS  auf  bk  in  ber  ®irdje 
geltenben  5luSbrüffe  §u  besiegen,  biefe  Ö5efarjr  immer  mieber 
erneuern:  fo  muffen  mir  auf  ba§  Sftedjt  Slnfbrudj  matten,  fte 
fo  auszulegen,  mie  biefeS  am  ftdjerften  bermieben  mirb,  ober 
menn  fte  fiel)  baau  nidjt  ^ergeben,  bann  fte  gegen  anbere  au 
bertaufdjen.  Unb  au  bem  einen  ober  bem  anbern  merben  mir 
bei  allen  brei  formen  greifen  muffen,  um  ber  reinen  Söfung 
ber  Aufgabe  menigftenS  neifjer  $a  fommen. 


w 


©rfter  S£ßf^nitt 

Sie  <&m\i)t  afe  guftanb  ^  Sötafcfyen. 

§.  66.  Sßir  fyaben  ba^  Setoufctfein  ber  ©ünbe  fo  oft 
ba^  in  einem  ©emütl^uftanb  mitgefegte  ober  irgenbnne 
bingutretenbe  ©otteS&etoufctfein  unfer  Selb ftb etr» ufetf ein 
als  IXnluft  beftimmt;  unb  begreifen  be^^alb  bit  ©ünbe 
als  einen  pofitiöen  SBiberftreit  be£  gleifa)e<8  gegen  t>tn 
1  geig. 

1.  SSir  tonnen  olme  unferer  SDZet^obe  untreu  gu  merben 
aucb  oon  ber  ©ünbe  nidjt  urfarüngltcb  eine  objecttoe  (&> 
I  flärung  auffteKen,  fonbern  muffen  auf  ba%  eigne  ©elbft* 
I  benmfjtfein  gurüffgebn,  melcbe§  einen  Buftanb  al§  ©ünbe 
auSfagt,  unb  bte§  ^Qt  um  fo  weniger  gegen  fidj  al§  bte  ©ünbe 
in  bem  Seben  be§  Triften  mcbt  oorfommen  !ann  oljne  ein 
fofdje§  Söettmfctfeüt.  SDenn  biefe  SS  enmfjtlofigf  eit  märe  nur  eine 
neue  ©ünbe,  meldte  bocb  fpäter  and)  al§  fotctje  müfcte  gum 
SBenmfctfein  fommen.  ®ommt  e§  nun  gunäcbft  barauf  an  ba$ 
ctjaraftertfiifctje  in  bem  SBenmfctfein  ber  ©ünblicbfett  aufs 
guf äffen,  fo  bürfen  nur  baffelbe  in  bem  Gebiet  ber  cbrtftlidjen 
grömmigfeit  nidjt  aufcerbalb  be§  $erbältniffe§  gum  (55otte§* 
berauBtietn  f  neben;  unb  fo  bleibt  nur  übrig,  bafj  mir  atfe§ 
al§  ©ünbe  fegen,  tva§  bte  freie  Csntnnfflung  be§  ©otte§s 
benmfjtfeinS  gebemmt  bat.  ^ft  nun  in  bem  fraglidjen  9Jco* 
ment  felbft  ©ott  im  ©elbftbenmfjtfein  mitgefegt  getoefen,  btefeä 
®otte§benmMein  aber  bat  nid)t  oermocbt  bk  anbern  tvixU 
famen  Elemente  su  burdjbringen  unb  fo  ben  Moment  gu  be= 
ftimmen:  fo  ift  bann  ©ünbe  unb  SöeftuMein  ber  ©ünbe 
gleichseitig,  unb  im  fnmltdjen  ©elbftbenmfstfein  ift  bermöge 
ber  ^Befriedigung  beffelben  Suft,  im  böberen  aber  megen  ber 
ünfräftigfett  be§  GJotteSbetuufctfeinS  Unluft  gefegt.  Sft  aber 
®ott  in  bem  Moment  felbft  gar  nid)t  mitgefegt  getoefen,  fo 
folgt  ba%  SBehmfetfein  ber  ©ünbe  auf  bie  ©ünbe  felbft,  n»enn 
bte  Sßergegennmrttgung  be§  Moments  ba§  ©otteSbetuufctfem 
au§ftöfetf  inbem  ftdt)  geigt,  beiß  ba§>  (SotteSbehmfctfein  fid)  ben 
Moment  nidjt  aneignen  !ann,  mitbin  aud)  niebt  al8  auf  su* 


$ei  ®rau5en§lel)te  stoetter  Sfotl.  grfler  Stbfänttt.  309 

ftimmenbe  SSeife  babet  rubenb  borauSgefe^t  toerben  barf 
®l'e*t  aber  baS  ©otteSbemuMein  Jat  ben  Moment  beftimmt, 
unb  tm  oberen  (Selbftbemufctfein  ift  Suft  gefegt,  fo  ift  bo$ 
m  lebern  ©efüljl  ber  2lnftrengung  babet  ein  —  mithin  jene 
Suft  partiell  aufljebenbeS  —  ©etoufctfeüt  ber  ©ünbe  mitge* 
lest,  metl  mir  unS  betrugt  finb,  bafj  menn  bie  legt  über* 
Umnbenen  fmnlicfjen  Elemente  bon  aufjen  oerftärtt  morben 
mären,  baS  ©otteSbemufjtfein  bann  ni<$t  bermocbt  Ijaben 
itmrbe  ben  Moment  ju  beftimmen.  $n  biefem  (Sinne  nnn 
gtebt  eS,  aber  nur  toetl  eS  einen  lebenbigen  ®eim  ber  (Sünbe 
gtebt,  meldjer  immer  im  begriff  ift  berboräubredjen,  audj  ein 
tmmermäljrenbeS  SBehmfcttem  ber  ©ünbe,  meldjeS  nur  baib 
ber  «Sünbe  felbft  als  roarnenbe  Slfjnbung  borange^t,  balb  fte 
als  innerer  Sßortourf  begleitet  ober  t^r  als  9tae  nachfolgt. 
2>afj  aber  auf  einen  Moment  mie  ber  betriebene  fein  ©otteS* 
fcettmßtfeüt  jemals  ftcfc  richtete,  tonnte  nur  gegeben,  entmeber 
menn  steiften  bemfelben  unb  ber  fraglichen  klaffe  bon£anb* 
lungen  in  bem  £anbelnben  nod)  gar  fein  $erfjältni§  befielt, 
unb  bann  befänbe  er  ftdj  in  bem  £uftanbe  ber  Unfdjulb,  ober 
menn  baS  ©otteSbemufjtfem  gar  nidjt  mebr  mirffam  in  iljm 
ift,  unb  bieS  märe  ber  Buftanb  ber  $erftoffung. 

2.  2)enfen  mir  unS  nun  einen  Buftanb  fo,  ba%  baS  gletfä 
b.  5.  biz  ©efammtfjeit  ber  fogenannten  niebern  ©eelenfrafte 
nur  (Smöfänglicbfeit  $at  für  bk  bon  bem  Ort  beS  ©otteS*  " 
bettmfjtfetng  auSgeljenben  ^mbulfe  oljne  ein  felbftänbig  be* 
megenbeS  $rinciö  §u  fein:  fo  ift  ein  Sßiberftreit  amifdjen 
beiben  nidjt  möglich ,  aber  mir  Ijaben  bann  aucb  einen  un* 
fünbiitfien  Buftanb  gebaut.  <5eibe  $otensen  mürben  bann  in 
jebem  Moment  im  ©elbftbemufetfein  bollfommen  einS,  inbem 
ieber  Moment  im$eift  anfinge  unb  aucb  im  ©elfte  enbete,unb 
baS  gleite  ftc%  nur  als  lebenbigeS  3mifdj  englieb,  als  gefunbeS 
Organ  behielte  oljne  je  etmaS  bom  ©eift  nid&t  begonnenes 
unb  geleitetes,  fei  eS  als  eigenen  2lft  fei  eS  als  eingemifcbten 
frembartigen  löeftartbtrjeil  eines  bom  (Seift  auSgeljenben  TOeS, 
äur  (grfcbeinung  gu  bringen,  ©o  lange  nun  htibt  nodj  nid&i 
in  biefem  ©inne  einS  gemorben  ftnb,  befteben  (SJeift  unb 
gleifd)  als  §met  einanber  miberftrebenbe  Slgentien;1  unb 
fofern  ber  (Seift  auf  jene  bollfommne  (Sinfjeit  bringt,  mirb 
biefer  guftanb  'nur  als  ein  Unbermögen  beffelben  gefegt 
merben  tonnen.  2)ie  ätföglidjfeit  bieju  Ijaben  mir  aucg  bti 
Söeljanblung  ber  urfbrünglidjen  SßoEfommenfjeit  beS  SKenfdjen* 

1  @al.  5,  17.     mm.  7,  18  —  23.  2  ©.§.60. 


/* 


310  £er  (fjriftfidje  ©taube.  Erfter  Sijell. 

übrig  gelaufen,  nur  bafj  bort  nur  biejenigen  Serfjältmffe 
burcfoufübren  waren,  Welche  bit  $rincipien  ju  ber  fort* 
fdnreitenben  Gnttwifflung  in  fidj  enthalten.  £jft  nun  aber  in 
ber  (Seele  be§  Triften  ba§  SBewufctjein  ber  <3ünbe  nie  gefest 
otjne  ba$  SöeWufetfein  oon  ber  ®raft  ber  (Srlöfung,1  fo  ift 
jene§  SöeWufjtfein  audj  nie  wirflicb,  ofcne  [eine  ergänjenbe 
ipälfte  bie  wir  aber  erft  fpäter  au  betreiben  Ijaben;  unb  für 
ftcf)  allein  reüräfentirt  jene§  nur  ben  aufser  bem  ©ebiet  ber 
(Erlöiung  fjerrfdjjenben  £nftanb  eine§  fjoffnung§lofen  Unoer* 
mögen§  be§  ($5eifte§.  —  Wlit  biefer  Gsrflärung  ber  (Sünbe  als 
einer  burdj  bie  ©elbftänbigfeit  ber  ftnnlidäen  Functionen  ber* 
urfadjten  Hemmung  ber  beftimmenben  ®raft  be§  ©eifteS  finb 
ättmr  biejenigen  öereinbar,  Wetdje  bie  (Sünbe  felbft  al§  eine 
ttnmenbung  oom  (Schöpfer  betreiben,2  Weniger  aber  bk 
'  meiere  bie  ©ünbe  al§  llebertretung  be§  göttlichen  ($5efeae§  er* 
flären.8  Mein  e§  !ann  aueb.  wenig  barauf  anfommen  biete 
Uebereinftimmung  feftauf)  alten,  Weil  in  bem  <Sinne,  in  toeldjem 
fieb.  ©ott  unb  ba$  ewige  $ejea  unterf  Reiben  laffen,  al§  ob 
man  fidj  Wo!  Oon  Meiern  lederen  al§  oon  einem  einaelnen 
öieEeidit  Wttffüljrli<$en  2lcte  ($5otte§  abwenben  fönne  ofme  bon 
iljm  felbft,  ©efea  fein  urfprünglict)  djriftlicfjer  5lu§bru!f  ift 
unb  be§f)alb  in  einen  Pieren  aufgenommen  Werben  mu§. 
Sftan  mürbe  ifjn  nun  fer)r  unbefttmmt  unb  wtttfuljrlid)  er* 
weitem  muffen  um  aHe§  Ijineinaubringen  ma§  ntdjt  nur  in 
SBerfen  fonbern  audj)  in  ©ebanfen  unb  SSorten  <Sünbe  fein 
fann.  Unfere  ©rflärung  ift  aber  bk  natürliche  ©irtrjett  au 
biefer  Gctntljetlung.  2)emt  wenn  ein  ©ebanfe  ober  ein  SBort 
nidjt  al§  eine  £fjat  betrachtet  einen  Moment  auffüllen,  jo 
mürbe  er  au$  nur  mit  Unrecht  @ünbe  genannt.  llrforüng* 
lidj  ct)rift£td)er  aber  audj  mit  ber  unfrigen  unmittelbar  au* 
fammenftünmenb  ift  bie,  meiere  faßt,  ©ünbe  fei,  wenn  mir 
begehren,  ma§  (£&riftu§  überfielt4  unb  umgefeljrt. 

§.  67.    2öir  finb  uns  ber  ©ünbe  bewufct  als  ber 
ßraft  unb  be3  2Berfe£  einer  Seit  in  welcher  bie  3fUd&* 


1  Stönt.  7,  25.  —  8,  2. 

*  Conf.  Aug.  XIX.     Voluntas  .  .  quae  avertit  se  a  Deo. 

8  3ftef)rere  bergt,  bei  Gerhard,  loc.  th.  T.  V.  p.  2.  sq. 

4  Aug.  de  vera  relig.  31.  Non  enim  ullum  peccatum  com- 
mitti  potest,  nisi  aut  dum  appetuntur  ea  quae  ille  contemsit  aut 
fugiuutur  quae  ille  sustinuit. 


£er  ©faubenSIefire  stoetter  32jeU.  Grfter  2töfönttt.  311 

tung,  auf  fc>a£  ©otteäbetoufjtfem  nod)  niä)t  in  un<S  beroot* 
getreten  mar. 

1.  (£§  liegt  eigentlich  fc&ott  in  ber  Söegtebung  biefe§  (Sage! 
auf  alles  Bisherige,  ba|  in  iener  Bett,  auf  toetdje  ba§  33e* 
ttmfctfeüt  ber  (Sünbe  gurüffmeifet,  fte  nicbt  fo  lote  mir  un§ 
jest  üjrer  bemufjt  finb  al§  <5ünbe  in  un§  gefegt  mar.  ©erat 
fo  fann  fte  nur  mit  beut  ®otte£bemuf$tfein  gugleic^  ttnb  in 
Ißegug  auf  baffelbe  gefegt  fein.  Sft  ba$  ©otte§beioufetfein 
itodj  nidgt  entmiffelt:  fo  ift  audj  nocb  fein  Sffiiberftanb  gegen 
baffelbe,  fonbem  nur  eine  gürficbtfjätigfeit  be§  gleifcbe§, 
loelcbe  in  B^taft  gmar  ein  SBiberftanb  gegen  ben  ©etft  ber 
tftatur  ber  (Sacbe  nacb  merben  mirb,  oorber  aber  ntdjt  eigent* 
iidj  al§  (Sünbe  tool  aber  at§  ®eim  ber  ©ünbe  betrautet 
merben  fann.  (So  urtbeilen  mir  audj  allgemein  über  bie  (Sin- 
getnen  auf  ben  erften  ©ntmifflungSftufen,  unb  nicbt  anberS 
aucb  über  gange  Golfer  unb  Beitalter.  ©er  ©ag  ift  aber 
nicbt  fo  su  üerfteben,  at§  ob  alte  <Sünbe  audj  ibrem  ^n^alt 
.nacb  fdjon  in  jene  Seit  gurüffgulegen  fei;  fonbem  er  rebet 
rcur  Oom  fünblicben  Buftanb  im  TOgemeinen.  ©erat  nicbt 
alte  Functionen  be§  niebern  ßeben§,  melcbe  in  Sßiberftreit 
mit  bem  ($5etft  geratfjen  tonnen,  finb  fdjon  Oor  bem  ®otte§* 
betou^tfein  entmiffelt;  inbem  fte  ftcb  aber  entmiffetn,  obne 
fcafe  baä  <$5otte§bemufjtfein  in  ibren  erften  Anfängen  auf  fte 
gerietet  mirb,  entfielt  baffelbe  ÜMultat. 

2.  SSiberftanb,  al§  SSätigfett  burdj  melcbe  eine  entgegen* 
gefegte  aufgeboben  merben  foß,  ift  be§  SJcetjr  unb  93cinber 
empfänglich  mitbin  eine  intenfioe  ®röfce  als  foldje  burcb  bie 
«Seit  bebingt,  unb  toenn  in  einem  lebenbigen  gebaut  audj 
fcurdj  bit  SSieberboiung  in  ber  Bett  macbfenb  gur  gertigfeit. 
Unfer  ©ag  nun  gebt  auf  bie  allgemeine  ©rfabrratg  gurüff, 
fcaf$  in  Gebern  ba§  gteifdj  ficb  fcbon  als  eine  ®röfee  geigte 
eber  ber  ©eift  nocb  eine  mar;  unb  baber  folgt,  bafe  fobatb 
£>er  ®eift  in  ba§  (Gebiet  be§  $8emufetfein§  eintritt  —  unb  e§ 
gebort  gur  urfprüngUdjen  SMfommenbett  be§  üöcenfdjen,  \>a% 
bie  gürftcbtbätigfett  be§  gletfdjeS  bocb  ba$  £eröortreten  be§ 
<(§5eifte§  nicbt  an  unb  für  ficb  Oerbinbern  fann  —  audj  ber 
SSiberftanb  gefegt  ift,  ba§  Reifet,  bafe  mir  un§  fo,  mie  ba§ 
(SSotteSbemufjtfein  in  (Sinem  ermacbt  ift,  audj  ber  ©ünbe  be* 
tuufct  merben.  9hm  aber  ift  bie  £l)ätigfeit  be§  ®eifte§,  fomol 
überbauet  in  ber  gorm  be§  menfcblicben  Seben§  al§  aucb  be* 
fonberS  in  bem  Söeftreben  über  ba§  gtetfdj  bie  £errfcbaft  gu 
erlangen,    ebenfalls   eine  intenfioe    ©röfee,    unb    als    eine 


312  £cr  cfjrijtltdje  ®lau6c.  Grfter  Xfjeil. 


Icbcnbige  audj  burcf)  bie  SSieberfjofang  in  ber  Seit  aur; 
gettigfeit  beraumacrjfenb.  Sie  ©teirfe  alfo,  meidje  ber  (Steift 
allmä'blig  gemiunt,  ift  baä  SSerf  unb  bie  ®raft  ber  Seit  feit 
beut  (inuadicn  be§  ($5otte3benmßtfein§,  memtgleidj  freilief)  im 
3uiammenf)ang  mit  ber  öor^er  ferjon  gegebenen  geiftigen 
®raft  burefj  beten  Anregung  jene§  Srroacrjen  erfolgt  ift;  bie 
(gtärfe  be§  SGStbetftanbeS  aber,  ben  ba§  gletjdj  teiftet,  unb 
bet  ftd)  im  Sßeroußtfeiu  bet  ©ünbe  au§brüfft,  ijängt  ab  bon 
bem  $orforung  melden  ba§>  gleifcf)  §u  ienet  Seit  idjon  ge^ 
monnen  rjatte,1  atterbingS  aber  auet)  im  Sufammenfjang  mit 
bem®efammtleben,  in  meinem  ba§  9)laa%  p.ne§  $orforunge§ 
feinen  ®runb  bat.  &ieße  fict)  mm  ba§  ®e)ammtberf)öltniß, 
bon  bem  (Srmactjen  ibeä  ®otte§bemußtfein§  an,  auffaffen  al§- 
ein  attmä:&Uge§  Shraftgeminnen  be§  ®etfte§  übet  ba§  g(eifcf):  fa 
tonnte  ba§  (Selbftbenmfctfein  fcfjrr>eriicrj  einen  folgen  Ebarafter 
fjaben  mie  Söenwtjtfein  ber  ©ünbe;  nnb  be§t)a(b  muß  ber 
legte  um  fo  metjr  gurümreten,  je  mef)t  jene  Sluffaffung  ftet) 
geltenb  mad)t  unb  umgefebtt.  SBtr  finben  un§  abet  tmmet 
in  einet  ungleichmäßigen  Entmifflung ,  mitfnn  ben  (Seift  in 
feinet  2$ätigfeit  burefj  baS  gleifdj  gehemmt,  niobutcf»  tbm 
ba$  Skmußtfein  ber  ©ünbe  bebingt  ift.  SMefe  Ungleich 
mäßigfeit  ift  sunädtft  eine  amiefaä)e.  Einmal  fofern  bie  ®nU 
mifftung  be§  ®eifte§  ftoßmeife  erfolgt  buref)  bon  einanber 
entfernte  2lugenbttffe  uüSgeäeidjneter  Erleuchtung  unb  23e* 
lebung.  Erfd^eint  nun  nad)  einem  folgen  bie  Sljätigfeit  be§ 
®eifte§  geringer  al§  mäljrenb  beffelben,  ober  entfprirfjt  fetjon 
t-on  Anfang  an  bie  Belebung  ntdjt  ber  Erleuchtung:  fo 
merben  mir  un§  be§  guftanbeS  al§  @ünbe  bemußt,  meil  in 
ber  Erfüllung  be§  Momentes  ba$  gleifdj  ftegreidj  ift  über 
ba§  (Streben  be§  (Seiftet.2  2)emnäd)ft  aber  finb  mir  un§  be§ 
®eifte§  al§  EineS  bemußt;  ba$  gleifdj  aber  ift  ein  bieifat§e3 
unb  biefeS  bielfadje  unter  ficrj  ungleich,  fo  baf3  audj  ber  (Seift 
ftdj  nidjt  gleichmäßig  baju  behalten  fann.  Snbem  aber  fein 
Stnforadj  überaß  berfelbe  ift,  fo  erfdjeint  er  audj  überall,  mo 
er  meniger  bemirfen  fann,  al§  surüffgemiefen  unb  beftegt, 
mitbin  ber  9Jcenfd)  im  Buftanb  ber  ©ünbe.  $e  meljr  mit 
nun  ben  Buftanb  be§  geiftigen  SebenS  auf  einen  bewußten 
Anfang  surüf ffüljren ,  auf  ein  allgemeines  gleidjfam  <Stcr)  f elbft 
gebieten,3  melcf)e§  in  jeber  einzelnen  geiftigen  2öillen§ricl)tuug. 
repräfentirt  mirb:  um  befto  meljr  ftnb  mir  un§  audj  überall, 
mo  bie  2f)at  jenem  Entfc^luß  nic^t  entfprtdjt,   einer  bemalt 


1  ©cn.  8,  21.  2  JRöm.  7,  18.  3  mm.  17,  22. 


55er  ®Iau6en§IeIjre  gtoeitet  Sfjeil.  (Srfter  Sftfänitt.  31äJ 

be§  gietfd)e§  Beroufjt,  unb  fönnen  m<$t  anber§  al§  biefe  auf 
bte  Bett  oor  Jenem  Anfang  äurüfffütjren. 

§.  68.  2öir  fönnen  t>ie  ©ünbe,  toieiool  fie  au3  ber 
ungleichmäßigen  ©ntttrifflimg  ber  (Sinfidjt  unb  ber  SßilleniS* 
Iraft  fo  §u  begreifen  tft,  bau  burcb  i^r  ^or^anbenfein  ber 
begriff  ber  urfprünglid?en  SßoHfommen^eit  be£  3ftenf$en 
nicfyt  aufgehoben  roirb,  bocb  nur  at3  eine  Störung  ber 
3Ratur  auffaffen. 

1.  Unfer  @as  fdjetnt  ba§  gefammte  geifttge  Seben  unter 
ben  ®egenfaa  oon  SBerftanb  unb  SSttfen  äu  bringen,  aber  er 
l)at  feine§mege§  bte  Slbftdjt  ba3  brttte  §u  biefen  beiben  natu* 
lief)  ba§  unmittelbare  @elbftbehur§tfemf  mooon  mir  oielmeljr 
überall  ausgeben  in  unterer  Sarfteunng,  grabe  bier  in. 
(Schatten  m  fteHeu;  oielmefjr  ift  reetjt  eigentlich  ba§  Sßer*- 
bältnifj  be§  <5elbftbehnifctfein§  pu  jenen  beiben  ba$  $Jlaa%  ber 
Ungletdjmäfsigfett  üjrer  ©ntraifflung.  ®enfen  mir  un§  ba$- 
oben  ermähnte  ©i<$  felbft  gebieten  in  feiner  5lHgemeinf) eit: 
fo  ift  e§  nichts  anber§  al§  bte  ©tnfidjt  t-on  ber  aulfctjli  eisen* 
bm  äBoraügttdjfett  berjenigen  guftänbe,  welche  fiel)  mit  bem. 
®otte§bemu|tfein  einigen  oljne  e§  su  hemmen,  ©iefe  ©infierjt 
aber  fann  nic^t  entftebn,  olme  ba§  ber  (Singerne  fie  ftdt)  an= 
eignete,  roeld)e§  nur  bur<$  einen  2lct  be3  ©elbftberoufjtfetnä 
gefdjteljt,  in  meinem  unter  ber  gorm  ber  Billigung  unb  2ln* 
erfennung  biefe  (Surftet  nun  ($5ebot  nnrb.  S)af$  nun  biefe 
Aufregung  be§  (SelbftberauMeutS  fctjnelTer  auf  bte  ©mftctjt 
folgt  alg  fie  im  ©taube  ift  bie  28illen§erregungen  gu  beftimmen, 
ift  eben  bie  Ungleicrjmäfjigf  eit ,  mit  melier  bie  (Sünbe  unb 
ba$  SBeraufjtfein  berfelben  gegeben  ift.  S)iefe  !önnen  mir  un§ 
auf  ätoiefadje  SSeife  gleidj  oon  Dorn  herein  al§  aufgehoben 
ben!en,  unb  in  beiben  gälten  mirb  e3  bann  fein  $8emu|tfein 
ber  ©ünbe  geben.  2>enn  menn  @iner  nur  in  bemfelben  fflaafc 
aftmäljüg  gur  Gsinftctjt  über  ba§  SBertjältnifc  ber  öerfdjiebenen. 
3uftänbe  §um  ®otte§6etmr&tfeüt  gelangt,  mie  auetj  feine  Sin* 
erfennung  ben  SBtEen  in  Sßemegung  fe§en  fann:  fo  fönnte  er 
nid)t  gu  einem  ^ßemufjtfein  ber  @ünbe  gelangen,  mie  er  au<§ 
nie  ein  göttlichere^  2tbzn  benfen  fönnte,  a{%  meines  er  in 
iebem  5lugenbliff  mirflict)  barfteüt.  Unb  eben  fo,  menn  sroar 
ber  Ötegenfaa  gleich  feinem  gangen  Umfange  nactj  gefegt  unb 
burdjjfdjaut  märe,  aber  ber  SBille  märe  auc^  gleidj  nact)  allen 
(Seiten  bin  ftarf  genug  um  allen  Regungen  be§  gleifcfce^  gu. 


314  S)er  djrtftltdje  ®Iaube.  ®r[ter  S^ell. 


miberftefjen:  jo  fönnte  aud)  ein  folget  su  feinem  93emuf$tfetn 
ber  ©ünbc  al§  feinet  eigenen  3uftanbe§  fommen.  Mein 
beibe  gftffe  finben  mir  nidjt  in  unferer  Erfahrung ;  ia  e§  läfet 
ftrf)  begreifen,  bafj  mir  fte  nid)t  barin  finben  fönnen.  2)enn, 
nm  bei  bem  legten  anzufangen,  ber  ©egenfaj  ftettt  fidj  bem 
SSerftanbe  bar  nad)  Slrt  unb  Sßeife  eines  allgemeinen  33übe§ 
ober  einer  gormel,  bie  im  eisernen  gatt  gleid)fam  id)on  bon 
meitem  mieber  er!annt  mirb;  unb  fo  empfangen  audj  bie  Un* 
münbtgen  balb  nadj  ben  erften  eignen  Erregungen  biefe  (£in* 
fidöt  bon  ben  (£rma$fenen.  2tber  ber  ©tofj,  melden  bie  ge* 
bietenbe  5lner!ennung  bem  SSitten  ju  geben  %at,  mufc  —  eben 
toeil  ba§  gletfdj  e§  nur  mit  bem  einseinen  &u  t^un  Ijat,  unb 
bon  bem  allgemeinen  nid)t§  meifj  —  in  jebem  einzelnen  gatt 
ein  befonberer  fein;  mobei  benn  ba&  gleifd)  bie  (Stemöljnung 
al§  ba§  eigentlidje  (S5efej  in  ben  (Stfiebern1  für  fidö  W,  bem 
(Seift  aber  nur  feljr  attmä^Iig  bie  früheren  glüf ftidjeren  Wo* 
mente  zu  <5tattm  fommen.  (Seljn  mir  aber  auf  ben  erften 
gatt  äurü!?:  fo  fönnte  man  ft<$  bie§  —  mierool  un§  irgenb 
ein  botlfommneS  ®Ieid) gemixt  gegeben  tft,  fonbern  überall 
abmed)felnbe§  £erbortreten  unb  3urüffraeid)en  borfommt  — 
bod)  bietteid)t  hei  einem  ©internen  als  möglidj  benfen,  ni$t 
aber  in  einem  ßufammenleben.  2)enn  OTe  mürben  nid)t  ben- 
felben  ®ang  gelm,  unb  atfo  Seber  hei  Slnbern  feljn  unb  bann 
au$  anerf ernten  muffen,  raosu  er  bod)  bie  2Sitten§fraft  nidjt 
in  bemfetben  5Iugenbliff  (jätte.  Sßie  nun  otjne  biefe  Unglei^^ 
mäfcigfeit  —  su  ber  man  fid)  atterbing§  al§  (Segenftüff  aud) 
ein  Burüffbleiben  be§  $erftanbe§  hinter  bem  SSitfen  benfen 
lann,  miemol  bie§  nur  fdjeinbar  märe  —  ein  Söemufjtfein  ber 
@ünbe  nidjt  entfielen  fönnte:  fo  ift  e§  au§  berfelben  aud) 
o&ne  meitereS  äu  begreifen;  fo  bafj  aud)  niemanb  eine  anbere 
Strt  ju  bemfelben  su  gelangen  mirb  angeben  fönnen.  Sludj 
ba§  oljnftreitig  fdjlimmfte  begreift  fidj  auf  biefe  2trt,  nämlidj 
mie  ber  SSiberftanb  be§  gleifd)e§  audj  auf  ben  $erftanb 
äurüffnrirft,  fo  bafe  biefer  tljeüS  bie  fo  herbeigeführten  3u* 
ftänbe  §u  befd)önigen  fud)t,  als  bertrügen  fie  ftd)  bennodj  mit 
iem  ®otte§bemufetfein,3  tt)etl§  baä  ®otte3bemufjtfein  felbft 
■fdjon  in  feinen  erften  keimen  bon  ber  ®emalt  be§  gleifdje§ 
ergriffen  fo  alterirt  unb  serfplittert  mirb,  bafe  ieber  guftanb 
fic^  mit  einer  <Seite  beffetben  berträgt,  unb  fo  ber  ftttltdje 
<55egenfas  felbft  bertoren  ge^t.8  ©rfdjeint  nun  auf  biefe  SBeife 
anit  föt^t  bie  Abgötterei  be§   gleiten  UrfbrungS  mit  ber 


1  mm.  7,  23.  '  gtßm.  2,  15.  8  9tt>m.  1,  18.  25. 


S)er  ©fcwbenSIefce  stoeiter  S^eil.  Srfter  Sttfänltt.  315 


«Sünbe:  fo  werben  als Ueberrefte  berfelben  mit  gleichem  3te*t 
auc^  alle  in  bem  @üm  ant§ropopatM*e  Stellungen  öoti 
@ott  ansufefcn  fein,  wel*e  jenen  ®egenfaj  abf*wa*en  ober 
benfelben  anf  ein  menf*li*e§  SRe<fct8t>er&aitnt&  sumfifnjren. 
2  2)emoljneracl)tet  fann  man  ni*t  fagen,  baß  bie  ©unoe, 
fo  tote  ftc  Sier  aufgefaßt  korben,  im  Sßiberfpra*  fte|e  mit 
ber  urfprimgli*en  8ottfommen$eit  be§  Söcenf*en,  fo  baBbtcje 
babur*  aufgehoben  märe.    $ietmebr,  muffen  mir  bo*  b  ab  et 
-fteben  bleiben,  bafe  ©ünbe  im  Mgemeinen  nur  tft,  fofern 
au*  ein  Söewußtfein  berfelben  tft:  fo  ift  btefeS  immer  bur* 
guteS  bebingt,  wel*e§  öorangegangen  fein  muß,  unb  toeldjeS 
nur    ein   fftefultat  jener  urjprünglicben  S3oüfomment)eit  tft. 
2)enn  mir  baben  nur  ein  böieS  ©ewtffen,  t&eüS  in  fofern  mir 
bte  2Röaltcbfett  .eineS  befferen  einfelm,  unb  btefeS  alfo  aur. 
eine  anbere  2Irt  in  un§  eingebiibet  ift,  t6eüS  in  fofern  mir 
überbauet    ein   ©ewiffen  baben,  b.  S.  bie  gorberung  einer 
Rufammenftimmung  mit  bem  ©otteSbeWußtfein  in  unS  aur, 
acftcHt  ift.    ®a^er  erfäetnt  imS  au*,  Wenn  einem  ©tnsclncn 
in  einem  SebenSalter,  mo  ba§  ©otteSbeWußtfein  entwtffelt 
fein  lönnte,  ober  einem  S3olf  in  einem  frühen  Bettatter  ba§ 
töefferc  au*  auf  jene  Strt  no*  ni*t  eingebiibet  ift,  ba§  un* 
öollfommne  unb  bie  ©ewalt  be§  glettäeS  ni*t  als  ©ünbe.  I 
fonbern  als  SftoßScit  unb  Unbtlbung.    <So  baß  bie  ©unbe  Jt$ 
nur   an   f*on    geworbenem    ©uten   unb    öermbge  beffelben 
offenbart,  unb  nur  baS  !ünftige  $emmt.    (Sben  fo  tterm  Me 
©ünbe    babur*  pm  SöeWußtfein  fommt,  baß  baS  ©otteS* 
bewußtfein  auf  eine  ftnnli*e  $i*tung  meniger  SBtrflamfett 
ausübt  atö  auf  anbere,  ge^t  baS  »ettm&tfeut  berfelben  au* 
fieröor  auS  ber  8erglei*ung  mit  f*on  geworbenem  ©uten. 
Unb  bieS  beftätigt  fi*  au*  bur*  baS  ©egenftüff  ju  bem  btS* 
^erigen,  inbem   fi*   au*   in  bem  p*ften  Stugenbli?!   ber 
grömmigfeit  no*  eine  ©pur  Oon  Söemußtfein  ber  (Sunbe  Der* 
birgt,  meil  nämlicb  baS  ©otteSbewußtfein  bo*  m*t  unfer 
ganzes  SBefen  gleichmäßig  bur*bringt;  unb  biefeS  äKimmum 
4>flanat  ft*  benn  au*  in  bie  folgenbe  Seit  hinüber,  Weil  ein 
jol*er  Moment  au*  ni*t  glei*mäßige  SBirfungen  na*  attett 
©eiten  aurüfflaffen  fann.    2>er  Buftanb  ber  ©ünblu&fett  fegt 
alfo  in  feinem  gangen  Umfang  bie  urfprüngli*e  SBoufommcn* 
Seit  oorauS  unb  ift  bur*  biefelbe  bebingt;  fo  baß,  Wie  bieier 
begriff  bie  (ginrjeit  unferer  ©ntwifflung  auSbrücCt,  fot^rer|eit0 
bie  ©ünbe  ba§  oereingelte  unb  jerftüttelte  in  berfelben,  mo* 
tmrcVaber  jene  Gin^eit  feineSmegS  aufgehoben  mirb. 

3.  könnten  mir  nun,  Wie  mir  bie  8ünbe  im  Bufammenfetn 


316  Ser  rfniftiidje  ©lait&e.  (£r[ier  Sfjetl. 

mit  ber  urforimfiK<$en  Sßotffomnienbeit  be§  Wenden  %vl  be^ 
greifen  bermögen,  audj  über  bie  Unbermeiblicbfeit  berfetberc 
eine  botfftänbige  ©emifcbeit  ljaben:  fo  mürbe  un§  nichts  ü6rig 
bleiben  ai§  un§  bei  berfetben  511  berubigen.  ®a§  natürtidjfte 
märe  bann  §u  fagen,  ba§  Sßemufjtfein,  met$e§  mir  burd)  ba§ 
SBettmfctfetrt  ber  Sünbe  beseidjnen,  fei  in  feinem  gangen  Um= 
fang,  audj  ba§  berunreinigte  unb  burd)  ßerfpalhmg  in  feiner 
(£igentbümlid)f  eit  serftörte  <$otte§bemufctf  ein  mitlbineingeredmet, 
mdjt§  anber§  al§  ba§  burdj  einzelne  £anblungen  unb  Buftänbe 
un§  bergegenmärtigte  s43en»ufet[ein  be§  un§  nod)  feblenben 
>  (Suren.  v  Slber  biefe  Stnftd)t,  metdje  mit  ber  SSabrbeit  ber 
I  Sünbe  aud)  bie  üftorbmenbigfeit  ber  (Erlöfung  aufbebt,  läfjt 
überall  für  bie  etgentrjümlidje  £t)ättgfeit  eine§  G£rlöfer§  fo 
menig  (Spielraum  übrig,  ba%  fie  faum  nod)  für  eine  djriftlicbe 
gebalten  derben  fann.  9?un  aber  ift  atterbing§  fdjon  bie 
(Sehnfcfjeit,  mit  ber  mir  un§  be§  in  einem  auSgeseidjneten 
5Iugenbliff  in  un§  gefesten  ©uten  bemüht  finb,  sugleid)  bie 
©emifebeit  bon  ber  SSermeiblicrjfeit  aller  Momente,  in  benen 
berfelbe  ©rab  ber  2BilIen§fraft  nid)t  nadjäumeifen  ift,  unb- 
jebe  rüffgängige  Söemegung  ift  eine  (Störung  ber  urförünglict) 
angelegten;  fo  bafj  bie  ©rfabrung  bon  einem  gurüfftreten  ber 
2SiHen§fraft  unb  baä  SBemuMein  bon  ber  SBermeibltdjfeit  ber 
Sünbe,  fo  mie  bie  51uffaffung  berfelben  al§  einer  (Störung. 
ber  Statur  in  fo  meit  eine§  unb  baffelbige  ift.  Slber  um  eine 
gän^Iicbe  S5ermetbüd)feit  be§  pofttiben  2öiberftanbe§,  ben  ba§ 
5'leifcf)  feiftet,  al§  etma§  mögtid>e§  ju  fegen,  bagu  gebort  hit 
©emiibeit  einer  feit  bem  erften  £>erbortreten  be§  (55otte§= 
bemufjtfeinS  ftetig  fortgegangenen  ©ntmifflung  feiner  ©eloalr 
bi§  su  einer  abfoluten  Stärfe,  b.  b.  einer  unfünblicb  enr* 
miffelten  menfcrjlicben  S3oEfommenbeit.  2luf  biefer  ©ennfsbeir 
berubt  alfo  beibe§  gleichmäßig,  ia3  boHe  Söemufjtfein  ber 
Sünbe  at§  einer  Störung  ber  Statur,  unb  ber  glaube  an  bie 
Sftöglicbfeit  einer  (Srlüfung  burd)  bie  ÜDfittbeilung  ber  fo  be~ 
mäbrten  geiftigen  ®raft.  ®enn  menn  aud)  unfern  boü= 
fommenften  guftänben  nodj  bie  Spur  ber  Sünbe  anbängt, 
unb  bie§  bie  SluSfage  unfereS  menfcblicben  (Semeinbemufjtfeing 
ift:  fo  fann  nur  berjenige,  auf  ben  mir  biefe§  ©emeinbemufjtfein 
nicbt  übertragen,  unb  nur  fofern  mir  e§  mit  titelt  auf  ibn 
ntd)t  übertragen,  meld)e§  Sftecbt  eben  in  ber  obigen  Formel 
auSgefprodjcn  mirb,  eine  mabvbaft  erlöfenbe  £t)ätfgfeit  au§* 
üben.1    ®a§  Söertmfetfetn  ber  Sünbe  aber  fommt  freiließ  au& 


1  mm.  7,  24  —  8,  2 


©er  ©Iaufcen8le$re  atoetter  2#eil.  (grfter  Stöfänttt.  317 


t>em  (^eies;1  aber  tote  btefeS  felbft  in  ber  2Ranmgfaltigfett 
dns einer  Bori($riften  nur  eine  unbottfommne  ©arftelhmg 
bzä  Guten  tft,  nnb  au<$  in  ber  ©tnljeit  einer  allumfaffenben 
Formel  bie  9ttögttct)feit  feiner  Befolgung  nid)t  mit  barlegt,  fo 
bleibt  a'u$  bie  l)ierau§  entftebenbe  (£rfenntmf$  ber  ©ünbe 
tljeilS  unbollftänbig  tt)etl§  atoeifefljaft,  nnb  nur  in  ber  öötttgeit 
llnfünbltc^tett  unb  ber  abfofuten  (SeifteSfräftigfeit  be§  (SrlöferS 
inirb  un§  bie  ooßfommne  ©rfenntnifj  ber  (Sünbe.  Unb  fte 
fann  un§  nur  als  Störung  ber  Statur  erlernen,  ba  bie 
äftöglidtfeit  borliegt,  bafj  unter  S3orau§fe§ung  ber  oben  be* 
fc&riebenen  urfprünglid)en  Sßottfommenljeit  ba§  (35otte§beröufet* 
fein  fict)  bi§  §u  ber  Öteinrjeit  unb  ^>etligf ext ,  bie  e§  in  beut 
(Jrlöfer  §at,  bon  bem  erften  SDcenf<|en  an  ftätig  W&  ent* 
Krifteln  tonnen. 

§.  69.  SBir  ftnb  uns  ber  6ünbe  betoufet  tyetls  afö 
in  un^  fetbft  gegrünbet,  t§eils  als  i&rett  ®runb  jenfeit 
imfereS  eignen  S)afem3  fyabenb. 

1.  ®a§  in  jebent  (Sinselnen  auf  befonbere  SGSetfc  ungleich* 
tnäßige  Sßerbalten  ber  t>erfct)iebenen  Üit^tungen  unb  $er* 
xidjtungen  ber  ©innlidtfeit  ju  ber  leeren  05 eifteStrj ättgf ett 
tft  gegrünbet  in  einer,  Vorläufig  motten  mir  fagen  angebornen, 
^ifferens  biefer  ^idjtungen,  meldje  eine§  ^eben  eigentümliche 
ffierfönftffiett  conftituiren  Ijilft.  SStr  leben  aber  bergletdjen 
Sifferensen  t§eil§  innerhalb  beffelben  ©efäfedjtg  ftd)  fort* 
^flanjen,  unb  fo  aud)  bei  Söilbung  neuer  Familien  au§  Oer* 
fdjiebenen  Gefriedeten  pfammenarten ,  tfjeilä  ftnben  mir  fte 
in  grofeen  Waffen  al§  eigentijihnlidjfett  ber  (Stämme  unb 
JBölfer  feftfteljenb.  Vermöge  biefer  Slbfjängigfett  alfo  ber 
befonberen  Geftattung  be§  einzelnen  «eben§  bon  einem  großen 
gemeinfamen  £t#u§,  fo  mie  üermöge  ber  Slbbängtgf  eit  ber 
fpäteren  Generationen  bon  ben  früheren  liegt  ber  Grunb  ber 
(Sünbe  eine§  Seben  Ijöljer  hinauf  in  einem  trüberen  al§  fein 
eigne§  ©afein.  £>a§er  attcfc  menn  jemanb  angeborne  2)iffe* 
renken  läugnenb  fte  nur  ber  (Srsieljung  auftreibt,  bleibt  bte 
©adje  biefelbe;  tnbem  aud)  bie  (SräiefjungSmeife  in  Steigungen 
unb  @rf abrangen  gegrünbet  tft,  meldte  bem  ©afein  be§  ju 
ergiebenben  öorangingen.  (Sofern  hingegen  ba$  hineilen  einer 
fmnlidjen  Erregung  ju  ibrem  Biet,  oljne  ft<$  bem  oberen 
©elbftbehmfetfeut  ju  fteßen  bod)  unläugbar  bie  £&at  be§ 
©inselnen  ift,  mufc  aud)  iebe  einzelne  (Sünbe  beffelben  in  ibm 

1  mm.  7,  7. 


818  3)er  <$tlfiltd)e  ©laube.  Grfter  £I>eÜ. 

felbft  begrünbet  fein.  —  SScrmtttelft  ber  einen  SßetradjhmgS*- 
meife  unterfdjeiben  mir  unfere  ©utartigf  eit ,  inbem  aud> 
manche  fmnlidje  $id)tung  nid)t  über  baä  bom  ®eifte  felbft 
ifjnen  abgeforberte  lnnau§ftrebt ,  bon  unferer  $8ö3artigfett,. 
unb  ftnb  un§  beiber  al§  mitempfangener  unb  mitbekommener 
bemüht;  bermöge  ber  anbern  aber  erfennen  mir  aud)  in 
unferer  $8ö§artigfeit  unfere  ©ünbe,  meil  mir  fie  nämlicfy  ftatt 
fic  fdjou  übermunben  su  Ijaben  burd)  unfere  Sfjat,  bietmefjr 
felbfttf)ätig  fortpflanäen  bon  einem  Moment  sum  anbern. 

2.  £)aft  ber  ©ine  ftdj)  meljr  §ur  Betrachtung  hinneigt, 
mobei  benn  bie  Sßirffamfeit  nadj  aufcen  entmeber  überhaupt 
fdjmad)  ift,  ober  menn  aud)  ftarf  bod)  rof)  unb  ungebübet; 
ein  Ruberer  hingegen  ftctj»  gan§  auf  bie  Sßirffamfeit  nad) 
aufjen  mirft,  ba&  ®en!en  aber  hü  tljm  entmeber  überhaupt 
fetten  eintritt  ober  menigften§  ftumpf  bleibt  unb  bermorren: 
bieg  rechnen  mir  audj)  hu  ben  angebornen  S)ifferenäen.  dlim 
mirb  freiließ  audj  ber  (£rfte  bureb  ba§  gemeinfame  Seben  in 
ba§  (Gebiet  ber  SSirffamfeit  Ijineingeäogen ,  unb  aud)  bem 
Slnbern  merben  irgenbmie  bie  in  bem  Ötemeingebiet  geltenben 
©rgebniffe  ber  Betrachtung  eingebübet  merben;  aber  jene  ur~ 
fprünglidjen  SDifferengen  mirfen  bod)  fort,  unb  bie  ermadjenbe 
grömmigfett  mirb  fid)  bei  bem  (Srften  leichter  mit  bem  ®e* 
banfen  einigen,  bie  £>anblung§meifen  aber  merben  fleifdjlid) 
bleiben,  bei  bem  5lnberen  Zugegen  ber  Berftanb  miberftrebenb, 
fo  ba§  fid)  bie  ©ünbe  in  Gebern  auf  anbere  Slrt  geftattet. 
SSiefern  nun  biefe  S3erfcr)iebenr)eit  mit  eine§8eben  natürlicher 
unb  aller  £ljat  borangeljenber  Anlage  sufammenljängt:  infofern 
ift  aud)  bie  ©ünbe  eine§  geben  ibrer  ©eftattung  nadj  jenfett 
feine§  eignen  ßeben§  begrünbet.  gnroiefern  aber  bodj  ieber 
Moment,  fei  er  nun  burd)  Borfteltung  ober  £anbtung  im 
engeren  ©inne  erfüllt,  bod)  immer  nur  burd)  <Selbfttf)ätigfeit 
3U  ©taube  fommt,  aud)  ber  melier,  oljneradjtet  be§  ($5otte§* 
bemufjtfein§  fdjon  aufgeregt  ift,  baffeibe  bod)  nid)t  in  ftct> 
trägt:  fo  ift  bie  <Sünbe  eine§  geben  auf  gteidje  Sßeife  ifjrer 
SStrfüctjfeit  nad)  aud)  in  i&m  felbft  begrünbet. 

3.  <ba§  nämliche  gilt  aud)  bon  ber  bei  allen  SOcenfc&en 
früher  als  bie  geifttge  eintretenben  ©ntmiff  hing  be$  finnlidjen 
£eben§,  bafe  fie  nid)t  abhängig  ift  bon  bem  einjelnen  9)cenfd)en 
felbft.  £)enn  ba&  ^ineintreten  be§  3dj  in  biefe  SSelt  burcr) 
©mpfä'ngnife  unb  (Geburt  lann  unfer  unmittelbare^  ©elbftbe* 
muBtfein  fetneSroegeS  al§  unfere  eigne  £fjat  erfennen,  menn 

•  aud)  bie  ©peculation  bi§meilen  eben  biefe§  al§  ben  urfprüng* 
I  lidjften  felbft  oerfdmtbeten  2lbfatt  barjuftetfen  öerfuc^t  bat* 


£)er  ®lau6en§lel)re  atoeiter  3$eil.  (Erfter  Sftfdjnttt.  3191 

$ielmeljr  mie  btefer  (gintritt  überhaupt  für  iebe§  festere  <8Je* 
fctjlec^t  bebingt  ift  bureb  bie  £bat  be§  früheren:  fo  ift  audj 
bie  bureb  bte  frühere  (gntmifflung  ber  ©innlicbfeit  bebtngte 
fünbfjafte  ©elbftänbigfeit  berfelben  jenfeit  be3  eigenen  £>afein£ 
iebe§  ©ingelnen  begrünbet.  3ft  aber  ba$  ($5otte§bemufjtfein 
einmal  als  beftimmte  ttrirffame  (Gröfje  gefest  nnb  a!3  eine  be§ 
28a<$§tbum§  fäfjige:  fo  ift  aueb  ieber  Content,  in  bent  e§ 
nicjjt  al§  jene  (Gröfee  unb  mit  einem  menn  aueb  nur  unenblicb- 
flehten  Ueberfdjufe  gegen  frühere  ärjnli^e  gälte  sunt  Sßorfdjein 
fommt,  eine  in  bem  £anbelnben  [elbft  begrünbete  Hemmung 
ber  böberen  ^tjätigfeit  nnb  mabrljafte  ©ünbe. 

Bujas.  SDiefe  jhriefadje  SSegiebung,  meiere  mir  nacb  allen 
(Seiten  nur  in  berfdjiebenem  9Jcaa§  in  iebem  Söeroufctfein  ber 
©ünbe  mieberftnben,  ift  ber  eigerttlicr)fte  unb  innerfte  (Grunb, 
roeStjalb  bk  ©ntmifflung  be§  <^riftlict)en  $8emufjtfein§  ber 
©ünbe  in  unferer  ftrcbltcben  Sebre  ftcb  in  bte  beiben  Sebr* 
ftüffe  fpaltet  bon  ber  ©rbfünbe1  unb  bon  ber  ttrirflicben  ©ünbe.3 
Siudtj  ber  mabre  ©inri  btefer  Teilung  gebt  au3  bem  bisher 
entmüfelten  beutlid)  berbor.  ^n  bem  erften  nämlicb  mirb  ber 
Buftanb  ber  ©ünbe  betrachtet  als  ein  empfangenes  unb  bor 
aller  £bat  mitgebracbteS,  morin  aber  bo<$  augleictj  auä)  bk 
eigene  ©ctjulb  fdjon  berborgen  liegt;  in  bem  anbem  mirb  er 
bargefteKt  al§  erfebeinenb  in  ben  eignen  fünbbaften  £baten, 
bte  in  einem  ^eben  felbft  begrünbet  ftnb,  in  benen  aber  iene§ 
empfangene  unb  mitgebrachte  ftdj  offenbart,  üftur  bk  Ijer* 
gebraute  Söegeicbmmg  ift  auf  jebe  SSeife  unbeauem.  £)enn 
in  ber  legten  gormel  mirb  freilicb  ba§  SSort  ©ünbe  gang 
bem  gemeinen  ©praebgebraueb  gemäfj  bon  ber  eigentlichen 
Zfyat  gefegt;  allein  ber  Sßeifag  ioiriudj  berantafjt  letd&t  ben 
berrairrenben  ^ebengebanfen  al§  ob  bk  (grbfünbe  nidjt§ 
mirflidäe§  märe,  ober  menigftenS  al§  ob  e3  in  bemfelben 
Sinne  neben  ber  mirflicl)en  ©ünbe  noeb  eine  blofc  febeinbare 
ober  aufcer  ber  %$at  liegenbe  gäbe,  ^n  ber  erften  gormel 
bingegen  brüüt  ba§  (£rb  allerbingS  ben  gufammenljang  ber 
fpäteren  (Generationen  mit  ben  früberen  unb  mit  ber  @h> 
baltung§meife  ber  gangen  (Gattung  riebtig  au§;  altein  ba$ 
SSort  ©ünbe  füprt  irre,  al§  ob  e§  bier  in  bemfelben  ©imte1 
genommen  fei  mie  in  ber  anbern  formet,  unb  bann  müßten 
nur  einige  wirtliche  ©ünben  eine  f rubere  SÖegrünbung  baben, 
anbere  aber  niebt,  melcbeS  inbe^  gar  nidjt  bk  Meinung  fein 
fann,  inbem  bie  (£rbfünbe,  bie  alle  roirtltd}en  ©ünben  \tbz& 


1  peccatum  originis.  »  peccatum  actuale. 


320  £er  djriftltdje  ©laube.  (Srfter  Efjell. 

(Stnselnen  mitbebingenbe  unb  fcor  aller  SHjat  Ijergcljenbe  S5e- 
fd)affenr)eit  be£  banbelnben  ©ubjecteS  anaetgt.1  S)aljer  märe 
eine  Stenberung  biefer  ungenauen  in  ber  ©c&rift  aud)  gar 
nidjt  befinbtid^en  Söeäeidjnungen  fet)r  §u  münfdjen;  allein  bte§ 
mufe  mit  großer  SSorfidjt  eingeleitet  merben,  too^u  atterbtngS 
bie  folgenbe  $8e§anblung  einen  Beitrag  geben  nritt,  unb  e§ 
barf  nur  burd?  oftmalige  Slnnä^erungen  ausgeführt  tuerben, 
iuenn  man  ntdjt  ben  gefährlichen  Bufammentjang  ber  £et)re 
ganj  äerreifjen  unb  nur  neue  SDctfjbeutungen  unb  ÜDcifcöer- 
ftänbnijfe  hervorrufen  toitt. 

©tfteS  SeSrftült 
$on  ber  ©rüfunbe/ 
§.70.    £)te  t>or  jeber  3#at  eine£  ©ingetnen  in  it)m 
tootfyanbene  unb  jenfeit  feinet  eignen  S)afetn<o  begrünbete 
©ünbt)aftigfeit  ift  in  Sebem  eine  nur  burd?  ben  @influ§ 
1  fcer  (Möjung  nrieber  aufeu^ebenbe  öoHfommne  ttnf  äfytgf  eit 
jutn  ©uten. 

Co n f.  Aug.  2.  Docent  quod  —  omnes  homines  secundum  naturam 
propagati  nascuntur  .  .  .  sine  metu  Dei  sine  fiducia  erga  Deuui 
et  cum  concupiscentiä,  quodque  hie  morbus  seu  Vitium  originis 
vere  sit  peccatum  damnans  et  afferens  nunc  quoque  aeternam 
mortem  his  qui  non  renaseuntur  per  baptismum  et  spiritum 
sanetum.  —  Apol.  Conf.  1.  hie  locus  testatur  nos  non  solum 
actus  sed  potentiam  seu  dona  efficiendi  timorem  et  fiduciam 
erga  Deum  adimere  propagatis  secundum  carnalem  naturam  .  . 
ut  cum  nominamus  coneupiscentiam  non  tantum  actus  seu 
fruetus  intelligamus  sed  perpetuam  naturae  inclinationem.  — 
Conf.  gall.  IV.  Affirmamus  quiequid  mens  humana  habet 
lucis  mox  fieri  tenebras  cum  de  quaerendo  Deo  agitur,  adeo 
ut  sua  intelligentia  et  ratione  nullo  modo  possit  ad  eum  acce- 
dere.  Item  .  .  nullam  prorsus  habet  ad  bonum  appetendum 
libertatem,  nisi  quam  ex  gratia  et  Dei  dono  aeeeperit.  — 
Expos,  simpl.  VIII.  Peccatum  autem  intelligimus  esse  nativam 
illam  hominis  corruptionem  .  .  .  qua  coneupiscentiis  pravis 
immersi  .  .  .  nil  boni  ex  nobis  ipsis  facere  imo  ne  cogitare 
quidem  possumus.  —  IV.  proinde  nullum  est  ad  bonum  honiini 
liberum  arbitrium  nondum  renato.  —  Conf.  an  gl.  X.  Ea  est 
hominis  conditio,  ut  sese  naturalibus  suis  viribus  ad  fidem 
convertere    et    praeparare    non    possit.     Quare    absque    gratia 


1  Peccatum  enim  originis  non  est  aliquod  delictum  quod  actu 
perpetratur:  sed  intime  inhaeret  infixum  ipsi  naturae  substantiae  et 
essentiae  hominis.     Epitom.  Art.    1.  p.  577.  Ed.   Rech. 


Ser  ©fau6ertg[ef}re  ätoeiter  3#eU.  (Srfter  2t6fdjnttt.  321 

— . — _ __ 

Dei  quae  in  Christo  est  ad  facienda  quae  Deo  grata  sunt  nihil 
valemus.  —  Repetit.  conf.  Et  haec  depravatio  est  carera 
iam  luce  Dei  seu  praesentiä  Dei  quae  in  nobis  fuisset ,  et  est 
aversio  voluntatis  nostrae  a  Deo  ...  et  hominem  non  esse 
templum  Dei  sed  miseram  massam  sine  Deo  et  sine  iustitia. 

1.  2)iefe  2Infid)t  oon  ber  iebem  ©tnselnen  fdjon  mit* 
gegebenen  ©ünbijaftigfett,  ftimmt  mit  bem  eben  fdjon  ent* 
miffelten  üoKfommen  überein.  ®enn  ift  audj  in  bem  2tbm> 
be§  in  bie  (SJemeinfdjaft  mit  ber  (Srlöfung  aufgenommenen 
9Jcenfd)ett,  um  e§  ftreng  unb  genau  au§aubrüffen,  fein  Slugen* 
bliff,  in  meinem  ni$t  Söeroufjtfein  ber  ©ünbe  al§  eineS 
gegenro artigen  unb  roirffamen  ein  roefentttc&er  93cftanbtt)eil 
feine§  @elbftberouf$tfein§  märe,  roenn  biefe§  Aar  unb  t»oH- 
ftänbig  Ijerbortritt:1  fo  mufj  eine  ©ünbljaftigfeit,  bte  aud& 
burd)  bie  Äraft  ber  (Srlöfung  nid)t  oottftänbig  überrounben 
hrirb,  fd»on  be§fjatb  an  unb  für  ftdj  al§  roaljrljaft  unenbltdj 
bttxa$ttt  merben.  Unb  mirb  burd)  biefelben  aud)  bie  Sftidjtung 
auf  ba$  ($5otte§berauMein  öerbunfelt  unb  verunreinigt,2  fo 
mufj  ber  ÜDlenfcf)  fraft  eine§  fo  unlautern  unb  unftdjent  (Sottet 
:6emufjtfein§,  roierool  e§  audj  fo  nodj  ba§  Söefte  in  iijm  ift, 
burctjauS  unfähig  fein,  nur  foldje  Buftänbe  nid)t  nur  §u  ent- 
rotffetn,  fonbern  aud?  nur  mit  SBerouMein  ansuftreben,  bie 
mit  bem  roorauf  iene  Sprung  eigentlich  ger)t  äufammenftimmten. 
güfjrt  nun  bie  djriftticfje  grömmigfett  atte§,  roa§  mit  bem 
(5$otte§berouf$tfein  in  irgenb  einer  Sejie^ung  fter)t,  auf  <5ünbe 
ober  (SJnabe  surüff:3  fo  muffen  mir  audj  affe§,  roa§  in 
unfern  Buftänben  nidjt  «Sünbe  ift,  audj  nur  unferm  5lntr)eü 
an  ber  (Srlöfung  auftreiben,  unb  biefe  allein  für  ba$  aner* 
fennen,  moburd&  iene  ttnfcüjtgfeit  aufgehoben  merben  fann. 

2.  SBenn  mir  nun  aber  audj  biefe  Unfäljigfeit  snrifdjen 
ben  beiben  ©nbjmnften  be§  SBottenS  unb  Vollbringend, * 
jmifdjen  benen  alle  eigentliche  (Selbfttfjätigfeit  eingefdjloffen 
ift,  o§ne  (Sinfdjiränfung  jugeben,  fofem  nämlich  unter  bem 
(SJuten  nur  ba$  burdj  ba§  ®otte§bemufjtfein  beftimmte  üer« 
ftanben  mirb:  fo  barf  man  bodj  bit  mitgebrachte  <5ünb§aftig* 
feit  nid&t  audj  fo  meit  au§beljnen,  bafc  fogar  bie.  Säijigfeit 
bie  ©rlöfung  in  ftd)  aufzunehmen  bem  9ftenfd&en  müfjte  ah' 
geforodjen  merben,  benn  biefe  ift  ba$  menigfte,  ma§  nodj  in 
ber   äur  urforünglidjen   SBotffommenljeit  be§   SERenfdjen   ge* 


1  <S.  §.  62,  1.     §.  64,  1.  2.  §.  8,  2.  *  ©.  §.  62. 

$fiü.  2, 13.  ögl.  4,  13. 

6*l..«6ttftt.«l.L 


322  $er  (brtftlicbe  glaube.  (Srftei  Sbeil. 


Sörigeu  $icf)tung  auf  ba§  ($5otte§beroufjtfein  ßete^t  fein  fann.1 
(Somit  märe  al§bann  Dem  allen  Pieren  (&aben,  roetdje  bie 
SSoräüge  ber  menfdjlidjen  9catur  ausmachen,  nnb  an  roeldjen 
alle§,  moburä)  fid)  ber  9Jcenfj$  Dom  SHjier  unterbleibet, 
einigen  9lntfjeil  fjaben  mufj,  nid[)t§  borljanben,  fonbem  Tie 
mären  fo  ganj  erftorben,  bafj  man  eigentlich  fagen  müfjte,  bie 
9ftenfd)en  mürben  oljne  bie  menfdjlid)e  9?atur  geboren,  roetcrjeS 
bodj,  inbem  e§  ausgebrochen  mirb,  fidj  fdjon  roiberlegt 
£)ie  SBeljaubtung  aber,  ba§  aud)  biete  gäfjtgfeit  öerloren  ge= 
gangen  [et,*  tüitt  felbft  mit  unferm  (glauben  an  bie  ©rlöfung 
nid>t  ftimmen.  SDenn  bie  gäfjtgfeit,  bie  bargebotene  (Sfttabe 
in  ft#  aufzunehmen,  tft  bie  unnadgläfelic^e  Söebingung  aller 
SBirffamfeit  berfelben,  fo  ba%  oljne  fie  entroeber  auc^  feine 
Sßerbefferung  be§  9)cenfdf)en  möglich  ift,  ober  e§  mirb,  bamit 
fte  möglich  merbe,  nodj  etroaS  anbere§  borauSgefejt,  nämlich 
eine  foXct)e  bei  gäu^lu^er  ^afftoität  be§  93cenfcb,en  borgeljenbe 
I  Umjdjaffung  be§  9Jcenfd)en,  tooburdj  nur  erft  jene  gätjigfett 
I  in  i^m  fcerborgebraäjt  mirb.  5lber  biefe  !önnte  ja  bann  gleich 
auf  ba§  (SJanje  gerietet,  unb  auf  biefelbe  Sßeife  bit  t>oII= 
fommene  Heiligung  be§  9Jcenfd)en  beroirft  rcerben,  rooburd? 
benn  bie  ©rlöfung  überflüffig  mürbe.  3)ab>r  fönnen  mir 
jene  Unfäljigfeit  nur  auf  bk  ©eibfttfjätigfeit  in  bem  engeren 
unb  eigentlichen  (Sinn  be^ie^n,  nid)t  eben  fo  aueb,  auf  bit 
(gmbfänglidjfeit ;  unb  roenn  man  bie  lebenbige  Sntu§ju§ception 
mtff  Slnfang  ber  SJcitmirfung  nennen,  fo  mürben  mir,  ba% 
bie  Gsrbfünbe  ben  9ftenfc&en  audj  an  allem  anfangen  unb 
2Ritmir!en  in  geifrtgen  fingen  fjinbere,"  nidjt  unbebingt  ju^ 


1  SSgt.  Conf.  belg.  XIV.  bie  Betben  Steigerungen :  Adeo  ut  ipsi 
(homini)  tantam  exigua  illorum  (donorum  omni  um  quae  a  Deo  acce- 
perat)  vestigia  remanserint,  unb:  Nulla  enim  intelligentia  nee  voluntas 
conformis  est  divinae,  nisi  quam  Christus  in  illis  fuerat  operatus. 

*  Solid,  declar.  II.  p.  656.  ita  ut  in  hominis  natura  post 
lapsum  ante  regenerationem  ne  scintillula  quidem  spiritualium  virium 
reliqua  manserit  aut  restet,  quibus  ille  ex  se  ad  gratiam  Dei  prae- 
parare  se,  aut  oblatam  gratiam  apprehendere  aut  eius  gratiae  capax 
esse  possit.  —  ®od)  wirb  aud)  biefeS  tele  letdjt  au  erac&ten ,  toenigftenS 
fo  roeit  e8  mit  unferer  Se^auptung  tu  Sßiberfprud)  ftefit,  toieber  aurüff= 
genommen  burd)  ba8  folgenbep.  671.  Hoc  Dei  verbum  etiam  nondum  ad 

I  Deum  conversus  externis  auribus  audire  aut  legere  potest.  In  eius- 
modi  enim  externis  rebus  homo  adhuc  aliquo  modo  liberum  arbitrium 
habet,  ut  .  .  .  verbum  Dei  audire  vel  non  audire  possit. 

•  Sol.  decl.  p.  643.  Repudiantur  .  .  qui  docent  .  .  hominem. 
ex  uaturali  nativitate   adhuc  aliquid  boni  .  .  reliquum  habere,  capa- 


£>er  ®Icmben§Ief)re  gtociter  %fy\L  QExfter  Slbfdjmtt.  323 

geben.  UebrigenS  aber  ift  ba$  (Sefääft  ber  lebenbtgen 
Gnntfänglidjfeit  fein  Slnfangen,  fonbern  suerft  mufe  ba§ienige 
§eranfommen,  wa§  aufgenommen  werben  foH,  unb  fo  audj 
ift  e§  eigentlich  fein  SÖlittoirfen,  fonbern  ein  ficrj  ber  Sßirfung 
Eingeben.  Unfere  Söefmuptung  fiat  aud)  alle  (Sinlabungen 
be§  (Srlöfer§  für  ftd),  al§  meiere  ftd)  an  biefe  Gsmpfänglidjs 
feit  toenbeten,  unb  nidjt  minber  bie  allgemeine  9ßrartö  ber 
SSerfünbiger  be3  Dteic^eg  ©otte§,  welche  immer  bie  Sftenfctjen 
aufforberten,  bie.  ($nabe  ®otte§  in  ftd}  aufzunehmen.  Sa 
wenn  man  audj  üon  ber  $orau§fesung  einer  ftd)  unauf&örltdi 
fteigernben  $erfd)limmerung  au§geljt,  mute  man  bod)  mit 
■Slugufttn1  augeben,  ba%  babei  immer  nod)  ettoaZ  öon  bem 
urforünglidjen  ©uten  in  ber  menfctjlidjen  -ftatur  übrig  bleiben 
mufc. 

3.  (Sorgfältig  aber  Ijat  man  aud)  immer  innerhalb  be§ 
Gbebieteä  ber  «Selbfttfjätigfeit  bie  Unfäljigfeit  auf  ba§ienige 
befdjrä'nft,  ma§  bie  c&riftltdje  grömmigfeit  allein  für  gut 
im  eigentlichen  ©inne  anerfennt ;  womit  sugleict)  sugeftanben 
Ift,  ba%  e§  einen  (Stegenfaj  be§  löblichen  unb  tabelngwürbigen 
giebt,  melier  gar  nidjt  üon  bem  35err)ältni§  be§  ÜUcenfdjen 
gur  (Srlöfung  abfängt;  bielmeljr  wie  aud}  ber  Unbegnabigte 
bie§  löbliche  an  ftd)  tjaben  fann,  fo  ift  audj  ber  SBegnabigte 
ftctj  bewnfjt,  e§  o$ne  bie  föülfe  ber  ©nabe  erworben  p  fjaben? 
<g§  ift  aud}  ganj  angemeffen,  bteS  gan§e  Gebiet  burdj  ben 
SluSbruff  bürgerliche  ©  er  e  djtigfeit,ba§2Bort  im  weiteren  j 
©inne  genommen,  5U  be^eidinen.  £)enri  tljeil§  $at  aUe§,  ma§ 
bem  burdj  ba%  ©otte^bewufjtfein  beftimmten  unb  bewirften 
am  nädjften  ftet)t,  eine  OolfSmäfjige  SBejie&ung,  unb  Snftanjen, 
bie  man  Jjiegegen  anführen  tonnte,  Werben  immer  nur  fc&ein* 
bar  fein;  t|eÜ8  fann  aud}  ber  bürgerliche  ($5emeingeift  an 
bie  auf  baä  ®emeinmefen  ftdj  besieljenben  menfd}lid}en  £>anb= 
lungen  unb  Buftänbe  nid}t  ben  SOcaafeftab  be§  ©ottegbemufjt* 
ieing  anlegen,  fonbern  er  fann  nur  bie  oaterlcinbifdje  ©efinnung 
in  möglid}fter  fReintjett  unb  SßoHfommen^ eit  forbern.  £>iefe 
aber,  wenn  fic  gleich  bie  boUftänbigfte  Sßerläugnung  ber 
einzelnen  $  erfönltdjf  eit  fjerborsubringen  oermag,  ift  bodj 
immer  nur  bie  (Selbftliebe  be§  SßolfS  ober  <5taatö  a!3  einer 


citutem  videlicet  .  .  in  rebus  spiritualibus  aliquid  inchoandi  operandi 
aut  cooperandi. 

1  Enchirid.  XII.     Quam  diu  itaque  natura  corrumpitur  inest  ei  i 
bonum   quo    privetur  .   .  quocirca    bonum    consumere    corruptio    non 
potest  nisi  consumendo  naturam. 

21* 


324  5Der  djrijtltdje  ©lau6e.  CErftcr  X^cil. 


äufammengefesten  $erfon,  unb  fann  mit  SeibenfcbaftltdjfeU 
unb  Ungeredjtigfeit  aller  2lrt  gegen  bie,  metcfje  aufjer^alb 
biefe§  Vereins  finb,  berbunben  fein,  roenn  niccjt  ber  ©igennuj 
ober  bit  (Sfjrtteoe  be§  ®emeinmefen§,  meldje  nrieberum  ©igen- 
liebe  ftnb,  ba$  (SJegenttjeü  forbem.  2)af)er  aud)  ba§  befte 
anf  Meiern  ®ebiet,  foforn  e§  unabhängig  bon  ber  ®raft  be§ 
®otte§benmfstfein§  beftebt,  nur  §ur  fleifdjlidjen  (SJefinnuno 
2öei§f)eit  unb  ®ered)tigfeit  geregnet  werben  fann.  fSiei  w 
niel  aber  mirb  fdjon  angegeben  unb  ein  £aubtftüff  ber  $xi)u 
liefen  grömmigfeit  feljr  berbunfett,  roenn  man  jene  Unfafjigfett 
nur  auf  bk  fogenannten  Sßerfe  ber  erften  £afel  befdjränft, 
al§  ob  nur  biefe  ber  9ftenfd)  ntdjt  obne  Bufammenbang  mit. 
ber  ©rlöfung  Oottbringen  fonnte;  bie  SBerfe  ber  feiten 
£afel  aber  gans  baffelbige  mären  mit  jener  bürgerlichen  %t^ 
rec&ttgfeit,  melde  ber  Sftenfdj  audt)  o§ne  ben  göttlichen  ®etft 
ju  leiften  bermag.  Jßielmebr  ftnb  biefe  Sßerfe,  fo  mie  ber 
(Sfjtift  allein  fie  al§  Erfüllung  be§  göttlichen  ®ebot§  anfebn 
fann, x  feine§mege§  nur  äußere  unb  fleifcblidje,  fonbern  roabr- 
baft  geiftige  SBerfe,  meiere  nur  bermöge  eine§  mirffameit 
unb  gereinigten  ($otte§beroufetfein§  möglich  finb,  fo  bafj  in 
biefer  SBe^iebung  snüfeben  Siebten  gegen  <$5ott  unb  $f(idjten 
gegen  ben  9Md)ften  fein  Unterfdjieb  ju  madjen  tft ' 

§.  71.  3)te  ©rbfünbe  ift  aber  pgleidj  fo  fet>r  bie 
eigene  @d)ulb  eines  Seben,  Öer  baratt  %fytil  ^oX,  bafe  fie 
am  beften  ate  bie  ©efammtttyat  unb  ©efammtfdmib  bes 
menfd?üdjen  ©ef$led?te<o  borgeftellt  wirb,  unb  bafj  ifyre 
Hnerfennung  jugleiclj  bie  ber  allgemeinen  ©rlöfung^ 
bebütftigfeit  ift. 

Conf.  aug.  II.  Quodque  hie  morbus  seu  Vitium  originis  vere  sit 
peccatum  damnans  et  afferens  nunc  quoque  aeternam  mortem 
his  qui  non  renaseuntur.  —  Apol.  conf.  I.  Quodsi  has  tantas 
vires  habet  humana  natura  .  .  quorsum  opus  erit  gratii 
Christi  ?  I  b  i  d.  II .  Quia  igitur  .  .  omnes  sunt  sub  peccato  . 
ideo    data    est    promissio    iustificationis    propter    Christum.  — 


1  SJlatttj.  22,  37—39.  eraänat  burd)  ^ofi.  13,  34.  unb  Äoloff.  3,  23. 

*  Seftpfjalten  ift  baljer  bergan^  allgemeine  SlnSbruf!  belMelanchth. 
loc.  theol.  (de  lib.  arb.)  Non  potest  voluntas  exuere  nascentem 
nobiscum  pravitatem ,  nee  potest  legi  Dei  satisfacere.  —  (de  pecc.) 
Peccatum  originis  est  in  natis  ex  virili  semine  amissio  lucis  in  mente 
et  aversio  voluntatis  a  Deo  et  contumacia  cordis  ne  possint  ver« 
obodire  lo^i  I>ei 


$er  ©lau&enSIefjre  ätt»etter  Sfjeü.  (Jrfier  2tbf(&mtt.  325 

Conf.  Basil.  VIII.  Atque  haec  lues,  quam  originalem  vocant, 
genus  totum  sie  pervasit,  ut  nulla  ope  nisi  divina  per  Christum 
curari  potuerit.  —  Conf.  gallic.  XI.  Credimus  hoc  Vitium 
vere  esse  peccatum,  quod  omnes  et  singulos  homines,  ne  par- 
Tulis  quidem  exceptis  adhuc  in  utero  matris  delitescentibus, 
aeternae  mortis  reos  coram  Deo  peragat.  —  Conf.  belg.  XV. 
Credimus  quod  peccatum  originis  ita  foedum  et  execrabile  est 
coram  Deo,  ut  ad  generis  humani  condemnationem  sufficiat.  — 
Art.  Smalc.  Si  enim  ista  (sc.  hominem  posse  naturalibu» 
viribus  mandata  Dei  servare)  approbantur ,  Christus  frustra 
mortuus  est,  cum  nullum  peccatum  aut  damnum  sit  in  homine 
pro  quo  mori  eum  oportuerit.  —  Conf.  Bon  ein.  IV.  Ne- 
cessum  esse  ut  omnes  norint  infirmitatem  suam ,  quodque  se 
ipsos  modo  nullo  servare  possint,  neque  quiequam  habere 
praeter  Christum ,  cuius  fiducia  sese  redimant  ac  liberent.  — 
Epitom.  artic.  p.  575.  Affirmamus  quod  hanc  naturae 
corruptionem  ab  ipsa  natura  nemo  nisi  solus  Deus  separare 
queat.  —  Reiicimus  .  .  dogma  quo  asseritur  peccatum  originale 
tantummodo  reatum  et  debitum  esse  ex  alieno  delicto  .  .  in 
nos  derivatum.  —  Solid,  decl.  p.  639.  Et  propter  hanc 
corruptionem  .  .  natura  aut  persona  hominis  lege  Dei  aecu- 
satur  et  condemnatur  .  .  nisi  beneficio  meriti  Christi  ab  bis 
malis  liberemur.  —  Melanchth.  loc.  p.  94.  Propter  quam 
corruptionem  nati  sunt  rei. 

1.  gn  nic&t  roenigen  btefer  fümbolifcf)en  ©teilen  unb  bd 
Dielen  ®lauben§leljrera  befommt  bte  £Ijeft§  freute!)  ba§  Sin* 
feljen,  als  ob  bte  allen  Sftenfdjen  mitgeborene  (Sünbbafttgfeit, 
grabe  in  fofem  fte  zttüa$  bon  anberroärt§  Ijer  empfangene^ 
ift,  boef)  eine§  ^eben  eigene  ©ctjulb  fein  folle,  nnb  araar  eine 
<SdjuIb,  roelctje  unenblidje  ©trafroürbigt'eit  in  ftc&  fdjliefct,  fo 
bat  audj  bte  größte  Stenge  ber  nürfticfjen  ©ünben  gu  ber 
©trafroürbigfeit  nicb,t§  Ijinäufügen  tonne,  roeldjer  ein  geber 
jcb,on  jener  fogenannten  ®ranfljeit  roegen  unterliegt.  Unb 
man  rmtfc  e§  natürlich  fmben,  ba%  ber  <3as  unter  biefer  %t* 
ftalt  dou  fielen  geläugnet  ift,  meiere  b\t  ©r&fünbe  lieber 
für  ein  llebel  erftärt  fjaben,  um  ntdjt  etma§  al§  <S$ulb 
ansuerf ennen ,  roa§  gan§  ienf eit  be§  eigenen  £Ijun§  liegt. 
—  3lUein  biefe  SBenbung  in  ba$  unglaubliche,  biefen  §urüff= 
ftofjenben  unb  roibrigen  £on  befommt  ber  <Sas  aueb.  nur 
bann,  menn  man  nriberaatürlicb,  unb  gegen  bte  richtige  unb 
eigentlich,  rool  allgemein  anerfannte  Sftegel1  bit  ©rbfünbe  au§ 
i&rem  gufammentjang  mit  ber  ttrirftidjen  <Sünbe  Ijeraufjreifct. 


1  Melanchth.   loc.  p.  110.     Itaque  semper  cum  malo  originale 
simul  sunt  actualia  peccata. 


326  Der  djriftnrfie  ©laube.  Srfter  Sfjeit. 

Unb  nidjt  in  bem  (Sinne  null  bie§  berftanben  derben,  al3 
märe  bie  ©rbfihtbe  nidjt  eljer  <Sd)itlb,  al§  bi§  fte  in  nurfltdje 
©ünben  au3brtd)t,  inbem  ja  ber  llmftanb,  bafc  e§  nod)  an 
Gelegenheit  unb  an  äußerer  5(nreisung  sur  <3ünbe  gefehlt 
f)at,  ben  geiftigen  Söertl)  be§  Söcenfdjen  nidjt  erljötjen  fann; 
fonbem  fo,  ba%  fte  ber  ljinreid)enbe  ®runb  aller  mirflic&en 
<Sünben  in  bem  (jinjelnen  ift;  fo  bafj  eben  nur  nod)  etma§ 
aufjer  iljm  unb  nidjt  etma§  neue§  in  üjm  IjütäUäufornmen 
braucht,  bamit  bie  mirftidjen  ©ünben  fiel)  enthriffeln.  Gin 
rein  empfangene^  ift  bie  ©rbfünbe  nur  in  bem  SDcaafe,  al§ 
bie  <3elbfttt)ätigfeit  be§  ©ingelnen  nod)  nidjt  ift;  fte  Ijört 
auf,  e§  su  fein  in  bem  9Jcaafj  als  btefe  ftdj  entnuffett.  93t£ 
baljin  unb  in  fofern  ttrirb  fte  mit  fRec^t  bie  berurfadjte1 
genannt,  meil  fte  iljre  Urfad)e  aufjer  iljm  felbft  Ijat.  Gittern 
j  mie  iebe  Anlage  in  bem  Sftenfdjen  burdj  2lu§übung  gertigfett 
smirb,  unb  al§  foldje  toädjft:  [o  mäd)ft  aud)  bie  mitgeborne 
(Sünbljaftigfett  burd)  bie  bon  ber  ©elbfttljäigfeit  be§  ©injelnen 
au§getjenbe  SluSübung.  SDiefer  mad)fenbe  bem  urfprünglid) 
mitgebrachten  gleichartige  Bufas  nun,  nämlid)  audj  beharr- 
licher innerer  ©runb  ber  Hinblicken  £mnblungen,  ift  alfo, 
menngleid)  auf  ber  anbern  (Seite  Sßirfung  ber  nnrflidjen 
(Sünbe  bodj  in  biefer  SSe^ieljung  at§  berftärfte  ©ünbljaftigfeit 
immer  nod)  ber  mirfTicjjen  ©ünbe,  bie  au§  iljr  Ijerborgeljn 
mirb,  borangetjenb,  mithin  audj  nod)  Itrfünbe,  nur  nidjt  rnefjr 
blo§  berurfadjte  fonbern  felbft  gemirfte  unb,  mie  bie  erfte 
Sünbe  be§  erften  SOcenfdjen  bie  gemöfmlidj  burd)  biefen  9lu§= 
bruff  beseidjnet  mirb,  berurfadjenbe  ttrfünbe,2  rocil  fte 
nämlich  in  jebem  felbft  unb  in  anbern  bie  mirflidje  «Sünbe 
ijerbortreibt  unb  bermeljrt.  3ft  nun  biefe  fpätere  au§  ber 
eigenen  <Selbfttl)ätigfeit  ertoadjfene  (Sünbljaftigtett  mit  ber 
uriprünglidj  mitgebomen  eine  unb  biefelbe:  fo  folgt  audj, 
fcafc  fo  gut  bie  tjinsugefommene  in  üjm  au§  feinen  freien  an 
bie  urfprünglidje  antnüpfenbeu  SebenSacten  entftanben  ift 
aud)  bie  urfprünglidje ,  meiere  ofjnebie§  gegen  jene  immer 
meljr  aurüfftritt,  unb  an  melcfje  er  immer  angefnüpft  Ijat, 
nid)t  oljne  feinen  SSitten  in  tjjjt  fortfährt  unb  alfo  aud) 
burd)  itjn  mürbe  entftanben  fein.  Sftitfjm  ift  fte  mit  Sftedjt 
eine§  ^eben  <Sd)ulb  ju  nennen.  90can  fönnte  atterbing§  bon 
biefem  $unft  au$  nod)  fagen,  bie§  fönne  nur  gelten  Oon  ben 
9Dcenfd)en,  in  fofern  fte  fdion  felöft  gel)anbelt  bähen,  feinet 


1  Peccatum  originis  originatum. 
*   Peccatum   originis  originans. 


SD«  SlouteiStefre  aweitet  S^eit.  erjtet  ätttenttt. 8gr 

n,foe§  a6et  eben  fo  au*  Bon  ben  gtnbern  ober  fl«  ben  Un= 
gÄn  unb  ein  Unterfd,ieb  ift  biet  fteüi ft  «t*t  »»  we- 
leimen  SBenn  e§  inbefj  batet  fein  58ewenben  bat,  ba| i  auS 
i  i  Irtiünbe  unfehlbar  bte  witßicbe  ©^TÄfc 
ift  aflo  aucb  bieie  fdjon  übetatt,  wo  menfd)ftcbe§  Seben .  tft, 
inne 'im  begrünbet,  unb  ber  Sufammenljang,  um  be§Wttten 
w  Itblünbe  ©cbub  ift,  beftebt  in  ifmen  eben  fo,  wenn  er 
«  iln«  nil  seit«*  erlcbeint;  foba&man  Bon  ,|nen  faflen 
fann  fte  werben  ©ünber  iein  burdj  ba«  wa§  rat  fcbon 
•  -L™  !«  ^nfi  fte  e§  nicht  in  beut  elben  @tnn  unb  SJcaafs 
?Ln  ftub  wie  bie  in  welken  bie  wirflid,e  Sünbe  fmon  ftetig 

slnbern  bte  ffiebe  ift,  biefeg  boräii9tim  in§  Siebt  feäen  wotten, 
TgSX  llÄtaÄe«be  ©u«9tete 

fÄÄÄ?  S    ™e"  ©anbtunaen  auf  Slnbete 

K  tiefe  finb  Slulbrütte  beä  ©emeinbewujjtieinä    Stete 

anbmeite  all  $  @r8änäuna  b«»eifet.  Unb  bteS  seift  burd, 
afff Sfunaen  be§  ©emeingefimlS  burm  gamttten,  ©KW« 
SnftPn  ©tämme,  SJöHet  unb  «Uten  «entacen,  fo  baß  Bte 
Ätona  bet  ©üubbaftigfeit  in  ieber  oon  biefe«  auf  bte  tn 


328  5)cr  <$riftlt*e  ©Ioube.  Srfter^eil. 

beii  oiibern  al§  auf  ibre  ©rgcinsung  Ijinroeifet,  unb  bie  <55e^ 
iammrfraft  be§  gleifd)e§  in  feinem  SSiberftreit  gegen  bm 
©cift,  fofern  fie  ®runb  atte§  mit  bem  ®otte3ben)ufctfein  nn* 
berträglid)en  in  menf$lidjen  £anblungen  ift,  aud)  nur  in  bem 
®efammtfein  aller  Sufammenlebenben  aufgefaßt  roerben  fann, 
nirgenb  aber  gang  in  einem  Steile,  unb  audj  roa§  babon  in 
einem  (Sinjelnen,  fei  bk$  nun  ein  berfönlidjeS  ober  ein  ju* 
fnmmengefejteS  ©injelmef en ,  erf$eint,  nidjt  biefem  allein  gu~ 
auftreiben  ift  nod)  au§  iljm  allein  gu  erklären.  SDaffelbe  gilt 
ober  aud)  bon  ben  .Seiten.  SSa§  al§  bk  mitgeborne  (Sünb- 
baftigfeit  einer  Generation  erfd)eint,  ift  bebingt  burdj  bie 
Sünbf)aftig!eit  ber  früheren,  unb  bebingt  fetbft  bie  ber  fbäteren; 
unb  nur  in  ber  ganzen  fReirje  biefer  ©eftaltungen,  roie  fte 
mit  ber  fortfc^reitenben  menfd)lid)en  Gnttnrifflung  übertäubt 
äufammenfjängt,  ift  aud?  ba$  gange  in  bem  begriff  aug*- 
gebrüffte  Sßer&ältnife  gegeben.  @ben  fo  audj  bie  Stammen- 
geprigfeit  ber  Zäunte  unb  bie  ber  Seiten  bebingen  fict>  beibe 
gegenfeitig  unb  roeifen  auf  einanber  gurütf.  Unb  jeber  nrirb 
rool  leicht  bezeugen,  ba%  nur  in  ber  Söesiebwtg  auf  ba§  ®e~ 
fammtfein  forool  bie  SBorftettung  bon  ber  ©ünbljaftigfeit  ber 
©inäelnen,  al§  au$  ba§  Sftitgefüfjl  mit  berfelben  gur  @id)er= 
§eit  unb  SBefriebtgung  gelangt.  Vermöge  eben  bieje§  Su* 
fammenljange§  ift  aber  aud)  jeber  (Singelne  in  biefer  Sßegieljung 
ber  Sftebräfentant  be§  ganzen  ®efd)Ied)t§,  raeil  bie  ©ünb*- 
Ijaftigfeit  eine§  geben  auf  bie  gefammte  2111er  gurüffmeift 
forool  bem  Dfaum  al§  ber  Seit  nad),  unb  aud)  bie  gefammte 
bebingen  Ijilft  foroot  neben  ü)m  al§  nadj  iljm.  $n  biefer  2ln* 
ftdjt  bereinigen  ftd)  nun  aud)  am  leid)teften  bie  berfd)iebenen 
Slrten,  roie  bie  Urfünbe  begeidjnet  gu  roerben  bftegt,  roetdje 
alle  eine  relatibe  SSafjrljett  Ijaben.  $)enn  ©djulb1  Reifet  fte 
mit  bolüommner  9?id)tigfett  nur,  roenn  fte  fdjtedjtljin  al§  bie 
(Sefammtljeit  be§  gangen  ®efd)led)t§  betrautet  roirb,  inbem 
fte  be§  (Sinselnen  ©djulb,  roenigftenS  fo  roett  fte  in  iljm  Ijer* 
borgebradjt  ift,  nid)t  eben  fo  fein  fann.  9?atürli(fje§$er~ 
b erben8  Reifet  fte  in  SBegieljung  auf  bie  urfbrünglidje  SßoH* 
fommen&eit,  fofern  biefe  in  iljrer  realen  ©ntroifflung  tljeilroeife 
burd)  bie  Urfünbe  aufgehoben  roirb.  Ur gebrechen,8  fofern 
fte  ber  unheilbare  ($runb   ift  au   allen  in  bem  ©inselroefen 


1  reatus. 

*  Corruptio  naturae.     $on   einer  anbem  Sßebeutunß  blefeS  SluSbmffö 
eis  bie  fjtcr  angenommene  mirb  erft  weiter  unten  bie  Siebe  fein. 

•  vitium  originis. 


S5er®Iau&enMe$ie8toetter-23e«.  grfterStffdmttt  32£ 

norfornmenben  Sßerbilbungen  be§  $erbältniffe§  ätüifc^en  bem 
(Seift  unb  ben  einzelnen  Functionen  be§  finnlicben  Sebeng; 
II  r  f  r  a  n  f  b  e  i  t  /  fofem  burcb  fte  in  allen  geiftigen Sebengacten 
ein  Clement  be§  £obe§  gefegt  ift.  U rubel,  in  fofem  fte  in 
bem  ©inaeinen  ein  öon  feinem  £fmn  unabhängiger  bebarrlicb 
mirfenber  ®runb  Don  £eben§bemmungen  ift.  SBie  fcbroiertg 
e§  aber  ift,  bie  ©rbfünbe,  icb  mia  nidjt  fagen  auSfdjliefjenb,  I 
fonbem  nur  audj  jugteidj  al§  ©träfe  b  aufteilen,2  ba£  1 
leuchtet  mol  Don  felbft  ein,  tbeil§  meil  bie  (Strafe  boä)  immer 
ein  sugefügte§  ift,  ©ünbe  aber  niemals  ein  §ugefügte§  fein 
fann,  bie  Strafe  alfo  immer  etroaS  fein  mufe,  roa§  in  bem  ber 
fte  erleibet  nidjt  ©ünbe  ift,  tljeilS  meil  hei  ieber  ©ünbe,  für 
roelctje  bie  ©rbfünbe  foHte  ©träfe  fein,  fte  felbft  immer  fcbon 
oor  aufgefegt  roirb,  fo  ba%  julegt  bie  ©träfe  müfcte  oor  ber 
©ünbe  fein. 

3.  SBenn  ba$  ©elbftbemufstfein,  beffen.9lu§bruff  ber  btSjjev- 
entmiefette  begriff  ber  urfprünglidjen  ©ünbbaftigfeit  ift,  fein 
®emeingefübl  märe,  fonbem  ein  OerfönücbeS  in  jebem  ©ins 
gemen:  fo  märe  bamit  mol  nierjt  notbmenbig  ein  Söemufjtfein 
allgemeiner  ©rlöfung§bebürftigfeit  Oerbunben,  inbem  ein  lieber 
fidj  §ur  Sßerftärfung  ber  geiftigen  ®raft  gunädjft  an  bie  ($5e^ 
fammtbeit,  ber  er  angefjört,  mürbe  gemiefen  glauben.  3)afjer 
aud)  biefeS  beibeS  mit  einanber  ju  geben  pflegt,  ba%  bie  ©rb- 
fünbe  al§  gemeinfameS  geläugnet,  unb  bafj  ber  SSertb  ber 
©rlöfung  burd»  ©briftum  geringer  angefangen  roirb.  Unb 
ni$t  fefter  märe  biefer  Bufammenbang  aueb,  menn  bie  ur~ 
iprünglid&e  ©ünbbaftigfett  in  unS  fein  fönnte,  obne  ba%  mir 
baoon  ein  Söeroufctfein  bitten,  inbem  nämlidj  baä  SBeroufetfein 
ber  ©ünbe  entmeber  gar  rttctjt  berborträte  ober  nur  in  golge 
ber  iebeSmaligen  roirflidjen  ©ünbe,  unb  nur  auf  biefe  belogen 
mürbe.  3)emt  fo  märe  ^eber  äunädjft  an  ftdj>  felbft  geroiefen, 
oon  ben  fcbroädjeren  Momenten  nämlicb  an  bie  Oorauggefegten 
ftärferen.  Mein  bie§  ift  nur  mögli<$,  mo  ba§  ($5otte§beroufct~ 
lein  noeb  gar  nid)t  entroiffelt  ober  bie  Sfticbtung  barauf  burcb 
9Jättbeitung  erroefft  ift,  alfo  nidjt  im  <&ebiet  be§  (£btiftentbum& 
unb  ber  djriftlicben  Sßeriunbigung.  üftur  mo  ba§  ®otte§* 
bemu^tfein  einmal  aufgenommen  ift,  ba  mirb  ibm  aueb  unter 
ben  Elementen  be§  ©elbftberoufjtfetnS  ber  Vorrang  eingeräumt 


1  Morbus    originis.     2ftait  bergleidje    Ü6er   morbus   unb  Vitium  Cic. 
Tusc.  IV,  13.  Ern. 

2  A  p  o  1.  C  o  n  f.  I.  Detectus  iustitiae  originalis  et  coneupiscentia 
tunt  poenae. 


330  £er  rfjrifilicftc  ©laute.  GrfterXteU. 

unb  bie  £>eiTJct)aft  beffelben  angeftrebt:  unb  Wo  biefe§  gefdjiebt, 
ba  mufj  aucb  ber  Sßiberftrett  be§  glei)d)e§  al§  etma§  ftettgeS 
bie  äöirf  lief)  feit  einselner  (Sünben  bebingenbeS  gum  SBemufjtfein 
xommen.  SSerben  mir  un§  nun  über  biefen  Söiberftreit  erft 
recfjt  flar,  wenn  Wir  il;n  al§  unferm  ju  bem  be§  menfd)licben 
<&efd)Iecrjt§  erm eiterten  Selbftbewufetfein  angeljörig  betrauten: 
fo  mufj  entmeber  ba$  Slnftreben  jeneS  Vorrangs  für  ba§ 
®otte§bewufjtfein  aufgegeben  werben,  ober  ba$  SSebürfnife 
einer  aufjer  bem  Gebiet  jene§  erweiterten  (Selbftbewufetfeins 
aufteilten  £>ülfe  entftebn,  mithin  aud)  entWeber  eine  ©rgebung 
in  bie  unübernunbli^e  SSergeblicrjfeit  jeneg  (Strebeng  ober 
«ine  Sttjnbung  jener  £mlfe.  2)aber  bte  Slngemeffenlj  eit  jener 
2)arftellung,  welche  mit  bem  erften  SBewufjtfeiu  ber  <Sünbe 
unter  Butritt  be§  ®otte§beWuf3tfein§  au$  bk  erfte  Slfjnbung 
ber  ©rlöjung  üertnüpfte.  SSie  nun  aud)  in  ber  eüangelifc§eu 
Strebe  üon  Anfang  an  beibe§  mit  einanber  öerbunben  worben 
ift,  ba§  ift  au§  ben  eben  angeführten  (Stellen  flar.  (Sben  fo 
aber  aucfcj  Wie  beibt%  sufammentjängt,  bie  Ueberjeugung  ba% 
Gräfte,  welche  über  ba§  fdjon  bon  jetjer  gegebene  menfcfjltcbe 
<&emeinbewu|tfein  biuauggeljen,  nid)t  fönnten  für  un§  unb 
unter  un§  in  ^Bewegung  gefejt  werben,  unb  ber  (sntfcblufc 
ftd)  mit  biefem  ofjne  eigentliche  (Srlöjung  ju  bebelfen,  um 
wenn  auctj  nur  bt§  auf  einen  gewiffen  ®rab  ben  SSiberftanb 
be3  glei|c^e§  su  überwtnben. 

4.  ®ie[er  natürltcfcje  .ßufammentjang  äwifctjen  bem  $8ewuBt= 
fein  ber  allgemeinen  urfprünglidjen  «Sünbbafttgfett  unb  bem 
ier  Sftotljwenbigfeit  einer  (grlöfung  wirb  aber  tttdtjt  oljne 
großen  9^acr)t^eil  ber  ächten  crjriftlictjen  grömmigfeit  unter- 
brochen unb  anberS  gelenft,  wenn  man  ba$  Söemufjtfetn  non 
ber  Strafwürbtgfett  ber  (£rb[ünbe  baannfdjen  fdjiebt.  2)enn 
wenn  man  unter  ber  Strafe  nidjt  ba§  (Steigern  ber  (Sünbe 
felbft  berftel)t  —  Welctjeä  bodj  in  einer  teleologischen  ®lauben§= 
weife  nur  al§  Scbulb  unb  (Sünbe  aufgefaßt  werben  lann,  fo 
■bafc  jene  Söeäiefjung  t)ier  nicbt  natürlich  ift  —  fonbern  baZ 
au§  ber  <Sünbe  fiel)  entwitfelnbe  ober  in  SÖesug  auf  bk  (Sünbe 
georbnete  Uebel:  fo  ift  ein  erft  burd)  ba§  Söewufjtfein  ber 
Straf  würbtgfeit  bermittelteg  ®efüt)l  uon  ber  ^otbtnenbigfeit 
ber  (Srlöfung  nierjt  meljr  fo  rein  als  ba$  bisher  betriebene. 
Offenbar  nämltd)  ift  bie|e§  ber  gaU,  wenn  bie  Strafmürbigfeit 
nur  um  ber  (Strafe  felbft  willen  aufgeteilt  wirb,  unb  bk 
SReinung  ift,  baft  burdj  bk  gurcljt  bor  ber  Strafe  ba$  $8e= 
oürfnifj  ber  (Srlö)ung  üon  ber  Sünbe  gewefft  ober  wenn  au4 
nur   öerftärft  werben  fott.     ^)enn  ber  3«ftanb   ber   Sünb^ 


©er  ©lauben§ie$re  fetter  Sjett.  Grfter  Sftfönltt. 331 


fjaftigfeit  wirb  bann  nid)t  weggewünfdjt ,  nm  bte  gemmung 
be§    ®otteSbeWuf3tfein§    auf  sieben    unb    btefem  JRaum  ju 
machen,  fonbern  um  beftimmte  Buftänbe  be§  finnigen  ©elbft- 
beWuMeinS  fitfer  §u  ftetten  unb  bie  entgegengesehen  ju  ber* 
fiüten:  ber  Sßiberftanb  be§  gleifcrje§  wirb  nur  um  ber  fleifä* 
lieben  Solgen  willen  ni<fct  gewollt,  unb  bie  ©rlofurtg  wirb 
eben  fo  nur  um  ber  ftetfdjli^en  Solgen  willen  gewollt,  wöbet 
fonatf»  bie  eigentliche  grömmtgfeit  ganj  surüfftrttt     Sfam  fann 
man  ftcb  freiliä)  aud)  beuten,  ba£  weniger  an  bte  ©träfe  felbft 
<iebacbt  Werben  fofle  als  an  bie  SBürbigf  eit  geftraft  §u  werben, 
-unb  ba%  ni<f)t  fowol  Surefit  bor  ber  ©träfe  erregt  werben  i 
fotte  als  ©ä)eu  babor,  bie  ©träfe  §u  berbtenen    OTetn  aud? 
fo  wirb  boef)  immer  ba§  «BerSältmä  8«  *>em  ©tnnltd)en  aI3 
ber  9Jcaafcftab  für  ba§  beifüge  aufgeteilt,  inbem  borauSgefejt 
wirb.  ba%  wenn  ©inem  an  unb  für  ft*  m<fct  baran  gelegen 
wäre,  baä  ©otteSberoufetfetn  sur  ©errfäaft  §u  bringen,  er 
wenigftenä    buref)    bie  ^Betrachtung    bewogen  werben  forme, 
ban  er  fonft  als  ein  be§  fmnlicrjen  2Boblbefutben§  unwurbtger 
erfebiene.    Unb  frebureb  wirb  bie  ctjriftlicrje  grömmigfett  md£ 
ntinber  gefäfjrbet  als  burd)  jene§.    S>e8$alb  $aben  wtr  au« 
triefe  SSorfteOung    Sier   gar  nic&t  aufgenommen;   man  ftebt 
aber  au§  ben  angeführten  WmBottfäen  ©teilen  im  $ergletcf> 
mit  biefer  ©ntwifflung ,  Wie  wefentiiä)  e§  ifoien  tft,  auS  bem 
ISewir&tfeht  ber  ©ünbgaftigfeit  ba§  ^ebürfntfc  ber  (Srlofung 
abzuleiten,  wie  leicht  man  aber  orme  biefen  Bufammenbattcj [ja 
.erftören  bie  eingefefjobene  SSorftetlung  bon  ber  ©trafnmrbtg* 
feit  ber  ©rbfünbe  übergeben  fann.    tiefer  SSorftettung  aber 
ift  ein  anberer  Ort  angewiefen,  wo  fte  betjanbett  werben  wirb. 
§.  72.    2öenn  mir  bie  bt<8r;er  entroiffelte  SBorfteUung 
<m$"ni*t  gerabe  fo  auf  bie  erften  9Jcenfd)en  übertragen 
fönnen:  fo  ift  bo*  fein  ©runb  borljanben,  bie  allgemeine 
©ünb^aftigfeit  au<S  einer  in  tyrer  $erfon  burd}  bie  erfte- 
Sünbe  mit  ber  menfd)tia>n  5Katur  borgegangenen  2ta> 
änberung  §u  erftären. 

1.  tiefer  ©a§,  welker  lebiati*  abwefcenb  ift,  unb  über 
bie  (gntftebunflSweife  ber  ©ünbe  in  bem  erften  SOcenfdjen  mm 
feftfesen  8u  wollen  berfbricejt,  fe*t  borauS,  bafc  wir  Steruber 
itnferer  erften  (Srflärung1  sufolge  feinen  eigentlt<$en®laub™£fai 
Sonnen  aufstellen  ^aben,    £>enn  wenn  wtr   unfer  £>elbft* 

1  SgL  §.  15. 


332  £>er  djriftlidje  ©taube.  Crfter  X&eil. 

bemuferiein  audj  §u  bem  be§  gansen  menjcblidjen  ©ef(i)tedjte£ 
ermcttern,  unb  e§  fo  mit  bem  ©otteSbemufetfetn  in  Sßerbinbung 
bringen  fönnen:  fo  fönnen  mir  bod)  bie  erften  9ftenfcrjen 
grabe  in  SBejug  auf  baSjenige  in  ifjnen,  ma§  beftimmt  unb 
genau  bamit  äufammenbängt,  bafi  fie  ntdjt  geboren  maren 
fonbern  gefcrjaffen,  ntdjt  in  biefe  ©emcinf^aft  be§  ©elbfc 
bemirfetfeinS  aufnehmen,  meil  ba$  irrige  in  fofem  bem  unjrigen 
entgegengefest  ift  SBäre  nun  bon  ber  <Sünbe  im  meiteren 
Verlauf  ibre§  ßeben§  bie  Dtebe,  fo  berfcrjrotnbet  bie  3)ifferen& 
je  länger  je  mer)r;  anberS  aber  in  Söestefjung  auf  eine  ©ünb= 
baftigfeit,  melier  aller  Xfyat  borangebn  fott.  können  mir 
mm  hierüber  fein  SOZttgefüt)!  mit  bem  erften  Slftenfccjen  baben, 
unb  baben  mir  alfo  fein  (Selbftbemufjtfein  über  biefen  ©egen* 
ftanb  bar^ulegen:  jo  giebt  e§  aucb  feinen  ($5Iauben§fas  hierüber 
auf  aufteilen.1  gärten  mir  aber  babon,  mie  ftd)  Me  <5ü\\b* 
baftigfeit  in  iljnen  su  il)rem  ®efcbaffenfein  behalte,  eine  anber* 
meitige  ^enntnifj,  fei  e§  nun  eine  ffteculatibe  ober  mefjr  eine 
aefct)icr)tlt<^e:  fo  müfjte  bann  freilief)  jugefeljen  merben,  mie 
ftcf)  biefe  §u  unfern  (SlaubenSfä'aen  ftelle;  unb  fofern  bit 
Stenntnife  nietjt  rein  gef cbicbtlicb ,  jonbern  mit  eignen  5Borau§s 
fesungen  unb  (Kombinationen  burcbflocrjten  märe,  tonnten  bann, 
mie  i;ier  gefcbieljt,  Sßermabrungen  aufgeftettt  merben,  bamit 
urccjt  ein  (£§rtft  unmiffentlidj  Seljrmetnungen  fcrobucire,  melcbe 
mit  feinem  (glauben  nietjt  äujammenftimmen.  Unfer  SBeroufjt* 
fein  ber  ©ünbe  nun  unb  beffen  SBerbinbung  mit  bem  2ter^ 
langen  nad)  ein^r  (Erlösung  roirb  unmittelbar  immer  baffelbe 
bleiben,  mag  e§  fict)  mit  ben  erften  SDknfc&en  berbalten  l)aben 
mie  e§  molle,  menn  nur  niebt  behauptet  mirb,  ba%  fie,  fo  lange 
(h'acugung  unb  (Erhebung  ber  SRadjfommen  ir)r  28erf  gemefen, 
nod)  gar  nietjt  gefünbtgt  gärten;  benn  al§bann  mürbe  mebr 
an§  bem  <i5ebtet  unfereS  ermeiterten  ©elbftbemufjtieinS  au§- 
gejcrjloffen,  inbem  bie  (Elemente  ber  urfbrünglicben  ©ünbbaftig* 
feit  erft  attmärjlig  fönnten  aufammengetreten  [ein.  SSirb  aber 
angenommen,  bafj  fie  bamal§  febon  gefünbigt Ratten:  fofonnten 
aud)  febon  itjre  näcrjften  Sßacrjfommen  mie  mir  eine  bor  aller 
eignen  %$at  ftergetjenbe  ©ünbbaftigfeit  rjaben,  bit  jenfeit 
ibre§  eignen  $)afein§  gegrünbet  mar.  Unb  hieran  baben  mir 
genug,  menn  mir  e§  aueb  su  feiner  anid)  anliefen  SBorfteffung 
baoon  bringen,  mie  bit  (Sünbbaftigfeit  bon  ben  erften  Sftenfdjeu 
auf  ibre  ^aebfommen  übergegangen  fei  unb  uücb  fort  über- 
gebe.   2ßie  benn  auf  biefe  auef)  unfere  fümbolifd)en  löücbev 

1  »gl.  §.  60,  l. 


£er  ©lauöenSlefjre  atoetter  %f)t\l  grjter  Slbidjnitt.  333 

niä)t  befonberen  SBertlj  legen',  meiere  menn  fte  aud)  bett  $er* 
Iitft  ber  Unfünblicf)feit  für  alle  dargebotene  öon  bem  @nt= 
flehen  ber  6ünbe  in  ben  erften  ableiten,1  ft<$  bod)  in  heitere 
Erläuterungen  über  bie  Slrt  nnb  Sßeife  biefe§  ($;inftuffe§  tljeü§ 
gar  nidjt  einladen,  tr)eit§  bie  grage  gerabe^u  abseifen.' 

2.  2)ie  grage  hingegen  mie  nadj  enthriffeltem  ®otte§* 
bemufctiein  bit  Sünbe  in  ben  erften  9ttenfd)en  entftanben  fei,  ift 
menn  and)  nidjt  unmittelbar  au§  bem  ^ntereffe  ber  djrtftlidjen 
grömmigfeit  bod)  eine  bödjft  natürliche.  Offenbar  aber  fönnen 
mir  fte  nidjt  für  fte  mit  berfelben  <Sid)erljeit  mie  für  un§ 
burdj  bit  iitx  aufgeführten  ©äse  beantworten.  $)enn  mir 
fönnen  un§  auerft  feine  anjdjaulidje  SBorftellung  baöon  machen, 
mie  in  iljnen  bit  ftnnlic^en  Functionen  früher  eine  SDcadjt  ge* 
morben  al§  bie  geiftigen,  ba  fie  öon  Slnfang  an  auf  einer 
Stufe  geftanben  Ijaben  muffen,  berjenigen  gleidj  auf  melier 
in  ben  (Geborenen  audj  ber©eift  fdjon  etne9#ad)t  ift.  ©ollen 
mir  nun  ba§  ($5otte§bemufjtfein  ftd)  öon  innen  ierau§  in 
iljnen  entrotffelnb  benfen  ober  audj  üermittelft  einer  mir  miffen 
nur  nidjt  redjt  mie  öorftellbaren  <5$emeinfdjaft  mit  ®ott:  fo 
ift  fein  (Srunb  §u  benfen,  marum  e§  ftet)  al§  rutjenbe§  $8e* 
lüufjtfein  ftärfer  unb  fc^neHer  al§  $mpul§  aö^r  träger  unb 
fd)tt>äd)er  foHte  au§gebilbet  Ijaben.  gumal  ba  mir  bei  einer 
folgen  ©ntmifflung  öon  innen  ljerau§  überhaupt  nid)t  Urfadje 
baben  im  allgemeinen  eine  ungleiche  gortje^rettung  be§  23er* 
ftanbeS  unb  28iHen§  anäuneljmen,  mie  ba  mo  ber  eine  burdj 
mitgeteilte  SßorfteEungen  ber  anbere  "tmrd)  öorgefunbene 
«Sitten  ungleichen  Sßorfdjub  befommen  fönnen;  unb  eine  ben 
erften  SJcenfc&en  anerfdjaffene  (Sinfeitigfeit  fönnen  mir  un§  — 
mit  5lu§naljme  ber  gefd)led)tlidjen  —  meber  in  biefer  nodj 
•einer  anbern  ^oirtfictjt  öorftellen,  tnbem  ftd)  fonft  nic^t  au§ 
iljnen  al§  einem  Inbegriff  ber  men)djlid)en  Statur  bk  gülle 
öon  entgegengefesten  ($>eftalten,  meiere  un§  iejt  bit  (Srf  abrang 
barbietet,  Ijätte  entmiffeln  fönnen.  SSerläfct  un§  nun  bier  ber 
9catur  ber  <Sadje  nadj  bie  Analogie:  fo  fommt  e§  auf  bm 
SSermdj  an  ben  Anfang  ber  (Sünbe  in  ben  erften  Sftenf  eben 
o§ne  fdjon  öorfjanbene  ©ünbljaftigfeit  §u  erflären.  Mein 
tiefer  SBerfudj  fdjeint  audj  nidjt  gelingen  ju  fönnen,  mag  man 
nun  bit  ©rää^lung  öon  ber  erften  ©ünbe  budjftäbltdj  nebmen 

1  Conf.  aug.  2.  ApoL  conf.  I.  Conf.  helv.  VIII.  Conf. 
balg.  XV.  Art.  Smalc.  I. 

*  Conf.  gall.  X.  Nee  putamus  necesse  esse  inquirere ,  quin  ata 
^ossit  hoc  peccatum  ab  uno  ad  alterum  pro  pagari. 


S)er  d)rtftli$e  ©laube.  Srfter  XML 


ober  mag  man  üjr  einen  allgemeinen  bebeutjamen  GHjaraftet 
beilegen.  £)ie  tjerrfcbenben  ßrflärungen  ftnb,  ber  9^enf^ 
Ijabe  gefünbigt  burd)  SBerfübrung  be§  «Satang1  unb  burd> 
TOfjbraud)  feine§  freien  2BilIen§.2  $8eibe§  läfjt  fid)  jdjmerlui 
für  biefen  gall  ganj  oon  einanber  trennen,  meil  immer  bit 
©ünbe  ein  3fttj$brau<$  be§  freien  SBittenS  ift  Se  meljr  aber 
babet  ber  Sljätigfett  be3  ©atan§  augefc&rieben  mirb,  nm  befto 
mebr  nähert  fic^  bie  SBerfübrung  ber  Räuberei  ober  ber  ®e* 
malt,  nm  befto  meniger  ift  aber  überhaupt  £l)at  ba  mithin 
aud)  um  befto  meniger  @ünbe.  ^e  meniger  aber  $erfü&rung 
be£  ©atan§  um  befto  meniger  ift  obne  fdjon  borjjanbene 
Sünbljaftigfeit  au^äulommen,  inbem  äßt&braudj  be§  freien 
28ttten§  bod)  für  ftdj  fein  ©rflärungSgrunb  ift,  fonbern  etma£ 
angenommen  merben  mufj,  ma§  sum  ÜDftfcbraud)  Eintrieb. 
28ift  man  nun  bier  gleich  auf  bie  ©inflüfterungen  be§  @atan& 
äurüffgefjn:  fo  tonnten  biefe  bod)  ni$t  gemirft  Ijaben,  menn 
in  ber  ©eele  nid)t  fdjon  etma§  oorljanben  mar,  ma§  eine 
Seidjtigfett  in  ftnnticbe  Söegierbe  übergugeben  in  fidj  fd^Iofe ; 
unb  eine  folcbe  Hinneigung  §ur  ©ünbe  mufj  alfo  fd)on  bor 
ber  erften  ©ünbe  in  btn  erften  9ftenfdjen  geraefen  fein,  meil 
fonft  aud)  feine  Sßerfütjrbarfeit  ftattgefunben  f)ättt,  (£§  Ijilft 
aud)  nid)t,  menn  man  bit  erfte  «Sünbe  in  mehrere  Momente 
fpaltet,  um  su  einem  mögttd)ft  flehten  al§  iljrem  erften  Anfang 
öU  fommen;3  benn  menn  bod)  oon  einer  beftimmten  Xfyat  bte 
iftebe  ift,  fo  mufj  man  audj  nad)  bem  fragen,  morau§  fid)  bie 
gan^e  Xfyat  erflären  läfjt.  Unb  biejeS  mirb  niemals  gefunben 
merben  fönnen,  menn  man  einen  Buftanb  oorauSfeat,  in 
meldjem  e§  feine  ©elbfttljätigfett  be§  gleifdjeS  gab  fonbern 
ba$  ©ottegberoufjtfeüt  allein  eine  SDlafit  mar,  meil  bann 
roeber  eine  fünbltctje  Söegierbe  in  bem  äßenfdjen  felbft  ent~ 
fielen  fonnte,  no<$  ber  (Satan  iljnen  glaublich  machen  bah 


1  Conf.  belg.  XIV.  verbis  et  imposturis  diaboli  aurem  praebens. 
Sgr.  Gerh.  loc.  th.  T.  IV.  p.  294.  sq. 

*  Augustin.  Enchirid.  30.  Homo  libero  arbitrio  male  utens 
et  se  perdidit  et  ipsum. 

1  ßutber  au  ©en.  3,  3.  finbet  ben  Anfang  ber  ©ünbe  barin,  bofe 
fceba  ©otteä  SBort  fälfäet  unb  au  ®otte§  ©ebot  ba§  SESörtlein  öiellcictjt 
t>inau  tf)ut.  2113  ob  biefeS  fünblidj  toäre  toenn  nidjt  fdjon  bie  fjerbors 
breajenbe  lüfternc  SSegterbe  babei  aum  ©runbe  gelegen  fjätte.  —  anbete 
urie  2bra  bleiben  mefjr  bei  ber  ftnnlidjen  Öuft  felbft  ftefjen,  unb  be= 
tradjten  baS  Stnicbauen  be8  SöaumeS  als  ben  Anfang  ber  ©ünbe;  too* 
bon  gana  baS  nämlt^e  gilt. 


2>«r  ©laubenSiefjre  ättetter  %fy\l  (Srfter  Slbfdjniit.  335 

®ott  ettoa$  au§  9ceib  fönne  berboten  Ijaben,  fonbem  baZ 
Vertrauen  ivl  (Butt  mufcte  borget  jerftört  fein.  SSar  aber 
bTeW  fetjon  serftört,  fo  mar  aud)  ba§  ©benbitb  ($5otte§  fdjon 
bcrloren1  mithin  audj  bie  ©iinbbaftigfeit  fdjon  borljanben,  fei 
fte  nun  unter  ber  ©eftalt  be§  Stoljeg 2  §u  benfen  ober  auber§* 
lüie.  2)a§  Ie§te  bliebe  alfo,  bie  erfte  ©ünbe  ju  erflären  au§ 
einem  folgen  SOcifjbraudj  be§  freien  SBtffenS,  melier  in  feinem 
Innern  feinen  ®runb  gehabt  Satte,  ba§  fjeifjt  ba%  er  ba§ 
53öfe  Qeträ^lt  fyättt  obne  Sßeftimmung§grünbe.  $>iefe§  aber 
müfjte  entmeber  bor  aller  5lu§übung  be§  (Suten  gefdjeben 
fein,  roeil  audj  bur<$  bte  fürjefte  fdjon  eine  gertigfeit  mürbe 
behrirft  roorben  fein,  meldje  beim  fanget  entgegenftebenber 
$8eftimmung§grünbe  ftc%  müfcte  tr)ättg  benriefen  ijaben,  fo  ba% 
bte  ©iinbe  al§bann  bte  erfte  freie  £ljat  müfjte  geroefen  fein, 
ma§  bodj  am  allerroenigften  zugegeben  ro erben  fann,  ober  e§ 
müfcte  in  ben  erften  ÜDfonfdjen  überhaupt  burdj  SBieberbolung 
feine  gertigfeit  ijaben  entfielen  fönnen;  bann  märe  aber 
überbauet  eine  93efeftigung  im  ©uten  unb  eine  Bunaljme  ber 
Eftadjt  be§  ©otte§bemufetfein§  für  fte  unmöglidj  geroefen'  roa§ 
im  Sßiberftreit  ift  mit  jeber  Sßorftellung  bon  urfbrünglidjer 
Sßottfommenbett  be§  SJcenfdjen.  —  $)iefe  @d>roierigfett  ftdj  bte 
(gntftefjung  ber  erften  (Sünbe  ju  bergegenroärtigen,  oljne  ba% 
man  ©ünbljaftigfeit  sunt  (Srunbe  lege,  roirb  noeb  möglidjft 
oermebrt  burdj  bte  Umftänbe  in  melden  mir  nad)  ber  mofai* 
idjen  ©rsäblung  bie  erften  SQcenfcben  erbliffen.  SDenn  tfjeilS 
fann  man  ftdj  SSerfübrung  ober  SHcifjbraudj  be§  freien  2BiÄen§ 
am  roenigften  borfteüen  bei  einer  großen  (Sinfadjljeit  be§ 
2eben§  unb  Setdjtigfeit  bte  natürlichen  Söebürfntffe  ju  be* 
friebigen,  roeil  in  einem  folgen  Buftanbe  fein  IReij  etne§ 
einzelnen  (Segenftanbe§  bon  ausgezeichneter  Söirfung  fein 
fann.  5lnbemtljeil§  fann  man  ftd)  bodj  einen  unmittelbaren 
Umgang  mit  (Sott  auf  feine  SBeife  benfen  oljne  berftärfte 
Siebe  su  (Sott  unb  oljne  bermebrte  ©rfenntnifc  ®otte§,  burdj 
meiere  bie  SJcenfdjen  bodj  gegen  bie  GHnftüffe  unftnniger  $or* 
Siegelungen  müßten  ftd>er  gefteEt  morben  fein.     $)iefe§  ift 


1  Non  est  anima  ad  imaginem  Dei,  in  qua  Deus  non  semper  est. 
Ambros.  Hexaem.  VI,  18. 

2  Augustin.  d.  Gen.  c.  Man.  II,  22.  Videmus  his  verbis  per 
superbiam  peccatum  esse  persuasum. 

3  Origen.  in  Matth.X,  11.  IläXiv  ts  au  oux  av,  aercefa?  xal 
ajisTaßX^TOu  ^uaew?  wv  a7rb  tou  xaXou  aTOaTpscpev  av,  \j£ia.  tto  /p7j- 
aaTtcat  Sixaio?  Ix  xi\q  Stxa:o<Juv7j5  au-roü,  iiii  xo  7Cot^aat  aStxfav. 


336  £er  djrtftlidje  ®lau6c  ßrfter  XfceU. 

aucfj  fcrjon  bon  2Uter§  ^er1  anertannt  roorben,  unb  man  muts 
megen  ber  großen  Seicrjtigfeit  be3  ^HcrjtfünbigenS,  iemebr  man 
ftcf)  an  bie  (Sraäbümg  bucrjftäbltd)  bält,  aucrj  eine  um  fo 
größere  Hinneigung  §ur  <Sünbe  al§  fcb,on  borljanben  annehmen. 
Huf  eine  inbirefte  SSeife  fcrjeinen  bie§  aucrj  Diejenigen  an* 
annehmen,  meiere  ftd)  fo  auSbrüffen,  ba%  ®ott  ben  ätfenferjen 
nierjt  bor  einem  freinritfigen  ®eborfam  fyabe  im  ®uten  be~ 
ftätigen  motten.*  3)enn  roenn  bie  Söeftätigung  im  (Suten  ein 
befonbereS  Sßerf  ®otte§  fyätte  [ein  muffen,  unb  niebt  ber* 
möge  ber  in  bie  menfctjiid)e  Statur  gelegten  Gräfte  ein  Sßerf 
ber  Uebung:  fo  fegt  Me§  freiließ  bie  fcf)on  oben  ermähnte  Un~ 
fäljigleit  ftertigfeiten  §u  erwerben  borau§,  augletcb  aber  bod) 
aucrj,  ba%  obne  jene  befonbere  göttüdje  Hülfe  bie  geiftige  Äraft 
au<$  in  iebem  Moment  eben  fo  gut  hatte  fönnen  ju  gering 
fein  gegen  einen  ftnnltcben  eintrieb. 

3.  Jpiemit  tjäugt  aber  Rammen,  oa|  abgefeben  bon  ber* 
jenigen  berfcrjlimmernben  ®raft,  roeldje  autf)  bon  unferm  3u- 
ftanbe  angeborner  ©unbljaftigfeit  au§  bie  roirflictje  ©iinbe 
babureb,  ausübt,  ba%  bie  Neigung  ftdj  buretj  bie  ®eroobnbeit 
berftärrt,  in  ben  erfreu  SDfcenfdjen  au§  ber  erften  <Sünbe  nicb,t§ 
befonbere§  unb  neue§  gefolgt  ift;  fonbem  roa§  aud)  in  unfern 
frjtnbolifcrjen  Söüdjem  at§  golge  babon  bargeftettt  roirb,8  ba$ 
mufj  fc&on  bor  ber  erften  @ünbe  borau§gefeat  roerben.  2)enn 
ber  SBerftanb  mufe  fcrjon  berfinftert  geroefen  fein  gans  nad) 
beibnifcfjer  SSeife,  um  bie  Süge,  bafj  ®ott  bem  Sftenfdjen  bie 
<£rfenntnif$  be§  ÖJuten  beneibe,  aufeunebmen;  unb  ber  SBitfe 
mufj  fdjon  feine  ®raft  meljr  gehabt  baben  aud)  bem  fdjroäcbften 
Sfteia  §u  roiberfteben,  roenn  ber  Slnbliff  ber  berbotenen  grudjt 
eine  fo!ct)e  (SJeroalt  ausüben  tonnte.  Sa  bon  ®ott  Io§geriffen 
mufj  5lbam  fdjon  bor  feiner  erften  @ünbe  gemefen  fein,  al§ 
roeldjer,  ba  ibm  ©ba  bon  ber  grud)t  reichte,  ba\)on  genofe, 
obne  aucrj  nur  be§  göttlichen  Verbots  ju  gebenfen,  unb  biefeS 
fest  alfo  fcrjon  baff  eibige  SSerberben  ber  üftatur  borau§,  roie 
aud)  unberborbene  Statur  nietjt  tonnte  ber  Süfternbeit  mit 


1  Augustin.  de  corr.  et  g rat.  XII.  Adam  et  terrente  nallo 
et  insuper  contra  Dei  terrentis  imperium  libero  usus  arbitrio  noa 
stetit  in  tanta  non  peccandi  facilitate. 

a  ®.  Gerhard,  loc.  th.  T.  IV.  p.  302. 

3  Conf.  helv.  IX.  post  lapsutn  intellectus  obscuratus  est,  volunta* 
vero  ex  libera  facta  est  serva.  —  Conf.  belg.  XIV.  Homo  se 
ipsum  verbis  Diaboli  aurem  praebens  .  .  .  a  Deo,  qui  vera  ipsius 
erat  vita,   penitus  arulsit  totamque  naturam  suam  corrupit. 


S)er  ©laußenSIeljre  stneüer  S^eil.  <£r[ter  Stöfönttt.  337 

nuSbrüfflicljer  Burüffraeifung  be§  göttlichen  ®ebote§  gefrönt 
fjaben.  Unb  fdjraerlid)  ratrb  man  behaupten  fönnen,  baß 
biefe  Folgerung  lebiglicrj  an  ber  buc&ftäbltdjen  Auslegung  ber 
mofaifeben  ©rgäljlung  fjafte;  fonbern  rate  man  ftcb  auäj  bie 
erfte  ©ünbe  benfen  möge,  immer  rairb  man  fdjon  etma§ 
fünbli(j)e§  borau§fegen  muffen,  unb  ein  äfjnticf>e§  Sßerfafjreu 
rate  ba§  5ter  befolgte  in  5lnraenbung  gu  bringen  jjaben, 
raenn  man  fte  genettfer)  borfteften  raitf.  ^ft  nnn  aber  bie 
menfcrjticrje  9?atur  in  ben  erften  9Jcenfdjen  fdjon  bor  ber  erften 
©ünbe  fo  geraefen,  raie  fte  ftet)  rjernadj  in  ibnen  felbft  nnb 
in  ben  Stfacrjgebornen  geigt:  fo  fann  man  ntdjt  fagen,  ba% 
burdj  Me  erfte  ©ünbe  bie  Sftaturi  fei  beränbert  raorben, 
fonbern  bon  Meier  Söefjanbtnng  ber  fomboltfdjen  Söüdjer  raerben 
rair  abraeidjen  muffen.  SDenn  e§  fann  niemanben  gugemutfjet' 
raerben  borguftellen,  ba%  in  einem  einzelnen  SBefen  bk  Statur 
feiner  (Gattung  fönne  beränbert  raerben  nnb  e§  bocE)  baffelbe 
bleiben,  ba  bie  9lu§brüffe  ©ingelraeien  nnb  Gattung  itjre  93e* 
bentnng  berlieren,  raenn  nierjt  eben  fo  gut  aEe§,  raa§  nad) 
einanber  ai§  raa§  gugleiä)  in  bem  Gingelraefen  31t  finben  ift, 
au§  bem  SBefen  ber  (Gattung  erflärt  unb  begriffen  raerben 
fann.  2)enn  entraeber  raäre  nur  bon  3(nfang  an  bie.  (Gattung 
falfd)  beftimmt  raorben  unb  müßte  anber§  beftimmt  raerben, 
raenn  in  einem  unter  fte  gehörigen  Gmtgefraefen  ftd)  ettva§ 
geigte,  raa§  ber  früheren  35eftimmung  raiberfbräerje;  ober  bh 
^bentität  be§  (SingelraefenS  raäre  nur  ferjeinbar.  Itnb  noclj 
raeniger  läßt  fictj  benfen,  ba%  eine  folctje  Hmraanblung  ber 
DJatur  folle  bie  Sßirfung  einer  %fyat  be§  fraglichen  (Singet 
raefen§  felbft  geraefen  fein,  ba  e§  ja  immer  nur  mit  ber 
9catur  feiner  (Gattung  Ijanbeln  fann,  niemals  aber  auf  biefelbe. 
^aljer  ift  aud)  faum  mögltdj  biefe  SBorftetfung  feftgulj  alten, 
o'fjne  bem  Teufel  babei  einen  Slnt^eil  einzuräumen,  aber  bann 
eben  fo  fdjraer,  raenn  Mefe§  zugegeben  ift,  nodj  bie  manidmifdje 
Slbraeicfjung1  gu  bermeiben.  "Denn  fteljt  einmal  feft,  ba% 
eine  SBeränberung  einer  beftimmten  ^atur  nietjt  fönne  burd) 
fte  felbft  berairft  raerben:  fo  fann  auetj  ber  (Sirfolg  graifdjen 
bem  9ftenfcrjen  unb  bem  Teufel  nur  fo  geseilt  raerben,  ba% 
man  bie  STbötigfeit  babei  bem  legten,  unb  bem  erften  nur 
ba%  leibentlicrje  ober  bie  @mb fänglicfjf eit  auftreibe.  5lber 
bann  muß  man  audj  raeiter  gugeben,  e§  fei  nur  eine  @bracr> 
nerrairrung,  raenn  bie  ^nbioibuen  füllten  biefelben  geblieben 
fein  jenen  @rf olg  nur  eine  SSeränberung  ber  Statur  gu  nennen ; 


1  @.  §.  22. 

Scfi[..<FfiriM  fflf.T. 


338  Sfcr  Wlfle  ©laufc.  (grfter  Sfoll. 

unb  ba§  richtigere  fei  *u  fagen,  bofe  btefentge  menfcblicbe 
9?atttr,  tuetcbe  ®ott  urfbrüngltdj  erraffen,  burdj  bie  erfte 
€>ünbe  bom  Teufel  äerftört  fei,  bte  neue  Statur  aber  fei  itt 
bemfelben  SOfaafe  mie  bte  erfte  ©ünbe  ba§  SSerf  be§  £eufel§, 
roeil  bte  bon  ®ott  erfdjaffene  Statur  ftct)  blofj  letbentlicf)  ber* 
galten  f)dbe,  um  ftcrj  bon  ieuer  burcrj  ben  Teufel  bemirf tett 
SBeränberung  gauj  burdjbriugeu  p  Ioffen.  dagegen,  ba% 
al§bann  natürlich  bie  burcb  bie  (Srlöfung  §u  benrirfenbe  ent* 
öegengefeste  Umäuberuug  abemtal§  eiue  3erftörung  ber  bi§= 
ferigen  Statur  ift,  bo&en  biejenigen  wenig  einsutoenben, 
tuelcfje  bodj  bebauten,  bie  iestge  üftatur  be§  9ftenfcrjen  Ijabe 
Tttd6t  einmal  bie  gäbigfett,  bie@rlöfung  in  ftcr)  aufsunebmen.1 
5lHe§  biefe§  ober  fomol  ba$  leibentltcfie  Sßerbalten  be§  SOcenfcrjen 
Bei  ber  feine  Sftatur  gerftörenben  £batfadje,  al§  autfj  bie 
bem  Xeufel  beigelegte  ©ettmlt,  ba$  SBerf  (55otte§  ju  serftören 
unb  ba$  feinige  fo  an  bie  (Stelle  §u  fesen,  ba§  eine  gange 
bemobnte  SSelt  bitrcrj  baffelbe  mitregiert  merbe,  ftnb  bie  he* 
ftimmteften  Uebergänge  in  ba$  manicbäifcrje.  SBogegen  ba$, 
roa§  man  um  biefen  Bufammenbang  ber  glacianifdjen  Sebre 
ya  serftören  entgegnet,2  gar  menig  Haltung  gu  baben  fcbeint. 
9  SDenn  einerfeit§  ift  bie  blofje  Sftögltcrjtett  nicbt§,  al§  nur 
burdj  ben  Uebergang  in  bie  Sßirflidjfeit ,  unb  roenn  ber 
fDcertfcr)  lest  nur  fünblicb  unb  berfeljrt  banbeln  fann, 
biefe  ©elbftbeftimmung  gutn  Sööfen  aber  ba§  SBerf  be§  @atan§ 
ift:  fo  beftebt  audj  ba$  nod)  übrige  3ßerf  ($>otte§  nur,  fofern 
e§  burdj  ba%  SSerf  be§  @atan§  in  Söemegung  gefegt  nrirb' 
al§  ein  Drgan  bon  biefem,  ift  alfo  aud)  nur  nodj  fcbetnbar 
baffelbe.  5lnbrerfeit§  mar  bocr)  nidjt  nur  ba$  Vermögen 
benfen,  reben  unb  fjanbem  gu  lönnen  ba§  urfbrünglicrje  SSerf 
®otte§,  fonbem  ber  biefe  Vermögen  in  SBetoegung  fegenbe 
freie  Söille ;  ift  nun  biefer  berloren,  fo  beftebt  audj  ba$  SSerf 
(55otte§  nicbt  mebr.  ®iefer  (Sdjnrierigfeit,  auf  bem  betretenen 
Sßege  aHe§  mantdjäifcbe  gu  bermetben,  Ijat  mabrfdjeinlid) 
bieienige  S5orftetCung§meife  ibren  llrfbrung  su  berbanfen, 
meiere  gtoar  audj  eine  burdj  bie  erfte  ©ünbe  mit  ber  menfeb* 
lieben  Sftatur  borgegaitgene  SBeränberttng  annimmt,  fte  aber 
mebr  auf  leiblichem  SBege  benrirfen  läfjt.8    Um  gu  bermetben, 

1  Solid,  decl.  II.  p.  656. 

*  Solid,  decl.  p.  648.  Asserimus  id  ipsum  esse  Dei  opus,  quod 
1  homo  aliquid  cogitare  loqui  agere  operari  potest  .  .  .  quod  vero 
I  cogitationes  verba  facta  eius  prava  sunt  .  .  .  hoc  origiualiter  et 
I  principaliter  est  opus  Satanae. 

8  9teln6arb  S)ogm.  §.  75—80. 


5)er  ©Iau&en§Ief)re  ätoeiter  Stjeü.  gifter  2ftfd)mtt. 


ba%  nttf)t  bte  SBeränberung,  nämltd)  ber  $erluft  ber  SOcac&t 
be3  ©otte§bemufjtfein3  fdjon  borau§geieät  merben  muffe,  mirb 
fein  auSbrüfflidjeS  göttiic&eS  Verbot  borangefdnfft ;  aber 
bann  ift  aud)  nidjt  §u  tabeln,  bafe  bte  erften  9?tenfd)en  bunfeln 
ßmbfinbungen  leine  ®emalt  einräumen  motten ,  unb  ber 
^ntfctjlufe  biefe  5U  überminben,  hex  melier  Sßerantaffung  er 
au$  gefaxt  morben  märe,  fönnte  nidjt  für  einen  fünblidjen 
gelten.  Unb  fo  märe  bte  auf  ben  (55enufj  ber  gru$t  gefolgte 
burdj  beffen  Sßirfung  auf  ben  menfdjlidjen  Körper  bermittelte 
geiftige  Öerjd^limmerung  be§  99cenf<i)en  o§ne  alle  (Sünbe  er* 
folgt,  unb  bie  allgemeine  (Sünblj aftigf eit  mirb  au§  beut  liebet 
abgeleitet,  meldjeS  mit  bem  Söefen  einer  teleotogifd^en  ($51auben^ 
meije  ftreitenb  ntd)t  für  cfjrtftttcf)  angefeben  merben  fann, 
gumal  aud)  ein  sur  regten  Qtit  bargeboteneS  materielles 
(Gegengift  bie  ©rlöfung  lönnte  überflüffig  gemalt  baben. 
SDaber  ift  biefeS  notljmenbig  feftsuljalten,  ba§  bie  SßorfteHung 
bon  einer  burdj)  bie  erfte  (Sünbe  ber  erften  ÜJftenfdjen  ent^ 
ftanbenen  SSeränberung  ber  menj eiltet) en  ^atur  nidjt  in  bie 
SReibe  berienigen  ©ä§e  gehört,  roeldje  2Iu§brüffe  unjereS  $rift- 
liefen  <Selbftberouf$tfein§  ftnb.  $e  meniger  mir  nun  fetjon 
früher1  ®runb  fanben,  ben  erften  ÜRenfcben  bor  ber  erften 
©ünbe  einen  boben  ®rab  frommer  ©ittlid^feit  unb  frommer 
@rleud)tung  auaufdjreiben,  unb  je  meniger  e§  gelingen  miß, 
ftd)  bie  erfte  ©ünbe  bon  einem  gans  unfünblidjen  guftanbe 
au§  su  erftären,  um  befto  mebr  fällt  audj  alle  $erantaffung 
meg,  eine  in  ber  menfcblid)en  9?atur  borgegangene  $er^ 
änberung  an^une^men;  unb  e§  mirb  um  fo  mefjr  (Srttnb 
fein,  biefe  SSorfteüung  fahren  §u  laffen,  als  fte  bod)  gu  feiner 
Hnfd)autidj)feit  gebraut  merben  fann,  unb  nur  auf  ber  einen 
(Seite  iene  manidj)ätfd)e  Slbmeidmng,  ergeugt,  auf  ber  anbem 
au§  gurdjt  bor  biefer  biele  Triften  au  ber  belagianitd)en 
binübertreibt,  ba%  fte  lieber  bie  abgefeben  bon  ber  ©rlöfung 
altgemeine  Unfäfjigfeit  aller  ÜDtenfdjen  §um  ®uten  a&läugnen, 
al§  fte  au§  einer  folgen  SSernnberung  ableiten  motten.  SDie 
Hnrjaltbarfett  jener  SSorftettung  mirb  noeb  auf  eine  befonbere 
SSeife  erhellen,  menn  mir  auf  bie  ftrengen  bie  fbmbolijdje 
Söeorte  rein  auSbrüffenben  Formeln  ber  älteren  ©ogmatifer 
äurüftgefm.*    ©enn  gleidj  bte  erfte  gormel  „ba3  (Shtselmefen 


1  ©.§.61. 

2  Quenstedt  Syst.  theol.  p.  913.  Tribus  autem  tnodis  fit 
peccatum  quando  persona  corrumpit  naturam,  ut  factum  ab  Adamo 
et  Eva,  quando  natura  corrumpit  persouam ,  ut    fit   in    propagatione 

:2  * 


340  ®er  djrtftlidje  ©laute.  (Srfter  Steil. 

ncrbtrbt  bie  9?attu"  bringt  rectjt  %vtx  Slnfcfiauung,  tute  in 
btefem  51  et,  faE3  bte  Dcatur,  treibe  burdj  benfelben  berberbt 
mürbe,  gut  mar,  ba§  ©inselmefen  ni<$t  mebr  fann  gut  ge- 
mefen  fein,  meil  (3uk§>  nietjt  fann  ®ute§  berberben;  mar 
aber  bic  Sftatur  fdjon  fct)Ied)t,  fo  mürbe  aud)  ba§  Sßerberben 
ntdjt  erft  burd)  bie  föanbhntg  ber  Sßerfon  bemirft.  ©o  mie 
im  anbern  galt,  menu  ba$  (ginseltuefen  ntdjt  mefjr  gut  mar, 
meü  e§,  tnbem  es?  bie  9?atur  berbarb,  fdj)led)t  Ijanbelte,  bie 
Kultur  aber  nod)  gut  mar,  meit  fie  berborben  merben  fotlte, 
fi$  aud)  atte§  fdjledjt  Rubeln  alter  fpäteren  ©inaelmefen 
mufe  erklären  taffen,  ofjne  bafj  bie  Statur  fdjon  braucht  ber^ 
borben  gemefen  gu  fein.  S)ann  bliebe  alfo  afleS  Sßerberben 
in  bem  (Gebiet  ber  testen  formet,  bafj  nämli$  bie  ©insel- 
mefen  ftd)  —  felbft  unb  unter  einanber  —  berberben,  meldjeg 
audj  offenbar  eine  gureidjenbe  Beitreibung  alter  ©ünbe  ift, 
meiere  jemals  im  menfdjlidjen  (Sefcfcledjt  sum  SBorfdjeüt  fommt, 
mobei  aber  bie  9?atur  gans  au§  bem  (Stiele  bkibt;  mogegeit 
menn  bk  Dcatur  als  jdjon  Derberbt  angenommen  mirb,  rtict)t 
meljr  babon  bie  Ü^ebe  fein  fann,  baS  ©inäetmefen  su  ber= 
berben,  al§  meidjeS  fefcon  baS  berberben  ber  9catur  in  ft<$ 
tragen  mufj.  ©ott  enblictj  bte  gmeite  formet,  frufe  bie  9tatur 
ben  (Sinsetnen  berbirbt,  auf  bie  gorlbflanjung  ber  urfbrüng= 
liefen  ©ünbljaftigfeit  getjn:  fo  ift  allerbingS  maljr,  ba%  bk 
(£tn^etnen  nur  fo  merben  tonnen  mie  bie  Scatur  ift,  aber  fie 
merben  fo  bon  Slnfang  an,  unb  ber  SluSbruff  bleibt  unrichtig, 
meit  fie  erft  unberborben  müßten  gemefen  fein,  um  berborben 
31t  merben.  Unb  btcS  erregt  nod)  neue  SBebenfen  gegen  bk 
erfte  gorntcl,  meil  nid)t  su  beuten  ift,  ba%  baS  (Sutäetmefeu 
fottte  ber  9?atur  metjr  antljun!  tonnen,  als  bk  dlatux  itjm. 
SöoEtc  man  aber  and),  unb  amar  allgemein,  annehmen,  bie 
Üftatur  berberbe  bk  ©inselmefen:  fo  mürbe,  ba  bk  fflatux 
bod)  nirgenb  ift  als  in  ber  (Sejammtfjett  ber  ©inselmefen, 
eine  bierte  gormel  folgen,  ba%  nämltd}  bie  9catur  ftet)  felbft 
berberbe,  eine  gormel,  bei  melier,  maS  er  fiel)  eigentlich 
benfe,  fdjmerlid)  jemanb  mirb  nadjloetfen  fönnen. 

4.  Sßcnn  n(fo  an  ber  SJScrfon  ber  erften  9)£eufdjeu  feine 
Sßeränberung  in  ber  menfc&lidjen  Statur  Oorgegaugen  ift  bnret) 
bie  erfte  (Sünbe,  fonbern  maS  fid)  auS  berfelben  entmiffelt 
Ijaben  foll,  auö)  fd)on  bor  iljr  borattSgefeät  merben  mufe;  unb 
meint  bieg  liiert  nur  für  ben  galt  irgenb  einer  beftimmten 


peccati  orginis,  quando  persona  corrumpit  personam,  ut  fit  in  peccatU 
actualibus. 


£er  ®Iau6en§Iefire  s weiter  Sfjetl.  Grfter  SCbfdjnitt.  341 


erflen  ©ünbe  gilt,  fotxbern  immer  roorin  fte  arn^  beftanben 
baben  möge,  eben  baffelbe  SBerbftltmfc  aber  aud)  bei  iebem 
Einzelnen  ftatt  fmbet:  fo  ift  Me  attgemeine  jeber  hrirflidjen  ■ 
©ünbe  ber  ^angeborenen  borangebenbe  ©ünbfjafttQfeit  aud) 
ntdjt  fotüol  bon  ber  erften  ©ünbe  ber  erfien  $)cenfd)en  ab=; 
anleiten,  al§  fte  biefmebr  baffelbige  ift  mit  bem,  roa§  aud)  in 
jenen  fdjon  ber  erften  (Sünbe  boranging,  fo  bafj  burd)  üjrej 
erfte  ©ünbe  bk  erften  3#enfd)en  nur  bie  Erftlinge  ber 
©ünbigfeit  finb.  Untere  fbmboüfcben  ^BücJjer  nehmen  freitidj 
jene  Ableitung  an,1  aber  mir  fönnen  htx  fo  beroanbten  Um- 
ftänben  nm  fo  meniger  berbfti  d)tet  fein,  i^nen  bierin  §n  folgen, 
al§  unfer  SBenmfctfein  ber  allgemeinen  ©ünbbaftigfeit,  mie 
mir  e§  oben2  enthriffelt  baben,  ein  unmittelbar  innerlich 
ift,  biefe  9lbftammung  berfelben  aber  nur  eine  äu^erüdie 
Sftotiä  fein  fann,  bon  ber  jene§  innere  meber  irgenb  abfängt, 
uod)  irgenb  burd)  fte  berftärft  tu  erben  fann.  Mein  an  jenem 
inneren  bangt  aber  aud)  ba§>  Söehmfctfetn  unfer  er  Ertöfung^ 
Beburf figfeit ,  unb  alfo  ift  jene  Ableitung  auf  feine  SSetfei 
ein  ©iaubenSetement.  Unb  ba  aud)  bie  SBefenntnt&büc&er | 
gröf$tentbeii§  ftd)  in  gar  feine  näbere  Erörterung  über  bie 
3lrt  unb  SSeife  biefer  Ableitung  einlaffen:8  fo  tonnten  roir 
nur  bebenfttd)  merben,  roenn  biefe  Ableitung  in  ber  ©cbrift 
in  SSerbinbung  mit  eigenttid)en  ©laubenSfäsen  borfäme.  Mein 
bie§  fcrjetrtt  in  ber  gauötfieffe,  roeldje  man  biebei  anpfübren 
bflegt,4  nidjt  ber  galt  §u  fein.  Senn  bou  ber  Entftefjung 
ber  ©ünbe  ift  nur  bie  Ütebe  §ur  Erläuterung  ber  öebre  bon 
ber  Söieberbringung  be§  SebenS  burd)  Ebriftum,  unb  ber 
$ergleid)ung§bunft  ift  aud)  nur  ber,  bafj  beibe§  bon  Einem 
berrüfjrt  unb  ausgebt.  @o  ftettt  er  freiltdj  atCe  ©ünbe  al§ 
abbängig  bar  bon  bem  erften  Anfang  berfeiben,  mitbin  ai§ 
ein  ftetige§,  fo  ba%  mit  SibamB  ©ünbe  fdjon  biefe  gange 
Stetigfeit  ber  ©i'mbe  etnfcfjtüfftg  gefest  roar,  unb  menn  Slbam 

1  Conf.  aug.  2-  Apol.  conf.  I.  Conf.  helv.  VIII.  Conf. 
belg.  XV.     Art.  Smalc.  I.  u.a.m.  2  §-70. 

3  StuSbiüfMdj  tjetfet  eS  Conf.  gall.  X.  Nee  putamus  necesse  esse 
inquirere,  quinam  possit  hoc  peccatum  ab  imo  ad  alterum  propagari. 
—  Sterinlict)  Calvin  Institt.  11.1,7.  Neque  in  substantia  carnis 
aut  animae  causam  habet  contagio:  sed  quia  a  Deo  ita  fuit  ordi- 
natum,  ut  quae  primo  homini  dona.  contulerat ,  ille  tarn  sibi  quam 
suis  haberet  simul  et  perderet.  SSo  tncm  beutlid)  fidjt,  e§  fommt  üjm 
burgüglidj  barauf  an  (Srflärungen  a&sutefjnen,  toeicfje  mit  und)rift(id)em  in 
gSerbinbung  fteljen  fönnten. 

4  Dtönt.5,  12—21. 


842  &er  cfctftltdje  ©laube.  (gifter  X$eü. 

fte  fyätte  su  bermeiben  genntfjt,  mir  fte  audj  würben  baben 
bermeiben  fönnen.  Sfttmmt  man  nun  binpt  ben  früheren 
8fo8ft>ru(fc,  ba%  ber  £ob  §u  allen  Sftenfcben  burcbgebrungen 
ift,  meü  fte  alle  felbft  gefünbiget  baben;  nnb  bemerft  man, 
mie  $aulu§  sroar  bie  ©ünbe  2lbam§  nnb  ber  et,  meldte  nidjt 
nacb  ber  Slebntirfjfeit  2Ibam§  gefünbigt  ^aben,  untertreibet, 
aber  bod)  atfe§  in  ©ine  SSerbammnifc  aufammenfaff enb ,  ma§ 
Slbam  m  berfelben  beigetragen,  al§  ein  geringes  barftetft 
gegen  ba§,  ma§  (£briftu§  §ur  Slufbebung  ber  «Sünbe  getban: 
fo  ftimmt  biefeS  atfe§  ferjr  mol  bamit,  bafj  bte  ®efammtfünbe 
bte  ®efammttbat  be§  ®efd)IecE)t§  ift  bon  bem  (grften  be^ 
ginnenb,  toeldje  nur  burcb  bte  aud)  über  ba$  ganje  ©efdjledjt 
ftd)  berbreitenbe  Sßirffamfeit  (S&riftt  fann  aufgeboben  merben. 
auf  äbnlicbe  Sßetfe  ftcttt  aud)  anbrerfeitS  ^auluS1  Slbam 
nnb  ©briftum  gegenüber;  nrie  er  benn  aud)  bejeugt,2  ba% 
bte  @ünbe  nodj  auf  biefelbe  Sßeife  in  un§  entfielt  unb  bk 
(£>eftnnung  berunretnigt  merben  fann,  ttrie  e§  hd  (£ba  ge* 
fdjab;  morau§  benn  folgt,  ba%  burdj  ba$  Burüffgeben  auf 
ben  erften  9ftenf$en  für  bie  (grflärung  ber  @ünbbaftigfeit 
nidjtS  befonbere§  gewonnen  wirb,  unb  ba%  e§  aud)  in  jenen 
(Stellen  nur  barauf  anfam,  baä  SSertjättm^  äraifdjen  bem 
früheren  unb  fpäteren  gebörig  au  beachten.  —  ©aber  fönnen 
mir  gern  aller  jener  fünftlicben  Sbeorien  entratben,  meiere 
aud)  borsüglid)  nur  bk  ienbens  baben,  ba§  göttlidje  9tecbt 
in  ber  Burecbnung  ber  @ünbe  5lbam§  unb  in  bereu  $8e^ 
ftrafung  an  ben  Stfadjfommen  in§  Sidjt  su  fejen.  $)ie§  ift 
um  fo  annebmung§mürbiger,  al§  fte  tijeÜS  mie  bk  ba%  alle 
$tenfdjen  als  in  5Ibam§  2)afein  eingefdiloffen, 8  aueb  an  feiner 
«Sünbe  £beü  Qt^aU  bätten,  auf  eine  beftimmte  Sbeorie  über 
ben  llrfarung  ber  einzelnen  (Seelen  jurüffgebn,  unb  e§  un§ 
auf  unferin  Gebiet  an  allem  ®runb  unb  allen  Mitteln  feblt, 
eine  folebe  aufstellen;  tbeil§  n>ie  bie,  tneldje  ba§  göttlidje 
®ebot  auf  eine  pdjft  miftfübrlidje  SBeife  al§  einen  in  5lbam§ 
s$erfon  mit  bem  ganzen  menfebtieben  ®efd)led)t  gefdjloffenen 
Söunb  betrauten,  bon  beffen  SSerlejung  alfo  bie  redjtlicben 
folgen  aud)  bk  (Srben  treffen,  ba%  SBerbältiüfc  m  <&ott  unb 
bie  göttlicbe  :3uredjnung  unter  bem  begriff  eineS  äußeren 


1  1  Sor.  15,  21.  22.  2  2  Äorr.  11,  3. 

8  Ambros.  in  Rom.  V.  Manifestum  in  Adam  omnes  peccass© 
quasi  in  massa.  —  Ex  eo  igitur  euneti  peccatores  quia  ex  ipso  omnes 
sumus.  —  Hieron.  in  Hos.  VI,  7.  Et  ibi  in  paradiso  omnes  prae- 
varicati  sunt  in  me  in  similitudinem  praevaricationis  Adam. 


$)er  Glaubenslehre  Reiter  £$ett.  Grfter  Sfcfänltt.  343 

1Red)t§berbältniffe§  bringen,  toet(J)e§  fjernadj  autf)  auf  btei 
iKuffaffung  be§  @rlöiung§merfe§  ben  nad)tfjeiligften  ©influfj 
ausübt.  2luf  bie  ^öd^fte  <Spije  mirb  biefe  Wtdjt  gestellt, 
memt  man  sugletdj  annimmt,  ma§  freiließ  oft  Gefagt  roorben 
unb  allgemein  Verbreitet,  aber  bodj  ganj  roittfübrltdj  unb 
DöIIig  unbegrünbet  ift,  bafj  roenn.bte  erften  SRenfcfcen  nur 
bie  erjte  Prüfung  rüljmlidj  beftanben  Ratten,  ibnen  leine 
Streite  mürbe  borgelegt  morben  fein,  fonbern  fte  unb  mir  mit 
ifjnen  bann  aller  SSermdjung  auf  immer  mürben  überhoben 
geblieben  fein.  SSielmeljr  mie  bie  in  ber  mofaifdjen  (Srjäblung 
angegebene  SSerfudjung  '  eine  fetjr  geringe  ift ,  fo  rebräfentirt 
fte  audj  nur  bie  einfa elften  unb  urfarünglidijten  SBerfjältntffe, 
unb  e§  liegt  in  ber  9?atur  ber  ©adie,  bafj,  je  mannigfaltiger 
t>ie  Gräfte  be§  ^enferjen  in  Slnforudj  genommen  mürben,  unb 
je  bermiff elter  feine  Sßetfjättniffe,  um  befto  gefährlichere  SSer* 
Innungen  mußten  iljm  entfteijn;  unb  nid)t§  fetjetnt  miber* 
ibredjenber  al§  $u  behaupten,  ber  Gsrlöfer  Sötte  in  feinem 
Seben  fönnen  berfadjt  merben,  5lbam  aber  unb  (5ba,  memt 
fte  im  erften  ®ambf  geftegt  Ratten,  mürben  unberfudjbar 
«gemorben  fein.  Sßie  benn  aud)  biefe§  fetjon  an  ftd)  mit  altem, 
ma§  mir  bon  göttlichen  $erfabrung§meifen  inne  merben 
fönnen,  im  grellften  Sßtberforudi  ftebt,  bafj  ©ort  follte  in 
einem  folgen  Umfang  ba$  ©efdjiff  ber  ganzen  (Gattung  bon 
einem  einzigen  Moment  abhängig  gemacht  Ijaben,  ber  in 
bie  £änbe  smeier  unerfabrener  ^nbibibuen  gelegt  mar,  roeldje 
aud)  bon  einer  folgen  SSic&tigfeit  beffelben  !eine  9lljnbung 
Ratten. 

5.  ßaffen  mir  nur.  auf  ber  einen  ©eite  biete  Sßorftettung 
tion  einer  mit  ber  menfdjltdjen  9catur  felbft  borgegangenen 
^eränberung  fabren,  bleiben  aber  auf  ber  anbern  (Seite 
babei,  ha%  ber  allgemeine  Buftanb  fax  Sftenfdien  eine  Un- 
fäbigfeit  junt  ©uten  fei:  fo  folgt,  bafj  biefe  audj  fd)on  bor 
ber  erften  ©ünbe  in  ber  menfdjlidjen  üftatur  gelegen  Sabe, 
unb  ba&  alfo  bie  ie^t  angeborene  (Sünbljaftigfeit  au$  für  bit 
erften  SJcenfcben  etma§  urfprünglid)e§  gemefen  fei.  $)ie§  geben 
mir  aueb  §u:  nur  ift  e§  fo  su  beftimmen,  mie  e§  mit  ber 
•ebenfalls  anerfc&affenen  urforüngltdien  SßoIIfommenljett  ber* 
einbar  ift,  unb  fo  bafj  ber  Buftanb  ber  erften  SJcenfdjen  ju ! 
aller  3ett  in  ber  Sinologie  mit  bem  unfrigen  gemefen  fei,  mie 
mir  ifm  oben1  betrieben  Ijaben.  ®eine§mege§  alfo  ber* 
umnbeln  mir  beSfjalb  bie  SSorftellung  bon  einem  längeren 


1  ©.  §.  80,  81.  85.  86. 


344  $er  djrtfffldje  (Staube,  grftet  SfretL 

ober  fürseren  Suftanb  boHfommen  lebenbiger  grömnttgfett  ttt 
bfe,  ba%  bie  erfte  freie  Xl)at  nadj)  erWad)tem  ®otte§bemufjt= 
fein  bie  ©ünbe  geWefen  fei,  Wa§  ofmebieS  fcbon  burd)  ba§ 
oben  gefagte1  ab  gef  dritten  ift  SSielme^r  ift  mit  bem  ®r* 
Wadjen  be§  ®otte§beWuMein§  aud)  ber  Anfang  be§  (SJuteit 
gefegt,  ber  aud)  ntctjt  obne  folgen  bleiben  fonnte,2  welche  fidj 
aud)  nadj  ber  erften  ©ünbe  no$  wirffam  zeigten.  Slber  e§ 
mufte  bann  audj  für  fie  eine  Seit  fommen,  Wo  nacb  irgenb 
einer  (Seite  bin  bie  ©innlid)feit  ftdj  fo  oerftärfte,  ba%  fie  eben 
fo  leicht  fiegen  fonnte  al§  beftegt  werben,  ©enn  Wenn  wir 
aud)  ntdjt  gehalten  fein  fönnen,  un3  eine  anfdjaultdje  $or* 
fteüung  oon  bem  erften  99?enfcben  in  feinem  notfjwenbigen 
ttnterfcbiebe  oon  un§  ju  bilben:  fo  giebt  e§  bo<$  §wei  ©tüffe, 
Worin  er  un§  gleich  geroefen,  nnb  woran  mir  audj  hei  ibm 
bie  ©ntftebnng  ber  ©iinbe  fnüpfen  fönnen.  S)enn  Wenn  gleich 
nidjt  bie  dinfeitigfeiten  ber  jjerjönttdjen  (£onftitution ,  fo  ftnb 
bodj  bie  ©infeittgfeiten  beß  ®efdjledj)t§  aud)  in  i^nen  ge^ 
Wefen;  nnb  Wenngteidj  Wir  un§  bei  üjnen  nidjt  auf  biefelbe 
Sßeife  ein  3urüffbleiben  beß  2ötHen§  binter  bem  $erftanbe 
benfen  fönnen,  fo  finb  fie  bodj  —  Wäre  eß  and)  hei  einem 
einfachen  Seben  nnr  in  geringerem  ($5rabe  —  bem  SSecrjfet 
ber  Stimmungen  unterworfen  geWefen,  in  Welkem  ft<§  bor- 
'übergefjenb  Wenigften§  eine  foldje  ttngleidjbeit  ber  SSiHen§^ 
fraft  nadj  berfebiebenen  (Seiten  Ijüt  offenbart,  Worau§  ftdj)  baß 
(Sntfteben  ber  ©ünbe  nnb   ba§  SBetoufetfeüt  berfelben  bott* 

•  fommen  begreift.  —  SSar  nun  baß  burdj  biefe  urtyrüngttcbe 
©ünbbaftigfeit  bebingte  erfte  ©rfdjeinen  ber  (Sünbe  in  ben 
erften  9#enfd)en  foWol  an  nnb  für  ftd)  ein  einzelne«?  nnb  ge^ 
ringe§  al§  aueb  befonberS   ofjne  einen  umänbernben  ©influfj 

i  auf  bie  menfcblidje  Statur:  fo  War  bodj  ba§  2Bad)fen  ber 
(Sünbe  oermittetft  ber  unter  bie  gorm  ber  (Srjeugung  ge^ 
ftetttett  SSermebrung  beß  menfd)Iid)en  ®efd)ledjte§  fdjon  in 
bem  erften  £  erb  orbredjen  berSünbe,  mitbin  in  ber  urtyrüng- 
lieben  ©ünbbaftigfeit  felbft,  begrünbet.  Unb  bieß  ift  in  Söegug 
auf  bie  ©rlöfung  fo  3U  faffen,  bafj  obne  baß  Eintreten  eme§ 


1  §.  67,  2. 

*  Hugo  d.  St.  V.  Opp.  III.  f.  181.  Paradisus  est  locus  incho- 
antium  et  in  melius  proficientium,  et  ideo  ibi  solum  bonum  esse 
debuit,  quia  creatura  a  malo  initianda  non  fuit,  non  tarnen  sum- 
mum.  SSomit  natürlich  5ufammenf)ängt,  bofe,  fo  Balb  bie  ©ütibe  bodj 
jum  SSorfdjein  fam ,  aud)  ber  parabteftfdje  3uftanb  überhaupt  aufhöre« 
mitfete. 


$er  ©tauben§Ie^re  stoeiter  S3jetl.  (Stfter  Stöfdjnttt.  345 

bon  jener  Sünbbaftigfeit  freien  (£lemente§  in  bie  ®efammt* 
fceit  nitf)t§  anberS  märe  au  ermarten  gemefen,  a(§  ba£  bte  ber 
menfcblictjen  D?atur  einroobnenbe  Üftcbtung  auf  ba$  ®otte§* 
bemu&tfein  in  if)rer  SBtrffamfeit  immer  roieber  märe  ber* 
unreinigt,  unb  aüe§  fiel)  geiftig  entrotffelnbe  immer  mieber  in 
bk  SBotmäfctgfeit  be§  gleifcbe§  märe  Jjerabgeaogen  roorben. 
2öa§  enblict)  bie  mofaifdje  (£raät)lung  betrifft:  fo  fann  e§  §u 
golge  ber  (Srenaen,  meldte  mir  ber  (Glaubenslehre  gefte!ft\ 
baben,  gar  fein  $egenftanb  für  biefelbe  fein,  feftaufeaen,  mie 
jene  Urfunbe  auflegen  fei,  unb  ob  fie  ftc&  al§  ©efdncbte 
ergebe  ober  al§  Sebrfage.  £>bne  aber  in  biefeS  ©efdjäft  ber 
5lu§Iegung§!unft  unb  ber^rttif  einzugreifen,  fönnen  mir,  mie 
aud)  f$on  alte  ®ird)enlet)rer  getban,1  ben  ©ebraud)  babon 
ma^en,  bafj  mir  bk  allgemeine  ©efd)id)te  bon  ber  ©ntfiejjung 
ber  (Sünbe,  mie  fie  immer  unb  überall  biefelbe  ift,  baran  aur 
Slnfc^auung  bringen ;  unb  an  biefer  finnbilblidjen  (£tgenfcr)aft 
baftet  für  un§  bie  Slllgemeingültigfeit  biefer  Urfunbe.  i)enn 
mir  finben  barin  auf  ber  einen  Seite  an  ber  (Sba  bk  burdj 
jebe  äußere  Anregung  leicht  §u  entmiffelnbe  gürfiditbätigteit 
unb  fomit  Empörung  be§  finnlicben  Xfjeܧ  burd)  ben  (Segen* 
fa§  gegen  ein  göttlidje§  (Btiot  in  bolleg  ötdjt  geftellt,  babei 
aber  bemerfti<$  gemalt,  mie  bamit  augleid)  eine  nur  su leicrjt 
au  bemirtenbe  Verunreinigung  be§  fdjon  entmiffelten  ®otte§= 
beroufjtfeing  berbunben  mar.  Sluf  ber  anbern  Seite  aeigt  fid) 
an  5lbam,  mie  letdjt  bk  Sünbe  audj  obne  befonbere  lieber* 
mältigung  ber  (Sinne  nadjaljmenb  aufgenommen  mirb,  mie 
aber  biefe§  eine  (Gottbergeffenljeit,  fei  e§  aurfj  au§  blofjer 
Berftreuung,  borau§feat.  bringen  mir  ferner  bk  @efd)id)te 
mit  ben  tjter  aufgehellten  gegriffen  bon  urfprünglictjer  $o#* 
fommentjeit  unb  urfprünglidjer  ©ünbljafttgfeit  in  Verbinbung: 
fo  ftellt  fie  bur$  ben  gufammenljang  mit  bem  früheren  unb 
fbäteren  äugleict)  im  allgemeinen  bar,  mie  fiel)  aufjerbalb  be§ 
Gbtbkkä  ber  ©rlöfung  ba§>  ®ute  nur  mit  bem  Q3öfen  ent* 
miffelt,  unb  mie  unter  biefeS  ®ute  thtn  audj  bk  für  bie 
©ntttrifflung  be§  SDJenfdjen  unentbehrliche  ©rfenntnifc  be*§ 
©egenfajeS  aftifcben  gut  unb  böfe  gebort.  S)enn  e§  ift  bin* 
reicbenb  angebeutet,  bafe  bor  berSünbe  biefe  (Srf enntnife  nid)t 
gegeben  mar;   unb  leicbt  lä'ftt  ficb  bieg  bal)in  ergänaen,  ba& 


1  Augustin.  de  Gen.  c.  Man.  II.  21.  Etiam  nunc  in  uno- 
quoque  nostrum  nil  aliud  agitur,  cum  ad  peccatum  delabitur,  quam 
tunc  actum  est  in  illis  tribus,  serpente  muliere  et  viro. 


846  5>ev  cijriftltdje  ©foufic.  ßrfter  X^ell. 

ber  SO^enfcf)  audj  nur,  fofern  biefer  Mangel  fortbauerte,  oljne 
©üube  bleiben  tonnte. 

6.  ©e^en  mir  nun  an  bie  ©teile  be§  ®egeniaae§  ätsifdjen 
einer  uvjprünglidjen  Statur  unb  einet  oeränberten  Sftatur  bte 
Xsorftellung  einer  abgelesen  Don  ber  (Srlöjung  überalt  o^ne 
Sluänaljme  ftd)  felbft  gleiten  menfcrjUcrjen  9catur;  unb  an  bte 
©teile  be3  (SJegenfaseS  äroifct)en  einer  eine  ^ertobe  be§  erften 
menfcfclidjen  ®afetn§  auSfüttenben  urfprüngitdjen  ©erecrjtigfeit 
unb  einer  in  ber  Seit  entftanbenen  ©ünblicrj  feit,  mit  reeller 
unb  burct)  meiere  iene  ©eredjtigfeit  oerfd)rounben  märe,  eine 
unseitlidje  überall  unb  immer  ber  menj(^lid)en  üftatur  an* 
Ijaftenbe  Urfünblicrjfeit,  meiere  mit  ber  iljr  mitgegebenen  ur~ 
fprünglictjen  S3oHfommen^eit  auQteictj  befiel)!,  ieboctj  fo,  bafe 
au3  bem  3ujammenfein  unb  ftd)  entmiffeln  betber  an  unb 
für  ft$  feine  £f)atgeredjtigfeit  entfielen  famt,  fonbern  nur 
ein  ©Amanten  äruifetjen  Verunreinigten  geiftigen  Söeftrebungen 
unb  madjfenber  auggebübeter  <5ünbe;  fesen  mir  enblid)  an 
bie  ©teile  be§  ®egenfase§  aroifdjen  einer  urfprüngltc&en 
©dmlb  unb  einer  mitgeteilten  bte  einfache  SBorftellung  einer 
für  2We  gleiten  f^lec^ttjin  gemetnfamen  ©djulb:  fo  fönnen 
mir  bie  firdjlicrjen  2lu§brüfte,  in  benen  am  fürseften  biefe§ 
ßeljrftüff  in  feiner  Söeäieljung  auf  baS  folgenbe  sufammen- 
gefaxt  mirb,  folgenb ermaßen  beftimmert  unb  ergäben.  £u- 
Dörberft  nämltd)  geben  mir  aUerbingg  %u  eine  allgemeine  ,3u= 
recfjnung  ber  erften  ©ünbe,  meiere  nämlich  auf  bem  58eraufet= 
fein  beruht,  bafj,  meldjeg  menfct)li<$e  gnbioibuum  audj  ba$ 
I  £oo£  getroffen  Ijätte  ba3  erfte  su  fein,  e3  ebenfalls  bie  ©ünbe 
mürbe  begangen  Ijaben.  2Bie  benn  audj  ber  erfte  SDienfcfc, 
märe  er  ein  Sftadjgebomer  geroefen,  su  ber  eben  beschriebenen 
Sßerfd)ümmerung  mürbe  beigetragen  Ijaben,  unb  alfo  eben  fo 
gut  al§  jeber  Slnbere  bie  ©cfculb  baoon  trägt,  gerner,  menn 
bie  firctjlic^e  £el)re  bie  erfte  ©ünbe  be3  erften  Sütenfdjen  au£~ 
fc&liefjlidj  bie  berurfadjenbe  Urfünbe  nennt,  bie  fünblidje  83  e= 
fetjaffentjett  aller  übrigen  SWenfcfjen  aber  hit  oerurfadjte, 
inbem  nämtidj  bie  Anlage  unb  innere  9üd)tung  mit  bem* 
felben  tarnen  ©ünbe  genannt  mirb  mie  bie  Sfjat  felbft:  fo 
tragen  mir  bieg  über  auf  ba§  allgemeine  $erl)ältmfe  srotf^en 
jebent  früheren  ®efct)ted)t  unb  feinem  näcl)ftfolgenben,  unb  be~ 
Raupten,  bafj  immer  unb  überall  bie  mirttietje  ©ünbe  be§ 
früheren  bie  IjerOorbringenbe  Urfünbe  für  ba3  fpätere  ift;  bie 
©ünb&aftigtett  be§  fpätern  ift  aber,  meil  e3  beffen  mtrflic&e 
©ünben  erzeugt,  auef)  Urfünbe,  megen  iljrer  Slb^äugigfett 
aber  Oon  ber  ©ünbe  be§  früheren  ift  fte  §erOorgebra<$t,  mit* 


©er  ©IaubenSIc^re  ätoetter  £$eil.  Srfter  Sttfönltt.  347 

Ijin  sufammen  fjerborgebradjte  Urfünbe.  (ümblicb  ergänsen  mir 
aueb  noeb  einen  Mangel,  tnbem  mir  Me  mirflicbe  ©ünbe  in 
ibrem  Sßerbättmf}  sur  Urfünbe  ebenfalls  treuen  in  oer- 
urfaä)enbe  unb  oerurfadjte.  £)emt  auf  ber  einen  (Seite  fteUt 
bkä  ba$  53erbältnifj  ber  sugleid)  lebenben  bar,  inbent  bk 
roirflicbe  ©ünbe  berer,  meiere  felbfttbätiger  unb  erregenber 
in  ber  (5$emeinf(baft  auftreten,  bte  berurfadjenbe  ift,  bie  ber 
leib  entleeren  aber  bie  oerurfadjte.  5Iuf  ber  anbern  <5tite 
aber  ift  bie  ©efammtfünbe  jebe§  (i5ef($lecr)t§  aud)  roieber  oer* 
urfadjenb  für  bk  ©ünbbaftigfett  be§  fünftigen,  fo  nrie  fie 
felbft  auf  ber  oon  beut  frühem  (SSefc^lec^t  oerurfadjten  Urfünbe 
berufjt.  Unb  in  biefent  gef^loffenen  Greife  oon  gegriffen 
jeigt  ftd)  bie  ©ünbe  überbauet,  aber  befonberS  aueb  bie  Ur* 
fünbe,  al§  bk  (SJefammttbat  unb  ®efammtfdjulb  be§  ganzen 

m$k%t% 

BmeiteS  ßebrftüff. 
3?oh    ber    tturfutf)cn   ©ünbe. 

§.  73.     2tu<3  ber  (Srbfünbe  gefct  in  allen  SMenWen 
immer  bie  mirfliäje  <5ürtit  tyeroor. 

Melanchth.  loc.  th.  p.  123.  Semper  cum  peccato  originali 
sunt  peccata  actualia.  —  Augustin.  c.  Julian.  Lex  ista 
quae  est  in  membris  .  .  .  manet  in  carne  mortali  .  .  .  quia 
operatur  desideria  contra  quae  dimicant  fideles.  —  Conf. 
Gall.  XI.  Dicimus  praeterea  hanc  perversitatem  semper 
edere  fruetus  aliquos  malitiae  et  rebellionis,  adeo  ut  etiam 
qui  sanetitate  excellunt  quamvis  ei  resistant,  multis  tarnen 
infirmitatibus  et  delictis  sunt  contaminati  quamdiu  in  hoc 
mundo  versantur. 

1.  tiefer  (5a$  ift  in  ber  größten  SlUgemeinbeit  au  &er* 
fteben,  inbem  mir  audj  (Hjriftum  auf  feine  anbere  SBeife  oon\ 
ber  nrirflidjien  (günbe  frei  fpredjen,  al§  infofern  mir  ibn 
sugleidj  au§  bem  3ufammenl)ang  ber  allgemeinen  ©ünbljaftig* 
feit  berau§nebmen.  Sn  biefer  Slftgemeinbeit  ift  er  aber  ein 
2lu§bruff  unfere§  djriftticben  ©elbftbehmfetfeinS.  $)enn  $eber 
toeif3  e§  Don  fieb,  um  fo  genuffer  je  lebenbiger  er  fieb  ben  • 
<£rlöfer  öergegenmärtigt ,  bafj  er  felbft  in  feinem  5lugenbliff 
frei  ift  oon  (Sünbe.  Slber  jeber  toeifj  e§  nic^t  au§  feiner  per* 
fönttdjen  ßHgentbümlicbfeit  ber,  fonbern  auf  allgemeine  SSeife, 
fofern  er  ein  SÖeftanbtbeit  ber  ©efammtbeit  ift,  ba§  betftt  mit 
feinem  sunt  (SJattungSbettmfjtfein  ertoeiterten  ©elbftbenutfjts 
fein,  mitbin  Oon  jebem  2lnbern  eben  fo  gut  al§  Oon  fieb  felbft 


348  £er  rf)riftlid)e  ©taube.  Griter  Sfjeil. 

Unb  btcS  ©ertmtjtfetn  geljt  auf  bn§  ber  allgemeinen  (Sünb- 
(jaftigfett  juritff,  ia  e§  ift  biefes?  )elbft  nur  bon  einer  anbern 
Seite  au»  gefetjn.  SDtttit  bie  9itd)tung  auf  bie  Sünbe,  bie 
nur  in  bem  einen  innerlich  unb  seitlo§  auf f äffen,  märe  bod) 
nt<$t§  nrirfltdjeS,  menn  fte  nid)t  äitcjteict)  audj  immer  eridjiene, 
unb  mieberum  märe  ba§  erfdjetnenbe  nur  etma§  un§  bon 
aufcen  anftebenbeS,  alfo  feine  ©ünbe,  menn  e§  ntdjt  ein  £fjeU 
be§  ©rfdjemenS  unb  3eittid)merbcn§  ber  Urfünbe  märe.  Unb 
fo  mie  atte§,  raa§  in  biefer  angelegt  ift,  irgenbmo  erfdjetnen 
mufj,  nad)  Sftaafjgabe  mie  fte  fetbft  öerfdjiebeu  unter  bic 
Stfenfdjen  berttjeüt  ift:  eben  fo  nm§  fte  and)  an  jeber  33e^ 
megung  jebe§  9ftenfd)en,  in  meldjem  fte  ift,  einen  Slnttjeü 
fiaben  unb  etma§  barin  $ur  erfcfjetnenbeu  ©mibe  madjen. 
<So  bafj  e§  in  bem  ganzen  Gebiet  ber  iünbigen  9J?enfcxji)ett 
feine  einsige  gans  boHfommen  gute,  b.  f).  rein  bie  ®raft  be§ 
<5$otte§6erouJ3t|etn§  barftetfenbe  föanblung,  unb  feinen  ganj 
reinen  Moment  giebt,  in  meinem  ntdjt  bod)  nod)  irgenb 
etma§  in  einem  gemeinten  SSibertyrud)  mit  bem  (&otte§* 
berou&tfein  ftänbe. 

2.  tiefem  allgemeinen  üöehmjjtfetn  aber  mürbe  e§  gar 
nidjt  entforedjen,  menn  man  bie  hnrftidje  ©ünbe  auf  bie  gätte 
befdjränfen  wollte,  mo  bie  (Sünbljaftigfeit  bis?  nad)  aufjen  tjin 
auf  eine  audj  3lnbem  toaljraeljmbare  SSeife  in  au§  bem 
9#enfd)en  fjerau§geljenben  Sljnten  ljerborbrtd)t.  2)enn  biefe§ 
Sängt  immer  bon  äußeren  Söebtugungen  ab,  nod)  unterfdjieben 
bott  benen,  meiere  einen  beftimmten  fünbüdjen  3llÜi"inb  oer- 
anlaßt  f)aben.  (So  mie  nun  biefe  lederen,  bie  äußeren  ÜBer* 
fudjungen,  audj  nur  innere  ^Bewegungen  Ijerborrufen  fönnen, 
Wetdje  fdjou  in  ber  Sßerfönltdjfett  be§  (Sinselnen  borbereitet 
unb:  fo  fann  bie  ©ünoltdjfett  be§  3uftanbe§  feine£wege§ 
mefjr  babon  abhängen,  ob  fotdje  Umftänbe  Ijinsutreten,  meiere 
ba$  äußere  föerbortreten  begünftigen  ober  nid)t.  ^a  an  unb 
für  ftd)  mirb  nidjt  einmal  bie  ©ünbttdjfett  be§  3uftanbe§ 
burd)  ba§  Sfeufterltdjtoerben  beffetben  bermeljrt;  fonbern  bie 
ruirftierje  Sünbe  ift  gan§  al§  baffelbige  and)  ba,  mo  nur 
innerlidj  |ünbljafte§  er[d)eint  unb  an  einent  Moment  be3  Söe* 
wuf$tfein§  a(§  ©ebanfe  ober  al§  Söegterbe  Sijett  tjat1  S)eun 
fo  mie  bie  Riebt  aud)  fdjou  al§  innere  ^Bewegung  bie  ©rfüttung 
be§  (55e[e5c§  ift,  med  fie  oljnfeljlbar  bei  ieber  gegebenen  SBer* 
anlnffnng  I)erborbrid)t  in  bie  äußere  'gfyat:  fo  ift  aud)  bie 


1  Actio    pugnans     cum    lege   Dei  (Melanchth.  I.e.)    fann    auef; 
tfne  foTrfic  npch  flana  inncrlicfie  ^etoeaung  fdjou  ßcitathrt  toerben. 


®er  ©IaufienSlefjre  atoetter  Sfjeü.  (Srfter  Sföfcfjnttt.  349 

iöegterbe  raenngteict)  nur  innerlich  fiel)  regenb  fcrjon  bte  ttritf* 
lic^e  ©ünbe  au§  bemfelben  ®runbe.  Unb  bieg  ift  eine 
gormel,  bie  roemt  man  nur  ba§  28ort  Söegterbe  im  meiteften  1 
Umfange  nimmt,  fiä)  für  alte  rotrftic&e  ©ünbe  eignet,  mit  I 
SütSnaljme  oielleic&t  berjenigen  gälte,  mo  un§  bie  SBirffamfett 
be§  ($5otte§bemußtfein§  nur  fcr)eint  burdj  £tägbeit  gehemmt  gu 
merben,  raieraol  fict)  aud)  biefe  mol  laffen  auf  bie  Sßegietbe 
surüff führen,  meläje  nur  irgenb  eine  Gelegenheit  fiel)  nidjt 
netfcb/lagen  roift.  $ebe  (Srflätung  aber  ber  ttHrflidjen  «Sünbe, 
■fei  fie  nun  mefjr  ober  minber  allgemein,  ift  nur  infofern 
richtig  al§  fie  auf  bte  §um  ®runbe  liegenbe  ©ünbfjafttgfeit 
surüffgetjt,  unb  al§  ftd)  ba§  23eroußtfein  ber  ©rlöfungS* 
bebürftigfeit  leitet  bamit  berbinbet.1  —  SBenn  mir  un§  nun 
gleidj  bie  urfbrünglidje  ©ünbbaftigfeit,  au§  meldet  alle  nritf? 
Itdje  ©ünbe  Ijetborgeljt,  al§  ®efammttfcat  unb  (Sefammtfdjulb 
be§  menfd)lid)en  <$efd)ledjt§  unter  bie  ©tngemen  nadj  3eit 
unb  9?aum  nid)t  gleich  unb  gleichmäßig,  fonbern  ungleich  ber« 
ttjetlt  benfen:  10  Reifet  bie§  nur  fobtel,  ba%  in  bem  (Sinen  bie 
eine  ©ünbe  letdjt  f)etbortritt,  bit  anbere  feltener,  in  bem 
Slnbern  umgefetjrt,  je  itadjbem  e§  für  ^eben  §u  ber  einen  nur 
etne§  geringeren  feiges?  bebarf  al§  51t  ber  anbern  nad)  9Jcaaß= 
gäbe  ber  perforieren  ^aturanlagen.  ®eine§roege§  ift  e§  fo 
§u  betftetjen,  al§  ob  abgelesen  üon  ber  (Srlöfung  irgenb  ein 
einzelner  ÜDtenfd)  gegen  irgenb  eine  üon  ben  betriebenen 
gormen  ber  (Sünbe  butc^  feine  $erföntict)£eit  fo  ftdjer  gefteHt 
märe,  ba%  er  unmöglich  in  btefetbe  berf  allen  fönnte.  SBielmeljr 
mirb  einem  geben  fein  Sßemußtfein  fagen,  baß  auf  fiel)  felbft 
surütfgemiefen  meber  er  felbft  nodj  irgenb  ein  Ruberer  bte  1 
OöUige  ©idjerfjeit  gegen  irgenb  eine  Slrt  be§  SBöfen  in  fic§  I 
ttage,  inbem  \ebev  Slufmerffame  fobiel  Slljnbungen  unb  gleich 
fam  Meinte  bon  allem  SBöfen  in  fiel)  entbefft,  ba%  menn  nur 
bie  Neigung,  bit  überall  §ur  urfbtünglic&en  ©ünbfjafttgfett 
^insulommen  muß,  um  bit  roirflicije  ©ünbe  tjerborgubringen, 
groß  genug  gefegt  merben  fönnte,  alSbann  auet)  jebe§  Sööfe  in 
Gebern  al§  roirfltdje  ©ünbe,  roenngleidj  rticrjt  jebe§  tjabitueß 
fonbetn  nut  in  einseinen  gälten,  l)etbortreten  mürbe.2 


1  2Int  toenigften  finbet  fttf)  bafjer  bo§  djriftlidje  <SeI6ftöetou&tfem  gu= 
trieben  geftettt  bei  folgen  (Srftärungen  Jnie  bie  öon  Sfeinftarb: 
peccatum  est  quaevis  aberratio  a  modo  tenendae  verae  felicitatis. 
2ogm.  §.  75. 

2  Calvin.  Ins  t  i  tt.  II.  3,  3.  Omnibus  ejusmodi  portentis  ob- 
noxia  est  unaquaeque  anima. 


350  2)er  c^riftUdje  ©laube.  grfter  Xfctl. 

§.  74.  @3  befielt  in  23esug  auf  bie  ©ünbe  fein. 
SBertbunterf  dneb  unter  i)tn  2flenfdjen,  abgefeben  batoon,, 
bag  fie  nid^t  in  Sitten  in  bemfeiben  Sßer^ättnife  §ur  ®u 
löfung  fte^t. 

1.  Sitte  roirflicben  ©ünben  muffen  bem  bi§berigen  infolge 
für  gleid)  angefeben  merben  fomol  üjrem  SSeien  unb  (Ebarafter 
nadj  als  ibrer  (Sntftebung  nacb ;  beim  jebe  ift  eine  (Srfcbeinung 
ber  attgemeinen  ©ünb^aftigtett ,  unb  iebe  ift  ein  menngletcb 
nur  momentaner  ober  partieller  ©ieg  be§  f$leifcl)e§  über  \>tn 
®eift.  £)ie  beftimmenbe  ®raft  be§  ©otte§bemufctiein§,  meiere 
in  ber  <Sünbe  gehemmt  mirb,  fann  freilief)  eine  größere  ober 
geringere  fein.  $ft  fie  nun  gröfjer:  fo  ift  auf  ber  einen 
(Seite  aud)  ba§  geiftige  Seben  in  meinem  ein  folcr)e§  oorfommt 
fräftiger,  unb  oermöge  biefer  Straft  ift  in  einem  folgen  Seben 
bie  ©ünbe  mebr  im  Sßerfcbminben,  mithin  Heiner.  SBogegen 
man  auf  ber  anbern  ©eite  fagen  fann,  oafj  menn  bie  geiftige 
®raft  größer  ift,  and)  ber  SBiberftanb  be§  gleifdjeS,  burdj 
melden  jene  übernmnben  mirb,  fräftiger  fein  mufj,  mithin 
bie  ©ünbe  größer.  Söefommen  mir  alfo  für  benfelben  gatt 
au§  üerfctjiebenen  ©efid)t§punften  entgegengefe^te  fHefultate: 
fo  folgt,  bafc  mir  entmeber  atte  für  gleicb  erflären  muffen, 
meil  jebe  au§  bem  einen  ®eftcbt§punft  bie  größere  au§  bem 
entgegengeleaten  bie  fleinere  ift;  ober  mir  muffen  erft  beibe 
auf  etnanber  äurüfffübren ,  unb  bann  ergiebt  fict) ,  bafj  oon 
einer  Söeftimmung  be§  fünbltcben  SßertbeS  einzelner  Momente 
nur  bie  $ebe  fein  fann  in  Sßesug  auf  be§  föanbelnben  (Se* 
fammt^uftanb,  fei  e§  nun  be§  3Sad)§tburn£>  ober  $erfd)minben& 
ber  ©ünbiidifeit,  ba%  fjeifjt  auf  bem  (Gebiet  be3  cbriftlicben 
SöeroufjtfeinS  mit  Söeaug  auf  ben  ©nabenftanb  be§  ©inselnen, 
mie  unfer  ©as  e§  au§fprid)t.  5lbgefeben  Ijieöon  unb  jeben 
Moment  für  ftdj  betrad)tct  bleibt  e§  richtig,  bafj  bie  Surftet)- 
tl)tittgfeit  be§  gleifd)e§  i£;ii  §ur  ©ünbe  mad)t,  ofjne  ba%  ber 
Snfjalt  einen  Unterfcbieb  begrünbete;  benn  atte  £bätigfeiten 
be§  gleifctjeS  ftnb  gut,  menn  bem  (Reifte  geborfam,  unb  aKe 
böfe,  menn  Io§geriffen  oon  üjm.  2)affelbige  ergiebt  fiel)  aud), 
menn  mir  barauf  feben,  bafj  ber  fünbücbe  (Mmlt  um  befto 
gröfeer  ift,  ie  geringfügiger  bie  äußeren  5lufforberungen  maren, 
meld)e  nur  übermuuben  su  merben  braudjten.  S)enn  aucb 
biefe  ftnb  nictjt  für  ^eben  baffelbe;  jonbern  für  ben  (geübteren 
ift  bie  nur  noct)  eine  geringe,  meiere  für  Slnbere  groß  ift  unb 
idniüerig.    «Sonacb   giebt  e§  atterbing§  größere  unb  fleinere 


©er  ©Iauöenäletyre  atoeiter  £&eü.  (gxftet  Sttfdjnttt.  351 


©ünben,  aber  für  un§  nur  mit  Söeäug  auf  bie  Sßirffamfett 
ber  (£rlö[ung;  unb  au3  biefem  (bebtet  oerbannt  alfo  bie  ttrdj* 
lidje  Sebre1  mit  Sflec&t  ben  <&ah  Oon  ®leid)f)eit  aller  ©ünben. 
2In  unb  für  fidj  aber  bürfte  er  fidj  mol  öertfjeibigen  laffen. 
SSie  benn  aucij  bie  meiften  gemöbnlidjen  (£int$eilungen  ber 
(Sünbe,  toelcfec  auf  iene§  SBexIjäitnife  feine  Söeste&ung  nehmen, 
ätr-ar  eine  SSexfctjiebentjeit  berfelben  ibrer  (Seftalt  unb  (£r* 
fctjeürnng  nadj  augbrüiten,  aber  ni<$t  eine  Ungleichheit  in 
üjrem  eigentlichen  ©ünbenmertlj  feftfteUen. 

2.  ©eben  mir  nun  auf  bie  Verfdjiebenljeiten  ber  mirflidjen 
©ünbe,  um  fic  in  beftimmte  ©ruppen  311  fonbern:  fo  treten 
un§  suerft  bie  beiben  £auptgeftalten  entgegen,  meiere  fidj  auf 
bie  beiben  föauptelemente  ber  urfprünglidjen  ©ünbbaftigfeit 
besiegen,2  inbem  nämlidj  bio.  mitfliege  ©ünbe  bem  sufotge 
baib  mebr  Sleufjerung  ber^egierbe  mirb,  baib  meljr 
poftttoe  Sßerbunfelung ,  b.  f).  Verunreinigung  be§ 
®otte3betouf3tfein3.  (Sfönsltdj  fönnen  mir  beibe  nidjt 
Reiben,  meil  immer  eine  bie  anbere  beröorruft;  benn  mo  in 
einer  ®efammtf)eit  eine  beftimmte  (Seftalt  ber  SBegierbe 
ijerrfcbenb  Serbortritt,  ba  entfielt  aud)  baib  eine  Umgeftaltung 
be§  (SotteSbettnr&tfeinS,  um  innerlid)  ben  Sßiberfprud)  ju  oer* 
Steffen.  @o  fest  audj  $aulu§3  auSeinanber,  toie  beibe  ftdj 
gegenseitig  erpljen;  unb  benft  man  fidj  beibe  auf  bem  Ijödjfteit 
®tpfet,  bie  fuperftitiöfe  2But&,  meiere  alte  $robuctionen  beä 
göaenbieneriidjen  28at)n§  äufammen^äuft,  unb  bie  leiben* 
fdjaftlicfje  SSutb  aller  loSgelaffenen  Vegierben,  unb  erfdjeint 
bann  gemifs  Gebern  in  beiben  ein  gleiches  Sücaafc  ber  $er* 
bammiidjfeit:  fo  muffen  aud)  febon  in  ibrer  ursprünglichen 
2Bed)ielmirfung  auf  einanber  beibe  gleidj  fein.  —  2öa§  ferner 
bie  ^int^eilung  in  äußere  unb  innere  ©ünben  betrifft,  fo 
Uefee  fidj  gegen  ba§,  ma§  febon  oben4  gefagt  morben  ift  um 
biefe  ©ifferens  absutoeifen,  nur  IjödjftenS  nod)  folgenbeS  ein* 
menben.  £)ie  äußere  $otfbringung  einer  fünblidjen  Zfyat 
nimmt  eine  trjeübare  Seit  ein,  unb  sexfätft  größtenteils  in 


1  Conf.  et  expos.  simpl.  VIII.  Fatemur  etiam  peccata  non 
esse  aequalia,  licet  ex  eodem  corruptionis  et  incredulitatis  fönt» 
exoriantur.  —  Melanchth.  loc.  th.  p.  126.  Ac  stoieae  illae  disputa- 
tiones  execrandae  sunt,  quas  servant  aliqui  disputantes  omnia  peccata 
aequalia  esse. 

2  Apol.  Conf.  I.  cmä  Hugo  de  St.  V.  Originale  peccatum  est 
ignorantia  in  mente  et  coneupiscentia  in  carne. 

3  Dtöm.  1,21—20. 

4  Unter  1.  biefeS  §• 


352  £er  djnftltche  glaube,  grjter  Xljeil. 

eine  9ici(je  Don  Momenten.  SBie  nun  offenbar  ein  anberer 
Seilt;  eintritt,  meint  nodj  innerhalb  biefer  «ßcit  eine  (Segen« 
ttrirfung  be8  ©otteSbeftmfctfeinS  erfolgt :  fo  ift  aucb  —  aUe§ 
übrige  glei<$gefegt  —  ber  fünblidje  2Bertfj  einer  £>anblung 
b'efto  größer,  ie  gröfjer  bie3nüjd)enaeit  ift,  in  meiner  bemtod) 
feine  folctje  ®egenunrt'ung  eintrat.  S)arau§  folgt  aber  nur, 
baB  e§  fünbltdje  ^anbinngen  giebt,  tuelctje  auf  eine  größere 
Ökiualt  ber  (Sünbe  fcbliefjen  Iaffen  al§  anbere;  aber  e£  folgt 
feine§mcge§f  bafj  ntc&t  Seber  fottte  fällig  fein,  £mnblungen 
Don  bemfelben  ©ünbemoertf)  roenn  and)  nictjt  oon  berfelben 
2lrt  su  begeben.  SBogegen  and)  lieber  genufe  bleibt,  bafe  e§ 
für  Seben  gemiffe  fünblicfje  ober  ber  ©ünbe  öerroanbte  innere 
üteioegungen  giebt,  melctje  ftctj  in  tfjm  nie  su  äußeren  ©ünben 
geltalten,  rueil  fte  au$  innerlich  meljr  ein  (Spiel  frember  al§ 
eigner  ($e  bauten  unb  (Erregungen  ftnb,  unb  baljer  aucb  meljr 
bem  (SJejammtleben  al3  bem  ©inaeinen  angeboren.  2lber  e§ 
nurb  feinen  geben,  ber  etma  nur  folctje  aufaumeifen  tjätte; 
unb  mit  Slbrcdjnung  biefer  bleibt  bod)  ber  Unteifd)ieb  ahnfcjjen 
innerlichen  unb  äußerlichen  ©ünben  mebr  ein  sufäüiger  al§ 
ein  njefentlidjer.  —  Sind)  luenn  man  änufdjen  oorjäälidjen 
unb  u  n  0  o  r  f  ä  5 1  i  d)  e  n  ©ünben  unterfdjeibet,  jält  man  ge= 
mölmlictj  bk  erften  im  allgemeinen  für  größer;  aber  mit  Unredjt. 
S)enn  unDorf  ciälidje  ©üuben,  fofern  fte  nurflidj  nod)  iganb* 
lungen  ftnb,  unb  nid)t  blofj  ©rfolge,1  ftnb  entmeber  ©ünben 
ber  Unnnffenfjeit  ober  ber  Uebereilung.  Sft  nun  bk  lln= 
nnffentjeit  gegrünbet  im  ÜUcangel  an  2Bertfjfcf)äaung  ber  fttt* 
lidjen  Sßebeutung  unterer  £>anblungen  überhaupt,  ober  bie 
Uebereilung  in  einer  leibenfdjaftlidjen  Üiidjtung,  meldjer  2lrt 
e§  aud)  fei;  unb  läßt  firf)  auf  ber  anbern  «Seite  ein  borüber« 
gefjenbeS  UnOermögen  in  einem  um  einem  finnlidjen  antriebe 
äu  miberfteben  befonberS  ungünftig  bebingten  Slugenbliff  al£ 
ein  Döttig  ifolirter  Moment  benfen,  ber  feinen  weiteren  (£in* 
flufj  ausübt:  fo  werben  Dorfäälidje  ©ünben  oon  biefer  s2lrt 
geringer  fein  al§  unDorfäslicbe  Oon  jener,  können  nun  balb 
bie  einen  größer  fein  balb  bie  anbern:  fo  ftnb  an  unb  für  fid) 
betrachtet  beibe  gleict).  —  2ltn  bebeutenbften  ift  unftreitig  in 
biefer    Söeaiefcuug    bk    ©intljeilung   ber   ©ünben  in  Zoo? 


1  %n  Iestcrem  gälte  toären  fie  in  ber  £fjat  gar  feine  (sünben,  unb 
baf)in  ift  ber  ftanon  $u  befd)ränfen  bei  Melanchth.  loc.  t  h.  p.  117. 
Nihil  est  peccatum  nisi  sit  voluntarium.  Haoc  sententia  de  civilibus 
delictis  tradita  est  .  .  sed  non  transfereudum  est  hoc  dictum  ad 
doctrinam   Evangelii  de  peccato. 


£er  ©Iauoen§lef,re  sroeiter  Xfjeir.  grfter  Sffifdjnttt.  353 

fünben  unb  läfclidje  ©ünben;  nur  ift  e§  feljr  f$raterig, 
bie  23ebeutung  btefer  Unter  [Reibung  ju  beftimmen,  ba  bic 
HuSbrüffe  fclbft  feinen  ftrengen  Gtegenfaj  enthalten,  (gütige  * 
geben  ifjnen  gan§  ben  ©um,  ber  in  unferm  ©a$  al§  ber  ein* 
äige  faltbare  Unterfdjieb  aufgestellt  mirb,  unb  e§  bliebe  bann 
nnr  noctj  gu  erörtern,  in  miefern  ber  begriff  ber  ©träfe 
Ijiebei  mitbeftimmenb  fein  mufj  ober  nidjt.  ©onft  fteljt  aller* 
bing§  burd)  jene  (£rflärungen  feft,  bafc  ber  Unterfdiieb  nur 
auf  bem  SBetfjältmfc  be£  £>anbelnben  §ur  (Srlöfung  beruhe. 
5lftein  biefe  Uebereinftinrmung  fdjeint  rateber  §u  berfctjroinben, 
iuenn  ^ugletct)  behauptet  mirb,  and)  bte  in  ben3u|ammenljang 
ber  ©rlöfung  aufgenommenen  lönnten  £obfünben  begeben, 
nur  bafj  bann  biefer  3ufammenl)ang  auffjöre,2  mobon,  ob  e§ 
al§  mögttd)  ansunefjmen  fei  ober  nicfjt,  ^ier  noctj  nid^t  !ann 
geljanbelt  roerben.  2)a  nun  aber  bie  Sftöglidjfett  ben  £u* 
fammenljang  mieber  ansufnüpfen,  bod)  nidjt  abgefdjnitten 
merben  foE:  fo  fürjrt  bie§  einerseits  auf  bie  ältere  2te* 
fttmmung3  gurüff,  na$  melier  nur  bieienigen  ntdjt  läfcttdjen 
©ünben  bollfommne  iobfünben  finb,  ähufdjett  meldten  unb 
bem  £obe  leine  Sßieberantmtpfung  be§  3ufammen5ang§  mit 
ber  ©rlöfung  erfolgt,  anbererfeü§  macfct  e§  nod)  eine  Unter* 
f Reibung  ghrifdjen  ben  Iä§Iict)en  ©ünben  notljmenbig,  tnbem 
aud)  bie  £obfünben  unter  geroiffen  Söebingungen  läfjlidje 
merben,  moburdj  benn  ber  innere  Unterfdjieb  ganj  aufprt 
9iet)men  mir  nun  nodj  ba^u,  ba%  bon  fielen  bie  ©ünbe  miber 
ben  ^eiligen  ®eift  als  eine  folc^e  borgefteHt  mirb,  raeldje 
jebe§  Sßieberanfnüöfen  an  bie  ©rlöfung  unmöglich  madjt:  fo 
erhalten  mir  anftatt  be§  einfachen  (StegenfageS  folgenbe  2lb* 
ftufung.    Säfelictje  ©ünben  an  unb  für  ftdj  finb  biejenigen 


1  Ibid.  p.  332.  Haec  mala  in  renatis  sunt  .  .  sed  quia  persona 
accepta  est  .  .  .  fiunt  huic  personae  haec  mala  venialia  peccata  unb 
p.  123.  •  .  actualia  peccata  quae  in  non  renatis  omnia  sunt  mortalia. 
—  2lm  aüerbeftimmteften  fbriajt  bie§  qu§  Saumgarten  Srjeol.  «Str. n. 
484.  35a  toir  aoer  foId)e§  nlcrjt  einräumen  —  nämlicfi  hak  mortalia 
unb  venialia  burd}  ein  discrimen  objectivum  berfcfjieben  fein  müjjten  — 
btelmefjr  ba§  SSerfjältntfe  ber  berridjtenben  ^erfon  gegen  bie  SBerjörjnung, 
(S&rifti  a\§>  ben  llnterfdjeibungSgrunb  annehmen  :c 

2  Melanchth.  ibid.  p  124.  Necesse  est  autem  discernere  peccata 
quae  in  renatis  in  hac  vita  manent  ab  illis  peccatis,  propter  quae 
amittuntur  gratia  et  fides. 

8  Augustin  de  corr.  et  grat.  35.  Ego  autem  id  esse  dico 
peccatum  ad  mortem,  fidem  quae  per  dilectionem  operatur  deserero 
usque  ad  mortem. 

©tft.,  <E$ri[tl.©I.L  2» 


854  ©er  djriftlK&e  ©laube.  drfter  2rjeil. 

©ünben  ber  SBegnabtgten,  Weldje  in  biefem  £eben  fd)Werlicfy 
toermieben  werben  fönnen,1  unb  weldje  bie  (Sriaffung  allezeit 
mit  fidj  führen;*  läfjlid)  werben  aber  aud)  alle  ©ünben  ber 
llnbegnabigten,  falls  fie  fidö  befeljren,  fo  Wie  aud)  alle  oor* 
fäälidje  ©ünben  ber  Sßegnabigten,  falls  fie  fidj  lieber  be* 
febren.  £obfünben  finb  an  unb  für  ftd)  bit  beiben  le^ge* 
nannten,8  falls  ber  gufammentjang  mit  ber  ©rlöfung  nid)t 
eintritt  ober  wieberljergeftellt  Wirb;  abfolute  Sobfünbe  ift 
nur,  bie  9ftct)tigfeit  ber  ©rflärung  oorauSgefest,  bit  @ünbe 
wiber  ben  heiligen  (Seift.  Offenbar  aber  ift  ber  Unterfdjieb 
3Wifd)en  ben  an  fidj  lä^Iictjert  ©ünben,  Wenn  fie  bod)  ber 
9teue  unb  5lb£»itte  bebürfen,  unb  ben  £ob)ünben  ber  Söe^ 
guabigten,  roel^e  läfjlid)  werben,  inbem  fie  ben  berloren  ge* 
gangenen  (Snabenftanb  oermittelft  ber  Sfteue  Wieber  erlangen, 
aud)  je  geringer  bte  Swtfdjenaeit  ift  um  fo  weniger  merflid)^ 
(Sr  Würbe  ftd)  audj  bermöge  beS  SfterfmalS  Wiber  baS  ®  e* 
wiffen  auf  ben  gWifdjen  öorfäälidjen  unb  unborfäalid)en 
©ünben  gurüfffüljren  laffen.  Slllem  ba  au$  im  ©nabenftanbe, 
wenn  bie  (Srfenntnifc  ber  ©ünblidjfeit  gewohnter  «Suftänbe 
fidj  OerOoEf ommnet ,  nodj  immer  ein  .ßurüff  bleiben  &ex: 
äötllenSfraft  gegen  bk  Gsinfiäjt  entfterjt:  fo  Werben  aud)  oor= 
fägltd^e  ©ünben  borfommen,  welche  Weil  fie  mit  einem  gort= 
fctjxitt  berbunben  finb  bodj  nid)t  einen  gänslidjen  SluSfall  au£ 
ber  ®nabe  bewirten  fönnen.  2)iefe  ßintmifflungS Weife  nidjt 
beruf  fftdjtigenb  behauptet  man  311  frütj,  bafj  ber  SBiebergeborne 
nidjt  me^r  Wtffentlidj,  benn  barin  liegt  fdjon  WenigftenS  ber 
geringfte  ($xab  beS  borfä'slidjen,  fünbigen  fönne,  Wogegen  man 
eigentlich  nur  nadj  ber  Analogie  mit  bem ,  WaS  wir  bon  bem 
SSerrjältrttfe  beS  einseinen  SOcenfdjen  §ur  Sftatur  gefagt  §aben, 
behaupten  follte,  er  fönne  fidj  ntdjt  burdj  eine  einzelne  £anb= 
lung,  auf  Weldje  bodj  bte  göttliche  ®nabe  aud)  einen  ©tnflufj 
f)at,  feine§  ganzen  (SnabenftanbeS  berauben.  (Sonadj  bleibt 
fein  wesentlicher  Unterfdjteb  übrig,  als  ber  in  ben  äBer&ält* 
niffen  beS  ftanbelnben  §ur  ©rlöfung  feinen  (Srunb  Ijat    2Sa§ 


1  Augustin.  de  spir.  et  litt.  48..  .  .  non  impediunt  a  vita 
aeterna  iustum  quaedam  peccata  venialia,  sine  quibus  haec  vita 
non  ducitur. 

2  93  au  mg.  a.  a.  D.  ®emt  wtetool  totr.  fagen,  fie  feilen  beStoegen 
renialia,  roeil  fie  bie  (£rlaf[utig  allezeit  mit  fid)  führen. 

8  Melanchth.  1.  c.  Est  igitur  actuale  mortale  in  labente  post 
reconciliationem  actio  interior  vel  exterior  pugnans  cum  lege  Dei 
facta  contra  conscientiam.  Ibid.  p.  276.  nee  potest  stare  cum  malo 
proposito  contra  conscientiam  fides. 


©er  ©lauBensle^re  ätoeiter  SD^eif.  ©rfter  Stöfdjnitt.  355 

aber  bk  ©ünbe  nriber  ben  beiligen  ®eift  anbetrifft,  fo  nmrbe 
biefe  fretli$  eine  2lrt  für  ft<$  au§ma$en,  aber  fo  lange  bte 
2lu§legung  ber  ©djriftftellen  ftreitig  ift,  auf  benen  ber  ganje 
begriff  beruht,1  mufc  bk  ®lauben§lebre  bie  51u§mitttung  ber 
©a$e  ber  2lu§legung§runft,  fo  toie  bie  Söeljanblung  ber  gälte, 
reo  iemanb  glaubt,  btefe  ©ünbe  begangen  §u  fjaben,  ber  be* 
fonberen  ©eelforge  überlaffen,  unb  fann  ft^  nidjt  anmaafjen 
5u  rieten,  ttm§  fie  fei  unb  in  freieren  fte  fei.  OTgemein  aber 
muß  fte  ben  ©aj,  al§  ob  irgenb  eine  ©ünbe,  roenn  fie  mit 
Sßesug  auf  bie  drlöfung  bereut  roirb,  nidjt  bergeben  roerben 
fönne,  al§  bk  OTgemeinfjeit  ber  Gsrlöfung  befdjränfenb,  ber* 
werfen. 

3.  Stuf  baffelbe  führen  audj  genau  betrautet  bie  ber* 
f<$iebenen  Slbftufungen  ber  menfd)lid)en  Buftänbe  in  Sßesug 
auf  bk  ©ünbe,  meldte  tljeil§  unmittelbar  au§  ©teilen  ber 
©d)rift,  tt)eil§  bermittelt  burdj  bk  botfömäfcige  ©arfteüung 
in  bie  ®lauben§lebre  übergegangen  ftnb.  2)er  Buftanb  ber 
gr ext) ett2  nämlidj  berfterjt  ftdj  im  (SSegenfas  gegen  ben  ber 
§ne$tfdjaft  bon  felbft  al§  berjenige,  in  freierem,  roenn  man 
ibn  in  feiner  SSollfommenf)  eit  benft,  nur  nodj  bit  an  unb  für 
ftdj  läfjlidje  ©ünbe  borfommt  bermöge  etne§  fo  ftetigen  unb 
lebenbigen  Sufammen^angeS  mit  ber  ©rlöfung,  bafj  bk  un* 
norf ablief) en  ©ünben  immer  fleiner  ftnb  al§  iebe  borfäslidje. 
2)ie  SBeäeidjnung  ber  ®ned)tfd)aft  für  ben  Buftanb  ber  £>err* 
fdjaft  ber  ©ünbe  fe^t  aber  borau§,  bafj  bermöge  ber  innern 
51nerfennung  be§  (SotteSberoufjtfeing  ber  Sftenjtf)  bie  gor* 
berungen  be3  gleifd)e§  ntdjt  mit  boller  Buftimmung  öoHsie^t. 
SSebenft  man  aber,  ba%  bie  gretrjeit  al§  golge  be§  Bufammen* 
|ange§  mit  ber  (£rlö[ung  nur  au§  ber  ^rtec^tf^aft  entfielen 
!ann:  fo  begreift  ftdjj  au<$,  bafj  bit  greibeit  in  ber  2Cu§übung 
nur  altmäljtidj  roadjfenb  audj  nodj  mit  ©füren  ber  Shtedjt* 
fct)aft  bermifdjt  fein  toirb.  9te  aber  untertreibet  man  nodj 
bon  bem  Buftanb  ber  Snedjtfdjaft  al§  feftfimmere  bk  Buftänbe 
ber  ©tdjerbeit,  ber  £eud)elei  unb  ber  SSerftoffung.  ©oll  aber 
ein  fdjlimmerer  Buftanb  audj  al§  bie  bollfommene  ®nedjtfdjaft 
eintreten:  fo  müfjte  jene  innere  Slnerfennung  gänälidj  sunt 
©djmeigen  gebraut  fein.  31tfein  ba  fte  momentan  felbft  in 
bem  Buftanb  ber  greirjett  fdjroeigt  hti  ben  ©ünben  ber  lieber* 
eilung:  )o  tonnte  burä)  bte§  ©djroetgen  ein  gans  eigentbüms 
lidjer  Buftanb  nur  begrünbet  roerben,  menn  man  e3  al§  ftetig 


1  2ftatifi.  12,  31.  Sttf.  12, 10. 

'  Sftöm.  6,  18—22.    ©benöaf.  8,  2. 

23* 


356  $er  tfiriftltdje  ©raube.  GrfterEljeU. 

unb  bte  innere  (Stimme  al§  anf  im  erroeff  tiefte  Söeife  erftorben 
anfe^n  fönnte;  unb  bk§  tft  rool  aueft  b er  ©mit  be§  3lu§bruff§ 
SSerftoffung,1  roelcfter  guftanb  fteft  am  beftimmteften  bar- 
freut  in  einem  benmfjten  unb  feften  SSillen  ba§  ®otte§bemuf3t* 
fein  nieftt  ju  boltsieften.  Mein  gu  biefem  guftanbe  fömten, 
ba  bie  Ütidjtung  auf  ba§>  ©otteSbetoufetfeht  einen  tntegrtrenben 
S3eftanbtr)etl  ber  menfd)licften  Sftatur  hütet,2  inbem  felbft  bei 
einer  folgen  Verunreinigung  bie[e§  SBeraufjtfeinS,  ba%  ben 
(Göttern  menfcftlicfte  Verfefjrt^eiten  beigelegt  merben,  bie  (Seele 
nieftt  ganj  otjne  5lftnbung  babon  tft,  bafj  e§  tttva$  gtebt,  ma§ 
mit  bem  ($5otte§bemu£tfein  unerträglich  ift.  (Sollte  e§  aber 
ol§  unerraefflicft  erftorben8  angefefjen,  mithin  ber  SSerftofftc 
al§  böllig  unzugänglich  für  bh  ($nabe  betrachtet  merben:  fo 
märe  bieg  eine  barticutariftifefte  Söefcftränfung  be§  %zh\tt& 
ber  (Srlöfung.  ©a§  35emu^t[ein  biefe§  (55efese§  !ann  alfo  nur 
gänältd)  fehlen,  fo  lange  ba§  (SJotteBbehmfetfetrt  nieftt  entmiffelt 
tft,  alfo  bor  bem  guftanbe  ber  Shtecfttfcftaft.  £)tefe§  !ann  in 
ber  einzelnen  (Seele  ein  Buftanb  ber  1Ror3r)eit  fein,  raenn  bie 
(bemalt  be§  ftnnlidjett  £fteil§  bie  ©ntmilflung  Ijinbert;  aber 
aueft  bie§  gehört  bem  Buftanb  ber  ^nectjtfdftaft  an,  benn  ba$ 
surüffljattenbe  ift  nur  baffelbige,  rooburdj  aueft  ba%  fefton  ent= 
roiffelte  in  feiner  SBirffamfeit  gehemmt  roirb.  ®te  tfmfdjen 
biefen  beiben  ßhtbjnmften  liegenden  Suftänbe  ber  (Sicfterljeit 
unb  ber  £>eudjelei4  flehen  aber  roeber  in  beftimmt  ber= 
feftiebenen  Sßerftältniffen  %u  jenen  beiben,  noeft  fdtfiefeen  fte 
einanber  in  irgenb  einem  (Sinne  beftimmt  au§,  fonbern  fte 
gepren  bem  guftanbe  ber  ®nedjtfcftaft  an,  unb  ftnb  mit  allen 
berfefttebenen  (graben  beffelben  berträgfieft  nur  nierjt  mit  bem 
untergeorbneten  Söorfommen  ber  fötedjtfdjaft  in  bem  3uftanbe 
ber  greifjett.  (Sonacft  bleibt  aud)  Ijier  nur  ber  ©egenfas 
änrifeften  greiljett  unb  ®nedjtfcftaft  übrig,  melier  eben  ba§ 
toerfeftiebene  Verhalten  jur  ©rlöfung  au§brüfft. 

4.    ©er  in  unferm  Sas  al§  einsig  roefentlid)  aufgehellte 


1  SRcinTjarbg  ©rflärung  ©ogtn.  §.  88.  Conditio  hominis  qui 
diutius  peccando  tandem  desiit  propositis  ad  virtutem  incitamentis 
moveri  fcebarf  erft  ntefir  auf  btn  ©tanbpunft  ber  §römmig!ett  iuxült= 
geführt  äu  tuerben,  würbe  aber  bann  baffelbe  ergeben. 

*  Augustin.  de  spir.  et  litt.  48.  Nam  remanserat  utique  id, 
quod  anima  hominis  nisi  rationalis  esse  non  potest;  ita  ibi  etiam 
lex  Dei  non  ex  omni  parte  deleta  per  iniustitiam. 

8  Sieg  Hegt  auch  toeber  in  §ebr.  3,  8.  13.  belogen  auf  2.  3Äof.  17,  7. 
noch  in  2.  $or.  3, 14. 

*  SSeigl.  u.  a.  Sieinbarb  a.  a.D. 


25er  ©Iau&en§Iefae  atoeiter  3$ell.  (Srfter  Stöfänitt.  357 

Unterfdjteb  nrirb,  roenn  mir  sugfeid)  ba§  Verljältnifj  bec  toixU 
lidjen  ©ünbe  au  ber  urfprünajltdjen  ©ünbfmftigfeit  berüff* 
fidjtigen,  fidj  am  beftimmteften  fo  f äffen  laffen,  ba%  bit  toixt* 
lic&e  ©ünbe  beseitigen,  welche  in  einen  ftetigen  Bufantmenljang 
mit  ber  ®raft  ber  ©rlöfung  geftellt  finb,  nidjt  meljr  berur* 
farfjenb  ift  roeber  in  itjnen,  nod)  and)  burd)  üjre  ©djulb  aufjer 
tönen.  $enn  fte  ift  burdj  bie  ifmen  perfönlicl  nnb  felbfttljätig 
eingepflanzte  ®raft  be§  (SotteSbetoufctfeinS  gebrochen,  fo  öaf 
fte  aud),  mo  fte  an§  53tct)t  tritt,  nur  al§  im  SBerfdfjnrinben 
exfdjetnt,  unb  feine  anfteffenbe  ®raft  meljr  ausübt.  Sitte 
©ünben  ber  Söiebergeborenen  finb  batjer  fotctje,  meldte  ba§ 
geiftige  Seben  nidjt  Ijinbern,  meber  in  iljnen  felbft  nodj  in 
ber  ®efammttjeit.  SSogegen  bit  ©ünben  ber  ^i^tmieber* 
geborenen  immer  berurfadjenb  finb  in  iljnen  felbft  fomol,  roetf 
nämlich  jebe  tttoaä  Ijutäufügt  §ur  %fla$t  ber  ®emol)nljeit  unb 
eben  fo  gur  Verunreinigung  be§  ®otte§6eftmf3tfetn§,  al§  audj 
aufjer  ifmen,  roeil  ®leid)e§  immer  mieber  ba&  (SJIeicfje  aufregt, 
unb  audj  ba§  ber  unreinigte  ©otteSbetoufctfem  ftd)  burdj  %k\U 
tu  eilung  b  erbreitet  unb  befeftigt.  SDatjer  roa§  in  einer  bon 
bem  ©ebiete  ber  (Srlöfung  nod)  getrennten  ($5efammtljeit  tttoa 
an  geiftigem  Seben  beftefjt,  unb  bon  untergeorbneten  @nt* 
nnfflung§punften  au§  —  fei  e§  nun  bas>  &eben  im  <&taat  ober 
fei  e§  SSiffertfctjaft  unb  Shmfr  —  bermeljrt  unb  errjötjt  merben 
roiH,  immer  raieber  burd)  btefe  (Sünbe  in  feinem  gortf  breiten 
gehemmt  unb  in  jenen  «Strubel  ^inabgeaogen  mirb,  fo  ba§ 
r-on  itjr  mit  IRecrjt  gefagt  toerben  fann,  bafj  fte  ba§  geiftige 
Seben  in  ber  (^efammt^eit  berringert,  b.  jj.  fte  beffen  beraubt. 
2öiH  man  biefen  ©egenfa^  aufgeben  unb  nur  einen  Unterfdjieb 
gmifdien  größerer  greitjeit  (gütiger  unb  geringerer  greitjeit 
Ruberer  annehmen  ofjne  Söe^ieljung  auf  einen  beftimmten 
SSenbepunft,  bon  mo  ab  bie  nur  nod)  mit  einer  5lljnbung 
oon  greiljeit  oerfe^te  Snedjtfdjaft  in  bie  nur  nodj  ©puren 
ber  ®nedjtfd)aft  tragenbe  greitjeit  übergebt,  ba$  §eif$t  baS  (Gebiet 
roenigften§  be§  ftrengeren  (£t)riftenttjum§  berlaffen  unb 
enbet  bamit,  burd)  bk  pelagianifdje  Slrtftc^t  beffetben  ftdj 
in  ben  9?aturaligmug  fyinübersufpielen,  inbem  biefen  (SSegenfaj 
aufgehoben  feine  fpecififdje  innere  Sßirfung  ber  ©rlöfung 
toeiter  übrig  bleibt.  Unb  eine  foldje  giebt  fidj  bodj  als 
ba$  urfprüngtidje  Söenmfjtjein  in  ber  Ij.  ©d)rift  allgemein 
§u  erlennen,  bafj  nidjt  erft  nötljig  fein  fann  auf  einzelne  5lu§s 
brüffe  unb  gormein,  tuie  ba§  ^ßegrabenm erben  in  bcn  Zob 
^rifti  unb  bh  neue  (£reatur  ober  ber  ®egenfas  smifc^en  bem 
fleif^Iictjen  unb  geiftigen  9^enfc^en  surüffäuge^n.    ä^eint  man 


358  »et  Wtltdje  ©taube.  GtftetSfcU. 

ober  eben  biefen  ©egenfas  aucb  fo  au§brüffen  31t  fönnen,  ba§ 
'  in  bem  einen  .ßuflanbe  amar  aucb  nocb  <Sünbe  fei,  in  bem 
1  anbera  aber  fei  aüe§  <5ünbe:  fo  ift  bie§  tljeüS  fdjief,  roetl 
feine  genaue  ©ntgegenfeäung  ftattfinbet,  tljeilS  fjart,  tuenn  aHe§ 
eble  unb  fcböne,  ba$  ftdj  im  £>eibentfjum  entroiffelt  t)at,  als 
©ünbe  fott  beseidmet  roerben.  ipicr  fönnen  mir  inbefj  nur 
barauf  Söebadjt  nehmen,  ba§>  mangelbafte  in  ber  (Entgegenfesung 
ju  ergänzen.  Sftämlidj  nacb  bem  obigen  bleibt  eine§  Stetig 
in  allen  guten  Sßerfen  be§  Söiebergebornen  bie  lä'feltdje  Sünbe 
in  trgenb  einer  (Seftalt  übrig,  fte  ift  aber  nur  gletcbfam  ber 
(Statten  ber  ©ünbe,  nämticb  bie,  menn  man  auf  ben  ge= 
fammten  innern  ßuftanb  fiebt,  ntdjt  gemottte  fonbern  äurüff* 
gemiefene  Sftacbratrfung  ber  nur  allmäljlig  ju  überminbenben 
Sraft  ber  ©eraobuljett.  (Sben  fo  aber  ift  aud)  in  ben  nidjt 
fcrjon  an  unb  für  ftd)  vergebenen  ©ünben  be§  natürlichen 
ÜDtenfcben  äugletdj  überall  aud)  ber  balb  ftärfere  balb  icbmäcbere 
©chatten  be§  ®uten,  nämlicb  bie  anerfennenbe  5lbnbung  eine§ 
8uftanbe§  obne  innern  Sßiberfarud),  ©Ratten  freiließ  nur, 
roeil  biefe  Sßorfteftungen  ftdj  nie  berförpern  ober  p  einer 
ftetigen  SSirffamfeit  gebetben.  SBie  benn  borsügltd)  aud) 
roegen  be§  Verunreinigten  ©otte§bemu^tfein§,  momit  e§  fictj 
oerbinben  mufcte,  nicf)t§  beffere§  im  &etbentljum  ein  gemein* 
fame§  Seben  §u  geftalten  Vermochte.  (Sben  fo  erfebeint  audj 
an  bem  unerleucrjteten ,  ber  in  einem  äußern  Bufammenbang 
mit  bem  (£briftentfjum  ftejt,  manches  ma§  biefem  angehört, 
obue  ba£  e§  bodj  eine  lebenbige  ®raft  in  i$m  märe,  fonbern 
e§  ift  nur  ber  SBiberfcbein  Von  bem  roa§  in  Zubern  gefegt  ift. 


gtoeiter  2lbfd?nttt. 

S8on  ber  33ejd}affenl)eit  bcr  SBett  in  SSegtebimg 
auf  bie  ©imbe. 

§.  75.  3ft  t)te  ©ünbc  in  bem  3flenf$en  gefegt :  f  o 
fhtbet  er  aud)  in  ber  SBelt  als  feinem  Drt  befyarrltdj 
toirfenbe  Urfac^en  bon  Seben^emmnngen ,  b.  b-  Hebel; 
umb  biefer  2Ibf<bnitt  bilbet  ba^er  baä  Sebrftüff  bora 
Hebel. 

1.  SDa£  bon  ber  SBelt  in  einer  (Glaubenslehre  überhaupt 
ittc^t  anberS  bte  Sftebe  fein  !ann,  al§  fofern  fie  fidj  auf  ben 
Uftenfdjen  bejieljt,  toerfteljt  ftdj  bon  felbft.  könnte  fie  alio 
aud)  anbertneitig  bur<$  bte  «Sünbe  beränbert  merben,  fo  ba% 
neue  Sßeftanbtljeile  entflänben  ober  bie  alten  iljre  9catur  ber* 
änberten:  fo  märe  btefe§  zttvaZ  in  bie  Glaubenslehre  gar 
•iticjjt  gehöriges,  ©afjer  lann  audj  nur  beiläufig,  unb  unt- 
reu biefe§  häufig  in  bie  religiöfen  ffllittf) eilungen  gemifdtf 
tuorben  tft,  ermähnt  merben,  bafj  bieg  eine  gan§  IjaltungSlote 
'^orftettung  tft,  au§  einigen  mofaifeben  ©teilen1  oljne  Ijin* 
reiebenben  ©runb  sufammengefolgert.  2lber  audj  in  Söejug 
auf  ben  üücenfcben  fann  fie  nur  in  ber  SBeife,  nrie  ber  <Sas 
befaßt,  anbere  Söefdjaffenljeiten  annehmen,  tljeilS  infofern  fie 
tljm  anber§  erfebeint,  tfjeil§  infofem  ba$  ma§  bon  ber  ©ünbe 
ausgebt  bk  urfprünglicbe  Bufammenftimmung  ahrifeben  ber 
SBelt  unb  bem  ätfenfdjen  aufgebt.  9lämli<$  in  bem  begriff 
ber  urfarünglicben  SSolIfommen^eit  ber  SBelt,2  roenn  mir  üjn 
auf  bie  urfprünglicbe  Sßollfommenbeit  be§  9ftenfd)en  besiegen, 
tft  bie§  nidjt  mitentl)  alten,  bafc  bit  SBelt  ber  Drt  be§  Hebels 
ift  2)enn  immer  mufj  e§  freiltd^  einen  relatiben  Ijter  ftärfer 
$ort  fdjmäcber  Ijerbortretenben  ®egenfa§  be£  un§  gegebenen 
<Sein£  su  kern  leiblichen  ©ein  ber  menfcblidjen  ©inselmefen 
«gegeben  tjaben,  meil  biefe  fonft  nidjt  Ratten  fterblicb  fein 
lönnen ; 3  allein  fo  lange  jeber  Slugenbliff  menfdjlidjer  «Selbft* 


1  ®cn.  3,  14.  16—18.  *  @.  §.  59. 

*  SSgl.  hierüber  §.  59.  @.  322  flgb. 


360  ffier  djtiftlidje  ©taube.  Grfter  ££>eu\ 

tbätigfctt  mir  ein  $robuct  in  bie  urf^rüiiQlic^e  Sßottfommen- 
Iictt  be§  SÖtenfc&en  gcmefen  märe,  mittjin  ieber  burdj  ba§; 
©otteSbemufctfein  beftimmt  unb  atteS  ftnnlidje  unb  leibliche 
nur  hierauf  belogen,  fo  lange  fonnte  jener  ©egenfaj  ntcrjt  al§ 
SebenStjemmung  in  ba§  ©efammtbemufetfein  aufgenommen 
merben,  meil  burd)  benf  el6en  bie  Stbätigf  eit  be§  ($5otte§bemuf$tl"ein§ 
auf  feine  SSeife  gehemmt,  fonbern  nur  bie  Sftefultate  berfelben 
anber§  geftaltet  merben  fonnten.  3)ie§  gilt  felbft  bon  bem 
natürlichen  £obe  unb  ben  üjm  al§  ®ranfljeit  unb  (Sdjmäctje 
oorangeljenben  leiblichen  2eben§()emmungen,  inbem,  ma§  bem 
leitenben  unb  beftimmenben  böseren  SBennifctfem  nid)t  mebr 
bienen  fann,  audj  nierjt  getrollt  mirb.  SBie  mir  ja  auetj  nadj 
ber  (Schrift1  nietjt  be§  &obe§  megen  ®necf)te  ftnb  fonbern  au§ 
gurefct  be3£obe§.  &errfcrjt  fjingegen  ftatt  be§  ®otte§6ettm&t* 
fetn§  ba§  gleite!) :  fo  mufe  aud)  jebe  (Smmirfung  ber  SBelt, 
meiere  eine  Hemmung  be§  leiblichen  unb  seitlichen  £)afein§ 
in  fief)  fcrjliefjt,  je  meljr  ber  Moment  buret)  biefe§  allein  of;ne 
ba$  pljere  ©elbftbemu&tfein  abgefdjloffen  mirb,  um  befto 
meljr  als?  ein  Uebel  gefegt  merben,  meil  ba§>  $rmcip  surüff- 
gebrängt  ift,  meld)e§  allein  audj  für  biefen  %aU  bie  lieber- 
einftimmung  Ijätte  Ijerftellen  lönnen.  2)a  nun  ber  relatioe 
(itegenfas  ämifdjen  bem  äufjern  ©ein  unb  bem  seitlichen  2)a* 
fein  be§  99ienfct)en  mit  ^otfjmenbigf  eit  unb  allgemein  befielt: 
fo  ift  audj  mit  ber  ©ünbe  sugleid)  ba%  Uebel  gefest  in  ber 
erften  gorm,  bafj  nämlich  bie  SSelt  bem  ÜUcenfdjen  anberS  er* 
fdjeint  al§  fte  üjm  oljne  (Sünbe  erfdjienen  märe.  SBa§  aber 
bie  anbere  betrifft,  meiere  sunädjft  in  menfdjlid)er  mit  ber 
(Sünbe  bermanbter  Stljätigfeit  itjren  ®runb  Ijaben  mufj:  fo  ift 
offenbar,  bafe  eine  folebe,  bie  nidjt§  anber§  märe  al§  reiner 
SluSbruff  ber  urjprünglidjen  Söollfommenljeit  be§  9Jcenfd)en, 
niemals  fönnte  in  eine  geiftige  SebenSljemmung  au§fdjlagen. 
®enn  menn  fte  audj  burdj  2ftrttjum  gegen  bie  2lbftd)t  au§* 
fdjlüge,  immer  bod)  nur  §u  einer  Hemmung  be§  fmnlidjen 
£eben§:  fo  mürbe  biefe§  megen  be§  nottjmenbig  bamit  ber* 
bunbenen  9Wse§  §ur  Berichtigung  be§  ^rrt^um§  feine§mege§ 
al§  ein  Uebel  angelegen  merben.  Unb  eben  fo  menig  fönnte 
bie  £ljätigfeit  be§  (£inen  einem  Slnbern  sur  Seben^emmung 
gereichen,  inbem  bermöge  be§  in  bitten  Ijerrfdjenben  ®otte§* 
bemufjtfein§  ^eber  jebe  Stjätigfeit  be§  51nbern  nur  mitmoUen, 
fönnte.  Sft  aber  biefe  ^>errfcr)aft  aufgeboben:  fo  tritt  auefy 
ein  ©egenfaa  ä^ifetjen  ben  einzelnen  ©jiftensen  ein,  unb  maä 


1  fct&r.  2,  15. 


35er  ©lau&enäletjre  fetter  Stjeil.  Stoeiter  ST&fömtt.  361 

ben  (Sinen  förbert,  mirb  oft  fogar  fcbon  baburd)  bem  Slnbcrtt 
gur  Hemmung.  (So  ba%  autf)  bier  ba§  Hebel  erft  mit  bet 
<Sünbe,  mit  btefer  aber  aucb  unfeblbar  eintritt. 

2.  OTe§  nun,  roorau§  un§  gehemmte  £eben§3uftänbe  ent* 
fteben,  nennen  mir,  fofern  e§  bon  menfcblidjer  SUjätigfeit 
unabhängig  ift,  natürlid)e§  Hebel;  ma§  aber  au§  men|cf)- 
lieber  Sljätigfeit  b erb orgegangen  un§  ©runb  su  SebenS* 
Hemmungen  mirb,  ba$  nennen  mir  gefellige§  Uebel.  2>er 
ledere  2fo§brutr  ift  bem  „moralifd)e§"  Uebel  borauäieben, 
meil  burd)  biegen  aud)  ba§  55öfe  al§  fol$e§  bem  begriff 
Uebel  fubjumirt  §u  fein  beseitet  mirb.1  9?un  feaen  freiließ 
bie  geselligen  Uebel  ebenfalls  bk  (Sünbe  borau§,  fo  bafj  ma§ 
in  bem  (Sinen  bon  ber  (Sünbe  ausgebt  für  ben  Slnbern  — 
ober  aud)  mol  für  jenen  felbft  —  gum  Uebel  mirb ;  aber  nur 
um  befto  notfjmenbiger  erlernt  e§,  bie  mefentlidje  $er* 
febiebentjeit  ber  Sßeaiebung  aud)  burd)  btn  tarnen  feft* 
anhalten.  SSenn  nun  aud)  biete  gintljetlung  ni$t  botlfommen 
3u  genügen  febeint,  fofern  nämlich  Slranffjeit  §.93.  in  mannen 
gälten  ein  natürlich  Uebel  fein  fann,  in  anbern  ein  ge*  ; 
feltige3,  benn  biefe  Bmeibeutigt'eit  l)ängt  nur  an  einem  au-  | 
gemeinen  tarnen;  ia  menn  aud}  im  ©ingelnen  mir  oft  al§ 
ein  unb  baffelbe  Uebel  anfelm  muffen,  ma§  §um  Sbeü  auf  ben  einen 
äum  £t)eü  auf  ben  anbern  Urfbrung  äurülfsufüfjren  ift,  unb  e§- 
alfobielleid)t richtiger  märe  jufagen  alle  Uebel  befteben  au§biefen 
beiben  Elementen,  ober  au§  einem  bon  beiben:  fo  änbert  bod)  ba§ 
in  ber  @ad)e,  nämlid)  in  ber  ©ifferens  ber  Söesieljung  auf  bie 
©ünbe,  nichts.  SBetbe  ftnb  aber  menn  mir  auf  ben  begriff  ber  ur* 
fbrünglid&en  SSolIfommenbeit1  gurüffgebn  nur  baburd)  Uebel,. 
baf$  fte  entmeber  bie  gülle  ber  SReismittel  berminbem,  burdj 
meiere  bie  (Sntmiftlung  be§  9ftenfd)en  geförbert  mirb,  ober 
inbent  fte  bte  93ilb|'am!eit  ber  SSelt  bureb  ben  9ftenfd)en  be* 
fdjränfen;  jene§  ftnb  bie  Uebel  ber  ®ürftig!eit  unb  be§ 
Mangels,  biefe§  ftnb  bie  Uebel  be§  2)ruff§  unb  be§  Sßiber* 
ftanbeS;  unb  atte§  ma§  bon  unfemt  ($5efid)t§bunft  au§  al§ 
Uebel  angefeben  merben  fann,  mufc  ftdj  bierauf  aurüflfübren 
laffen  mit  ©infdjlufj  aller  bon  ber  (Sünbe  auSgeljenben  2lb* 
ftumbfung  unb  Berrüttung  ber  getftigen  Gräfte. 

3.  ®a§  bisherige  aufammengefafst  liegt  alfo  in  unferm 
©aj,  bafj  obne  bie  ©ünbe  in  btefer  SSelt  nid)t§  fein  mürbe,. 
ma§  mit  IRedbt  für  ein  Uebel  gebalten  merben  fönnte,  fonbern 
ma§  unmittelbar   mit  ber  SSergänglidjfeit  be§  menfd)lid)en 

1  ssgt.  §.  48,  l.  2  ssgt.  §•  59. 


362  ©er  djriftltdje  ©taube.  Grfter  2$eU. 


{SingeilebenS  gut ammenpngt  f  mürbe  böä)ften§  al§  eine  un* 
öermeiblictje  Unbollfommenbeit  aufgefaßt  merben;  unb  bie 
ben  menfdjtitfien  SBeftrebungen  entgegentretenben  Steuerungen 
natürit^er  Gräfte  nur  ai§  fHetamittet ,  um  biefe  in  nod) 
oberem  ($5rabe  ber  £errfd)aft  be§  Sftenfdjen  gu  untere 
tnerfen.  gerner  bafj  in  bemfelben  Sftaafj  al§  bie  ©ünbe 
gefegt  tft  auä)  ba§  Hebel  gefegt  fei;  fo  ba%  in  bem  gleiten 
©inn  mie  ba§  menjct)üct)e  ®efct)iecrjt  ber  Ort  ber  ©ünbe  ift 
unb  biefe  bie  ®efammttf)at  be§  ®ef$ted)t§,  fo  aud)  bie  gange 
auf  ben  2Renftf)en  ftc^  begieljenbe  SBelt  ber  Drt  be§  Hebels, 
unb  biefeS  ba§  ®efammtleiben  be§  ®e)d)iec()t§.  ©nblid)  bafj 
für  ba§  $erf)üttnifc  ber  SBelt  nid)t§  anberS  at§  biefe§  au§  ber 
©ünbe  folgt,  unb  unfer  frommes  ©eibftbemufjtfein  au#  mct)t 
bie  gorberung  auffteüen  fann  irgenb  eine  irgenbmte  magiftfje 
SSMrfung  nadggumeifen,  roeldje  bk  ©ünbe  in  ifjrem  erften 
Anfang  auf  bie  gange  SBelt  müfjte  ljerborgebrad)t  tjaben. 

§.  76.  2I(Ie3  Uebel  tft  al3  ©träfe  ber  ©ünbe  an^ufe^en, 
unmittelbar  jebod?  nur  ba3  gefellige,  ba£  natürltd&e  r;in* 
■gegen  nur  mittelbar. 

1.  ®ang  entgegengefegt  unferm  ©ag  märe  e§,  menn 
jemanb  gtoar  einen  Bufammenljang  annähme  gnrifdjen  Uebel 
unb  ©ünbe,  fo  ieboctj,  bafj  ba§  Hebel  ba$  urförüngltc&e  fei 
unb  bie  ©ünbe  ba§  abgeleitete,  ba$  nämttd}  bk  fmnlidjen 
£eben§t)emmungen  erft  in  bem  Sttenfcfjen  ba$  93öfe  ^erbor^ 
loftten  unb  ba$  ®otte§benmMetn  gurüftbrängten.  £$m  einzelnen 
roirb  bergleidjen  tjäufig  genug  beraubtet,  unb  ba$  Sööfe  au§ 
natürlidjen  UnboHfornmentjetten  feien  e§  nun  teibtidje  ober 
jjfactjifcrje  abgeleitet.  Mein  ba&  djriftltdje  ©elbftbemufjtfein 
tonnte  Riebet  nur  im  SBiberfbrucb  mit  ftc^  felbft  fein,  inbem 
1^on  biefe§,  einen  Moment  al§  SebenStjemmung  aufgufaffen, 
in  meinem  botf)  nur  ba§>  ftnnlidie  ©elbftbemufetfein  getrübt 
ift,  eine  Ojnmadjt  be§  ($5otte§bemufjtfein§  unb  alfo  ©ünbe 
t>orau§fegt.  £)ie  S3orau§fegung  fann  alfo  immer  nur  eine 
Sßabrbeit  Jjaben  an  bem  eingelnen  al§  folgen,  nämlich  bafc 
gemiffe  Uebel  audj  befonber§  bie  ©ntmifflung  gemiffer  %t- 
Haltungen  ber  ©ünbe  begünftigen,  aber  nur  nad^bem  jene 
felbft  in  ber  ©ünbe  gegrünbet  roaren.  SSoHte  man  nun  biefe 
Ütnfictjt  altgemein  unb  auslieft enb  aufftellen:  fo  fyättt  bie 
©ünbe  überfiaubt  ibren  legten  ®runb  gang  aufjerbalb  ber 
5£f)ätigfett  be§  SJftenfcben  in  ber  urfürünglicben  unb  oon  tr)r 
imabbängigen  Slnorbnung  be§  Uebel§;  fte  märe  mitbin  audj 


©er  ©tau&enSIeljre  atoetter  Sfjell.  gtoeiter  Sttfönttt.  363 

tttc^t  bie  ($5efammttt)at  be§  menfdjttcrjen  (SefdjledjtS,  fonbem 
trielmeljr  äunädjft  baä  SSerf  ber  äußeren  Statur,  in  melier 
ba§  Hebel  feinen  (Srunb  fjätte,  tjöfjer  hinauf  aber  eine  gört« 
lidje  ©djiffung.  SDiefe  2lnnar)me  aber  führte  un§  ganj  nidjt 
nnr  au§  bem  eigentümlichen  (Gebiet  be§  (£t)riftentt)um§, 
insofern  bann  auctj  bie  (Srlöfung  toefentltctj  müfcte  eine  53e- 
freiung  bom  Hebet  fein,  fonbem  auctj  übertäubt  au§  bem 
i&ebkt  ber  teteologifdjen  (Mtaltung  ber  grömmigfeit ,  ber 
eigentlich  ftttlictjen,  in  bit  äftrjetifdje  ober  ben  ^caturglauben; 
unb  ba$  teitenbe  Vertrauen  märe  nur  biefe§,  bafj  ein  freubige§ 
£erbortreten  be§  ($5otte§bemuf)tfein§  möglich  fein  mürbe, 
trenn  mir  mürben  glüfflict)  gemorben  fein.  —  SDem  allen 
entgegen  farectjen  mir  nun  ba%  95emu^tfein  au§,  ba£  in  bem 
äugeftanbeneu  gufammenfjang  äroifctjen  ©ünbe  unb  Hebel  bie 
©ünbe  äimädjft  überall  ba%  erfte  unb  urfbrünglicrje  ift,  ba§ 
Hebet  aber  ba$  abgeleitete  unb  ^meite.  S)enn  ber  2lu§bruff 
©träfe  f($Iiefct  suerft  biefe§  in  fiä),  ba%  ein  Hebel  in  Söejug 

auf ein   borgängigeg  Sßöfe  befterje.     SHtein  bie§  ift  freiließ 

ntdjt  ber  ganse  ©inn  be§  2lu§bru!!§,  fonbem  —  fo  mie  er 
eigentlich  gebraucht  mirb  —  führen  mir  biefen  gufammen* 
•5ang  baburet)  gurülf  auf  einen  Hrrjeber  unb  fe^en  feinen 
Hrfbrung  in  einer  freien  ^anbtung  beffelben,  unb  entmeber 
nur  in  einem  un eigentlichen  ©inn,  ober  inbem  mir  ben  £u* 
fammentjang  auf  bie  göttliche  Urfädjitdjfeit  äurüfffütjren, 
nennen  mir  e§  ©träfe,  menn  jemanbem  um  be§  Sööfen  mitten 
üble§  nidjt  angetrjan  mirb,  fonbem  miberfäljrt.  2)er  auf* 
geftellte  (gas  ift  atfo  ber  2tu§bm!!  unfereS  frommen  ©etbft* 
bemufjtfeinS ,  fofem  mir  biefen  gufammentjang  auf  bit 
f^Iecrjtrjtrt  tebenbige  göttliche  UrfäctjUcr)fett  §urüf  f  führen,  mie 
biefelbe  oben  betrieben  morben  ift,  fonactj  auc&  otjne  biefelbe 
in  ben  ^egenfaj  bon  frei  unb  notrjmenbig  in  biefer  Söesietjung 
etma  auf  befonbere  Sßeife  bermiffeln  au  motten.  Hnb  eben 
baburetj  mufc  ftdj  biefe§  SSemufjtf  ein ,  bem  ftdfj  mot  niemanb 
unter  imS  entsierjen  rann,  bon  ber  tr}eit§  einfeitigen  tr)etl§ 
berfetjrten  2trt  unterfcfjetben,  mie  baffelbe  fd)on  im  gubenttjunt 
unb  noct)  met)r  im  £eibentr)um  borfommt.  2)enn  fo  mie 
biefe§  ($5eorbnetfein  be§  Hebels  in  Söejug  auf  bit  ©ünbe, 
abgefonbert  oon  ber  atigemeinen  SBettorbnung  unb  bem  (Sanken 
t)e§  ^catursufammenrjangeS ,  al§  einzelnes  ober  ungleich 
bargeftettt  ober  auf  etma§,  baZ  bem  tjödjften  SBefen  fyaht 
mib erfahren  fonnen,  besogen  mirb:  fo  liegt  audj  ein  ber* 
unreinigteS  ©otteSbemufjtfein  bahti  sunt  ®mnbe  roeterjeg  mit* 
$in  fetbft  3Irttt)etl  f)at  an  ber  ©ünbe. 


364  SBer  c&riftlirfje  ©taube,  grfter  £fjeit. 

2.  SBemi  mir  nun  in  biefem  gufammenfjang  bie  gefelligen 
Hebel  Oon  ben  natürlichen  unter  jdjeiben:  fo  t)at  bieg  feinen 
©runb  barin,  bafj  jene  atiein  in  ber  ©ünbe  unmittelbar  ge^ 
grünbet  ftnb.  9Jcan  fönnte  gmar  einmenben,  eg  fei  noct)  ntdjt 
einerlei  au  jagen,  in  menfdjltc&er  SDjcitigfeit  gegrünbet  unb  in 
ber  (Sünbe  gegrünbet;  inbem  fetjr  oft  nietjt  fomol  bie  «Sünbe 
alg  üielmeljr  ber  ^rrtljum  sunt  ©runbe  liege.  Mein  memt 
mir  ung  einen  oötlig  fctjulblofen  Srrtfjum  benfen  motten, 
werben  mir  balb  inne,  bafj  mir  bieg  (Bebiet  meit  enger  m- 
fammensieljen  muffen,  alg  man  gemöljntid)  glaubt,  ja  bafc 
fireng  genommen  mir  bann  ntdjt  meljr  auf  freie  menfdjltctje 
St&ätigfeit,  fonbern  auf  leibentlicrje  Buftänbe  aurüffgetjen 
muffen,  meiere  felbft  fetjort  aur  natürlichen  Hnüottfommenbeit 
gehören.  Sftitjjin  merben  bie  fo  begrünbeten  Uebel,  in  fofern 
fie  nietjt  in  ber  ©ünbe  gegrünbet  ftnb,  audj  nietjt  au  bm 
gefelligen,  fonbern  au  btn  natürlichen  au  rechnen  fein.  — 
©er  gufammenljang  ber  leateren  mit  ber  <Sünbe  ift  aber 
nur  ein  mittelbarer,  meil  mir  Stob  unb  (Sdjmera  ober 
menigfteng  "analoge"  natürliche  9JciBöerl)äitniffe  beg  inbbibuelten 
£ebeng  au  feiner  umgebenben  Sßelt  aud)  ba  finben,  mo  feine 
;  ©ünbe  ift.  £)te  natürlichen  Hebel  —  objeetio  betrachtet  — 
entfteljen  alfo  nierjt  aug  ber  ©ünbe;  aber  ba,  mag  nur  feine 
ftnnücfjen  Verrichtungen  fjemmt,  ber  9)cenfc£)  oljne  bie  (Sünbe 
nietjt  alg  Hebet  enrnfinben  mürbe,  fo  ift  bodj,  bafj  er  eg  nun 
alg  Hebel  empfinbet,  in  ber  ©ünbe  gegrünbet,  unb  alfo  ba§ 
Hebel  —  fubiectio  betrautet  —  eine  (Strafe  berfelben.  £)a§ 
aber  an  unb  für  fiel),  unb  tebiglid)  aug  bem  ©tanbpunft  ber 
natürlichen  Sßollfommeiüjeit  beg  SOtatdjen  angefefjen,  aud}  bio. 
ftärfften  üöcif$uerl)ältniffe  biefer  Slrt  nietjt  ©trafen  ftnb,  fonbern 
^eiamittel  für  bie  Entfaltung  beg  ®eifteg,  bag  Iet)rt  (£f)riftu& 
felbft  auf  Sßeranlaffung  beg  Sßlinbgebornen ; L  benn  mag  er 
bort  aunäcrjft  nur  in  üöeaug  auf  feine  eigentümliche  SBunber- 
fraft  fagt,  bag  leibet  boctj  äugletct)  eine  gana  allgemeine  21n^ 
menbung.  SSiH  man  ieboct)  pt)er  Ijinauffteigenb  nod)  aufjer- 
bem  fagen,  bafs  bie  Hemmungen  unfereg  Siebeng  fd)on  an  unb 
für  ftet)  unb  et)e  fie  buretj  bie  ©ünbe  au  Hebeln  merben  bodj 
in  bemfelben  begrünbet  ftnb,  morin  nad)  bem  obigen2  aud) 
bie  ©itnbe  eg  ift,  nämlid)  in  ber  aeitlidjen  ©eftalt  unb  räum= 
lieben  Söereinaelung  beg  ©afetng,  moran  alle  Anfänge  ber 
©ünbe  l)ängen:  fo  mürbe  für  ung  bodj  aud)  in  biefem  gu* 
fammenljang  gemeinfctjaftlicrjen  Sßegrünbetfeing  bie  (Bünbe  ba& 


1  M-  9»  3.  2  Sgl.  §.  69. 


$)er  ©lauBenSteljxe  jtoeitcr  Sijetl.  3toeitcr  Sftfömtt  365 


<erfte  bleiben,  unb  ba%  Hebel  ift  ba§  sroeite,  fo  gemiB  ai§ 
un§  her  9)cenfcb  ein  urfarüngtidj  IjanbelnbeS  ift,  unb  mdjt 
fein  £anbetn  fc^lec^t^in  bebingt  burd)  feine  teibentlid)en  3u* 
^tänbe.  rr  _ 

3.    Sft  nun  ber  SSertf)  ber  mofaifdjen  ©rgäfjtung  baburd) 
bebingt,  bafs  e§  eine  eigentliche  ®efd)idjte  be§  erften  äftenfdjen 
ttidjt  geben  lann;  unb  fann  ein  Buftanb,  melcber  bem  erften 
SDcenfdjen   eine  gütfe  öon  ®emifj   oljne  5lnftrengung  barbot, 
fein  reiner  Slu§bruff  ber  urforünaitc&en  $ottfommenfjeit  ber 
USelt  fein:  fo  geigt  ftdj  bietteid)!  bie  matjre  Sßebeutung  iene§ 
fbmboiifd)en  SBilbeS  in  ber  Söegietjuug  auf  ben  entgegengefegten 
3uftanb.     Dcämlid)    bafj  bem  2Jcenfd>en,    ai§  er  nad)  bem 
(günbenfatt  ben  Slffer  bauen  mufcte  im  @d)tteifj  feinet  2tn* 
geficrjte§,    tt>et<f)e§  an  unb  für  ftdj  fein  Hebel  mar  unb  aifo 
aud)  ntdjt  bk  ©träfe  ber  ©ünbe,  ber  fo  gebaute  Stffer  nun 
dornen  unb  ©ifteln  trug;  bie§  foU  afterbingS  anbeuten,  bafj 
ba§  Sßiberftreben  ber  9?atur  gegen  bie  bilbenbe  (gintnirfung 
be§  9Jcenfd)en    nur  im   Bufammenljang  mit  ber  ©ünbe  gu 
benfen  ift.    (Sben  jo,  bafj  bem  SRenfdjen  ber  tljm  borfjer  im* 
bekannte  £ob   at§  Soljn  ber  Hebertretung  borgeljatten   mirb, 
unb  ber  erfte  £obe§fatt  al§  ©raeugnifc  ber  ©ünbe  bargeftettt, 
fdjetnt  barauf  gu  beuten,    ba£    nur    burd)  bie  ©ünbe  bte 
natürlichen  HnboÜlommenljeiten    ftdj   aud)  in  bie  gefetltgen 
Hebet  fjinembiiben.    Sa  nun  bie  $autinifd)e  Sarftettung1  bon 
bem  SSerrjältrtiB  be§  £obe§,  mithin  aud)  alter  untergeorbneten 
natürlichen  Hebel  gur  ©ünbe  ftdj  gang  auf  jene  ftmtbübltdje 
(Brgäljlung  begießt,  unb   nur   bem  gemäfj   ausgelegt  merben 
fann:  fo  ftettt  fte  un§,  genau  in  ber  Analogie  mit  ber  (Sünbe, 
aud)  ba§  Hebel,    ttetd)e§    bie    erften  SKenfdjen    nad)   bem 
©ünbenfatt  betroffen,   ai§  berurmd)enbe§  Hrübel  bar;   ma§ 
ftd)  benn  audj   auf  leben  Beitrag  antnenben  iäfjt,  ben  jeber 
(Singeine  burd)  feine  ©ünbe  gur  $erfd)iimmerung  ber  SBelt 
ieiftet 

§.  77.  (SrfafrnmgSmäfjtg  fö&t  ftdj  aber  bie  21b* 
$ängtgfett  be£  Hebeln  bon  ber  ©ünbe  nur  nad>etfen, 
ttenn  man  ein  gemeinfameS  &Un  in  feiner  Sott* 
ftdnbiglett  in£  2tuge  faßt;  feineStoeg«  aber  barf  man 
be£  ©meinen  Hebet  auf  feine  6ünbe  ate  auf  il)re  Ur* 
fad>  bejie^n. 

1  3töm.  5,  12.  flgb. 


366  S>er  djriftltcije  ©taube.  (Srfter  Sljeil. 

1.  ^ft  bie  <Sünbe  in  ifcrem  Gängen  3uf  ammengang  nur 
olS  bk  ®efammtt(jat  be§  menfd)lid)en  (SefäledjtS  richtig  auf* 
jufaffen:  fo  mirb  aud)  Üjre  Ur[ädjlid)feit  in  SBejieljung  auf ba§ 
Hebel  nur  auf  biefelbe  Sßeife  ju  oerfteljen  fein,  llnb  genrife 
finbet  $?eber  ben  reinften  5lu§bruff  jene§  $8ettmfetfein§  in  bem 
allgemeinen  ©aj,  bajj  in  meinem  SÜftaafj  in  ber  ©efammtljeit 
be§  menfdjlidjen  ©efdjlec§t§  bit  ©ünbe  junimmt,  aud)  ba§ 
Uebel  juneljmen  mufe  —  nur  ba%,  ba  bie  SBirfung  natürlich 
nur  atfotäljltg  eintritt,  oft  bie  ®inber  unb  (Snfel  erft  büfjen 
für  bk  ©ünbe  ber  SSäter1  —  eben  fo  aber  auc§,  nrie  bie 
©ünbe  abnimmt,  aud)  ba§  Uebel  abnehmen  roerbe.  Sßie  nun 
aber  audj  iejt  nod)  bk  (Semetnfdjaft  be§  menfdjlid^en  (55e* 
fdjled)t§  befdjränft  ift,  unb  mandje  (Gruppen  gleidiiam  aufjer 
bem  93ereicf>  ber  ©ünbe  ber  übrigen  liegenb  abgefd)loffene 
(&an%t  für  fidt)  bitben:  fo  gilt  bann  baffelbe  au<§  für  biefe. 
liefen  ©puren  folgenb  roerben  mir  bann  aud)  oon  jebem 
fßoit,  ja  oon  jebem  ©tanbe  eine§  folgen  begiebung^meilie  tote 
fte  in  ftdj  felbft  abgefdjloffen  erlernen,  baffelbe  fagen  fönnen, 
bafj  miebiel  ©ünbe  in  itjnen  ift,  fooiel  au$  Uebel  fein  mirb. 
Unb  biefe  ($5leid)l)eit  mit  ber  ©ünbe  erftrefft  ftd)  nidjt  etma 
nur  auf  bie  gefeiligen  Uebel:  fonbern  aud)  roie  grofce 
3ftenfd)enmaffen  nidjt  feiten  ganj  nad)  2lrt  ber  ^aturträfte 
auf  einanber  nrirfen,  unb  roie  aud)  roieber  bie  äufjere  üftatur 
bie  gemeinjamen  Söeftrebungen  Ijemmt,  bk$  aßeS  roirb  in 
jeber  grofjen  SebenSgenoffenfdjaft  befto  ftärler  als  Uebel 
empfunben,  je  mefjr  €>ünbe  ftdj  in  berfelben  finbet,  \a  nidjt 
feiten  erhalten  audj  bie  gemeinsamen  Uebel  ifjren  eigentJjüm* 
lidjen  £on  unb  GPjarafter  burd)  bk  23efd)affenf)eit  ber  in  ber 
($5efammtf)eit  öorljerrfdjenben  ©ünbe.  Wz8  biefe§  ift  nur 
mit  ©idjerljeit  roatjräunefjmen,  roenn  mir  in  einem  Greife 
sufammengeprigen  £eben§  Pon  nidjt  ä«  deinem  Sftaafjftabe 
fteijn  bleiben. 

2.  (£g  märe  eine  nidjt  nur  befdjränfte  unb  irrige  fonbern 
ßefätjrlid^e  Shtftdjt,  roierool  fte  im  ^ubentfmm  unb  im  gelle* 
nifdjen  £>eibentt)um  feft  gemurmelt  mar,  roenn  mir  baffelbige 
oon  bem  einzelnen  Sflenfdjen  auffteHen  roottten,  bafj  für 
^eben  baZ  fflaafc  feiner  ©ünbe  aud)  ba$  feinet  UebelS  fei, 
inbem  fdjon  au§  bem  begriff  ber  £eben§gemeinfd)aft  unb 
©enoffenfdjaft  Ijeroorgeljt,  roa§ .  aud?  fdjon  au§  ber  9lrt  unb 
SBeife,  rote  bie  ©ünbe  ba$  Uebel  öerurfadjt,  ftd)  faft  oon  felbft 
ergtebt,  bafc  gar  leicht  menig  oon  bem  gemeinjamen  Uebel 

1  2  9Rof.  20,  5. 


$er  ©IauBenSIefre  gtoeiter  Sfjeü.  Bretter  Stöfämtt.  367 


ba&üt  treffen  tarnt,  öon  mo  biet  öon  bem  gememfamen  Ver* 
berben  ausgegangen  ift.     Unb  fo  erftärt  ftdj  aud)  (£fjriftu§, 
ma§  suerft  ba§  naturale  Hebel  betrifft,   auSbrüHli*  bafjtn, 
bafs  auf  ber  einen  Seite  bieienigen  (£innnrfungen  ber  9catur, 
in  melden  ftet)  am  nteiften  bie  urforüngiic&e  Votffommenf)eit 
ber  Sßelt  barftettt,  itadj  ber  göttlichen  SInorbnung  nt<$t  minber 
ba  ttrirfiam  finb  mo  ©ünbe  al§  ba  mo  ®erect)tigfeit  ift,1  unb 
auf  ber  anbern,  bafj  natürliche  Hebel,2  unb  jufätlige  öon  ber 
Slrt  bafc   man  fie  faft  nur  ben  natürlichen  beigefeüen  fann,* 
gar  ntdjt  mit  ber  ©ünbe  be§  einzelnen,  fofern  man  biefe  ifo* 
liren  !ann,  fo  in  Verbinbung  fielen,  ba£  biefe  nad)  ienen  ge* 
meffen  merben  bürfte.    Unb  gefjn  mir  and)  barauf  gurüff,  bafc 
bie  ©ünb^aftigfett  unb  bie  natürlichen  Unöollfommenfjetten 
in  bemfelben  begrünbet  finb:  fo  eridjeint  aud)  fo  ber  5lntf)eit 
be§  ©inseinen  an   bem   einen  gang  unabhängig   ju  fein  öon 
bem  an  bem  anbern.     SBte  beun  audj  nur   auf  biefe  SBctfe 
unfere  Voraugfesung  befielen  !ann   otme  bie  Voltftänbigfett ' 
unb  ©tätigfeit  be§  9fcaturaufammeubange§  ju  serftören.    Sßa§ 
bemnäd)ft  bit  gefeiligen  Hebet  betrifft:  fo  müfcte  man  auf  eine 
magtfdje  SSeife  oft  bie  ®erecf)tigfeit   in  ber  Ungered)ttgfett 
fetbft  jucken,   menn  fie  iebem  füllten  nad)  SBcr^ältnife  ferne» 
2tnt^eit§  an   ber    gemeinfamen  @d)ulb  gugemeffen  merben.* 
Sa  (S&riftuS  meiffagt  feinen  Jüngern  Verfolgung  unb  Seiben 
im  befolge  i^rer  Arbeit  am  $eid)e  ©otte§,  unb  ntd)t  nad> 
9Jcaafsgabe  iljrer  «Sünbe.     Sßie  fönnte   aud)   eine  foletje  3ln* 
natjme  gufammenbefteljen  mit  ber  burdj  ba§  gange  neue  £efta* 
ment  l)inburd)gef)enben  unb  menn  nur  richtig  öerftanben  bem 
•  (Sfjriftentljum  mef  entließen  Vorftetlung,  bafc  in  einem  gemein* 
famen  ®ebiet  ber  ©ünbe  bereute  leiben  fann  für  bieSlnbern, 
fo  bafs  aüe§  Hebel,  ma§  in  ber  <Sünbe  Vieler  begrünbet  tft, 
oft  über  (Sinem  3ufammenfd)tägt,  unb  ba%  bie  ©trafübel  fogar 
am  meiften  ben  treffen  tonnen,  ber  felbft  öon  ber  gememfamen 
©djulb  am  freieften  ift  unb  ber  ©ünbe  am  fräftigften  ent* 
gegenarbeitet.  ,     • 

3 ufa§.  Von  $tet  au§  tonnen  mtr  etne  Vet)auötung  m 
©rmägung  sieben,  meiere  id)  im  allgemeinen  bie  cmnfc£e 
nennen  möchte,  meiere  aber  aud)  gu  c^riftlic^en  Betten  oft 
genug  unb  in  d ergebenen  ^eftalten  ift  mieberljolt  morben, 
ba§  nämlich  alle  Hebel  nur  au§  ber  ®efetligfeit  unb  bem 
Veftreben  burd)  Vereinigung  ber  Gräfte  bit  Sftatur  beffer  auf- 

1^att§.5,45.  83o$.9,3  •  2ttU3,  5- 

4  aSöl.  Sut.  13,  1—3. 


368  Ecr  dmftlidje  ©taube.  Griter  Xfjetl. 

aufc^lieficn  linb  511  beljerrfcben  entftanben  mäten,  in  beut  fo* 
genannten  Sttaturftanbe  aber  fi$  fo  gut  als  gar  nict)t  mürben 
cntmiffelt  Ijaben.  Sluf  ber  einen  «Seite  nämlid)  fcfjeint  fte 
nur  eine  portfeaung  unfereS  SaaeS  51t  fein.  S)enn  fann  in 
ber  ©emeinfdjaft  ber  ßunaelne  für  $iele  gu  leiben  t)aben:  fo 
fann  baS  Hebel  unmöglich  in  ber  (Xinfamleit  baffelbe  fein  ttrie 
in  ber  (Stefeltfctjaft.  Uub  offenbar  ie  meniget  iljätigfeit  ber 
:0tenfctj  ausüben  null,  unb  ftd)  beStjalb  au<$  Weniger  mit  ben 
übrigen  SDcenfd^en  unb  ber  äußeren  Sftatut  in  Berührung  fest, 
um  befto  meniger  llebel  fönnen  fiel)  audj  für  i§n  auS  biefer 
Sßerütjrung  entmiffeln.  SStll  aber  biefeS  nidjt  nur  eine 
Beobachtung  fein,  fonbern  audj  Watt)  unb  SSatmmg,  ba%  ber 
^ertfetj  nämlich  moljl  tljun  mürbe  meniger  §u  tjanbeln,  um 
auc§  meniger  ju  leiben:  fo  empfiehlt  fie  im  SBiberfprudj  mit 
bem  (Steift  beS  (£t)riftentt)umS  bie  99Zajime  beS  faulen  ®neä)te§, 
unb  erbebt  bie  leib  entließen  «Suftänbe  als  Bmeff  über  bie 
felbftttjätigen. 

3ufaa  au  biefem  ßeljrftüff. 

§.  78.  2)aS  Bemufjtfein  biefe£  gufammenljangeS 
■forbert  meber  ein  leibenttid)e<o  ßrbulben  be£  llebeiS  um 
ber  ©ünbe  mitten;  nod?  folgt  aber  barau£  aufy  meber 
tin  Beftteben,  liebet  um  ber  <5ünbe  mitten  ^eröorjurufen, 
noa)  ba%  entgegengefe^te,  ba<3  liebet  an  unb  für  fid) 
aufgeben. 

1.  2)a  biefer  (Saa  baS  btStjet  beleuchtete  Söetoufetfeiri 
meber  feiner  ©ntfteljung  nad)  näljet  bebingt,  nod)  feinen  $n= 
balt  als  tuj)enbeS  SBemufjtfein  genauer  beftimmt  ober  meiter 
ausführt:  fo  fonnte  er  nur  als  ein  Bufaa  bet)anbelt  merben. 
"Da  er  eS  aber  mit  bem  (Snbe  biefeS  BettmfjtfeinS  gu  tljun  Ijat, 
fofern  eS  in  einen  SmpulS  gU  rütfmirfenben  Jganblungen 
auSgeljn  fann:  fo  ift  er  eigentlich  ein  ®renafaa  gegen  bie 
cbriftttdje  (Sittenlehre,  aber  audj  nur  biefeS  unb  ni($t  ein 
Sejnfas  auS  berfelben.  Senn  eine  felbftftänbig  b.  Ij.  nid)t  blofj 
in  Beaieljung  auf  ein  OorfjanbeneS  beftimmteS  Softem  ber 
(Glaubenslehre  unb  in  ber  gotm  ptaftifeljer  ßorottarien  au§ 
berfelben  bearbeitete  djriftlidje  (Sittenlehre  mürbe  fctjmerlid) 
bie  bier  am'ammengefafeten  fünfte  unmittelbar  mit  einanber 
öerbinben  fönnen;  oielmebr  mürben  bie  fragen  ob  bur$  baZ 
ajriftltdje  fromme  Söemufjtfein  eine  leibentlic&e  (Ergebung  in 
atte§  Uebel  geboten  fei,    ober  ob  im  ßtegent&eil  iebe  anbete 


£er<£Hau6eHälefjresweiter£ijeiI.  gioeitcr  STbfc^nltt.  369 

aufgegebene  Sbätigfeit  bd  (Seite  gefegt  Werben  biirfe,  bis  eix 
Hebel  unter  bem  mir  leiben  beseitiget  ift,  unb  jene  anbem, 
ob  ein  Willfübrlic^eS  «Strafredjt  unmittelbar  reltgiöfen  ttr* 
ipmngeS  fei,  unb  ob  ba§  SBettmfctfem  ber  eigenen  (Sünbe  barauf 
fübre  ficb  felbft  Uebel  guäufügen,  bort  wol  an  gang  ber* 
fdjiebenen  Dertern  oorfommen.  Um  biefer  eigenttuunlict)  bog* 
mattfcrjen  SSerbinbung  willen  finbet  aber  ber  Sas  mit  Oiecbt 
§ter  feine  (Stelle. 

2.  SSenn  un§  in  iebem  Slugenblif!  be§  SeibenS  baä  Q3e* 
muBtfein  öon  bem  Bufammenbang  be3  liebele  mit  ber  (Sünbe 
begleitet,  unb  amar  gu  ber  (gmrjeit  be§  Momentes  mit  unferm 
®otte§beWufjtfein  Oerbunben:  fo  ift  eben  biefe§  Söejogenfein 
be§  fd)ted)tl)inigen  2lbt)ängigfett§gefüljl§  auf  ben  Buftanb  be§ 
SeibenS  bit  fromme  Ergebung,  bit  fonacb  atlerbing§  ein 
weientftdjeS  (Stuft  ber  grömmigfeit  ift,  WeldjeS  gänsltdj  oer* 
loren  ge^t,  wenn  man  ienen  Bufammenbang  megbenfenb  ober 
unterorbnenb  in  5Se§ug  auf  bie  erfahrenen  SebenBljemmungen 
in  ber  Bufunft  entfpredj)enbe  SebenSförberungen  erwartet.  &ben 
fo  aber,  wenn  biefe  Ergebung  einen  pofttiben  (£ljarafter  an* 
nöbme  al§  SSoHen  ber  gortbauer  be§  Uebelg  ober  üftictjtm  ollen 
feines  Stuft)  ören§,  unter  bem  Sßorwanb  tttüa  ntcbt  in  bit  gött* 
lieben  gügungen  einzugreifen  ober  in  einem  SBiberftanb  er* 
funben  §u  werben,  bann  märe  fie  aud)  in  bem  aufgeftetlten 
Bufammerifjang  niebt  mebr  gegrünbet.  (£inem  folgen  au§ 
?QctBt)erftanb  tjerborgetjenben  SSatjn  Ijat  bie  c^riftlic^e  ®trdje 
immer  miberforodjen,  unb  ftdj)  bem  Aberglauben  unb  ber 
(Schwärmerei  in  btefem  fünfte  entgegengefteEt.  3)enn  bit 
gortbauer  be§  Uebel§  ton  Weber  al§  SebenStjemmung  ge* 
wollt  werben,  inbem  bureb  iebe  fol$e  bodj  immer  audj  bit 
öom  (SottegbeWufjtfeüt  auSgetjenbe  Xfjätigfeit  na<$  irgenb 
einer  (Seite  Jjin  befebränft  wirb,  -Dfcodj  weniger  aber  ton  auf 
bem  (Gebiet  ber  ©rlöfung,  wo  wir  an  ba&  SSerfdjwinben  ber 
Sünbe  glauben,  bie  portbauer  be§  SeibenS  um  be§  aufgehellten 
BufammenljangeS  willen  gewollt  werben,  inbem  wir  ia  fonft 
entweber  audj)  bit  gortbauer  ber  (Sünbe  felbft  Wollen,  ober 
boeb  bie  Söeftätigung  iene§  Glaubens  niebt  wollen  Würben. 
Soöiel  ift  aber  auf  ber  anbem  (Seite  gewifc,  bafj  öon  bem 
ebriftlicb  frommen  Söemufjtfein  au§  eine  auf  ba$  Sluftjören 
be§  SeibenS  al§  foleben  gerichtete  befonbere  einen  Moment 
auSfüllenbe  £ljätigfeit  nietjt  au§geljn  ton,  tljeilS  fc&on  an 
unb  für  fidj,  weil  ber  Moment  bann  boer)  burdj  ba§  ^ntereffe 
be§  nieberen  2eben§gebiete§  beftimmt  wäre,  ir)eil§  aber  audj 
weil,    inbem   ba$  Seiben   oermöge  biefe§   Bufammentjange§ 

©djl..  Cftriftl.  ®I.  I.  24, 


870  Der  djtiftltdie  ©laufte.  (SrjterS^eiL 

notbmenbig  bo§  SBeroufjtfein  ber  (Sünbe  erregt,  btelmefjr  Me 
SRtdjhmg  gegen  biefe  geroefft  toerben  mufc,  unb  5uglei($  ent* 
freut  meil  iebe  SBefdjränfung  ber  ©elbftttjätigfeit  eine  nodj 
nicrjt  borfjanbene  £>errfct)aft  über  bie  Sftatur  anzeigt,  bie  5luf* 
gäbe,  biefe  geltenb  su  madjen.  SDtefe^  alfo  toären  bie  beiben 
foIgerid)tigen  braftifdjen  5lu§gänge  unfere§  93enmfjtfein§, 
wogegen  iebe  gegen  ba$  Seiben  allein  geridjtete  £t)ätigfeit 
fdjon  iljrer  Slbstoeffung  toegen  eine  finnlic&e  fein  mufc,  unb 
nur  su  leicht  audj  einen  letbenfcr^aftltcrjen  GHjarafter  annehmen 
mirb.  —  Unb  tjieburct)  fommt  ba§  unftriftttcbe  ober  btelmefir 
überhaupt  unfromme  einer  anbern  9lnftd)t  an  ben  £ag,  bafj 
nämltct)  nur  ba$  Uebel  bon  Anfang  an  alte  fotool  bie  natur* 
be§errfd)enbe  al§  bit  ba§  gefeHige  ßeben  bilbenbe  £tjätigfett 
Ijerborgetofft  fjabe.  2)enn  ift  biefe  immer  nur  gegen  ba§ 
Hebel  gerietet  gemefen,  alfo  nur  al§  Sftüffmirfung  gegen 
Ijemmenbe  ©innrirfungen  entftanben,  nidjt  au§  ber  (Selbft* 
tfjätigfeit  hervorgegangen:  fo  ift  autf)  biefe§  ganje  (gebiet  nur 
ftnnlid&er  Sttatur,  unb  ba§  ®otte§benmfjtfein  giebt  nidjt  ben 
^mpul§  basu.  Sßoburdj  benn  bieienigen  fJ^ed^t  befämen, 
meldte  bie  grömmigfeit  gar  nicbt  in  £anbtungen  nadj  aufjen 
au§get)n  laffen,  fonbern  inbem  fte  biefe§  gan^e  (Gebiet  al§ 
ba§  mettltcue  unb  al§  lebiglidt)  ©adje  ber  STCottj  bon  bem  ber 
grömmtgfeit  fd)eiben,  ba§  Seben  auf  eine  unnrieberbringttdje 
Skife  serfbalten. 

3.  (£nbüä)  menn  auf  ber  einen  (Seite  bk  ©ünbe  mefent* 
iidj  ein  gemeinfcf)afttid)e§  ift,  inbem  in  jeber  bon  einem 
(ginjelnen  au§gejjenben  @ünbe  immer  auct)  ©tfuttb  Ruberer 
berborgen  liegt,  mitbin  au$  nur  ba&  ®efammtübel  auf  bie 
©efammtfünbe  belogen  merben  fann,  auf  ber  anbern  <Seite 
\ebt  $ermetjrung  ber  ©ünbe  fdjon  bon  feibft  bafür  anheben 
ift,  bafj  fie  auä)  ba§  Uebel  mebrt:  fo  !ann  inbem  Sßertmfjtfein 
biefer  göttti<$en  2lnorbnung  burtfjauS  fein  ®runb  borbanben 
fein,  in  SBejug  auf  malgenommene  (Sünbe  Uebel  r)erbor* 
zubringen,  inbem  baburd)  an  unb  für  ftd)  biefe  göttliche  Dxb' 
nung  nur  alterirt  merben  fönnte.  Ob  e§  aber  _  fjiesu 
anbermeitige  (Srünbe  geben  fann,  mar  natürlich  5ier  nidjt  311 
unterfudjetu 


©rittet  aBf^nitt 

SSmx  ben  göttlichen  ©genjdjaften,  roeldje  jtd)  auf  ba£ 
Sefcmfjtfein  ber  (Sünbe  begießen. 

§.  79.  ©örtliche  @igenf<$aften,  meiere  fi<$  auf  ba£ 
SBeftmßtfem  ber  @ünbe,  trenn  aud>  nur,  fo  tt>ie  burd? 
biefetbe  bie  ©rlöfung  bebingt  ift,  begießen,  fönnen  nur 
aufgeteilt  toerben,  fofern  ©Ott  sugteid)  aU  Urheber  ber 
6ünbe  betrautet  roirb. 

1.  2)iefe§  nämlidj  ftebt  suerft  feft,  bafj  mir  auf  leine 
anbere  2lrt  au  $orftettungen  oon  göttlichen  (gigenfdjaften  ge- 
langen fönnen,  al§  inbem  mir  ben  ©ebalt  unfereS  ©elbft* 
benmfctfeinS  mit  ber  unferem  fcbtedjtbinigen  2lbbängigfeitg= 
gefügt  entjprectjenben  fdjlec&tfjinigen  göttlichen  Urfäcblicbfett 
üerbinben.  %)a%  mir  nun  ba§  Slufgebobenmerben  ber  <5ünbe 
burrf)  bie  ©rlöfung  folc&ergeftalt  auf  bk  göttliche  Urfäcbticfc 
feit  surüff führen,  fönnen  mir  al§  iebem  in  feinem  c^riftüctjen 
Selbftbemufjtfein  gegeben  antietpiren.  SlUein  göttliche  (£igen= 
haften,  meiere  Riebet  al3  tbätig  gebaut  mürben,  mären  boeb 
äunäcbft  tbätig  in  ber  (£rlö)ung,  »unb  besögen  fiel)  nur  oer= 
mittelft  biefer  auf  bk  <5ünbe.  (Soft  e§  nun  anbere  als  biefe 
aufbebenben  göttlichen  £bätigfeiten  geben  in  SBesug  auf  bk 
©ünbe:  fo  mufc  irgenbmie  bie  «Sünbe  burdj  göttliche  Urfädj* 
Ud)f  eit  befielen,  unb  biefe  in  SBesug  auf  bkä  Sßefteben  ber 
<Sünbe  befonberä  beftimmt  fein.  £)enn  bafj  im  allgemeinen 
audj  bie  <5ünbe  al§  £bat,  au^erbem  ba%  fie  iebeSmal  im 
9?atursujammenbang  —  ba$  SSort  in  bem  audj  baä  <55efd^ic^t= 
lidje  unter  ftdj  begretfenben  «Sinne  genommen  —  gegrünbet 
ift,  augletdj  unter  ber  göttlichen  äJeitmirfung  ftebt,  ift  febon 
oben1  auSetnanbergefest ;  allein  bieg  meifet  un§  nur  auf  bie 
febaffenbe  unb  erbaltenbe  söttlicbe  Slftmacbt  bin.  (Soft  nun 
aber,  meil  unb  fofern  bie  Siinbe  beftebt,  eine  befonbere  gött^ 
liebe  Sbätigfeit  gefest  merben:  fo  bürfen  mir  niebt  öergeffen, 

1  ©..  §.  48. 


372  ©er  djrtfuic&e  ©lau&e.  ©rfter  Sfjell. 

bn£  mir  un§  bei  biefer  abgefonberten  ^Betrachtung  be§  $ße* 
mufjtfemS  ber  (günbe  in  bem  Buftanb  ber  Slbftraction  be* 
ftuben,  unb  bafj  mir  baljer  unrecht  tljun  mürben,  aud)  gött* 
lid)c  SÜ&ätigreiten  in  SBegug  auf  bie  ©ünbe  an  unb  für  ftcb 
aufeufudjen.  hingegen  in  ibrer  Söesielrnng  auf  bie  (Srlöfung 
mufe  fiel)  oon  ber  ©ihtbe  —  menn  anber§  unfer  Slbf^nitt 
einen  Sn^alt  fjaben  foH  —  irgenbmie  nadjmeifen  laffen,  bafc 
fte  bermöge  befonberer  göttlichen  £t)ätigf eilen  beftet)t,  unb 
gmar  mit  33erüfffid)tiguug  beffen,  bafj  mir  für  bie  göttliche 
Urfädt)lict)fett  allen  Unterfdjieb  gmif$en  bemirten  unb  sulaffer, 
[o  mie  ättrifdjen  fetjaffen  unb  ermatten  für  unsuläjftg  erflart 
l)aben. 

2.  2öir  baben  alfo  bie  grage  3U  beantworten,  ob  unb  in 
miefern  ©ott  für  ben  Urheber  ber  (Sünbe  al§  folctjer  amar 
—  mithin  nid)t  blo&  bepgtid)  auf  ba§  materielle  ber  £tjat  — 
ieboct)  immer  äugleid)  mit  ber  ©rlöfung  fönne  angefeljen  merben. 
Säfct  ftrf)  nun  biefe  bejahen:  fo  mirb  e§  aud)  göttliche  (£igen= 
fcljaftett  geben,  bermöge  beren  bk  ©itnbe  oon  <S5ott  georbnet 
ift,  nid)t  an  unb  für  ficrj  fonbern  fofern  burd)  ibn  aud)  bie 
(jrlöfung  beftetjt.  liefen  (Stgenfdjaften  merben  bann  bie* 
ienigen  gegenüberftefjen,  meldje  mir  unter  berfelben  93e= 
bingung  in  ber  ameiten  Hälfte  biefe§  %$til§  au  hieben  baben, 
traft  beren  nämlidj  ©ott  Urheber  ber  ©rlöfung  ift,  aueb  uiebt 
an  unb  für  ftcfc)  fonbern  in  fofern  burd)  ibn  bie  ©ünbe  be* 
ftet)t.  2)ie  Ijter  aufauftellenben  begriffe  göttltct)er  (£igenfd)aften 
merben  alfo  auf  ber  einen  <&titt  nur  gefegt  merben  unter 
$orau§feaung  itjreg  ^neinanberfein§  mit  benen,  meiere  uns 
au§  ber  ^Betrachtung  be§  5Bemuf$tfein§  ber  ©nabe  entfielen; 
fo  bafj  mir  e§  im  borau§  al§  unmöglid)  fegen,  bafj  beibe 
etma  fönnten  ber  SSabrljeit  nad)  fo  au§  einanber  fallen,  mie 
bie  beiben  Elemente  unfereS  djriftlidjen  (5elbftbemufjtfein§  in 
biefer  Slbftraction  euwnber  gegenüber  treten.  3luf  ber  anbern 
©eite  merben  biefe  göttlichen  ßngenfebaften  nur  an  ber  gött= 
lieben  OTmadjt  au  benfen  fein,  fo  mie  fte  al3  bie  emig  all* 
gegenmärtige  betrieben  morben  ift,  meil  nämlich  biefe  ber 
aEgemeinfte  SluSbruff  be§  fctjlecrjtrjinigen  5tbbängigr*eit§gefübl§ 
ift,  meld)e§  eben  bter,  fo  mie  e§  biefer  erften  <&eite  be§ 
©egenfaaeS  sunt  ©runbe  liegt,  betrachtet  mirb. 

§.  80.  (Sofern  (Sünbe  unb  ©nabe  in  unfetm  ©elbft* 
bemufjtfetn  entqe^engefest  finb,  !ann  ©Ott  ni$t  auf  bie* 
telbe  Steife  als  Urheber  ber  ©mibe  gebaut  merben,  mie 


$er  QWau&enSIefjre  ätoeiter  %i)i\l.  dritter  SC&fdjnitt.  373 

et  Urheber  ber  ©rlöfuno,  ift.  ©ofern  wir  aber  nie  ein 
^etouBtfein  ber  ®nabe  fyahtn  ofyne  Söemufjtfein  ber 
<5iinbt,  muffen  mir  aucb  behaupten,  bafj  un§  ba£  ©ein 
ber  ©ünbe  mit  unt>  neben  ber  ©nabe  üon  ©Ott  ge* 
orbnet  ift. 

1.  2Benn  mir  bie  ffiafyt  be§  ($5otte3bemuMem§  in  unferer 
©eele  eben  belegen  ®nabe  nennen,  weit  mir  un§  üjrer 
nicbt  al§  nnferer  ifyat  bewußt  finb,  unb  fie  —  abgefeben 
t>on  jener  allgemeinen  göttlichen  9ftitwirfung ,  obne  meiere 
and)  bie  ©ünbe  ntdjt  tonnte  getfjcm  Werben  —  einer  befon* 
^eren  göttlictjett  TOttfjetlung  sufebreiben;  unb  wenn  mir  baZ 
i&rfütttfem  eine§  5lugenbliff§  obne  beftimmenbe  Sbätigfeit 
jene§  SBemufjtfeinS ,  eben  weil  mir  un§  beffen  al§  nnferer 
eigenen  oon  jener  göttlictjert  ÜOcittbeüung  Io§geriffenen  SEJat 
bewußt  finb,  ©ünbe  nennen:  fo  ift  biebureb  fdjon  ber  erfte 
Xbetl  unfere§  <Saae§  gereebtfertigt.  SDenn  Me  allgemeine 
OTtwirfung  ift  in  beiben  biefelbe;  hei  ber  ©ünbe  aber  feblt 
bie  bejonbere  Wlitti) eitung,  meiere  eben  Übt  Slnnäberung  an 
bie  ©eligfeit  jur  ©nabe  maebt.  SSteCCetctjt  inbefj  möcbte 
jemanb  fagen,  bafj  ba  je  mebr  bie  ©nabe  eintritt  um  fo  mefjr 
bie  <Sünbe  oerfebwinbet,  beibe  fo  anpfeifen  jeien  mie  in  ber 
animalifeben  Statur  ba$  Sßerbältniß  §meier  (Gattungen,  bereu 
eine  uon  ber  anberen  Oeraebrt  wirb,  al§  weldje  in  biefem 
SSerbättnifj  burdj  einen  unb  benfelben  auf  hübt  fieb  er* 
fireffenben  SöiHen  ©otte§  beftebeu.  allein  bann  mirb  jene 
befoubere  göttliche  SDcittbeitung  geläugnet,  mitbin  bie  ©rlöfung  i 
nur  buräj  menfcblicbe  ©elbfttbätigfett  oollbracbt,  fo  bafj  biefe 
lieb  gu  ber  göttlichen  9Jcitmirfuug  in  bem  (bebtet  ber  ©nabe 
eben  fo  üerbält  mie  in  bem  ber  ©ünbe.  SSenn  nun  gleicb 
bteje  SUtfidjt  nidjt  febon  an  unb  für  fieb  für  uncrjrtftltctj  ge* 
galten  merben  muß,  fofem  fie  boeb  noeb  einen  ©Kielraum 
1  äffen  !ann  für  einen  ©inftuß  ber  etgentbümlidjen  ©elbft* 
tbätigfeit  be§  @rlöfer§:  fo  märe  fie  boeb  nietjt  bie  in  ber 
®irdje  geltenbe  unb  alfo  ba§  ©emeingefüfjl  berfelben  au§* 
iprecbenbe  Sebre.  ©fließt  alfo  biefer  ©egenfas  in  unferm 
'Selbftbewußtfein  eine  befoubere  göttliche  Söcttt&eifong  in  fieb: 
fo  fönnen  mir  bie  grage,  ma§  für  eine  göttlicbe  äbätigteit 
benn  auf  ber  anbern  Seite  ber  Sßirffidjfeit  ber  ©ünbe  al§ 
foleber,  nämltcb  al§  ber  bie.  (Srlöfung  beroorrufenben  Xfyat 
jum  ©runbe  liege,  nur  fo  beantworten,  ba%  eine  foldje  Sfjätig* 
ich  ftcb  gar  niebt  nadjwetfen  laffe. 


374  ©er  djriftüdje  QMait&e.  ßrfter  £ljeü. 

2.  @ben  fo  mabr  aber  ift  bocb  auä)  bie  ahmte  föälfte  be§ 
(SaseS.  2)emt  ba  mir  unS  biejer  mitgeteilten  Sraft,  burd) 
baS  ($5otteSberouMein  beftimmt  ju  merben,  immer  nur  beroufjt 
ftnb  im  3ufammenfem  mit  ber  ficb  ebenfalls  nod)  als  mit* 
beftimmenb  erroetfenben  eignen  Unfähigkeit,  mithin  jene  Äraft 
bieien  SBiberftanb  stuar  auffjebt,  aber  audj  immer  nod)  übrig 
Iäfjt:  fo  lönnen  mir  au<$  ben  göttlichen  jene  ®raft  mit= 
ttjeilenben  SSiUen  immer  nur  fo  auffaffen,  bafj  barin  ättgletcb 
mitgefeat  ift,  bk  <Sünbe  beftebe  als  berfdjroinbenb  neben  ber 
fänabe;1  benn  roenn  er  ftct)  otme  einen  folgen  Üftebengeljalt 
ganj  gegen  bie  ©ünbe  raenbete,  fo  müfjte  biefe  aud)  gans,  ja 
augenbtifflidj  berfdjmütben.  SDiefer  sroette  £Ijetl  unfereS 
(SaseS  berubt  aber  gans  auf  ber  23orauSfeäung,  bafj  ba§ 
menfdtfidje  SBöfe  überall  nur  gm  ®uten  ift  unb  bie  ©iinbe 
nur  an  ber  ®nabe.  könnte  bie  9vebe  fein  bon  einer  @ünbe 
oljne  allen  3ufammenbang  mit  ber  (Srlöfung:  fo  mürbe  eine 
göttliche  Xbätig!eit  auf  baS  Söefteljen  einer  folgen  gerietet 
nicljt  angunebmen  fein.  2lber,  roenn  eS  richtig  ift,  bafj  ber 
3uftanb  ber  Sßerftoffung  im  ftrengen  ©inne  fein  menfctjlicber 
Buftanb  ift:2  fo  giebt  eS  bergleicben  gar  nidjt  roeber  in  bem 
engeren  (&eUet  beS  (£ljriftenu)umS ,  roo  fd)on  ^eber  in  irgenb 
eine  ©emeinfdjaft  mit  ber  ©rlöjung  aufgenommen  ift,  eben 
fo  roenig  aber  aufjerljalb,  roo  iebeS  unfräftigfte  unb  am 
meiften  berunreütigte  ®otteSberoufjtfeüt  boeb  immer  einem 
®efammtleben  angehört,  in  roelcbem  sugleictj  ein  beffereS  ift 
n>eldje§  fiel)  bureb  ße&re  unb  ®efes  runb  giebt;  unb  iebeS 
folc&e  ©efammtleben  ift,  roenn  gleid)  felbft  uuboHlommen  uuö 
fünbltdj,  bodj  burd)  Sltmbung  unb  ©ebnfucrjt  in  um  erat  3«= 
fammen^ang  mit  ber  (Srlöfung.  2lm  aEerroenigften  aber  läßt 
fidj  benfen ,  bafj  in  ber  ^erborbringenben  SInorbmmg  (Lottes 
(Sünbe  fönnte  oljne  Gsrlöfung  gefegt  fein,  ba  in  bem  auf  baS 
3)a[ein  beS  ganzen  ätfenfäenQefälec&teS  gerichteten  göttlicbeu 
SSiUen  beibeS  in  SBeAitg  auf  einanber  georbnet  ift.  2>enu 
barauS,  bafj  bie  ©rfebeinung  ber  Sünbe  bem  (Eintreten  ber 
©rlöfung  Ooranging,  folgt  feineSroegeS,  bafj  fte  aueb,  für  ftcb 
allem  georbnet  unb  gewollt  mar;  oielmebr  fagt  eben  biefeS, 
bafj  ber  (Srlöfer  erfdjien  als  bie  Seit  erfüllt  mar,8  ferjon  beut; 


1  Melanchth.  loc.  p.  121.  Respondeo  de  renatis  adultis 
omnes  concedere  coguntur  reliqua  esse  peccata.  Conf.  1.  £»Ofj.  1,8. 
—  Conf.  angl.  XV.  sed  nos  reliqui  etiara  baptizati  et  in  Christo 
regenerati  in  inultis  tarnen  offendiinus  omnes. 

-  »fll.  §.  74,  ?,.  *  (Mal.  4,  4. 


©er  ©taubettSleljre  atoetter  Sfjeü.  ©rittet  Slöidjmit.  375 

li<$,  bafs  bon  Anfang  an  atfe§  auf  feine  (grfdjeünmö  Belogen 
lüorben  mar.  Stimmt  man  nun  nodj)  Ijinau,  baf3  bie  aufjer  beut 
unmittelbaren  Bufammentjang  mit  ber  ©rlöfung  fortbefteljenbe 
Sünbe  ni<$t  aufhört  erjeugenb  §u  fein,1  unb  bafs  häufig  erft, 
menn  ein  gemiffe§  Sftaafj  ber  ©ünbe  erfüllt  ift,  bk  Sßirffam* 
feit  ber  (Srlöfung  eintritt:  fo  mirb  man  fein  Söebenfen  tragen 
tonnen  ju  fagen,  bafs  ©ott  auct),  miemot  nur  in  Söeaug  auf 
bk  Gsrlöfung,  ber  Urheber  ber  ©ünbe  ift. 

3.  5) er  SSiberforutf)  in  biefen  beiben  (Sä^en,  mel$e  bo# 
beibe  $ht§brüffe  unfere§  frommen  ©elbftbemufjtfeinS  finb,  ift 
um  fo  fdjttrieriger  m  5eben,  al§  e§  nicbt  etma  smet  ber* 
id)iebene  ^Schiebungen  finb,  in  melden  ba§  eine  unb  ba§> 
anbere  gefagt  mirb,  [onbern  beibe§  mirb  geforbert  in  einer 
unb  betreiben  Söe^iebung,  nämlid)  in  fofem  mir  bie  kräftig* 
!ett  be§  ®otte§bemufjtfein§  auf  feine  befanbere  TOttfj  eilung 
surüfffübren.  5lEerbing§  finb  beibe  nur  au§  bem  SöemuMein 
be§  in  bie  mirflidje  ®emeinfd)aft  ber  (Ertöfung  aufgenommenen 
Triften  entmiffelt,  unb  auf  biefem  engeren  (Gebiet  fctjetnt 
fidj  ber  SSiberfbrud)  letdjt  su  löfen,  menn  man  fagt,  ba  bie 
Sünbe  einmal  bor  ber  ©rlömng  gefest  fei  unb  beftetje,  unb 
bie  göttlidje  Sftittfjeüung  bod)  nur  in  ben  formen  be§  menfd)* 
litten  Seben§  mirfen  fönne,  fo  fei  baburdj  fdjon  gegeben,  ba% 
auc§  bur<$  bie  göttlidje  ©nabe  bie  (Sünbe  in  biefem  Gebiet 
nur  auf  aeitlic&e  SSeife  übermunben  merben  tonne.  OTein 
mir  tonnen  nid)t  ausleict)  autf)  fagen,  bafs  mir  un§  bereifen 
motten,  ofme  ba%  SSor^anbenfein  ber  (Sünbe  in  bem  menfdj* 
li<$en  ©efdjledjt  überhaupt  mit  unferm  (55otte§bemu^tfein  in 
Bereinigung  §u  bringen,  ©onbern  f$on  be§r)alb,  meil  bte§ 
engere  (&thkt  in  beftänbiger  ©rmeiterung  unb  smar  burdj 
ber  SBegnabigten  ÜDHttbätigfeit  begriffen  ift,  mirb  un§  au<$ 
ein  beftänbige§  £>inau§|*eben  auf  jene§  äußere  (gebiet  unerläfj* 
Itdj.  £)a§er  fürtet  ftct)  unfer  ®attung§bemuf3tfein  in  biefer 
Begebung  nur  au§  in  bem  ®egenfa§  ämifdjen  !Ret<^  ($5otte§ 
unb  SBett,  ber  nun  auf  ba$  atterattgemeinfte  fomot  ben  ®egen* 
faj  äh)i^en  ©ünbe  unb  ©nabe,  al§  audj  baZ  Bufammenfeiit 
beiber  barftettt,  fo  bafs  mir  in  biefer  un§  unentbebrtidjen  @h> 
meiterung  unfere§  $8enmfjtfein§  ganj  benfelben  Sßiberfbrudj 
mieberfinben,  ber  alfo  au<$  für  biefe§  ermeiterte  Söenmfjtfein 
gelöft  m erben  mufj. 

4.  lieber  Berfudj)  aber  ü)n  )o  §u  erlebigeu,  bafs  man  ben 
•einen  @aj  allein  gelten  läfst,  ben  anbern  aber  berhnrft,  fübr: 


SSgi.  §.  71. 


376  Ter  dmftlitfjc  ©laubc.  griter  SljeiL 

unbcrmciblid)  ein  mit  bem  (Hjarafter  be§  (£§riftentljum§  unber* 
träglicbeS  iMuItat  herbei,  inbem  mir  entmeber  in  bie  bcla- 
Sianifdje,  ober  in  bie  manidjäifdje  2Ibmeid)ung  geraten.  2)a§ 
legrere  Qefct)te^t,  menn  man  bie  erfte  fiälfte  unfere§  ©ase§ 
auf  foldje  SSeife  ftetft,  bafc  bie  lejte  gans  au§ge[djloffen  toirb. 
2>erm  tft  bie  @ünbe  auf  feine  SBeife  in  einem  göttlichen 
SBilTen  gegrünbet,  nnb  fte  fott  bod)  afö  foldje  £Ijat  [ein:  fo 
mufj  man  einen  anbern  aber  bon  bem  göttlichen  in  foferit 
bößig  unabhängigen  SBiHen  annehmen,  in  meldjem  alte  <Sünbc 
oI§  folerje  üjren  legten  ®runb  Ijabe.  @§  mad)t  bann  menig 
llnterfdjieb ,  ob  bte§  ber  menfct)ltd)e  SBiHe  felbft  ift  ober  ein 
anberer;  benn  nimmt  man  babei,  raie  e§  bod)  in  unferm  ©elbft* 
mufjtfein  gegeben  ift,  no$  ein  gufammenfein  bon  (Sünbe  unb 
©nabe  in  bemfelben  (Sinselroefen  an:  fo  fann  biefe§  nur 
angeferjen  merben  al§  ber  ®ambf  biefer  beiben  entgegen- 
gefegten  SBiUen,  mithin  ber  göttliche  Sßtffe  burd)  lebe  SSirf* 
famfeit  be§  gleifd)e§  übermunben,  eine  23orftelTung,  burd) 
meldte  auf  jeben  galt  bie  göttliche  Slllmadjt  befdjrfinft,  mithin 
aufgehoben  unb  ba$  fcrjlectjt^tnige  5lbt)ängigfeit§gefül)l  für  eine 
£äufd)ung  erflärt  mirb.  SSitt  man  aber  gegen  alle  innere 
I  ßrfatjrung  ben  entgegengefesten  offenbar  fanatifdjen  ©05 
mögen,  bafj  mit  bem  (Eintreten  ber  göttlichen  ®nabebie©ünbe 
ibrer  SBaljrljeit  nad)  gänjUd)  berfcfjrainbe,  unb  nur  ein  (Schein 
berfelben  übrig  bleibe:  fo  bliebe  bod)  immer  ba,  roo  fte  ber 
Sßabrljeit  nad)  nod)  ift,  bie  göttliche  5lßmadjt  au§  bem  gangen 
fäebiet  ber  freien  Shjaten  al§  foletjer  au§gefd)loffen,  unb  betbe 
(Gebiete  erfreuten  einanber  audj  äujserlid)  auf  ba§  beftimmtefte 
gegenübergefteEt  ba§  be§  göttlichen  SSiHeng  unb  ba$  be§ 
©egenfa^eS  gegen  benfelben.  (Sben  fo  gerotfj  aber  berirren 
mir  un§  in  bie  betagianif$e  $u§roeid)ung,  menn  mir  bie  legte 
£>ätfte  unfere§  ©ageS  allein  fielen  laffen,  fo  bafc  aller  Untere 
fcrjieb  in  ber  göttlichen  tfrfädjlidtfeit  aufgehoben  mirb,  unb  fte 
bei  ber  SBirlfamfeit  be§  gleifd)e§  unb  ber  ®räftigfeit  be§ 
©otte§berouf$tfetn§  biefelbige  fein  fott.  2)enn  al§bann  mufj 
aud)  bie  menfd)lid)e  (Selbfrtrjätigfeit  biefelbige  fein,  ber  ©egen* 
fog  gmifcljen  urftorüngltdjer  llnfäljigfeit  unb  mitgeteilter 
Sräftigfeit  be§  <8totte§berüuf$tfeut§  Ijört  auf,  unb  ba  aud)  ba§ 
fräftigfte  auf  biefelbe  Söeife  mie  bie  ®  eraalt  be§  f5teifct)e§  ein 
SSert*  unferer  ©elbfttljärtgfett  ift:  fo  fann  ba%  unfere  innere 
©rfaljrung  mit  conftituirenbe  Söeroufctiein  ber  Unfäljigfeit  nur 
einen  borübergeljenben  fd)on  im  menfcljlidjen  ($5efammtleben 
1  öerfäjminbenben  guftanb  begeidmen.  Unbermeiblid)  befommt 
,  in  einem  ioldjen  ineinanberfliefjenben  üDZefjr  unb  Sföinber  bon 


£er  ®Iauoen§teljre  jtoeitet  3#etl.  dritter  2tofd)mtt.  377' 


gletfä  unb  (Seift  bte  (Srlö)ung  eine  feljr  unftdjere  (Stellung, 
unb  e§  nrirb  faft  aufätttß  tüte  biet  ober  tote  menig  eigenttjüm* 
liefen  ©inftufc  man  bem  ©rlöfer  auftreibt  balb  meljr  aß  Ur* 
lieber,  balb  mefjr  als  SSeraniaffung.  fctefe  Abfdjmädjung  be§ 
foeeiftfäen  Unterf^tcbcS  smifdjen  (Srlöfer  unb  ©rlöften  btefer 
faft  nur  notf>  unetgentüdje  ©ebrau<$  be§  Au§bruff§  ©nabe 
be^eiftttet  bte  Delagianifctje  Abirrung.  Sft  Mefe  nun  auf  ber 
einen  ©eite  eine  Aufopferung  be§  praftiidjen  frommen  Sntereffe, 
meld)e§  einen  boulommen  reinen  8mbut§  irgenbmo  öofrulirt 
an  ba§  t$eoretifäe,  meldjeS  ein  gleiches  $erf)ättnife  aller 
lebenbigen  £fjätigfeit  %u  ber  göttlichen  llrfäc&lidjfett  erJjetfdjt, 
auf  ber  anbem  aber  ein  fdjtoätfcttdjeg  burd)  Abftumbfung  ent* 
ftanbene§  Aufgeben  jeber  ootffommnen  Söefriebigung :  fo  ift 
bie  ntamdjäiföie  auf  ber  einen  <Sette  ein  Aufgeben  be§  tfjeo* 
rettfdjen  frommen  Sntereffe  an  ber  SSaljrljeit  ber  göttltdjen 
Atfmadjt,  um  nur  für  baZ  praftifc&e  au  gemimten,  bafj  ba§ 
95öfe  auf  bie  üotCfornmenfte  SSeife  nrirftitf)  fei,  bamtt  ftdj 
befto  notb,menbiger  seige,  bafj  ba$  ootffommene  ©ute  eriöienb 
bagegen  nrixfe.  Unb  bk$  ift  botf)  immer  aud)  eine  35er* 
gmeiflung  baran,  ha§>  ©afein  ber  ©ünbe  mit  ber  göttlichen 
AHmadjt  §u  bereinigen. 

§.  81.  Söenn  bie  ftr*Ud&e  Sef)re  *>i*n  Sötberfpru* 
au3§ugtet$en  fud)t  bur<$  ben  @a§,  ba£  ©Ott  nt$t  Ur* 
^eber  ber  ©ünbe,  fonbern  biefe  in  ber  greift  beä 
9flenfd?en  gegrünbet  ift:  fo  bebarf  biefer  bod)  ber  (&>  1 
geh^ung,  <3ott  I?abe  georbnet,  bafc  bte  iebeSntal  nod) 
mdjt  geworbene  getrföaft  be£  ©eifte-3  un<3  @ünbe 
toerbe. 

Conf.    Aug.   19.      Tametsi    Deus    creat   adiuvat   naturain,    tarnen. 
causa    peccati   est   voluntas   malorum   videlicet  Diaboli    et   im- 
piorum,   quae    non    adiuvante  Deo    avertit  se  ad  alias  res.  — -        _^~ 
Sol.  decl.  p.  647.  Neque  Deus    est   creator  vel  autor  peccatu  -^ 
—    Melanchth.    loc.   p.  72.      Non    igitur    Deus    causa    est. 
peccati,    nee    peccatum    est    res    condita   aut    ordinata  a  Deo. 
p.  76.  peccatum  ortum  est  a  voluntate  diaboli  et  hominis,  nee; 
factum  est  Deo  volente.    —    Exp.  simpl.  VIII.  scientes 
mala   r.cn  esse  quae  fiunt  respeetn   providentiae  Dei  voluntatis 
et  potestatis  Dei,  sed  respectu    Satanae    et    voluntatis   nostrae 
voluntati  Dei  repugnantis.   —    Conf.  hungar.    (Ed.  Aug.  p. 
251.)    Sicut    impossibile    est    contrario  inter  se  pugnantia  .  .  . 
causam    effici  entern    formalemque    esse    posse  sibi  contrariorum 
.  ita  impossibile  est  Deum  qui  est  lux  iustitia  .  .  .  causam 


37b  S>er  djrifilidje  Cjjlau&e.  Grfter  Jtfjcil. 

esse  tenebrarum  peccati  .  .  sed  horum  omnium  causa  Satanas 
et  homines  sunt.  Quaecunque  enim  Deus  prohibet  et  propter 
quae  damnat  facere  ex  se  et  per  se  non  potest. 

1.  $)afc  man  bte  9lu§brüffe  (Schöpfer  unb  (Srfcrjaffen  oon 
ber  (Sünbe  gebraust  bat,  ift  nur  burd)  ben  fd^olaftifdjen  Wlifc 
brauch  abftracter  Söörter  möglich  geworben,  tueld^e  bem 
«Streit  über  bie  (Srbfünbe  bie  nmnberlidje  Söenbung  gab,  ob 
fte  eine  (Subftans  ober  ein  SlccibenJ  fei ;  e3  ift  aber  an  unb 
für  ftd)  gans  unsuläfftg,  ba  bie  ©ünbe  meber  ein  abge= 
fdjloffeneS  3) afein  ift,  no<$  einen  abgefctjloffenen  Verlauf 
bilbet.  llnb  eben  fo  roenig  fann  man  iene  2tu3brüffe  —  am 
menigften  fofern  man  erfdjaffen  unb  erhalten  unterfcrjeibet  — 
Oon  ber  fünbigenben  Sftatur  gebrauten,  meil  audj  in  biefer 
bie  (Sünbe  feinen  Anfang  bilbet,  fonbern  erft  im  Verlauf  be§ 
Seben§  eintritt,  bleiben  mir  aber  bei  bem  2lu§bruff  ftefjn, 
bafj  ®ott  nicrjt  Urfadje  ober  Urheber  ber®ünbe  fei:  fo  liegen 
hei  ber  Verneinung  genau  genommen  aroei  oerfdjtebene  (ge- 
bauten sunt  ®runbe,  bereu  erfter  in  ben  erften  beiben,  ber 
anbere  in  ben  testen  beiben  <5tellen  oorberrfdjt. 

£>er  erfte  ift  biefer,  ba  in  (SJott  teufen  unb  ^erborbringen 
baffelbe  fei,1  bie  ©ünbc  aber  fein  göttlicher  ®ebanfe  ober 
ßtoeffbegriff  fein  fonne:  fo  fönne  e§  audt)  feinen  ^erOor= 
bringenben  SSitten  ®otte§  in  Vesug  auf  bie  ©ünbe  unb  bie 
fünbigenbe  -iftatur  geben.  Slftein  baffelbe  fönnte  man  bon 
jeber  enblidjen  Statur  fagen.  £)enn  bie  fünbigenbe  üftatur  ift 
ein  gneinanber  oon  ©ein  unb  ^idjtfetn  be§©oite§behnifetfein§; 
(aber  eben  fo  ift  iebe  enbltdje  -iftatur  ein  Sneinanber  bon 
( ©ein  unb  Sftidjtfein,  unb  ba$  -Da'djtfein  fann  ebenfalls  fein 
göttlicher  3m eff begriff  fein.  2)odj  aber  giebt  e§  in  Vesug 
auf  jebe  enblidje  Statur  einen  berOorbringenben  göttlichen 
Sitten,  aber  ntdjt  an  unb  für  fiel),  fonbern  al§  in  bem  bie 
®efammtf)eit  be§  enblicben®otte§berouMein§berborbringenben, 
ioelcber  ja  aud)  bie  ©rlöfung  in  fid)  fdjliefct,  enthalten.  <So* 
mit  bebarf  ber  erfte  oerneinenbe  3:r)etX  be£  ftrctjlicrjen  ©ase3 
sunädtft  einer  Vefcrjränfung,  nämlid)  ba%  bie  Verneinung 
nietjt  fo  s»  berfteben  fei,  al§  muffe  nun  bie  ©mibe  auf  einen 
anbern  berborbringenben  SEBiUen  surüf fgefübrt  merben,  ber  e§ 
in  bemfelben  ©imte  mirflid)  fei,  in  meldiem  ®ott  überhaupt 
nur  Urheber  ift,  nämlid)  mittelft  einer  seitlofen  enrigen  Ur* 
fnd)lid)feit;  benn  fonft  müfete  bon  jebem  einseinen  bifferentiirten 
©ein  mithin  sulest  bon  ber  (Sefammtfjeit  beffelben  baffelbe 


1  SSfll.  §.40,  lru.§.  55.  @.  293. 


£er  ®Iau6en§Iefjre  atoeiier  Sfjetl.  dritter  8tofdjnttt.  379 

gelten,  fo  bafj  nur  bie  Sßabl  bliebe  attrifdjen  einem  Don  ©ott 
fcerfc&tebenen  2)emiurgen  al§  SSeltfdjöpfer,  ber  eben  audj  bie 
fünbigenbe  Sftatur  al§  foldje  gefdjaffen  ^abe,  ober  einem  böfen, 
<$5ott  entgegengefeaten,  <$5runbmefen,  in  meinem  bie  seitloje 
•Urfäcblicbfeit  ber  ©ünbe  liege,  meldjeS  aber  bodj  audj  ber 
(Schöpfer  be§  enblidjen  @ein§,  unb  amar  nicbt  nur  gum  ifcii, 
nrie  ©inige  gefabelt  baben,  foubern  gana  tnüfete  gemefen  fein.1 
■<£§  bleibt  alfo  oon  biefer  <&t\tt  nur  übrig,  entmeber  bafe  für 
bie  ©ünbe  gar  feine  eitrige  Urfädjlidjfeit  au  fejen  fei,  ober 
ba%  biefe  bod)  muffe  in  (SJort  gefunben  werben.  —  (Sin  lieber* 
gang  oon  bem  erften  £>auotgebaufen  %vl  bem  anbern  ergiebt 
ftdj  no<$,  menn  man  ben  gefammten  fünblidjen  Buftanb  aurüff* 
fütjrt*  auf  ein  SSerlorengegangenfein  be§  ber  menfd)licE)en 
9?atur  urforünglicb  oon  ($5ott  mitgegebenen  ®otte§bettmjjtfeüt§. 
SDenn  fonft  smar  ift  aHerbing§,  mie  e§  ja  aufjerbem  gar  fein 
SCttltd&eS  ©ein  geben  fönnte,  ba§  aufboren  bon  ettoag  in 
bemfelben  göttlichen  SBillen  begrünbet,  roorin  audj  fein  2ln* 
fang;  anber§  aber  fcbeine  e§  bod)  fein  au  muffen  mit  bem 
<$5otte§bemufjtfein,  beffen  Slufpren  al§  be§  <Sein§  ®otte§  in 
ben  ÜIßenfdjen  nictjt  fönne  in  göttlicher  Xtrfäcblidjfeit  gegrünbet 
fein.  SDie§  fönnte  atferbingS  gelten,  menn  bie  (Sünbe  ein 
gänalicf)e§5lufbören  be§  ©otte§bemuf;tfetn§,  unb  bie  fünbigenbe 
liftatur  gana  ©ünbe  märe.  Mein  in  ber  fünbigenben  Statur 
ift  ba§  Sööfe  nur  an  bem  ®uten,  unb  fein  Slugenbltff  gana 
fcon  «Sünbe  erfüllt,  meil  eben  biefe  felbft  ba$  <Sotte§6ehmf$tfem 
t»orau§feat,  fo  ba.%  biefe  Statur  immer  ba$  ©ein  ($5otte§  mit* 
getljettt  behält,  menngleid)  auf  eine  möglidjft  befdjränfte 
2Seife.  Mitbin  fann  aucb  in  biefer  Söeaiebung  in  bemfelben 
$öttlidjen  SßiUen  nrie  bie  ÜDttttbeilung  fo  aucf)  bk  ^efctjrcmfung 
begrünbet  fein. 

2) er  a^eite  ©ebanfe,  oon  meldjem  ausgegangen  mirb,  ift 
ber,  bafc  ©ott  unmöglich  fönne  baSjenige  benrirfen,  alfo  aud) 
nictjt  ber  llrbeber  baoon  fein,  ttm§  er  felbft  verbietet.    9?un 


1  S>afe  unfere  Söefenntnifjfdjriften  burdj  bie  (£inmifd}ung  be3  Seufelä 
biefeS  nidjt  beabfidjtigt  Ijaben,  ift  beutlttf)  genug.  5)enn  er  ift  mit  bem 
2ftenfd)ett  unter  bemfelben  Segriff  eine§  enblidjen  freien  SSefenS  sufammens 
flefafct,  fo  bafj  feine  <5ünbe  gleidöfattö  in  feiner  greüjeit  begrünbet  gebaut 
toerben  foH,  feineäfoegeö  aber  fott  fein  S3erl)ältnif$  jur  ©ünbe  be§  2ftenfrf)en 
bem  SSegrünbetfein  berfelben  in  beffen  eigener  gretfjeit  Slbbrua^  tljun.  @o 
baß  buro)  bie  Seimifdjung  be§  SeufelS  Ijier  niäjtS  manidjälfdjeS  in  bie 
ftrtölidje  ßefjre  fommt,  mithin  auaj  biefe  Slbirrung  babura^  nic^t  leiajter  ju 
-öermeiben  ift,  toenn  man  ben  Seufel  bei  ©eite  Iä^t. 

2  SSgt.  §.  72. 


380  £er  djriftlidje  ©laufce.  Gvfter  %i)cil 

imifc  freilief)  äugegebeu  Serben,  ba%  ber  5Inbem  gebietenbe,.» 
toenn  nur  audj  fagen  SBttte  unb  ber  felbft  berüorbringenbe 
SBtffe  <#otte§  nidjt  ibentifd)  ftnb.1  2>enn  ba§  göttlidje  ®ebot 
geigt  fidj  ntc^t  3ugleidj  al§  einen  ba§  tljm  angemeffene  in 
allen  unter  ba$  ®ebot  gehörigen  gälten  benrirfenben  Sßitten;. 
öielmeljr  fjmdjt  aud)  bie  ©ctjrift  au§,2  bafj  oermöge  bee 
gebtetenben  göttlichen  SSillenS  ba§  itjm  angemeffene  nidjt 
ift;  unb  mir  ftnb  un§  OTe  beutlidj  be§  UnterfdjiebeS  beroufjt, 
roemt  un§  allein  ber  gebietenbe  göttlidje  SSiÜe  gegeben  ift, 
unb  luenn  Ijernad)  ber  Ijerborbrütgenbe  göttlidje  SBiKe  tjinsu= 
fommt"  ©ben  fo  beutfic^  ftnb  mir  un§  aud)  ben)u§t,  bafj 
ber  Unterfdjieb  äroifd)em  bent  gebietenben  unb  beut  baä  ®e= 
botene  tjerborbringenben  göttlichen  SBiUen  ein  gans  anberer 
ift,  al§  nur  5. 28,  in  ber  (SdjöpfungSgefdjidjte  ber  smifdjen 
bem  ben  ©ntfdjhtfc  onfünbigenben  2lu§fürud)  unb  bent  iljn 
üolläietjenben  SöiHen.  2)er  gebietenbe  göttlidje  Söifte  ift  aber 
aud)  be^alb  fein  bercirfenber,  roetl  näntlid)  ©ünbe  nur  be- 
gangen rotrb,  fofern  ein  gebietenber  göttlicher  SSttCe  t>or^ 
I)anben  ift,  meldjem  eineßebenSäufjerung  miberftreitet  2)enn 
ift  gefünbigt  roorben  in  ber  Meinung  einen  joldjeu  ju  t>oll* 
Steint:  10  ift  aud)  nidjt  bie  £>anblung  felbft,  fonbent  nur 
btefe  falfdje  ä)teinung  ©ünbe,  unb  aud)  nur  fofern  fie  int 
Sßiberfrreit  gegen  einen  gebtetenben  SSiECeit  entftnnben  ift; 
unb  baffelbe  gilt  aud),  menn  burd)  Ueberfetjen  gefünbigt 
nurb.  <So  ba%  alle  ©ihtbe  snrifetjen  ben  ©renapunften  ber 
llnfc&ulb  unb  ber  Sßerftoffung^.  eingefdjtoffen,  baä  Söenmfct^ 
fein  eiue§  gebietenben  SBillenS  borauSfeat.  ©inb  nun  aber 
aud)  gebietenber  SöiUe  unb  Ijerborbringenber  nid)t  baffelbe: 
fo  t'ann  bod)  audj  ber  leatere  bem  erfteren  nidjt  entgegengefeat 
fein;  inbent  leine  SMjrljett  in  bem  Verbot  fein  tonnte,  menn 
®ott  bie  Uebertretung  be3  Verbotes  felbft  Ijerborbrädjte. 
9cur  ift  Ijiebei  aud)  biefeS  nidjt  au§  ber  Sldjt  au  laffen,  bafj 
ber  göttliche  gebietenbe  Söitfe  nur  al§  ein  fcrjlcdjttjin  t-ott* 
rommner  gefeat  Sorben  mar,  beut  mithin  aud)  ba§>  bon  ber 
göttlichen  ©nabe  als  Ijcrborbringenbent  göttlichen  SBiKen  be* 
mirtte  niemals  entfpridjt.  S)enn  ift  nun  biefeS  gurüffbleiben 
boefcj  in  un§  aud)  al§  nod)  anljaftenbe  ©ünbc  be^eic^net:5  fo 


1  Calvin.  Institt.  I.  18,  4.  Perperam  enim  ruiscetur  cum 
praeeepto  voluntas ,  quam  longissime  ab  illo  differre  innumeris- 
I              is   constat. 

2  9töm.  7,  8.  9.  16—18.  *  $#l  2,  13. 

4  8ßl.  §•  66,  l.  u.  74,  3.  *  SSgl.  §•  63,  3. 


$5ex  ©Iau6en3Iei)re  jtociter  £f)eil.  dritter  Sftfönitt.  SSI 


mirb  audj  bon  ljter  au§  ber  oerneinenbe  £fjeü  be§  firc&ltdjeit 
@age§  fo  muffen  befc&rcmft  to erben,  biefe  SBernetmutß  fet  mir 
\o  su  toerfteben,  bafe  bod)  bureb  ben  berborbringenben  gbtt* 
liefen  SSilCen  eine  Unangemeffenbeit  gu  bem  gebietenben 
fönne  gefegt  fein,  mitbin  infofem  bie  ©ünbe  in  ber  göttlichen 
lXrfäcrjItctjfett  gegrünbet. 

2     3ßa§  nun  ben  streiten  bembenben  3^etl  be§  ftrcbltcben 
©age§  betrifft,  fo  ift  btefer  gemifc  bollfommen  richtig,  aber  er 
fann  nidjt  geeignet  fein,  bie  $efd)ränfmtgen  be§  erften  aufgu* 
beben,  meiere  mir  für  unfer  frommes  ©dbftbeftmfctfem  in 
Ulnfbrud)  neunten  müßten.    SSielmebr  merben  mir  tn  golge 
berfelben  bie  Bufammenftettung  beiber  Steile  nur  fo  faffen 
fönnen,  bafc  bie  (Sünbe,  infofem  e§  feine  göttliche  Urfädjltcfc 
fett  für  biefelbe  gebe,   audj  nidjt  in  ber  menfäüdjen  fyretrjelt 
gegrünbet  fei,  melcbeS  aud)   allein  mit  bem  bon  un§  auf* 
gefreuten  ®egenfag  gnufdjen  ber  göttlichen  emigen  unb  ber 
seitlichen  enbtidjen  llrf äd)Itcr)fett *  gufammenftimmt,  ha%  aber 
mit  bem  «öegrünbetfein  ber  ©ünbe  in  unferer  gretljett  bemtoeb 
ein  anbermeitigeS  Söerutjen  berfelben  in  ber  göttlichen  Ur* 
Täct)Xict)fett  um  fo  mebr  befielen  fönne ,  als  nrir  in  93egug  auf 
ba§  fd)led)tbinige  9tbbängigfeit§gefübl  feinen  Unterfäteb  an* 
erfennen  steiften  ber  größeren  ober  geringeren  Sebenbtgfett 
ber  seitlichen  Urfä d)Iictj feit.2    Sßie  alfo  überhaupt  bier  nur 
bie  seitliche  Urfadje  angegeben  mirb,  fo  foE  baburd)  gunäcbft 
bebormortet  merben,  ba%  m*t   etma  ba§>  »ctougtfcin  ber 
@ünbe,  fofern  feine  göttliche  Urfäcblicbfett  bafür  angenommen 
merben   fann,    für  bloßen   @*ein   bürfe    gebalten   merben; 
bäumt  ttritb  fte  auf  baSjenige  bödifte  $0caa$    bon  innerer 
Sebenbigfeit  gurüffgefübrt,  roetdjeS  ba§  eigentümliche  unfereS 
SßefenS  ausmacht,    £ieburd)  mirb  alfo  auSgefagt,  bafj  gmtfeben 
bem  Suftanbe  be§  (SrlöferS,   in  meinem   au§  ber  $o*ften 
^eifrigen  Sebenbigfeit  feine  Unterbrechung  ber  £errfcbaft  be§ 
©otteSbemufetfeinS  Ijerborgeljn  fonnte,   unb  benjemgen  £u* 
ftänben  menf<$li<$er  Berrüttung,  mo  bie  geiftigen  Functionen 
unter  bie  Motens  ber  ®ranfbeit  geftellt  ftnb,    fo  bafc  au§ 
Mangel  an  greibeit  bie  Buretfinung  aufl)ört,  überall  «ntber 
freien  (gelbftentmifflung  aud)  bie  <Sünbe  gefegt  fet.    ^Beftebt 
alfo  biefe  gange  ©eftalt  ber  Gyiften*  nämlich  ber  natürliche 
DQcenfdj  in  golge  göttlicber  5lnorbnung:  fo  ift  benn  auet)  bte 
©ünbe  al§  au§  ber  greift  berborgebenb  m  biefer  ^norbnung 
jnitgefegt.    2)emnädjft  mirb  burd)  unfern  6ag  aud)  für  oa$ 

1  Sri.  §.  51, 1.  *  «fll-  §•  49. 


882  S)er  d)riftlid)e  ©laute.  Srfter  Sfjeil. 


Gebiet  ber  enbüd^en  Urfädjüdjfeit  aufgejagt,  bafj  nur  un§  im 
3ünbigen  feine§roege§  tonnen  ber  3Batjrt)eit  nad)  al§  leibenb 
nnb  anberroärtS  fjer  beftimmt  anfefyen.1  ®enn  burd)  gret^eit 
be§  SöitfenS  brüffen  mir  bie  Verneinung  aller  äufeern 
^öifn'gung  au§,  nnb  ba§  SBejen  be§  bemufjten  2eben§,  bafc 
nä'mlidj  feine  äußere  ©inmirfung  ben  ©efammtsuftanb  fo  be= 
ftimmt,  ba£  aud)  bie  (SJegeMuirfung  fdjon  mit  bestimmt  nnb 
gegeben  märe,  fonbern  bafj  kbt  (Erregung  erft  t)on  bem 
innerften  ÜUftttefyunft  be§  Sebeng  au§  iljre  Söeftimmt^ett  er--= 
§ält,  öon  melier  bann  aud)  bie  ®egenmtrfung  ausgebt,  fo 
bafj  alfo  bie  (Sünbe,  al§  oon  biefem  ättittefyunft  ausgegangen, 
allemal  be§  @ünber§  eigne  Zfyat  ift  nnb  feme§  5lnbem. 
(Sben  fo  roirb  aud)  biefe§  burd?  ben  5lu§bruff  SSiUengfrei^ett 
Demeint,  bafj  ber  Gsinselne  etwa  fdjon  burd)  bk  gemeinfame 
menfäüdje  DZatur  für  alle  gätte  beftimmt  ift;  öielmeljr  ift 
jebe§  gemeinfame  in  ber  SSirftic^leit  erft  ein  gemorbeneS,  nnb 
jeber  (Sinselne  mirb  bur$  biefen  2lu§bruff  al§  ein  urfürünglid* 
eigentfmmüdjer  oon  allen  5lnbem  öerfditebener  beftimmt.  @o 
bafj  feiner  bk  ©c&ulb  öon  fi<$  abmerfen  fann  auf  bk  ge* 
meinfame  üftatur,  fonbern  bie  einlernen  fünbtid^en  ©elbft- 
beftimmungen  ftnb  feine  Zfyat,  fomol  fo  mie  fie  au§  feiner  bk 
gormel  feiner  SB iftenSeigentfjümlidjf eit  mit  conftituirenben 
©ünbbaftigfeit  Jjerborgeljn,  al£  aud)  fofem  biefe  ft<$  burd> 
biefelben  immer  metjr  confotibirt.  3)ur<$  feine  biefer  be- 
ftimmungen mirb  aber  bie  ÜTOglidjfeit  einer  Söeätefjung  ber 
©ünbe  auf  bie  göttliche  llrfäc^üdjfeit  aufgehoben.  —  2lufjerbem 
aber  barf  ber  ©aj  and?  nur  fo  Oerftanben  merben,  mie  er  mit 
bem,  bafj  bie  ©ünbe  ein  3»ftanb  ber  ®nedjtfd)aft  ift2  3U- 
fammenbeftefjen  fann.  (Erfolgt  nun  ba$  5lufljören  biefer 
$ned)tfdjaft ,  menn  bk  Sßirffamfeit  ber  ©rtöfung  eintritt, 
meiere  boeb  nidjt  ofme  göttli^e  Urfäd^Uc^feit  p  benfen  ift, 
aber  fo  bafj  biefe  SBirffamfeit  nur  atfmä&lig  bk  ®nedjtfd)aft 
befeitigt  nnb  alfo  fortmäfjrenb  burdj  biefetbe  begrenzt  ift:  fo 
mufj  mieber  übrig  gelaffen  merben,  bafj  bk  an  ber  mit  £)ljn* 
mad)t  behafteten  grei^eit  begrünbete  ©ünbe  aud)  al§  foldje 
Don  ©ott  georbnet  fei,  menn  nidjt  fdjtedjtljin  angenommen 
merben  foH,  bafj  bie  göttliche  Söirffamfeit  burdj  etmaS  nidn 
öon  ber  göttlichen  UrfäctjU^feit  abhängiges  fönne  begrenst 
merben. 

3.    Söenn  nun  ber  firdjltdje  @as,  mie  er  ein  richtiger  5lu§= 
bruff  unjerS  (SelbftbemufetfeinS  ift,  bk  2TCögIid)feit,  ba%  ©Ott 


Sgl.  ®en.  3,  12.  13.  2  »gl.  §.  74. 


S5er  ©iQubettgte^re  atoetter  S^eil.  ©rittet  Sftfdjnitt.  383 

in  trgenb  einem  (Sinn  fönne  Urheber  ber  (Sünbe  fein,  nidj't 
ausliefst,  mir  aber  burcb  entgegengefeste  ^ntereffen  nacb 
beiben  (Seiten  fjüt  gesogen  derben:  fo  bleibt  nm  ben  fo  fcbem* 
baren  SSiberforudj  aufeulöfen  nur  übrig,  bafj  mir  um  bk 
göttliche  TOmacbt  unbefcbränft  nnb  unberfürst  su  erbalten 
behaupten,  bafj  bie  ©ünbe,  fofern  fie  nicbt  fönne  in  göttlicher 
Urfäc&ltcbfeit  gegrünbet  fein,  in  fofern  aud)  für  ®ott  nidjt  fei, 
fofera  aber  ba§  Söemufjtfein  ber  ©ünbe'snr  Sßabrbeit  unfere§ 
2)afein§  gebore,  alfo  au<$  bie  Sünbe  mirt'ltcb  fei,  fie  aucb  al§ 
ba§  bie  ©rlöfung  notbtoenbig  macbenbe  bon  ©ott  georbnet 
fei  Sfc  genauer  ficb  biefe§  beibe§  in  ber  (Sacbe  felbft  ber* 
einigen  läfct,  eben  mie  in  un§  felbft  bie  berfdjtebenen  Elemente 
unfereS  djriftlidjen  (SetbftbemufjtfemS  ein§  ftnb,  unb  je  be* 
itimmter  mir  beibe§  in  ber  Betrachtung  augeinanber  Ratten 
tonnen,  fo  baf$  ntcrjt  mebr  iebe§  ba§  ®egentbeil  be§  anbern 
su  forbern  fdjeine,  um  befto  ooHfommner  laffen  fict)  alle 
Sdjmierigfeiten  befeitigen,  ofme  bafc  mir  meber  manicbäifcb 
ber  (Sünbe  dn  bon  ®ott  unabhängige^  i§m  entgegengefeste*? 
Sein  sujdjretben,  nod)  pelagianifcb  ben  ®egenfas  sroifcben 
Sünbe  unb  (Snabe  berringern  unb  atfmäblig  auflöfen.  $on 
unferm  ürcblicben  Sase  nun  fagt  ber  teste  £ljeil  oie  Söirflicbfeit 
ber  (günbe  at§  unferer  %^at  au§,  ber  erfte  Stbeil  aber  baä 
^idjtbemirftfein  ber  ©ünbe  burcb  ®ott.  Sßergleicben  mir  nun 
mit  bemfelben  unb  ber  un§  nodj  gestellten  Aufgabe  bk  an- 
geführten (Stellen  au§  ben  Söefenntnifcf Triften:  fo  tritt  in  ben 
einen  ba§  seitliche  SBegrünbetfein  ber  (Sünbe  in  ber  menfcb* 
liefen  greitjeit  berbor,  aber  fie  fagen  rtictjt  au§,  bafj  biesu 
audj  eine  göttliche  emige  Urfäd)licbfeit  gebore;  in  ben  anbern 
tritt  ba$  ^icbtbegrünbetfeinifönnen  ber  (Sünbe  im  göttlichen 
SSiEen  Ijerbor,  aber  fie  fagen  ntdjt  au§,  bafj  infofern  bie|e§ 
mirflid)  feble,  aud)  bie  (Sünbe  für  ®ott  nid)t  fei  ^e  mebr 
ftd)  nun  biefe  beiben  (Stnfeitigfeiten  auSbilben,  um  befto  mebr 
jjäufen  ficb  bie  (Scbmierigfeiten ,  unb  man  mufj  enttoeber  su 
fm'sfinbigen  Unterf Reibungen  feine  guftudjt  nebmen,  in  benen 
ba3  unmittelbare  fromme  (Selbftbettmfjtfein  ficb  niebt  mieber* 
erfennt,  unb  bie  fieb  eben  fo  menig  su  einer  lebenbigen  3ln* 
febauung  bereinigen,  ober  man  mufj  bk  tiefere  ©rforfebung 
aufgeben,  mobureb  Me  ©tauben§lebre  in  t&rer  (ümtmifflung 
gebemmt  mirb.  SBolIen  mir  be§balb  bureb  bie  Bereinigung 
beiber  Ö5eficbt§puntte  bie  ©infeitigfeit  aufgeben:  fo  fragen  mir 
suerft  bon  bem  einen  auSgebenb ,  roa§  ift  benn  ba$  in  ber 
(Sünbe,  mosu  mir,  fofern  e§  in  ber  greibeit  be§  Sftenfdjen 
begründet  ift,  au<$  eine  emige  göttliche  Ur|äcblid)fett  ermarten 


-384  25er  ctjriftiic^e  ©lau&e.  (Srftcr  S^eii. 


fönnen?  9?un  tft  in  jebem  für  fid)  abgesoffenen  fünbtidjen 
Moment  auf  ber  einen  ©eite  eine  Sleufjerung  eineS  ftnnlidjen 
Naturtriebe^,  wobei  alfo  bie  ewige  göttliche  (£aufalität  ai§ 
OTt  wirfung  gefest  ift,  auf  ber  anbern  (Seite  ift,  als  auf  jenen 
£rieb  besiegbar,  benn  fonft  Wäre  bon  leiner  ©ünbe  bie  $ebe, 
ba§  (SJotteSbewufjtfein  gefegt,  wetdjeS  auf  bie  göttliche  Ur* 
fäd)lid)feit  in  ber  urfbrünglid)en  Offenbarung  aurüffgefjt. 
Mein  wie  jene  beiben  Elemente  sufammen  nod)  nic&t  bte 
©ünbe  ftnb,  fo  ift  au<$  biefe  göttliche  UrfäcrjXicrjfeit  nidjt  auf 
bie  ©ünbe  gerietet,  ©ofern  nun  biefe  in  ber  Dijnmadjt  beS 
(gotteSbewufjtfeinS  beftänbe,  märe  fie  au$  nur  eine  $er* 
neinung  unb  eine  folclje  fann  fein  göttiidjer  ©ebanle  unb  audj 
feine  götttidje  £erborbrtngung  fein;1  aber  bie  blofje  $er* 
neinung  ber  ®raft  ift  aud)  nid)t  bk  ©ünbe,  Wie  eS  benn 
|  unfer  SßeWufjtfem  niemals  befriebigt,  Wenn  bte  ©mibe  aiS 
l  ein  bloßer  Mangel  erflärt  Wirb.2  ^ener  Mangel  aber  wirb 
unS  nur  ©ünbe  baburd),  bafj  baS  gegen  ben  ftnnlidjen  £rieb 
ofjnmäc&ttße  ®otteSbemufjtiein  als  SBettmfetfem  beS  göttlictjert 
SßillenS,  gleidjbiel  ob  eS  giei^seitig  ge[dje&e  ober  bor  ober 
nadräer,  biefen  Buftanb  berneint;  benn  olme  folctje  55er* 
neinung,  tuende  eben  baS  Slnerfenntnife  eineS  gebietenben  ober 
berbietenben  göttlictjen  SBtllenS  ift,  giebt  eS  feine  ©ünbe. 
©onad)  werben  mir  tagen  fönnen,  fofern  bie  5lnerfennung  be§ 
gebietenben  sißtlIenS  in  unS  bon  ®ott  bewirft  wirb,  wirb 
aud)  bon  i&m  bewirft,  bafj  bie  Unwirffamfeit  beS  ®otteS* 
bemufctfetnS  ©ünbe  Wirb,  unb  gwar  mirb  bie§  bewirft  in 
Söc^ug  auf  bie  (Srlöfung,8  benn  baS  SBewufjtfein  einer  nodj 
geringen  ®raft  beS  ®otteSbewufetfeinS  wäre  baS  eineS  3u* 
ftanbeS,  welker  übertroffen  werben  mufe,  baS  SBeftmßtfem 
eines  ^uftanbeS  aber,  ber  einen  SBiberfbrud)  gegen  ben  gött* 
liefen  SSitten  in  fidj  fc^Xtefet,  ift  baS  SBewufctfem  eineS  f  olc&en, 
welc&er  aufgehoben  werben  mufj.  ©teilen  wir  unS  nun  auf 
bm  anbern  ©tanbbunft  unb  fragen:  WaS  für  ein  9?id)t* 
begrünbetfein  ber  ©ünbe  burdj)  ®ott  baS  fein  tonnte,  womit 
fid)  bod)  bereinigen  iie&e,  bafc  fie  unfere  SJat  Wäre?  ©off 
nun  bit  ©ünbe  beSljalb  ntdjt  auf  göttli^e  llrfädjlidjfeit  äurüff* 
äufüfjren  fein,  Weil  fie  Verneinung  ift:  fo  l)ai  fie  bieS  na# 
bem  obigen  gemein  mit  allem  enblidjen  ©ein,  fann  alfo  nidjtSs 
beftomeniger  unfere  25 at  fein,  wie  jenes  ber  Sn&egriff  unferer 


1  M  elanchth.l.th.p.  m.  76.  Etsi  enim sustentat naturam,  tarnen 
defectus  illi  in  mente  non  efficiuntur  ab  ipso. 
*  »gl.  §.  68.  8  ©al.  3,  22 


$er  ©laufonälefce  smeiter  Sfjeil.  ©rittet  Stöfdjnttt.  385 

grfaljrung  ift,  aber  fte  ift  bodj)  aucrj  auf  eroige  SSeife  in  uitb 
mit  ber  gefammten  Gsntroifftung  be§  (Sotte§betouf$tfein§  oon 
ÜJott  gerotrft.  ©oll  e§  aber  bestfjatb  feine  göttliche  (£aufatität 
für  fte  geben  fönnen,  roetl  fte  betn  gebietenben  göttlichen 
Sßiffen  nütjt  entiprid)t,  fo  Ijat  fte  ba§>  mit  allem  bod)  gerate 
bon  ©ott  geroirftem  ©uten  gemein,  an  meinem  ja  immer 
uocrj  bie  ©ünbe  tft,  fo  roie  fte  felbft  aud)  roieber  am  ©uten 
ift,  unb  aud)  fo  tft  fte  bafjer  nod)  unfere  eigene  oon  bem  3u* 
fammenljang  mit  ber  ©rlöfung  nodj  geriebene  Stjat.1  %lux 
roenn  fte  ein  fdjtedjtfjütiöer  SStberfarud)  gegen  ben  gebietenben 
SöiHen  ©otte§  roäre,  fo  ba%  fte  btefen  in  un§  gänälictj  auf* 
Ijöbe,  tonnte  ein  Ijeroorbrütgenber  SBitte  ($>otte§  in  95e§ug 
auf  fte  gar  nidjt  gebaut  roerben;  aber  fo  ift  fte  aud)  nid)t, 
roeil  bietet  ber  Buftanb  ber  fdjledjtljrmgeit  SSerftoffung  roäre, 
:ben  mir  au§  bem  tnenfdjlidjen  (Gebiet  fdjon  auSgefcrjloffen 
Ijaben.  ©onad)  erfdjeint  ber  ergänsenbe  (5aj  üoßfommen  ge* 
rechtfertigt,  inbem  e§  eben  ber  in  un§  erfc^einenbe  gebietenbe 
göttliche  SßtHe  ift,  burd)  roelc&en  un§  bk  Dtmmacrjt  be§  (Sottet 
fcetoufjtfemS  ©ünbe  roirb.  S)ur^  btefen  alfo  ift,  roenngleidj 
für  leine  einzelne  fünblid^e  £anblung  auf  eine  üjr  angeljörtge 
göttlidje  Urfädjttdjfett  jurüffgegangen  roerben  fann,  bodj  bit 
(Sünbe  oon  (Sott  georbnet,  roeil  fonft  aud)  bie  (Srlöjung  nicrjt 
tonnte  non  tfjm  georbnet  fein,  alfo  aud)  nidjt  bie  ©ünbe  an 
unb  für  fidj,  fonbern  nur  bie  Sünbe  in  Söesug  auf  bie  ®r* 
löfung. 

4.  ^nbeffen  ift  nidjt  §u  läugnen,  ba$  unfer  <Sas  ben 
@d)roierigfetten  nidjt  abljtlft,  roenn  bie  (Sünbe  foH  au§  einem 
fünblofen  Buftanb  ftttltd&  öoutommner  £§ätigfeit  entfteljen. 
löemt  unter  biefer  S5orau§fe§ung  mufj  man  entroeber  §u  einem 
joidjen  £anbabttjun  ©otte§,  einer  befonbern  bte  <Sünbe  pofttib 
^erüorbringenben  göttlichen  £ljättgtot  feine  Bufludjt  nehmen, 
ober  fte  als  eine  fold)e  au§  biefem  Buftanb  nod)  roeniger  al§ 
fonft  erklärliche  ©mbörung  barftetten,  bie  auf  bie  gänsltd)e 
$luf Hebung  be§  gebietenben  göttlichen  SBiIIen§  gerietet  fei. 
Garant  begnügt  man*  ftdj  bon  biefer  $orau§feaung  au§  ge- 
roöljnlid)  mit  ber  2Iu§t)ülfe,  bafj  roeil  GJott  nid)t  Urheber  ber 


1  Sfhtt  In  biefem  ©inite  fönnen  wir  mt§  bie  gormel  ber  SfagSourgifdjen 
Gonfeffion,  voluntas  non  adiuvante  Deo  avertit  se  ad  alias  res  gefallen 
laffen.  ®er  urtyrünglidje  beutfdje  Sfofcbruff,  ber  aber  in  ber  berbefferten 
beutfdjen  Confeffion  geänbert  toorben  ift,  beutet  aüerbingS  auf  einen  pofi* 
tioeren  ©inn  „al§balb  fo  ©ott  bie  §anb  abgetan."  ©enn  biefeS  ^»anb- 
abt^un  ©otte§  toare  bann  al§  eine  befonbere  göttliche  ^anblung  bie  erfte 
JÖebingung  ber  ©ünbe. 

©*r.,(Eötiftt.(B[.L  25 


386  $er  djriftltdje  ©laufce.  (grfter  Sfjeil. 

(Sünbe  fei  unb  fte  bod)  [et,  fo  fei  fte  burd)  feine  gulaffung, 
2Wein  biefer  oon  bem  menfcrjlidjen  Regiment  unb  feinen  33er* 
Ijälrniffen  entlehnte  5lu§bru!f  fjat  feinen  Ort  nur  in  beut 
©ebiet  ber  geseilten  Urfäct)licr)feit;  bie  eroige  aber  r)at  ir)re§^ 
gleiten  nict)t,  unb  alle  seitliche  mufe  ficb,  ju  ifjr  gleichmäßig; 
oerbatten.  9?odj  oerroirrenber  aber  tft  e§  ftatt  ber  bloßen: 
3ulaffung  ansuneljmen,  (Sott  tjabe  aHerbing§  bie  (Sünbe  ge* 
orbnet,  aber  nur  al§  unoermeiblid)e§  SKittel  p  anberroeitigen 
roicrjtigen  groefren,  inbem  er  bie  au§  ber  ©ünbe  entftetjenben 
liebet  au  einer  Duette  überrotegenber  SSortfjeile  gemacht,  berc 
<Sd)aben  ber  (Sünbe  felbff  aber  burdj  ßtjrtftum  oöllig  getilgt 
Ijabe.1  2)enn  abgefetjen  bar-on,  ba%  aud)  ber  ©egenfas  bon 
3roe!f  unb  Mittel  nictjt  bor&anben  fein  fann  für  einen 
fcrjlectjtfjin  unb  atte§  beröorbringenben  SBiKen,  läfct  ftd)  aucfc; 
nicbi  leicht  eine  Verfehltere  35arftettung  be§  (£fjriftentfjum& 
benfen,  als  bafc  (£briftu§  nur  eintritt  um  ben  au§  ber  @ünbe 
entftanbenen  (Schaben  gut  su  mactjen,  inbem  (Sott  bie  ©ünbe 
felbft  au§  Sftüfrjtdjt  auf  allerlei  S3ortc)eiie  nicfjt  entbehren, 
tonnte.  SSogegen  nadj  unferer  SDarftellung  bie  ©ünbe  nur 
um  ber  (Srlöfung  mitten  georbnet  ift,  unb  biefe  alfo  al§  ber 
mit  berfelben  oerbunbene  Sßortljeil  erfdieint,  bem  gegenüber 
aber  bon  einem  ©djaben  berfelben  nicrjt  hxt  Sftebe  fein  fann, 
ba  bie  nur  attmäfjlige  unb  unoottfommne  ßmtnüfilung  ber 
®raft  be§  ®otte§berouf;tfetn§  §u  ben  Söebingungen  ber  (S^iftens* 
frufe  gehört,  auf  roeld)er  ba$  menfdjlicrje  ®efd)led)t  fterjt. 

§.  82.  SDaffelbe  roaS  t-on  ber  göttlichen  Urfäd&ltdfofeit 
in  SBejug  auf  bie  ©ünbe  gefagt  ift,  gilt  au$  in  23egug, 
auf  ba£  Hebel  oermöge  feines  3ufammenl)ange3  mit  ber 
©ünbe. 

Sol.  decl.  p.  641.  Poenae  vero  peccati  originaiis,  quas  Deus  filii» 
Adae  ratione  huius  peccati  imposuit,  hae  sunt,  mors,  aeterna 
damnatio  et  praeter  has  aliae  corporales  spirituales  temporales' 
atque  aetemae  aerumnae  et  miseriae.  —  p.  819.  Ut  enim  Deus 
non  est  causa  peccati,  ita  etiam  ifon  est  poenae.  Conf. 
bohem.  IV.  Insuper  docent,  omnia  incommoda  et  adflictiones 
quibus  hie  quatimur  conflietamurque  meritissimo  iure  a  Deo  ob 
peccata  hominibus  infligi. 

1.  £er  in  unferm  (Sa§  au§geftrodjene  $aratteli§mu§ 
roirb  jroar  im  allgemeinen  übereinftimmenb  anerfannt:  aber 
tote  il)n  auct)  bie  fomoolifcrjcn  S3üd)er  nur  fparfam  bet;anbeln, 


1  S.  fteinljarb  £)ogm.  §.  75. 


<£5er  ©lQu6en§IeI)re  ätoeiter  2ljetl.  dritter  3t6frfjmtt.  387 

fo  mirb  er  audj  in  ben  ©üftemen  ber  ®lauben§leljre  feiten 
folgerest  burdjgefübrt.    3)ie3  bangt  mol  meljr  ober  meniger 
bamit  sufammen,  ba%  man  ber  ©arftetfung  ^meiertet  bei* 
gemüht  bat,  melci)e§  mir  bier  gleich  auSfcbeiben  motten.    «Su* 
erft   nämlicf)   foielt   überall:    bk    bermirrenbe   83orau§fesung 
burd),  bafj  (Sott  ba§  Uebel  na<^  Slrt  ber  menfcbtxcf)ett  gefes* 
liefen  ©trafen  auf  eine  mittfübrücbe  SSeife  mit  ber  ©ünbc 
oerbunben  Ijabe.  nnb  bann  oerbinbet  man  hiermit  gleidj  bk 
emigen  (Strafübel,  meldje§  au§    ienem  <$5eftcbt§mmft    ä^at 
mogiidj  ift,  oon  un§  aber  nidjt  nadjgealjmt  roerben  tarnt,  ba 
mir  e§  rjter  nur  mit  bem,  mag  un§  in  unferm  «Selbftbemufjt*  i 
fein  gegeben  ift,  ju  tbun  baben,  unb  un§  je§t  nod)  atte  $8e*  ; 
bingungen  fefjlen  um  biefe  grage  in  beljanbeln.     ©ben  fo  ;' 
menig  aber  baben  mir  bier  irgenb  eine  SBeranlaffung  §u  bem 
©ebanfen  an   eine  mittfübrtidje    göttliche  ©trafgefesgebung. 
2Sttt  man   bk  fctjon  oben   angeführten  mofaifdjen  ©teilen1 
bterbüt  beuten:    fo  mufj  man  äugletdj  jener  abenteuerlichen 
$orftettung  Dfaum  geben,  bafc  bk  Söef^affenöelfber 'irbifcjen  i 
SMnge  burd)  ba§  ©intreten  ber  ©ünbe  geänbert  morben  fei 
$n  ber  CSutridjhmg  ber  SBelt,   mie  fte  auf  bk  göttliche  Ur* 
fädjlidjfeit  surüffgeljt,  fann  überbauet  ntcrjt  ba§  eine  meljr 
ba§  anbere  meniger  mittfübrlid)  fein,  fonbern  atte§  ift  gleich 
mittfübrlid),  ober  ift  e§  audj  gleich  ferjr  nictjt. 

2.  bleiben  mir  nun  bei  bem  ftetjen,  ma§  in  unferm  ©elbft* 
bemufjtfein  hierüber  oorfommt:  fo  finben  mir  §mei  entgegen* 
gefegte  5luffaffungen  be§  Uebel§.  2)ie  eine  ift,  ba%  mir  ba§ 
Uebel  un§  felbft  al§  b^n  ©rfolg  unferer  ©ünbe  auftreiben, 
morin  sugleid)  Oerneint  mirb,  ba§  (Sott  auf  biefelbe  SSeife, 
mie  er  Urbeber  ber  urforüngltdjen  $ottfommenbeit  ber  Söelt 
für  ben  9ttenfcben  ift,  aud)  Urbeber  be§  UebelS  fei ;  unb  bieg 
rechtfertigt  fict)  binreidjenb  baburdj,  bafj  in  jenem  begriff 
nid)t  gefest  ift,  bafc  bie  SBelt  ber  Ort  be§  UebelS  fei,  öielmebr 
ba§  aud)  atte§  mit  bem  relatioen  (Segenfaj  smifdjen  unferm 
Sein  unb  anberem  sufammenbängenbe  boct)  nur  al§  SJtejäf* 
mittel  mirlfam  ift.  ©ie  anbere  Sluffaffung  ift  bk,  bafmir 
un§  in  aKe  Uebel  be§  SebenS  a!3  in  einen  göttlichen  über  un§ 
ergebenben  9?atbfd)luf3  fügen.  2)ie§  nun  rechtfertigt  ftd&  am 
oottftänbigften  in  allen  gätten,  roo  mir  Uebel,  bk  un§  treffen, 
anje&n  fönnen  al§  mit  51t  ben  Oerföbnenben  Seiben  ©brifti 
gebörig,  mie  benn  jebe  ®emeinfd)aft  (£t)rifti  al§  eine  foldje 
©emeinfdjaft  feiner  Seiben  mufj  angefebn    merben  tonnen. 

1  ©en.3, 14,  16—18.  SSgT.  §.  75,  1 


S88  ©er  $rfitn<$e  ©Um6e.  Grfter  Sfcll. 

9hir  bafj  fte  gan*  unb  auSfcbliefjenb  fo  betrachtet  überhaupt 
nid)t  als  Uebel  tonnten  aufgefaßt  raerben,  in  bie  mir  unS  nur 
gu  fügen  baben,  fonbern  nur  als  2lufforberungen  unb  Üteis- 
mittel  gu  einer  beftimmten  geiftigen  Stjätigfeit,  benen  mit 
greubigfeit  fott  golge  geleiftet  rcerben.  2>a  mir  unS  aber 
bocb  babei  beS  UebelS  beraubt  iuerben,  unb  iene  Sluffaffung 
ft<$  aud)  finbet,  tr»o  ein  befonberer  Bufammenljaug  beS  UebelS 
mit  unferm  Stnt^ett  an  ber  erlöfenben  Sljättgfeit  nid)t  bor* 
liegt:  fo  liegt  barin  beutlid)  bie  83orau§[eäimg  einer  göttlichen 
Slbftammung  beS  UebelS  als  folcben,  rcenngleid)  ntctjt  an  unb 
für  fid)  betrautet,  f onbern  nur  in  SBesug  auf  bie  ©ünbe,  als 
meiere  allein  jener  richtigen  unb  reinen  51uffaffuug  ber 
Hemmungen  bei  ftmtltcrjen  SebenS,  ba%  fte  nur  Ütetätnittel 
finb,  miberftrebt.  2)ie  richtige  5luSgleicbung  fann  alfo  audj 
5ier  nidjt  bte  fein,  bafj  baS  Uebel  rticrjt  bon  <S5ott  Ijerrüljre, 
roeil  eS  bermittelft  ber  ©ünbe  in  unferer  greibeit  gegrünbet 
fei;  fonbern  bielmeljr,  ba  mir  überall  mit  ber  seitlichen  Ur~ 
jäcbücbfeit  aud)  bie  emige  fejen,  mufj  audj  baS  Uebel  eben 
fofern  eS  in  unferer  grei&eit  gegrünbet  ift  sugleidj  bon  (Sott 
georbnet  fein,  wogegen  fofern  eS  bon  (Sott  nict)t  georbnet  ift 
eS  aud)  eigentlich  ntcrjt  fein  fann.  (£S  fann  ntcrjt  in  (Sott  ge= 
grünbet  fein,  fofern  eS  als  «Streit  ber  @jiften§en  ertdjeutt,  tu  eil 
nämlich  biefe  ntcrjt  als  iebe  etroaS  für  fid) ,  fonbern  nur  in 
ttjrer  gufammengeljörigfeit  unb  iljrem  $Raa%  bon  (Sott  ge* 
orbnet  finb.  ^nfofern  mithin  ift  eS  audj  nidjt,  fonbern  ift 
nur  für  unS  ein  ©djein,  ber  barauS  entfielt,  bafj  mir  bei 
ber  SSerein§elung  fteljen  bleiben.  $on  (Sott  georbnet  ift  aber, 
bafj  bte  natürlichen  UnboHfommen^eiten  bon  unS  in  bem 
SDtaafj,  als  baS  (SotteSbeinuMein  nod)  nidjt  in  unS  Ijerrfdjenb 
ift,  al§  Uebel  aufgefaßt  raerben,  fo  tote  bafj  bie  ©ünbe,  in 
bem  SJcaafj  als  fte  Ijerrfdjt,  ftdj  sunt  gefeiligen  Uebel  auSbilbet, 
eben  roie  aud)  beibeS  in  ber  grei^eit  gegrünbet  ift. 

3.  SöeibeS  aber,  forool  ber  in  unferer  greüjett  gegrünbete 
«Sufammenljang  beS  UebelS  mit  ber  (Sünbe,  als  aud)  bte  gött« 
liebe  SSegrünbung  beffelben  in  Sßcsieljung  auf  bie  ©ünbe,  ber- 
ftebt  ftd)  nur,  fofern  man  bie  (Sünbe  als  (Sefammttljat  unb  fo 
aueb  baS  Uebel  als  (Sefammtleiben  betrachtet  2)enn  ber 
(Siuselne  fann  nicfjt,  aufjer  nur  sufällig,  fagen,  bafj  bie  Uebel, 
an  benen  er  leibet,  in  feiner  eignen  gretljeit  gegrünbet  finb: 
fonbern  roo  iebeSmal  bie  ©ünbe  ift,  mit  ber  baS  Uebel  ju* 
fammentjäugt,  ba  ift  audj  bie  greiljeit,  auS  ber  eS  Ijerborgeljt. 
5)a  nun  feine  ©ünbe  bem  ©tnsehten  ganj  angebört:  fo  lä'fjt 
fieb  audj  biefer  Sufammenbang  nur  in  einem  (Sefammtleben, 


©er  ®lau&en§fef)re  ätoeiter  23jeü.  dritter  Hbfdjnitt.  889 

unb  gmar  je  felbftänbtger  unb  abgefctjtoffener  e§  ift  um  befto 
beutlicrjer,  batlegen.  3)arum  reicht  nun  ftreng  genommen  audj 
biefe  ©rflärung  nur  über  btejentgen,  meiere  burd)  bte  (Sr* 
geugung  entftanben  oon  Anfang  an  oon  einem  ®efammtteben 
abfangen;  mogegen  für  ben  erften  SDcenfcrjen,  für  fief)  be« 
txafyttt,  bte  göttliche  Urfädjltdjfett  an  bem  Hebel  in  $er* 
binbung  mit  bem  Söegrünbetfein  beffelben  in  feiner  eigenen 
gretljett  ferner  ift  gur  &arftellung  gu  bringen,  unb  gmar  um 
fo  fctjmieriger,  je  notbtoenbiger  man  glaubt,  einen  anfänglichen 
Buftanb  olme  natürliche  HnöoHfommenlietten  boranftetten  ju 
muffen,  ^a  eS  ift  bann  faum  möglich,  eine  millfübrtidje 
göttliche  Söeftimmung,  burcrj  meiere  ba§  Hebet  mit  ber  Sünbe 
berfnübft  ift,  gu  bermetben  —  mie  ja  auef)  ber  Sßerfuct),  bie 
jegigen  menfcf)licf)en  Hebel  au§  ben  natürlichen  ©igenfeej  af  ten 
be§  genoffenen  Styfefö  au  erflären,  bem  rticrjt  entgeht  —  mobei 
benn  ber  oben  angeführte  frjmBoltfcrje  Sag  am  menigften  be* 
fielen  fann. 

3ufa§.  2)a  mir  göttliche  (Eigenfdjaften  nur  aufstellen 
bermögen  al§  SOcobatitäten  ber  göttlichen  Hrfäctjluifett:  fo  1 
mürbe  e§,  mentt  ®ott  auf  feine  SSeife  Urheber  ber  Sünbe 
unb  be§  Uebel§  märe,  aucrj  feine  göttliche  (Sigenf haften  geben 
tonnen,  fraft  bereu  (Sünbe  unb  Hebel  beftänben.  £>aben  mir 
hingegen  eine  foldje  Hrfäcrjlidjfeit  befriebigenb  nacrjgemiefen: 
fo  muffen  mol  audj)  befonbere  bon  ben  bi§  legt  aufgehellten 
berfctjiebene  göttliche  (Sigenj ctjaften  ober  £bättgfeit§meifen  um 
fo  ntefjr  aufgeteilt  merben,  al§  boctj  Sünbe  unb  Hebel  auf 
ber  einen  (Seite  bon  (Sott  georbnet  ftnb,  auf  ber  anbern 
(Seite  aber  boef)  burcrj  bie  ©rlöfung  foEen  aufgehoben  merben. 
hüteten  nun  folerje  ©igenfe^af Inbegriffe  erft  gebilbet  merben: 
fo  fönnte  man  smeifeln,  ob  e§  beffer  märe  bereu  gm  ei  auf* 
aufteilen,  bxt  eine  für  bie  Sünbe  unb  bie  anbere  für  ba$ 
Hebel,  ober  nur  eine,  meit  ja  boerj  ba$  Hebel  nur  buretj  bie 
(Sünbe  bebingt  ift.  Mein  ba§  fromme  Semu^tfein  ift  ftd)  \ 
über  biefe§  Söer^ältitife  tängft  ftar  gemorben  unb  t)at  biefe  ; 
göttliche  Urfädjüdjfett  au§gefbrodjen  in  ben  beiben  ©igen* 
ferjaf  inbegriffen  ber  §  eiligfett  unb  ber  ®eredjttgfeit.  £>ier 
fönnte  freilief)  eingemenbet  merben,  ba§  in  bem  gemöfjnlic^en 
(Sprachgebrauch  ber  erfte  begriff  ftctj  nietjt  fomol  auf  bie 
Sünbe  allein  begießt,  al§  bielmeftr  auf  bzn  (Segenfag  ämiferjen 
gut  unb  böfc,  unb  eben  fo  ber  legte  nierjt  fomol  auf  ba§  Hebel 
allein,  al§  Oietme^r  auf  ben  ©egenfag  §mifct)en  SBelotjnung 
unb  SSeftrafung.  2tber  biefe  2lu§brüffe  ftnb,  gumal  ber  erfte, 
«metj  aufjerbem  fo  mannigfaltig  beftimmt  unb  erflärt  morben, 


390  5Ter  c^riftlicfjc  ©taube.  Grfter  Xljell. 

unb  einanber  audj  wieber  —  inbem  bo<$  Söeloljnung  unb  S3e- 
ftrafung  nidjt§  anber§  ift,  al§  ein  heraustreten  be§  SBo^l* 
gefallen^  unb  9ftifjfaIIen§  —  fo  nalje  gebracht,  bafj  nur  burdj 
bte  folgenbe  Söefjanblung  am  beften  gegeigt  werben  fann,  h)ie 
fef;r  fic  ftdj  für  biefen  Ort  eignen,  unb  wie  feine  anbere  S5e- 
beutung  berfelben  feftgeljalten  Werben  fann  al§  bie,  Weldje 
ttir  üjnen  Ijier  anWeifen. 

<Srfte§  8e$rftfi!f. 
©Ott  ift  Zeitig. 

§.  83.    Unter  ber  geiligfeit  ©otte<3  oerftefyen  wir  bie* 
I  Jenige  göttliche  Urfä<$li<$feü,  fraft  beren  in  jebem  menfcfy' 
liefen   ©efammtteben  mit  t)tm  guftanbe  ber  ©rlöfurtgä* 
bebürftigfett  pgletd?  baä  ©eteiffen  gefegt  ift. 

1.  Unter  bem  3lu§bruff  ©eWiffen  berfteljen  wir  ehm 
biefeS,  ba%  alle  au§  bem  ©otteSbewufjtfein  Ijerborgefjenben 
unb  bur<$  baffelbe  anregbaren  föanblungS  Weifen  audj  al£ 
gorberungen  nidjt  ettüa  Öjeoretifdj  aufgehellt  werben,  fonbern 
fidj  im  ©elbftbeWufetfein  geltenb  madjen,  fo  ba%  jebe  Slb- 
Weisung  ber  SebenSäufjemngen  babon  als  SebenSljemmung, 
mithin  als  ©ünbe  aufgefaßt  wirb.  SSenn  Wir  f)ter  gan§  hti 
bem  ©otteSbewufetfein  fielen  bleiben,  fo  tfjun  Wir  bieS  im 
©eift  ber  ©laubenSlebre  überhaupt.     Sfabem  Wir  aber  als 

'  befannt  borauSfeäen  fönnen,  bafj  anberwärts  baS  ©ewiffen 
erflärt  wirb   burd)  bie  gleite  SBesieljung  auf  bit  $bee  beS 

I  ©uten:  fo  ift  nur  beiläufig  §u  fagen,  ba£  beibeS  gar  ntdjt 
tfön'einanber  berfdjteben  ift.  ®enn  wenn  e§  irgenbwo  bor- 
fommt,  bafj  baS  natürliche  ©ewiffen  unter  ber  ^bee  beS 
©uten  anbere  gorberungen  aufftettt,  als  in  bemfelben  ©e- 
fammtleben  burdj  baS  barin  tjerrfäienbe  ©otteSbeWuMetn 
geltenb  gemalt  werben,  fo  bafj  beibeS  mit  einanber  im  (Streit 
ift:  fo  ift  biefeS  bodj  eben  fo  nur  einer  UnboHfommen^eit  in 
ber  ©ntwifflung  ober  in  ber  SlnWenbung  äupfdjreiben,  wie 
Wenn  aud)  baS  natürliche  ©ewiffen  eineS  DrteS  unb  eines 
SeitraumS  nidjt  baffelbe  ift  mit  bem  eineS  anbern,  ober  Wenn 
berfc^iebene  ©laubenSWeifen  nidjt  biei'elben  gorberungen  aufs 
ftetten.  SSir  aber  in  ber  ebangelilc&en  ®trdje  finb  in  einem 
folgen  ©treu  nidjt  befangen,  fonbern  bit  ^bentität  ber  bon 
unjerm  ©otteSbeWufjtfein  auSgebenben  mit  ben  auS  ber  $?bee 
beS   ©uten  entwiffelten  £anblungSweijen   Wirb    bereitwillig 


$er  ®au6engle!)re  gtoeiter  3$eil.  ©rittet  Sttfd&nttt.  391 

«genug  sugeftanben.  $)afc  nun  aber  überall,  mo  mit  btefen 
$orberungen  ober  biefem  (gebot  auf  baS  (SotteSbemufjtfetn 
^urüffgegangen  nnrb,  audj  baS  ®emiffen  ganj  boraüglidj  auf 
■ein  göttiidje  Urfäcpdjfeit  äurüffgefübrt  unb  als  bte  (Stimme 
<55otteS  im  (SemütJ  als  eine  urfprünglidje  Offenbarung  ($5otteS 
angenommen  mirb,  bebarf  feines  SßemeifeS,  fonbern  gebort  §u 
t)en  innem  Erfahrungen ,  bk  mir  als  auf  unferm  ©ebiet  atf* 
gemein  borauSjesen  fönnen.  SDennodj  ift  baS  ©emiffen  nidjt 
baffelbe  mit  ber  (Srfäeütung  beS  ®otteSbefcmfetfemS  im 
9ftenfd)en  überbauet,  mie  fte  bk  urfprünglidje  $ottfommenlj  eit 
feiner  Sftatur  conjjttutrt;  benn  olme  bk  Ungleidmtäfjigf  eit,  in 
bem  Erfreuten  beffelben  als  SSerftattb  unb  bem  iperbortreten 
beffelben  ai§  SBitten,  unb  gmar  obne  biefe  üngleidjmäfcigfeit 
öerbunben  mit  ber  $td)tung  auf  bk  (gleidjmäfcigfett,  mürbe 
eS  fein  ($5emiffen  geben ;  eben  fo  mie  obne  ®emiffen  alle 
Sfjatfacben,  bk  auS  biefer  Ungieid)mä&igfeit  berborgefm,  un§ 
itidjt  mürben  ©ünbe  fein.  £)ie  göttliche  Urfädjlidjfeit ,  burdj 
toeldje  baS  ®ettuffen  gefegt  ift,  gehört  alfo  ganj  in  baS  Gebiet 
t>eS  ($5egenfaseS,  in  meinem  mir  unS  je^t  befinben,  unb  ift 
eben  fo  gehrifj  bk  göttliche  Urfädjlidjfeit,  burdj  meldje  bk 
(Sünbe  gefegt  ift,  meil  unS  nur  burdj  baS  ($5emiffen  ein  ge* 
gebener  Buftanb  unb  gmar  nur  als  unfre  eigne  %%at  §ur 
©ünbe  mirb.1  Unb  wollte  man  auf  ber  anbern  (&eite  aufjer 
"biefer  unb  ber  allgemeinen  göttlichen  9Kitmirfung,  nod)  eine 
anbere  göttliche  Hrfäcrjlic^lett  auffteHen,  burd)  melcbe  bie 
(günbe  gegeben  märe:  bann  freilidj  müßte  man  smei  einanber 
miberforec&enbe  göttliche  £ljätigfeiten  annehmen.  SBorauS 
benn  Ijerborgeljt,  bafj  bk  aufgeteilte  in  ber  £ljat  bk  ganse 
ttnb  einzige  göttliche  Urfädjlic&f dt  ift,  auf  meiere  bie  <Sünbe 
als  folct)e  surüffmeift. 

2.  SSenn  nun  unfere  ©rftärung  fagt,  baS  ®emiffen  fei 
nur  mit  bem  ßuftanbe  ber  (SrlöfungSbebürf tigfeit  gefejt,  fo  ift 
bieS  atferbingS  ber  rein  djriftlidje  SluSbruff  für  bie  SHjatfadje, 
<iber  leineSmegeS  fo  %u  berfteljen,  als  mottten  mir  nur  ba  ein 
<$5enriffen  annehmen,!  mo  bie  SrlöfungSbebürftigf eit  anerfannt 
ift;  fonbern,  inbem  mir  r;ier  bon  ber  göttlichen  llr[äcr)Iicrjfett 
banbeln,  getm  mir  bon  ber  SSorauSfejung  auS,  bafc  bk  (Srlöfung 
•burdj  (£ljriftum  bem  ganzen  menfcblidjen  ($5efc&{edjt  georbnet 
ift,  unb  biefeS  ftcö  audj  ganj  in  bem  Buftanb  ber  ©rlöfungS* 

1  2tud^  1.  $etr.  1,  14—16  toixb  Me  §etligteit  ©otteS  bamlt  in  SScr* 
ain&ung  gebraut,  bafc  toir  nld)t  nteljr  in  Untoijfentjeit  nad)  ben  Stiften 
*6en. 


S92  $er  d)rif:Ud)e  ©laube.  ©rfter  £f)etl. 

bebürfttgfeit  befinbet.  ©enfen  wir  un§  ftatt  beffen  eine  auV 
mäßige  ©ntwilflung  ber  Sfraft  be§  ©otte§bewufetjem§:  ja> 
fönnte  sWar  aucb  bei  biefer  jene  Ungleic^möBiöfeit  befteben; 
ober  inbem  bann  bit  gorrfcbreitung  überwiegenb  bem  (£l)a* 
rafter  einer  Staftübung  fidj  nähern  Würbe,  fo  wäre  beim  bie 
Sluffteuung  einer  folgen  gorbcrung,  wie  ba$  ®ewiffen  fie 
au3fprtd)t,  überflüfjig  —  wie  ia  jebe  ®unft  fortfcbreitet  olme 
eine  folcbe  — unb  mithin,  ba  ba§>  ®ewiffen  immer  ©djmeräeit 
bringt,  eine  ©raufamtett.  Sßogegen  für  bie  (Srlöfung  Die 
ÜDcenfcben  unter  bem  ©emtffen,  weldje§  immer  baä  SBewufet* 
fein  üjrer  Unfa'btgfeit  in  fid)  jdjliefet,  äufammengebalten  werben, 
unb  eben  fo  aucb  bemac^,  weil  ba§>  ©ewiffen  ibnen  immer 
ba§>  Ssöemufjtfein  ber  ©ünbe  nod)  erregt,  Werben  fie  bei  ber 
©rlöfung  feftgebalten.  könnten  mir  un§  aber  iemal§  ben. 
SBiEen  öollfommen  bem  ©otteSbeWufjtfein  geeinigt  benfen,  fo- 
baB  nichts  angeftrebt  mürbe,  Wa§  nidjt  au3  biefem  beröor^ 
ginge;  bann  mürbe  —  gefest  aucb  e§  blieben  nod)  Unool£= 
fommenbeiten  in  ber  2Iu§fübrung  übrig,  bie  aber  nur  in  bent 
bem  SÖitten  bienenben  Drgani§mu§,  ptydjifcben  ober  foma- 
tifcben,  ibren  ©runb  bitten  —  ba§  ©emiffen  in  feiner  wabren, 
(£igentbümiid)feit  aufboren,  ©aber  aud),  ma§  bier  nur  bei^ 
läufig  ober  oorläufig  gefagt  Werben  fann,  wenn  wir  glauben, 
ben  Buftanb  be§  (jSrlöferS  burcb  bk  gormet,  bafe  er  immer  eüt 
öoltfommenbefriebigteS  ©emiffen  QQ^abt,  abäquat  5u  befcbreiben,. 
wir  barunter  bocb  ein  folcbe§  ba$  immer  gefdjwiegen  oerfteben 
muffen,  fo  bafj  ber  (£rlö[er  baä  ©ewiffen  nur  als  Sftitgefübl,, 
rttctjt  al§  fein  jjerfönlicfjeS  fann  ^abt  baben.  —  hieraus  nun 
erklärt  fic^  fdjon  sunt  Sbeil,  meäbatb  wir  ba§  ©efammtleben 
ai$  bm  eigentlichen  Drt  be£  ©ewiffenS  feaen.  Üftämlicb  gefegt 
aucb  ein  ©efdjlecbt  !äme  su  jener  bottfommnen  ©tärfc  unb 
üiehrfjeit  be3  28iften3:  fo  müfete  e§  bocb  ©ewiffen  erweffenb 
wirfen  auf  baä  jpätere  unter  ibm  aufwacbfenbe  ©ejcblecbt; 
Weld)e§  bann  aud)  eben  fo  .gilt  in  Sßeäug  auf  bk  größeren, 
(£ntwifflung§unterfcbiebe  innerbalb  beffelben  ©efcblecbteS. 
s<Hnbernt£)eü3  Würbe  aucb  ba$  blofj  in  iebem  ©tnseineit  für 
fid)  erfcbeinenbe  ein  su  toeränberlidjeS  fein,  al§  ba%  nicr)t 
baburcb  bie  ©idjerbett  be§  Urtbeilä  fowol  al§  be3  gurüffs 
fübrenS  auf  bie  göttlidje  Urfäd)ltcbfeit  fottte  gefäbrbet  werben. 
SDa§  ©ewiffen  aber,  wie  e§  in  einem  ©efammtleben  al§ 
baffelbe  in  Sitten  unb  für  Me  auftritt,  ift  baä  GJefea,  baZ 
fittlicbe  §unäd)ft,  Oon  welcbem  aber  ba$  bürgerlicbe  iebe§mal 
ein  5lu§flufe  ift.  @onacb  ift  bie  göttlicbe  ipeiligfeit  bk  in  bem 
©cfammtleben  ber  SO^enfcben  gefesgebenbe  göttlicbe  Urfädjltcfc* 


$er  ©laufienäieljre  ätreiter  Sfjeü.  dritter  SCbfönttt.  39g 

fett;  unb  ba  ba§  (geies  un§  immer,  äumal  auf  feine  innere 
OueHe  aurüffberfolgt,  ba$  f^lec^t^tn  ^eilige  ift,  unb  burdj 
biefe  göttliche  Urfä^Xtcfcjfett  ber  ganse  gefdjtc&tUdje  Verlauf 
georbnet  mirb:  fo  mirb  mol  feine  (linmenbung  bagegen  ju 
machen  fein,  ba%  mir  biefelbe  als  eine  befoubre  göttliche 
©tgenfdjaft  auffteHen,  unb  fte  mit  biefem  unb  feinem  anbern 
tarnen  beseiten. 

3.  £)ie  geroöfmlicfjfte  unb  bolf§mäfcigfte  (Srflärung  über 
ben  (gebraud)  unfereS  5lu§bruff§  auf  bem  Iiturgif^en  unb 
Ijomiletifcb,en  bebtet  ift  hingegen  bie,  bafj  bk  Jpeiltgfett  (gotte§ 
befte^e  in  feinem  Sßotjlgefatten  am  (guten  unb  ütfcifjfatten  am 
SSöfen.  3)iefe  ©rflärung  fann  auf  eine  aroiefadje  SBeifc  ber- 
ftanben  roerben.  (gemeint  ift  fte  gemif3  fo,  ba%  gut  unb  böfe 
berftanben  merben  foll  bon  ben  ^anblungen  ber  enbltcften 
freien  SBeien ; *  aftein  in  biefem  ©tun  ift  fte  auf  bem  miff en* 
fdjjafttidjen  (gebiet  menigften§  nidjt  obme  grofje  Sftobiftcationen 
gusulaffen.  £)enn  SSoljlgefatten  unb  ÜOftfcfatten  in  tljrem 
(gegenfos  ftnb  nidjt  oljne  letbentlidje  Söeimifdmng ;  unb  mirb 
biefe  nid)t  guöor  befeitigt,  fo  fdtjliefet  biefe  ©tgenfdjaft  eine  : 
(Störung  be§  fdjlec&tfjintgen  9tbfyängigfeit3gefübl§  in  ftcb ,  in*', 
bem  ein  Buftanb  (gotte§  beftimmt  mirb  burd)  menfdilidje 
^anblungen,  mithin  smifc^en  (gott  unb  9ftenfd)en  dn  $er« 
ijältmfc  ber  SBed)felmirfung  eintritt  UeberbieS  märe  bie 
(Stgenfdjaft  eine  blofc  innerliche  ruf)enbe,  bergleidjen  baä  uu* 
mittelbare  fromme  ©elbftbemufjtfetn  feine  SSeranlaffung  giebt 
aufeuftetten.  Leibern  nun  märe  absuljelfen,  menn  mir  nur 
ba§ienige  bon  biefen  menfdjlid^en  guftänben  ftUf  (^0^  ü&ers 
trügen,  föaS  baran  ©elbfttljätigfett  ift,  nemlid)  bie  erftrebenbe 
unb  abmeljrenbe  SIeufjerung  be§  2öoljIgefatfen§  unb  9Jcifjfatfen§. 
Snbem  mir  aber  biefe§  beibe§  au§fdjlief$enb  nur  in  ber  (£r* 
löfung  ftnben,  unb  e§  bod)  gan^  abmeidjenb  märe  bon  allem  i 
ftrdjüdjen  (gebraudj  p  fagen,  bk  ©rlöfung  fei  borsugSmetje 
in  ber  göttlichen  £>eiligfeit  begrünbet:  fo  mürben  mir  aufy 
bon  ijier  au§,  menn  mir  ben  3lu§bruff  nid)t  ganj  rooßten 
fallen  laffen,  barauf  äurüfffommen,  ba%  abgefonbert  bon  ber 
SBemirfung  be§  (guten  bk  Sleufeerung  be§  göttlichen  ffllifc 
fallend  nidjtS  anber§  fei  al§  bie  göttliche  Söemtrfung  biefeg 
SDcifjfattenS  in  ben  £anbelnben  bermittelft  be§  (gemiffen§  unb  j 
be§  (gefe^eS.  ©oll  aber  bie  Gsrflärung  fo  berftanben  roerben,  I 
bafj  SSo^lgefaHen  am  (guten  unb  ERifjfaHen  am  Sßöfen  ber 


1  Henke  lineam.  p.  66.     Deus  ab  omni  labe  et  vitio  purissimus^ 
omnis  pravi  osor  irreconciliabilis,  boni  rectique  amantissimus. 


"394  $er  djriftlldje  ©laube.  (Srfter  Xfjeil. 


göttücben  $robucttbttät  gutn  ©runbe  liegen  unb  fle  befttmmen:1 
fo  folgt  5ierau§  gunäcbft,  bafj  ba§  Sööfe,  fofern  e§  al§  (Stegen* 
ftanb  be3  SUcifjfatfenS  bem  ®uten  entgegengefegt  ift,  au$  ntdjt 
tmrfianben  fein  fann,  mithin  bafj  e§  audj)2  nicf)t  al§  ein  (§te= 
bonfe  ®otte§  gu  fegen  ift,  b.b.  bafj  e§  fein  SBefen  unb  feine 
gbee  be§  Sööfen  giebt.  £)tefe§  fönnen  mir  unbebenflidj  fcft* 
fteEen  nnb  sroar  mit  ber  notbraenbigen  Folgerung,  ba§  in 
bemfelben  <Sinn  audj  ba§  enblidje  ©ein  ntdjt  fann  ba§  Sööfe 
au§  ftdj  felbft  Ijerborbringen, 8  b.  b.  bafc  ba§  SBöfe  al§  realer 
,<$tegenfaa  gegen  ba$  (55ute  überhaupt  feinSDafetn  Ijat,  nnb  bafc 
mitbin  ftreng  genommen  aucb,  ba§  burcb,  göttlidje  Urfäcbltcb' 
feit  in  nn§  bemirfte  umfallen  am  Sööfen  nur  ift  ba$  Wlifc 
fallen  an  bem  Burüffbleiben  ber  roirffamen  ®raft  be§  ®otte§* 
bemufctfeing  hinter  ber  SHarljeit  ber  5tuffaffung.  «So  ba£, 
ma§  an  betben  ©rflämngen  haftbar  ift,  juf  ammengenommen 
ganj  bem,  ma§  mir  aufgeteilt  fyabtn  entforufct,  nnb  mir  auf 
biefe  SSeife  ben  begriff  audj  unmittelbar  auf  hie  OTmadjt 
nnb  OTmiffenljeit  surüfffübren,  unb  biefe  beiben  al§  Ijeilige 
fegen  fönnen.  £>iemit  ftimmen  nun  auä)  biejenigen  (Erklärungen 
überein,  meiere  ber  ^eittgfeit  ®otte§  auftreiben,  bon  ben 
<$efc£)öt)fen  baä  boEfommen  ®ute  gu  forbern,4  inbem  biefe 
gorberung  boeb,  nur  bermöge  be§  itmen  eingebrannten  ($tefe§e§ 
ober  ftttlic&en  ($tefüf)l§  an  fte  ergebt.  SDiefe  ©rflärungen 
nehmen  gum  £t)eil  bk  innere  Sfteintjeit  ($5otte§  al§  SKotib 
jener  gorberung  mit  in  btn  begriff  auf;  foldje  aber,  melcbe 
bei  biefer  allein  fielen  bleiben  ober  gar  auf  bie  bottfommne 
©elbftliebe  ®otte§  jurüf fge^n, 6  möchten  bieHeic^t  einer  fpe= 
culatiben  ober  fogenannten  natürlichen  Geologie  angepren, 
in  einer  Glaubenslehre  aber  feinen  Ükum  finben. 


1  S)at)ttt  tOCtt&Ctt  ftd)  Mosheim  th.  dogm.  I.  p.  292.  Sanctitas 
est  immutabile  propositum  voluntatis  Dei  perfectionibus  suis  con- 
gruenter  agendi  unb  Ammon  Summa  Theol.  ehr.  p.  92.  Con- 
sensus  voluntatis  liberrimae  perfectissimus  cum  legibus  intellectas 
«apientissimi. 

2  3^ad)  §.  55,  1.  ©.  293.  8  ^ad)  §.  67,  2. 

4  Quenstedt  Syst.  th.  I.  p.  420.  Sanctitas  Dei  est  summa 
omnisque  omnino  labis  aut  vitii  expers  in  Deo  puritas  munditiem  et 
puritatem  debitam  exigens  a  creaturis. 

6  Buddeus  Institt.  p.  252.  Quando  Deus  se  ipsum  amore 
purissimo  amare  coneipitur  ut  simul  ab  omni  imperfectione  secretus 
censeatur  amor  ille  vocatur  sanctitas.  —  ©enriffermafjen  5f)nltd)e§  giebt 
ichon  Hilarius  $u  «ßf.  144.  roelcöer  unter  ber  göttlichen  &eiligfett  cor* 
itefjmlid)  bie  2tt>tt>e?enf)eit  afle§  felbftfüdjtigen  in  ®ott  berftetnben  hriffen  toitt. 


£  er  ©laubenSIefjre  stoetter  £ljeil.  dritter  2töf  erlitt.  395 

8locite§  Sebrftüfi 
®ott  ift  geregt. 

§.  84.  £)te  @ere<pgfeit  ®otte£  ift  biejenige  göttliche 
&rfä<$li<$f  eit ,  fraft  beten  in  bem  guftanb  ber  gemein* 
famen  ©ünb^afttgfett  ein  gufammen^ang  be3  Uebelä 
mit  ber  nrirflid&en  6ünbe  georbnet  ift. 

1.  ©tefe  ©rflärung  ift  unläugbar  tüett  enger  unb  be* 
febränfter,  al§  bie  SSeife  anberer  ®lauben§lebrer  mit  ftdj 
bringt,  [o  ba%  fte  einer  befonberen  Rechtfertigung  bebarf. 
guerft  nämlich  bringt  man  aueb  bier  in  Slnmenbung,  bafj  e§ 
eine  ämiefadje  (Vererb ttgtett  giebt,  eine  gefesgebenbe  ober  Der* 
tfjetlenbe  unb  eine  bergeltenbe;  bie  erftere  aber  fann  in 
unferer  ©rflärung  gar  niebt  mttbegriffen  fein.  Mein  man 
febeint  biebei  überfeben  §u  baben,  ba%  in  ben  SIu§brüffen 
ffteebt  unb  (55ered)ttgfeit  atfemal  eine  SBe^iebung  auf  ein  ®e* 
t$ebene§  liegt,  ©aber  lann  unb  foH  jebe  menfebftebe  (55efes* 
gebung  unb  Sßertbeüung  gerecht  fein,  metl  immer  febon  ein 
begebenes  ba  ift,  melcbem  fie  fieb  anreibt  unb  auf  metcbe§ 
fte  aurüffgebt.  ©ie  göttttebe  ®efesgebung  unb  Sßertbeitung 
aber  ift  bie  urfprüngltcbe  unb  fcböjiferifcbe,  au§  melcber  bit 
Uöefen  felbft  mit  ibren  Sßerbättmffen  sugteieb  beroorgeben, 
bie  an  nicbt§  ansutnütofen  f>at,  unb  bereu  Öottfommenbett 
baber  aueb  niebt  al§  ®erecbttgfeit  befebrieben  merben  fann, 
fonbern  bielmebr  al§  Söei§r)eit  mürbe  §u  be^eiebnen  fein,1 
ton  meldjer  göttltdjen  ©igenfebaft  aber  erft  unten  bie  Rebe 
fein  lann.  (Sonacb  lann  bie  göttltcbe  ®erecbtigtat  nur  eine 
toergeltenbe  fein.  OTein  aueb  öon  biefer  umfaßt  unfere  (£r* 
Itärung  nur  bie  föä'Ifte;  benn  man  reebnet  baju  niebt  minber 
t>a§  Söelobnen  be§  ®uten  al§  ba§>  Söeftrafen  be3  Sööfen, 
unfre  (Srfiärung  aber  fagt  nicbtB  bon  einem  3ufammenban<j 
£>e§   Sßobtbefinben§   mit  ber  ®raft  be§   (SotteSbehm&tfemS, 


1  (StroaS  öJjnlidjeS  fdjeinen  biejenigen  ©IauöenSleljrer  im  ©tnne  ju 
ljaoen,  toeldje  bie  göttlidje  £eiliafeit  als  bie  innere  ©eredjtigfett  oefdjreißen, 
bie  ©eredjtigfeit  felbft  aber  al§bann  bie  äufeere  nennen,  ©enn  enttoebec 
i\t  bann  bie  §eillgfeit  felbft  bie  gefesgebenbe  Sfjätigfeit  ©otte§;  ober  toenn 
Sie  äußere  ©eredjtigfett  felbft  erft  toteber  geteilt  toirb  in  bie  gefeägebenbe 
unb  bergeltenbe,  fo  begießt  fiel)  boä)  bie  erfte  auf  bie  £eiltgfeit,  al§  auf  bie 
bem  ©efej  junt  ©runb  liegenbe  rjöcrjfte  35ottfommenfjett,  bie  anbere  auf 
He  &eiltgfeit  al§  auf  ba%  SUäfefatten  am  Söfen. 


39G  £er  dirifMcfie  ©iGii&e.  Grftcr  Sfjeil. 

fonbern  nur  üon  bem  be§  UebelS  mit  ber  (Sünbe,  melier 
gufammcnbang  eben  atferbtngS  ba§  ift,  mag  mir  ©träfe 
nennen,  fielen  Mangel  tonnten  mir  sugefteben  unb  äugletdj 
entfcbulbigen  al§  eine  natürliche  golge  ber  Slbftraction ,  in 
melier  mir  un§  beftnben,  inbem  mir  nur  öon  bem  einen 
(Clement  unfere§  djrtftlidjen  (SetbftbemufjtfeinS,  nämlich  bem 
SöerouMem  ber  ©ünbe  reben,  üon  bem  anbern  aber  abfefjen. 
(Somit  mürbe  baburdj  nur  eine  Unbequemlicrjfeit  unserer 
90^etf)obe  an§  Sidjt  fommen,  raelcfje  uns?  nötigte,  eine  gört* 
liclje  ©igenfcrjaft  äu  galten.  Mein  unfer  crjriftlicf)e§  (Selbft* 
bemufjtfetn  erfennt  in  ber  £fjat  feine  Söeloljnung  an,  roeldje 
non  ber  göttlichen  ©eredjtigfeit  ausginge;  fonbern  maSirgenb 
Söeloljmmg  genannt  merben  fann,  ift  un§  ein  unt>erbiente§ 
auf  bie  göttliche  ®nabe  guriiffäufü^renbeS.1  2)te  beloljnenbe 
Sftidjhmg  ber  göttücrjen  (35erecrjttgfett  fann  feinen  anbern. 
®egenftanb  finben  al§  Sbriftum, 2  unb  sroar  nur  fofern  er 
ber  öon  allen  anbern  9Jcenfct)en  berfcrjiebene  ift.  (Somit 
tonnen  mir  au§  unferm  eignen  frommen  (Selbftberoufjtfein 
nur  bh  ftrafenbe  ®erecrjtigfeit  fennen,  unb  muffen  bit  be* 
lofmenbe  in  Sßesug  auf  un§  bar)ingefteHt  fein  laffen.  $)enn 
menn  (£tjriftu§  felbft  meljr  unb  mannigfaltiger  ba§>  belotjnenbe 
Qöttticfie  Sßerfatjren  bar^ufteHen  fcrjeint:8  fo  ift  baZ  (Steigern 
ber  Gräfte  unb  bie  ©rmeiterung  be§  3Sirfung§freife§,  melcf)e§ 
beibe§  mieber  genau  äufammentjängt,  eben  fo  menig  eine 
Sßelofjnung  im  eigentlichen  (Sinn,  meiere  ber  SSerbinbung. 
be§  Uebel§  mit  ber  (Sünbe  fönnte  gegenüber  gefteüt  merben,. 
mie  mir  bie  Steigerung  be§  Sßöfen  im  eigentlichen  (Sinn  für 
eine  (Strafe  fonnten  gelten  laffen. 

2.  SBesieljt  ftctj»  nun  ber  ^Begriff  ber  göttlichen  ®erectjtigs 
feit  nur  auf  bie  Sßerbinbung  be§  Hebels  mit  ber  (Sünbe,  fo- 
erfdjeint  mot  natürlich,  bafj  fie  fiel)  nur  über  ba§  (Gebiet  ber 
(Sünbe  erftreffen  fann,  unb  in  fofern  fönnte  ber  8ufa§  über* 
ftüffig  erfreuten.  SDa|  mir  nun  biefe  göttliche  ttr)äctjlid)feit 
gar  nidjt  oorfteHen  mürben,  menn  mir  in  ein  unfünblict)e& 
®e|ammtleben  geftettt  mären,  ift  flar,  benn  mir  fommen  su 
ber  SSorfteHung  ber  göttlichen  ®ered)tigfeit  nur  buretj  ba& 
Söeroufjtfein  ber  <Sünbe.    2)er  SluSbruff  fcfjliefet  aber  äugieidj 


1  SRöm.  4,  4.  16  öergl.  3Rattfj.  20,  14.  15.  Sßenn  2  £im.  4,  8.  bie 
<£rü)eüung  be§  £o()ne§  ©otte§  qIS  ftiajter  beigelegt  nnrb ,  fo  hnrb  er  bort 
unter  bem  Silbe  be§  $ampfrid)tcr§  bargeftellt,  welkes  niojt  fjtefjer  gehört» 

1  $f)tl.  2,  9.  10.     £>ebr.2.  9.  10. 

8  2Ratü).25,  21. 


£er  ©IctubenSIefjre  jtoeiter  3$etl.  dritter  «Bfäitltt.  397 

in  ftdj,  bafc  in  bem  9[Jtaaf$  al§  bie  ©ünbe  oerfdjrainbet  audj 
biefe  SBerbinbung  aufgehoben  mirb,  unabhängig  baoon,  06 
ftdj  in  bem  materiellen  be§  menfcfjlic^en  £uftanbe3  eüua§ 
änbert  ober  ntdjt;  unb  biefe§  2luff)eben,  b.lj.ba§  Vergeben 
btx  ©ünbe,  geprt  eben  berfelben  göttlichen  UrfädjUc^fett  an,1 
inbem  hierin  äugleid)  aud)  bie  Söelotmung  (Sljrifn  befielt. 
2)afj  mir  ben  gufammenljang  felbft  nur  auf  bie  roirfüdje 
(Sünbe  befdjränfen,  §at  tijeü§  eben  hierin  feinen  <$5runb,  meil 
im  bte  urfprünglidje  ©ünbtjaftigteit  in  bem  menfdjtidjen  ®e* 
fammtteben  unoeränbert  bleibt,  ein  Slufljeben  be§  gufammen* 
IjangeS  ntdjt  möglidj  märe,  menn  er  in  biefer  feinen  ($5runb 
Mite;  tf)eil§  audj  barin,  bafj  ber  Bufammen^ang  überhaupt 
nur  befielt,  fofern  er  in  unferem  SBettm&tfem  gefegt  ift,  ba§ 
Söemufjtfeüt  ber  urfarüngltdjen  ©ünbljafttQfett  fjaben  mir 
aber  nur  in  unb  mit  ber  rorrfltdjen  «Sünbe.  S5eibe§  Ijängt 
audj  nur  mit  ber  mirflidjen  ©ünbe  pfammen,  fotool  ba%  e$ 
gefeüige  Hebel  giebt  —  benn  e§  ftnb  nur  bie  beftimmten 
fünbltdjen  Sftidjtungen  in  ben  ©ingelnen,  meldje  ftdj  ju  be* 
Ijarrlictien  ttrfadjeit  bon  Hemmungen  im  ($5efammtleben  ent* 
miffeln  —  al§  aud) ,  ba&  bie  natürlichen  Hnboflfommenfjeiten 
a(§  Hebel  aufgefaßt  merben.  ^n  bemfelben  Sücaafc  baljer,  als 
bie  (Sünbe  aufgehoben  mirb,  Qefct)ier)t  ntdjt  nur  ba§  legte 
nidjt  meljr,  fonbern  audj  bie  nodj  roirflid)  gemorbene  (Sünbe 
felbft  nrirrt  nur  nodj  als  förbernbeS  ^eismittei2  unb  rticrjt 
mel)r  als  ßebenSIjemmung  nadj.  @S  "geprt  bemnadj  sunt 
©egen  unb  Slufljeben  biefer  SSerbinbung  gmeierlei:  (ginmal 
ba%  bie  gange  Sßeltetnrtdjtung,  fo  Weit  in  ifjr  baß  Hebel  be* 
bingt  ift,  auf  bie  meitfdjlidje  greiljeit,  als  in  melier  bie 
©ünbe  gegrünbet  ift,  auf  beftimmte  Sßetfe  belogen  fei.  ®ann 
aber  aud),  ba%  in  unferm  SSemufjtfem  biefe  SSerfnüöfung 
unb  jmar  nidjt  nur  anfällig  fonbern  mef entließ  unb  burd)* 
gängig  gemalt  merbe.  ^nbern  nun  )o  aufgefaßt  bie  göttliche 
($5eredjttgfeit  allerbingS  eine  in  bem  ganzen  (gebiet  unferer 
(£rfaljrung  ftdj  immer  gleid)bieibenbe  göttliche  Hrfäcr)ltcrjfett 
ift,  unb  ftdj  über  baS  gange  unS  be!annte  (Gebiet  ber  enblidjen 
^ntettigenj  erftrefft,  fo  bafj  fte  mit  ber  bongen  gufammen* 
genommen  atteS  orbnet,  maS  ftet)  bon  biefer  &eite  unfereS 
<55egenfageS  auS  auf  baß  ftttltdje  bezieht;  fo  erfdjeint  bie 
Slufftellung  berfelben  als  einer  befonberen  göttlichen  ©igen* 


1  M- 1,  9.  toirb  be§l)al&  aud)  ba§  SBergeöen  auf  Me  ©eredjtfgfeit 
©otte§  surüffgefüfjrt. 
2  Slam.  8,  28. 


55er  c&rtftlldje  ®tau6e.  CSrfter  Sfjeil. 


fc&aft  oollfommen  gerechtfertigt.  2Sa§  nun  ba§  erfte  Clement 
berfelben  betrifft,  nämlidj  bie  Söegieljung  ber  gefammten  SBelt* 
orbmmg  auf  bie  gtteibeit:  fo  mtrb  ^eber  oon  felbft  sugeben, 
bafj  biefe  nur  im  $efammtleben  ju  finben  fei.  9ta  in  bent 
ätfaafj  al§  ein  fol$e§  in  ftdj  abgefdjloffen  ift,  am  bott* 
fommenften  alfo  nur  in  ber£otaütät  be§menf<$U<$en$afeüt§, 
offenbart  ftdj  biefe  göttliche  llrfäd)lid)feit  in  einer  folgen 
Söeltorbnung ,  ba§  bit  au§  ber  ©ünbe  ftdj  enthriffelnben 
£eben§ljemmungen  burdj  fein  nodj  fo  günfttge§  $erf)ättnifr 
ber  Slufjenroelt  fönnen  abgemenbet  ober  aufgehoben  roerbem 
dagegen  wirb  ber  begriff  ber  göttlichen  ®  eredjtigf  eit  str 
einem  (£benbilb  ber  bürgerlichen,  bie  mir  bodj  fo  oft  alä 
llngeredjtigfeit  empfinben,  Ijerabgemürbigt,  menn  man  bm 
I  einselnen  Sftenfdjen  al§  ben  eigentlichen  ©egenftanb  ber  gött* 
liefen  (SJeredjtigfeit  anfielt,  $a  menn  man  bit  boHenbete 
göttliche  ®ered)tigfeit  nur  in  jebe§  einzelnen  greoelS  23e* 
ftrafung  —  oietteidjt  gar  aud)  in  ber  Söelotjnung  jeber  einselnen 
Sugenb  ober  OoEftänbigen  Stugenberroetfung  be§  ©insetnen 
—  erfennen  roitt,  ba  bodj  offenbar  rttctjt  nur  Unmäfcigreit 
unb  f$alfct)r)ett  j.  SB.  nietjt  immer  mit  S3erad)tung  ober  $ranf= 
Seit  beftraft  merben,  fonbern  audj  baffelbe,  roa§,  menn  e§  btn 
(£inen  trifft  al§  ©träfe  für  feine  ©ünoe  aufgelegt  mirb,  aud) 
SInbern  begegnet,  hti  benen  man  auf  biefelbe  ©ünbe  nidjt 
otme  fdjreienbe  Ungeredjtigf  eit  fctjliefeen  mürbe:  fo  fommtman 
mit  ber  Slnroenbung  be§  SöegrtffS  in  ein  ($5ebränge,  au§  btm 
e§  bann  faft  feinen  anbern  $lu§meg  giebt  al§  bie  SBeljauptung 
bafj  bie  göttlidje  ®eredjtigfeit  ftdj  rjter  nur  unboHfommen 
entmiffeln  fönne  unb  erft  in  jenem  Seben  iljre  SSoEftänbigfeit 
erlangen  merbe;  eine  SSorftetCung,  meiere,  menn  man  fte  audj 
babon  frei  faredjen  rottf,  Ö5ott  felbft  in  einer  seitlichen  @nt* 
mifftung  begriffen  m  benfen,  bod)  bie  ©djttrierigfeit  nur  raeiter 
r)inau§fcrjtebt,  inbem  in  bem  Seiben  bort  feine  2)ifferens  nadj* 
gemiefen  mirb,  meiere  bie  ©ifferensen  amifdjen  bem  r)ieftöen 
£ljun  unb  Seiben  au§glidje.  SSogegen  menn  mir  su  bem 
Segriff  ber  <$5efammtfd)ulb  ben  ber  ®efammtftrafe  auffteUen, 
bie  Formel  ftd)  oollfommen  rechtfertigen  mirb,  bafj  alle  ©ünbe 
I  ftd)  in  bem  Uebel  abriegle,  unb  bafj  aüe§  Uebel  ftctj  au§  ber 
I  ©ünbe  erflären  laffe;  unb  bk$  ift  ber  oben  angegebne  3u= 
fammenljang.  2Ba§  aber  ba$  smeite  Clement  anbelangt, 
nämltdj  bafj  in  unferm  Söemufjtfein  biefe  Söesie^ung  sroifäieit 
©ünbe  unb  Uebel  nnrflidj  unb  smar  allgemein  gemacht  mirb: 
Hfo  ift  bteje§  ba§  Sßemufjtfein  ber  ©trafmürbigfeit,  meldjeä 
fi  eben  fo  ba§  erseugnifj   ber  göttlidjen  teedjtigfeit  in  ber 


S)et  ®lcu6en§Iet)re  atoeiter  Sfjeil.  ©rittet  Stbfdjnitt.  39& 

menftfilic&en  (Seele  ift,  tüte  ba$  ®emiffen  ba§  ©raeugnifj  ber 
göttlichen  &eitigfeit.  2)te  OTgemeinfjeit  beffelben  geigt  ftd) 
aber  am  unberfemtbarften  barin,  bafc  überall  bte  IjäuSlicben,  - 
bürgerlichen  unb  geiettigen  ©trafen  au§  biefem  Ijerborgelm, . 
nnb  baä  ©e^en  be§  3ufammenbang§  smilcrjen  ©ünbe  nnb 
Hebel  reüräfentiren,  fo  mie  bte  attmäpge  ÜOcilberung  berfelben 
bei  fortjcWitenber  (Sntfünbigung  be§  ®efammtleben§  ba§  2luf* 
beben  beffelben,  beibe§  al§  in  ber  göttlichen  ©eredjtigfeit 
gufammengebörig. 

3.  3u  einer  Gmttljettung  in  natürliche  unb  millfü§rltdje- 
©trafen,  welche  aud)  nidj)t  einmal  auf  bem  (Gebiet  ber  enb* 
liefen  unb  seitlichen  Ürfäd)lidjfeit  ftet)  bollftcmbig  bürfte  nad)* 
meifen  unb  anmenben  laffen,  finben  mir  rjier  gar  feine 
Sßeranlaffung.  £>enn  eben  bit  natürlichen  ©trafen  finb  in 
bem  ©inn,  mie  ba$  Sßort  bon  ($5ott  gebraust  merben  fann, 
rötlCfitrjrlicrje ,  inbem  fie  in  ber  fd)öpferif$en  unb  melt- 
orbnenben  göttlichen  Un'ädjlidjfeit  gegrünbet  ftnb;  unb  bie 
mir  miHfübrlidj  am  elften  nennen  fönnten,  nämli$  alle 
Hebel,  meldte  auf  bie  ©mselnen  bie  babon  betroffen  merben 
belogen,  bereu  Stbun  nict)t  entfaredjen,  ftnb  grabe  natürliche, 
meil  btefe  Ungleidjmäfjtgfeit  in  ber  @eiammtljeit  be§  2Selt= 
äufammenljangeS  gegrünbet  ift.  $n  einem  anbem  ©inn  nennen 
mir  bie  burd)  bit  SBe^iebung  ber  SSeltorbnung  auf  unfere  greitjett 
gefesten  ©trafen  bie  natürlichen,  bie  hingegen,  meiere  au§  ber 
men)d)ltd)en  greibeit  felbft  berborgeben,  bie  millfüljrlicben. 
Slllein  ftetjt  man  beibe  al§  göttliche  an,  fo  berfd>minbet  biefer 
llrtterf ctjieb ,  inbem  bit  menfdjlid^en  ©trafen  nic&t  minber  ber 
bon  ®ott  georbneten  geiftigen  ©ntmiffetung  ber  SJcenfcben 
gemäfc  erfolgen.  Söeibe  ftnb  bielmeljr  a!3  göttliche  Drbnung 
mefenttidj  sufammengeprig,  inbem  e§  ber  einen  2lrt  obne  bit 
anbere  anSßabrbeit,  unb  biefer  oljne  jene  an  Söebeutung  feljlen 
mürbe.  SSon  btn  ©trafen  in  jenem  Seben  fann  tjier  gar  rtictjt  | 
bie  Sftebe  fein;  alfo  aueb  niebt  entfd)teben  merben,  in  miefern l 
fie  mebr  al§  miHfüf)rlid)e  ober  al§  natürliche  mürben  anju* 
ieljen  fein.  2)enn  biefe  ftnb  nietjt  unmittelbar  au§  unfrem  ) 
©elbftbemu^tfein  entnommen,  unb  e§  mirb  batjer  erft  an  einem  | 
anbem  Drt  unterfudit  merben  fömten,  mie  ftdj  bit  eigenttjüms 
lief)  d)riftlicf)e  ©eftaltung  biefer  febon  bordjriftlicpen  unb  jeljr 
allgemein  berbreiteten  S5orfteHung  %vl  bem  aüerbing§  borau§* 
äufegenben  allgemeinen  ©runbe  berfelben  berbält,  unb  in  mie= 
fern  bahti  auf  ben  begriff  ber  göttlicrjert  ©ereebtigfeit  unb 
ob  fo  mie  bier  ober  anber§  mobificirt  jurüffgegangen  merben 
fann.  —  2tnber3  ift  e§  mit  anbent  (Sinti) eilungen,  bie  aud> 


400  ®er  djriftltdje  ©lauöe.  (Srfter  £IjelI. 

auf  unferm  (bebtet  geltenb  gemalt  werben,  nämlid)  nad)  ben 
äcrfd&iebenen  Slbstr-efhtngen  ber  ©trafen.  3uerft  ift  aber  tool 
flar,  bafj  (Strafen  nidjt  !önnen  oon  ©ort  al§  23efferung§mittel 
georbnet  fein,  ©enn  inbem  einer  übermächtigen  ©innlicrjfett 
entgegengemirft  mirb,  aber  nur  burd)  bie  <Sinnlid)feit  felbft: 
fo  fann  barau§,  ba%  bie  fjurdjt  geltenb  gemadjt  rairb  gegen 
bie  Suft,  unmöglich)  eine  größere  ©ematt  be§  ©otteSbemufjt* 
fetn§  unb  eine  größere  greifjeit  be§  ®eifte§  Ijeroorgelm, 
fonbern  nur  eine  anbere  Sßerttjeilung  ber  ftnnlic^en  9ftotit>e, 
sueldje  nad)  ber  Sftatur  be§  SnbünbuumS  roeniger  ungünftig 
ift,  fann  auf  biefe  2lrt  bemirft  rcerben.  (£3  ift  audj  offenbar, 
bafä  rcenn  (Stärfung  be§  ©otte§bettmfjtfein8  burd)  (Strafen 
möglich  märe,  aisbann  aud)  ein  möglidtft  oollfommen  ein= 
gerichtetes  (Softem  göttlicher  (Strafen  bie  (Stelle  ber  Gsrlöfung 
müfcte  fjaben  vertreten  fönnen.  ©ben  fo  menig  ift  aber  aud) 
I  streitend  ansune^men,  bafj  e§  eine  bio§  rädjenbe  ober  roieber- 
I  »ergettenbe  21bsroeffung  göttlicher  (Strafen  gäbe.  SDenn  ur- 
iprünglidj  ftnb  böfe£  ober  unrecht  unb  übel  gar  nidit  gegen 
einanber  meßbar,  fonbern  nur,  toenn  burdj  baZ  Unrecht  einem 
Slnbern  lieblet  ift  zugefügt  tuorben,  ift  biefeS  meßbar  gegen 
ein  SSergeltungSübel.  3lber  auc§  biefe§  mirb  bodj)  nur  §u* 
gefügt,  tnfofern  ber  23eleibigte  bh  £uft  an  bem  SSetje  be§ 
23eleibiger§  al§  eine  Sluffjebung  ober  Sßerfüfcung  be§  eignen 
SBelje  betrachtet;  baljer  aud)  in  folgen  altertümlich en  3us 
ftönben  nodj  überall  ein  SluSfaufen  be§  (Strafübet§  gegen  eine 
anbere  bem  Söeleibigten  ivl  getuäljrenbe  Suft  ftattfinbet.  S)ie 
bürgerliche  <Strafgertd)t§barfeit  Ijat  sunt  S&eil  hierin  iljre 
(Sntftetjung,  tnbem  fte  milbernb  eintritt  in  bie  (Stelle  ber 
^rioatradje.  (S5öttlidie  (Strafen  aber  fönnen  in  biefem  (Sinne 
nur  angenommen  werben  auf  einer  feljr  untergeorbneten  @nt* 
tt>ifflung§ftufe,  mo  bie  (SSott^ett  nodj  reizbar  unb  nidjt  über 
ba$  <35efü^I  für  Söeletbigung  unb  über  anbere  leibentlidje  3«s 
ftänbe  ergaben  gebaut  nrirb;  unb  ma§  immer  biSmeilen  mit 
fdjeinbarem  Siefftnn  über  baZ  (S5eljeimnifjüolIe  be§  göttli^en 
3orn§  unb  bie  urfprünglidie  ^otl;it»enbig!eit  göttlicher  Sßieber* 
oergeltung  borgetragen  morben  ift,  läjjt  ftdj  auf  fein  flare§ 
Sehmfctfeüt  jurüffbringen.  Unb  mir  fönnen  bk&  um  fo 
fixerer  auf  ftdj  berufen  laffen,  al§  ftdj  ba§  SBettmfctfem  ber 
(Straftuürbigfeit  al§  @raeugnif3  ber  göttlichen  (55erect)ttgfett 
Doüftänbig  erflärt  au§  ber  nodj  übrigen  Slbameffung  ber 
(Strafe,  nämlid)  ber  abmeljrenben  ober  einfdjreffenben.  2)iefe 
ift  nämlid)  ein  notljmenbig  ährifdjen  eintretenbe§,  überall  mo 
unb  in  fo  fern  fid)  in  bem  (Sllnbigenben  nodj  feine  Straft  be3 


®er  ©laubenSIeljre  stoeiter  $3jetl.  dritter  Sttfäjnltt.  401 

{$5otte§berouf3tfein§  lebenbtg  jetgt,  bamtt  nämlid)  bie  bor* 
Ijerrjcbenben  fümltdjen  SRicbtungen  nidjt  bi§  babin  über* 
mäcbtig  burdj  ungehemmte  ®eraotjnbeit  tjeranroacbfen ;  unb 
toa§  bon  bem  3ufammengebaltenraerben  be§  $olf§  unter 
bem  (55efe§  in  Söesug  auf  bie  mofaifdje  (SSefe^gebung  gefagt 
mirb,  gilt  im  allgemeinen  bon  aller  <Strafgerid)t§barfeit  unter 
allen  Golfern,  aber  eben  fo  aueb  bon  ben  in  jener  ®efeä* 
gebung  ebenfalls  angefünbigten  natürlichen  ©trafen,  ©o  ba% 
nur  in  $8e§ug  auf  ba§  (Gebiet  ber  ßnclöfung,  unb  in  fofern  fte 
noct)  mirffam  merben  foll,  bie  göttliche  ®erecbtigfeit  bott* 
fommen  §u  berfteben  ift 

4.  £ierau§  erbellt  nun,  mie  genau  auf  ber  einen  Seite 
t)te  göttlicbe  ^eittgfett  unb  ($5erecbttgfeit  gufammenbängen, 
aber  auf  ber  anbera  audj,  mie  notbmenbig  e§  ift,  beibe  au§ 
einanber  gu  balten.  ©ie  gehören  auf  ba%  genaueste  sufammen 
al§  5lu§brüffe  ber  göttlichen  llrfäctjlt^fett  binft$t§  ber  Sünbe 
in  ibrem  Skrbältnifj  jur  ©rlöfung;  unb  mä)  ber  nämlictjen 
gormel,  nacb  melier  mir  bon  berSünbe  fagen,  bafj  in  bem* 
felben  «Sinne,  in  meinem  fte  nicbt  fann  in  ®ott  gegrünbet 
fein,  fte  aueb  überbaupt  nicbt  fein  fann,  fagen  mir  aueb  bon  bem 
Hebet,  ba%  fofern  e§  in  ($5ott  nidjt  fann  gegrünbet  fein,  näm- 
lief)  at§  realer  SSiberfprud)  gegen  bie  urfbrünglidje  $ott* 
fommenbeit  ber  SBelt  für  ben  9ftenfd)en,  e§  aueb  überhaupt 
nicbt  fein  fann.  Unb  eben  fo  aueb  behaupten  mir  bon  bem 
Hebel,  ba%  mie  e§  mirflitf)  fei,  e§  aueb  in  einer  göttlichen 
Ttrfädjltdjfett  muffe  gegrünbet  fein,  mie  bon  ber  Sünbe.  Unb 
fo  mie  ba§  Söemufjtfein  ber  ©trafmürbigfeit  ber  (Sünbe  al§ 
©rgebnifc  ber  göttlichen  (SJerecbtigfeit  nur  möglief)  ift  unter 
SSorau§fe§ung  be§  ®emiffen§  al§  be§  (£rgebmffe§  ber  QÖtU 
lieben  £eiltgfett:  fo  $äüe  aud)  otjne  jene§  ba$  (SJeroiffen  nid)t§, 
moburd)  e§  in  ber  noef)  unter  ber  ^öotmä^igfeit  be§  gteifdjeS 
ftebenben  ntenfdjttdjen  ©eele  fi$  eine  Haltung  fiebern  unb  fo 
ba§  Söeroufjtfein  ber  @rlöfung§beburftigfeit  entroiffeln  fönnte. 
5lber  au§  bemfelben  ($runbe  ift  e§  aueb  notbmenbig,  bier  — 
mo  mir,  aueb  roenn  mir  e§  mit  (Elementen  be§  frommen 
©etbftberaufjtfeinS  §u  ttmn  baben,  bei  benen  mir  bon  ber 
(Srlöfung  abftrabiren,  biefe  boeb  immer  borauSfegen  muffen 
al§  ba§  roorauf  fieb  atte§  beliebt  —  heibe  begriffe  au§ein* 
anber  %u  galten,  ©enn  mir  fönnten  e§  batjin  gebraebt  tjaben, 
ba%  fomol  bie  natürltcben  UnboIIfommenbeiten  al§  aud)  bie 
Sünben  ber  SBelt  un§  nid}t  mebr  Uebel  mären,  fonbern  nur 
no<$  ^etgmittel,  bafj  mir  mittjüt  nidjtS  mefjr  in  ^öesug  auf 
un§  felbft  al§  Hebel  auffaßten,  ba$  alfo  aueb  in  unfern  reut 

©djl.,  ®5riftl.  ®t.  I.  25 


402  «Der  d)rt|tlt$e  ©Iaube.  drfter  X$etl. 

perfönlidjen  frommen  Suftänben  bte  ®ered)tigfett  ®otte§  nidjt 
unmittelbar  oortöime:  bod)  aber  mürben  mir  immer  nodj  be§ 
©emif[cn§  bebürfen,  unb  alfo  aud)  ba$  Q3emufet|ein  ber  gött* 
ltctjcn  £>eiltgfeit  in  nn§  felbft  immer  mieber  erneuern.  ©ben 
fo  aud)  mäl)renb  mir  nod)  beibe§  bebürfen,  fonbera  mir  bodj 
beibe§  ftreng.  ®enn  ba$  SDcifjfatten  am  Sööfen,  b.Jj.  ber  (Sin* 
bruff  ber  £>eiligfeit  ©otte§,  ift  nur  gans  rein  unb  befrtebigenb, 
menn  bon  einer  Sßoraljnbung  ber  (Strafe  gar  nic^t  afficirt;. 
unb  ba§>  Söemufjtfein  ber  (Straf mürbtgfeit  ift  in  unfer  ®emein* 
gefüljl  fo  feft  gemurmelt,  ba%  mir  un§  bte  Strafe  immer  ge= 
faÜen  laffen,  menn  auetj  nicr)t  nur  unfer  berfönlidje§  ftttltdje§ 
©efüfjl  über  ben  fraglichen  ©egenftanb  fdjon  bollfommen  ge* 
reinigt,  fonbern  felbft  ber  SöiHe  fd)on  gans  ber  fraglichen 
^ned)tfct)aft  entronnen  ift  (Sben  be§f)alb  ift  nun  aud)  biefe 
©eftaltung  be§  ($5otte§bemu£tiein§  fetne§roege§  eine  bergäng* 
liefere  in  un§,  at§  bie  burd)  ben  begriff  ber  göttlichen 
£>eiligfeit  bargeftettte,  ba  fie  für  unfer  ®emeingefüljl,  bem  fie 
aud)  urfbrünglidj  borsuggmeiie  angehört,  immer  bie  gleiche 
Sßaljrljeit  behält  SBoHte  man  bennodj  fagen,  beibe  begriffe 
mären  bod)  nid)t  in  bemfelben  Sinne  göttliche  (£igenfd)aften, 
mie  bte  im  erften  £tjeile  abgeljanbelten,  meil  fie  lebiglid)  auf 
bie  natürliche  Unbottfommenljett  be§  äftenfdjen  ftdj  be^ieljenb 
au£er  Meiern  Gebiete  gar  nichts  in  ®ott  mären,  unb  auc§ 
innerhalb  biefe§  ($5ebiete§,  fobalb  bit  llnüoUfommenbeit  böüig 
aufgehoben  märe,  aufhören  mürben  fid)  geltenb  §u  machen: 
fo  ift  hierauf  folgenbe§  ju  fagen.  Buerft  mürbe  baffelbige 
bann  gelten  muffen  audj  bon  ben  au3  ber  jmeiten  Seite  be§ 
^5egen[ase§  bemnädift  ju  entmiüefnben  göttlichen  (Sigenfcljaften, 
inbem  audj  biefen  bie  Burüffbesieljung  auf  bie  erfte  Seite 
mefentlid)  ift,  unb  fo  bürfte  baffelbe  bon  allen  fo  genannten 
moraltjdjen  (£igenfd)aften  ®otte§  gelten,  fofern  iljnen  nur 
irgenb  eine  Begebung  auf  ben  <$egenfas  anhaftet  SDodj  ba 
mir  überhaupt  un§  an  biefe  allgemeinen  Benennungen  menig 
gehalten  Ijaben,  miH  id)  nur  über  biefe  beiben  ©igenfdjaft§* 
begriffe  in§befonbere  ju  ermägen  geben,  einmal  ma§  bie 
föeiligfeit  ®otte§  anlangt,  bafj  —  abgelesen  babon,  bafj  iljr 
aud)  ba§  angehört,  raoburd)  für  (Sott  bie  Sünbe  ntcrjt  ift, 
unb  fie  in  fofern  einen  allgemeinen  (£ljaratter  be§  33emufjt= 
fein§  ®otte§  bon  feinen  SBerfen  mithin  feiner  Slllgegenmart 
unb  $lttmiffenl)eit  i^bzt  —  fie  in  unferm  Söeroufctfem  ®otte§ 
ein  meientlidjer  Söeftanbtbeil  ift,  meil  mir  un§  audj  einer 
id)lccl)tt)inigen  ffiatht  be§  ©otteSberoufetfeinS  immer  nur  al§ 
be§  burd)  bie  ©rlöfung  aufgehobenen   Stanbeä   ber  Sünbe 


$)er  (Glaubenslehre  aroetter  2^eil.  ©rittet  $C6fdjnitt.  40&- 

bemufct  fein  fönnen.  3)affelMge  gilt  bort  ber  göttlichen  ($5e* 
recbtigfeit,  in  fofern  al§  bie  SöelobnungSraürbtgfeit  be§  (St* 
Iöfer§  nur  bie  anbete  (Seite  ift  au  ber  «Strafmürbigfeit  ber. 
©ünbe,  unb  al§  fo  mie  jene  in  biefer  al§  5ltinbung  immer 
enthalten  geroefen  ift,  fo  aucb  biefe  in  jener  immer  al§  @r* 
innerung  enthalten  fein  mirb.  Unb  ntcbt  minber  ift  bie  $8e* 
äie()ung  ber  göttlichen  SSettorbnung  auf  unfere  greitjeit  auf 
gleite  SBetfe  ein§  mit  ber  SBesiebung  berielben  auf  bie  @r* 
löfung,  unb  biefer  ($5  efammtäuf  ammenbang  be§  geiftigen  mit 
bem  ftnnlidjen  ber  Drt  ber  folglich  eben  fo  allgegenwärtigen 
unb  eroigen  göttlichen  ®erecbtigfeit. 

Slnbang.    SSon  ber  93armberaigf  eit  (35 o 1 1 e §. 

§.  85.    ©Ott  SBatnttyergigfeit  suaufcbreiben  eignet  ficb 
ime^t  für  baä  fyomileüfcbe  unb  bt$terifdje  ©pracbgebtet,  -Ify* 
\  alz  für  ba$  bogmatifcbe. 

1.    ®tefe  betben  nämltcb  brausen  e§  minber  genau  au 
nehmen  mit  antbropopatbifdjen  3Iu§brüffen,  benn  ein  foldjer 
ift  biefer  bocb  boraügltcb  root,  ba  mir  un§  feiner  in  menfcb' 
lieben  fingen    nur   §u   bebienen   pflegen   bon   einem  burct)  -<  ^ 
frembeS  Seiben  befonber§  aufgeregten  unb  in  £>ülf§teiftung 
Übergebenben  @mpfinbung§3uftanbe.    2)ie  £mlf§Ietftung  felbft 
ift  bann  freilief)   eine  ftttlidje  Sbätigfeit,   aber  fte  ift  bier 
bebingt  bureb  ein  finnlict)e§  OTtgefübl,  nämltcb  bie  Unluft 
an  menn  aucb  fremben  gehemmten  Seben^suftänben;   inbem, 
menn  biefe§  niebt  sunt  ®runbe  liegt,   mir  bie  £>ülf§letftung 
ntcbt  SSarmfjeräigfeit  nennen.   @ie  ift  fo  aufgefaßt  ein  ($5egen* 
ftütt  ber  (Sitte,   al§  ber  §ülf§leiftung  bei  melier  ba§>  ent* 
gegengefeste  ftnnlicbe  TOtgefitfjl,  nämlicb  bie  greube  an  menn 
aucb  frembem  geförbertem  Seben  mitmirft;    benn  aucb   mit 
biefem  tarnen  roirb  bie  £>ülf§leiftung  obne  eine  folcfje  (Srunb* 
läge  nietjt  be&eidjnet.    SBeibe  (Stgenfcbaften  tonnen  mir  baber  f 
in  biefem  ©imte  niebt  auf  (Sott  übertragen,   obne  ibn  felbft 
unter  ben  (Segenfaj  be§  angenehmen  unb  unangenehmen  &u. 
ftellen.    Slttetn  menn  mir  aueb  biefe§  überfeben  motten,  unb 
biefe  2tu§brüffe  nur  oon  ben  £mtf§leiftungen  gebraueben,   fo 
märe  e§  boeb   gegen  ben  CSbarafter  teleologifcber  ($51auben§* 
meifen  in  ftrenggebilbeter  Sefire   eine"  göttliche  Urfädjticbfeit  \ 
auf  ftnnlicbe  SebenSförberung  an  unb  für  ftdj  ansunebmen.  ) 
2)iefe  ©  cb  roier  igfeit,  für  ben  begriff  9?aum  ju  ftnben,   fann 
aber  niebt  baber  fommen,  ba%  mir  ibn  grabe  an  biefer  ©teile 


404  ©er  cf)ri[tn$e  ®Iou6e.  Grfter  2^eü. 

fucfien.  Temt  ba  53armfieräigfeit  offenbar  Uebcl  unb  SBehnifcts 
-jetit  bc§  ltebel§  borauäfeät,  fo  fonnte  niefit  efier  bie  9?ebe 
bon  üjrfeüt,  at§  bon  bent  liebet;  aber  eben  fo,  ba  fte  immer 
eine  geluiffe  (Entfernung  äroiicfien  betben  feilen  annimmt, 
tnbem  man  innerhalb  einer  engeren  ®emeinfcfiaft,  rote 
groifcfien  SSater  unb  ®inbern,  nicht  bon  Sßarmfiersigfeit  rebet, 
tonnen  auefi  niefit  biejenigen  ifir  ©egenftanb  fein,  roetefie 
unb  fofern  fte  ftcfi  fefion  ifire§  3lntfieü§  an  ber  ©rlöfung 
erfreuen. 

2.  %$on  einem  et\va%  anbern  ®eftcfit§bunft  ausgegangen 
ift  ber  barmfieratge  ®ott  am  meiften  entgegengefe^t  bem 
eifrigen.  SDa  nun  Born  unb  (Eifer  ftcfi  offenbar  auf  $8e* 
leibigung  unb  ©ünbe  be^tefien:  fo  roäre  bann  Sßarmfieräigfeit 
bte  Unterbrüffung  be§  (Eifer§  burefi  baZ  Sftttgefüfil.  ©efien 
roir  nun  auefi  fiter  babon  ab,  ba§  ein  leibentlicfier  Buftanb 
mitgebaefit  ift,  totb  benfen  blofj  an  ba$  Burüftfialten  ber 
©träfe:  fo  mufj  boefi  auefi  fiier  befeitigt  roerben,  ba^  bk 
©träfe,  roelcfie  ftcfi  auf  bk  (Erlöfung  be^iefit,  foH  aufgefioben 
roerben  lebiglicfi  roegen  etne§  fefion  anberroeitig  borfianbenen 
SetbenS  ober  Mangels.  Sft  nm  bte§  befeitigt,  fo  bleibt  nur 
bie  Söereitroitttgfeit  sunt  ©rlafc  ber  ©träfe  überfiaubt  übrig; 
unb  auefi  bann  fönnen  roir  bie  Söarmfieräigfeit  niefit  al§  be= 
fonbere  (Sigenfcfiaft  gelten  laffen,  roeit  roir  biefe§  fefion  mit 
bem  Orbnen  ber  ©träfe  äugleidj  ber  göttlicfien  ®erecfitigt'eit 
beigelegt  fiaben.  ©oUte  bie§  falfcfi  unb  eben  mit  biefem  Sn* 
fialt  bie  Söarmfieräigfeit  eine  befonbere  (Eigenfcfiaft  fein:  fo 
roürben  bann  biefe  beiben  einanber  begrenzen.  2)emt  roo  bk 
©ereefitigfett  auffiörte,  finge  bk  Söarmfieräigfeit  an  unb  um* 
gefefirt;  ein  SBerfiältnifj,  roelcfie§  sroifcfien  göttlicfien  (Eigen= 
fefiaften  niefit  'itatt  fiaben  !ann.  $)emtocfi  fommt  bie  für  ben 
®ebraucfi  be§  SBorte§  entfefiiebenfte  neuteftamentifefie  ©teile1 
fiiemit  am  meiften  überein;  benn  (55üte  gegen  bk  Unbanf* 
baren  ift  Unterbrüffung  be§  (Eifert  burefi  TOtgefüfil.  5lber 
bie  föaubtfacfie  in  biefer  ®nome  ift  auefi  bie  Slufforberung 
an  bie  £>örenben,  unb  fo  roar  in  einer  äff  etil"  efien  Siebt 
natürlicfi,  bafj  ba§  analoge  in  ®ott,  roorauf  (EfiriftuS  fie 
fiinroie§,  bon  ifim  auefi  mit  bemfelben  tarnen  beseiefinet 
rourbe. 


1  Suf.  6,  35.  36. 


©d)teievtttacfyer, 
2)ci-  d)riftlirf)e  ©iaube. 


$er  djriftlidje  ®lanU 

tiad)  ben  (Srunbfäjen 
Ux  «bongeüjdjen  flirre  im  gufammenljange  bargcftÄ: 

Dr.  KuMü\  Sif|ietermaifter. 

Tlit  23egIeitroort  tum  (Superint.  ^rof.  D.  görjte«. 


gttieiter  Sfjeit 

flnüerönberter  Stbbrucf  ber  ätoetten  r>om  SSerfoffer 
überarbeiteten  2Iu§gabe. 


Neque  enim  quaero  intelligere  ut  credam ,  B«d  ei«&»  «tr 
intelligam.  —  Nam  qui  non  crediderit,  non  experiefesr,.«*- 
■qui  expertus  non  fuerit,  non  intelliget. 

Anselm,  ProsoL  1,  d»  fid*  tri».  «. 


£>alle  a.  b.  ®. 
fBcxlag  öon  Otto  fcenbet 


$rrf)att  be§  fetten  ©anbeS. 


Seite 
t>e&  (SegenfaseS  anbete  Seite.     @nttmtftung  be8  8c* 

nmfctfeinS  bet  ©nabe.    §.  86—169 1—439 

r             Einleitung.    §.86—90 1—19 
ötftet  Sttfänitt.    33on  bem  guftanbe  be§  ©btiften,  fofern 

et  ftd)  ber  Göttlichen  ©nabe  benmjjt  ift.  §.91—112.  .  20—193 

Einleitung.  §.91.     .~TT 20—  22 

(grfteS  fcauptftüft.    93on  ©&tifio.     §.92-105.  22-135 

einlettung.  §.92 22—  25 

ErfteS  ße&rftöff.    SSon  ber  $erfon  (Hjrtfti.    §.93 

MS  99 25—  79 

«Weitung.  §.93—95       25—  40 

(grfter  Se^rfas.  §.96 40-49 

gtoeiter  öe^rfaa.  §.97 49-66 

©rittet  Sefjrfas.  §.98 66—71 

«n^ang.  §.99 71-   79 

3öjeiteS  SefjtftüÜ.    SSon  beut  ©efdjäft  Sljtlfti.  . 

§.100—105 79—135 

Einleitung.     §.  100—102 79—  97 

Ctftex  Sefcfaft.    §.103 97—107 

Btoeiter  Se^rfas.    §.104 107—124 

©rittet  Sefjrfaa.    §.105 125—135 

ßtoeiteS  $auptftütt.  SSon  betört,  toieftdj  bte 
©emeinfcfoaft  mit  bet  SBoÜfommenljeit  unb^elig» 
feit  beS  (StlöferS   in   bet   einzelnen  ©eele  auS* 

brütet.    §.  106-112 135—193 

Einleitung.  §.  106 135—138 

^      Elftes  ßeijrftütt    Son  bet  SBiebergeburt    §.107 

WS  109 138—169 

Anleitung.    §.107 138—141 

Erfter  ßetjrfas.  §.  108 141—159 

ßtoeiter  ßeijrfaa.    §.109 159—169 

8toeite8  ßetjrftütf.  Son  ber  Heiligung.  §.110— 112  169—193 

Einleitung.  §.  110 169—176 

©rfter  Seötfoj.    §.111 176-184 

B»eitet  ße^tfa*.    §.112 185—193 


VI  Malt  be8  atoetten  93anbe8. 

Seite. 

3toctter  Mftfttttt.    Eon  bcr  33efc^affcnl)cit  ber  Sßelt  6e* 

aiigltd}  auf  bte  ßrlöfimg.    §.113—163 194—423 

Einleitung.    §.113.114 194—202 

grfte§  ipauptftüff.     35on   bcm    @ntftef)en   ber 

ßircbe.     §.115—125 202-259 

Einleitung.  §.115. 116 202—207 

ErfteS  ßc^rftüff.    JBon   ber  Erholung.    §.117 

6i§  120 207—234 

Einleitung.  §.  117. 118 207—218 

Erfter  ßefirfaa.    §.119 218—225 

3toetter  ßeljrfaa.  §.  120 225-232 

Sufa* 232—234 

3  to  e  i  t  e  8  S  e  f)  r  ft  ü  f  f.  SSon  ber  Sttlttljetlung  be§  ^eiligen 

©et[te§.  §.  121—125 234—259 

Einleitung.  §.121.122 234—245 

Erfter  ßelirfaa.  §.  123 245—250 

Btoeiter  ße^rfaa.  §.  124 250—256 

dritter  ßetjrfaa.  §.  125 256—259 

grceiteS  JpauptftüfL     SSon  betn  93eftel)en  ber 
'  .^irdbe  in   ifyrem  3ufammenfcin   mit   ber  Söelt. 

§.126—156 259—391 

«Weitung.  §.126 259—264 

Erftejpftlfte.     3Me  toejentlf  dien  unb  unberönberlidjen 

©runbaüß'e  ber  fttrdje.  §.  127— 147 264—367 

Einleitung.  §.  127 264—270 

(5  r  ft  e  8  8  e  $  r  ft  ü  f !.     $3on  ber  ^eiligen  ©djrift.  §.  1 28 

6t§  132 270—293 

Einleitung.  §.  128. 129 270—277 

Erfter  ße^rfaa.  §.  130 277—285 

3toeiter  ße^rfaa.  §.  131 285—289 

3ufaa.  §.132 V 289—293 

3toeite8  ßefirftütt.     SSom  SMenft   am  ööttlicfjen 

SBort.  §.  133—135 293—303 

Einleitung.  §.  133 293—297 

Erfter  ßeljrfaa.  §.  134 297—300 

Btoeiter  Se^rfaa.  §.  135 300—303 

drittes  ße^rftütf.    Sßon  ber  Saufe.  §.  136— 138.  303—324 

Einleitung.  §.  136 303—310 

Erfter  ße^rfaa.  §.  137 311—319 

Stoetter  ßetjrfaa.  §.  138 319-324 

8ierte8ße^rftüff.  Sßom  Stbenbma^L  §.  139—142.  324—346 

Einleitung.  §.  139.  140 324—338 


Malt  be8  aweiten  »anbeä.  VH 

Seite 

Etjtet  ße^tfaa.     §.141 339—344 

Breitet  Se^tfttj.  §.  142.       .     ♦ 344—346 

3lnl)ang  jum  brüten  unb  öierten  ßefjrftüff. 

§.  143 347—350 

gfinfteS  ße$rftült.    SSom  2tmt  btx  ©djlüffel. 

§.  144. 145 350—350 

Einleitung.  §.  144 350—352 

ße^tfaa.  §.  145 352—359 

©ecfcfteö  ßef)tftüfL    SSom  (Bebet  im  tarnen  3efu. 

§.146.147 359-367 

Einleitung.  §.  146 359-362 

ße^rfaa.  §.147 362—367 

gtoette  Hälfte.    2)a3  SBanbelbare,  toaS  ber  $trä)e 
äüTonfmt  cermoge    t^rc»  SufammenjeinS    mit   bet 

SBelt.  §.  148—156 368—391 

Einleitung.  §.  148.  149 368—374 

E  t  ft  e  3  2  e  r)  t  ft  ü  f  t .    Eon  bet  SKe^r^ett  bet  fidjtbatea 
Äitöje  in  Sejug  auf  bie  Einheit  bet  unjidjtbaren. 

§.  150—152 374—381 

Einleitung.  §.  150 374—376 

Erfter  ße^rfaa.  §.151 376—378 

3»eitet  Se$rfaa.  §.  152 379—38-1 

3meite8   ßdjrftüff.     SSon  ber  SrrtljumSfä&Jgtett 
ber   ftd)tbaren  ßirdje  in  ©eaug  auf  bie  Untrüglidjs 

feit  bet  unfic^tbaren.    §.  153—155 381—387 

Einleitung.  §.  153 381—383 

Erfter  ße^rfaa.  §.  154 383—385 

Bmeitet  ße^rfas.  §.155 385—387 

ßufaa  8U  oeiben  ßerjrftüffen.  §.156.     .    .    .  387—391 

S)titte§  ipauptftüff.    $on  bet  SSoüenbung  bet 

HRmSe.    §.157-163.      : 391—423 

Einleitung.  §.157—159 391—403 

ErfteSproöljetifäieSßefjrftfilr'.  SJon  ber  Sßieber* 

fonft  E^tifti.  §.  160 404—406 

StoeiteS   propIjetifdjeS    ße^tftüff.    5Son    bet 

Slufetfte^ung  be8  §leif$e§.  §.  161 406—412 

SDtitteS  ptopJjetifdjeS  ßeljtftütf.  SSomjüngften 

©etid)t.  §.  162 412— 41* 

SSierteS    fcropfjetif  tf)e8    ßeljrftütf.    SSou    ber 

ewigen  ©eliafeit.  §.  163 416-422 

3ujaa  au  ben  ptopljetifdjen  ßefjtftütren.  422—423 


vm  3«$alt  beS  atoelteit  33a«b««. 

fette 

dritter   21&f#mtt.     $on   ben    ßöttltc&en  ©genfdjaften, 

rocld)e  ft#  auf  bie  (Srlöfuna.  besiegen.  §.  164—169.    .  424—43» 

etnleltititg.  §.  164. 165 424—429 

(gifte 3  ßefctftün.  fßon  ber  fiöttli^en  Siebe.  §.166. 

167 :    .     .     .     .  429—434 

gtnleitimg.  §.166 429—432 

ße^rfaa.  §.  167 432—434 

ßtoetteS  Se^rftfl!!.  »on  ber  göttlichen  SöeiS^cit 

§.  168.  169 434—439 

ginleitung.  §.  168 434-437 

ße^rfaa.  §.169 437-43» 

6t$Iufo.    Eon  bet  göttlichen  Steilheit.  §.  170-172.  #   ,  440—456 


3)  e  3    (Segen  fajeS 

2tnbere  @eüe. 

önümfflung  be§  SöetoußtfeinS  ber  ©nabe. 


Einleitung. 

§.  86.  <x$e  bestimmter  rotr  un$  bemufet  ftnb,  bafj  bie 
mit  bem  ttatürüä?en  Suftanb  rerbunbene  Unfeligfeit  meber 
fcurd?  bie  2lner!ennung,  bie  ©ünbe  fei  unoermeibticb,  nod? 
b>urd)  bie  ^orau^ung,  fie  fei  oon  fetbft  im  2lbnefymen, 
beseitigt  roerben  fann,  um  befto  böljer  fteigt  ber  SSertb 
ber  ©rlöfung. 

1.  $on  bem  SBetoufjtfein  btefer  UnsuIänQüdjfeit  ftnben  ftdj 
faft  in  allen  aitbern  ©lauben§meifen  aller  (Stufen  beutliä)e 
3eugniffe,  infofern  fie  alle  enüueber  Opfer  unb  Reinigungen] 
ober  $afteiungen  unb  Söufjübungen  ober  beibe§  oorfdjretben.  I 
SCHe§  biefe§  finb  offenbar  (Jinri^tungen ,  um  bit  au§  ber 
©ünbe  entftebenbe  Unfeligfeit,  raie  fie  fidj  nadj  9ftaaf;gabe, 
einer  leben  ©lauben§meife  oerfdjieben  geftaltet,  öon  einer 
Bett  jur  anbern  binttegäuneljmen;  unb  an  bem  ©rabe,  in 
meinem  biefe§  mirfli$  Qefdjteljt,  unterfcbeibet  ftdj  ber 
(gläubigere  oon  bem  minber  ©laubigen,  £)enn  mit  2lu§nabme 
berjenigen  Opfer,  meiere  auf  ba$  Sööfe  gar  feine  Söeaiefjung 
baben,  liegt  bei  aßen  Opfern  unb  Reinigungen,  roenn  man 
fie  niäjt  auf  ben  bertuorrenften  Aberglauben  aurüfffübren 
min,  btefeS  §um  ©runbe,  ba&  eine  §ur  menn  audj  nur  ftratbo- 
Uferen  S^at  ftdj  geftaltenbe  5Inertennung  ju  beiben  Bit* 
öeftänbntffen    binsufommen  muffe,    um  bie  Unfeligfeit  auf* 

e<$r.,<E$rifH.©i.n.  i 


<5>er  djriftlidje  ©laube.  3toeitcr  Streit. 


äuljeben.  9?ur  ift  biefeS  in  einer  teleologischen  ©laubenSmeife- 
nid)t  ftattfjaft,  meldje  bie  Unnrirf famfett  be§  <5Jotte§bettmfstfem& 
felbft  al§  £tjat  fegt,  imb  alfo  bier  nur  einen  Sßiberfprud) 
ftnbet,  oon  bem  feine  Sßirfung  ausgeben  fann,  fo  bafj  nur  ein 
«Sengnifj  beä  BuftanbeS  übrig  bleibt.1  ©elbftyeinigungen  unb 
jDittfurjrüc^e  Hebungen ,  mie  fte  roeniger  ftymbolifdj  ftnb,. 
fonbern  me^r  einen  realen  ©etjalt  barbieten,  Ijaben  mol 
überall  bte  Absmeffung,  bafj  eine  ®etr»alt  über  ba$  f^^eif«^ 
bargelegt  ra erben  foll  in  folgen  £mnblungen,  mo^u  bie  Auf= 
gäbe  ixtest  im  Verlauf  be§  SebenS  oon  felbft  entfteljt,  um 
nämlich  ettva&  Ijinsusubringen  gu  ber  Unüottfommenijeit  biefer 
®ettmlt  in  ben  oon  felbft  entftetjenben  SebenSaufgaben,, 
roeldje§  überflüfeig  wäre,  trenn  bk  Unbermeiblidjtfeit  Ijut* 
reidjenbe  Beruhigung  gemährte.  Au<$  geigt  ftc^  überall  ber 
nrilbefte  Aberglaube,  roo  bk  Söe^anblung  biefer  Hebungen  bem 
angegebenen  Bufammenljang  n^t  entfprictjt.  Allein  ba  im 
gemeinfamen  ßeben  in  jebem  Augenbliff  ftdf)  Aufgaben  cnt* 
miffeln,  unb  un§  al§  $flidjt  in  Anfprud)  nehmen:  fo  muffen 
]  iene  nriHfülj rücken  {£rgänäung§^anblungen,  inbem  fte  gett 
!  erforbern,  eine  Süffe  in  ber  Sßfftdjterfütfung  Ijeroorbringen ; 
unb  e§  entfteljt  mieber  neue  Unfeligfeit  burd)  bie  &anblungen, 
melc&e  bk  Unfeligfeit  ljtnmegnel)mett  füllen.  —  $ft  aber,  aud> 
gana  abgefeljen  baoon,  ob  bie  Stiftungen  beiber  Art  nid)t 
I  gemöljnlidj  metjr  sur  Abmenbung  ber  ©träfe  gemeint  roerben 
(  al§  gur  Aufhebung  ber  ©djulb,  bie  ÜftidjttQfeit  berfelben  al& 
Beruhigungsmittel  nidjt  su  oerfemten:  fo  ift  lebe  unbefriebigte 
<5etmfud)t,  meiere  bahn  nodj  gurüffbleibt,  ber  AuSbruff  einer 
Hinneigung  junt  ©btiftentbum,  inbem  ftcjj  barin  bk  Sßabr^ 
f$  einlief  eit  au§ftmc&t,  ba%  ein  (Srlöfer,  in  meinem  ftd)  ba& 
SSefen  barbietet  ftatt  be§  <Sd)atten§  rcerbe  angenommen 
m  erben. 

2.  Betradjten  mir  nun  ba§  fromme  Beroufjtfein  be§ 
(Triften,  ttrie  e§  sufammengefest  ift  au§  bem  eben  entmiffelten 
Bemufjtfein  ber  ©ünbe  unb  bem  nod)  ju  entmiffelnben  aber 
bod)  al§  befannt  oorau§sufeäenben  BemuMetn  ber  ®nabe: 
fo  finben  mir  barin  ebenfalls  beibeS.'  2)ie  Anerfennung  suerft, 
bafj  un§  bie  ©ünbe  unoermeibliclj  fei,  infofern  menigftenS  al§ 
e§  ni<$t  Oon  un§  abfängt  im  Augenbliff  unfünblidj  3U  fein. 
Aber  eben  fo  audj  bie  $orau§fesung  bafj  fte  im  Abnehmen 
begriffen  fei,   infofern  ja  biefe  roefentlid)  äufammenljängt  mit 


1  $afe  bieä  autf)   ber  ©inn  bort  §ebr.  10,  1 — 3.  fei,   tolrb   niemand 
beätueifeln. 


S)e§  ©egenjoäeS  STnberc  (Seite.  8 

bem  SBehmfctfetn ,  *>&£  bie  ®räftigfeit  beS  ®otteSbemu&tfeinS 
im  gunebmen  tft  Sltfein  obneracbtet  biefer  legten  Sßerbinbung 
gehören  bocb  beibe  Momente  nicbt  gu  bem  Sßemufstfein  ber 
®nabe,  ober  §u  bem  rooburcb  bk  Unfeligfeit  aufgehoben  roirb, 
fonbern  bielmebr  sunt  SBemufjtfein  ber  ©ünbe  ober  §u  ber 
Unfeligfeit  felbft.  2)emt  fidj  beS  $erfcbnrinben§  ber  <Sünbe 
als  eine§  fünfttgen  bemüht  fein,  beifct  nidjtS  anberS,  als  fte 
noctj  roirflicb  gegenwärtig  baben;  nnb  nod)  botfftänbiger  ift 
baS  SBeroufctfeüt  tbrer  Uno  ermeib  liebfeit  auäj  baS  ibrer  ®e* 
malt  über  unS.  $8zibe  fbrecben  alfo  bk  (SrlöfungSbebürftigfeit 
auS,  nnb  tonnen  mithin  bie  Slnfbebung  ber  Unfeligfeit  nidjt 
in  fid)  tragen;  eS  müfjte  benn  auf  befonbere  SSetfe  begrünbet 
nnb  nacbnieiSbar  fein,  bafj  baS  Söeroufjtfein  ber  (Sünbe  burcb 
fidj  felbft  fönne  aufgehoben  merben.  —  SDenfen  mir  unS  bin* 
gegen  bie  Unfeligfeit  anbermärtS  ber  aufgeboben,  nnb  fügen 
binsu,  bafj  felbft  baS  SBeroufctfein  bex  Uno  ermeib  tid)  fett  eineS 
$8leibenS  ber  ©ünbe  bei  ibrem  atfmffl&ltdjett  Sßerfcbminben 
jene  Slufbebung  nicbt  bemme:  fo  fteigt  eben  baburd)  ber  SSertb 
ber  Slufbebung.  SMefeS  aber  fann  nur  redjt  erfannt  merben, 
menn  mir  beibe  Momente  betrauten  in  bem  natürlichen  3u= 
ftanbe  beS  SJcenfcben,  mie  er  bem  ©efammtleben  ber  ©ünbe 
angebört.  ^n  biefem  aber  fann  nicbt  bie  Meinung,  bafj  bk 
©ünbe,  meil  unöermeibtid),  feine  (Scbulb  fei  nodj  ©träfe  ber= 
biene,  auS  bem  (^otteSbemufttfein  entmiffelt  merben;  bielmebr 
müfjte  biefeS  erft  serftört,  nämlid)  baS  SSemufctfem,  ba%  (Sott 
beilig  nnb  geregt  fei,  ausgetilgt  merben,  raeldjeS  eine  neue 
(Sdmlb  märe.  (£ben  fo  menig  fann  ©cbulb*  unb  ©trafloftg* 
feit  barauS  gefd)loffen  merben,  bafj  baS  fünftige  fcbon  in  bem 
gegenmärtigen,  alfo  baS  SBerfcfcroimbenfeüt  ber  ©ünbe  in  bem 
gortbefteben  berfelben  gefegt  fei.  2)enn  man  f)äüe,  menn  über 
ben  geitlictjett  ©ebalt  beS  SelbftberoufctfeinS  bütauSgegangen 
merben  foH,  baffelbe  Dtectjt,  mitbin  aud)  bk  gleite  9^otr}= 
menbigfeit  ju  fagen,  ba%  in  bem  fünftigen  aud)  baS  gegen* 
märtige  alfo  bk  lXnfeligfeit  merbe  mitgefegt  fein.  Söa^er 
fönnen  mir  nicbt  anberS  als  bebaupten,  bafj  alle  äbnlicben 
(Säje,  mie  bafe  ($5ott  ibrer  Unbermeiblicbfeit  megen  bk  (Sünbe 
öergebe,  menn  fte  nur  im  2Ibnebmen  begriffen  fei,  roeldje 
immer  auf  ein  eigenmächtiges  (Selbfto  ergeben  ber  (Sünbe 
binauSlaufen,  unb  bödjftenS  ein  3ürüffgeben  auf  bie  göttliche 
^armbergigfeit1  ftnb,  aber  obne  bie  ©rlöfung  oorber  gefegt 
äu  Ijaben,  alfo   aucb  obne  ba%  bk  Söarmf)  ersigf  eit  mit  ber 

1  6.  §.  85,  2. 


£er  djriftlidje  ®Ictu6e.  groelter  3#elt. 


(SJercdjtigr'ett  ibentifictrt  wäre,  attmr  bie  Stuf (jebung  ber  Un* 
fetigfeit  überreben  h) offen,  aber  fie  nicfct  begrünben  tonnen. 
®enn  roenn  mir  aud)  angeben,  bafj  in  bem  natürlichen  3u* 
ftanb  eine  gunaljmc  in  ber  ®räftigfeit  be§  ($5otte§bett>ufjtfein§ 
ftatt  finbe,  roenn  audj  nur  fofern  e§  auctj  mitroirft  bei  bem 
(Streben  nad)  bürgerlicher  ©eredjtigfeit:1  fo  mufjaud)  ßierau§ 
Verborgenen,  ba%  je  mefjr  bie  ©ünbe  abnimmt,  um  fo  mebr 
ba$  <35efüc3t  für  Stedjt  unb  Unrecht  ftdj  fdjärft,  mitijin  feine 
auneljmenbe  SSefriebigung  entfteljt,  meiere  audt)  nur  mit  einigem 
ütecrjt  für  bie  2luffjebung  ber  Unfeligfeit  ®eroäbr  letften  fönnte. 
SSobei  nod)  gu  bewerfen  ift,  bafj  biejenigen,  meiere  auf  btefem 
SBege  bie  Unfeltgfett  aufzubeben  geben!en  auefc  oljne  (Srlöfung, 
am  roemgften§  barüber  einig  ftnb,  ob  ba$  menfdjltdje  Seben 
fict)  im  (fangen  su  einer  größeren  S5off!ommenbeit  entroiffelr, 
fo  ba§  bie  Dtobfjeit,  roo  einmal  überrounben,  au<$  ntccjt  roieber- 
fef)rt,  ober  ob  ba$  ®efd}led>t  beftimmt  ift,  ttjeilmeife,  bur$ 
roeld)e  llmroälaungen  e§  aud)  fei,  immer  raieb er  §urüf f geworfen 
gu  roerben,  um  bie  Saufbabn  bon  born  gu  beginnen. 

3.  SSenn  bennoefcj  ä^nlictje  ©arfteffungen  bom  ©ünben= 
bergeben  ftd)  al§  djriftltc&  geltenb  machen:  fo  mufc  ferjon  fett 
langer  3eit  unb  roeit  uml) er  ba$  eigentümlich  djriftlidje  anruft 
geftefft  roorben  fein,  e^e  ftcrj  fo  roenig  djriftlidje  SSorfteffungen 
einfcrjleidjen  fönnen ;  ober  e%  müfjte  angenommen  roerben, 
ba§  bie  SBirffamfeit  ber  ©rlöfung  erft  anfange,  nadjbem  bie 
llnfeligfeit  fdjon  aufgehoben  ift,  roeldje§  um  fo  roeniger 
mödjte  auszuführen  fein,  al§  boci)  hei  jener  Söerufjigung  fdjou 
ein  Slbne^men  ber  ©ünbe,  mithin  einzunehmen  gottgefälliger 
Sljä'tiöfeit  borau§gefeat  roirb,  fo  ba%  audj  biefe  au  geigen  unb 
fierboraurufen  nidjt  bem  ©rlöfer  gutame.  ^nbeffen  läfct  ftd) 
auf  ber  anbem  (Seite  audj  benfen,  ba§  über  biefen  Sßunft 
ein  folcrjer  undjrifttidjer  ©djein  ftcJ)  berbreiten  !ann  audj  bei 
einer  roaljrljaft  djriftlidjen  grömmigfeit,  roenn  nämlidj  nur 
um  falfdje  $orfteffungen  bon  ber  2lrt,  roie  burd)  bie  @r* 
löfung  bie  llnfeligfeit  aufgehoben  it>erben  foff,  au  befämbfen, 
lieber  eine  anbere  ©rflärung  aufgeftefft  roirb,  bei  melier 
bod)  borbeljatten  bleibt,  ba%  bie  SBirffamfeit  be§  (&otte& 
beroufjtfein§,  au§  roeldjer  ba§  SlbneJjmen  ber  @ünbe  entfielt, 
burd)  ben  ©rlöfer  bebingt  fei.  2lm  nädjften  fteljt  jener 
fallen  ©elbftberuljigung ,  unb  ftefft  ba^er  ben  geringften 
benfbaren  SSertf)  ber  (Srlöfung  bar,  bie  5Inftdjt,  ba%  eine  jus 
nebmenbe  SSirlfamfeit  be§  ÖJotte§betou§tfein§  bon  bem  natür- 


1  Sgl.  §.  70,  2,  3. 


£e3  ©egenfaseS  Slnbere  Seite. 


liefen  3uftanbe  beS  $cenfcl)en  auS  oljne  eine  befonbere 
göttliche  &ütfe  ntöglidj  fei,  ba%  aber  oljnerac&tet  ber  litt* 
üermeiblidjfeit  ber  Sünbe  bie  ©ünber  bo$  fein  IRedjt  Ratten, 
fidj  über  bie  nod)  surüft'bleibenbe  Sünbe  §u  beruljigen,  oljne 
eine  befonbere  göttliche  $erftcf)erung  hierüber;  toonad)  im 
mef  entließen  ber  (griöfer  nur  als  ber  £>erolb  MefeS  göttltdjen 
$erfare<f)enS  bargeftellt  nrirb.  @S  bebarf  feiner  Darlegung 
baüon,  mie  toenig  biefe  Slnfidjt  ftäj  als  in  ber  cr)riftltct)en 
^iretje  gefdjidjtlidj  geltenb  rechtfertigen  fann,  fonbern  nur  ber 
33emerfung,  tüte  raenig  bk  gorberung  einem  folgen  bloßen 
23erfünbiger  gu  glauben  mottüitt  merben  fönnte,  unb  tote 
wenig  fict)  begreifen  liefe,  roarum  eine  folege  Bufidierung  erft 
nadj  folget  Beiterfüllung  unb  in  folctjer  Sltt  unb  SSeife 
lollte  )tatt  gefunben  Ijaben.  $on  biefem  fteinften  Sßertij  an 
fieigt  ber  ©eljalt  ber  ©rlöfung,  je  größer  ber  Slntfjeit  beS 
(ShrtöferS  gebaut  roirb  an  beut  Sluföören  ber  Unfeligfeit  fomot 
als  bem  (£ntftef)en  einer  Slnnäljerung  an  ben  guftanb  ber 
©eligfeit. 

§.  87.  SStr  ftnb  un§>  aller  im  cfyrifilictyen  Seben  cor* 
fommenben  Annäherungen  an  ben  guftanb  ber  ©eligfeit 
betpufet  als  begrünbet  in  einem  neuen  göttlich  getüirften 
©cfammtleben,  rcela)e<o  bem  ©efammtteben  ber  Sünbe  unb 
Der  barm  entroütelten  Unfeltgfeit  entgegenwirkt. 

1.  Unfer  <&ci%  erfetjetnt  allerbingS  nod)  nidjt  als  eine 
üqttftänbtge  SluSfage  ber  eigentümlichen  d)riftlidjen  grömmig« 
feit,  Weil  barin  nodj  nietjt  mitgefegt  ift,  bafe  iebe  SinncUjermtg 
an  ben  Buftanb  ber  ©eligfeit  wefentlidj  eine  SBesieljung  auf 
(Jbriftum  in  Tief)  f  abliefet.  £od)  fagt  er  unläugbar  ben  Sn* 
fjalt  beS  SöehmfstfeinS  ber  göttlichen  $nabe  aus,  fo  wie  eS 
bem  SSetüufetfein  ber  ©ünbe  entgegengefest  ift.  2>enn  bit 
^Innäljerung  an  ben  guftanb  ber  Seligfeit  ift  baS  reale 
®egentijeil  ber  Unfeltgfeit,  unb  biefe  Slnnätjerung  wirb  als 
göttliche  ®nabe  aufgenommen  in  bemfetben  (Sinn  unb  üDtoafe, 
in  meinem  baS  ©ejammtleben,  in  meinem  unS  bergleicjjen 
Momente  entfielen  als  ein  göttlich  gemirfteS  gefegt  wirb. 
Mjet  ftct)  alle  Weitere  (ämttoifflung  aud)  beS  eigentijümlid) 
ci)riftlicf)en  an  unfern  Sas  mit  £eid)tigfeit  anjdjliejjen  Wirb. 
l£aS  SBerJjältntfe  awifc&eu  Shmä&erung  §ur  (Seligfeit  unb 
Slufijebung  ber  Unfeligfeit  läfct  fidj  freiließ  §  wiefad)  auf* 
ftelten.  ©inmal  fo  bafj  aud)  rtictjt  bie  mtnbefte  Slnnä^erung 
an  Seligfeit  ftatt  finben  fann,  fo  lange  nod)  bie  minbefte  Un* 


6  ©er  <$rlftli<$e  ®iaube.  Stocttcr  33jeU. 

feügfeit  i>a  ift,  roelc^eS  barauf  hinausläuft,  fo  lauge  nod) 
©ünbe,  mithin  aucf)  Hebel,  ober  umgefebrt,  in  beut  bebtet 
beS  menfdjüdjen  SebenS  borfommt;  uub  bteS  ift  freiließ  bie, 
roiemol  junt  ©Iüff  niemals  folgerest  burcl)  geführte,  änftdjt 
berer,  meiere  bie  (Srbe  au<$  unter  bem  ©tnffafc  ber  (Srlöfung 
nur  als  ein  Sammertfjal  auf  eben  motten.  £)iefe  9lnftd)t,  roo= 
nadj  ftreng  genommen  alle  SSirfungen  ber  (Srlöfung  fic^  erft 
ienfeit  biefeS  SebenS  entmiffeln  fönnteu,  fott  bier  nidjt  be= 
toorroortet  raerben,  mie  fdjon  auS  ben  SluSbrüffen  beS  ©ajeS 
berborgebt,  roenn  bodj  bem  neuen  ®efammtleben  bie  roerbenbe 
©eligfeit  zugetrieben  hnrb,  fdjon  fofern  e§  bem  ber  ©ünbe 
nur  entgegenhrirft ,  biefeS  alfo  nod)  in  bem  Greife  feiner 
SBirffamfeit  uorljanben  ift.  Stber  jene  $orftettung  brüfft  audj 
bie  bon  Anfang  an  bezeugte  2Sat)rt)eit  beS  ebriftlicben  S8e- 
toufetfeinS  nidjt  auS.1  SStelme^r  ift  in  ieber  Kräftigung  beS 
©otteSbemufjtfeinS  aueb  in  bemfelben  Wlaa%  ©eligfeit;  unb 
fdjon  bieie  merbenbe  (Seligfett  fftht  bie  Unfeltgfeit  auf,  roelcbe 
gmar  mit  ber  (Sünbe  roteber  entfielen  fann,  aoer  nur  um 
loieber  aufgehoben  §u  merben.2  ©o  ba%  man  beibeS  böllig 
gleidjfesenb  lagen  fann,  berfelbe  Buftanb  fei  3luft)ebung  ber 
Unfeligfeit,  fofern  mir  ben  SRenfdjett  in  feinem  $erf)ältniB 
gum  ($5efammtleben  ber  ©ünbe  betrauten,  unb  merbenbe 
(Seligfeit,  fofern  er  bem  neuen  ®efammtleben  angebört. 

2.  Sßenn  mir  biefen  Slnnäberungen  i^ren  Drt  nur  gan* 
im  allgemeinen  im  djrtftlidjen  Seben  anmei[en:  fo  fottbaburd) 
Sunäc&ft  allen  einfeitigen  Sßorftettungen  b orgebeugt  m erben, 
als  ob  foldje  nur  unter  einer  geroiffen  gorm  bon  Sfjätigfeiten 
ober  3uftänben  borfommen  fönnteu,  unb  etmaauf  bie  Momente 
ber  anbäcf)tigen  ^Betrachtung  ober  ber  affetifetjen  Hebungen 
befd)ränft  mären.  93ielmefjr  ift  in  ben  Momenten  ber5tnbad)t 
nur  ein  «SeligfeitSgeljalt,  menn  fte  in  ®ebanfen  ober  £tjat 
übergeben;  unb  in  ben  affetifd)en  Hebungen  nur,  fofern  fte 
bieS  ntd)t  eigentlich,  menigftenS  nt$t  auSfcbüefcenb  finb,  fonbem 
irgenbmie  mit  ber  berufsmäßigen  SHjättgfeit  sufammenfjängen. 
©er  <SeligfeitSge§alt  ift  bielmebr  eben  fo  gut  in  ben  eigentlich 
banbelnben  unb  in  ben  eigentlich  benfenben,  aber  freiließ  in 
tenen  nur,  fofern  fte  ntcrjt  bon  folgen  Stftotiben  auSgebn,  bit 
ganj  in  bem  SBeltberauMein  rourseln  unb  mit  benen  ftcb  bie 
bürgerliche  ($5ere#tigfeit  begnügt,  unb  eben  fo  in  bem  benfenben 
ntdjt,  fofern  fte  nur  baS  SBeltbemufctfein  entmiffeln,  fonbern 
in  beiben  nur,  fofern  baS  lebenbig  mieber  ermatte  QJotteS* 

1  3o$.  1,  16.  130^.3,  14.21.  «ß§U.4,  4.  2  SSgL  §.  74,  1. 


3)e§  ©egenfaseS  Sfabere  Seite. 


^emufstfein  Üjnen  sunt  ($5runbe  liegt.    ®enn  ofjite  btefeS  fann 
ber  fromme  feine  roerbenbe  ©eligfeit  erfennen. 

3.  SSottte  nun  jemanb  jagen,  unfer  (Sa§  an  ftct)  betrautet 
fei  eigentlich  nocb  in  allen  @laubenSformen,  fofem  fie  nur 
eine  (Semeinfdjaft  fcoftuliren,  etri&eumfdj :  fo  ift  baS  nur  in 
iofcrn  richtig,  als  ifjnen  baburdj)  bie  Sßfttdjt  aufgelegt  roirb, 
ibr  (Sefammtleben  als  ein  göttlidj  gehrirfteS  na  erzürn  eifern  Sin 
Unterfcbieb  aber  smifcben  ber  bamaligen"'  (Jntfte^ung  ber 
tüerbenben  (Seligfeit  in  ber  cfjriftlidjen  ©ememfdjaft  unb  ber 
t»on  (Sljrifto  felbft  unmittelbar  ausgegangenen  ioll  baburdj 
feineSroegeS  angenommen  »erben.  S)enn  fo  mie  mir  gleich 
barauf  fommen  merben,  bafj  unfer  ®efammtteben  als  ein 
göttlidj  gemirfteS  anfefjn,  unb  eS  bon  S^rifto  als  einem  gört« 
lieb  gegebenen  ableiten  ganj  baffelbe  ift;  eben  fo  mar  auetj 
bamatS  glauben,  ba%  ^eju§  ber  (Sfjrift  fei,  unb  glauben,  bafc 
$aS  Sfteidj  ®otteS,  b.  I).  baS  bon  ®ott  %u  bemirfenbe  neue 
■■©efammtleben  gefommen  fei,  eineS  unb  baffelbe,  mitbin  Ijatte 
audj  bamalS  alle  roerbenbe  Seligfeit  in  biefem  ©efammtleben 
ibren  ®runb.  (Sben  fo  roenig  fann  man  eS  als  eine  $ln^ 
näberung  §u  ber  römtfdjsfatljoltfc&en  SDenfmeife  anfeben,  bafj 
'fctefe  Umfebrung  beS  perfönltdjen  BuftanbeS  gleidj[am  bem 
<$5efammtleben  unmittelbar  sugeicrjrieben  roirb;  fonbern  ber 
<$egenfas  §u  biefer  fann  nur  bier  nodj)  nietjt  anS  Sictjt  treten, 
fonbern  erft  bei  ber  näheren  Söefcbreibung  auf  ber  einen  (Seite 
t>eS7£>ergangeS  im  einzelnen,  auf  ber  anbern  ber  SSefc&affen* 
Seit  beS  ®ememme|en§.  Unb  fo  ift  ber  Saj  überbauet  nocb 
«ein  für  bk  toerfdjtebenften  Sluffaffungen  beS  (£b?tftentljumS 
gemeinfamer.  9?ur  äroeierlei  roirb  baburdj  auSgefdjloffen. 
guerft  bie[eS,  als  ob  eS  einen  2lntljeit  an  ber  ©rlöfung  unb 
eine  SÖefeügung  beS  SKenfc^en  burcrj  ßtjriftum  geben  fönne 
aufjerbalb  beS  bon  tfjm  geftifteten  ®efammttebenS,  fo  bafj  ber 
(Xt)rtTt  btefeS  entbehren  unb  mit  (Sljrtfto  gletdjfam  allein  fein 
Sonne.  SDiefer  Separatismus,  ben  mir,  metl  er  bei  (Seite 
fteßt,  bafj  baS  urTprümjHcF  göttlidj  geroirfte  bodj  nur  als  ein 
gefcbidjtlicrj  eridjeinenbeS  {aufgenommen  merben  tonnte,  unb 
aiic^  nTtT^aB^ettt^'gefcficbtlicbeS  fortmirfen  mufj,  allerbingS 
als  fanatifd^su  beseteimen  Imben,  unb  ber  folgerichtig  immer 
nur  berelnjelt  entfteben  fann  unb  audj  fo  immer  roteber  ber- 
vfdjhrinben  mufc,  jerftört  baS  SSefen  beS  (£ljriftentJjumS,  inbent 
er  eine  SSirffamfeit  <St)rtftt  otme  räumliche  unb  seitliche  23er* 
mittlung  boftutirt,  unb  er  ftdj  felbft  jugleicb  fo  ifolirt,  bafj 
dudj  fein  gortroirfen  beS  in  iljm  gemirften  ftatt  finben  fann. 
2>aS  jmeite  maS  auSgefdjloffen  mirb  ift  bie  2Innat)me,  al§  ob 


8  ®er  djrtftlidje  ©Iaube.  Steuer  St^etl. 

obne  ein  neu  IjingutretenbeS  unb  innerhalb  be§  ©efammt*- 
IebeitS  ber  ©ünbe  felbft  bie  befferen  (Stngelnen  au  einer  bie 
Unfeligfeit  auffjebenben  Slnnäljerung  an  bie  (Seligfeit  ge- 
langen  tonnten.  SBenn  bieg  ftreng  genommen  roirb:  fo  mu§ 
entmeber  ber  (£rf  Meinung  (S%ri{ti  eine  anbere  Slbgroeffung 
untergelegt  merben,  abgelesen  uon  bem  ©eligfeit§guftanb  ber 
9#enfd)en,  unb  bann  märe  biefe  roenigften§  feine  reügiöfe, 
ober  fie  tjätte  gar  feine  eigentf)ümlid)e  53ebeutung,  unb  e§ 
märe  bann  unreetjt,  irgenb  erroaS  nad)  ©fjrifto  gu  benennen.. 
S)ie  2lu§fage  be§  ct)rtftltcrj»eri  $8emuf$tfein§  über  biefe  Slnna^me 
fann  fcon  unferm  (Stanbpunft  au§  nur  bie  [ein,  bafj  babet 
ein  ungureictjenbeS  SÖeroufetfein  ber  (Sünbe  gum  ($5runbe  liegt. 
®enn  ift  biefe  als  ®efammtttjat  unb  @efammtfct)ulb  gefegt t 
fo  bleibt  aud)  nid)t  nur  alle  £l)ätigfeit  be§  ©ingelnen  ein 
9ftitJjert>orbringen  unb  (Erneuern  ber  (Sünbe,  menn  e§  audj 
nod)  fo  ftarfe  ($5egenroirfung  gegen  einzelnes  fünblidje  in  fiefy 
Umliefet;  fonbern  audj  atCe§  Bufammentreten  ber  6e§üöiict) 
beften  (Singeinen  bleibt  boef)  nur  eine  Drganifation  inner- 
balb  jene§  ®efammtleben£>  ber  (Sünbe  felbft.  «Soll  aber  bie 
3(nnai)me  nid)t  ftreng  oerftanben  merben,  fo  fann  fie  in  bem 
Wlaafa  djriftlid)  fein,  al§  fie  (£fjrifrum  als  ein  neu  bingu* 
tretenbe§  unb  ba§  ®efammtleben  al§  ein  au§  bem  ber  ©ünbe 
SerauggefegteS  anfielt. 

§.  88.  3*t  tiefem  auf  bie  2öir!fam!ett  S^fa  §utüt> 
geljjenben  ©efammtleben  ttnrb  hk  ©rlöfuttg  burd)  ifytt 
berairft  rermöa.e  ber  üMttfyeilung,  feiner  unfürtblt^en». 
SBofllommen^ett. 

1.  (£§  fann  in  ber  gegenroärtigen  Seit  nid)t  behauptet 
merben,  bafj  biefe  9lrt  bie  ©rlöfung  gu  begreifen  bie  einzige 
in  ber  ebangelifdjen  ®ird)e  geltenbe  fei;  unb  mir  motten  un§ 
feine3raege§  meigem  aud)  Diejenigen  für  ebangelifdje  Triften 
gu  erlernten,  bie  eine  foldje  sDcittt) eilung  rtictjt  annehmen,  menn 
fie  nur  alle  tatötjerung  an  bie  (Seligfeit  auf  CHjriftum. 
gurüfffüljren,  unb  in  einer  folgen  ©emeinfdjaft  finben  motten, 
bie  ftei)  gur  Siegel  mndjt,  gu  biefem  SSeljuf  nictjt§  aufcer 
feiner  SSirffamfeit  aufgufudjen  aber  aud)  nid)t§  oon  ber- 
felben  gu  berna^lä^igen.  2ötr  aber  tjalten  un§  an  biefe 
Sluffaffung  al§  an  bie  urfprünglid)  au§  ber  erften  ®irdje  in 
bie  unfrige  Ijerübergenommene  unb  al§  gugleid)  bieienige, 
meldje  fomol  am  beftimmteften  alle  erfd)lid)ene  ©elbft* 
&eruljigung    nuSfdjliefjt ,    al§    fie   auef)   ber  ftrengeren  2luf* 


2>e§  ©egenfa^e»  STnbere  (Seite.  $> 

faffung  be§  ©efammtleben§  in  ber  (günbljaftigfeit  einzig 
angemeffen  ift,  luxe  au§  bem  unmittelbar  oortjergeljenben 
beutlict)  erteilt.  23eibe§  f)üngt  auf  ba§  genauefte  sufammen. 
^e  meniger  eigentümliche  unb  absolute  23ollfomment)eit  mir 
bem  Urheber  be§  neuen  ®efammtteben§  auftreiben,  unb  boci) 
aud)  nict)t§  neue§  über  xt)n  fjinau§gefjenbe§  ermarten,  imx 
befto  leicfcjter  überroinblicf)  mufj  un§  ba%  erfdjeinen  ioogegen 
e§  feiner  größeren  gurüfiung  bebarf;  unb  je  leichter  man  e§ 
mit  bem  nimmt,  roa§  fidj  au§  bem  natürlichen  guftanb  ber 
SDtaxjcfjen  entmif  f  elt ,  um  befto  meniger  ift  Urfactje  etraa§ 
eigenttjümlict)  berfdjiebeneS  in  bem  öorauSäitfesen ,  melier 
ba$  beffere  beginnt.  3ur  (Sntmifflung  ber  einen  Stnftdjt  — 
unb  roeiter  gefjt  bxe  Aufgabe  ber  ®Iaüben§leljre  nietet,  benn 
bafj  bie  SXrxftctjt  geltenber  rcerbe,  mxxf3  nur  ein  ©rgebrnfj  ber 
TarfteHung  lein  —  geprt  aber  gar  nxctjt  bie  SSiberlegung 
ber  aubern,  fonbern  nur  ba%  auetj  ba§  steiften  beiben  06* I 
maltenbe  SSer&ältmtj  mit  bargeftettt  unb  an  ben  bebeutenbfteu 
fünften  tnieber  t>or§  Stuge  gebracht  merbe.  (Sben  fo  mentg 
fann  t)kx  üon  eigentlichen  Söemciien  bk  Sftebe  fein,  üftxdjfc 
be§t)alb  freilief)  roeil  bie  eOangelifdje  ®lauben§tet)re  al3  ein 
Unternehmen  innerhalb  ber  eüangetifdjen  SKrdje  auef)  bm 
eüangelifct)en  (Stauben  idjon  oorausfeät;  aber  audj  feine 
einzelne  SDZobiftcation  beffelben  ift  beweisbar,  fonbern  fxe  ift 
nur  eine  SluSfage  über  ben  ftärferen  ober  fctjtnäcfieren  (Sin* 
bruff  ben  eine  Stjatfactje  in  Sßeäiebung  auf  eine  anbere  mact)t 
£er  gaE  einer  foletjen  SSerfcrjiebexxtjeit  fommt  un§  überall  auf 
bem  gefd^ict)tlidjen  (Gebiet  cor  unb  überall  fo,  ba&  ieber  eine 
gan§  fefte  Ueberäeugung  traben  tarnt,  jein  Gcinbruff  fei  ber  1 
richtige,  aber  bafj  feiner  bxefe  IRxcfitxQfeit  §u  bemeifen  oermag. 
2.  SSenn  aber  aud)  jeber  ©ebant'e  an  23emei§  aufgegeben 
nrirb  —  ma§  auet)  oon  bem  ©djriftbemeife  gilt,  rxxcrjt  nur 
wegen  ber  SBielbeutigfeit  ber  meiften  Slu§brüffe,  fonbern  raexl 
baburdj  boef)  nur  bk  9Set)auütung  ermiefen  mürbe,  ba%  bxe§ -\ 
bie  urfprünglicfje  ©eftalt  be§  d)riftlidjen  (Glaubens  ift  —  fo-' 
bleibt  auet)  ba$  fcfjttnerig  genug,  ma§  t)ier  unerläBlid)  ift, 
nämlici)  bie  (£ntftet)ung§raeife  be3  Glaubens  mit  feinem  ^n~ 
tjalt  äitgleicf)  m  entraiffeln,  ba§  tjeifct,  otme  bafj  man  ju  einer 
üftötljigung  buref)  SBunber  ober  SSeiffagungen  al§  zttva§  gan& 
frembartigem  3ufluci)t  nebme,  su  seigen,  mie  urförünglicft  unb 
auci)  jegt  no$  bie  Uebeneugung  entftetjen  fonnte,  bafj  ^efu§ 
eine  unfüixblxdje  $otffommenf)eit  rjabe,  xxnb  bafj  in  ber  burd) 
ü)n  geftifteten  ©emeinfefjaft  eine  Söxittfj eilung  berfelben  feü 
^enn  bafj  in  ber  gleichmäßigen  nnb  fiel)  auf  einanber  be* 


10  £er  djriftllcfje  glaube.  Stoeiter  Sfjell. 

äiebenben  ®emifjbeit  über  betbe§  bann  bie  5lufl)ebung  ber 
Hnfeligfeit  unb  bte  merbenbe  ©eligfeit  fei,  oerfteljt  ft<$  bon 
felbft.  Unfer  <Sas  nun  toiCC  guerft  feine§mege§  fo  berftanben 
werben,  al§  ob  e§  gu  einer  3cttf  mo  ba$  SBemufctfein  ber 
(Sünbe  fomol  at§  berfönlid)e§  al§  and)  qI§  (Sefammtbehmijtfettt 
in  fielen  fräftig  erregt  mürbe,  nur  einer  fidj  in  einem  öffent« 
liefen  Qzben  gehörig  funbgebenben  au§ge3eidjneten  fittUdjen 
18 ortreff ltdjfeit  beburft  fjätte,  um  einem  folgen  Sfabibibuum 
t>ie  al§  einsig  möglidje  £ülfe  erfeljnte  unfünblic^e  23oIIfommen= 
;ljeit  beizulegen;  meldje§  fidj  fo  auSbrüffen  ließe,  ba%  ber 
i  Glaube  ^efum  gum  (Srlöfer  gemalt  %aht.  ©enn  in  biefem 
(Stauben  märe  bie  Sßillfiiljr  bei  ieber  Üebertragung  beffelben, 
ber  nid»t  meljr  ber  urfbrünglidje  (ginbruff  ber  ^erfon  ju 
ipülfe  gefommen  märe,  größer  mithin  audj  bie  ($5emif3beit  ge^ 
ringer  gemorben,  unb  bätte  allmäblig  immer  meljr  bem  (ge- 
bauten 9tem  geben  muffen,  e§  fönnc  ein  Ruberer  fommen 
auf  melden  jene  SöorfteHung  mit  größerem  fRed^t  Ijätte  über* 
tragen  merben  !önnen,  fo  ba§  auf  biefem  SBege  nur  ein  ah* 
nebmenber  glaube  an  £>efum  mitbin  ein  june^menber  Un* 
glaube  entfielen  fonnte.  Unb  biefem  fönnte  nur  abgeholfen 
merben,  menn  ber  unmittelbare  (Sinbruü  ber  ($5emeinfd)aft  ein 
folcfjer  märe,  bafj  in  fte  unb  bann  um  i^retmiUen  aucf)  in 
ibren  Urheber  bie  unfünblic^e  SSolIfommentjeit  gefest  mürbe, 
^a  audj  ba$  genügt  nic£)t,  bafj  bk  reine  unb  bottfommne 
^räftigfeit  be§  ®otte§bemu|tfein§  in  ^efu  mirflidj  gemefen 
fei,  ber  glaube  an  biefelbe  aber  bod)  nur  ba$  SSer!  iener 
ibrer  SBefriebigung  äueilenben  ©eljnfudjt;  benn  aud)  fo  märe 
er  nur  burd)  bie  gläubigen  pm  (Srlöfer  gemorben.1  Sßtel- 
meljr  gebt  unfer  <Saä  auf  bk  Öorau§fesung  surüff,  bafj  audj 
ba$  Slnerfennen  jener  Sßottfommenbeit  iljr  eignet  SSerf  mar, 
fo  ba%  aud)  ba$  OoKftänbige  Sßemufjtfein  ber  ©ünbe  unb  bie 
bamit  sufammen^ängenbe  (Se&nfudjt  eben  fo  gut  in  Einigen 
erft  bermittelft  jene§  2Inerfenntniffe§  fidj  entmiffeln,2  al§  auc^ 
in  Slnbern  fdjon  borber  borljanben  fein  fonnte.  Sluf  biefe 
Seife  allein  ift  audj)  bk  (Stiftung  be§  neuen  ($5efammtleben§ 
nidjt  etma  ein  befonberer  2lct,  oljne  melden  bennodj  jene 
au§geaeidjnete  (£igentljümlid)?eit  lönne  in  $efu  gemefen  fein; 
fonbern  mie  biefe  nur  al§  £bat  fann  erf dienen  fein,  fo  ift 
aucf)  jene  üjr  mefentlid»e§  SSert  —  ©oft  aber  nun  ber 
Glaube  ber  fpäteren  ®efd)tedjter  mithin  and)  ber  unfrige  ber- 


1  (Bcgen  ben  StuSftmtd)  ©fjriftl  3o^.  15,  16. 

2  Sgl.  §.  14,  2. 


$>e§  ©egenjaäe§  Sinbere  «Seite.  1 1 

felbe  fein  tüte  ber  urfbrüngltdie  unb  nidjt  etma  ein  anberer 
—  in  bent  legieren  %aü  aber  märe  aud)  bie  Gsinjjett  ber 
djrtftlid^en  ®irdje  nidjt  nur  fonbern  aud)  alle  Berufung  auf 
bie  urfbrünglidjen  geugniffe  be§  ®lauben§  gefä^rbet:  —  fo 
muB  auä)  legt  noc§  biefelbtge  (Erfahrung  gemacht  werben 
können,  unb  bie  pm  neuen  ($5ejammtleben  entfd^ieben  §in* 
Ireibenbe  ^Inerlennung  ber  unfünblicrjen  SSoßfommenljeit  in 
gefu  ßfjrifto  mufj  eben  fo  fein  28erf  fein.  9?un  aber  ift  un§ 
"ftatt  feiner  berfönlidjen  nur  bie  Sßirffamfeit  feiner  (fernem* 
tdjaft  gegeben,  fofem  audj  ba§  bon  ifjm  nodj  in  ben  (Schriften 
borWbene  Söilb  ebenfalls  nur  bur<$  biefe  entflanben  ift  unb 
lortbeftefjt  Unfer  (Sag  gel)t  alfo  auf  bie  SBorauSfegung  gurüff, 
3>af$  biefe  Sßirfung  ber  ®emeinfct)aft,  benfelben  (Glauben 
Ijerborfubringen,  aud)  nur  bie  SSirfung  jener  berfönlid^en 
•JSotffommenljeit  Sefu  feibft  ift1 

37  Stfidjt  minber  fdjttuerig  ift  ber  jtueite  Sljeil  unfereS  @ase§ 
|u  entmiffeln,  ba£  nämlidj  in  beut  bon  ßljrifto  getrifteten  ®e= 
fammtleben  eine  9ttitt(jeilung  feiner  unfünbltdjen  SJoIIfommens 
ijeit  ift;  inbem  mir  biefe  ja  feinem  Gstngelnen  in  ber  (fernem* 
fdjaft  aufjer  ©r)rifto  beilegen,  ^a  fettbem  bie  SebenSgenoffen 
4£Jjxrfrt  nidjt  mefjr  finb,  unb  mir  feiner  SSerfammlung  bon 
^ingeinen,  mie  gut  fte  audj  au§gemäblt  fein  möchten  um  ein^ 
anber  gu  ergangen,  au$  nur  ba%  Sftecbt  gugefieljen  Setjrfäge, 
alfo  Regeln  be§  ($51auben§  ober  be§2eben§,  mit  irgenb  einem 
Wmfprudj  auf  llntrügli  ä)feit  ober  beharrliche  ®ültigfeit  aufgu- 
■f  teilen;  bielmebr  aud)  unfer  er  Qefcrjtctjtncx)ert  Sluffaffung  bie 
1Snftd)t  gum  ($5runbe  liegt,  bafj  ber  ©influfj  au§gegeidmeter 
Csingelner  auf  bie  ÜDcaffe  im$lbneljmen  gu  benfen  ift:  mo  unb 
melier  2Irt  foEC  biefe  Sftittfjeitung  gebaut  raerben?  2)enn 
betrachtet  man  bie  SD?affe  im  (fangen,  fo  geigt  fie  einen  fo 
reiben  unb  gu  gemiffen  Reiten  fid)  noefcj  bejonber§  ber* 
ftärfenben  unb  gemaltig  Ijerborbrec^enben  2Xntr)etl  an  ber 
allgemeinen  ©nnblidjf eit ,  ba%  man  gmeifeln  mufj,  ob  beren 
5ier  roeniger  fei  al§  anbermärt§,  unb  ob  e§  alfo  nidjt  beffer 
seroefen  fein  mürbe  für  bte  ®eftaltung  ber  menfc^lic^en  SDinge, 
ha%  baZ  (£&riftentljum  niefit  tin  fo  meit  berbreiteteS  gefdjidjt- 
Iid^e§  Sftotib  gemorben  märe.  (§5egen  biefe  bon  ben  Gegnern 
mit  bielem  ©d^ein  borgebradj)ten  5Iu§fäHe  mufj  ber  glaube 
allein  auffommen,  mithin  annehmen,  bafj  b&$  aHe§  nur  ba$ 
Sftidjtfein  be§  neuen  (S5efammtleben§  ift,  alfo  ba§  ©ein  be§ 
tfünblidjjen,  in  meinem  ba$  neue  groar  ift,  aber  nur  berborgen. 

1  Sgl.  §.  14, 1. 


12  £er  djriftltdje  ©f  cui&e.  3weiter  Xfjcil. 

SKit^in  geöt  unfer  <Sag  auf  bie  SSorauSfejung  iurfiff,  baß  itu 

ber  äufeerltd)  fo  beicbaffenen  djriftlidjen  ®emeinfcfcaft  jene 
■äßitiljeilung  beS  abfotut  fräftigen  ($5otteSbemußtfetnS  in 
©&rijro  bennodj  fei  als  ein  innerliches,  atferbingS  aber,  ba 
ber  glaube  nur  auf  einem  empfangenen  (Sinbruff  rußt,  er* 
fabrbareS.  SDiefe  (Srfaljrung  befielt  auS  gmei  (Elementen, 
bereu  eineS  bem  ^erjönltc^en  baS  anbere  bem  ®emeinbenmßt* 
fein  angehört.  $eneS~  Sali  ber  (Singelne  aud)  fegt  nodj  au§> 
bem  93ilbe  Gljrifti,  tuelcbeS  als  eine  (Sefammttljat  unb  als  ein 
®efammtbeftg  in  ber  gemeine  beftebt,  ben  ©inbrutf  ber  un* 
iünblidjen  Sßottfommenljeit  Sefu  erhält ,  melier  üjm  gugleidj 
gum  botlfommnen  Söenm&tfein  ber  ©ünbe  unb  gur  Slufbebung. 
ber  Unfeligfeit  tuirb ;  unb  btefeS  ift  an  ftdj  fdjon  eine  W\U 
tljeilung  biejer  Sßotttommenlieit.  S)aS  anbere,  ba%  in  allen 
jenen  menn  aud)  bem  fünblicrjert  ®efammtleben  nodj)  fo  ötm* 
liefen  SSerm Irrungen  bodj  eine  oon  jener  SSottfommenljeit  auS* 
gebenbe  SRidjtung  gefegt  fei,  bie  gmar  in  ieber  ©rfcfj  einung,, 
ja  immer  auet)  no$  in  ber  3(uffteltung  ber  begriffe  beS 
Sauren  unb  (SJuten,  mef)r  über  minber  jenem  $ftidjtfein  an* 
beimfäHt,  als  innerfteS  aber  ober  als  gmbulS ,  itjrem  llr* 
fprung  angemeffen  ift,  unb  Tief)  eben  beSImlb  trog  aller 
SHeactionen  aud)  in  ber  ©rief)  einung  immer  me^r  IjerauSar* 

'betten  mirb.  Unb  biefer  gang  innertidj  betrachtet  audj  bolt* 
fommen  reine  gntftttlS  beS  gefc^ictjtlicben  SebenS  ift  eben  fo- 

;  roie  baS  erfte  (Clement  eine  mat)re  unb  ttrirrTame  ÜDctttt)  eilung. 
ber  $oftfomment)eit  ©tjrifti. 

4.  (Sine  ungehemmte  Mftigfeit  beS  ®otteSbemußtfein§ 
in  Sefu  lann  nun  nidjt  begriffen  tuerben  auS  bem  ®efammt* 
leben  ber  ©ünbljaftigfeit,  tueil  in  biefem  fiel)  naturgemäß  bie 
©ünbe  fortpftangt,  fonbern  fo  gefaorben  fein,  ttrie  er  ftet)  in 
biefer  SMftigfeit  äeigt,  fann  er  nur  außerhalb  beS  fünMid&eit 

>  ©efammtlebenS ;  unb  ba  biefeSbaS  gange  menfdjlidje  (Sefdjlecfjt 
umfaßt,  fo  mirb  and)  fo  nur  an  itjn  geglaubt  als  an  einen  über* 
natürlich  geworbenen,  huetool  nur  in  bem  oben1  fdjon  in  ?In* 
fprueb  genommenen  ©tun.  ©ben  fo  ift  aud)  baS  neue  ®e* 
fammtteben  in  Söegietjung  auf  btn  (grlöfer  felbft  gmar  fein 
SBunber,  fonbern  fetjon  baS  fittlidje  Dtaturmerben  beS  über* 
natürlichen,  benn  itbe  ausgezeichnete  ®raft  gieljt  SRaffe  an 
ftdj  unb  bält  ftc  feft:  aber  in  Öegtetjung  auf  baS  bis  bafyn 
alles  umfaffenbe  unb  alte  Formationen  oetjerrfdjenbe  ©emmmt* 
leben  ber  8ünbt)aftigfeit  ift  baS  neue  auef)  ein  übernatürlich 


1  ©.§.13,  1. 


SeS  ©egenfoseS  Sfobere  Seite.  13 

geworbenes.  S)a§  nämliche  gilt  audj  tum  bem  llebergang  iebe§ 
©internen  au§  bem  alten  dtefammtleben  in  ba§  neue.  £)enn  I 
in  Söe^iebung  auf  ba$  neue  felbft  ift  ein  folget  llebergang 
stiebt  übernatürlicb,  benn  e§  übt  feiner  9catur  gemäfj  folcbe 
SBirfungen  au§;  aber  er  ift  eüna§  übernatürlich  geworbenes 
in  ^öesug  auf  ba$  frühere  Seben  btefe§  einzelnen  felbft.  — 
gaffen  wir  nun  bie§  aüe§  jufammen,  fo  fegen  wir  bier  überall 
auf  ber  einen  (Seite  eine  anfangenbe  göttliche  S^ätigfeit  al§ 
■etrva§  übernatürticbe§,  äugleicb  aber  eine  lebenbige  menfdjlidje 
(Sntpfänglicbfett,  oermöge  bereu  erft  iene§  übernatürliche  ein* 
gefcbicbtlidj  natürlicbeS  werben  fann.  Sft  nun  tiefe  ba$  ber*| 
binbenbe"  ^teb  stoifdjen  bem  ®efammtleben  r»or  ber  @r* 
fcbeinung  be§  (£rlöfer§  unb  bem  in  ber  ©emeinfcbaft  mit  bem 
<£rlöfer,  um  bie  (Selbigfeit  ber  menjcblicben  Dcatur  in  beiben 
aur  Slnerfenntnife  §u  bringen:  fo  ift  für  biefen  ©efammt= 
umfang  aucb  bie  (£rfcbeinung  be§  (Srlöfer§  mitten  in  btefem 
9?aturberlauf  nicbt  mebr  ein  übernatürliche^,  fonbern  nur 
burcb  ba§  oorberige  bebingteS,  £erOortreten  einer  neuen  (Jnt= 
Wtt'flungSftufe,  bereu  3uf  ammenbang  mit  bem  borigen  freutet) 
nur  in  ber  (Sintjeit  be§  göttltctjen  ©ebanfen§  liegt. 

§.  89.  3)a  in  bem  6inn  in  welchem  man  fagen  fann, 
•fcafj  bie  ©ünbe  niä)t  t>on  ©Ott  georbnet  unb  für  fyu  nid^t 
fei,1  auü)  für  biefe  neue  Sftitt&eiluna,  eines  fräftigen 
■  ©otte^beiDUBtfein^  ber  2lu£brutt  (Möfung  ttidfot  ange* 
meffen  wäre:  fo  würbe  oon  jenem  ©eftcfytSpunft  au£  tie 
Qx)  Meinung  (E^rtfti  unb  ^k  Stiftung  btefeS  neuen  ©e* 
fammtiebenS  als  t)it  nun  erft  t-ollenbete  (Schöpfung  ber 
menfcfyüctjen  9catur  ju  betrauten  fein. 

1.  SE)a§  bebarf  feiner  weiteren  Erläuterung,  ba%  ber  $8e* 
griff  ber  ©rlöfung  ftctj  auf  ba§  genauefte  auf  ba$  SBetoufctfein 
ber  ©ünbe  besiegt,  unb  bafc,  Wenn  er  al§  2lu§bruff  für  bie 
(Sefammtnrirfung  GE&rifit  gilt,  aueb  bie  Werbenbe  (Seligfeit 
unter  ber  Slufbebung  ber  Unfeligfeit,  welche  allein  eigentlich 
bureb  ©rlöfung  be^eiebnet  Werben  fann,  mit  gefegt  ift.  Sit 
nun  febon  infofern  ber  SluSbruff  un^ureiebenb,  unb  ein  im* 
eigentlicher  auf  bie  Sßeife  ba&  ba§>  ©anje,  nämlicb  bie  9ftit* 
tbeilung  ber  ©eligfeir,  bureb  ein  SSort  beseidjnet  Wirb,  WelcbeS 
eigentlicb  nur  ben Anfang  baoon  auSfagt;  fo  ift  boeb  biegegen, 

»gl.  §.8-i. 


14  $5er  djrifttitfie  ©taube.  3^eitcr  23jeil. 

trenn  man  fictj  nur  barüber  berfte^t,  nichts  äu  erinnern» 
QDenn  fo  gettrifj  in  unferm  d>riftlic^en  Söeroufctfein  bie  aöttltc^c 
©nabe  als  foldje  immer  auf  bie  (Sünbe  belogen  mirb ,  biefe 
aber  immer  gugteicl)  als  IXnfä^igfeit  %vl  bem  in  unferm  ©otteS* 
benmfjtfein  aufgegebenen  unb  angestrebten  gefegt  mirb:  fo- 
mirb  nidjtS  in  ber  göttlichen  ®nabe  übergangen  ,  menn  fte 
als  Slufjebung  ber  ©ünbe,  fofern  fte  jene  Unfäbigfeit  ift,  be* 
äeictjnet  mirb.  ©oll  aber  ber  5tuSbruff  nid)t  mebr  nur  bon 
ber  SSirfung  gebraucht  werben,  fonbern  aueb  bie  Slöftdjt  ber 
(Jrfcbeinung  (Eljriftt,  fofern  biefe  eine  göttliche  5Inorbnung  ift, 
begeicrjnen:  fo  ift  roeil  er  oon  ber  Söeätetjung  auf  bie  «Sünbe 
unb  baS  Söemufjtfein  berfelben  rtictjt  §u  trennen  ift,  bieS  nur 
infofern  möglieb,  als  aucrj  jenes  nämlicb  baS  SßemuMein  ber 
Sünbe,  als  eine  göttlictje  Slnorbnung  fann  betrachtet  roerben. 
^nmiefern  nun  biefeS  möglictj  ift,  mürbe  febon  früber1  auS* 
einanbergefe.tf,  erbeut  aber  iejt  noä)  beutlicber,  ba&  nämlicr) 
©ott  georbnet  fyat,  bie  frübere  unüberfteiglicbe  Unfräftigfeit 
beS  ©otteSbemufjtfeinS  folle  unS  als  eigene  £§at  sunt  Söe= 
irmfctfetn  ber  ©ünbe  merben,  um  biejenige  (Sefmfudjt  gir 
ferjärfen,  obne  melcbe  auef)  bie  Begabung  ^efu  feine  lebenbtgr 
(Smpfänglicbfeit  gefunben  bätte  §ur  5lufnaljme  feiner  WliU 
tljeilung.  S)a  nun  aber  biefem  gegenüber  aud}  ieneS  nicfit. 
nur  ftrenge  Sßaljrlieit  tft,  fonbern  auef)  eben  fo  in  ber  firdj* 
lieben  £eljre  bebormortet,  bafj  (55ott  ntcrjt  Urheber  ber  @ünbe 
ift,  mo^u  ber  eigentliche  ©runb  am  beften  in  ber  gormel  auS*- 
gefproerjen  mirb,  ba£  baS  SSöfe  niebt  fann  ein  fdjaffenber 
©ebanfe  ®otteS  fein:  fo  folgt  audj,  bafj  ber  SluSbruff  ©r* 
löfung  fiel)  nierjt  auf  biefelbe  SBeife  bagu  eignet  ben  göttlidjen 
9ratr)fct)Xufe  ju  bejeiebnen,  mie  er  bie  Söirfung  beffelben  he- 
äeici)net,  meil  ber  Slffmä'djticje  niebt  etmaS  orbnen  fann  um: 
eine§  anbem  mitten,  melcbeS  er  nidjt  georbnet  l)at.  gür  biefen 
aueb  fireblicben  ©tanbjmnft  nun  fdjeint  ber  göttliche  Oratio 
fcrjlu^  niebt  beffer  beseicfcjnet  merben  $u  fönnen  alSburcrj  einen 
ebenfalls  biblifcrjen  sugleidj  auf  bie  ©efammtmirfung  bin- 
meifenben  SluSbrufl  SSie  nämlicb  alleS  in  bem  menferjlicrjen 
Gebiet  bureb  (Efiriftum  gefegte  als  bie  neue  (Scböpfung2  bar* 
geftellt  mirb:  fo  ift  bann  (EbriftuS  felbft  ber  tfoeite  Slbam, 
ber  Anfänger  unb  Urbeber  biefeS  öoKfommneren  menfcblidjen 
SebenS,  ober  bie  SBolIenbung  ber  ©cfjityfung  beS  ÜDcenfcben, 
.womit  sugleicl)  am  beftimmteften  auSgebrüftt  ift,  ba%  buref) 

1  ©.§.80. 

2  2  StOX.  5,   17. 


S)e§  ©egenjaseä  STnbcre  «Seite.  15- 

ben  bon  Slbam  au§  ftdj   entmiffelnben  9?aturäufammenljang 
äit  biefem  Pieren  Seben  nid)t  su  gelangen  toar. 

2.  2)afe  nun  biefe  gormel  mit  ber  erften  bon  öötCig  gleichem 
©efcalt  ift,  unb  £Mu,  al§  bem  in  metdjem  bie  menfc&lidje 
(Schöpfung  boHenbet  mürbe,  Mefelbe  eigentümliche  Sßürbe 
unb  SBefdjaffenfjeit  beilegt  mie  jene,  menn  fie  ganj  berftanben 
ttrirb,  bebarf  feiner  großen  (Erörterung.  S)enn  ift  biefer  jmeite 
Stbam  allen  bom  erften  Stbftammenben  öottfommen  gleich,  nur 
bafj  iljm  ein  fc^lec^)ti)tn  fräftigeg  ©otteSbenmfjtfein  urfprüngftci,  l 
mit  gegeben  ift;  unb  tritt  er  al3  ein  folc&er  bermöge  einer 
fct)öpferifc^en  göttlichen  lXrfäct)lic^fett  in  ben  befteljenben  ©e- 
ü^idjtgäufammenljang  ber  menfd)ltd)en  9?atur  ein:  fo  mufj  audj. 
nad)  bem  ©efes  bon  biefem  feine  p§ere  53oH!ommen^eit  auf' 
bk  gleite  9?atur  erregenb  unb  mittljeilenb  mirfen,  suerft.' 
um  an  ber  2)ifferens  ba§  Söenmfjtfein  ber  ©ünbt)aftigfeit  sur. 
Sßotlenbung  &u  bringen,  bann  aber  um  burdj)  bk  2l[fimilation 
au<$  bie  Unfetigfeit  aufäufjeben.  ^ft  nun  btefer  sroeite  2lbam, 
mietoot  nid&t  au§  biefem  früheren  3ufamment)ang  ^er,  fonbern 
in  Söegug  auf  ilm  al3  ein  übernatürlich  geworbener,  bod)  in. 
ben  gefctjicrjtUcrjert  Bufammentjang,  unb  §tuar  nur  al§  ein 
einzelner  £Dcenf<$  geftellt:  fo  fter)t  er  andj  mit  feiner  gansen 
SSirffamfeit  unter  bem  ®efea  ber  gefdjid[)tlic§en  (Entnnttlung, 
unb  fie  üoüenbet  fidj  burci)  bie  allmät)lige  Verbreitung  bon 
feinem  ©rfdjeinunggpunft  au§  Ü6er  ba§>  ®an§e.  —  j£)afc  aber 
auf  biefe  Sßeife  bte  Schöpfung  be§  9Jcenfd)en  gleic&fam  in 
3ft>ei  Momente  gertrjeilt  wirb,  rjat  fotool  Analogie  genug  in 
ber  Ötefdjidjte,1  al§  e§  aud?  fdjon  immer  bon  ber  materiellen 
«Scppfung  ift  gefagt  korben,  menn  man  eine  erfte  unb  sroeite 
©d)öpfung  unterfdiieb.  Unb  3ugtei<$  bient  biefe  Formel  ben 
SSermirrungen  sunt  (£orrectib,  bie  nur  gu  leicht  burd)  unrid^ 
tigen  ©ebraudj  ber  anbern  entfielen.  S)enn  mie  leicht  fetjrt 
immer  bie  fdjon  bon  $aulu§  bestrittene  5lnfi$t2  mieber,  ba% 
bk  ©ünbe  Ijeilfam  fei,  menn  bod)  (£{jriftu§  um  ber  €>ünbe 
mitten  mufjte  gefenbet  merben,  unb  Jjiebon  sugleidj  bie  W\U 
Teilung  ber  (Seligfeit  abfängt.  2ludj  ift  fie  mol,  genauer 
bztxafytet,  ein  eben  fo  richtiger  unb  unmittelbarer  5lu§bruff 
unfer§  crjriftlicrjert  (Seibftbenm^tfeinS  al§  bie  erfte.  Senn 
oortjer  gwar  ift  für  ben  guftanb  aufjer  ber  (55emeinfc^aft  mit 
Sljrifto  ber  rid)tigfte  SluSbruff  ber  be§  SknmfctfeinS  ber 
<3ünbe  unb  ber  (£rlöfung§bebürftigleit,  meil  unb  fofern  au$ 

1  STutf)  freier  gehört,  toa§  o&en  §.  13,  1.  gefagt  ift. 
1  mm.  6,  1. 


16  ©er  töriftlidje  ©touBe.  3n>eiter  Sfjetl. 

bte[e§  bon  ©ott  georbnet  ift.  $n  ber  ®emetnfc§aft  mit  (£fjrtfto 
aber  ift  afte3,  mag  ber  nictjt  rneljr  probuctiöen  (Sünbjjafttg* 
fett  angehört,  eben  begljatb  audj  ntdjt  meljr  in  bemfelben 
(ginne  ein  JSehntfctfein  ber  ©ünbe,  weil  nidjt  meljr  ein  gletfct)^ 
ltdjgefhmtfein,  fonbern  nur  ein  Unvermögen  ber  nod)  jungen 
©egenmart,  unb  ba$  SBennifetfem  be§  (£rtö[er§  ift  ba§  *Be* 
n»ufet[ein  beffen  ber  un§  fräftig  ntatfjt1 

3.    gür  biefen  SluSbruft  ift  nun  aber  bie  gorberung  aller* 
bing§   nidjt   abkneifen,    ba%    aud)    Ijier    ber   begriff   ber 
Sdjöpfung  auf  ben  ber  (Spaltung  muffe  aurüffsufüljren  fein 
SSie  nun  nidjt  nur  ber  Sftenfdj  £efu§  ber  ätoette  Slbam  Reifet, 
*ueld)e§  bodj  nur  fagen  tarnt  ber  tfotitt  ©ottgefdjaffene,  fonbern 
audj  alle  SBiebergeborenen  bie  neue  Kreatur  feilen,  unb  alio 
audj  baZ  nod)  al§  ©djöpfung  aufgeteilt  mirb,  ma§  mir  mit 
bollern  D^ec^t  urfbrünglicl)  al§  ©rbaltung  barfteüen,  nämlidj 
al§  ©r&altung  ber  ftdj  immer  metter  bemätjrenben  ®räftigfeit 
€briftt  ^ur  ©rlöfung  unb  23e[eligung:   fo  ift  aud)  umgefefjrt 
bit  (Srfdjehtung  ©Ijrifti  fetbft  ansufefcen  als  Haltung  nämitdj 
ber  bon  Anbeginn  ber  menfdjiidjen  9?atur  eingepflanzten  unb 
ftdj  fortmäljrenb  entmiffelnben  (Smfcfängitdjf t\t  ber  menfdjltdjen 
9catur  eine  foldje  fälecfctSinige  SMfttgfeit  be§  ©otteSöenmfct* 
fein§  in  ftdj  aufzunehmen.    ®emt  fam  gteicl)  bd  ber  erften 
©djöpfung  be§  9Jcenfd)engefcl)lecl)te3  nur  ber  unbotttommne 
Buftanb  ber  menfcl)ticl)en  9catur  sur  (Srfdjeinung:  fo  mar  bodj 
ba§  (Srf^einen  be§  @rlöfer§  irjr  auf  mmtXifyt  Sßeife  fdjon 
etugetiflanät.    <3o  bafj  bk  @in$eit  be§  göttlichen  $atljfdjluffe§ 
aud)  in  bem  (Sinne,  mie   er  immer  Ijat  muffen  in  ber  @r= 
füHung  begriffen  fein,   gleich  beuttid)   erfjellt,  ob  mir  fagen, 
©ott  Ijabe  ben  SKenfdjen  bie  ©ünbe  georbnet  mit  $Beate(jung 
auf  bie  (Srlöfung,  ober  ob  mir  fagen,   er  Jjabe  bie  ntenfdjlidje 
9?atur  and)  in  bem  (Sinn  unter  ba§  ®e[es  be§  irbifdjen  ©ein§ 
gefaßt,  ba%  fo  mie  tu  jebem  Einzelnen  baä  finnlidje  ©elbfa 
beumfjtfein    ftdj    früher    entnnffett,     baä    ©ottegbemufetfetn 
aber    erft  fpäter   Ijütsutrirt,    unb  ftdj    jene§   allmäljiig    bi§ 
5U  einem  gemiffen  ©rab   aneignet   unb  untermirft:   fo  audj 
in  bem  ©cfdjtedjt  ba§  ©ottcSbemufctfein  früher  unauretdjenb 
gemefen  fei  unb  unfräftig,  unb  erft  fcernadj  fei  e§  OoEfommen 
ljerborgebrodjen  ütCSfjrifto,  Don  meldiem  au§  e§  fein  Regiment 
immer  meiter  erftrette,  unb  feine  ®raft  btn  äffenfdjen  sunt 
grieben  unb  jur  ©ciigfett    31t   bringen  bemäljre.  —  Sfodj 
fcf)ltefet  fiel)  oon  t;ier  au3,  ma§  boc^  immer  eine  mistige  grage- 

1  «ß^ilipp.  4,  13. 


©es  ©egenfcäcS  Slnbcrc  (Seite.  17 

-für  Me  cbriftlicbe  SSetracbtung  gemefen  ift,  Me  SSeatebung 
©briftt  auf  biejenigen,  melcbe  bor  feinem  ©rfebeinen  gelebt 
^abeit,  ober  räumlicb  üon  bem  bureb  ibn  befeelten  ©efammt* 
leben  getrennt  ftnb,  beutlicber  auf.  SBenn  nämlich  ber  erfte 
©d)öbfung§moment  bon  ©Ott  nur  mit  Söegiebung  auf  bett 
gmeiten  georbnet  ift:  fo  mufj  offenbar  ba$  nämliche  audj 
gelten  bon  altem,  ma§  mit  üjm  einen  unb  benfelben  Statur* 
gufammen^ang  bilbet.  2)em  gufolge  mufj  in  ber  göttlichen 
orbnenben  Slnfcbauung  atte§  ber  erften  SSeltseit  angeljörige 
einen  Slntbeil  Ijaben  an  ber  Söegiebung  auf  ben  (£rlöfer.  8u* 
3leid)  erfebeint  bann  um  fo  natürlicber ,  bafj  btefe  fonft  ber« 
borgene  SSesiebung  aueb  an  emgelnen  fünften  befonberS 
heraustrete,  melcbe  $orau§fe§ung  tbtn  ba&  2luf*ucben  üon 
jßorbilbern  unb  SBetffagungen  motibirt. 

90.  $Dte  SeWöje,  fteld&e  ben  t)ier  bargelegten  ©e* 
i)alt  be£  SBctDufetfeinS  ber  ©nabe  nad?  ben  brei  §.  30. 
aufgehellten  ©efi#t<3punften  entftriffeln ,  boEenben  §u> 
$Iet<$  txt  <$riftli$e  ©laubenSlefyre  in  btn  ityr  tyter  ge* 
fteüten  ©renken. 

1.  SBenn  mir  ben  im  golgenben  gu  bearbeitenben  ^nbalt 
.an  jene  brei  formen  galten:  fo  ift  über  bie  erfte  unb  ur* 
forünglicbe  an  unb  für  fid)  nid)t§  ju  erinnern,  unb  e§ 
leuchtet  bon  felbft  ein,  bafj  bei  einem  irgenb  richtigen  $er* 
fabren  un§  nicbtS  irgenb  bebeutenbeS  bon  ebriftücber  ßebre 
mirb  entgegen  fönnen.  ©cbmierig  aber  fctjetrtt  e§,  nrie  mir 
i)on  biefer  erften,  ber  unmittelbaren  Söefcbreibung  be§  ©naben* 
ftanbeS  ber  ©rieften,  bk  smeite,  bie  SBefc&retbung,  beffen, 
toa§  bureb  bie  (Srlöfung  in  ber  Sßelt  gefegt  ift,  jii  fetjeiben 
fjaben.  $)enn  nid)t§  anbere§  ift  barin  gefegt  als  ba$  burd) 
(Sbrtftum  geftiftete  ©efammtleben  unb  beffen  $ert)ältnt&  SU 
bemienigen  i^eil  ber  menfdjlidjen  Sßelt,  ber  fief)  babon  au3* 
ßefebioffen  finbet.  *ftun  ift  aber  ber  ©nabenftanb  ber  ©rlöften 
nicbtS  anbereS  als  ibre  £$ätiflfett  in  eben  biefem  ©efammt* 
leben  unb  bit  5lxt,  mie  fte  bon  bem  bagegen  noeb  befte^enben 
©egenfag  afficirt  merben,  fo  bafj  beibe§  gang  sufammengefaKen 
febeint.  SDamit  bangt  nun  aueb  gufammen,  bafj  tjter  meniger 
beutücb  berborgebt,  bafj  bie  33ef$reibung  be§  BuftanbeS  boran* 
Geben  muffe,  ©enn  iebem  einzelnen  fommt  auf  ber  einen 
(Seite  bie  SJcittbeitung  ber  göttlicben  ©nabe  nur  au§  biefem 
neuen  ©efammtleben;  baber  febeint  aueb  biefe§  suerft  erfannt 
toerben  $u  muffen.    2luf  ber  anbem  Seite  beftefjt  ba§  ©e- 

6c6l.,S:^riftI.©I.IL  8 


18  SBer  djriftlidje  ©laube.  3toetter  £&,eil. 

fammtleben  nur  au§  ben  ©rlöften  ol§  folgen,  unb  fdjeint 
alfo  gar  utdjt  oerftanben  merben  gu  tonnen,  menn  nid)t  beren 
eigentbümtic&e  95ef<^affent)ett  oorber  eingefeben  ift.  Sfabefc 
erlebigen  ft<$  burdj  bie  nähere  ^Betrachtung  ber  (Sadje  beibe 
Scbnuerigretten  gugleidj.  £)a§  (Sefammtleben  befter)t  nämlich 
allerb  ing§  nur  au§  ben  erlöften  (ümtgelnen,  roa§  e§  aber  in 
ber  SSelt  bebeutet,  ba%  ift  e§  burd)  feine  Drgamfation.  Sn 
biejer  betrachtet  fällt  e§  mithin  ber  graeiten  $)arfteuimg§roeife 
anbeim.  2)ie  Buftänbe  be§  (Singeinen  hingegen  als  folgen, 
mie  fie  ben  ®egenfag  bilben  gu  feinen  3uftänben  im  %e* 
fommtleben  ber  <Sünb|aftigfeit,  ftnb  bon  bent  erften  (SeftdjtS* 
nunft  au§  gu  entroiffetn.  3ft  babei  aud)  in  geroiffem  (Sinn 
bie  ®enntnifj  be§  ®efammtleben§  borau§gufegen :  —  ma£ 
infofern  nidjt  einmal  behauptet  merben  fann,  al§  boct)  bie* 
felben  Buftänbe  Ijerborgerufen  mürben  burdj  bie  erfte  23er* 
fünbigung  mit  bem  (SJefammtleben  gugtetd) ,  ja  nocb  bor  bem* 
felben:  —  fo  ift  e§  bod)  nid)t  bie  bogmattfdjie  ©rfenntnifc 
beffelben.  TOttjin  laffen  ftä)  beibe  £)arftellung§meifen  orbnen 
unb  fdjeiben,  menn  au<$  medjfelfeitige  SSegieljungen  babei  un* 
bermeiblicf)  ftnb. 

2.  3ßa§  enbliä)  bie  in  bem  legten  2lbfdjmtt  gu  ent* 
miffelnben  göttlichen  (Sigenfc&aften  betrifft,  fo  mürbe  e§  fe§r 
ftarf  gegen  bie  Sfticbttgfeit  unferer  gangen  Einlagen  bemeifen, 
menn  nac^  SBottenbung  beffelben  no<$  göttliche  (Eigenfdjaften 
gurüffblieben,  bie  einen  SJcoment  unfereS  cbriftlidjen  (Selbfc 
bemufjtfeinS  rebräfentiren,  unb  ficr)  fron  ben  t)ier  abgeljanbetten 
beftimmt  unterfcbetben  liefen.  £>ie§  alfo  motten  mir  bor= 
läufig  in  5lbrebe  fteEen,  hingegen  e§  al§  ein  gute§  Beiden 
anfeljen,  menn  mir  auf  ber  einen  (Seite  bie  grofje  Stenge 
unbeftimmter  5lu§brüffe  biefer  $lrt  auf  eine  geringere  Saty 
aber  fefter  gormein  gurüfffüljren  tonnten,  auf  Der  anbem 
Seite  aber  audj  atte§  rein  fbeculatibe  beftimmt  au§gefct)loffen 
baben.  2)ie§  nun  mufj  bie  <Sadje  geigen.  (£§  ift  aber  liier 
ni$t  nur  f$eljlenbe§  gu  ergangen,  fonbern,  mie  aucb  fdjon 
oben1  bemerft  morben,  ba  mir  un§  erft  jegt  auf  bem  Gebiet 
cine§  !räftigen  ®otte§bemufetfein§  befinben,  fo  muffen  audj 
nUe  im  erften  £f)eil  nur  unbeftimmt  gu  befdjreiben  ge* 
mefenen  Regungen  be§  abfoluten  2lbi)ängigfeit§gefül)lg  bier 
ibren  botfen  <55et)alt  befommen,  inbem  e§  im  (£f)riftentbum 
fein  anbereS  SBemujjtfetn  ber  göttlichen  OTmac&t  unb  ßmigfeit 
unb    ber   baran  Ijangenben  (£igenf<$aften  giebt  als  nur  in 


1  §.29,  1.  unb  <5.  363. 


$5e§  ®egenfctäe§  Söibere  (Seite.  ltf 


SBegug  auf  ba$  9?eicb  ©otteS.  ©ine  anbere  grage  aber  ift 
bte,  ob  hnrftidj  bie  ganse  bem  cbriftlicben  Glauben  ent* 
foredjenbe  Sefcre  bon  ®ott  ftdj  abbanbeln  iäfet  burd)  bie  2luf* 
gäblung  ber  göttlichen  (Stgenfäaften ,  unb  ob  ntc&t  oielmebr 
aufjerbem  nocb  ein  Inbegriff  göttlicher  Sftat&fdjiüffe  aufgestellt 
iuerben  tnüfjte.  3)iefe  grage  entfielt  inbefe  nur  burcb  ba§ 
£unüberfeben  auf  anbete  Sebanbtungen  ber  ©laubenSlebte. 
Senn  ein  (Sa*,  ber  einen  göttlichen  föafl&fätufe  aufriebt, 
ift  ttidjt  ein  Slusbruff  be3  unmittelbaren  ©elbftbetoufctfeinS. 
SSenn  aber  richtig  unb  oottftänbtg  sunt  SBenmfctfem  gebraut 
nrirb,  toa§  in  ber  SBeit  buret)  bk  (£rlöfung  gefest  ift:  fo  ift 
eben  bamit  aueb  ber  Inbegriff  ber  göttlichen  SRaftfälüffe  ße* 
geben. 


(grfter  Stöf^nttt 

93cm  bem  guftcmbe  be£  Stiften,  fo  fern  er  ftdj 
ber  göttlichen  ©nabe  betoufet  ift 

§.  91.  SB«  ^aben  bk  ©emeinfcbaft  mit  ©Ott1  nur 
in  einer  folgen  8eben3gemetnf$aft  mit  bem  ©rlöfer,  roo* 
rin  feine  fd?led?tbin  unfünbüdje  Sßollfommenbeit  unb 
Seligfeit  bie  freie  au$  fidj  ^erau^ge^enbe  £§ätigjeit  bar* 
tteHt,  bie  ©rlöfungäbebürftigfeit  be<S  Segnabigten  aber  bic 
freie  in  ft$  aufnebmenbe  @mpfänglid?fett. 

1.  SDie§  ift  ba§  ©runbbettmfctfein  eine§  ieben  Triften 
Don  feinem  ®nabenftanbe,  aucti  bei  ber  atferoerfcbiebenften 
^luffaffung  be§  (£f)riftentl)um§.  $)enn  beliebt  einer  bie  ®räf~ 
ttgf eit  be3  ©ottegbemufctfeinS,  bie  er  in  ftct)  finbet,  gar  ni$t 
auf  ^efum,  fo  ift  aud)  fein  Söenmfjtfein  fein  djrtftftdjeg ;  ober 
fljul  er  ättmr  biefe§,  aber  obne  in  irgenb  einem  ©rabe  biefen 
$egenfa$  anjuerfennen,  fo  mufj  er,  nifyt  nur  leine  <3ünbe 
fonbern  autf)  feine  Unboutommenöett  in  ftä)  finbenb  unb  mit 
feiner  SSätigfeit  ganj  au§  ftdj  berauägebenb ,  aucb  ben 
©tanb  ber  ©nabe  Sinter  ft<b  gelaffen  ba&en,  unb  felbft  ein 
(St)riftu§  gemorben  fein,  Söejiebt  einer  bingegen  feinen  3u^ 
ftanb  bk  ©emeinf^aft  mit  ©Ott  anlangeub  smar  auf  $efam, 
aber  obne  eine  lebenbige  ©mjjfängltdjfeit  für  ibn  in  fidj  51t 
finben:  fo  glaubt  er  ätoar  an  ©briftum,  lofern  er  bei  ibm  eine 
bef eligenbe ""  Sßirf  famfett  tooraitSfeat,  aber  er  finbet  ftd)  felbft 
nocb  nid)t  als  einen  Söegnabigten ,  inbem  er  nod)  feine  $er* 
änberung  burd?  ßbrtftum  fann  erfahren  baben.  2)enn  feine 
Sßeränberung  in  einem  Sebenbigen  ift  obne  eigne  SHjätigfeit, 
obne  meiere  baber,  auf  boHfommen  leibentli^e  28eife,  aud) 
feine  (£mtr>irfung  eme§  anbem  mirflid)  fann  aufgenommen 
merben.  Dber  märe  gar  bk  eigene  £fjätigfeit  entgegengefe&t 
nämlid)  SBiberftanb  gemefen:  fo  müjjte  bie  TOttbeüung  miber 
SBitten  b.  b-  gemalt[am  erfolgt  fein,  unb  märe  bann  feine 


1  »gl  §•  63. 


Grfter  «betritt,  »ort  htm  3uftonbe  bcS  Triften  jc.  21 

(geltgfeit.  OTer  nrirfli^e  2eben§aufammenijang  mit  ©Drifto, 
bei  meinem  er  irgenb  al§  (Srlöfer  gefegt  fein  fann,  jjängt  alfo 
baran,  bafe  lebenbige  ©mpfänglidtfeit  für  feine  ©inmirfung 
fd)on,  unb  bafj  fie  noc^  oorbanben fei.  Unb  bie§  gilt  gleich 
mäfjig  für  alte  Momente,  roetl  an  ber  (Trense  angelangt  ber 
gufammenljang  fidj  bon  felbft  löfen  müfjte.  —  (£ben  fo  menig 
aber  ift  su  läugnen,  bafc  nnfer  <Saj  nod)  einen  großen  ©biel* 
raunt  für  bit  berfc^iebenften  Sluffaffungen  biefe§  $ert)ältntffe£ 
suläfet,  bk  ftrf)  bodj  alle  innerbalb  ber  aufgehellten  ©renken 
galten.  ®enn  ber  (£ine  fann  ba$  SSerr)äItni^  audj  in  allen 
Momenten  für  öoHfomnten  baffelbe  galten,  fo  bafj  alle  fdjon 
erfahrenen  Gnnttnrfungen  ben  ©j^onenten  beffelben  nidjt  änbern, 
wogegen  ein  2Inberer  glauben  fann,  e§  entfiele  in  bem  $8e-- 
gnabigten  aßmäfjlig  eine  mitttrirfenbe  <Selbfttt)ätigfeit,  fo  hak 
ba§  neue  33)  in  feiner  <Sid)felbftgleid)tj  ext  betxafytü  ein  felbft, 
tbätige§  fei  unb  ftd)  al§  fold)e§  immer  meljr  entmiffle,  unb 
nur  bie  $erfon  überhaupt,  al§  ba§  oeränberlidje  ©ubject  be^ 
trautet,  ber  @ij  ber  bloßen  gmpfäitQlidjfeit  fei,  baljer  er  ftd> 
ber  ®räftigfeit  be§  ®otte§benmfctfein§  als  feiner  üjm  ftetig 
eigenen,  nur  allerbingS  öon  ß&rifto  abgeleiteten  benmfjt  fei. 
Sa  menn  einer  mollte  auf  ben  Unterschieb  snnfdjien  bem  per^ 
fönlidjen  <2elbftbenmMein  unb  bem  ®emeinbenmt3tfein  gurüff^ 
gefm,  unb  unfern  ©05  gelten  laffen  al§  ben  SluSbruff  be§ 
c&rifttidjen  ©emembemu^tfeinS,  babet  aber  fagen,  jeber  er= 
toadjfene  (Sfjrift  fönne  unb  folle  ftd)  feiner  felbft  berfönlid) 
als  eine§  freien  unb  felbfitfj äugen  im  9?eicr)e  ©otteS  benutzt 
fein,  sugleid}  aber,  ba%  er  ein  folctjer  nur  getoorben  fei  in 
bem  ©efammtleben,  für  beffen  Sßenmfctfein  unfer  <3a§  ben 
richtigen  5lu§bruff  baxbiett:  fo  liegt  audj  biefe  Sluffaffung 
nod)  innerhalb  ber  ©renken  beffelben.  %lux  finb  freiließ  nid)t 
alle  biefe  Sluffaffungen  gleich  geltenb  in  ber  ®ird)e. 

2.  Söenn  nun  biefe  5lu3fage  für  alle  nodj  fo  toeit  au§ 
einanber  liegenben  Momente  in  bem  oon  ©tjrifto  geftifteten 
©efammtleben  gleich  gültig  ift:  fo  ift  feine  anbere  Stljeilung 
barin  angebeutet,  als  nur,  bafj  suerft  entmiffelt  roerbe,  hne 
oermöge  biefeS  SBenmfjtfeinS  ber  drlöfer  gefest  ift,  bann  aber 
urie  ber  (Srlöfte.  2)enn  bie  Drbnung  ergiebt  fiel)  bon  felbft, 
ba  ma§  in  bem  guftanbe  beS  Triften  bem  früheren  in  ber 
®emeinfd)aft  ber  ©ünbbafttgfeit  entgegengefefet  ift,  nur  au§ 
ber  SSirfiamfeit  beS  (SrlöferS  öerftanben  merben  fann.  2)er 
Snljalt  bteieS  SlbfdmitteS  erfüllt  ftd)  alfo  in  swet  ^auptfrüffen. 
$n  baS  erfte  gehören  alle  ©äse  über  (Sfjriftum,  meiere  un=: 
mittelbare   SluSbrüffe   unfereS  d)riftlidjen  ©elbftbenmfstfeinS 


22  ®er  djrlftlidje  ©taube.  Sroelter  Xtjell. 

fhtb;  unb  ma§  in  anberroeittgen  Söefmnblungen  ber  eban= 
geltfdjen  ®lauben§lel)re  oon  <Sf)rtfto  oorfommt,  t)ter  aber 
nitf)t,  ba§  ift  nidjt  etma  burct)  bie  9Iu§laffung  ttrittfüljrttdj  ba^ 
für  erflärt  —  beim  menn  e§  unserer  Einlage  naä)  oorfornmen 
formte,  fo  müfjte  e3  bei  unferm  Sßerfa&ren  aud)  oon  felbft 
feinen  Ort  finben  —  fonbern  e§  erflär  fidj  felbft  bafür,  batj 
ber  rein  bogmattfc&e  ®eljalt  xfjm  fefjlt,  nnb  bafj  e§  baljei  nur 
einen  untergeorbneten  erflärenbett  ober  combinatorifdjen  Sßertl) 
traben  tarnt.  2)a§  stoeite  ^aupiftüff  nrnf*  alle  ©äje  enthalten, 
meldje  unmittelbar  ba§  Öerbältnife  ber  ®nabe  tfix  <Sünb= 
tjafttgfeit  in  ber  menf$lid)en  (Seele  betreiben,  unb  sroar  al§ 
burd)  ben  Butritt  be§  @rtöfer§  bermittelt.  2Sie  biefe§  QaupU 
ftüff  gegen  ben  ätoeiten  Slbfdjnitt  f^jon  oben1  abgegrenzt 
tuorben,  fo  mufs  r)ter  sroar  alle§  Oorfornmen,  tooburdj  ber 
(^inselne  an  bem  Söefteben  ber  d)riftlid)en  ®emeinfd)aft  5lntr)etl 
befommt  unb  nimmt,  aber  nur  al§  feine  perfönlidje  Sßefdjaffen- 
tjeit  ober  £anblung§rneife. 

@rfte<3   öaupt  ftüff. 

§.  92.  ®te  etgentfyiimüdje  Sfyätigfeit  unb  bte  au§* 
föliefettdfoe  SSürbe  be<8  ©rlöferS  roeifen  auf  eittanber  surülf, 
unb  ftnb  im  6elbftbeioufHfcm  ber  ©laubigen  unjertrennlid) 
etneg. 

1.  9#ögen  mir  nun  Sfiiiftum  lieber  ben  (Srlöjer  nennen, 
ober  ifjn  lieber  at§  benienigen  betrauten,  in  met$em  bie 
©a^öbfung  ber  bi§  batjüt  nur  in  einem  Oortäufigen  Buftanb 
norljanbert  gemeierten  menfdjli<f)en  ^atür  öottertbet  morben 
ift:  beibe§  fiat  nur  fobiel  SBebeutung,  al§>  ifim  eine  eigene 
tfjümti$e  28irffamfeit  jugefdjrieben  mirb,  unb  sitrnr  im  ,3-u- 
fammem^ang  mit  einem  eigenttjümlidjen  geiftigen  ®ebalt  feiner 
^erfon.  SDenn  wirft  er  nur  auf  eine  SSeife  mie  audj  Sfrtbere, 
tuenn  audj)  nod)  fobiel  boüfornnmer  unb  umfaffenber:  fo  toftr/e 
bo<$  aud)  ber  (Srfolg,  nämtid)  bie  Söefeligung  ber  äßeitfdjen, 
ein  gemeinfd)afttid)e§  SBerf  feiner  unb  ber  anbern,  menu 
aud)  fein  3lrttljeit  ber  größere  märe,  unb  e§  gäbe  ntdjt  einen 
(grlöier  gegenüber  ben  ©rlöftett,  fonbern  triele,  unter  benen 
nur  ©hier  ber  erfte  märe  unter  ©leidjen.    Unb  eben  fo  raenig 

1  S.9Q.  1. 


erfter  Sttfdjnttt.  33on  bem  Suftonbe  be§  ©Triften  jc  23 

tufire  bann  bic  menfdjlidje  (Scböbfnng  burdj  tbn  oollenbet, 
fonbem  burdj  jene  inSgefammt,  bie  ftcb,  fofem  ibr  SBer!  eine 
eigentbümlicbe  Söefcbaffenbeit  DorauSfejt,  gleichmäßig  Don  ben 
übrigen  unterblieben.  -fttcbt  anberS  o erhält  eS  ftcb  aber 
audj,  menn  jeine  Sßirffamfeit  smar  ibm  auSfcbließlicb  sufäme, 
aber  bieS  fyätte  feinen  ®runb  meniger  in  einer  ibm  eignen 
tnnern  Söefcbaffenbeit,  als  nur  in  einer  eigentümlichen  Sage, 
in  meiere  er  gefegt  morben.  Ser  §mette  3luSbruff,  baß  bte 
menfcblicbe  ©cböfcfung  in  tbm  ootfenbet  morben,  fyättz  bann 
gar  feinen  ©efjalt,  inbem  eber  oorauSsufejen  märe,  baß  eS 
SBiele  fetneS  gleichen  gebe,  bte  nur  nidjt  in  biefelbe  Sage  ge= 
fommen  feien.  Slber  audj  (Srlöfer  märe  er  bann  niebt  eigentlich, 
menn  man  audj  fagen  fönnte,  baß  bie  üUcenfdjen  bureb  feine 
Xfyat  ober  bureb  fein  Seiben,  mie  eS  ftcb  eben  öerbielt,  mären 
erlöft  morbeu.  ©enn  ber  (Srfotg,  bit  ©efeligung,  tonnte  nid)t 
etmaS  oon  tbm  mitgeteiltes  fein ,  metl  er  nichts  eigen* 
tbümlicbeS  gehabt,  fonbem  nur  bureb  ifjn  aufgeregt  ober  ent- 
bunben.  —  (Sben  fo  menig  aber  mürbe  bit  s2lnnäberung  an 
ben  Buftanb  fcer  ©eligfett  auf  tfjn  surüffgefübrt  merben 
fönnen,  menn  er  jmar  in  einer  auSfcbließlidjen  SSürbe  ba 
gemefen  märe,  aber  er  fyätte  fiel)  bamit  leibenb  öerljatten, 
unb  feine  ibr  entfpredjenbe  SStrffamfeit  ausgeübt.  3)enn 
abgefeben  baoon,  ba%  ftctj  ntctjt  einfebn  läßt,  mie  feine  3eit- 
genoffen,  unb  mir  ibnen  nad),  bann  baau  gefommen  fein 
fottten,  ibm  eine  foldje  betaulegen,  jumat  bei  feiner  Slrt  beS 
Auftretens :  fo  müßte,  falls  etma  bureb  baS  bloße  Slnfdjauen 
biefer  SSürbe  bte  ©eltgfett  foHte  ntttgetbeiltS  merben 
fönnen,  menn  mit  biefer  feine  auS  ftcb  berauSgetjenbe  £bätig- 
feit  Oerbunben  gemefen  märe,  bodj  in  ben  9lnfcbauenben  mebr 
al§  (gntüfänglic^feit  gemefen  fein;  bielmetjr  märe  feine  ®r- 
febetnung  nur  als  bte  Sßeranlaffung  anheben  ju  ber  SSor- 
fteuung,  meiere  fie  felbfttbätig  beroorgebraebt  bätten. 

2.  ®ann  fonacb  bie  auS  bem  Buftanb  ber  Unfeligfeit  ge* 
morbene  Slmtäberung  an  bie  ©eligfeit  als  bureb  ^efurn 
vermittelte  STbatfadje  rttcrjt  erflärt  merben  auS  bem  einen 
biefer  (Elemente  obne  baS  anbere:  fo  folgt  aueb,  ba%  heibt> 
Lianj  in  einanber  aufgeben  muffen  unb  ftcb  gegenfeitig  meffen. 
3o  ba%  eS  bergebltcb  ift,  bem  (Srlöfer  eine  böbere  SSürbe 
beizulegen,  als  bit  SSirffamfeit  bie  ibm  sugleidj  sugefebrteben 
mirb  erforbert,  inbem  auS  bem  Ueberfcbuß  ber  SBürbe  bodj 
nubtS  erflärt  mirb,  unb  eben  fo  ibm  eine  größere  SStrffam* 
feit  saufet) reiben,  als  auS  ber  SSürbe  bie  man  ibm  sugefteben 
tütÜ  folgen  tarnt,  benn  maS  auS  bem  Ueberfcbuß  öon  SBtrffam* 


24  ©er  d)rlftli#e  ©Icmbe.  ^weiter  S^eiL 


fett  folgt,  rann  bod)  ntdjt  in  bemfelben  ©imt  mte  ba§  anbete- 
auf  ilm  äurüffgefütjrt  nierben.  £)afjer  ift  jebe  Sebte  bon 
(£t)rifto  unäufammentjängenb ,  melier  biefe  (Öleidj&eit  ntdjt 
iüefentiic^  ift,  maß  fie  nun  ba§  (£ntsiet)en  ber  äöürbe  Der* 
fleiben  motten  burd)  grofje  aber  benn  bod)  frembe  SBirfungen, 
bie  fie  it)m  na$rüt)mt,  ober  umgefeljrt,  bafc  fie  it)m  mentger 
©inftufj  sugeftetjt,  baburtf)  gut  machen  motten,  bafj  fie  tt)n 
ljo&  aber  benn  bodj  auf  unfruchtbare  SBeife,  ergebt. 

3.  galten  mir  nun  biefe  Siegel  feft:  fo  fönnten  mir  bit 
ganje  £et)re  bon  (£t)rifto  betjanbeln  entmeber  nur  als  bie  öon 
feiner  Sßirffamfeit,  benn  bie  SBürbe  müfjte  barau§  Don  felbft 
folgen,  ober  aud)  nur  al§  bie  öon  feiner  SSürbe,  benn  bit 
SSirtfamfeit  müfjte  ftdj  bann  öon  felbft  ergeben.  2öie  biefeS 
au<$  fdjon  bie  obigen  beiben  allgemeinen  gormein  seigen. 
$)enn  bafj  bit  (Sctjöbfung  ber  menfdjlidjen  Sftatur  in  feiner 
^ßerfon  bottenbet  morben,  ift  an  unb  für  ftcb  nur  eine  93e* 
fdjreibung  feiner  SSürbe,  größer  ober  geringer,  je  nadjbem 
man  ben  Unterfdjieb  jmifdjen  bortjer  unb  nad)r)er  ftettt;  aber 
bie  SSirffamfett  folgt,  menn  anber§  bie  (Schöpfung  fortbeftet)em 
fott,  bon  felbft.  ©ben  fo,  bafj  er  ber  (Srlöfer  ift,  betreibt 
auf  biefelbe  SBeife  feine  SBirffamfeit ,  aber  bie  SÖürbe  folgt 
in  bemfelben  äftaafj  öon  felbft.  SDennod)  ift  e§  nid)t  ratbfam, 
ämifd&en  einer  bon  beiben  $8er)anblung£meifen  §u  mahlen, 
menn  mir  nid)t  sugleid)  bie  fircrjiicrje  (Sprache  berlaffen,  unb 
bit  $erglei#ung  unferer  5lu§fagen  mit  anbern  SöeDanblungen 
ber  Glaubenslehre  erfahrneren  motten.  ®enn  ba  bon  ben 
fircr)ltcr)en  gormein  einige  auf  bie  SSirffamfeit  (£t)riftt  geben,, 
anbere  feine  SSürbe  betreffen:  fo  befielt  bie  ftdjerfte  ®emäbr* 
leiftung  bafür,  bafj  aud)  beibe  sufammenftimmen,  barin,  bafj. 
ber  ©egenftanb  bon  beiben  ®eftcrjt§bunften  au§  abgefonbert 
betrautet  merbe;  unb  ie  met)r  in  beiben  ba§  eigentlmmltdie 
auf  einanber  begogen  mirb,  um  fo  mar)rfd)einlidjer,  bafj  bk  auf* 
geftetlten  ©ö§e  ein  urfprünglid)e§  ©elbftbemufjtfein  rein 
miebergeben.  $>a§  gemeinfame  äßaafj  für  beibe§,  mie  grofj 
nämlich  in  einer  £>arftettung  Sßirffamfeit  unb  Söürbe  an* 
genommen  finb,  finbet  ftdj  bann  in  ber£>arfteUung  be§  (Srfolgg- 
junädjft  in  ben  (Stnselnen,  bann  aber  in  ber  ©arfteüung  ber  ®ird)e, 
meldte  eben  fo  bie  bottftänbtge  Offenbarung  ber  SSürbe  be§  (£r* 
Iöfer§  fein  mufj,  mie  bie  SBelt  bie  ooaftänbige  Offenbarung  ber 
,eigenfd)aften  ©otteS.  -  2)a£  £aubtftüff  jerfättt  un§  bemnad) 
in  *mei  Ücrjrftüffe,  ba$  öon  ber  Nerton  ©tjrtfti  unb  ba§>  öon 
feinem  ©efdjäft.  Söeibe  finb  ben  einseinen  ©äsen  nad)  gart*, 
berf Rieben,  itjr  ©efammtinljalt  aber  ift  berfelbe,   fo  bafj  auä 


Grfter  Stbfönitt.  SSon  bem  3uftanbe  beä  Stiften  jc.  25 


jebem  Don  beiben  foroot  be§  feiten  &aubtftüff§  al§  be§ 
attjcitcn  SIbfönitteg  Su&alt  als  ba§  bur<$  (E&riftum  gercorbene 
uerftanben  werben  fann. 

©  r  f t  e  8  2  e  $  t  ft  ft  1 1 
Statt  ber  ^erfott  (grifft. 
§.  93.  ©ott  bte  ©elbfttpttgfeit  be3  neuen  ©efammt* 
lebend  urfprünglid?  in  bem  ©rlöfer  fein  unb  toon  ifym 
allein  au^en:  fo  mufjte  et  als  gefängliches  ©ingel* 
toefen  sugleia)  urbtibüd)  fein  b.  &.  ba£  urbilblia>  mufete 
in  ifym  »olifommen  gef$t<&tU$  toerben,  unb  jebet  ge* 
fd?id?tlta>  Moment  beffetben  sugtet<$  ba£  utbilbli^e  in 
fid?  tragen. 

1.  SSenn  bie  eigentümliche  SBürbe  be§  ©rlöferS  nur  ge* 
meffen  merben  fann  burd)  feine  gefammte  auf  üjr  berufjenbe 
SSirffamleit,  biefe  aber  öoltftänbig  nur  anjuföauen  ift  in  bem 
öon  itmt  gestifteten  (Sefammtlcben;  menn  ferner  auf  ber  einen 
«Seite  in  biefeS  alle  anbern  frommen  ®emetnfcl)aften  beftimmt  i 
finb  überzugeben,  fo  baf?  affeS  aufjer  berfelben  oorljanbeite  i 
religiöfe  Seben  ein  unt>ollfommene§  ift,  in  biefem  aber  bie 
Sßotlfommenbeit,  biefe§  jetbft  aber  auf  ber  anbern  (Seite  ftdj 
5U  alten  Seiten  alfo  aud)  in  feiner  pdjften  (Sntroifflung  §u 
bem  (griöfer  nur  in  bem  oben1  angegebenen  SBertjältnifj  be= 
fiubet,  atte§  tta§  e§  ift  nur  ju  fein  oermöge  ber  (gmüfcinglicfc 
feit  für  feine  (Sinroirfung:  fo  mufc  bie  SSürbe  be§  (5rlöfer0 
fo  gebaut  werben,  bafj  er  btefe§  ju  beroirfen  fcermag.  ^nbem 
nun  aber  feine  SSirf famf eit ,  fo  tote  mir  fte  unmittelbar  unb 
au3fd)tiefcenb  auf  feine  $erfon  besiegen  fönnen,  in  feinem 
öffentlichen  Seben  aunädjft  m  betrauten  ift;  f)ier  aber  feinet 
meg§  einzelne  Saaten  berüorragen ,  bie  fid)  öon  bem  übrigen 
beftimmt  auSjonberten:  fo  ift  aud)  bie  roafjre  mit  ber  (Semem* 
fdjaftftiftenben  SBirffamfeit  ibentifdje  9Jcanifefiatton  fetner 
2ßürbe  nict)t  in  einzelnen  Momenten,  fonbern  in  bem  %t* 
fammtoeriauf  feine§  2eben§.  S)tefe§  U&tZ  nun  ift  ba§,  roa£ 
in  unferm  Saz  nidjt  nur  aufgeteilt  fonbern  aud)  bottftänbtg 
unb  burc&gängig  auf  einanber  bezogen  ftrirb. 

2.  öeben  mir  nun  in  ber  $riftlid)en  ©emeinfdiaft  mit  ber 
allen  (Sbriften  gemeinfamen  Ueberzeugung,  ba§  bem  menfcfc 
liefen  ®efdjle*t  feine  öoülommnere  (Seftattung  be§  ®otte§* 

1  §.  91. 


26  £er  djriftlidje  ®Iau6e.  3toei!er3#eU. 

bemufjtfeinS  beoorftel)t,  fonbern  jebe  neue  nur  ein  ÜRüfffdjrttt 
märe;  unb  bafj  in  berfelben  iebe§  28ad)§tf)um  an  Sötrffamt'eit 
be§  ®otte§bemufjtfein§  nid)t  au§  irgenb  einer  neu  fjinsu~ 
tretenben  ®raft  fjerüorgetjt,  fonbern  immer  nur  au§  ber  rege- 
bleibenben  ©mpfärtßlidjfeit  für  feine  Gsinmirrung:  fo  mufj 
offenbar  jeber  gegebene  Buftanb  biefe§  ®efammtleben§  nur 
Slnnäfjerung  bleiben  ju  bem,  roa§  in  bem  (grlöfer  felbft  gefejt 
ift,  unb  eben  biefe§  berfte^en  mir  unter  feiner  urbilbüdjen 
Söürbe.  Sto  aber  fyanbett  e§  fid)  in  biefem  ®efammtteben 
ntdjt  um  bie  taufenberlei  Söe^ieljungett  be§  menfd)ltdjen  £eben§, 
fo  ba%  er  aud)  für  afle§  SBiffen  ober  alle  ®unft  unb  ®efd)iff= 
lidtfeit  bie  fid)  in  ber  menfd)lid)en  ©efetlfdjaft  entmiffelt  ur~ 

I  büblidj  fein  müfjte,  fonbern  nur  um  bie  ®räftigfeit  be§  ®otte§= 
bemu§tfein§  in  allen  Seben§momenten  ben  ^mpul§  §u  geben 
unb  fte  ju  beftimmen,  unb  meiter  be^nen  mir  aud)  bie  Ur- 
bilblicgt'eit  be§  (£rlöfer§  mcrjt  au§.  Wlan  tonnte  tjiegegen 
freilief)  nodj  einmenben,  ba  bie  ^räftigfeit  be3  ©otte§bemufjt= 
fein§  in  bem  ®efammtleben  felbft  immer  nur  unboßfommen 
bleibt:  fo  muffe  bem  (Srlöfer  allerbing§  eine  Dorbitblid)e 
28ürbe  sufornmen;  bie  ItrbUblic&feit  aber,  bie  eigentlich  baä 
©ein  be§  Begriffes  felbft  au§fagt,  alfo  bie  fd)led)tl)tmge  SSoH^ 
fommenljeit  mürbe  iljm  aud)  nad)  ber  obigen  Siegel  ntd)t  ^u- 
fommen,  ba  fte  nid)t  notfjmenbig  fei  um  baZ  immer  nur  un- 
tjoltfommne  Ütefultat  gu  begreifen.  $ielmet)r  fei  biefe§  bie 
urfprünglidje  Sterbe!  ber  (gläubigen,  menn  fie  (£5riftum  in 
"bem  (Spiegel  üjrer  eignen  Unöoulommenljett  betradjten;  unb 
biefe  feje  ftd)  aucQ  immer  auf  biefelbige  Söeife  fort,  inbem  bie 
gläubigen  $u  atten  Briten,  roa§  fie  al§  urbilblicg  in  biefem 
Gebiet  aufsufaffen  oermoegten,  in  öefam  hineinlegten.  Mein 
jmeierlei  ift  in  biefer  Söeaiefjung  §u  bemerfen.  3uerft  bau 
mit  biefer  2lnftd)t,  menn  fte  fidj  felbft  flar  mirb,  unau§bleib- 
Itctj  ein  Söunfdj  menigften§  —  meil  bodj  ba§  fctjlectjt^irt  öott* 
fommne  fo  minbeften§  immer  angeftrebt  mirb  —  ja,  je  metjr 
"ber  ©in^elne  fein  perfönlid)e§  SSeroufctfem  bem  Ö5attung§= 
bemufjtfeiu  unterorbnet,  aud)  eine  Hoffnung  ftdj  entmiffeln 
mufj,  ba$  SOZertfctjencjefcrilectjt  merbe  nod)  einmal,  menn  aud) 
nur  in  feinen  ©belften  unb  £refflid)ften ,  über  ©örtftum 
btnauSgeljen  unb  üjn  hinter  ftet)  laffen;  biefe§  aber  ift  offen* 
bar  bie  ®rense  be§  <$rtftüdjen  ®lauben§,  melier  im  ®egen~ 

;  tfjeil  für  bie  reine  Sluffaffung  be§  urbüblictjen  feinen  anbern 
SBeg  fennt  als  ba$  ftctj  immer  metjr  oerbollfommnenbe  $er= 
ftöitbnife  ©tjrifti.  ®ommt  hingegen  biefe  golge  nid)t  sunt  $8e* 
touBtfein,  ober  mirb  fte  befttmmt  abgeläugnet:  fo  fann  auc^ 


®r[tcr  2T6ftf)mtt.  SSon  bem  Suftanbe  beS  e^riftcn  jc  27 

btefe  SBefdjränfuna  be§  urbilblidjen  auf  ba§  oorbilblicbe  nur 
«ine  mifcberftanbene  SSor'ficbtgmaa&regel  fein,  "für  meldje  ftcb 
fcer  f deutbare  ®runb  fjernad)  ergeben  mirb.  gtneitenS,  menn 
man  auf  ber  einen  Seite  beben!!,  bafj  fobalb  man  bie  Wöq- 
lidjfeit  einer  beftänbigen  gortfd^reitung  in  ber  ®räftigfett  be<3 
<$otte§bettmMein§  sugiebt,  aber  bafj  bie  $ottfommenbeit  ber- 
felben  irgenbmo  fie  läugnet,  man  audj  nicbt  meljr  behaupten 
fönne  bie  Schöpfung  be§  9ftenfd)en  fei  ober  merbe  uottenbet, 
tneil  ja  in  ber  beftänbigen  gortfdjreitung  bie  Sßottfommenbeit 
immer  nur  al§  mögüd)  gefegt  bleiht,  unb  bann  oon  bem 
läftenfdjen  roeniger  au§gefagt  nrirb,  al§  oon  anbern  ®efä)ö>fen 
—  benn  oon  allen  mebr  gebunbenen  5lrten  be§  Sem§  fann 
man  fagen,  bafj  tfjr  begriff  botffommen  mirflid)  mirb  in  ber 
ftd)  einanber  ergänsenben  ®efammtfjeit  ber  (5in§e(mefen;  öon 
einer  freien  fid)  entraiffelnben  (Gattung  aber  fann  bie§  ntd^t 
gelten,  menn  bie  Sßoftfommenbeit  einer  mefentiicben  £eben3- 
function  im  begriff  gefegt  ift,  aber  in  feinem  einzelnen 
gegeben,  benn  ba$  unöoäfommne  fann  ftcJ)  nidjt  unter  ein* 
anber  ergangen  *ur  SSoßfommenbeit  —  unb  man  nun  auf  ber 
anbern  (Seite  fcmsummmt,  mie  fc&mierig  e§  fein  müfjte  einen 
Unteridjieb  anzugeben  anrifdjett  einem  roabren  Urbilb  unb 
einem  folgen  SSorbüb,  in  metdjem  suflleid)  bie  ®raft  liegt  iebe 
mögli^e  Steigerung  in  ber  ®eiammtbeit  gu  bemirfen,  ba  ja 
fcbon  bie.  $robuctiüttät  nur  in  bem  Segriff  be§  llrbitbe§  liegt  i 
unb  nidjjt  in  bem  be§  $orbilbe§:  fo  ergiebt  fid)  rool,  bafj  nur  | 
bie  Hrbilblidjfeit  ber  angemeffene  s2lu§bruff  ift  für  bie  au§- 1 
fcrjlie^licrje  perfönüct)e  SSürbe  ©&riftt.  —  SSa§  inbefj  ben;. 
obigen  silu§bruff  betrifft,  bafj  ber  (Bebaute  über  (£&riftum 
$tnau§  geben  511  motten  ober  §u  fönnen  bie  ©rense  be§>  c^rtft= 
lieben  ®lauben§  besetdme:  fo  ift  e§  audj  lu'ebei  nietjt  leicfjt 
unter  ben  eine  $erfecttbilität  be§>  (£§riftentbum§  aulaffenben 
Dtuffaffungen  beffelben  folctje,  bie,  mietuol  fie  ntct)t  fo  ftfjeinen, 
boeb  nod)  c&riftlid)  ftnb,  bon  folgen  m  unterf Reiben,  bie  e% 
tttctjt  iinb,  aber  boef)  bafür  gelten  motten  e§  pu  fein.  Soiriel 
raol  ftebt  Seber,  bafj  ein  großer  Unteric&ieb  ift  sraifeben 
benen,  tuelcbe  fagen  e§  fei  nierjt  nur  möglicb,  fonbern  liege 
un§  au$  ob,  über  biele§  bon  bemjentgen  btnau§äugeben,  roa§ 
(£briftu§  feine  jünger  gelebrt,  meil  er  felbft,  inbem  e§ 
menfdjlicbeg  Renten  obne  2öorte  ntebt  giebt,  burdj)  bie  Un* 
oottfommenfjeit  ber  Spraye  roefentlidj  oerbinbert  morben  fei, 
t>en  innerften  (SJeljatt  feine§  geiftigen  SSe[en§  gan§  in  be* 
Stimmten  Gebauten  su  üermirfli^en,  unb  baffelbe  gelte  in 
einem  anbern  Sinne  audj)  öon  feinen  £anblungen,  in  melden 


23  ®er  d&rtftH$e  ©lau&e.  3toeiter  £ljetl. 

fid?  immer  bie  SSerljältniffe,  burd)  meldje  fte  bestimmt  werben, 
mitbin  aud)  bie  Unbotffommenijeit  abriegele,  mobei  nod) 
immer  befielen  fann,  bafj  ibm  [einem  innern  SGBefen  nadj  bic 
fdjletfjtljmige  UrbilblicCjfeit  äufomme,  fo  bafj  ieneS  über  [eine 
(£r[$einung  IjinauSgefyen,  äugleid)  immer  nur  eine  bolU 
fommnere  Darlegung  [eineS  innerften  2Be[enS  merben  fönne, 
mtb  sroüdien  benen,  meldje  ber  Meinung  ftnb,  (£t>rtftuS  [ei 
aud)  [einem  innern  Sßefen  nad)  ni$t  mefjr  als  bon  iljm  Ijabe 
erfctjeinen  fönnen,  aber  bie  bon  iljm  auSgeljenbe  ($emein[($aft 
ber  üebre  unb  beS  SebenS  mit  ben  in  iljr  aufbemafjrten  Beug- 
niffen  bon  (Jbrifto  bflbe  bermöge  einer  be[onbern  göttlichen 
Seitung  eine  [o  glüfflic&e  £)rgani[ation ,  bafj  ftcb  betbe,  Se^re 
unb  üeben,  nad)  jebem  bottfommneren  Urbübe,  melcbeS  [pätere 
$ften[d)enge[d)led)ter  auffteüen  tonnten,  mit  Seid)tig!eit  um= 
bitben  laffen,  otme  bafj  bie  ($emein[d)aft  t§re  ge|d)id)tlid)c 
©elbigfeit  aufjugeben  brauche,  [o  bafj  nun  für  alle  Betten  bic 
üftotbtoenbigfeit  aufgehoben  [ei,  neue  religiö[e  ®  emein[ct)af  ten 
gu  ftiften.  £)enn  rjier  fet)lt,  um  audj  bie  erften  S3orau§*= 
fesungen  beS  djriftlidjen  (Glaubens  aufsutjeben,  nur  nod)  ein 
einziges  ©lieb,  auf  melctjeS  ftct)  gans  folgerecht  aurüffgefjen 
läfct.  SSar  nämlid)  (£fjriftu§  [o  in  bie  ©djranfen  beS  bei 
feiner  ©rfdjeiming  gegebenen  eingesmängt:  [o  mut$  er  aud> 
unb  nidjt  minber  [ein  ganaeS  ©raeugnife  auS  bem  maS  ü)in 
geict)id)tlicr)  gegeben  mar  begriffen  merben  fönnen,  baS  gange 
(£t)riftentljum  al[o  auS  bem  ^ubentfjum  auf  ber  (£ntmiffhmg&= 
[rufe,  auf  roeld>er  eS  bamalS  ftanb,  unb  auf  roeldjer  ein  SD^enfcfe» 
roie  3e[u§  auS  [einem  (Sctjoofj  berborgelm  fonnte;  [o  hak  ba& 
föbriftentljum  nur  eine  neue  (Soolution,  menn  aud)  eine  mit 
frember  bamalS  gangbarer  SSeÜIJett  gejättigte,  beS  ^uben- 
tt)umS  mar,  unb  ^efu§  nur  ein  meljr  ober  meniger  origineller 
unb  rebolutionärer  jübt[ctjcr  ®e[eaberbef[erer. 

3.  SBenn  aber  aud)  nodj  [o  feljr  fefifteljt,  bafj  bie  Duelle 
eine§  folgen  in  ber  ®räftigfeit  beS  ®otteSbemufjt[einS  ftd). 
immer  fteigernben  ®e[ammtlebenS  nur  in  bem  urbilblicien 
[ein  fann:  [o  roirb  baburdj  nid)t  beffer  begreiflid),  mie  eben 
baS  urbilblidje  in  einem  roirflicb  ge[d)id)tlid)  gegebenen  (£inael= 
me[en  [oH  aur  SBabrne^mung  unb  (Srfaljrung  gefommen  [ein. 
£)enn  fdjon  im  allgemeinen  fönnen  mir  nicrjt  anberS  als 
beibeS  auSeinanberlmtten,  unb  mir  betrachten,  [omol  menn 
oon  SBerfen  ber  Shmft  bie  9kbe  ift  als  menn  bon  ©ebilben 
ber  sJcatur  iebeS  einaelne  nur  als  bie  anbern  ergänaenb  unb 
[elbft  ber  ©rgänjung  bur<$  fie  bebürftig.  Sft  ober  nun  gar 
bie  (Sünbe  als  ©e[ammttl)at  beS  men[d)ltcl)en  ©efct)lect)tS  ge= 


(Srfter  Stöfänttt.  SSon  htm  3uftcmbe  be§  elften  je.  29 

fegt:  tüte  bleibt  bann  eine  2ftöalid)feitr  ba%  ftcb  aus  beffen 
<5JefammtIeben  ein  urbüblic^es  (ginselmefen  ^ätte  enttuiffeln 
fönnen.  %a  aud)  berSlusmeg  ift  fdjon  abgefcfmitten,  ba£  bas 
Urbilb  lönne  gebaut  unb  auf  gefum  nur  mit  meljr  ober 
weniger  äöittfütjr  übertragen  fein.  2>enn  tt)äre  bas  (Triften* 
tljum  auf  ein  unbollfommnes  Urbilb  gegrünbet:  fo  mü&te  es 
bie  9Inft>rüdje  fahren  laffen,  alle  (SUaubensmeifen  in  ftcb,  auf= 
^unebmen  unb  aus  fteb  felbft  immer  mebr  Sßollfommenlj  eit 
nnb  ©eltgfeit  su  entmtffeln.  Sßollte  man  aber  ber  menfdj= 
lieben  9catur  oor  (£(jrifto  unb  olme  ibn  bas  Vermögen  ein* 
räumen,  ein  reines  unb  ooßfommnes  Urbilb  in  fidj  ju  er« 
zeugen:  fo  fönnte  fte  megen  bes  natürlichen  gufammenljanges 
§tt)ifdjen  Sßerftanb  unb  Tillen  ntdjt  in  bem  3uftanb  atfge* 
meiner  ©ünbljaftigfeit  gemefen  fein.  <BoU  ba^er  ber  Sftenfdj 
$efus  urbilblicf)  gemefen,  ober  foH  bas  Urbilb  in  tljm  ge= 
fc^ic^tlic!)  unb  nnrflidj  gemorben  fein  —  ber  eine  Slusbruff 
$ilt  mas  ber  anbere  —  um  ein  neues  ($5efammtleben  §u  ftiften 
innerhalb  bes  alten  unb  aus  ibm:  fo  mufj  er  sroar  in  bas- 
<$5efammtleben  ber  ©ünbljaftigfett  tjereingetreten  fein,  aber  er 
barf  ntctjt  aus  bemfelben  ber  fein,  fonbern  mufj  in  bemfelber. 
■als  eine  ttmnberbare  (Srfcljeinung  anerfamtt  merben,  aber 
bod)  nad)  Einleitung  ber  fdjon  oben1  geltenb  gemalten  5lna* 
logien  nur  in  ber  t)ier  fdjon  ein  für  allemal  ftrjrten  $8e* 
beutung  bes  SSortes.  ©ein  eigentümlicher  geifttger  ®et)alt 
nämlich  fann  rticrjt  aus  bem  (Stellt  bes  menfdjlidjen  Bebens- 
freifes, bem  er  angehörte,  erflärt  merben,  fonbern  nur  aus 
ber  allgemeinen  Ouelle  bes  getfttgen  Sebeus  burd)  einen 
fd) opfert]' eben  göttlichen  5lct,  in  tuelcbem  fiel)  als  einem  abfolut 
größten  ber  begriff  bes  9Jcenfc§en  als  (Bubject  bes  ($5ottesbe* 
mu^tfeins  ooÄenbet.  2>a  mir  nun  aber  bodj  ben  Einfang  bes 
£ebens  nie  eigentlich  begreifen:  fo  gefdjieftt  auclj  ber  gor* 
bernng  einer  boUfommnen  ©efdjid)tlicl)feit  biefes  öoHfommen 
urbilblid)en  bollfommen  (genüge,  menn  er  nur  Oon  ba  ab  auf 
biefelbe  Sßeife  mte  alle  anberen  ftdj  entmiffelt  %at,  fo  ba%  ftdj 
öon  ber  (Geburt  an  feine  Gräfte  aümäljiig  entfalteten,  unb 
•fief)  com  Sftullounft  ber  (SrfcJjeutung  an  in  ber  bem  menfd)- 
liefen  <S5efcf)le<it  natürlichen  Drbnung  gu  gertigfeiten  aus* 
bilbeten.  SDiefes  gilt  nun  aud)  bon  feinem  ©otiesbemufetfein, 
toorauf  es  §ier  öomefjmltct)  anfommt,  meines  gmar  audj 
Slnbern  eben  fo  wenig  als  t|m  etman  erft  burd)  bie  ©r^ieljung 
«ingepfjt  rairb,   fonbern  beffen  ®eim  in  Sitten  fdjon   ur* 

1  SSgl.  §.  13, 1. 


30  fcerdjrifilitfjeGUaube.  3toeiter  3#eil. 

fprihifllid)  liegt,  mcldjeS  fidj  aber  aud)  in  tfjm  mie  in  Sitten 
erft  allmnblig  nad)  menfd)lict)er  Steife  gum  mirftid)  er= 
fdjetnenben  SBeroufetietn  entmiffeln  mufjte,  unb  Dörfer  nur  al§ 
®etm,  tuenngleid)  in  gemiffem  ©tnne  immer  al§  mirffame 
$raft,  öorbanben  mar.  2)at)er  tonnte  e§  aud)  mäbrenb  biefer 
@ntmifflung§äeit,  felbft  feitbem  e§  Söemufjtfein  gemorben  mar, 
fein  31nfeljn  über  baS  ftnnlidje  ©elbftbemufefein  nur  in  bem 
Wlaa%  ausüben,  al§  be§  lederen  oerfcbiebene  Functionen  fdmn 
f)eröorgetreten  maren,  unb  ersten  alio  aud)  oon  biefer  (Seite 
angefeben  felbft  al§  ein  nur  aUmät)lig  au  feinem  motten  Um* 
fang  fid)  entfaltenbeS.  (glaubt  man  irrigermeife  be§  urbilb* 
liefen  megen  biefe§  läugnen  unb  etma  annehmen  31t  muffen, 
er  Ijabt  fdjjon  t>on  feinem  erften  ßebenganfang  an  ba$  ©otteg* 
bemufjtfein  at§  foldjeS  in  fid)  getragen:  fo  müfete  er  aud) 
fd)on  urfprünglid?  fid)  felbft  aiS  3dj  gefest,  ja,  mie  feljr  leicht 
au  folgern  ift,  audj  bie  (Spraye  memgften§  itjrem  abftractern 
Stjeile  nad)  urfprüngliä)  unb  elje  er  äufjerlid)  fprad)  inne  ge- 
habt  baben,  mithin  müfjte  feine  gange  erfte  ®inbbeit  ein 
Schein  gemefen  fein,  mobei  fein  mabre§  menfd)üd)e§  Seben 
gebaut  merben  fann,  fonbern  bie  bofetifdje  5lbmeid)ung  öötlig 
entfct)ieben  ift;  man  müfjte  benn  baSjenige,  morin  (£t)riftu§ 
allen  SDcenfdjen  gleich  mar,  oon  bem  urbilblic&en  in  tljm  ber 
Seit  nad)  trennen,  jenem  bie  ganje  GmtmifflungSäett  big  ^ur 
anfangenben  Steife  be§  männlichen  2Uter§  allein  einräumen, 
unb  bann  erft  ba§  urbitblicbe  bin^fommen  laffen,  meldje§ 
iegtere  aber  bann  otjne  ein  abfoluteS  SBunber  ntdjt  oorftellig 
äu  machen  ift.  ^a  auc^  <Sünbe  märe  bann  öorber  in  ifjm 
menigftenS  möglich,  unb  alfo  aud)  gennfj  menn  aucb  al§ 
fleinfte§  roirflid)  borljanben  gemefen,  unb  $efu§  al§  ©rlöfer 
unb  ©rlöfter  in  einer  $erfon,  unb  mag  t)ierau§  meiter  folgt- 
en ber  reinen  ®ef$t<i)tltdjfeit  ber  $erfon  be§  SrlöferS 
gebort  aber  aud)  btefe§,  bafj  er  ftdj  nur  in  einer  gemiffen 
vilel)nlid)t'eit  mit  feinen  Umgebungen,  alfo  im  allgemeinen 
öolf§tl)ümltdj ,  entmiffeln  tonnte.  2)enn  ba  Sinn  unb  Sßer- 
ftanb  nur  au§  biefer  ibn  umgebenben  SSelt  genährt  mürben, 
unb  au<$  feine  freie  ©elbfttbättgfeit  in  biefer  iljren  beftimmten 
Drt  tjatte :  fo  fonnte  ficb  audj  fein  ©ofteSbemufetfetn,  mie 
urforünglid)  aud)  bie  bösere  Straft  beffelben  fei,  bod)  nur 
au§brüffen  unb  mitteilen  in  SSorftellungen ,  bie  er  ficb  au§ 
biefem  ©ebiet  angeeignet  fjatte,  unb  in  £>anblungen,  meldje 
in  bemfelben  ttjrer  9Jcöglid)feit  nadj  oorljerbeftimmt  maren.1 

1  Die8  erfemit  tool  ^cber  bafür  mit  enthalten  ju  fein  in  bem  2(u8= 
bru!f  ©al.  4,  4.  ba%  S^riftuS  fei  unter  bo§  ©efea  get^on  getoefen. 


(giftet  St&fdjnitt.  3Son  bem  Suftanbe  be§  Triften  ic  31 


Sollte  man  biefe  Slbbängigteit  ber  (Sntmitflung  oon  ben 
Umgebungen  iäugnen:  fo  müfcte  man  fotgerecbtermetfe  eine 
empirifcbe  Mmiffenbeit  in  (Sljrifto  annehmen,  bermöge 
beten  üjm  alte  menfdjlicben  SßorfteüungSmetfen  mithin  aud) 
(Sprayen  gleicb  befannt  unb  geläufig  gemejen  mären,  fo  bafc 
er  aud)  in  bem  magren  unb  richtigen,  baä  einer  leben  eignet, 
eben  fo  gelebt  r)ätte  mie  in  bem  baterlänbifcben;  unb  biejelbe 
OTmiffenbeit  müfjte  man  aud)  in  Sßesug  auf  bie  Perfdjtebenen 
menfd)lid)en  SSerbältniffe  unb  bereu  Sßebanblung  befugen. 
2)ie  mabre  ^enfc^^eit  ginge  aber  aud)  Riebet  Perloren. 

4.  Sttit  biefer  rein  menfd)lid)en  Sluffaffung  feines  gefd)id)t* 
lieben  SDafeinS  mufj  aber  aud)  oereinbar  fein,  ma§  bie  Urbüb* 
iidjtett  feine§  perföniid»en  ®etfte3gebalteS  mit  ftd)  bringt. 
3uerft  alfo  feine  (Sntmitthmg  mufc  gans  [xti  gebaut  merben  i 
oon  allem,  ma§  ficb  nur  als  ®ampf  barftetten  läfet.  S)enn  e§ 
ift  nicbt  möglid),  bafj  mo  ein  innerer  ®ampf  irgenb  einmal 
ftattgefunben  bat,  bie  ©puren  beffetben  ganj  füllten  Per* 
fcbminben  tonnen ;  unb  eben  fo  menig  bätte  ba§>  urbilblidje 
tonnen  angefdjaut  merben,  mo  aud)  nur  bie  leifeften  ©puren 
biefeS  Kampfes  ftd)  geigten.  2)te  9?cad)t,  mit  melier  ba£ 
(^otteSbemufjtiein ,  mie  meit  eS  eben  iebeSmal  entmittett  mar, 
ieben  Moment  beftimmte,  burfte  baber  niemals  jmeifelbaft 
fein  nodj  Pon  ber  (Erinnerung  an  einen  f ruberen  ®ampf  ge* 
trübt.  9lud)  burfte  er  ftd)  nie  in  einem  Buftanb  befinben, 
burd)  ben  ein  ®ampf  in  ber  Brunft  märe  begrünbet  morben; 
b.  i  e§  fonnte  in  it)tn  aud)  urfprünglid)  feine  Ungteicbbett  fein 
in  bem  Söertjältnifc  ber  Perfd)iebenen  Functionen  ber  ftnnlicben 
Statur  be§  äftenfcben  §um  ©otteSbemufjtfein.  (Er  muffte  alfo 
in  allen  Momenten  audj  feiner  (EntmittlungSperiobe  frei  fein  i 
oon  allem,  mobutd)  ba$  (Entfteben  ber  ©ünbe  in  bem  ein* 
seinen  9Jcenfd)en  bebingt  ift.1  2lud)  ift  btä  beibeS  feljr  gut 
äugleid)  möglieb,  ba§  alle  Gräfte  fomol  bie  unteren  §u  be* 
berrfd>enben  als  bie  leitenben  Pieren  nur  allmäblig  fort* 
idjreitenb  berPorgetreten  finb,  fo  ba§  biefe  ftd)  jener  nur  nad) 
bem  2)caafj  mie  fte  ftd)  entmiffelten  bemächtigen  tonnten,  unb 
baB  bod)  bk  S3emäd)ttgung  felbft  in  jebem  Slugenblitt  in  bem 
(Sinn  Pottftänbig  mar,  bafj  nie  etmaS  in  ber  ©innltd)teit  ge* 
fest  fein  tonnte,  mag  nid)t  fd>on  gleicb  als  Söertjeug  beS 
®eifte§  gefest  gemefen  märe,  fo  bafj  meber  ein  (Einbrutt  blofc 
finnlicb  MS  in  baS  innerfte  33emu^tfein  aufgenommen  unb 
o^ne  ©otteSbemufetfein  su   einem  SebenSmoment  öerarbeitet 

1  5581-  §•  67—69. 


32  3)er  djriftlidje  ©lau&e.  3tocitcr  Sf»eil. 

toorben,  nodj  audj  eine  föanblung,  bie  mirfltdj  al§  eine  folcbe 
unb  ^mar  als  eine  gan*e  angefeben  roerben  fann,  je  allein 
bon  ber  <SinnIic6)feit  ausgegangen  märe  unb  nidjt  bom  ©otteS« 
bemußtfein.  SSaS  mir  oben1  nur  als  mögltcb  aufftetten 
fonnten,  nämlicb  eine  unfünblid)e  (Sntmifffung  eineS  menfct> 
liefen  (SinsellebenS,  baS  muß  in  ber  $erfon  beS  ©rlöferS  Der- 
möge  biefer  ungeftörten  ^bentität  beS  SßerfjältntffeS  mirflicr) 
gemorben  fein,  fo  ba%  mir  baS  SSerben  [einer  $erfönltcbfeit 
bon  ber  erften  ®inbbeit  an  bis  gur  58oßftänbigfeit  fetneS 
männlichen  SllterS  unS  borftetten  fönnen  als  einen  ftetigen 
Uebergang  auS  bem  «Suftanb  ber  reinften  Unfdjulb  in  ben 
einer  rein  geizigen  Sßollfräftigrat,  meiere  bon  allem.  roaS  mir 
£ugenb  nennen  meit  entfernt  tft  Sn  bem  Buftanb  ber  tln= 
frfutlb  nämlich  giebt  eS  aud)  eine  aber  nur  inbirecte  3ßtrffam= 
fett  beS  ©otteSbemußtfeinS,  ba%  eS  nämlich  miemol  nod) 
Intitirenb  jebe  SBemegung  in  ber  (Sinnlichkeit  fjemmt,  meiere 
in  eine  Dbbofition  auflagen  müßte.  ®ie  2lnnät)erung 
Ijteju,  Die  bodj)  nid)t  feiten  in  unferer  ©rfabrung  borfommt, 
[biegen  mir  burdj  ben  $luSbrufi:  „eine  gtüf flicke  finbltdtje 
t  Statut"  ju  beseictjnen.  Söie  männliche  SSoHEräftigfett  aber, 
menn  gleich  aud)  affmäfilig  erroaebfen  unb  alfo  audj  burä) 
Hebung  entftanben,  unterfebeibet  ftd)  bon  ber  Stugenb  baburd), 
ba%  fte  ntdjt  SHefuItat  eines  ®ambfeS  ift,  inbem  fte  ftcr)  meber 
burdj  ben  $rrtbum  noeb  burdj  bit  ©ünbe  ja  audj  nict)t  burä) 
bie  Neigung  §u  einem  bon  betben  binburebäuarbeiten  brauchte. 
Unb  biefe  Sfteinbeit  barf  feineSmegeS  als  eine  golße  äußerer 
Sßemabrung  angeicben  roerben,  fonbern  in  ifjm  felbft,  nämlich 
|  in  bem  oberen  ibm  urfbrünglicb  mitgegebenen  ®otteSberoußt= 
i  fein,  muß  fte  ftd)  grünben.  ©onft  märe,  ba  eine  foldje  33e- 
mabrung  boeb  auf  £>anbtungen  Ruberer  jurüffgebt,  baS  ur~ 
bitbltdje  in  ibm  mebr  erzeugt  als  eraeugenb,  unb  er  felbft 
eben  forool  ber  erfte  bon  ber  ©efammtbett  ©rlöfte  als  bemad) 
felbft  ber  (Srlöfer.  —  2i5aS  nun  aroeitenS  baS  bolfStbümlicbe 
in  feiner  ^erfon  betrifft:  fo  tonnte  freiiid)  (£r)tiftu8  fctjroerlid) 
ein  bollftänbiger  SDtanfct)  fein ,  menn  feine  SJSerfönlicbfeit  niebt 
bolt'Stbümlicb  beftimmt  märe,  aber  biefe  Söeftimmtrjeit  betrifft 
feineSmegeS  baS  etgentlidje  $rincib  feines  SebenS,  fonbern 
nur  ben  DrganiSmuS.  S)tc  23olfStt)ümlid)feit  ift  feineSmegeS 
ber  XnbuS  feiner  @elbfttt)ätigfeit,  fonbern  nur  ber  feiner 
<£mbfängltdjfeit  für  bie  ©elbfttrjätigfeit  beS  (SJeifteS;  aud) 
fann  fte  niebt  als  ein  abftoßenbeS  ober  auSfd)tießenbeS  ^rineip 

1  §.  68,  l. 


Grfter  Stöfcfjnttt.  SSon  htm  3u[ta«6e  be§  Triften  jc.  38 

in  i§m  gemefen  fein,  fonbent  nur  bereinigt  mit  bem  offenften 
ungetrübteren  @mne  für  alleS  anbere  menfcfcjlidje,  nnb  mit 
ber  2Inertennung  ber  ^bentität  ber  Statur  nnb  aud)  be£ 
(SJeifieS  in  allen  menfdjltdjen  gönnen;  alfo  aud)  oljne  SSe* 
ftreben  baZ  bolfStlmmtidje  über  bk  it)tn  angenriefenen  ©rengen 
IjinauS  ju  Verbreiten.  Unb  nur  fo  fid)  bemaljrenb  fann  man 
tagen,  bafs  and)  bie  SBolfStbümKdjfeit  auf  urbüblidje  Sßeife 
fomol  an  ftdj  als  and)  in  iljrem  ä5err)ältmfe  gn  bem  (Jansen 
ber  menfdjlicrjen  Statur  bestimmt  fei. 

—  "4,-  £>ier  fann  nur  beiläufig  im  borauS  aufinerlfam  barauf 
gemalt  roerben,  melden  ©influfj  bie  SSorfteUung  bon  biefer 
Urbilblid)feit  beS  GsriöferS  in  ber  boflfommen  natürlichen  ($5e- 
fd&ic&tltdjfeit  feines  SebenSberlaufeS  auf  alle  in  ber  SHrdje 
geltenben  djriftlic&en  &eljren  ausübt,  bie  alle,  rcenn  man 
bon  jener  meftr  ober  meniger  abläßt,  fidj  audj  anberS  ge== 
Italien  muffen.  Stenn  suerft  ba%  atfeßeljrett  unb  SSorfdjriften, 
meiere  ftdj  in  ber  djriftlidjen  ®irdje  entraiffeln,  nur  baburdj 
ein  allgemeingültiges  Slnfeljn  erhalten,  bafs  fie  auf  G^riftum 
aurüffgefü'grt  raerben,  grünbet  fid)  nur  auf  feine  boltfommne 
Urbilbüctjfeit  in  allem,  tuaS  mit  ber  ®raft  beS  ®otteSbemu£t* 
feinS  in  Sßerbinbung  fteljt.  S«  kern  Sftaafe  als  biefe  aufge* 
Ijoben  mirb,  mufe  auc§  bie  SJcöglidjr'eit  gugegeben  merben  bon 
&eljren  unb  S3orfd>riften  auf  bem  (&chkt  ber  grömmigfeit, 
meiere  über  bie  2luSl>rüd}e  ©lürifti  IjtnauSgeljett.  ©ben  fo 
fönnen  bk  ^rebtgt  beS  gebliebenen  SöorteS,  fofem  eS  nur 
38erflärung  ©jrtfti  enthält  unb  baS  ©acrameut  beS  2lltarS 
nur  al§  einige  Snftitutionen  in  ber  crjriftlicrjen  ^tretje  ange* 
feljen  roerben,  roenn  borauSgefegt  roirb,  bafc  aUe  ©ntmüflung 
unb  Unterhaltung  d)riftlid)er  grömmigfeit  immer  bon  ber 
&ebenSgemeinfd)aft  mit  (£t)rifto  ausgeben  mufj.  2lud)  tonnte 
(PriftuS  nierjt  als  allgemeines  SSorbüb  aufgeteilt  roerben, 
roenn  er  ftdj  nidjt  gu  allen  urfbrünglictjen  SSerfdjiebenfjeiieit 
ber  ©ingemen  auf  gteidjmäfeige  3lrt  behielte  —  inbem  er  ja 
fonft  für  ©inige  mefjr  SSorbilb  fein  müfjte  als  für  Slnbere  — 
roeldjeS  nur  burefc  feine  Urbilblidjfeit  möglich  ift  Slber  eben 
fo  roentg  fonnte  er  allgemeines  SSorbilb  fein,  roenn  niebt  ieber 
SRoment  feineSßebenS  urbilbltct)  märe;  benn  fonft  muffte  baS 
urbüblidje  bon  bem  nietjt  urbübtidjen  erft  gerieben  roerben, 
meines  bann  nur  nad)  einem  fremben  ®efeg  gefdietjen  fönnte, 
baS  folglich  über  üjm  ftänbe.  S)aSfelbe  mürbe  eintreten, 
roenn  baS  bolfStljümlidje  in  iljm  nidft,  mie  bie  Urbilblidjfeit 
eS  mit  fid)  bringt,  befdjränft  geraefen  märe,  man  müfete  benn 
aud)  alles  lebiglic^  ^übifetje  auS  feinem  Sieben  bodj  in  bie 

ec&l.,G{jrifU.©r.IL  3 


34  ©er  <$itftltd)e  ©foube.  3toetter  Sfjeü. 

cbriftltcbe  2eben§norm  aufnehmen  motten.  SMefe  £mub tyunfte 
für  bie  d&riftlid&c  ©emeinfcbaft  finb  nun  ntd)t  etma  erft  burrf) 
fbätere  Gmtmifftungen  geltenb  gemorbene  Seiten,  fonbern  bte 
urfprüngltdjen  [einer  jünger,  mit  ber  5lrt  mie  fie  bie  $ftec 
be§  SOZeffiaS  auf  $efum  anraenbeten  genau  äufammenbängenb, 
unb  mit  feinen  eignen  audj  un§  nodj  äugänglicben  Steuerungen 
leicht  in  SBerbtnbung  §u  bringen. 

§.  94.  SDer  ©rlöfer  ift  fonad)  allen  3Jlenfd;en  gleid? 
vermöge  ber  ©etbigfeit  ber  menfcfylicfyen  ^Ratur,  oon  Stilett 
aber  unterfdn'eben  burd)  bte  ftetige  Äräftigfcit  feinet  ©otteg* 
betr»ufetfein§  f  meiere  ein  eigentliches  ©ein  @otte£  in  ifrm 
mar. 

1.  2)afe  ber  Ghrtöfer  bon  aller  ©ünbbaftigfeit  gänsltcr}  frei 
Q&a<$t  mirb,  binbert  feine§mege§  bit  boftftänbige  Sbentität 
ber  menfcblicben  Sftatur,  ba  fdjon  feftgeftettt  morben  ift,1  bie 
f  ©ünbe  gebore  fo  menig  sunt  SSefen  be§  SDtafcben,  bafj  ani 
ifte  immer  nur  als  eine  (Störung  ber  Statur  anfeben  tonnen; 
morau§  folgt,  ba%  bte  $cöglicbt"eit  einer  unfünbüdjen  (£nt= 
mittlung  mit  bem  ^Begriff  ber  menfdjUdjen  9?atur  an  unb  für 
fidj  nid)t  unberträgticb  ift,  ia  in  bem  Söemußtfetn  ber  ©ünbe 
al§  «Sdjulb,  mie  e§  attgemein  gefaxt  mirb,  liegt  btefe  S^ög- 
licbt'eit  al§  anerfannt  mit  eingefcbfoffen.  ©iefe  ($5teid)beit  ift 
aber  fo  allgemein  §u  berfteben,  ba§  aucb  ber  erfte  Sftenfd) 
I  bor  ber  erften  ©ünbe  bem  ©riöfer  nicbt  näber  ftanb,  ober 
ibm  in  einem  böberen  ©inne  gleicb  mar,  al§  alle  anberen. 
5)enn  menn  mir  aucb  in  bem  ßeben  ber  erften  9ftenfcben  eine 
3eit  obne  erfcbeinenbe  (Sünbe  annehmen  muffen:  fo  fübrt  bocb 
jebe  erfte  G£rfd)  einung  berfelben  auf  eine  fünblicbe  Vorbereitung - 
äurüff.  berfelben  Ungleidjmäfctgteiten  aber,  obne  melcbe  mir 
aucb  in  SIbam  ba$  3?erbortreten  ber  (Sünbe  in  einem  beftimmten 
5lugenblif!  un§  fcbmerlicb  beuten  tonnten,  mar  aucb  ber  (£r^ 
löfer  tbeitbaftig,  meil  fie  ber  menfd)licben  Sftatur  mefentlicb 
finb;  überbie§  aber  mar  ber  erfte  Sftenfdj  bon  allen  an- 
fteffenben  (Sinftüffen  einer  fünblicben  ©efettigfeit  urfbrünglid) 
frei,  ber  (Srlöfer  hingegen  mußte  in  ba$  fdjon  in  ber  Öer= 
fdjttntmerung  fortgefcbrittene  (Sefammtleben  bineintreten,  fo 
ba%  e§  faum  möglicb  märe,  feine  Unfünblid)!eit  einer  äußeren 
SBemaörung  ausufdjreiben,  ma§  man  atterbtngS  bon  bem  erften 
Mtn)d)tn  auf  gemiffe  SSeife  zugeben  muß,  menn  man  fidj 


1  Oben  §.  68-  ■  »gl.  §.  72. 


(Srfter  a&fdjnitt.  35on  bem  Bujtanbe  be§  Triften  :c  35 

nidjt  in  Sötberfprüdje  berroiffeln  roill,  bon  bem  ©rföfer  aber 
im  ®egentbeü,  ba%  er  beit  (Srunb  feiner  Unfünbltdjfeit  rttdjt 
aufjer  fidj  gehabt  bat,  fonbern  bafj  fte  eine  roefenttidje  in  ibm 
felbft  begrünbete  roar,  roenn  er  bodj  burd)  baä,  roa§  er  roar, 
bie  @ünbbaftig?eit  be§  ®efammtleben§  aufbeben  foHte.  ©aber 
benn,  roa§  bie  ©ünbe  betrifft,  (£&rifru§  bon  bem  erften 
äftenfcben  ntdjt  minber  unterf Rieben  ift  al§  oon  alten  anbern 
—  3u  ber  ©eibigfeit  ber  menfd)üd}en  Statur  gebort  aber  aud) 
biefeS,  bafj  aud)  bie  2lrt  nnb  SBetfe  roie  ftct)  (£briftu§  bon 
allen  Slnbern  unterf Reibet,  in  biefer  ifjren  Drt  fyal  2)iefe§ 
roäre  nid)t  ber  galt,  roenn  e§  nidjt  §ur  menfcbttcben  Statur 
geborte,  bafj  bie  ©ingelnen  auf  urfarüngtidje  SBeife,  roa§  ba§ 
d)laa%  ber  oerfcbiebenen  Functionen  betrifft,  bon  einanber 
unterfcbieben  mären,  fo  baf;  in  jebem  a&gefdjloffenen  ©efammt* 
leben  räumticb  forool  als  äeitltcf)  betrautet  mebr  unb  minber 
beftaenbe  anfammengebören,  unb  man  bie  SSabrbeit  be§  2eben§ 
nur  erreicht,  roenn  man  bie  bon  einanber  berfcbiebenen  fo 
auf  einanber  beliebt.  2(uf  biefelbe  Sßeife  geboren  baber  alte 
biejenigen,  bie  in  irgenb  einer  SBeaiebung  ein  Bettalter  ober 
eine  ®egenb  djarafteriftrenb  beftimmen,  mit  benen,  über  roel^e 
al§  in  berfelben  SSeatebung  mangelbaft  ibre  bübenben  ®ui* 
fCüffe  ftd)  erftreffen,  sufammen,  roie  ®§rtftu§  mit  benen  meldte 
fein  überroiegenb  fräftige§  ®otte§berouf3tfein  au  bem  bieburd) 
beaeid)neten  ®efammtleben  binbet.  $>e  größer  nun  bit  SDiffe= 
rena  unb  je  etgentfjümüdjer  bie  SBirffamf  eit ,  um  befto  mebr 
muffen  aud)  biefe  ftct)  gegen  bie  bemmenben  (Einftüffe  nicbtiger 
Umgebungen  feftgemadjt  baben,  unb  ftnb  nur  au§  biefer  fid) 
bifferentiirenben  ©tgenfdjaft  ber  menfdjltdjett  Statur,1  ntdjt 
aber  au§  bem  Greife,  in  meinem  ftc  ftebn,  an  begreifen,  ge* 
boren  jebocrj  mit  biefem  nad?  göttlichem  ^Hectjt  aufammen,  rote 
ber  (Srlöfer  mit  bem  ganaen  (Sefdjledjt. 

2.  SDaburd)  aber,  ba%  mir  angeben,  and)  ba§  eigentbüm* 
Hd)e  in  ber  2lrt  ber  Sßirffamfeit  be§  (£rlöfer§  gepre  einem 
allgemeinen  Drt  in  ber  menfdjltdjen  9?atur  an,  rooßen  roir 
!eine§roege§  biefe  SSirf  famfett  unb  bk  perfönlicbe  SSürbe, 
burd)  roetdje  fte  bebingt  ift,  auf  baffelbe  9ftaafj  mit  Ruberen 
aurüfffübren.  2)ie§  erlebigt  fictj  fdjon  babuxä),  ba%  im  (Glauben 
an  (£briftum  rüefentltct)  eine  Söeaiebung  beffelben  auf  ba& 
ganae  ®efcbled)t  gefeat  rotrb,  roogegen  aUe§  analoge  immer 
nur  für  beftimmte  einaelne  Seiten  unb  Zäunte  gilt,  ©enn  e§ 
ift  noeb  feinem  gelungen,  unb  roirb  audj  nidjt,  ftc&  in  irgenb 

1  SSgl.  §.  13. 


36  £)erä)rtftUcf)e  GMaube.  3meiter  £fjell. 

einem  (bebtet  be§  SBiffcnS  ober  ber  ®unft  at§  ein  allgemein 

bclebenbeS  für  ba§  gange  SDtenfdjengefdjledjt  au§retdjenbe§ 
<onupt  geltenb  §u  madien.  —  gut  btefe  eigentümliche  23ürbe 
(Sbriftt  aber  ift,  in  bem  ©tun  tüte  mir  bie  Urbilblicbfett 
fetner  $erfon  fdjon  auf  biefe  geiftige  Function  be§  im  ©elbft- 
bemufjtfein  mitgefeaten  <35otte§berou^tfein§  äurüffgefüljrt  baben, 
ber  5lu§bruff  unfere§  ©ase§  ber  einzig  angemeffere,  inbem 
(£f)rifto  ein  f$lecbtl)iu  frä'fttgeS  ®otte3benntfjtfein  aufcbreiben, 
unb  itjm  ein  ©ein  ($5otte§  in  iljm  beilegen,  ganj  eme§  unb 
baffeibe  ift.  S)er  2lu§bruff  „©ein  ®otte§  in  irgenb  einem 
anbern"  fann  immer  nur  ba$  $ertjältnifj  ber  OTgegenmart 
(55otte§  §u  biefem  anbern  auSbrüffen.  2)a  nun  ®ottes>  ©ein 
nur  al§  reine  Sfjätigfett  aufgefaßt  merben  lann,  unb  jebe§ 
bereinselte  ©ein  nur  ein  Snetnanber  bon  Sfjätigfeit  uitb 
Reiben  ift,  bie  £t)ätigfeit  aber  %n  biefem  Seiben  ftd)  in  allem 
anbern  bereinselten  ©ein  bertfjeilt  finbet:  fo  gtebt  e§  in  fofern 
fein  ©ein  ©otte§  in  einem  einzelnen  ®ing,  fonbern  nur  ein 
©ein  ®otte§  in  ber  SSelt.  Unb  nur  tnenn  bie  IeiberttUct)en 
3uftänbe  nicbt  rein  leibenttid)  ftnb,  fonbern  burdj  lebenbige 
{Srnbfänglidjfeit  bermtttelt  unb  biefe  ft<$  bem  gefammten  enb= 
liefen  ©ein  gegenüberfteUt,  b.  Ij.  fofern  man  bon  bem  einzelnen 
al§  einem  lebenbigen  fagen  fann,  bafj  e§  in  fidt>  bermöge  ber 
atigemeinen  Sßedjfelnrirfung  bie  SBelt  reüräfentirt,  tonnte  man 
ein  ©ein  ®otte§  in  bemfelben  annebmen.  ©onact)  gilt  bie$ 
fcf)on  nidjt  für  ba§ienige,  ma§  al§  ein  bettmfct!ofe§  bereinjelt 
ioirb ;  benn  inbem  biefe§  allen  Gräften  be§  5Behmfjtfem§  feine 
lebenbige  (Smbfängticbfeit  gegenüberfteUt,  fann  e§  aud)  biefe 
Gräfte  ni$t  in  fidj  rebräfentiren.  @ben  fo  menig  aber  aud) 
unb  au§  bemfelben  (Srunbe  ba$  sroar  bemühte  aber  niebt 
intelligente,  fo  bafj  nur  in  bem  bernünftigen  einzelnen  ein 
(Bein  ®otte§  fann  zugegeben  merben.  SBie  meit  nun  biefeä 
auf  gleiche  SSeife  unb  ofjne  Unterfcbieb  richtig  ift,  menn  mir 
bie  Vernunft  in  ber  Function  be§>  objeftiben  Söemufetfeing  be= 
tradjten,  liegt  aufjerbalb  unferer  Unterfudjung.  2öa§  aber 
ba§  bernünftige  ©elbftbemuMein  anlangt:  fo  ift  tool  gemifj, 
ba%  ba$  ber  menfcbücfien  Statur  urfbrünglict),  bor  bem  ©rlöfer 
unb  abgefeljen  bon  allem  gufammenbang  ma  ^m;  \m  ©elbft- 
bemufetfem  mitgegebene  ©otte§bemu£tfein,  nic&t  füglidj  ein 
©ein  ®otte§  in  un§  fann  genannt  merben,  roeil  e%  nicr)t  nur 
lueber  im  $olbttjei§mu3  nodj)  audj  im  jübifeben  9ftonotbei§mu§ 
bei  ber  ftd)  überall  burebäietjenben  gröberen  balb,  balb  feineren 
33erfinnlidjung  ein  reine§  ($5otteSbemufjtfein  mar,  fonbern  audb 
tüie  e§  mar  nicfjt  al§  £t)ätigfeit  ftet)  geltenb  machte,  fonbern 


Erfter  Sttfönitt.  SJon  bem  Suftanbe  be§  ©Triften  ic.  37 

fiiertn  immer  Don  bem  ftnnlidjen  Selbftbemufjtfein  übermättigt 
mürbe.  SBenn  e§  mm  meber  ®ott  rein  unb  mabrljaft  ange* 
meffen  im  ©ebanfen  abpbilben  Vermag,  nocb  aud)  at§  reine 
£ptigfeit  fidj  §u  ermetfen:  fo  fann  e§  utdbt  al§  ein  ©ein 
®otte3  in  nn§  bargefteßt  merben.  (Sonbern  mie  bie  bemüht- 
lofen  üftarurfräfte  unb  ba$  oernunftlofe  Seben  nur  un§  fofern 
mir  ben  begriff  mit  fjinsubringen  eine  Offenbarung  ©otte§ 
merben:  fo  ift  audj  jene§  getrübte  unb  unbollfommne  ($5otte§* 
bemu^tfein  an  unb  für  fidj  lein  (Sein  (&otte§  in  ber  menfdj* 
liefen  Üftatur,  fonbem  nur  fofern  mir  (£fjriftum  mit  tjin§us 
bringen  unb  e§  auf  i&n  bejieljen.  (So  ba%  er  ber  einzige 
urfprünglidje  Dxt  bafür  ift,  unb  altein  ber  2Inbere,  in  meinem 
e§  ein  eigentliche^  ©ein  ®otte§  giebt,  fofent  mir  nämlidj  ba§ 
©otteSbehmfctfem  in  feinem  SelbftbemuMein  al§  ftetig  unb 
au§jd)liefjlid)  ieben  Moment  beftimmenb,  folglich  audj  biefe 
DoHfommne  ©inmofmung  be§  Ij ö elften  2öefen§  als  fein  eigene 
ifjümticbe§  Sßefen  unb  fein  innerfteS  Setbft  fegen,  ^a  mir 
merben  nun  rüffmärt§  geljenb  fagen  muffen,  menn  erft  burdj 
ibn  ba%  menfdjticbe  <5Jotte§beftmf$tfeüt  ein  (Sein  ($5otte§  in  ber 
menfdtfidjen  Statur  mirb,  unb  erft  burd)  bie  vernünftige  9?atur 
bie  (Sejammtljett  ber  enblidjen  Gräfte  ein  (Sein  ®otte§  in 
ber  SBelt  merben  lann,  bafj  er  allein  afte§  Sein  ®otte§  in 
ber  SBelt  unb  alle  Offenbarung  ®otte§  burd)  bxt  SBelt  in 
SSaljrbeit  bermittelt,  in  fofern  er  bit  ganje  neue  eine  kräftig* 
feit  be§  ©otte§bennti$tfem8  entfjaltenbe  unb  entmüfelnbe 
«Schöpfung  in  ftd)  trägt. 

3.  Soll  er  nun  aber  al§  ein  fotdjer  bie  gange  menidjltdje 
(Smtroifftung  mit  un§  gemein  Reiben,  fo  ba%  fidj  aud)  bieieg 
Sein  ©otte§  in  ibm  seitlich  entmiffeln  mufjte,  unb  al§  ba§ 
geifttgfte  feiner  Sßerfönlidjfeit  erft  füäter  af§  bie  unterge* 
orbneten  Functionen  in  bie  ßh:fdjeinung  treten  fonnte:  fo 
burfte  er  boct)  ntd)t  als  ein  fotetjer  in§  Seben  treten,  für 
melden  fd)on  jenfeit  feinet  erfdjeinenbeit  3)afein§  bie  <Sünbe 
begrünbet  gemefen  märe.  SSie  mir  un§  nun  biefeS  frühere 
Sßegrünbetfein  ber  Sünbe  für  un§  2lHe  jum  Sßemufttfein  ge* 
bradjt  Ijaben,1  orme  in  naturmiffenfcbafttidje  IXnterfu jungen 
über  bie  ©ntfteljung  o?§  einzelnen  2eben§  unb  ba§  Bufammens 
treten,  menn  man  fo  fagen  barf,  oon  (Seele  unb  Seib  un§  gu 
oerfteigen,  fonbern  nur  inbem  mir  un§  an  bie  allgemeinen 
Xfjatfadjen  ber  (Srfafjrung  hielten :  fo  motten  mir  audj  Ijier 
nur  baä  relatib  übernatürliche,  ma§  joix  fix*  ben  (Smtritt  beS 


1  SSßl   !•  69. 


3)er  tfjrtftltdie  ©lauöe.  3wctter  Xljell. 


©rlöfcrS  in  bie  933elt  i$on  im  allgemeinen  äugegeben  tyaben' 
mit  biefen  sufammenftellen. 

$ebe  ©ntfteljuttg  eme§  menfd)lidjen  SebenS  fann  auf  eine 
anuefadje  SSeife  betrachtet  werben,  al§  ein  (Srgebnifj  in  bem 
flehten  Greife  bon  Slbftammung  unb  ®ef eiligfeit,  bem  e§  un= 
mittelbar  anbeim  fällt,  unb  al§  eine  Sljatfadje  ber  ntenfd)= 
liefen  9?atur  im  OTgemeinen.  $e  beftimmter  ftd)  bie  ©cfjroäcfcett 
jene§  flehten  ®reife§  in  einem  (Shtselnen  nrieberljolen,  um 
befto  meljr  maerjt  ftd)  bie  erfte  geltenb.  $e  meljr  ber 
(Sinselne  burclj  bie  2lrt  unb  ben  ®rab  feiner  ($5aben  über 
jenen  ®rei§  ftdj  ergebt,  unb  je  meljr  er  innerhalb  beffelben 
neue§  Ijerborbrhtgt,  befto  meljr  nnrft  man  ftd)  auf  bie  anbere 
(Srflärung  surüff.  SOcitljht  ift  ber  SInfang  be§  SebettS  Seht 
feiner  ©tgent&ümlidjfeit  nact)  au3  ienem  SDeotibe  gar  nidjt 
unb  auSfdjliefcenb  au§  biefem  au  erflären,  fo  bafj  er  bon  borne 
herein  bon  allem  ©ünbeberbreitenben  unb  ba$  innere  (&otte& 
beroufjtfeht  ftörenben  ©htffafj  früherer  ®efd)ledjter  frei  fein 
l  ntufjte ,  unb  bafj  er  nur  al§  eine  urfprüngltdje  £ljat  ber 
|  menfctjlidjen  Statur,  b.  I).  al§  eine  Sljat  berfetben  als  nidjt 
bon  ber  (Sünbe  afficirter  §u  begreifen  ift.  23ie  nun  ber 
Anfang  feine§  £ebens>  äugletd)  eine  neue  bie  (Smpfänglidjfett 
ber  menfdjUdjert  Statur  erfdjöpfenbe  ©inpfTan§ung  be§  ©otte§* 
bettmfctfehtS  mar:  fo  gepren  Meier  ©eljalt  unb  jene  Gent* 
ftebung§meife  fo  sufammen,  bafj  fie  ftdj  gegenfettig  bebingen 
unb  erflären.  28  eil  burd)  ben  SInfang  feine§  £eben§  iene 
neue  (äJhtyflansung  mürbe,  fo  mufjte  biefer  Anfang  über 
jeben  nachteiligen  (Stnflufj  feine§  nädjften  ®reife§  erhoben 
fein;  unb  meil  er  eine  foldje  urfarünglidje  unb  unfünblidje 
SfZaturtrjat  mar,  fonnte  audj  burd)  bief eibige  eine  (Sättigung 
ber  Statur  mit  (SotteSberoufetfeht  erfolgen.  @o  bafj  aud) 
biefe§  SSer^ältnife  am  boHfommenften  aufgehellt  mirb,  menu 
ttrir  ben  Anfang  be§  £eben§  Seju  al§  bie  bottenbete  <5d)tu;fung 
ber  menfd)lid)en  Statur  anfelm.  2)ie  (Srfdjehtung  be§  erften 
Sftenfdjen  conftituirt  jugleid)  ba$  pljtyfifdje  Seben  be§  menfd^ 
liefen  (55efdt)Xecr)t§;  bie  ©rfdjehtung  be§  smeiten  Slbam  con- 
ftituirt für  biefelbe  9catur  ba§  neue  geiftige  £eben,  meldje§ 
ftet)  burdj  geiftige  Befruchtung  mtttljeilt  unb  fortentmiffelt. 
Unb  mie  in  jenem  feine  Urfbrünglidjfeit,  mit  roeldjer  erft 
hit  Gsrfc&etnung  ber  menfd)lid)en  Statur  gegeben  mar,  unb 
fein  £erborgegangenfeht  au§  fdjöpferifdjer  göttlicher  £jjätig* 
feit  baffelbe  ift;  fo  ift  audj  hti  bem  ©rlöfer  betbeS  baffelbe, 
feine  bon  jebem  nachteiligen  ©influfj  ber  natürlichen  $lb* 
ftammung    lo§geriffene    geiftige   Urfbrünglidjfeit    unb    jene§ 


grftet  2(6jd)mtt.  Sßon  bem  guftanbe  be§  ©Triften  ic.  39 

ebenfalls  at§  fdjöpfertfd)  ftd)  erroeifenbe  ©ein  <$5otte§  in  ibm. 
ISar  bie  in  bem  erften  2lbam  gefd^ene  SDttttlj  eilung  be§ 
<$etfte3  an  bie  tnenfdjltdje  Sflatux  eine  unsureic&enbe,  tnbent 
.3>er  <S5eift  in  bie  ©ümlidjfett  oerfenft  blieb,  unb  faum  anf 
Ulugenbltfte  al§  Slbnbung  eine§  befferen  gana  beroorfc&aute, 
unb  ift  ba§>  fd)öbferif#e  Sßerf  erfi  burdj  bie  gtoeite  gleich 
■urforünQUcjje  $2  ittt)  eilung  an  ben  sroeiten  5lbam  öotCenbet: 
fo  gelten  bodj  htibt  Momente  auf  ©inen  ungeteilten  eroigen 
«öttlidjen  9fta£&jd&iufc  §urüff,  unb  büben  aud)  im  bereit 
(Sinne  nur  ©inen  unb  benfelben  roenn  au<$  un§  unerreid)* 
-baren  9?atursufammenljang. 

§.  95.    S)ie  ftr$It$en  gormein  toon  ber  $erfon  (Sfyrifti 
^ebürfen  einer  fortgefe^ten  fritifd)en  SBe&cmblung. 

1.  2)ie  ftrc^licrjen  Seljrfäae  finb  auf  ber  einen  <Bzitt  (Sr* 
seugutffe  be§  Streitet,  inbem,  roenn  au<$  baä  urförünglid^e 
Söettmfctfem  in  OTen  baffelbe  roar,  bodj  ber  e§  au§fared)enbe 
<S5eban!e  ftdj  hd  berfdjiebenen  öerfd)ieben  gestaltete ,  ie  nadj* 
j>em,  um  ba$  neue  barguftelten,  ber  eine  an  biefe  ber  anbere 
an  jene  fdion  gegebene  Söorftellung  anfmtpfte.  Sluf  biefe 
USetfe  fonnten  ftdj  fogar  unberou|t  tf)eil§  jübifdje  tljeit§ 
i)eibnifd)e  Elemente  ober  SSorau§ie3ungen  einf^teictjen  unb 
beridjtigenben  äßibetftmtdj  hervorrufen.  Slber  autf)  bie  roeitere 
HuSbilbung  ber  urfbrünglicben  gormein  natjm  tfjeilS  benfelben 
(Sang,  um  äJftfcöerftänbniffe  su  bereuten,  bie  au§  rfje* 
torifirenben  ober  boetiftrenben  2lu§brüffen  auf  bem  (&pxa& 
gebiet  ber  2et)re  entfielen  fonnten,  ttjeilS  roiffeite  fie  ftdj  an 
bem  in  ber  Sdjolaftif  f^äterrjirt  §ur  SSoIIfommen^eit  gebrauten 
IBoxtüih  fort,  melier  mit  gänslidjer  S5er!ennung  be§  magren 
bogmatifdjen  ^ntereffe  fdjroterige  fragen  tebigti#  um  ber 
'begriff  §beftimmung  roiHen  aufroarf.  föieburä)  mufcte  biefe 
Sebre  überlaben  to erben  mit  einer  Stenge  bon  Sßeftimmungen, 
roetdge  in  gar  feinem  anberS  al§  burd)  bie  ®efd)id)te  be§ 
©treite§  na^roei§lid)en  SBerljättnifj  su  bem  unmittelbaren 
:f)riftltd)en  Setbftberoußtfein  fteljen.  5lu§  btefer  SSaljr* 
neljmung  Ijat  ftd)  bei  ben  ©inen  ein  Sßiberroitfe  gegen  atte§ 
aus  bem  (Streit  entftanbene  entroiffelt,  roeldjer  nur  folctje 
ttuSbrüffe  gelten  laffen  rottf,  bie  nidjt  nur  jenfeit  alte§ 
Streites  liegen,  fonbern  aud)  roo  möglidj  allen  fünftigen 
(Streit  im  t»orau§  abjdjneiben,  unb  meiner  mit  ber  SKidjtung 
Ruberer,  lr»elct)e  atte§  beftetjenbe,  fo  roie  e§  geroorben  ift, 
Mt&alten  tooffen,  im  ftrengften  SSiberfprudj  fte&t,  fo  ba§  oljne 


40  Ser  (brtftliche  Glaube,  ^lociter  Streif. 

ein    fcbetbenbe§   unb   toermittelnbeä    SBerfabren    Weber   2lu&= 
glcidjung  nodj  gortfdjreitung  möglich  ift. 

2.  gür  bie[e§  unerläßliche  fritefd)e  SSerfabren  nun  tft  in 
SBe^ug  auf  bte  entgegengefesten  Sßartbeien  fd)Werlid)  ein  anberer 
$anon  aufstießen,  al§  ber  für  bie  ©inen,  ba£  ba§jentge 
boc^  Wirflid)  md)t  meljr  beftebt,  fonbern  lebiglid)  ber  %t- 
fcbidjte  anheimfällt,  tt>a§  beSbalb,  Weil  ein  anbere§,  worauf 
e§  ftd)  allein  begießt ,  ntdjt  mefyr  borljanben  ift,  auctj  feine 
SGBttffamlett  inetter  ausüben  fann.  gür  bk  Ruberen  aber 
ber,  ba%  wenn  man  gu  einfachen,  aber  eben  be§I)alb  audj 
für  baä  bibaftifcrje  (Reblet  §u  unbeftimmten  gormein  jurürts 
febrt,  nur  eine  fdjeinbare  Söefriebigung  erreicht  wirb,  welche 
jebod)  nict)t  länger  beftebt,  bi§  bie  unter  ber  ^bentttät  ber 
formet  oerborgen  gebliebene  Uneinigfeit  irgenbwo  Ijeroor- 
bricht.  S)ie  Aufgabe  biefe§  $erfab,ren§  aber  befielt  barin,, 
bie  firdjlidjen  ©äse  an  ba§>  Maa%  ber  obigen  Slnalijfe  unfereg 
djriftlicben  ©elbftbetoufctfeinS  §u  galten,  um  tbeilS  su  be- 
urteilen, in  miefern  fte  mit  berfelben  im  Wesentlichen 
wenigften§  äufammenftimmen,  ttjeilS  ma§  ba$  einzelne  be* 
trifft,  51t  unterfucben,  tua§  bon  ber  gangbaren  2Iu§bruft£>= 
roeife  beizubehalten  ift,  unb  ma§  hingegen,  fei  e§  nun  ai§- 
unuoHfommne  Söfung  ber  Aufgabe  ober  al§  an  unb  für  ftdj 
entbebrlic&e  al§  Slnlafj  §u  fortwäljrenben  Üücifcoerftänbniffen 
aber  f$äblicb,e  Buttjat,  beffer  aufgegeben  wirb. 

§.  96.  .©tfter  Se^tfaj.  3n  Qefu  (Sbrifto  waren 
bte  göttliche  Sftatur  unb  bie  tnenfcfyUdje  Statut  §u  ©inet 
$erfon  toerfttüpft. 

2tuß3b.  58c f.  %xt  3.  ®a&  bie  3too  Statur,  göttliche  unb  menfdjs 
Hebe,  in  einer  $er[on  alfo  mtäertrennlid)  Bereinigt  ©in  ©ijriftuS  ftnb. 
Conf.  Angl.  II.  (p.  127.1)  ita  ut  duae  naturae  divina  et 
humana  integre  atque  perfecte  in  unitate  personae  fuerint 
inseparabiliter  conjunetae,  ex  quibus  est  unus  Christus  etc. 
Expos,  simpl.  XI.  p.  26.  Agnoscimus  ergo  in  uno  atque- 
eodem  domino  nostro  duas  naturas  divinam  et  humanain,  et 
has  dieimus  conjunetas  et  unitas  esse  .  .  in  una  persona,  ita 
ut  unnm  Christum  .  .  veneremur  .  .  .  juxta  divinam  naturam 
patri  juxta  humanam  vero  nobis  hominibus  consubstantialem. 
Conf.  Gallic.  XV.  p.  116.  Credimus  in  una  eademque 
persona,  quae  est  Jesus  Christus,  vere  et  inseparabiliter  duas 
illas  naturas  sie  esse  conjunetas  ut  etiam  sint  unitae.     Conf. 


a  <5Me  Seitenzahlen   bei   ben   reformirten   JBefenntnifefdjriften   beäie^ert 
-flcb  auf  August!  Corpus  etc. 


ßrfter  Stöfdjniit.  5?on  bent  3uftanbc  befc  Triften  :c.       41 


Helv.  XI.  p.  96.  Hie  Christus  .  .  .  cum  .  .  .  totum  hominem 
anima  et  corpore  constantem  assumsisset,  in  una  individuaque 
persona  duas  sed  impermixtas  naturas  —  frater  noster  factus 
est.  Sol.  decl.  VIII.  p.  762.  Credimus  jam  in  una  illa  in- 
divisa  persona  Christi  duas  esse  distinetas  naturas  divinam 
videlicet  quae  ab  aeterno  est,  et  humanam  quae  in  tempore 
assumta  est  in  unitatem  personae  filii  Dei.  Syinb.  Ni^. 
'Irjaouv  Xpicrcöv,  tov  ex  xou  xaToo?  ysvvrj^'vTa  7ipo  Travcaiv  tcov 
atwvtov  .  .  #sov  aXr^tvov  .  .  tov  81  f,[j.a;  .  .  xa-csXO-ovxa  .  . 
xai  oapxwO-evTa  etc.  Symb.  Quic.  28.  29  .  .  Quia  dominus- 
noster  Jesus  Christus  dei  filius  Deus  pariter  et  homo  est. 
Deus  est  ex  substantia  patris  ante  secula  genitus,  homo  ex. 
substantia  matris  in  seculo  natus. 

1      Sßenn   gleich  nur  in  menigen  ber  Ijier  angeführten- 
tymbolifäen   (Stellen    sugletd)    angebeutet   ift,   morauf  btefe 
2)arfteHung  ber   etgen$ümlid)en  ^erfönlic&feit  be§  @rto|erä 
absmeflt:  fo  ift  bodj  m#t  §u  berfennen,  bafc  bte  fötdjtmtg 
biefelbe  ift,  ttrie  in  ben  bi§f)er  r)ter  aufgehellten  (Sä^en,  nam* 
lieb  (Sljriftum  fo  ju  betreiben  (frater,  consubstantialis  nobis), 
ba%    in   bem  neuen  ®efammtleben   eine  2eben§gemeinfd)aft 
ätotfe^cn  un§  unb  ifjm  mögltdj  fei,  pgleid)  aber  auc&,  baB 
auf  ba$  beutltdjfte  ba$  ©ein  05otte§  in  ifjm  au§ge[brod)en 
ir-erbe,  morauS  febon  folgt,  hak  bte  unbebingtefte  Bereljrung  | 
unb  bie  brüberlicbe  (Senoffenfäaft  in  unferm  Betbältnifc  su  \ 
üjm  in  em§  gebübet  ftnb.    (So  fefjr  mir  un§  aber  Ijtemtt 
einberftanben  erflären,  fo  ift  auf  ber  anbeut  (Seite  in  ber 
2lu§fül)rung    faft    nichts,    mogegen    ntdjt  $roteft   eingelegt 
werben  müfcte,  mögen  mir  nun  auf  bie  ttriffenfdjaftli<$e  Be^ 
fcejaffertt)ett   be§  21tt§bruff§   feben    ober  auf  beffen  firdjüc&e 
Braud)barfeit.  —  3ßa§  nun  sunädtfi  bie  erfte  betrifft:  fo  tfr 
suüörbcrft  sii  tarnen  gegen  bie  febr  bermirrenbe  Beaetc&nung; 
be§  <Subject3,  menn  ber  Hu§bruff  Sefu§  ©bxiftuS  ni^t  nur 
gebraust   mirb,    um  1>a$  (Subject  ber  Bereinigung  beiber 
Naturen  51t  begegnen,  mobei  bie  bier  erften  Stellen  mit 
Siedjt  fteben  geblieben  ftnb,  fonbern  au$  bie  göttliche  9?atur 
be§  (SrlöferS  bon  (Shrigfeit  ber  bor  ibrer  Bereinigung  mit 
ber  menftf)lttf)en,   [0  bafj  biefe  Bereinigung  gar  nidjt  meb,r 
al§    ein    bie    Nerton    ScfuS    GWftuS    mit    conftituirenbeä- 
Moment  erlernt,  fonbern  ötelme&r  fdjon  al§  eine  £anblung 
biefer  $erfon  felbft.    S)icfc  Bermirrung  ift  au§  ben  beibeu 
attfom&olifäen  (Steifen  am  fdjreienbften  in  bie  IieMUM, ! 
übergegangen.1    allein    bie   neuteftamentifd)e   Schrift  fer.nt  l 

1  Sfodj  bie   Conf.  Belg.   ma<f)t   fid)    berfelben   tf}etl$aftig  X.  p.  176. 


42  ©er  cfjriftlicfje  ©taube.  ^toetter  Sfjetl. 

liefen  GJebraudj  gar  nietjt ,  ja  aud)  ben  5lu§brutf  ©oljn 
®otte§  brauet  biefelbe,  mo  fte  unabhängig  rebet,  nur  bon 
bem  (Subject  biefer  Bereinigung,1  unb  nid)t  bon  bem  gött- 
lichen barin  bor  berfelben.  SDe§l)alb  ^at  ftd)  audj  unfer 
(Bah  an  ba$  richtige  gehalten.  £)er  3lu§bruff  $efu§  EfjriftuS 
felbft  tft  freiließ  aud),  tuenn  gleich  feljr  zeitig  bodj  urfürüng* 
Itcf>  nur  buret)  Mßbraud},  su  einem  einzigen  Eigennamen 
sufammengefdimolsen ,  ba  eigentlich  ^riftuS  nur  bie  bem 
Eigennamen  beigefügte  SBeaeidjnung  ber  eigentlichen  SBürbe 
ift;  aber  audj  in  ber  Sßerfdmteläung  mitt  bodj  unberfenn* 
hax  ba$  gej'djtdjtltdje  unb  ba§  urbilblidje  suiammengefaßt 
fein.  SSeit  fd)ttmmer  aber  nodj  al§  biefe  fd)tt>anfenbe  93e^ 
3eid)nung  be§  <Subject§  ift  biefe§,  unb  lann  bor  einem 
Strengeren  iütffenfctjaftlicrjen  ©eridjt  gar  ntdjt  befteljn,  ba% 
|  für  ba$  göttliche  unb  menfdjlidje  gleichmäßig  ber  2lu§bruff 
lißatur  gebraust  mirb.  @d)on  jeber  anbere  51u§bru!f,  ber 
gleichmäßig  bon  beiben  gebraust  märe,  mürbe  eine  fotdje 
gormel  berbäd)tig  madjen,  ba%  fte  bk  Duelle  bieler  $er= 
nnrrungen  merben  müßte.  2)enn  mie  fann  göttlid)  unb 
menfdjltdj  unter  irgenb  einem  begriff  fo  sufammengefaßt 
merben,  al§  tonnten  beibe§  einanber  coorbinirte  nähere  Söe* 
ftimmungen  eine§  unb  beffelben  allgemeinen  fein,  mie  5.  So. 
felbft  göttlicher  ©eift  unb  menfdjltdjer  ($5eift  nidjt  tonnten 
oljne  Bermirrung  auf  biefe  SSetfe  sufammengeftellt  merben. 
23efonber§  menig  aber  eignet  fiel)  m  einem  folgen  gemein* 
fdjaftlidjen  ($5ebraud)  ba§  SBort  9?atur,  aud)  menn  man 
lateintfctje  unb  griedjifdje  Etymologie  ganj  bei  (&eite  fteHt, 
unb  tebiglid)  bei  unferer  ®ebraucl)§metfe  beffelben  fteljen 
bleibt.  SDenn  in  bem  einen  (Sinne  fesen  mir  grabetjin  ®ott 
unb  Statur  einanber  entgegen,  unb  fönnen  alfo  in  bemfelben 
nietjt  ®ott  eine  9?atur  beilegen.  Statur  ift  un§  in  biefem 
(Sinn  ber  Inbegriff  alles»  enblidjen  ©ein§,  ober  mie  mir  ber 
9?atur  bie  ($5efd3td)te  gegenüberfteüen ,  ber  Inbegriff  atfe§ 
förbertidien  auf  ba$  elementarifdje  äurüftgeljenben  in  feiner 
mannigfaltig  verhaltenen  Erfdjeinung,  in  ber  alle§,  tua§ 
mir  baburdj  beseidmen,  gegenseitig  burdjetnanber  bebingt  ift; 
unb  eben  biefeS  serfpaltene  unb  bebingte  fejen  mir  ©ott 
entgegen  al§  bem  unbebingten  unb  fdt)lect}t^tn  einfachen.    Eben 


Hecesse    itaque    eum    qui  Deus  sermo    filius  et  Jesus  Christus  nomi- 
uatur  jaui  tum  extitisse  cum  ab  ipso  omnia  crearentur. 

1  ftlemattb  hrirb  mol  30&.  1,  18.   ober  17,  5.   al§  Snftanaen  gegen 
*tefe  23efjauptung  anfü&ren  luoHen. 


Grfter  2T6[djmtt.  S3on  bem  Suftanbe  be§  ©giften  jc.  43 


fcatum   aber  fönnen  mir   aud)  in  bem   anbera  «Sinn  ®ott 
feine  9catur  beilegen.    SDenn  immer,  mögen  mir  e§  nun  all* 
gemein  gebrauten,  mie  in  animaüf<$er  unb  begetabilifd)er 
Statur,  ober  bon  einem  ßinäeimefen,  mie  menn  mir  einer 
Sßerfon  eine   eble  ober  eine  uneble  Sftatur  auftreiben,  immer 
gebrauten  mir  e§  nur  bon  einem  befctjräntten  im  ®egenfaj 
begriffenen  ©ein,  in  meinem  tt)ätige§  unb  leibenttict)e§  ge= 
bunben  ift,  unb  meld)e§  fidj  in  einer  9#annigfaitigfeit  bon 
X£rf Meinungen,  r)ier  bon  ©insetmefen  bort  oon  Seben§momenten, 
offenbart.    Unb  fo  mirb  bei  genauerer  ©rmägung  fdjmertid) 
ab§uläugnen  fein,  bafj  biefer  2Iu§bruff,  menn  man  üjn  auf 
ba§  urfprünglidie  griect^tfctje  SSort1  surü«  f  üfjrt ,  bie  ©puren 
eine3    meun    aud)    unbetonten  @influffe§   rjeibnifd)er  Vor* 
ftettungen  an  ftd)  trage.    2)enn  Tn  ber  Vielgötterei,  meiere  . 
W  ©ottjeit  eben   fo  gehalten  unb  sertt)eilt  borftetft,  mie 
ba§   enblicbe  ©ein  ftd)  un§  geigt,  l)at  atterbingS  ba§  SBort 
^atur  in  bem  2lu§bruft  göttlidje  Dcatur  benfelben  ©tun, 
in    meinem    e§   au$   fonft   gebraust  mirb.     lim   fo  meljr 
f öftre  man  bieburd)  gemarnt  morben  fein,  ai§  bie  fjeibnifdjen 
SSeifen  fetbft  fetjon  über  biefe  unbottfommne  Vorftettung  ftd) 
erhoben  unb  bon  ®ott  gefagt  t)aben,  er  fei  über  ba§  ©ein* 
unb  SBefen  r)inau§3nftetten.  -  Unb  nid)t  beffer  fterjt  e§  um  | 
ba§  23erf)ältnif3,  meld)e§  tjier  aufgeteilt  mirb  ättiferjen  ^atur 
unb  $erfon.    2)enn  gan§  im  SStberfbrud)  mit  bem  fonftigen 
@ebrauä) , '  nact)   meinem  biefelbe  9latur  bieten  ©mselroefen 
ober  ^erfonen  eignet,  fott  t)ier  ©ine  ^erfon  an  sroei  ganj 
berfd)tebenen  Naturen  £t)eü  t)aben.    SBenn  nun  bod)  $erfon 
«ine    ftetige  SebenSeinrjeit  anzeigt,   9Mur  aber  einen  ^n* 
begriff  bon  £anbhmg§tt>eifen  ober  (SJefegen,  mona$bie2eben§= 
auftänbe  fomot  mec&feln  al§  in  einen  beftimmten  Kreislauf 
eingef Stoffen  ftnb:  mie   foH  bie  Seben§eint)eit  befielen  bet 
ber  Bmeitjeit  ber  Naturen,   ofjne  bafj  bk  eine  ber  anbem 
ioeid)t,   menn  bie  eine  einen  großem  unb  Me  anbere  einen 
engern  Kreislauf  barbietet,   ober  o^ne  bafc  fie  in  einanber 
fcerfdjmelsen,  inbem  bie  beiben  ©bfteme  bon  £>anbiung§toetfen 
unb  ®efesen  in  bem  einen  Seben  aud)  mirftid)  (£ine§  merben? 


1  9U01?.  SSon  Meiern  Xabel  jdjeint  eine  nur  beuterofanonifdje  Steift 
mit  getroffen  au  toerben,  inbem  ftrf)  2.$etr.l,4.  ber  8Cu8bruH  S-slac 
^»uasw;  xoivtovot  finbet.  allein  fetjon  ber  unmittelbare  3ufammen^ang 
«rgtebt,  bab  e8  bamit  fo  genau  nidjt  genommen  toerben  fann,  toie  fjlet 
seforbert  toerben  mufc,  too  e8  ftd)  um  eine  bogmatifrfje  §aitotbefttmmung 
Ijaubelt. 


44  $cr  ctji'ijtlitfjc  ©taube.  Jjtoelter  Xljeil. 


wenn  bod)  Don  einer  93erfon  b.  tj.  einem  in  allen  auf  eilt* 
anbet  folgenben  Momenten  gleichen  $d)  bte  SHebe  fein  fotL 
2)aljer  and)  bei  bem  23eftreben,  biefe  l£infjeit  bei  iener  Broet* 
f)e\t  beutlid)  3U  machen,  feiten  etma§  anbreg  l)erau§fommt, 
al§  bau  nian  bte  9ftögtid)feit  einer  gormel  in  einer  Qu* 
fanimenftettung  bon  Beiden  nad>meifet,  au§  benen  man  aber 
auf  feine  Sßeife  eine  gigux  conftruiren  fann.  Sßogegen  nidjt 
feiten  berfelbe  (SdjriftfteUer,  fübalb  er  biefe  gormel  oon  smet 
Naturen  oermeibet,  ettoaS  fagt  bem  man  folgen  fann  unb 
ba$  ftdj  nacfoeidjnen  läfct. *  ©afjer  fjaben  aud)  alle  Sftefultate- 
be§  SÖeftrebenS  eine  lebenbige  3)arfteluutg  oon  ber  (Sin^eit 
be§  göttlichen  unb  menfd)lid)en  in  Gtjrifto  au  berfudjen,  feit* 
bem  e§  an  biefen  3(u§bruff  gebunben  mar,  immer  amt'fcfjen 
ben  entgegengefesten  Slbmegen  gefdmjanft,  entmeber  beibe 
Naturen  uermifdjenb  ju  einem  brüten,  ba§  feines?  t»on  beiöen 
märe  meber  göttlich  nod)  menfdjUdj,  ober,  inbem  beibe 
Naturen  auSetnanber  gehalten  merben,  tt)eü§  bie  (Siufjeit  ber 
$erfon  nadjlaffenb  um  beibe  Naturen  befto  beftimmter  §u 
fonbem,  tt;eii§  um  bie  (£inf)eit  ber  $erfon  rectjt  feft  31t 
Ijatten  lieber  ba$  notfjmenbige  ®ieid)gemid)t  ftörenb  unb  eine 
Statur  hinter  bie  anbre  surüfffeaenb  unb  burd)  fie  be= 
fcrjränfenb.  £)iefe§  giebt  ftc§  aud)  fd)on  su  erfennen  in  bem 
©djmanfen  ätütfctjen  btn  5lu§brüffen  oerfnüüfen  unb  öer* 
einigen,  üon  benen  bem  testen  eine  Neigung  beimoljnt,  bie  $er^ 
fd)iebetd)eit  ber  Naturen  §u  üermifcrjen ,  ber  erfte  aber  bk 
<£inf)eü  ber  $erfon  ameifelfjaft  mad)t.  $oraüglid)  fjebt  fid) 
bie  gänslidie  Unfrud)tbarfeit  biefer  ©arfteliunggmeife  ^eröor 
an  ber  Manblung  ber  grage,  ob  (£fjriftu§,  bie  eine  $er|on 
au§  jmei  Naturen,  aud)  gmet  SSiEen  f)abe  nad)  ber  3a^l 
ber  Naturen,  ober  nur  einen  nad)  berB^^er^erfon.  3)enn 
§at  (£l)riftu3  nur  ©inen  SSiEen:  fo  ift  bie  göttliche  9?atur 
unbotlftänbig ,  menn  biefer  ^itfe  ein  menfdjlidjer,  unb  bie 
menfd)lid)e,  menn  er  ein  göttlicher  ift.  %at  aber  (£&riftu§ 
jmei  SBitten:  fo  ift  bte  (£inljeit  ber  $er|on,  menn  man  fie 
aud)  baburd)  fdmaen  tuiCC,  ba§  er  mit  beiben  SSitten  immer 
baffelbe  motte,  bod)  immer  nur  fdjeinbar.    £)emt  §ierau§  er- 


1  Ttan  öetflleidie  nur  Joann.    Dam.    III.  19.    äXr    oux   «Vayxvj 

Ta?  aXXrjXai?  Ivtd&Eiaac  «puasi?  xa{K  urcöaraaiv  exäax7]v  tSüxv  xexTrjaO-oa 
ÜKOOTaatv.  öüvavTcu  yap  ei;  jJiiav  auvöpa[j.ouaai  ÜTCocrraaiv  prj-rs 
avuxcaxaToi  etvou  (ji7)Te  fäiä^ouaav  exäoTrj  e^stv  u7CoaTaa'.v ,  aXXx 
jji(av  xai  tt.v  autfjv  afAcpc/rspat.  —  unb  HI.  2%  XpY°?  aaP*1  ^X^P^Ti 
xsl  fv  auTtö  to   etvai  Xa/ouar)  £vio9-e\?  xad1'   u^oaraaiv. 


©rfter  Stöfdjttitt.  58on  bem  Buficmbe  be§  ©fjrtftat  ?c. 


giebt  ficb  nur  gufammenftimmung,  n^  (ghtfjett,  unb  man 
fefjrt  bur$  biefe  Slntmort  in  ber  £t)at  gu  ber  gerfaaltung 
<£§rtfti  surüft  Unb  nur  überflüfjig  bleibt  immer  ber  eine 
nur  ben  anbern  begleitenbe  Sßilte,  gletdjoiel  ob  ber  göttliche 
ben  menfctjüdjen  begleiten  foff  ober  umgefefjrt.  Offenbar 
aber,  tote  mir  bod)  geroofmt  finb,  SBerftanb  unb  Söitten  ju* 
fammensuftetten ,  fann  man  Mefelbe"  grage  andj  aufmerfen 
in  Söegug  auf  ben  SBerftanb,  ba  ftdj  benn  aKe§  eben  gejagte 
mieberljott,  iubem  febe  Statur  unbollftcmbig  tft  oljne  ben  i§r 
jugeprigen  SSerftanb,  unb  eine  (Stnfjeit  ber  $erfon  eben  fo 
roenig  beftefjt  hei  einem  anrief  ad)en  SSerftanb,  al§  bei  einem 
sroiefadjen  SSMHen,  unb  gleich  unbenfbar  tft,  bafj  ein  gört* 
lidjer  SBerftanb  ber  al§  OTnriffenfjeit  aße§  mit  einanber  fdjaut,  j 
baffelbe  benfe  mie  ein  tnenfdjltdjer,  ber  nur  einzeln  cine§  , 
nad)  bem  anbern  unb  nu§  bem  anbern  toeife,  unb  bafj  ein 
■menfdjlidjer  SBiUe,  ber  immer  nur  einzelnes  unb  eine»  um 
be§  anbern  roillen  anftrebt,  baffelbe  motte  roie  ein  göttlicher, 
beffen  ®egenftanb  nur  bie  gange  Sßelt  tft  in  ber  ®efammt= 
heit  tljrer  Gmtnrifflung.  —  ®eprt  enbtid)  §u  ber  miffen* 
fdjaftlidjen  S5oHfommenl)eit  be§  bogmattfdjen  51u§bru?t§  audj 
bietet,  bafj  bermanbte  Se^ren  letdjt  muffen  in  ifjrer  SBeaieöung 
auf  einanber  aufgefaßt  merben  tonnen:  fo  gereicht  unferer 
formet  bie  2lrt,  mie  fie  ftdj  ju  ben  gormetn  in  ber  2el)re 
Don  ber  ©reteintgfett  fteHt ,  eben  ntd)t  pux  großen  (£m~ 
.Pfeilung,  ©ort  tmt  man  ben  2lu§bruff  (Sinfjeit  ber  9torur'. 
bei  ber  ©reiljeit  ber  $erfonen  Oermieben  unb  bafür  ©infjeit 
be§  3Befen§  gefaßt.  5lKein  fo  fetjr  ba§>  aud)  su  rüfjmen  tft»! 
tüetOtdj  ber  3lu§brutf  2öe[en  bodj  norf)  ioeit  e&er  für  bie 
(S5otttjeit  eignet  al§  ber  2lu§bru!f  Staur:  fo  brängt  ftd)  boctj 
bie  grage  unabroeis>bar  auf,  mie  ftdj  nun  §u  jener  allen 
breien  gemeinfamen  (gtntjeit  be§  SBefenS  ba%  behält,  ma§ 
-mir  in  (£t)rifto  feine  göttliche  Statur  nennen,  unb  ob  \ebe 
öon  ben  brei  ^erfonen  aufjer  iljrer  £tjeilnaljme  an  bem  götts  i 
lictjen  SBefen  and)  noctj  eine  eigene  9?atur  Ijabe,  ober  ob  bie§  I 
etma§  ber  jmeiten  $erfon  eigentbümlidjeg  fei;  allein  eine 
befriebigenbe  Slntmort  hierauf  finben  mir  meber  fjier  no$ 
in  ber  $Dreieinigfeit§lel)re.  21ber  berioorrener  mirb  bie. 
©acfje  no<$  burd)  ben  für  ledere  Seljre  in  ber  gelammten 
abenblänbifcfjen  2)ogmatif  eingeführten  anberen  ®ebraud)  be§ 
SSorteS  ^erfon,  roonad)  mir  nun  an  bem  einen  £)rt  brei 
^erfonen  in  (Sinem  Söefen  ermatten,  unb  in  bem  anbern  eine 
$erfon  au§  gmei  Naturen.  Sftimmt  man  nun  bie  ©rflärungen, 
meiere  über  ba$  SBort  ^5erfon  in    ber  Se^re  bon  ©pifto 


46  Ter  djrtftlidje  GöIauBe.  3toetter  Stjell. 

gegeben  31t  roerben  pflegen ,  audj  in  bie  2)reieinigfett§leljre- 
mit  hinüber  —  unb  ^Inlafj  genug  ift  bci^u  borljanben,  roemt 
bod)  gefagt  wirb,  ©griftuS  fei  nie&t  erft  burd)  bte  Bereinigung 
beiber  Naturen  eine  $erfon  geworben,  fonbern  ber  (5ot)n 
®otte3  Ijabe  nur  bie  menfdjttdje  Statur  in  feine  $erfon  mit 
aufgenommen  —  fo  muffen  beim  bie  brei  ^erfonen  unabhängig 
für  ftet)  befielen  unb  borfjanben  fein,  unb  roenn  babei  aueb 
jebe  $erfon  eine^atur  ift:1  fo  fommen  mir  faft  unbermeiblidj 
gu  brei  göttlichen  Naturen  für  bie  brei  göttlichen  $erfonen 
in  bem  (Sinen  göttlichen  Sßefen.  ©oll  hingegen  baffelbe  SBort 
$erfon  in  ber  einen  Sefjre  tttvaZ  anbere§  bebeuten  al§  in  ber 
anbern,  fo  bafj  in  ber  $erfon  (Prifti  nod)  eine  anbere^erfon 
im  anbern  ©ittne  be§28orte§  gefegt  ift:  fo  ift  bie  SSermirrung 
nidjt  minber  grofj. 

2.  (£§  liegt  in  ber  üftatur  ber  ©ac^e,  ba%  nadjbem  biefe 
formet  ftdj  einmal  al§  ©runblage  für  alle  anberen  35e= 
ftimmungen  über  bie  $erfon  (£briftt  geltenb  gemalt  Ijatte,  ein 
berroiffelteS  unb  runftltdjeS  Berfaljren  eintreten  mufjte  um 
biefe  unhaltbaren  2lu§brüffe  möglid)ft  fehlerfrei  §u  Ijanbljaben ; 
unb  faum  fonnte  e§  aud)  anber§  fein,  al§  bafj,  roeil  biefe 
(Srunblage  felbft  einen  anfdjjetnenben  Sßiberfbrudi  enthält,  bie 
ganse  ©nünifflung  nichts  anber§  fein  fonnte  al§  eine  Siecht* 
fertigung  gegen  biefen  Sßorbjurf  in  einer  9teit)e  bon  ber- 
neinenben  21u3brüffen,  roeldje  eben  fo  menig  ben  tmrflidjeit 
<&efjalt  be§  unmittelbaren  (£tnbruff§  au§fagen  unb  roieber^ 
geben,  als  fie  audj  —  roa§  aber  bei  un3  weniger  al§  hä 
5lnbern  eine  ©mbfefjlung  für  fie  märe  —  eine  (Srfenntmfc 
(£t)rifti  unter  ber  gorm  ber  $lnf$auung  alfo  be3  objeetiben 
58emu^tfein§  enthalten  fönnen.  (Sonad)  fönnen  mir  au$  ben 
Sßertl)  biefer  £l)eorie  für  ben  ®ebraudj  ber  ®ird>e  nur  fe^r 
gering  anklagen.  (Sine  Anleitung  jur  richtigen  $rebigt  bon 
(£f)rifto  fann  fie  nidjt  geben,  ba  fie  nur  negattb  ausgeführt 
ift,  fonbern  l)öd)ften§  tonnte  fie  bem  Jjomiletifdjen  ©brad)^ 
gebiet  gur  Prüfung  bienen,  ob  ntctit  in  ber  Skrberrlidmng 
ober  in  ber  SBeranfdjaultc&unq  ßfjrifti  Elemente  borfommen, 
Vuelctje  bie  gesogenen  (Trennlinien  überfebreiten.  Mein  aud) 
in  biefer  58eaief)ung  ftnb  bie  Söeftimmungen  ber  «Schule  fdjon 
feit  langer  Seit  ein  tobter  93uct)ftabe  geworben,  %u  meinem 
ntemanb  mebr  feine  Bufludjt  nehmen  fann.  ®enn  bie  affctifdje 


1  £>ie  gormein  ftnb  fjler  ou§  Sßetn^arb  ©ogm- §.  92.  ©.347.  ge= 
»ommen. 


(Srfter  2C6fdjmtt.  SSon  bem  äuftmtbe  be§  ©Triften  jc  47 

©pradje  audj  ber  recbtgläubigften  2ef)rer,  fofern  fie  nur  rä$k 
ficb  begnügen  einen  überfommenen  Söudjftaben  fortsubflansen 
fonbern  bie  (Erbauung  unb  bie  Kräftigung  im  lebenbigen 
glauben  fu$en,  liegt  fo  roett  ab  bon  ber  Terminologie  ber 
©djule,  ba%  faum  geläufige  Sftittelglieber  steiften  beiben 
aufsufinben  mären.  @ben  fo  menig  fruchtbar  erfctjetnt  btefe 
©ntmüflung,  menn  man  auf  bte  abmeidEjenben  Meinungen 
fteljt,  bie  ficb  unter  un§  geltenb  madjen,  tbeilS  bof  etifdjer  3lrt 
inbem  fie  ben  ©rtöfer  fo  fetjr  mit  (Gott  ibentificiren  ba%  bie< 
SSatjrljeit  be§  menfdjjlidjen  babet  nidjt  befielen  fann,  tr)eil§ , 
ebionitifd^er  inbem  fie  feinen  mef entließen  Ünterfd)ieb  smifd^en 
(Ibrifto  unb  einem  auSgeäetdjneten  Sttenfdjen  übrig  laffen. 
®enn  fie  finb  bur$au§  rttc^t  geeignet  bermittelft  i^rer  nadj 
beiben  leiten  jüt  bie  ©renken  gu  finben  gmifcljen  bem  <$rift* 
lidjen,  ba§  aber  burdj  eignet  Ungefdjiff  ober  buref)  gegnerifdje 
ßmtftettung  al§  uncrjriftltcrj  erfc^eint,  unb  ättrifdjen  bem  ma§, 
meil  naturaltftifd)   ober  meil    fanatifdj,    ni<$t  meljr  djrift« 

m  ift 

3.  ^te^u  fommt  nodj  bafj  bei  ber  urfprüngli^en  Söitbimg;* 
be§  ebangelifd&en  SeljrbegrtffeS  für  biefen  Slrtüet  eigentlich 
nichts  gefdjeben  ift,  fonbern  bie  älteren  gormein  finb  mieber* 
Ijolt  morben.  2)enn  menn  bie  grage  gletd)  in  ben  (Streitig* 
feiten  smtferjen  beiben  ebangelifd^en  $artl)eien  bon  einer  ©eite 
mieber  aufgenommen  mürbe:  fo  fonnte  bodj  bie$  meber  su 
einer  neuen  boUftänbigen  Durcharbeitung  führen,  meil  bie: 
@ac^e  nur  hei  einem  anbern  ©treitpuntt  borfam,  nodj  ift 
aud)  ma§  hei  biefer  (Gelegenheit  feftgefest  mürbe  in  bem 
gangen  (Gebiet  be3  2lug§burgifc^en  33efenntniffe§  §u  ftanbo* 
lücfyem  Slnfefjen  gelangt,  ©afjer  befielt  menn  bie  (Glaubend 
leljre  fict)  bom  fctjolafiifcrjen  immer  me^r  reinigen  fott,  aud) 
für  biefe§  SerjrftüfJ  bie  Aufgabe,  einen  miffenfdjaf  Hieben  5lug- 
bruff  §u  organifiren,  in  meinem  fiel)  ber  ©inbruff,  ben  mir 
bon  ber  eigentümlichen  SSürbe  be§  (£rlöfer§  au§  ben  Sem* 
niffen  über  iljn  gemonnen  Ijaben,  nidjt  nur  in  berneinenben 
gormein  abfpiegle,  unb  ber  §uglei<^,  menigften§  in  bemfelben 
üßerfjältnifj  meldje§  hei  anbern  bogmatifdien  SSeftimmungen 
eintritt,  bemjenigen  natje  gebraut  merbe,  ma§  barüber  in  ben 
religiöfen  2)cittbeilungen  an  bie  crjriftlicrjert  (Gemeinen  bor* 
fommen  fann.  Den  (Grunb  §u  einer  fotdjen  ^Bearbeitung, 
meiere  ba$  Sneinanber  be§  göttlichen  unb  menfd)lid)en  im 
©rlöfer  fo  §u  bejeic^nen  berfudjt,  bafj  bie  beiben  auf§  ge* 
linbefte  gefagt  Ijöc&ft  unbequemen  SluSbrüffe  göttliche  9?atur 
unb  B^eirjeit  ber  Naturen  in  berfelben  $erfon  gänslicl)  ber-- 


■48  ©er  djriftltclje  ©Iaube.  Breiter  S^eir. 

mieben  merben,  hoffen  mir  nun  oben1  aetegt  gu  fjaben.  £)enn 
toenn  ber  Unterfc^ieb  ämtidjen  bem  (£rlöfer  unb  un§  5Inbern 
fo  fcftQcfteCCt  mirb,  bafe  ftatt  unfereS  berbttnfelten  unb  im* 
fräftigen  ba§  <Stotte§bettmfctfein  in  ibm  ein  fc£)lec^tl)in  ffare§ 
unb  jeben  Moment  au§fd)lie£enb  beftimntenbeS  mar,  meldte» 
baber  al§  eine  ftetige  lebenbtge  ®egenmart,  mithin  a!3  ein 
maf)re§  ©ein  ®otte§  in  ibm  betrachtet  merben  ntufe:  fo  ift 
vermöge  bieie§Unterfd)iebe§  aHe§  in  iljm,  beffen  mir  bebürfen, 
unb  bermöge  fetner  nur  bureb  feine  fd)led)tbinige  Unfünblidj= 
fett  begrenzten  ®leicf)beit  mit  un§  au<$  atte§  fo,  bafj  unb  mie 
mir  e§  aufättf äffen  bermögen.  3?ämlid)  ba3  ©ein  ®otte§  in 
bem  (Srlöfer  ift  al§  feine  innerfte  ®ruubfraft  gefegt  bon 
meiner  alte  ^ätigleit  ausgebt,  unfr  met$e  alle  Momente 
äufammenbält ;  atfe§  menfc^lidje  aber  bilbet  nur  ben  Drga^ 
ni§mu§  für  biefe  ®runbfraft,  unb  berljält  ftdj  51t  berfeiben 
beibe§  al§  iljr  aufnefjmenbeS  unb  al§  it)r  barftettenbe§  Softem, 
fo  mie  in  un§  alle  anbere  Gräfte  ftd»  gur  intelligent  ber= 
galten  fotten.2  (Entfernt  ftdj  alfo  biefer  5lu§brn!f  fel)r  bon  ber 
bisherigen  (Scrjttlfbradje:  fo  rut)t  er  bod)  gleidmtäfjig  auf  bem 
fcaulimfdjen,  ©ott  mar  in  ©fjrtfto  unb  auf  bem  jobamteifdjen, 
ba$  SSort  marb  gletfd),  benn  SSort  ift  bie  £t)ättgfeit  ©otte§ 
in  ber  gorm  be§  SSemujstfetnS  au§gebrü!ft,  unb  gleifdj  ift  bie 
allgemeine  Söeseidmung  be§  orgam[c§en.  Snfofem  nun  alle 
menfd)tid)e  £t)äti9?eit  be§  (£rlöfer§  in  unrein  gansen  £u= 
fammenljang  bon  biefem  ©ein  ®otte§  in  it)m  abfängt  unb  e§ 
barftetft,  rechtfertigt  ftdj  ber  5lu§bruff,  ba§  in  bem  (grlöjer 
®ott  SJcenfd)  gemorben  ift,  al§  it)m  auSfcpefjenb  sufontmenb, 
mte  aud)  jcber  ^content  feine§  ®afein§,  |o  meit  man  üjn 
il'oliren  famt,  ein  neue§,  fol$e§  Wlznfäto erben  unb  9Jcenfcfc 
gemorbenfein  ®otte§  barftettt  meil  immer  unb  überaß  atte§ 
utenfcrjticfc.e  in  iljm  au§  jenem  göttlichen  mirb.  Unb  fdjmerlidj 
möchte  iemanb  in  biefer  2M$retbnng  audj  bofetifcljeS  ober 
ebtomtifd)e§  nad)meifen  tonnen.  (Sonbern  ebionitifd)  fönnte 
nur  ber  fte  nennen  motten,  meldjer  etma  auf  einem  enmirifdjen 
*oerbortreten  göttlidjer  (Stgenfdjaften  glaubt  beftetjen  §u  muffen, 
menn  er  in  bem  (Srlöfer  übermenfd)licl)e§  anerfennen  fott ; 
unb  bofettieb  tonnte  einer  nur  ba§  finben,  bafe  bem  ©rlöfer 
bie  UnboUfommenbeit  be§  ©otte§bemufetfein§  abgebt,  *8eibe§ 
aber  mürbe  aud)  in  bem  geltenben  SßucMtaben  ber  fircrjlictjen 


1  §•  94. 

2  ©reibe  fo  ba§  Symb.  Quic.  35.      Nam    sicut    anima   rationalis 
caro  unus  est  horao,  ita  et  Deus  et  hoino  unus  est  Christus. 


ßrfter  Stöfäntttt.  SSon  bem  Suftcmbe  be§  (S^rtften  w.  49 

'.Sefjre  feine  ©tiise  finben.  ©aber  mirb  aucrj  bei  ben  folgenben 
lircbücben  ©äsen  unfere  ^Beurteilung  fid)  auf  ben  öoran* 
Qefd)i!ften  2tu§bruff  bestehen,  um  f orttauf enb  su  geigen,  in 
tniefem  bk  Slbäroefrung  berfetben  mit  bem,  ma§  in  jenem 
2lu§bru!f  aufgeteilt  ift,  aufammenftimmt ,  unb  in  miefern  bte 
Unangemeffenljeit  unb  ©djmiertgfeit  jener  gormein  tbeil§  ge* 
§tnbert  Imt,  ba%  bie  2tu§fübrung  nicgt  ber  2lbftd)t  burdjau§ 
entfaredjen  tonnte,  tljetlS  auctj  ber  ftriafinbigen  Öeerljett  einen 
Spielraum  eröffnet  f)at. 

§.97.  3h) eit et  Se^rfaj.  Set  ber  ^Bereinigung 
ber  göttlichen  9totur'  mit  ber  mettfd?ltä)en  mar  bte  göttliche 
allein  t^ättg  ober  ftdj  mittt;eilenb ,  unb  bte  menfdjüä> 
allein  leibenb  ober  aufgenommen  merbenb;  roäfyrenb  be£ 
$ereintfein<3  beiber  aber  mar  aud)  jebe  5^ätig!ett  eine 
Jbeiben  gememf$aftlid)e. 

1.  SBenn  man  bk  Stufgabe  objecttb  fafjt,  ©fjriftum  at§ 
eine  folcbe  (Stnbeit  betber  Naturen  anfcfjaultcrj  barjuftellen:  fo 
ift  e§  natürlid)  unb  unoermeiblidj,  ben  2tct  ber  Bereinigung 
xmb  ben  3uftanb  be§  SSereint)ein§  oon  einanber  su  trennen 
®enn  jener  mar  nur  erft  ber  beginn  ber  in  ber  SBelt  §ur 
@rfd)einung  fommenben  ^jjerfon  Kljrtfti  unb  mufj  alfo  aud) 
tmrd)  eine  Söe^iebung  auf  baZ  frühere  9?id)t[eüt  berfelben  au§* 
gebrüfft  merben,  mogegen  biefer  al§  ba%  eigennmmücbe  (Sein 
ber  $erfon  felbft  aud)  burcb  eine  allen  Momenten  gleidj  an* 
gemeffene  gormel  betrieben  merben  mui  gür  unfere  2Iuf* 
gäbe  aber  fctjeint  bk  SÖefcbreibung  be§  erften  5lnfange§,  metl 
toir  bon  bem[elben  gar  nicbt  unmittelbar  afficirt  merben,  ein 
überöerbienftlid)e§  SSerf  p  fein,  raeldjeS  baber,  meil  ber» 
gleiten  immer  bebenflid)  ift,  beffer  unterbliebe;  unb  fo  bebarf 
bte  Stufnabme  bieje§  (Saje§  einer  bejonberen  Rechtfertigung. 
•(£§  ift  aber  erfteng  gan§  in  ber  Drbnung,  eine  f oldje  ©ifferenj  i 
mie  bte  ahnten  CTbrifto  unb  allen  anbern  9#enfd)en  aud)  auf! 
ü)ren  Slnfang  surüffäufüljren,  metl  e§  ein  anbereS  ift,  meint- 
fte  für  ur[prüngti<$  erfannt  roirb,  unb  mieberum  berGsinbruff 
ftcö  ganj  anber§  mobificirt,  menn  fte  etma^  l)inaugefommene§ 
atnb  alfo  nur  ein  jpäterer  guftanb  einer  un§  urfprünglitf)  ganj 
ätjnlid)en  $erfon  ift;  unb  ba  mir  Ie§tere§,  menn  mir  ben 
empfangenen  (Sinbruff  miebergeben,  nur  läugnen  tonnen:  fo 
entfielt  bk  Aufgabe,  audj  ben  erften  Moment  in  ber  «Stetig* 
feit  mit  jebem  fpäteren  bor  aufteilen.    2)aljer  audj  bie  beibeti 


50  S^cr  djriftlidOe  ©laufte.  3toeiter  2tjeil. 

obigen  ©äse  stoar  ben  Unterfdjieb  surifcben  Stefano  unb- 
Weiterem  Verlauf  beftimmt  f eftfteCten ,  bocb  nur  fo  gefaxt 
ioerben  bürfen,  nne  fte  äitQtetctj  in  einanber  aufgeben.  2)erat 
auf  ber  einen  (Seite  ift  ber  Anfang  ber  Sßerfon  sugleicb  ber 
Slnfang  ibrer  Sbättgfeit,  auf  ber  anbern  (Seite  ift  ieber  Üöco*- 
ment,  fofern  er  ifolirt  unb  für  fidj  betrachtet  tuerben  farai, 
äugteid)  ein  neueä  SBerben  biefer  eigentl)ümlid)en  ^3erfönltcrj- 
feit.  Unb  mie  febe  Sbätigfeit  (Sljrifti  baffelbe  Berbältnifj 
geigen  mufj,  toeldjeS  ben  Stet  ber  Bereinigung,  bie  ja  nur  eine 
Bereinigung  51t  foldjen  Sbätigfeiten  mar,  auSbrüfft,  nämlicb 
bafj  ber  SmpuIS  auZ  ber  göttlicben  9catur  fjerrübrt:  fo  aud) 
umgefetjrt  ber  $lct  ber  Bereinigung,  toeit  ja  iebe  £§ätigfeit 
nur  ein^elue  ©rjdjeumng  biefer  Bereinigung  ift,  baffelbe  Ber* 
fjältnifj,  bureb  ioeldje§  izbt  Stjätigfeit  Sfjrifti  beftebt,  nämiid} 
bafj  beibe  Naturen  ju  einem  sufammennnrfen.  9cad>  biefem 
$anon  allein  muffen  beibe  in  unferm  Seb'rfas  aufgehellte,  fo 
hrie  alle  nod)  fortft  oorfommenbe  unb  oon  jenen  abgeleitete 
gormein  beurtbeüt  unb  angeioenbct  merben. 

2.  2)er  5tu§bruff,  bureb  mekben  bk  tätige  9Jcitt§  eilung; 
ber  göttlichen  Sftatur  in  jenem  5Ict  ber  Bereinigung  naber 
beäeid)net  toerben  foK,  ba%  nämlicb  in  bemfelben  bie  göttlidje 
Statur  babe  bie  menfcblidje  in  bie  (Stnbett  i^rer  $erfon  auf* 
genommen,1  ift  öielfälttg  su  tabeln.  9tid)t  nur  öermöge  beg 
Slu§brulf§  göttliche  SFcatur,  fonbern  sunäcbft  toeil  er  bie  $er= 
fönlidtfeit  d&rifrt  gan§  abbängig  maebt  uon  ber  $erfönlid)t'eit 
ber  gmeiten  $erfon  im  göttlichen  äöefen.  SDenn  ba  bie 
©abeHianer  biefe  läugneten,  aber  boö)  an  bk  Bereinigung 
be3  göttlicben  mit  bem  menfd)lid)en  in  ßljrifto  niebt  minber 
glaubten  al§  bie  rechtgläubigen  ©Triften :  fo  febeint  e§  eine 
Ungerecbtigfeit  gegen  OTe,  bie  ftcb  bietfeidjt  ber  &aUilia* 
nifeben  Slnftcbt  näbern,  ben  2lu3bruÜ  für  biefen  glauben  an 
bie  rechtgläubige  SrinitätSlebre  §u  fnüüfen.  Bumal  ber  ur= 
fbrünglidje  ben  (glauben  conftituirenbc  (Sinbruff,  ben  bie 
jünger  erhielten,  aueb  fo  hrie  fie  ibn  im  ®ebanfen  auffaßten 
unb  miebergaben,  mit  feiner  tontnifä  Oon  einer  Srinität  §u= 
fammenljing.  £)a§  übelfte  aber  ift,  bah  bie  menfcblicbe  Statur 
auf  biefe  SSeife  aud)  nur  eine  $erfon  in  bem  ©inne  merbett 
fann,  in  toeldiem  biefe§  einer  $erfon  in  ber  Srinität  äufommt, 
fo  bafj  nun  ba$  Dilemma   entfielt,   bafj   entioeber  bk  brei 


*  9fio$  6efon&er3  utiatüffltdj  ift  Sßetnfjar&3  2tu§bru!f  (Soc1m.j5.9i.): 
qui  (filius  Dei)  cum  natura  qua  dam  humana  quam  sibi  adiunxerit. 
unam  efficiat  personam. 


Srfler  3t6fdjnttt .  SSon  bem  Suftanbe  be§  Triften  ic  51 

^erfonen  muffen  mie  tnenf($Uc^e  $erfonen  böllta  unabbängig 
für  Tief)  befte^ertbe  ©ingelmefen  fein,  ober  ba£  (£fjriftu§  aI3 
Stafdj  fein  f oldjeS  geroefen  ift,  bei  melier  Sßebauptung  benn 
ba§  Söilb  beffelben  gang  in§  bofettfebe  Oerfcbmimmt.  SBeit 
fixerer  ift  oaber,  mie  e§  aueb  ber  (Sntftebung  unb  2lu§bilbung 
be§  ®lauben§  analog  ift,  bie  Sebre  Oon  ©brifto  unabhängig 
Oon  jener  2ebre  feftguftetfen.  90?an  fönnte  freiüd)  aueb  unfern 
erften  (Sag  notf)  bofettfd)  finben,  al§  ob  nämlicb  bie  SSabr&eit 
ber  menfcblidj)en  üftatur  in  (Sljrtfto  aueb  babureb  febon  oer* 
loren  ginge,  ba&  in  ber  Gsmtftebung  ber  $erfon  (£brifti  bie 
menfd^licbe  üftatur  foHte  gang  leibenb  getoefen  fein,  ba  fte  boeb 
in  ber  (Sntflefjung  jeber  anberen  menfeblicben  $erfon  offenbar 
bie  £§ättgfeit  ausübt,  baf?  xfyxe  letbbilbenbe  ®raft  ftdj  su 
einer  neuen  (Sinfjeit  menfdjlidjen  £>afein§  in  ber  Sßotfftänbig* 
feit  aller  SebenSfcerridjtmtgen  gehaltet,  allein  toenn  mir  bm 
oben  aufgehellten  ®anon  51t  SM'tife  nebmen,  sufolge  beffen 
gugleicb  aueb  ber  Stet  ber  Bereinigung  eine  gemeinfcbaftlidjie 
Sbätigfeit  beiber,  be§  ftdj  mittbetlenben  göttlichen  SöefenS1 
unb  ber  §um  Slufgenommentoerben  Oon  biefer  beftimntten 
menfeblicben  Dcatur  muf?  gemefen  fein:  fo  fteUt  fidj  bie  (Sacbe 
fo,  ba§  bie  Trtenfctjticrje  9?atur  afterbing§  ba§u  nidjt  §abe  tljätig 
fein  fönnen  Oon  ber  göttlicben  aufgenommen  §u  merben,  fo  ba% 
etma  ba§  ©ein  ©otte§  in  (£brifto  ftctj  au§  ber  menicblicben 
9?atur  entnriffeft  iiahe,  ober  aueb  nur  fo,  bafj  in  frer  menfeb* 
liefen  üftatur  ein  Vermögen  gemefen  fei  ba§  göttlidje  au  fieb 
ber  abrieben;  fonbern  nur  bie  ÜUtöglicbfeit  mar  ibr  aller- 
bing§  miterfebaffen  unb  muf?  üjr  aueb  toäbrenb  ber  £errfdjaft 
ber  ©ünb  e  erbalten  geblieben  fein,  in  eine  foterje  Bereinigung 
mit  bem  göttlicben  aufgenommen  gu  merben,  aber  biefe  fflöa,* 
lict)fett  ift  noeb  lange  toeber  Vermögen  noeb  SUjätigfeit.  Spin* 
gegen  muffen  mir  unferm  $anon  infolge  bingufügen,  ba%  bie 
menfdjüdje  Statur  nur  al§  in  einer  berfonbilbenben  Sbätigfeit 
begriffen  Oon  ber  göttlicben  babe  aufgenommen  merben  fönnen, 
inbem  bie  göttliche  Sbätigfeit  nierjt  perfonbilbenb  auf  bem 
SSege  ber  ©rjeugung  ift.  Sft  baber  bie  Sftebe  Oon  bem  @nt* 
fteben  ber  eigentbümlicben  Sßerfönlid&feit  (£ljrtfii,  ba$  $ei%t 
Oon  ber  föineinpflanäung  be3   göttlichen  in    bie  menjdiiidje 


1  Sit  bem  «Sage  felöft  IjaBe  i<§  äroar  ben  StuSbruff  göttlidje  Sßatur, 
ncurjbem  idj  mtd)  ganältc^  mifcbittigenb  über  benfelöen  erflärt,  bennoi^ 
ftetjen  laffen,  unb  gioat  lebtgli^  ber  33equemlidjfett  ^cttber.  §ter  aber  in 
ber  Erörterung  be§  eingetnen  ftnbet  biete  Stüttfi^t  nta^t  ftatt,  unb  bcmtr.i 
Bin  ic^  Jjier  31t  bem  einfad^ften  3tu§bruff  äitrütfgefe^rt. 

** 


52  ©er  ($rtftltdje  ©fouöe.  3»etter  Xfjetl. 

9?atur:  fo  trat  Riebet  bie  leitete  nur  aufnebmenb  unb  fonnte 
ftdj  nur  letbentlidt)  behalten,  tnbem  jebe  perfonbilbenbe 
Stfjättgfett  berfelben  oljne  jene  Sbjättgfeit  ber  göttlichen  9?atur 
immer  nur  eine  geraüljnlid)e  menjdjlidje  Sßerfon  fömtte  berbor* 
gebraut  Ijaben.  (Sofern  aber  (SfjrijruS  bocb  au<$  eine  boll* 
t'ommen  menfdjltcfje  ^erfon  mar:  fo  mufj  audj  bte  Söilbung 
biefer  ein  5lct  ber  menfcbHcfjen  Statur,  ba$  (55anse  alfo  ein 
gemeinfctjaftlidjer  gemefen  fein.  3)ie§  erfennen  audj  alle  S)og= 
mattier  an,  meiere  mit  SBermerfung  ber  Meinung,  ba%  ber 
£eib  ©Ijrifti  ganj  in  dinem  $lugenbliff  gebilbet  morben,1  ober 
bafj  er  bem  mefentlicben  nactj  mit  bom  Fimmel  gefommen2  bte 
atlmäfjlige  Söilbung  ber  Organisation  bom  erften  £eben§anfang 
an  mit  ,§ur  SSabrfyeit  ber  menfcblidjen  Statur  rechnen.  Slber 
hrie  roä'brenb  biefer  Gmtrotfflung  bte  menfcblidje  Statur  nidjt 
ganj  leibenb  mar:  fo  giebt  e§  auef)  eine  £bt)ftf<$e  £ljcitigf  eit 
berfelben  für  ben  erften  SebenSanfang  mit  unb  neben  iljrem  in 
Söe^ug  auf  bie  göttliche  Sf)ätig!eit  b!o§  Ietberttlicr)en  $er^ 
alten.  —  5luf  ber  anbern  (Seite  tonnte  man  gan^  entgegen^ 
gefeste  SBebenfen  ergeben  gegen  eine  befonbere  göttliche 
Sbätigfeit  bei  ber  (Sntfteljung  ber  $erfon  QPjrtfti,  nämltd)  ba% 
biefe  Stljättgfeit  entmeber  eine  seitliche  muffe  gemefen  fein  — 
meld)e§  mit  bem  erften  ®anon  ftritte,  bafe  <55ott  aufjer  allem 
Mittel  ber  Seit  bleiben  muffe  —  ober  fte  märe  benn  feine 
befonbere  unb  unmittelbare  gemefen,  mobei  mieberum  bk  fc^on 
eingeftanbene  Uebernatürlid)feit  gefäfjrbet  mirb;  unb  man 
fietjt  bierau§,  mie  audj  ht\  roaljrbaft  ctjrtftttcrjer  ©efinnung 
gmet  5lbmege  fönnen  erroablt  merben.  Um  ben  (Sroigen  nid^t 
in  bk  3eitlid)feit  §u  berraiffeht,  fann  man  fiel)  entfdjliefcen, 
bk  £)arftettung  ber  eigentljümlidjen  SSürbe  ©brifti  baburd) 
gu  bebingen,  ba%  er  boclj  mie  jebe  anbere  $erfon  als  ein 
(Srseugnifj  ber  menfcfjlidjen  Statur  muffe  angefeben  merben 
fönnen.    Unb  um  für  eine  unmittelbare  göttliche  Stjätigfeit 


1  Joann.  Damasc.  III,  2.  xae  tot*  ^Tcsaxfaasv  Ijc*  auT7Jv  ^  xou 
•S-eou  .  .  £vux:6aTaT05  ao9ia  xat  Suvafxi;,  6  ulo?  xou  «9-eou  .  ,  xou 
<ruv£7rr)^£v  eocuxw  ,  ,  aapxa  e^u^tofjLs'vrjv  .  ,  ou  Tat;  xara  fuxpbv 
"Kposdrixaiq  a7rapxt£ofA£vou  xou  c^7j(j.axo;,  aXX'  69'  iv  xeXeiiüO-e'vto;.  — 
S)aS  anbere  betreffenb  f.  Athanas.  ad  Epict.  Ed.  Patav.  I.  p.  731. 
tcoO-ev  8e  raxXiv  rjpEu^avto  xivss  'larjv  aaißsiav  .  .  ioote  eitcsiv ,  {X7j 
VEakspov  etvat  xb  cwpia  xfj;  xou  Xoyou  ^EoxrjTO?  aXXa  auvaiötov 
auTtü  öia  toxvtos  \tyivriad-ixt. ,  ensififj  £*  ^  ouaias  x%  ao<p(a{ 
<n>v£<rc7j. 

*  £   Gerhard,  loc.  III.  p.421. 


(Srfter  SStöfdjnitt.  SSon  beut  3uftcmbe  be§  ©Triften  :c.  53 

hiebet  befto  geraiffer  9?aum  äu  gerainnen,  fonnte  man  bte  2ln* 
ftcf)t  auf  [teilen,  ba%  aud)  bte  9Jcenfd)^ett  (£Ijrifii  nidit  erft 
irgenbraann  angefangen  öa6e,  raa§  inbefj  noffjraenbig  in  ba3 
bofetifdje  ftretft,  nnb  raoburd)  bte  raafjre  ®efd)ic&ttidjfeit 
Cfjjrifti  nid)t  minber  bebroI)t  ift,  rate  burd)  ba§>  entgegengeje^te 
feine  Urbilblidjfeit.  S)em  ©djroaiifen  graif^en  beiben  rairb 
aber  öollfornmen  abgeholfen,  raenn  ntan  sugiebt,  bie  oer= 
eintgenbe  göttliche  Sljätigfeit  fei  aud)  eine  eraige,  aber  nur 
raie  in  ®ott  fein  Unterfdjieb  ift  stDtfc^en  Befdjlufc  unb ! 
Sfjätigfett,  ba%  Reifet  für  un§nur  nodj  als  ÜtatfjfdjlufL  unb  al§  I 
lolctjer  au#  fdjott  mit  bem  Sftatfjidjlufc  ber  <3d)öüfung  be§ 
Sftenfdjen  ibentifdj  unb  in  bem[e(ben  mit  enthalten,  seitlich 
aber  fei  bk  un§  al§  £f)ätigfeit  ^ugefefjrte  (Seite  biefe§  9^at^ 
fd&luffeS  ober  bte  ©ridjeinung  beffeiben  in  bem  rairflidjen 
SebenSanfang  be3  ©rlöfer»,  burd)  meieren  iener  eraige  Ü^at^- 
fdjlufj  fief)  raie  in  ©inem  fünfte  be§  Raumes,  fo  aud)  in 
Gütern  Moment  ber  3eit  oerrairflidjt  fjat.  @o  bafc  bie  geiU 
iidjfeit  gan§  auf  bie  perfonbübenbe  £Ijätigfeit  ber  menfd)lid)en 
Statur,  raafjrenb  bereu  fie  in  bie  Bereinigung  aufgenommen 
raarb,  äit  beäieben  ift,  unb  man  mit  bem  gleiten  S^edjt  aud> 
Tagen  fann,  (£f)ri[tu§  fei  and)  als  menfdjltdje  $erfon  fdjott 
immer  mit  ber  SSelt  äugleidj  raerbenb  geraefen.1  —  3u  ber 
Xarftetfang  btefeS  2tcte§  ber  Bereinigung  unb  be§  Berljälts 
niffeS  beiber  Naturen  in  bemfelben  gepren  nod)  sraei  gormein, 
bie  eine,  meiere  bie  Untoerföntid)feit  ber  menfdjltc&eit 
üftatur  in  (£t)rifto  cor  iljrer  Bereinigung  mit  ber  göttlichen 
au§fagt,  bie  anbere, raeldje  feine  übernatürliche  3eugun 
behauptet. 

SSaS  bte  erfte  betrifft  fo  ift  ber  ©as,  bafj  bit  menfd)Iidje 
dlatnx  (SfjriTti  an  unb  für  ftd)  unüerfönlidj  fei  ober  feine  i 
eigne  (Snbftftens  Ijabe,  fonbem  nur  bur<$  bie  göttliche  fub* 
fiftire,  in  biefem  fd)oIafttfd)en  ($5eraanb  fetjr  bunfel  unb  un* ' 
beljolfen.    (£3  ift  eine  nid)t  leicht  in  löfenbe  Aufgabe,  ba%  man 
ftd)  dtva%  al§  bk  •menjc&lidje  Statur  (£f)rifti  benfen  foU  aber 


1  SSon  beit  beiben  SIu§&rü!fen,  beren  firf»  bie  griecfjiftfien  ßirdjenletjrer 
für  btefen  Stet  ber  ^Bereinigung  bebienen,  ift  evaapxuats  bem  IvawfAarwais 
bei  toeitem  fcorauaiefjen.  ©enn  Iesterer  läfet  tljettö  bie  SSorfteHnng  ju,  ba% 
ber  Xoyo?  einem  fcfjoit  fertigen  Seibe  eingepflanzt  toorben,  tijeilS  bte,  bo§ 
er  nur  mit  einem  Sei6e  berbunben  morben,  bie  ©teile  ber  ©eele  aber 
jelbjt  Vertreten  fjabe.  S3eibe§  fällt  bei  evaapxwacs  toeg.  ©afjer  anal 
btefer  Stuäbrutt  unb  bo§  entforecfjenbe  incamatio  mo  ber  ©egenftanb 
eigentlich  abge^anbelt  toirb,  toeit  getoö^nliajer  finb  al§  corporatio  unb 
ivaiojxaTcoats. 


54  ©er  djriftlidje  ©laufce.  3roetter  Sfjeü. 

bodj  unberfönlid),  ba  bod)  bte  un§  Tillen  gemeinfam  5it!ommcitbe 
Statur  nur  bte  eine§  (Smseinen  Ijeifeen  fann,  infofern  fie  in 
iljm  perfönltccj  geworben  ift  <S5et)t  man  aber  in  bcn  ©cbanfcn 
ein:  fo  mu§  bte  neue  Sßerlegenfjeit  eintreten,  wie  bod)  bte 
ntenfd)lid)e  Sftatur  in  (£(jrifto  bti  btefer  llnperfönltdjfett  nicbt 
untiollfommner  fei  als?  in  un§  bitten,  ^nbefc  fommt  e§  nur 
auf  eine  rtdjttge  Sluffaffung  an,  um  biefe  Verwirrung  §u  Ijeben. 
©er  Slugbruff  menfd)tid)e  9catur  lann  bod)  eigentlich  nur 
biefe  Lebensform  al§  ©tn^ett  bebeuten,  Wie  fte  iljrem  SSefen 
nad)  berfonenbilbenb  ift,  unb  in  bem  wedjfelnben  Verlauf 
fcerfönlidjen  £eben§  üyc  ©afein  jat;  baljer  benn  bte  Gnt* 
ftebung  jebe§  @inselwefen§  unferer  (Gattung  al§  eine  Zfyat  3U 
betrauten  ift,  welche  bie  menfcljlidje  9?atur  al§  lebenbige  ®raft 
burd)  ftd)  felbft  boabringt.  Sie  Meinung  ift  nun  bie,  bafj 
weil  burd)  biefe  Xfyat  nur  ber  ®eim  §u  bem  unbottfommnen 
unb  getrübten,  nidjt  aber  jenes  fctjtecl)töm  fräftige  ®otte§= 
bemuMem  einer  $erfon  l^äü^  mitgegeben  werben  tonnen,  in 
ber  SJSerfon  ßtjriftt  aber  tbm  biefeg  fdjon  öon  iljrem  erften 
SebenSnnfang  an  in  ber  ©ntwifflung  begriffen  fein  mufete, 
eben  be§f)alb  bie  $erfon  (Sfjrifti  otjne  ba§>  Einzutreten  ber 
toereintgenben  göttlichen  Sljä'ttgfett  nidjt  loürbe  gu  ©taube 
gekommen  fein,  ©er  Slu§bruM  aber  bleibt  immer  berfebrt, 
ba%  bie  menfd)lid)e  Dcatur  ©fjrifti  würbe  unperfönlidj  gewefeu 
fein,  unb  e§  Reifet  immer  nur,  bie  menfc&Uc&e  9catur  mürbe 
nid)t  biefe  ^3erfönlict)fett  (£fjrifti  geworben  fein,  fonbern  jene 
fiötttid&e  (Sinmirfung  auf  bie  menfdjlidje  Statur  fei  beibe§  ju* 
gleid),  unb  q!§  baffelbe  gewefen,  ba§  SDcenfdjWerben  @otte§  im 
Söettmfetfein  unb  ba$  ®eb  übet  Werben  ber  menfdjlidjen  9catur 
äur  SßerfönlidEjfeit  (SljriftL  ©o  wie  audj  ber  SluSbruff  feine 
menfdjlic&e  Statur  Würbe  unperföntid)  geblieben  fein,  ber  audj 
nur  fd)einbar  berneinenb  ift,  nur  bebeutet  bie  Söeftänbigteit 
jener  felbigen  göttlichen  (Sinwirtung  unb  beffen  Wa§  au§  iljr 
folgt  in  ber  $erfon  ©fjrtfti.  ©ie  gormel  ift  aber  gebilbet  mit 
befonberer  9tüffftd)t  au<$  auf  bieienigen,  Weld)e  ba$  Söort  erft 
fpäter  nadjbem  bit  $erfon  $efu  längft  §ur  SSoEfommenbeit 
gebilbet  war,  mit  berfelben  bereinigen  wollen,  mithin  eine 
$erfönltd)teit  feiner  menfdjlidjen  Sftatur  otjne  biefe  Bereinigung 
annehmen. 

25te  nun  lfdjon  in  biefer  gormel  liegt,  bafc  hti  ber  1£nU 
ftebung  ber  $erfon  (S&rifti  eine  übernatürliche  ©inwirfung 
ftatt  gefunben  Ijat:  fo  Ijängtnun  mit  itjr  bie  jtoettc  äufammen, 
weld)e  su  biefem  nodö  ein  anbereS  übernatürli^e§  näm* 
li^  bte  gänältdje  5lu§i'd)Uefeung    ber   männlichen  2T)ätigfeit 


Grfter  2r&i"djmtt.  5?on  bem  Qu\tan  öe  be§  Triften  jc  55 

•Set  ber  ©rjeugung  ©brifti  beifügt.  2>enn  ein  anbere§ 
ift  biefe§,  inbem  ja  barauä,  ba%  biete  Sbätigfett  nid)t  mitge* 
tüixtt  bat,  baZ  ©ein  ®otte§  inßbrifto  unmöglicb  !ann  erflärt 
tu  erben.  SKan  mufj  btefe  Steftimmung  au§  einem  anriefadjen 
<$eficbt§j)unft  betrauten,  einmal  in  Söeätig  auf  bte  barüber 
nortjanbenen  neuteftamentifcben  geugniffe,  unb  bann  tnSöesug 
auf  i^ren  bogmattfdjen  SBerifc  ^enen  ©rääfjlungen  /  auf 
•Jneldje  in  bem  weiteren  Verfolg  ber  (55efcr3tcr;te  ©tjrtfti  nirgenb 
jurüftgegangen  nrirb,  auf  bte  fidj  and)  feine  at>oftoiifct)e 
Stelle  beruft,  treten  nun  entgegen  fotool  bie  beiben  ®e= 
fd)lecbt§regifter  Gnjrtfii,  meiere  obne  irgenb  eine  Ütüffftcbt  auf 
jene  Angaben  fd)ttd)t  unb  ungefünftelt  auf  gofef  surüffgeben, 
t(jetl§  tr>a§  bengobamteS  betrifft  ntdjt  nur  fein  ©tillfcbmeigen 
über  bie  (Sacbe  felbft,  fonbern  bie  SIrt  roie  er  obne  äße  be* 
riebtigenbe  SBemerfung  ergäbt,  ba^  3efu§  oon  2anb§Ieuten 
unb  SBefannten  SfafefS  ©obn  genannt  mirb;2  unb  äbnlidje§ 
rinbet  ftdj  aueb  in  jenen  beiben  ©oangelien.3  28er  nun  jene 
■■grsä'blungen  budrftäblidj  genau  nimmt,  §at  freiließ  ein 
2öunberbare§  mebr  ju  Vertreten;  aber  niemanb  mirb  mol  be* 
Raupten  motten,  burdj  biefe  Slnnabme  fomme  in  unfern 
©tauben  ein  feinem  magren  SSefen  miberftreitenbe§  (Element, 
rotemol  alterbing§  biejenigen  biesu  nadj  Gräften  beitragen, 
melcbe  fictj  in  parallelen  sraifebett  biefen  Dcadjricbten  unb  ben 
mancherlei  jübifdjen  unb  beibnifdjen  ©agen  oon  ü6eraatür* 
lieben  (Smfcfängmffen  au§geäeid)neter  Männer  moblgefalten. 
<zben  fo,  tuemt  Rubere  Sßebenfen  trügen,  unter  biefen  Um* 
ftanben  auf  jene  ©rsäblungen  allein  eine  Sebre  ju  grünben, 
unb  oielleicbt  gar  al§  unerlafcltdjen  ©iaubenSfaj  aufeuftettett, 
fonbern  ficrj  eber  oeranlafjt  fäuben,  au§  ben  oorbanbenen  2ln* 
gaben  %u  fcbliefjen,  bafj  unter  ben  urforüngltdjen  Jüngern 
•Sbrtfti  meber  ein  großer  SSerttj  auf  biefen  Umftanb  gelegt 
morben,  nod)  aueb  eine  ganj  fefte  unb  allgemein  anerkannte 
Heb  erlief  erung  barüber  oorljanben  gemefen  fei:  mürbe  man 
tfmen  feine§mege§  abfpredjen  !önnen,  bafj  tuer  aueb  nietjt  an 
feine  übernatürlicbe  Beugung  in  biefem  (Sinne  glaube,  boeb 
febr  tnobl  an  ©fjriftum  al§  (Srlöfer  glauben  lönne.  —  2Ba§ 
nun  ben  äroeiten  (SeftdjtSpuntt,  nämlicb  ben  bogmatifeben 
.SBertb  biefer  Slnnabme  betrifft,  fo  finb  äuerft  ntdjt  nur  bie 


1  3Ratt$.  1,  18—25  unb  Suf.  1,  31—34. 

1  Soft.  6,  42. 

4  matti).  13,  55.     Suf.  4,  22. 


56  ffier  djriftUc$e  ©fou6e.  Stoeiter  Sfjeil. 

alten  fomboltfdjen  ©teilen1  fo  gefaxt,  ba%  fie  fo  gut  al§  gar 
nicjjtS  oon  einer  bogmatifdjen  21bäroeffung  merfen  taffeitf. 
fonbern  baffclbe  gilt  audj  oon  ben  neueren  au§  üjnen  ent» 
lehnten,2  beren  Bufäge  ju  ben  tljeil§  roieber  aufgenommenen,. 
tfjeilS  al§  gebilligt  t>ovau§gejesten$lu§brüffen  ber  alten3  faum 
b,ie  unb  ba  eine  leife  bogmatifdje  gärbung  l)aben,  fei  e§  nun; 
in  Söesiefjung  auf  bie  (Srbfünbe  ober  auf  bie  ©inpflanäung  bee 
ööttlidjen  in  bie  menfd)tid)e  Sftatur;  benn  biefe§  ftnb  bod)  bie. 
einsigen,  um  berentroillen  bie  £t)atfadje  eine  SSidjtigfeit  für 
ben  d)riftlid)en  (glauben  fjaben  fann.  @h'ne  genauere  $8e~ 
trad)tung  nrirb  aber  aeigen,  bafe  fie  in  beiber  &infid)t  oott~ 
fommen  gleidjgültig  ift.  (So  rcie  mir  nämlid)  ba$  in  unfernt 
(Sinn  übernatürliche  für  bie  $erfon  be§  @rlöfer§  fdion  in< 
Leiber  93e§iebung  in  Slnforudj  genommen  Ijaben,  ift  aud)  fctjon^ 
tnenn  e3  aud)  nict)t  beutlid)  au§gefprod)en  marb,  bie  natürliche 
©r^eugung  al§  eine  burd)  beiberfeitige  ®efd)led)t£>tt)ätigfeit 
vermittelte  Zfyat  ber  perfonbilbenben  ®raft  ber  menfd)tid)eit 
Statur  für  unäureid^enb ,  um  feine  ßmtftefjung  31t  begreifen,, 
erficht  raorben.  S)enn  zufolge  beffen,  mag  über  ba§  95e- 
grünbetfein  ber  ©ünb^aftigfeit  iebe§  (Sin^elnen  in  bette 
früheren  ®efd)led)t  gefagt  ift,4  fonnte  bie  natürliche  (Sr^eugung;. 
ben  (Srlöfer  nidit  IjerOorbringen,  rcenn  er  bodj  nidjt  felbft: 
burfte  bem  ®efammtleben  ber  ©ünbfjafttgfeit  angepren^ 
©äff  elfte  gilt  aud)  non  bem  anbern  Sßunft.  ®enn  bie- 
reprobuetioe  ®raft  ber  (Gattung  fann  nidit  fjutreidjeu  ein. 


1  Symb.  rom.  tov  YsvvTjftsVra  ix  :tveu{j.aTos  ayiov  xa\  Mapiac. 
t%  7cap0-£vou*  qui  natus  est  de  spiritu  saneto  ex  Maria  virgine.  — 
Symb.  Nie.  Const.  aapxtoQ-e'vira  Ix  rcveupwcTOi;  aytou  xa\  Mapiac 
T7j;  Ttapfo'vou  xa\  £vavtrpio7i7]aavTa. 

2  Conf.  Aug.  8.  natus  ex  virgine  Maria.  —  Exp.  siinpl.  XL 
p.  26.  non  ex  viri  coitu  sed  coneeptum  purrissime  ex  spiritu  saDcto 
et  natum  ex  Maria  semper  virgine.  Conf.  Helv.  XI.  p.  96- 
carnem  .  .  ex  intaeta  virgine  Maria,  spiritu  cooperante,  sumens. 
Conf.  Gallic.  XIV.  p.  116.  cuius  caro  sit  vere  seinen  Abra- 
hae  etDavidis,  quamvis  arcana  et  incomprehensibili  spiritus  saneti 
virtute  fuerit  suo  tempore  in  utero  beatae  illius  virginis  coneepta. 
Conf.  Anglic.  II.  p.  127.  in  utero  beatae  virginis  ex  illius  substan- 
tia  naturam  humanam  assumsit.  Conf.  Belg.  XVIII.  p.  180. 
coneeptus  in  utero  beatae  virgiuis  Mariae  idque  virtute  spiritus- 
taneti  absque  viri  opera. 

8  «Selbft   too   bie  (Srtoäfjmmg   ber  ©Qd)e  gana  fe^It  #   tote  im  Symb. 
Quic.  unb  ber  Conf.  Hungar.  ift  barin  feine  2tbftdjtlid)fett  au  fuerjen. 
*  ©.  §.69. 


(Srfter  2T6fd)ttUt.  SSon  bem  guftcmbe  be§  Triften  2C  57' 

©inselmefen  Ijerborpbringen,  burdj  loeldjeS  erft  etma§  in  bte 
Gattung  felbft  Ijin eingebracht  Serben  fott,  ft>a§  notf)  gar  nid)t 
in  itjr  gemefen  mar,  fonbern  e§  mufj  §u  biefer  ®raft  nod; 
eine  mit  t&rer  £l)ätigfett  ftet)  berbinbenbe  fcrjöpferifctie  Sbättg-- 
feit  binsugebaebt  werben,  unb  nur  eine  fötcEje  fann  aud)  ben 
eine  £|eitnaljme  an  ber  allgemeinen  ©ünbbaftigfeit  be* 
bingenben  (Sinftufs  ber  ®efcfjlect)t3tf)ätigfeit  in  ber  ©raeuguna 
aufgeben;  unb  in  biefem  ®inn  poftuürt  ieber,  ber  in  bem 
©rlöfer  eine  natürlidje  Unfünblictifeit  unb  eine  neue  Schöpfung. 
buret)  Bereinigung  be§  göttlichen  mit  bem  menfd)ti$en  an= 
nimmt,  aud)  eine  übernatürliche  ©rjeugung.  Mein  mosu  bif 
natürliche  (Sräeugung  unäureic^enb  ift,  bagu  rnufc  bie  ttjeilmetfe 
Sluffjebung  berfetben  audj  unsureietjenb  fein.  S)enn  baburd}? 
bafj  ein  Seben  in  ber  Jungfrau  obne  SBeimoljnung  entftanb^ 
fann  ba$  ©ein  ®otte§  in  bemfelben  nid)t  begrünbet  morben 
fein;  unb  eben  fo  menig  fonnte  ber  Mangel  eine§  väterlichen 
2lntt)eil§  an  bem  neuen  Seben,  memt  bodj  ber  mütterliche 
gans  ber  natürliche  blieb,  baffelbe  bon  ber  ©emeinfe^aft  mit 
bem  ©efammtleben  ber  ©ünbljaftigfeit  befreien,  ©aber 
bilbete  fid)  audj  settig  genug  bk  ergänsenbe  SSorfteHung,  aud; 
SJcaria  muffe  bon  ber  angeftammten  (günbf)  aftigf  eit  frei  ge- 
mefen fein  auf  biefelbige  SBeife.  Mein  eine§  tljeüS  müfcte 
bann  au§  bemfelben  ($5runbe  bon  ber  SRutter  ber  SJcaria  unb- 
fo  meiter  binauf  baffelbe  behauptet  merben,  anbern  tbeiB 
mürbe  bodj  audj  jebe  mirflietje  ©ünbe  ber  Ü0caria,  fofern 
nämlich  ieber  pft)d)tfd)e  Moment  audj  feine  leiblicbe  <&eite  bat» 
auf  ba§  ®inb,  fo  lange  fein  ßeben  in  bem  irrigen  eingefdjloffen 
mar,  eine  üiüffmirrung  ausgeübt  Ijaben.  ®iebt  e§  alfo  feine 
Se^re  ober  Ueberlieferung  bon  einer  fortlaufenben  IHettje  un* 
fünblidj  empfangener  unb  gebliebener  Mütter:  fo  ift  audj  bie 
51ufljebung  be§  männlichen  2lntbeil§  an  ber  feeugung  be§- 
(£rlöfer§  in  beiben  Schiebungen  unauretdjenb,  mitbin  beren 
Slnnaljme  überflüfjig.  OTeS  berubt  folglicb  auf  ber  böberen 
(Smmirfung ,  melcbe  al§  eine  fcböpferifdje  göttlicbe  Sbätigfeit 
aueb,  roenn  bk  ©rjeugung  bollfommen  natürlich  toar,  boefy 
eben  fo  ben  bäterlidjen  ©influfj  mie  btn  mütterlichen  babüt 
abänbem  fonnte,  ba|  feine  ©ünbfjafttgfeit  begrünbet  marb>. 
mie  boctj  nur  fte  bermodjte  bk  natürliche  Unboßfommenbeü 
be§  erjeugten  su  ergänzen.  $5er  allgemeine  begriff  über* 
natürlicher  (Erseugung  bleibt  alfo  mefentlicb  unb  notfjmenbig, 
menn  ber  eigentümliche  Borjug  be§  (SrlöferS  unberringert 
bleiben  fott,  bie  nähere  SBeftimmung  beffelben  aber  at§  @t* 
geugung  otme  männlidje§  Buttjim  ^ängt  mit  ben  mefentlicben 


58  ®er  djriftltdje  ©laubc.  jjtoeiter  Sfjeil. 

Elementen  ber  eigcntijümlidjen  SSürbe  be§  (£rlöfer§  gar  nid)t 
aiifammen,  ift  alfo  aud)  an  unb  für  fid)  gar  fein  Söeftanbtljeil 
ber  ctjriftiidjen  ße§rc  SSer  fie  alfo  annimmt,  ber  nimmt  fie 
nur  an  roegen  ber  in  ben  neuteftamentifdjen  (Schriften  babon 
enthaltenen  (Sraäblungen ,  unb  fo  ßetjört  ber  (glaube  baran, 
roie  an  mandjeS  £f)atföd)lirf)e  roa§  eben  fo  roenig  notljroenbig 
mit  berSSürbe  unb  bem  (äefdjäft  be§  (SrtöferS  äufammentjängt, 
nur  äu  ber£el)re  bon  ber@d)rift;  unbgeber  §at  ft<$  barüber 
uadj  richtiger  Slnroenbung  ber  bon  üjm  beroäljrt  gefunbenen 
®runb[ääe  ber  ®ritif  unb  2lu§Iegung§runft  gu  entfc&eiben. 
2öer  nun  eine  übernatürliche  (Sraeugung  in  unferm  (Sinne 
bod)  annimmt,  ber  fatrn  roenigften§  fd)roerltd)  in  bem  über* 
natürlichen  roa§  fie  enthalten  ®runb  finben,  biefen  (£rääljlungen 
ben  gefdjidjtltdjen  (Sljararter  abaufpredjen  ober  bon  ber  bud)* 
■ftäblidjen  (Srflärung  absuroeidjen,  fo  roie  bem,  ber  fie  m$t 
budjftäblicb  unb  gefdj)id)tiid)  gelten  laffen  fann,  bodj  unbe* 
nommen  bleibt,  ber  eigentlichen  Sefjre  bon  ber  übernatürlichen 
l£vseugung  treu  ju  bleiben.  Sft  es?  aber  überftüfjig,  über  bie 
jungfräuttdje  Gmpfängmfj  eine  eigentliche  Setjre  aufstellen: 
fo  ift  e§  aud)  bebenfüdj,  roeil  man  nur  gar  §u  leidjt  in  natur* 
rotffenfdjaftlidje  Untersuchungen  berrotffelt  roirb,  roeldje  ganj 
au^er^alb  unfere§  ®ehiete$  liegen.1  Unb  nun  ift  nur  über 
biefe  in  ber  (^r)rtftenrjett  allgemein  ljerrfd)enb  geroorbene  $or= 
fteßung,  um  SJcifjberftänbniffen  borsubeugen,  nod)  fotgenbe§ 
ju  bemerken.  (£rftlid),  fo  roenig  bie§  bt)t)fiologifdj  über* 
natürliche  fdjon  bon  felbft  ba§>  in  fid)  fdjliefjt,  roa§  mir  bon 
ber  göttlichen  (Sinrcirfung  bei  ber  ©r^eugung  be§  GsrlöferS 
f  orbern,  eben  fo  roenig  ljat  e§  aud)  dinfurfc  auf  ben  bolfö* 
tljümlid)en  ©fjarafter  ber  $erföntid)feit  2>efu,  toeber  um  fdjon 
für  fid)  ba$  austilgen,  roorin  eine  ®emeinfd)aft  mit  ber 
©ünbljaftigfeit  läge,  nod)  um  ilm  beffen  gu  berauben,  roa§  su 
feiner  ®efd)id;)tlid)fett  gehört.  SroeitenS,  au§  bemfetben  ®runbe 
mufc  man  ftd)  auefy  f)üten,  bie  SßorfteHung,  rote  fie  ja  feinen 
anbern  ©runb  $at  al§  bie  ebangelifdjen  ©rääl)lungen,  roeiter 
au§5ujpinnen  al§  biefe  e§  erforbern;  roonadj  bie  QMjauntung, 
9)caria  fei  fortroäljrenb  Jungfrau  geblieben,  al§  bötfig  grunb= 
Io§  ab^umeifen  ift.  2)ritten§  barf  bie  SSorfteHung  ftet)  nun 
aud)  nidjt  grünben  unb  eben  fo  roenig  fctjliefjen  laffen  wollen 
auf  eine  Sßerroerflidjfeit  be§  (S5efcr)tect)t§ triebet,  al§  ob  feine 
?öefriebigung  ettoaä  fünblictjeg  unb  ©ünbe  IjerborbringenbeS 


1  Sftan  bebente  nur  5.  33.  btc  in  ben   angeführten   Emboli fd)en  unter= 
^trid)enen  9tu§brüffe. 


Grfier  2t6idjnitt.  SSoit  bem  3u[tcmbe  be3  Triften  jc  59 

fei.  (Snblidj  ift,  menn  man  aud)  bie  ©rsäljmngen  bud)ftäbtid) 
unb  gef$id)t{id)  nimmt,  bodj  eine  bibaftifc^  genaue  Sermino* 
logie  barin  nidjt  borau§suf  e^en ;  befonber§  ift  &u  bebenfen, 
bafc  ber  Sngel  bamat§  zur  ättarta  nid)t  in  bem  beftimmteren 
neuteftamenttfd&en  «Sinn  bon  bem  ^eiligen  <35etft  reben  fonnte.1 
Stauer  atfe  erfünftelten  (Märungen2  barüber,  me§t>aib  btefe 
SBirfung  bem  f).  (Steift  befonber§  beigelegt  merbe,  unsettig  ftnb. 
9ta  gaitj  Ungemeifjete  aber  fönnen  gegen  alten  mobl  unter* 
f^eibenben  (Stebraud)  ber  SHrcbentetjrer 3  ba§  SSerrjäItni§  fo 
fcermirren,  bafj  fte  ^efum  ben  @ofjn  be§  f).  <S5eifte§  nennen. 

3.  ®ie  gmeite  Formel  unfere§  (Sase§,  meiere  ben  Buftanb 
be§  83ereintfeui§  beiber  Naturen  betreibt,  fann  aud)  nur, 
menn  mir  ben  borangeftetlten  Stoon  ju  §ülfe  nehmen,  ridjttg 
berftanben  merben.  ©onft  tonnte  man  leicht  bte  (Stemein* 
fc^aft  für  eine  gleite  galten,  unb,  meii  ein  abfoluteg  (Sleidj* 
gemixt  nid)t  üorau^ujesen  ift,  aud)  abmed)felnb  ein  lieber 
gemixt  auf  (Seiten  ber  menid)iid)en  Sftatur  annehmen.  £)te 
($temeinfd)aftlid)feit  mufc  aber  in  jebem  Moment  eine  folebe 
fein,  bafj  bon  bem  (Sein  <35otte§  in  (£f)tifto  bte  Sbätigfeit  ait§* 
gel)t,  unb  bie  menföitdje  ^atur  in  bte  (Stemeinfdjaft  berfetbeit 
nur  aufgenommen  mirb.  £)enfen  mir  Riebet  an  ben  freiließ 
nid)t  su  überfebenben  (Stegenfaj  ätütfctjert  übermiegenb  tätigen 
unb  übermiegenb  leibentüdjen  Momenten  im  menfdjltdjen 
Seben:  fo  fönnte  man  freiließ  beforgen,  ba%  bennoeb  auf  biefe 
Sßeifc  bie  SBottftänbtgfeit  be§  menfdjiic&en  ©afeinS  für  ^riftum 
berloren  ginge,  ba  ja  leibentlidje  Buftänbe  ntdjt  fönnen  bon 
bem  göttlichen  in  ifjm  au§gefjn,  unb  boeb  atfe§  bon  biefem 
ausgeben  foH,  mitbin  bxt  leibentlidjen  ü)tn  fehlen  müßten, 
gaffen  mir  btefe§  glei$  am  aUgemeinften:  fo  finben  mir  einen 
leibentlidjen  Buftanb  al§  notfjmenbig  ja  gleidrfam  ftetig  in 
(£§rifto  gefest,  fo  ba%  gern  tff  ermaßen  äße  feine  £>anbtungen 
ton  bemfelben  abhängen,  nämlid»  ba%  SD^itgefürjl  mit  bent 
Buftanb  ber  9ftenfd)en,  augteidj  aber  merben  mir  in  allem 
ma§  tjiebon  ausging  am  beftimmteften  ben  ^mbul§  be§  ber* 
föfjnenben  <Sein§  ®otte§  in  (£brifto  erfennen,  melier  alfo 


1  ©amit  ftimmt  richtig  ber[tanben  üöerein  Joann.  Damasc.  I,  19. 
.HE,  11.  -rf)  {xsv  ivaapxtussi  xou  Xoyou  ours  6  7cocT7]p  oü'xs  to  rvsÜfxa 
xa-c'  ouSeva  Xoyov  xexoivcovT]xev  ei  pj  xoct  eüSoxiav,  totetool  er  anber* 
toärtS  aud)  ungenauer  unb  anber£  rebet. 

1  Sßgt.  Gerh.  loc.  T.  m.  p.  416.,  beffen  Srttärungen  öontefjmttfl 
Hilarius  de  fid.  trin.  n.  jum  ©runbe  liegt. 

*  Siele  Stellen  f)ieru6er  6ei  Ger  h.  a.  a.  D. 


£er  c^riftlic£)e  glaube,  ^weiter  %t)til 


fdjeint  burcfj  einen  Ietbentltdjen  Buftanb,  ber  nur  in  ber 
mcnkbücben  üftatur  beginnen  tonnte,  bebingt  3U  fein.  SSenn 
nun  bem  umlud)  fo  märe,  unb  ^riftu§  tonnte  31t  allen  jenen 
fianblungen  atfo  aud)  ftreng  genommen  ju  bem  gangen  @n> 
WfungSroerl  nur  getommen  fein  burd)  eine  gteicbfam  gufätfige 
Söabrneljmung :  fo  märe  baburct)  aud)  obnfefjlbar  unfere  gan3e 
SBorfteffung  bon  bem  ©rlöfer  nid)t  mefjr  biefelbe,  metdje  mir 
un§  big  iest  oergegenroärtigt  fjaben.  llnfer  ®anon  nötbigt  un§ 
aber  aud)  bie  tnenfdjlidje  9?atur  (£f)riftt  roäbrenb  jener  SSafjr* 
nebmungen  ntctjt  al§  für  ftdj  unb  burd)  fid)  bemegt  §u  benfen, 
fonbern  nur  in  bie  (Sememfdjaft  einer  Sfjätigfeit  be§  göttlichen 
in  (£t)rifto  aufgenommen.  S)tefe§  nun  ift  bie  göttliche  Siebe 
in  (Hjrifto,  meiere  ber  menfeblicben  Statur  einmal  für  immer 
ober  in  iebem  Moment,  gteicböiel  mie  man  e§  au§brüffe, 
bie  9?id)tung  auf  bie  SSafjrne^mitngen  ber  geiftigen  guftänbe 
ber  SDtafcben  gab.  Vermöge  biefer  SSafjraelpmungen  unb  in 
Solge  berfetben  entmiffelten  ftcb  bann  roieber  bie  ^müulje  51t 
btn  einzelnen  tjülfreidjen  ipanbtungen.  (So  bafj  in  biefer 
2Bed)fe(beäiet)ung  alte  urfürünglidje  Sfjä'ttgfett  nur  bem  gött- 
lichen äufommt  unb  aUe§  leibentlicfje  nur  ber  menfeblicben 
Statur.  £)enn  aud)  bie  burd)  jene  Smpulfe  bebingten  rnenfd)- 
lieben  Sfjötigfeiten  tragen  ben  ©(jarafter  be§  leibentlictjen  an 
fid).  OTerbingS  aber  mufcte  e§  audj  in  (£f)rifti  Seben  anbere 
leibentlictje  ßuftänbe  geben,  bit  nid)t  Oon  trgenb  einem 
geiftigen  $möut§  ausgeben,  fonbern  nur  Don  bem  natürlichen 
3ufammen^ang  ber  menfd)lidjen  Drganifation  mit  ber  äußeren. 
9?atur.  $luf  biefe  Buftänbe  nun  ift,  ebenfalls  unferm  ®anon 
gemäfe,  bie  urfprünglid)  nur  für  ben  2lct  ber  Bereinigung  be- 
ftimmte  gormel  anauroenben,  bafj  bie  menfcbliclje  Statur  nid)t 
bie  toerfönlicbe  (£briftt  fei  bor  itjrem  aufgenommenfein  in  bie. 
Bereinigung  mit  ber  göttücben.  ®enn  alle  foldje  guftänbe 
roaren  nod)  unüerfönüd) ,  fo  lange  fte  blofj  leibenttid)  maren ; 
iljr  auf  genommenen  erben  in  ba3  innerfte  toerföntidje  Bemüht* 
fein  aber  unb  iljr  burd)brungenmerben  bon  einem  göttlicbett 
SmüulS  mar  fo  febr  eine§,  bafe  fie  bor  bem  legten  nur  nod) 
al§  ein  äufjeritdjeS  unb  frembeS  aufgenommen  mürbe,  ©a 
bafj  mir  aHe§  sufammengefafct  fagen  tonnen,  fein  tbätiger 
3uftanb  fönne  in  (£fjrtfto  gemefen  fein,  ber  nid)t  at§  ein  für 
fief)  beftebenber  betrachtet  bon  bem  ©ein  ®otte§  in  iijm  märe 
angefangen  unb  oon  ber  menfd)ttd)en  9?atur  oollenbet  roorben,, 
unb  eben  fo  fein  leibenber,  beffen  ibn  erft  ju  einem  perfön- 
lieben  erbebenbe  Bermanblung  in  £bätigfeit  nierjt  benfetben 
<&ang    genommen.    —    ^iegegen   märe   allerbingS   bie  (Sin- 


ferfter  Stfifänitt.  SSon  bem  3u[tanöe  beS  gljriften  m. 51 


ttenimna  §u  machen,  ba£  raenn  man  einzelne  Momente  unter* 
icbeibet,  unb  ben  Anfang  aller  auf  btcfc  Sbcijc  gttlt«  aar 
cinanbcr  folgenben  SJätißfeitcn  bem  göttlichen  m  (Sfjrifto  w* 
fcbreibt,  bte[e§  at§bann  ßetoifc,  tu  Sßiberfprucfj  mit  beut  tu a§ 
<öou  einem  (Sein  (55otte§  getagt  »erben  fantt,  als  etn  aeitltcbeä 
mit  entftefcenber  unb  bergef)enber  fc&ätißfeit  betrieben  mirb 
Mein  aucb  biefe§  löfet  fiel»  auf»  raenn  mir  nun  bie  fd)on  oben 
auf  baffetbe  Bebenten  $inft<fctU«  be§  21cte§  ber  Bereinigung 
gegebene  Slntmort  na«  Anleitung  unfere§  ®anon  fortfesenb 
lagen,  ba£  aud>  mä^renb  be§  Bereintfein§  ba§  gottit«e  äBefext 
in  eSrtfto  ft«  felbft  ßlei*  bleibenb,  nur  auf  settlx^e  SBetfe 
tbätiq  geraefen,  unb  nur  bie  fäon  bermenldjtictjte  in  ba§>  ©e* 
feiet  ber  ©rfcr-einung  übergebenbe  ©eite  biefer  ^ättgfeit  seit* 
m  fei     ©o  ba£  in  ßbrtfto  felbft  bie  uiibrünguctje   auf* 
nebmenbe  göttliche  3S&tißfeit  unb   bie   göttliche  »«gg«t 
raäbrenber  Bereinigung  nicfcjt  ?>vl  untertreiben  ift ;  aue^attß* 
leiten  aber,  fo  fern  fte  seitlich  untertrieben  raerben,  and)  nur 
■(Sittitriftlunßen  ber  menfd)lic^en  finb.    Seber  tätige  SKoment 
«rtftf,  mocbte  er  nun  mefcr  ai§  Berftanb  entgleit  ober  afö 
tfiSillengt&ätißfett  anpfefcn  fein,  mar  auf  menfcrjlictje  S55et)e 
Sorben  ein  SMultat  ber  äeitlic^ert  ©ntrailflung;  unb  nur 
•injofern  alle  erfäeinenbe  £f)ätigfeit  (Sfirifti  nur  fo  aufsufaffen 
m    fann  man  il)m  mit  ^ect-t   eine  botfftänbige  menfcrjiic^e 
Seele  auftreiben,  bie  aber  innerlich  bon  biejem Ruberen 
-cm  ®otte§  in  il)m  getrieben  mirb ,  weldjeS  fiel)  felbft  gleid? 
bleibenb   unb   unberänberiictj   jene   in  ber   gWanntßfaittßfett 
tfjrer  Functionen  unb  Momente  burdjbrinßt ,  tote  ftdj  btefe 
2ftannigfattig!eit  immer  meiter  entrailfeit.2    $ie§ift  nun  auctj 
ber  (Sinn  be§  SluSbruffS  ber  (Schule,  ha%  bie  Bereinigung 
-eine  berf  öntidje  fei.    SRüfct  eine  eigne  Dtour  fott  baburd)  I 
toerben,  roeld)e  bon  anberem  menfälidjen  Sem  fonnte  unb 
müftte  untertrieben  merben,  fonbern  raa§  but*  baS  ©eut 
•dtotteS  in  ©tjrifto  mirb  ift  atCe§  boltfommen  menfähfo  unb 

1  Unter  2.  in  Mefem  §. 

*  ©affelbe  fagt  nnter  SCnberm  fdjoit,  foenn  man  ttjn  nur  richtig  auffafet, 
Joann.  Dam.  III,  7.  (p.  215  seq.)  'Iaxs'ov  8s,  cüS  eI  xat  «ep^wpetv 
£v  aXXy-Xats  xa?  *ou  xupiou  <?uaei?  <paf«v,  aXX  ovi8ajj.ev  ottw?  ex  x9js 
.«•Sias  ©uaew;  r\  «spix/üpici?  Y^Yovev>  a5T7l  Fv  W  8l*  wavxwv  Soixet 
xoö-cüs  '  ßouXexat  xa\  Ttept^pei,  81  a6xfj?  8s  ouSe'v.  xa\  auxr)  (xkv  xwv 
oixs'ltov  au/_T]p.axtüv  xf  aapxi  {isxaSiSwai  (tooöon  toetter  unten)  [xevouaa 
«uxr:  araO-r|C,'  xai  xwv  x%  oapxo;  -afrwv  (moäu  aud)  atte§  äeitlidje  ge* 
:i)ört)  aasxoyoci 


62  £er  djriftltdje  ©lauBe.  3tt>eiter  £!}eU. 

conftihurt  sufammen  eine  (Sinljeit  eine§  naturgemäßen  2eben§*; 
bertnufeS,  in  meinem  atte§  roa§  gut  Gsrfcrjeinung  fommt  reiit 
menfdjlid)  ift  unb  eines  au§  bem  anbern  geatmet  inerben  fann, 
inbem  jeber  Moment  bie  früheren  borau§  fe^t,  gans  berftanbett 
ober  nur  aüe§  Werben  !ann  unter  $orau§feäung  iener  $er* 
einigung,  burdj  Welche  allein  biefe  $erfon  Werben  ronnte,  fo 
ba%  aud)  ieber  Moment  baZ  göttlidje  in  (£l)rifto  al§  ba§  ifyn 
bebingenbe  !unb  giebt.  Unb  Wenn  wir  nadj  allem  bisherigen 
ba§  Gebiet  unserer  beiben  ©äse  gegen  einanber  abwiegen,  fo 
werben  wir  fagen  muffen,  ba%  au§fd)ließenb  ber  erfte  nur 
anwenbbar  ift  für  ben  fd)fed)ttjin  erften  Anfang  be§  2)afein§ 
al§  ba§  Seben  ol§  ein  einfaches  Würbe,  mithin  baß  biefeS  bor 
bit  sufammenbängenbe  (£rfd)einung  (£f)rtftt  fällt.  Unb  thtn 
|o  au§fd)Jteßenb  ber  teste  nur  nad)  biefer  ©rfdjeimmg,  benn 
nur  wenn  ba§  menfdj)licrje  fctjtecr)tr3iit  bollenbet  ift,  unb  nidjt§ 
meljr  Wirb  in  bem  Bufammeniein  mit  bem  ©ein  (Sotte§,  fann 
e§  au§fd)ließlid)  mitwirfenb  fein.  Unb  fo  ift  e§  begreiflich, 
baß  e§  für  bie  £eit  biefer  ©rfcrjeinung  gWei  berfdjiebene  2luf* 
faffung§ weifen  giebt,  weldje  wiewol  äufammengetjörtg  au§ 
Unfenntniß  üjre§  wahren  SBerljältniffeS  fictj  feinbfelig  gegen^ 
über  fteHen.  S)te  eine  welche  in  jebem  Moment  fo  au§s 
fdjlteßenb  auf  ba§  anfangenbe  göttliche  fteljt,  ba%  fte  in  (Bt- 
fatir  ftet)t  ben  menfcfj  ticken  Bufammenljang  au§  bem  Huge  gu 
berlieren;  bie  anbere  Weldje  überall  fo  boßftänbig  ben  rnenfd)* 
liefen  3ufammenl)ang  ergreifen  Witt,  ba%  Wenig  fefjtt,  fie  ber* 
löre  ba$  jum  ®runbe  liegenbe  göttlidje  au§  ben  Slugen. 

4.  Mit  beiben  gormein  unfere§  2ebrfa§e§  ftimmen  audj 
bie  alten  freilief)  bloß  bermafirenben  nidjt  aber  irgenb  zttva& 
conftruirenben  Regeln  überein,  Welche  im  (Befolge  ber 
(Soncilienberbanblungen  fdion  in  ben  älteften  ©bftemen1  au§* 
geführt  ftnb.  S3ei  ber  -erften  ©reüjeit  berfetben2  liegt  offen* 
bar  ber  ®ebanfe  sunt  ©runbe,  ba%  bie  gcttlicrje  Sftatur  in 
CDjrifto  bon  ber  menfdjlidjen  in  if)tn  auf  feinerlei  SBetfe  ge* 
Rieben  fei,  fo  ba%  man  beibe  bon  einanber  fonbern  fönne. 
!^ebe  ©Reibung,  Wenn  man  fte  audj  nad)  Anleitung  jener 
pormeln  räumlich  ober  seitlid)  faffen  wollte,  lönnte  boc§ 
immer  nur  eine  ©djeibung  ber  Stjätigfeiten  fein;  unb  gäbe 
e§  nun  eine  foldje,  fo  müßte  e§  in  ßbrtfto  auf  ber  einen 
(Seite  menfdjlidie  SDjätigfetten  geben,  bie  aud)  nidjt  oon  bem 
^mpuIS  bc§  göttlichen  abhängen,  unb  auf  ber  aubern  gött* 


1  $.8.  Joann.   Dam.  III,  3  flgb. 

*  a^wpiarcü?  aötatpeiws  miö  äoiaaTaxtog. 


(Srfter  Sttfdjnitt.  SSon  bem  Buftcmbe  be§  ©Triften  :c.  63 

liebe  bte  ftcb  burd}  nid)t§  in  feiner  tnenfdjlidjen  Statur  funb 
gegeben  fjätten.  2)iefe  fönnten  aber  audj  tfjre  Slbftammung 
au§  bem  Slct  ber  Bereinigung  niebt  nadjroeifen,  lt»eil  fte 
leine  5t e^nlid) feit  mit  bemfelben  an  ftcb  trügen;  nnb  fomit 
mebren  jene  gormein  baffelbe  ab  ma§  aueb  nn[er  ®anon  ab* 
roebrt.  S5ie  anbere  ^reibeit1  §at  gana  beutltct)  bie  %b* 
ameffung  \ebe  Borfteftung  öon  einer  ttmänberung  ber  einen 
9catur  bureb  bte  anbere  abaitmeifen.  SDurcb  eine  jebe  folctje 
nun,  bie  ia  bon  bem  menfeblicben  müfjte  ausgegangen  fein, 
märe  ba§  göttlicbe  ein  seitiieb  unb  räumlicb  bebingte§  ge* 
morben;  fo  mie,  menn  bie  menfcblicbe  bureb  ba§  göttliche 
märe  beränbert  morben,  bie  $erfon  au§  ber  ^bentität  mit 
ben  übrigen  berau§  gerußt  morben  märe,  ^n  betben  gälten 
alfo  beftänbe  niebt  bie  Bereinigung  be§  göttltctjert  mit  bem 
menfeblicben.  S)te  3lb§me?fung  ift  alfo  aueb  bier  biefelbe, 
meSljalb  mir  ba§  götttiebe  in  ber  Bereinigung  fo  %u  faffen 
fueben,  mie  e§  allein  mit  ber  Botlftänbigfeit  be§  menfeblicben 
befteben  fann,  unb  umgefebrt.  9?icbt§  befto  meniger  ftub 
biefe  gormein  niebt  mieber  aufaunebmen,  ba  fte  burebaug 
auf  ber  Borfteßung  ber  ©ottbeit  als  Statur  bemben,  melcbe: 
überall  nur  bermirrenb  einmirfen  fann.  —  tflit  biefen 
negatiben  gormein  märe  e§  and)  3eit  ber  SDogmengefcbicbte 
aueb  bie  pdtft  leere  formatiftifebe  Sbeorie  an  übergeben,  mie 
©äse  bon  Sbrifto,  menn  fte  richtig  fein  foHen,  berfdjieben 
muffen  gebilbet  merben,  je  naebbem  bon  ber  ganzen  ^erfon 
(£brifti  ober  nur  bon  einer  oon  beiben  Naturen  bie  9?ebe  ift 
©ollen  bergleidjen  Regeln  aueb  als  9corm  für  ben  2lu§bru!f 
auf  bem  (gebiet  ber  erbaulichen  ÜDxittb  eilung  bienen,  bamit  er 
ftcb  nur  innerhalb  biefer  ©ebranfen  bemege:  fo  fönnten  fte 
nur  nüalicb  fein  in  Betten  ber  Berfeaerung§[ucbt,  bie  boeb 
unter  biefer  gorat  febmerüdj  mieberfebren  mirb.  ^m  all* 
gemeinen  bürfen  mir  un§  jenen  älteren  Reiten  niebt  gleictj* 
fteEen,  mo  ber  ftrengere  Sebrau§brutf  nur  au§  ben  bolf§* 
mäßigen  ©arfteüungen  auSgeaeicbneter  Scanner  ftet)  attmäbüg 
geftaltete.  ©onbern  jeat  ba  ba§  ©Aftern  boltenbet  ift,  unb 
bie  ©ntmütlung  ber  ©cbule  ibren  eigenen  ©ang  gebt,  muffen 
bie  djriftlicben  SRebner  fo  gut  al§  bie  Siebter  bie  greibeit 
baben  ftcb  aueb  foleber  51u§brü!fe  au  bebienen,  melcbe  ftcb  in 
bie  Terminologie  ber  ©ebute  gar  niebt  einfcbalten  laffen, 
menn  fte  nur  in  ibrem  unmittelbaren  Bufammenbang,  au§ 
bem  fte  niebt  IjerauSgeriffen  merben  foHen,  unbebenflic^  fmb, 


1  avaAXoiwrwi;  axpirrcoiq  unb  aauyyuTwc. 


(j  \  ©er  djriftlidjc  ©laufte,  ßtoelter  Sfjeil. 

unb  nid)t§  bie  SSürbe  be§  (£rlöfer§  berringernbe§  ober  ba% 
(55efüX;l  für  biefelbe  berlesenbe§  sunt  ©runbe  liegt.  (Sotten 
hingegen  biefe  Regeln  nur  ber  (Schule  felbft  bienen  um  ftdj 
auf  iebem  $unft  befto  letzter  über  bte  Bufammenftimmung 
einzelner  gormein  mit  ben  allgemeinen  ©äsen  ju  orientiren: 
fo  finb  fie  31t  ferjr  auf  ben  ©ebraudj  be§  3lu§bru!f§  9?atur 
für  ba$  göttliche  rote  für  ba§>  menfdjlidje  baftrt,  al§  bafj 
fte  bon  ^itgen  fein  könnten,  menn  man  biefe  2)arfteltung§= 
roeife  berlä|t.  Hub  mir  Ijaben  einen  roeit  befferen  Marion 
an  ber  formet  ba%  in  (Sljrifto  erft  bie  (Scpbfung  be§ 
SOcenfdjen  boHenbet  ift.  ©enn  ba  ba%  if)n  bon  allen  5lnbern 
unterfd&eibenbe  [ein  SnncrfteS  ift:  fo  ntu§  nun  ba%  ibm  ein* 
moljnenbe  (Sein  ©otte§  fiel)  ivl  ber  gefammten  menfd)lidjen 
9catur  behalten,  mie  ba$  borfjer  innerfte  ju  bem  gefammten 
menfd)lid)en  Drgant§mu§,  metdje  Analogie  ftdj  auc§  f$on, 
menngleidj  ni<$t  beutlidj  au§ge|brod»en,  burdj  bk  gange  big* 
Ijerige  ©arfteüung  gesogen  Ijat. 

5.  5tu§  ber  Ijier  bargelegten  SBefcfiaffentjeit  be§  (Sein§ 
©otte§  in  (£l)rifto  unb  ber  9cotl)menbigfeit  bie  SBefjanbhtng 
be3  l)öd)ften  2Sefen§  at§  eine  9catur  aufzugeben,  fo  mie  au§ 
bem  ma§  fdjon  über  bie  göttlichen  ;@igenfdjaften  gelehrt 
morben,  folgt  fdjon  bon  felbft,  ba%  bie  £§eorie  bon  einer 
gegenfeitigen  ÜDcittlj eilung  ber  (Sigenfd)  af  ten  beiber  Naturen 
an  einanber  ebenfalls  au§  bem  Scljrbegriff  ju  bermeifen 
unb  ber  ($5efdjid)te  beffelben  su  überliefern  ift.  2>enn  fofern 
mir  äu  unfern  SSorfteÜungen  bon  Qottlicrjen  (Sigenfdjaften 
nur  burd)  Analogie  gelangen,  fagt  bie  Beilegung  göttlicher 
Gigenfc^aften  an  bie  menfdjUdie  Diatur,  menn  biefe  nidjt 
burd)  bie  llnenblidjfeit  berfelben  serftört  merben  fott,  ni<$t§ 
au§  al§  bie  fdjledjt&ütige  menfdjlidje  SBortreffltdjfett.  (Sofern 
aber  auf  ber  anbern  Seite  iebe  einzelne  l£igenf$aft  nur  eine 
Negation  be3  menf<$Ii<$en  2öefen§  ift,  unb  fie  nur  menn  in 
(£in§  sufammengefdjaut  baZ  göttliche  SBefen  barfteEen  fönnen: 
fo  erträgt  bie  menfd)li$e  Statur  and)  fd)on  bie  einseinen 
©lieber  tiefer  Bufammenfdjiauung  nid)t.  SSottte  man  §.35. 
ber  menfd)Ud)en  Sftatur  bte  Sbentität  bon  OTmiffenljeit  unb 
OTmadjt  beilegen,  fo  bah  bit  eine  unb  felbige  attroiffenbe 
TOmad)t  unb  allmächtige  Slllmiffentjeit  ber  göttlichen  9catur 
bie  angenommene  menfd)li$e  follte  burc^brungen  fcaben,1  mie 


1  <5.  Sol.  decl.  p.  778.  cum  tota  divinitatis  plenitudo  in  Christo 
habitet    ut   in   proprio    suo    corpore    etiam  .  .  in    assumpta  humana 


(Srfter  Hbfcfjnitt.  SSoit  bem  3uftcmbe  be§  Triften  jc  05 

bie  ($5Iutfj  ba§  GStfen:  fo  ronnte  roäljrenb  biefer  SCPiitffjeilung 
nt($t§  menfcrjUcrjeS  metjr  übrig  fein  in  (Eljrifto,  roeil  atte§ 
men)ä)lid)e  roefentticfj  eine  Dtegaiton  ber  allroiffenben  5111* 
mad)t  tft.  ®ommt  man  alfo  barauf  surüff  bit  göttlichen 
Gigenf($aften  al§  gang  ober  sunt  größten  Strjeil  auieScirenb 
äu  benfen  —  borf)  ift  bann  ba$  erftere  allein  folgerecht,  fo 
bafs  aitdj  bie  SSunber  ntctjt  auf  eine  al§  Slu§na^nte  ein*  i 
getretene  SSirtiamfeit  ber  göttlichen  (Sigenfcr>aften  surü?!*  | 
geführt  roerben2  —  fo  geigt  fiel)  bie  Seerfjeit  biefer  gangen 
Stjeorie  auf§  beutlicrjfte.  Senn  ba  göttliche  (Eigenfdjaften 
nur  Soätigfeiten  finb,  roorin  befterjt  bie  SO?itttjet(ung  ber* 
felben  roenn  fie  untätig  finb?  Stucrj  rjörte  bann  bk  $er* 
einigung  ber  Naturen  gän^lid)  auf  eine  bogmatifdje  %$ox* 
ftettung  im  engeren  ©inne  51t  fein,  ba  fie  gar  nicrjt  eine 
2Tu§fage  über  einen  bon  ßfjrifto  empfangenen  (Sinbruff  fein 
tonnte,  inbem  bie  quie§cirenben  ©igenfcrjaften  aucrj  nicrjt  in= 
birect  fönnen  gur  Sßaljrnerjmung  fommen.  (Sben  fo  tft  e§ 
mit  ber  Sftttf&eÜung  menfci)  lieber  ©igenfcrjaften  an  bie  gött= 
lict)e  Statur.  S)enn  auf  ber  einen  (Seite  finb  alle  5lu§fagen 
über  unfer  ©otte§berouf3ifein  eine  foldje  Beilegung,  fofern 
alle  göttlichen  (gigenfcrjaften  öon  menfcrjücrjen  hergenommen 
finb.  <si>onft  aber  mufj  ba§  göttliche  Söefen  aufgehoben 
merben,  roenn  ber  göttlichen  Dcatur  auct)  baSjenige  menfcrjlicrje 
unb  fo  beigelegt  roerben  foE,  roa§  unb  roie  e§  bei  berSMlbung 
göttlicher  ©igenfcljaften  Ijätte  befeitigt  roerben  muffen.  SSenn 
l.  58.  ber  göttlichen  ^atur  irgenb  menfcrjlicrje§  unter  ber  j 
gorm  ber  SeibenSfäljigfeit  mitgeteilt  roerben  fotC:  fo  fann 
bei  einer  folgen" IQcTttl)  eilung  nichts  göttliches  meljr  Statt*  j 
finben,  ba  ja  fcfjon  lebe  ausgezeichnete  menfcrjlicrje  35ortreffItctjs 
fett  eine  SSerminberung  ber  Setb en§f ärjtgf eit  ift,  unb  ba  fcrjon 
ba$  innerfte  gottärjulictje  be§  9#enfcrjen  ni$t  forool  leibet  al§ 
nur  feine  Srjättgr'eit  al§  ©egenroirfung  beftimmt  SSenn  aber 
§um  Srjeil  beStjalb  geglaubt  roorben  tft,  man  muffe  aucrj  ber  | 
göttlichen  Statur  in  (S^tjrtfto  bie  &eiben§färjigfett  beilegen,  | 
roeil  fonft  bem  Reiben  (Stjrifti  bie  erlöfenbe  ®raft  fehlen 
roürbe:8  fo  rjat  bieg  tbtn  fo  fetjr  ältere  SluSfprücrje  gegen 


natura  divinam  suam  virtutem  exerceat  .  .  idque  ea  quodammodo 
Tatione  qua  .   .  ignis  in  ferro  candente  agit. 

*  <5.  3leittlj.  ®ogm.  §.97.  2,  6. 

8  Sol.  de  cl.  p.  771.  Si  enim  persuaderi  mihi  patiar  ut  credam 
solam  humanam  naturam  pro  me  passam  esse,  profecto  Christus  mihi 
non  magni  pretii  salvator  erit,  sed  ipse  tandem  salvatore  eget. 


66                        ®er  djriimdje  ©lau&c.  3toeiter  Sfjeir. 


ftcb,1  al§  eS,  tüte  unten  §u  geigen  fein  wirb,  auf  unnötigen 
SSorftetfungen  bon  beut  (SrtöfungSmerf  beruht.  Hub  fo  tonnte 
man  nml  fagen,  ba%  biefe  Sebre  bon  ber  gegenfeittgen  SQfät* 
Teilung  ber  ©igenfcbaften  rein  unb  tuabrbaft  burdjgefüljrt 
bte  ^Bereinigung  beiber  Naturen  raieber  aufgeben  tnüfjte, 
inbem  jebe  Sftatur  pfolge  biefer  üDcittbeilung  aufhören  mürbe 
3u  fein  maS  fie  ift.  £>ie  SBerroerfung  btefer  Stbeorie  ftfjliefjt 
aber  feineStoegeS  eine  23egünftigung  ber  reformirten  ©cbute 
.  gegen  bte  lutberifc&e  in  ftcb.  2)emt  memt  bte  erftere  bafür2" 
dou  entgegeugefesten  ©igenfcfjaften  aroeter  Naturen  tu  @iner 
$erfon  rebet:  fo  trifft  fte  ntdjt  mit  Unrecbt  ber  SSorrourf 
ßbriftum  ju  jertrennen,  metl  meber  entgegengefejteS  (EinS1 
fein  fann,  nodj)  aucb  bte  Naturen  (£inS  fein,  menn  ibre 
(Eigenfcbaften  getrennt  gebalten  roerben.  SSietool  einer  ä§n^ 
Itcben  ßertrennung  aud)  bte  Stnbern  ntcbt  entgeben.  $)enn 
folt  bte  ÜÖcittbeilung  ber  (Stgenfcfcaften  eine  reale  fein;  fo 
entfielen  burcb  biefelbe  in  ieber  Statur  jmet  91rten  bon 
SDjätigfeiten,  meiere  niebt  ©ine  fHetrje  auSmacben  !önnen  §.  £t 
in  ber  menfcblicben^arurSbrifti  borftellenbe  ibätigfeiten,  fo* 
mot  nadj  ber  Söeife  beS  befebränften  SöemufctfeinS  als  nacb 
ber  ber  mitgeteilten  TOhriffenfjett.  Söeibe  Sebrmetfen  ftnb 
baljer  gleich  bertoerflicfy,  mie  fte  ia  audj  beibe  auf  bie  falfdje 
SSorftettung  bon  einer  göttlichen  Statur  gurüffgeljen ,  ber  ein 
®reiS  bon  (Sigenfdjaften  roirfüd)  sufomme. 

§.•98.  SrUjter  Se^tfaj.  ©&riftu8  fear  uon  allen 
anbern  3Jtenfd)en  untergeben  burd?  feine  n>efentltd&e  VLn* 
fünbücfyfeit  unb  feine  f$le$tf)tnicje  SBoIIfommenfyeit. 

1.  Unter  toef  entließ  er  Unfünblid)!eit  ift  eine  foldje  §u 
!berftel)en,  meiere  ifjren  sureidjenben  ©runb  in  bem  inneren 
i  feiner  $erfönlicbfeit  felbft  ^at,  fo  ba%  fie  unter  UmS  immer 
für  äußeren  Delationen,  toobei  imir  au$  baS  leibliche  fdjon 
al§  ein  5leu£ereS  gelten  laffen  fonnen,  bttrcbauS  biefelbe  mürbe 
gemefen  fein;  unb  burcb  btefert  StuSbruff  ift  roenigftenS  ber 
©treitjwnft  mit  sureiebenber  33eftimmtbeit  aufgeteilt,  inbem 
aufolge  beS  bisherigen  biefer  innere  ®runb  fein  anberer  fein 

1  Joann.  Dam.  III,  7.  äuttj  p.lv  (^  (hia  epuai;)  twv  ofcetav' 
auy7][a.aTwv  zf  aapxi  |j.eTaoioü)ai  pivouaa  auxr)  otzöl&ti;,  xa\  twv  tt? 
oapx.o?  -a{)ä>v  apizoyoq 

2  Conf.  Gall.  XV.  p.  116.  manente  tarnen  unaquaque  illarum 
naturarum  in  sua  distineta  proprietate  etc.  ©&en  \o  Conf. 
Belg.  XIX. 


grfter  Stöfdjnitt.  SSon  bem  3uftanbe  be§  Triften  ac  07 

fann  als  bie  SSerbinbung  beS  göttlichen  imb  menfdjlidjen  in 
fetner  Sßerfon.  2BaS  mir  in  einzelnen  gäHen  unmittelbar  er* 
fatjren,  muffen  mir  unS  au<$  im  allgemeinen  als  möflltdj 
benfett,  nämlid^  bafj  burdj)  eine  günftige  Verfettung  ber  Um* 
ftänbe  baS  Sßirflidimerben  ber  <Sünbe,  aud)  baS  innere,  oer* 
Ijinbert  iuerben  fann,  aber  fo,  ba%  mir  unS  babei  ttid)t  nur 
unfrer  felbft  als  fünbiger  äftenfdjjett  bemufct  bleiben,  fonbern 
au$  burd)  bie  2Saljraef)mung  felbft  in  biejem  SBettmfctf  ein  itodj 
beftärft  merben,  meil  fte  baS  in  ftd)  fd)lief$t,  ba%  ber  innere 
(£5ruub  guitt  Slbmeljren  ber  <Sünbe  feblte.  ©ine  folc&e  im 
Vergleich  mit  jener  nur  sufäUige  Unfüublidifeit  mürbe  alfo 
nidjt  nur  ben  eigentljümlidjett  Vorzug  beS  (SrlöferS  ni^t  auS* 
brüffen,  fonbern  mo  bie  innere  ÜDWgüdjfeit  §u  fünbigen  gefejt 
ift,  ba  ift  audj  menigftenS  ein  uitenblid)  fleineS  ber  äßirflidj* 
feit  als  Sftidjtung  mitgefest  (So  bafj  mer  ftdj  mit  einer  folgen 
SufäEigen  Uttfünblidjfeit  für  ben  (£rlöfer  begnügen  fann,  il)m 
audj  mirb  mirflidie  ©ünbe  Ijingeljett  laffen  fönnen,  fofern  fte 
nur  ni$t  fo  §ur  Söabrneljmung  gefommen  ift,1  ba%  fiel)  irgenb 
einer  für  irgenb  einen  Slugenbliff  über  ibn  ftellen  fann.  2)ie 
gemöfjnlidjen  gormein  ber  ©djule  hingegen  faffen  ben  Unter* 
i"ct>teb  nidjt  mit  gehöriger  (Schärfe  auf,  unb  ber  (Streit  äraifd&ett 
iljnen  geführt  erfdjetnt  ganj  leer.  2)te  gormel  potuit  non 
peccare  fagt  atterbtngS  ben  mefentlidjett  SSorjug  ©tjrifti  auS, 
menn  man  fte  als  ®egenfas  gegen  ben  Suftanb  aller  anbern 
Xtfettfd^ett  fafjt.  2)enn  biefe  inSgefammt  fönnen  niemals  ntd&t 
fünbigen,  fonbern  bie  ©ünbe  fcf)lei$  ftdj  in  alleS  mit  ein, 
metdjeS  ftreng  genommen  oermöge  jenes  unettbticl)  fleinen  bann 
aud)  bei  GPjrifto  ber  galt  fein  müfjte,  toenn  eine  reale  dJlÖQ* 
itdjtett  m  fünbigen  in  ifcn  gelegt  mirb.  SDte  gormel  fagt  aber 
jenen  Vorzug  rticr)t  auS,  fobalb  [fte  etmaS  anbereS  fagen  mfcff 
als  bie  anbere  non  potuit  peccare,  benn  als  (SJegenfas  ju  biefer 
idjliefet  fte  bie  Sftöglidjfeit  §u  fünbigen  in  ftdj.  (£ben  fo  oer* 
Ijält  eS  ftdj  aber  auct)  mit  ber  lederen;  benn  man  fann  fte 
audj  gebrauten,  menn  man  nur  eine  allgemeine  göttliche 
23emat)rung  über  bem  (Srlöfer  maltenb  annimmt,  fo  ba%  audj.biefe 
bem(35eljalt  unferer  gormel  nur  entfpridjt,  menn  man  fte  jener 
erften  in  bem  angegebenen  |(Sinne  gleich  fest.  —  (Sdjmierig 
aber  bleibt  eS  immer  audj)  oott  unferer  gormel  auS  §u  be* 
ftimmen,  maS  nun  burd)  biejelbe  Oon  (£fjrifto  auSgejcbloffen 
mirb,  fo  ba&  aUeS  unoerfebrt  bleibe,  maS  ü)m  oermöge  feiner 
(Stteidjljeit  mit  unS  äufommen  muß.    Unb  biefer  $unft  ift  un* 


1  3°$.  8,  46. 


£er  djrlftltdje  ©laute.  3^ctter  S^eiL 


ftreitig  ein  folctjer,  bon  toeldjem  au§  fic^  biet  rae[entltdje§  für 
bie  d&rtftlidje  (Sittenlehre  müfete  entnrifteln  laffen,  inbem  alles 
barauf  surüfttommt,  ben  Anfang  ber  <Sünbe  §u  beftimmen. 
(Sine  befonbere  (Stfinrierigfeit  entfielt  Ijier  baraug,  ba%  ftfcon 
in  ben  erften  geugniffen  be§  ®lauben§  (£f)rifto  sugefcf)rieben 
mirb,  berfud)t  morben  %u  fein  in  allen  (Stuften,  meines  gu^ 
folge  nnferer  obigen  Söeftimmung1  fctjon  bie  (Sünbe  in  ftdj 
fdjüefct,  roenn  nrir  märe  e§  aucrj  nur  ein  unenblidj  flehtet  bon 
®ampf  babei  beuten.  5luf  ber  anbern  (Seite  gehört  bie  (5m- 
pfänglid)fett  für  ben  ®egenfas  be§  angenehmen  unb  unan= 
genehmen  sur  Sßaljrljeit  ber  menf<$tid)en  -iftatur,  fo  ba&  Sufi 
unb  Unluft  muffen  auf  unfünbticfce  SSetfe  fein  tonnen,  unb 
'bann  änrif<$en  biefem  Moment,  roenn  Suft  ober  Unluft  auf 
unfünblicfje  SSetfe  finb,  unb  bem,  rcenn  ber  ®ambf  beginnt, 
ber  Anfang  ber<Sünbe  liegen  mufj.  teufen  roir  nun  jugteid^, 
bafj  in  föfjrifto  ieber  Moment  burdj  ba$  (5$otte§6ettmt$t|em 
beftimmt  fein  mußte:  fo  folgt,  ba%  and)  in  iljm  Suft  unb  Un= 
luft  fein  tonnten,  aber  nidjt  al§  ben  Moment  beftimmenb, 
•  mithin  nur  al§  ©rgebnifs  eine§  auf  bie  iljm  angemeffene  SSctfe 
beftimmten  9Komente§.  ©oldje  (Srgebniffe  finb  fie,  in  fofern 
fie  gans  al§  ©mbfinbung  ober  (S5efüt)l  in  ben  ©Traufen  be§ 
ruljenben  SöehmfetfetnS  bleiben,  nidjt  aber  fofern  fie  in  ba§ 
Söegetjren  ober  Slbftofeen  übergeben.  Su  ber  Slnnä^erung  bon 
beiben  befteljt  nun  eben  bie  Sßerfucrjung ,  unb  (£fjriftu§  fann 
uerfudjt  morben  fein  unbefcfjabet  ber  mefentlidien  Unfünbüdj* 
feit,  nur  fo,  bafj  Suft  unb  Unluft  ifjm  jugefübrt  roorben  finb 
al§  gefteigerte  (Smbfinbung,  bie  roefentüd)e  Unfünblic&feit  aber 
ben  ®runb  enthielt,  baf;  fie  nie  titva§>  anbere§  merben  tonnten, 
al§  Slngeiger  eine§  3uftanbe§,  aber  olnie  alle  beftimmenbe 
ober  mitbeftimmenbe  toft,  mit  aber  fo',  ba%  ber  Uebergang 
au§  jenem  inbiefe§  jemals  hürflidj  ftattjgefunben  Ijabe.2  9^ur 
ift,  fofern  biefe  SHegel  für  alle  £eben§momente  (Sljrifti  oljne 
Unterfdjieb  gelten  mufc,  i\x  bemerfen,  bafj  fie  nur  für  ein 
entnrittelte§  Söehmfctfeut  au§gebrütft  ift,  bafj  aber  audä  bie. 
®inb§eit  (Sftrtfti  ben  (Sljarafter  ber  botffommnen  Unfdjulb  nur 


1  Sßflt.  §.  94,  4. 

s  58ei  biefer  SluSeinanberfeaung  fonnte  idj  auf  bie  Sßerfuc^uttö§gefc^ic^te 
nidjt  befonberä  93eaug  nehmen,  »eil  e§  mir  unmöglich  ift,  fie  al§  ®efd)ict}t§= 
eTääfjIung  p  6etract)ten.  Offenbar  aber  ift  bud)ftäblicr)  genommen  iljr  $n= 
Salt  ein  foldjer,  ba&  ©IjrlftuS  mitten  im  tätigen  ßeben  fc^r  oft  öiel 
{tarier  mufs  berfudjt  morben  fein.  SBe31jal&  aua]  bergrää^ler  feineän>ege8 
5u  tabeln  ift,  ber  (Sut.  4, 13.)  bie§  nictjt  gerabe  für  btö  ßnbe  aller  33er- 
ina^ung  tü'xü  gelten  laffen. 


ßrfler  2lb  jtfjnitt.  33on  bem  3uftanbe  be§  Triften  :c  69 

gehabt  baben  fann,  menn  biefe  Siegel  aucb  bamal§  nac^  SDcaafc 
gäbe  be§  jebeSmaligen  (£ntmtffhmg§auftaube3  gültig  gemefen 
ift.  ©o  ba£  ßbriftug  in  Söeaug  auf  bie  ©ünbe  au  atCen 
3eiien  gleich  fe^r  bon  alten  anbern  93cenfdjen '  unterfdjieben 
imb  immer  gleich  roefentlicf)  frei  bon  berfeiben  mar.  —  3u 
biefer  Unfünblicbfeit  gebort  aber  aucb  nocf),  bafj  (£briftu§ 
roirflidjen  ^rrtbum  meber  felbft  fann  eraeugt,  nocb  attd) 
fremben  mit  mtrHfcber  Ueberaeuguug  imb  al§  rooblermorbene 
SSabrbeit  in  ftdj  aufgenommen  baben.  Unb  gmar  tft  nicbt 
nötbig,  biefen  <3aa  auf  ba$  (&tbkt  feine§  eigentlichen  Berufs 
äu  befdjränfen ;  nur  mufe  ber  Unterfdjieb  feftgebalten  roerben 
sraifdjen  Slufne^men  unb  gortbflanaen  bon  Sßorfteftungen, 
bereu  beftimmte  Vertreter  Rubere  ftnb',  bafjer  man  in  23e* 
jiebung  auf  fie  meber  iluterfudjung  anftettt  nocb  irgenb  eine 
SSerantmortlicbfeit  anerfennt,  unb  smifcben  Slbfcbtiefsung  eine§ 
Xtrtf)eü3,  melcbeS  allemal  in  irgenb  einer  Söeaiebung  aud)  bie 
£anblung§meife  beftimmt.  ^n  bem  leateren  irren  fest  allemal 
entmeber  eine  Uebereilung  borau§,  bie  nur  burdj  frembartige 
SUcotibe  rjat  fönnen  berairft  merbeu,  ober  einen  getrübten 
2ßatjrfjeit§fiun,  ber  einerfeitS  in  ber  allgemeinen  ©ünbbafttg- 
feit  gegrünbet  ift,  anbrerfeitS  aber  in  iebem  einaelnen  gatt 
mit  ber  befonberen  ©ünbiicbfeit  be§  (Sinselnen  stammen- 
Jjängt. 

Wlit  biefer  Sefjre  bon  ber  mefentiidjen  Unfünblid)feit  (£§rifti 
ftebt  nun  in  SSerbinbung  bie  Meinung  bon  ber  natürlicben 
llnfterblicbfeit  ßbrifti,  ba%  nämlid)  (£f)riftu3  bermöge 
feiner  menfcblidjen  9caturnicbt  märe  bem  £obe  untermorfen  ge* 
mefen ;  eine  Meinung,  bk  aroar  ittctjt  burcb  ftjmboüfcb  gemorbene 
2lu§fbrücbe  feftgeftellt,  nocb  aucb  in  biblifdjen  (Steifen  mabr* 
baft  begrünbet,1  aber  bod)  feljr  allgemein  angenommen  morben 
ift  2)ie  Skrbinbung  berubt  aber  nur  barauf,  bafj,  ben  Zob 
al§  ©olb  ber  ©ünbe  gebacbt,  berjenige,  ber  bon  allem  3u* 
fammen&ang  mit  ber  (Sünbe  gelöft  ift,  au$  nicbt  unter  ber 
®eraalt  be§  £obe§  fann  geftanben  baben,  unb  in  SBetracbt 
geaogen,  ma§  fcbon  oben2  bon  ber  natürlichen  Unfterblicbfeit 
§lbam§  unb  bon  bem  gufammenbang  ajjer  natürlicben  Hebel 
mit  ber  <3ünbe  gefagt  morben  ift,  fann  au§  ber  Unfünblidtfeit 
(£f)riftt  nichts  meiter  folgen,  al§  ba%  ber  £ob  für  ©briftum  fein 
Hebel  fmbe  fein  fönnen.    Unb  biebei  muffen  mir  um  fo  me^r 


1  $enn  hm§  ß$riftu§  felbft  So^.  10,  17.  18.  fagt,  brüflt  fein  pf>öftfäe3, 
fonbern  ein  feciale^  unb  ett)ifdje§  SBerpUnife  quS. 
^  2  ©.§.59.  3wfaa. 


70  $er  djrtftlid)e  MauU.  3toeiter  Sfcil. 

ftef)en  bleiben,  unb  ftatt  jener  Meinung  un§  an  bieienigen 
Ijalten,  treibe  gefteljen,  ba^  ber  menfdjlidjen  Statur  (£ljriftt 
bie  ttnfterblictjfeit  erft  mit  ber  Sluferfteljung  fei  ge)d>enft 
morben,1  al§  (gterblidjfeit  unb  gät)igfeit  förperltct)  311  leiben 
fo  äuiammengefjören,  bafj  bei  einer  folgen  natürlichen  Un* 
fterblictjfeit  (£ljrifti  bte  2eiben§fäf)tgfeit  ber  menfcrjlicfjen  Sflatur 
in  fetner  $erfon  nur  ein  leeres?  SBort  märe,  unb  ntcfjt  oljne 
ficrj  §u  nnberfpretfien  mau  einen  grofjen  SBertlj  auf  feine 
förperlidjen  Seiben  legen  fönnte.  —  ^nbefe  ift  biefe  Meinung 
ntctjt  allein  al§  eine  Folgerung  au§  ber  Uufünb lief) feit  (£f)rifti 
<ntäufef)en,  fonbern  man  glaubt  barin  erft  ben  rechten  $lufc 
fcrjlufc  su  fiuben  über  alle  bie  SluSfarücrje,  meldje  feinen  £ob 
al§  einen  freimütigen  barftellen,  unb  fo  erft  bie  jjöljere  93e« 
beutung  feine§  Seiben§  unb  £obe§  gu  erfcljöpfen.  5Ittein 
grabe  bon  biefer  &t\tt  ift  jene  SSorftellung  ^öcfjft  bebenflid) ; 
benn  mer  ntct)t  natürlidj  fterben  fann,  fann  audj  nicf)t  ge- 
maltfam  getöbtet  merben ;  fomit  mufjte  (£§riftu§  buref)  ein 
SSunber  erft  ftcö  felbft  fterblict)  machen,  um  getöbtet  merben 
§u  fönnen,  unb  Ijätte  siemltcf)  unmittelbar  ftd)  felbft  ge* 
tobtet. 

2.  2Sa§  nun  bie  fcrjlecrjtljtntge  Bollfommenljett 
ber  menjd)Ucl)en  üftatur  jur  Seit  feine§  männlichen  511ter§  an* 
langt:  fo  finbet  ftd)  befonber§  in  älteren  2üt§f Übungen  biefe§ 
®egenftanbe§  feljr  Ijäufig  geiftige  unb  leibliche  Sreffttcrjfeit 
befonber§  aufgeteilt.  Willem  e§  ift  mol  §u  bebenfen  — basier 
leine  S^accjrtctjtert  su  föülfe  fommen,  meiere  jeben  folerjen  <3as 
in  einen  fn'ftorijcrjett  bermanbeln  mürben,  moburdj  er  benn  au§ 
bem  Gebiet  ber  Seljre  geftrieljen  mürbe  —  ob  mir  bon  bem 
(Sinbruff  au§,  ben  mir  bon  (£t)rifto  empfangen,  Sftecrjenfcrjaft 
geben  fönnen  für  bte  Slufftettung  folcrjer  (Sigenfcfjaften,  bie  mir 
auf  bte  Bereinigung  be§  göttlichen  mit  ber  menfcrjtidjen  Statur 
nierjt  surüfffüljrett  fönnen.  9ta  etne§  läfjt  ftc6  fagen,  menn 
mir  bie  seitliche  (grfcrjeimmg  biefer  fcrjöbfertfcrjett  Sfjätigfeit 
al§  einzelne  £t)atfa$e  auf  bie  allgemeine  göttliche  Drbnung 
jurüff  führen.  !ftämlic§  fo  mie  ber  ©rlöfer  nur  erft  ju  einer 
gemiffen  Bett  unb  nur  au§  biefem  SSolf  Ijerborgetjen  fonnte, 
fo  audj  bie  göttliche  £()ätigfett  nierjt  mürbe  bie  menfc^ltc^e 
Statur  in  einem  folgen  perfonbilbenben  $lct  begriffen  auf* 
genommen  fjaben,  roelcrjer  irgenbmie  l)ätte  fönnen  eine  ffiifc 
bilbung  merben.    $)aljer  ift  e§  nun  natürlich  genug,  bem 


1  Conf.  Bei g.  XIX.  p.  181.  et  quamvis    eidem    naturae    immor- 
talitatem  resurrectione  sua  dederit  etc. 


(Srfter  Stöfcfimtt.  SBort  bem  Suftanbe  be§  ©Triften  IC  71 

€rtöfer  aucb  eine  leiblitfje  Urbilblidjfett  susufcbretben;  aber 
tiefe  ift,  ba  ba§  Seiblidje  feiner  ©rfdjemung  gar  nichts  für 
jicb  fein  nnb  mirfen  fotCte  fonbern  nur  al§  Drgan  jener  $er* 
einigung,  aucb  lebtglicb  hierauf  gu  befebränfen.  SSa§  au§ 
biefer  SBorauSfeauns  nnb  au§  bem  ungeftürt  fortmirfenben 
€influf$  eine§  reinen  2ßitte§  folgt,  tft  nur  eine  ©efunbbeit, 
metebe  gleidjtneit  entfernt  ift  oon  einfeitiger  (Starte  ober 
9Jceifterf<f»aft  einzelner  leiblicher  Functionen  nub  t»on  Iran!* 
$after  ©cf)lt>äcr)Ucf)feit,  afö  burä)  metebe  beibe  bie  gteicbmäfjige 
Srüctjtigfeit  ber  Organisation  für  attegorberungenbeSSBiffeitS 
öerrtngert  mirb.  hierauf  muffen  mir  un§  bemnad)  be* 
febränfen,  nnb  um  fo  mebraaüe  öormUigen  fragen  abseifen,1 
at§  unfere  SSorfteEungen  öon  bem  gufammenbang  amifeben 
Seib  nnb  (Seele  nodj  bebeutenber  Berichtigungen  fällig  ftnb. 
SBenn  baber  bei  ben  bitten  niebt  feiten  aucb  öon  ber  (Scbön* 
beit  be§  ©rlöferS  bie  fftebe  ift:2  fo  liegt  biefe ^orfteüung  febon 
ber  ©rense,  bie  mir  niebt  berübren  bürfen,  fetjr  nabe,  nnb 
mir  bürfen  fie  al§  eine  unberoufjte  Sftadjhrirfunß  beibnifeber 
Slnftdjten  überfeben. 

§.  99.  Sie  3#atfa$en  ber  STuferfte^ung  uno  ber 
Himmelfahrt  ©l)riftif  fo  tote  bie  $orf?erfagung  t>on 
fetner  2öteber!unft  §um  ®erid)t,  lönnen  ni$t  als  eigent* 
U$e  Beftanbtyeile  ber  Se^re  üon  feiner  $erfon  aufgehellt 
tr>erben. 

1.  SSenn  mir  bie  über  bie!  $erfon  (£{jrtfii  bi§ber  auf* 
aufteilten  Sebrfäje  auf  ber  einen  (Seite,  auf  ber  anbern  (Seite 
bie  febon  in  ben  älteften  Sömbolen  entbaltenen  (Sä§e,3  melcbe 
biefe  Sfjatfacben  au§fagen,  mit  bem  oben4  aufgeteilten ®anoit 


1  ®§  ift  eine  getoifj  Ijödjfl  bebeutenbe  eräer  nicfjt  genug  erfannte  gött- 
liche Seitung,  bab  un£  öon  bem  äußeren  ber  $erfon  ©fjriftl  meber  eine 
ftdjere  lleberlieferung  nodj  ein  autfjentifdje§  »IIb  augefommen  ift.  %a  auef), 
hak  un§  eine  genaue  ©arftettung  feiner  Se6en§weife  unb  eine  äufammens 
Ijängenbe  (Sraäfjtung  feiner  Gegebenheiten  fefjlt,  gehört  rten^baltfn. 

3  3.  93.  Chrysost.  in  ep.  ad'  Col.  Homil.  VIII.  outüj;  7)V  xaX's, 
<ü;  ouSe  eivat  etaetv. 

3  Symb.  Nie.  xal  avasravia  iv  xf  Tp(xr)  *)ppa  xaxa  xa? 
-vpacpäY  xal  avüXftovra  elq  tou;  oupavou?  xal  xa$e£o[J.ev  ov  ix  8s£ia>v 
-rou  7caTpbs*  xal  TcaX'.v  ep^ofASvov  ![X5Ta  So^r];  xptvat  frovTa;  xal 
-ycxpou?. 

4  (5.  §.  29,  3 


72  $)er  djrtjtlitfie  ©laufce.  ^weiter  2#eil. 


für  bogmatifdje  ©fise  öergtettfien,  jo  eiitfprcdjen  jene  Seßrfääe 
beiben  $?erfmalen ,  biefe  9lu§fagen  aber  feinem  bon  beiben. 
2)emt  roenn  bod)  auf  bem  ©ein  ®otte§  in  ©Ijrifto  feine  er* 
löfenbe  SSirffamf  eit  beruht,  unb  eben  ber  Giubntff  babon. 
ba%  ü)m  ein  fotdjeS  etnmoljne ,  ben  glauben  an  ifjn  be^ 
grünbete:  fo  tft  ein  unmittelbarer  gufammmenbnng  bj^jgy 
Xfjatfadjen  mit  jener  £ebre  nidjt  nadfouroeifen.  3)ie  Sünger 
ernannten  in  tljm  hm  (Sofjn  ®otte§,  olme  etma§  bon  feiner 
5Iuferftef)ung  unb  Himmelfahrt  51t  afjnben,  unb  baffelbe  fönnen 
mir  aud)  bon  un§  fagen:  fo  hne  aud)  bie  bon  ifjm  berijeifjene 
geiftige  ®egenroart,  unb  aUe§,  ma§  er  bon  feinem  fort* 
raäfjrenben  ©inffafc  auf  bie  gurüftbletbenben  faflt,  burd)  feine 
i)on  bieten  beiben  S^atfadjen  Vermittelt  ttrirb.  Hängt  nun 
biefeS  groar  mol  bon  feinem  St^en  sur  Dtedjten  ®otte§  ab  — 
morunter  jebod),  ba  ber  3Iu§bruf!  ein  eigentlicher  unmöglich 
fein  fann,  nid)t§  berftanben  roerben  barf,  al§  bie  über  allen 
©onflict  f)inaugget)obene  eigentümliche  unb  unbergleidjlidje 
SBürbe  (Sijrtfti  —  nidjt  aber  bon  einer  ftdjtbar  geworbenen 
2luferftef)ung  ober  Himmelfahrt,  ba  ja  (£f)riftu§  audj  ofjne- 
btefe  Stüifcbenglieber  unmittelbar  f)ätte  tonnen  jur  Herrticbfeit 
erhoben  merben:  fo  läfjt  ftd)  aud)  nidjt  abfefjn,  in  roeldjent 
3ufammenbang  beibe  mit  ber  erlöfenben  SBirffamfeit  ©fjrifti 
ftänben.  SBenn  fretltct)  $autu§  auf  ber  einen  Seite  ber  2luf* 
erftefjung  eben  fo  gut  a\§>  bem  £obe  einen  eignen  2Intbeil  an 
ber  (Srlöfung  äuäufdjreiben  fdjeint:1  fo  seigt  auf  ber  anbern 
(Seite  bie  51rt,  tute  er  fte  af§  eine  ®en)äf)rleiftung  für  unfere 
eigne  3tuferftef)ung  anfüfjrt,2  bafj  er  fte  feine§meg§  in  einem 
au§fd)liefjlid)en  Bufammenfjangc  mit  bem  eigentbümlidjen  (Sein 
^5otte§  in  (£(jrtfto  benft.  Shidj  mirb  fte  nie  al§  ein  geugnifr 
be§  in  ©ftrifto  moljnenben  ©öttlidjen  angeführt,  ba  fte  überall 
nid)t  i$m  felbft,  fonbern  ®ott  sugefebrieben  hrirb.8  (£ben  fo 
roenig  fjat  $of)amte§  bie  ftcbtbare  Himmelfabrt  a!3  einen 
$8emei§  ber  böberen  Söürbe  (£brifti  angeführt.  Unb  fomit 
fönnen  mir  mol  Sebem,  ber  mit  bogmatifdjen  (Seiten  berfebrt, 
bie  @inftd)t  ätimutben,  bafj  ber  richtige  (£inbruff  bon  (£l)rtfto 
bollftänbig  borfjanben  fein  faim  unb  auclj  geiuefen  ift  obne 
eine  Shtnbe  bon  biefen  Sfcatfadjen  —  2Ba§  bie  SBicbeifunft 
§um  ®ertd)t  betrifft:  fo  fönnen  mir  öon  ber  boctrinalen  53e^ 


1  fööm.  4,  25. 

*  1  fior.  15,  13.  16. 

•  2Tp.  ©efä.  2,  24.  3,  5.  4,  10.  10,  40^     SRöm.  4,  24.     1  tfor.  6,  14. 
15, 15.     ?ftor.  4,  14. 


(grfter  2t6fifimtt.  Sßon  bem  Buftanbe  be§  Triften  je.  7& 

beutung  biefer  SSorftettung  erft  unten  ^anbeltt.  £>ier  ift  nur 
gu  bemerfen,  bafj  menn  aucb  baS  ©ericbt,  fofern  mir  eS  al§ 
eine  übertragbare  göttliche  ©anbiung  anfeijn,  in  fo  genauer 
SSerbinbung  mit  bem  ©efdja'ft  ber  ©rlölung  ftebt,  bafj  nidjt 
leicht  §u  benfen  ift,  (Sott  fönne  baffelbe  einem  Slnbern  al§ 
bem  ©rlöfer  übertragen:  fo  inooMrt  bodj  baffelbe  nict)t  etma§ 
größeres  in  ber  $erfon  ©Ijrifti  als  mir  ilmt  obnebieS  fcfjon 
beilegen;  unb  eben  fo  menig  geprt  eS  su  bem  ©rlöfungSioerfe 
felbft,  ba  ja  biejenigen,  meiere  glauben,  nidjt  in§  ©ertebt 
fommen.  Äl§  Söieberfunft  (Sbrifti  aber  betrachtet  bangt  fte 
mit  ber  Himmelfahrt  als  (Segenftüff  berf  elften  äufammen.  ®o- 
mie  biefe  nur  eine  anfällige  gorm  ift,  um  baS  ©igen  gur 
^Rec^ten  ($5otteS  §u  bemirlen:  fo  ift  auii)  jene  SBerljeifjung  nur 
eine  anfällige  gorm  für  bie  SBefriebigung  beS  Verlangens  mit 
Sbrifto  oereint  su  fein.  Unb  wie  baS  unäegreiflidje  unb 
munberbare  in  ber  ^luffntjrt  niebt  !ann  auf  baS  göttlicbe  in 
(Sbrifto  surütfgefübrt  in  erben,  metcbeS  ftd)  als  ber  ^numlS  $u 
allen  feinen  freien  ©anbiungen  gu  erfennen  giebt,  ba  aucb  bie 
©immelfabrt  nirgenb  als  feine  ©anbiung  bargefteltt  mirbt 
eben  fo  menig  aucl)  baS  munberbare  in  jener  SSteberfunft. 
®o  ba%  bie  Ungleidjartigfeit  unferer  bisherigen  Sebrfääe, 
ber  jenigen  nömlicf),  bie.  mir  als  foldje  anerfannt  baben,  unb 
biefer  2luSfagen  ^ebem  einleuchten  mui  —  (StmaS  anberS- 
nerrjält  eS  ftctj  mit  ber  fogenannten  9?teberfabrt  ober  Rodens 
fabrt  ®5rifti.x  3)enn  biefe  mürbe  atterbingS  ber  barttt 
fjerrfdjenben  SBorfteftung  nadj)  §u  ben  erlöfenben  Sljätigfeiteit 
gehören,  menn  mir  fte  nur  al§  eine  Stfjatfadje  anfeijn  tonnten. 
Sie  märe  bann  als  eine  Ausübung  feineS  ^roprjetifct)en  unb 
bo^eprieftertieben  2(mteS  angufeben  an  ben  cor  feiner  @r* 
jcbeinung  Verdorbenen;  allein  tbeilS  erftrefft  ftet)  bie  einige 
©teile,  melcbe  Rieben  au  banbeln  fctjeütt,2  aud)  bei  mettem 
nietjt  einmal  über  biefe,  tljeilS  entfpräc^e  boeb  bie  ©adie  felbft 
bei  biefer  (£rmeiterung  nierjt  ber  Aufgabe  mie  fie  gefaxt 
merben  müfjte.  2)enn  alle  biejenigen,  melcbe  aud)  fett  feiner 
(Srfäeimmg  geftorben  ftnb,  obne  ba%  bie  Verfünbigung  beS 
©oangeliumS  %u  itjnen  gefommen  märe,  JEjaben  bie  gleiten 
3lnft>rüc&e  mie  iene.     lleberbieS   aber  nötigen  bie  SluSbrüffe 


1  Symb.  Rom.  xaxeXfrdvTa  £15  xa  xaiiora  nur  in  (Einem  griedjifdien, 
aber  in  mehreren  alten  lateimfdjen  (Jjemplaren;  Symb.  Quic.  36. 
descendit  ad  inferos. 

2  l^etr.  3.  19  £enn  Kpljff.4,  9.  ift  auf  feine  SBeife  fjiefjer  51t 
iieäen. 


74  ®cr  djriftltdje  ©fauöe.  3toeiter  Xfiett. 

in  jener  ©teile  feineSmeaeS  su  ber  Slnna^me  einer  folgen 
fonft  ganj  unbefugten  S^atfadje,  inte  fte  aucb  gar  feinen 
3ettpunft  beftimmen.  $)e§balb  ift  fte  audjj  in  unfern  <3a§  flar 
itidjt  erft  aufgenommen  morben. 

2.  2)er  (glaube  an  biefe  SDjatfacfjen  ift  [onadj  fein  felbft* 
ftänbiger  ju  ben  urfprünglic^en  Elementen  be§  Glaubens  an 
<£(jriftum  gehöriger,  fo  bafj  mir  btefen  nic§t  fönnten  al§  ©r* 
löfer  annehmen  ober  ba§>  ©ein  ©otteS  in  ibm  erfennen,  menn 
mir  nidjt  müßten,  bafj  er  auferftanben  unb  gen  Fimmel  ge* 
fahren  märe,  ober  menn  er  feine  äöieberfunft  sunt  ©ericfit 
fcerfjeifcen  fyättt.  ©tefer  ©taube  tft  au$  ntdjt  au§  jenen  ur* 
fprünglic&en  (Elementen  abzuleiten,  fo  bafj  mir  fctjlte^en 
fönnten,  meil  ®ott  in  (£örifto  mar,  fo  Ijätte  er  muffen  auf* 
erftefjen  unb  gen  £>tmmel  fahren,  ober  meil  it)m  eine  njef entließe 
UnfimbUdjfett  sufam,  muffe  er  mieberfommen  um  ba§  ®ericf)t 
»au  beuten.  Sßielmetjr  merben  fie  nur  angenommen,  meil  fie 
i  gefdjrteben  fteben ;  unb  bon  jebem  ebangelifetjen  Triften 
Ifann  nur  bedangt  merben,  an  fte  ju  glauben  in  fofern  er 
pie  für  lu'nreidjenb  bezeugt  plt,  inbem  Riebet  bie  ^eiligen 
©djrtftfteffer  nur  al§  $8erid)terftatter  gu  betrauten  ftnb, 
fo  bafj  ber  ©laube  an  biefetben  unmittelbar  unb  urfprünglicb 
|  mebr  jur  Seljre  bon  ber  ©djrtft  gehört  al§  §ur  Sefjre  bon 
ber  $erfon  (Eljrifti.  Subefj  ift  iijm  bo$  ein  mittelbarer  ,8u* 
fammenljang  mit  biefer  Sebre  nierjt  absufprec^en ,  infofern 
nömlidj)  ba$  Urteil  über  bie  jünger  al§  urfprünglictje  $8e= 
,  riebterftatter  auf  ba§  Urteil  über  ben  ©rlöfer  jurüffmirft. 
2Ser  %.  $8.  be§  munberbaren  megen  um  ntctjt  bie  Sluferfteijung 
©briftt  al§  budjftäblidje  £tjatfaä)e  ansuneljmen,  lieber  borau§* 
fest  bie  jünger  hätten  ftet)  setäufetjt  unb  imtere§  für  äufjere§ 
genommen,  ber  legt  üjuen  eine  foldje  geiftige  «Sdjmädje  bei, 
burdj  meiere  nietjt  nur  ttjr  ganse§  Seugnife  bon  (£ljrifto  un* 
§uöerlä§ig  mürbe:  fonbern  audj  (£ljriftu§  müfcte,  als  er  ftdj 
foldje  Beugen  mahlte,  nietjt  gemußt  Ijaben,  mag  in  bem 
äRenfdjen  ift.1  Dber  foffte  er  felbft  e§  gemollt  ober  ber* 
anftaltet  ^aben,  ba%  fte  innere  Gcrfdjetmmg  mußten  für 
äußere  Söaljrneljmungen  galten :  f o  märe  er  felbft  ein  Urheber 
be§  3rrt&um§,  unb  alle  ftttltdjen  begriffe  mürben  burdj  ein* 
anber  gemorfen,  menn  bamit  eine  folebe  Ijöbere  SBürbe  ber* 
träglidj  fein  fottte.  Sftit  ber  £tmmelfabrt  berljält  e§  ftdj  in 
fofern  menigften§  anber§,  al§  mir  ntdjt  biuretdjenbe  Urfadje 
tjaben  ju  behaupten,  bafj  unS  bon  bem  Hergang  bei  berfelben 


1  3of).  2,  25. 


Grfter  Sttfämtt.  SSon  bem  Suftcmbe  be§  ©Triften  je  75 

cl§  äußere  £f)atfa$e  ein  unmittelbarer  Söertc^t  eine§  2Iugen* 
zeugen  unb  am  roenigften  eine§  apoftotifcben  Vorliegt.  Sßemt 
tnbefj  behauptet  rotrb,  dr)riftu§  [ei  ^mar  auferftanben 
aber  nidjt  aufgehoben  morben  gen  Fimmel,  fonbern  $abz 
itodj)  eine  unbeftimmte  Bett  im  Verborgenen  gelebt,  roe§fjalb 
er  zttva§  fmbe  oeranftalten  muffen,  roa§  für  eine  £immet* 
fabrt  gehalten  merben  lonnte:  fo  ift  ber  Sali  gan§  berfelbe 
tnie  mit  ber  Sluferftebung.  21m  roenigften  ftebt  mit  ber 
eigentlichen  Sebre  oon  ßfjrifti  Sßetfon  bie  Sßerbeifjmtö  deiner 
SBieberfunft  in  SBerbinbung,  §umal  fte  um  eine§  (55efctjäfte§ 
mitten  oertjeifjen  ift,  unb  in  fofern  bem  folgenben  Setjrftüff 
angeboren  mürbe,  roenn  nur  ba§  ®efcbäft  ein  fo!cbe§  märe, 
tt>eicbe§  feinem  Sßeruf  al§  (Srlöfer  unmittelbar  angebört.  9?ur 
roenn  eine  5lu§legung  au§mittelt,  für  biefe  SSieberhmft  märe 
■eine  $eit  beftimmt,  bie  nun  längft  abgelaufen  ift,  ober  fte 
roäre  auf  eine  2lrt  befcbrieben,  beren  Unmöglicbfeit  mir  nacb- 
roeifen  lönnen ;  fo  müfjte  bte§  menn  niäjt  auf  bk  Sebre 
t)on  ber  ©cbrift  bann  geroifj  auf  bit  oon  bec  9$erfon  ©Ijrifti 
äurüffroirfen. 

3ufa§  §u  biefem  Seljrftüff.  ^ie  obige  guerft  in 
unferer  eigenen  gan§  unabhängigen  2lu§bruff§roeife,  bann  in 
genauerer  SSerbinbung  mit  ben  fircrjlicfcjen  gormein  gegebene 
^arftellung  öon  ber  ^erfon  Sbrifti  ift  bem  roefentltcben  nacb 
fo  meit  Verbreitet  in  ber  ctjrtftlictjen  ®ircfje  unb  fo  alt  in 
ber[elben,  bafj  man  fte  um  fo  meljr  als  ben  allgemeinen 
(glauben  ber  Triften  anfefjen  mufj,  meit  felbft  SSiele  oon 
benen,  bie  ftct)  mit  einer  geringeren  SBorftellung  oon  bem 
<£rlöfer  begnügen,  biefe  Ijerrfcbenbe  nur  oerroerfen,  tt)etl§ 
roeil  fte  ba§  munberbare  überbaubt  freuen  —  fei  e§  nun 
ba%  fte  ben  bon  un§  aufgehellten  Unterfcrjteb *  überfeben, 
ober  ba%  fte  ifjn  oerroerfen  —  tf)eil§  meil  fte  glauben  sugfeicb 
hit  ibnen  ir)re§  toofytbeiftifcben  (Scheines  megen  anftöfcige 
£rinität§lefjre  mit  annebmen  §u  muffen:  fo  bafj  m  hoffen  ift, 
Sßiele  merben  fictj  baffelbe,  roooon  fte,  mie  e§  in  bk  berben 
fdjotaftifcben  formen  eingebüßt  erfd^eint,  nur  abgeftofjen 
toerben,  in  einer  freieren  ©arftettung  leidster  gefallen  laffen. 
—  Mein  ba  man  tljeil§  nicbt  überall  in  ber  (£briftenbeit, 
roo  über  ba$  SSerljältnifj  §um  ©rlöfer  berfelbe  (glaube  jum 
®runbe  lag,  aucb  benfelben  Sebrgejjalt  beftimmt  nac&roeifen 
?ann,  meil  nämiidj  Ijieäu  Söerftänbnifj  unb  3lu§bru!f  nicbt 
meit  genug  entrotffelt  mar,  t§eit§  unläugbar  fdjon  feljr  aeitig 


1  Sgl.  §.  13. 


76  fficr  diriftlltöc  Ölaubc  3weiter  Sfjctl. 

in  ber  GTljriftenbett  neben  biefer  2lnficbt  bon  bent  (Srlöfer 
aud)  abnjetdjcnbe  unb  geringere  in  Umlauf  toaren:  fo  fann 
man  allerbingö  ber  5 rage  ntdjt  auSroetdjjen,  ob  bie  fird)lidje 
SCnftc^t  auc§  mirtlicf)  burd)  Sleufjerungen  (Sbrifti  felbft  unb 
ber  ^poftel  atS  bie  urjprünglidje  gerechtfertigt  merben  fann, 
ober  ob  biejenigen  recbt  Ijaben,  meiere  behaupten,  fie  fei  eine 
fpäter  entftanbeue.  S'cur  ift  Ijiebei  juerft  §n  beoormorten, 
bafj  gefest  audj  bk  Urjprünglicfjfeit  unferer  Se^re  fei  nicfjt 
ernuefen,  barauS  boerj  nidjt  folgen  mürbe,  bafj  fie  fatfefj  ober 
imßfüfjrlidj  erfonnen  fei,  jofern  nur  jene  urfprünglidjen 
3eugntffe  nierjt  mit  itjr  in  nacbmeiSlictjem  SBiberfprudj  fteljen. 
Sie  grase  jelbft  ift  aber  freilief)  fo  oernnffelt,  bafj  e§  un= 
möglich  ift,  fie  auf  eine  2lrr,  meiere  fictj  allgemeine  Slnerfennt- 
nifj  ermerben  tonnte,  su  entfetjeiben ,  fo  lange  noefj  auf  ber 
einen  OBtitt  bk  oerfdjiebenften  Meinungen  über  bie  @nt* 
ftefjungSart  unb  bk  Urheber  ber  neuteftamenttfe^en  (Schriften 
neben  einauber  bergebn,  auf  ber  anbern  ©eite  notf)  fo  oiel 
oerfetiebenartige  Sötliiufjr  in  bm  Ijermeneutifctjen  2Ket§oben 
berrferjt.  ®ann  nun  über  ben  ©eljalt  eingelner  ©teilen  ofnie 
(£nbe  geftritten  iuerben,  fo  ift  e§  oergeblicrj,  ftc6>  megen  feiner 
tt>ef  entließen  Unfünblicbfeit  *  ober  be§  ©ein§  Ö5otte§  in  ifjm*2 
auf  einzelne  eigne  2lu§fprüd)e  §u  berufen.  SSer  aber  niebt 
bei  ber  ßrftärung  einzelner  ©ä§e  ftcrj  mit  einer  9Jcöglicfjfeit 
eine§  feiner  Stbeorie  gemäßen  (Sinnet  begnügt,  fonbern  fief) 
für  einen  reinen  £otaU(£inbruff  offen  bält,  ber  mirb,  fo 
mie  bk  SHeben  ©forifti  über  fein  Serbältnifj  su  ben  ÜDrenfdjen 
unb  über  ba%  §u  feinem  SBater3  ftet)  einanber  ergänzen  unb 
burebbringen,  ibnen  menn  aud)  ni$t  grabe  ben  i©mn  ber 
fircrjücrjen  mit  ber  £riniiät§leljre  oermanbten  Formeln,  aber 
bod)  mol  fcrjmerlicrj  einen  geringeren  ($5efjalt  beilegen  tonnen, 
al§  ben  unfere  obigen  ©äse  au§fagen.  {Unb  sugleidj  finb 
biefe  2lu§fagen  nid)t  fo  befdjaffen,  bafj  fie  bk  3Saljrt)eit  be§ 
menfcrjUcrjen  £)afein§  t>ermcf)ten  al§  fiabe  etma  (£fjriftu§  in 
feinem  seitlicben  SBennrfjtfem  eine  (Erinnerung  gebabt  oon 
einem  abgefonberten  ©ein  be§  göttlichen  in  üjm  cor  feiner 
9Jienfcrjtt>  erbung.4  —  föiemtt  ftimmt   Oottfommen   jufammen 

1  3o$.8,  46.  2  Soft.  10,  30-38. 

•  3ofj.  5,  17.24.26.    8,24.36.    14,11.20.    17,10.21—23. 

*  SBenn  man  eine  Slnbeutung  biefer  2lrt  in  %ofj.  17,  5.  ernennen  tnitC^ 
\o  madjt  bod)  %of).  5,  19.  20.  bieje  Grfiärung  faft  unmöglid).  SJber  aufy 
oljne  baö  müfete  fie  bebenflid)  toerben,  weil  bie  Sitte  bann  unerfüllt  gc* 
blieben,  inbem  troj  aller  angemenbeten  9ftih)e  notf)  niemanb  ^ieüon  ei» 
tlareg  ©eroufctfein  erlangt  fjat  nodj  aud)  jemals  erlangen  mirb. 


Erfter  STCfdjnttt.  SSon  bem  Suftanbe  be§  ©giften  IC  77 


bie    sttriefadje  Benennung  Sftenfdjenjolm   unb   ©oI)n  (Lottes 
tüelc^e  ft<$  (£f)rtfnt§  bettest.  "®cnn  er  f)ättt  ben  erften  Tanten 
ftd)  tttdjt  beilegen  fönnett,  menn  er  ftdj  niebt  berfetben  menfd)= 
ließen  SKahtr  bottfommen  t^eilf)afttg  gemußt  Tratte;  allem  e§ 
märe   bebeutung§lo§  getoefen  ftdj  iljtt  befonber§  anäueignen, 
wenn  er  ntdjt  einen  ®runb  ba§n  gehabt  r)ätte,  ben  Slnbere 
nte&t    anführen    fonnten,    mithin    audj   bie  Bebeuiung    eine 
prägnante    gemefen  tr-äre,  bie  auf  einen  Unterfcbieb  smifcfien  i 
ifm   unb  allen  anbern  $tenfcben  binmeifen  follte.1    Unb  eben 
fo    geigt  ber  3ufatntneul)ang  be§  Beinamens  ®otte§ioljn  mit 
bem  ma§  (£ljrifru§  üon  feinem  Bertjättnifj  git  feinem  Bater 
fagt,  ha%  er  fiel)  ü)n  niebt  in  betreiben  ©ütne  beilegt,  tüte  i 
aud)  fdjott  für  Slnbere  ®ebraucb  baüon  gemalt  tüorben  mar,3  | 
ma§  aueb  f#on  in  bem  üon  ©brifto  felbft  ^errü^renben  21u§* 
bruff3  GKngeborner  beutltcrj   genug  liegt,     ^ur  tüenn  man 
btefen   natürlichen  gufammenbang   ättrifdjen   betben   offenbar 
aufetnanber  äurüffmetjenben  Benennungen  gerreifct,  Wirb  e§ 
letzter   geringeren  Auslegungen  Staunt  §u  geben  unb  fte  mit 
ebionitifeben   Leonen    in  Berbinbung  511   fejen.     ©agegen 
ftnb  auf  ber  anbern  (Seite  folebe  ©teilen,  in  melden  (£brifto 
ein  bot)er  ®rab   üon  Betrübnifj   abgetrieben4  ober  etma§ 
üon    il)tn   ersäht  mtrb,  ma§  ben    Slnfcbein  leibertfct;aftticX)er 
Stufregung   in  ftcb  tragt,5  mirtitcb  nur  (Sinselbeiten,  meiere 
—  meit  entfernt  ba£  fte  gegen  feine  Unfünblictjfeit  seugten 
ober  mit  bem  ©ein  ®oite§  in  ifem  unü erträglich  mären  — 
offenbar  niemanben  an  ifjm  irre  matten,  meil  folebe  einzelne 
Momente   fc&on  Seber  nur  nad)  bem  Sotaleinbruff,  ben  er 
fcfjon  fefü)äit,  attfeuf  äffen  pflegt  unb  fte  attcb  un§  nur  baran 
erinnern,  ba|  ber  ©laube  an  Sefunt  riß  (Srlöfer  nid)t  au§ 
öinäelbeitett   entftanben  ift,  fonbern  ftcb   au§  einem  Sotal* 
einbruff   entmüfelt,  morauS  nur  folgt,  ba£  feine  ©tnaettjettett 
üorfommen,    meiere  um  üerbinbert  bätten.     ®afe  aber  ber 
(glaube  fd)on  in  ber  erftett  Generation  fetner  jünger  bef* 
jelben  gri&attS  gemefen  ber  rjier  bargelegt  morben,  ba§>  ger)t 

1  (£§  ift  ein  eben  fo  fonberoarer  Gtnfatt,  bafj  biefc  Benennung  eine 
UBiberlegung  ber  S5otf§meinung  fein  follte,  bafj  niemonb  miffen  toerbe,  oon 
mannen  ber  2Reffta8  fomtne,  als  jener  anbere,  bak  fie  Anbeuten  foKe 
auf  ein  SDanieliföeS  ©efidjt  (7,  13.),  too  einer  toie  eines  Sftenfcfjen 
(Söfjn  —  offenbar  im  (Segenfa*  gegen  bie  früher  aufgeführten  Spiere  — 
in  be§  £tmmel§  SBolfen  bor  ben  Sitten  fommt. 

2  man  oergleidje  befonber§  %o§.  10,  35  ffgb. 

8  3°M,  16-  4  2JJött^.26f  31.    SuM9,  44. 

*  %o§.  11,  33.38. 


78  $er  tfjrtftlidjc  ©laube.  3meiter  £f)etl. 

nicht  nur  au§  ben  mannigfaltigen  Beugniffen,  bieGOrtfto  eine 
fcoilfommene  SHeinljeit1  unb  eine  gülle  Don  ®raft  beilegen,* 
Jonbern  audj  au§  ber  3lrt  tjerbor,  rate  $autu§  ifjn  bem  Slbam 
gegenüber  al§  ben  Urheber  eines  neuen  SDcenfdjenraertlje& 
betreibt,  fo  roie  au§  ber  ^ojEjanneifdjen  2>arftellung  bomXoyosr 
unb  au§  ber  in  bem  Brief  an  bie  Hebräer  aufgehellten 
£f)eorie. 

9ta  tonnen  graar  auef)  biefe  «Seugntffe  buretj  erfimftelte 
5lu§legungen  gefdjraädjt  raerben,  raenn  man  fte  au§  üjrem 
3ufammenbang  tjerauSreifjt  unb  mit  frembartigem  combinirt: 
aber  e§  reicht  bodj  nicf)t  fjin  nur  gu  geigen,  ba%  biefer  unb 
jener  2lu§bruff  auä)  raeniger  bebeuten  lann;  fonbern  man 
mufj  aud)  anfdjaultct)  machen,  raie  e§  augegangen  fein  famv 
bafj  man  ein  geraöbnlict)e§  SBerljä'Itmfe  burd)  aufeerorbentlictje 
unb  abraeieftenbe  5lu3brüffe  begeidjnete,  unb  raie  ber  urfiprüng^ 
lid)e  Sinn  fo  zeitig  in  ber  Iteberlieferung  berloren  gegangen 
ift.  ©o  lange  bie§  nidjt  beffer  als?  bur$  ljödjft  rüillfiirjrlicrje 
£t)potl)e[en  geleiftet  raerben  fann,  rairb  e§  raot  bahzx  fein. 
Beraenben  Ijaben,  ba%  ber  firdjlic&e  (glaube  aud)  ber  urfarüng^ 
lic^e  ift  unb  in  ben  5lu§fagen  (£fjriftt  bon  ftd6)  felbft  gegrünbet 
—  ($5efjt  nun  bie§  au§  ber  Betrachtung  ber  (Schrift  im  großen 
flar  genug  Ijerbor:  fo  fann  unfere  ®lauben§lefjre  bie  gange 
SRüftfammer  bon  einzelnen  5lu§fi?rüd)en,  meiere  unter  oer^ 
fdjiebenen  Sitein3  al§  ba§  «Sein  ®otte§  in  (S^rifto  beraetfenb 
aufgeteilt  raerben,  nid)t  nur  leicht  entbehren,  fonbern  and)  um 
fo  lieber  hti  (Seite  ftellen,  al§  nidjt  bit  ridjtigfte  2)ar[tellung^ 
raeife  baburd)  geförbert  rairb,  bielmeljr  oft  ba%  raidjttge  unb 
ftdjre  unter  bem  unguberläfjigen  berfdirainbet.  2)enn  raa§ 
jjilft  e§  audj,  raenn  (£Ijrifto  göttliche  tarnen  beigelegt  raerben, 
ba  er  felbft  ftd)  auf  einen  uneigentltctjen  ©ipradjgebraudj  be§ 
28orte§  ®ott  beruft.  Benennungen  aber,  raeld)e  auf  eine  fo 
beftimmte  unb  ungraeibeutige  Sßeife,  raie  ba$  fpätere  „OdoH* 
menf<$"  bie  (Sirtrjeit  be§  ööttltctjen  unb  menfdjltdien  auSf&rädjen, 
fommen  in  ber  Schrift  rticr)t  bor,  fonbern  alle  tjierjer  gu 
gtetjenbe  ^räbteate  ftnb  mebr  ober  raeniger  fdjraanfenb.4    So 

1  2  ffor.  5,  21.     1  «Petr.  2,  22.    §ebr.  1, 3.     7,  26.  27.  9, 14. 
■  »4,  13. 

8  ovofj.aaii7.co;,  töiiofAaTixoj?,  ivzpyr^r/.w^  unb  XaxpsuTtxw? 

4  ©afe  bon  altteftamentifäjen  2Sunberaeid)en,  fjimmltfcfjen  Stimmen  nnb 
©rfdietnungen,  in  melden  man  ben  <5of)n  ©otte§  erfennen  mitf,  r>ier  nlcrjt 
bie  Siebt  fein  fann,  berfteljt  ftd)  bon  felbft.  ®enn  auf  feinen  gatt  fönnen 
fte  etmaä  bon  ber  ^erfon  G^rtfti  au§i'agen,  fonbern  mären  Ijöajften§  bei 
ber  Sctjre  bon  ber  ©relelnifllctt  äu  beruf ffidjtigen. 


Grjter  2r6fdjnitt.  SSon  bem  3uftcmbe  be§  Gfjrifteti  :c.  791 

ift  auä)  ttm§  göttliche  ©igenfdjaften  betrifft  natürlich ,  bak  ba 
öon  (£l)rifto  bodj  immer  al§  oon  einem  !tD?enfdjen  bie  fRebe 
ift,  iJjm  nur  folcbe  beigelegt  Serben,  bie  erböbte§  menfcblict)e§ 
auSfagen,  fo  bafj  e§  ein  Ieidjte§  ift,  fie  nur  für  febr  erlaubte 
fJ9perbolifd)e  2lu§brüffe  ju  erflären.  2)a  nun  auct)  öon  ber 
ftrengen  Anbetung  Me  Steuerungen  einer  tiefen,  aber  bodj 
nidjt  im  eigentlichen  (Sinn  göttlichen  SBerebrung  ferner  ju 
unterfdjeiben  finb:  fo  mürbe  hei  btefer  $erfabrung§art  alleä 
auf  bie  öon  (Efjrifto  au§ge[agten  göttlichen  SJjä'tigfetten  äurüff* 
fommen.  S)te  «Schöpfung  aber  unb  ©rijaltung  tuerben  ©rjrifto * 
nur  fo  sugefcbrieben,  bafc  ätoeifettjaft  bleiben  mufj,  ob  er  nidjr 
mirfenbe  Urfacbe  nur  in  fofern  fein  foH,  al§  er  ©nburfacbe 
ift.  Sftt  ber  3lufermet!ung  unb  bem  ($5erid)t  enbticb  Jnirb 
überall  (£briftu§  oon  (Sott  imterfdjteben ,  inbem  er  nur  al§ 
^eooltmöcbttgter  erfctjeint,  unb  alfo  fomol  bie  Wlaifyt  ba^u  al§ 
in  bem  SSater  ruljenb  bargefteEt  mirb,  at3  au$  bie  Söeftim* 
mung  urfprünglic^  Oon  biefem  au§get)t.  (Sben  biefe§  gilt  öon 
ber  (Senbung  be§  ®eifte§,  bie  Gbriftu§  balb  ftd)  felbft  §u* 
fdjreibt,  balb  audj  auf  feine  Söitte  bemSBater.2  (So  bafj  obne 
jene  großen  burcbgebenben  3eugniffe  mit  allen  biefen  (Sinaet- 
beiten  menig  ausgerichtet  märe. 

3ioette§  Seljrftüff. 
Sott  bem  ®efd)äfi  <£f)rtftu 

§.  100.  2)et  ©rlöfer  nimmt  bie  ©laubigen  in  Vit 
ßräftigfett  feines  ©otteäbetoufctfemS  auf,3  uni>  bieg  ijl 
feine  erlöfenbe  £fyättgfett. 

1.  2Senn  bermöge  be§  teleolo  giften  (HjarafterS  ber  c&rtft* 
lieben  grömmigfeit  nidjt  nur  ber  gebemmte  Buftanb  be§ 
fjötjeren£eben§,  fonbern  audj  bie  görberung  beffelben  —  ioenn 
audj  lestere  auf  anbere  SSeife  —  in  unjerm  (Selbftbenmfjtfein 
al§  bie  eigne  £Ijat  unfere§  (£inselleben§  erfebeint;  biefelbe 
görberung  aber  bermöge  be§  eigenttjümtieben  (£tjarafter§  be§ 
(£Jjriftentbum§  in  bem  nämlicben  (Selbfibenmfjtfein  al§  bie 
Xljat  be§  (£rlöfer§  aufgefaßt  ift:4  fo  täfet  ftcrj  beibe§  nid)t 
anber§  bereinigen,  at§  bafj  btefe  görberung  [ei  bie  gur  eigenen 
Xfyat  gemorbene  %$at  be§  (Srtöfer3,  unb  bie$  ift  fonadj  ber 


1  1  ßor.  8,  6.     ßoloff.  1,  15—17.     £efir.  1,  4. 

*  Suf.  24,  49.  it.  %o%  15,  2.  6.  bgl.  mit  %o$.  14,  16.  36 

8  Sögt.  §.  88.  4  »gl.  §.63,  1.2. 


80  ©er  d)riftlid)e  ©laufce.  3roefter  Sfjeil. 


reinfte  2(u§bruff  für  ba§  gcmeinfame  Clement  in  bem  d)rift~ 
lidjen  aSclPU^tfcüi  ber  göttlichen  ©nabe.  ©onad)  märe,  raenn 
mir  bon  biefem  $unft  au§getjn,  ba$  eigentümliche  ©efcrjäft 
beS  ©rlöferS  sunäd)ft  btefe§  Stmterseugen  in  un§,  nätjer  be* 
trachtet  aber,  ba  ba§  betriebene  immer  fd)on  eine  gemein* 
jame  Stl;at  be§  @rlöfer§  nnb  be§  (Srloften  ift,  märe  bie  rein 
abgefonbert  ü)m  angebörige  bor  ieber  förbernben  ^ätigfeit, 
bie  nnfer  märe,  Ijerge^enbe  urfbrünglidie  Sljätigfeit  be§  (Sr* 
löfet§  bie,  tiermöge  beren  er  un§  in  biefe  ©emeinfcfjaft  feiner 
£§ättg£eit  nnb  fetneS  8eben§  aufnimmt,  beren  gortbauer 
bernad)  baZ  SBefen  be§  3uftanbe3  ber  ©nabe  ausmacht,  in* 
bem  ba§  neue  (Jiefammtleben  ber  Drt  biefe§  ^aterjeugenS 
Sbrtfti  ift,  in  meinem  ftdj  bie  fortmäfjrenbe  SSirffamfeit  feiner 
nnfünbltdjen  83ottfommenIjeit  offenbart.  —  ©eine  %§at  in 
m\§>  t'anu  aber  immer  nur  bie  %§at  feiner  burd)  ba$  ©ein 
®otte§  in  üjm  bebingten  Unfünblid)feit  nnb  SSoKfommenfjett 
fein;  alfo  mufc  aucrj  biefe  mit  ienent  ba§  unfrtge  rcerben,  meil 
e§  fonft  nitfjt  feine  %l)at  märe  meiere  bie  unfrige  mirb.  ®a 
nun  ba$  ©inäetteben  eines  ^eben  in  bem  Sßemufjtfein  ber 
©ünbe  nnb  ber  Unbotffommenbeit  berläuft:  fo  tonnen  mir 
nn§  in  ber  ©emeinfd)aft  be§  @rlöfer§  {nur  finben,  fofern  mir 
un§  unferc§  ©tn§elieben§  nid)t  bemufet  finb,  fonbern  mie  er 
im§  bie  Smbulfe  giebt,  mir  baZ,  mobon  in  iljm  atCe§  aus- 
gebt, aud)  al§  bie  OuetCe  unferer  S&a'ttgjfeit  finben,  gletdjfam 
al§  einen  ®emeinbefis.  3)ie§  ift  aud)  überaß  ber  ©inn,  mo 
in  ber  ©djrift  bon  bem  ©ein  nnb  Seben  (Sfjrifti  in  un§, x  bon 
bem  ber©ünbe  abgeftorben  fein,2  bon  bem  $lu§stelnt  be§  alten 
unb  Slnäiebn  be§  neuen  SOcenfdien8  bie  fRebe  ift.  SBie  nun 
aber  (£tjriftu§  fein  ©otteSbemufjtfein  nur  gegen  bie  ©ünbe 
ridjten  !ann,  infofern  er  in  ba&  menfdjltdje  ®efammtieben 
etntretenb  ba§>  SBenmfetjein  berfetben  al§  9Jcitgefür)t  Ijatte,  aber 
at§  bon  iljm  gu  überminbenb  :4fo  mirb  eben  biefe§  in  feiner  Xfyat* 
erseugung  in  im§  aud)  ba%  $rtncib  unferer  Sljätigf  eit.  Sebodj 
tua§  un§  felbft  in  biefem  Stufgenommenmerben  §ur  ($5emein* 
fd)aft  (£t)rifti  unmittelbar  begegnet,  ba§  mirb  auSeinanbergefest 
in  be§  sroeiten  £aubtftüt'f§  erftem  Sebrftüff  bon  ber  93e^ 
guabigung,  fo  mie  bh  meitere  ©ntmiütung  biefer  ©ememfdjaft 
in  ber  geit  buretj  eine  Sfteilje  bon  gemeinfamen  £>anblungen 


1  ©al.  2,  20.     3töm.  8,  10.     Sofj.  17,  23.     2  Äor.  13,  6. 

2  Köm.  6,  2.  6.  11.     l^etr.  2,  24. 
1  Äol.  3,  10.     ®p^.  4,  22.  24. 

4  3o^.  IG,  33. 


©rfter  STbfdjmtt.  9Son  bem  3uftembe  be§  ©Triften  je.  81 

ber  (gegenftanb  ift  für  befleißen  äioettcS  Seljrftüff  bon  ber 
Heiligung.  £ter  tft  nur  genauer  auSeinanbersufefcen  ma§  ber 
(Srlöfer  tönt  unb  tute  er  e§  bemirft. 

2.  (Seljt  nun  aECe  Stfjätigfeit  in  (£tjrifto  bon  bem  ©ein 
®otte§  in  tbm  au§;  unb  !ennen  mir  feine  anbere  göttliche 
Sbätigfeit  ai§  bie  fdjöpferifdje,  in  melier  bann  bte  erbaltenbe, 
ober  umgefebrt  bie  erbaltenbe,  in  melier  bte  fdjöbferifdje 
mit  eingefdjloffen  ift:  fo  merben  mir  aud)  bte  Sßirffamfett 
(Sbrifti  fo  anäufefjen  Ijaben.  SBie  mir  aber  aud)  bte  menfd>* 
lidje  (Seele  nidjt  bon  ber  ©djöbfung  auSfdjtiefcen,  obneradjtet 
bie  (Sd)öbfung  be§  frei  fjanbelnben  unb  ba$  greibleiben  be§ 
im  Bufammenbang  mit  einem  größeren  Jansen  gefdjaffenen 
meniger  au  begreifen  geforbert  merben  fann,  al§  nur  in 
unferm  ©etbftbettmfjtfein  aufeufaffen:  fo  ift  e§  aud)  mit  ber 
fdjöbferifdjen  Stbätigfeit  ©rjrtftt ,  meldte  e§  gan§  unb  gar  mit 
bem  (Gebiet  ber  greüjeit  su  tfjun  fyat  2)enn  feine  auf* 
nefjmenbe  SHjätigfett  ift  eine  fdjöbferifdje ,  ma§  fte  aber  ber* 
borbringt  ift  bur$au§  freie§.  SSie  nun  ba$  ©ein  ($5otte§  in 
üjm  fetbft  al§  tr)ättge§  $rincib  §eitIo§  ift  unb  emig,  alle 
STeu^erungen  beffelben  aber  burd)  bie  gorm  be§  menfebtidjen 
SebenS  bebittgt:  [o  fann  er  audj  auf  ba$  freie  nur  toirfen 
nadj  ber  Drbnung  mie  e§  in  feinen  £eben§frei§  eintritt,  unb 
nur  nadj  ber  Statur  be§  freien.  (Seine  in  bie  (SJemeinfdjaft 
mit  ü)m  aufnebmenbe  SHjätigfeit  ift  alfo  ein  fdjöbferifd)e§ 
£erborbringen  be§  üjn  in  ftdj  aufnehmen  mottend,  ober  biel* 
mebr  —  benn  e%  ift  nur  (Smbfängtidtfeit  für  feine  in  ber 
Stftittf) eilung  begriffene  3$ ätigfeit1  —  nur  bie  Buftimmung  $u 
ber  SBirfung  bon  biefer.  ^ene  ^ätigfeit  be§  (£rlöfer§  aber 
ift  baburdj  bebingt,  ba%  bie  (ginjelnen  in  feinen  gefc(jid)tltd}en 
2ßirfung§frei§  treten,  mo  fte  üjn  in  feiner  (Selbftoffenbarung 
mabmebmen.  Säftt  nun  bie  Buftimmung  freilid»  ftdj  audj 
nidjt  anber§  benfen  al§  burdj  ba§  SBeroufstfeüt  ber  <Sünbe  be* 
bingt:  fo  ift  bod)  nidjt  notfjmenbig,  ba%  biefe§  bem  Gmttreten 
in  ben  ®rei§  be§  (£rlöfer§  borangebe.  SSielmefjr  fann  e§  eben 
fo  gut  erft  in  btefem  al§  SSirfung  ber  ©elbftoffenbarung  be§ 
(£rlöfer§  entfteben,  al§  e§  jebenfaH§  erft  burdj  bie  Slnfdjauung 
feiner  unfünbltdjen  Sßoüfommenb  eit  sur  boKen  ®Iarbett  ge* 
langt.  £>ie  urfbrünglidje  £b  ätigfeit  be§  (Srlöfer§  mirb  alfo 
am  beften  gebaut  unter  ber  gorm  einer  einbrütgenben  S^ätig« 
feit,  bie  aber  bon  tbrem  (Segenftanb  megen  ber  freien  $8e* 
toegung  mit  ber  er  ft($  üjr  sumenbet  al§  eine  anjtebenb«  auf* 


1  so^.  16,  19. 

6*[..Cf)r;itl.©I.n. 


22  Der  <$riftli$e  ©laube.  Stoeiter  S$efl. 

genommen  mirb,auf  biefelbe  SBeife  mie  mir  Gebern  eine  an* 
^ie^enbe  ®raft  auftreiben,  beffen  bÜbenben  getftigen  (Sin* 
mirfungen  mir  un§  gern  Eingeben.  (Seljt  aber  alle  S^ätigfeit 
beB  @rlöfer§  bon  bem  ©ein  ®otte§  in  iljm  au§:  unb  mar 
audj  bei  ber  ©ntfteljung  ber  $erfon  be§  @rlöfer§  bie 
fd^öpfertfetje  göttliche  SÜjätigfeit  bie  fidj  al§  ba§  (Sein  ®otte& 
in  ifjm  befeftigte  ba$  einzig  tätige:  fo  läfjt  ftdj  audj  äffe 
£f)ätigfeit  be§  (£rlöfer§  al§  eine  Sortierung  jener  perfon* 
bilbenben  göttlichen  ©inhrirfung  auf  bie  menfd)lid)e  Üftatur 
anfeljen.  2)enn  bie  einbringenbe  £ljätigr*eit  (£|jrifti  fann  ftdj 
ntd)t  in  einem  GSKnjelnen  befeftigen  oljne  audj  in  ifjrn  flerfon* 
bübenb  ju  merben,  inbem  äffe  feine  £ljätigfeiten  nun  burdj 
ba$  SBirfen  (Hjrifti  in  irjtrt  anber§  beftimmt  ia  audj  äffe  (Sin* 
brüffe  anberS  aufgenommen  merben ,  mithin  audj  ba§  Jjerfön* 
ltdje  ©elbftbemufjtfein  ein  anbere§  mirb.  Unb  mte  bie 
©djöDfung  ntctjt  eine  9Udjtung  auf  @inselne§  fyatte,  fo  bafe 
jebe  ©c^öpfung  eineS  einzelnen  ein  befonberer  Slct  gemefen 
märe;  fonbern  gefdjaffen  mürbe  bie  Sßelt,  unb  affeS  einzelne 
al§  foldje§  nur  in  unb  mit  bem  (Standen  unb  eben  fo  gut  für 
ba$  anbere  al§  für  ftdj:  eben  fo  ift  audj  bie  £§ättgfeit  be§ 
(£rlöfer§  meltbilbenb,  unb  iljr  ©egenftanb  ift  bie  menfdjlicfce 
9?atur,  bereu  ®efammtljeit  ba%  frftftige  ®otte§bemufjtfein  ein* 
gepflanät  merben  foff  al§  neue§  2eben3tmncty ;  bie  ©inselnen 
aber  eignet  er  ftdj  an  in  $8esief)ung  auf  bie  (SJefammtljeit,  fo 
mie  er  auf  foldje  trifft,  in  benen  feine  £fjätigfett  nidjt  nur 
bleiben,  fonbern  audj  bon  if)nen  au§  burdj  bie  Offenbarung 
feines  SebenS  auf  Slnbere  mirfen  !ann.  Unb  fo  ift  bie  ge* 
fammte  SBirffamfeit  ©Ijrtfti  nur  bie  gortfesung  ber  fd)ö£ferifd)en 
göttlichen  St^ätigfeit  au$  melier  audj  bie  $erfon  (£t)rifit  ent* 
ftanb.  S)enn  audj  biefe  l}atte  ifjre  SRidjtung  auf  bie  gefammte 
menfdjlic&e  Sftatur,  in  meldjer  jene§  ©ein  ®otte§  fein  foffte, 
aber  fo  bafe  bie  SBirfungen  berfelben  burd)  ba§  ßeben  ©briftt 
al§  be§  urforünglidjften  Organa  vermittelt  finb  für  äffe  im 
natürlichen  ©inn  fdmn  perfongemorbene  menfdjlid)e  Statur, 
nadj  9ftaafegabe  mie  fie  ftd)  mit  jenem  Heben  unb  beffen  ftd) 
immer  fortbilbenbem  Drgani§mu§  in  getftige  Söerüfjrung 
bringen  laffen,  um  mit  Gsrtöbtung  ber  früheren  $erfönlidjfett 
in  ber  £eben§gemeinjdjaft  mit  ©Ijrifto  ju  $erfonen  in  ber 
®efammtljeit  jene§  Ijöberen  £eben§  geftaltet  gu  merben.  — 
90?ögen  mir  nun  aber  auf  ba%  ®efammtleben  feljen,  ober  auf 
bie  ©emeinfdjaft  be§  ©tnselnen  mit  bem  ©rlöfer:  fo  merben 
mir  ben  Anfang,  ba  er  bodj  burdj  eine  freie  SInnaljme  bebingt 
ift,   am  beften  burdj  ben  2lu3bruff  Berufung    beäetc^neu 


Grfiex  Sl&fdjmtt.  S5on  bem  3uftanbe  be§  ©Triften  k.  83 

roie  beim  bie  ganje  amtliche  S^ätigfeit  mit  einer  fofdjen  an* 
fing:  ben  Slntbeil  be§  G£rlöfer§  aber  an  bem  gemeinfamen 
£eben  in  feiner  2)auer  roerben  roir  mit  bottem  SHedjt  ^8e* 
feslung  nennen  sunädift  in  SSeäieljung  auf  baä  ©efatnmt* 
Teftiti  roie  ja  bie  ®ird)e  fein  Seib  genannt  roirb;  aber  eben  fo 
fall  auä)  in  ber  einzelnen  ®emeinfcf)aft  ©l)riftu§  bie  Seele 
fein,  j.eber  einzelne  aber  ber  Drgani§mu§  burcb  roeldjen  fie 
wirft.  S3eibe  behalten  ficb  ttrie  in  (£brifto  bk  göttliche 
£Ijätigfeit  im  Slct  ber  Bereinigung  unb  im  guftanb  fceg  sgers 
eintfein§,  unb  roie  in  <$ott  bit  erfdjaffenbe  &bätigfett  unb  bit 
erbaltenbe.  Stfur  bafj  rjter  nod)  beutlid^er  ift  foroot  roie  jeber 
Moment  einer  gemeinfamen  £bättgfeit  bocb  roieber  fann  a\% 
^Berufung  angefeben  roerben,  al§  audj  roie  bie  eigentliche  $8e* 
rufung  fdjon  al§  Söefeelung.  2tudj  biefe  gormel  roirb  inbefj 
an  einem  anbern  Dxt  ifyre  2lnroenbung  finben. 

3.  SÖBte  biefe  2iu§einanberfeaung  gan§  auf  bie  innere  (Sr* 
f  abrang  surüffgebt,  unb  nur  biefe  betreibt  unb  erleuchtet: 
fo  fann  fte  natürlich  feinen  2lnfprud)  barauf  machen,  ein  $8e* 
roei§  fein  §u  roollen,  bafj  e§  fo  ^abe  fein  muffen,  roelcbeS  auf 
bem  Gebiet  ber  Gsrfabrung  nur  fofern  möglich  ift,  als  Wat§& 
matif  babei  angeroenbet  roerben  fann,  roa§  Ijier  feine§roege§ 
ftattfinbet.  (Sonbern  e§  foU  nur  bargelegt  roerben,  bafj  bit 
ooEfommene  Sßefrtebigung,  roelcbe  roir  anftreben,  in  bem  S8e* 
roufjtfein  be§  Triften  bon  feinem  SSerr)ältnt§  §u  (£§rifto  nur 
roafjrfjaft  enthalten  fein  fann,  fofern  bafj  Sßeroufjtfein  ein  foIcrje§ 
SSerbältnifj ,  roie  bier  befcbrteben  roorben,  auSbrüfft.  Soll  e§ 
aber  biefen  Sfabalt  nicbt  Imben,  fo  mufe  Me  bottfommene  $8e* 
friebigung  entroeber  anberroärt§  berfommen,  ober  e§  giebt  fte 
gar  nid)t,  unb  roir  muffen  un§  mit  einer  unbeftimmten  Sße* 
fcbroicbtigung  begnügen,  bie  obne(£rlöjer  aucb  §u  finben  ift,  fo 
bafj  e§  bann  gar  feinen  eigentümlichen  Söeftä  göttlicher  ®nabe 
im  (£briftentbum  gäbe.  S)iefe  Slbläugnungen  laffen  fidj  aber 
nic^t  roib  erlegen,  fonbern  nur  burdj  bie  2b at  befeitigen,  inbem 
roir  fucben  §u  beroirfen,  bafj  bie  Säugnenben  baffelbe  erfahren. 
—  SBenn  nun  aber  bon  eben  biefen  eine  foldje  ©arftellung 
ber  erlöfenben  Xtjötigfeit  (£brifti  at§  »Stiftung  eme§  neuen 
ibm  unb  un§  gemeinfamen  in  itjm  urfbrünglicben  in  un§  aber 
neuen  unb  bon  ifjm  auSgebenben  2eben§,  roie  fie  bier  gegeben 
roirb,  mr;ftifcr)  genannt  au  roerben  pflegt :  fo  fc&eint  sroar  biefer 
2Iu§bruff  feiner  großen  Unbeftimmtbeit  roegen  beffer  bermieben 
äu  roerben;  roitt  man  ftct)  aber  fo  nabe  an  bie  urjbrüngltclje 
<$ebraud)§roeife  Saiten,  bafj  man  barunter  bagjenige  berftebt, 
roa§  ju  bem  Greife  nur  SBenigen  gemeinfamer  Sebren  gebort* 


84  2)er  djrijtUdje  ©laube.  Broetter  XfjeU. 

für  bie  5Inbern  aber  ein  ®eljeimnif$  ift,  fo  motten  mir  un§ 
bn§  gefallen  laffen.  9ta  bafj  man  in  biefen  ®rei§  nictjt  mitf- 
füt)rlt<^  fann  aufgenommen  rcerben,  roeil  eben  bie  Seljren  nur 
SluSbruff  ber  inneren  (Erfahrungen  finb:  fo  bafe  mer  bie)e 
mad)t,  bem  Greife  bon  felbft  angehört,  mer  aber  nidjt,  aud) 
gar  nidjt  biuein  !ommt.  ^nbeffen  läfjt  ftd)  bodj  eine  5lna- 
logie  biefeS  SSer^ältniffe§  auf  einem  allgemein  befannten  ®e= 
biet  nacrjroeifen.  %m  23ergleid)  nämlidj  mit  bem  bürgerlichen 
Buftanbe  behält  ftd)  ber  bürgerlich e  herein  au$  auf  einem 
beftimmten  G&ehiet  al§  eine  Ijöljere  SebenSbotenj.  (Sejen  mir 
nun  ben  gatt,  ba%  eine  bon  D?atur  sufammengefyörige  SKaffe 
äucrft  bon  einem  (Einzelnen  sunt  bürgerlichen  herein  ber- 
bunben  merbe,  mie  bie  (Sage  ja  foldjer  gälle  genug  aufeäfjlt: 
fo  ift  in  biefem  juerft  bie  %bee  be§  Staats  sunt  Söemufjtfeiu 
gekommen,  unb  Ijat  ftd)  beffen  ^ßerförtlictjfeit  gum  unmittelbaren 
Söoljnftä  angeeignet,  tiefer  nimmt  bann  bte  übrigen  in  bie 
©emetnfdjaft  be§  ßebenS  biefer  %bee  auf,  inbem  au$  in  ifjnen 
burd)  feine  mirffame  SSerlünbigung  ba§>  ungenügenbe  iljreS 
bisherigen  £uftanbe§  sunt  Ilaren  Söettmfjtietn  fommt,  unb  in 
beut  (Stifter  beroäljrt  ftd)  bie  ®raft,  üjnen  bie  $bee,  bie  fein 
innerfteS  SebenSprincip  ift,  eütäubitben  unb  fte  in  ®emeiu= 
fd)aft  bie\e$  SebenS  aufzunehmen;  raoburdj  nidjtnur  ein  neues? 
(SJefammtleben  unter  if)nen  entftefjt  in  bottfommenem  ®egenfag 
mit  bem  früheren,  fonbern  aud)  jeber  für  ftd)  eine  neue  $erjou 
roirb,  nämlidj  ein  Bürger  Unb  atteS  roa§  bon  ^ter  au§  ent^ 
ftel)t ,  ift  ba$  in  ber  Seit  ftdj  berfdjieben  entmiffelnbe  im 
SBefen  aber  (Sine  (SJefammtleben  bie[er  seitlid)  an  jenem  fünfte 
erfdjienenen,  immer  aber  fd)on  in  ber  9Mur  bc§  SSolfSftammeS 
präbeterminirt  gemefenen  ^bee.  3)ie  Analogie  liefje  ftd)  nodj 
roetter  audj  auf  fünfte,  bie  erft  fpäter  §ur  (Sprache  fommeit 
merben,  auSbeljnen;  aber  aud)  biefe  ©arfteHung  mirb  ben= 
jenigen  mljftifd)  erfreuten,  ioeldje  bon  bem  bürgerlichen  S^ 
ftanbe  nur  eine  bürftige  untergeorbnete  2lnftct)t  gulaffen.  Saffen 
mir  un§  nun  gefallen,  ba$  man  unfere  Sluffaffung  mbftiid) 
nenne  in  biefem  (Sinn:  fo  mirb  ba$  natürlich  aud)  bon  allem 
au§  biefem  £>auptpunft  abäuleitenben  gelten.  SIber  fo  mte 
bieje  mt)fti[d)e  Sluffaffung  ftd)  mol  fann  als  bie  ursprüngliche 
Iegitimiren,  fo  mad)t  fte  aud)  3lnfprudj  barauf  bie  roaljre 
SD^itte  ju  fein  groifdjen  ätoet  anbern,  babon  idj  bie  eine  bie 
magi[d)e  nennen  mödjte,  bie  anbete  aber  bie  empirtfcije.  $eue 
nämlich  mill  aHerbingS,  ba%  bie  SUjätigfeit  (£(jrtftt  erlöfenö 
I  fei,  aber  o^ne  bafj  bie  SKittbeilung  feiner  SSoHfommen^ett 
bon  ber  Stiftung  etne§  ©emeinmefenS  abhängig  fei,  fonberu 


grfter  abfänitt.  Eon  bem  guftanbe  be§  ©Triften  :c.  85 

bur<$  bte  unmittelbare  ©inroirfung  beffelben  auf  ben  (Sinjelnen, 
mobei  (Einige  nodj  baS  gefdjrtebene  28ort  als  notljroenbigeS 
Mittel  einbebingen,  Slnbere  aber  nicfjt.  ®te  legieren  erfreuten 
als  bte  confequenteren,  aber  an  itmen  roirb  baS  magifctje  befto 
beutlictjer,  je  mefjr  fie  ficf)  öon  allem,  roaS  tu  bem  ($5emein= 
roeien  feinen  Uriprnng  fjat,  öoEfommen  loSfagen.  3)aS  magifcbe 
liegt  aber  in  einer  burd}  nictjtS  natürliches  Vermittelten 
©inttrirfung,  bie  bod)  einer  $erfon  gugef crjrieben  roirb,  gang  im 
®egenfag  gegen  bie  unferer  S>arftetfung  überall  gum  ®runbe 
liegenbe  ffiapme,  bafj  ber  Anfang  beS  3?eidj)eS  @5otteS  ein  über- 
natürliches  fei,  roelctjeS  aber,  fo  rote  eS  in  bie  (£rfd)einung  tritt,  i 
ein  natürliches  roerbe;  benn  Ijier  ift  ieber  gehaltvolle  Moment . 
als  ein  übernatürliches  gefegt.  ®ie?e  Stuftest  ift  übrigens  öotf* 
fommen  feparatiftifcrj,  roeil  baS  ®efammtleben  babei  als  etroaS 
rein  anfälliges  erfc&eint,  unb  fie  ftreift  gang  nalje  an  ba% 
bofetifdje.  ®emt  roäre  ©IjriftuS  auf  foteeje  SSeife  legt  groar 
als  $erfon,  aber  nur  als  tjimmlifc&e  oljne  trbiferje  (£5egenroart, 
bod)  auf  roafjrljaft  perfönlictje  SSeife  toirffam:  fo  fonnte  er 
aud)  fd)on  immer  eben  fo  roirfen,  unb  feine  rotrflidje  perfön- 
lid)e  (Srfdjeinung  roar  nur  eine  überflüffige  ßugabe.  die- 
jenigen aber,  ioeldje  eine  unmittelbare  perfönlidje  (Stniotrhmg 
ebenfalls  annehmen,  aber  fie  burdj)  baS  SSort  unb  bk  %z- 
meinferjaft  Vermitteln,  ftnb  nur  roeniger  magifd),  toenn  fie 
biefen  legieren  bie  ®raft  beilegen  eine  (Stimmung  IjerVorsu- 
rufen,  bei  melier  ber  (Singeme  für  jene  persönliche  (Stnroirfung 
empfänglich  roirb,  aber  noctj  magifetjer,  roenn  biefe  natürlichen 
Elemente  bxt  ®raft  (jaben  f  ollen,  CHjriftum  §u  feiner  ©in* 
mirfung  gu  biSponiren;  benn  ir)re  Söirtiamfeit  gleicht  bann 
öottfommen  ber,  meiere  ben  gauberfprüdjen  beigelegt  roirb. 
2)ie  entgegengefegte  empiriiccje  Sluffaffung  roitt  groar  au<$  eine 
erlöfenbe  £t)ätigieit  ©Ijrifti,  bxt  aber  nur  befielen  foH  in  ber 
95eroirfung  unferer  roacrjfenben  SßoHfommenl)eit,  meines  niebt 
füglich  anberS  als  unter  ben  formen  ber  Seljre  unb  beS  £8et= 
iptelS  gefcrjeljen  lann.  3)iefe  formen  ftnb  allgemein  unb 
nichts  untere eibenbeS  barin;  unb  gefegt  audj  eS  roirb  guge* 
geben,  bafj  (£{jriftuS  fiel)  Oon  benen,  bie  auf  bemfelben  28ege 
gu  unferer  SSerbeffung  mitroirfen,  burcrj  bie  reine  ^ottfommen^ 
l)txt  feiner  Se^re  unb  feines  SMipielS  unterfdjeibe:  fo  bleibt 
bod)  roenn  nur  unüottfommneS  in  unS  bemirft  roirb  nichts 
übrig,  als  bafj  mir  auf  bie  (Srlöfung  im  eigentlichen  (Sinne 
—  nämlid)  auf  baS  £intt>egnef)men  ber  ©ünbe  —  3Bergi$t 
leiften,  unb  unS  roegen  beS  aucl)  in  unferer  roacfy'enben  S5ott- 
fommen^eit  noc§  übrigen  ^öemu^tfeinS  ber  @ünbe  mit  ber 


86  SDer  djriftltdje  (tflauöe.  3ü)dter  X$ell. 

allgemeinen  Berufung  auf  bie  göttliche  SBarmbersigfett  be- 
fdjmicbtigen.  £)a  nun  burd)  Setjre  unb  33et[piel  nur  eine  foldje 
madjfenbe  $otffommenbeit  benrirft  mirb,  unb  jene  $Be- 
fcbmicbtigung  audj  obne  ©briftum  ftatt  ftnbet:  fo  müfjte  man 
gefteben,  bafj  feine  (£rfcb  einung,  fofern  fie  etma§  befonbereS 
fein  mottte,  bergeblidj  märe.  Ober  Ijödjfteng  fönnte  man 
fagen,  er  babe  bie  SQcenfcben  burdj  feine  Sebre  babin  gebraut, 
ba%  fte  bon  bem  üorber  allgemeinen  Söeftreben  abgelaffen 
baben,  ©ott  (Surrogate  barjubringen  für  bie  feljlenbe  UnooH- 
fommenbeit.  2ltfein  ba  ftdj  bie  SSergeblicbfeit  biefe§  S8eftreben§ 
bemonftriren  läfjt:  fo  baben  mir  fd)on  in  unferer  natürlichen 
Vernunft  bie  göttliche  ©enn'Peit  babon,  unb  brauchten  fte 
bnber  nid)t  anberroärt§  ber  gu  empfangen.  Unb  biefe  9luf- 
faffung  öerfdmlbet  mabrfcbetnlicb  am  meiften,  baf$  bie  $büo= 
foppte  ftct)  über  ben  (glauben  ftettt  unb  biefen  nur  al§  einen 
2)urd)gang§suftanb  betrachtet.  2Sir  aber  fönnen  un§  nidjt 
mit  bem  (Selbftbemufjfein  macbfenber  SSoHfommen^eit  be= 
gnügen ,  meil  e§  eben  f o  ferjr  bem  Söemufjtfetn  ber  (Sünbe  al§ 
bem  ber  ©nabe  angeljörtg  ba§>  eigentümlich  d)riftli<$e  nicbt 
in  ftct)  fdjliefjen  fann.  Slber  sunt  Söemufjtfein  ber  ©nabe  ge^= 
bort  e§  für  ben  ©btiften  überhaupt  nur,  menn  e§  feiner  Ur~ 
facbe  nadj  auf  ben  Gcrlöfer  surüffgefübrt  mirb;  unb  e§  mu§ 
alfo  ein  anbere§  fein  bei  ibm  al§  bei  SInbern,  natürlich  alfo 
meil  e§  mit  etma§  anberem,  nämlich  ber  eigentlichen  erlöfenben 
Tt)ättgfett  ©bttfti,  sufammenljängt. 

§.  101.  SDer  (Möfer  nimmt  bk  ©laubigen  auf  ixt  bie 
©emeinfdjaft  feiner  ungetrübten  ©eligfeit,  unb  bte£  ifl 
feine  cerföfynenbe  Sfyätigteit. 

1.  SBenn  biefe  Slufnabme  in  bte  ©emeinfdjaft  ber  (Selig* 
feit  etma§  märe  unabbängig  bon  ber  9lufnaljme  in  bie  ®räfttg= 
fett  be§  ©otte§bemufjtfeiu§,  ober  gar  iene  au§  biefer  folgen 
fottte:  fo  märe  bte  teleologtfcbe  Statur  be§  (£f)riftentbum3 
alterirt.  SSte  aber  in  ©Ott  ©eltgfeit  unb  2lllmacbt  gleidjge= 
fegt  ftnb,  gegenfettig  burd)  einanber  bebingt,  mitbin  audj  un= 
nbbcingig  eine  üon  ber  anbern:  fo  mufj  audj  in  ber  ^Serfon 
(S&rifti  bie  ©eligfeit  unb  bie  Shäfttgfeit  be§  ©otte§bemu§tfein§ 
gleicb  gefest  fein  auf  btefelbe  Söetfe  eine  bit  anbre  bebingenb 
unb  jebe  unabbängig  bon  ber  anbern.  föiernadj,  foHte  man 
mobl  fagen  fönnen,  muffe  e§  aucb  mit  ber  SSirffamfeit  (£brtftt 
eben  fo  fteben,  unb  bie$  müfjte  entmeber  einfad)  anerfcnnt 
merben,  ober  e§  müfjte  aroei  entgegengefejte  2luffaffungen  be§ 


(Stfter  «bfänltt.  Con  5cm  3uftoitbe  beS  ©Triften  jc  87 

<£briftentt)umS  geben,  bk  eine  eS  aufftellenb  als  ein  (Streben 
nadj  ber  (Seligfeit  um  ber  Äräftigfeit  beS  (SJotteSbemufjtfeinS 
mitten,  bie  anbere  umgefebrt,  meldje  ftdj  beibe  einanber  er* 
flankten.  Slttein  ba  bie  SBtrffamfett  (Sbrtfti  nur  entfte&t  in* 
iofern  eine  (gmöfänglidjfeit  ober  ein  Verlangen  in  bem  (Segen* 
ftanb  berfelben  borangetjt:  fo  fann  aud)  nur  bk  oerföljnenbe 
Sljätigfeit  fi<$  äußern  im  (befolg  ber  erlöfenben,  tocil  ba§ 
SBeroufctfein  ber  ©ünbe  an  ftdj  unb  ntd)t  als  Duelle  beS  UebelS 
jenes  Verlangen  begrünben  mufj,  inbem  nämlidj  baS  Hebet 
für  ben  (ginseinen  nidjt  im  Söet&ältmfc  fiefjt  mit  ber  <Sünbe. 
$)enfen  mir  alfo  bie  Sljätigfeit  beS  (SrlöferS  als  ©tnhrirfung 
auf  ben  ©injelnen:  fo  fönnen  mir  baS  berföljnenbe  Moment 
nur  folgen  laffen  auf  baS  erlöfenbe  unb  aus  bemfelben.  (Sleidj 
fejen  mir  aber  beibe  in  fofern,  bafj  bk  2ftit$etlung  ber 
<Seiig!eit  nid)t  minber  mie  bk  Sftittfjeilung  ber  SBottfommen* 
%tit  unmittelbar  in  ber  Slufnafjme  in  bk  SebenSgemeinfdjaft 
(£tjrifti  gegeben  ift. 

2.  StfefeS  nun  f^eint  M  ber  genauen  parallele  ännfdjen 
tiefem  (gas  unb  bem  borigen,  fo  ba%  fie  an  unb  für  ftdj  be* 
trautet  fügltd)  Ratten  in  ©inen  aufammengefc&molsen  merben 
fönnen,  faum  einer  Erläuterung  §u  bebürfen.  3)enn  menn  in 
^rifto  auf  ber  einen  ©eite  alle  Sljätigfeit  Oon  bem  (Bein 
<^otte§  in  itjm  ausging,  unb  biefe  £t)ätigfeit  nie  burdj  einen 
Sßiberftanb  feiner  menfdjtidjen  9?atur  gehemmt  mar,  bk 
Hemmungen  feiner  SSirffamfeit  aber  ebenfattS  nidjt  eljer  einen 
SebenSmoment  beftimmten,  bis  bie  Söaljmeljmung  baoon  in 
fein  innerfteS  ©eloftberoufetfein  aufgenommen  mürbe,  meldjeS 
-mit  bem  fräftigen  (SotteSbemufjtfein  fo  (£inS  mar,  bafj  fte  in 
bemfelben  nur  als  jur  aettlidjen  gorm  ber  ootffommnen 
löirffamfeit  feines  SßefenS  geprig  erf feinen  fonnten;  auf 
ber  anbem  <&titt  aber  nodj  meniger  Hemmungen  beS  eignen 
natürlichen  ober  gefeHigen  SebenS  in  Meiern  innerften  93e* 
-.ttmfctfeut  als  Hemmungen  aufgenommen  merben  fonnten, 
fonbern  nur  als  Slnaeigen,  meiere  ^idjtung  feiner  £t)ätigfeit 
gegeben  fei:  fo  finbet  ftdj  aud)  ber  ©rlöfte,  fofern  er  in  bk 
SebenSgemeinfcfcaft  GWftt  aufgenommen  ift,  niemals  öon 
bem  Söemufctfein  eines  UebelS  erfüllt,  meil  eS  fein  iljm  mit 
CPjrifto  gemeinfameS  Seben  nidjt  ^emmenb  treffen  fann. 
fonbern  atteßebenSljemmungen  natürliche  unb  gefetfige  fommen 
4audj  in  biefeS  ®ebkt  nur  als  Slngetgen:  nic&t  merben  fte 
Ijinro  eggen  ommen,  als  ob  er  fdjmeraloS  unb  frei  bon  2tibzn 
fein  f oUte  ober  f önnte,  benn  barum  tjat  auefj  (ÜHjrtftuS  ©djmersen 
Qeljabt  unb  gelitten,  fonbern  nur  Unfeltgfeit  ift  nic^t  in  bm 


88  ©er  #rtltli$e  ©lanfc.  Stneiter  X^eil. 

©cfcmersen  unb  Setben,  roeil  fie  al§  fotc^e  nidjt  in  ba§  innerste 
Seien  einbringen.  Unb  biefe§  gilt  aud)  bon  bem  Söemufjtfein 
ber  bei  iljm  nod)  borfommenben  ©ünbe.  S)enn  ba  fie  nid)t 
au§  feinem  neuen  Seben  abgeleitet  roerben  fann:  fo  besiegt 
er  üe  nur  auf  ba$  ©efammtleben  ber  allgemeinen  (Sünb= 
Ijaftigfeit,  roelci)e§  in  itjm  nod)  einen  9tam  §at  9li$t  alfo 
al§  ob  e§  nicfct  ©c&mera  unb  Seiben  märe,  fofern  er  bti 
feiner  ^erfönlidtfeit  ftetjen  bleibt ;  aber  ju  bem  Seben  GHjrifti 
in  tljm  bringt  e§  nur  al§  5Inseige  bon  bem  roa§  ju  tfjun  ift, 
unb  ift  mithin  in  bemfelben  feine  Unfeligfeit.  3)a!jer  fjebt 
ba§  2lufgenommenfein  in  bit  Seben§gemetnfdjaft  mit  (£tjrifto 
ben  Bufammenljang  ghnfdjen  Uebel  unb  ©ünbe  auf,  inbem 
fittlid)  htibt  nid)t  meljr  auf  einanber  belogen  merben,  roenn 
au<$  natürlich  betrachtet  ba$  ©ine  bie  golge  ber  anbern  ift; 
ftttlid)  aber  ttrirb  jebe§  bon  beiben  für  fid)  nur  auf  bie  9luf* 
gäbe  be§  neuen  SebenS  belogen.  SSie  bemnacl)  bit  erlöienbe 
£t)ätigfeit  GPjrifii  eine  bem  ©ein  ®otte§  in  GHjrifto  ent* 
forecljenbe  (SJefammttfjättgfeit  ftiftet  für  alle  (gläubige:  fo 
triftet  ba$  berföljnenbe  (Clement  nämlid)  bie  ©eligfeit  be§ 
©ein§  Ö5otte§  in  iljm  ein  felige§  ©efammtgefü&l  für  alle 
©laubige  unb  ieben  befonber§.  $n  biefem  erftirbt  äugleidj 
üjre  frühere  ^ßcrfönlictjfett ,  fofern  fie  bie  2lbgefd)Ioffenljeit 
be§  ®efüfjl§  in  einer  ftnnlidjen  Seben§einljeit  mar,  ber  atte§ 
mittönenbe  ^5efür)I  für  5tnbere  unb  für  bit  ©efammt^eit 
untergeorbnet  blieb.  Sßa§  aber  al§  ©elbigfeit  ber  ^ßerfon 
übrig  bleibt,  ba$  ift  bit  eigentümliche  5luffaffung§*  unb  (£m^ 
:pftnbung§roeife ,  bie  ftct)  al§  inbibibualifirte  ^nteHigens  in 
jene§  neue  gemeinfame  Seben  Jmeinbilbet,  fo  ba§  audj  in 
SSe^ie^ung  auf  bit)t$  Moment  bie  £fjfftigf  eit  (Hjrifti  p erfon- 
bilbenb  ift,  inbem  ein  alter  StRenfd)  ausgesogen  mirb  unb 
ein  neuer  an.  SöoEen  mir  aber  autf)  Ijier  auf  bit  2leljnlic^ 
feit  feljen  äroifdjen  ber  £ljätigfeit  (£tjrifti  in  ber  Söilbung  be§ 
neuen  ($5efammtleben§  unb  ber  göttlichen  £ljätigfeit  in  ber 
Sßilbung  ber  $erfönlid)f  eit  (£fjrifti,  fo  merben  mir  audj  l)ter 
unterfdjeiben  fönnen  einen  erften  Moment,  melier  bem  5lct 
ber  Bereinigung  al§  erfter  Anfang  entfernet  unb  al§  foldjer 
nur  auf  ba3  frühere  surüfffetjen  fann,  unb  einen  gmeiten, 
roeldjer  ben  Buftanb  be§  SSereinigtfein§  barfteEt  unb  al§ 
bie  2)auer  au§fored)enb  audj  auf  bit  Brunft  fjinau§fteljt. 
$>er  Anfang  nun  ift  fjier  baZ  $erfd)minben  be§  alten  Sftenfdjen 
mithin  audj  ber  alten  Söe^ieljungSmeife  atfe§  Uebel§  auf  bie 
©ünbe,  alfo  ba§  SBerfdjtoinben  be§  93emufetfein§  ber  ©traf* 
mürbigfeit,  mithin  ift  ba$  erfte  be§  berfötjnenben  SRomenteS- 


grfier  Stöfönüt.  3Ton  Dem  ^uftanöe  beS  Triften  20  89 

bte  Sünbenoergebung. 1  2)enn  in  ber  (£inbeit  beS  SefrenS 
mit  (£&rtfto  i&ört  alle  SBesielmng  auf  baS  ®efe§  auf,  inbent -> 
bte  öon  iljm  auSgebenbe  allgemeine  9Fii($tung  gegen  bieSünbe 
beginnt.2  $)er  Buftanb  ber  Bereinigung  aber  ift  ber  hnrfc= 
ltdje  SBeft*  ber  (Seligfeit  in  bem  SBeroufjtfein,  bafj  (jljtiftuS 
in  _ unS  ber  äRtttelpunft  beS  SebenS  ift,  mithin  fo  bafj  btefer 
SBcftg  immer  nur  als  feine  <$abe  befteljt,  bte  raetl  mir  fte 
fdjon  baburd)  überfommen,  bafc  (£r  nritl  mir  foHen  fte  fjaben, 
fein  (Segen  ift  unb  fein  griebe.  (SS  gilt  aber  ijier  audj 
mieber  baS  nämliche,  bafj  jeber  Moment  gugleidj  aud)  nad) 
bergormel  beS  anbem  gu  betrauten  ift  S)enn  in  bem  erften 
Moment  ift  ftfjon  bie  ganse  ©ntmifflung  üupücite  mitgebest, 
aber  in  iebem  fpäteren  ift  audj)  ber  erfte,  roeil  unS  bie  in 
bem  3urüffgel)tt  auf  (£l)riftum  um  befto  meniger  §u  über* 
fetjenbe  OTgegenrcart  ber  Sünbe  in  biefem  Söefts  immer  au& 
bie  Sünbenbergebung  naebroeifet. 

3.  Offenbar  nun  ift  unfer  Saj  in  bemfelben  Sinn  rote 
ber  borige  aud)  mr;ftifcrj,  unb  [eine  SBa^rbeit  audj  nur  in  ber 
(Erfahrung  nadjsuroeifen.  $n  bemfelben  Sinn  aber  ftet)t  fte 
auäj)  in  ber  Wlitte  stotfeben  einer  magifdjen,  lüeld^e  alle 
9?aturgemäf$eit  in  ber  fortroäbrenben  SSirffamfeit  (£fjrifti 
aufgebt,  unb  einer  empirifdien,  meiere  biefelbe  gan§  in  eine 
D^eibe  mit  bem  täglich  maljräunebmenben  ftetft,  alfo  ben  über- 
natürlichen  Anfang  unb  bie  unterfdjeibenbe  ©tgentbümltcbteit 
nidjt  pm  ®runbe  legt.  —  S)ie  ledere  gerjt  ebenfalls  Oon 
bem  gufammenljang  gmifcljen  Sünbe  unb  Uebel  auS,  unb 
fdjltefct  mit  fKed^t  auf  Slbnabme  beS  UebelS  hei  2lbnaljme  ber 
Sünbe.  Mein  mie  jener  Bufammenfjang  nur  für  bie  ge= 
fettigen  Uebel  öoräüglidj  gilt,  unb  audj  für  biefe  nur  genau 
ift,  menn  man  ein  grofseS  ®efammileben  in  feiner  216= 
gefdjloffenljett  betrautet;  in  jebem  einäelnen  SEJJeü  a6er 
innere  SSerbefferung,  megen  feines  3ufammenbangeS  mit  ben 
anbem,  leidet  begleitet  fein  !ann  bon  aunefjmenbem Hebel:  fo 
fann  am  rcenigften  bie  äuneljmenbeSßerbefferung  beSSinjelnen 
feine  Befreiung  oom  Uebel  tierbürgen  unb  alfo  feine  Selige 
feit  begrünben;  fonbern  aud)  bei  suneljmenber  SSottfommen= 
J)eit  bleibt  btefeS,  ba%  itjm  rttctjt  nur  SebenSljemmungen  über* 
baupt  fonbern  aud)  foldje  entfteben,  meiere  i^nt  in  SSerbinbuna 
mit  feiner  nod)  bortjanbenen  Sünbe  mithin  als  Strafe  er- 
freuten,   ©aljer  nun  biefe  SSerfölmung  nur  fe§r  anfällig  al& 


1  fftöm.  8, 1.     1  Sot).  l,  8.  9.  2, 1.  2. 

1  ®al  2,  19—21.  5,  22—24. 


90  ©er  rf)riftlid)e  (glaube.  3toeüer  Xijeil. 

<S5enufj  unb  SBefiä  borfommen  mirb,  mefentli<$  aber  immer 
nur  al§  Hoffnung  aufflefteUt  merben  fann.  ^n  beiben  %z~ 
ftalten  ober  ift  fie  meber  if)rem  Snbalt  nad)  etma§  eigene 
ibümlid)  djriftltc&eS,  noc§  aud)  fann  fie  im  (£ljriftentf)um  al§ 
©enufe  eine  größere  <Stärfe  ober  al§  Hoffnung  einen  Jjöfjeren 
@rab  bon  ©emtf^eit  fjaben  al§  aufjerfjalb  beffelben.  28ie 
gering  aber  bitte  überall  [ei,  liegt  in  ber  ®efd)idjte  au  Xage. 
SDenn  nic&t  nur  abgefe^eu  bom  (£f)riftentlmm  erneuert  ftdt) 
immer  mieber  ber  (Streit,  ob  bie  Uebel  in  ber  2Belt  hrirfltd) 
abnehmen  ober  nur  ifjre  ®eftalt  beränbern,  in  (Summa  aber 
Ijöc&ftenS  atte§  beim  SUien  bleibt:  fonbern  aud)  in  ber  <$rift= 
liefen  SHrdje  fetbft  feljrt,  je  weniger  ber  SOcttgenufj  ber  un- 
getrübten  (Seligfeit  (S&rifti  (£rfaljrung§fad)e  ift,  fonbern  nur 
auf  jene  allgemeine  Hoffnung  aurüffgegangen  mirb,  um  befto 
ftärfer  berfelbe  Bmeifel  nrieber;  unb  gans  gegen  bie  eigene 
3uftd)erung  (J^rifti1  nrirb  bte  (Seligfeit  erft  auf  baZ  Seben 
hinter  ber  3eit  bernriefen,  unb  baburcE)  bod)  für  unabhängig 
öon  ber  attmä^Iigen  Jßerbefferung  erflärt.  (£(jrtftu§  aber  ift 
bann  bei  unterer  (Seligfeit  nur  fo  beteiligt,  mie  er  auf  biete 
juneljmenbe  23erbefferung  mirft,  ba$  Reifet  fo  bafj  e§  auf  eine 
fpeciftfdje  $erfdjiebenf)eit  straften  itjm  unb  anbern  ÜXRenfdjeu 
menig  anfommt.  —  ÜDtogifdj  erfc&emen  nur  bieienigen  2luf= 
faffungen  ber  oerjö^nenben  iljätigfeit,  meiere  bie  9#ittljeilung 
ber  (Seligfeit  (S^rifti  unabhängig  madjen  bon  bem  5lufc 
genommenem  in  bit  ßebenSgemeinfcfcaft  mit  iljm.  2)ie  (Sünben- 
oergebung  nrirb  nämlich  hergeleitet  bon  ber  ©träfe  meldje 
<£&riftu§  erlitten,  unb  bk  Seligfeit  ber  9ftenf<$en  felbft  al§ 
ein  £ofjn  bargeftellt,  ben  ®ott  Gtfjrifto  für  jene§  (Strafleiben 
barreitf)t.  9li$t  a!3  ob  ber  ®ebanfe  ba%  unfere  <Seligfeit 
eine  SBelotjnung  (£ljriftt  fei,  gana  %u  berroerfen  märe,  bon 
meinem  bielmeljr  nod)  bit  SRebe  fein  mirb;  eben  fo  wenig 
al§  ob  aller  äufammenfjang  anrifc&en  bem  Setben  GTftrifti  unb 
fcer  Vergebung  ber  Sünben  geläugnet  werben  fottte:  btibzä 
aber  mirb  magifd)  fobalb  e§  nidjt  bermittelt  ift  burdj  bit 
Seben^gememfdjaft  mit  (£§rifto.  £)enn  in  biefer  (SJemeinfdjaft 
ift  bie  9Kitt§eilung  ber  (Seligfeit  nrie  oben  auSeinanber  ge~ 
legt  eine  natürliche,  oljne  biefe  aber  ift  bie  Söeloljnung  (£ljriftt 
nur  eine  göttliche  Sßtllfüljr.  Unb  bie§  ift  fdjon  immer  ettva$ 
magifc^eS,  oorneljmlid)  aber  Wenn  ein  fo  fctjlecrjt^in  innere 
Iid)e3  al§  bie  (Seligfeit  ift,  ot)ne  innerlicf)  begrünbet  morben 
3u  fein,  Oon  au^en  5er  \oU  ^erborgebrac^t  merben.    2)enn 

1  3o$.  5,  24. 


(£rfter  Sftfdjmtt.  55on  km  Suftanbe  be8  Steiften  ic  91 

wenn  unabhängig  üon  bem  Seben  in  (£brifto,  fann  fte,  ba 
ber  3(Renfcb  bie  Ouette  ber  ©eligfeit  nidjt  in  ftcb  §at,  bodj 
jebem  (ginaelnen  für  ftcb  nur  irgenbmie  toon  aufeen  ber  ein* 
geflößt  Werben.  (Eben  fo  magifcb  wirb  bte  (günbenoergebung 
bewirft,  Wenn  ba§  SßeWufjtfetn  ber  ©trafwürbigfeit  aufhören 
fott  besiegen,  weil  ein  Slnberer  bie  ©träfe  getragen  bat. 
SDafc  nämltcf)  biebureb  bie  Erwartung  ber  ©träfe  aufgehoben 
werbe,  läfct  ftcb  benfen;  allein  bte§  ift  nur  ba$  ftnnlicbe' 
(Clement  ber  ©ünbenoergebung,  unb  e§  bliebe  noeb  ba§eigent*. 
üc^  etfjifdje  nämlich  ba$  SöeWufjtfein  ber  (Strafwürbigfeit, 
welcbeS  alfo  obne  allen  ®runb  wie  Weggezaubert  oerfebwinben 
müfcte.  ^n  wiefern  nun  aueb  biebon  etnm§  in  bie  firebtiebe 
Sebre  übergegangen  ift,  wirb  noeb  unten  baüon  §u  banbeln  fein. 
4.  Vergleichen  Wir  nun  ben  bier  aufgeteilten  gujammens 
bang  mit  ben  beiben  eben  angeführten  gegenüberftebenben  5ln= 
fixten:  fo  führen  fte  atterbingS  auf  bie  Vemerfung,  ba%  bei 
ber  unirigen  baB  Seiben  (£brifti  gar  niebt  zur  ©bracbe  fommt, 
fo  bafj  aueb  nidjt  einmal  ($5elegenbeit  gemefen  ift  bie  grage 
aufzuwerfen,  ob  unb  in  wiefern  e§  zur  (Erlöfung  ober  zur 
Verföbnung  gebort.  5lu§  biefer  Verzögerung  ift  aber  nur 
3u  fctjltefeert ,  ba%  fein  ®runb  borbanben  war  e§  als  ein 
jmmitiue§  (Clement  aufzuführen  Weber  an  bem  einen  noeb  an 
bem  anbern  Drte.  Unb  bie$  bat  aueb  feine  Sfticbtigfett,  weil 
fonft  feine  oottfommne  5lufnabme  in  bit  SebenSgemeinfcbaft 
mit  GHjrifto,  au§  welcber  ftdj  (Erlöfung  unb  Verföbnung  üoll* 
fommen  begreifen  laffen,  möglieb  gewefen  wäre  bor  bem 
Seiben  unb  £obe  ©brifti.  2ll§  ein  Clement  ber  zweiten 
Orbnung  jebod^  gebort  e§  zu  beiben;  aber  unmittelbarer 
zur  Verföbnung,  unb  zur  (Srlöiung  nur  mittelbar.  3)te 
Stbätigfeit  (£briftt  in  (Stiftung  be§  neuen  ®efammtleben§ 
fonnte  nur  in  ibrer  Vottfommenbeit  wirftieb  erfdjeinen  — 
wenngleich  ber  (Glaube  an  bie\e  Votffommenbeit  aud)  obne 
bieZ  oorbanben  fein  fonnte  —  wenn  fte  feinem  SBiberftanbe 
wieb,  aueb  bem  niebt  welcber  ben  Untergang  ber  ^Serfon 
berbeipfüljren  bermoebte.  £)ie  SSottfommenbeit  liegt  alfo 
bier  niebt  eigentlich  unb  unmittelbar  in  bem  Seiben  felbft, 
fonbern  nur  in  ber  Eingebung  in  baffelbe.  Unb  biebon  ift 
ein  aueb  gleicbfam  magijcbe§  gerrbilb,  wenn  man,  bie)en 
Gipfel  iiolirenb  unb  bie  Stiftung  be§  ®e[ammtleben§  bei 
©eite  fesenb,  eben  biefe  Eingebung  in  ba§  Seiben  um  be§ 
SeibenS  Witten  als  bie  eigentliche  Summe  ber  erlöfenben 
Xbätigfeit  ©briftt  anficht.  s4Sa§  aber  bie  SSerföbnung  betrifft 
fo  oerftanb  fieb  oon  felbft  für  unfere 'Sarftetfung,  bafc  um  baä 


92  ©er  djrtftlige  ©taube.  3toeitcr  Sljetl. 

2lufgenommenroerben  in  bie  ®emeinftf)aft  fetner  Seligfett  51* 
bewirf en,  ba&  Verlangen  berer  bie  ft<$  iljrer  Unfeligfett  be= 
mufet  maren  erft  ntufjte  burdj  ben  (Einbruff  ben  fte  con  [einer 
Seligfeit  empfingen  auf  ßljriftum  f)ingelenft  Serben.  Unb 
ftter  öerfjält  e§  ftd)  eben  fo,  bafj  ber  glaube  an  biefe  Selige 
feit  audj  ofmebieS  oorbanben  fein  fonnte,  bafj  aber  bie  (Selig- 
feit  boef)  nur  in  if>rer  Sßollfommenljeit  erfdjien,  inbem  fte  Don 
ber  gülle  be§  Seibeng  bodj)  ntd)t  überrounben  mürbe,  unb 
smar  um  fo  meljr  at£,  roetl  bieg  Seiben  au§  bent  Sßiberftreben 
ber  Sünbe  Ijeroorging,  aud)  ba$  ben  GSrlöfer,  feit  er  in  ba§ 
ßJefammtteben  ber  Sünbe  eingetreten  mar,  überall  jebodj  ofjne 
Störung  feiner  Seligfeit  begleitenbe  Sftitgefüljl  ber  Unfelig* 
feit  r)ier  in  feine  gröfjte  $ljafe  eintreten  mufjte.  Unb  bier  ift 
e§  nietjt  bk  Eingebung  in  ba§  Seiben,  al§  roeldje  ber  er^ 
iöfenben  ^ätigfeit  angehört,  fonbern  ba§  Seiben  felbft  meläieS 
bie  öoftfommne  SBeftättgung  be§  ®lauben§  an  bie  Seligfeit 
be§  (£rlöfer§  roirb.  ipieöon  aber  ift  roieber  ba&  ntagif^e 
3errbilb  bie  Sluffaffung,  roeldje  bie  9?otf)roenbigfeit  einer  un^ 
erfc^ütterltctjen  Seligfeit  in  (£f)rifto  gänalid)  berfemtenb  bie 
I  Derföbnenbe  ®raft  feinet  SeibenS  grabe  barin  fest,  ba%  er 
audj  feine  Seligfeit  freiwillig  aufgegeben  unb  roenn  audj  nur 
für  Momente  mirflidj  unfelig  geroorben  fei.  Sofern  audj 
iriebon  bk  fird)lid)e  Sefjre  ni$t  gans  frei  ift,  motten  mir  nod) 
unten  barauf  surüfffommen.  3)iefe§  aber,  bafj  mir  al§  bm 
©tpfel  be§Seiben§  ba§  attitgefüfjl  ber  Unfeltgfeit  fesen,  fätiefet 
fdjon  in  ftd),  bafj  fein  Seiben,  roeldjeS  nietjt  mit  ber  erlöfenben 
Sljätigfeit  ©Ijxifri  sujammenljängt,  al§  sur  Sßerföljnung  ge* 
börig  angefefjen  merben  fann,  meit  ein  foldjeS  aud)  oljne  3u~ 
fammen^ang  märe  mit  ber  $id)tung  be§  (£rlöfer§  gegen  bie 
Unfeligfeit,  mithin  audj  nur  magifdjerroeife  sur  23erföf)mutö 
fonnte  geregnet  merben.  9^un  läßt  fid)  aber  nur  alles  Seiben 
(Xtjriftt  überhaupt  unb  al§  @ine§  angefeljen  in  biefem  3ul«mmen* 
§ang  mit  feiner  erlöfenben  £ljätigfett  benfen;  einjelneS  bingegen 
befonberö  ljexau§gxeifen  unb  bem  einen  etgentl)ümlid)en  Sßex* 
föbnungSmertj^  betlegen,  ba$  fetjetnt  im  btbaftifdjen  Vortrag 
nidjt  blofj  fbielenbe  Allegorie  su  fein  unb  im  poetifetjen  nid)t 
blofj  tänbelnbe  ©mpfinbfamfeit,  fonbern  e§  ift  mol  feiten  of)ne 
eine  bexunxeinigenbe  93eimifd)ung  oon  Superftition.  5lm 
menigften  gebüfjrt  fid^  einen  folgen  au§geseid)neten  SSer^ 
fölmung§roextf)  auf  bie  föxperlidjen  Seiben  gu  legen,  ba  biefe 
nid)t  nur  fdjon  an  unb  für  ftd)  im  fdjroädjften  3ufammen' 
bange  ftefjen  mit  jener  S^eactiou  ber  Sünbe,  fonbern  aud) 
unferm   eignen  ©efü&l  nac^  e§  fc^on  ber  Sofjn  einer  mäßigen 


ßrfter  STbfänitt.  Sßon  bem  3uftanbe  be§  Triften  sc. 9$ 


itttlt^en  9Iu§bilbung  unb  Iräfttgen  grommt^ett  tft,  bafc  im 
Rufammenjein  mit  einem  freubigen  geiftigen  ©ejbftbenmfctfem, 
fei  e§  nun  ein  perfönli$e§  ober  ein  ©emeingefu$l,  forperltdje 
Reiben  faft  gan*  aufgehoben  merben,  wentgfienS  niemals  jenes 
«Benmfctfein    aurüffbrängen    unb   ben  <SeUg!ettSge$alt   emeS 
Momentes  verringern  !önnen.    S)amtt  gerbte  obige  2>ar* 
Stellung  auf  alle  Sßetfe  als  2Raa£ftab  für  bie  SSeurt&etlung 
ber  f treten  firmeln  bienen  fönne,  muffen  mir  fte  an  untere 
allgemeine  formet  ber  bur<$  ^riftum  öoHenbeten  Schöpfung 
ber  menf blieben   9?atur  galten,  um  unS  ju  überzeugen .hob 
auä>  bte  ?  in  jener  ämiefa*en  Wtigfeit  IWfrlf 
fübrung  erhält.    ®enn  maS  fo  öon  ber  tnentöltäen  Statur 
in   bie  SebenSgemeinftfiaft  (S&rifti  aufgenommen  tft,  baS  tft 
aufgenommen   in  bie  ©emeintäaft    einer  lebem  «   an* 
gemeffenen  unb  um  erfd)öpfenben  bux*  btc  ^ftjflteit  be» 
©otteSbenur&tfeinS  allein  beftimmten  ^aftgteit,  jugleicfe  aber 
aueb  in  bie  ©euiemf*aft  eineS  in  biefer  ^ättglett  ru^euben 
unb  buref)  feine  anbermeitigen  Eemegungen  Su  er  Jutternben 
SSoblgefatlenS.  S)a6  nun  jebe  fol«e  aufnähme  m«tö  anberSiit 
a»^egottfciimflbeffettenf«öpfetlf4enact8b^a^t*ce^ 
f Aeinuna  mit  ber  $erfonbübung<£$rifti begann, bafc  jebetntenftüe 
^rböbungbiefeS  neuen  ßebenS  in  feinem  ^erlmlten  subem  bp 
Snbenben  ©eiammtieben  ber  ©ünb^aftig!eit  ebenfalls  etne 
oicbeSortfepng  ift,  mu£  nun  beutiiä)  fein ;  «*bbQ£™  b\ejfm 
neuen    öeben  bie  urfprüngiie^e   Söeftimmung   beS  2J  enfäen 
erreicht  mirb,  unb  herüber  hinaus  nichts  für  emc  5»atut :  tote 
bie   unfrige  gu  beulen  unb  *u   erftreben  tft,   bebarf  feiner 
weiteren  luSfütjrung.  -  SBie  fe$r  aifo  aucl)  btcf e  2> arfteHung 
baS  unmittelbare  Sehntfetfein  beS  Triften  anferedje,  fo  ba& 
eS  ftcb  barin  mieber  erfennt:  fo  ift  botf>,  fofern  fte  tu  ber 
Sßitte  ftebt  smifc^en  ber  empirifäen  unb  ber  magtf^en,  m* 
»ermeibli«  ^  fte  öon  jeber  für  bie  entgegengehe ^  galten 
merbe.    ®enn  auf  ber  einen  <Stitz  fonnte  ber  (Srlofer,  mett 
aeiftigeS  mie  bie  Stiftung   eineS  ®efammtlebenS  nur  getfttg 
gemirft  fein  null,  unb  eS  feine  anbere  geifttje  Gmmtrfung 
aiebt  als  bie  ©etbftb arfteHung  in  Sßort  unb  SSerf,  au$  nur 
toeratittelft  biefer   in   unfer  ©efammtleben  mneintretenb  bte 
Sttentäen  an  ft*  sieben  unb  mit  ft$  öerbinben.    ©tnb  nun 
bieienigen  5u  marnen,  meiere  ftä>  auf  bte  magtföe  ©ette  5m* 
neigen:  fo  mu£  mnen  biefer «rüffieüt  borgten  teerten,  ob 
aueb  mreSIuffaffung  bamit  sufammenftimme,  *&  ^j^T*" 
feit  ©brifti  bon  «rem  Urfprung  an  unter  biefer  gef«i#ttt$en 
■sRaturfotm  au  benfen  fei;  unb  nic&tS  ift  leichter,  atö  m  fte 


94  £er  djriftlidje  ©laube.  3toeiter  Xtjell. 

bie§  fo  mifjberf teilen,  al§  [olle  (£briftu§  mit  Söefeittgung  be& 
göttlichen  in  ibm  nur  auf  gen)ölmlid)e  menfdjlidje  SSeife  al§ 
Seljrer  unb  SSorbilb  nnrfen.  5luf  ber  'anbern  (Seite  aber  ift 
ber  Unterfdjieb  (£f)riftt,  nne  er  tjier  aufgefaßt  wirb,  bon  einem 
folgen  (£ljriftu§  nur  anfdjaulidj  ju  machen  an  jenem  „(£t)riftu§ 
in  un§"  wogegen  Setjrer  unb  (Sdjüler  fo  hrie  SSorbllb  unb" 
OTaäjabmung  immer  aufter  einanber  bleiben.  SBerben  nun 
aber  biejenigen,  bie  fidj  §u  ber  empiri|d}en  Slnftdjt  hinneigen, 
Ijiernad)  gefragt,  ob  fie  aud)  toirflid^  bon  einer  £eben3= 
gemeinfdjaft  mit  (£&rtfto  Gsrfaljrung  Ratten:  fo  toerben  fie  ba§ 
nur  su  leitfyt  mifjberfteljen,  al§  motte  man  ba§  berto  er  flicke 
magifc&e  förbern.  (£ben  be§ljalb  aber  werben  nrir  nid)t  nur 
für  bk  djriftlidje  ®irdje  überhaupt  fonbern  aud)  für  bie 
ebangelifc^e,  in  ber  fidj  atte  biefe  ^Differenzen  ftnben,  einen 
breiten  Sftaum  nacf)  beiben  (Seiten  offen  galten,  bamit  nur 
mo  nur  nod)  eine  3lnerfennung  (Eljrifti  ift  —  biefe  aber  ganj 
fahren  gu  laffen  liegt  eben  fo  feljr  auf  ber  (Seite  be§  magifc&en 
@£trem§  al§  auf  ber  (Seite  be§  empirifdjen  —  unb  fo  lange 
bietet  (Sjtrem  nodj)  nidjit  eingetreten  ift,  immer  bit  (fernem? 
f^aft  fefttjalten  fönnen,  um  burd)  biefelbe  immer  meljr  atte§ 
ber  SD^itte  näljer  §u  bringen. 

§.  102.  Sie  Rrdjü$e  £el)re  berttyetlt  bie  ©efammt^-- 
tptigfeit  (£fyrtfti  in  bret  2lemter  beffelben,  ba£  propfyettfd?e, 
§ofyepriefterlicf?e  unb  fömglicfye. 

1.  Siefe  (Sinti?  eihmg  Ijat  auf  ben  erften  Slnbliff  btn 
(Sdjein  einer  großen  Sßittfüljr  gegen  ftdj;  al§  Ijätte  man  näm^ 
lidj  au§  einer  SOcenge  bon  bilblidjen  2lu§brüffen,  beren  (£fjriftu§ 
felbft  fidt>  bebient,  grabe  nur  einen  gewählt  mit  gurüfffesung 
ber  anbern,  unb  ju  biefem  ^Wti  anhext  gefügt,  beren  fidj  md)t 
(£§riftu§  felbft  fonbern  nur  feine  jünger1  bebient.  (Sötte  e£ 
baljer  btlblidje  5lu§brüf!e  gelten:  fo  fyabt  unftreittg  ba$  ©üb 
bom  Wirten,  beffen  ft<$  (£l)riftu§  felbft  bebient  unb  toeldjeS 
$etru§  nrieberijolt»  tool  ein  größeres  Steigt  al§  bie  5lu§brüffe 
£ofjerpriefter  unb  $ropljet.  SSer^ielte  e§  fidj  nun  nürflitf) 
fo,  bafj  au§  mehreren  gleiclj  berechtigten  aber  inSgefammt 
bilbXict)en  5lu§brüffen  biefe  nur  gletd)fam  sufättig  §erau§^ 
gegriffen  mären:  fo  märe  nictjt  nur  ju  bertounbern,  mie  eine 

1  $)ie  Benennung  &ofje£riefter  fommt  aufcer  bem  SBrlef  an  bie  Hebräer 
»tetool  nur  inbirect  bor  bct  $aulu3  9Wm.  5,  11.,  unb  bei  $etru§  1  $etr. 
2,  21.,  auef)  bei  SofjanneS  1  %of).  2,  1.;  ^ro^et  nennt  ©fjriftug  fid)  felbft 
2uf.  13,  33.,  unb  toeniger  grabeäu  an  ätjnlidjen  ©teilen. 


€rfter  Stöfdjnitt.  SSon  bem  3uftan&e  &«8  Triften  :c.  95 

foldje  ©arfteffung  —  ba  bilbüd&e  5lu§brü!!e  immer  fdjmer 
ftnb  su  begrenaen,  mtb  alfo  in  einer  bialeftifdjen  (Srntmifflung 
faft  notljmenbig  grofee  Unbequemltcbfeiten  herbeiführen  —  ft<| 
fo  lange  Ijabe  erhalten  fönnen,  obne  ba|  eine  anbere  mtb 
aud)  eine  nidjt  minber  mifftubrlicbe  in  bie  ©teile  getreten 
märe;  fonbern  man  müfjte  billig  Söebenfen  tragen,  in  einer 
ftreng  bibaftifc&en  SBeljanblung  bitte  Sorm  nodj  meiter  fort- 
äupflanjen.  Wein  biefe  $u§brüffe  ftnb  nic^t  anbern  bilblidjen 
gleicbaufteffen,  fonbern  t^re  9lbameffung  offenbar  bartn  au 
fudjen,  ba§  bie  Verrichtungen  (£Ijrifti  an  bem  bon  iljm  be* 
grünbeten  ©efammtleben  mit  benen  öergti$en  merben  f offen,, 
burdj  mel#e  unter  bem  jübifdjen  SBolf  bie  (55otte§berrfcbaft 
bargeftefft  unb  aufammengeljalten  marb ;  unb  biefe  SSergletdjung 
ift  aud)  nodj  jeat  im  ßeljrgebäube  md)t  su  bernad)läfftgen_ 
SDemt  memt  e§  gleicb  maljr  ift,  ba%  biete  3)arfteffung  mebr 
ber  urforünglidjen  @ntfte^ung§seit  be§  ®lauben§  angehört  — 
mo  e§  afferbütg§  notbmenbtg  mar  ba$  antiiubaifirenbe  be§ 
(SljriftentljumS  unter  ber  iübtfcrjen  gorm  felbft  §ur  2lnfdjauung 
äit  bringen  —  al§  bafs  fte  ftdj  baju  eignete  ein  beftänbiger 
Zqpvß  ber  Seljre  au  fein:  fo  folgt  bodj  barau§  nur,  ba%  bie\e 
formen  affein  un§  ni$t  genügen  tonnen.  $aben  mir  aber 
au§  unferm  eignen  äiriftlidjen  Söenmfetfetn  un§  bie  &a<$e,  mie 
oben  gefdjeljen,  auf  unfre  SSeife  entmiffelt:  fo  gebüljrt  un§ 
bod)  un§  eine  (Kontinuität  mit  jenen  urforünglidjen  3)ar* 
fteffungen  %vl  bemabren,  ba  bie  erfte  begriff  Sbilbung  be& 
(£fjriftentf)um§  auf  bie  Bufammenfteffung  be§  neuen  ®oite§= 
rei#e§  mit  bem  alten  bafirt  mar.  2Bir  baben  alfo  au  aeisen, 
ba%  bie  unfrigc  mit  jenerübereinftimmt,  melcbeftd)Die  früheren 
Triften  bilbeten,  inbem  fte  bie  ®efc&äfte  ©fjrtfti  al§  botenaiirte 
Umbilbungen  berjentgen  barfteffen,  burcb  meldte  ftdj  im  alten > 
Sunbe  bie  göttliche  Regierung  offenbarte. 

2.  S^atürlict)  baben  mir  e§  rjier  mebr  mit  ber  %bee  biefer 
©emalten  im  Sfabentbum,  al§  mit  ibrer  gefdjid)tlicben  Gmt* 
mtfftung  m  tbun.  2)ie  Könige  maren  bie  eigentlichen  ©teil- 
Vertreter  be§  ®otte§  SfraelS ;  ibnen  mar  ba3  Regiment  über* 
geben,  um  ba$  JBolf  aufammenau^alten  unb  bie  (Stemeinfdjaft, . 
mo  e§  9lotf)  tfyat,  au  erneuern  unb  au  berbeffern.  £)ie  $rtefter 
maren  bie  £>üter  be§  £empel§  unb  ber  Heiligtümer,  unb 
Ratten  ba$  unmittelbare  93erbältnifc  %u  ®ott  au  bermalten, 
inbem  fte  Sitten  unb  Dbfer  oor  i&n  brauten,  Vergebung 
aber  unb  (Segen  bon  ®ott  anruft.  55>ie  $ropbeten  maren 
aufjerorbentlicbe  berufene  unb  Slbgefanbte  (S5otte§,  heiben 
Seiten  angebörig  unb  atotfc^en  beiben  bermittelnb  aber  nicbt 


96  $er  cfriftlidie  ©taube.  3toeitcr  22jetf. 

eben  fo  beljarrlid),  —  beim  gab  e§  gleich  $ropljetenfd)ulen, 
fo  gab  e§  bod)  nod)  ferne  ununterbrochene  golge  oon  ^ropljeten 
im  engeren  (Sinne,  —  fonbern  im  Slugenbliff  ber  9lot§  ftanb 
ber  $ropt)et  balb  au§  bem  Greife  einer  oon  ienen  ©eroalten 
balb  au§  ber  SQiitte  be§  SSolfe§  auf,  um  roo  eine  ber  ge* 
orbneten  ©eroalten  au§  ber  rechten  Söaljn  roid)  ju  roarnen, 
roo  etroa§  in  tobten  93u<$ftaben  su  oerftnfen  broljte  ben  ur* 
fprünglid)en  ©eift  roieber  ju  beleben.  Um  nun  ba§  SBerfjältnifj 
be§  £ummelreid)3  ju  jener  irbifdjen  (S5otte§^err[crjaft  flar  §u 
machen,  roirb  (£tjriftu§,  auf  bem  e§  allem  beruht,  al§  biefe 
brei  alle  in  fid)  bereinigenb  bargeftettt.  2)amit  nun  fott  ge= 
fagt  fein,  bafj  in  biefem  ©otteSretd),  oon  bem  ftct)  immer  ber* 
ftet)t,  bafj  e§  ni$t  öon  biefer  SSelt  ift,  bie  (Stiftung  unb  @r* 
Haltung  ber  ©ememfd^aft  eine§  Sfcben  mit  ©ott,  unb  bie 
@rt)altung  unb  Seitung  ber  ©ememfdjaft  aller  ©lieber  unter 
einanber  nid)t  getrennte  Verrichtungen  ftnb,  fonbern  biefeiben ; 
unb  bafj  aud)  roieberum  biefe  £fjätigfetten  unb  ba§  freie 
Statten  be§  ©eifte§  in  ©rfenntnifj  unb  Se^re  nidjt  au§  oer- 
fd)iebener  Guelle  entfpringen,  fonbern  au§  berfelben. 

3.  2öie  nun  in  biefen  brei  Remtern  bie  gefammte  erlöfenbe 
unb  oerföl)nenbe  £ijätigfett  (£ljrifti,  roie  fte  eben1  betrieben 
ift,  fiel)  boltftänbig  roieberfinbet ,  ba$  fann  nur  bie  folgenbe 
©ntroitflung  geigen,  (Sobiel  inbeffen  tonnen  roir  tjier  fdjon 
nac^roeifen,  bafj  roenn  man  Oon  biefen  brei  Functionen  bem 
(Srlöfer  entroeber  nur  (Sine  beilegt  mit  Uebergeftung  ber 
übrigen,  ober  aud)  eine  einzelne  gän^lid)  au§fct)liefet,  al§bann 
jene  gufammenftimmung  aufgehoben  ift  unb  ba§  eigentfjünts 
Iictje  be§  (£f)riftentljum§  gefäftrbet.  ®enn  (£fjrifto  ba§  pro* 
p^etifd^e  Slmt  allein  oinbiciren  roollen,  ba§  Ijeifjt  feine  Sßirf* 
famfeit  auf  Sebre  unb  (Ermahnung  befd)ränfen  in  Söesug  auf 
eine  bor  itjm  ober  olme  il)n  fcljon  gegebene  ©eftaltung  be§ 
Seben§  unb  auf  ein  fd>on  anberroeitig  olme  iljn  begrünbeteS 
$eri)ältnif3  gu  ©ott,  unb  babei  tritt  ba§  eigentümliche  be§ 
(£briftentt)um§  bebeutenb  jurüff.  (£ben  fo  roenn  man  iljm  bie 
beiben  geftaltenben  £bätigfeiten  beilegt,  aber  ibn  oon  ber 
unmittelbar  geiftig  anregenben  {>ropljetifd)en  au§f d)ttefjt:  fo  ift 
nidjt  einäufel;en  roie  roenn  bie  ®raft  be§  lebenbigen  2Borte§ 
ni<$t  mitroirten  foll,  ba$  ^Reid)  ©otte§  anber§  al§  auf  magifdje 
28eife  ju  <&tanbe  fommen  tonnte.  SSoUte  man  hingegen  bie 
föniglictje  au£>[d)liefsen:  fo  roürben  bie  anbern  beiben  äufammen* 
flenommen,  roie  genau  fie  aud)  jeben  einzelnen  (Srlöften  mit 


1  §.  100  unb  101. 


Erßer  2töfd)itttt.  SSon  bem  Suftanbe  be§  Stiften  :c.  97 

fcem  (Srtöfer  oerbinben,  meit  e§  an  ber  23eaiel)ung  auf  ein 
(SJemeinmefen  fehlte,  nur  einen  unerfreulichen  unb  genauer 
betrachtet  bod)  aud)  undjriftltdjen  (Separatismus  beroorbringen. 
Unb  fottte  enbUctj  bie  rjo^epriefterltctje  übergangen  toerben, 
bie  beiben  anbern  aber  beibehalten :  )'o  tonnte  ftd)  bie  propljettfct)e 
Sbütigfeit  au<$  nur  auf  bh  föniglidje  beaieljn,  mithin  fehlte 
eS  bann,  menn  mir  beut  UrttiüuS  treu  bleiben  motten,  ganj' 
an  bem  reltgiöfen  ®eljalt.  Sollte  auf  ber  anbern  (Seite  I 
©briftuS  allein  als  föol^erüriefter  bargeftettt  merben,  fo  mürbe 
eS  faft  unmöglich  fein,  ber  magifdjen  Sluffaffung  feiner  SSir!« 
famfeit  auSaumetdjen ;  fo  hrie  menn  bie  fönigltd^e  Söürbe  allein 
gelten  fottte,  mithin  (£t)riftuS  nur  als  bie  SKrd&e  bilbenb  unb 
leitenb  gebaut  merben,  alSbann  baS  unmittelbare  SBerbältnifc 
beS  (Sinaelnen  aumSrlöfer  gefäbrbet  märe,  unb  mir  minbeften§ 
in  baS  ($5ebiet  ber  römifc^en  ®irclje  gerieten,  meiere  biefeS 
Sßerfjältnifj  augleidj  Oon  ber  ^iretje  unb  benen,  bit  barin  ba§ 
Regiment  führen,  abhängig  madjt.  2So  nun  eine  fotdje  3u* 
fammengeljörigfeit  fidj  §eigt,  ba  entftebt  auä)  eine  ^räfumtion 
ba%  baS  fo  Oerbunbene  and)  ein  DollftänbigeS  fein  merbe. 

§.  103.  (Srfter  £el)rfa&  2>a3  yüfötiföt  Statt 
ß^rtftt  befielt  im  Seigren,  SBeiffagen  unb  2öunoertl?un. 

1.  2)iefe  brei  £fjätigfeiten  conftituirten  audj  bte  alt* 
teftamentifdje  $|3ro£t)etenmürbe.  ®aS  mefentlic^e  freiließ  mar 
immer  Anregung  burd)  Sebre  unb  (Srmaljnung;  in  atten 
mistigen  gälten  aber,  mo  bk  Sefjre  üon  einer  beftimmten 
SSeranlaffung  ausging,  mürbe  fie  megen  ber  bortjerrfebenben 
^bee  ber  göttlicben  Vergeltung  augleidj  SBetffagung,  balb 
brol)enbe  balb  öer^eifeenbe,  nacb  bem  urfbrünglic&en  £t)üu§ 
ber  ©efejgebung.  S)a  bk  $ro£tjeten  aber  immer  nur  auf* 
traten  in  Söejug  auf  ®ebrecben  ober  Unfälle  im  öffentlichen 
geben,  mobei  mol  immer  eine  @d)ulb  berer,  §u  benen  fie 
reben  mußten,  §um  ($5runbe  lag:  fo  beburften  fie  in  (£r* 
mangetung  eineS  äußeren  Berufs,  auf  ben  fie  ftdj  Ratten  ftüaen 
tonnen,  einer  befonberen  5luSmeifung,  meStmlb  benn  aud)  ba^ 
rounberbare  im  ©efolg  irjrer  Senbung  ermartet  ober  oorauS* 
gefeat  marb.  5ftur  um  biefeS  britten  SOcerfmaleS  mitten  tonnte 
ber  Käufer  fagen,  er  fei  fein  ^rooljet,1  oljneradjtet  eineS  fo 
beftimmten  göttlichen  Berufs.  S)enn  gelehrt  unb  gemeiffagt* 
Jjat  er  audj),  aber  baS  SBunbertbun  mar  tfjm  niebt  berliefjn,8 
unb  er  fonnte  fid)  einer  oergeblidjen  grage  barnaefc  nietjt  auS* 


1  gofj.  1,  21.  SKattf.  3,  10.  16.  17  *  3ol).  10,  41. 

€d}l.,<£$ri[tI.©I.II.  7 


98  ©er  dniftüdic  ©laube.  3»etter  %i)ti\. 

fcscn.  —  S3et  ©brifto  folgt  nur  triebt  fo  eine§  bon  biegen  au§ 
bem  anbern,  fonbern  atfe§  breie§  roar  fcbon  im  erften  anfange 
ein§.  $)enn  bie  SSerfünbtgung  be§  9tcid)e»  ©otte§  mar  betbe§ 
Sefire  unb  SSeiffagung;  imb  tüte  eben  ba§  Sfteicfj  ©otte§  felbft 
bn§  eigentliche  burcrj  Gnjriftum  bol!brad)te  SBunber  tft,  bte 
©rfiitfung  aber  aud)  gleich  mit  ber  SSerfünbtgung  anfing,  fo  mar 
aEe§  breie§  in  einem  unb  bemfelben  ®eim,  unb  mir  fönneu 
e§  nur  bereinseln  in  ber  meiteren  (Snthnfflung  biefe§  ®eime§. 
2.  £>afj  bie  ^ropDettfc^e  «Stimme  berftummet  fei,  mar  eine 
al§  ^efu§  auftrat  fdjon  feit  langer  Bett  allgemein  sugeftanbene 
Sbatfadje.  dagegen  beftanb  bamalS  eine  Ueberlieferung  ber 
Sebre  in  ben  Sdmlen  ber  Sdjriftgeleljrten ,  bie  aber  aud) 
nichts  fein  roollte  al§  Ueberüeferung,  attmäftlig  ftd)  bermer)renb 
burd)  ferjarfftnnige  Kombinationen  ber  2ht§geäetdjneten#  unb 
im  Bufammenbang  Eternit  aud)  eine  amtliche  Ausübung  be§ 
2ef)ren§  in  ben  Srmagogen.  (S^tifhtS  aber  fonnte  feiner  bon 
ben  berfd)iebenen  Seften  angehören,  in  meiere  bie  Sccjrift* 
gelehrten  getbeilt  maren,  unb  eben  fo  menig  eine  foterje  amtlidje 
£bätigfeit  übernehmen,  bie  um  in  anbere  (Sefcfjäfte  bermiffelt 
unb  auf  eine  mit  feiner  SBefttmmung  unberträgltdje  SSeife 
befcrjränft  Ijätte.  $)a"  aber  aufcerbem  eine  boHfommne  Öebr- 
freibeit  beftanb:  fo  fonnte  er  auf  eine  orbnungSmäfetge SSeifc 
öffentlich  auftreten,  iobalb  er  ba§jenige  TOer  erreicht  fjatte, 
melcbe§  bk  Sitte  berlangte.  $>afjer  aud?  gegen  feine  35e^ 
fugnife  ju  lebren  bon  feiner  öffentlichen  Autorität  eine  ©ins 
menbung  gemacht  merben  fonnte.  $a§  Seljramt  (£t)rifti 
Reifet  barjer  aud)  nur  bk  Selbftbeftimmung  baju  ftdj  btefer 
f^rei^eit  in  bem  mögltdjft  größten  Umfang  §u  gebrauten:  fo 
bafe  e§  für  irm  ju  irgenb  einem  beftimmten  Sefjract  feiner 
anbern  SBeranlaffung  beburfte,  al§  nur  ber  Anroefenbeit  Sebr* 
begieriger  einzeln  ober  in  Stenge,  unb  bafj  alle  feine  ®e= 
tyräcbfüfjrung  aud)  belerjrenb  mar,  fo  mie  fte  eS  ber  jebe§^ 
mattgen  Art  unb  ben  Umftänben  nad)  fein  fonnte.  Unb  in 
fofern  mufj  aüerbing§  ein  Serjren  ©brifri  in  biefent  meiteren 
Sinn  au<$  fdjon  bor  jenem  Beittmnft  angegeben  merben;  ba% 
er  inbefc  al§  ®nabe  foEte  öffentlich  gelehrt  baben,  hkibt 
immer  eine  fatfetje  in  ber  ©rää^lung1  gar  nierjt  begrünbete 
9htftdjt,  meldje  ftd)  fd)on  ben  apofrrjpfjtfcften  ©arfteüungen 
nnbert.  ©ben  fo  berbtnbet  eigentlich  nur  ©in  ebangeltfd)e§ 
Beugnife3  ben  Anfang  feine§  öffentlic&en  Auftretend  mit  fetner 

1  Suf.  2,  46.  47. 

'-'  Suf.  4,  14.     Watt  ttefjttte  afier  ba^u  2ty.  ©efdj.  1,21.  u.  22. 


drfter  Sttfönitt.  SSon  bem  3u[tanbe  bes  Grüften  jc  99 


2lnnat)me  ber  £aufe  3ol)amri§;  aber  bie  2lrt,  mie  ^efuS 
felbft  fiel)  über  biefeS  ^erljältnii  erflärt,  läfct  ittdjt  p  bie§ 
fo  §u  berftetjen,  als  fei  er  burdj  biefe  £aufe  etmaS  gemorben, 
maS  er  oortjer  nidjt  mar,  ober  als  fjätte  er  ein  9^ec^t  ober 
eine  Sßettje  empfangen,  bie  er  nod)  nidjt  rjatte.  ©rftereS  oer« 
trägt  ftdj  nidjt  mit  bem  (glauben  an  bie  Urfprüngtidtfeit  be§ 
göttlichen  in  feiner  Sßerfon,  unb  §u  legerem  fehlte  eS  bem 
Snftitut  beS  !yoljanneS  an  aller  äußeren  Autorität.  SSir 
tonnen  biefer  föanblung  atfo  feinen  anbern  SSertö  beilegen, 
als  ba%  fte  §ur  gefd)idjtli<$en  Sßerftänbticrjfeit  feineS  öffent* 
lidien  Auftretens  gehörte,  inbem  er  gleich  ben  merflidjeren 
Uebergang  auS  ber  (Singeaogerifjeit  in  baS  öfferttltdje  Seben 
burdj  ein  SBefenntnifj  beseidmete,  meldjeS  eine  beftimmtere 
Meinung  über  itjn  ermelfen  nutzte,  an  meiere  er  feine  58e= 
letjrungen  anfnüpfen  tonnte.  5Befd)Ioffen  aber  l)at  er  feine 
Seljrtfjätigfeit  für  baS  fßolt  mit  feiner  ®efangennefjmung,  für 
feine  jünger  aber  erft  mit  feiner  Himmelfahrt,  inbem  eS  als 
fein  £>auptgejdjäft  in  ben  £agen  ber  2Iuferftel)ung  erfdjeint, 
tljeitS  feinen  Jüngern  bie  (Schrift  auszulegen,  o^nftreitig  bie 
5lrt  begrünbenb  mte  fte  ftcrj  bereu  tjeraadj  hei  itjrem  33olf  be= 
bienten,  tljetlS  audj  feine  Slnmeifungen  über  baS  oon  tljm 
auSgeljenbe  ($5efammtleben  ju  berbottftänbigen,  unb  baburdj 
biefeS  felbft  nod)  fefter  §u  begrünben.  Unb  fo  erljettt  oon 
felbft,  mie  mefentltdj  biefe  ßeljrtt)ättgfeit  (£ljriftt  gu  feiner 
eoen  befdjriebenen  erlöfenben  itjätigfeit  gehörte.  2BaS  aber 
nun  bie Ou eile  berßeljre  betrifft,  fo  mar  bieberSßropljeten, 
obmol  itmen  ber  5lntr)eil  ba^u  unter  ber  gorat  einer  be* 
fonberen  göttlichen  Berufung  fam,  bod)  immer  nur  baS  ®efe§, 
toie  aud)  it)r  Öeruf  ftdj  ganj  auf  baS  SSexrjältnt^  jmifdjen 
(Sott  unb  bem  $otfe  begog,  unb  tr}re  Söefttmmung  ganj  oolfS* 
tfjümlid)  mar.  Dtjnerad)tet  eS  nun  aber  sur  (Sefeälidjfett 
(Hjrifti  geprte,  baS  ®efes  uidjt  aufgulöfen,  unb  er  bafjer  bie 
oolfSttjümlidje  33erbinbltd)feit  beffelben  anerfamtte  unb  6e* 
ftätigte:  fo  fonnte  bod),  fo  menig  jeine  95egeifterung  eine  cor* 
übergeljenbe  unb  oon  einzelnen  Sßeranlaffungen,  bie  ber  3u- 
ftanb  beS  SSolfeS  barbot,  abhängig  mar,  unb  fo  menig  er  al§ 
ein  blofjeS  ©räeugntfj  ber  oolfStlmmlid)  beftimmteu  menfetj* 
liefen  Sftatur  an§ufeJjen  ift,  fo  menig  audj  feine  innere  %e* 
banfenerjeugung  abhängig  fein  Oon  bem  ($5efe§.  Unb  audj 
feine  ßetjre  als  eine  auS  ber  allgemeinen  menfdjlidjen  35er« 
nunft  Ijeröorgegangene  Reinigung  unb  Beugung  ber  unter 
bem  SSolte  geltenben  (Sittenlehre  anfe^n,  gehört  su  ber  em« 
|jirifc^en  Auffaffung,  oon  melier  mir  unS  loSgefagt  ^aben. 


100  ©er  cbrtftlidje  ©laube.  3tt>eiter  XljelL 

SBielmefjr  mar  bie  Duelle  fetner  ßebre  bie  rein  urfprünglid)e 
Offenbarung  ®otte§  in  ifjm.  £)er  ©egenfaj  jmifc&en  Sernen 
unb  Seljren  mar  in  iljm  nur  ber  smifdjen  ber  SStrfung  be§ 
ööttltcrjen  $rincip§  in  üjm  auf  bie  (£mpfänglic&fett  feme§ 
geifttgen  Drgan§  ju  retner  5Iuffaffung  ber  ü)tn  borliegenben 
menfdjlidjen  Buftänbe  in  Sßesug  auf  ba§  SBerfjältnife  ju  ®ott, 
unb  ättrifdjen  ber  SSirfung  beffelben  $rincip§  auf  bte  (Seibft- 
tljätigfeit  fetne§  getftigen  Drgan§.  SBte  nun  aber  in  ber 
(gmpfänglicijfeit  immer  aud)  fd)on  bte  ©elbfttptigfeit  mitgefejt 
ift:  fo  bilbete  ftct)  unmerfltdj  feine  Sefjre  fdjon  in  feinem 
Sernen;  unb  biefe  erfte  (Sntmifffung  ber  eignen  ®ebanfem= 
erjeugung  mar  fdjon  bte  OueHe  feiner  bemunbernSmürbigen 
fragen.1  S^atürltct)  aber  mar,  nac&bem  bie  ©elbfttfjätigfeit 
übermiegenb  gemorben,  unb  ba§  Seljren  al§  feine  beftänbige 
$Rtd)tung  l)erau§getreten  mar,  ba§  (S5efe%  nidjt  minber  al§  bie 
meffianifcfjen  Hoffnungen  ber  5lnfnüpfung§punft,  moran  er 
feine  SSerfünbigung  be§  neuen  t»on  iljm  ju  ftiftenben  ©efammt* 
Ieben§  ober  be§  fHetc^e^  ®otte§  entmiffelte.  —  ©oll  ba§er  ber 
^nljalt  ber  Seljre  ©Ijrtftt  Ijier  befonberS  angegeben  merben, 
oljneradjtet  unfer  gan§e§  ®ef$äft  nur  in  ber  ©arfteHung 
beffelben  befielt:  fo  märe  aud)  fjiebei  sunädjft  auf  ba$ 
propljettfdje  surüffäugeljen.  Sftämlid)  mie  bem  $ropljeten  ob^ 
lag,  bem  ^ntpulS,  ber  iljm  al§  ein  göttlicher  gemorben  mar, 
bottfommen  burd)  feine  'Hiebe,  (genüge  su  leiften  unb  ben 
gangen  S^alt  beffelben  miebergugeben,  melc^e§  immer  eine 
beftimmte  unb  befdjränfte  Aufgabe  mar:  eben  fo  mar  bie 
©elbftbeftimmung  (Sfcrtftt  §um  Seljren  bie  Aufgabe,  bem 
fräftigen  baZ  Reifet  sugletc^  audj  fdjöjjferifdjen  ©otteSbemufjt* 
fein,  mie  e§  ftct)  in  feinem  getftigen  Drgan  ausprägte,  boll* 
iommen  ju  genügen,  unb  e§>  in  feinen  Seljren  fo  mieberjugeben, 
•  bafj  baburdj  attdj  baZ  Slufgenommenmerben  ber  SHcenfdjen  in 
feine  ®emeinf<$aft  bemtrft  mürbe.  £>emt  einen  anbern  SJcaafc 
ftab  be§  (Srfolg§  unb  alfo  aud)  ber  SSoftfommentjeit  ber  Seljre 
fann  man  Ijier  nidjt  anlegen.  2Sie  nun  natürlich  feine  Weben 
halb  meljr  allgemein  maren,  balb  mcljr  in§  ©injelne  gingen, 
balb  meljr  reiner  ©rgufj  be§  Innern,  balb  meljr  bejüglidj  auf 
ein  äufeerlid)  gegebene^:  fo  Ijat  man  fdjon  feit  langer S^t  ge- 
fugt ba$  mefentlidjere  bon  bem  %u  f Reiben,  ma§  mehr 
sjcebenjadje  ift  unb  zufällig,  nur  freilief»  auf  feljr  berfdjiebene 
Sßetfe.  2Btr  nun  fönnen  nur  fagen,  alles  fei  in  bem  $Jlaa% 
mef entließ,  at§  e§  mit  feiner  Selbftbarftettung  äufammenljängt; 


ßuf.  2,47. 


(Srfter  Stöfdjniti.  »on  bem  3uftanbe  be§  ©Ruften  2C.  101 


benn  nur  bie  ^unbmadnmg  feiner    eigentümlichen   SBürbe 
fonnte  bte  Sftenfcben  hrirffam  einlaben,   in  bie  bargebotene  . 
<55emeinfd)aft  §u  treten.    Unb  ftnb  baljer  biefe  brei  ©tüffe  als 
baS  Sßefen  feiner  15er)re  conftituirenb  ni$t  bon  einanber  §u 
trennen,  bie  Sebre  bon  feiner  ^erfon,  roelcbe  augleid}  nad) 
aufjen  bin  bie  Seljre  bon  feinem  SBeruf  ober  bon  ber  W\U 
tljeilung  beS  eroigen  SebenS  in  bem  Sßeidje  ©otteS,  unb  nacb 
innen  bie  2el)re  bon  feinem  Sßerbältnifj  au  bem  ift,  ber  üjn 
gefenbet  ober  bon  ©ort  als  feinem  ftdj  ü)m  unb  burdj  ibn 
offenbareren  SSater.    <So  bafc  alleS  roaS  §u  feinem  fjofccn« 
priefterlid&en  unb  föniglicfien  2Imt  gehört,  in  feiner  Seiire 
ebenfalls  borfommen  mufj,  inbem  er  feine  SBefitmmung  ber« 
fünbigte,  Ut  90?enfd)en  gur  ©emeinfcrjaft  mit  ®ott  au  ergeben 
imb  geiftig  &  regieren.    Unb  nur  baS  ift  baS  anfällige,  roaS 
f)ierbon  am  roenigften  enthält,  fonbern  fidj  am  meiften  an 
ben  gefd)id)tlid)en  ©tanbbunft  fcält  unb  ftdj  auf  baS  gegebene 
bolfStljümlidje  begießt.    2)iefeS  über  jeneS  Ijerborbeben  motten 
fü^rt  bann  am  letcrjteTten  auf  eine  bebcnftidje  Unterf^eibung 
ätDtfcrjen  einer  Seine  prifri  unb  einer  Seine  bon  (Sfjrtfto  als 
etroaS  nur  Ijinsutommenbem,  unb   gefafnbet  uniäugbar  baS 
eigentfjümltcf)  c^riMicbe,  als  !omme  eS  bannt  nur  auf  einige 
SSerbefferungen  ber  natürlichen  Sittenlehre  unb  ber  narür= 
liefen  ®otteSiebre  IjerauS,  roeldje  nod)  überbieS  fo  bargeftellt 
roerben,  al§  muffe  bie  menjdjlidje  Vernunft  fie  aud)  auS  fiel) 
felbft  gefunben  baben.    ^tefeS  borbeljalten  aber  ift  noefc  freier 
$aum  genug  für  Triften  bon  berfdjiebener  ©emütl)Sfaffung, 
um  fid)  für  iljren  eignen  ©ebraud)  überroiegenb  an  baS  eine 
ober  ba§  anbere  Clement  §u  galten.  —  $)iefe  urfbrünglidje 
Offenbarung  ©otteS  in  (£§rifto  ift  aber  ferner  fo  sureicfjeub 
unb  sugleicl)  fo  unerfäöpflidj ,  ba% ,  roaS  biefeS  erfte  Moment 
betrifft,  (£&rtftuS  augleid)  als  ber  ©ipfel  unb  als  baS  (Snbe 
aller  $ropbetie  erfc^eint.    2)enn  roeber  lann  aufcerbatb  bei 
©ebieteS    in  roelc^em  ©IjriftuS  f$on  anerfannt  ift,  eine  £)ar* 
fteüung  unfereS  SSerr)ältniffe§  au  ©ort  entfielen,  meiere  nietjt 
hinter  jener  Offenbarung  aurüffbltebe ,  nocl)  fann  au#   alle 
gortfdjrettung  innerhalb  ber  c&rtfttidjen  ®ird)e  jemals  ba^in 
führen,  in  ber  Se^re  (£Ijrifti  felbft  etroaS  unboKfornrnneS  au 
erfennen,  an  beffen  ©teile  man  beffereS  su  feaen  fjätte,  no<$ 
au<i>  etroaS  sum  2?erftänbnif3  beS  9ftenfd)en  bon  feinem  $er* 
Ijättnifc  §u  ©ott  geiftiger,  tiefer  unb  bollfommner  aufjufaffen, 
als  ©briftuS  getrau.    ®enn  mit  ber  Slnnafjme  einer  folgen 
23eroottfommung§f(ü)igfeit  ber  c^riftlic^en  Se^re,  \>a%  mir  über 
ß^riftum  felbft  binauSfeben  fönnten,  ginge  W  5lnnal)me  ber 


102  ©er  djrlftltdjc  ©laube.  3toeiter  £$eil. 


etgenftitmltdjen  Söürbe  ©brifti  berloren.  Sßielmebr  fann  aud) 
baä  öortveffüdjfte  fpätere  auf  biefem  bebtet  nie  etroa§  anbere§ 
fein  al§  richtige  (£ntroifttung  beffen,  roa§  tfjeitö  unentmiffett 
in  fernen  un§  aufbewahrten  $lu§fprüd)en  liegt,  tfceilS  im  3«- 
fammenljang  mit  benfelben  audj  fdjon  feine  (Sinfidjt  mufj  ge= 
mefen  fein.  3ft  nun  (£briftu§  roegen  berSSottfommen^cit  fetner 
au§  göttlichem  Smlmlg  berborgegangenen  Verfünbigung  ber 
@tpfel  aller  $ropfjetie,  fo  ift  er  e§  äugleidj  aud)  behalt),  Weil 
er  au<$  al§  Seljrer  nidjt  (Stner  ift  unter  fielen  feine§  ©leiten. 
Unb  ift  er  ba$  Gmbe  aller  $ropbetie,  roetl  feine  neue  ßebre 
auffommen  fann,  bie  nidjt,  nacbbem  bie  feinige  baftetjt,  eine 
falfdje  märe,  mithin  Pon  nun  an  alle  matjre  ße^re  auf  biefem 
(Gebiet  nid)t  metjr  auf  äftofen  unb  ba§  <25efeä  äurüt'fgeljt, 
fonbern  auf  ben-@ofjn:  fo  ift  er  e§  auglei$  aud)  be§rjalb,  Weil 
nun  feine  unabhängige  perfönlidje  Begeiferung  meljr  ftatt 
fiubet,  fonbern  nur  ba§  Begeiftertfein  Pon  ibm.  —  9ta  biefeS 
ift  noti)  ju  bemerfen,  bafj  wie  ber  ^ropfjeten  Seljre,  fo  aud) 
bh  feinige  immer  bie  unmittelbare  3leu^erung  mar,  alfo  aud) 
Pon  bem  £otaleütbruff  be§  ganzen  Sßefen§  ntcbt  §u  trennen, 
ba%  aber  J)ierau§,  Weil  feine  Begeiferung  nidjt  eine  0orüber= 
gerjenbe  fonbern  eine  beftänbige  mar,  für  feine  Sebre  audj  nodj 
biefeS  folgt,  ba%  jebe  Sleufjerung  be§  bewegten  ®emütf)3  burd) 
bie  9tebe  unb  burd)  ben  begleitenben  2lu§bruft,  weil  Beugnifc 
Pon  bem  ©ein  ®otte§  in  it)tn  gebenb  au$  Ie&rfjafte  ,@;le= 
mente  enthielt  unb  ber  eigentlichen  ßetjre  §ur  Betätigung 
biente. 

3.  SDte  SBeiffagung  ber  aliteftamentifdjen  $ropl)eten,  fofern 
Wir  au§  bem,  wa§  un§  baPon  übrig  ift,  auf  ba§>  (Spange  fdjliefjen 
bürfen,  mar  tfjeilS  eine  befonbere  auf  einzelnes  gerichtete  unb 
Weil  auf  ben  beiben  jübifdjen  £>auptbegriffen  ber  (£rwäf)lung 
be§  Bolf§  unb  ber  Vergeltung  ruljenb  gröfctentbeitS  Ijppo- 
tbetifdj  ber  warnenben,  aufmunternben  ober  tröftenben  Sebre 
bem  (Seift  be§  ®efeäe§  gemäfj  betgemifdjt ;  tbeils>  erfjob  fie  fidj 
über  ba$  einzelne  aur  ^arfteHung  be§  allgemeinen,  unb  trat 
al§  fotcfje  fct)lect>tt)tri  auf,  unb  bte§  mar  bie  meffianifdje.  SDie 
erftere  mar  eine  eigentliche  Borljerfagung,  ber  in  tfjren  metjr 
ober  minber  beftimmten  Angaben  balb  ein  böserer,  balb  ein 
geringerer  ®rab  Port  Sfttdjtigfeit  sufam.  95et  ber  meffianifdjeu 
finb  bie  einzelnen  Angaben  mel)r  ober  Weniger  nur  Gftnfleibung, 
fo  ba%  bäufig  für  unentfdjieben  au  adjten  ift,  ob  bie§  unb  jeneS 
in  bie  SBeiffagung  felbft  hineingebort  ober  nid)t;  ba§  SBefen 
berfelbeu  beruht  aber  barauf,  bafj  fte  bie  gufunft  be§  Wefent= 
lieben  GJottgefenbeten  auSfpradj,  beffen  ^bee  öon  ben  ©inselnen 


griter  Slbfönitt.  SBon  bem  3u[tanbe  be§  Triften  Je  103 

»ur  na$  ^ebe3  Söeife  Befdjrcmft  aufgefaßt  merben  fonnte, 
richtig  oerftanben  aber  immer  baZ  (Snbe  jener  beiben  jübifdjen 
^Begriffe  ber  Vergeltung  unb  ber  ©rmäbümg  in  ftc^  fdjlofc. 
<£briftu§  nun  fonnte  al§  ber  nun  fdjon  toerföntidj  erfdjeinenbe 
90teffta§,  meffianiieb  nur  metffagen  bon  bem,  roa§  nodj  nid)t 
erfd)ienen  mar,  roa§  aber  burdj  biefelbe  £bätigfeit  audj  erfüllt 
ttmrbe,  au§>  ber  bte  Sßeiffagung  berborging,  nämlidj  bon  ber 
Vetteren  ©ntmtffhmg  ober  bon  ber  Vottenbung  feine§  Sfteidje§, 
fo  bafj  biefe  Söeiffagung  mit  feiner  Sebre  böttig  @in§  mar ; 
unb  in  biefem  (Sinne  meiffagte  er  ofjne  Vor^erfagung.1  S3or* 
berfagen  aber  fonnte  er  aueb  nidjt  anfälliges,  inbem  a£Ce§  ma§ 
unter  biefe  Benennung  faßt  ofjne  SSertb  ift  in  feinem  ffteidj, 
aI|o  audj  fein  ($5egenftanb  roeber  forfdjenber  nodj  abnbenber 
^beilna^me  fein  fonnte;  fonbern  borbermgen  fonnte  er  nur 
ba§  Gntbe  bet  auf  jenem  befebränften  (£rmafjtung§  ^  unb  23er~ 
ge(tung§begriff  beru^enben  ^nftitution,  unb  bie§  ttjat  er  nidjt 
fjtjpot&ettfdj,  fonbern  mit  berjenigen  boßfommnen  fRidjttgfeit, 
tt>etd)e  feiner  ber  ©rjeugung  be§  3rrt§um§  unfähigen  SSofl* 
fommerifjeit  sufommt.  Söte  benn  feine  ©idjerbeit  in  biefer 
Sßorfjerfagung  eine§  unb  baffelbe  fein  mußte  mit  ber  ©erotfebeit 
feiner  SBefttmmung.  ^n  beiber  Söesiefmng  alfo  ift  (£Ijriftu§ 
ber  ®ibfel  ber  SSeiffagung.  9Iber  eben  fo  ttrie  ber  ($5infel  audj 
baZ  G£nbe.  £)enn  bte  mefentlidje  SSeiffagung  ift  nun',  gä'n^idj 
erfüllt,  feitbem  audj  ber®eift  au§gegoffen  ift;  unb  eS  ift  nicbt§ 
31t  benfen,  lma§  bem  9?eidje  ®otte§  nod)  raefentlid)e§  fehlen 
fönne,  fonbern  roer  auf  zttoa$  neu  beborftefjenbe§  Ijinmeifen 
moHte,  ber  müßte  ein  anbere§  (Sbangelium  berfünbigen.  %lid)t 
anber§  aber  ift  e§  audj  mit  ber  Sßorljerfagung.  3)ie  abo* 
ftolifdje,  'bie  e§  etma  giebt, 2  fönnen  mir  nur  at§  5Iu§legung 
ober  al§  Üftacbbaß  ber  SBorfjerfagung  Stjrifti  anfefm,  fofern  nun 
eine  Veranlaffung  entftanb,  bie  su  Sbrifti  3eit  nodj  nidjt  mar, 
audj  über  ba§>  feinbfetige  .^eibentbum  afjnlidje§  borlj  erjagen, 
ttrie  er  über  ba$  Subentfjum.  ©onft  aber  ift  mit  jenen  be* 
febränften  Segriffen  audj  ($5runb  unb  Gattung  für  alte  SSor* 
Ijerfagung  meggef allen,  metebe  au^fcftlte^ltct)  an  eine  err)ör)tc 
fromme  ®emütb§erregung  gebunben  fein  fott,  fo  ba§  nur  nodj 
biejenige  übrig  bleibt,  metebe  au§  berftänbigem  Sufammcn* 
fdjauen  ber  menfdjlidjen  $erbältniffe  unb  au§  riebtigem  unb 
tiefem  ®emeingefübl  entfte^en  fann,  bau  aber  feiner  Vorder* 


1  80>."©efä.  1,  7. 

2  3$  rechne  bte  St&ofafotfe,   beten    apoftolifc^en  ttrfetmtg    tdj  ntdjt 
zugeben  fann,  ancr)  mcfjt  fjkya. 


104  35er  djrtftlldje  ©taube.  3toeiter  Xfjell. 

faßinig,  tt>e(cbe§  attcb  ibr^nbalt  unb  tüte  grofe  ibre  Qknautgt'eit 
fei,  ober  roie  munberbar  bte  Silber  eitte§  aufgeregten  Mm* 
bungSoermögenS  ftcb  biStücilen  bestätigen  mögen,  ein  heiliget 
©barafter  fantt  beigelegt  roerben.  —  Söemt  biefer  ©aj  bi§ber 
nod)  nicbt  fo  beftimmt  afö  Sefjre  in  ber  ebangelifcben  Strebe 
ift  attSgefbrocbeniroorben,  roie  e§  t)ier  folgerungSroeije  geliebt: 
fo  ift  bie§  audj  jejt  bteHeictjt  notbroenbiger  al§  früher,  unb 
bürfte  in  ber  ®ird)e  felbft  rool  roenig  SBiberforud)  lerfabren. 
Unb  bie§  rticl)t  nur,  roeil  e§  ju  bent  Sftaturgeroorbenfein  be§ 
fRetcrjeS  (55otte§  roefentltd)  gehört,  fonbern  roeil  boeb  auc^  au§ 
ber  gangen  früheren  83erfabmng§art  unterer  ®ircbe  berbor* 
gerjt,  bafj  fte  überall  ben  ©ebroarmgeift  borauSfest,  roo  eine 
®abe  ber  SSeiffagung  angenommen  ttrirb.  (Somit  bleibt  für 
unfer  ©ebiet  nicbt§  übrig,  al§  bie  Stillegung  ber  Sßeiffagtmgcn 
©ftriftf  nnb  ber  5lboftel,  aber  al§  eine  Aufgabe,  bie  nur  nad) 
ben  Regeln  ber^unft  gelöft  roerben  !ann,  nicbt  mit  cüier  SSifl> 
rul)r,  roelcbe  fid)  nur  geitenb  macben  tonnte,  infofern  fte  felbft 
SBeiffagung  märe.  OTe  Sorberfagungen  aber,  forool  bie  av& 
ÖcfctjictjtUctjem  «Sinn  als  bie  au§  unerflärlicbem  5lbnbung§* 
bermögen,  roerben  ber  bftidjifcben  Sßaturforfcbung  anbeim  ge* 
geben. 

4  Sßenngfeid)  aueb  SBunber  unb  Beiden  ben  $robbeten 
nicbt  fdmsen  füllten,  ber  hnber  Sebobab  unb  fein  ^efejrebete:1 
fo  gebt  bod)  aueb  bierauS  felbft  iberbor,  ba%  roenn  an  einen 
Sßrobbeten,  sugletcb  aueb  immer  an  Beteben  unb  SSunber  ge* 
baci)t  roarb.  *  $n  SBe^iebung  auf  ben  ©riefet  fonnten  mir  e§ 
fdjon 8  al§  ba§  natürliche  einer  oberen  Orbmmg  abnben, 
ba|  if)m  and)  Sßunberfräfte  m  ®ebot  ftelm  mußten;  au§ 
biefer  SBergleicbung  mit  ben  jübifetjen  $ro:pbeten  gebt  aber 
berbor,  in  metebem  ©inne  (£briftu§  felbft  unb  feine  Sünger 
ftcb  sroar  auf  feine  SBunber  berufen  fonnten,  roarum  aber  bodj 
febriftu§,  roenn  Beieben  unb  Sßunber  bon  ibm  geforbert  mürben, 
bergleieben  niebt  oerriebtete.  ®enn  aueb  bie  SQBunber  ber 
$robbeten  follten  unb  fonnten  nietjt  ben  glauben  an  ibre 
mefftanifeben  SBeiffagungen  berborrufen,  fonbern  nur  ben  an 
ibre  bebingten  SSorberfagungen  um  babitrdj  SU  oent  roa§  31* 
tbun  mar  ju  beftimmen.  ©olcbe  bebingte  SSorberfaguitgen 
ober  gab  (£bttfru§  nierjt  bon  ftdj,  unb  ber  (glaube  an  fein  $et~ 
jältnife  äur  mefftanifeben  Sbee  fottte  nur  au§  bem  unmittel* 


1  5  2Rof.  13, 1—5.  *  ®.  oben  unter  1. 

•  Stafll.  §  14.  3»f-  ©.  93  b.  erften  SB. 


Grfter  a&fönitt.  Sßon  Dem  3uftanbe  beS  ©giften  :c  105 


baren  (Sinbruff  fetner  $erfon  Verborgenen1     ®arum  bebiente 
ftdj  and)  ©&riftu§  fetner  SBunberfröfte  nie  in  beftimmter  $8e* 
äteljung  auf  feine  Slufforberungen  ober  auf  feine  21u§fagen  bon 
ftd)  fetbft\  fonbern  mie  fic£)  ieber  feiner  natürlichen  Gräfte 
bebient,  ie  nad)bem  fitf)  bie  (Gelegenheit  ergab  (Gute§  bamtt 
§u  mirfen.—  Sßenn  nun  fcbon  bamal§  bie  maljre  Sinerfemuntg 
(Sfjrifti  in  einzelnen  gältet  burcl)  bie  SSunber  beranlafet  werben 
tonnte,  anbemtfjeü§  eine  $8efiätigung  in  tijnen  fanb,  niemals 
aber  eigentlich  auf  fte  gegrünbet  merben  burfte:  fo  muffen  fte 
für  un§  tjinftd&ttid)  unfereS  (Glaubend  gänsticb  überflüjfig  fein. 
SDenn  SBunber  lönnen  nur  bermöge  ibrer  unmittelbaren  2In* 
fc^aultctjfett  ba§  geiftige  SBebürfnife  auf  einen  beftimmten  (Gegen* 
ftanb  tjinlenten,  ober  menn  e§  ftd)  fdjon  babin  geraenbet  Ijat, 
biefe§  innere   SSerbältnife    auf   eine   äufeerlidje  SBeife    recbt* 
fertigen.8    Slber  bie  Slnfdjaulicbfeit  berliert  ftctj  nad)  Wlaafc 
gäbe,  rate  ber,  meldjer  glauben  foK,   üon  bem  Sßunber  felbft 
räumlich)  unb  seitlich  entfernt  tft    2öa§  aber  für  unfere  Bett 
an  bie  (Stelle  ber  SBunber  tritt,  baä  ift  bk  gefd)id)tlid)e  ®unbe 
bon  ber  23efd)affenljeit  fo  mie  bon  bem  Umfang  unb  SBcftanb 
ber  geiftigen  Sßirtungen  (£fjriftt.     2)tefe  Ijaben  mir  bor  ben 
Beitgenoffen  be§  (SriöferS  öorau§,  unb  an  ifjnen  ein  Beugnifj 
beffen  ®raft  in  bemfelben  Wlaa%  sunimmt,  nad)  meinem  bie 
2lnfd)aulid)teit  ber  SSunber  fidj  berliect.  2Ba§  Seifet  ba$  aber 
anberS,  als  bafc  mir  Oon  ben  einzelnen  metjr  leiblichen  Sßunbem  i 
Ijinroeg  auf  ba§  atigemeine  geiftige  SBunber  gemiefen  »erben,  [| 
melcbe§  mit  ber^erfon  be§  (£rlöfer§  beginnt,  unb  ftd)  mit  ber 
SSoftenbung  feine§  9?eid)e§  bollenbet.     Unfer  (Glaube  an  bie 
äufjerlicben  bon  (S^rtfto  berridjteten  SSunber     al§  an  £anb* 
fangen  bie  tttc&t  nad)  irgenbmo  erlernten  Regeln  bon  it)tn  ber* 
richtet  mürben  unb  bereu  Erfolg  nietjt  auf  Sftaturgefege  prüft* 
geführt  merben  fann,  meldje  un§  als  für  alle  Seiten  gültige 
betannt  mären,  biefer  geprt  meniger  au  unferm  (Glauben  an 
©tjriftum  unmittelbar  al§  bietmefjr  §u  unferm  glauben  an  bie 
(Schrift.  —  £)enn  mir  tonnen  biefe  (Sreigniffe  mdjt  in  ba$  un§ 
geläufige  Sftaturgebiet  Ijerabaiefjen,   oljne  W  folgen  $orau§* 
fesungen   unfere  Buftucbt  p   nehmen,  moburd)   bie  (Glaub* 
toürbigfeit  be§  ganjen  3ufammen^ange§  unferer  9cad)rid)ten 


gftattf).  16,  16      3o$.  1,14.16.     4.42.     6,68.69.     7,25.26. 
*  3Iutf>  30$.  11,42.  tnatf)t  fjiebon    leine  StuSnafyne,    toa§  jebodj  Ijter 
nitfjt  ausgeführt  werben  fann 

8  $te3  leatere  lann  autf)  nur  ber  ©inn  fein  bon  So^.  20,  30.  31. 


106  $er  d)riftltd)c  ©laube.  ^roetter  Sljell. 

öon  ßövifto  gefäljrbct  mirb. l  Unb  biefe  Ueberaeugung  rotrb 
mol  auS  bem  hierüber  fd)iuebenben  (Streit,  je  rebüd^er  unb 
öerftäubtger  er  geführt  mirb,  um  befto  tebenbiger  unb  atlge* 
meiner  Ijeröurgelnt.  —  bleiben  mir  bei  biefert  eingehten 
S&unbern  ftel;eu:  fo  ift  bteS  meniger  anfc&aulidj  ju  machen  als 
eS  bd  ber  &ebre  unb  Sßetffagung  gefcbefjen  fonnte,  ha% 
<£briftuS  aucb  ber  (Gipfel  ber  SSunbertbätigfeit  ift  5)enn  in 
beit  Sßunbern  (£brifri  ift  unS  nidjtS  fie  an  unb  für  ftctj  über 
anbere  äljnlidje,  bie  öon  mancherlei  Seiten  unb  Drten  jjer  er- 
ääljlt  merben,  beftimmt  erOebenbe  gegeben,  ©eben  mir  aber 
auf  ieneS  geifttge  Qtefammtnninber,  fo  muffen  mir  ibn  befto 
beftimmter  für  tiefen  Gipfel  erfiären,  als  mir  erfennen,  ba% 
biefeS  —  bon  ibm  abgefeben  —  burdj)  alle  Gräfte  ber  unS  be~ 
fa unten  gciftigen  üftatur  nictjt  bätte  fönnen  berrtcbtet  merben. 
(£ben  fo  genrife  nun  ift  aber  aud)  (SfjrtftuS  baS  @nbe  ber 
SBunber.  2)enn  ie  meljr  baS  feftftefjt,  bafj  burd}  (£briftum  bie 
©rlöfung  ooftbrad)t  ift,  fo  bafj  alteS  bem  menfdjlidjen  (55efct)ledt)t 
nodj  beoorftebeube,  fo  meit  eS  beffen  (Semetufdjaft  mit  (Sott 
betrifft,  nur  als  meitere  ©utmtfflung  beS  SSerfeS  ©(jrtfit  an= 
iufeljen  ift,  nidjt  als  neue  Offenbarung:  befto  meljr  Urfactje 
baben  mir  alles  oon  ber^anb  gu  meifen,  raaSfi$  als  SBunber 
gcltenb  machen  null  um  auf  ein  neueS  ©raengnifc  im  (Gebiet 
bcS  geiftigen  SebenS  binaubeuten.  ©onbern  nur  neue  Statur* 
epocfjen  ober  aucb  gefcijtcrjtlictje  jmar  aber  ntctjt  im  (Gebiet  ber 
giömmigfeit  tonnten  nod)  burdä  SBunber  angetunbigt  merben, 
über  meiere  baS  Urtbeil  bann  lebigltcb  ber  9caturmiffenid)aft 
überlaffen  bleibt.  —  ©ine  fefte  Sebre  beftebt  auc§  über  biefen 
$unft  mol  nietjt  in  ber  etmngelifdjenÄirdje;  inbefj  seigeu  boeb 
auet)  SutberS  Söorte  über  bte  (Sacbe2  beutltct)  genug,  bafc  er 
jene  grofje  bureb  ü)n  mitbemirfte  SBeränberuug  in  ber  $ird)e, 
olnierad)tet  fie  ber  Anfang  eines  roenigftenS  in  untergeorbnetem 
(Sinne  neuen  (SJefammtlebenS  mar,  bod)  nid)t  für  einen  folgen 
(SutmifflungSpunft  gehalten  fjabe,  bem  üonnötben  ,'märe  bie 
SBunberfraft  aar  Seite  au  baten.  Unb  fo  ftüat  ftcb  biefe  Se^re 
aud)  auf  eine  9Jla%ime,  bie  mir  mol  als  bureb  ftillfdjmeigenbe 
Ueberetnfunft  in  ber  ebangelifdjen  ®irdje  Ijerrfc^enb  geworben 
anfeben  fönnen,  bafj  mir  namlid)  überall  Aberglauben  oorauS= 
feaen,  mo  neue  SBunber  als  jur  Söefräftigung  beS  ©triften« 


1  Sgl.  §  99. 

f  „(53  tonnten  auef)  noc^  heutiges  £age3  biejelöen  3^ic^en ,  welche  öte 
Äpoftel  traten,  billig  gefetjetjen,  wenn  e§  oonnötljen  roäre.  2ß. 21.  XI. 
©.  1204.   1339. 


©rfter  8E6id}nitt.  SSon  bem  3uftanbe  be§  Triften  2c  107 

tr)um§  gegeben  bargeftellt  unb  geglaubt  h) erben.  Mau  tonnte 
Ijiegegen  einmenben,  unfer  <Sa§  fei  in  ftrenger  SBucfcftäbltdjfett 
auf  feinen  galt  ausgeben,  ba  bie  SSunber  ber  jünger  (S&rtfti 
eben  fo  beglaubigt  mären  nrie  feine  eignen,  unb  er  tt)nen  aud) 
offenbar  feine  SSunberfraft  tjmterlaffen  Ijabe.  Unb  ba  aud) 
fetne§it>eg§  nadjgetoiefen  tuerben  tonne,  bafc  biefe  SBunber* 
gaben  mit  bem  Stöbe  ber  Slpoftel  plöaltdj  au§geftorben  feien: 
fo  fei  §mar  fobiet  gemifj,  ba%  ©ftriftuS  felbft  nidjt  ba§  (Snbe 
ber  SBunberfraft  §abe  fein  rcotten;  unentfdjieben  aber  muffe 
man  laffen,  ob  biefe  ®aben  nrirfüd)  aumätjlig  erlogen  ftnb, 
ober  ob  fte  ntcrjt  bielleicbt  nodj  in  ber^trdje  fortbauern,  ober 
ftdj  tuenigften§  ^ertobifct)  mieber  erneuern,  hierauf  ift  §u 
entgegnen,  bafc  bon  ben  SBunbern  ber  $Iboftet  baffelbe  gilt 
toie  bort  iljren  SBeiffagungen ,  unb  bafj  (£tjriftu§  i^nen  bit 
Söunberfraft  nur  al§  begleitenbeS  Beiden  für  bie  erfte  Ver* 
füubigung  überlieferte.  Säfct  fiel)  nun  gieidj  ein  ftrenger  $8e* 
toeiS  für  ba$  bon  ber  römifefcen  ®ird)e  geläugnete  2lu§= 
geftorbenfein  ber  fircrjlicben  SSunberfraft  nidjt  fuhren:  fo  ift 
bod)  im  allgemeinen  unläugbar,  bafc  jesige  Verfünbtger,  hei 
bem  grofjen  $or[brung  an  ®raft  unb  Silbung  ben  bk  djrift« 
üd)en  SSölfer  bor  ben  imdjriftltdjen  Golfern  faft  otjne  2Iu§* 
nannte  borau§r)aben,  folctjer  getanen  nidjt  bebürfen,  in  jebem 
einseinen  gatf  aber  mirb  ftdj  immer  nadjmeifen  laffen,  bafc 
baä  angebliche  SSunber,  tr-elcbe  geiftige  Slbatoeffung  man  itjm 
audj  unterlegen  mottle,  immer  unsureidjenb  fein  mürbe  mit? 
bin  audj  überflü[fig;  rote  benn  audj  bh  römifdje  SHrdje  felbft 
bureb  bk  $Irt,  tt>ie  fte  bie  SSunber  in  bem  einen  galt  be~ 
fctjränft,  in  bem  anbern  prüft,  feine  grofje  guberftdjt  su  bem 
©ase  berrätlj,  ben  fte  aufftettt. 

§.  1(U.  ßmetter  ßer)rfa^  £>a£  tjofyeprtefterlid&e 
2lmt  (Sljrifti  fd)lief3t  in  fiel)  feine  boüfommne  ©efegerfüllung 
ober  feinen  tätigen  ©el;orfam,  feinen  öerföljmenbett  Sob 
ober  feinen  tetbenben  ©efyorfam,  unb  t)k  Vertretung  ber 
©laubigen  beim  Vater. 

1.  2)ie  @d)nnerigtat  einer  2)arftettung  ber  ©efammt* 
tuirfmmfeit  ©rjriftt  unter  biefen  formen  be§  alten  SöunbeS 
trifft  bornebmüct)  biefen  £{jeil;  auf  ber  einen  <&titz,  tu  eil  bie 
Analogie  beffen  in  ber  Sötrffamfeit  (£r)rtfti ,  tt>a§  man  nott> 
menbtg  Ijtefjer  reebnen  mufj ,  menn  e§  überall  Ütaum  ftuben 
fotl,  mit  ©efd)äfteit  be3  £oI)enpriefter§  nietet  gleid)  fiarf 
iierbortritt;   auf  ber  anbern  'Btik,  meil  mand)e§  in  ben  ©e^ 


108  £er  rfjrijtlictie  GHaube.  3»etter  33>etl. 


fünften  beg  &obenprieftcrg,  wag  fidj  alfo  aud)  in  (£brifto 
barftetten  fottte,  fid)  nur  in  folgen  £fjätigfeiten  beg  (hlöjerg 
aeigen  Witt,  bie  man  etjer  geneigt  fein  möchte,  einem  bon  ben 
anbern  beiben  Remtern  beffelben  äusuweifen.  ©o  finbet  ba% 
aufjerorbentltctje  aber  ljöd)ft  bebeutenbe  (Sefdjäft  beg  ftoljcn* 
priefterg,  Slnweifungen  bon  ^eljobalj  im  OTer^eüigften  ju 
empfangen,  unmittelbar  nid)tg  anatogeg  in  bem  ©eierjäft 
(Sbrifti.  Snfofern  (£ljriftu§  aber  alle  Slnweifungen,  meiere  er 
ben  ©einigen  ertfjeilt,  bon  feinem  Vater  empfangen  Ijat,1 
mürben  mir  btefeg  bornetjmiictj  in  feiner  ^roprjettfctjen  Sfjätig* 
feit  mieberfiuben.  ®ie  ©egengmünferje,  welche  ber  &ot>epriefter 
über  bag  Volf  augfpra<$,  erinnern  an  bag,  mag  mir  oben  gur 
öerfötmenben  £l)ätigfeit  (£ljrifti  geredinet  Ijaben,  mag  aber 
in  ben  fircrjUcrjen  Sebrfaa  nidjt  augbrüfflidj  mit  aufgenommen 
ift.  Slber  ba  ber  (Segen  (Stjrifti  fein  btofjer  Söunfd)  fein 
fann,  fonbern  eine  wirftid)e  QDdhe:  fo  fann  er  aud)  nur 
fegnen  burd)  bagjenige-  mag  ju  feiner  leitenben  unb  regieren* 
ben  Sfjätigfeit  gehört,  wie  benn  ber  Vrief  an  bie  Hebräer 
gewifj  aufeer  ber  Ijoljepriefterltdjen  ntd)t  noctj  an  eine  fönig* 
ii^e  äöürbe  gebaut  f)at.  äftitljin  bleiben  nur  feine  fömbolijdjen 
£anblungen  übrig,  wobei  ber  JpauptauSbruff  auf  ben  ®e= 
fdjäften  am  Verfötmunggtage  rujt,  an  eine  Vesie^ung 
einaelner  berjelben  auf  bie  ebengenannten  befonberen  ®e* 
fdjäfte  (£ljrifti  aber  nidjt  su  beuten  ift.  Vielmehr  wenn  man 
ben  £>ot)enpriefter  äUQleictj  alg  bag  £>aupt  ber  $riefterfd)aft 
anfielt,  fo  ba%  man  aud)  bereu  Verrichtungen  auf  itm  äurüff* 
führen  fann:  fo  Wäre  er  ber  ®efd)äftgfül)rer  öeg  9Solt§  bzi 
gefjotmi  unb  bieg  wäre  alfo  gan§  burd)  bie  Vertretung  aug* 
gebrüffr.  Söogegen  unmittelbar  bon  einer  gefeslicfjen  Voll* 
fommenrjett  beg  £oljenpriefterg  nidjt  bie  Ütebe  ift,  unb  ber 
berföjjnenbe  £ob  alg  Eingebung  betrautet  nid)t  entfpredjcnbeg 
finbet.  Sßag  aber  bag  erfte  anlangt,  fo  ift  einerfeitg  bie 
perf  online  Voftfommenljeit,  bk  it)tn  mefentlid)  war,  mit  in 
2lnftf)lag  su  bringen,  Wenngleich  unmittelbar  biefer  aunädjft  in 
ber  Seljre  bon  ber  $erfon  (Sljrtfti  bie  uniünblidje  Vottfommen* 
beit  entfprid)t;  öorsüglidj  aber  bafe,  wenn  Wir  bie  9lmt8* 
Verrichtung  am  Verföfmunggtage  bod)  alg  bk  eigentl)ümlid)fte 
noct)  befonberg  berüfffid)ttgen  muffen,  er  et)e  er  biefe  antrat 
ftd)  i'elbft  oielfeitig  reinigen  unb  ein  ©üljnopfer  für  fid)  unb 
fein  &auS  bringen  mufjte,  toermöge  beffen  er  bann  alg  ein 
gefeslid)  bottfommner   su  betrachten  War.     2BaS  bag  anbere 

1  30$.  7,  16-     8,26.     17,  8 


(Sriter  8töidjnltt.  SSon  bem  Suftcmbe  bes  ©Triften  IC  1 09 


betrifft,  fo  ift  barauf,  U%  (gfoifruS  ft«  fetbft  barbrtngt,  Riebet 
md)t  m  achten.  2)enn  fofern  er  ber  dargebrachte  mar,  tft  er 
bem  Dbfer  gu  bergteieben.  llnb  biefer  ©pracb, gebraut  finbet 
ftdj  ia  aueb  nid)t  nur  in  ber  ©djrtft  an  begebenen  ©teilen,1 
fonbern  au«  in  bie  SBefenntmfefdjrtften  tft  biefe  aVüiefac^e 
Vegiefjung  übergegangen,'  mobureb  mir  um  fo  mef)r  genötigt 
merben,  beibe§  bon  etnanber  ju  febeiben ;  unb  benno«  mürbe 
ijier  (SljriftuS,  borsügii«  al§  ber  &arbringenbe  ju  betrauten 
fein.  2US  ber  £)arbringenbe  aber  tft  er  Ijanbelnb,  unb  bn§ 
Seiben  fann  nur  begleitenb  fein,  unb  nur  in  bem  SOütgefufjt 
ber  ©ünbe  feinen  ®runb  fjaben,  mel«e§  atferbing§  bei  bem 
Sb^enbrieftec  sumat  in  feinen  berföfjnenben  Sicten  au«  bor* 
au§äufejen  ift.  S)o«  tritt  rjter  bie  neue  ©«miertgfeit  etn,  bafj 
fomol  ber  tätige  (geljorfam  (Sfjriftt  al§  ber  ieibenbe  gang  ju 
feiner  (Selbftbarftettung ,  mitbin  tu  feinem  brobfjettf«en  5lmt 
gehört;  fo  mie  au«  feine  gürbttte  ober  Vertretung,  ba  fte  ja 
ntdjt  ob,ne  «reu  ©rfoig  gebaut  merben  lann,  gans  mtt  fetner 
Regierung  sufammensufallen  f«eint.  2lu«  frer  wirb  aifo  auf 
beiben  Seiten  au  Reiben  fein,  unb  bie  Vertretung  ßfirtftt 
biet  nur  barsuftetten  fein,  fofern  fte  etma§  anbere§  tft  aiS 
feine  Regierung,  unb  fein  smtefa«er  ®ef)orfam  nur,  fofern  fte 
etma§  anbere§  ift  als  feine  ©elbflbarftettung  ober  feine  Ver* 
lünbigung  be§  göttlichen  SBitfenS  bur«  Sßort  unb  3$at 

2  SBenn  mir  suerft  ben  ®e*jorfam  e^riftt  feilen  in  ben 
tätigen  unb  leibenben:  fo  ftnb  bo«  leine§mege§  beibe  fo  ge* 
trennt  ju  benfen,  afö  ob  fte  berf«iebene  Ebeile  fetne§  Sebeng 
eingenommen  Ratten,  mie  man  gemöfmti«  annimmt,  bafe  ber 
Ieibenbe  erft  begonnen  Ijabe  mit  feiner  ®efangennefjmuna,  ber 
tbätige  aber  ft«  geäußert  bäte  bom  anfange  feines  offent* 
liegen  ßeben§  bi$  babin.  2)enn  menn  f«on  übertäubt  fem 
Reiben  ftatt  finbet  ofjne  ©egenmirfung,  meiere  immer  fcbättg* 
feit  ift-  fo  fjaben  mir  bon  (Sbrifto  befonber§  feftgeftetft  ,8  bafs 
fein  Slngenbliff  abgef«Ioffen  merben  fonne,  ol)ne  bafc  au«  fem 
fräftige§  ®otte§bemuktfein  barin  enthalten  fet,  unb  bte§  fann 
immer  nur  at§  ^ätigfeit  gegeben  fein,  bie  au«  mo  fte  al§ 

1  epfief.  5,  2.    <£6r.  9,  26. 

2  Maneat  ergo  hoc  in  causa,  quod  sola  mors  Christi  est  vere 
propitiatorium  sacrificium.  Apol.  Conf.  p.  225-  —  Ohlatio  Christi 
semel  facta,  perfecta  est  redemtio  propitiatio  et  satisfactio  pro  om- 
nihus  peccatis.  Conf.  Angl.  XXXI.  p.  138.  «einlieft  Conf.  Te- 
trap.  XIX.  p.  354.     Declar.  Thorun.  p.  425- 

1  6.  §.  94,  2- 


110  -Der  d)ri|'ütd)c  GJlauöc.  3toetter  %f)tll. 

(Stegenmirhing  auftrat,  roie  afferbtugS  in  feinem  eigentlichen 
Setben,  immer  nur  hie  bollfommenfte  Erfüllung  be§  Göttlichen 
2ßtllen§  fein  fonnte,  raie  beim  feine  bollfommne  (Ergebung 
oljne  9?acf)giebigfeit  auf  ber  einen,  unb  oljne  33itter!eit  ober 
Unmuts  auf  ber  anbern©eite  bie  ®rone  ift  in  feinem  tätigen 
®efjorfam.  (£ben  fo  giebt  c§  feine  £§ättgfett  oljne  eine  be^ 
ftimmte  Sßeranlaffung,  meiere  immer  einen  leib enf ctj af tltctj en 
3uftanb  OorauSfest,  unb  eben  fo  menig  eine  oljne  einen  be^ 
fdjränlten  ©rfolg,  meiere  s^8efct)ränfungen  ebenfalls  al§  ein 
Seiben  empfunben  merben.  ©omol  jene  Sßeranlaffungen  al§ 
biefe  Sßefcljränfungen  tarnen  nun  GHjrifto  au§  bem  ©efammt* 
leben  ber  allgemeinen  ©ünbtjafrigfett;  unb  fo  mürbe  üjm  jeber 
Söiberftanb,  ben  er  mäljrenb  feine§  tätigen  Seben§  erfuhr, 
jeber  gaüftriff  ber  28iberfad)er,  aber  aucl)  nirf)t  minber  bie 
®leidjgültigfeit,  mit  melier  Stiele  an  ifjm  oorübergingen,  gum 
Seiben,  raeil  er  barin  hk  ©ünbe  ber  Sßelt  mitfürte  unb  alfo 
trug,  melcrje§  Seiben  ifjn  alfo  burdj  fein  gangeS  Seben  be= 
gleitete,  (genauer  betrachtet  maren  alfo  tljä'ttger  unb 
leibenber  ($ef)orfam  in  jebem  3lugenblü!  mit  einanber  oer? 
bunben.  3)er  eine  2lu§bruff  alfo  beseidjnet  nur  ben  gort* 
gefälligen  unb  itjm  ooHfommen  genügenben  Buftanb  fcer 
©nttjfänglidjfett  (£t)rifti  für  aUe§,  roa§  itjm  au%  bem  (Sefammt* 
leben  ber  ©üttbe  !am,  inbem  er  nämtief)  alle§  nur  in  23e* 
jte^ung  auf  bie  buret)  W  ®räftigfeit  jeine§  ©otteSbeiuitfetfeinS 
gu  löfenbe  Aufgabe  aufnahm,  auf  ba$  OoUftänbigfte  unb 
reinfte.  ©er  anbere  beäeicimet  ben  gleiten  guftanb  feiner 
©elbfttljätigfeit  in  35eäug  auf  affe§,  roa§  üjm  für  ba%  ®e= 
fammtleben,  roelctjeg  l)erüor§urufeu  er  gefommen  mar,  äu  tt)iin 
oblag:  fo  ba%  er  au§  allem  öorlrcgenben  nie  einen  anbern 
al§  folgen  groeftbegriff  in  fiel)  bilbete;  beibe  aber  Empfang* 
Itctifeit  unb  @elbfttt)ättgleit,  mithin  aucr)  tätiger  unb 
leibenber  (Steljorfam  maren  in  allen  Momenten  be§  SebenS 
C£r)rtftt.  SDatjer  benn  audj,  meil  meber  ba$  STfjim  Sljrifti 
ot)ne  fein  Seiben  tjätte  erlöfenb,  noct)  ba§  Seiben  oljne  fein 
£t)un  oerfötmenb  fein  fonnen,  meber  bem  tätigen  ®e* 
Ijorfam  allein  bit  ©rlöfung,  noct)  bem  leibenben  allein 
bie  SSerföfjmmg  äugefcljrieben  raerben  fann,  fonbern  beiben 
beibe§. 

3.  dergleichen  mir  nun  in  93esug  auf  ben  fo  beftimmten 
tätigen  ©efjorfam  (£t)riftum  mit  bem  ^s^enpriefter,  mobei 
mir  natürlich  nur  bie  urforünglicfje  (Stnfesimg  biefeS  SnftitutS 
im  5luge  l)abcn  bürfen  nidjt  bie  5lu§artung  beffetben  in  ber 
SBirflicljfett:   fo  mar  ber  £of)eprtefter  fotc&ergeftalt  burd)  2lb* 


erfter  Sfbfdjintt.  $on  bem  guftanbe  be§  Triften  :c.  111 

fonberung  unb  burd)  bte  Slbgefdjloffenljeit  feinen  £eben§  in 
ben  Räumen  beg  £>eiligtfjum§  auf  eine  fo  günftige  SSetfc  ge= 
ftcttt,  ba%  er  meber  leicht  etma§  §u  feinem  Veruf  gehöriges 
berfäumte,  noä)  ftdj  au  etma§  aufgeforbert  fanb,  ma3  nidjt 
au§  feiner  SBürbe  Ijerborging  unb  moburdj)  fie  alfo  glätte 
rönnen  öerlegt  merben;  mte  e§  üjm  benn  audj  roeit  leichter 
mar  al§  allen  3lnbern  ftdj  bor  gefeälictjert  Verunreinigungen 
§u  bemafjren.  S)iefe  Vergünftigungen  mußten  ber  menftf)  liefen 
©crjroacrjtjett  gegeben  merben,  menn  er  aud)  nur  iümboliid) 
im  Vertjältnifj  hu  feinem  Volf  ba§  barfteHen  füllte,  ma§ 
(£t)riftu§  im  Verpttnifj  %u  ben  Sftenjdjen  hnrfiidj  mar.  $>a§ 
Volf  nämücr)  mar  in  beftänbiger  ®efat)r  ja  faft  in  beftänbigem 
Vemufjtfein  ber  Verunreinigung,  ber  £ot)ebriefter  aber  in 
ber  5lbfonberung  bon  allen  meltlidjen  ®efctjäften ,  ja  and) 
bon  ben  natürlichen  $flidjten  entbunben  fobalb  fie  otjne 
eine  aud)  nur  leichte  Verunreinigung  nictjt  bolläogen  merben 
fonnten,  füllte  ben  Üteinen  barfteEen,  ber  al§  folctjer  aud} 
allein  bermodjte  al§  Ergänzung  aller  ber  Opfer,  meiere  ba§ 
Voll  buret)  bie  gefammte  Sßrtefterfctjaft  unaufhörlich  bar- 
braute,  ba§  iärjrUctje  Verfötmung§obfer  an  berridjten.  (£ben 
fo  erfc^ien  ftdt)  baä  Volf  in  größerer  ober  geringerer  @nt* 
fernung  um  ba$  föeiligtljum  morjnenb  auccj  ir;n  größerer 
Entfernung  bon  (Sott,  bie  fidj  nur  borüberge^enb  berminberte 
in  bem  Sßectjfel  sttrifdjen  ben  gotte§bienftlidjen  unb  ben  ge- 
fdjäftigen  Betten;  ber|  £oljebriefter  aber  foUte  §u  biefen 
fdjmanfenben  Vemegungen  ba§  (gleidjgemicrjt  in  fidj  tragen, 
inbem  er  immer  in  ber  unmittelbaren  9?ät)e  be§  £>eiligtbunt3 
blieb,  menn  er  e£  gleich  nur  §u  öorgefctjri ebenen  Reiten  unb 
Steffen  mirflid)  betrat.  £affelbe  ift  nun  aud)  ba$  mefent= 
lictje  in  bem  tj otjenbriefter liefen  Sßertr)  be§  tätigen  (M)or* 
fam§  ©tjrifti.  2)enn  ba%  fein  £r)un  allein  bem  göttlichen 
SSiUen  boHfommen  entfprxctjt ,  unb  bie  föerrfdjaft  be§  ®otte§s 
bemufetfeinS  in  ber  menfdjlid)en  üftatur  rein  unb  gan§  au&= 
brüfft,  bk§  ift  ber  ®runb  unfere§  VerljaitniffeS  p  irjm;  unb 
alle§  eigentümlich  ctjriftlicrje  beruht  auf  biejer  Slnerfennung. 
(£§  liegt  barin  eben  biefe§,  bafj  abgefeljen  bon  ber  Verbinbung 
-mit  ©brifto  meber  ein  eiserner  SDcenfcrj  nod)  irgenb  ein  be* 
ftimmter  £rjeil  be§  ($efammtleben§  ber  ÜDtaidjen  an  unb 
für  fict)  in  irgenb  einem  geitraum  por  ©ott  gerecht  ober  ein 
(S5egenftanb  feine§  SSo^lgefaHenS  fei.  Unb  mie  bon  bem 
ganzen  jübifetjen  Volf  ber  £>ol)epriefter  allein  unmittelbar 
oor  ©ott  erfcrjien,  unb  ©ort  ba$  gan§e  Volt  gleictjiam  nur 
in  irjm  fat):  fo  ift  aud)  be§r)alb  (5^riftu§  unfer  £of)ebrieftet» 


112  $er  djriftlidje  ©laube.  3toeiter  S&ell. 

roeü  ©ott  un§  nid)t  jeben  für  ftct)  fonbern  mir  in  Hjtn  ftebt. 
git  ber  lebcnben  ©emeinfcbaft  mit  CHjrifto  ruitt  fetner  cttuag 
für  ftct)  fein  nod)  aud)  fo  oon  ®ott  betrachtet  ruerben, 
fonbern  jeber  mill  nur  nl§  bon  ijjm  befeett  erfcbeinen  unb 
öl§  ein  nnr  nod)  in  ber  (Sntrotfflung  begriffener  $(jeil  feineS 
SSerfeS;  fo  bafj  and)  ba§  nocb  ntdjt  gans  mit  il)m  bereinigte 
bocf)  auf  baffelbe  befeelenbe  $rinciö  beäogen  mirb  al§  ba§, 
toa§  nod)  fünftig  r»on  ibm  mirb  bejeelt  roerben.  $)arum  ift 
roie  bort  ber  Jpobejmefter  fo  bter  (£briftu§  berienige,  ber 
un§  rein  barftettt  bor  ©Ott  oermöge  feiner  eignen  boKfommnen 
(Erfüllung  be§  göttlichen  3ßtffen§,  moau  burcb  fein  ßeben  in 
un§  ber  £rieb  aud)  in  un§  roirffam  ift,  fo  bafc  mir  in  Meiern 
gufammenbang  mit  ibm  aud)  ©egenftänbe  be§  göttlichen 
SBof)IgefaKen§  finb.  £>ie§  ift  ber  un§  eigne  unb  auf  djrifc 
lid)em  Söoben  nidjt  angufecbtenbe  ©inn  jene§  oft  mifj* 
•  öerftanbenen  SluSbrurB,  baä  ©fjttfti  ©eborfam  unfere  (3t- 
I  red)tigfett  fei,  ober  ba%  feine  ©ered)tigfeit  un§  angerechnet 
toerbe;1  fet)r  leicht  mifouoerfteben,  aber  gemifj  nidjt  grünblid) 
ju  bertfjeibigen  ofjne  bie  SßorauSfeäung  eine§  gemeinfamen 
SebenS,  roeld)e3  übrigens  audj  in  bem  begriff  be§  £obens 
£rtefter§  auf  ba%  beftimmtefte  borauSgefest  mirb.  Unb  fo 
roerben  mir  aud)  im  ©tanbe  fein  bcn  pro^r)etifct)eii  äßertlj 
be§  ®er;orfam§  (S^rifti  Oon  bem  Jjofjenpriefterlidjen  su  unter* 
fdjeiben.  £)em  propbetiidjen  5lmt  (Sfjttfti  nämtid)  gebort  atfeS 
an,  roa§  SSerlünbigung  mithin  aud)  ©elbftbarfteüung  ift  nid)t 
nur  burdj  SBorte  fonbern  aud)  burctj  bie  Xfyat  2)tefe  menbet 
fiel)  aber  an  bie  ÜDcenfdjen  in  Söe^ierjung  auf  üjren  ©egenfaa 
Gegen  (£briftum  um  fie  für  bie  Bereinigung  mit  ibm  empfang* 
Itd)  §u  machen;  unb  fo  mirb  aud)  Men  in  ber  ®ircbe  ber 
©eborfam  ©Ijrifti  Oon  btefer  (Seite  borgebalten2  in  Sßeäiebung 
auf  ibr  nod)  fortroäbrenbeS  Unterfdjiebenfein  Oon  tbm.  $)er 
^obeprieftertid)e  SBertb  beffelben  aber  beliebt  ftdj  auf  feine 
Bereinigung  mit  un§,  fofern  nämlicf)  fein  reiner  Söitte  ben 
göttlicben  SSiUen  ju  erfüllen  traft  ber  sroifdjen  ibm  unb  un§ 
fcefiebenben  SebenSgemeinfdjaft  aueb  in  un§  roirffam  ift,  unb 
wir  atfo  an  feiner  Sßoßfommenbett  3Tr)eiI  Ijaben,  menn  aud) 


x  Eam  ob  causam  ipsius  obedientia  .  .  ,  qua  nostra  causa  sponte 
se  legi  subjeeit,  eamque  implevit,  nobis  ad  iustitiam  hnputatur. 
*ol.  decl.  p.  585.  —  Jesus  Christus  nobis  imputans  omnia  sua 
merita,  et  tarn  multa  saneta  opera,  quae  praestitit  pro  nobis  ac 
nostro  loco  est  nostra  iustitia.     Conf.  Belg.  XXII.  p.  183. 

2  $lul.2,  5—  8.     1  «ßetr.2,21. 


grfter  Stbfdjnitt.  SSon  bem  Suftanbe  be§  ©Triften  ?c.  113 

ntdjt  in  her  21u§füljrung  boeb  im  antrieb:1  fo  bäte  unlere 
^Bereinigung  mit  ib,m,  menngleid)  fte  ftd^  in  ber  (Srfdjemung 
nur  anber§  entroiffelt,  bod)  al§  abfolut  unb  emig  bon  ®ott 
anerfannt,  unb  eben  fo  in  unferm  (glauben  gefegt  roirb.  — 
9?ur  gegen  groeierlei  in  ber  gemöl)nlid)en  ©arfteHung  habm 
mir  un§  nodj  m  berroaljren.  Buerft  ba^  man  ben  ttjätigen 
<55e5orfam  ©fjriftt  al§  bie  boflfommne  GsrfüEung  be§  göttlichen 
<55  e  f  e  §  e  §  barftellt.  £)enn  ©efes  begeidmet  allemal  einen 
ttnterfdiieb  unb  Braieftmlt  gmifcljen  einem  gebietenben  Ijöljera 
unb  einem  unboüfommnen  untergeorbneten  SSitten;  unb  in 
tiefem  Sinne  mute  man  aüerbings?  bon  ßtjrifto,  aud)  menn 
man  ifjm  bermöge  ber  beiben  Naturen  einen  gmiefadjen 
SSiffen  auftreibt,  ba  ja  benn  beibe  bößig  übereinftimmen 
muffen,  bie  93et)aubtung  auffteHen,  er  fei  bem  (SJefeg  nidjt 
untermorfen  gemefen.2  SIber  eben  fo  menig  fann  man  bann 
aud)  fagen,  er  Ijabe  fiel)  bem  (55efes  freimillig  untermorfen; 
benn  er  fonnte  aueb  nic^t  fretrottttg  in  einen  foldjen  gmie* 
fbalt  mit  bem  göttlichen  SBiUen  eingeben,  ba%  er  ifjm  §um 
®efe§  Ijätte  merben  tonnen.  ©onbern  ber  ttjättge  ($5eljorfam 
Cfjrifti  mar  bie  bollfommene  Erfüllung  be§  göttlichen 
SStllenS.8  (Soff  aber  bom  mofaifeben  (Sefes  bie  fflebe  fein, 
fofern  e§  borneljmlidj  äuteerlidje  föanblungen  unb  Untere 
laffungen  borfdjrieb:  fo  mar  er  biefem  allerbing§  feiner 
$erfönlid)feit  nact)  untermorfen,4  fo  ba§  merjt  gefagt  merben 
fann,  er  Ijabe  beffen  (Erfüllung  freimillig  übernommen.  $lber 
in  biefer  allein  mürbe  ber  ljot)ebriefterlidje  Sßertl)  feine§  %z* 
fjorfam§  nidjt  gemefen  fein,  fonbern  nur  fofern  fte  ein  £t)etl 
mar  feiner  (Erfüllung  be%  göttlichen  2SiHen§.  2)a§  ätueite 
ift  biefe§,  ba%,  menn  man  ftd)  irgenb  genau  au§brüffen  mill, 
man  aud)  nidjt  fagen  fann,  ©r)rtftu§  Ijabe  ben  göttlichen 
SöiHen  an  unferer  ©teile  ober  ju  unferm  heften  er* 
füllt,  Sftämltd)  nic^t  nur  ntcfjt  in  bem  «Sinn  an  unferer 
©teile,  roie  feine  djriftlidje  ©eftnnung  e§  münfdjen  fann  unb 
feine  gefunbe  Se^re  e§  jemal§  au§gefbrodjen  f)at,  al§  ob  mir 
baburd)  ber  (Erfüllung  beffelben  entbunben  mären,  inbem  ja 
bie  tjödjfte  Seiftung  S^rifti  barin  befterjt  un§  fo  ju  befeelen, 
bafe    eine    immer    bollfommenere  (Erfüllung    be§   göttlichen 


1  SSgl.§.88,3. 

2  So  ift  e§  aber  aUcrbiitgS  nidjt  gemeint,  in  Sol.  decl.  p.  605.  tarn 
non  fuit  legi  subjeetus,  quam  non  fuit  passioni  et  morti  obnoxiu8, 
quia  dominus  legis  erat. 

■  3o§.  4,  34.     5, 19.  30.     6,  38  ©qT.  4,  4. 

6*1.,  ÄSriftl.fflI.ll.  * 


114  £)er  tfjriftlitfje  ©lau&e.  3toettcr  Sfjetl. 

SSiffenS  audj  oon  un§  auSgeljt.1  216er  audj  nid)t  fo  al§  oft 
ber  bei  un§  an  unb  für  fid)  anautreffenbe  SDtanget  an  ®ott* 
gefätftgfeit  gleid)fam  burd)  einen  Ueberjcbufc  an  ©ottgefäUig* 
feit  in  ßtjrifto  fotttc  ober  tonnte  gebefit  merben.  2)enn  ba 
nur  ba$  ooHfommne  oor  ©ott  befielen  fann:  fo  §at  audj 
(£&rtftu§  felbft  nichts  gleid)fam  übrig,  raa§  nnter  un§  §nr 
SBertijeihms  fommen  tonnte,  mag  man  nun  anf  bie  Sßotfs 
ftänbigfeit  ber  Erfüllung  in  äußeren  £>anblungen  fetm  — 
loeldjeS  überbie§  au3  ©rünben  bie  fid)  unten  nodj  näljer 
ergeben  merben,  ganj  unproteftantifd)  iuäre  —  ober  man 
mag  aud)  nur  auf  bk  SReinbeit  im  inneren  ber  ©eftnnung 
feben.  —  5llfo  aud)  überhaupt  nid)t  irgenbmte  §u  unierm 
heften  at§  ob  burd)  ben  ©eborjam  ßbrifti  an  unb  für  fidj 
betrachtet  irgenb  etma§  für  un§  erreicht  ober  in  53e^ug  auf 
un§  üeränbert  mürbe,  ©onbem  ber  ©efammtgeborfam  — 
Stxa(tü(i.a  —  (Sbrifti  gereift  nur  in  fofern  §u  unferm  heften 
I  al§  burdj  benfelben  unfere  Slufnabme  in  bie  £eben§gemein* 
!  fcfeaft  mit  ibm  bemirft  mirb,  unb  in  biefer  mir  oon  ibm 
I  bemegt  merben,  mithin  ba&  ijjn  bemegenbe  Sßrincip  audj  ba$ 
unfrige  mirb;  eben  mie  mir  aud)  burd)  bie  (Sünbe  2(bam§ 
nur  mit  oerbammt  merben,  fofern  mir  in  ber  natürlichen 
£eben§gemeinfcbaft  mit  üjm  unb  auf  biefelbe  Sßeije  bemegt 
aud)  ade  felbft  fünbigen.2 

4.  SSa§  ferner  ben  leibenben  ©eborfam  (£brifti  be* 
trifft:  fo  ift  fdion  oben  bemertt,  bafs  bie  Slebnlidjfeit  mit  bem 
£obenpriefter  ^ier  nur  eine  gan§  allgemeine  fei,  fo  bafj  mir 
barau§  ben  Bufammenbang  be§  leibenben  ©eborfamg  ©brtfri 
mit  feiner  ertöfenben  unb  uerföbnenben  Stbätigfeit  um  fo 
meniger  ertlären  tonnen,  al§  bei  bem  £)obenpriefter  oon  einem 
(Srbulben  oon  Hebeln  ntdjt  bk  fKebe  mar,  unter  bem  leibenben 
©eborfam  Gtbrifti  aber  biefe§  ooräüglicb  mit  oerftanben  mirb, 
unb  alfo,  rca§  er  al§  £)arbringenber  empfanb  unb  ma§  er  afö 
dargebrachter  ober  al§  £)pfer  litt,  mit  einanber  oermifdjt. 
©eben  mir  nun  in  biefe  SSermifd)ung  oorläufig  ein,  fo  merben 
mir  barauf  gurüff geführt,  bafj  in  jeber  menfcbltdjen  ©enteilt* 
fd)aft,  fofern  fie  al§  ein  abgefcbtoffene§  ©ange  bztxafykt  merben 
fann,  fooiel  Uebel  ift  al§  ©ünbe;  fo  bafj  gmar  ba$  Uebel  bk 
©träfe  ber  ©ünbe  ift,  ntdjt  aber  ieber  ©inselne  grabe  ba$ 
Uebel  oollftänbig  unb  auSfdjliefeenb  leibet,  ma§  mit  feiner 
per|önltd)en  ©ünbe  im  3uf  ammenbange  ftebt.8    2>af)er  fcmu 


1  ?;of).  15,  2.5.8.  n 

2  JRöm.  5,  12.  18.  "  aSflt-  §.  77. 


(Srfter  Stöfdjnitt.  Sott  bem  Suftcmbe  be§  ©Triften  ac.  115 

nun  in  jebem  %aU,  roo  ein  Ruberer  Hebet  erbutbet,  bie  mit 
feiner  ©ünbe  nidjt  sufammenfjangen,  gefagt  werben,  bafj  er 
bie  ©träfe  leibe  für  Rubere,  bie  nun,  ba  bie  Urfäd)tid)feit 
biefer  ©ünbe  ftdj  erfcr)öpft  l)at,  oermöge  berfelben  öom  Hebet 
riicrjt  ntef)r  getroffen  werben.  (SfjrifruS  nun  mufjte,  um  wt§ 
in  bie  ($5emeinfd)aft  feinet  Sebem?  aufaunebmen,  erft  in  unfere 
(Sememfdjaft  eingetreten  fein,  (£r  ot)ne  ©ünbe,  au§  beffen 
2)afein  ftct)  baljer  fein  Hebel  enttoiffeln  fonnte,  in  bie  (Semem* 
fcfiaft  be§  fünblictjert  SebenS,  in  melier  ftctj  mit  unb  au§  ber 
©ünbe  ba§  Uebel  immer  nrieber  erzeugt,  ©aljer  mufj  tion 
itjm  gejagt  Werben,  bafj  Wa§  er  in  biefer  ©emeinfdjaft  litt, 
fo  ba%  e§  feinen  ($5runb  in  ber  ©ünbe  fyattt  —  unb  bon 
natürlichen  Hebeln  fyat  er  nidjt  gelitten  —  er  für  biejenigen 
gelitten  Ijabe,  mit  benen  er  in  (Semeinfdjaft  ftanb,  ba%  Reifet 
für  ba$  ganje  menfcblicxje  ©efdjledjt,  bem  er,  nid)t  nur  weit 
feine  einzelne  ($5emeinid)aft  innerhalb  beffelben  ft$  öoHfommen 
abfcbtiefjen  läfct,  fonbern  aud)  burd)  feinen  beftimmten  SSitten 
angebört.  ^enn  ntctjt  nur  mar  jomot  ber  £ljat  nad)  fdjon 
burdj  feine  urbtfbltdje  (Srjdjeimmg  als>  auä)  befonbexS  in  feinem 
SBemufetfein  ber  Unterfcbieb  smifcben  Suben  unb  Reiben  auf- 
gehoben; fonbern  e§  haut  aud)  eine§tbeii§  feine  Stjätigfett 
fdwn  toenigften§  mittelbar  eine  9^id)tung  auf  Reiben,  bejonber§ 
aber  umgab  irjn  anberntfjetlS  in  ben  testen  Sagen  feinet 
Seben§  al§  fein  Seiben  öerurfadjenb,  ai§  weltliche  unb  geift- 
licxje  Dbrigfeit,  Subentbtint  unb  £>eibentfmm,  bie  ©ünbe  ber 
ganzen  SSJelt  repräfenttrenb.  ©eben  mir  aber  bon  biefen 
Hebeln,  bie  eigentlid)  ben  tjotjenprteft  erliefen  (Ebarafter  ntctjt 
an  ftdj  tragen,  ab  auf  ba§  Seiben,  wetd)e§  er  al§>  £>oberprtefter 
empfanb:  fo  ift  offenbar,  ba%  ba%  SDfttgefütjl  ber  ©ünbe,  wie 
e§  al§  menfdjltdje  ©ntpfmbung  in  ibm  burd)  ba§>  borltegenbe 
bebingt  ift,  su  feinem  fcödjften  ®tpfel  geftetgert  fein  nutzte  in 
ber  Bereinigung  beiber  ^anptgattungen  bon  ©ünbern  gegen 
feine  unfünblicbe  Sßerfönlidjfeit.  SSte  nun  btefe§  TOtgefübt 
mit  menfdiltdier  ©diulb  unb  ©trafmürbigfeit  ber  motibtrenbe 
Einfang  ber  (Srlöfung  mar,  infofern  jeber  beftimmten  menfdj* 
lictjen  ©elbfttbätigfeit  ein  befttmmenber  ©tnbruff  borangebt: 
fo  mar  nun  aud)  Die  größte  Steigerung  eben  biefes?  WtiU 
gefül)l§  bie  unmittelbare  SBegeifterung  311  bem  größten  Moment 
in  bem  (5rlöfuiig§geid)nft.  Unb  mie  nun  au§  btefem  ber  ©ie;j 
über  bie  ©ünbe  berborgegangen  ift, 1  mit  ber  ©ünbe  aber  aud 
ü)r  Sufammen^ang  mit  bem  Hebet  übermunben  ift:  fo  fami 


1  Sofj.  12,  24. 


116  2)er  djrijtlidje  ©laube.  3tuetter2:f)eil. 


man  gleidjcS  mit  gleichem  gufammenftettenb  auä)  faa.cn,  ba% 
buttfj  baä  Seiben  ©ferifti  bie  Strafe  binmeggenommen  fei, 
luetl  in  ber  ©cmetnfcbaft  feineS  fetigen  SebenS  aucb  ba$  erft 
im  Geriet) nnnben  begriffene  Uebel  menigftenS  nicb,t  meljr  al£ 
(Strafe  aufgenommen  mirb.1  —  £)aS  Ijier  bargclegte  ift  nun 
ber  auf  bem  eigentbümtieben  ©ebiet  be§  (£briftentljum§  überall 
Ietd)t  berftänblicfje  unb  audj)  letdjjt  ju  bertfceibigenbe  (Sinn  ber 
öon  aufeen  oft  angefochtenen  SluSbrüffe,  bafj  (£briftu§  burd) 
feine  freie  Eingebung  in  Seiben  unb  £ob  ber  göttlichen  ©e= 
recb,tigfeit,  al§  roelctje  ben  3ufammenf)ang  anrifdjen  ©ünbe  unb 
Hebel  georbnet  bat,  genug  getftan,  unb  un§  baburd)  bon  ber 
©träfe  ber  ©ünbe  befreit  r)abe. 2  Unb  auS  biefer  ©arftetfung 
mufe  ftdj)  aHe§  ableiten  laffen,  mag  abgefeljen  bon  bem  bem 
bropbetifdjen  51mt  angeprigen  borbilblidien  Sßertlj  beS  SeibenS 
©(jrifti,  al§  Aneignung  beffelben  ftcr)  jemals  fruchtbar  be= 
loiefen  Ijat  für  bie  djriftticbe  grömmigfeit.  Sa  aud)  bit 
biSmeiten  einfeitig  erfdjetnenbe  gorm  berfelben,  meiere  bit 
gan^e  ®raft  ber  (£rlöfung  in  bem  Seiben  (£t)rifti  gleidjfam 
auSfcbliefjenb  concentrirt,  unb  alfo  in  biefem  allein  ibre  S8t- 
friebigung  finbet,  läfet  ftctj  bterauS  ferjr  gut  berfteben.  SDenn 
in  feinem  burd)  bit  SBeljarrlicljreit  Ijerborgerafenen  Seiben 
I  bi$  sunt  £obe  erfdjeint  un§  bit  ftdj  felbft  fcrjlectjtrjtrt  ber- 
|  läugnenbe  Siebe ;  unb  in  biefer  bergegenmärtigt  fid)  un§  in 
ber  bottftänbigften  5lnfct)auticr)fett  bit  2lrt  unb  SBeife,  mie 
(Sfott  in  üjm  mar,  um  bie  SBelt  mit  fid)  äu  berföbnen,  fo 
mie  audj  am  boEfommenften  in  feinem  Seiben,  mie  uner- 
fctjütterHcrj  feine  Seltgfeit  ftmr,  mitgefühlt  mirb.  £)al)er  man 
fagen  lann,  bafc  bit  Uebergeugung  bon  feiner  ^eiligfeit  fo= 
mol  al§  feiner  ©eltgfett  unS  immer  aunädjft  auS  bem  23er= 
ftnten  in  fein  Seiben  aufgebt.  Unb  mie  ber  tfwtige  ©et)orlam 
(£ljrifti  feinen  eigentlich  Ijo^enbriefterltdjen  SBcrtt)  bornelmiiid) 
barin  bat,  ba%  ®ott  un§  in  (Sljrifto  als  $enoffen  feines  ©e- 
borfamS  fielet:    fo  befterjt    ber  I}or)eprtefterltcrje  Sßertfc    beS 


1  9Wm.  8,  28. 

9  Deus  ergo  propter  solum  Christum  passum  et  resuscitatum 
propitius  est  peccatis  nostris  etc.  Expos,  simpl.  XV.  p.  41.  — 
Hunc  .  .  crodimus  .  .  unica  sui  ipsius  oblatione  Deo .  .  .  pro  nostris  .  . 
peccatis  satisfecisse  .  .  sieque  morte  sua  triumphum  egisse  etc.  Conf. 
Mylhus.  IV.  pag.  104.  —  Profitemur  quod  ...  anima  et  corpore 
passus  est,  ut  pro  populi  peccatis  plane  satisfaceret  etc.  Conf. 
Scot.  IX.  p.  149.  —  Ad  haec  passus  mortuus  et  sepultus,  ut 
pro  mo  satisfaceret  inoamque  eulpam  persolveret.  Catech,  maj. 
p.  495. 


(gr  Jter  2töf $nitt.  SSon  bem  3uftcmbe  beä  ©Triften  2C.  1 17 

leibenben  ®ef)orfam§  borneljmlid)  barin,  bafj  mir  (Sott  in 
<£fcrifto  feljen  unb  (£l)riftum  al§  ben  unmittelbarften  £f)eil* 
Ijaber  ber  ehrigen  Siebe,  meiere  üjn  gefenbet  unb  auSgerüftet 
i)at  —  Sßenn  e§  nun  faum  nöttjtg  fein  bürfte,  bon  biefer  ein* 
faäjen  $)arftellung  auf  foltfje  fünftüd)  auiammengefeste  ber* 
gleidjenb  gurüffsufeljen1,  met$e  nidjt  (Srünbe  genug  unb  bon 
ber  berfdjiebenften  2lrt  §ufammenbringen  fönnen,  um  bit  üftotlj* 
roenbtgfeit  ober  (Sdriffütfifeit  ber  Seiben  unb  be§  £obe§  ^efu 
baraut()un :  fo  giebt  e§  bod)  nod)  bebeutenbe  SÜUfjberftänbniffe, 
bon  benen  hrir  un§  toSfagen  muffen.  2)a§  erfte  ift  biefe§,  bafc 
menn  un§  gletct)  ba§  hmt)re  SSerftänbmfj  (£f)rifti  auf  eine  be* 
fonberS  ergreif enbe  SBeife  au§  feinem  Seiben  aufgebt,  biefeS 
bocE)  feine  9ted)tfertigung  ift  für  baä  (Spielenbe  ber  frütjer  fetjr 
berbreiteten  jest  fcfjon  faft  Veralteten  fogenannten  Sönnben* 
Geologie,  raeldje  bie  tiefe  SSebeutung  be§  Seiben§  (£§rifli  in 
ben  futnlidjen  (Sinäelfjeiten  beffelöen  §u  finben  meint,  unb  baljer 
bit  ®efammt§  eit  be§  Seibeng  (Prifti  sunt  SSe'fcuf  atfegorif<$er 
(Spielereien  äertfjeilt.  2)enn  t)ie6ei  liegt  bit  SBerroedjfe'lung 
§um  (Srunbe,  ba%  man,  roa3  ©rjrtfto  nur  al§  Opfer  sulommen 
fann,  auf  feine  fjofjepriefierlidje  SSürbe  überträgt.  2)a§  Opfer 
nämlich  ift  fem  bon  aller  (Selbfttljätigf  eit,  unb  nur  in  einem 
boßfommen  leibentlidjen  Buftanbe  begegnet  il)m  al(e§.  (So 
autf)  (£tjriftu§  in  Sejug  auf  biefe  (£inself)eiten,  in  $Be§ug  auf 
meiere  ja  gar  fein  ©ntfdjlufj  in  tf)m  mar,  unb  bie  alfo  gar 
ntdjt  al§  Momente  für  iljn  ausuferen  ftnb.  2)a§  aroeite  ift 
biefeB,  menn  man  bie  in  bem  obigen  (Sinn  gang  richtige 
gormel,  bafj  buref)  ba&  Seiben  (£f)rifti  bit  ©träfe  f)inh>eg* 
genommen  fei,  fo  berftefjt,  ai§  tjabe  er  bie  ©träfe  getragen, 
nämlidj  al§  fei  fein  Seiben  gleid)  gemefen  ber  (Summe  oon 
liebeln,  meiere  ba§  Sftaafj  ber  (Strafe  für  bit  (Sünben  be§ 
menfdjlidjen  ($ejdjledjt§  ift,  inbem  fonft  bie  götttidje  (Seredjtigfeit 
unbefriebigt  geblieben  märe;  roorau§  natürlich,  ba  bit  (S5e* 
fammtjünbe  be§  menfdjlicfjen  (55efctjlect)tö  titelt  anber§  als  un* 
enblidj  gefest  merben  fann,  eine  Unenbli^feit  bt%  SeibenS 
folgt.  SBenn  nun  fo  ba§  Seiben  (£fjrifti  unb  feinSob,  miemol 
in  ein  beftimmteS  Sftaafj  bon  3eit  eingefd)toffen  unb  auf  bit 
burdj  bit  f)öfjere  geiftige  Äraft  unenblidj  berringerte  gä^igf eit 
eigentlich  511  leiben  belogen,  bennodj  bem  poftulirten  unenb* 
liefen  menfdjlidjen  ©efammtleiben  gteidjgefteltt  merben  foE: 
fo  ift  faum  su  bermeiben,  bafs  man  fupplementarif<$  annimmt, 


1  tinter  anberrt  fteinfjarb  iSogm.  §.107.  108.  (5.401  fTgb. 


118  ©er  tfjriftlic&e  ©Iaube.  3n>elter  £l)eli. 


aucb  bie  göttltdje  Statur  in  ibm  babc  mitgelitten, ■  tDeldjeStot« 
ftettunfl  ber  (Sacbe,  mie  fte  ber  Don  2llter§  ber  aud)  in  bieder 
2cl)vc  anerfannten  Seiben§unfäl)tgfeit  ber  göttiictjen  9totur 
toiberforidjt,  aucb  gehrife  feinem  fräfttgen  Angriff  ber  ®egner 
SBtbetftanb  leifteit  fann.  2lber  bk  SSotfenbung  biefe§  üDtffcs 
öerftänbmffeS  ift  erft  in  ber  Zunahme,  ba8  Seiben  (£l)rifti  fei 
in  bem  noch  engem  (Sinn  Uebertragung  ber  «Strafe,  bafj  (Sott, 
ber  bodj  nach  ber  Jtrd&Hdjen  Sefjre  felbft  überall  nicbtltrbeber 
ber  Strafe  ift,  für  ben  ©rlöfer  fein  ßetben  al§  (Strafe  ge* 
orbnet  babe,  fo  ba%  ©&riftu§  aud)  bte  erfte  unb  unmittelbarfte, 
nämlidj  ben  göttlichen  Born  über  bie  Sünbe,  al§  ihn  treffenb 
unb  auf  üjm  rubenb  foHe  enmfunben  tmben.  SDenn  biefe 
Stbeorte  Ijebt  auf  ber  einen  (Seite  alle  menfd^lidje  SSatjrbeit 
in  bem  menfdjttdjen  Söemufctfein  (£briftt  auf,  menn  er,  ma§ 
ber  Statur  ber  (Sad)e  nach  nur  SDtttgefübl  in  Üjm  fein  tonnte, 
al§  fein  perRmlt$e§  Selbftbemufctfein2  gefjabt  Ijaben  foll;  auf 
ber  anbern  Seite  liegt  bahä  unläugbar  bie  S3orau§feäung  gum 
©runbe  oon  einer  abfoluten  9?otl)menbigfeit  göttltctjer  Strafen 
auch  o§ne  Sftüffftdjt  auf  tbren  Sftatursufammenljang  mit  bem 
Sööfen,  unb  biefe  mieberum  ift  fcbmerlicb  m  trennen  oon  einer 
Sßorftettung  ber  göttlichen  (Bered)tigteit,  meld>e  oon  ben  robeften 
menfc&lidjen  Bufiänben  §er  auf  ©ort  übertragen  ift.  üßeömett 
mir  nun  biefe  Elemente  §ufammen,  meldje  in  bem  3lu§bruff 
ft  ellb  er tr  et enb  e  (S5  enu g tb u  un g  bereinigt  finb :  fo  muffen 
mir  mol  gefteljen,  ba&  e§  nicht  ätueffmäfetg  fei  ibm  al§  ben* 
jenigen  gu  ftempetn,  in  melcbem  biefe  Steile  be§  fjoljeitfjrtefter* 
liefen  (Befd»tec^t§  ©ijrifti  äufammengefafjt  mürben.    SßieUeidjt 


1  S>ieS  ift  nicfjt  unbeutiid)  ausgebrochen  in  bem  ganzen  3ufammens 
bang  ber  oben  an  geführten  ©teile  au§>  ber  So  1.  decl.  p.  696.,  menngletd) 
überall  ben  SBorten  nadj  ber  ©ag  gültig  bleiben  fott,  ba%  bie  göttliche 
STiatur  nidjt  leibet,  $enn  e§  toirb  jugleidj  behauptet,  bafe  bie  menfd)lld)e 
Statur  btcfeS  ju  leiben  nur  fäbtg  getuorben  fei  burd)  lljre  SSerbinbung  mit 
ber  göttlichen,  toeldjeS  bod)  eben  tjeifct  burd)  fie.  S)amtt  ftimmt  benn  aud), 
bafj  jene  aHerbing§  großer  (Senfur  m  untertoerfenbe  33efenntni&fd)rift  and) 
üiemlid)  baS  ©cgentfjeil  bon  bem  letjrt ,  roa§  fjier  aufgefteftt  toorben  ift, 
Reiicimus . .  .  quod  fides  non  respieiat  tantum  obedientiam  Christi, 
sod  divinam  ipsius  naturam,  quatenus  videlicet  ea  in  nobis  habitet 
et  operetur,  et  quod  per  hanc  inhabitationem  nostra  coram  Deo 
peccata  tegantur.   p.  697. 

2  (SS  bat  mld)  febr  gefreut  ju  iefen,  ba&  aud)  ber  fei.  S-S-^efc  e8 
niebt  bat  über  fidj  gewinnen  lönnen,  bie  ©teile  SJcattb.  27,  46.  al8  eine 
Scfdiretbttng  Gfjriftt  bon  feinem  eigenen  unfeligen  3uftatibe  anjufcljeit, 
ionbcin  nur  als  ben  in  SBeaug  auf  ba8  folgenbe  angeführten  Slnfang  beS 
$faImS. 


(Srfter  Stöfdjnitt.  S3on  bem  Suftanbe  be§  Triften  :c.  119 

über  läfct  ftdj  bte  SJSroteftation  gegen  biefen  freilidj  fdjon  btel* 
faltig  angefahrenen  aber  bod)  immer  nod)  ftrdjiidj  geltenben 
$lu§bruff  nidjt  mirffamer  barftetten  al§  burdi  eine  Sßadj* 
meifung,  mie  er  mürbe  umgebeutet  merbeu  muffen,  menn  mir 
ibn  foütert  gelten  laffen.  Slnftatt  ibn  nämlid)  al§  ©inen  mie 
er  ficb  giebt  auf  betbeS  ben  tätigen  unb  ben  leibenben  ®e* 
tjorfam  gleidjmäfetö  %vl  besiegen  müfeten  mir  ifjn  oietmefjr 
tljeüen,  ba§>  fteüöertretenbe  nur  auf  ben  leibenben  ba§  genug* 
tfiuenbe  hingegen  nur  auf  ben  tätigen  ®eborfam  begiebenb. 
©enn  (£t)riftu§  l)at  ja  allerbingS  genug  für  un§  getban 
tnbem  er  bur<$  feine  ©efammttlj  at  tttctjt  nur  ber  seitliche  $In* 
fang  ber  ©rlöfung  fonbern  audj  bk  emig  unerfcrjöpflidjje  unb 
für  jebe  meitere  ßrntmifflung  t)inreid)enbe  Duette  eine§  geiftigen 
unb  feiigen  SebenS  gemorben  ift  2lber  biefe  ®enugtbuung  ift 
in  feinem  Sinne  ftettoertretenb ,  meber  fo  al§  ob  aucb  un§ 
felbft  fyätte  zugemutet  merben  fönnen  biefeS  geiftige  Seben 
au§  un§  felbft  tjerauS  anzufangen,  nod)  audj  fo  al§  ob  mir 
burd)  bk  Zfyat  (£t)rifti  bon  ber  9?otbmenbigfeit  entbunben 
mären  bte§  geiftige  Seben  in  ber  (SSemeinfcrjaft  mit  itjm  felbft* 
ttjätig  fortäufesen.  2)a§  Seiben  ©briftt  hingegen  ift  allerbing§ 
fteltbertretenb,  unb  jmar  in  23e§ug  auf  feine  beiben  SBe* 
ftanbtbeile.  £)enn  ba&  TOtgefübl  ber  Sünbe  f>atte  er  boll* 
ftänbig  audj  in  üöejug  auf  bk,  meldje  burd)  ba$  SöemuMein 
berfelben  nodj  nidjt  felbft  unfelig  maren.  2)ie  Uebel  aber, 
roeldje  er  litt,  maren  fteltbertretenb  in  jenem  allgemeinen  (Sinn, 
tmfe  berjenige  in  meinem  ba§>  93öfe  nict)t  ift,  au<$  nidjt  leiben 
fottte,  menn  er  alfo  bennod)  Uebel  embfinbet  an  ber  «Stelle 
£>erer  getroffen  mirb,  in  benen  ba$  SBöfe  ift.  $ber  biefe§  ftett* 
oertretenbe  ift  !eine§mege§  gemigtlmenb;  ba$  erfte  nid)t,  meil 
diejenigen,  bie  nod)  nictjt  unfelig  'finb,  e§  bod)  erft  merben 
muffen  um  bon  itjm  aufgenommen  merben  gu  lönnen;  ba§ 
anbere  nicbt,  meil  e§  anbereä  Seiben  berfelben  Slrt  nidjt  au§= 
idjliefct.  $ielmet)r  merben  OTe,  meiere  in!  bie  ®emeinfcbaft 
ieine§  Seben§  aufgenommen  merben,  aud)  auf  bie  ® entern* 
febaft  feiner  Seiben  bermiefen,1  bi§  erft  bei  gänälidjer  Ueber* 
töinbung  ber  Sünbe  in  bem  menfdjlidjen  ($5efammtleben  burdj 
Seiben  genug  getfjan  ift,  bi§  mann  aber  jebe§  Seiben  aud) 
eine§  nur  relatio  Unfdmlbigen  immer  einen  ftettbertretenben 
€fmra!ter  Jjat.  Sollen  mir  aber  biefe  beiben  £beüe  be§ 
bobenöriefterlicben  2lmte3  (£t)rtfti  in  ibver  Ungetr)eittljeit  be* 
trauten,  mittjin  fo,  mie  ba§  Seiben  auet)  unter  ba§  £r)un  mit 


1  Sftattt).  10,  24—28.  3ofj.  15,  18-21. 


120  $er  djriftlidje  ©laube.  3toeiter  Xfjell. 

einbegriffen  werben  fnnn :  fo  merben  toir  ben  5(u§bruff  um= 
febrenb (Stjriftum unfern  genugtbuenben©telloertreter 
nennen  tonnen  in  bem  ©tun,  ba%  er  eine§tbetl§  oermöge 
fetner  urbilblicben  SBiirbe  in  fetner  erlöfenben  £l)ättgfeit  bte 
S8ottenbung  ber  menfcblidjen  Statur  fo  barftettt,  bafj  oermöge 
unfereS  (5in§gett>orbenfein§  mit  if)m  ®ott  bie  ©efammtfjeit 
ber  ©laubigen  nur  in  iljm  fieljt  unb  mürbiget,  anberntljeilä 
inbem  fein  9#itgefüt)l  mit  ber  ©mibe,  meld)e§  ftarf  genug, 
mar,  um  bie  jur  2luf nannte  aller  9ftenfdjen  in  feine  ßeben^ 
gemeinfdmft  binreicbenbe  erlöfenbe  £f)ätigfeit  Ijeröorsubringen, 
beren  abfolute  Sraft  fict>  in  fetner  freien  Eingebung  in  \>en 
Xob  am  oottfommenften  barftettt,  immer  nod)  unferm  unoott= 
fommnen  Söetoufjtfein  ber  ©ünbe  §ur  (grgänsung  unb  $er- 
oottftänbigung  bient.  ©rabe  mie  audj  ba$  ergänsenbe  Dbfer 
be§  &oljenprtefter§  ftd)  öoräügtirf)  auf  biejenigen  Vergebungen 
besog,  meiere  rttcrjt  in§  SBemufjtfetn  aufgenommen  luorben 
maren,  fo  bafc  fein  üDcitgefüljl  al§  bie  Duette  jener  Jpanblung. 
angefeljen  bie  ©teile  biefeS  SBetoufctfeinS  bertrat,  unb  ba& 
Sßolf  ftdj  nun  fo  frei  füllte  oon  jeber  SBeforgnifc  göttlicher 
©träfe  für  bie  begangenen  ©ünben,  al§  ob  jeber  felbft  atte§ 
oottbrad)t  Ijätte,  mag  gefeälid^er  SBeife  au§  bem  Söeruufjtfein 
ber  ©ünbe  Ijätte  berborgeljen  fotten.  3?ur  bieg  eine  Wifc 
berftänbnifj  ift  nod)  biebei  ju  bereuten,  hak  man  niebt  nod) 
in  einem  anbern  ©inn  als  ber  Ijier  jum  ©runbe  liegt,  näm* 
lidj  bafj  bie  Eingebung  ©Ijrifti  mit  bem  SBeljarren  in  ber 
erlöfenben  £f)ätigfeit  etn§  unb  baffelbe  geinefen  fei,  biefe 
Eingebung  in  ben  £ob  glaubt  al§  einen  freien  GnttfdjluB  auf* 
ftetten  ju  muffen.  ®enn  alSbann  erfdjemt  ba3  Reiben  (£ljrifti, 
fofern  e§  al§  feine  £anblung  betrautet  toerben  mufj,  al§- 
mittfüljrlidj,  meil  er  ftdj  bann  grabeau  §um  Seiben  al§  folebent 
mü&te  beftimmt  Ijaben;  unb  ma§  al§>  göttliche  ^nftitution  be= 
trachtet  jene  miberftnnige  $ergeItung§not§menbigfett  märe,. 
baä  märe  al§  freie  23jat  (£briftt  eine  mittfüljrlid)e  ©elbft- 
Peinigung,  unb  iaä  SSorbilb  für  bie  mittfüljrlicben^afteiungen 
ber  römifcfjen  ^irct)e,  buret)  beren  Uebemabme  audj  ©iner 
tonne  ben  2lnbern  Oon  ber  ©träfe  löfen.  9?äd)ft  bem  aber 
märe  bann  nod)  SBorftdjt  ansutoenben,  unb  e§  läfet  ftdj  niebt 
abfeben  mie  eine  foldie  gu  teiften  märe,  bamit  nämlidj  nict)t 
ber  freünitttge  Xob  aud)  bon  ber  Slrt  mie  er  nur  undjriftlidj 
ift,  fegetne  burdj  ba$  SBeifoiel  (Ebrifti  gerechtfertigt  merben  ju 
löuneiT.  £)enn  motten  mir  bte  SSabrbeit  ber  menfdjlid)  fttt- 
Itcben  Statur  in  GHjrifto  aufreebt  balten:  fo  bürfen  mir  iljm 
aitcb  in  biefer  SBesiebung  feine  anberen  SOcajimen  sufdjreiben. 


ßrfter  Slbfdjnltt.  SBon  bem  3uftctnbe  be§  Triften  zc  121 

ol§  bte  mir  q!§  gültig  für  un§  5IHe  erfennen  muffen,  inbem 
fonft  bte  SBorbilbücrjfeit  feines  SebenS  unb  mit  berfelben 
äugleict)  aucb  bie  Urbilblicrjfeit  beffelben  gefätjrbet  mürbe, 
©ofern  alfo  überhaupt  (Selbfterbaltung  $füdjt  ift,  mufe  audj 
Pon  ©fjrifto  gelten,  ba%  menn  er  feinen  £ob  0orau§  fal),  unb 
e§  Mittel  gab  ifjm  obne  $flid)töerleäung  51t  entgegen,  er  biefe 
and)  bamalS  anmenben  mufjte,  roie  er  e§  früher  getban.1  S^ur 
Tief)  (Sngel  au  feinem  £)ienft  su  erbitten2  ober  irgenb  etmaä 
SßunberbareS  in  biefem  ®ampf  ju  £>ülfe  ju  nehmen  fonnte 
er  nid)t  Verpflichtet  [ein.  (£r  mufe  e§  alfo  al§  feine  SBerufS* 
Pflicht  aufgenommen  gehabt  Ijaben,  ofcneradjtet  feinet  SSorfjer- 
miffenS3  auf  biefem  geft  in  ber  beiligen  <5tabt  §u  erfreuten; 
unb  e§  gebort  unftreitig  mit  au  ber  Vermittlung  biefe§  großen 
28enbepunfte§,  ba%  (£fjriftu§  eben  fo  im  (Sifer  für  feinen 
SÖeruf  aud)  mit  SBejug  auf  ba§  öäterlicbe  ®efes  feinen  £ob 
fanb,  mie  feine  Gegner  —  roemgftenS  bie  Söefferen  unter  üjnen 
—  um  im  VerufSeifer  für  ba§>  ®efes  sunt  iobe  oerurtbeitten. 
SBollen  mir  inbefe  eben  biefe§  audj  nodj  au§  bem  ©efidjtS« 
punft  be§  göttlichen  SRattjfdJüiffeS  betrachten:  fo  merben  mir 
einräumen,  e3  geziemte  bem  SßoHenber  be§  ®lauben§,  eines? 
folgen  £obe§  ju  fterben,  melier  niebt  ein  bloßes?  ©reigntfj 
märe  fonbern  auQletct)  £l)at  im  rjöcfjften  (Sinne  be§  28orte§, 
bamit  er  audj  bierin  bie  ootle  £>errfc£jaft  be§  ©eifte§  über 
ba§  gletfdj  befunben  fonnte;  ma§  bei  einem  natürlichen  £obe, 
fei  e§  au§  sufatliger  Sfranfljeit  ober  au§  @cf)mäc^e  be§  9(lter§, 
immer  nur  sufällig  unb  ntdjt  in  bemfelben  ®rab  äur  Sin* 
fdjauung  fommen  tonnte.  2tudj  biefer  ®efat)r  aber,  ba%  ba§ 
freimütige  in  bem  £obe  Sefu  ntcrjt  auf  eine  öebenflidje 
SSeife  beftimmt  merbe,  mirb  am  beften  Oorgebeugt,  menn  mir 
bei  biefer  bisherigen  Q3eljanbtung§met|e  bleiben,  aber  audj 
rotrflid)  ®ebraucfj  baOon  machen.  ®enn  ba§  23erföljmmQ3s 
opfer  be§  £>obenpriefter£>  mar  audj  eine  freie,  aber  beruft 
mäßige  £>anblung  auf  ber  einen  Seite  bebingt  burd)  bie 
(Bünbt  be§  fßolt§,  auf  ber  anbern  einer  feftftebenben  göttlichen 
Orbnung  folgenb  obne  alle  eigne  Sßtttfü&ritdjfett. 

5.  (gnblicr)  bie  Vertretung  &r)riftt,  menn  man  ba$ 
SSort  in  ber  gemöljnltcben  Vebeutung  nimmt,  unbeftimmter 
für  bte  ©efdjäfte  eineä  Slnbern  führen,  beftimmter  unb  bem 


1  Suf.  4,  30.     Sofj.  8,  59. 

2  3Kattfj.  26,  53. 

3  Sftattfj.  16,  21.  unb  0.  0.  D.  fcßl.  Sofj.  4,  7— 9.  t>gt.  56. 


122  SDer  c&riftlufje  ©laufe.  3toelter  Sfjetl. 

borljerrfcbcnben  btblifdjen  3(u§bru!f  nä^er,  für  bie  Sßünfdje 
eine§3lnbern  bor  einen  ©ritten  bringen  unb  beren  ©eroa'brung 
bei  üjm  betreiben,  fdjeint  taum  auf  irgenb  eine  SBeife  bon 
bem  foniglicfoen  5lmt  (Hjrifti  getrennt  derben  ju  fönnen. 
©enn  rcie  foft  man  ba$,  raa§  (£l)riftu§  bon  feinem  Vater  au& 
mirfenb  gebaut  mirb,  bon  bemienigen  f Reiben,  ir>a§  er  felbft 
al§  ®önig  burcb  ©efe^e  unb  VermattungSorbnungen  l)erbor= 
bringt  unb  beftimmt?  <5oK  alfo  ber  9lu§bruff  eine  Sßaljrtjeit 
Ijaben  unb  sugtei<$  bie  ©arfteftung  nidjt  al§  ein  unbeftimmteS 
ä)Üttelglieb  bermirren:  fo  muffen  mir  iljn  auf  ber  einen 
<&z\tz  auf  ©egenftänbe  bekrönten,  meiere  gar  ntdit  ober 
roenigften§  nid)t  gan§  ju  bem  3teid>e  (Hjrifti  gehören,  auf  ber 
anbern  aber  müfjte  aud)  biefer  %i)ti\  feiner  SBirr'famfeit  t)ter 
fetjon  aud)  mäljrenb  feine§  Sebens?  eben  raie  bie  anbern  im 
®ang  gemefen  [ein,  fonft  märe  er  and)  ntdjt  ein  bottftänbiger 
&ot)epriefter  gemefen.  ®ie  neuteftamentiidjen  (Stellen,  auf 
melcbe  ftet)  ber  Slu§bru!f  bornefnnlid)  grünbet,1  geben  menig 
beftimmte  Einleitung,  inbem  nidjt  beutticr)  xft,  ba%  bei  allen  an 
ben  £)o^enbrtefter  gebaut  morben  ift,  fonbem  fte  efjer  fdieinen 
t)on  b  ergebenen  ©eftd)t§punften  au§3ugef)tt.  ©arum  tjaben 
mir  un§  lieber  an  ben  begriff  ber  Mepriefterlicrjen  Ver- 
ridjtung  m  galten,  unb  toorsüglidj  baZ  bor  ©ort  für 
un§  Orienten1  Ijie^  erlief)  em  Unb  foEC  nun  Ijiebei  jene 
©Reibung  beobachtet  merben:  fo  mirb  bie  Vertretung  bor- 
süglidj  in  smeierlei  befielen;  juerft  erjdjeint  (£&riftu§  für  un§ 
bor  bem  Vater,  um  unfere  ©emeinidmft  mit  biefem  anju^ 
fnüpfen,  bann  aber  aud)  um  unfer  Öbzbzt  beim  Vater  §u 
unterftüsen.  ©enn  ba$  Sfteidj  ©(jrtfti  erftrefft  ftdj  bodj  nur 
über  bieienigen,  meiere  fdmn  in  bk  Seben§gemein[tf)aft  mit 
ibm  aufgenommen  ftnb,  bk  aümctfjlige  ^insufügung  ber 
GHnsetnen  gu  biefem  Regiment  Ijängt  ab  bon  ber  göttlichen 
Seitung  in  Veaiefjmtg  auf  fte.  Sßie  nun  aber  überhaupt  biefe 
©emeinfdjaft  für  un§  bon  ßfjrifto  nadjgefudjt  unb  um  feinet 
mitten  bon  ©ort  bemilliget  mirb:  !fo  Im  ben  mir  nid)t  nur  in 
feinem  Ijoljepriefterüdjen  @>zbet  bie  benfmürbige  Sfmtfadje 
biefer  Vertretung,  fonbern  audj  in  allem,  ma§  er  bon  feinem 
(&zbtt  fagt,8  aud)  ba$  ma§  einanber  an  roiberfpred)en  fetjetnt 


1  9töm.  8,  34.  Jpebr.  7,  25.  lgoi2,  1.,  loobet  iebodj  3U  bemerken 
ift,  bah  beibe  SluSbrüffe  uTOpsvTUYxaveiv  unb  racpaxX^-co?  aud)  anber- 
toärtä  toom  &,.  (Seift  gebraucht  werben. 

2  &ebr.  9,  24. 

8  £of).  14,  16.     16,46.     17,9.     SuT.  22,  31. 


ßrfter  ä&fönittt  Sßon  bem  Suftanbe  be§  Stiften  tz.  123 

nicrjt  auSgeidjloffen,  unb  fo  aucl)  tt>a§  fonft  baoon  gefagt  mirb,1 
bie  Slnbeutung  baoon.  2Ba§  ba§  anbere  betrifft,  fo  gehört, 
tuenn  mir  audj  ganj  baüon  au§geljn,  bafe  luaS  nicrjt  sunt 
SfJetct)  ©otte§  gebort  aud)  nicrjt  ©egenftanb  unicrcS  ($5ebete§ 
fein  barf,2  boä)  audj)  einzelnes  im  getftigen  Gebiet  tljeÜS  ntd)t 
fo  ganj  ba§u,  ba£  e§  nidjt  audj  mit  ber  allgemeinen  SESelt* 
leitung  sufammenljinge,  tr)etl§  mirb  e§  nictjt  gans  burdj  bte  afl* 
gemeinen  SSorfctjriften  unb  Slnorbnungen  befttmmt,  roetcrje  mir 
eigentlich  oon  ber  f ömgltctjen  2öürbe  (S^rifti  ableiten.  Unb  inbem 
er  unl  fetbft  mit  unferm  Qbzbtt  an  ben  Vater  roetfet,  fo  liegt 
fdjon  barin,  bafj  e§  ein  Q&ebet  in  feinem  tarnen  fein  foß,  bie 
©emipeit  einer  baffelbe  Ijeiligenben  SQcitnnrfung  ©brijti  als 
Reinigung  unb  Verüoltftänbigung  unfere§  ©oite§öeroufetfem§. 
®iefe  SDcitmirfung  nun  ift  in  bem  Sinn  feine  Vertretung 
für  un§,  ba%  nur  burcrj  iljn  unfer  <&zbtt  moblgefätlig  unb 
imrffam  bor  ©ort  fommt.  @r  bleibt  alfo  öermöge  be§ 
in  feiner  eigentbümlicrjen  SSürbe  gegrünbeten  Veri)ältniffe§ 
§u  un§  ber  Vertreter  be§  ganzen  menfcbticiien  ®e* 
fdjlectjtg,  inbem  er  mie  ber  £o§epriefter  unfer  (&zbd  üor 
®ott  bringt  unb  bit  göttlichen  (Segnungen  un§  äufütjrt.  ©er 
(glaube  au  btn  Sbeil  biefe§  @eicrjäfte§,  melc|er  über  bie 
irbtfcrje  Saufbalm  (Sbrifti  biuau§  liegt,  bangt  bocrj  gar  nictjt 
ah  oon  einer  im§  oerfagten  ®unbe  über  bie  Vefdjaffenbeit 
feine§  nacrjljerigen  guftanbeS,  fonbern  nur  oon  bem  oben 
feftgeftettten  Ökfjalt  unb  SBertlj  feiner  Sßerfönüc&feit  in  Ve* 
Siebung  su  (Sott  unb  §u  un§. 

6.  2öie  nun  nactj  allem  obigen  (£briftu§  ber  ©ibfel  be§ 
$rieftertbume§  ift,  unb  über  alle  Vergieicrjung  aucb  mit  bem 
£>of)enpriefter  §mau§ :  fo  ift  er  auctj  sugleid)  ba$  @nbe  aüe3 
$rieftert(jum§.  S)enn  ma§  in  bem  begriff  beffelben  ba§ 
ttjefenttidje  ift,  mobon  aber  iebe§  frühere  $rieftertljum  nur 
eine  unboßfommene  ^Inbeutung  mar,  ba§  ift  in  ßbrifto  auf 
eine  SSeife  unb  fdjledjtljtit  gefegt,  inbem  er  ber  ootltommenfte 
Vermittler  ift  für  alle  Reiten  ähntdjen  (Sott  unb  jebem  einsel* 
neu  Strjetl  be§  menfdjiicrjen  (SeidiledjteS,  bereu  feiner  an  unb 
für  ftcf)  überhaupt  ein  (Segenftanb  für  (Sott  fein,  nocrj  in 
irgenb  eine  Verbinbung  mit  üjm  treten  tonnte.  3)arum  fann, 
nun  baZ  emige  erfannt  ift  unb  ba§>  mafjrbafte,  fein  ttutttu&rlidj 
gemachtes  blofs  abbilbenbeg  $rieftertbum,  mitbin  aud)  fein 
Opfer  meit  beflefjen,  fonbern  alle  men]c§licrjen  ^nftitutionen 


1  SuT.  6,  12.  unb  a.  a.  D.    ^»cbr.  b,  7. 
8  Stfatü).  6,  33. 


124  £er  cfcrtftltdje  ©Icm&e.  Stoetter  3^clL 

bieder  Strt  ftnb  aufgeboben.  $)a§  £obebrieftertbum  (£ljrifti 
aber  tft  augleidj  auf  bie  ©erneute  ber  ©laubigen  übergegangen, 
[o  bafj  bte  Triften  inSgefammt  ein  priefterlidje§  SSolf  ijetfeen.1 
£)arin  aber  liegt  offenbar  ameierlei.  (ginmal  bafj  unter  tönen 
felbft  aller  Unterfcijieb  ätuifdjen  ^rieftem  unb  Saien  auf* 
gehoben  tft;  rcie  beim  bie  21boftet  audj  ftd)  felbft  nirgenb 
etwa$  im  eigentlichen  Sinn  briefterlitf)e§  beilegen,  fo  bafj  bie 
^üffeljr  be§  $rieftertfmm§  in  bte  ^trctje  al§  eine§  ber  größten 
SDcifjberftänbniffe  angefeljen  werben  mufj.  3meiten§  aber, 
ba%  bie  gefammte  ©r)riftent)ett  al§  bie  mit  bem  (Srlöfer  fcrjon 
Dereinigte  äRenfdjljeit  fict)  ju  ber  übrigen  berljält,  roie  bie 
^riefter  ftcf)  §u  ben  Saien  bertjielten.  2)enn  nur  fofern 
roenigftenS  in  einem  SDjeil  be§  ©efdjledjtS  eine  nrirflicfje 
£eben§gemetnfcf)aft  mit  (£t)rifto  gefegt  ift,  finbet  auct)  eine  $8e* 
äie^nng  ©t)rtfti  auf  bie  übrigen  ftatt.  $n  biefem  ©innc  er* 
fd^etnt  alfo  al§  bon  (£Ijrifto  unsertrennlirf)  audj  bie  ©emeine 
bor  ©ott  für  ba$  gefammte  ©efcf)led)t,  unb  bertritt  e§;  mo* 
gegen  bon  irgenb  einer  befonberen  gürbitte  unb  Vertretung 
(Singelner  au§  ber  ©emeine  ber  Sßottenbeten  auf  f einerlei  SBeife 
bie  Webt  fein  fann.2  (Sben  fo  ift  alle  £f)ätigfeit  ber©efammt* 
Ijeit  für  ba$  (Sbangelium  bem  tptigeit  ©eijorfam  (£(jrtfti  an* 
gehörig,  mogegen  bon  einer  Verbienftlicbi eit  einzelner  guter 
SSerfe  ber  ©laubigen  nidjt§  IjterauS  folgt;  unb  baffelbe  gilt 
aud)  bon  allen  Seiben  um  be§  G£bangelium§  mitten  im  meiteften 
Sinne,  ba$  fte  §u  bem  berfötmenben  Seiben  (£ljrifti  gehören,3 
aber  nicrjtS  folgt  barau§  für  luiUfu^rttcrje  ^afteiungen  fo  wenig 
als>  e%  trjiUfütjrltc£)e§  in  bem  Seiben  (£(jrifti  gab.  (£ijriftu§ 
bleibt  alfo  ba§>  (£nbe  be§  $rieftertt)um§,  tueil  alles?  biefe§  nur 
^octjprtefterUcr)  ift,  fofern  e§  mirflid)  äucjletcrj  ©fjriftt  Zfyat 
unb  Seiben  ift.  SDiefe  legten  fo  ganj  natürlichen  Folgerungen 
füllten  mol  allein  Ijinretcfjen,  biefer  bon  faft  allen  neueren 
£ogm  atifern  feit  ©rnefti4  angefochtenen  SDarftettungSmeife 
tljre  (Stelle  in  unferent  Sefjrbegrtff  äu  erhalten. 


1  1  $etr.  2,  9. 

2  Credimus  quoniam  Jesus  Christus  datus  est  nobis  unicus  ad- 
vooatus  .  .  quicquid  homines  de  mortuorum  sanctorum  intercessione 
commeuti  sunt  nihil  aliud  esse  quam  fraudem  et  fallacias  satanae» 
ut  homines  a  recta  precandi  forma  ahduceret.  Conf.  Gallic.  XXIV. 
p.  119. 

3  2  Jtor.  1,5.     4,  10. 

4  ©.  beffen   Diss.  de  triplici  munere  Christi. 


grfter  Stöfänttt.  SSon  bem  3uftanbe  be§  ®&rtftei»  ic.  125 

§.  105.  dritter  £e$rfa&.  2)a3  fömglidje  Sfott 
Cfyrtfii  befielt  bartn,  bafc  aüe3,  tvaä  bie  ©ctneinf^aft  ber 
©laubigen  §u  intern  SBofytfein  erforbert,  immerroäfyrenb 
Don  tfytn  au§ge§t. 

1.  ^e  trielbeutiger  ber  5lu§bru!f  ®önig,  rote  er  e§  iejt  ift 
audj)  bamal§  mar,  unb  ie  größer  ber  Untertrieb  jmifdjen  bem 
flrengen  amtlichen  unb  bem  Ijöflidjen  freigebigen  ©ebraud) 
beffelben,  befto  roentger  tonnen  mir  unjere  ©arftettung  auf 
bie  ejegetijdje  ©ntfdjeibung  barüber  grünben,  in  meinem 
(Sinne  (£brtftu§  gefragt  mürbe,  ob  er  ein  ®önig  fei,1  unb 
ob  er  in  bemfelben  ober  einem  anbern  geantmortet  t)abe. 
23ielmebr  Ijaben  mir  un§  an  bie  nodj  ntdjt  untergegangene 
Erinnerung  baöon  ju  balten,  mie  ber  begriff  ®önig  im 
©cgenfas  ftanb  su  bem  £tirannen  auf  ber  einen  (Seite,  beffen 
iperrfc&aft  eben  fo  unumfdjränft  mar  aber  rticr)t  natürlich), 
unb  su  ber  Dbrigfeit  im  ©emeinmefeu  auf  ber  anbern  (Seite, 
bie  nur  eine  in  beftimmten  ©renken  übertragene  SDfac&t  befaft, 
roeldje  Uebertragung  bon  ben  ^regierten  felbft  ausging.  2)te 
Stjrannei  auf  ber  anbern  (Seite  fdjlofc  immer  bie  SQWglidjfeit 
ja  mol  bie  £Borau§feäung  in  ftd),  bafj  bit  rDiUfürjrlictj  an  ft<$ 
geriffene  (bemalt  aud)  eigennüjig  fei,  unb  etma§  anbere»  be* 
gm  elften  fönnte  at§  bie  freie  (Sntroifflung  unb  ba$  natura 
gemäße  SSoljlergeljn  ber  93ef)errfd)ten.  Reiben  gegenüber  ift 
bie  £errfd»aft  (£ljrifti  fo  unumfdjränft,  mie  fte  überall  bem 
befeelenben  fjßrtncip  jufommt,  menn  baffelbe  nid)t  entmeber 
äuf3erlidj  gehemmt  ober  innertidj  gefdjmädjt  ift;  unb  fo  in 
bem  gntereffe  ber  23efjerrfd)ten,  al§  ftdj  oon  felbft  oerftebt, 
ba  e§  nur  bit  £>errfdjaft  beS  Elemente^  ift,  beffen  (Sdjmädje 
in  ifjnen  felbft  bh  SOxenfdjen  bebauern,  unb  ba  ftdj  $eber  nur 
freimiüig  unter  feine  £>errfdjaft  begiebt.  ©emeinfam  aber  ift 
ber  fönigtid^en  bemalt  mit  jenen  anbern  beiben,  bofj  nid)t 
ein  ©inäelner  al§  folct)er  üjr  ©egenftanb  jein  fann,  fonbern 
nur  ein  ©emeinroefen,  unb  ber  (Sinjelne  nur  fofern  er  biefem 
angehört.  ©eben  fid)  alfo  bie  ßinaelnen  nun  freimillig  unter 
bie  föerrjdjaft  ©brifti:  fo  treten  fie  bamit  augletdj'  in  ein 
©emeinmefen,  bem  fte  oorber  ntctjt  angebörten.  (So  ba% 
fdjon,  inbem  mir  ßljrifto  eine  foniglidje  SSürbe  beilegen,  mir 
un§  beftimmt  gegen  bie  Söefjauphmg  erflären,  (£tjriftu§  f)^e 
feine  organifdje  ©emeinfdjaft  beabfic^tigt,  fonbern  bie[er  Sßer* 


^.18,33.     gWatt^.  27, 11. 


126  ©er  djriftlttye  ©laube.  gtoeitcr  £f)eü. 

ein  ber  ©laubigen  fei  ft>äterl)in  o^ne  feine  Stnorbnung  ent* 
ftanben  ober  gebtlbet  Sorben.  2)a  aber  sugleicb  niemanb  in 
biefe§  ©emeinroefen  eintritt,  al§  nur  inbem  er  fttf)  unter  bie 
^>errfcr)aft  (Sljrifti  begiebt:  fo  folgt  audj,  bofe  (£brifiu§  felbft 
bietet  $eid)  erft  beginnt,  mitbin  9?iemanbe§  9?acbfolger  ift  in 
feiner  föniglicben  Stürbe.  —  ©fjriftuS  aber  ftellt  felbft  nocfj 
einen  anbern  ©egenfaj  auf,  inbem  er  fein  9fteid)  al§  nictjt  bon 
biefer  SBelt  beseicfmet,  rooburtf)  er  e§  sugteidj  nocf»  auf  anbere 
SSeife  bon  jenen  beiben  Unterleiber,  ^n  biefer  Verneinung 
liegt  äunädöft  biefe§,  ba%  feine  föniglicbe  93£acbt  nicrjt  un* 
mittelbar  über  bie  £)inge  biefer  SBelt  fehltet  unb  fie  orbnet, 
roonacb  alfo  nur  baZ  innere  ber  9ftenfd)en  iebe§  für  ftcb  unb 
in  itjrer  SBeaietjitng  51t  einauber  al§  beren  unmittelbares 
(bebtet  übrig  bleibt,  gerner  auet)  biefeS,  ba%  er  ftdj  sur 
Ausübung  feiner  £errfcbaft  feiner  Mittel  bebient,  meiere  bon 
ben  fingen  biefer  SSelt  abhängen,  ba$  fyeikt  fcineS  SroangeS, 
roo§u  ein  Uebermafc  bon  materiellen  Gräften  gebort,  nocf) 
aueb  irgenbroelcber  Öoffungen  ober  ©rofntngen,  roelcbe  cbm 
foleber  Unterftüsung  bebürfen,  unb  nur  auf  bie  Sinnlicbfeit 
roirfen,  bie  ebenfalls  biefer  Söelt  angebört.  ®eineSroege§  aber 
foll  bamit  gefagt  fein,  ba%  bie  föniglicbe  SJcacrjt  (Sljriftt  erft 
nad)  feiner  (£rbebung  über  bie  (Srbe  beginne  ober  bieUetcrjt 
gar  ftcb  nur  über  jenes  Seben  erftreffe;  fonbern  roie  er  felbft 
fagt,  nid)t,  bafj  er  roerbe  ein  ®önig  roerben,  fonbern  bafc  er 
eS  fei:  fo  bat  er  itet)  rttctjt  nur  fetjort  roäbrenb  feineS  l?eben§ 
auf  (Srben  al§  ®ontg  beroiefen,  inbem  er  ®efe5e  für  fein  %t- 
meinroeien  gegeben,  feine  Wiener  jur  (Srroetterung  beffelben 
auSgefenbet,  SSerbaltungSregeln  aufgeteilt  unb  ?lnroeiütngen  er- 
ttjetlt  r)at  über  bie  §lrt,  rote  fein  gebietenber  SEÖtUe  fotte  aus- 
geführt roerben,1  fonbern  feine  föntgltcbe  SD^act)t  ift  unb  bleibt 
überall  unb  §u  allen  Seiten  biefelbe.  ®enn  jene  ©efeje  unb  %xk- 
roeiiungen  oeralten  niebt,  fonbern  bleiben  geltenb  in  un* 
gefdjroädjter  ®raft  in  ber  Strebe  (Etjriftt ;  unb  roenn  er  feine 
jünger  roegen  ber  gutaft  auf  feine  geiftige  ©cgenroart  Oer» 
roeifet:  fo  unterfetjetbet  aueb  baSnicbtüerkbiebene  Seiten.  %t\\\\ 
aueb  fein'  urfprünglicbeS  Söirfen  mar  rein  geifttg;  unb  nur 
eben  jo  burd)  feine  leiblicbe  ©rfebeinung  oermittelt ,  rote  audj 
jtest  noeb  feine  geiftige  ©egenroart  Vermittelt  ift  bttreb  ba$ 
gcicfjriebene  SBort  nnb  ba§>  barin  nicbergelegte  93ilb  fetneS 
SßcfenS  unb  2Sirfeit§,  beSbalb  aber  fein  leitenber  (iinflufj 
auef)  jeät  niebt  etroa  ein  nur  mittelbarer  unb  abgeleiteter  ift. 


1  SHattfj.  10,  5—14.  18,  15—20.     28,  19.  20. 


Grfter  Stöfdjnltt.  Son  bem  3uftanbe  befc  ©jrlften  jc.  127 

@o  bafj  mir  mit  SBeaug  auf  ba$  Vorige  fagen  fönnen,  tüte  ftdj 
feine  Vertretung  behält  §u  unferm  (gehet  in  feinem  tarnen, 
fo  feine  Regierung  311  unferm  £anbeln  in  feinem  tarnen. 
3?a  e§  ift  au$  offenbar,  inbem  er  fidj  au  ber  ©efammtöeit 
ber  Gläubigen  t»err)ält  grabe  tute  Me  göttlidje  9?atur  in  tfjm 
jur  ntenfdjltcfcen  als  befeelenb  unb  in  bie  (Semeinfdjaft  be§ 
urfarünglidjen  Seben§  aufnefjmenb,  ift  aucb,  feine  föerrfdjaft 
im  ftrengften  (Sinn  eine  Sltteinfjerrfdjaft,  inbem  fein  Ruberer 
fte  su  tfjeiten  im  ©tanbe  ift  ©aber  fo  ttrie  (£fjrtftu§  9?ie* 
manbeS  Üftadjfolger  ift  in  bem  bon  üjm  regierten  (Gemein* 
toefen,  fonbern  er  e§  gang  geftiftet  fjat:  fo  r)at  er  aud)  barin 
feinen  9?ad)f olger  unb  feinen  (Stettbertreter.  2)enn  toie  er> 
feine  ©errfdjaft  ausübt  mittelft  ber  bon  iljm  felbft  fjerrütjren* 
ben  Drbnuugen,1  unb  er  biefe  felbft  für  Ijinreidjenb  erftärt 
fyat,2  fo  fommt  e§  nur  auf  bie  richtige  5lntoenbung  berfelben 
an ;  unb  biefe  ift  ber  gemeinfame  Söeruf  ber  bon  ©brtfto  9fte- 
gierten  al§  foldjer.  könnten  fte  aber  audj  biefen  33eruf 
jemals  einem  (Sinjelnen  ober  SÖkfjreren  übertragen,  tuiemol 
fte  biefeS  nictjt  tonnten  ofjne  üjr  lebenbige§  SSerijälrnifc  gu 
(£§rifto  aufsugeben:  fo  märe  ein  fofcfyer  bod)  nur  itjr  (Stell* 
bertreter  unb  nidjt  ein  ©teftbertreter  (£tjrifti.3  (So  bafj  e§ 
überall  unter  ©täubigen  feine  &err[djaft  giebt  al§  nur  bie 
feinige  allein. 

2.  3)a§  fd)ttrierige  in  SSeatefjung  auf  biefen  ST&eit  be§  ($5e* 
fdjäfteS  (Prifti  heftest  boraejjmtid)  barin  bie  fömglidje  Wlafyt 
(£f)rifti  richtig  §u  befttmmen  mit  Veaug  auf  bie  allgemeine 
göttltdje  Regierung,  unb  biefe  (Scrjttrierigfeit  fann  man  ntc^t 
überfein  fobatb  man  ben  ©egenftanb  nur  ettoa§  genauer 
tt)eorettf(^  betrachtet;  bann  aber  aud)  fte  richtig  aubefttmmen 
mit  SSeaug  auf  ba§  rueltücrje  Regiment,  unb  biefe  (Sdjmierig* 
feit  ergiebt  fidj  gleidj  bei  ber  t>raftifd)en  SBefianbtung  ber 
(Sadje.  —  £)ie  gemöfjnlidje  ©intbeilung  be§  fReic^eg  (£brifti 
in  ba§  Weift  ber  9Jlati)t,  baä  IRetct)  ber  ©nabe  unb  ba§ 
$lei$  ber  £errüdjfeit  leiftet  fjieau  toenig.  SSir  muffen  fte 
un§  aubörberft  fo  auftöfen,  bai  unter  ben  leaten  beiben  ber 
eigentliche  ($5egenftanb  ber  fönigUd)en  Söirffamfeit  ©rjrifti 
aufammengefafjt  ift,  nämlid)  bie  ber  (Srlöfung  tfjeübaftig  ge* 


1  ©rfj.  4, 11—16. 

1  SNattf.  21,  20.     ^oß.  15,  9. 10.  17,  4. 

8  Expos,  simpl.  XVII.  p.  50.  Ecclesia  non  potest  ullum  aliud 
habere  caput  quam  Christum  —  Nam  ut  ecclesia  corpus  est  spiri- 
tuale,  ita  caput  habeat  sibi  congruens  spirituale  utique  oportet. 


128  S)erdjrifM$e©laube.  gtoetter  Sfjeil. 

morbcne  SSelt,  unter  bem  fReict)  ber  Wlad)t  aber  rotrb  bie 
SBelt  überhaupt  unb  an  fictj  berftanben.  3;nbem  man  alfo 
ein  folctje§  behauptet,  entfielt  gar  leicht  bte  übergreifenbe 
Meinung,  al§  ob  (£t)rifto  ein  Sfteid)  ber  ÜÜcarfjt  sutame  gleich 
fam  bor  bem  D^eict)  ber  ©nabe  unb  unabhängig  bon  bem* 
felben.  ©in  fold)e§  nun  fönnte  menigftenS  unmöglich  gu 
feiner  erlöfenben  Xljätigfeit  gehören;  unb  roenn  bie  $lpoftel 
bergleictjen  gemußt  hätten  bon  bem  SSort,1  fo  märe  bkä 
menigften§  ein  SSiffen,  roeldjeS  meit  oljne  SSerbinbung  mit  ber 
©rlöfung  au$  nictjt  gur  c^rtftlicr)en  grömmigf eit  gehören 
fönnte.  (glaubt  man  aber  5lu§brütfe,  meiere  fie  bon  (£brtfto 
al§  bem  fleifrf)geroorbenen  SBort,  bem  ©ottmenfd)  unb  ©rlöfer 
gebrauten,2  ober  meiere  (£bnftu§  felbft  bon  fiel)  gebraust,8 
fo  auflegen  su  muffen,  al§  ob  if)m  baburd)  bie  ganje  SBelt^ 
regierung  beigelegt  mürbe:  fo  gerät!)  man  in  SSiberfprud) 
Tticrjt  nur  mit  allen  ben  «Stellen,  roo  er  felbft  bem  SSater  bitten 
borträgt,  unb  auf  ba%  bermeifet,  roa§  ber  SSater  ftcb  Oor- 
behalten  Ijat,  fonbern  aucrj  mit  allen,  roelctje  bie  2lbfid)t  au§= 
fpreetjen  ein  unmittelbare^  Sßerrjältnifj  autf)  ber  Söitte  unb 
©emäbrung  snriferjen  ben  ©laubigen  unb  bem  SSater  ju  ftiften. 
Sltterbing§  finbet  fiel)  eingeht  aud)  innerhalb  ber  ebangeiifcfjen 
®irctje  eine  £ef)rroetfe,  ja  Ijie  unb  ba  aud)  gemeinfam  eine 
Sßeife  be§  ©otte§bienfte§  —  inbem  nämlich  alle  Gbtbdt  nur 
an  (jljriftum  gerichtet  roerben  —  meiere  nur  ein  Sßertjältnifc 
ber  (gläubigen  §u  (£brifto  mit  2lu§ftf)tuf3  be§  SSaterS  übrig 
läfjt.  allein  mir  muffen  bie§  mit  ber  (Schrift  unb  bei  roettem 
übermiegenb  aucrj  mit  ber  SHrctje  für  eine  bebenflictje  21b- 
roeietjung  erflären.  ©oll  aber  bieie  flippe  bermieben  tuerben, 
fo  fönnen  roir  unter  ber  9Jcad)t  (£t)rifti  nur  biejenige  ber- 
fielen,  meiere  mit  bem  ütoeb  ber  ©nabe  anfängt,  unb  in  bem* 
felben  mefentlidj  befcfjloffcn  ift.  Unb  biefe  ift  nur  eine  9ftadjt 
über  bie  Söelt,  infofern  al§  bie  ©laubigen  freiließ  au§  ber 
Stritte  ber  28elt  genommen  werben,  unb  bie  ©emeinferjaft  ber 
©laubigen  ober  ba§>  Sftetd)  ßtjrifti  nur  annehmen  fann,  inbem 
bie  SSelt  al§  ©egenfas  gegen  bie  ^iretje  abnimmt,  unb  ifjre 
93eftanbtt)eile  fid)  atlmäljlig  in  SÖeftanbtljeile  ber  ^iretje  ber* 
roanbeln,  fo  bafj  ba$  Sööfe  übernmnben  unb  ba$  (3tbkt  ber 
©rlöjung  ermeitert  mirb.  5lber  aud)  biefeS  ift  eine  9Jla$t 
(£l)rifti  über  bie  SBelt  nur  bon  bem  fKeictj  ber  ©nabe  au§, 
i>a$    Reifet    bermöge    ber    SBirffamfeit    be3   in   ber  Stirrfje 


1  3of).  1,2.3.  SeBr.  1,2.3. 

8  ^attf).  11,27.    28,  18.  bergl.  30^.  17,  5.22.24. 


©rfter  Stöfäniti.  SSoit  bem  3uft<mbe  be§  Triften  k.  129 

beftänbig  gültigen  bon  Gnjrtfto  gegebenen  ©ebote§  ber  23er* 
fünbigung;  wogegen,  melier  £&etf  ber  SBett  t»or  bem  anbern 
unb  melcljer  (£inselne  bor  bem  anbern  reif  mirb  für  bie 
gntd&tbarfett  biefer  SSerfünbigung,  ba§  gehört  §u  bem  9^etct)e 
ber  ffllafyt,  meiere  ber  Vater  fiel)  borbebalten  Ijat.1  (Sonacf) 
bleiben  e§  immer  nur  bit  ber  ®ircf)e  einge^fTansten  Gräfte 
ber  ©rlöfung,  über  meiere  ©fjriftuS  gebietet;  unb  e§  mürbe 
ein  ätemltd)  unfruchtbarer  unb  ntdjt  einmal  richtig  bezeichneter 
Unterfctjieb  fein,  menn  mir  fein  Sfteicb  moltten  ein  fReicr)  ber 
©nabe  nennen,  fofern  btefe  Gräfte  fid)  rein  innerlich  §ur 
Heiligung  unb  (Srbauung  mirffam  bemiefen,  ein  IRetd^  ber 
■t&fadjt  aber  fofern  fte  §ur  Ueberminbung  ber  SBelt  berroenbet 
merben,  inbem  bie[e§  beibe§  bon  einanber  gar  nidjt  §u  trennen 
ift.  ©er  Unterfctjieb  ghnfdjen  bem  freier)  ber  ©nabe  unb  bem 
ber  Jperrtic&feit  aber  pflegt  fo  berftanben  su  merben,  ba§ 
biefe§  auf  jene§  folgt,  menn  erft  alle  Untertanen  (£tjriftt  in 
ben  botten  SBefts  aller  itmen  ermorbener  ©üter  gefegt  ftnb, 
unb  in  feiner  Verüljrung  metjr  fielen  mit  ber  SSelt,  eine 
$orau§feaung,  melcbe  unten  näljer  mirb  %u  ermägen  [ein. 
£ier  ift  nur  in  SBejug  auf  bie  fönigttcr)e  SBürbe  (£brifti  §u 
bemerfen,  ba%  menn  man  ftcf)  ftreng  an  bie  SßorauSfejung 
5 alt,  feine  anbere  Stbättgfeit  in  biefem  !Hetc^  mebr  ftattfhtben 
fann  al§  eine  barfteüenbe,  mobei  bann  bie  Ausübung  einer 
allgemeinen  ßeirung  ftei)  auf  ein  ®teinfte§  jurüffäte^t.  (Sonacrj 
fann  man  ba$  ^mar  al§  eine  iperriidjfeit  (£ljrifti  anfeilen, 
menn  er  mit  ber  ©efammtfjeit  ber  ©laubigen,  meit  fte  Doli* 
enbet  ift  unb  abgesoffen,  audj  im  2Ritgefütjt  nidjt§  meljr  ju 
leiben  l}at;  aber  nl§  ein  SRetd)  läfct  ftdj  grabe  biefer  Buftanb 
am  menigften  barfteüen.  (5§  bleibt  baljer  nur  ba$  Sine  Üteicf) 
ber  ©nabe  übrig  al§  matjreS  Sfteictj  (£brifti,  metd)e§  nun  audj 
ba§  einige  ift,  mobon  ba§>  VemuMein  in  unfern  frommen 
©emütlj§äuftcmben  mirftidj  borfommt,  unb  mobon  mir  aucr)  allein, 
mett  unfer  mirffamer  ©taube  barauf  gerichtet  fein  mufj,  einer 
leitenben  (Srfenntnifj  bebürfen.  2)ie  betben  anbern  ©lieber 
ber  gemötjnlicben  Sinti) eilung  tonnen  mir  nur  gebrauten  um 
ben  Umfang  eben  bief e§  9?eicie§  §u  beseiten,  ^nbem  mir  e§ 
ein  fHeict)  ber  Sftadjt  nennen,  jagen  mir  au§,  ba%  nietjt  nur 
bie  Verbreitung  ber  SSirffamfeit  GHjrifti  auf  ba§  99?enfd>en* 
gefdjledjt  in  feine  ©renken  eingefd)Ioffen  ift,  unb  bafj  fein 
Volf  bermng  berfelben  einen  beftänbig  abmebrenben  SBiber* 
ftanb  su  leiften,  fonbern  ba%  e§  audj  feine  ©rufe  ber  Sftein* 


*  sr*>.  m®.  1,7.    3°§-6,44. 
6$r.,<5$rifH.®l.ii. 


130  2)er  tf)riftltd)e  ©laute.  Streiter  SJjeit. 

ficit  unb  SSolIfommenljeit  giebt,  meiere  ntdjt  in  bn§  9?eidj 
®&rifti  gehört,  ^nbem  e§  aber  ein  Üieicf)  ber  £>errlicrjfeit 
genannt  nrirb,  bef  ernten  mir  barin,  natürlich  im  «Sufammen* 
bang  mit  jener  and)  nnr  burcrj  Annäfjerung  gegebenen  Jjödjften 
Steinzeit  unb  SSottfommen^eit,  eine  unbegrenzte  5lnnät)erung 
an  bie  abfohlte  (Seligkeit,  meiere  bei  (£ljrifto  allein  su  finben 
tft.  —  2Ba§  nun  bit  llnterfctjeibung  ber  föntglic&en  ($5emalt 
(£ljrifti  oon  bem  bürgerlichen  Regiment  betrifft:  fo  fetjeint 
nad)  bem  bisherigen  nid)t§  leictjter  a(§  beibe  im  begriff  genau 
öon  einanber  ju  fdjeiben.  2)enn  ba§  bürgerliche  Regiment 
ift  unftreitig  eine  Slnftalt  jur  allgemeinen  göttlichen  2Selt= 
I  regierung  gehörig1  unb  al§  foterje  bemnacb  bem  Steic&e  (Sljriftt 
I  fremb  aud)  nad)  feinem  eignen  2tu§fprucri.  5Iuf  ber  anbern 
(Seite  ift  ba§  bürgerliche  Regiment  ein  gefeslid)e§,  unb  aud) 
überall  h\x  finben  mo  feine  dirtftltctje  grömmigfeit  ift;  mithin 
I  fann  e§  al§  au§  bem  ®efammtleben  ber  ©unbljafttQfeit 
I  ftammenb  unb  biefe§  überall  öorauSfesenb  —  weil  e§  nämltcrj 
bei  ber  ©anetion  feiner  ^efege  auf  bie  ®raft  ftnnlidjer 
Sftotioe  rechnet  —  al§  foXct)e§  aud)  nierjt  ba§>  fleinfte  in  bem 
Sfteid)  (£f)rifti  anorbnen.  £iernad)  freuten  betbe  gän^lid) 
auSeinanber  gehalten  gu  fein,  fo  bafj  (£ljrifti  OTeiidjerrfcbaft 
in  feinem  IRetcr)  ungefä^rbet  bleibt,  wenn  bie  ©einigen  ftcr> 
ber  meltlidjen  SDinge  nierjt  anber§  al3  nactj  ben  Slnorbnungen 
be§  roeltlicrjen  $ftegimente§  bebienen,  unb  atte§  roa§  irjnen 
öon  biefem  fommt  anfeben  al§  öon  ber  göttlichen  Söett^ 
regierung  fommenb.2  Mein  mie  fet)r  ftd)  bie  ©acbe  änbert, 
I  fobalbroir  un§  benfenba§roeltltd)e  Regiment  öon(£brtften  über 
I  Triften  geführt,  ba§  liegt  gefc^id)ttic^äu^age,inbem  auf  ber  einen 
'  (Seite  bie  ®irdje  geftrebt  Jjat  im  tarnen  ©fjrtfti  ftcrj  bt% 
tüeltlictjen  9tegimente§  su  bemächtigen,  auf  ber  anbern  (Seite 
bie  djriftlicrje  Dbrigfeit  al§  folcrje  ftdj  ba&  Sftecbt  sugefcrjrieben 
f)at  bie  Angelegenheiten  ber  gemeine  ber  (gläubigen  §u  orbnen. 
3)amit  mir  nun  nidjt§  t)ier)er  bringen,  nm§  ber  ct)riftftctjen 
(Sittenlehre  angehört,  au§  roeteber  aud:  bie  tbeologifeben 
^Srinciöien  be§  ®ird)enred)te§  rjerfliefeert  muffen,  merben  mir 
t)ier  nur  bie  grage  aufzuteilen  baben,  ob  ba§  Speiet)  (£ljrifti 
ftctj  in  feinem  Umfang  burd)   biefe§  neu  eintretenbe  ©adj* 


1  mm.  13,1.2. 

3  Aug.  Conf.  XVI.  Quia  Evangelium  tradit  iustitiam  aeternam 
cordis,  interim  non  dissipat  politiam  aut  oeconomiam,  sed  maxime 
postulat  conservare  tanquam  ordinationes  Dei  et  in  talibus  ordina- 
tionibus   exercere  caritatem. 


(Srfier  SCbfdjttitt.  SSon  bem  gujtanbe  be§  efjrtften  :c.  131 

berbättnifj  änbere.  9?un  ift  aßerbing§  MefeS  ridjtig,  bafj 
(£Jjriftu§  bie  (Gemeine  ber  ©laubigen  gans  be^err[^en,  mithin 
aud)  iebe§  ©lieb  berfelben  ftdj  gan§  unb  in  allen  feilen 
feine§  SebenS  al§  einen  bon  (S&rtfto  Regierten  bereifen  foKc. 
9Wein  ba  biefeB  nur  auf  bem  innern  Seben§aufammenljang 
audj  jebe§  einzelnen  mit  ©fjrifto  beruht,  unb  e§  leinen  ©teil« 
bertreter  geben  fann  ber  ba§  föniglid^e  9tmt  GTljrifti  im  tarnen 
bewerben  ausübe:  fo  $etfct  bieS  nur,  ba%  Seber  gteicf)biel  ob 
Dbrigfeit  ober  Untertan  in  ben  Slnmeifungen  (£fjrifti  audj, 
nidjt  freiließ  bk  richtigen  5lnmeifungen  pu  feinem  S5er^» alten 
im  bürgerlichen  Regiment  iubem  bie§  eine  @a$e  ber  ®unft 
hkibt,  tool  aber  bte  richtige  ©eftnnung  aud)  in  biefer  £in= 
ftcE)t  au  fud)en  ^flt.  Sluf  ber  anbern  &eitz  hkibt  aucfj  biefe§ 
maljr,  bafj  ieber  auf  bte  ©erneute  ber  ©laubigen  nur  in  bem 
ffllaai  einen  ©influfj  üben  fann,  al§  er  ein  boraügliclieS 
Drgan  ber  !öniglic§en  Sftac&t  ©Ijrifti  ift,1  inbem  fonft  bie 
OTeüu)errfcf)aft  (£&rifti  gefäfjrbet  märe,  unb  ba%  biefe§  mit 
feinem  äußeren  SSeruf  sufammen^ängt,2  fonbern  fo  mie  einer 
ber  al§  ein  ®nedjt  berufen  ift  beSfmlb  m$t  audj  ein  Sfriec&t 
ift  in  ber  ©emeine,  jonbern  ein  gretgelaffener  be§  £erm, 
fo  audj  ber  als  ein  £err  berufene  be^fjalb  fein  £>err  mirb 
in  ber  ©emeine  fonbern  nur  ein  Sfttedjt  S^rifti  tote  alle 
anberen.8  <So  bafj  ber  bürgerliche  ©egenfaa  amifd)en  Obrig*  I 
feit  unb  Untertan  in  ber  ©emeine  böllig  inbifferent  ift  in  i 
SBegug  auf  ba§  berjd)iebene  SSerljältnifj  jur  föniglidjen  SDcad^t 
©&riftt 

3.  £aben  mir  auf  biefe  5lrr  bk  föiricjltcfje  S0cad)t  (Sljrifti 
auf  ber  einen  (Seite  gefonbert  bon  ber  -Mla^t,  meiere  ber 
Sßater  fic§  borbeljalten  Ijat,  auf  ber  anbern  (&tite  fie  aufjer 
allem  Mittel  unb  ©elegen^eit  ber  bürgerlichen  ©emalt  ge* 
ftettt;  unb  ift  Iestere§  unftreitig  bie  Slrt,  mie  nad)  £utljer§> 
2tu§bruff  bk  beiben  ©ererbter  foEen  au§einanber  gehalten; 
merben:  fo  merben  mir  audj  bon  biefem  5^§etl  be§  ©efd)ctfte§ 
ßljrifti  mie  bon  ben  borigen  fagen  fönnen,  er  ift  ber  ©ipfel 
unb  ba§  (Snbe  atte§  geiftigen  ®önigt§um§;  unb  bie§  mirb 
gelten  fomol  an  unb  für  fiel)  al§  aud)  mit  Söeaug  auf  biefe 


1  Dies  Hegt  aud)  $xm  ©runbe  bei  ber  iftegel  be§  $etru§  Wp.  ®efd).  1, 21. 
imb  bei  bem  SSertjalten  ber  ©emeine,  meldjeS  ©al.  2,  7—9   ersäht   totrb. 

*  Expos,  simpl.  XXX.  p.  91.  Si  magistratus  sit  amicus  adeoque 
membrum  ecclesiae,  utilissimum  excellentissimumque  membrum  est, 
quod  ei  permultum  prodesse  eam'que  peroptime  iuvaie   potest. 

9  iStoi.  7,  22. 


132  $er  c&riftltdje  ©laube.  3tt>e:ter3:$eU. 

Trennung.  2ln  unb  für  ftdj  l)aben  mir  feine  £>errf$aft  ju 
bergleidjett  mit  ieber  anbern  rein  geifttgen  Stfcad^t,  unb  muffen 
alle  $erf)ältniffe  Don  ÜDcctfter  unb  ©djüler,  $orbilb  unb 
dlad)al)\mx,  ®efesgeber  unb  ?lmteljmer,  als  auf  einer  ungleidj 
geringeren  ©rufe  ftetienb  unb  nur  eütäelne  Steile  beS  geifttgen 
£ebenS  in  Slnfprudj  net)menb,  biefem  meit  unterorbnen. 
S)affeI5c  ift  au<$  ber  gatt  mit  anbern  ReligionSfiiftern,  meiere 
meber  eben  fo  eine  ©efinmmg  im  ®egenfa§  mit  ber  bis* 
berigen  £>anblungSmeife  hervorrufen,  melier  fie  ftdj  bielmeljr 
auf  mannigfaltige  SSeife  fügen,  nod)  aud)  fo  roie  ©fjrtftuS 
baS  gange  menfc§lid)e  (55efct)iect)t  unter  üjre  £>errfdj)aft  rufen. 
(Sben  fo  aber  ift  er  aud)  bog  ßnbe  folgen  ®önigtl)umS,  inbem 
eben  fo  menig  ein  äl)nlid)e§  D^eid^  nadj)  bem  feinigen  bebor- 
fte^t,1  als  ein  äljnlicfjeS  neben  bemjelben  befteljt  ober  beftanben 
bat.  SBeibeS  aber,  ®infel  unb  ßmbe,  ift  er  nur  in  fofern 
jene  Trennung  befteljt.  S)enn  eS  gebort  mit  gu  ber  fReintjett 
alfo  aucf)  SBoHfommenfjeit  feiner  geiftigen  SCRadjt,  bafj  auf 
feine  SSeife  finnli<$e  SCRottbe  babei  mittoirfen  bürfen.  $)arum 
ift  baS  (£t)riftentljum  roeber  eine  potitifdje  Religion,  nodj  ein 
religiöfer  (Staat  ober  eine  £ljeofratie.  ^ene  finb  fotdje 
fromme  (55 emeinf djaften,  meldje  als  ^nftitutionen  eines  be= 
ftimmten  bürgerlichen  SSereinS  angefeben  merben  unb  auf  ber 
SSorauSfesung  ruf)en,  bit  Religion  fei  oon  ber  bürgerlichen 
©efe^gebung  ausgegangen,  ober  behalte  ftd)  als  eine  unter = 
georbnete  Regung  beffelben  Pieren  I^müulfeS,  meiner  suerft 
ben  bürgerlichen  Buftanb  I)erborgebracf)t  t)atf  fo  ba%  bk  ®e^ 
noffen  um  beS  bürgerlichen  SßereinS  mitten  aud)  jur  frommen 
®emeinjd)aft  berbunben,  unb  alfo  biefe  oon  bem  bürgerlichen 
®emeingeift  unb  ber  SSaterlanbSliebe  befeelt  mirb,  roeldjeS 
nadj  bem  ©inn  ber  ©djrtft  fleifdjUdje  SO^otibe  finb.  £tjeo= 
fratien  hingegen  finb  folctje  fromme  ($5  emeinf  haften,  meiere 
al§  fold)c  ben  bürgerlichen  SS  crem  unter  fidj  gebraut  Ijaben, 
in  melden  baljer  ber  bürgerliche  (£I)rtrieb  barauf  nrirft  etmaS 
ausgezeichnetes  in  ber  religiöjen  (Stemeinfcbaft  §u  fein,  unb 
bie  SSorauSfesung  sunt  ®runbe  liegt,  bie  fromme  (Semehtfdjaft 
ober  bie  göttliche  Offenbarung  auf  melier  fie  beruht,  fonne 
aud)  ben  bürgerlichen  herein  ^erborgerufen  Ijaben,  meldjeS 
in  biefem  ©inn  nur  bei  bolfStbümltd)  befdjiränften  frommen 
■  (Semeinfdjaften  möglich  ift.  Reiben  alfo,  politifd&en  Religionen 
fomol  al§  £f)eofratien,  mad)t  (SfjriftuS  burdj  feine  rein  geiftige 
Öerrfdjaft  beS  ®otteSbett>uitietnS  ein  (£nbe;  unb  je  meljr  ftdj 

1  fcebr.  12,  27.,  toogegen  aud}  1  flor.  15,  28.  nicö,t  fpridjt. 


elfter  2C6fcf)nttt.  SSon  bem  3uftanbe  be§  (Triften  je.  133 

fein  SRetdj  befefiigt  imb  Verbreitet,  um  befto  beftimmter  fonbern  i 
Tief)  ®tr<$e  unb   (Staat,    fo   bafj  in  ber  gehörigen  Milderen; 
Trennung  beiber,  bie  freilief)  unter  fetjr  toetfdjiebenen  ©eftalten 
befteben  fann,  bie  Bufammenftimmung  beiber  ftdj  immer  ö oll* 
lommner  auSbitbet. 

Bufas  su  biefem  £auptftüff.  @rft  naßbem  mir  bie 
gange  ßefjre  oon  (Sljrifto  abgebanbelt  fjaben,  iä£t  fi<$  über* 
fef)en,  ma§  für  eine  SBeroanbnik  e§  babe  mit  ben  beiben  ifjm 
beigelegten  entgegengefesten  ©täuben  ber  ©rniebrigung 
unb  ber  ©rböfjung,  inbem  fieb  bie  2lu§brüf'fe,  fo  genau  ge* 
nommen  at§  e§>  ein  Drt  in  bem  ©tjftem  mit  ftd)  briugt, 
meber  auf  bie  Sßerfjältniffe  ber  $erfon  an  ftd}  ober  be§  ©e* 
fcbäftS  an  fxä),  nod)  auf  ba§>  Jßer^ältni§  be3  ©efcf)äft§  sur 
$erfon  anmenben  laffem  Buerft  nun  fest  genau  genommen 
ber  Slu§bru!I  ©rniebrigung  ein  früheres  pljer  gerneien  fein 
r>orau§,  rael$e§,  menn  mir  hei  ber  (ginfjeit  ber  ^erfon  ftefjen  i 
bleiben,  nid)t  beraub  su  finben  ift  2)enn  ©rf)öf)ung  fann  - 
man  e§  sraar  nennen,  menn  (£ljriftu3  ber  ©rftling  ber  Slufer* 
ftefmng  gemorben  ift  unb  sur  9fcdjten  ®otte§  ftgt,  unb  im 
SSergleid)  bamit  fann  ber  trbifdje  Buftanb  ein  niebriger  ge* 
nannt  merben,  aber  ba  bie  $erfon  (grifft  bod)  erft  mit  feiner 
Sftenfdjm erbung  anfing,  nidjt  eine  ©rniebrigung.  Wlan  tfjeilt 
aljo  bie  $er[on  (Ebrifti,  unb  inbem  man  ba$  göttliche  in  iljm 
als  ein  Oon  ©migteit  5er  befonbereS  anfielt,  erfdjeint  baS 
£>erabt'ommen  beffelben  auf  bie  (£rbe  al§  eine  (grniebrigung. 
SIKein  bem  fä)led)tf)in  ljöd)ften  unb  emigen,  mithin  notb* 
menbig  ftd)  fetbft  gleiten,  iäfjt  ftcb  bod)  feine  ©rniebrigung 
auftreiben.  (£§  mürbe  aueb  barauS  folgen,  ba%  Oon  bem* 
felben  ®eft<i)t§punft  au§  bie  (Sinraoljmmg  be§  beiligen  ©eifte§ 
in  ber  ©  entern!  d)aft  ber  (gläubigen  nod)  um  fo  mef)r  müfcte 
eine  (gmiebrigung  fein,  al§  bie  menfd)lid)e  %latnx  in  un§ 
nidjt  rein  unb  unfünbli<$  ift  mie  in  ber  $erfon  (£brifti.  ^a 
aud)  bie  ©d)öpfung  müfjte  megen  be§  aügegenmärtigen  @ein§ 
($5otte§  in  allem  enblicben  eine  Ghmiebrigung  fein,  ba  ja 
gegentfjeüS  bie  $erberrtidmng  ®otte§  ai§3meff  ber  <Sd)b>fung 
angegeben  mirb.  Saffen  mir  un§  aber  ben  3lu§bmff  (Sr* 
niebrigung  gefallen  )tatt  bei  genaueren  Buftanb  ber  fiebrig* 
feit,  bleiben  aber  bann  hei  ber  ©infjeit  ber  Nerton  flehen:  fo 
geigt  ftd)  bo<$  aud)  fo  ber  ®egenfas  als  eine  btofte  Säufdjung, 
ober  menigftenS  al§  nur  ein  ©djetn  für  Rubere,  aber  nid)t 
eine  SSafjrfjeit  für  (^rifütm  felbft  $)enn  mie  fann  fic§  ber 
einer  9Hebrigfeit  feine§  3uftanbe§  bemüht  geroefen  fein,  ber 
toon  feinem  SSerlJäftniB  su  ©ott  bem  SSater  auf  eine  foldje 


134  $>er  djriftlidje  ©laube.  Breiter  £ljeU. 

SSetfe  rebet,1  bafj  aud)  ba$  ©efestfein  su  fetner  9ted)ten  rndjt 
als  eine  ©rljö^ung  angefeljen  merben  tarnt?  $)enft  man 
meiter  an  bie  ßenmljnlidje  SSorftetlung  oon  smei  Naturen  nnb 
oon  einer  gegenteiligen  ÜOcitt!)  eilung  ber  ©igenfdjaften  beiber, 
fo  t'ann  man  bie  (Srniebrtgung  nur  be^ieljen  nictjt  auf  bte 
Bereinigung  beiber  Naturen,  benn  biefe  bleibt  ja,  toenn  bodj 
bie  SDtenfd&ijeit  (S^rifti  sur  9xed)ten  ©otte§  erljötjt  tft,  fonbem 
nur  auf  bie  göttlid^e  9?atur,  entmeber  fofern  fte  ftd)  be§  ®e* 
braudjS  iljrer  (Sigenfdjaften  enthält,  ober  fofern  fte  bie  ber 
menftf)lid)en  mit  annehmen  mu£.  $)a§  teste  $ert)ältnifj  nun 
bleibt  ebenfalls  unoeränbert.  ®enn  ba  ber  Slbftanb  amtfdjen 
©ott  unb  iebem  ertblictjen  SBefen  unenbtid)  tft :  fo  mirb  er 
aud)  ntd)t  oeränbert,  ob  man  ftdj  bie  ÜUcenfdifjeit  in  ttjrem 
gegenwärtigen  3uftanbe  beult  ober  in  i^rer  fortgefd^rittenen 
(gntmitflung.  2)a3  erfte  aber  tjat  aud)  nur  um  ein  menigeS 
meljr  (Schein  für  ftctj.  ©erat  menn,  ma§  mit  berfelben  2)ar* 
ftellung  sufammenljängt ,  aud)  in  beut  ©taube  ber  ^iebrigfeit 
oermöge  be§  freien  SSißenS  (Sbrifri  2Iu§natjmen  ftattgefunben 
Ijaben:2  fo  mufe  ja  bie  ©ntfagung  aud)  freimittig  gemefen  fein. 
Unb  eben  bieg  muffen  mir  aud)  otjne  auf  bie  2lu§nat)men 
#tüffft$t  au  nehmen  bennoctj  behaupten,  ba  ber  göttlichen 
Statur  fein  Bmcmg  fann  angetan  merben.  <So  bafi  oielmeljr 
eine  üftöttjigung,  ©ebraud)  oon  benfelben  su  machen  miber 
ben  freien  SBiUen,  eine  ©rniebrigung  geluefen  märe.  Slber 
mir  rönnen  un§  aucrj  nicrjt  einmal  in  bem  ©tanbe  ber  (£r* 
fjöljung  einen  Oottftäubigeren  ©ebraud)  berfelben  beuten. 
i)enn  ftnb  alle  ©igenfdjaften  ber  göttlidjen  9?atur  ummter* 
brocrjen  tt)ätig  in  ber  menfd)ltd)en,  fo  muffen  alle  Tätigkeiten 
ber  menfctjücben  dlatux  ununterbrodjen  ritten,  ma§  bodj 
immer  Ijeifeen  mürbe,  bie  menfd)lid)e  9?atur  märe  mag  itjre 
£t)ätigfeit  betrifft  oon  ber  göttlichen  abforbirt,  unb  e§  bliebe 
nur  ba$  leibentlicrje  berfelben  übrig  ganj  gegen  bie  ux* 
förünglicrje  BorauSfesung.  2Bte  foH  aber  aud)  ein  ununter' 
brod)ener  ©ebraucr)  ber  göttlichen  ©igenfcrjaften  benfbar  fein, 
menn  mir  un§  bodj  (Et)riftum  beuten  füllen  un§  beim  SBater 
öertretenb  unb  für  unS  btttenb  ber  ©ünbe  megen,  alfo  aud) 
ifjn  in  mitfüljlenber  Stljeilna^me  mit  ben  kämpfen  ber 
ftreitenben  ®ird)e?  fo  bafj   aud)   t)ier   nur   ein  me&r   ober 


1  8o&.  1,51.4,34.  5,17.  20 flgb.  6,57.  8,29.  10,30.  36. u.  Q.  b. a.D. 

3  Sol.  decl.  p.  767.  divinam  suam  majestatem  pro  liberrima 
voluntate  quando  et  quomodo  ipsi  visum  fuit  etiam  in  statu, 
exinanitiouis  mauifestavit 


drfter  Stöf  djmtt .  £on  bem  Suftanbe  be§  Triften  zc.  1 35 


meniger  übrig  tteibt,  meldjeS  ben  ®ebraudj  foldjer  5Iu§brüffe 
nic&t  rechtfertigen  tarnt.  Unb  nun  barf  faum  rtod)  '  gesagt 
werben,  ba%  bie[er  (Segenfaä  and)  auf  bie  Verrichtungen 
©fjrifrt  nidjt  lann  belogen  merben.  SDenn  roenn  man  aud) 
fagen  tuollte,  bie.  föntgltcrje  fei  bei  meitem  bie  pd&ftc:  fo 
maren  bocb  bie  ^ropr)ettfcr>e  unb  bie  bobebriefterlictje  biefer 
bie  nädjften,  aber  nidjt  ibr  al§  niebrige  entgegengeht,  [a 
aucb  bie  Slrt,  tt)ie  (£&rifru§  bie  ^ropt)ettfcrje  SE&ättQfett  au3* 
übte,  mar  feine  niebrige  (Stellung.  —  fragen  mir  nun  bet 
ber  gänslicben  Unb  altbarfeit  biefer  gormel  nad)  bem  Urfprung 
berfelben :  fo  bat  fie  üjr  einziges  gunbament  in  einer  (Sdjrift* 
ftelte,1  beren  affetifc&er  unb  im  gangen  Bufammenfmng  be* 
trautet  rbetoriftrenber  (£t)arafter  bie  5lbftdjt  nicbt  berrätb, 
bafj  boxt  oorfommenbe  5Iugbrü!fe  btbaftifct)  füllten  fijirt 
merben.  (£8  mürbe  aucb  barau§  folgen,  ba|  bie  ©rfjöijuncj 
(£&rifti  eine  nur  für  bie  ©rniebrigung  ifjm  bon  (Sott  be* 
ftimmte  SBelobnung  fei,  obne  unmittelbaren  Bufammentjang 
meber  mit  feiner  eigentümlichen  SSürbe  nocb  mit  ber 
55oHenbung  feine§  SSerfeS.  SDie  Slrt  aber,  mie  $aulu§  bier 
(£&riftum  al§  SSorbüb  aufftellt,  berträgt  ftct)  fefjr  gut  bamit, 
bafj  er  nur  bon  bem  ©djetn  ber  üftiebrigfeit  in  beut  2eben 
fomol  al§  im  £obe  ausgegangen  ift.  SDatjer  benn  biefe 
gormel  mit  altem  fRect>t  bet  ber  Ueberlteferung  ber  Se§re 
fügltcb  fann  bei  Seite  gefteHt  unb  ber  (äiefdjidjte  sur  3(uf- 
bemabrung  übergeben  werben. 

3  tx?  e  ttc^   $auptnüti 

2$ott  ber  WA,  tote  )iä)  bie  ©emeinfdjaft  mit 

bev  S?üßfommenl)eit  unb  ©eltgfett  be§ 

®rlö(er§  in  ber  einzelnen  ©eele 

augbrüfft. 

§.  106.  SDa3  bem  in  bie  Seben<8gememf($aft  (grifft 
aufgenommenen  eigentümliche  ©el&fi&etoufjtfein  nrirb 
bargeftelit  unter  ben  beiben  Segriffen  ber  2Biebergeburt 
unb  ber  Heiligung. 

1  $ÜL  2,  6—9.  Sffie  anbern  ©teilen,  toeldje  Ijierü&er  angeführt 
toerben,  tragen  gar  ntcfjtS  aur  ©adje  bei. 


136  £er  rfjrijtlidje  ©laube.  ^toeiter  Sfjetl. 

1.  2Senn  ba§  SBefen  ber  (grlöfuncj  barin  befielt,  ba§  in 
ber  mcn|d)lid)en  DJatur  ba§  borfjer  fd)road)e  unb  unterbrüfrte 
©ottcgbemufttiem  burd)  ben  Eintritt  unb  bie  tebenbige  ©in* 
mirfuug  <St;rtftt  gehoben  unb  gur  £>errfd)aft  gebrad)t  merbe: 
fo  mufc  ber  ©inline,  auf  meldjen  biefe  (Sinmirfung  fidj 
äußert,  eine  religiöse  $erfönltd)feit  erlangen,  bie  er  borljer 
nod)  nic^t  batte.  üftämlid)  bort)er  äußerte  ftdj  ba§  (StotteS* 
bemufetiew  nur  gleictjfam  in  einzelnen  Sollen,  toelc^e  nidjt 
Sünbeten,  tneil  e§  ntd)t  im  (Stanbe  war  auf  ftetige  2Beife  bie 
einzelnen  £eben§momente  su  beftimmen,  fo  bafc  audj  bit 
einzeln  nurflictj  burd)  baffelbe  beftimmten  immer  fetjr  balb 
burd)  bk  bon  entgegengefeater  2lrt  mieber  aufgehoben  mürben. 
Unter  einer  frommen  $erfönlid)feit  aber  ift  eine  folctje  au 
berfteljen  in  melier  jeber  übermiegenb  leibentlidje  Moment 
nur  burd)  bk  Söesieljung  auf  ba%  in  ber  (Sinmirtung  be§  Er* 
Iöfer§  gefegte  (SJotteäbenmfetfein  befd)toffen  mirb,  unb  jeber 
Nötige  bon  einem  ^mbulö  eben  biefes?  ©otteSbettmfjtfeinS  au§* 
gef)t.  £)a§  £eben  fteijt  aljo  unter  einer  anbern  formet ,  unb 
ift  mithin  ein  neueö;  batjer  bie  SluSbrüffe  neuer  $?enfd), 
neue§  (^efdjöpf,1  roeldje  bent  unfrigen  neue  $er[ün{id)t'eit 
gleidjbebeutenb  finb.  S^atürltcrj  aber  ba"  ber  9Jienfcrj  als 
pft;crjifcrje  2eben§eüu)eit  berfelbe  bleibt,  unb  biefe§  neue  &ebcn 
alfo  nur  auf  ba§>  alte  gteid)[am  gepfropft  mirb,  ift  aud)  biefe& 
neue  Seben  in  ber  ©rfdjeinung  nur  ein  tnerbenbej.  SDennod) 
fann  berguftanb  in  metetjem  baffelbe  ein  foerbenbeS  ift,  menn 
in  ber  Erinnerung  auf  ben  belogen,  in  meinem  e§  aud)  nod) 
fein  merbenbe§  mar,  nur  angefnüpft  merben  unb  mit  bent 
borigen  §u  ber  seitlichen  (Stetigfeit  berfelben  $erfon  nur  ber* 
bunben  merben  burd)  bie  $orau§fesung  eines  äSenbepunfteg, 
mit  meinem  bk  ©tettgfeit  be§  alten  aufborte  unb  bie  be§ 
neuen  gu  merben  begann;  unb  bie§  ift  ba§  mefentlidje  be§ 
^Begriffs  ber  SBiebergeburt.  ©o  mie  auf  ber  anbern  ©eite 
bie  madjfenbe  ©tetigfeit  be§  neuen,  mortn  bie  ber  gormel 
beffelben  angemeffenen  Momente  immer  mef)r  aneinanber 
treten,  bk  baä  alte  Seben  repräjentirenben  aber  immer 
fd)iinici)er  unb  feltener  roieberteljren,  burd)  ben  SluSbruff 
Heiligung  beseidmet  mirb.  —  ®et)n  mir  l)iebei  auf  ba§  obige 
äurüff,  ba%  ba§  SBerljältnife  (£t)rifti  su  ber  übrigen  menfd)lid)en 
Statur  genau  baffelbe  ift,  mie  in  feiner  Sßerfon  baZ  SSerljältnifj 
tt)re§  göttlichen  äu  itjrem  menfd)lid)en:  fo  fteUen  audj  beibe 
begriffe  genau  bie  Analogie  bar  mit  bemalet  ber  Bereinigung 


1  2  £or.  5,  17.     @fcö.  4.  24. 


©xfter  »bfönitt.  SSon  bem  Buftcmbe  be§  ©Triften  :c  137 

unb  bem  £uftanb  Deg  $ereintfein§.  9?ur  ba%  bort  eine 
$erfon  erft  rein  entftanb  unb  bafjer  aucg  ber  gufianb  ber 
Bereinigung  eine  ununterbrochene  ©tetigfeit  mar  unb  eine 
eben  fol<$e  Verbreitung  in  ber  menfdjlicben  Statur,  metdjeS 
baber  aud)  tjier  ber  gaft  fein  müfete  roenn  nicbt  bermöge  ber 
Sbentttät  be§  ©ubjectS  mit  ber  früheren  $erfönltd)fett  immer 
no<$  (Elemente  au£  bem  ßeben  ber  «Sünbbaftigfeit  Ijer  al§ 
Ijemmenb  oortjanben  mären.  Unb  eben  fo  menig  mie  bort 
eines  oljne  ba§  nnbere  jein  tonnte,  eben  fo  menig  Iäfct  ftd) 
audj  tjier  bie  SSiebergeburt  ifoliren  ober  bk  Heiligung. 

2.  Sft  nun  bk  (Eonftruction  biefeS  £>auptftüff3  tjieburdj 
im  allgemeinen  geredet  fertigt:  fo  ift  nur  nod)  einiges  über 
bie  (Stellung  beffelben  ju  bem  fcfcon  gefagten1  fjinsuäufügen. 
SSa§  mir  nämlidj  julegt  abgefjanbelt  bon  bem  föniglicfjen  Slmt 
(£brifti,  ba§  fyätte  un§  an  unb  für  fidj  auf  bie  natürliche 
SBeife  %u  ber  ©arfteEung  be3  neuen  ®efammtleben§,  über 
melc^eS  er  fcerrfät,  Ijinfüfjren  fönnen.  Unb  atterbing§  mie 
jtest  jebem  nur  au§  biefem  ©efammtleben  bie  Anregungen 
fommen,  aul  benen  fein  Slufgenommenm erben  in  bk  £eben§* 
gemeinfctjaft  mit  ©brifto  fjerborgetjt,  unb  mie  oon  ben  (Ein* 
mirfungen  ber  ©efammtfjeit  auf  ben  (Sinselnen  audj  beffen 
Heiligung  abfängt;  fo  Jjätten  fidj  fet)r  gut  biefe  Sejrftüffe 
audj  unter  bem  fotgenben  Slbfdjmtt  abljanbeln  laffen.  &bm 
fo  gut  aber  finbet  aud)  baS  umgefebrte  ftati  SDenn  mie  ber 
©tntritt  (£t)rifti  in  bie  üDcenfdjbeit  bie  ameiie  ©djöjjfung  ber* 
felben  ift,  fte  alfo  baburd)  eine  neue  Kreatur  mirb:  fo  !ann 
man  biefen  Eintritt  audj  al§  bie  Sßiebergeburt  be§  menfcfj* 
liefen  <S5efctjIecr)t§  anfelm,  tüelfye  aber  boct)  nur  unter  ber 
gorm  ber  SBiebergeburt  ber  ©tnsetnen  mirflid)  §u  ©tanbe 
fommt.  Unb  mie  bie  (Semeinfdjaft  ber  gläubigen  itjrem 
magren  SBefen  nad)  bodj  nur  beftefjt  au§  ber  ©efammtbeit 
ber  föeiligungSmomente  aller  in  bk  SebenSgemeinfdjaft  ©fjrifri 
aufgenommenen  (Einsernen:  fo  fdjltefstaitdjmieberbie&eiliguna 
be§  (Emgelnen  atteS  in  fidj,  rooburdj  'bie  ®emeinfdjaft  geteuft, 
äufammenge^alten  unb  berbreitet  mirb.  iöei  biefer  botltommnen 
(SJegenfeittgfett  nun  rechtfertigt  ftcr>  biefe  «Stellung  baburd}, 
bafe  bocQ  urfbrünglidj  ©inselne  bon  GHjrifto  ergriffen  mürben, 
unb  aueb  legt  nodj  e§  immer  eine  burdj  bie.  geiftige  ($5egen* 
mart  im  SBort  Vermittelte  SBirfung  ©brifti  felbft  ift,  moburd) 
bie  (Einzelnen  in  bie  gemeinfctjaft  bes?  neuen  SebenS  auf* 
genommen  merben;  borsügltdj  aber  baburdj,  bafj  bk  frühere 


Dfcen  §.  90,  1.  unb  91,  2. 


138  Stercfcrlftltd&e  ©taube.  Stoeiter  Xfjell. 

Stelle  meljr  für  baSjenige  geeignet  ift,  ma§  auf  ber  einen 
Bette  auf  ba§  alte  ©efammtleben  ber  allgemeinen  (Sünb* 
baftigfeit  ftdf>  äurüffbeatel&t,  auf  ber  anbern  (Seite  aber  bem 
neuen  ©efammttebeu  unter  ber  ($5nabe  jum  (SJrunbe  liegt. 
Unb  ba%  gilt  bon  beiben  in  biefem  ^muütftüff  ju  erörternben 
gegriffen.  SSenn  bie  Sßtebergeburt  für  ben  ©inselnen  ber 
SBenbemmft  ift,  an  bem  ba§  frühere  ßeben  gfeicrjfam  abbricht 
unb  ba§  neue  beginnt:  fo  ftefft  fte  un§  alfo  ba§  Sßerfcrjminben 
be§  Sllten  auf,  mie  e§  nur  burclj  bie  erlöfenbe  ibätigfeit 
(£fjrifti  su  begreifen  ift,  aber  nur  fo,  ba§  bie  ®raft  be£  neuen 
äualeicrj  ber  ©eele  mu§  eingepflanzt  morben  fein,  llnb  roie 
auf  biefe  SBeifc  bie  SBeljanMung  auf  ba$  borige  &aubtftüff 
8urüfffte§t:  fo  enthält  fte  audj  bie  ©runblage  su  bem  nädjften 
Slb[d)ititt,  inbem  btefe  ®raft  be§  neuen  ßeben§  äugleictj  audj 
ber  ©emetngeift  ift,  melier  ba%  (Sanse  befeelt.  2)ie  Heiligung 
fyat  aber  ebenfalls  ätoei  Seiten.  S5on  ber  einen  angefeljen  ift 
t^r  Waa%  bie  allgemeine  Sünbljafttgfeit,  roie  fte  fcrjneller 
ober  langsamer  in  ber  einzelnen  (Seele  überrounben  roirb ;  oon 
ber  anbern  angefeljen  ift  ifjr  Sftaafj  ba§  SBerljä'ltmfs  ber 
einzelnen  Seele  §u  bem  neuen  ®efammtteben,  mie  fie  nämlich 
fcrjneHer  ober  langfamer  in  bem  2)ienft  beffetben  fortjcforeitet. 

@  r  ft  €  §  8  e  f)  r  ft  ü  !  I. 
%on  ber  SBiebcrgeburt 

§.  107.  £)a<3  Stufgenommenmeroett  in  bie  JBebensge* 
meinfcfyaft  mit  (£fyrtfto  ift  al3  t>eränberte3  $erpitmfc  be<§ 
3)tenf^en  $u  ©Ott  betrachtet  feine  9te$tferttgung,  al$  fcer* 
änberte  £eben£form  betrachtet  feine  Set'efyrttng,. 

1.  2)a  mir  e§  biernur  mit  bemBuftanb  beSGnirselnen  im 
Uebergang  au§  bem  (SMammtteben  ber  Sünbbaftigfeit  zur 
SebenSgemeinfcrjaft  mit  ©brifto  §u  tljun  rjaben:  fo  baben  mir 
un§  aucfj  nur  au§  biefem  bie  notbmenbige  Bufammengebörigfett 
ber  beiben  r)ier  bezeichneten  Momente  jit  erflären.  Unter 
ber  £eben§form  ift  Ijier  nichts  anbere§  ju  berftefjen,  als  bie 
2lrt  unb  SBeife,  mie  bie  einseinen  Beittbeite  be§  SebenS  merben 
unb  ficb  aneinanber  reiben;  unb  ba§  Selbftbemufjtfein  mirb 
alfo  betrautet  in  feinem  liebergang  in  Sijätigleit,  ba§  tjei^t 
al§  ®runb  be§  2BtHen§.  Sn  bem  üerlaffenen  Buftanbe  nun 
maren  bie  Erregungen  be§  SelbftbemufjtfeinS,  in  melden  ba$ 
(SJottcSbenmfetfein  mitgefegt  mar,  nicrjt  roißenbcftimmenb  fonbcrn 
nur  burct)laufeub,  unb  nur  ba$  ftnnlidje  Selbftbemufjtfein  mar 


(Erfter  Stöidjnttt.  SSon  bem  3uftanbc  be§  ©giften  *c.  139 

millenbeftimmenb.  £>er  £eben§3uiammenbang  mit  (Sfjrifto 
aber  bringt  eine  Ummanblung  biefeä  S3err)ältntjfe§  beiber 
Elemente  beroor,  unb  bie§  mirb  burdj  ben  2Iu§bruff  SÖefefjrung 
beseitet,  ©in  Verbältnif?  ju  (Sott  baben  mir  nur  roirflid} 
in  nnferm  mbenben  (SelbftbenmMein,  mie  e§  ftdj  im  (Sebanfen 
refiectirt  feftfjätt,  unb  nur  fofern  ba§  ®otte§bemufjtfein  barin 
mitgefest  tft.  9^un  fennen  mir,  al§  bem  Seben  im  guftanb 
ber  @ünb&aftigfeit  eigen,  nur  ein  SBerr)ältnife  be§  SUtetfdjen 
au  ber  göttlichen  £eüigfeit  unb  ®erec§tigfeit,  unb  biefeS  ift 
nichts  anbereS  al§  ba§  ©elbftfi etoufetf ein  ber  ©djulb  unb  ber 
«Strafmürbigfeit.1  3)afc  nun  biefe§  mit  bem  Anfang  ber  ßeben§* 
gemeinfc&aft  ßljriftt  aufhören  muß,  unb  nidjt  eüoa  erft  mit 
irgenb  einem  ©rabe  ber  SSoHfommen^eit  in  berfelben,  teuftet 
oon  felbft  ein,  ba  beibes>  gar  nicf)t  miteinanber  befteben  fann;  I 
unb  e§  lein  maljreS  SBemu&tfein  oon  ©emeinfcfjaft  mit(£brifto 
geben  fann,  fo  lange  jenes?  SöemuMein  uod)  fortbefteljt.  — 
Offenbar  ift  aber  audj,  baß  beibe  Momente  nid)t  fönnen  oon 
einanber  getrennt  merben,  fo  ba%  eine  93efe§rung  gebaut 
merben  tonnte  ofme  Rechtfertigung,  ober  eine  Rechtfertigung 
ofme  Sßefefjrung.  2)a3  erfte  märe  entmeber  nur  ein  ©ntfd^Iufe 
ftd)  felbft  äu  oergeben  um  ber  Unöermeiblicfifeit  ber  (Sünbe 
mitten,  ein  Sluffjörett  be§  alten  S3err)ältntffe§  §u  (Sott  ofjne 
bafs  ein  neue§  entftanben,  'itatt  ber  Rechtfertigung  atfo  ein  ( 
gänälicbeS  aufboren  be§  ©ottegbemufjtfeinS  im  ©elbftbettmfjt*  I 
fein,  alfo  Sßerftotfung.  2)enn  ein  neue§  $er§ättnifj  fann  nur 
entfteben  bur<$  ba$  @in§merben  mit  (£r)rtfto ,  moburd)  audj 
bie  Söefeljrung  entfielt.  (Sben  fo  menig  läßt  fidj  benfen,.eine 
bon  bem  (StnSgeroorbenfetit  mit  (Hjrifto  au§geljenbe  neue 
SßuTenSrtdjtunq,  bei  melcber  bo$  ba§>  SBeitmfjtfem  ber  ©djulb 
unb  ©trafmürbtgfeit  fortbauerte;  benn  ber  neue  9}cenfdj  müfcte 
bann  ein  bemufctlofer  fein,  ober  anber§  auSgebrüfft,  e§  müftte 
geben  eine  Slufnafjme  in  bie  ©emeittfdjaft  ber  SBottfornmen* 
beit  (£brifti  obne  eine  in  bie  ©emeinfdjaft  feiner  «Seligfeit. 
Vielmehr  mo  bie§  oorsufommen  fct>eint,  ift  entmeber  ba$' 
(Sdjulbberoufctfein  nur  nod)  eine  täufcfjenbe  SSergegenmärtigung 
ber  Vergangenheit,  ober  bie  23efei)rung  ift  nur  ein  Üöeffer* 
merbenmotfen  au3  eignen  Mitteln  ofme  mafjre  Seben§gemein* 
fc^aft  mit  (£f)rifto.  Sft  nun  beibe§,  Vefebrung  unb  Recf)t* 
fertigung,  uitäertrenttltdj  oon  einanber:  fo  muffen  audj  beibt 
al§  gleichseitig  gebaut  merben,  unb  jebe  ift  baä  untrügliche 
Zenits  eichen  ber  anbern. 

1  SSsf.  §.  83.  84. 


140  Ter  tfriftltcfie  ©taube.  3toelter  Sfjeil. 

2.  SBaS  bte  S8eäeid)nuug  biefer  ©egenftänbe  betrifft:  fo 
fmbet  lief)  barm  eine  grofte  50cannigfaltigfeit  bei  ben 
©lauben§ief)ren,  tnbem  Ibiefetben  2Iu§brüffe  oon  Slnbern  in 
anberer  Söebeuhmg  genommen  nierben,  unb  fo  fann  audj  bte 
Ijier  gemähte  hrittfübrlid)  erlernen.  £>enn  bergletctjt  man 
bte  StuSbrüffe  SBiebergeburt  unb  SBefeljnmg:  fo  ift  feine  redete 
Hiiöeige  öorbanben,  ba%  ber  legte  begriff  nur  tin  ^eil  be§ 
erften  fein  foftte,  fonbern  man  föimte  eben  fo  letd)t  e§  um- 
gefetjrt  oermutfjen.  Sftod)  meniger  liegt  in  bem  2ht§bruffe 
Rechtfertigung  irgenb  etma§  auf  ben  Anfang  einer  neuen 
£eben§form  l)mbeittenbe§;  unb  benlt  man  baran  ba%  ber  ah- 
laufenbe  Buftanb  ber  unter  bem  ®efeä  ift,  fo  läfct  ber  2tu§= 
bruff  efjer  oermutben,  bafj  biefer  Buftanb  nod)  fortbauern  foKe, 
al§  ba%  er  eingebe,  ©ben  fo  tieften  ftcrj  bem  5lu§bruff  $8e* 
februng  anbere  nidjt  miitber  bebeutung§t»oHe  unb  eben  fo 
biblifebe1  borfdjieben.  (Sin  fotd)e§  ©ebroanfen  ift  hex  bem 
großen  Reidjtbum  meift  bilbiid)er  2tu§brüffe,  bereu  ftet)  bxe 
heiligen  ©ebriftftefter  für  biefen  Drt  bebienen,  nidjt  §u  oer* 
meiben;  unb  e§>  fommt  bann  mebr  auf  bte  genaue  ©rftärung 
beffen  an,  ma§  hex  ben  SüiSbrüffeti  gebarfjt  merben  fott,  al§ 
auf  bxe  SSabl  ber  SBörter  felbft.  2)ie  tjier  getroffene  recr}t^ 
fertigt  ftdj  inbeffen  auf  ber  einen  (Seite  baburdj,  ba%  bod) 
SSiebergeburt  am  beftimmteften  ben  Anfang  eine§  sufammen* 
bängenben  £eben§  au§brüfftf  auf  ber  anbern  «Seite  baburdj, 
ba%  bie  SBeätefjung  auf  ba§>  Vorhergegangene,  meiere  in  bem 
allgemeinen  2lu§bwff  febr  surütttritt,  in  ben  beiben  partiellen 
ba$  oorfjerrfcbenbe  ift.  $on  bem  Söort  Söefefjrung  für  lim* 
menbung,  Untfe^r  sunt  SSefferen,  leuchtet  unmittelbar  ein,  ba% 
e&  Anfang  einer  ÜteUje  ift  im  ®egenfa§  einer  früheren.  Slber 
auef)  Rechtfertigung  fegt  ehva$  t>orau§  in  SSesiebung  morauf 
jemanb  gerechtfertigt  mirb;  unb  ba  in  bem  pdjfien  SBefen 
fein  Srrtpm  mögheb  ift,  fo  mirb  angenommen,  ämifcfjen  bem 
oorber  unb  ie^t  fei  bem  SDJenfdjen  etma§  begegnet,  mobureb 
ba§>  frühere  göttltdje  SDWallen  aufgehoben  mirb,  unb  obne 
melcbe§  er  nietjt  fjabe  fönnen  ein  ®egenftanb  be§  göttlichen 
2öofjlgefaHen§  merben.  @§  festen  aber  rtictjt  ratbfam  nodj 
mebrere  bon  ben  bitblictjen  StuSbrüffen  ber  <Sd)rift  in  biefen 
$ret§  aufzunehmen;  benn  obne  föisfinbtg  p  merben  unb  un* 
nü;,e  Vermittlungen  berbeiäitfüljren  taffen  ftd)  in  bem,  roa§ 
felbft  reiner  2tnfang§üunft  Moment  ift,  niebt  nod)  mebrere 


1  g.  53.  grleudjtung  (Sbfj.  3,  9.    5,  14.     .«gebr.  6,  4-6.     Gnieuerung 
<E*>fj.4,  23.     SU.  3,  5.     ftebr.  6,  6. 


(Srfter  8l6fdjnitt.  3Son  beut  Suftanbe  be§  ©Triften  :c  141 


Söe^iebungen  untertreiben,  ungerechnet  nocb,  bafj  (Srleudjtung 
urtb  (Erneuerung  auctj  eben  fo  gut  ttcm  bem  forrbauernben  unb 
alfo  für  ba§>  (bebtet  ber  Heiligung  fönnen  gebraust  merben. 
—  ®te  Drbnung  icrjeint  hti  ber  ®egenjettigfeit  ber  $8esief)uns 
r-öUig  gleichgültig,  e§  mirb  aber  in  öieier  &inftd)t  bequemer 
fein  bie  $8efe§rung  öoransuf Riffen. 

©rfter  ßefjrt  a*.  $on  ber  $8  e  f  e  1)  r  u  n  g. 
§.  108.  ®te  SBefeljrung,  als  ber  Anfang  be<3  neuen 
SebenS  in  ber  @emeinfü)afi  mit  (£{?rifto,  betabet  fid?  in 
jebem  ©injclnen  burä)  bie  SBufee,  meldte  befielt  in  ber 
SBerfnüpfung  r-on  9teue  unb  @inne<oänberung,  unb  bur$ 
ben  ©lauben,  roelü)er  befielt  in  ber  Aneignung  ber 
23ott£omment?eit  unb  ©eligfeit  (grifft. 

Conf.  Aug.  XII.  Constat  autem  poenitentia  proprio  his  duabus 
partibus,  altera  est  contritio  seu  terrores  incussi  conscientiae 
agnito  peccato,  altera  est  fides.  —  Apol.  Conf.  V.  Nos 
igitur  constituimus  duas  partes  poenitentiae  videlicet  contri- 
tionem  et  fidem.  Si  quis  volet  addere  tertiam  videlicet  .... 
mutationem  totius  vitae  ac  morum  in  melius  non  refraga- 
bimur.  —  Expos,  simpl.  XIV.  p.  36.  Per  poenitentiam 
autem  intelligimus  mentis  in  bomine  peccatore  resipiscentiam 
verbo  evangelii  et  spiritu  s.  excitatam  fideque  vera  acceptam, 
qua  protinus  bomo  agnatam  sibi  corruptionem  peccataque 
omnia  sua  .  .  agnoscit  ac  de  his  ex  corde  dolet,  eademque 
coram  Deo  deplorat  et  .  .  .  execratur  cogitans  iam  sedulo 
de  emendatione.  Et  haec  quidem  est  vera  poenitentia,  sincera 
nimirum  ad  Deum  et  omne  bonum  conversio,  sedula  vero  a 
diabolo  et  omni  malo  aversio.  Diserte  vero  dicimus  hanc  poe- 
nitentiam merum  esse  Dei  donum  et  non  virium  nostrarum 
opus.  —  ibid.  XV.  p.  48.  Qua  propter  loquimur  in  hac 
causa  ...  de  fide  viva  vivificanteque ,  quae  propter  Christum 
quem  comprehendit  viva  est.  —  Repetit.  Conf.  p.  147. 
Twesten.  Ostendimus  supra,  fide  significari  fiduciam  ac- 
quiescentem  in  filio  Dei,  propter  quem  recipimur  et  placemus. 
—  Fides  est  fiducia  applicans  nobis  beneficium  Christi  — 
fiducia  est  motus  in  voluntate,  quo  voluntas  in  Christo  ac- 
quiescit.  —  Melanchth.  loc.  s.  t.  de  voc.  fides.  —  Qui- 
buscunque  verbis  alii  uti  volent,  rem  retinere  cupimus.  ibid. 

1.  2)ie  SöeaetdjmntQ  in  ben  angeführten  ©teilen  ber  23e* 
fenntniMcb,nften  fdjeint  freilieft  nietjt  biefelbe  au  fein  roie  Me 
in  unterm  ©aj,  inbem  ba$  SSort  poenitentia  efjer  nur  ber 
SBufse  alfo  einem  SÖjeü  entfaridjt,  unb  in  bem  fätoeijerifdjen 


142  £er  djriftltdie  ©laube.  3ö>eiter  Xfjeil. 


SBefenntnifc  ba$  SSort  coDversio,  meldjeS  unterem  9$efefjrung 
entfprict)t,  nur  einen  Sljeil  ber  poenitentia  auSbrüften  folL 
Unb  menn  mir  aud)  beoormorten,  bafe  mir  ben  bei  unS  roört* 
lidj  fefjlenben  anbern  SHjeil,  nämlicf)  bte  Slbmenbung  bom 
SBöfen  mit  cinOerftanben  Ijaben:  fo  mürbe  bann  beibeS 
äufammen,  SIbmenbung  Dom  53  Öfen  unb  £tnmenbung  ju  ©Ott 
unb  bem  (guten,  bodj  nur  ben  £ljeil  umfaffen,  ben  mir  burd) 
(SinneSänberung  beseidmen.  Mein  roenngletdj  bort  beibeS 
äufammen  aversio  unb  conversio  ber  poenitentia  alfo  bem 
(Jansen  öXei<^öefeät  mirb:  fo.  finb  bodj  öorb,er  ju  bie[em  aud) 
geregnet  fomol  bie  fdjmerälidje  2lnerf*ennung  ber  @ünbe, 
meldje  ber  9lbmenbung,  als  audj  ber  ®laube,  melier  ber 
&inmenbung  oorangefjen  ntufc,  fo  ba§  5lbmenbung  unb  &m* 
menbung  für  fidj  bod)  ntdjt  baS  ©anae  ausmalen.  $n  ber 
$lugSb.  Sonf.  finben  mir  aufcer  bem  (glauben  nur  bie  3er- 
fnirfdmng,  melcfje  nur  unferer  9tae  glei^sufteHen  ift;  aber 
in  ber  Apologie  mirb  bie  Söeränberung  gum  Söefferen  Sütsu* 
gefügt,  bie  freütd)  als  fortbauernbeS  betrachtet  ber  Heiligung 
gleid)fommt,  als  Anfang  aber  bocfc  ljief)er  gehört,  unb  bann 
unferm  5luSbruff  ©inneSänberung  entfprictjt.  ©teljt  man 
alfo  auf  bie  ©efammtfjeii  ber  Elemente:  fo  enthalten  bie  23e* 
fenntnifjfdjriften  ganä  baffetbe  mit  unferm  ©05.  Unfere  afr= 
gemeine  SBeaeidjnung.  aber  ift  burd)  ben  ljerrfd)enben  affetifctjen 
<Storad)gebraud)  als  folc&e  §inreid>enb  gerechtfertigt,  unb  bem 
SluSbruff  poenitentia,  im  2)eutfd)en  Söufje,  ju  biefem  Söe^uf 
gemifj  meit  oorsusieben,  ha  biefer  feine  3lnbeutung  öon  bem 
mirflicben  Anfang  einer  neuen  SebenSform  enthält,  unb  eS 
aud)  fetjr  befremblid)  Hingt,  ben  glauben  —  bafj  mir  aber 
biefen  3lu§brutf  ganj  fo  gebrauten  mie  bie  Sßefenntnifc 
fctjriften,  leuchtet  oon  felbft  ein  —  als  einen  £tjeü  ber  SBufce 
aufsagten  au  boren.  SDaljer  benn  audj  anbermärtS  in  ber 
Sinologie1  bie  SluSbrüffe  SÖufje  unb  SBefeljrung  öertuedjfett 
merben.  ©ine  anbere  SBerfdjtebenjjett  entbeut  ftctj  am  beften 
an  anbern  fimtbolifdjen  ©teilen,  mo  bit  beiben  £>auöttljeile 
3erfnirfd)ung  unb  ©laube  audj  betrieben  merben  als  @r= 
töbtung  unb  Belebung.8  SDenn  menn  offenbar  bie  erfte  bie 
SRcue  ober  3etfnirfc^ung  ift,  unb  bie  anbere  eben  fo  offenbar 


1  V.  p.  168.  ostendendum  est  quod  scriptura  in  poenitentia 
leu  conversione  has  duas  partes  ponit. 

'  Apol.  Conf.  ibid.  Paulus  fere  ubique  cum  describit  con- 
versionem  facit  has  duas  partes  mortificationem  et  vivificationem .... 
sunt   erpo  hae  duae  partes  contritio   et  fides. 


(5rfter  Sttfdjnttt.  SSon  bem  3uftanbe  be§  Gfjriften  jc  143 

her  ©taube:  fo  fällt,  toa§  mir  bie  ©ümeSänberung  genannt 
fjaben,  au§.  ^nbeffen  fann  oljne  eine  foldje  2lenberung  be§ 
tnnerften  ©trebenS  ba$  hnrfüdje  (Ergreifen  (S$riftt  im  (glauben 
md)t  gebaut  toerben,  unb  auc§  bie  gerfnirfdjung  märe  of)ne 
fte  nur  eine  burdjlaufenbe  Erregung,  mittun  ift  bie  ©inne§* 
änberung  aud)  ftülfdjroetgenb  in  beiben  mit  gefest,  (ümbtieb 
ift  nodj  %u  bemerfen,  bafj  foroot  unfer  allgemeiner  5lu§bruff 
$8efet)rung,  al§  audj  bie  befonberenSBufje,  Sfteue  unb  ©inne§* 
änberung  in  ber  firdjlidjen  "Spraye  nidjt  altein  als  Sßeseid)* 
nung  für  ben  Anfang  be§  neuen  SebenS  gebraust  tu  erbet  v 
fonbern  audj  für  ba%,  toa§  in  Söesug  auf  bie  no<$  übrige  : 
©ünbe  in  ber  gortfefeung  beffelben  üorfommt.  Mein  aug 
bem  oben1  auSetnanbergefestett  folgt,  bafj  ein  fetjr  großer 
Unterfct)ieb  fein  mute  steiferen  bem,  ma§  jum  Umfejrett  Oon 
ber  (Sünbe  gehört  für  bk  nodj  ntc&t,  unb  ma§  für  bie.  fdjon 
in  ber  ®emeinfd)aft  mit  bem  ©rtöfer  lebenben.  S)en  legieren 
fann  ber  Bufammentjang  m\t  bem  (Srlöfer  unb  bk  bem  gemäfe 
geänberte  ©efinnung  aroar  Oerbunfelt  roorben  fein  unb  in 
tfjrer  Sßirffamfeit  gehemmt,  aber  Oerloren  gegangen  ift  feinet  - 
Oon  beiben.  2)afjer  nrirb  ifjnen  sroar  feine  Sünbe  sunt  23e= 
ttmfjtfein  fommen  otjne  Sfteue,  aber  toeber  roerben  fte  ba$ 
neue  Seben  toieber  Oon  Oorn  anzufangen  brausen,  noeb 
roerben  fte  einer  @inne§änberung  im  ftrengften  (Sinne  nötbig 
Ijaben.  2öa§  hingegen  beurlauben  betrifft:  fo  ift  root  offen* 
bar,  ba%  ber  (glaube  ein  beftänbig1  fortbauernber  ®emütt)§*> 
juftanb  ift,  unb  ba§  tjter  in  ber  Setjre  Oon  ber  23efef)rung ; 
genau  genommen  nur  Oon  ber  (Sntftebung  be§  ©IaubenS  bk 
Iftebe  fein  fann.  S)enn  Aneignung,  Söefts  er  greifung,2  ift  ein  ; 
einmaliger  Slct;  ber  ($5taube  in  feiner  Sßäfjrung  gebadet  ift 
hingegen  ba$  mit  jenem  2lct  beginnenbe  beharrliche  Söeroufet* 
fein  be§  SöeftjftanbeS.  Sft  fona<$  ber  Anfang  be§  göttlich 
beroirften  ©laubenS  f$on  roefentli<$  in  ber  Söefefjrung,  feine 
Sßäljrung  aber  ber  bleibenbe  ®runbsuftanb  be3  neuen  £eben§: 
fo  roirb  baburdj  äugleictj  hd  ber  relatioen  Trennung  Oon 
SBiebergeburt  unb  Heiligung  bie  nottjroenbige  gufammen* 
getjörtgfeit  Oon  beiben  unb  bie  ©tättgfett  be§  göttlichen 
2öirfen§  in  bem  gansen  Verlauf  ber  neuen  Schöpfung  bor* 
läufig  bargeftettt.  —  2)afj  aber  bk  römifdje  ®trdje  ben 
glauben  nidjt  mit  §ur  Söefetjrung  [rennet,  ftatt  beffen  aber 
Sßetenntntfs  unb  ©enugtfjuung,  rooOon  bie  erfte  redjt  Oer* 


1  §•  74. 

*  Expos,  simpl.  XV.   p.  42.  fides  Christum  reeipit. 


144  ©er  (&rt[tlidje  ©taube.  3tt>cüer  Sfjetl. 


ftanben  fdjon  in  ber  9^eue  liegt,  bie  cmbere  aber  unmöglid) 
ift,  bte§  Ijat  t1jeil§  feinen  ®runb  in  ibrer  Seljre  Don  ber 
^trctje,  tfjeil§  barin,  ba%  biefe  ®ird)e  ba§>  SBort  (glauben 
anber§  gebrandet,  inbem  fte  mir  bit  göttlich  mitgetbeüte  nnb 
oon  un§  angenommene  ®enntnifj  oon  be§  9ftenfd)en  $8e* 
ftimmung  barunter  berftefjt,  me§balb  fte  benn  aud)  behauptet, 
ber  (glaube  gefje  ber  SBufje  nnb  Söefebrung  ooran.1  9hm  ift 
freitid)  biefe  2Serfd)iebentjeit  be§  (Sprachgebrauch  unangenehm, 
meil  fie  Me  ?Iu§einanberfeaung  ber  2)ifferenspunfte  erfdjmert 
fo  mte  audj  ba$  unangenehm  tft,  bafi  im  gemeinen  £eben 
baffelbe  SSort  fo  oft  oon  einer  nictjt  nur  ebenfalls  feine  £8e* 
megung  be§  2öttCert§  in  ftd)  fd)Iief$enben,  fonbern  audj  un* 
äuretdjenb  begrünbeten  Ueberäeugung  gebraucht  ttrirb.  £)em* 
obmeradjtet  bürfen  mir  ba$  SBort  nid)t  fahren  laffen,  fonbern 
muffen  e§  hti  feinem  toofjlermorbenen  Stecht  um  fo  mel)r 
fdjüäen,  al§  etnerfeit§  bie  (Sprad)gemäf3fjeit  unferer  ($ebraud)§* 
meife  leitet  nadjsumeifen  unb  ber  5lu§bru!f  unter  un§  ööÄig 
einfjeimifd)  gemorben  ift  al§  Ueberfegung  be§  2öorte§,  moburdj 
bie  Urfprad)e  ber  ©djrift  bzn  ®emütf)2>3uftanb  be§  99te)d)en 
begeic^net,  melier  ftcij  in  ber  ®emeinfd)aft  (£l)rifti  aufrieben* 
geftettt  unb  fräftig  füljlt,  anbrerfeitS  aber  er  im  (Streit  gegen 
bie  SBerfttjätigfeit  ber  römifdjen  ®ird>e  einen  neuen  gefdüd^t' 
liefen  SSertb,  für  un§  gemonnen  fmt. 

2.  Sßetrad)ten  mir  Söufee  unb  ©laube  in  üjrer  Söebeutung 
al§  ba$  (Stande  ber  23efeb,rung  umfaffenb:  fo  mufj  in  beiben 
sufammen,  mie  jeber  Sßenbepunft  augletdj  ba§  (Snbe  ber  einen 
Stiftung  ift  unb  ber  Anfang  ber  entgegengefesten,  audj  ba§ 
©ein  be§  SKenfdien  in  bem  (SJefammtleben  ber  (Sünbe  auf* 
Ijören  unb  ba$  (Sein  beffelben  in  ber  (35emeinfd)aft  (£fjrifti 
anfangen.  2)a  mir  aber  in  beiben  nur  al§  (Selbfttljätige  fein 
fonnen,  entgegengefeste  £ljätigfeiten  aber  nur  nadj  einauber 
fein  tonnen :  fo  ift  ber  SSenbepunft  smifc^en  beiben  eine  jmie* 
fadie  llntljätigfeit  in  ber  gorm  eine§  9ftd)tmeljrtljätigfeut§  in 
jener  unb  -ftoi$mcfjttljättgfein§  in  biefer.  gür  fein  geiftig 
lebenbige§  ©ein  bleibt  bafjer  bem  ©ubjeet  nur  übrig  ^tatt  ber 


1  Catech.  Rom.  praef.  27.  Cum  enim  finis  qui  ad  beatitu- 
dinem  homini  propositus  est  altior  sit,  quam  ut  humana  mentis 
acie  perspici  possit,  necesse  ei  erat  ipsius  a  Deo  eognitionem 
aeeipere.  Haec  vero  cognitio  nihil  aliud  est  nisi  fides.  —  ibid. 
P.  II.  de  poenit.  8.  Verum  in  eo  quem  poenitet,  fides  poeniten- 
tiam  antecedat  necesse  est .  .  .  ex  quo  fit,  ut  nullo  modo  poenitentiae 
pars  recte  dici  possit. 


ßrfter  2(&idjmtt.  55on  bem  guftanöe  öe§  Triften  jc  145 

toerfdiroinbenben  £fjättgfeit  ber  letbentlidie  9?a<$flang  berfelben 
im  (SJefübl,  unb  in  $8e§ug  auf  bie  noc&  ni<$t  begonnene  al§ 
leibentlic^e  SBoraljnung  ba§  Verlangen.  2)a§  erfie  nun  ift  bie 
ffteue,  meiere  atterbing§  baä  ©ein  in  ber  (Semeinfcbaft  ber 
©ünbe  auSfagt,  aber  nid)t  al§  felbfttbätig,  benn  Äeue  ift 
immer  nur  tt>o  ber  bereute  Buftanb  abgeflogen  nrirb,  fonbern. 
al§  gehalten  eine§  vergangenen  im  ©elbftbettmMein.  2)iefe§ 
Söettmitfein  ift  in  iebem  Moment,  melier  aud)  nur  5ln* 
näberung  an  ben  Uebergang  fein  foH  nur  2lu§fage  einer 
(Störung  unb  Hemmung  be§  eigentlichen  £eben§,  alfo  Unluft; 
unb  bie  ber  SBefebrung  angebörige  Sfteue,  meldte  ftdj  ntd)t  auf 
einzelnes  fonbem  auf  ben  (Stefammtäuftanb  h^kUt  unb  ibn 
für  immer  abftöfet,  ift  mitbin  für  fid)  allein  betrautet  bk 
reinfte  öottfommenfte  Unluft,  meldte  in  ungeftörter  Steigerung 
gebaut  aHerbing§  ba$  Seben  auflöfen  tonnte.1  Unb  bier  ift 
8U  bemerten,  bafj  bk  Sfteue,  meiere  mit  ber  au§  bem  ®efej 
entftebenben  (Srfenntnifj  ber  ©ünbe  sufammenbängt,  nid?t  bk 
unmittelbar  ber  SBefebrung  angeljörtge  fein  fann.  £)enn 
eine§tbeil§  öereinjelt  ba§  ®efej  [einer  Sftatur  na$,  unb  fo 
fann  au<$  bie  SKeue  nur  auf  bie  einzelnen  #Hd)tungen  geben 
niebt  auf  ben  (Sefatnmtauftanb  unb  feinen  innerften  ©runb; 
anbemtbeit§  ift  in  biefem  gufammenbang  nichts,  morauS  ftcb 
eine  entgegengefe§te  fjfttctjtunö  entmiffeln  lönnte,  unb  biefe 
SReue  müfjte  alfo  in  ibrer  gortentmifflung  ertöbten  ober  ber* 
jmeifeln  mad>en.  Sßiebiel  alfo  audj  öon  biefer  Sfteue  boran= 
gegangen  fein  mag,  bk  mabre  $Befebrung§reue  mufj  immer 
auteat  entftebn  au§  ber  Slnfc&auung  ber  Mfornmenbeit 
<£briftt,  unb  fo  aud)  biefer  Anfang  ber  SSiebergeburt  auf  feiner 
ertöfenben  Sbätigfeit  beruben.  Unb  nur  unter  biefer  $orau§* 
fejung  berftebt  ftd&  aud)  bk  Bufammengebörigfeit  öon  Söufje 
unb  staube,  inbem  ftdj  Mbt  au§  berfelben  Duelle  entmiffeln. 
(£Ijriftu§  fann  nur  bie  oottfommenfte  SReue  ermeffen,  inbem 
feine  ftd)  mittfjettenbe  SSoElommenbeit  un§  in  ibrer  Söabrbeit 
entgegentritt,  meld)e§  eben  gefebiebt  in  ber  (Sntftebung  be§ 
($5Iauben§;  unb  er  fann  un§  nur  mit  feiner  aufnebmenben 
Sbätigfeit  mirfltd)  ergreifen,  menn  in  golge  feiner  un§  be* 
luegenben  ©elbftbarftetfung  unfer  bi§bertger  Buftanb  öänslic& 


1  Apol.  Conf.  V.  p.  169.  Mortificatio  significat  veros  terrorea 
—  quos  sustinere  natura  non  posset ,  nisi  erigeretur  fide.  Ita  hie 
{Col.  2, 11.)  exspoliationem  corporis  peccatorum  vocat,  quam  nos 
usitate  dieimus  contritionem ,  quia  in  illis  doloribus  coneupiscentia 
naturalis  expurgatur. 

©c$(.,<£&rtft(.®LII.  10 


146  Der  Qrtftltdje  ©laube.  3»eiter  £fjeü. 

abgeflogen  mirb.  ©djeinen  nun  gleid)  auf  biefe  Sßeife  Sfteue 
unb  (glaube  unmittelbar  sufammenäuljängen:  fo  beginnt  bo<$ 
audj  ba$  ©ein  in  ber  SebenSgemeinidjaft  mit  ©brifto,  roeil 
mir  un£  babei  nidjt  anberS  behalten  !önnen  als  bie  menfd)* 
Iidje  Sftatur  (£t)rifti  fi<$  in  bem  3lct  ber  Bereinigung  behielt 
mit  bem  rufjenben^emufjtfein  be§  WgenommenfeinS,  roeldjeS 
nidjt  nur  urft)rüngti<$  ein  freubigeS  unb  im  (SJegenfa^  gegen 
bie  SReue  aufridjtenbeS  ift,1  jonbern  fid)  audj  burd)  ftetige 
gortbemegung,  inbem  e£  eine  Anregung  be§  2öiHen§  fdjon 
in  fid)  fcljliefjt,  aur  SBittenStfjätigfeit  auSbilbet,  meSljalb  aud) 
mit  ber  (Sntfteijung  oeS  ($5tauben§  bie  35e!e^rung  ftct)  botfenbet. 
2)od)  aber  tritt  ähn[d)en  jene§  rufjenbe  SöemuMein  unb  bie 
mirflid)e  £f)ätigfeit  ba$  Verlangen,  unb  smar  in  tfoti  su* 
fammengeprigen  formen  al§  ba&  fortmätjrenbe  bon  ber  9tae 
^urüffbleibenbe  9lbftofeen  ber  ®emeinf<$aft  be§  fünbltd)en 
SebenS  unb  als  ba%  Slufnefjmembotfen  ber  bon  ©cjrifto  au§* 
geljenben  ^mbulfe.  Unb  MefeS  smeiftrabiige  Verlangen  ift 
bie  bon  (£fjrifto  gemirfte  ©inneSänberung  meldje  Sfteue  unb 
(Sntftelmng  be§  (SttaubenS  berbinbenb  W  maljre  @tnt)eit  ber 
23e!e^)rung  barftettt.  äftan  fann  fte  bafjer  mit  gleichem  $fted)t, 
menn  man  fid)  mefjr  an  ben  erften  abftofjenben  «Straljl  Ijält, 
mit  ber  sJteue  unter  bem  Segriff  ber  Sßufje  bef äffen,  ober  menn 
man  fid)  an  ben  Jmfttiberen  ansiefjenben  (Strahl  jjält  mit  §ur 
^Belebung  sieben,  als  man  fie  aud)  al£  ein  eignes  äftittelglieb 
aufstellen  fann.  —  ®eljen  mir  aber  etmaS  meiter  surüff  in  baä 
®efammtleben  ber  ©ünbljaftigfeit,  fo  finben  mir  mandjerlei 
5fteue  in  bem  Gebiet  ber  <$riftlid)en  grömmigfeit  —  beun  bon 
anberer  aufjerfcalb  beS  (£f)riftentljum£  ober  gar  ofjne  Söeaug 
auf  baS  (SJotteSbemufjtfein  fann  tjter  ntdjt  bie  9*ebe  fein  — 
meiere  alfo  näljer  unb  entfernter  aud)  auf  bie  Slnfdjauung 
(£fjrifti  äurüffgef)t,  unb  nid)t  immer  auf  etnselneS  ftd)  befdjränft, 
ionbern  ftdj  alSUnluft  an  ber  allgemeinen  menfd)tidjen  <Sünb= 
imftigfeit,  mie  biefe  in  ber  eignen  $erfon  sunt  $orfd)ein 
fommt,  mirflicfc  bemäljrt,  ft#  a&et  bod)  nidjt  in  einer  Stetig* 
feit  ber  inneren  üöeroegungen  MS  äur  (Sntftetjung  be§  leben* 
bigen  (Glaubens  fortentmiffelt  £)emoljngead)tet  finb  folcfje 
oom  ©inffafe  beS  d)riftiid)en  ®efammtlebenS  auSgetjenbe  (£r* 
regungen,  menn  fte  aud)  nur  eine  unäufammenljängenbe  unb 
al§  äufäHiß  erfdjemenbe  ä)?annigfaltigfeit  bon  Momenten 
bilben,  bennod)  alS  göttlid)  aemirft  ansufefcen ;  unb  smar  im 


1  Ibid.     Et    vivificatio    intelligi    debet  .  .   consolatio  quae  ver» 
austentat  fugientem  vitam  in  enntritione. 


(Srfter  Slofönitt.  SSon  bem  3uftanbe  be§  Triften  ac.  147 

3ufammenbang  mit  ber  göttlichen  Drbnung  nad>  welcher  alle 
Sftenfcben  in  23esiebung  mit  bem  (Sri  öl  er  fallen  gefegt  m  erben, 
unb  in  Mefem  «Sinn  toerben  folebe  Buftänbe  ber  §ubor* 
fommenben  göttlichen  (SJnabe  jugefcbrieben. *  Stuf  bie* 
feibe  SBeife  erfcbeint  audj  <5inne§änberung  bor  bem  ftetigen 
Bufammenfjang  mit  ber  Söefebrung,  bie  ebenfalls  um  fo  mebr 
a(§  bie  ©inftcbt  meiere  borber  angeftrebte§  bernrirft  auf  ba$ 
Söilb  unb  bit  £ebre  (£brifti  surii!!  fiet)t ,  al§  ein  SBerf  ber 
borberettenben  ®nabe  su  betrauten  ift.  Unb  niebt  immer 
t>ereingelt  finben  mir  beibe§,  fonbern  folctje  3?eue  unb  folebe 
3inne§änberung  belieben  ftcb  aueb  auf  einanber,  obne  bafj 
ber  ©barafter  be§  borbereitenben  be$fya\b  aufborte.  2)aber 
jener  böbere  ©baralter  beiber  nur  an  ber  gleichzeitigen  (Snt* 
ftebung  be§  ®laüben§  fann  erfannt  m erben,  unb  bie 
boßfommne  mir  ff  ante  göttliche  ©nabe  ftcb  nur  in  ber  (Sin* 
beit  aller  breier  §eigt.  2lHerbing§  aber  giebt  e§  aueb  folebe  bor* 
läufige  Slnnafjerungen  an  ben  (glauben.  2)enn  ein  folcbeS 
$)urcbbrungenfein  bon  ber  menn  aueb  nur  für  menfeblicb  er* 
fannten  SSoftfommenbett  be§  (SrlöferS,  ba%  iljm  nidjt  mebr 
anbere  Sßeife  ober  ®ottbegabte  pofttit)  gleicb  geftetft  merben, 
ein  foIcr)e§  SSoblgefatfen  an  ber  ^bee  feinet  SfteicbeS,  mobureb 
e§  über  anbere  menfcblicbe  Sßerfucbe  gefteüt  mirb,  fyat  man 
Unrecbt  al§  ein  Slburtbeilen  menfebtieber  Vernunft  über  ibn 
ausufeben,  inbem  eine  Slbnung  feiner  böberen  SSürbe  barin 
febon  berborgen  liegen  unb  eine  innigere  Eingebung  ftcb 
barau§  geftalten  fann.  SBielmebr  ift  aueb  biefe§  borberettenbe 
($5nabe,  unb  e§  gilt  mitbin  aueb  bon  bem  (glauben,  bafc  ber 
böbere  ©barafter  beffelben  in  feinem  (Sntfteben  nur  an  ber 
(Sinbeit  mit  ben  anbern  beiben  Momenten  §u  erfennen  ift 
ipierau§  folgt  bon  fetbft,  ba  ja  aueb  mit  einer  böberen  $or* 
ftetfung  bon  bem  (Srlöfer,  tuelcbe  ftcb  tu  ber  «Seele  erzeugt, 
gar  leiebt  nur  unbollfommene  Dfoue  unb  @inne§änberung 
berbunben  fein  fann,  ba%  bie  Söefebrung  niebt  an  unb  für  ftcb 
ober  gar  an  irgenb  einem  einzelnen  beftimmten  Seieben  bon 
btn  SBirfungen  ber  borbereitenben  (Snabe  unterfebieben  roerben 
fann,  fonbern  nur  aHmäblig  fann  ba%  eigne  93emu^tfein 
barüber  ftdjer  unb  ber  griebe  be§  £>ersen§  feft  merben.  S)enn 
aueb  febon  tatäbemngen  an  ben  (Stauben  muffen  auf  Me 
$anblung§meife  einen  (Stnflufj  baben,  melcber  bon  ben  erften 


1  $>er  S(u§bruft  ift  immer  ungenau,  ba  unferm  allgemeinen  SöpuS 
infolge  alle  göttlid)e  ®nabe  immer  auborfommenb  ift,  unb  rfajttger  wäre 
botöereitenbe  au  fagen. 

10* 


148  Der  d&rlftlt<$e  ©laubc.  3»eiter  £$ell. 

Wenigen  ber  Heiligung  um  fo  mentger  mit  (Sic&erljeit  ju 
untertreiben  ift,  als  audj  baS  mabre  Seben  (Stjrifti  in  UnS 
ftd)  nadj  bett  (^efe^en  ber  organifdien  9?atur  anfangs  nur 
in  fdjtuadjen  unterbrochenen  Regungen  berfimbigt,  unb  erft 
attmätilig  eine  äufammentjängenbe  ^ätigfeit  ftdö  barauS  bilbet. 
SSir  finb  alfo  Ijiemtt  nur  auf  bie  ftetigen  f^ortfctjritte  in  ber 
Heiligung,  nur  bafc  mir  biefe  in  iljrem  ganzen  Umfange 
nehmen  muffen,  unb  auf  unfere  £ljeilnaljme  an  ber  2ter= 
breitung  beS  SfteidjeS  GHjrifti  gemiefen.  5)enn  auf  ber  einen 
(Seite  ift  baS  unbollfommne  feiner  Statur  nad)  am  meiften 
fc&manfenb,  auf  ber  anbern  <&eite  läfet  ftdj  md)t  benfen,  bat? 
ein  Sftenfdi  in  bie  ©infjeit  beS  SebenS  mit  (£f)rifto  aufs 
genommen  fei,  oljne  fid)  aud)  balb  in  feinen  Söeftrebungen 
als  ein  SSerfseug  feiner  erlöfenben  £ljätig'feit  §u  bemäfjren. 
Söenn  batjer  ber  ©rlöfer  bie  entjd)etbenbe  äöirfung  ber  gött= 
lidjen  ®nabe  eine  neue  (Geburt  nennt:  fo  §aben  mir  aud) 
bieS  mit  barunter  %u  berftefjen,  bafj  fie  hrie  bie  (Geburt  surn 
irbifdjen  Seben  einmal  nid)tS  böEig  urfbrüngltdjeS  ift,  fonbern 
ein  berborgeneS  Seben  iljr  fdmn  borangefjt,  bann  aber  aud), 
bafj  fie  eben  mie  jene  für  ben  9^eugebornen  ein  unberoufjteS 
ift,  unb  er  ftd)  nur  allmäljlig  als  eine  nrirflidje  $erfon  in 
ber  neuen  SBelt  finben  lernt.  SBei  biefem  bon  bem  (£rlöfer 
felbft  aufgehellten  Söilbe  fielen  bleibenb  Ijaben  mir  unS  babet 
äu  beruhigen,  bafj  menn  audj  meber  Slnbere  nod)  mir  felbft 
ben  Anfang  unfereS  neuen  SebenS  anzugeben  bermögen,  unb 
er  überhaupt  ber  Seit  nadj  eben  fo  menig  §u  beftimmen 
fein  mag,  als  bem  Raunte  nadj  ber  SlnfangSpunft  beS  SBinbeS, 
ber  Untertrieb  felbft  ättrifdjen  bem  neuen  Seben  unb  bern 
alten  bemotmerad^tet  berjelbe  bleibt,  unb  mir  aud)  unferS 
SlntljeilS  an  bem  erftern  immer  gemiffer  merben. 

3.  S)aber  nun  fann  bie  Bumutlmng,  jeber  (5^r)rtft  muffe 
3cit  unb  ©tunbe  feiner  Mehrung  anzugeben  bermögen,  als 
eine  hnllfuljrlic&e  unb  anmafjenbe  Söefdjränfung  ber  göttlichen 
<55nabe  aud)  nie  anbete  folgen  Ijaben,  als  bie  (SJemütljer  ju 
bermirren.  tiefer  (gebaute  fjat  ftd)  am  beftimmteften  ge- 
haltet in  ber  Söe^aubtung  einer  fonft  adjtimgSmertljen  gartet 
unferer  ^tretje,  bafj  nämlich  ieber  ma^re  (£fjrift  an  einem 
Söufjfambf,  baS  tjeifjt  an  einem  an  berätoeifelnbe  ©elbft= 
berabfd^euung  grenjenben  föerbortreten  ber  Sfteue  unb  an 
einem  barauf  folgenben  eben  jo  an  unauSfbred)lidje  ©eltgfeit 
grensenben  (SJefütjl  ber  göttlichen  <$nabe,  ben  Anfang  feines 
(SJnabenftanbeS  muffe  nadjtueifen  tonnen,  mibrigenfaUS  alle 
ftefttgfett  beS  föeräenS  nur  £äufd)img  unb  alle  üöetoeife  ber 


(Elfter  Stöfänitt.  SSon  bem  ^uftanbe  be§  ©Triften  jc.  149 

Heiligung  nur  trügerifc&eS  90tafd)enmerf  feien.  OTetn  MeS 
§af  feinen  (gingang  in  bk  öffentliche  Seljre  gefunben,  unb 
mufc  audj  als  eine  bebenflidje  2lbn?eid)ung  be^eic^net  bleiben. 
Unb  smeierlei  läfjt  ftctj  in  biefer  ©infidjt  beftimmt  nadjmeifen. 
(£rftli<$  baf$  bie  ttmfjre  bon  ber  Sfteue  bi§  §um  (glauben  ftdj 
fcotfenbenbe  (SinneSänberung  feineStoegeS  immer  auS  einem 
folgen  Ueberfcfjtuang  bon  Sfteue  Ij eroorf priesen  muffe,  melier 
in  einem  beinahe  baS  2>afein  §erfprengenben  fcrjmerslidjen 
©efüljl  befielt.  2)enn  einesteils  ift  baS  9Jcaafj  ber  Srreg* 
barfeit  fo  oerfdjieben,  bafc  nidjt  nur  maS  in  einem  minber 
bemeglidjen  ($5emütb  in  ber  Xljat  bit  Jjödjfte  Erregung  ift, 
bem  beroeglidjeren  nur  als  untergeorbnet  erfcrjetnt,  fonbern 
aud?  in  bemfetben  Sftenfcljen  firtbet  ftdj  eine  äljnlidje  $er* 
fctjiebenrjeit  ju  Oerfc&iebenen  Seiten,  fo  ba%  fdjon  eine  $8e* 
fttmmung  unb  Vereinbarung  Ijierü&er  unmöglich  ift.  5Inbern= 
fljeilS  lerjrt  bie  (£rfaljrung  auS  un^ä^ligen  £ebenSbei$reibungen 
frommer  9ftenj$en,  ba%-  menn  auct)  ®emütbSerf  Fütterungen 
in  ifmen  borgegangen  roaren,  meiere  fie  suöerftcrjtltct)  für  ben 
2lugenbliff  ber  Söefetjrung  hielten,  fie  bodj  nid)t  feiten  Ijer« 
nad}  mieber  in  folcrje  ßeerljeit  unb  ttngemif^ett  berfinfen 
fonnten,  bafc  ber  angenommene  SSertlj  jener  2Iugenbliffe  gan§ 
ameifelljtfft  erfcfjeint ;  fo  ba%  auct)  in  folgen  gäHen  bie  Sefrtfl* 
feit  beS  £>er§enS  nur  aHmä^Iig  erttftetjt.  (£nbli<$  mufj  man 
oudj  in  jeber  Sfteue  ben  (Sc^merä  als  bk  ftnnlictjere  «Seite 
fcon  ber  Mißbilligung,  meiere  ia  nidjt  bloß  Urteil  ift  fonbern 
auc§  (S5efüfjl,  als  ber  geiftigeren  unterf Reiben;  inbem  beibe 
in  einem  ferjr  öerfcfjiebenen  Sßerljältnijj  mit  einanber  öer~ 
bunben  fein  fönnen,  fo  ba%  in  einem  §ur  SJcäfsigung  aller 
ftnniic&en  ©mpfinbungen  fdjon  geübten  ®emütlj  bie  ftrengfte 
unb  tieffte  Mißbilligung  fein  fann,  oljne  ba%  ber  ©djmerj 
in  bem  gleiten  Verljältnifs  fterje.  %a  auf  *>er  einen  ^>t\k 
ift  %u  beforgen,  baß  menn  bk  föeftigfeit  beS  (SdjmerseS  bem 
pausen  Suftanb  ein  übertoiegenb  finnlidjeS  (Gepräge  giebt, 
alSbann  bk  9ieue  felbft  noct)  ntdjt  lauter  unb  audj  in  ifjren  | 
innerften  Sriebfebern  bon  aller  finnlictjen  Söeimifcfcung  no<£ 
nietjt  frei  fei,  unb  bemnaefj  nid)t  geeignet,  ben  lebenbig 
madjenben  (glauben  in  ifjrem  unmittelbaren  (befolge  ju  Ijaben. 
Unb  auf  ber  anbern  (Seite,  je  öfter  unb  ftärfer  fd)on  folctje 
unboEfommne  Üteue  bor  ber  Vefei[jrung  eingetreten  ift,  befto 
leichter  fann  auetj  baS  SBerfjältmfj  ber  Mißbilligung  §um 
^djmerä  fteft  in  ber  eigentlichen  58uße  anberS  geftalten;  fo 
büß,  maS  jene  gemattete  (Selbftmißbiltigung  Ijerborruft,  an 
welche  ftdj  ber  (Glaube  unb  ber  fcofitiüe  $ol  ber  8inneS- 


150  $er  djrtftltcfje  ©laube.  3toetter  Xfjeü. 


änberung  anfdjliefet,  nur  raie  eine  (Erinnerung  an  ba$  frühere 
£eib  unb  ein  ©djattenbitb  ber  f<$on  erfahrenen  @d)mersen 
fein  barf.  &ierau§  Qet)t  auf§  neue  Ijerbor,  nrie  unäuläfjig 
bk  gorberung  ift,  bafj  jeber  foHe  bie  ba%  neue  ßeben  be= 
ginnenbe  SSirfung  ber  ®nabe  bon  ben  borbereitenben  an  ben 
(Srf  Meinungen  be§  SöeraufetfeinS  unterfc&eiben  fönnen.  SBir 
fönnen  bafjer  überhaupt  bem  begriff  be§  $ufjfambf§  nur  in 
fofern  Realität  sugefteljen,  al§  man  barunter  ben  gefammten 
2Sed)fel  bon  Buftänben  berfteljt,  bon  ben  erften  aufforbernben 
unb  öorbereitenben  ®nabenttnrfungen  an  bi§  ju  ber  un- 
manbelbaren  geftigfeit  be3  Verseng  int  (Stauben;  in  welken 
längeren  ober  fürgeren  Bmif  dienräumen  fie  aber  §ufammen= 
gebrängt  ober  berbreitet  finb,  unb  hrie  feljr  mätjrenb  biefer 
3eit  bk  einzelnen  <Sd>mhtgungen  bon  einanber  btfferiren, 
fo  mie  ob  bk  legte  grabe  bk  ftärffte  fein  muffe,  gänjlic^  un= 
beftimmt  laffen  mitf.  —  2)a§  §meite  ma§  feftgeftettt  merben 
fann  ift  biefe§.  äöenn  §u  ber  &eben§gemeinf$aft  mit  (Eljrtfto 
aucg  bk  £f)eilnal)me  an  feiner  ©eltgfeit  gehört:  fo  mufc  biefe 
aud)  bon  Anfang  an,  alfo  auc&  in  ber  Gmtfte^ung  be§ 
(Glaubens  um  fo  meljr  mitgefejt  fein,  roetl  bie  ber  Üteue  an* 
Ijaftenbe  Unfeligfeit  nur  bur<$  itjr  ®egentf)eü,  nämlich  bk 
(Seligfeit,  aufgehoben  merben  fann.  2)a  nun  bie  beiben 
£auotmomente  ber  Söefeljrung  audj  gan§  nafje  §ufammen* 
rüffen  fönnen,  unb  aud)  in  ber  bottfommnen  9teue  ber 
(Sc&mer*  nidjt  immer  ftarf  fjerbortritt:  fo  ftnb  aud)  gar 
mannigfaltige  $erljältniffe  möglid)  äroifdjen  bem  (Schmers 
in  ber  Sßufje  unb  ber  greube  in  bem  SöettmBtfeüt  ber  Seben§- 
gemeinfdjaft  mit  (£§rifto,  unb  aud)  biefe§,  bafj  menn  gu  einem 
fdjmadjen  Seibmefen  ein  l)errltd)ere3  Slufftraljlen  ber  greube 
ftd)  ganj  naf)e  gefeilt,  iene§  baburd)  faft  ganj  unfc&einbar 
tu  erben  fann.  2öie  e§  alfo  unläugbar  ©eftalten  ber  $8e* 
fetjrung  giebt,  bk  am  meiften  al§  eine  nur  eben  nodj  glüff= 
lid>e  Rettung  bor  ber  SSersmeiflung  aufeufaffen  ftnb:  fo  giebt 
e§  audj  fold)e,  in  benen  bon  einem  folgen  Sßufjfamjjf  gar 
ntd)t§  borfommt,  fonbern  bk  mie  eine  faft  reine  SMeligung 
bon  oberi&er  empfunben  merben,  fo  faft  nämlidj  al§  ba& 
fdjtnerslidje  in  ber  9tae  jurüffgebrängt  merben  fann  o^ne 
bod)  gans  §u  berfdjrainben. 

4.  SBenn  ieboct)  mehrere  Setjrer  foraol  ber  englifdjen  al§ 
aud)  ber  beutfdjen  ®trc&e  neuerli^  bie  Söeljaubtung  aufftetten, 
e§  bebürfe  überall  feiner  Söefefjrung  für  bk,  meldte  im  ©djoofc 
ber  djriftlid>en  ®irdje  geboren  f d)on  al§  ®inber  in  bie  ®emeinfd)aft 
berfelben  aufgenommen  maren,  inbem  biefe  ia  fd)on  (bliebet 


erfter  8(6fdjntti.  SSon  bem  3u[tanbe  be§  Triften  jc  151 

an  bem  ßetbe  ©öriftt  rociren,  unb  fctjon  in  ber  £aufe  bte 
Söiebergeburt  erlangt  Ratten:  fo  muffen  mir  Vermöge  faft  aHe§ 
bt§f)er  au§einanber  gefegten  Ijieäu  bie  Buftimmung  berroeigera. 
2)enn  an  unb  für  ftd)  finbet  fic§  atte§,  roa3  früher  al§  Urfadje 
ton  ber  ©ntftefmng  ber  ©ünbe  in  bem  ÜDfenfdjen  angegeben 
morben,  eben  fomol  bei  ben  in  ber  ctjriftlidjen  ®ird}e  (Sebornen 
al§  bei  anbern:  fo  bafj  aud)  jenen  bie  Neigung  einrootmt,  ba$ 
göttliche,  ma§  aUerbing§  bon  ber  c&riftlidjen  ©emeinfctjaft  au§ 
auf  fte  einroirft,  in  ba§>  (Gebiet  be§  ftnnlidjen  ^erabjuaie^en. 
^a  man  fann  füglict)  fagen,  baf3  fidj  in  jebem  au$  (fcriftltdjen 
$tnbe  balb  metyr  bie  r)etbntfd)e  leicfcjtftnntg  frebelnbe,  balb 
meljr  bk  jübifdje  trübftnnig  ängftli^e  Sßerftnnlidmng  be§ 
göttlichen  Don  felbft  enthnffelt.  Sßemt  alfo  troj  ber  ^inber* 
taufe  aud)  in  iljnen  bie  €>ünbe  eine  SJcactjt  roirb:  fo  bebürfen 
fte  aud)  eben  fo  fet)r  ber  SBefebrung,  mie  bie  aufjer  ber  ®irctje 
<$5ebornen.  ®er  einzige,  roirflidj)  gegebene  Unterschieb  ift  alfo 
nur  ber,  bafj  e§  hd  ben  legten  sufätfig  ift,  ob  unb  roie  ber 
fHuf  be§  @bangelium§  an  fte  gelangt,  jene  aber  ftnb  fcrjon 
baburd)  berufen,  bafj  fte  in  einem  natürlichen  unb  georbneten 
3ufammenljang  mit  ben  SSirfungen  ber  göttlichen  ®nabe  ftefjn. 
SIMn  baburd)  roirb  b\t  r)ier  bargelegte  natürliche  Orbnung, 
nämlich  bte  golge  ber  borbereitenben  unb  ber  belebenben 
<$5nabe  feine§roege§  aufgehoben;  roo  aber  biefe  Drbnung  ift, 
ba  finbet  and)  eine  Sßefeljrung  ftatt.  Unb  jene  Söetjaubtung 
finbet  aud)  in  unfern  Sßefenntni^j Triften  lj öd)ften§  einen  fd)ein= 
baren  Sßorfcrjub;  im  ®runbe  aber  ftimmen  biefe  gän^lid)  mit 
bem  obigen  überein.  S)ie§  giebt  ftd)  tljeilS  baburd)  ju  er= 
fennen,  ba§  fte  in  ber  SBetjanblung  ber  Seljre  bon  ber  $8e* 
fe^rung  eine§  Unterfd)iebe§  3tt>ifd)en  in  unb  aufjer  ber  ®irdje 
gebornen  gar  rttctjt  ermähnen,1  ttjeilS  baburd),  ba%  fte  unterer 
Saufe  au§brüffüctj  nur  ben  Anfang  ber  göttlichen  (Knaben* 
roirfungen  auftreiben;2  bafj  biefer  aber  in  ber  $irdje  audj 
oljne  borgängige  Saufe  berfelbe  ift,  beroeifen  bie  Saufgeftnnten 
burctj  bie  %$at  Slnbere  ©teilen  freuten  ficr)  freiließ  jener 
SMjauptung   meljr  gu    nähern.3    Mein  roemt  man  bebenft, 


1  9ftan  bergleidje  in  ber  Senologie  ber  ©onfeffton  bie  ganse  ©etjanblung 
ber  begriffe:  33ufce,  SBefenntnifj  unb  ©enugtf)uitng. 

2  Apol.  Conf.  I.  Addidit  etiam  (Lutherus)  de  materiali  quod 
Spiritus  sanetus  datus  per  baptismum  ineipit  mortificare  coneupis- 
centiam  et  novos  motus  creat  (offenbar  CUtd)  nur  ineipit  creare)  in 
homine.  —  ibid.  IV.  Igitur  necesse  est  baptizare  parvulos,  ut 
applicetur  iis  promissio  salutis. 

Expos,  simpl.  XX.  p.  71.     Assignantur  haec  omnia  baptismo. 


152  £er  tfjriftlidje  ©laube.  Btoeiter  SDjetl. 

mie  fie  anbermärt§  oon  ber  Sßiebergeburt  jagen,  bafe  in  ber* 
jelben  un§  ber  I;.  ®eift  jum  SBerftänbnifj  ber  göttlichen  ®e* 
beimniffe  erleuchte,1  unb  bafj  mit  ber  Sßiebergeburt  bie 
.^ligung  beginne:  fo  fieljt  man  mol,  bafj  fie  eigentlich  nur 
bie  urförüngltctje  £aufe  ber  Gsrmacbfenen  unb  SSerlangenben 
auf  biefe  2lrt  mit  ber  SSMebergeburt  öerbinben,  unb  bieä  nur 
gleicfyam  erlaubnifcmeife  auf  bie  SHnbertaufe  auSbefjnen.  Unb 
geroife  tft  nirgenb  in  ben  ©Triften  biefer  ®irdjen  ehua8 
met)rere§  gemeint,  alg  ma§  aud)  Sabin2  über  btefen  ®egen* 
ftanb  fagt,  roetd)e§  mit  bem  obigen  autf)  genau  genug  überein* 
ftimmt,  inbem  nur  baffelbe  unter  ben  „©amen  ber  Söufje  unb 
be§  ®lauben§"  oerftanben  merben  fann.  —  $)afc  man  aber 
unmiffentlid)  nur  gar  su  leicht  mieber  in  ba§  magif<$e  gerate, 
tt)enn  man  bie  Sötebergeburt  mit  unferer  5lrt  baä  ©aframent 
ber  Saufe  §u  Ijanbtiaben  in  SBerbinbung  bringt,  ba§  mirb  bon 
felbft  anftfjaulidj  merben,  menn  mir  nun  nodj  bie  grage  be= 
-antm  orten,  mie  ftdj  nadj  bem  oon  un§  allgemein  aufgehellten 
Zt)pu$  bie  aumeljmenbe  £§ättgfeit  ©fjrifti  unb  ber  leibentltctje 
3uftanb  beS  2lufeuneb,menben  gegen  einanber  oerfjalten. 

5.  2Ba§  nun  ba$  erfte  betrifft,  fo  erfdjeint  Ijier  hrieber 
eine  Unb equemlicb,feit  unterer  5lnorbnung,  inbem  inberöffent* 
liefen  ßeljre  rjäufig  bie  SBiebergeburt  bem  göttlichen  ®eift  ju* 
getrieben  mirb,  oon  meinem  mir  no#  gar  nict»t  geljanbelt 
^aben,  fo  mie  um  audj  an  ba$  näc^fte  fdjon  angerunbigte  i\x 
erinnern  bie  göttliche  £bätigfeit  in  ber  Rechtfertigung  ®ott 
bem  Sßater  pflegt  beigelegt  §u  merben.  2ßir  muffen  aber  §ier 
toieber  an  ben  ®runbja§  erinnern,  bafc  ba§  ganae  SSerfafjren 
in  ber  ©rlöfung  fo  mie  e§  o^ne  Unterfct)teb  für  alle  Wolter 
^uben  ober  Reiben  baffelbe  tft  fo  aud)  für  alte  Seiten,  unb 
ba%  bie  ©elbigleit  ber  ©rlöfung  unb  ber  c^riftlic^en  (gemein* 
fetjaft  gefärjrbet  märe,  menn  unfer  (glaube  entmeber  einen 
anbern  ®e§alt  Ijätte,  ober  auf  eine  anbere  SBeife  entftänbe  — 
benn  bie$  jieljt  notfjmenbig  jene§  na<$  ftd)  —  als  hei  ben 


Nam  intus  regeneramur  purificamur  et  renovamur  a  Deo  per  spiritum 
sanetum,  foris  autem  aeeipimus  obsignationem  etc.  —  Conf.  Gal- 
lic  XXXV.  p.  123.  Quamvis  baptismus  sit  fidei  et  resipiscentiae 
sacramentum,  tarnen  .  .  .  affirmamus  .  .  infantes  .  .  esse  baptizandos. 

1  Expos,  simpl  IX.  p.  20.  In  regeneratione  intellectus  illumi- 
natur  per  Spiritum  sanetum  ut  et  mysteria  et  voluntatem  Dei 
intelligat. 

2  Institutt.  IX.  16,  20-  Baptizantur  in  futuram  poenitentiam 
et  fidem,  quae  etsi  nondum  in  Ulis  formatae  sunt ,  arcana  tarnen 
Spiritus  operatione  utriusqne  semen  in  Ulis  latet. 


grfter  »ofönitt.  35on  bem  guftanbc  be§  ©Triften  ic  153 

erften  Jüngern.  Gmtftebt  aber  ber  staubt  auf  biefelbe  3lrt, 
fo  mufe  audj  bie  Söefefjrung  auf  btefelbe  2lrt  gefdj>efjen.  ^n 
ben  erfieu  Jüngern  uuu  itmrbe  betbe§  bettrirft  burdj  ba$  SBort 
im  roeiteren  ©inn,  b.  5.  burdj  bie  gefammte  pro^'etifc^e 
£fjätigfeit  (£brtfti;  uub  mir  muffen  atfo  biefe§  gemetnfcf)aftlid)e 
al§  fotd)e§  eben  fo  gut  berfteljen  fonnen,  Vorläufig  auc&  obnebte 
Se^re  bon  bem  ^eiligen  (Seift,  roie  aud)  bie  jünger  iljren  eignen 
guftanb  ofjne  btefelbe  berftanben.  gortroäbrenb  alfo  ift  e§  §u= 
nätftft  biefelbe  götütc^e  ßraft  be§  2öorte§,  ben  2Iu§bruff  in 
bemfelben  Umfang  berftanben,  burdj  meiere  au<$  jcjt  no<$  bie 
Sßefebrung  bettrirft  ttrirb  unb  bei  glaube  entfielt.  9ta  bafc 
bie  ©elbftbarfteöung  GHjrifti  iejt  bermitteit  ift  burdj  biejenigen, 
meldje  ibn  berfunbtgen;  ba  aber  biefe  ilmt  als  feine  Drgane 
angeeignet  finb,  mithin  bie  ^ättgfeit  bon  ijm  au§gef)t,  fo 
ift  fte  immer  mefentlidj  bk  feinige.  ®ie§  behaupten  audj  bie 
meiften  unferer  Söetenntnifjfdiriften,  toenngletdj  mit  berjenigen 
QSesugnafjme  auf  ben  fjeüigen  ®eift,  bk  un§  erft  unten  beut* 
lidj  merben  ttrirb,  gans  beftimmt  unb  auSjc&liefcenb.1  Unb 
roenn  anbere  ©teilen  ft$  roeniger  au§fd)liefjenb  §u  erflaren 
f feinen:2  [o  ttrirb  in  biefen  legten  auf  2lu3nat)tnen  Sftüffftcfct 


1  2tug§g.  23 e f.  V.  ©olc&en  ©lauben  au  errangen  Bat  ©Ott  btö 
$reblgtamt  eingebt  —  burd)  al§  burd)  2Jttttel  ber  heilig  ©eift  ertoefft 
unb  bie  fersen  träft  unb  ©tauben  glebt.  —  Art.  Smalc.  VII.  Con- 
stanter  tenendum  est  Deum  nemiui  spiritum  vel  gratiam  suam  largiri 
nisi  per  verbum  et  cum  verbo  externo  et  praecedente ;  unb  ift  gtt 
merfen,  tote  fiter  bie  S^ittf^eilung  be§  ©eifte§  als  SRefuItat  oefefirieoen 
totrb,  —  ut  ita  praemuniamus  nos  contra  Enthusiastas,  qui  iactitant  I 
se  ante  verbum  et  sine  verbo  spiritum  habere.  —  Expos,  simpl. 
XIV.  p.  36.  Per  poenitentiam  autem  intelligimus  mentis  in  homine 
peccatore  resipiscentiam,  verbo  evangelii  et  spiritu  saneto  excitatam. 
—  ibid.  XVI.  p.  43.  Haec  autem  fides  merum  est  Dei  donum, 
quod  solus  Deus  ex  gratia  sua  .  .  .  donat,  et  quidem  per  Spiritum 
sanetum  mediante  praedicatione  Evangelii,  —  Conf.  Gall.  XXV. 
p.  120.  Credimus  quoniam  non  nisi  per  Evangelium  fimus  Christi 
compotes.  —  Conf.  Bei g.  XXIV.  p.  184.  Credimus  veram  hanc 
fidem  per  auditum  verbi  Dei  et  Spiritus  saneti  operationem  homini 
insitam  eum  regenerare. 

2  Expos,  simpl.  I.  p.  4.  Quamquam  enim  nemo  veniat  ad 
Christum,  nisi  qui  trahatur  a  patre  ac  intus  illuminetur  per  spiritum 
sanetum,  seimus  tarnen  Deum  omnino  velle  praedicari  verbum  Dei. 
Equidem  potuisset  per  spiritum  sanetum  suum  aut  per  ministerium 
angeli  r  instituisse  Cornelium  etc.  —  Agnoscimus  interim  Deum  illu-  i 
minare  posse  homines  etiam  sine  externo  ministerio  etc.  —  Conf., 
Helv.  XIV.  p.  97.  Quae  (ecclesia)  externis  .  .  ritibus  ab  ipso 
Christo  institutis  et  verbi  Dei  .  .  publica  diseiplina  .  .  ita  construitur, 


154  £er  c^riftlitfe  ©laube.  Stoctter  Sfjcil. 

genommen,  meldte  genauer  betradjtet  bodj  nur  fcfjeinbare 
ftnb.  ®enn  man  barf  nur  ba$  Sßort  felbft  bon  bem  öffent* 
liefen  2)ienft  beffelben  gehörig  unterfdjeiben,  unb  bebenfen 
bafc  alle  Triften  einen  gemeinfamen  2>ienft  am  SBort  öer= 
rieten,  um  breift  ju  behaupten,  ba%  fein  SBeiftriet  aufgefteHt 
merben  lönne  oon  einer  Sßefefjrung  obne  Sßermittelung  be§ 
28orte§;  unb  bie  Sßeforgnifj  nerfdjnunbet  leidet,  al§  ob  burdj 
eine  ftreng  au§fd)liefjenbe  Söefjauptung  biefe§  S^att§  bie 
göttliche  OTmait  befc&ränft  merbe.  2)enn  ber  smeite 
@d)öpfung§act  mtrb  grabe  babur$  als  ein  SSerf  ber  gött- 
lieben  Slttmadjt  erfannt,  ba%  allein  burd)  bie  in  bemfelben  ftcf) 
offenbarere  föraft  ba§  (SJefdjäft  ber  SBefeljrung  an  alten 
(gläubigen  bottfüljrt  roirb;  unb  baß  SSunber  ber  (Srfd)  einung 
(jljrifti,  melier  felbft  nur  unter  ber  gorm  be§  28orte§  mitten 
fonnte,  mürbe  unsureidjenb,  menn  Einige  müßten  anber§  als 
bureb  bie  bon  ifjm  auSgefjenben  SSirfungen  befefjrt  merben; 
mie  benn  biefe  au$  nidjt  mit  in  baS  Ijo|)ej)riefterlidj)e  ®ebet 
(Prifti  eingefcbloffen  mären.1  Unb  mieberum  menn  e§  mög- 
lieb  märe,  ba%  ©inigen  (£briftu§  obne  ba$  SBort  unmittelbar 
innerlich  offenbart  merben  fönnte:  fo  Ijätte  biefe§  au$  Sitten 
gefcfyeben  fönnen,  melcf)e§  auf  eine  (Srlöfung  burd)  bie  blofje 
Sbee  be§  @rlöfer§  Ijinau§liefe,  mobei  benn  bk  ©rfdieinung 
Gf)rifti  überftüfeig  ftmrbe.  Unb  eben  biefe§  ift  ber  für  bie 
gegenmärtige  £eit  befonber§  gebörenbe  ($5runb  unferer  übrigens 
auf  ber  ganzen  apoftolifd^en  SßrajiS  unb  auf  bem  au§brüff= 
liefen  geugnifj  ber  ©c&rift2  berubenben  Söeljaubtung,  ntdjt 
etma  nur  bie  Slbftctjt  un§  gegen  einige  ©cbmärmer  ftc&er  in 
{teilen.  Slber  mol  tonnen  mir  erft  bermittelft  biefeS  ®a§e§ 
bie  (55efär)rlicljfett  ber  ©cbmärmerei  über  biefen  $unft  bott- 
fommen  einfeuern  2)enn  menn  göttliche  (55nabenrairfungen  bei 
ber  Söefetjrung  angenommen  merben,  melcbe  an  feinen  ge= 
fd)id)tlid)en  Sufammentjang  mit  ber  ^erfonlictjen  SSirffamfeit 
dbrifti  gebunben  ftnb,  gefest  aud)  fie  tarnen  als  SBirtungen 
(Xbrifti  in§  Söemufjtfetn:  fo  märe  bod)  feine  ©icberbeit  ju 
baben  für  bie  ©elbigfeit  biefe§  innertidjen  (EljriftuS  mit  bem 
gefd)icbtlid)en.  2)at)er  jebe  ©arftettung  ber  &a$t,  melcbe  in 
ber  $8efet)rung  bem  SBorte  fein  au§fd)HefeHdje§  $ttä)t  nimmt, 
niebt  nur   alle  (Trensen  berrüfft,   inbem   geber   mit   unbe* 


I  ut    in    hanc    sine    his    nemo     nisi  singulari  Dei    privilegio 
|  censeatur. 

1  3°5-   17,  20. 

2  mm.  10,  17.     %\t    1,  3. 


grfter  Stöfdjnitt.  Sott  bem  guftanbe  be§  (Stiften  jc.  155 

fdjränfter  Söittfübr  auf  btefeXbe  Sßeife  aHe§  für  <$riftltä)  unb 
bon  (£brtfto  ausgegangen  barbieten  fann,  jonbern  fte  ijtbt  and) 
alle  (Semeinfdjaft  auf,  tnbem  ^eber,  ber  ein  rein  itmerHdj 
unb  urfarüngtid)  erleuchteter  ift,  aucij  ein  öoftfommen  in  ftd) 
abgefdjlofjner  fein  mufj  %u  feiner  ©emeinfdjaft  oeranlafjt  unb 
feiner  bebürftig,  nrie  benn  alle  mabrbaft  feparatiftifdäen  £en= 
beugen  bon  äbnlicben  Sßorfteßungen  auggefm.  S)te  2Sirffam= 
feit  (J^rtfti  ift  alfo  bier  nur  in  ber  menfä)ltd)en  üDcittljeilung 
be§  3Sorte§,  aber  nur  in  ber  biefer,  fofern  fte  ba§>  SSort 
(£tjrifti  fortbewegt,  einmobnenben  göttlichen  ®raft  (£brifii 
feibft,  roobei  e§  aber  ooltfommen  ber  Sßafjrfjeit  gemäfj  ift, 
roenn  bem  Söeroufjtfein  be§  in  ber  SöeMjrung  begriffnen  jebe 
menfc^Itcrje  Bmifdjenroirfung  öerfc&minbet,  unb  (£briftu§  ft<$ 
ibm  gan§  in  feiner  erlöfenben  unb  berföbnenben  Sbätigfeit 
üou  ber  propb ettfdjeit  an  bi$  §u  ber  föniglidjen,  meiere  öon 
ibm  SBefts  ergreift,  unmittelbar  öergegenmärtigt.  Sft  nun  in 
biefem  ©trat  atte§  bon  bem  erften  ©tnbruff  ber  SSerfünbigung 
(£t)rifii  auf  ba&  (Semütlj  bi§  §ur  Sefeftigung  im  (glauben, 
ma§  nur  jur  SBefebrung  beiträgt,  Sßirftamfeit  (£§riftt:  fo  finb 
aueb  btefe  göttlichen  ($5nabenroirfungen  übernatürlich),  fofern' 
fte  auf  bem  «Sein  ®otte§  in  ber  Sßerfon  (£örifti  berubn  unb; 
bon  biefem  auef)  rotrflicb  ausgeben;  aber  fte  finb  sugletä)  ge= 
f($icf)tlic§  unb  gefcbicbtbilbenb  aljo  natürlich,  fofern  fte  im 
allgemeinen  an  ba§>  gefcbidjtlicbe  £eben  (Sr)rifti  naturgemäß 
gebunben  finb,  unb  aud)  einzeln  ]tbt  eine  neue  $erfönlid)feit 
begrünbenbe  SBitfung  aud)  iljr  Söerf  an  ben  gefctjic^tlicrjeri 
Bufammentjang  aller  SBirfungen  (£brifti  anfnübft. 

6.  Ueber  ben  guftanb  keg  ©ubjecteS  feibft  mäbrenb  ber 
Söefefjrung,  infofern  mir  btefe  al§  ben  Moment  betrachten, 
melier  ben  Eintritt  in  bie  ßebenSgemeinfcbaft  mit  (Sfjrtfto 
bottenbet,  ferjeint  ftctj  bon  feibft  §u  berfteben,  bafj  rcenn  biefer 
Moment  ber  Anfang  einer  Pieren  ßeben§form  ift,  meiere 
nur  bon  ßtjtifto  ntitgetrjeüt  raerben  fann,  roeil  fie  nur  initjm 
urfprüngtid)  gegeben  ift,  baf$  bem  5lufgenommenmerbenben 
feibft  feine  Urfcidjttdjfeit  pfornmen  fann,  mie  auf  feine  SGBeife 
jene  pfjere  gorm  au§  ber  nieberen  ScbenSftufe  roeber  (£ine§ 
no$  mehrerer  §u  befebrenben  besborgeben  fann.  2luf  ber 
anbern  (Seite,  roenn  mir  bebenfen,  ba%  ber  S3efer)rte  bema<$ 
in  ber  ^eben§gemein|ct)aft  ©briftt  feibft  unb  borijer  aueb, 
roenngleidj  in  bem  ®efammtteben  ber  Sünbe,  boeb  al§  ber= 
nünftig  ftnnli$e§  ©inselroefen  felbfttbätig  ift,  unb  ba%  über- 
bauet in  feinem  Sebenbigen  irgenb  ein  ganzer  Moment  oljne 
alle  ©elbfttljötigfett  fein  fann:  fo  finb  sroei  Sragen  niebt  §u 


156  Ser  djriftlic$e  (älaube.  3toeiter  Sfjeil. 

umgeben,  bereit  erfte  bte  ift,  SBie  ftd)  ba§  in  bem  Moment 
ber  Söefefjrung  geroifc  öortjanbene  naturgemäße  £tmn  be§ 
«Subjeftä  au  ber  bte  ©tnneSänberung  unb  ben  Glauben 
fjerborrufenben  ©tnnnrfung  (£Ijrifti  oerfjält;  bte  anbere  aber 
bte,  SBie  ft<$  ber  öorauSgeieate  leibentltd^e  Buftanb  ^^Xtnb 
ber  Söefeljrung  %u  ber  barauf  folgenben  ©elbfttbätigfeit  in 
ber  ®emeinf<$aft  (£ljrtfti  behält.  —  2öa§  nun  bte  erfte  be= 
trifft:  fo  fönnen  mir  obne  bou  unferer  (SrunbborauSfeaung 
abjuroei^en,  bte  natürltd&e  ©elbfttfyätigfeit  be§  SOtaftfien  in 
biefem  Slugenbliff  nid)t  at§  SDcitmirfung  betrauten.  OTer* 
btng§  iftbabei  mitroirfenb,  ma§  fdjon  burdj  bte  borbereitenbe 
®nabe  in  if)tn  gefegt  ift,  allein  bitä  ift  felbft  ein  SHjeil  ber 
göttlichen  ®nabenroirfung,  unb  geprt  tbm  nidjt  al3  fein 
etgne§  Sinnt.1  SSa§  au§  feinem  eigenen  Ämtern  berborgelit, 
tonnte  nur  in  fofern  9Jcitnnrhmg  fein,  al§  burdj  biefe  eignen 
Sbätigfeiten  bie  SSirffamfett  ber  göttlichen  ®nabe  mirftiä) 
bebingt  märe.  üftun  ift  eine  folctje  Söebingtljeit  aKerbing§ 
uic^t  abäutäugnen.  25enn  ba$  SSort,  burcb,  melc^e§  bte  (£im= 
mirfung  (£t)riftt  bermittelt  ift,  fann  biefe  Vermittlung  nur 
leiften,  fofern  e§  in  ben  SJcenfc&en  einbringt,  mo^u  bk 
£§ätigfett  fomot  feiner  @imte§m  erzeuge  al§  ber  innem 
Functionen  be§  ^8emußtiein§  erforberüdj  ift.  £)aljer  audj  mit 
TRectjt  bie  gäijjtßtett  gu  biefer  Sluffaffung,  auct)  fofern  bte 
Xfjättgfeit  aller  iener  Functionen  bon  bem  freien  SBiUen  be§ 
Sftenfdjen  abpngt,  il)m  in  feinem  natürlichen  Buftanb  bzU 
gelegt  merben  muß.2  Sßa§  aber  cjefcr)ier)tf  nac&bem  ba§  SBort 
in  bie  ©eele  eingebrungen  ift,  baß  nämticb,  baffelbe  feinen 
Stüdt  bei  ben  9Jcenfd)en  erreicht,  baju  fönnen  mir  feine 
natürliche  SÖcitnrirfung  be§  SKenfc&en  zugeben.  $)aljer  aucf) 
ber  bie  Slufnaljme  be§  göttlichen  2öorte§  begleitenbe  Beifall, 


1  Sol.  decl.  p.  674.  Ex  his  consequitur,  quam  primum  Spir.  s. 
per  verbum  et  sacramenta  opus  suum  regenerationis  et  renovationis 
in  nobis  inchoavit,  quod  revera  tunc  per  virtutem  Spir.  s.  coope- 
rari  possimus  ac  debeamus.  —  Hoc  vero  ipsum  non  est  ex  nostris 
carnalibus  et  naturalibus  viribus,  sed  ex  novis  illis  viribus,  quae 
Spir.  s.  in  nobis  in  conversione  incboavit.  SEßeldjeS  eigentlich  Don  ber 
3ett  itad)  ber  93efeörung  gefagt  noO)  metjr  gelten  muß  al3  bon  ber  3eit 
fcorljer.  —  Ibid.  p.  681.  .  .  hominem  ex  se  ipso  aut  naturalibus 
suis  viribus  non  posse  aliquid  conferre  vel  adjumentum  adferre  ad 
suam  conversionem. 

2  Ibid.  p.  671.  In  eiusmodi  enim  externis  rebus  bomo  adhuc 
etiam  post  lapsum  aliquo  modo  liberum  arbitrium  habet,  ut  .  .  . 
verbum  Dei  audire  vel  non  audire  possit. 


(grfter  Stöfönitt.  2Son  bem  3m"tcmbe  be§  Triften  jc.  157 

fofcm  er  auf  ba§  roefentlidje  unb  eigentümliche  beffelben 
gerietet  ift,  nur  bett  oorgängigen  ®nabenroirfungen  §uge* 
fdjrieben  roerben  barf.  SSolXte  man  hingegen  bte  natürliche 
^ättgfett  roaljrenb  ber  Gsinroirfung  (£brifti  jur  Söefefjrung 
al§  S&iberftanb  anfeljen:  fo  müßte  fte  roemt  aud)  md)t  SJcifc 
fallen  bod)  memgftenS  ®leidj  gülttgf  eit  fein,  ba§  Ijeifjt  bte 
Sttjätigfeit  bliebe  auf  anbereS  gerietet,  unb  oerbielte  ftdj 
gegen  jene  Gsinrairfung  roie  %bi&.  ®ommt  aber  roäfjrenb 
eine§  folgen  $uftanbe§  bte  Söefeljrung  §u  staubt,  fo  gefctjter)t 
e§  roenigften§  nidjt  oermöge  be§  fo  aufgenommenen  28orte§. 
Mithin  giebt  audj  bte  Slnnabme  einer  gänslidjen  $8e§ief)ung§s 
loftgfeit  ber  eignen  £fjätigt"eit  §u  ber  Ijöljeren  ©inroirfung 
fein  befriebigenbeS  ütefultat,  unb  bie  Aufgabe  bleibt  ftefjn, 
einen  mit  ber  (Stnmirfung  ©Ijrifti  tu  Sßesug  fteljenben  Sfjättg* 
feit§auftanb  §u  fhtben,  melier  bodj  roeber  SSiberftanb  märe 
nodj  TOtroirfung.  dteljen  mir  nun  au§  oon  ber  äftitmirfung, 
meldte  mir  ai§  eine  cor  ber  ^luffaffung  Ijergebenbe  fdjon  ju* 
gegeben  Ijaben  nämltd)  ber  organifdjen,  unb  bon  bem  Wim* 
Timm  be§  3ßiberftanbe§,  nämüdj  ber  üiidjtung  be§  SSitten§ 
auf  anbere§  meiere  mir  fdjon  abgelehnt  baben,  fo  ift  offen* 
bar,  ba%  ledere  audj  nidjt  mit  ber  erften  befielen  fann,  ba% 
alfo  fdjon  jene  ÜOcitroirfung  ber  ^ ftjcrjifcrjen  Organe  sur  2luf* 
faffung  be§  2öorte§  audj  eine  .ßuftimmung  be§  SßiHen§  in 
ftdj  fdjltefet,  bit  aber  nichts  meiter  ift  al§  ba$  ftdj  Eingeben 
in  bie  ©inroirfung  ober  ba&  greilaffen  ber  lebenbigen  (Sni* 
pfänöltc^fett  für  biefelbe.  ®iefe§  9Jcittetglieb ,  auf  melcbeS  mir 
in  allen  äbnlidjen  fällen  jurüf ff ommen ,  unb  roeld)e§  ein 
leib  entlief)  er  ßuftanb  ift,  aber  bodj  ba$  Minimum  öon  ©elbft* 
tbätigfeit  in  ftei)  fdjliefjt,  meldjeS  su  jebem  boHen  Tloxmixt 
gebort,  entftmdjt  fonadj  ber  Aufgabe  oottfommen;  nur  Oer* 
birbt  man  bie  Sluflöfung  gänjlicb,  roenn  man  bie  (Empfang*  f 
Itdjfeit  roteber  tijeilt  in  eine  tätige  unb  leibenbe,  unb  für! 
unfern  gatt  nur  bie  leibenbe  miß  gelten  laffen,1  inbem  man: 
alBbann  bodj  oon  einer  anbern  gleichseitigen  @elbfttf)ätigfett 
9ted)enfdjaft  geben  mufj,  ba  benn  bie  alte  Verlegenheit  surüff- 
febrt.  ®ejjen  mir  nun  ju  ber  anbern  grage  über,  fo  ift  flar, 
bafj  ba  ba$  Seben  be§  (£rlöfer§  überhaupt  meil  auSfdjtiefeenb 
burd)  ba§  ©ein  $otte§  in  üjm  beftimmt  nur  £f)ätigfeit  ift, 
unb  gar  nidjt  Seiben:  fo  fann  audj  in  ber  (Stememfcbaft  feinet 


1  SSgl.  u.  0.  Gerhard  T.  V.  p.  113.  unb  Sol.  decl.  p.  662.  Et 
tioc  ipsum  vocat  (Lutherus)  capacitatem  non  activam  sed  passivam, 
ttield)e§  legiere  ieboct)  tttdjt  SutfjerS  Sßorte  fmb. 


158  £>er  tfjriftlidje  Glaube.  Siueiter  Stielt. 


£eben§  fein  Moment  blofj  Setben  fein,  weil  aüe§,  ma§  bartn 
üon  üjm  au§ge^t  unb  ^mpulS  mirb,  notbmenbig  £l)ätigfeit 
ift.  £)ie  ©elbfttbätigfeit  in  ber  2eben§gemetnftf)aft  (£brifti 
beginnt  alfo  mit  bem  Slufgenommenmerben  in  biefelbe  auQleid) 
nnb  oljne  allen  3toifdjem:aum ,  fo  ba^  man  jagen  fann,  bie 
Söefeljrung  fei  nicfjtS  anber§  al§  ba§  hervorrufen  biefer  mit 
(£l)rtfto  bereinigten  ©elbfttbätigfeit,  ba§  Reifet  bie  lebenbige 
(£mpfänglid)feit  getjt  über  in  belebte  ©elbfttfjätigfeit.  ^ebe§ 
®efteigertmerben  iener  lebenbigen  (Smüfänglid)feit  ift  ein 
SBerf  ber  öorbereitenben  göttlictjen  ®nabe;  burä)  bie  aur  53e* 
februng  mirffame  ®nabe  aber  mirb  fie  in  belebte  <Selbft* 
tfjätigfeit  bermanbelt.  Verfolgen  mir  aber  iene§  ©lement  öon 
biefem  $unft,  mo  e3  fd)on  burä)  bie  öorbereitenben  ©naben- 
mirfungen  gefteigert  erfcbeint,  meiter  rüttmärt§,  unb  fragen 
morin  benn  in  ben  erften  Anfängen  bie  Sebenbigfeit  beftanben 
Ijabe,  moburcb  fie  ftcb  bon  ber  ^affiöität  unterfdjieben :  fo  ift 
mol  nur  ^tn^umeifen  auf  ba$  menn  aud)  nod)  fo  febr  an  bie 
(Strenge  ber  Söemufjtloftgfeit  aurüffgebrängte  bod)  nie  gänäXicr> 
erlofdme  Verlangen  nad)  ber  (SJemeinfc&aft  mit  (S5ott,  meld)c§ 
mit  aur  urfbrüngttdjen  SBoIIfommenljeit  ber  menfcf)lid)en  Statur 
•  gebort,  ^nbem  mir  biefe§  alfo  al§  ben  erften  &nfnübfung§= 
punft  für  alle  göttlichen  ®nabenmirfungen  aufftetten:  fo 
fd^liefjen  ttrir  nur  iene  gänalicbe  ber  menfdjlid^en  Statur  burd)= 
au§  nidjt  angemeffene  ^affibität  au£,  üermöge  bereu  ber 
äftenfdj  in  bem  $8efeljrung§gefd)äft  ben  leblofen  SDingen  gleichen 
foU,1  feaen  aber  baburd)  nichts  bon  bem,  ma§  mir  in  unferm 
djrifttidjen  (Selbftbemu^tfein  fdjon  ber  ®nabe  ($5otte§  in  (Sljrtfto 
auftreiben ;  benn  1>aZ  blofje  SSerlanaen  ift  feine  SDjat,  fonberu 
nuc  ba§  Sßorgefübl  einer  unter  23orau§feaung  einer  öon 
anbermärtS  ijer  fommenben  Aufregung  möglieben  Xfyat,  ja 
nur  baffetbe  ma§  fid}  al§  (£rlöfung§bebürftigfeit  mamfefrirt, 
unb  oljne  metdjeS  folgerest  au<$  feine  Unluft  an  ber  all- 
gemeinen ©ünb^aftigfeit  möglich  märe,  fonbern  hie  (Selbft- 
berufjigung  bei  ber  Unbermeibiid)feit  ber  ©ünbe  allgemein 
fein  müfjte.  SDiefeS  Verlangen  ift  alfo  nur  ber  in  bem  menfd^ 
liefen  ®efd)led3t  unaustilgbare  fReft  jener  urfbrüngtietjen  gött* 
lieben  9Jcittb  eilung,  meiere  bie  menfcblidje  ^catur  conftttuirt, 
mithin  ntctjt  an  unb  für  fieb  fonbern  nur  fofern  fie  aur  be- 
ftimmenben  ®raft  erhoben  mirb,  ben  (Stegenfaa  aroiidjen  Statur 


1  Sol.  decl.  p.  662.  Antequam  autem  homo  per  Spir.  s.  .  .  . 
regeneratur  .  .  ex  sese  ad  conversionem  nihil  .  .  cooperari  potest, 
iiec  plus  quam  lapis  truneus  aut  limus. 


giftet  5Cbfc§nttt  SSon  bem  3uftanbe  be§  ©giften  :c.  1 59 

unb  ©nabe  bilbet.  ^a  bie  parallele  §miftf)en  bem  (£ntfteljen 
be§  göt'tlicben  2eben§  in  un§  unb  ber  9Jcenfcbmerbung  be§ 
@rlöfer§  bewährt  ftdj  aud)  bier.  ®enn  bte  £eib entüdjf eit  ber 
menfä)Iicben  Statut  in  jenem  Moment  mar  eine  eben  folcbe 
lebenbige  (£nu;fcmglicbfeit  für  ein  abfolut  fräftige§  ©otte§* 
bemufctfein,  ja  gletdjfam  ein  Verlangen  burdj  ein  foldje§  er= 
griffen  unb  beftimmt  ju  m erben,  meldje  burdj  jenen  fdjctyfe* 
rtfdjen  5lct  in  öerfanbilbenbe  ©elbftttjätigfeit  fcerroanbeit 
mürbe,  mie  biefeS  Verlangen  burd)  bit  ©elbfimittbetlung 
(Sbriftt  in  ber  Söefe&rung  ju  einer  ein  äufammenbängenbe§ 
neue§  Seben  conftituirenben  ©elbfttfjätigfeit  gefteigert  mirb. 

gmeiter  Sebrfaj.  23on  ber  Rechtfertigung. 
§.  109.  Safe  ©Ott  ben  ßdj  Sele^renben  rechtfertigt, 
fältelt  in  fia),  bafj  er  tf)m  bte  6ünben  t-ergiebt,  unb  tfyn 
al£  ein  $inb  ©otte£  anerfennt.  3)iefe  ttntänberung  feinet 
§8ert)ältTtiffe^  §u  ©Ott  erfolgt  aber  nur,  fofern  ber  2ftenf<$ 
ben  magren  ©tauben  an  t)tn  ©rlöfer  fyat. 

StugSo.  35 e f.  IV.  Unb  .  .  wirb  gelehrt,  ba&  wir  Vergebung  ber 
©ünben  erlangen  unb  cor  ©Ott  gerecfit  gefragt  werben  auä  ©naben 
um  ©&riftu§  njiHen  burd)  ben  ©Iau6en.  —  Conf.  Tetra p.  in. 
p.  231.  .  .  nostri  hanc  totam  (iustificationem)  divinae  bene- 
volentiae  Christique  merito  acceptam  referendam  solaque  fide 
percipi  docuerunt.  —  Expos,  siinpl.  XV.  p.  40.  41.  Iustificare 
significat  peccata  remittiere,  a  culpa  et  poena  absolvere  in 
gratiam  recipere  et  iustum  pronunciare.  .  .  Certissimum  est 
autem  omnes  nos  .  .  iustificari  solius  Christi  gratiä,  et  nullo 
nostro  merito  aut  respectu  .  .  .  Quoniam  vero  iustificationem 
hanc  recipimus  non  per  ulla  opera  sed  per  fidem  .  .  ideo 
docemus  .  .  hominem  iustificari  sola  fide  in  Christum.  — 
Conf.  Gallic.  XVIII.  p.  117.  Credimus  totam  nostram 
iustitiam  positam  esse  in  peccatorum  nostrorum  remissione, 
quae  sit  etiam  .  .  unica  nostra  felicitas.  Itaque  .  .  .  insitä 
Jesu  Christi  obedientiä  acquiescimus ,  quae  quidcm  nobis  im- 
putatur,  tum  ut  tegantur  omnia  nostra  peccata,  tum  etiam  ut 
gratiam  coram  Deo  nanciscamur.  —  ibid.  XX.  Credimus  noä 
sola  fide  fieri  huius  iustitiae  participes.  .  .  Itaque  iustitia  quam 
fide  obtinemus  pendet  a  gratuitis  promissionibus ,  quibus  nos 
a  se  diligi  Deus  declarat  et  certificatur.  — Conf.  Bei g.  XXII. 
p.  183.  Interim  proprio  loquendo  nequaquam  intelligimus 
ipsam  fidem  esse  quae  nos  iustificat,  ut  quae  sit  duntaxat  in- 
strumentum,  quo  Christum  iustitiam  nostram  apprehendimus. 
—  ibid.  XXXIII.  Credimus  nostram  beatitudinem  sitam  esse 
in    peccatorum    nostrorum    propter   Jesum  Christum  remissione 


160  ®er  djriftlic&e  ©taube.  Stoetter  Sfjell. 

atque     in     ea    iustitiam     nostram     coram    Deo    contineri.    — 
3o$.  1,12.     ®al.3,26.  4,5. 

1.  5Tuctj  in  Söe^anblung  biefe§  ®egenftanbe§  ftimmt  bet 
(Sbractjgebraud)  ber  angeführten  ftymbolif$en  ©dpften  nidjt 
genau,  unb  alfo  aud)  ber  in  unferm  <Sas  nid)t  gleichmäßig  mit 
allen.  28enn  bte  einen  mie  mir  ben  2lu§bruff  Rechtfertigung 
für  ben  meiteren  begriff  gebrauchen,  fo  brauchen  anbere  bafür 
ben  5lu§bruff  ©ünbenbergebung,  menn  fte  nämltdj  barin 
unfre  ganje  ®lüfffeligfeit  fejen ;  unb  f  ott  bann  Rechtfertigung 
nod)  etma§  befonbere§  fein,  fo  muß  fte  unter  jener  mit  ent? 
fjalten  gebaut  merben.  ^nbeffen  ift  einleudjtenb,  baß  (Sünben* 
oergebung  an  unb  für  ficf)  nur  bie  3luffjebung  einer  negatiben 
$röße  ift,  unb  alfo  feine  Söeäeidjnung  für  bie  gan§e  ®Iüff= 
feligfeit  fein  fann.  2öie  beim  aud)  bon  unferm  ©tanbfcunft 
au§  betrachtet  audj  ftreng  genommen  nur  ein  Sßerljältmß  ju 
<15ott  aufgehoben  märe,  aber  fein  neue§  gefest,  aufgenommen 
menn  ein  früheres  fdjon  ftatt  gefunben  fyättt;  benn  fonft  ftnb, 
menn  einer  bem  anbern  bergeben  Ijat,  bti'ö^  nur  eben  fo  au§* 
einanber,  mie  fte  borljer  maren.  £)a  nun  ber  5lu§bruff 
Rechtfertigung  auf  baffelbe  SBerfafjren  einer  Unterfuc^ung  be§ 
S5etragen§  Ijinroeifenb  einen  bofttiberen  ®lang  Ijat,  sumal  an 
Redjt  gehabt  Reiben  r)ter  rttctjt  ju  benfen  ift:  fo  ift  er  fdjon 
baburdj  meljr  geeignet,  entmeber  neben  jenem  negatiben  ein 
entfbrectjenbe§  pofttioeS  (Clement,  mie  e§  in  bem  2lug§b.  Söef. 
erfc^eint,  ober  audj,  meldje§  tjter  borgesogen  morben  ift,  baä 
(&anse  §u  besetdmen  unb  neben  ber  ©ünbenbergebung  nodj 
ein  üofttiüeS  (Clement  ermarten  ju  laffen.  Sßorsusieben  mar 
aber  biefe  Söeseidmung ,  meit  mo  bit  <5ünbe  borau§gefest 
merben  muß,  eine  Rechtfertigung,  mie  fte  autf)  entfiele,  bie 
(Sünbenbergebung  in  ftdj  fdjließen  muß;  inbem  aber  nun 
unter  ber  Rechtfertigung  nodj  etma§  enthalten  ift,  fo  hläht 
ba§>  anbere  befonber§  nac^äumeifen.  2)iefe§  mehrere  pofttibe 
brüffen  bie  übrigen  auf  eine  sientüdj  unbestimmte  unb  jugleicrj 
unbequeme  SBeife  au3  bureb  (ünabe  erlangen  su  (Knaben  an* 
genommen  merben ;  unbeftimmt  meil  bciZ  tnnsufommenbe  nidjt 
feinem  Snljalt  nadj  erflärt  mirb,  unbequem  meil  berfelbe 
$tu§bmff  in  biefer  Region  ber  <$lauben§leljre  überall  bon 
göttlicher  £fjättgfeit  gebraucht  Ijier  nur  baä  ^ultat  berfelben 
anbeuten  fotf.  Unfere  Ü8eseid)nung  biefeS  bofttiüen  (£Iemente§ 
ift  o^nftreitig  beftimmter,  aber  menn  gletdj  ber  5lu§bruff 
Ämbfdjaft  ober  5lboption  bei  ben  ®tauben§lebrern  häufig  öor- 
fommt,  bod)  fo  menig  an  biefer  ©teile  fambolifd),  baß  mir 


(grfter  Slbfömtt.  SSott  bem  3uftanbc  be§  Stiften  :c.  161 

auf  (SdjrtftfteEen  äurüfftoeifen  mußten,  in  benen  er  auf  ba$ 
beftimmtefte  unb  ättmr  in  bem|et6en  gufammentmng  begrünbei 
Ift.  ©ie  f)at  ^mar  biefeS  gegen  ftdj,  bafj  fte  fpractjlict)  meber 
mit  bem  allgemeinen  nocl)  mit  bem  anbern  befonberen  5iuS* 
brulf  sufammen^ängt;  allein  bieS  berfdjnnnbet ,  fobatb  ba$ 
©ac&berbältnifj  geprig  auSeinanber  gefegt  nrirb.  —  $an$ 
abmetdjenb  öon  bem  ebangeli|d)en  ift  ber  ©üradjgebraud)  ber 
römiferjen  ®ird)e  für  ben  SUtSbruff  Rechtfertigung,  inbem  fte 
iljn  nidjt  als  ein  Korrelat  ber  Söefefjrung  unb  alfo  unter  ber 
Sßiebergeburt  mit  befafjt,  fonbern  bielmefjr  allgemeiner  atö 
biefe,  fte  unb  bte  Heiligung  sugleictj  umfaffenb,  gebraucht. 
Söebenfen  mir  nun,  mie  auf  ber  anbern  <&zitt  ber  ©taube 
bor  bie  SBefetjrung  berlegt  mirb:  fo  ftetjt  man,  mie  beibeS 
äummmengeprt,  um  (glauben  unb  Rechtfertigung  mögltdjft 
meit  auSeinanber  ju  bringen,  unb  bann  befto  leichter  bte 
Rechtfertigung  beS  SRenfdien  als  bem  feiner  Heiligung  ab*  \ 
gängig  barftellen  §u  fönnen.  9lber  audj  abgefeljen  Ijiebon  . 
!ann  eS  nid)t  ratsam  fein,  ben  Unterfdjieb  ntöglictjft  ju  ber* 
nnfdjen  greiften  bem,  maS  göttliche  Söirfung  auf  ben  9Jcenf$en 
unb  bem  maS  göttliche  Sßirfung  in  bem  $2enfcrjen  ift.  3u* 
mal  un§  Ijter  baS  frühere  Seben  ofjne  göttliche  (Sinnrirtung 
in  ber  ©rfafjmng  gegeben  ift,  unb  mir  barauf  angeraiefen 
ftnb,  baS  folgenbe  als  in  bem  SBenbebunft  begrünbet  bon 
biefem  fetbft  als  bem  Begrünbenben  mobl  §u  unterfdjeiben. 

2.  2)a  bod)  bie  Rechtfertigung  baffetbige  ift  für  baS  in 
ber  Betrachtung  ru^enbe  (Selbftberoufjtfein,  maS  bie  Belehrung 
für  baS  in  SSiftenSregung  übergeljenbe:  fo  ift  audj  eine  Slna* 
Jogie  §mifd)en  ben  beiben  feilen  beiber  §u  ermarten  ;•  unb 
bie  Bufje  alS  baS  buret)  baS  Jöeroufetfein  ber  (Sünbe  bemegte 
©elbftberoufjtfein  !ommt  eben  fo  in  ber  (Sünbenb  er  gebung  §ur 
Rutje,  roie  ber  bon  feiner  (£ntftetjung  an  burdj  bh  Siebe 
tätige  glaube  im  ©ebanfen  baS  Bemufctfein  ber  SHnbfdjaft 
$otteS  ift,  als  roeldje§  ba ff elbe  ift  mit  bem  bon  ber  SebenS* 
gemeinferjaft  mit  ©fjrifto.  £>af$  iebüctj  bieS  nidjt  fo  §u  ber* 
fteben  ift,  als  ob  bie  ©ünbenbergebung  aud)  !önne  bor  bem 
glauben  Ijergeljn,  fagt  ber  8a§  felbft;  fonbern  nur  fo,  bafc 
fte  eben  fo  baS  ©nbe  beS  alten  guftanbeS  auSfagt  tote  bk 
SBufce,  unb  bie  SHnbfdjaft  ®otteS  eben  fo  ben  (Stjarafter  beS 
neuen  auSiprtdjt  mie  ber  (glaube.  BeibeS  nun  ift  aüerbingS 
eben  fo  mie  beibe  Momente  ber  Befeljrung  bon  ber  gefammten 
33jätigfeit  (£orifti  abhängig,  brüfft  aber  bod)  unmittelbar  unb 
an  fict)  nur  baS  SSet&ältnife  beS  äftenfdjen  au  Qfrott  auS.  gn 
bem  ©efammtleben  ber  ©ünbbaftigfeit  tjat  ber  ©injelne  als 

6*1..  ^riftt.©t.  II.  u 


162  £er  djrtftlidje  ©laute.  3tt»citcr  Stell. 

Sftenfcb  fein  anbereg  SBerbältnifj  ju  ©ott  al§  oermöge  feiner 
fcetligfeit  unb  ©eredjtigfeit  bag  33eit»ufettetn  ber  ^erfdjulbung 
gegen  üjn  unb  ber  (Strafmürbigfeit.  ©afj  bieieg  nun  auf« 
boren  mufj,  Wenn  erft  burcb  unb  mit  bem  ©tauben  bie  Sebeng* 
gemeinfcbaft  mit  (£brifto  entftanben  ift,  ift  offenbar.1  ftragt 
man  aber,  wie  bieg  gefcbiebt:  fo  ift  freiließ  am  leicbteften  ju 
fagen,  bafc  ie  länger  unb  ununterbrochener  mir  bon  (£brifto 
getrieben  werben,  um  befto  etjer  mir  bie  Sünbe  bergeffetv 
meil  fte  nid)t  meljr  erfdjehtt,  unb  fommt  bie.  (Sünbe  nietjt  tng 
üßemufjtfein,  bann  aud)  nict)t  bie  ©cfjulb  unb  (Strafwürbtgfeit. 
Mein  erftlict>  biefee  btefeg  bie  SSeränberung  beg  SBerbältniffeg 
ju  ©ott  erft  an  bag  (Snbe  ber  Heiligung  fegen,  jo  bafj  neben 
berfelben  bag  SBewufetfetn  ber  ©trafwürbigfeit,  mithin  aud> 
bie  Unfeligfeit  fortbauern  müfjte;  bann  aber  märe  aud)  bag 

'  Sßergeffen  ber  <Sd)ulb  fein  Sßemufetfein  ber  <Sünbenr>ergebung; 

'  benn  biefe  ift  wennglekb  nur  Slufbebung  eineg  früheren  bod) 
ein  wirflidjeg  53ewufctfein,  in  meinem  \>it  (Erinnerung  an  bie 
©ünbe  wefentlicb  mit  enthalten  ift.  (Sotten  alfo  Rechtfertigung 
unb Q3efebrung  glei^eittg  fein:  jo  mufj  bie  (Sünbenoergebung 
in  ung  gelebt  fein,  mäbrenb  bie  (Sünbe  unb  bag  SBewufjtfem 
berfelben  aud)  nod)  gefegt  ift.  Sftur  freiließ  menn  bit  $8e- 
äietjung  ber  (Sünbe  auf  bie  föeiligfeit  unb  ©eredjtigfeit  ©otteg 
aufboren  foO  mufc  auc§  fte  unb  itjr  Söewufetfetn  anberg  ge= 
morben  fein.  $ft  nun  ber,  weldjer  ftd)  in  bie  £ebenggemein* 
fdjaft  ßbriftt  bat  aufnebmen  laffen,  in  fofern  er  nun  t»on 
biefem  angeeignet  ift,  ber  neue  äftenfd),  unb  beibeg  ein  unb 
baffelbe  $8emufjt)ein:  fo  ift  in  bem  neuen  SJcenfcben  bie  (Sünbe 
ittdjt-  mebr  tbätig,  fonbern  fte  ift  nur  bie  9tacbwtrfung  ober 
Sftüffwtrfung  beg  alten  Sücenfcben.  2)er  neue  äTCenid)  alfo  eignet 
fteti  bie  (Sünbe  ntebt  mebr  an,  unb  arbeitet  aud)  gegen  fte  alg 
gegen  ein  frembeg,  Woburcb  alfo  bag  33ewufjtfein  ber  (Scbulb 
aufgeboben  ift.  $)ie  «Strafwürbigfeit  aber  mufe  tbeilg  idwn  bie* 
mit  öerfdjnnnben,  tbeilg  liegt  in  ber  ßebenggemeinfebaft  (£brtftt 
nidjt  nur  alg  etwag  ungewiffeg  fünfttgeg  fonbern  unmittelbar 
bie  Söereitwittigfett  unb  Söerecbtigung  sur  ©emeinfebaft  ber 
ßeiben  (£b*iftt,  nwmit  nun  unoerträgltd)  ift,  hak  er  gefellige 
unb  nod)  weniger  natürltcbe  llebel  für  (Strafe  aebte,*  ober 
gar  noeb  fünftige  (Strafe  fürebte,  ba  er  ja  aueb  in  ik  ©es 
meinfebaft  beg  föniglicben  $lmteg  (Sbrifti  aufgenommen  ift. 
Unb  fo  mirb  i&m  beg  ©laubeng  wegen  bag  Söemufctfein  ber 

1  S3fll.§.107,  1. 

3  SRöm.  8,  28.  35—38. 


Crfter  Slbftfmtt.  SSon  bem  3»[tanbe  bc§  Triften  jc  163 

©ünbe  gu  bem  ber  ©ünbenbergebung.  SBn§  aber  ba$  ätüette 
©ternent  betrifft,  fo  ift  e§  nicrjt  möglich,  bafj  (£briftu§  in  un8 
lebe,  obne  bafj  aucf)  fein  SSerbättnifj  gu  feinem  SSater  ftdj  in 
un§  geftalte,  mir  mithin  an  feiner  ©ofmfcfjnft  Xfjeü  nehmen. 
meld)e§  bie  bon  ibm  berrübrenbe  SCRacEjt  ift  ®inber  ®otte§  su 
fein;  unb  biefe§  fältelt  bie  ®emäbrleiftung  ber  Heiligung  in 
ftd).  $enn  ba$  $ed)t  ber  ®inbftf)aft  ift,  §ur  freien  SOcittfjätig* 
feit  im  £>au§mefen  erlogen  au  roerben,  unb  b(\3  ÜMaturgefej 
ber  ®inbfcf)aft  ift,  bak  ficf)  bitrc£)  ben  2eben§3ufammenl)ang 
audj  bie  21efmlid)feit  ntit  bem  SSater  in  bem  ®inbe  entttuffte. 
—  <So  ftnb  aucl)  beibe  (Elemente  unmöglich  bon  einanber  su 
trennen.  $)enn  eine  göttliche  Slboption  otme  Sünbenbergebung 
märe  nichtig,  ba  bie  Strafmürbigfeit  gurd)t  erzeugt,  unb  biefe 
$ne$tfd)aft;  unb  burd)  ©ünbenbergebung  olme  5lbootiott 
märe  fein  conftante§  Söerbältnife  ju  ®ott  gefegt.  Söetbe  aber 
in  bieier  llngetrenntbeit  ftnb  bie  gänalic&e  llmfeljrung  be§ 
23erbältniffe§  su  ®ott,  roeldje  nur,  fofem  mit  bem  21u§siebn 
be§  alten  SKenfdjen  öerbunben,  (Sünbenbergebung ,  fofern  mit 
bem  Slnsiefm  be§  neuen,  Slboptton  Reifet.  Unb  beibe  ftnb  audj 
fo  gegenfeitig  burcf)  einanber  bebingt,  bafj  man  iebe§  (Clement 
beibeg  at§  ba§  frühere  unb  al§  ba§  fpätere  anlegen  fann. 
$)enn  auf  ber  einen  Seite  fd)eint  ba$  Gefüllt  be§  alten  SebenS 
erft  getilgt  fein  §u  muffen,  efje  baä  be§  entgegengefesten  neuen 
ftrf)  bilben  fann,  auf  ber  anbern  (Seite  liegt  nur  in  bem  neuen 
ba$  ditfyt  unb  bie  ®raft,  ft<$  be§  alten  ju  entfd)lagen.  ÜOJan 
fann  alfo  gleid)  richtig  fagen,  nac&bem  bem  äJcenfcfjen  bie 
(Sünben  bergeben  ftnb,  mirb  er  in  bie  SHnbfdjaft  ©otteS  auf* 
genommen,  unb  nad^bem  er  in  bie  ®tnbfd)aft  ®otte§  aufs 
genommen  morben,  er&ält  er  Vergebung  ber  Sünben. 

3.  ®iefe  £arftellung  ber  ©aetje  mirb  stoar  nic&t  leicht 
bem  Sftifjoerftänbnifj  au§gefest  fein,  al§  ob  jeber  ftd)  felbft* 
rechtfertige,  inbem  fte  [a  aüe§  auf  bie  (Einmirfung  ßijrifti ; 
äurüfffübrt.  2lber  bodj,  inbem  fte  bie  Rechtfertigung  gans 
au§  ber  Söefebrung  ableitet,  fdjeint  fte  au<$  biefe  eben  fo  tote 
bie  Söefeljrung  gana  unb  gar  (S^rifto  auaufefcreiben  unb  fo 
aroar  bem  gana  ju  entfprecfcen,  bafj  bie  beiben  Steile  ber 
SBiebergeburt  fiefe  §u  einanber  behalten  rote  9ftittl)eüung 
ber  SSoHfommenbeit  unb  ä)cittt)eilung  ber  ©eligfeit  CSbrifti, 
unb  alfo  gana  auf  (Sbrtftum  surüffgefütjrt  merben,  roeld)e3 
ftcb  genau  aud)  ftjmbolifd)  rechtfertigen  läfet,1  augleic(j  aber 


1  Conf.  Belg.  XX.  p.  183.     Neccessarium    est    enim  aut  omni» 
quae    ad    salutem    nostram    requiruntur    in    Jesu    Christo   non  esse, 

11* 


164  2)er  djrifrtidje  GUaube.  ^roeitev  XIjetL 

bocb,  ganj  abäinuetdjen  bon  ber  {jerridienben  Slrt  unb  SBeife, 
meldte  bei  ber  Rechtfertigung  auf  eine  göttliche  Stljättgfeit 
3urüffgef)t,  unb  betbe  ©ünbenoergebung  unb  SÜboptton  auf 
eine  befonbere  •Söeife  auftreibt.1  Unb  biefelbe  gorberung 
liegt  äud)  in  unferer  Anlage,  fofern  bie  Rechtfertigung  al§ 
Veränberung  be§  SSerjältniffeS  311  ©ort  betrieben  ift;  mobet 
natürlich  bie  £t)ättgfeit  ®ott  sufommcn  mufc,  ber  äßenfä 
aber  nur  int  Ieibentlic^en  3uftanb  gebaut  werben  fann.  3&a% 
nun  ba&  lejte  betrifft,  fo  Ijaben  nur  un§  f<$on  mit  ber 
Ijerrfdjenben  $>arftellung  baburdj  in  SBerbinbung  gefegt,  ba% 
nrir  aüe§  tjieljer  geprige  mdjt  etma  f$on  ber  <5elbfttf)ättg= 
feit  be§  befefjrten  menngletcb,  ber  bur<$  ^riftum  bebingteu 
unb  non  tym  tjerborgelotften  äugefdjrtcben  Ijaben,  als  ob  bk 
Rechtfertigung  ein  Xfyexl  ber  Heiligung  märe  ober  au§  biefer 
Ijeroorginge,  fonbern  mir  §aben  fie  ganj  au§  ber  ©intuirrung 
(£b,rifti  abgeleitet,  meiere  in  ber  lebenbtgen  Gnnpfänglic&fett 
ben  (glauben  bemtrft.  2Ba§  aber  ba§>  erfte  betrifft,  fo  muffen 
mir  feljen,  mie  ftd)  biz  gormel  eine§  göttlichen  5lcteS  ber 
Rechtfertigung  §u  bem  bisherigen  berplt.  föier  ift  nun  juerft 
bieje§  flar,  ba%  mir  un§  biefen  göttlichen  $lct  feineSmeges» 
fönnen  unabhängig  benten  oon  ber  SSirffamfeit  (£ljrifti  in 
ber  Sßefeljrung,  al§  ob  eine§  otjne  ba§  anbere  fein  fönnte. 
2)ie§  gel)t  eben  fo  au§  bem  bisherigen  Ijeroor,  tnbem  mir 
un§  bie  Rechtfertigung  felbft  unb  bk  SöeMjrung,  al§  burd) 
einanber  bebingt  gebadet,  toie  e§  audj  in  ben  rtrdjlid&en 
gormein  liegt,  roetdje  ben  (glauben  al§  ba§  aufne^menbe 
Organ  für  biefen  2lct  barftetten,  benn  er  märe  ja  nichts 
menn  er  ntcrjt  aufgenommen  mürbe.8  lyn  .ber  affetifct)en 
$rofa  unb  $oefte  mirb  biefer  Bufammenbang  häufig  mit  $öe= 
jug  auf  bie  Vertretung  Sljrtfti  bargefteEt,  al§  ob  (£t)riftu§ 
Denjenigen,  in  meinem  er  ben  glauben  gemirft,  nun  ®ott 
auseige,  unb  üjn  äur  (Streuung  ber  ©ünbeno  er  gebung  unb 

aut  si  in  eo  sunt  oinnia ,  tum  eum,  qui  fide  Jesiiiu  possidet ,  totam 
Baiute  m  habere. 

1  Unb  bte8  ift,  fofern  mir  borauöieseu  büifen,  ba%  ber  2tu§brnH  redjt= 
fertigen,  tote  er  Ijier  erflärt  ift,  bem  $aulimicb,en  otxauöaai  entjpridjt, 
aud)  biblifdi ;  bie§  erfiettt  am  fd)lagenb[ten  am  9töm.  8,  33. 

*  Sffudj  fömboli[d)e  gormein  fteUen  biefe  Unaertrennltdjfett  bar  toietool 
nid)t  feiten  in  fdjwanfenben  SluSbrüffen,  an§  benen  erft  toenn  man  fid)  bit 
Aufgabe  fteHt  fie  an§äuflleid)en  ba%  ©ad)öerl)ältni&  Har  ^erDorae^t  $.  ©• 
Expos,  simpl.  XV.  p.  42.  Itaque  iustificationis  beneticium  non 
partimur  partim  gratiae  Dei  vel  Christo  partim  nobis  .  .  . 
»ed  in  solidum  gratiae  Dei  in  Christo  per  fidem  tribuimus.    . 


(Jxfter  &Mdjiiitt.  SSon  bem  guftanbe  be&  vjfjriften  jo  165 


ber  SHnbfdjaft  empfehle.  SBobei  freilief)  ba§  fcoetifdje  fefjr 
^eroorfticbt ;  benn  e§  ift  eine  ftarfe  $erfinnli$ung ,  menn 
mir  un§  oorftetten  fotten,  bafs  (£t)riftu§  ©Ott  etma§  anzeige. 
SSeber  in  biefer  pofitioen  nodj  in  jener  negativen  formet 
liegt  aber  irgenb  eine  9lbj&ängigfeit  eine§  göttlichen  §lcte£ 
öon  ber  SBirffamfett  (Sbtifti  ober  ifjrem  Refultat,  auclj  nidjt 
in  ber  mittleren  gorm  eine§  93emogenmerben§  bitrcfc  ©fjriftum. 
«Denn  mir  Ijaben  ja  aud)  biefe§  f$on,  wann  ^eber  nnb  mer 
iebe§mal  jur  Söerefjrang  gelange,  nidjt  %u  bem  Reidj  ber 
©nabe  geregnet  alfo  in  bie  21bf)ängigfeit  bon  (£fjrifto  gestellt, 
fonbern  sunt  3Reict)  ber  ffllafyt  nnb  in  bie  oon  ©ott,  mie  ja 
eben  biefe§  ba$  Stehen  be§>  $ater§  §um  «Sotme  ift.  3  to  etten§ 
läfct  ftcb,  Wenn  mir  fooiel  e§  fein  fann  oljne  SBerftnniictjung 
nnb  mit  bogmatifdjer  (Schärfe  reben  motten,  Ijier  eben  fo 
menig  als  anbermärtS  ein  seitlicher  in  einem  beftimmten 
Moment  erfolgenber  nnb  eben  fo  menig  ein  auf  einen  (Sinseinen 
gerichteter  51ct  annehmen;  fonbern  nur  eine  einzelne  nnb 
aettlid&e  SSirfung  eine§  göttltdjen  5lcte§  ober  3^atr)fc^Iuffe§ 
fann  e§  geben  aber  nidjt  einen  folgen  felbft.  2)a§  fjei&t, 
nur  infofern  jebe  bogmatifctje  Söefjanblung  öon  bem  @eH)ft# 
bemufetfein  be§  ©inselnen  au§gel)t,  nnb  fo  audj  biefe  bon 
bem  ber  Sßeränberung  feine§  SBerGäftniffe»  ju  (Sott,  tonnen 
mir  un§  bie  recf)tferttgenbe  göttliche  St^ätigfeit  in  üjrer  *Be* 
ätetmng  auf  ben  (Sinselnen  beuten;  unb  meü  ^eber  biefe 
SBeränberung  an  anbere  bap  gehörige  fnüpft,  fo  erfdjeint 
iene  S3e§iebung  al3  biefen  gleichseitig.  9?ur  in  fofern  unb  311 
biefem  53etjuf  ift  eine  fofdje  Vereinzelung  unb  SSeräeitttctjung 
göttlicher  iptigfeit  oergönnt,  aber  fie  barf  nidjt  für  etma§ 
an  unb  für  fiel)  gehalten  merben,  al§  ob  bie  Rechtfertigung 
iebe§  (ginselnen  auf  einem  abgefonberten  göttlichen  Ratt)* 
fdjlufc  beruhte,  menn  man  itm  aud)  al§  Oon  @nrigfeü  fjer 
gefaxt  unb  an  bem  beftimmten  geitöunft  nur  in  Sßirtüdjfeit 
tretenb  barftetten  mottle.1  SBiehneljr  giebt  e§  nur  ©inen 
emigen  unb  allgemeinen  Ratbfdjlufc  ber  Rechtfertigung  ber 
9Jcenfdjen  um  (SJjxifti  millen.  tiefer  Rattjfcrjhtfc  mieberum  ift 
berfelbe  mit  bem  ber  Beübung  (£f)rifti,  fonft  müfcte  biefe 
olme  U)ren  (Srfolg  in  (Sott  gebaut  unb  befdjloffen  fein,  unb 
biefer  mieberum  ift  nur  Siner  aud)  mit  bem  ber  ^c&öpfung 
be§  menfd)lid)en  ®efdjledjt§  fofern  erft  in  ©tjrifto  bie  menfdj* 
lic^e  Ratur  Oottenbet  ift.  Unb  mie  in  ©Ott  benfen  unb  »j 
motten,  moHen  unb  tljun  nid)t  &u  trennen  finb:  fo  ift  au$  . 


STal.   Gerhard  IV.   p   14' 


166  SDcr  djriftltdje  ©taube.  3toetter  £f>eil. 

olleS  btefe§  nur  ©in  göttlicher  2lct  sur  Umänberung  unfereS 
S3ert;ältntffeg  ju  ®ott,  beffen  jeitliclje  SManifeftatton  in  ber 
9ften|djroerbung  (Sljrtfti,  bon  meiner  bie  gefammte  9?eu[ct)öpfung 
ber  SKenfäen  au§gel)t,  iljren  Einfang  nimmt.  Unb  Don  ba 
ob  ift  aucfc  bie  seitliche  Shmbgebung  bte|e§  göttlichen  5lcte§ 
eine  roaljrljaft  ftetige,  erfctjeint  aber  un§  ifjrer  SSirfung  nad) 
in  fobtel  bon  einauber  getrennte  fünfte  gleid)fam  serfcfylagen, 
al3  einzelner  $cenfd)en  Bereinigung  mit  (£t)rifto  gefest  roirb. 
93etrad)ten  mir  nun  bie  Rechtfertigung  tu  t^ren  beiben 
Elementen,  fo  merben  mir  eben  fo  fagen  muffen,  ba%  einen 
einzelnen  Rat^fdjlufc  ber  ©ünbenbergebung  unb  ber  Slbofc* 
tion  annehmen  tjtefee  ®ott  unter  ben  ©egenfas  be§  abftrocten 
unb  concreten  ober  be§  allgemeinen  unb  einzelnen  fteUen, 
tnbem  ja  ber  Sfcat&fdjlui  ber  ©rlöfung  nichts  anber§  ift  al§ 
ba$  allgemeine  in  beiber  Söeaielmng.  Slufjerbem  aber  ift 
bem  3ttenfdjen  ba%  Söeroufjtfein  ber  ©djulb  unb  ©trafroürbig* 
feit  nur  bon  ©Ott  georbnet  in  Söestetjung  auf  bie  ©rtöfung, 
alfo  nur  als  ein  überall  unb  für  jeben  mit  bem  ©intreten 
ber  ©rlöfung  in  fein  Seben  berfd»minbenbe§,  mithin  bebarf 
e§  für  ba$  5luff)ören  berfelben  feine§  befonberen  göttlichen 
Sftatljfct)luffe§  ober  2lcte§,  fonbern  nur  ba%  bem  ©inselnen 
ba$  SöerouMein  biefe§  5iufl)ören3  entftebt,  unb  mie  bie§  im 
3ufammenl)ang  mit  ber  SBefeljrung  gefdjebe,  ift  oben  bar* 
gelegt.  ©ben  fo  in  SSejug  auf  bit  Slboption  liegt  in  bem 
göttlichen  9tatt)fdjluf$  ber  ©rlöfung  ober  ber  Sfteufcppfung  ber 
menfcrjüd)en  9caiur  fd)on  biefe§,  bafj  ©Ott  ba$  menfdjlidje 
(55ef$le<$t  angenehm  ift  in  feinem  ©oljn,  fo  ba%  e§  eine§ 
einzelnen  2lcte§  ber  ben  ©in^elnen  ju  einem  ©egenftanb  ber 
göttlichen  &iebe  ma$e  nid)t  bebarf,  fonbern  nur  in  bem 
•Gsinselnen  mu£  baä  SBehmfetfetn  biefe§  $er§ältniffe3  entfielen, 
unb  bie§  gef$iel)t  rote  oben  betrieben.  £)aljer  roir  nur 
©inen  allgemeinen  göttlichen  9ied)tfertigung§act  in  Söejug 
auf  bie  ©rlöfung  ansuneljmen  Ijaben,  melier  ftd)  seitlichere 
roeife  aUmä^lig  realtftrt.  2)ritten§  ift  enblict)  nid&t  mit 
©tttlfdjroctgen  zu  übergeben,  baf$  fid)  in  biefer  silu§einanber* 
fe^ung  nodj  eine  Slbroeidjung  bon  ber  in  unferer  $ircl)e 
i)err!cf)enben  2)arfteuung  ju  Verbergen  fctjeint.  SDiefe  ledere 
nämlich  ftebt  ben  göttlichen  9ted)tfertigung§act  für  einen 
beclaratortfctjen  an,  baß  nämlich  ber  Söefefjrte  bon  ©Ott  für 
ßerectjt  ertlärt  roirb,  unb  für  biefen  sugletd)  ben  ©egenfaj 
jttnfctjen  unferer  unb  ber  römtfdjen  ftirdje  besetdmenben 
Sluäbruff  fdieint  fid)  in  biefer  ©ntroifflung  gar  fein  Ort  ju 
ergeben.    $)ie  Sa<$e   üerljält  fiel)  aber  fo.    Setter  2lu§brurf 


Srfter  Sftfdjnitt.  SSon  oem  Suftanbe  be§  Triften  ic  167 

<fle$t  allerbing§  auf  bie  Ijter  geläugnete  Sftel^rljett  göttlicher 
$?ed)tfertigung§acte  ober  £)ecrete  jurüff.  ®enn  bei  bem 
*inen  allgemeinen  mürbe  man  ftdj  nidjt  leicht  ba$  SJeclara« 
torifdje  abgefonbert  benfett.  (Sott  bat  ben  (Srlöfer  georbnet 
meil  burdj  tf)n  bie  (Sünbe  meggenommen  unb  bie  SKetti'djett 
Ö5otte§  ®mber  werben  fotteit;  unb  fo  tote  in  (Sott  (Sebanfe 
unb  £ijat  ein§  tft,  unb  er  feinen  (Sebanfen  burdj  bie  £Ijat 
auSfpridjt  unb  biete  itjtt  burd}  bie  $erfünbigung  f ortyflanat : 
fo  märe  ein  befonberer  2lct,  moburdj  (Sott  —  benn  fo 
müßten  mir  e§  bodj  faffen  —  fidj  felbft  fagte  ma§  er  in 
einem  anbem  ttjut,  etma§  böttig  leere§,  fonbern  biefe  in  ben 
(Schriften  be3  alten  $8unbe§  häufig  öorfommenbe  gorm  ift 
nur  eine  bott  ben  bort  eittljeimifd)en  $ermettfdjlid)Uttgen 
<Sotte§.  $lber  e§  ift  genauer  betrautet  mit  ben  einzelnen 
beclaratorifdjett  Slcten  nichts  anbereS.  tiefer  töttttte  al8- 
folc&er  ttid)t  bemirfett,  ba%  ba$  SÖemu&tfeitt  öon  bem  äftit- 
«rseugen  ber  ©ünbe  nid)t  mieber  etttftänbe,  unb  bann  märe 
er  bodj  at§  folctjer  leer,  unb  tbtn  fo  bie  ©eclaratiott  ber 
®ittbfd)aft,  meiere  an  unb  für  ftdj  ttidjt  im  (Stattbe  ift  ju 
oertjütbertt,  bafj  ber  SDcettfd)  ftdt)  einer  Sttjetlttabme  an  ber 
geutbfdjaft  gegen  (Sott  bemufjt  mirb.  @r  mirb  alfo  nuc 
etma§  burdj  ben  Sufantmenbattg  mit  ber  bie  Söefeljrung  Ijerbor* 
rufenben  ©inhrirfrmg  (£fjrifti;  führen  mir  un§  biefe  aber 
audj  auf  bie  allgemeine  göttltdje  3lnorbnung  äurü!!:  fo  öer*  i 
jdjtmnbet  un§  ba$  beclaratortfdje  mieber  in  bem  fdjöpferifdjett. 
2Sotjl  aber  fatttt  man  mit  Sftedjt  fagett,  jeber  2lct  ber  $8e* 
fefjruitg  fei,  in  fofern  augleidj  ba§  Söeroufjtfein  ber  (Sünben* 
Vergebung  unb  ber  ®inbfdjaft  (SotteS  mit  bem  (Slaubett  ent* 
ftefjt,  in  bem  9ftenfdjen  felbft  eine  £)eclaratiott  be§  allgemeinen 
göttltdjett  SRatljfdjtaffeS  um  (Sfjrifto  mitten  gu  rechtfertigen. 
$8a$  aber  baä  33er&ältnife  aur  xömifdjen  ^iretje  betrifft:  fo 
ift  e§  nur  fdjeinbar,  bafj  unier  (Segenfaa  gegen  fte  auf  ber 
beclaratorifdjett  Söefctjaffert^eit  be§  göttlichen  9tedjtfertigung§s 
acte§  liege,  unb  fte  mirb  ftdj  menig  etnöerftanben  erklären 
mit  ber  2lrt,  mie  bkk  Söeidjaffenijeit  fiier  geläugnet  mirb.  ®enn 
Ijier  bleibt  e§  boefj  babei,  ba%  ber  3D£enfc&  gerechtfertigt  fei,  fo* 
balb  ber  (glaube  in  iljm  geroirft  roorben,1  tljr  ^ntereffe  bagegen 
ift  feftauftetten,  ba§  er  e§  erft  merbe  burdj  bie  28erfe. 

1  Conf.  Belg.  XXIV.  p.  185.  Fide  utiquo  in  Christum  iusti- 
ficamur,  et  quidem  priusquam  bona  opera  praestiterimus.  —  Apol. 
Conf.  II.  .  .  .  quod  fides  sit  ipsa  iustitia,  qua  coram  Deo  iustl 
reputamur  .  .  quia  aeeipit  promissionem  .  .  seu  quia  sentit  quod 
Christus  sit  nobis  factus  a  Deo  sapientia  iustitia  sanetificatio  et  redeintio. 


168  ©er  djrtftlidje  ©taube.  Stoetter  XML 

4.  SBq§  enblicft  biefe  entfcfteibenb  proteftantifcfte  £eftrmeife 
betrifft,  bafc  mir  burcft  ben  (glauben  gerectjtfertiQt  werben,  ba§ 
ftetfjt,  bafc  bte  $lnwenbung  jeneg  allgemeinen  göttlichen  ütecftt* 
fertigung§acte§  auf  ben  einzelnen  SDtenfcften  an  bie  ©ntfteftuna 
be3  ©laubeng  gefnüpft  unb  burcft  biefelbe  bebtngt  fei:  fo  ift 
fte  freilieft  um  fo  notft  Wenbtger ,  Wenn  man  fteft  bie  ^teeftt* 
fertigung  al§  einen  blofj  beclaratorifcftcn  5Xct  borfteltt,  weil 
e£  fonft  leieftt  ba§  $lnfeftn  gewinnen  fönnte,  at§  werbe  bie  (£r* 
löfung  bem  9ftenfcften  auf  eine  Wülfüftrlicfte,  b.  ft.  beäüglicft  auf 
ibn  grunblofe  ÜBSeife  angeeignet.  Mein  aueft  Wenn  mir  ba% 
Wirffame  unb  beclaratorifcfte  ntctjt  bon  einanber  trennen,  ift 
boeft  gleicft  notftwenbig  ben  $unft  §u  beftimmen  unb  bie  5Irt, 
mann  unb  wie  bie  reefttfertigenbe  göttliche  £ljätigfeit  fteft  an 
bem  9ftenfcften  bollenbet.  hierüber  nun  ftnb  bie  2lu3fagen 
unfereS  <Sase§  biefe.  3 werft,  ba  mit  ber  ©ünbenbergebung 
unb  ^inbfegaft  ber  SDtafcft  ein  ©egenftanb  be§  göttlichen  SBoftl* 
gefalleng  unb  ber  göttlichen  Siebe  ift,  bafj  er  biefe3  nieftt  efter 
mirb,  al§  inbem  er  ©ftriftum  gläubig  ergreift. *  &arin  liegt 
aber  feine3mege§,  bafj  er  Dörfer  ein  ©egenftanb  be§  göttlichen 
9ftifjfallen3  ober  3o*ne§  fei»  i>enn  bergleicften  giebt  e§  nteftt. 
©onbern  ber  5lu§bruff  „überfein",  beffen  man  fteft  an  einer 
anbern  ©teile  bebient,  i)at  ftier  feinen  eigentlichen  ©ebraueft, 
inbem  ber  (Sinselne  borfter  für  ©ott  gar  feine  $erfon  in  biefer 
SBegieftung  ift,  fonbern  nur  ein  Stfteil  ber  ÜD?affe,  au§  Welcfter 
erft  burcft  bit  gortwtrfung  be§  feftöpferifeften  5lcte§,  au§  bem 
ber  ©rlöfer  fterborging,  $erfonen  merben.3  2Bol  aber  ift,  ba 
ber  ©laube  nur  au§  ber  Söirffamfeit  GPjrtfti  entfteftt,  biefe§  in 
unferm  ©a§  enthalten,  bafj  feine  natürliche  SSefcftaffenfteit  be3 
Sftenfcften,  nicrjt§  tva$  fteft  in  iftm  abgelesen  bon  ber  ©efammt- 
reifte  ber  bureft  ©ftrtftum  bermittelten  ©nabenwirfungen  ge* 
ftaltet,  fein  SSerftältnife  ju  ©ort  änbere  unb  feine  Sftecfttfertigung 
bemirfe;  mitftin  bafj  e3  ftieju  fein  SBerbienft  irgenb  einer  3lrt 
giebt.  2öorau§  äugleicö  folgt,  bafj  bor  ber  Ütecfttfertigung  alle 
Sftenfcften  bor  ©ort  gleicft  ftnb  unbefeftabet  ber  Ungleicftfteit  ber 
(günben  fomol  al§  ber  guten  SSerfe,  unb  bie§  entfbricftt  aueft 
gewifj  bem  (Selbftbewufjtfein  eineS  ^eben,  ber  fieft  in  ber  ®e- 
meinfeftaft  ©ftrifti  finbet,  menn  er  auf  feinen  borigen  3uftanb 


1  ^tqui  extra  controversiam  est  neminem  a  Deo  extra  Christum 
diligi.    Calv.  Institt.   III.  IL  32. 

*  Sola  gratia  redemtos  discernit  a  perditis,  quos  in  unam  per- 
ditionis  concreverat  massam  ab  origine  dueta  causa  communis. 
A  u  e  u  s  t  i  ii .   E  n  c  M  r.  XXIX. 


Srfter  STbfönitt.  SSon  bem  guftanbe  be§  Triften  :c  169 

in  bem  fünblic&en  ®efammtleben  äurüfffieljt.  3roeiten§. 
SSenn  nad)  bem  obigen  in  ber  Dtedjtferttgung  Me$Dciitl)eiiunQ 
ber  (Seligkeit  (£l)rifti  ift  mie  in  ber  SBefetjrung  bie  [einer  Boff« 
fommenljeit,  unb  su  bem  ©lauben  nid)t  noc§  etma§  ^ufümmen 
mu§ :  fo  ift  ber  (glaube  feligmaä)enb ,  nnb  ättmr  fo,  ba%  bieie 
©eligfett  burdj  nichts  anbereö  biuäufommenbe§  oermetnt 
roerben  fanu,  b.  f).  allein  feltgmadjenb.  £enn  buref)  ba%,  mos 
burd)  bie  «Seltgfeit  oermebrt  m erben  !ann,  müfjte  fte  and)  en't* 
fielen  tonnen.  %a  biefe  (Seligfeit  gehört  überbauet  ^u  bem, 
roa§  am  menigften  ein  SOcebr  unb  ^Dcinber  aufnimmt,  fonberu 
ftdj  möglictjft  gleich  bleibt.  2)enn  toie  bie  Bereinigung  bc§ 
göttlichen  mit  ber  menfcblictjen  Statur  in  (£brifto  bd  aller 
Hebung  unb  gortentroilflung  bod)  biefelbe  blieb :  fo  bleibt  aud) 
unfere  Bereinigung  mit  ©fjrifto  im  (Blauben  immer  btefelbe. 
SBogegen  brüte  n§  auf  bie  Ijiebon  gemöt)nlid)en  gormein, 
bafj  ber  (glaube  bit  causa  instruinentalis  ober  ba$  cpyavov 
Xrj^xixbv  für  bie  9tect)tfertigung  fei,  unfere  Darlegung  be&<&a& 
öerljältniffeS  afterbingS  nidjt  füljrt.  unb  biefe  gormein  ftnb 
aud)  atterbing§  Dielen  ÜJJcifjberftänbniffen  ausgefegt,  unb  nidit 
fetjr  geeignet  ein  £iä)t  über  ben  ©egenftanb  §u  oerbreiten. 
$)enn  eine  tuerfseuglidje  Urfadje  gehört  gar  nidjt  al§  ein 
mefentlidjjer  Beftanbtbeit  in  ben  Verlauf  ber  ganzen  £tjätigfeif§- 
reibe,  roobei  fte  gebraucht  ftrirb,  fonberu"  menn  fte  ba§>  irrige 
getban,  roirb  fte  bti  <&eite  gelegt,  ber  (glaube  aber  mufe  immer 
bleiben,  ©in  aufnebmenbe§  Drgan  auf  ber  anbern  (Seite  ge* 
bort  su  ber  natürlichen  (£onftitutton ,  unb  au§  tiefer  gormel 
fann  fiel)  alfo  ein  Schein  bilben,  al§  ob  ber  (glaube  zttva§ 
märe,  roa§  geber  §u  ber  SBirffamfeit  ber  göttiietjen  ®nabe 
fdjon  Ijinaubringen  muffe,  ba  mir  boeb  ntdjtS  al§  unfere  leben- 
bige  (£m:pfcinglicf)feit  mitbringen,  meldtje,  \a  ba§  tualjre  auf* 
netjmenbe  Drgan  ift;  unb  t)teHetct)t  ift  e§  biefe  gormel,  meiere 
manche  Geologen  berlettet  §ai  ben  (Sa*  aufstellen,  bafj  ber 
(glaube  unfer  eignet  SKerf  fein  muffe,  unb  erft  raenn  biefc§ 
OoHbrad}t  fei,  fönnten  bie  SBirfungen  ber  göttlichen  ®nabe 
beginnen. 

8\vtite§  Sebrftütf. 
2$on  fcer  Heiligung. 

§.  110.  3n  ber  Seben^gemetnfc^aft  mit  (Sfyrifto  roerben 
bie  natürlichen  Gräfte  ber  Sßtebergebornen  Ü)m  gum  ©e* 
braud)  anqeeianet,  rootauä  ftcfy  dn  feiner  Bolifoinntenfyeit 


170  ©er  djrtftltdje  ®tau6e.  3weitcr  Xfjeil. 

unb  ©eligfcit  bermctnbte<S  2thtn  bilbet,  roelcbeä  ber  ©tanb 
ber  Heiligung  l^ei^t. 

1.  £)ie  SSeibebaltung  be§  2lu§brutf§  Heiligung  rechtfertigt 
feine  ©cbriftmäfeigleit  bintänglicb ;  allein  ba  er  bon  bem  atem* 
lieb  unbeftimmten  unb  bureb  auSeinanbergebenbe  Gsrftärungen 
imb  (SJebraucbSmetien  nodj  bertuiftelter  gemorbenen  begriff 
be§  ^eiligen  abfängt,  bebarf  er  für  ben  bogmatiicben  (Sebraucb 
nodj  einer  (Srflärung.  £)a§  näcbfte  foraebgefcbicbtlicbe  Moment, 
ma§  babei  in  Slnjcblag  fommt,  ift  ber  altteftamentlicbe  (&e* 
brauch  be§  2Borte§  bon  alte  bem,  roa§  au§  bem  gemeinen  SSer* 
febr  be3  ßeben§  abgefonbert  nur  einem  auf  ®ott  ftdj  be* 
jiebenben  ®ebraucb  gemetbt  ift.  $)tefe  Söe^iebung  auf  ®ott 
aber  ift  obne  Unterfcbteb  in  jeber  ^bätigfeit,  melcbe  au§  einem 
bon  ©finfto  au§gebenben  SmpulS  erfolgt,  roetl  H2  abfolut 
fräfttge  $otte3berouf3tfein(£brifti  fie  berborbringt,  unb  fdjliefjt 
bon  felbft  bie  Slbfonberung  bon  ber  ä)cittbätigfeit  in  bem  ®e* 
fammtleben  ber  ©ünbbaftigfeit  in  ftcb.  Unb  ba  ber  menfdj= 
lieben  Statur  bie  ®emein[d)aft  etraa§  mefentlidjeS  ift,  fo  liegt 
fdjon  bierin  bie  SBorauSfesung  einer  mirffamen  ienbenj  §u 
einem  neuen  (SJefammtleben,  fo  mie  aueb  bureb  ben  angefübrten 
attteftamentlicben  ($5ebraucb  ber  3tu§bruff  mit  ber  priefterlicben 
Söürbe  aller  ©brifte*  jufammenbängt  unb  ba$  neue  (Sefammt* 
leben  al§  einen  geiftigen  Tempel  barfteHt:  fo  ba$  ber  ©tanb 
ber  Heiligung  aueb  al§  ber  SDienft  in  biefem  Tempel  betrachtet 
roerben  fann.  Sei  biefem  3ufammenbang  mit  ben  eigentbüm* 
lieb  ebriftlicben  ^been  erfebemt  bie  Setbebaltung  be§  2lu§* 
brut!§  aueb  in  ber  bogmatiicben  Spradje  um  fo  roünfdjen&s 
mertber,  als  man  an  feiner  (Stelle  nur  ju  leiebt  nacb  folcben 
SluSbrüffen  greifen  tonnte,  melcbe  baä  eigentljümticb  cbriftlicbe 
in  bem  ®eift  be§  neilen  ßeben§  eber  in  ©cbatten  ftefien  unb 
e3  erfdjraeren  mürben,  bie  cbriftlicbe  Sebem?entroiffmng  bon 
ber  aHmäbügen  SerboHfommnung  auf  bem  blofj  natürlichen 
Sßege  au  unterfebetben.  —  £)a§  smeite  Moment  ift  ber  3u* 
fammenbang  be§  3lu§bruf!3  mit  ber  föeiligf eit  al§  göttlicber 
©igenfebaft,  ba  mir  benn  natürlicb  bei  ber  oben1  babon 
gegebenen  (Srflärung  fteben  bleiben.  (£§  leuchtet  aber  ein, 
bafj  ber  Söiebergeborne  bureb  bie  t)ter  nöber  au  entmttfelnbe 
ßeben§metfe  aueb  in  5lnbern  baZ  (SJetotffen  entmiffelt,  in  bem 
XRaafe  at§  alte  feine  Xbättgfetten  fidj  bon  bem,  ma§  in  bem 
<8efammtleben  ber  «Sünbbaftigfeit  gefebiebt,  entfernen.   —  ^n 

1  Sgl.  §.  83. 


(Srfter  «bfänitt.  Son  bem  3uftanbc  be§  elften  :c  171 

beiber  Söeaiebung  aber  fönuen  mir  ben  Buftanb  nicbt  föetligfeit 
nennen,  melcbe§  fobiel  märe  al§  heilig  fein,  fonbern  Heiligung, 
tote  heilig  merben,  ftcb  ^eiligen,  meld)e§  mir  al£  Staaten  nacfc 
fceüfgfeit  burdj  ben  SluSbruü  Heiligung  beaei$nen.  Söäre 
iene§  bie  Meinung,  fo  märe  in  ber  SSiebergeburt  fcbon  eine 
völlige  SBermanblung  au  6tanbe  gekommen,  fo  bafj  ieber  3u* 
fammenbang  mit  bem  fünbigen  ©efammtleben  gang  aufgehoben 
loäre,  nnb  im  Slugenbliff  ba$  ganae  SSefen  öon  bem  Seben 
<£brifti  bottfommen  burctjbrungen  nnb  in  feiner  ©emalt  fein 
müfete.  §ll§bann  aber  märe  biefe  Umtuanbtung  gana  ein  £§eil 
ber  Sötebergeburt,  nnb  e§  märe  über  ba$,  ma§  ftcb  au§  iljr 
entmiffelt,  gar  feine  Sebre  aufaufteilen. 

Sft  nun  alfo  bie  Heiligung  al£  ein  gortfebreiten  §u  öer* 
fteben,  fo  ba%  öon  bem  SBenbepunft  ber  äßtebergeburt  an  ber 
<&ebalt  ber  geiterfüunng  ftcb  immer  meiter  oon  bem,  ma§ 
ienem  Sßenbepunft  öoranging,  entfernt,  nnb  ber  reinen  Sin* 
gemeffenbeit  au  bem  oon  ßbrifto  au§gebenben  $m£ul3  alfo 
aueb  ber  Ununterfc&eib barfeit  oon  ©brifio  ftcb  immer  mebr 
näbert:  fo  merben  audj  biefe§  bie  beiben  (55eftctjt§punfte  fein, 
auS  benen  ber  ©tanb  ber  Heiligung  au  betrauten  tft 

2.  SSenn  mir  alfo  auerft  ben  Buftanb  be§  in  ber  Heiligung 
begriffenen  bergleicben  mit  bem  ma§  ber  Söiebergeburt  öoran* 
ging:  fo  mirb  e§  ooraüglicb  nicbt  auf  ben  Unterfcbieb  öon  ben 
Momenten  anfommen,  in  melcben  ftcb  bie  föerrfebaft  ber  €>ünb* 
baftigfeit  mantfeftirte,  fonbern  oielmebr  oon  benen  meldje 
fdmn  ber  borbereitenben  ®nabe  angebörten.  2)iefe  bor* 
bereitenben  SSirfungen  bürfen  mir  ntebt  etma  nur  auf  2ln* 
näberungen  an  bie.  Söufje  unb  ben  stauben  in  ©ebanfen  unb 
<&efübl§erregungen  befebränfen,  fonbern  fte  merben  ftcb  audj 
in  föanblungen  aetQen,  ba  e§  gegen  bie  Statur  märe  bafj  leb* 
ijafte  ©ebanfen  unb  ftarfe  ®emütb§erregungen  nidjt  fottten 
einen  freilief)  nadj  bem  ©rab  ber  SSertoanbtfdjaft  ftärferen  ober 
fdjmäcberen  (£influfj  auf  gletcbaeüige  £mnblungen  äußern,  $a 
t§>  tft  möglieb,  bafj  fogar  bei  öfterer  Söieberfebr  gletcbarttger 
(Sinmirfungen  bie  tbätigen  D^efultate  berjelben  bureb  bie  SBieber* 
bolung  erleichtert  merben  unb  ftcb  au  ®emobnbeiten  büben. 
Slber  in  jebem  einaelnen  gaU  fommt  ber  ^mbulS  au  foleber 
§lbänberung  ber  ipanblungen  nur  bon  aufeen,  unb  bleibt  nur 
fo  lange  mirffam  al§  bie  momentane  (Erregung  noeb  fortfebmingt, 
oljne  bafj  er  im  @tanbe  märe  ftcb  öon  innen  ber  au  reprobuetren, 
mie  man  ba$  aueb  fonft  bäufig  ftnbet,  bafj  ©tnent  bernacb  fremb 
erfebetnt,  ma§  er  in  golge  einer  aufgebrungenen  D^icbtung 
fletban.    ©oldje  ^anblungen  geboren   alfo  rtictjt  bem  eignen 


172  ©er  cfirijtlidje  GHaube.  Sweiter  Xfceü. 

£eben  be§  &anbetnben,  fonbem  einem  fremben  Seben  roe!dje§ 
ftd)  in  if)m  t'räftig  erroeifet.  föanbtungen  alfo,  meldte  benen 
bie  bem  ©taube  ber  Heiligung  äfjnlid)  finb  aber  mdjt  in  ber 
Söiebergeburt  iljrer  Urheber  gegrünbet,  ftnb  etgentltct)  £anb* 
lungen  beB  c£>riftlic^eri  ($5efammtleben§  roeldieS  eine  ®emalt 
über  bie  ©tnjelnen  ausübt.  SDerfetbe  gatt  ift  auc§  mit  ben 
©emofmljciteit ,  bie  ftct)  auf  biefelbe  Sßeife  bilben,  nrie  bie£ 
au§  bem  53eiftriel,  beffen  ftcf)  bie  ©djrtft  bebient  bon  bem 
SBerljciltnifj  ber  gremblinge  su  ben  eingebornen  ^Bürgern  eüte& 
SBolfS,1  am  beften  gu  erfetjen  ift.  2)enn  bie  lederen  bilben 
unter  ftd)  fRec^t  unb  ©ttte  au§  innerer  ®raft  be§  itmen  ge- 
meinsam einrcoljnenben  eigenttmmltdjen  ®eifte§,  unb  ftnb 
inbem  fte  fo  tjanbeln  ganj  in  iljrer  Sftatur.  £>ie  gremblinge 
hingegen  f)aben  an  ber  Söilbung  beiber  feinen  £ljeil,  meil  fte 
bie  fo  bilbenbe  ®raft  nictjt  in  ftdj  tragen,  aber  fte  gemöbnen 
ftdj  in  bie  «Sitte  Einem  unb  ^anbellt  itjr  gemäfj  vielfältig  audj 
ba,  wo  e$  nictjt  oon  itjnen  geforbert  mirb;  fommen  fie  aber 
in  bie  föeimatE  prüfi,  roo  biefe  (Sinftüffe  eineB  fremben  %e- 
memtoefenB  aufboren,  fo  entmötjuen  fte  ftd)  aud)  Oon  bem 
angenommenen  mit  ber  größten  Seidjttgfeit.  (5§  ift  alfo  nidjt 
foroot)!  bte  ®eftalt  unb  nod)  meniger  ber  numerifdie  !föerrt) 
etuselner  £>anblungen  ober  ganaer  Sfteüjen,  welker  ben  &tanb 
ber  Heiligung  bon  bem  Buftanb  bor  ber  SBiebergeburt  unter- 
jctjeibet;  fonbem  btefe§,  ba%  in  berfelben  ba$  sJitd)tmefjrf  ein- 
motten in  bem  bie  ©ünbe  miebererjeugenben  (^efammtleben 
eine  abftofjenbe  ®raft  geroorben  ift,  meiere  in  ber  gönn  einer 
mef entließen  £eben30errid)tung  ftetig  fortroirft,  meiere  aber 
felbft  roieber  nur  ein  2lus>flufj  ift  oon  bem  ftd)  ber  auf* 
nelunenben  (Siutuirfung  (£(jrifti  Eingegeben  Ijaben,  melc&eS 
nun  in  bem  ganzen  ©Aftern  ber  ©elbfttljcitigfeit  ftd)  ju  einem 
ftetigen  bon  GHjrtfto  beftimmt  fein  motten  befeftiget  Ijat.  — 
Unb  biefe§  bleibt  aud)  ber  einzig  faltbare  Untertrieb,  menn 
mir  umgefetjrt  eben  fo  Oon  bem  neuen  £eben  auf  ba$  alte 
auritfffetjen.  ^ämücb  ba  felbige  ®räftigfeit  be§  ($otte§bemufjts 
feinS  ntcfjt  urfprüngüd)  ift,  fonbern  biefe  geiftige  9ftittf)eilung 
un3  erft  su  S^t)eil  mirb,  menn  bie  ©ünbe  fid)  fdjon  al§  eine 
9ftadjt  entmiffelt  fyat,  unb  ba§  seitlid)  entmitfelte  audj  nur 
auf  ä^itXicrje  Söeife  burd)  entgegengefesteB  gehoben  merben 
fann:  fo  mirb  nid)t  nur  bie  $lnnäfcerung  an  jene§  3iel  ba* 
bttrd)  aufgehalten,  ba%  aud)  ber  fdjon  sur  ©emo&nfeit  ge* 
morbnen  unb  alfo  leicht  unb  oft  mieber  angeregten  ©ünbc 


C?K:v  2.  1 


(Erfter  Stöjdjnitt.  SSort  bem  3uftanbe  öe$  Stiften  tc.  173 

burcb  jene  abftoßenbe  ®raft  muß  entgegengearbeitet  roerben; 
fonbern  ba  bie  (Sünbljaftigfett  eine§  jeben  aucb  bor  ibm  unb 
außer  ibm  begrünbet  tft,  fo  fann  bte  (Sünbe  felbft  in  feinem 
öollfommen  ausgetilgt  werben,  fonbern  bleibt  immer  nur  im 
SSeridjttrinben  begriffen.  <So  meit  fie  nun  no$  nidjt  ber* 
fdjmunben  tft,  nrirb  fie  aucb  noä)  fömten  gum  Sßorfcbein 
fommen;  unb  fo  roirb  e§  baber  in  bem  (Staube  ber  Heiligung 
ipanblungen  geben,  meldje  fogar  folgen  bor  ber  SSiebergeburt 
gemö^nü^en  äbnlidj  finb,  in  meieren  bie  ©etoalt  bes>  fünb* 
liefen  <$efammtleben§  ba$  Ijerbortretenbe  ift,  unb  bie  ©puren 
ber  oorbereitenben  (Snabe  ftcb  innerlich  berbergen.  %a  nodj) 
mefjr,  menn  auf  biefe  SSeife  ba§>  2Sactj§t(jum  in  ber  Heiligung 
ntebt  oljme  folgen  ®ampf  bor  ftcb  gebt  gnrifeben  bem  neuen 
unb  bem  alten  93cenfd)en:  fo  ttrirb  fogar  biefer  ®ampf  in 
in  feinem  gangen  Verlauf  nic&t  einmal  ein  gleichmäßig  fort* 
fcrjreitenbeS  gune^men  ber  9Jcacf)t  be§  einen  unb  Slbne^men 
ber  fflafyt  be§  anbern  barfteUen.  £)enn  bur<$  bte  (Sinmirfungen 
be§  un§  umgebenben  fünbücfjen  ©efammtlebenS  mirb  bie  eigne 
(Sünbljafttgfeit  eines  jeben  immer  auf§  neue  aufgeregt :  fo  baß, 
roenn  audj  bie  legtere  an  unb  für  ft<$  möcbte  ftetig  befdjränft 
merben  burdlj  ba§  2Baä)§tJ)um  be§  neuen  S)cenfcben,  fo  fann 
bie§  bo$  nidjt  auf  biefelbe  SSeife  behauptet  merben  bon  ben 
SSerftärfungen,  meiere  fie  bon  außen  erhält.  2Sentgften§ 
■tonnte  e§  bei  bem  bunten  28e$fel  auf  biefem  (gebiet,  inbem 
auf  bie  unregelmäßigfte  unb  unborfjergefeljene  SSeife  ba% 
einzelne  Seben  balb  ftärfer  balb  fcfjmäcber  bon  bem  fünbtieben 
<$efammtleben  ergriffen  nnrb,  nur  bureb  ein  befonbereS  SBunber 
ntcrjt  au§  bem  natürlicben  (Sang  ber  göttlicben  @nabe  in  bem 
2ftenftf)en  erflärt  merben,  menn  niebt  in  jenem  ®ampf  au<$ 
einzelne  Momente  einträten,  in  benen  bie  9#ad)t  ber  ©ünbe 
ftärfer  Ijerbortritt,  aig  in  früheren.  2ludj  nacb  ber  äöiebergeburt 
alfo  geigt  ftet)  ein  mannigfaltiger  SSectjfel  bon  guftänben  un^ 
mit  bemfelben  bte^eue,  unb  gmar  nidjt  immer  nur  f leine  über 
geringfügiges.  SDiete  Sfteue  ift  aber  bod)  bur$  ba§  feftftefjenbe 
innere  9ci<$tmef)rf einmotten  in  ber  ©emalt  ber  (Sünbe  bon 
jeber  früheren  unterfdn'eben  unb  nur  al§  öerfdjnrinbenb  gefegt, 
eben  nüe  bie,  meldte  fo  lange  nodj  bei  bem  ®el)orfam  gegen 
bie  bon  (£t)rifto  auSgebenben  ^mpulfe  einiger  Sßtberftanb 
ftattfinbet,  aucb  alle  ^anblungen,  meiere  al§  grücbte  biefeS 
(SeborfamS  erfebeinen,  aber  audj  bie  (Spuren  be§  SSiberftanbeS 
geigen,  begleitet.  Unb  menn  au<$  toegen  jener  gnrifeben  ein= 
tretenden  geugniffe  öom  9cocböorbanben|ein  ber  (Sünbe  eingelne 
Slugenblitfe  im  SBergletd)  mit  anbern  al§  fftüf ff ebritte  erfc^eineu 


174  ©er  cfcrtftlidje  ©taube.  3toeiter  X^etl. 

fönnen:  fo  beftebt  bodj  ein  fefte§  Söemufetfein  barüber,  bafe  je 
größer  bie  Sftetbe  folc&er  ©cbtoanfungen  ift  bie  man  sufammen* 
fcbaut,  um  befto  gröfjer  audj  atte8  ineinanber  geregnet  bie 
gortfebrttte  feien;  unb  ba%  bie  (Semifibeit  be§  ©taubenS  als 
Berfiänbuifc  be§  8ufammenbang§  mit  (£brifto  unb  at8  Sßobl* 
gefallen  an  bemfelben  eben  fo  immer  im  Bunebmen  fei,  bafc 
in  ben  (Tbrifto  angeeigneten  Gräften  hie  ©ünbe  nfebt  fann 
irgenbmann  neuen  Söefis  ergreifen,  mäbrenb  fte  au§  bem  alten 
bertrieben  mirb.  föieburcb  öorjüglicb,  ba£  bie  ©ünbe  feinen 
neuen  Boben  gemimten  fann,  unterfdjeibet  ftcb  bon  liefet 
«Seite  ber  <Stanb  ber  Heiligung  am  beftimmteften  bon  allem 
früheren. 

3.  Söetradjten  toir  nun  bon  ber  anbern  (Seite,  roie  biefet 
Suftanb  ftcb  ber  (SJleicbbett  mit  (£brifto  nähert:  fo  Ijaben  mir 
eine  ®rense,  bie  unS  nidjt  ju  überf djreiten  gegeben  ift,  fefcon 
oben  gebogen,  ^cämlicb  bafj  bon  5lnfang  feiner  SOcenfebn)  erbung 
an  GHjriftuS  ft<$  auf  alle  SSeife  naturgemäß  aber  ftetig  unb 
ununterbrochen  in  ber  organifeben  Bereinigung  mit  bem  itjn 
befeelenben  ^Srinctp  sunt  £)ienft  beffelben  entmiffelte;  feinem 
Slnbern  aber,  ber  feine  Sßerfönlidjfeit  au§  bem  $efammtleben 
ber  (Sünbbaftigfeit  mitbringt,  eine  fold)e  bergömtt  ift.  Sa 
biefer  Unterfcbieb  bon  ©brifto  muß  genau  betrautet  in  iebem 
Moment  gefest  fein,  unb  nadj  S^aafegabe  ber  SHar^ett  be§ 
©elbftbemufetfeinS  in  Begebung  auf  ba§  göttliche  ober  ber 
(£rleucbtung  au<$  sunt  rotrflicben  Bettmfjtfetn  fommen.  $)enn 
überall  roo  nodj  Unbottfommenbeit  ift,  folebe  nämlicb,  bie 
niebt  lebiglicb  bie  gorm  ber  seittieben  (Sntmfffhmg  auSbrüfft, 
fonbern  aueb  in  SÖesug  auf  ba$  Berbältnifj  ber  %v)at  sunt 
Smbul§  btefeu  Tanten  berbient,  ba  mirb  aueb  eine  (Erinnerung 
begrünbet  fein  an  ba&  alte  Seben  mitbin  eine  reale  SSergegen* 
märtigung  beffelben,  folglicb  audj  in  ben  Momenten,  meiere 
fdjon  an  unb  für  fieb  eine  gortfdjreitung  in  ber  Sleljnlicbfeit 
mit  (Ebrifto  entbalten,  boeb  ein  SBettmfjtfein  ber  ©ünbe. 
$)iefe§  binbert  aber  nietjt,  ia§  nid)t  aueb  in  iebem  Moment 
be§  @tanbe§  ber  Heiligung  ber  Sufammenbang  mit  ©brifto 
mirffam  fei,  unb  alfo  ba$  Seben  in  iebem  Moment  bie  ibm 
in  unferm  (Sas  beigelegte  Beseidjnung  berbiene.  £)ie§  liegt 
febon  in  ber  eben  aufgehellten  Analogie,  hak  bie  SBiebergeburt 
ansufeben  fei  nrie  ber  göttlicbe  BereinigungSact  mit  ber 
menfeblicben  Statur,  unb  bie  Heiligung  mie  ber  3"ftaub  jener 
Bereinigung.  $)enn  mie  jener  BereinigungSact  nidjtS  gemefen 
märe  als  ein  erfolglofer  <5cbein,  menn  er  nietjt  einen  bebarr* 
lieben  3uftanb  lebenbigen  BereintfeinS  berborgebradjt  bälie, 


Alfter  Sttfönttt.  33on  bem  Suftanbe  be§  Triften  iC  175 

in  meinem  beibe§  nitf)t  mebr  §u  trennen  mar,  fonbern  bie 
menfcf)üd)e  üftatur  fidj  in  alten  ifcren  Verrichtungen  al§  ein 
Sßerf^eng  jener  göttlichen  ®raft  bemie§:  fo  märe  audj  bte  bon 
ber  göttlichen  ®raft  in  ©tjrtfto  auSgebenbe  ben  einzelnen  mit 
ifjm  bereinigenbe  ibätigfeit  in  ber  Sötebergeburt  nidj)t§,  unb 
bon  flüdjtigft  borübergebenben  Regungen  ntdjt  su  unter* 
fd)ciben,  gennfj  aber  nid)t§  weniger  al§  ba§  (£nbe  eine§  alten 
nnb  ber  Anfang  eine§  neuen  £eben§,  menn  nidjt  jener  $Ict 
firf)  in  iebem  Moment  seitlich  mirffam  ernriefe,  fo  bafj  ieber 
Moment  al§  eine  SBicberljolung  beffelben,  al§  ein  neue§  bon 
ber  aufncljmenben  £l;ättgfeit  Gnjriftt  (£r  griff  enm  erben  ansufeben 
ift,  nnb  alfo  ein  neue§  D^ictjt  für  fid}  fonbern  in  ber  ®emein= 
fct)aft  mit  (£f)rifto  fein  motten  in  ftcfj  f  erliefet.  $n  beiben  ju* 
fammen  aber  ift  bte  unjünblic&e  SBoHfommenfyeit,  alfo  aud) 
für  ba§  in  fidj  gurüffgeljenbe  (Selbftbemufjtfein  bie  ©eligfeit 
CHjrtfti  mitgefest.  Sßollen  mir  un§  nun  aud)  Ijier  bie 
©renken  ber  ©leid)ljeit  unb  Ungleid^eit  flar  machen:  fo 
merben  mir  in  bem,  ma§  ju  biefer  merbenben  5lngemeffenljeit 
uuferer  ücbenSmomcnte  511  ben  bon  (Kjrtfto  auggefjenben  ^m= 
mtlfen  geprt,  unterfdjeiben  muffen  ein  ftd)  Qleidt)  bleib enbe§ 
Clement  unb  ein  toed)ielnbe§.  Sofern  ein  jeber  Moment  al§ 
eine  Erneuerung  ber  SSiebergeburt  angefefjen  merben  fann, 
ift  aurfj  jeber  bem  anbern  gleidj,  unb  in  jebem  eine  £tjeü* 
nalmtc  an  ber  SSottfommen^eit  unb  (Seligfeit  (£ljrifti.  £)enn 
c§  giebt  fein  5lufgenommenfein  in  bie  £eben§gemeinfdmft  mit 
ibm  ofme  biefe§.  £)ie§  immer  ftdj  gleidjbleibenbe  nun  ift  auf 
ber  einen  ©eite  ba§>  ft$  immer  erneuernbe  Söotlen  be§ 
9ilci(f)e§  (55otte§,  mie  e§  in  (£&rifto  allen  einseinen  ^anblungen 
unb  SöiftenSacten  gum  (Srunbe  lag,  auf  ber  anbern  eben  fo 
btö  SBciuufetiein  bon  ber  Bereinigung  be§  göttltdjen  SBefen§ 
mit  ber  menfcblidjen  9catur  burd)  (Sfjriftum,  mie  e§  auefc  in 
ttbrifto  baffelbe  mar  in  allen  SBefttmmtljetten  feine§  ©elbft* 
temiifetfeing.  SMefeS  nun  ift  eben  fo  ^eilna^me  an  ber 
Gcligfett,  ba  bie  SBerbiubung  mit  bem  fjödjften  SBefen  bie 
fd)lcct)tl)inige  SSefricbtgiuig  ift,  al§  iene§  äbeilna^me  an  un* 
fiinblidjer  33ottfommcnl)cit,  ba  ba§  SReidj  ®otte§  bie  Günbe 
anfjer  firf)  l)at,  in  fief)  aber  bte  Mftigfeit  aHe§  ©uten. 
Mc§  anbeve  aber,  ma§  unb  fofern  e§  al§  @inselne§  IjerauS* 
tritt  in  bem  £eben  be§  SStebergebornen ,  liegt  innerbalb  ber 
frfjon  uerscidjneten  ®ren$en,  fo  ba%  nierjt  nur  bie  einzelnen 
Öanbluiißen  in  ibrer  5lu§fül)rung  mel)r  unb  mentger  <5ünbe 
barbteten,  fonbern  au^  bon  ben  einsetnen  B^eftbegriffen 
gilt  baffelbe.    S)em  entfpredjenb  ift  benn  auc^  ba§  mirfli^e 


176  Ter  c&riitlidje  ©laube.  3ti)eUer  Ilieil. 


einzelne  ©elbftbenmfstfein  in  mannen  Momenten  Scibmefen, 
mcid)e§  aber  burdj  ha§>  sugleid)  gefegte  ftc^  gteid)bletbenbe 
bcfc^mid^tigt  wirb,  in  anbern  ift  e§  greube,  bie  aber  eben 
baburd)  in  ®emutfj  übergebt,  meil  fie  nur  burd)  baffelbe  ge* 
rechtfertigt  merben  fcmn,  ruoburd)  ba§  na^etiegenbe  Seibmefen 
beicb,nndj)ttgt  iuirb. 

2öa§  baljer  nodj  al§  einzelne  Se^re  über  ben  ©tanb  ber 
Heiligung  aufsuftetten  ift,  !ann  ftd)  nur  auf  biefert  (SJegenfa^ 
besiegen  steiferen  bem  (Clement,  lr>elct)e§  beut  2lu§gang§punft 
uub  bem  tuetd)e§  bem  gietpunft  angehört. 

(Srfter  Sefyrfas.    $on  ben  ©ünben  ber  Sßtebers 
gebornen. 

§.111.  S)ie  @ünben  berer  im  @tanbe  ber  Heiligung 
bringen  ifyre  Vergebung  immer  fd)on  mit  fid),  unb  t>er* 
mögen  rnfyt  bie  göttliche  ®nabe  in  ber  Sßiebergeburt  auf- 
ju^eben,  meil  fie  fcfyon  immer  befämpft  werben. 

1.  SRejjmen  mir  bie  beiben  eben  aufgehellten  @ä§e  ju« 
fammen,  bafc  fid)  in  bem  guftanb  ber  Heiligung  feine  neue 
©ünben  entmiffeln,  unb  bafj  in  allen  Momenten,  aljo  aud) 
in  allen  §anblungen  unb  SSerfen,  aud)  ben  beften  unb  (£tjrifto 
är)nltd)ften ,  nodj  etft>a§  bem  früheren  guftanbe  angefjörigeS 
mifttn  fünbltdje§  ift:1  fo  err)e£Ct  f<$on  §terau§,  bafj  e§  in 
bem  @tanbe  ber  Heiligung  feine  <Sünben  geben  fann,  meiere 
bte  Sßiebergeburt  rüffgängig  machen  fönnten.  2)enn  ba  notb* 
roenbig  aud)  in  allen  fünbltdjen  föanbhmgen  ein  SSiberftanb 
be§  neuen  9Äenfdjen  roenn  auefe  ntd)t  ein  bitrcfjbringenber  unb 
äiireidjjenber  enthalten  ift:  fo  bezeigt  fict)  ja  in  bieten  föanbs 
hingen  eben  fotool  al§  in  benen,  in  meieren  ein  audj)  nidjt  ju* 
reiefcenber  Sßiberftanb  be§  alten  9Jcenfd)en  oorfommt,  ber 
neue  9Jlenfcxj  tljätig,  unb  fann  alfo  nietjt ,  inbem  er  tljätig  ift, 
erftorben  fein.  9cun  I)at  freilidj  niemanb  geglaubt,  ba%  burdj 
Momente  ber  legten  2lrt  ber  (Staub  ber  ®nabe  fönne  Per* 
loren  gefjen,  fonbera  nur  buref)  ote  ber  erften  Slrt;  e§  finbet 
aber  ähnfdjen  beiben  fein  beftimmter  (SJegenfa^  ftatt,  fonbern 
nur  ein  Unterfdjieb  be§  mefjr  uub  mtnber,  in  roeldjem  baljer 
ein  $unft,  mit  bem  bk  öerberbttdje  SBirfung  begönne,  nidjt 


1  Expos,  simpl.  XVI.  p.  47.  Sunt  multa  praeterea  indigna 
Deo,  et  imperfecta  plurima  inveniuntur  in  operibus  etiam  sanetorum. 
—  Conf.  Belg.  XXIV.  p.  185-  Nulluni  enim  opus  facere  possuinus, 
quod  non   est  carnis  vitio  pollutum. 


(Srfter  Stöidjmtt.  SSon  bem  Suftanbe  be§  Triften  k.  177 

fijirt  roerben  !ann.  SSielmeljr  iuenn  mir  einen  folgen  (Stegen* 
faj  auffteffen,  nnb  bie  eine  ^anblung  eine  ©ünbe  nennen  bie 
anbere  aber  ein  gute§  SSerf:  fo  ift  bte§  immer  nur  eine  23e= 
nennung  üom  überroiegenben  Sfjetl.  2)ie  ®iff erena  fann  groar 
in  einzelnen  gäHen  faft  unenbttcb  §u  fein  flehten;  aHein 
roenn  boctj  bie  ©ünbe  foll  bk  S^at  eine§  Sßiebergebomen 
fein,  fo  mufj  fie  bocr)  eine  anbere  fein,  at§  bie  nodj  fo  ät)nlic^ 
fcbeinenbe  eine§  Zubern.  ®ie  tft  e§  aber  nur  oermöge  be§= 
jenigen  (SIemente§,  ir>elcbe§  in  ibr  unb  in  ben  guten  SSerfen 
be§  SStebergebornen  ba§>  gleite  ift.  ©aber  ft<$  aud)  Gebern, 
ber  ftdj  unb  Slnbere  beobachtet,  Uebergänge  unb  SInnäberungen 
jtoifc^en  beiben  barbieten,  unb  gätfe  Oon  ber  2lrt,  mo  mir 
fagen  muffen,  ba%  bie  ^anblung  burd)  3tüifdjeneintreten  t>on 
Umftänben,  rt>elcr)e  ein  Uebergemidjit  auf  bie  eine  ober  bie 
anbere  (Seite  legen,  balb  ein  gute§  23er!  geroorben  ift,  ba  fie 
auf  bem  SSege  mar  eine  (Sünbe  %u  merben,  balb  umgefefjrt 
eine  €>ünbe  ftatt  eines?  guten  SSerfeS;  unb  unmöglich  !ann 
ja  bann  in  bem  einen  gaH  ber  <Stanb  ber  ®nabe  oertoren 
geben,  in  bem  anbern  aber  ntdjt.  5)ie  (Trense,  bie  mir  bier 
geftefft,  bafc  in  bem  ©taube  ber  Heiligung  leine  neue  (Sünbe 
fidj  erzeugen  fönne,  erfct)etrtt  freilieb  unbeftimmt.  ®eine 
^anblung  ift  mit  einer  früheren  gan^  ibertttfctj ;  infofern  aber 
nid)t  jebe  ©ünbe  eine  neue  ift,  Ijängt  bocb,  ob  man  eine 
£anblung  für  eine  foldje  erllärt  ober  ntdjt,  öon  ber  siemlt<$ 
tüillf  üb  rücken  SBeftimmung  ab,  in  roelcbem  ®rabe  man  fie 
mit  früheren  oermanbt  ober  gleichartig  bält,  unb  freilieb  fann 
ftreng  genommen  nur  ba§>  eigne  Söemufjtfein  eine§  ^eben 
hierüber  urteilen,  dlux  fobiel  läfct  fic§  im  atigemeinen  fagen. 
Ücebmen  mir  bk  SSiebergeburt  in  bem  (Sinn  mie  bier  erflärt 
tüorben  ift,  unb  benfen  un§,  erft  nadiber  entmiffle  ftdj  eine 
Function  ber  ©innttdjfett,  bie  bi§  baljin  gänatidj  geruht,  ober 
e§  bilben  ftd?  fo  gan^  neue  33erbä'ltniffe,  bafj  fie  gar  feine 
Stnflänge  in  bem  finben,  morin  bi§fjer  bk  ©ünbe  nodj  einen 
Ort  r)atte:  fo  roirb  ^eber  geftetjen  muffen,  e§  fei  unmöglich 
§u  benfen,  bafc  jene  Function  ober  bieie  SSerpltniffe  ftd) 
fünblict)  entmiffeln  füllten.  Unb  eben  fo  benfen  mir  un§ 
ba%  in  einem  (Sinäetnen  irgenb  eine  Function  ober  ein  23er* 
ljältnifj,  fei  e§  nun  burd)  feine  perfönlidje  (Stgentljumltdjfett 
ober  bureb  ben  (Sinflujj  ber  3udjt  unb  ©itte,  fdjon  öor  feiner 
SSiebergeburt  immer  fo  rein  gehalten  morben  fei,  bafj  feine 
(Sünbe  Oon  ba  ausgegangen:  fo  mirb  e§  audj  nid)t  gebaut 
merben  fönnen,  bajj  nacb  feiner  SSiebergeburt  öon  fjier  au§ 
bie  ©ihtbe  ftdj  einfdjleic^e.    Unb  bierau§  fdjon  ergiebt  ftd) 

(S^f.G^rtftr.  ©t.II.  12 


178  $er  dfttftltfo  Glaube.  3toeiter  Sfreil. 

beutltdj  genug,  ba%  mir  in  jebem  gatt,  her  einen  folgen 
(Schein  barbietet,  boct)  immer  merben  tagen  muffen,  entmeber 
bie  <Sünbe  fei  ntdjt  neu  foubern  fei  bodj  fdjon  ait§  ben 
früheren  3eiten  5er  unb  nur  mieber  aufgeregt,  ober  bie 
SSiebergeburt  fei  feine  ridjtige  unb  maljrbafte  gemefen,  meii 
bie  ©ünbljaftigfett  nod)  neue§  erzeugen  tonnte.  —  5luctj  nod) 
bon  einer  anbern  Seite  angefebn  muffen  mir  ba$  ©egentbeil 
unfere§  <Sase§  bermerfen,  meü  nämlid)  bie  Söeljaubtung, 
burd)  eine  £mnblung  eine§  SSiebergeborenen  fönne  üjm  bie 
(Snabe  ber  SSiebergeburt  berloren  geljen,  menn  bodj  ber 
Sßiebergeborene  ber  neue  Sftenfdj  ift,  in  bem  genaueften  3u- 
fammenljange  fteljt  mit  ber  früher  fdjon  befetttgten,  bafj  ber 
erfte  SD^enfctj  fonnte  burdj  eine  £>anbhmg  bie  (gtgenfdjaften 
berlieren,  bie  er  nod)  ijatte  nl§  er  fjanbette.  ®enn  mollte 
man  fagen  bie  Meinung  fei  ntd)t,  bafj  bie  ®nabe  berlitten 
getje  burdj  ein  föanbetn  be§  neuen  9D?enfd)en,  fonbern  nur 
burdj  ein  !D?icf)tl)anbeln  beffelben:  fo  mirb  baburd)  bie  $or- 
auSfejung  mieber  aufgeboben,  ba%  bie  äöiebergeburt  ber  3ln* 
fang  be§  &eben§  (Tfjrtfti  in  un§  fei,  meld)e§  ja  notbmenbig 
ein  £mnbeln  ift.  Unb  e§  seigt  ftdj  Ijier  mie  bort,  bafj  mte 
man  audj  eine  fo  gerftörenbe  föanblung  benfen  möd)te,  bie 
©nabe  ber  SSiebergeburt  boctj  allemal  fdjon  borber  müfjte 
berloren  gegangen  fein,  ^a  e§  bietet  ftd)  nocb  eine  anbere 
Analogie  bar,  toenn  man  bem  begriff  ber  SBiebergeburt  treu 
bleibt.  2)enn  e§  müfjte  bann  and)  burdj  bie  SJHtmirrrtng  be§ 
bon  ßljrifto  au§gefjenben  SnUmlfe§  ber  9Ptofdj  ftd)  bon  ber 
Seben§gemeinfd>aft  mit  (£brifto  lo§fagen,  mie  in  bem  fiaU  be§ 
bofen  ©eifte§  biefer  burdj  bie  Gräfte  bie  ibn  sunt  ©ottber* 
manbteften  madjten  ftd)  müfete  bon  biefer  $ermanbt?d)aft  lo§* 
geriffen  fjaben,  mitbin  folgt  audj  f)ier,  tna§  mir  bort  gefolgert 
Ijaben.  —  (SubUd)  audj  menn  mir  auf  bie  Aufgabe  äitrüffgeben 
ben  guftanb  fcer  Heiligung  befttmmt  su  fonbern  bon  bem  3**= 
ftanb  in  bem  ©e)ammtleben  ber  «Sünbbaftigfeit  aber  unter 
ben  (Sinmirfungen  ber  borbereitenben  ©nabe,  mag  fie  nun 
gelöft  fein  ober  nidjt:  fo  liegt  fdjon  in  ber  Aufgabe  allemal 
bie  gorberung,  eine  göttltdje  ©nabenmirfung  auf  ben  SCtfenfdjen 
äu  untertreiben  bon  einer  folctjen  in  bem  9#enfd)en  unb  burd) 
ben  99£enfd)en.  ©oll  nun  ledere  nicrjt  eine  bloft  momentane 
ftd)  mieber  äurüffstebenbe  b.  fy.  eine  blofje  Eingebung  fein:  fo 
folgt  barau§  bon  felbft  bie  (Stetigfett.  3)enn  benf t  man  ftd)  aud) 
bieje  ©nabenluirtung  mieber  auffjörenb:  fo  ift  ilire  SBäfjrung, 
mag  fie  nun  lang  ober  fürs  gemefen  fein,  immer  nur  eine 
Eingebung    gemefen.    @§   bleibt   baljer   für  ba$   ©egentljeil 


Srfter  2£6fc§mtt.  SSon  bem  Snftanbe  be§  (Stiften  ic  179 

unfercS  (Sa§e§  nur  bte  2BaI)I  übrig  gmifdjen  einer  burdj  eigne 
£fjat  bemirften  Slenberung  ber  Statur  ober  gnrifdjen  einem 
freimitfigen  ©idjgurüff  gießen  ber  göttliäjen  ©nabe  oor  ber 
entfebeibenben  £anblung,  eben  roie  anberroärt§  cor  bem  gaK 
ein  ©itfigurüff  gießen  eine§  aufjerorbentiicb.en  gurüffbattenben 
göttlichen  ®nabenbeiftanbe§  angenommen  mirb.  (£§  fdjeint 
bafjer  aueb,  unmöglich,  ba%  bie  entgegengefegte  ßefirmetfe  an$ 
bem  <3elbftberouMein  be§  fic^  ber  göttlichen  (Snabe  Gemuteten 
fann  fjeroorgegangen  fein  unb  fo  begriffen  merben.  ®enn 
menn  mir  aueb  gugegeben  baben,  ba%  ein  Moment  ber 
SSiebergeburt  ftd)  im  mafjrnebmoaren  ©elbftfcettmfetfeüt  nidjt 
beftimmt  abfegt,  mithin  aueb  bie  ($5emii(jeit  einer  bem 
früheren  Buftanb  entgegengefegten  2eben§form  nicfjt  fogletcr) 
eintritt:  fo  mußten  mir  boct)  guglei<$  annebmen,  ba%  bit 
2Ieu£erungen  be§  neuen  ßeben§  audj  erfafjrung§mäfjig  immer 
ftetiger  merben,  unb  bieburd)  audj  bie  äuoerfidjt  gur  gort*  , 
bauer  bieier  5eben§t>ereinigung  mit  (Sbrifto  mefjr  unb  mefjr 
in§  roafjrnefnnbare  (Selbftbettmfjtfein  treten  mufe,  ba  obn* 
erachtet  aller  ©cbmanfungen  bod)  eine  gunefjmenbe  (bemalt 
be§  Seben§  ©tjrtfti  über  ba%  gleifct)  ben  <&tanb  ber  Heiligung 
unterfebeibet.  2)iefe  fachgemäße  ber  SSiebergeburt  natürlicbe 
3uoerftcf)t  läfjt  fieb  nur  bur$  biefen  £beil  unfere§  <Sage3  unb 
nic^t  burä)  bog  ($5egentbeil  im  (Sebanfen  au§brü!fen. 

2.  SBir  fönnen  alfo  ben  entgegengefegten  gormein,  bafj 
ber  ©laube  mieber  !önne  Oerloren  geben,1  ba%  bie  &e$U 
fertigung  fönne  Oerloren  geijen  unb  bie  <$nabe  fönne  Der* 
loren  gefjen,2  menn  fie  gletctj  angefefjene  ßeljrer  für  ftcb  Ijaben. 

1  Epit.  artic.  IV.  Credimus  .  .  cum  dicitur  renatos  bene 
operari  libero  et  spontaneo  spiritu,  id  non  ita  aeeipiendum  esse, 
quod  .  .  nihilominus  tarnen  fidem  retineat  (seil,  homo  renatus) 
etiamsi  in  peccatis  ex  proposito  perseveret.  —  Ibid.  reprobamus 
dogma  illud,  quod  fides  in  Christum  non  amittatur  .  .  etiamsi 
(homo)  sciens  volensque  peccet. 

2  Necesse  est  autem  discernere  peccata  quae  in  renatis  in  hac 
vita  manent  ab  illis  peccatis,  propter  quae  amittuntur  gratia  et 
fides  .  .  .  est  igitur  actuale  mortale  in  labente  post  reconciliationem 
actio  interior  vel  exterior  pugnans  cum  lege  Uei  facta  contra  con- 
scientiam  —  nee  potest  stare  cum  malo  proposito  contra  conscien- 
tiam  fides.  Melanchth.  loc.  p.  124  u.  276.  —  2tug§b.  53ef.  XII. 
.  .  bau  biejenigen,  fo  nact)  ber  Saufe  gefünbigi  haben,  gu  alter  £eit,  fo 
fie  befefirt  tuerlen,  Vergebung  ber  <£ünbe  erlangen  mögen.  .  .  §ie  merben 
öertüorfen  bte,  fo  lefiren,  ba$  biejentgen,  fo  einft  finb  fromm  Sorben, 
nicht  toieber  fallen  mögen.  —   Declar.  Thorun.  XI.  p.  421.     Quasi 

18' 


ISO  ©er  djrlftüdje  ©taube.  Stoetter  Sfjell. 

unb  in  einige  ftjmbolifdje  ©Triften  eingegangen  ftnb,  um  fo 
meniger  beiftimmen,  al§  and)  anbere  fomboliidje  ©teilen  ftd) 
tf)etl§  gerabeju  tljetlS  mittelbar  für  unfern  <Sas  erklären,  unb 
biefelbe  3uüerfid)t  beutlid)  augfpredien.1  —  SSenn  mir  bieie 
entgegengefesten  Steuerungen  mit  einanber  Dergleichen:  fo 
fdjcint  folgenbeS  fjerooräugefyen.  ©rftlidj  ber  begriff  be3 
gaHen§  unb  ber  (Gefallenen,  unb  bie  (Sinmifdnmg  ber  iaufe 
äeigt,  ba%  bk  ber  unfrigen  entgegengefe^te  gormel  ftd)  an 
alte  ftrcfclidje  (Sntf Reibungen  anfcl)liefct,  bie  ftct)  einer  au§~ 
fd^ließungSIuftigen  (Strenge  mit  gutem  Sftedjt  roiberfesten. 
Mein  bie  Slbfauenben  ben  <$riftlid)en  (Glauben  äufjerlid)  öer* 
läugnenben  unb  bie  ®ird)e  berlaffenben  Ratten  feine§raege3 
ben  (Glauben  be§f;alb  innerlidj  üerloren,  fonbern  oerläugneten 
nur  äufjertid)  aus?  gurd)t,  b.  5.  fie  maren  nur  nod)  unooH- 
fommen  in  ber  £aöf erfeit,  unb  bie  (getauften  maren  bamalg 
eben  fo  menig  al§  iest  alle  miebergeboren,  unb  bie  aifo  ba$ 
(£l)rtftentf)um  oertiefjen,  um  ftd)  etma  mieber  einer  größeren 
fiimltdjen  greiljeit  §u  erfreuen,  bie  maren  nod)  nidjt  Oott- 
fommen  ergriffen,  unb  Ratten  ben  redjten  (Glauben  unb  bie 
9^ed)tfertigung  nod)  nid)t.  3 meiten§.  ©obalb  berfelbe 
begriff  auf  unfre  SBerfjältmffe  angemenbet  mirb  in  bem= 
felben  (Sinn,  bafj  ber  Sßerluft  be§  (Glaubend  ober  ber  $itd)U 


statuamus  semel  iustificatos  Dei  gratiam  eiusve  certitudinem  .  .  . 
non  posse  amittere  quamvis  in  peccatis  pro  lubitu  voluteutur.  Cum 
contra  potius  doceamus,  ipsos  etiam  renatos  quoties  in  peccata 
contra  conscientiam  recidunt,  in  iisque  aliquamdiu  perseverant,  nee 
fidem  vivam  nee  Dei  gratiam  iustificantem  nedum  eius  certitudinem 
.  .  pro  illo  tempore  retinere  etc.  —  Stein  r).  :£>ogm.  §.  127.  toeiß 
ben  ^auptfag:  ipsum  tarnen  iustificationis  decretum  in  Deo  mutabile 
non  est  mit  bem  (ibid.  2)  ^u  bereinigen,  bafj  ber  SJcenfdj  mef)r  a\&  etn= 
mal  in  feinem  ßeben  gered)tfertigt  werben  föime.  ©enn  fo  oft  er  nad) 
einer  oodjergegangencn  moraltfdien  S3erfd)limmerung  ben  magren  ©lauben 
mieber  empfängt:  fo  mufj  aud)  baS  in  ©Ott  fid)  auf  biefen  ©lauben  be- 
jjtefjenbe  decretum  iustificans  mieber  «Statt  ftnben.  SSgl.  §.  128.  .  . 
iustificatio  .  .  neglecta  fide  iterum  potest  amitti. 

1  Expos,  simpl.  XVI.  p.  44.  Eadem  (fides)  retinet  nos  in 
officio.  —  Conf.  Gall.  XXI.  p.  118.  .  .  credimus  fidem  electis  dari, 
ut  non  semel  tantum  in  reetam  viam  introducantur,  quin  potius  ut 
in  ea  ad  extromum  usque  pergant.  —  Sol.  decl.  p.  802.  Deus 
proposuit  se  iustificatos  etiam  in  multiplici  et  varia  ipsorum  iufir- 
mitate  .  .  defensurum  .  .  .  et  si  lapsi  fuerint,  manum  suppositurum 
ut  ad  vitam  conservontur.  —  £üel)cr  gehört  aud)  SluguftinS  ego 
autom  id  osse  dico  peccatum  ad  mortem,  fidem  quae  per  diloctionom 
oporatur  deserere  usque  ad  mortem.     De  corr.  et  grat.  35. 


(Srfter  Stöfönttt.  SSon  bem  3uftcmbe  be§  ©Triften  ac.  181 

fertiguug  bamit  oerbunben  fein  foH:  fo  mirb  aud)  bte  Srage, 
roa§  für  eine  Slrt  bon  ©ünbe  bieten  Sßermft  beroirfe,  feljr 
berfcrjieben  beantwortet.  ®enn  mit  SBiffen  unb  SBitten  fün* 
bigen,  borfäslid)  fünbigen  unb  in  ber  borfäälicfjen  (Sünbe  be* 
Darren  ftnb  fer)r  fcerfdjtebene  Seftimmungen. x  galten  mir 
un§  nun  an  bie  beiben  ©jtreme,  fo  gebort  ba§  eine  in  ben 
Sßectjfel  ber  mebr  ober  meniger  hti  jebem  im  ©taube  ber 
Heiligung  oorfommt,  ba  auefj  bie  UnooHfommerifjeit  ber  guten 
SBerfe  oft  genug  mit  SBiffen  unb  SBttten  ftatt  finbet;  ba$ 
anbere  aber,  menn  mir  bie  öorfäältdje  ©efjarrlidjfeit  oerfteben 
bon  einem  roiff entließen  gänälid)en  SBiberftanb,  gebort  eben  fo 
offenbar  unter  bie  gäfte,  mo  bie  SBiebergeburt  nur  eine 
fdjembare  gemefen  ift.  drittens?  ift  mol  rttctjt  §u  bearaeifeln, 
bäte  menn  bie  £ebre  bon  ber  ttnberlierbarfeit  ber  reebt* 
fertigenben  göttlichen  (Sfttabe,  ober  —  mie  richtiger  gejagt 
mürbe  —  bon  ber  bottfommnen  Buberläfftgfeit  berfelben  ntdjt 
berrfebenbe  ^ircbenlebre  gemorben  ift,  bie§  nur  in  ber  (Jon* 
troOerfe  mit  ber  römifcfjen  Strebe  unb  in  ber  ^olemif  gegen 
bie  fematifdjen  ©eften  feinen  ®runb  r)at;  mie  ieber  bog* 
matifebe  ©aj,  ber  ftd)  ntctjt  al§  Slnaltjfe  be§  djriftlicben  ©elbft= 
beroutetjeinS  geltenb  machen  !ann,  geroifj  entmeber  fbeculatib 
ober  nur  auf  eine  folc&e  äufjerlicbe  SBeife  begrünbet  ift  2)ie§ 
ift  aueb  beutlid)  genug  barauS,  ba%  ber  gatt  be§  borfäältcb  in 
ber  ©ünbe  befjarren§  mit  bineingesogen  ift.  2>a§  fanatifdje 
3errbüb  biejer  Se^re,  melcbe§  ftcb  auf  eine  innere  ©etotBbett  j 
be§  (35efiirj)l§  allein  beruft,  unb  nun  ben  ©as  mit  ber  Um?  i 
fefjrung  bereichert,  ma§  ber  SBiebergeborene  tfjue  fei  redjt 
ober  menigften§  läfjlid),  liegt  §u  Sage,  mirb  aber  in  ber 
gormel,  mie  fte  tjter  aufgeteilt  ift,  feinen  SSorf dmb  finben. 
©ben  fo  ift  and)  ben  folgen,  roelcbe  bk  römifd)e  ^iretje  au§ 
ber  Sebre  bon  ber  9ted)tfertigung  burd)  ben  glauben  ber= 
leiten  miff,  Ijinreidjenb  borgebeugt,  inbem  Oorau§ge|egt  mirb, 
ba£  ber  SBiebergeborne  beftänbig  gegen  bie  ©üube  fämbft. 
2Ba§  aber  ben  leidjtfinnigen  9Jei£braud)  betrifft:  fo  finbet  er 
eben  fobiel  SSorfcbub  barin,  bafj  einer  ftcrj  bod)  immer  mteber 
befebren  fann,  menn  er  au§  ber  ©nabe  gefallen  ift,  al§  barin, 
bafe  bie  ©ünben,  bk  bei  einem  SSiebergebornen  möglieb  ftnb, 
ibn  be§  ®nabenftanbe§  ntcjjt  berluftig  machen.  9?ur  bafj  bon 
unferer  S)arfteHung  au§  oiel  näber  liegt,  bem  ©inroanb  ba? 
burd)  gu  begegnen,  ba§  mer  folgen  $ormanb  fudjt,  niebt 
gegen   bk   ©ünbe  fämpfen  toiU,    atfo  geroifj   fein  SSieber- 


1  SScrflL  oben  §.  74. 


182  SCer  djrtftiidje  ©taube.  Stoetter  Sljeil. 

geborncr  ift,  bte  gange  Seigre  ifjn  alfo  gar  nictjt  betrifft.  $)a* 
^er  nun  fein  ©runb  mefjr  borljanben  tft,  ber  einfachen  unb 
ftfcltdjten  silu3fage  be3  eoangelifd)  djriftüctjen  ©elbftbemuBtfeinS 
burcrj  unhaltbare  fte  nur  oerbunfetnbe  Sufääe  einen  belferen 
(Eingang  t>erfd)affen  51t  motten. 

3.  £)er  3lii§bruff  aber,  bafc  bie  «Sünben  im  ©taube  ber 
Heiligung  bie  Vergebung  immer  fdjon  mit  ftd)  führen,  tottf 
au<$  nidjt  fo  berftanben  fein,  al§  ob  ber  SSiebergeborene  fid) 
im  ©ünbigen  felbft  ber  Vergebung  bemufjt  fei,  ober  in  unb 
mit  biefem  Söettmfetfem  fünbige;  fonbern  bie  <Sünbe  mufc  Ujm 
erft  al§  feine  %i)at  mitbin  t>oH6ractjt  unb  mit  Üteue  gum 
Söehmfetfein  fommen,  inbem  Vergebung  unb  Reue  bureb  ein* 
anber  bebingt  finb.  9cur  ba§  ift  gerorfe,  bafc  ber  menn  aud) 
nict)t  glüülidje  unb  ftegreterje  Sßiberfianb  a(§  Vorbote  ber 
Reue  auccj  ber  be§  SBehnrfetfetnS  ber  Vergebung  ift.  2)er 
eigentliche  ©inn  aber  ift  nur  ber,  bafc  roa§  bon  bem  gangen 
^Begriff  ber  Rechtfertigung  eben  fo  au<$  bon  biefem  eingelnen 
Steile  berfelben  gilt,  bafc  nämlich  bte  begnabtgenbe  (Sünben- 
oergebung  niebt  ein  einzelner  Ratbfcfjtufj  ober  Stet  für  ieben 
fei  unb  eben  fo  toenig  ein  btofj  beetaratorifdier,  fonbern  ein 
mirffam  au§  bem  (Gebiet  ber  ©ctjulb  unb  ©trafmürbigfeit 
IjerauSfüfjrenber  unb  atigemeiner,  ber  ftctj  gtoar  geittid)  an 
Sebem  einzelnen  aber  bann  aud)  mtrflicrj  erfüllt  unb  feine 
Söieberlmlung  bebarf.  ®enn  bit  göttliche  Mmiffenljeit  fann 
\a  aud)  in  bem  2Ict  ber  Vergebung  bie  &m\be  nidjt  fegen 
at§  in  bem  Moment  ber  SSiebergeburt  abfotut  getilgt,  fonbern 
nur  ai§  attmäbüg  berfdjnnnbenb.  Sft  nun  bie  SBefeßrimg 
biefer  Söenbepunft,  fo  aber  bafj  bk  ©ünbe  aud)  tjernad)  nod) 
erfctjeirtt:  fo  mufj  e§  aud)  fjernad)  nodj  in  bem  SBenmfjtieht 
eine  Söegieljung  auf  biefen  5lct  geben,  aber  fte  mufj  natür^ 
licfjermeife  aud)  eine  anbere  fein.  $ft  nun  in  bem  Seben  unter 
ber  iperrfebaft  ber  allgemeinen  ©ünbljaftigfett  bk  ©ünbe  %t- 
fammtfccjulb,  fo  ba%  bie  ©ünbe  einzeln  ntd)t  bem  ©ingelnen 
zugerechnet  mirb,  ieber  aber  an  biefer  (Skfammtfdmlb  fo  feinen 
Sijeil  Ijat,  bafj  eben  be§f)atb  aud)  nidjt§  eingelneg  bergeben 
roirb:  fo  Oerljält  fiel)  bie  <3adje  in  beut  ©taube  ber  Heiligung 
gang  umgefel)rt.  ©eim  roemt  bie  ©rlöfung  audj  nur  unter 
ber  ^vorm  eine§  ®efammtleben£>  mögltdj  ift,  fo  Ijat  in  biefem 
bie  Sünbe  rtictjt  it)ren  ©runb,  roenn  man  e§  ftreng  an  unb 
für  ftd)  nimmt,  fonbern  nur  in  ben  (Smseinen  fofern  fie  noeb 
eür>a§  au§  bem  borigen  (Sefammtleben  an  ftd)  f)nbeu.  «Sie 
ift  alfo  audj  ntd)t  bie  ©dmtb  be§  (SefammtlebenS  fonbern  bc§ 
(jtnsemen,  unb  wirb   alfo  biefem  gugeredmet.    G§  ift  aber 


(Srfter  Stöidjnitt.  SSon  bem  Buftanbe  be§  Triften  it  183 

nur  ein  fdjeinbarer  SSiberfbrud),  bafj  bie  Sünben  ibm 
zugerechnet  raerben,  unb  bafj  fie  fdjon  immer  bergeben  ftnb. 
S^tctjt  nur  roeil  Vergeben  allemal  eine  Suredjmmg  ift ;  fonbern 
es"  ftnbet  aud)  r)ter  feine  anbere  Buredjnung  als  eine  ber* 
a,ebenbe  ftatt.  SDenn  zugerechnet  roerben  bie  «Sünben  berföntid) 
ber  auS  bem  fünbigen  (Sefammtleben  in  bas"  neue  überge* 
gangenen  natürlichen  $erfon,  unb  ^mar  ü)m  berfönlicber  al§ 
einem  ber  nodj  bem  alten  ©efammtleben  angehört,  nidt)t  aber 
tuerben  fie  bem  neuen  SKenfdjen  augeredjnet,  ber  bermöge  be§ 
<$5emeingefüljl§  ficb  mit  bem  (Standen  ibentificirenb  bie  Sdjulb 
ntcbt  in  ficb  trägt.  (Sie  ftnb  ibm  allo  bergeben,  roetl  fie  nur 
bem  angerechnet  merben  fönnen,  ber  er  ntct)t  mebr  ift.  i)arum 
§at  er  aucb  bas"  Söeroufjtfein  ber  Vergebung,  fobalb  er  ftdt) 
feiner  im  neuen  ®efammtteben  bemüht  ift,  roeil  bie  (Stetigfeit 
bes"  neuen  Seben§  bermöge  feine§  5ßoUen§  be§  fReictjeS  ®otte§ 
unb  9?idntt>oHen§  ber  (Sünbe  nictjt  unterbrochen  getoefen  ift, 
unb  gfetcbäeitig  irgenb  einen  Söiberftanb  gegen  bie  (Sünbe 
berborgebradjt  Ijat.  S)a£  aber  biefe»  58emuBtfein  ni$t  mit 
bem  Sünbtgen  auf  melier  möglichen  (Stufe  e§  aucb  fei 
gleichzeitig  fein  fann,  fonbern  ba$  Dcicbtm  ollen  ber  Sünbe 
nid)t  notbmenbtg  als*  9tae  §uerft  nact)  ber  25 at  funb  geben 
muß,  unb  ba§  Söeroufctiein  ber  Vergebung  bie  Meue  borau§- 
fest,  ba$  leuchtet  bon  felbft  ein. 

4.  Heber  ben  ®ambf  felbft  gegen  bie  (Sünbe  mürbe,  raenn 
nic^t  aucb  bi^üoer  SÜciBberftänbniffe  entftanben  mären,  um 
fo  meniger  etma§>  §u  jagen  geroefen  fein,  al§  man  bahei 
fcbmerltd)  bermeiben  fann  in  ba§  (Gebiet  ber  djriftltdjen  (Sitten* 
lebre  binüberzufdjimetfen.  5lu§  bem  obigen  gebt  berbor,  bafj 
bte  (Skfabr  im  ©tanbe  ber  Heiligung  in  (Sünbe  §u  fallen  bei 
Gebern  bon  benienigen  Steigen  ber  Sinnlicbfeit  au§gelje, 
meiere  bor  feiner  SSiebergebttrt  am  meiften  (Steinalt  geübt, 
unb  in  benen  23erl)äitniffen  ibren  (Siz  bat,  in  meieren  ficb 
^emobnbeiten  §u  (fünften  fetner  Steigungen  am  letdjteften 
au§bilben  fonnten.  ®iefe§  (bebtet  alfo,  innerbalb  beffen  bie 
Neigungen  liegen,  melcben  am  fdjmerften  ift,  immer  boll* 
fommnen Sßiberftanb  §u  leiften,  ift  ba§  Q3erfucbung§gebtet 
eine§  Seben.  9cun  befttmmt  ftdt>  aber  in  einem  ^ebeit  bie 
SSirffamfeit  be§  Sebens"  ©fjrtfii,  toetdje  bon  feinem  2SoHen 
beS  9fteicbe§  @otte§  ausgebt,  aus1  ben  Slufforberungen,  roelcbe 
bermöge  feiner  «Stellung  im  ®efammtleben  an  irjrt  ergebn, 
rooburdj)  ficb  jene»  SSotlen  zu  beftimmten  gmeftbegriffen  au§= 
bxlbet,  unb  biefe  finb  fo  geroifs  ein  ftettge§,  als  bie  djriftttcbe 
Sittenlehre  ba§  ganze  Seben  umfafct.    (Sonacb  fann  aucb  ba§ 


184  3>er  $riftlidje  ©lau&e.  3toeiter  Xfjeü. 

Sßerfudjungagebiet  nur  innerhalb  biefe§,  ba§  SSort  im  mciteften 
(Sinne  genommen,  S8eruf§ge6iete§  liegen.  £a§  Reifet,  e§ 
fnnn  feinen  anbern  Sampf  gegen  bie  eigene  ©mibe  geben, 
al§  nadj  bem  fte  ftc£)  bei  miferer  £bätigfeit  im  fHetct>e  ($5otte§ 
mirflid)  regt,  mitbin  fo  baß,  ma§  gegen  fie  gefd)iel)t,  äugleict) 
eine  foldje  £f)ätigfeit  fein  mui  (£r  befielt  aXfo  lebiglidj 
barin,  baß  mir  bie  bei  btefer  £I)ätigfeit  entftefjenben  Ver- 
gebungen abwehren  ober  51t  überminben  fucrjen,  unb  unter 
biefe  gormel  mufe  baZ  Verfahren  gegen  aUe  in  bem  med)* 
felubeu  Verlauf  be§  @tanbe§  ber  Heiligung  nod)  möglichen 
©ünben  begriffen  werben  tonnen.  S)entt  fonft  mären  smei 
berfcfjiebene  neben  einanber  fortlaufenbe  Aufgaben  gefteüt, 
beren  feiner  in  irgenb  einem  2tugenbliff  genügt  merben 
fönnte  ofjne  bie  anbere  ^u  beeinträchtigen.  S8eibe§  erbellt 
aucf)  fo.  3)ie  jebeSntaltge  richtige  9lnwenbung  ber  göttlichen 
©ünbenbergebung  ift  bebingt  burd)  ben  ®ampf  gegen  bit 
©ünbe;  aber  bie  richtige  91nwenbung  ber  göttlichen  Slboptton, 
tiermöge  beren,  mer  im  ©tanbe  ber  Heiligung  begriffen  ift, 
audj  nad)  ber  ©ünbe,  ba§  beißt  aber  in  iebem  $lugenbtiff, 
ba  überall  nod)  ©ünbe  ift,  fid)  fagen  fann,  er  fei  nod)  ein 
®inb  ®otte§,  ift  bebingt  burd)  bie  Sebenbigfeit  unb  SSirf- 
famfett  be§  (Glaubens?.  2>a  nun  aber  beibe§  eine§  unb 
baffetbe  ift:  fo  muß  aucrj,  Woburd)  beibe§  bebingt  ift,  nur 
baffelbe  fein.  (5§  giebt  mitfjüt  feinen  Sampf  auf§  ©eratlje^ 
moljl  gegen  mögliche  fünftige  ©ünben,  welcfje§  immer  nur 
fein  fönnte  ein  3urüffbrängen  ober  eine  5lbfd)Wäd)ung  ber 
naturgemäß  entwiffelten  finnlicrjen  Gräfte,  Woburd)  biefe 
3ugteid)  al§  Organe  be§  ®eifte§  untüchtiger  merben;  nodj 
aucf)  giebt  e§  büßenbe  Hebungen,  toelcfje  befonbere  nidjt  au§ 
unfernt  ©efdjtfff  im  Dieidj  @otte§  Ijerfommenbe  ipaubfungen 
bilbeten,  nodj  weniger  ein  nnltfütjrlicbeS  SSerlaffeu  be§  SSer* 
fud)img§gebiete3  al§  Weld)e§  sugieid)  ein  SSerlaffen  be§ 
$8erufg>gebiete§  märe,  mie  e§  fid)  feine§Wege§  ableiten  ließe 
au§  beut  Slufgenommenfein  in  bie  SebenSgemetntdjaft  (Hjrifti, 
weldje  ja  aud)  eine  ©emeinfdjaft  feiner  ©enbung  in  bie 
28elt  fein  muß,  mit  ber  eine  folcrje  gurüffäieijung  im  SSiber^ 
fprnct)  ftänbe.  $lt§  ba§>  einzig  richtige  bleibe  bafjer  nur 
ber  SSiberftanb  gegen  bie  Wirflid)  entftefjenben  Verfügungen 
übrig. 


(Srfter  Stöfc&mtt.  58on  bem  3uftanbe  beä  e&rtften  jt.  1 85 

Breiter  Seljrfas.    $on  ben  guten  SSerfen  ber 
SSiebergebornen. 

§.  112.  2)ie  guten  2öer!e  ber  SOBiebergebornen  ftnb 
natürliche  Sßirfmtgen  be£  ®lauben£,  unb  al3  folcfye 
©egenftcmbe  be£  göttlichen  SBoWgef  allen«?. 

Apol.  Conf.  III.  Deinde  doceinus,  quomodo  Deo  placeat,  si  quid 
fit,  videlicet  non  quia  legi  satisfacimus ,  sed  quia  sumus  in  . 
Christo.  —  Artic.  Smalc.  XIII.  Hanc  fidem  sequuntur  bona 
opera.  Et  quod  in  Ulis  pollutum  et  imperfectum  est,  pro 
peccato  et  defectu  non  censetur,  idque  etiam  propter  Christum : 
atque  ita  totus  bomo,  cum  quoad  personam  suam  tum  quoad 
opera  sua  iustus  et  sanctus  est.  .  .  .  Dicimus  praeterea,  ubi 
non  sequuntur  bona  opera,  ibi  fidem  esse  falsam.  —  Expos. 
simpl.XVI.  p.  44.  Docemus  enim  vere  bona  opera  enasci 
ex  viva  fide  .  .  et  a  fidelibus  fieri  secundum  voluutatem  vel 
regulam  verbi  Dei.  .  .  Etenim  non  probantur  Deo  opera  et 
nostro  arbitrio  delecti  cultus,  .  .  placent  vero  approbanturque 
a  Deo  quae  a  nobis  fiunt  per  fidem,  quia  illi  placent  Deo 
propter  fidem  in  Christum ,  quia  faciunt  opera  bona  .... 
docemus  Deum  bona  operantibus  amplam  dare  mercedem.  .  . 
Referimus  tarnen  hanc  mercedem  non  ad  meritum  hominis 
accipientis.  —  Conf  Mylhus.  VHI.  p.  107. .  .  quamvis  haec 
(fides)  per  opera  caritatis  se  sine  intermissione  exerceat  .  . 
attamen  iustitiam  et  satisiactiouem  pro  peccatis  nostris  non 
tribuimus  operibus  quae  fidei  fructus  sunt.  —  Conf.  Belg. 
XXIV.  p.  184.  185.  Atque  haec  opera,  quae  a  bona  fidei 
radice  proficiscuntur ,  coram  Deo  bona  eique  accepta  sunt.  .  . 
Facimus  igitur  bona  quidem  opera ,  sed  neutiquam  ut  iis  pro- 
mereamur.  .  .  Interim  tarnen  non  negamus  Deum  bona  opera 
remunerari.  —  Conf.  An  gl.  XIV.  p.  131.  Opera,  quae  super- 
erogationis  appellant,  non  possunt  sine  arrogantia  et  impietate 
praedicari. 

1.  £)te  in  unfern  SBefenntntisfdjriften  mie  auct)  in  aßen 
älteren  2lu§füt)rungen  ber  ®lauben§lebre  fo  häufig  bor* 
fommenben  ©rörterungeu  barüber,  bafj  bte  guten  SSerfe  nicr)t 
nottjmenbig  ftnb  jur  Ütedjtfertigung,  fönnen  mir  nur  al§ 
etmaS  frembeS  anführen,  meit,  menn  aud)  nur  ba$  erfte  in 
ber  2ebre  öon  ber  Sßiebergeburt  sugegeben  ift,  ber  ©ebanfe 
fdjon  niemanben  ntefjr  einfallen  fann.  S)enn  ftnb  fRect)t* 
ferttgung  unb  SBefe&rung  burct)  einanber  bebingt:  fo  ift  bte 
D?ed)tfertigung  nid)t  burcf)  gute  Söerfe  bebingt,  meil  bit  Se* 
tebrung  ntctjt  burdj)  fie  bebingt  fein  fann.  Unb  e§  märe 
onberbar,  memt  man  bte  grage  nocfj  als  eine  anbere  fnnäu* 


186  ®er  djrtftlidje  ©laube.  Stoeiter  £6ell. 

fügen  roollte,  ob  baZ  emige  Seben  ober  bie  Setigfeit  burdj 
bie  guten  Söerfe  bebingt  mären.  2)enn  betbe  beginnen  eben= 
fatt§  mit  bem  (glauben,  inbem  jene§  non  ber  SBiebergeburt 
an  ficb,  feXbft  gleich  bleibenbe  in  ber  (Seele  6eibe§  in  ficb 
fcbiiefet.  SBer  aber  btefe§  abläugnen  miß,  mit  bem  fönnen 
mir  hierüber  gar  nicfjt  ftreiten,  meil  mir  erft  über  anbere 
fünfte  mit  ifjm  ftreiten  müßten,  ^enn  roer  bie  guten  Sßerfe 
für  notbmenbig  Ijält  aur  (Seligt'eit,  meü  man  unter  ©lauben 
nur  eine  (Srfenntnife  oerfteljt,  mit  bem  Ijaben  mir  entraeber 
Qar  feinen  «Sbracfigebraucb  gemein,  ober  er  bat  gar  nid)t§  in 
ber  Siebre  bon  ber  ©rlöfung  mit  un§  gemein.  £)a§  fonber* 
barfte  sJDcifeberftänbnifj  aber  ift,  ba%  ftd)  in  biefem  (Streit  bte 
Uebertreibung  gebilbet  bat,  bie  guten  äöerfe  mären  fdjäbltdj 
jur  (Seligfeit,  unb  bai  man  ftcfc)  biebon  nur  fjalb  unb  Ijalb 
loggefagt  l)at,  al§  fönnte  mol  etmag  baran  fein,  menn  ber 
(Sas  nur  geljörig  nä^er  beftimmt  mürbe,1  unb  menn  man 
aße§  Slergernifc  bahzi  bermetben  fönnte;  ba  bodj  bie  Sßerfe, 
meldte  fdjäblidj  merben  fönnten  baburd),  ba%  man  ficb,  auf  fte 
fcerliefje,  feine  guten  SSerfe  in  unferm  Sinne  mären.  S)enn 
mer  biefe  tt)ut ,  fjat  bie  (Seligfeit  im  (glauben  borber,  unb 
fann  alfo  nierjt  in  ben  gaU  fommen,  fic§  erft  auf  bit  23erfe 
berlaffen  gu  motten.  —  2)er  bofitibe  (Saj  bagegen,  bafj  bie 
guten  SSerfe  natürliche  SSirfungen  be§  ($51auben§  finb,  ift  mit 
bem  borigen  fo  genau  berbunben,  bafc  er  ebenfalls?  feiner  ©r^ 
läuterung  bebarf.  2)enn  menn  mir  un§  in  bie  SebenSgemeins 
fdjaft  (£fjrifti  aufnehmen  laffen,  fo  finb  mir  bon  ber  33er= 
einigung  be§  göttlichen  mit  ber  menfcf)lidjen  Statur  in  feiner 
$erfon  mit  ergriffen,  unb  bie  3uftimmuug  ju  biefem  gufianb 
mirb  ein  beftänbig  tätiger  SSitte,  biefe  ^Bereinigung  feffcm* 
galten  unb  fortzupflanzen,  unb  ma§  biefer  Ijeroorb ringt  ift  ein 
gute§  SBerf,  märe  e§  aueb  nur  ein  anfangenber  SBiberftanb 
gegen  bie  <Sünbe.  2)arum  nun  ift  gemifj  aud)  nur  au§ 
$tengftlicb,feit  geläugnet  raorben,  bafe  ber  (glaube  burd)  bit 
guten  SBerfe  bemäf;rt  ober  feftgeljalten  merbe.*  9Mmlidj)  menn 


1  Epit.  Artic.  IV.  Repudiamus  .  .  nudam  hanc  offendiculi 
plenam  .  .  .  phrasin,  bona  opera  noxia  esse  ad  salutem.  Wtan  rjer= 
gleiche  nodj  ba3  unmittelbar  folgenbe. 

2  Ibid.  Credimus  fidem  in  nobis  conservari  aut  retineri  non 
per  opera,  sed  tantuin  per  Spiritum  Dei.  S)a§  lejtc  hier  nod)  nid)t 
tiergetjörtge  fann  freiließ  aud)  gefagt  tücvben;  aber  ber  l).  ©eift  fann  aud) 
nidit  anberö  al§  burd)  bie  sitjätigfeit  in  ben  SBerfen  bzn  ©(auben  jur 
geitigfeit  bringen. 


©rfter  3töfd)mtt.  SSon  bem  3uftanöe  be§  CSfjriften  jc.  187 

man  fi$  ein  gehalten  be§  ®lauben§  benfen  fott,  al§  ob 
nämlid)  bie  ©iuüflansung  beffelben  etma§  tranfttorifcl)e§  ge* 
mefen  märe,  ma§  fie  eben  fo  menig  ift  mie  irgenb  ein  5lct  ber 
Slnerf  ennung :  fo  fann  man  nur  ba%  Seben  be§  ©lauben§  in 
einer  D^eilje  oon  Momenten  benfen,  in  melden  er  unoeränbert 
berfetbe  ift  Sta  !ann  man  aber  ntdjt  jmei  ®lauben§momente 
öon  einanber  gefonbert  benfen,  oljne  bafj  ber  erfte  fd)on  ein 
gute§  SSerf  üottbradjt  Ijabe,  elje  ber  smeite  beginnt,  fo  ba§ 
bie  geff&altmtß  be§  ©lauben§,  toerai  öon  einer  folgen  einmal 
bte  Siebe  fein  fott,  immer  burclj  gute  SSerfe  Vermittelt  ift. 
2)a§  xidjtige  bleibt  immer  $u  fagen,  ba%  unfere  Bereinigung 
mit  ßfjrtfto  im  ©lauben  menn  audj  nid^t  eben  fo  ooUftänbig, 
boct)  eben  fo  mefentticf)  ein  tätiger  ®eljorfam  ift,  mie  fein 
Qtbtn  ein  tljätiger  ©eljorfam  ber  menf^lic^en  dlatux  gegen 
ba$  ibm  einmofntenbe  ©ein  ®otte§  mar,  unb  unfere  2luf= 
nannte  in  feine  £eben§gemeinfdj)aft  fcfjon  eben  fo  ber  be- 
fruchtete ®eim  aller  guten  SSerfe  mie  ber  $ereinigung§act 
fdjon  ber  ®etm  mar  aller  erlöfenben  £f)ätigfeit.  ®ann  biefe§ 
nun  aud)  fo  au§gebrüfft  merben,  bafj  ber  SSiebergeborne 
nidjt  anber§  fann,  al§  oermöge  be§  (Glaubens  gute  Sßerfe 
t>errid)ten:  fo  ift  e§  bod)  nur  ein  nichtiges  $Dcif3öerftänbnifj, 
menn  man  be§fjalb  bie  grage  aufgemorfen  Ijat,  ob  bie  guten 
SSerfe  aud)  frei  mären.  ®enn  t)tebet  fann  nur  bie  Voraus* 
fe^ung  sunt  ®runbe  liegen,  bafj  ber  fc§mäd)fte  SBide,  melier 
am  leid^teften  umf plagen  fann,  ber  freiefte  ift,  unb  bafj  ein 
<S51auben§t)elb ,  melier  feinen  ßuftanb  nid}t  beffer  su  be* 
fdjretben  müfete,  al§  ba%  er  nid)t  anber§  fönne,  nid)t  frei 
gemefen  märe.  Sft  nun  fd^on  bie  ooHe  lebenbige  (Smpfäng= 
lidjfeit,  meiere  ber  Buftanb  be§  ÜDcenfd^en  in  ber  $8efel)rung 
ift,  offenbar  ein  freier  3uftanb :  fo  ift  aud)  ba§  barau§  ent= 
ftanbene  SBollen  be§  9tetd}e§  ®otte§  ein  freier,  meil  e§  feinen 
SötUen  giebt  oljne  greitjeit;  unb  ba§  fortmäljrenb  ftdj 
empfänglich  ben  (Sinroirfungen  ßfjrifti  öffnen  unb  fortmäljrenb 
mit  jenem  SSillen  tljätig  fein,  ift  ber  £eben§üroaefs  be3  neuen 
SQcenfcben. 

2.  knüpft  ftct>  nun  fjieran  bie  grage,  in  miefern  bie  guten 
SBerfe  be§  Söiebergeborenen  aud)  fo  fein  eigen  ftnb,  ba§  fie 
itmx  zugerechnet  merben:  fo  motten  mir  oorläufig  nodj 
öon  bem  £f)eil  biefer  grage,  melier  etma  bie  5Mobnung 
betrifft,  abfefm,  unb  §uerft  ben  beantroorten ,  melier  bie  Vit* 
beberfebaft  betrifft.  2)enfen  mir  nun  sugleiclj  baran,  bafj  e§ 
feine  ©rlöfung  gäbe  olme  (Stiftung  etne§  neuen  (ÜefammtlebenS, 


188  $er  djriftlidje  ©laube.  3toeiter  £&eü. 

welchem  wefentlidj  jeber  angehört,  ber  ftcf)  bie  (Srlöfung  an* 
eignet :  fo  entfielen  atoei  fragen,  nämlicf)  in  liefern  bie  guten 
SBerfe  bem  (Sinaelnen  ober  ©(jrrj'to  angehören,  unb  in  wiefern 
bem  (Stemeinmefen  ober  bem  (Sinaelnen.  ^n  Slnfebung  ber 
erften  grage  oerftetjt  fiel)  öon  felbft,  ba%  oermöge  ber  Siebend 
gemeinfcf)aft,  welche  jroifdjen  beiben  befielt,  ba§  raa§  in  bm 
guten  SSerfen  (£brifto  angehört,  nicfjt  oon  bemienigen  getrennt 
werben  fann,  raa§  bem  (Sinselnen  felbft  angehört,  benn  baburcf) 
mürbe  bie  ©emeinfcfiaft  auSeinanbergefeat;  hingegen  eine 
gormel,  um  ben  5(ntr)etl  betber  Steile  fenntlici)  au  machen, 
läfet  ftcf)  oerfucfjen.  tflmx  ift  bie  Söefefjrung  ber  Anfang  ber 
Heiligung,  in  biefer  aber  ift  (priftuS  allein  tfjätig,  unb  ber 
dinaelne  nur  in  bem  guftanb  ber  lebenbigen  (gmftfättflltcftfeit. 
$n  ber  Söefebrung  aber  mirb  ba$  neue  Sieben;  alfo  werben 
mir  aucf)  einen  jeben  Moment  bes>  tätigen  ©lauben§,  fofern 
er  in  ber  Sinologie  jene§  Anfanges  ift,  baä  Reifet,  f ofern  in 
bemfelben  neues  Seben  mirb  ober  fiel)  fteigert,  fürs  f ofern  er 
eine  gortfdjrettung  enthält,  ßtjrifto  auftreiben  muffen.  S)enn 
tonnten  mir  felbft  ba§  neue  Seben  macf)fen  mactjen:  fo  müßten 
mir  e§  aucf)  formen  entfielen  macfjen.  Slber  eben  fo  mie  in 
jenem  Sßenbejmnft  ber  neue  Söcenfcf)  mürbe,  unb  ba§  barin 
entftanbene  SBoUen  be3  9?etcf)e§  ®otte§  un[er  Sßollen  ift:  fo 
ift  nun  jeber  SDcoment  ber  ©laubenStfjätigfett,  fofern  er  2lu£>- 
brutf  biefes>  in  un§  gefeaten  SSitlenS  ift,  aucf)  uns?  auaufcfjreiben, 
unb  ift  unier  Sßerf.  -Kennt  man  bafjer  bie  göttliche  (5ht  ab  e 
in  ber  Heiligung  bie  mitmirfenbe  ©nabe:  fo  ift  bie§,  abge= 
reebnet  ba§  unangemeffene  barin,  weil  er  genau  genommen 
rnur  eine  smeite  ©teile  in  ber  Urfjeberfdjaft  beaeidjnet,  aucf) 
noef)  immer  ein  unrichtiger  5lu§bruff.  2)enn  %u  beut,  mag 
unfer  ift  an  unfern  guten  SSerfen,  mirft  fie  nicf)t  mit,  jonbern 
fjat  immer  febon  baju  gemirft;  ma§  hingegen  ba$  irrige  ift, 
ba§>  bemirft  fie  aud)  allein.  £)er  SluSbruff  aber  will  ba$ 
britte©lieb  fein  au  ber  oorbereitenben  unb  wirfiamen  ©nabe, 
unb  boraügltd)  beaeiefmen,  ba§  ber  SBiebergeborne  ein  <2elbfi= 
tbätiger  geworben  ift,  unb  biefe  Senbena  beffelben  ift  un* 
ftreitig  richtig;  aber  ba  bie§  britte  ©lieb  nicrjtminber  wirffam 
ift  al§  baZ  ameite,  fo  märe  ein  anberer  ©pradjgebraudj  für 
baZ  leatere  wünfcfienSwertt).  (35ct)t  nun  biefe  formet  aunöcbft 
offenbar  nur  auf  bit  2öillen§befttmmung,  benn  in  ber  2luj> 
fübrung  ift  immer  bie  Unboßfommenljett  unb  bie  ©ünbe,  unb 
fie  fann  baljer  ntctjt  ßbrifto  gugefcrjrtebeit  merben:  [o  ift  fdjon 
oben  eingeftanben,  ba%  aucf)  in  ben  einzelnen  Broef  {begriffen 
fttjou  unreines  beigemifdjt   fei  unb  Wir  werben  nur  bei  bem, 


(Srfter  Stöfdjmtt.  SSon  bem  Buftanbe  be§  Sfjrtften  ?c.  189 

ma§  in  jebem  guten  SBerf  gortfdjreitung  ift,  fielen  §u  bleiben 
fjaben.  $8etrad)ten  mir  aber  ba§  SBerpltnifc  be§  ©in^elnen 
jum  $riftli$en  ®efammtleben:  fo  erlernt  aüe§  fc&Iedjtljm 
gemeinfam,  unb  e§  märe  aud)  nur  ein  mifctoerftanbeneS  ^nter* 
effe,  menn  ftd)  ^eber  feinen  9tnttjetl  an  ber  ®efammttljätigfett 
beftimmen  toollte. 

3.  5lu§  bem  bisherigen  nun  ergiebt  ftct)  feljr  leitet,  mie 
e§  gu  nerfte^en  ift,  bafj  bie  guten  28erfe  ein  ©egenftanb  be§ 
göttlichen  28of)lgefatten§  ftnb.  ©enn  bk  mirflidjen  &anb* 
hingen,  mie  fte  in  ber  ©rfdjeinung  Ijeruortreten,  fönnen  e§ 
unmöglich  fein,  meil  biefe  mie  gute  SSerfe  fo  gugleidj  aud) 
©ünbcn  ftnb,  fonbern  nur  baSjenige  barin,  toa§  Spttgretti 
be§  Glaubens,  mithin  3lu§bruff  unferer  Seben§gemeinfd)aft  I 
mit  (£ljrtfto  ift.  ÜDfttljin  ift  nur  bie  Siebe  in  unfern  guten 
SSerfen  ba%  (gottgefällige,  fo  mie  fte  in  bem  2öoHen  be§ 
9ieid)e§  ®otte§  sugleidj  Siebe  §u  ben  ÜDZenfdjen  unb  Siebe  gu 
(Iljrifto  unb  Siebe  gu  (Sott  ift,  unb  sugteiä)  au$  bie  in  un§ 
unb  burdj  un§  fortmirfenbe  Siebe  (£ljrifti  felbft.  SSte  nun 
überljautot  nid)t  ba3,  ma§  balb  ift  balb  ni$t  ift,  (Segenftanb 
be§  göttlichen  2ßof)lgefalIen§  fein  !ann:  fo  mufj  baffelbe  bor* 
äüglidj  auf  biefem  in  allen  Momenten  im  ©tanbe  ber  &ei* 
ligung  fiel)  felbft  gleiten  ruljen,  mie  e§  aud)  ba§  medjfelnbe 
an  fidj  gieljt  unb  fidj  afftmilirt.  S)aljer  ift  e§  ganj  richtig, 
bafj  eigentlich  nur  bie  $erfon,  unb  §mar  nur  mie  ©ott  fie  in  i 
(£l)rifto  fteljt,  ©egenftanb  be§  SSoblgefaHen§  ift,  bie  Söerle 
aber  nur  um  ber  Werfen  mitten.  Unb  biefe§  mit  bem  SSoHen 
be§  SHetdjeS  ©otte§  notljmenbig  oerbunbene  SBettmfjtfein  ift 
bie  jenes  SSotten  begleitenbe  (Seligfeit.  —  Unb  fo  erfdjetnt 
bie  grage,  ob  ©ott  bie  guten  Sßerfe  belohnt,  feljr  überflüfftg. 
^enn  feljen  mir  auf  un§  felbft:  fo  fann  \a,  menn  in  ber 
SStebergeburt  bk  ®inbfdjaft  ®otte§  gefegt  ift  unb  in  biefer 
bie  (Seligfett,  ber  Sßiebergeborne  eine  Söeloljnung  meber  be* 
geljren,  nod)  fönnte  tfjm  eine  gemährt  merben;  benn  er  Ijat 
barin  audj  fdjon  bie  ©emäljrleiftung  für  bie  gortfdjritte  in 
ber  Heiligung.  Söegeljren  aber  fönnte  er  feine,  meü  ®e« 
finnung  unb  Solm  gar  nidjt  in  Sßerljältnifj  ju  bringen  ftub, 
bie  SSerfe  aber  gugleic^  ©ünbe  finb  unb  feinen  Soljn  ber* 
bienen.  Unb  bie§  ift  ber  ©runb,  me§l)alb  man  mit  Stecht 
faßt,  bafj  ber  ©tanb  ber  ©nabe  feinen  Soljn  suläfjt.  2)ie  (£r* 
meiterung  be§  SSirfungSfreifeS  aber,  bie  felbft  mieber  mit  ber 
(£rt)öl)ung  ber  Gräfte  nur  baffelbige  ift,  fann  man  nur  feljr 
uneigentltd)  Soljn  nennen,  ba  fte  nur  bie  Gelegenheit  gemährt 


190  £er  tfjriftlidje  ©lauoe.  ^metter  Xfjetl. 

gu  bem,  mofür  ein  !^ol)n  foltte  gegeben  merben.  5lucfj  füfjlt 
e§  ftrf)  mol  bur$,  ba%  bie  angeführten  ft)mbolifd)en  Stellen, 
meiere  eine  SMofmung  äitgefteben,  e§  nur  rjalb  gelungen 
tljun,  moau  aber  um  fo  Weniger  ®runb  ift,  al§  bie  $or^ 
fteltung  eüte§  2of)n3  bod)  fein  görberung§mittel  ber  Heiligung 
fein  fann. 

4.  SSenn  mir  aber  oortjer  unterfdjieben  Ijaben,  ma§  in 
ben  SDjätigfeiten  be§  Glaubens  $lu§bruft  be§  jebe§maligen 
$8efisftanbe§  ift,  unb  ma§  «Steigerung:  fo  fann  bieg  mdjr 
bafjin  auSgebeljnt  merben,  al§  gäbe  e§  ätoeierlei  2lrt  bon  guten 
SSerfen,  foldje  bit  mit  ben  gegebenen  Gräften  nadj  aufeen 
gefjen,  unb  foletje  melcbe  bie  ®raft  fteigern;  benn  biefe§  finbet 
nicf)t  <&tatt  2lud)  müßten  mir  bann  in  einem  immerroäljren* 
ben  unauf löslichen  (Streit  begriffen  fein,  inbem  in  jebem 
Slugenbüff  in  beiben  etmag  mutete  getfjan  merben  fönnen,  unb 
alfo  immer  eine§  hinter  bem  anbern  mutete  surüffgefeat 
merben.  Sßielme^r  läfet  ftd)  geigen,  ba%  e§  befonbere  %m 
(grböfjung  unferer  Gräfte  absmettenbe  £anblungen  auf  biefem 
©ebiet  nietjt  geben  fann.  Sft  mit  bem  ©tauben  baZ  SSollen 
be§  ÜteidjeS  ®otte§  entftanben:  fo  entfteben  jebem  (gläubigen 
au§  feiner  Stellung  in  ber  SSelt  naef)  äftaategabe  ber  feinem 
SBitten  §u  ©ebot  ftetjenben  Gräfte  unb  feiner  Shmbe  Oon  bem 
3uftanbe  feinet  ®reiie§  Slufforberungen  §ur  £§ätigfeit  für 
ba§  ^eitf)  ©otte§.  2)ie  Summe  biefer  S5ert)ältntffe  bilbet  fein 
93eruf§gebiet,  beffen  $orfteItung  ftctj  mit  bem  SSoIIen  be§ 
9tetd)e§  ©otte§  auf  ba§>  innigfte  Oerbinbet,  unb  in  biefem 
muffen  alle  gute  Sßerfe  jebeg  (£tnäelnen  liegen,  fo  bafj,  mag 
nictit  su  feinem  S3eruf  getjört,  aud)  für  ü)n  nid)t  ein  gute§ 
SSerf  ift.  Sn  gemiffen  SebenSperioben  unb  SBerbältntffen 
nun  gehören  £>anblungen  §ur  Uebung  unb  (Srbüijung  ber 
Gräfte  mit  %üm  Söeruf  unb  rechtfertigen  ftet)  bann  Oon  felbft 
al§  Söerufg^anblungen.  Sonft  aber  gereicht  jebe  Sßerufg- 
tbätigfeit  bon  felbft,  rcie  ba$  in  ber  sJMtur  aller  enblicben 
geiftigen  Gräfte  liegt,  §ur  Hebung  unb  (£rböl)uug  ber  Gräfte; 
unb  je  mef)r  mir  auf  ba§  innere  feben,  um  befto  roentger 
fann  eine  anbere  SSeife  gebaut  merben.  ®enn  bie  ®raft  be§ 
®lauben§  felbft  fann  rticfcjt  burd)  befonbere  £aublungen  ge* 
ftärft  merben,  m  benen  (£briftu§  nidjt  ben  3müu(3  giebt. 
$)te  aber  ju  benen  er  it)n  giebt  ftnb  mefentlid)  SöerufßbaiuV 
hingen,  burd)  melcbe  etma§  für  ba§>  Dieicl)  ($otte3  gefebafft 
mtrb.  Unb  alte§  ma§  gefebeben  fann,  um  anbere  geifttge  uni> 
finnltct)c  Strafte  ju  ftärfen,  ba§  mute,  meil  biefe  geftärft  tben 


©rftet  Slfcfdjnftt.  £on  bzm.  3uftanbe  be§  ©Triften  2c.  191 

fo  gut  fünblicb  mirfen  fönnen  al§  gottgefällig,  um  fo  metjr 
al§  93eruf§fjanblung  gerechtfertigt  merben  föuuen.  SBerfteben 
mir  uuu  uuter  ©nabenmitteln  foldje  Tätigkeiten,  burdj 
meiere  bie  Heiligung  geförbert  mirb,  unter  guten  SBerfen  aber 
bie  (Srseugniffe  ber  Heiligung:  fo  folgt  bafj  mir  feine  (Knaben* 
mittel  anerfennen  tonnen,  af§  meiere  sugleicfj  gute  Söerfe 
finb,  unb  ba%  alle  gute  Söerfe  §ugleicb  muffen  (Knaben* 
mittel  fein.  (£§  giebt  alfo  meber  rein  ajfetifdje  £>anb* 
lungen  nodj  miftfübrlidje  b.  fj.  aufjer  bem  Sßeruf  liegenbe 
gute  Söerfe,  no$  meniger  fotc§e,  bie  einer,  nadjbem  er 
feinem  Söeruf  genüge  geleiftet,  gleiäjfam  no$  §ur  Zugabe 
oerridjten  fönnte. 

5.  3ft  nun  ba&  bi^er  beicfjriebene  ba$  SSefen  ber  föeili* 
gung,  fo  bafs  alle  SSirfjamfeit  im  $fteic§e  ®otte§  iunb  alle 
innere  ©ntmifflung  be§  9J£enfcf)en  bon  ber  lebenbigen  ®raft 
be§  @lauben§  unb  feiner  £t)ätigfeit  buref»  bh  Siebe  ausgebt: 
fo  lönnte  mol  bier  faum  anber§  al§  burd)  eine  zufällige  (£r* 
innerung  eine  grage  entfielen  nad)  ber  ^ot^raenbigfeit  unb 
bem  Saugen  be§  ©efese§,  in  meinem  <Sinne  man  ba§>  SSort 
aud)  nehmen  möge,  SDenn  etma§  ör)nltctje§  mie  ©efe^gebung 
mirb  e§  immer  geben  im  cfirifttidienSeben,  um  auf  beftimmten 
(gebieten  bk  £>anblungen  ber  minber  (Sinftctjttgen  ^u  orbnen, 
moljin  benn  bie  bürgerliche  ($5efesgebung  unb  \tbz  auf  irgenb 
eine  ®unft  fid)  be^iebenbe  aud)  gebort;  unb  foldje  ©efeggebung 
mirb  aud)  ein  gutes?  SBerf  fein,  fofern  fie  in  ber  Siebe  ifjren 
®runb  fyat,  unb  fo  mirb  fie  bann  aueb  al§  eine  umfaffenbe 
unb  bie  ®eifte§fräfte  fefjr  in  2lnfttrud)  nebmenbe  ^anblung 
aud)  ein  ©nabenmittet  fein:  aber  bem  <35efeä  felbft  merben 
mir  boef)  auf  bem  (3thitt  ber  Heiligung  feinen  SSertt)  hzi* 
legen  fönnen,  meil  bie  Siebe  immer  biet  mebr  ift  unb  tr)ut, 
al§  baZ  d5efe§  leiften  uub  fein  fann.  <3d)on  um  bie  (£rfennt= 
niB  ber  <Sünbe  su  bemirfen  reicht  e§  für  bit  im  staubt  ber 
Heiligung  begriffenen  nidjt  §u,  inbem  e§  an  unb  für  fief)  ntd)t 
oon  ber  änderen  ^anblung  auf  ba%  innere  be§  ®emütbe§ 
äurüfffübrt ;  fo  bafj  mir  in  ©fjrtfto  eine  btel  ooßfommenere 
(iTfenntni^  ber  ©ünbe  baben.  SSie  benn  aud)  SJSauIug1  naef)* 
bem  ber  ©taube  offenbart  morben  bem  ©efej  aud)  nidjt  biefe 
^ot^menbigfeit  mebr  auftreibt,  9?odj  btel  meniger  aber  ber* 
mag  baZ  ®ejeä  un§    baä  Biet  ber  Heiligung    ooraufjalten. 


1  ©al.  3,  25.    5,  18.  ofyteratf)tet  er  Ijter   bon   bem  ©elüften   be§ 
8telid)e§  gegen  ben  ©eift  rebet. 


192  ©er  djrlftltcfce  ©laube.  3tr>eiter  Xfielt 

£enn  biefeS  tft  fein  anbereS  al§  ein  in  feinem  gangen  3"- 
fammenbang  bie  Straft  nnb  ütonbett  ber  ©eftnmmg  bar* 
ftctlcnber  Söanbel,1  ben  ba§  ©efea  at§  eine  (Sammlung 
einzelner  $or fdjriften2  niemals  sur  2lnfdiauung  bringen  fann. 
SBte  benn  aud)  $aulu§  a(3  Söerfe  be§  ©eifte§  foldje  aufführt, 
meiere  burd)  fein  Ö5efea  beftimmt  nnb  gemeffen  roerben  fönnen. 
S)enn  menn  man  Säge,  iueldie  eine  ©eftnnung  au§fagen,  ©e* 
böte  nennt:  fo  gefd^ieljt  bie§  nur  auf  eine  gang  uneigentlidje 
SBeife.  (So  fjeifjen  aud)  bie  beiben  (Gebote,8  rceldje  (£l)riftu§ 
al§  ben  Snljalt  be§  gangen  ©efeaeS  anführt,  nur  uneigentüd) 
fo.  Unb  bod)  fteEen  fte  ba§  giel  ber  Heiligung  nt<$t  einmal 
rein  cor,  inbem  fte  Siebe  au  (Sott  unb  Siebe  sunt  S^äcrjTten 
getrennt  neben  einanber  ftetCen.  £Ba§  aber  (£f)riftu§  al§  fein 
einiges  ©ebot  aufftctlt,4  Witt  er  bttreb  biefe  Söegeidmung  nur 
jenem  ©ejeä  in  geboten  gegenüber  fteHen;  benn  bie§  ift  gar 
fein  ©ebot,  ba  e§  lebiglid)  auf  bie  $ergleicl)ung  mit  feinet 
erlöfenben  Siebe  binraeifet.6  SDarum  fottte  man  jegt  mol  fagen 
bürfen,  e§  fei  meber  notbmenbig  nod)  rattjfam  in  ber  d)rift= 
q  [  Iicrjen  ^ircfcje,  ben  Unterricht  über  bie  ©ünbe  unb  nod)  biel 
;  meniger  ben  über  bie  Heiligung  mit  bem  2)efalogu§  ju  be* 
I  ginnen,  ba  beibe§  nur  ju  unbottfommenen  unb  oberflächlichen 
SSorfteKungen  führen  fann.  Unb  tuenn  mau  aueb  atte§  binein 
äu  tragen  bemüht  tft,  roa§  niebt  barin  liegt:  fo  ift  biefe§  auf 
ber  einen  (Seite  ein  getttg  gegebenes  böfe§  Söeifpiel  roiHfübr* 
lieber  Scbrifterf  tärung ,  unb  auf  ber  anbent  ergiebt  ftet) 
baffelbige  leichter  unb  aufammen&ängenber  au§  bem  unter  bem 


1  Gprjef.4,  13.,  wo  wir  au§brüfflld)  auf  bie  SSergleicöung  mit  ©brifto 
Jjingetuiefen  toerben. 

2  vöixo?  IvtoXwv  iv  8oy[j.aac.  Gpfief.  2,  16.  —  Sol.  decl.  VI. 
p.  702.  observandum  est,  quando  de  bonis  operibus  agitur,  quae 
legi  Dei  sunt  conformia  .  .  quod  hoc  loco  vocabulum  legis  unam 
tantuni  rem  significat:  immutabilem  scilicet  voluntatem  Dei,  seeun- 
dum  quam  homines  omnes  vitae  suae  rationes  instituere  debeant.  — 
Ueberall  aber  ftebt  man  au§  btefer  baS  ©efä  im  ©briftentbum  befrfjüoenben 
unä  alfo  entgegengefeaten  Slbbanblung  de  tertio  usu  legis  am  beften  bie 
Itngenamgfeit  ber  jum  ©runbe  Iiegenben  SSorfteUung,  unb  toaS  für  SSer= 
hrirrungen  babei  nid)t  ju  bermetben  ftnb. 

8  SKattb.  22,  37  flgb. 

4  $06.  15,  12. 

6  Conf.  Gall.  XXIII.  p.  119.  Credimus  omnes  legis  figuras  ad- 
ventu  Jesu  Christi  sublatas  esse,  quamvis  earum  veritas  et  substantia 
nobis  in  eo  constat,  in  quo  sunt  omnes  impletae. 


grfter  Stöidjmtt.  Son  bem  3uftanöe  beä  Triften  jc.  193 

^influfe  oe§  (£Jjrtftentt)um§  au§gebübeten  ©ittengefes  ber 
Vernunft,  tuel^eS  bod)  fd)on  nicbt  meljr  $anblungen  fonbern 
,v>anblung§meifen  in  gormein  bringt.1  $)te  djrtftlidje  Sitten* 
lebre  aber  mtrb  ibrem  S5err)ältnife  snr  ®lauben§leljre,  mitbin 
and)  ü)rer  unmittelbaren  ©eftimmung  mett  beffer  enttyrecljen, 
meint  fie  bk  imperatibe  gorm  fahren  lä^t,  unb  nur  bie 
£eben§mei[e  in  bem  fRetcr^e  ®otte§  in  aßen  $8esief)ungen  be* 
'treibt. 


1  Sftan  fatm  üon  feinem  ©efes  mit  SSafirljeit  fagen :  Lex  inculcat . . 
-:sse  voluntatem  et  mandatum  Dei  ut  in  nova  vita  ambulemus:  tüO 
offenbar  öom  mofaifcfjen  ®ejeä  bie  3*ebe  ift. 


64l.,(Sbrtftl  ©l.ii. 


3  tu  euer  Sl&fdjnitt. 

SSou  ber  33ejd)affen6ett  ber  SDBelt  bejitgltd} 
auf  bie  Srlöfimg. 

§.113.  2Me<§  roa<§  burcb  bie  (Srlöfung  in  berSBctt  ge* 
fejt  toiri),  ift  guiammengefaßt  in  ber  ©emeinfdjaft  ber 
©laubigen,  in  melcber  ftcb  aße  2öiebergeborene  immer  fcbon 
finben:  unb  biefer  2lbfc&nitt  enthält  aljo  bie  Sefyre  bon 
ber  d^rift liiert  Äircbe. 

1.  Söenn  unter  Saj  bit  beiben  SlitSbrüffe  ©emetnfdjaft  bet 
©laubigen  unb  djrtftltdje  ®ird)e  obne  mettere§  gleich  fteßt, 
fo  fdjeütt  er  ba%  römifcbe  Stanbolum  gegen  ftd)  ju  baoen; 
allein  meber  bit  älteren  Gl^emblare  beffelben  miffen  ermac- 
bon  biefer  unterfcbeibenben  Sftebenetnanberfteflimg ,  nocb  auct) 
ba§  Sfticämfdje  Sbmbotum.  (£§  muß  stoar  fcbon  bier  eüt* 
leuchten,  baß  biefe  ©emetnfcbaft  in  engerem  uub  aud)  in 
weiterem  ©tun  genommen  to erben  fann.  2)enn  finben  fidj  bie 
SBtebergeborenen  fcbon  barin:  fo  geborten  fte  iljr  alfo  fcbon, 
et)e  fte  mieb ergeboren  maren,  aber  offenbar  in  einem  altbereit 
Sinn  a{§  bie  fcbon  eigentltd)  ©laubigen.  Ojne  biefe§  ließe 
ftcb  audj  gar  fein  Uebergang  in  bie  Strebe,  mitbin  feine  23er* 
me^rung  betreiben  anber§  benfen,  al§  burcb  einen  abfohlten 
Sprung,  ba%  fjeißt  auf  eine  mtgefdjtdjt'üdje  SBetfe.  9?un  aber 
berfjätt  e§  ftcb  fo,  ba%  jest  stoar  ba$  neueSeben  jebe§  (Sinsehteu 
au§  bem  ©ejammtleben  berborgeftt,  baZ  ©efammttcben  aber 
ntcbt  au%  irgenb  einem  (Einselleben  außer  bem  be§  (Srlöfer§. 
Sßir  merben  alfo  fagen  muffen,  bie  ©efammttjeit  berer,  metcbe 
im  Staube  ber  Heiligung  leben,  fei  bie  innere,  bie  ©efammt= 
§eit  berer,  auf  meldje  bon  jenen  borbereitenbe  ®naben* 
mirfungen  ausgeben,  bilben  in  fofern  bie  äußere  ©etnetn- 
idjaft,  bt§  fte^burcb  bie  SBtebergeburt  Sftitgtieber  ber  inneren 
merben,  unb  bann  eben  audj  bie  äußere  beranbilben  Reifen. 
(£3  mürbe  aber  ein  ganj  neuer  unb  nur  bermirrenber  Sprach 
gebraucb  fein,  menn  mir  bie  beiben  gletcbgefesten  Sfagbrüffe 
unter  bie  beiben  ©emetnfdjaften  bertfjeilen  mottten.  —  Ueb- 
riaeuS  ift  bier  feine  £$orm  ber  ©emeinfdjaft  beftimmt  gefest 


Breiter  Höfdjtrttt.  S3on  ber  83eid}aff«ifjett  bei  Igelt  :c.  195 

itodi  benimmt  au§gefd)loffen,  fonbern  alle  bollfommnen  unb  utt- 
bollfommnen,  bie  e§  gegeben  tjat  unb  nocb  geben  mirb,  ftnb 
bier  aufammengefafst.  0hir  fobiet  mirb  beftimmt  borau§gefejt, 
bat?  tno  28tebergeborene  einanber  erreichen  fönnen,  audj  irgenb 
eine  ®emeinftf)aft  unter  ifmen  entfielen  mufj.  $)emt  fönnen 
fte  einanber  erreichen:  fo  erfüllt  audj  üjt  Seugntfj  bom  glauben 
äum  £§eü  benfelben  Dtaum,  unb  bamit  ift  ein  Slnerfennen  unb 
eine  $erftänbigung  über  ibre  SBtrffamfeit  innerhalb  be§  ge- 
meinfdjaftlicben  Raumes  mtbermetbltcfj  berbunben.  Zubers 
al§  eben  fo  mettfcbicfjtig  moßte  aucb  nid)t  berftanben  fein,  ma§ 
mir  gleich  2lnfang§  bei  $8e§anblung  be§  SöemufctjeinS  ber 
(Sfttabe1  gefagt  tjaben,  bafj  ftdj  biefe§  immer  bon  einem  @e- 
fammtteben  berfdjreibe,  aber  eben  bie§  finbet  bier  erft  feine 
gan^e  Erläuterung,  ienn  menn  mir  un§  nicbt  al§  2Bieber= 
geborene  fdjon  barin  fänben,  fonbern  fte  erft  al§  folebe  auf* 
fucben  ober  bilben  müßten:  fo  mären  ja  gerabe  bie  ent= 
fcbeibenbften  ^nabenmirtungen  nid)t  in  bemfelben  gegrünbet. 
2.  ge  genauer  aber  unfer  ©a§  mit  bem  eben  angeführten 
§ufammenbängt,  um  befto  fcbmiertger  fct)eint  er  ftd)  mit  bem 
§u  Dereinigen,  bafj  unfere  bogmattfdjen  ©äse  nur  ansagen 
foHen,  ma§  aucb,  in  ber  urfprüngli^en  c^riftltctjert  grömmigfett 
baffelbe  mar  mie  hei  un§.  Senn  mie  foHen  ftct)  biejenigen 
fcbon  in  ber  ©emeütfd)aft  gefunben  Jjaben,  meiere  burd)  bie 
berjönlidjen  ©inmirfungen  (Sbrifti  tfjn  im  (glauben  aufge* 
nommen  tjaben?  hierüber  tft  §u  bemerfen,  bafj  e§  fdjon 
immer  eine  ®efammtl)eit  bon  (SrtöfungSbebürftigen  unb  2öarten= 
ben  gab,  meiere  bereit  maren,  ttjren  ®egenfas  ju  einem  ber 
Spülte  barböte  anäuerf  ernten;  unb  fo  entftanb  gerabe  biefe 
äußere  ®emeinicbaft  gleich  mit  bem  öffentlichen  auftreten 
Gbrifti,  mäfjrenb  nod)  bie  ®raft  ber  innern  in  ifjm  allein 
mar,  big  fidj  bie  innere  aftmäblig  au§  biefer  äußern  guerft  an 
ben  ibn  immer  begleitenben  Jüngern  gestaltete.  2Senn  batjer 
bte  grage  aufgemorfen  morben  ift,  ob  e§  in  ber  Sljat  (£tjrtft: 
^tbuebt  gemefen,  eine  folebe  (S5emeinfdjaft  ju  ftiften:  fo  ift  ja 
beutlicb  genug,  ba%  er  aud)  gar  feine  an*iefjenbe,  mitbin  aueb 
feine  erlöjenbe  Xtjätigfett  bätt^  ausüben  fönnen,  otjne  ba%  eine 
folebe  ®emeinfd)aft  entftanb.  SJatjer  aud)  niebt  einmal  m& 
geroiefen  ju  merben  brauebt,  mann  unb  mie  er  fte  eigentlich 
gefriftei;  fonbern  ba$  ©idmrgamftren,  mie  mir  e§  aud)  in 
allen  geiftigen  Söeaiebungen  fennen,  gehört  fdrnn  su  bem  9catur= 
meroen  be§  übernatürlichen  in  iljm,  unb   baä  SSefen   biefeg 

1  §.  87. 

13* 


196  SBer  $riftliüje  Giiaube.  3n>eiter  Jöjett. 

Organismus  mu|  fict)  gang  begreifen  laffen  tljeüS  auS  ber 
Tbätigfeit  (Ebrifti,  tüte  fte  ftcf)  aucb  auf  bte  (Smseinen  ricbtete, 
bte  I)ter  feine  Organe  mürben,  tbeilS  au§  feiner  eigentl)üm= 
liefen  Sßürbe,  meiere  fiel)  in  biefem  Organismus  als  (^egenfaj 
aegen  bie  Söelt  barftellen  foftte.  ^ene  grage  aber  erflart  ftcb 
non  ber  einen  (Seite  fjer  auS  folgen  innern  (Erfahrungen, 
meldte  ben  Schein  fjaben,  unmittelbare  nicfyt  buretj  bie  <$e~ 
memfdjaft  bebingte  (Sinmirfungen  (£l)rifti  ju  fein,  üon  ber  ent- 
gegengefesten  (Seite  aber  auS  ben  Söeforgniffen  bor  SoUiftonen 
ämijcrjen  t>erf  ergebenen  ©emeinferjaften  in  bemielben  greife, 
meSljalb  man  alfo  lieber  bie  bürgerliche  (Semeinfcrjaft  allein 
möchte  gelten  laffen ;  morüber  fdjon  oben *  baS  nötige  gefagt 
ift,  fo  mie  auef) 2  über  baS  äSerbältmfj  ber  ©n^elnen  mit 
(£I)rtfto  SBerbunbenen  gu  biefer  ©emeinferjaft.  Unb  mie  feine 
erlöfenbe  SSirffamfeit  auf  (Einselne  ftattfinben  fonnte,  ofme  ba% 
eine  ©emeinfc&aft  entftanb:  fo  fann  auefy  bie  (Stemetnferjaft  auS 
nidjtS  nnberm  befteben,  als  auS  allen  Momenten  meiere  bem 
Stanb  ber  Heiligung  aller  Söegnabigten  angeboren. 

3.  3)aS  crjrtftlicrje  SelbftbemuBtfeüt,  meines  rieb,  in  unferm 
®as  auSfürierjt,  ift  nun  bit  bur$  unfern  ©tauben  an  ©^riftum 
befttmmte  allgemeine  $orm  unfereS  ^ftitgefüblS  mit  menfd^ 
lieben  fingen  unb  ^uftänben,  meletjeS  nur  befto  beutlidjer 
mirb ,  menn  mir  ben  ba§u  gebörigen  negatioen  ^tuSbruff  mit 
bemfelben  oerbinben.  Sft  unS  nämlidj  abgefeben  Don  ber  (£r= 
löfung  bte  SSelt  in  $8eaief)ung  auf  ben  9Jcenfcf)ett  smar  ber 
Ort  ber  uriprüttglidjen  SSolItommen^eit  beS  ätfenjdien  unb  ber 
Xinge,  aber  auetj  ber  Ort  ber  Sünbe  unb  beS  UebelS  ge= 
morben;  unb  tritt  mit  ber  (£rfd)eimmg  (Sbrifti  ein  neues  in 
eben  biefe  Sßelt,  meines  atio  im^egenfas  mit  bem  alten  fteljt: 
fo  folgt,  bafj  nur  ber  mit  ber  crjriftliccjen  ®trd)e  geeinigte  Sbeil 
ber  SSelt  unS  nun  ber  Ort  ber  gemorbenen  33otttommenI)eit 
ober  beS  ©uten  unb  bejüglicb  auf  baS  rubenbe  Setbftbemufct* 
fein  ber  Ort  ber  Seligfeit  mirb,  ntctjt  oermöge  ber  urfprüng- 
lieben  $oltfommenl)eit  ber  menfebliet)en  Statur  unb  ber  9?atur 
ber  £)inge,  fonbern  miemol  allerbingS  Jjieburd}  bebingt,  boeb 
nur  üermöge  ber  in  (£(jrifto  ljin§ugefotnmenen  unb  ftd)  buref) 
ibn  mittbeilenben  unjünblicfyen  Sßottfommenbeit  unb  (Seligfeit; 
momit  bann  gufammenbängt!,  bafj  bie  SSelt,  fofern  fte  aufjer 
Meier  ©emeinfdjaft  (Eljriftt  liegt,  unS  immer  mieber  olmeradjtei 
jener  urfprünßltdjen  SBottfommeutjeit  ber  Ort  beS  UebelS  unb 


1  §.  100.  u.  105.  *  §.  106,2. 


3toeiter  ttbfönitt.  SSon  ber  öef^affeuljcit  ber  SBelt  2C  197 


ber  ©ünbe  ift1  <So  bafj  fdjon  Ijier  ber  ©a*,  bafe  in  ber 
®trd)e  allein  (Seligfeit  ift,  unb  tuet!  biete  ntc^t  r-on  aujjen 
Ijütemfommen  fotibern  nur  bnrm  fein  fcmn  infofern  fie  barin 
Seröorgebradjt  Wirb,  ba£  bie  ®irc&e  allein  felis  madjt,  nie- 
manb  überrat djen  !ann.  (S§  öerftebt  ftdj  übrigens  t>on  felbft, 
bafj  biefer  ®egenfa3  swifdjen  bem  burd)  bie  (£rlöfung  in  ber 
SSelt  gefeaten  unb  ber  übrigen  SBelt  ftärfer  ober  fdjroädjer  ge* 
fpannt  wirb,  je  nad)bem  bie  etgentljümlic&e  SBürbe  ©{jrifti  unb 
ber  (gebalt  ber  ©rlöfung  aufgefaßt  Wirb,  unb  bafj  er  nur  ba 
gan3  berfcfjwinbet  unb  ftdj  in  einen  unbeftimmten  ünterfcrjieb 
be§  befferen  unb  fdjltmmeren  nerliert,  wo  aucrj  ber  (gegenfas 
äWtjctjen  (äjrifio  unb  ben  fünbigen  SJcenfdjen  eben  fo  auf* 
gehoben  unb  umgemanbeit  ift. 

4.    Unb  bctburd)  befiätigt  fid)  am  beften,  bafs  unter  <Sa3 

nid)t§  anbereS  ift  als  eine  SluSf age  unferes  crjriftiicrjeri  @etbft= 

muBtfein§.     £enn  Ware  bie  tfcrifttidje   ®ircfje  ifjrem  SBefen 

nad)  ein  (gegenftanb  ber  äußeren  Sßa&rnejjmung :    fo  lönnte 

fid)  biefe  mittbeilen  {äffen,  orme  an  jenes  gebunben  3u  fein. 

9hm  aber  ift  es  fo,  ba%  biejenigen,  meiere  ben  Glauben  an 

Gbriftum  nidtt  mit  uns  tbeilen,   aud)   bk  crjriftlic^e  (gemein* 

fd^aft  in  u)rem  (gegenta3  gegen  bie  SBelt  nid&t  erfennen.    SSo 

bas  ®efü#  ber  ©riofungsbebürftigfeit  gan3  3urüftcjebrängt  ift, 

ba   wirb   bie  cbrifiltd)e  ®ird)e  gewifj   auf  äße  SSeife  mifc 

berftanben;  unb  t>on  ba  an  entwiffelt  fid)  beibes  gleictjmäBig. 

>Dcit  ben  erften  SBirfungen  ber  öorbereitenben  (gnabe,  Weldje 

jenes  Sewufjtjein  erregen,  entfterjt  aud)  eine  SUjnung  bon  bem 

göttlichen  Urfprung  ber  djriftlidjen  ®ird)e;  unb  mit  bem  leben* 

bigen  (glauben  an  (£l)riftum  3ugieicb  entfielt  immer  aud)  ber 

an  bas  wiriiidje  SBotfjanbenfeüt  bes  9teid)es  (gottes  in  ber 

(gemeinfetjaft  ber  ©laubigen:  fo  wie  im  (gegentljeü  ein  un= 

öerbefferüdjer  SBibermitle  gegen  bie  d)rtftlid)e  ®ird)e  aud)  auf 

ben  jjödjften  (grab  r-on  ilnerrcgbarfeit  für  bie  ©rlöfung  fctjlieBen 

lätjt,  wobei  faum  noefj   eine  aud)  nur  äufjerltdje  SBereJjrung 

ber  ^erfon  Gljrifti  ftattftnben  !ann.    £>er  ©iaube  hingegen  an  i 

bie  ctjriftlicfje  ®ird)e  als  bas  ütetd)  (gottes  fc&iiefet  nidjt  nur  I 

biejes  in  fiel),  bafe  es  immer  im  (gegenfa3  gegen  bie  SBelt  fort- 

beftefjen  wirb,   fonbern  wie  es  üon  SSenigen  anfangenb  3n 

einer  folgen  <gemeinfd)aft  f)erangewad)f  en  ift  unb  ntdjt  anbers 

eis  roirffam  gebaut  werben  tann :  fo  liegt  barin  bie  Hoffnung, 

öafs  bie  $ird)e  waebfen  unb  bie   tljr  entgegengefe3te  Seit  ab? 

nehmen  werbe,    ^enn  bie  ^jeeniebwerbung  ©fcrifti  entipric^t 

1  ®ot  1,  4.  l  So^.  5,  19. 


\{>S  £er  ctjrtjtlicfje  GUaube.  gtoeitet  iEfjeü. 


für  bie  mcnftf)tt#e  9?atur  bem  »a§  bie  SBteberßebutt  ift 
für  ben  ©inselnen;  unb  tüte  bte  Heiligung  bie  fortfcfjrettenbc 
Aneignung  ber  einzelnen  Functionen  ift,  unb  je  länger  je  niel)r 
aufhört  au§  fragmentarifdjen  ©hiäelbetten  §u  befielen,  alleS 
oielmebr  immer  mebr  ineinanber  greift  unb  ftd)  gegenteilig 
untcrftüät :  fo  organifirt  fiel)  au<$  aucr)  bter  au§  ben  einzelnen 
erlofenben  Sbätigfeiten  immer  mebr  bu  sufammenhnrfenbe 
unb  aufeinander  »irfenbe  ©emeinfdjaft.   Unb  bieier  Organa 

1  mu§  mufe  immer  mebr  baSjemge  übermältigen,  »a§  iljm  gegen* 

.  über  nur  unorganifdje  SDZaffe  tft. 

§.  114.  SBenn  »ir  alle  2tu3fagen  unfere<§  c^riftltcben 
■S  e tbftbettjufetf eins  über  tue  ©emeinfdjaft  ber  ©laubigen 
jufammenf  äffen  »ollen:  fo  muffen  mir  juerft  b;anbelnr>on 
bem  @nt fielen  ber  ^trdje  ober  ber  2lrt  unb  3ßeife  tote 
fie  fta)  au£  ber  SBelt  bilbet,  bemnäa)ft  t>on  ber  2ftt  unb 
Sßetfe  ber  £ircf)e  im  ©egenfa§  gegen  bte  SBett  ju  be* 
fielen,  unb  §ule§t  t>on  ber  2Iuf  bebung  biefeS  ©egen* 
faje§  ober  t»on  ben  2lu<§[id)ten  auf  bte  Sßollenbung  ber 
&tra)e. 

1.  2)iefe  brei  ©lüde  fdjeinen  ftet)  nun  freüid)  gar  niefot  auf 
gleite  Söeife  31t  unferm  ctjriftttcrjen  ©elbftbe»uBtj'eut  gu  uer= 
galten.  2)a§  gtueite  ift  ba§  ©ebiet  unterer  täglichen  @hcfa!jrung ; 
unier  geiftigeS  Seben  »erläuft  in  biefem  ©egenfaä.  S511  bem 
%)laa%  al§  mir  ju  unterf Reiben  »iffen,  »a§  in  un§  felbft  ber 
©emeinfdwft  ber  ©laubigen  angehört  unb  toa§  noeb  ber  SEBelt 
mirb  aud)  unfer  d)rtftiid^e§  ©emeingefübl  ba$  ma§  um  mi3 
ber  oorgetjt  richtig  fonbern,  »a§  baoon  ber  ®ird)e  angeliört 
unb  »a§  ber  2Mt;  unb  atfe§  bie|e§  finb  (Elemente  §u  uniern 
Säjen  über  ba$  Söefteben  ber  ®ird)e  in  tljrem  .ßufammenfetn 
mit  ber  Sßelt:  anber»ärt§  ber  mürben  aber  aud)  (Säge  biefeS 
^nbalteS  niebt  jit  nebmen  fein.  2)emt  »ie  btx  ben  ©tnaelnen, 
»ag  ber  ©ünbbaftißfeit  unb  »a§  ber  ©nabe  angebört,  ntdjt 
aug  ber  jur  SSabrnebmung  t'ommenben  ^luffenfeite  ber  Zijat 
entjebieben  »erben  rann,  fonbern  nur  au§  ber  SBefc&affenbeit 
ber  innern  ^Bewegungen:  t"o  rann  and)  über  bie  djriftiicrje 
ftirdje  nur  oon  benen,  bit  i\)x  inneres  Üeben  au§  eigner 
Stbeünabme  fennen,  rid)tige3  auSgeiagt  »erben.  5lber  über 
bie  Sßotfenbung  ber  ftirebe  fönnen  »ir,  »enn  ja  irgenb 
»eldje,  bod)  ge»tfe  nur  feljt  unsuüerläffige  9luS|agen  unteres 
2elbft6c»ufctfetn§   auffteHen;    unb   öon  ber  öntftelntng  ber 


Streiter  3ftfdjmtt.  SSon  öer  SSefdjaffenljeit  ber  SSelt  jc.  199 

®irdje  tonnen  mir  un§  nur  gefcfticfttltcfte  eingaben  an* 
eignen,  beten  SDrittft  eilung  ftiefter  unmöglicft  gehören  !ann. 
Um  nun  bei  bem  legten  anzufangen,  fo  oermeftrt  ftcft  bit 
cftrtftltdje  (Stemeinfeftaft  tnbem  allmäftlig  einzelne  SJcenfcften 
unb  gan^e  Waffen  bem  gufammenftang  mit  ©Ijrifto  einber* 
leibt  werben;  unb  Wie  allgemein  feftgeftettt  ift,  bafc  ba&  neue 
iieben  be§  (Sinselnen  au§  bem  (Sefammtleben  fjeröorgefte,  in 
beffen  äußerem  ®rei§  e§  ftct)  icftcm  finbet:  fo  gilt  bit$  aucft 
Don  bem  neuen  Seoen  jener  (Erftlinge,  al§  nocft  bie  ®raft  be§ 
inneren  ®reife§  gang  atiein  in  ©ftrifto  eingefcftloffen  lag;  ba% 
Gnifteften  ber  cftriftlicften  ®ircfte  ift  alfo  baffelbe  mit  bem  ma§ 
täglich  öor  unfern  Augen  üorgeftt.  (£3  fommt  aber  in  biefer 
jpinfidjt  feme§n>ege§  barauf  an,  menn  mir  baoon  au§geftn 
bat?  bie  erlöfenbe  Sftärigfeit  allmäftlig  atfe3  ergreifen  fotf,  eine 
Siegel  für  bit  Art  unb  Sßeife  ju  finben,  nacft  melier  Drbnung 
unb  meäftalb  gerabe  fo  biefe  Verbreitung  öor  ftcft  geftt.  $iel« 
meftr  ftaben  mir  barauf  au§§ugef)n,  bau  mir,  ba  gtetcftseitig 
lieft  bie  erlöfenbe  £tjätigfeit  öon  bem  (Semeüttoefen  aus?  über 
meit  SJceftrere  erftrefft  als  jebemal  babureft  jur  Söefeftrung 
geförbert  merben,  ben  Unterfdjieb  smifeften  biefen  unb  ben 
anbern  richtig  auffaffen;  benn  ba§  fteifjt  bit  Anfänge  ber 
®ircfte  oerfteften.  Unb  ftier  ftaben  mir  aHerbing§  ein  ©etöft« 
bemufjtfein,  toeldjeS  mir  im  (gebauten  aufsufaffen  ftaben, 
nämltcft  ben  (Segenfaj  roelcfter  ftcft  in  unferem  SJcitgefüftl 
bilbet  jmifeften  ber  oorftertgen  (Sttetcftfcftäsung  Aller  im  3u* 
ftanb  ber  gemeinfamen  Sünbftaftigfeit  unb  bem  naeftfterigen 
Unterfcftieb  §mifcften  #ben  33egnabigten  unb  ben  anbern.  2Ba§ 
bie  Sßoßenbung  ber  ®ircfte  betrifft,  fo  ift  un§  freilieft  in  unferm 
Beibftbemufetfein,  wenn  mir  e§  al§  üerfönlicfteS  ergreifen,  nur 
ba$  2Sacft§tftum  ber  Heiligung  gegeben,  oftne  ein  $orgefüftl 
ba%  bie  gänjlicfte  Harmonie  aller  Gräfte  unb  bie  SSoHenbung 
be§  @tn&eüebenS  al§  Drgani§mu§  für  baZ  Seben  ©ftrifii  in 
un§  naeft  gan^Ucfter  Ausrottung  be§  alten  9Jlenfcften  erfeftetnen 
merbe;  unb  eben  fo  menn  mir  e§  als  ($5emeingefüftl  auffaffen, 
ift  bie  ®trcfte  nur  al§  maeftfenb  au§  ber  2öelt  unb  au§  ftdj 
bie  SBelt  attmäftlig  entfernenb  gegeben,  ba$  $orgefüftl  ber 
ißotfenbung  aber  mirb  immer  ^urüffgeftalten  bureft  biefei  un« 
äerftörbare  (Element  be§  sUcitgefüftl§,  bafj  ber  alte  93cenfdj 
immer  mieber  geboren  mirb  mit  jebem  (Sinäetmefen.  ^nfofera 
alfo  bie  Söoltenbung  ber  ®trcfte  menn  aueft  nur  al§  Sßorgefüftl 
beb  tngt  ift  bureft  ba3  Aufböten  ber  (Erneuerung  be3  ®efcftlecftt§ : 
fo  fefteitert  esl  an  unferm  (^attunggbemufjtfetn,  unb  e§  geroinnt 
ha3  Anfeftn,  al§  ob  alleg,  ma§  cftriftlicfte  Seftre  ftierüber  fein 


200  £er  djriftlidje  (Glaube.  Sweitex  £l)etl. 

foE,  eine  anbere  OueEe  l)a6en  muffe  al§  ba§  djrtitlidje  Selbft= 
bcroufjtfetii;  imb  bann  tonnte  bieielbe  folgered)terroeije  in 
unterer  3)arfteEung  niebt  einen  eigentümlichen  Ort  einnehmen, 
fonbern  inbem  fte  auf  einem  objeetiben  Üßeroufjtjein  berufen 
müfjte,  fönnte  fte  nur  in  53eäug  auf  bie  Ouelle  beffelben  auf 
eine  untergeorbnete  SBetfe *  oorfommen.  Broeterlei  !ann  jebod) 
in  biefer  £>inftd)t  aud)  bier  jerjon  bemerft  raerben.  Gsinmal 
baB  roir  feine§roege§  im  ©tanbe  finb  bie  entgegengefejte  SBor* 
fteEung  öon  einer  in  unenbtidjer  ,3eit,  roeil  immer  roieber 
burd)  neue  (Generationen  gehemmt,  ber  SBoEenbung  ftcb  nur 
afrjimptottfct)  annäbernben  gortfebreitung  al§$orgefübl  boEftän- 
biger  su  ooEstetjen,  melct)e§  überbie§  §u  bem  SSorgefübl  bon  ber 
unooEfommnen  Heiligung  be§  eignen  Scb  am  (£nbe  be§  Gebens 
feine  (£rgän§ung  an  bie  £>anb  giebt.  S£ann  aber  aueb  bafj, 
roenn  gleich  bk)t$  S5orgefür)l  für  ftet)  allein  feine  Sebre  in 
bemfelben  (Sinn  bitben  fann,  roeil  e§  fein  abfcbliefebarer 
Moment  be§  €>elbftberoufetfetn§  ift,  bod)  bie  9tuffaffung  beffelben 
bie  $robe  geben  fann,  roosu  bk  anbere  gornt  ber  lmenbttdjeit 
Slbprojimation  ntd)t  bienen  fönnte,  ob  roir  nämlicb  in  bem 
§um  ©runbe  liegenben,  ber  £et)re  oon  bem  SBefteljen  ber 
®irdj>e,  aueb  ba$  SSefen  be§  fReictjeS  ($5otte§  richtig  aufgefaßt 
baben,  roenn  e§  nämlicb  feine  2öafjrr)ett  behält  and)  bei  bem 
Sßerfud)  e§  an  unb  für  ftd)  abgefetien  bon  bem  (Gegenfas  mit 
ber  SSelt  gur  S)arfteEung  ju  bringen;  unb  in  fofern  ift  biefer 
SBerjud)  nottjroenbig  unb  natürlid). 

2.  (Sine  analoge  utdjt  su  überfefjenbe  llngleicbl) eit  §roifd)en 
bieten  brei  ^aupttl) eilen  beftebt  bariu,  fcafj  bei  SBebanblung 
be§  §roeiten  roir  un§  ganj  unb  fobiel  e£  fein  fann  ausidjliefjenb 
in  bem  (Gebiet  ber  erlöfenben  £liätigfeit(£l)rifti  beftnben,  benn 
biefe§  ift  ber  eigentlid)e Umfang  beS  9reid)eg  (jtjrifti. 2  ©enfen 
roir  bingegen  bk  fdjited^tbinige  $oEenbung  ejtenftb  forool  al§ 
tntenfto,  fo  roürbe  bk  Üngleicbbeit  aroifeben  ibm  unb  un§  gang 
aufgeboben  fein,8  mitbin  aud)  feine  iperrfebaft  aufboren.  Unb 
bk%  giebt  eine  neue  Sßeftätigung  bafür,  ba%  bie§  fein  ®egen= 
ftanb  für  cbriftlicbe  ^efjre  im  ftrengften  Sinne  be§  SBortes 
ift;  sumal  aud)  in  ber  SBoEenbung  ietbft  fein  93ebürfnifj  mefyr 
im  ©elbftberou^tfeiu  gefegt  lein  fann,  mitbin  aud)  biefelbe  nur 
infofern  eigentümlich  cbrtftlidj  aufgefaßt  roerben  fann,  als 
fte  bennoeb  nur  bie  üßoEenbung  eines?  Don  GHjnfto  abbängtger 


1  Sefmlidi  tnie  oben  bie  £fsatfad)en  ber  ?fufer[tef)iuia  unb    £immelfafnt 
8B|clfti. 

2  Bai.  §.  105.  :1  t  ^ofi.  3,  2. 


3toeitei  Slöfctjnitt.  SSon  bei  iSejctmffenljett  ber  SSelt  :c.  201 

<$>efammtteben§  bliebe.  Sfabefc  audj  fo  mürben  bocb  immer 
51t  biefer  SßoEenbung  9caturüeränberungen  oorauSgeieät,  melcbe 
außerhalb  be§  (Gebietes?  ber  '  töniglicfjen  £errfcbaft  (Sßrtftt 
liegen  imb  §u  ber  göttlichen  SSeltregierung  gehören,  über 
beren  leibliche  «Seite,  imb  baoon  märe  bocb  bie  9tebe,  mir 
bier  nicbi§  aussagen  baben.  "Daber  mir  un§  auf  jeben  gall 
fo  an  ber  ®rense  cbriftlicber  £ebre  beftnben,  ba%  mir  nichts 
befthnmte§  aussprechen  fönnen  orjne  fie  in  überfcbreiten. 
Slebnlicb  oerbätt  e§  ficb  auccj  mit  ber  (Sntfteburtg  fomol  ber 
anfänglichen  at£  ber  fortgelegten  ber  cbrtftüciien  ®ir<$e.  Senn 
menn  bie  ^raft  be§>  göttlichen  23orte§  unb  ber  ba$  Qeil  ber 
93ienfcben  fucbenben  Siieöe  im  inneren  großen  $lct  ber  $er- 
fünbtgung  biefelbe  ift:  fo  ift  ber  Unterschieb  ber  Sßirfung  be~ 
grünbet  in  bem  oerjcbiebenen  Buftanb  ber  (gmüfängticbfeit ; 
unb  biefer  ift  sugletcb  abhängig  öon  ben  $erl)ättmffen,  in 
meiere  bie  göttliche  SBeltregieumg  ben  einen  unb  ben  anberrt 
fest.  Steffen  muB  bie§  bier  al§  feljr  natürlich  erfdjeinen, 
meil  in  bem  Uebergang,  iei  e§  nun  ber  @in§elnen  ober  ganzer 
Waffen,  au§  ber  SSelt  in  hie  ^irerje  aueb  bie  göttlicbe  25elt= 
regierung  beteiligt  ift,  unb  boctj  nur  unter  ber  $orm  ber 
Stbätigfeit  beteiligt  fein  fann.  datier  unfer  SDcitgefüf)!  ferjr 
unootlftänbig  märe,  menn  e§  ben  entftebenben  Unterfdjieb 
nictit  al§  ein  (Srgebnifj  göttlicber  SBeltregierung  auffaßte.  (£§ 
giebt  aber  auef)  bier  ein  anbereS  al§  ©rgänjung  ber  früberen 
Sßebanblung  notbtuenbigeS  Moment.  Sßir  rjaben  nämlich  bie 
STbätigteit  be§  (£rlöfer§  mit  tbrer  SSirfung  in  ber  Seele  be§ 
(Sin§elnen  oben  betrachtet  abgegeben  Oon  bem  ($5ejammtleben, 
unb  fo  tonnten  mir  auetj  Ijernact}  in  ber  ßebre  oon  ber 
Heiligung  ben  ©tn^elnen  nur  betrachten  al§  ein  fetbftänbtg 
in  ber  £eben§gemetnfcbaft  (£§rtfti  baubeinbe§  Gsüiäelroefen. 
9dun  ift  e§  freiließ  gan^  bert  eibige  3lct,  bur$  meieren  ber 
(Sinjelne  miebergeboren  unb  bureb  melctjen  er  ein  felbfttbätiges* 
Sflcitglieb  ber  d)rtftlic§en  ^tretje  mirb;  aber  mir  baben  biefe 
<&eite  beffelben  bort  nicfjt  mit  aufgenommen,  unb  muffen  al)o 
benfelben  Slct  bier  noeb  einmal  unabhängig  üon  ber  Trüberer; 
Sarfteltung  bejebretben,  fofern  er  ba§>  ^erl^ältnife  be§  (Stnjelneii 
gu  bem  Jansen  begrünbet.  Unb  fjiebei  ftnb  mir  äualeicrj  auf 
ba§  beftimmtefte  an  unfer  (Selbftbemu^tiein  gemiefen,  in 
meinem  mir  beibe$,  unfre  lelbftänbige  ^erjönlicrjteit  in  ber 
ßeben§gemetnfd)aft  (£brifti  unb  unfer  Seben  al§  integrirenben 
5Mtanbt§eil  be§  ©ar^en,  immer  fomol  unterfcfjeiben  al§  öer* 
binben.  -  Sßiemol  nun  au§  betben  ®eficrjt§punften  betrautet 
bie  Sebre  uon  ber  ®irctje  in  ibrem  3uKtntmenbefteben  mit  bei 


202  -Der  djriftlidje  glaube.  vjtociter  2$ett. 

5£elt  ber  eigentliche  to  biefeS  ganzen  9Ib|djmtte§  ift;  fo 
bafe  e§  aucb  gans  iadjgemäfe  märe,  biefeS  guüörberft  fcftju* 
ftetten ,  unb  bic  anbern  betben  mebr  anbanggmeife  ju  be* 
fjanbeln:  fo  mirb  borf)  bie  bei  einem  gefdjicbtlicben  Verlauf 
natürliche  Drbnung  mebr  5ln[c^anli(i)!eit  nnb  manche  ©r* 
leidjterung  gemäßen. 

@ r f t e ^    £auptftüff. 
2?on  bem  GntfteKjeit  ber  $ttd)e. 

§.  115.  S)ie  <$rtftti$e  $ir$e  bilbet  fu&  burcfc  ba<3  Qu* 
fammentreten  ber  einzelnen  2öiebercjeborenen  §u  einem  qe* 
crbneten  ^lufeinanbermirfen  unb  sDtttetnanbern)ir!en. 

1.  SSenn  mir  auf  ba§>  $erfabren  ber  ebangelifcfjen  föirdje 
bei  ber  SBerftärfung  ber  ®emeinfcrjaft  fefjen,  fomol  burctj  bie 
2luf  nannte  ber  unterrichteten  ®emembeiugenb,  als  burdj  bie 
9Jctfftonen  ober  bei  bem  Uebertreten  einzelner  9ttitglieber 
auS  anbern  c&riftltdjen  ®emeinfd)aften :  fo  ift  unfer  @a§  ge= 
mife  ber  richtige  SluSbruff  beS  babei  Ijerrfd&enben  (fernem- 
gefüblS  unb  ber  babei  in  SInroenbung  gefommenen  JoanblungS* 
roeife.  ®ie  föanblung  mirb  immer  bemerktet  in  Söegug  auf 
bie  SESiebergeburt,  überall  natürlich  nadj  ber  5lrt  roie  ber 
begriff  bort  gefaxt  mirb;  fo  ba$  menn  man  berfelben  aucb 
in  ben  meiften  fällen  uocrj  nid)t  öerftcf)ert  [ein  fann,  bie 
berrfc^enbe  SßorauSfeaung  bod)  bie  ift  ba%  fie  erfolgt  fei. 
SSenigfienS  je  freier  eine  ®emeinbe  auf  ibrem  (gebiet  ift, 
um  befto  ftrenger  mirb  fie  barauf  balten,  ba%  berienige,  gegen 
beffen  SBiebergeburt  ftä)  rooljlbegrünbete  Broeifel  erbeben, 
aud)  nidjt  aufgenommen  raerbe.  $)ieS  märe  aber  nidjt  not!)* 
menbig,  ja  fogar  jmeffmibrig,  menn  bie  3luf§une^menben  nur 
füllten  in  bie  ©emeinjebaft  ber  öorbereitenben  (Knaben* 
mirfungen  eingeführt  m erben.  Sßie  nun  mit  ber  28ieber= 
geburt'baS  fräftige  SSoden  beS  9teid)eS.©otteS  gegeben  ift: 
io  mufe  alfo  ben  Slufne^menben  unb  bem  ber  aufgenommen 
mirb  bie  Ueberjeugung  gemein  fein,  ba%  btefer  unb  jene  bie 
gleiche  SBirffamteit  ausüben;  unb  ba  fie  für  biete  aueb  ben 
gleiten  SöirfungSfretS  Ijaben  oermöge  ber  gleiten  Sftäumlicr^ 
feit,  fo  mufe  and)  mit  jebem  folgen  3lct  bie  Aufgabe  mieber 
erzeugt  merben,  bieS  Sufammentoirfen  ju  orbnen.  1)a§  aber 
juglcidj  aud)  ein  gegenseitiges  Wufeinanberhrirfen  auSbebungen 


Stocher  Stöfönitt.  SSoit  ber  SBeidjaffeittjeit  ber  33Mt  :c.  203 

mirb,  grünbet  fid)  nidit  allein  barauf,  bafc  in  Gebern  noc§ 
manches  ber  SBelt  angefjörige  fiel)  finbet,  wogegen  ba§>  %e~ 
fammttt>ir!en  ber  Slnbem  fid)  richten  mufe,  fonbern  aud)  bar- 
auf, bafj  fo  mie  deiner  ftdj  einer  attfettigen  unb  öottfommnen 
Sluffaffung  ©!)rifti  beroufjt  ift,  jeber  bie  ber  5lnbem  als  @r* 
gänjung  ber  feinigen  anfielt,  morauS  eine  gegenteilige  mit* 
tfjeüenbe  3>arfteIIung  beroorgeljt.  Elftes  nun  ma£  al§  ein 
SebenSelement  ber  ®ir$e  bargefteEt  derben  fann,  mufj  fid) 
audj  ^erau§  entnriffem  Iaffen. 

2.  (Schmieriger  fd)eint  e§  aßerbingS,  bie£  aud)  auf  bie 
urfprüngltdjie  ©ntftebung  ber  oon  ^rifto  auSgebenben  ®es 
meinfdjaft  ansumenben.  ©ebn  mir  inbefc  auf  bie  Sbatfadje 
jurüft,  bafe  e§,  als  bie  2Sirffamfeit  Gtbrifti  begann,  fdjon 
eine  ©emeinfcbaft  folget  gab,  meldje  auf  bie  (Erfüllung  ibrer 
meffianifdjen  Hoffnungen  marteren:  fo  fott  freiließ  nid)t  be* 
Rauptet  roerben,  bieS  fei  febon  bie  jfcriftlidje  ®ird)e  öor 
Sbrifto  geroefen ;  aber  eS  mar  bodj  eine  fromme  (gemein* 
fc&aft,  ein  SluStaufcb  gleicher  ®emütbSerregungen  unb  ein 
SSerfeijx  mit  allem  barauf  bezüglichen.  SBenn  nun  mehrere 
oon  biefen  §ur  Slnerfennung  (S^riftt  famen,  fo  mar  für  fte 
fein  ©runb  oorfjanben  ibre  ($5emeinfcbaft  aufgeben.  2lber 
inbem  bie  irrige  eine  Söesiebung  auf  (£f)"riftum  erhielt,  bte 
niebt  ofjne  ein  2lufeinanberrairfen  fein  fonnte  in  bem  bereits 
aufgestellten  ©inn:  fo  mufjte  fte  augleid)  ein  gufammenm  irren 
merben  junä'cbft  in  ^Be^ug  auf  ibre  bisherigen  norf)  nidjt  §ur 
2lnerfennung  ©jjrifti  burebgebrungenen  (SJenoffen,  bie  nun  ber 
äußere  oorbereitenbe  ©nabenroirfungen  öonibnen  empfangenbe 
&reiS  mürben  §u  tbrem  innern,  Oon  bem  biefe  (Knaben* 
mirtungen  ie  fachgemäßer  georbnet  befto  fräftiger  ausgingen. 
9ta  ba%  biefeS  Sufammenroirfen  untergeorbnet  unb  fragmen* 
tarifer)  blieb,  fo  lange  nod)  in  irjrer  SSerbinbung  bie  gemein* 
iame  (£ntüfänglid)feit  für  bie  ©inmirrungen  ©brifti  ba§ 
übermiegenbe  blieb.  Unb  in  biefer  £)infict)t  fann  man  fagen, 
ba%  obneradjtet  eine  5ln§abl  SÖiebergeborener  öorbanben 
mar,  bie  $ird)e  bod)  nod)  unooEftänbig  blieb,  mitbin  nodj 
latitirte  hinter  ber  Öerbinbung  biefer  ©inselnen  mit  (Ebrifto, 
fo  lange  bie  p erfönlictje  SSirffamfeit  ©brtfri  fortbauerte. 

§.  116.  $)a<o  ©ntftetjen  ber  $ird?e  mirb  beurüci)  bur$ 
bie  betben  Seiten  t>on  ber  @rmät)lung,  unb  t>on  ber  3)itt- 
itjeilung,  be£  ^eiligen  (§tiite§>. 

1.  Slufjerljalb  beS  bereits  aufgehellten  3ttfammenbange§ 
möchte  e§  oielleic^t  fonberbar  erjdjeinen,  biefe  beiben  begriffe 


204  £er  cftrijtlidje  ©laubc  3wc"er  3#eU. 

auf  foldje  SSeife  sufammengeftettt  h\i  finben,  bie  bem  Klange 
imcfi  feine  SBerroanbtfdmft  f)aben,  unb  audj  ber  Söebeutung 
nadj  febeint  ber  begriff  ber  (grnmljlung  mit  ber  ÜDcittfjeihmg 
be§>  ©etfte§  nict)t  genauer  sufammensubangen,  al§  ettoa  mit 
ber  Söefefjrung  unb  ber  Rechtfertigung.  3est  aber  fann  e§ 
ntdjt  meljr  befremben,  fonbern  ber  erfte  begriff  bat  e§  mit 
bentienigen  ju  ttjun  ma§  bei  bem  (Sntfteben  ber  ®ircbe  nadEj 
bem  obigen  bie  ©adje  ber  göttlichen  SSeltregierung  ift,  ba% 
nämlicrj  biejenigen  meiere  bie  ^iretje  bilben  fotten  au§  ber 
SBelt  muffen  auSgefonbert  merben.  2)ie§  ift  baber  bie  $Se= 
traebtung  be§  (£ntfteben§  ber  ®ird)e,  menn  man  rüffmärts 
fiebt  uacb  bem  Ort  bin  mofjer  bie  9)citglieber  fommen.  2)er 
anbere  begriff  aber  rjat  e§  mit  bemjenigen  §u  tljun,  mag  in 
ben  ©in^elnen  ber  ®runb  ift  öon  ber  (Stettgfeit  ibre§  8u= 
jammenmirfen§  unb  ^ufeinanbermirfen§.  2)a  nun  in  Meiern 
ba§  Söefen  ber  d)riftlid)en  ^irerje  beftebt,  fo  mirb  in  Meiern 
begriff  ba§  (Sntfteben  ber  SKrdje  betrachtet,  inbem  man  oor= 
roärt§  ftel)t  auf  ba§  fo  entftebenbe  ®efammtleben,  melcbe§ 
nur  bureb  bie  ©elbigfeit  be3  bemegenben  unb  treibenben  in 
Sitten  unb  jebem  (Sinselnen  eine  mabre  £eben§einl)eit,  nad) 
5lrt  nämlicb  einer  sufammengefesten  ober  iogenauuten  mora- 
liieren  $erfon  merben  unb  bleiben  fann,  )o  bafs  ftcb  aus 
bieiem  bem  ßhnselnen  al§  (£rmäf)lten  mitgeteilten  ^rineip 
baä  gange  ßeben  unb  SSirfen  ber  ®ird)e  mute  erflären  laffen. 
—  35eibe  aber  baben  ba$  mit  einanber  gemein,  bafc  fie  ur- 
fprünglid)  nietjt  unmittelbar  auf  öenjenigen  Buftanb  Raffen, 
n»o  bie  mirfiame  ®raft  be§  neuen  ßeben§  nod)  unmitgetbeüt 
in  (£fjrifto  allein  mar,  aufgenommen  in  bemjenigen  Sinn, 
in  meterjem  auefj  t>on  (Stjrifto  gefagt  merben  fann,  er  fei  er= 
mäTylt  unb  babe  ben  ^eiligen  ®eift;  eigentlich  aber  wirb 
babei  ber  ®egenfag  uorau§gefeät  smifdien  ienem  äußeren 
Greife  melier  ber  Drt  ift  für  bie  Oorbereitenben  (Knaben* 
mirfungen,  unb  bem  inneren  öon  meldjem  bicie  ausgeben. 
£enn  bietenigen,  meiere  in  ben  erften  ®rei§  gesogen  merben 
babureb  bafj  bie  SßreMgt  be§  (StoangeliumS  gu  itmen  gelangt, 
merben  in  ber  biblifdjen  unb  ftrctjüctjert  ©pracbe  nid)t  ge^ 
mobnltcb  ©rmäjjlte  genannt,  obueractjtet  fie  autf)  in  golge 
be§  3ufammenbange§  ber  göttlichen  SBeltregierung  Ijteburdj 
bon  s2lnbem  unterfdjieben  merben,  ionbern  nur  berufene; 
jener  aber  bleibt  für  biejenigen  meldje  burdj  bie  SBieber- 
geburt  in  ben  inneren  ®rei§  eingefübrt  morbcn  ftnb.  Unb 
eben  io  ift  ber  ^eilige  ®eift  ba$  SÖanb  Me|e§  innern  ®reifes> 
traft  beffen  bie  SBirhmgen  ber  ©inselnen  auf  ben  äufeerci. 


3toetter  Slfijdjmit.  SSon  ber  jßeid)affenl)ett  ber  SBea  :c.  205 

eine  Einheit  tuerben  unb  eben  fo  ibr  gegenfeitigeS  8Iuf= 
einanbermirfen  gleidjfam  einen  organitdjen  Umlauf  bübet; 
ben  berufenen  aber  fd^reiben  mir  ben  heiligen  (Seift  nodj 
nid)t  al§  ifjnen  mitgeteilt  ober  tf)nen  einrooljnenb  unb  fte 
treibenb  §u. 

2.  Söa§  nun  im  einzelnen  guerft  ben  2(u3bruff  ©rroäfjlung 
betrifft,  fo  ift  bk  eigentliche  Aufgabe  bcffelben  bte.  Sitte 
HJcenjdjen  finb  un§  im  guftanbe  ber  gemeinfamen  ©ünb* 
§aftigfett,  roo  atteS  (Semeini  dmlb  ift,  aud>  bollfommen  gleich, 
unb  ein  $or§ug  in  Söegieljung  auf  ba§  t»on  ©brifto  mit* 
suttjeilenbe  neue  &eben  ift  feinem  äusufdjreiben.  9?un  merben 
freilidj  Slffe  erft  in  ben  ®rei§  ber  norbereitenben  (Snabe 
bineingesogen ;  allein  auf  ber  einen  (Seite  ftnb  bie  Unter* 
ict)tebe,  bie  bort  entfielen,  aud)  ntdjt  üjnen  felbft  sugufdjiretben, 
auf  ber  anbern  ©eite  ift  aud)  barin  fd)on  eine  ^ßegünftigung, 
bafj  gleichseitig  bie  ©inen  berufen  merben  unb  bie  Zubern 
nicbt;  fo  ba%  mir  sunt  33el)uf  biefer  Erläuterung  beibtä  }u* 
iammemteljmen  fömten,  bie  (Srroäijlung  unb  bie  Ü)r  öoran- 
geljenbe  unb  ftd)  auf  fte  begiebenbe  Berufung.  Ueberaft  ift 
alfo  bier,  menn  mir  ba§>  tljeilmeiie  (gelingen  unb  SDcifelingcn 
ber  SBerfünbigung  betrachten,  ein  in  ber  göttlichen  SSelt* 
regierung  eingeleiteter  55or§ug  ber  ©inen  öor  ben  5Inbern 
oljne  einen  in  ben  Vertonen  felbft  baju  borbanbenen  (Srunb, 
unb  biefer  täfjt  ftd)  bom  größten  bi§  sunt  fleinften  ntdjt  nur 
auf  biefem  Gebiet,  fonbern  aud)  auf  anberen  berfolgen,  nur 
bafj  mir  oon  biefen  ntdjt  §u  banbeln  fjaben.  teufen  mir  un§ 
bie  9ftenfd)m  erbung  Ebrtfti  al§  ben  Anfang  ber  SBiebergeburt 
be§  gangen  menfd)lid)en  (Sefd)lec§t§:  fo  mirb  bie  Errichtung 
einer  bleibenben  ©tätte  für  bie  Sßerfünbigung  be§  (£t>angelium§ 
unter  einem  SBolf  bur$  bie  ©rftlinge  au§  feiner  50citte  ber 
Anfang  ber  SBiebergeburt  eineS  $olfe§  fein.  Unb  ein 
fold)e§  l)at  bann  einen  Sßorgug  öor  benen,  unter  meldten  ftdj 
gleichseitig  bie  ©timme  ber  SBerfünbiguitg  erfolglos  ber* 
nehmen  liefe.  SSir  fönnen  aber  bte§  nidjt  auf  einen  Unter* 
:d)ieb  ber  SBürbigfeit  belieben,  eben  fo  menig  bti  ben  Golfern 
al§  bti  ben  (Singelnen,  bti  meieren  e§  fict)  eben  fo  behält, 
nid)t  minber  bei  ben  aus>  ber  grembe  etnmanbernben  al§  bti 
ben  in  bem  dufteren  Greife  ber  (Semeinfcbaft  geborenen.  @o 
geroife  mir  nun  bit$  auf  eine  göttliche  Slnorbnung  gurüff* 
Rieben,  mie  ber  (Eriöfer  felbft  getban,1  fo  ift  un§  audj  auf* 
gegeben  berfelben  beiguftimmen,  meil  mir  fonft  unb  groar  mit 

1  30$.  6,  44. 


206  £er  $riftlicf)e  ©taube.  3weiter  Sfjetl. 

mrerm  ftttlicben  Sßemufjtfein  im  Sßiberfprudj  mären  gegen 
unjcr  ©otteSbemufjtfetn.  2Sir  Ijaben  aber  baju  feinen  (Srunb 
al§  bn§  Sßenrfjen  in  bem  göttlichen  S&itten,  Don  meldjem  mir 
nur  fagen  fönnen,  bafc  er  rttctjt  burdj  bit  Söürbigfeit  ber 
^erfon  beftimmt  morben:  fo  bafj  ni<$t  ba§  eine  al§  Öoljn 
unb  ba$  anbere  al§  ©träfe  angefefjen  merben  fatut.  Wittes 
anbere  bleibt  in  unferm  99cttgefüf)l  h)ie  in  bem  begriff  ber 
©rmälilung  an  nnb  für  ftd)  unbeftimmt. 

3.  Unter  bem  5lu§bruff  ^eiliger  <35etft  aber  mirb  sufolge 
be§  obigen  bie  SebenSetntjeit  ber  cx)rtft(tct)en  (Semeinfd&aft  al§ 
einer  moralifcrjen  $erfon  oerftanben,  nnb  bie§  mürben  mir, 
ba  atfe§  eigentlich  gefe^ltctje  au§  berfelben  fc&on  au§gefdjloffen 
ift,  bur<$  ben  5lu§bru!f  iljre§  (Semeingeifte§  be^eid^nen 
fönnen.  Unb  fo  follte  e§  eigentlich  rticfjt  nötljig  fein  noeb 
ait§brüffüct)  su  oerftebern,  ba%  mir  burdj  ben  5tu§bruff 
baffelbe  beseiefmen  motten,  ma§  audj  in  ber  (Schrift  fjeitiger 
(Seift  unb  (Seift  (Sotte§  unb  (Seift  (Sfjriftt  genannt  mirb,  unb 
in  unferer  ftrdjlidjen  Seiire  aud}  al§  bie  britte  Nerton  ber 
;  ©otf&eit  aufgeführt  mirb.  2)afe  mir  e§  jebod)  mit  biefem 
legten  In'er  nid)t  ^u  tfjun  baben,  berftefjt  ftc§  aus  ber  %n* 
:  oibnung  be§  (Sanken  üon  felbft  2)a&  aber  in  ber  djriftlidjen 
'SHrctje,  nad)bem  bk  einzelnen  (Stnmirfungen  nicfyt  mefjr  un- 
mittelbar Don  GTCjrifto  auSgeljen,  ein  götttidjeS  fein  mufj, 
melcf)e§  mir  eben  fo  ba§  ©ein  (Sotte§  in  üjr  nennen  fönnen, 
menn  anber§  bie  Stftittlj  eilung  ber  ^SoKfommen^eit  unb  Selig- 
fett  C^rjrtftt  fortmäbrenb  in  tfjr  befielen  foft,  bk$  ift  eben  fo 
au§  bem  früheren  oorläufig  §u  erfeljen,  mirb  aber  genauer 
unten  entmiffelt  merben.  Vorläufig  nämlid),  bafs  bk  ffiiu 
tbeilung  ber  unfünbtidjen  SBoßfommenljeit  unb  ©eligfeit,  meldte 
al§  ba$  Tct)Iecr)tr)intQe  ftettge  SSotten  be§  9teicf)e§  (SotteS  ber 
innerfte  $mpul§  be§  ©inselnen  ift,  audj  mufj  ber  (Semeingeift 
bes>  (Sanken  fein,  ober  e§  müfjte  feinen  (Semeingeift  in  bem= 
felben  geben.  2)enn  märe  er  ein  anberer,  fo  müfcte  jener 
^mpul§  biefem  anberen,  atfo  einem  unooHfommneren  unter« 
georbnetfein,  mieinjebem  (Sefammtleben  aHe§  perfönlid)c  bem 
(Semeingeift  untergeorbnet  fein  mufe.  (Säbe  e§  aber  gar  feinen 
(Semeingeift:  jo  märe  audj  bie  djrtftticfje  ®ird)e  fein  ma§re§ 
(Seiammtleben,  mie  fie  boct)  öon  Einfang  an  mit  &e&ie$ung 
auf  biefen  iljr  einmofjnenben  göttlichen  (Seift  aufgetreten  nur) 
in  bem  ©elbftbemufetfein  kbt§  fräftigen  SDritgliebeS  auf* 
genommen  gemefen  ift.  2)iefe§  äöotten  be§  fRetctjeS  (Softes 
aljo  ift  bie  Sebenöein&eit  be§  (Sanken,  unb  in  jebem  (Smtaelnen 
'ein  (Semeingeift;   es  ift  aber  in  bem  (Sanken  feiner  ^ner- 


Streiter  Stöfdjnitt.  §gon  ber  öefc^affen^eit  ber  ?&dt  ic.  20? 

liebfeit  na<$  ein  fcblecbtbin  fräfttgeS  dJotteSbenmßtiem,  mithin 
i>a$  e>ein  Lottes  in  bemjelben,  bebiugt  aber  bnrdj  ba§  Sei« 
(Botttä  in  Gbrifto 

(g  r  ft  e  §   S  e  b  r  ft  ü  f  f . 
$on  ber  (Srtpäijuittg. 

§.  117.  3n  ba*  üon  (S&rtflo  geftiftete  gftetdfc  ©otte§ 
fönnen  zufolge  ber  ©efege  ber  göttlichen  Sßeitregienmg, 
fo  lange  ba£  iäftenfc&ettgefd&lec&t  auf  @rben  beftebt,  niemals 
alle  gleichseitig  Sebenbe  gleiäjntäfcig  aufgenommen  fein. 

1.  Unter  bem  gleichmäßig  fott  bier  nicbt  etma  eine  (Sletdj* 
beit  in  ber  ®raft  be§  ©lauben§  nnb  in  bem  QJrabe  ber  2fas 
eignung  aller  natürlichen  Gräfte  an  jenen  (Stemeinmillen  oer- 
ftanben  Werben,  beim  in  Meiern  galle  märe  ber  ©as  gang  flar, 
tnbem  e§  niemanben  einfallen  fönnte  eine  foldje  ©leicbbeit  ju 
begehren;  fonbern  e§  fott  ftcb  auf  ben  beftimmten  llnterfctjteb 
ämifdjen  bem  inneren  unb  bem  äußeren  Greife  ber  cbriftlicben 
®emeinjcbaft  begießen.  Senn  finb  alle  anbern  (glaubend 
gemeinfcbaften  ba§u  beftimmt,  in  ba§  ©briftentbum  uber^u« 
geben,  unb  nimmt  man  an  ba%  bie  in  ber  (SJemeinfcbaft  ge- 
borenen bocb  zeitig  unter  ben  (Sinfluß  ber  Oorbereitenben 
®nabe  fommen:  fo  läßt  ficb  eine  geit  benfen,  mann  Wt, 
bereu  Söeroußtfein  nur  ba^u  notdürftig  entnriffelt  ift,  aud) 
jenem  äußeren  Greife  angeboren.  Mein  ba  biermit  ber  5ln= 
tbeil  an  ber  Sßoftfommenbeit  unb  (Seligt'eit  ©brifti  nocb  rticrjj: 
fcerbunben  ift:  fo  finb  biefe  beftimmt  unterictjieben  öon  ben 
jelbfttbätigen  ©liebern  ber  (Semeinfcbaft;  melcbeg  aud)  mit 
bem  angegebenen  llnterfcbieb  §mijcben  Berufung  unb  (£r= 
mäblung  Ooßfommen  jufammenftimmt.  @§  tommt  übrigen§ 
btebei  auf  §mei  fünfte  an,  öon  benen  freilieb  ber  eine  mebr, 
ber  anbere  aber  bocb  audj  gemiffermaßen  al§  ein  ©efej  ber 
göttlichen  SSettorbnung  an^uf  elften  ift.  Offenbar  nämlicb  ift 
bie§  ein  folcbe§  (Stefej,  t>a%,  roa<§  üon  ©inem  $unft  ausgebt, 
ftcb  nur  aftmäftlia,  über  ben  gangen  Sftaum  Derbreitet.  SBeniger 
iebon  biefefT^äf  ber  ©tanb  ber  ©nabe  niemals  fann  an- 
geboren werben,  fonbern  aueb  bie  ebriftlicben  ®inber  bei  ber 
(Geburt  allen  anbern  üon  Slbam  abftammenben  im  toefentlicben 
gleid)  finb;  aber  bocb  märe  tr)etl§  bie  Sßeränberung  felbft  eine 
au§  ber  ®runbtljatfaä)e  be§  (£briftentbum§  nic^t  begreifliebe 
2lr.3nabme,  mitbin  eütneueS  öon  jenem  unabbängigeS  SStutber. 
jerftörte  aber  aud?  ben  SSegttff  ber  Gattung. 


208  Sei  djriftlt^e  ©taube.  3»eit«  Xljetl- 

2.  (55efeät  aueb  (£brifru3  trotte,  ai§  er  mit  ber  SBerfünbigimg 
bc3  ^veicbeS  ®otte§  unter  £>inmeifung  auf  feine  $erfon  ben 
Anfang  machte,  überall  ba$  Gleiche  (55efüt)l  ber  (JrlöfungS* 
bebürftigfeit  gefunben:  fo  maren  boerj  tbeit§  in  sBe*ug  auf 
feine  ^erfon  bie  (£inen  bttreb  ^obanne§  öorbereitet,  bie 
Stnbern  nierjt,  t(jeil§  in  SBejttQ  auf  feine  ®eftaltung  be§  <&otte& 
reicbe§  bie  ©inen  auf  befonbere  SSeife  an  ba$  beftebenbe  ge* 
bunben  unb  alfo  feine  ^bee  abftoftenb,  bie  2lnbern  iüd)t. 
9Jcitbin  fonnte  er  überall  nur  in  ben  oericbiebenften  s3lb* 
ftufuugen  ftcb  mirffam  bemeiten,  mie  er  aueb  bem  Raunte  nacb 
nur  innerhalb  bestimmter  ©renken1  ben  ®rei§  feiner  $8er= 
fünbigung  balb  bureb  Drt§Oeränberung  erroettern,  balb  bureb 
längere  9cieberlaffung  befeftigen  fonnte.  ^a  aucrj  mo  er 
binmeggemiejen  mürbe,2  gereifte  bie§  natürlicb  manebem 
(Singernen,  ber  ba*u  gefommen  fein  mürbe  ftcb  tljm  an^u* 
fd)liefeen ,  §um  unberbienten  ^aebtbeit.  9ltte§  biefe§  aber  l)at 
feinen  ($runb  in  ber  göttlichen  2öeltregierung.  Unb  biefelbe 
Ungteicbmäfjigfeit  finben  mir  aitcrj  bti  ber  fortgefeaten  Sto= 
fünbigung  oon  ber  5lpoftel  3etten  an  bi§  auf  ben  beutigen 
£ag.  ©enn  bie  bem  (Jansen  einmobnenbe  in  (Stilreinen  aber 
befonberS  beroortretenbe  Neigung,  bie  ®ircbe  nacb  außen  311 
öergröfeern,  ift  smar  an  ftcb,  mie  fte  öon  ber  ©teiebbeit  sMer 
im  ©taube  ber  ©üubbaftigleit  ausgebt,  ooHfommen  gleich« 
mäfjig,  in  ber  Ausübung  aber  tbeilS  ben  gefettfebaftiteben 
Sßerbältniffen,  meiere  bie  ilufnüofung  barbieten  muffen,  unter* 
morfen,  tbeit§  jenem  gebeimnifjooden  2lnge^ogen  unb  5lbge= 
ftofeen  merben,3  meldje§  ntctjt  minber  al§  jene  unter  ber  gött= 
lieben  Söeltregierung  ftebi  Unb  anber§  fonnte  e§  aueb  ntcrjt 
fein,  menn  ba§>  Uebernatürticbe  in  (£brifto  fottte  9?atur  merben, 
unb  bie  ®ircbe  ftcb  al§  eine  natürliche  gefcbicrjtlidjie  ©rjcbetnung 
bilben. 

3.  ©eben  mir  eben  fo  auf  bie  gortpflansung  ber  ®irdje 
über  bie  golge  ber  ^efct)lect)ter :  fo  entftebt  aueb  ^ier ,  ha  bie 
SSiebergeburt  ber  (Singelnen  an  btefe  ebenfalls  in  ber  gött* 
lieben  Söeltorbnung  mur^elnbe  -ftaturform  be§  3ufammenteben§ 
je  jmei  auf  einanber  folgenber  ©enerationen  gebunben  ift, 
bierau§  eine  äbnlicbe  Ungleicbmäfeigfeit,  inbem  jeber  mürbe 
früber  ober  fpäter  in  biefen  innern  ®rei§  gelangt  fein  unter 
anbern  ibm  mebr  ober  minber  angemeffenen  Umgebungen 
unb  (Sinmirfungen.    9luf  biefe  Söetfe  entftebt  immer  beibeS, 


1  SKattö.  15,  24.  '2  3Katt$.  8,  34. 

8  8tp.  ®efdj.  16,  6—10. 


Stoeiter  Sibfdjmtt.  25on  ber  SBefdjaffen^ett  ber  SBelt  ic.  209 

bafc  unter  bcn  im  Umfang  ber  ®irä)e  lebenben  ju  ieber  3^it 
SSiele  t'fer  nodj  nid)t  angehören,  unb  bafj  t>on  biejen  roirb  ge* 
fagt  werben  tonnen,  fte  formten  fcfeon  (55lteber  berfelben  fein, 
tuenn  itjr  SebenSpfab  anber§  märe  geleitet  morben.  2ltferbing§ 
bat  eine  lange  golge  öon  im  Jansen  angefetjen  im  ©tanbe 
ber  Heiligung  lebenben  (Generationen  eine§  23olfe§  einen  (Sin* 
flufe  auf  bie  fpäteren,  inbem  bit  letbenf^aftlictjert  Sftaturanlagen 
ftct>  immer  mefjr  milbern;  immer  aber  ift  bie§  bodj  nur  eine 
beffere  (Geftalt  ber  allgemeinen  ©ünbbaftigfeit,  unb  einmal 
mutj  bodj  ©elbfterfenntnifc  unb  Söufee  eintreten.  üftur  freiließ, 
roenn  au<$  ba$  Slnerfenntmfj  be§  (£rtöfer§  in  bemfelben  SSer* 
bältnife  seitig  erfolgt,  läfct  ft<$  eine  Bett  benfen,  roenn  aroat 
immer  mefet  fleifcfelicfje  Geburt  unb  getfttge  (Geburt  in  bem* 
felben  Seitpunft  sufammenfallen,  auä)  ntctjt  9?atur  unb  (Gnabe 
gar  nierjt  ju  untertreiben  mären ,  aber  boefe  eine  3eit,  in 
melier  bie  Gsntroifflung  be§  lebenbigen  (Glaubend  mit  ber 
erften  Gjmtroirtlung  ftttltc^er  SSorfteUungen  unb  ©mpfinbungen 
mögliefeft  nalje  aufammenfatten  roirb,  roelcfeeS  bie  gröfetmögli^e 
§lnnätjerung  an  bie  menfdjlidje  (Sntroiftlung  (Sljrtfti  ift  Unb 
bann  freiliefe  ttrirb  ^eber  roeit  früher  §u  bem  33eft3  unb  (Genufe 
be§  üjm  angemeffenen  SMjjeüS  an  bem  bötjern  Seben  gelangen. 
$ludj  bann  aber  roerben  boefe  Totere  Srtfferensen  beftet)en,  ba% 
Einige  nod)  rttctjt  ju  biefem  (Genufe  gelangt  finb,  roenn  iljre 
SllterSgenoffen  ftd)  fct)on  längft  beffelben  erfreuen. 

4.  SBenn  mir  nun  biefe  Drbnung  mit  bem  2lu§bruff  gött* 
ltdje  ©rmät)lung  be§balb  beseiten,  roetl  mir  bei  einem  gött* 
liefen  SBoblgefatten  al§  lestem  (Grunbe  ba§u  flehen  bleiben: 
fo  fetnbert  bie§  boefe  niefet,  bafj  mir  nidjt  fueben  bürfen,  rooburdj 
biefeS  göttliche  SSoblgefaCCen  beftimmt  mirb.  gumal  mir  and) 
nierjt  fagen  fönnen,  bei  (Gott  fei  atteS  gegen  alle  glekfe,  aber 
ber  Sßitte  Einiger  fege  £>inberntffe  entgegen;  ba  ja  ber  SßiHe 
felbft  ft$  erft  aHmäl)lig  unb  ebenfalls  nidjt  obne  (Sinflufc 
äußerer  SSerbältniffe  §u  größerer  ober  geringerer  ©rregbarfeit 
entmiffelt.  Söet  biefer  gorfetjung  ift  fcfeon  $aulu§  ooran* 
gegangen,1  unb  bat  ba$  (Gefej  au§sufpre#en  öerfuefet,  in  golge 
beffen  bie  apoftoltfc&e  SHrd^e  ftdj  juerft  mit  ebemaligen  Reiben 
anfüllte,  roäferenb  ber  größte  Sttjeil  be§  jübifefeen  23olf§  nod) 
aufeerbalb  berfelben  blieb.  Unb  bie  5lufforbentng  baju  ift 
noefe  bringenber  gemorben,  feitbem  ganje  Sßölfer  ba$  (Jb^iftens 
tbum  angenommen  baben,  oon  benen  alfo  SSiele  menigften§ 
auä)  äur  Söiebergeburt  gelangten,  mät)renb  ötele  SO^itglieber 


1  «Rom.  10  unb  11. 

6<M..  «ßrtlH.OH.11.  14 


210  ©er  cfmjtUcije  ©toube.  3h?eiter  £neil. 

altcbriftficfier  SSötfer  bon  jenem  innern  3u[ammenbang  bor* 
läufig  n od)  au§gefd)foffen  blieben,  9?immt  man  aber  bin^u, 
mie  berfcbieben  ben  Sftenfcben  ba§  (Jnbe  ba§  2eben§  gefegt  ift; 
für  manchen  in  ber  djriftlicben  ®ircbe  (geborenen,  ber  fd)on 
öiele  SBirfungen  ber  oorbereitenben  ®nabe  erfahren  bat,  bod) 
eber  al§  btefe  (Sinbrüffe  fonnten  autn  Anfang  etne§  geiftigen 
ikbenSproseffeS  in  ber  SBiebergeburt  berfnüpft  unb  gefteigert 
merben;  unb  rote  $iele  bon  ba,  mo  bie  «Stimme  be§  ©bau* 
gelium§  nur  eben  bingebrungen  tft,  nad)  ber  göttlichen  Drb* 
nung  über  bie  £eben§bauer  abgerufen  merben:  fo  tft  e§  offenbar 
in  ber  göttiicben  SBeltorbnung  aearünbet,  baf$  S3iele,  —  mie* 
mol  SSiele  ober  SSenige  Ijier  eigentlich  gleid)  gilt,  unb  bie 
(£inen  ftd)  im  ben  Grbietungen  ber  göttlichen  ©nabe  nidjt 
anber§  behalten,  al§  Rubere,  —  bod)  unmiebergeboren  fterben, 
roeil  ba§>  3iel  U)te§  Seben§  abgelaufen  ift.  2öir  fönnen  baber 
rtictjt  fagen,  ba%  ©ort  bie§  bcftimmt  ntctjt  gerootft  r)citte,  ba 
e§  feinen  ©runb  l)c\t  in  bem  SBerOältnifc  ber  bon  irjm  ah* 
gängigen  9?aturorbmtng  gu  feinem  un§  innerlich  eben  fo  ge= 
miffen  9?atbfd)lufe  ber  (£rlömng  burd)  G£t)rtftum;  —  fo  ba% 
mir  un§  be§  (2d)fuffe§  nicbt  erroebren  fönnen,  ba%,  menn 
(Sott  bie§  beftimmt  unb  unbebingt  nicbt  geroottt  bätte,  er  ent* 
meber  eine  anbere  Sftaturorbnung  be§  menfcblicben  £eben§ 
ober  eine  anbere  £eit§orbnung  für  ben  menfd)  lieben  ©eift 
mürbe  eingerichtet  baben.  fönt  er  e§  nun  irgenbmie  fo  ge* 
orbnet:  fo  entfteljt  un§  natürlich  bie  Aufgabe,  auct)  Metern 
göttlichen  SBitlen  auf  möglicfjft  bemufete  SBeije  unb  inneren 
Söiberfprudj  beisufrimmen. 

§.  118.  3ßenn  fic^  ba$  cDriftlicDe  9Jcitgefüt)l  über  bie 
frühere  unb  fpätere  2lufnat)me  ber  ©inen  unb  Slnbern  in 
bie  ©emeinfdjaft  berßrlöfung  berur;ig,t:  fo  bleibt  bagegen 
ein  unauflöslicher  SJti&ftang  jurüff,  ft>enn  mir  un£  unter 
$orau3fesung  einer  gortbauer  nad)  bem  £obe  einen 
lljeil  be£  menfd)lid)en  ©efd)led)te3  ton  biefer  ©emeinfdjaft 
g  emulier)  au<ogefd)loffen  benfen  foUen.1 

1.  2öenn  mir  un§  mit  beiben  Elementen  unteres  ©et&fi* 
beroufetfctnS,  bem  ber  ®ünbe  unb  bem  ber  (Snabe,  al§  SWit* 
glieber  ber  ®ird)e  ber  Söelt  gegenüber  betrachten:  jo  fiuben 


Ein  für  atte  5KaIe  öertueife  idj  t)ier  für  biejeS  Se^rftüff  auf  meine 
Sföfjanblung  über  bie  enüätjlunßälcljre. 


Streiter  «bfänitt.  SSon  ber  S3eicr)affenr)ett  ber  Sßelt  jc  211 

mir  im§  Vermöge  be§  legten ,  morin  un§  bie  oollfommne  ($5e* 
mifebeit  be§  göttlichen  fRat^fc^luffeS  unferer  ©eltgfett  gegeben 
ift,  allen  benen  entgegengefest,  in  benen  fict)  biefe§  SBettmfctfeiit 
noä)  nic£)t  entmiffelt  ^ai  hingegen  oermöge  be§  33emufetfein§ 
ber@ünbe  finben  mir  un§  ifjnen  ooHfornmen  gteicb;  benn  ba§ 
SBeroufjtfein  ber  Vergebung  gehört  bem  anbern  ©(ement  an, 
nergegenmärtigt  un§  aber  immer  jene§  urfprünglicbe,  roelcbe§ 
bem  SBeroufjtfein  ber  OTen  gemeinfcbaftlicben  9c"atur  angehört. 
3ft  aifo  ba§>  gleicbe  natürliche  Unvermögen,  au§  meinem  in 
iebem  baZ  SBetuufetfein  ber  (SrlöfungSbebürftigfeit  entmiffelt 
merben  fann,  bter  unterftüst  nnb  bort  ftdj  felbft  überladen, 
bter  in  bie  Offenbarung  be§  begnabigenben  göttlichen  Ütatb* 
idjluffeS  aufgenommen,  bort  aber  nidjt:  fo  ift  biete  Ungleich 
beit  innerbalb  beffelben  menfcbücrjen  ®e?djletf)te§,  in  meinem 
bocij  in  33eaug  auf  bie  göttliche  SSirfiamfeit  (Sfjrifti  fein  Zfytil 
non  bem  anbern  beftimmt  gef Rieben  ift,  bon  folcber  9lrt,  bafj 
mir  um  fie  aufzunehmen  entmeber  unfer  ©otteSberoufetfein 
mieber  aum  $arttculari§mu§  bütabftimmen  müßten,  ober  ben 
Unterfdjieb  ghHidjen  ben  $egnabigten  unb  ben  anbern  geringer 
unb  al§  ein  faft  nur  anfällige^  9ftebr  unb  Weniger  anklagen; 
fonft  mürbe  notbmenbig  bie  in  bem  SBenwfjtfetn  ber  ®nabe 
gefegte  ©eligfeit  bod)  burd)  ba§>  mit  3)emütbigung  oerbunbene 
SRitgefüljl  ber  Unfeligfeit  aufgehoben.  —  £>ie3  geminnt  in* 
beffen  ein  gan§  anbere§  2Jnfeben,  fobalb  mir  un§  berechtigt 
galten  ansunelnnen,  ba%  bieier  (Segenfaa  auf  jebem  einzelnen 
$unft  nur  ein  oerfftminbenber  fei,  fo  bah  jeber,  ber  iest  nodj 
aufjerijalb  biefer  ©emetnidjaft  ift,  irgenbmann  r»on  ben  gött* 
liefen  (Snabenmirfungen  ergriffen  innerbalb  berfelben  fein 
mirb.  £enn  in  unferm  ©attung§6ettmfetl"ein  ift  bann  fein 
Smiefpalt  mebr,  unb  ber  nur  allmäblige  Uebergang  ber  (Sin* 
feinen  in  ben  S3oHgenufe  ber  ©rlöfung  ift  für  baffelbe  ganj 
ba$  nämlicrje,  mie  für  unfer  perfönlicfjeS  ©elbftberoufetfein  ber 
aümäbltge  Fortgang  ber  Heiligung,  nämlid»  nur  bie  ^catur* 
form,  meiere  bie  göttliche  £bätigfeit  notbmenbig  in  ber  ge* 
fd)tct>tncr)en  ©rfebeinung  annimmt,  unb  nad)  bem  obigen  bit 
unamBmeicblicbe  JÖebingung  aller  seitlichen  SSirffamteit  be§ 
fleilcbgemorbenen  2öorte§. 

SSa§  biegegen  nod)  eingemenbet  merben  fönnte,  mirb  ft<$ 
bureb  folgenbe  stuei  Öetracfjtungen  erlebigen.  2)ie  erfte  ift 
eine  Slnroenbung,  melcfje  mir  machen  bon  bem  fdjon  früber 
aufgehellten  <Saa,  bie  90?  enfdjm erbung  ©(jrifri  berbalte  fidj 
mie  bie  SBtebergeburt  be§  gejammten  als  GSinljeit  betrachteten 
®efd)lect)te3.    £)enn  niemanb  fann  fagen,  e§  mürbe  für  biefe 

u* 


212  $er  tfjrtftlidje  ©lau&e.  3ioetter  Sfjetl. 

(SJefammtbeit  beffer  gemefen  fein  menn  (£briftu§  eber  märe 
geboren  nmrben,  mitbin  aueb  baä  neue  geifttge  ®efatnmtleben 
eber  begonnen  bätte.  $5enn  bie§  märe  freiltd)  beffer  gemefen, 
menn  nur  früber  biefe§  neue  Seben  in  berfelben  3hEeinr)eit  unb 
®raft  bätte  fönnen  aufgeben ;  tt>enn  aber  gefagt  roirb,  al§  bie 
3eit  erfüllt  mar  fei  (SfcriftuS  geboren,1  fo  Reifet  t>a§,  bie  gött- 
liebe  S3orberOerfebuug  über  ba§  gefammte  menfcblicbe  %t- 
fcblecbt  unb  bk  befonbere  Söeftimmung  über  ben3eitpunft  ber 
(Srfcbeinung  be§  (£rlöfer§  finb  fo  febr  ©ine  unsertrennlid)e 
Offenbarung  ber  göttlichen  OTmadjt,  ba%  ba$  burdj  biefe 
3eitbeftimmung  bebingte  geiftige  ßeben  audj  gemife  ba$ 
fcblecbtbin  größte  ift  unb  bie  ganje  ^bee  be3  SSefen§  ber 
SDZenfctjr)eit  au§fprict)t.  3)affelbe  nun  läfjt  fieb  aud)  Oon  bem 
©inaeinen  fagen,  menn  feine  3eit  erfüllt  ift  mirb  ^eber 
miebergeboren,  fo  bafj  fein  bureb  biefe  «ßeitbeftimmung  be- 
bingte§  neue§  £eben  audj,  mie  fpät  e§  immer  eintrete,  ein 
fcblecbtbin  gröfjte§  ift,  unb  bie  gan§e  ^bee  feiner  $erfon,  mie 
biefe  ebenfalls  an  ibren  Ort  ber  ®efammttjeit  gebunben  ift, 
öoüfommen  au§fprid)t;  baber  in  Uebereinftimmung  mit  jenem 
(glauben  mir  aud)  oon  bem  ©injelnen  ntcrjt  ben!en  fönnen, 
e§  märe  ibm  beffer  gemefen  früber  miebergeboren  §u  fein. 
Unb  e§  ift  fein  ®runb  §u  befürebten  bafj  I)ieburd)  eine  £räg* 
Ijett  im  Beugnifj  Oon  ©bnfto  merbe  begrünbet  merben  unb 
3ud)t  unb  Sebre  in  Verfall  geraden,  meü  e§  nämlich  nidjt 
belfe  ben  Seuten  ba$  ©bangelium  an§  £era  gu  bringen  e§e 
ifjre  3eit  erfüllt  fei.  2)ie§  §at  febon  5luguftin  beutlicb  bargen 
legt,2  unb  niebt  leiebt  mirb  aud)  biefe  (Bnmenbung  im  (Srnft 
Oon  einem  mabrbaft  in  ber  Heiligung  begriffenen,  ba%  Reifet 
öon  einem  foleben  eingelegt  merben,  ber  fäbig  ift  Beugntft 
abäulegen  ober  £e§re  unb  3u$t  §u  fjanbbaben.  Tenn  ein 
folerjer  ift  eine§  Streits  obne  alle  £>infid)t  auf  einen  beftimmten 
©rfolg  Oon  innen  gebrungen,8  anberntfjeUS  meife  er  aueb  bafj 
bie  ©nabenmirfungen  be§  ®eifte§  bie  bon  jebem  Söieber- 
geborenen  auSgebn  mit  basu  geboren,  ba%  ieber  menn  feine 
3eit  erfüllt  ift  aueb  mirflieb  miebergeboren  merbe.  2)ie 
jmeite  ift  eine  5lnmenbung  baoon,  bafj  in  ber  SSiebergeburt 
jeber  eine  neue  (Ereatur  mirb;  benn  bem  aufolge  märe  ba$ 
sDiitgefül)l  über  eine  su  fpäte  Söiebergeburt  i  ebenfalls  leer, 
meil  e§  ba^u  fein  urfprünglid)e§  in  bem  ©ubiect  giebt;   eben 


1  ©al.  4, 4. 

2  3tt  bem  SBudj  de  corr.  et  grat.  überall. 

3  2   ftor.  5,  14.  20. 


ßtoeiterlttfdjitttt.  SSon  ber  SBefdjaffert&eit  ber  SCßelt  ac.  218 

fo  leer,  tote  menn  man  eine  seitlidje  (Schöpfung  ber  SSelt  an* 
nimmt,  ein  ßeibmefen  barüber  märe  ba%  bie  Söelt  nid)t  efjer 
gefdjaffen  morben.  Unb  mia  man  audj  fagen  bie  frühere  Bett 
fei  ü)m  nic^t§  leereS  fonbern  ein  mißfälliges,  fo  öerfdjminbet 
ja  in  ber  ®emißljeit  ber  ©ünbenöergebung  biefe§  mißfällige 
gleict)  öollfommen,  ob  jene  £eben§seit  länger  getoefen  ober 
für*er.  %a  menn  fidj  bi§meilen  ein  foldjeg  S3ebauem  öer* 
nehmen  läßt,  meü  ja  nun  ba§  neue  Seben  nict)t  fo  lange 
mä&re  al§  menn  e§  ftd)  früher  entmiffelt  Ijätte:  fo  ift  audj 
ba§  nur  eine  Säufdning,  bie  noc&  öon  Unbefanntfäaft  mit 
bem  neuen  Seoen  sengt.  £)enn  biefeS  ift  in  fidj  felbft  ettrig 
unb  erlangt  feinen  3umad)§  burdj  bie  Sänge  ber  Seit.  SSie 
benn  aud)  fein  in  ber  Heiligung  reif  gemorbener  bergleicften  i 
emöfinbet,  e§  müßte  benn  fein  in  einem  franffcaften  Buftanb; 
fonbern  nur  ben  Anfängern  fönnen  foldje  üftadjmetjen  guftoßen, 
bie  aber  im  beruhigten  Buftanbe  öon  felbft  öerfdjmtnben  unb 
fidj  batjer  feine§mege§  basu  eignen  im  (Gebiet  be§  SefjtbegriffS 
beruf  ff  tätigt  ju  merben.  Sßielmeljr  muffen  ber  früljeft  unb . 
ber  foäteft  SBiebergeborene,  menn  man  jene§  audj  auf  bie  erfte 
®inbljeit  unb  biefeS  auf  eine  Beit  nad)  einer  nod)  fo  langen 
Sfteifoe  öon  &eben§entmiff  hingen  besiegt,  bo#  jeber  ftd)  felbft 
unb  bem  2lnbem  gleid)  mertlj  fein.  ®enn  ber  eine  ift  meljr 
gefest  jum  (Sbenbilb  ber  urförünglidien  Bereinigung  be§  gött* 
lidjen  mit  einer  menfd)lid)en  $erfönlidjfeit,  ber  anbre  meljr 
äum  (Ebenbilb  be§  enblidjen  S)urd)brungenfein§  ber  gangen 
menfdjlidjen  üftatur  öon  ber  erlöfenben  ®raft  GHjrifti,  mobei 
bie  ©efammtmirffamfeit  aller  früher  SSiebergeborenen  öorauS* 
gefegt  mirb.  Reiben  aber  muß  aller  ©djein  eine§  Unter* 
fdjiebeS  um  fo  meljr  öerfdiminben  je  meljr  ®emeingefüljl  unb 
®emeingeift  in  iljnen  bie  Dberljanb  geminnt,  moburd)  ^eber 
ftd)  alle§  aneignet,  ma§  be§  onbern  ift  llnb  e§  ift  fein 
©runb  au  befürchten ,  ba%  Ijieburd)  ©leidjgültigfeit  gegen  bie 
Sirfungen  ber  öorbereitenben  göttlichen  ®nabe  ober  2luf* 
trieben  ber  Söuße  unb  Sefe^rung  auf  unbeftimmte  Bufunft 
öeranlaßt  merbe.  $)enn  mer  bieg  anführen  mollte,  ber  fdjöbe 
*o<$  bie  Söefeljrung  nictjt  be§l)alb  auf  meil  bie  #rtftlid)e  £eljre 
tfcm  biefe  2lu§fid)t  öerbietet,  fonbern  meil  er  jest  no<$  feinen 
5lntt)eü  an  bem  (Sefammtleben  ber  «Sünbe  lieber  rottt  al§  ben 
•m  IReictje  ©otte§.  (£inem  folgen  fann  audj  ntd)t  bamit  ge* 
Rolfen  fein,  ha%  man  itjm  biefe  £ef)re  öorentljält,  fonbern 
nur  menn  man  itjm  Verlangen  nadj  bem  fReicf)  ®otte§  gu  er* 
regen  meiß.  —  £)ie3  äufammengenommen  ergiebt  alfo,  ba§ 
menn  nur  jeber  hinter  un§  surüffbleibenbe  irgenb  einmal  in 


214  ©erdjrtftlt$e@lau6e.  3toetter  £fjeil. 


bte  2eben§gemeinfd)aft  mit  (&&rifto  aufgenommen  mirb,  unfer 
SD^tlöefüOl  ftd)  bollfommen  beruhigen  fann  ofjne  ba%  ein 
SBiberfprudj  entftänbe  jmtfdjen  bemielben  unb  unferm  (SotteS- 
bemufetfeüt. 

2.  &afj  atte§  btöljer  angeführte  aber  ntd^t  anroenbbar  ift, 
fobalb  mir  un§  benfen  fallen  ba%  ein  £&eil  unfer§  ®efd)le#t§ 
bon  biefer  ©emeinjdjaft  unb  bem  bation  abhängigen  böberen 
Buftanb  gänalid)  au§gefd)loffen  [ein  foH,  baä  leuchtet  bon  felbft 
ein,  unb  jmar  io,  bak  man  abgeneigt  (ein  mirb,  einen  Untere 
fd)ieb  au  madjen,  je  nad)bem  eine  gortbauer  angenommen 
mirb  ober  nicfct,  unb  smar  biefe§  in  genauer  Uebereinftimmung 
mit  bem  eben  gefagten.  £)enn  tft  bie[e§  Seben  ein  an  ftd) 
eroige§,  fo  fömten  aud)  SBefU  unb  Beraubung  beffelben  nid)t 
meiter  au§einanber  treten,  menn  e§  auf  eine  unenbli^e  unb 
menn  e§  auf  eine  unbebeutenbe  2)auer  anfommt,  fobalb  nur 
ber  Sine  in  ben  SBeftj  bex  Seligfett,  meldje  allein  ben  Sßertl) 
be§  2eben§  ausmacht,  gefommen  ift,  ber  Slnbere  aber  nictjt. 
Soffen  mir  nun  biefe§  bor  ber  £>anb  gelten:  fo  mirb  iener 
2tttfeflang  nur  auf  eine  bon  beiben  folgenben  Sßeifen  aufc 
julöien  fein,  Entroeber  baburdj  bafj  mir  ba%  gufammenfein 
einer  folgen  ®leid)beit  unb  Ungleichheit  ätoifctjert  un§  unb 
Slnberen  rechtfertigen  unb  e§  auf  ein  ®efea  aurüffaufüljren 
fudjen,  ba  benn  ber  bargelegte  äBiberfprndj  als  ein  blofjer 
@c§em  erfannt  mirb;  ober  baburd),  bafe  eine§  bon  beiben 
felbft,  bte  urfbrüngltdje  ©leicfctjeit  ober  bte  burd)  bie  gött* 
lidje  $ertljeilung  gemorbene  Ungleichheit,  für  ©cfcein  er- 
flärt  mirb. 

2)a  erfte  famt  auf  smeierlei  SBeife  berfudjt  merben.  Sßemt 
nämlich  mie  bie  ©tetcfcljeit  bie  urfprüngltdje  Einrichtung  ber 
menfd)lic§en  Sftatur  tft,  fo  audj  biefe  Ungleichheit  in  eben  ber- 
felben  gegrünbet  tft,  fo  famt  snnfdjien  beiben  ein  Sßtberfprud) 
nur  unter  ber  gorm  ftattfinben  ba%  bie  Einrichtung  ber 
menf#lid)en  9catur  gefabelt  mirb,  meld>e§  benn  feinen  ©inn 
me^r  bat,  meil  mir  nictjt  mären,  menn  mir  ntd)t  ätfenfdjen 
mären,  allein  bie  Ungleid^ett,  meiere  erft  burd)  bie  $)a* 
ämifc^enfunft  Efjriftt  entftebt,  fann  nid)t  in  ber  menfdjlidjen 
9catur,  mie  fte  bem  ©efammtleben  ber  ©ünbfjaftigfeit  sunt 
®runbe  liegt,  iljren  <Sij  fyaben,  mir  müfjten  benn  gegen  unfere 
Annahme  auf  pelagiantfdje  $rincipien  jurüffgebeub  entmeber 
ansiebenbe  Gräfte  in  ben  Einen  ober  abftofeenbe  in  ben  Anbern 
annehmen.  Unb  bemobneraefitet  fäme  man  bod)  auf  eine  nur 
in  bem  göttlid)en  2öot)lgefaHen  au  begrünbenbe  Ungletd^ett 
in  ber  3)t§pen|ation  ber  Anregungen  aurüt'f.    Umgefebrt  roenn 


Stoettcr  Sttfdjmtt.  Eon  ber  SBefcEjaffett^eit  ber  SSklt  jc.  215 

bie  Gtfeidjbeit  in  bemfelben  tüte  bie  Ungletdjbeit,  ba§  Reifet  in 
ber  göttlichen  £etl§orbnung  gegrünbet  fein  fott:  fo  Reifet  bie§, 
(Sott  bat  in  Sßeaug  auf  bie  ©rlöfung  alle  9Jcenfä)en  unter  bie 
<5ünbe  gefleHt ,  nnerool  nur  (Einigen  bie  ©rlöfung  ju  ®ute 
lommen  füllte;  aber  bann  liegt  ber  s2lufnabme  ber  (gtnen  unb 
^luSfcbtiefcung  ber  2lnbern  eine  folcfce  göttliche  Sßillfüfjr  sunt  i 
(Srunbe,  bafj  mir  biefe  Drbnung  mit  Stecht  einen  (cjjledjt* 
Einigen  28tIIen§befcblufe  nennen  müßten.  316er  menn  au<$ 
auf  biefe  SBetfe  ba§  gufammenfein  ber  (Sleicbbeit  unb  lln* 
gleicbbett  gebaut  tuerben  fann:  fo  finb  bodj  unb  bleiben  uns 
bermeiblid)  bieiemgen,  meldje  um  unfertmtften  §urüffgefejt 
roerben,  ein  ©egenftanb  be§  sDcitgefübl§ ,  meld)e§  alfo,  jemefjr 
baZ  ©attung§berouf$tfein  ftct)  bem  perfönttcben  gleich ftellt ,  bte 
in  bem  lederen  gefeste  ©eligfett  aufgebt,  metl  eZ  ein  $cit* 
gefübl  ber  llnfeltgfeit  ift.  93can  bat  biefem  abhelfen  gefugt 
unb  eine  reine  ßömng  §u  erlangen  geglaubt  burcb  bie  $\)po* 
triefe,  bie  &eil§orbnung,  in  melier  bie  (SHetdjljeit  be§  Un* 
öermögen§  unb  bie  llngletd)beit  ber  Unterftüsung  gegrünbet 
ift,  fei  baburdj  motiöirt,  bafc  ftd)  an  ben  (Siuen  bie  göttliche 
SBarm&eratgfett,  an  ben  s2lnbern  bie  göttliche  ©eredjttgfeit  funb 
geben  muffe,1  bamtt  e§  eine  ooßftänbtge  göttliche  9)camfeftatton 
nacb  beiben  ©eiten  in  bem  menfc^licben  (Stefcbledjt  gebe,  ber 
©erecbttgteit  an'  benen  bie  berloren  geljen,  unb  ber  ^öarm* 
Ijeraigfeit  an  benen  bte  gerettet  merben.  2tUetn|  fjtegegen  ift 
ben  fpecieHen  gaU  betreff enb  einsumenben,  bafj  bie  göttliche 
©erecbttgfeit  fid)  audj  oottftänbig  offenbaren  mürbe,  menn 
aUeS,  ma§  burdj  bie  ©rlöfung  überhaupt  möglich  ift,  audj 
tturflidj  mürbe;  benn  fie  errotefe  ftcb  bann  belobnenb  an 
(Jbrifto,  beftrafenb  aber  an  OTen,  fo  lange  fie  bem  ©efammt* 
leben  ber  Sünbtjafttgt'ett  angeboren,  $m  allgemeinen  aber 
ift  nidjt  ausgeben,  bafj  e%  eine  geseilte  Offenbarung  göttlicher 
©tgenfcbaften  gebe,  inbem  biefe  bann  begrenst  fein  mürben, 
unb  ©ott  ein  unbegrenzte^  SSefen  mit  begrenzten  ©igen« 
fcbaften.    (Sonbern  (SJeredjttgfeit  unb   Söarmljerätgteit  bürfett 


1  Conf.  Gallic.  Xu.  p.  115.  Credimus  ex  hac  corruptione  .  .. 
deum  alios  quidem  eripere,  quos  .  .  in  Jesu  Christo  elegit:  alios 
vero  in  ea  corruptione  et  damnatione  relinquere,  in  quibus  iustitiam 
suarn  demonstret,  sicut  in  aliis  divitias  misericordiae  suae  declaret, 
—  Conf.  Belg.  XVI.  p.  179.  Credimus  .  .  deum  se  .  .  demon- 
strasse  .  .  misericordem  et  iustum.  Misericordem  quidem  eos  .  • 
servando,  quos  r  .  elegit  .  iustum  vero  reliquos  in.,  perditione .  • 
relinquendo. 


216  S)er  djrl[tlt$e  ©laute.  Stoelter  Sfjell. 

ftdj  nicf)t  au§fcf)liefcen,  fo  bafj  bie  93arml)ersigfeit  fictj  an  ben* 
felben  geigen  mitfc  mie  bie  (Skrecfjtigt'eit,  meltf)e§  bei  einem 
beftänbigen  5Ut§gefct)loffenffcin  Einiger  oon  ber  mitgetl) eilten 
©eligfeit  CHjrifti  nic^t  au  benfen  ift. 

(£§  bleibt  alfo  nodj  ber  sroeite  2Seg  übrig,  ncimlid)  bafc 
eine  öon  beiben,  bie  <35Ieict)r)eit  ober  bie  Ungleichheit  beiber 
Streite,  für  (Schein  erflärt  mirb.  2)ie  Ungleichheit  ättnfctjen 
benen,  meldte  in  bie  2eben§gemeinfcl)aft  (Etjrifti  aufgenommen 
finb,  unb  ben  babon  au§gefd)loffenen  fann  aber  unmöglich  für 
©cbein  gehalten  merben,  ofcne  ben  mefeutticben  ©elmlt  unfer§ 
ctjriftiicfjen  SßenmfetfeinB  aufzugeben.  (Sin  anbere§  ift  e§  mit 
ber  ®leid)ljeit,  meiere  mir  in  bem  SBemufjtfein  ber  ©ünbe 
finben.  SDiefe  märe  ein  ©d)ein,  menn  e§  bodj  eigentlich  eine 
urfprünglid^e  Ungleichheit  ber  SQcenfc&en  gäbe,  alfo  eine  oon 
Anbeginn  an  gehaltene  menfdjilidje  9?atur.  2)enn  fo  mie  mir 
bie§  inne  merben,  oerftfjhMnbet  ber  Sßiberfpruclj,  meil  bit  «nS 
urfprüngltct)  ungleichen  audj  ni$t  <&egenftänbe  unfere§  Witt* 
gefül)l§  fein  tonnen,  fonbern  bie  (Sinljeit  ber  menfd)lid)en 
Statur,  fo  mie  fte  bi§fjer  gefaxt  morben,  märe  eine  £äufd)ung. 
Mein  mag  man  ftd)  nun  borftetfen,  nur  in  ben  (Sinen  mär? 
eine  erregbare  ©mpfänglictyfeit  für  bie  göttliche  ®nabe,  in  ben 
Slnbern  aber  nid)t,  ober  in  ben  (£inen  nur  märe  ein  unüber* 
minbüc^er  SSiberftanb  gegen  bie  göttliche  (Snabe,  in  ben 
9Inbern  aber  ntd)t,  immer  fommt  man  auf  manidjäiftrenbe 
eben  fo  mie  bie  obigen  pelagianifcfyen  unferer  $luffaffung  ent* 
gegenftrebenbe  $orau§feäungen.  $a  aud)  bk  (£rlöfung  felbft 
geminnt  eine  gan§  anbere  (Seftalt.  2)enn  (£l)riftu§  ift  bann 
eigentlich  nur  gefommen,  um  bie  f<$on  oorl)anbene  Ungleich 
fjett  äu  entmiffetn  unb  §ur  (£rfd)einung  ju  bringen,  feine 
eigentliche  Function  mirb  bie  bee  <55erictjt§,  unb  ma§  man  @r* 
löfung  nennen  fann  ift  nur  bie  Sorm  ber  einen  (Seite  biefer 
Function.  @S  giebt  alfo  feine  5lrt  biefen  Sflcifjflang  auf* 
auijeben,  menn  bon  unferm  c^riftlictjen  Söenmfjtfein  au§  mir 
un§  baju  Derfteljen  fotten  ansuneljmen  bafj  ein  STljeil  unfereä 
®efcf)lecf)te§  cjänälicrj  au§gefct)loffen  bliebe.  SBarum  a6er  unfer 
©aj  äu  t>erftet)en  giebt,  ber  Süctfjflang  märe  größer  bei  ber 
in  ber  djrtftlictjen  ®irct)e  überall  l)errfct)enben  SSorau§feäung 
einer  perfönlirfjen  gortbauer  nacb,  bem  £obe,  al§  menn  mir 
un§  bie  entgegengefegte  aneignen  fönnten,  ba§  ift  nur  biefe§. 
3n  bem  gegenwärtigen  ßeben,  menn  mir  gleicf)  ben  Buftanb 
ber  ©nabe  al§  eine  SOctttljeilung  ber  SSolIfommenljeit  unb 
©eltgfeit  ©brifti  anerfennen,  ift  bod)  biefe  nur  in  bem 
innerften   ©runbe;   betrachten  mir  aber  ba$  gefammte  seit* 


3toeiter  Stöfdjnttt.  SJon  ber  S3eftf)affenf)eit  ber  Sßelt  :c  217 

erfüllenbe  ©elbftbemufjtfein  be§  SBegnabigten,  fo  ift  barm  au$ 
ba§  SBeroufjtfein  ber  ©ünbe  immer  noct)  mit  enthalten;  bie 
XtttQleidjtjett  alfo  tft  für  bie  Zubern  ntd)t  ba,  roeil  fie  in  betn 
iljnen  allein  oorliegenben,  nämlid)  bem  aeitlid^en  Sßemufctfetn, 
nur  ben  Unterfd)ieb  eine§  Wlzbx  unb  SDctnber  anerkennen, 
unb  biefen  um  fo  geringer  finben  je  raeniger  fte  ton  bor* 
bereitenben  ®nabenroirfungen  ergriffen  merben.  Sßogegen 
roenn  mir  iene§  Seben  ba§u  nehmen,  mir  aud)  auleat  eine 
ooüfommene  ©ntmiülung  öon  ©eligleit  unb  Unfeligfeit  au 
benfen  Ijaben,  ba§  Reifet  ben  ©egenfaa  bi§  au  feiner  größten 
£öbe  gefpannt:  unb  je  mefjr  mir  oon  bem  Sßorgefütjl  be0 
fünftigen  2eben§  au<$  mt  f$on  burdibrungen  finb,  befto 
ftärfer  mufj  audj  baä  Sjjttgefürjl  ber  üinftigen  Unfeligfeit  unb 
befio  härter  folglich  ber  üflcifjflaug  fein. 

3.  Gsine  gemiffe  23erroanbtfcrjaft  mit  biefer  legten  $8e* 
tradjtung  fjaben  ein  $aar  anbere  SSerfuc^e  bit  Aufgabe  au 
löfen.  $)er  eine  gefter)t  benen  meiere  au  ber  TOttl)  eilung  ber 
©eligfeit  GTtjrifti  gelangt  finb,  bie  gortbauer  §u,  lä|t  aber  bit 
2lu§gefd)loffenen  im  £obe  untergetm,  fo  bafj  fte  nur  §u  be* 
trauten  finb  mie  leiblicher  SSeife  bie  ®inber  meiere  fterben 
elje  fte  baljin  gebieten  finb  ftd)  be§  (Sonnenlichte^  au  erfreuen. 
(So  öerminbert  ft<$  freiließ  bie  Ungleichheit  beiber  Steile, 
meil  eine  furae  Unfeligfeit  einen  geringeren  ©egenfaa  bar*. 
hktü  al§  eine  gleich  unenbli$e.  Mein  abgerechnet  bafj  auf 
biefe  Slrt  bie  Gsrlöfung  erft  bie  Urfadje  ber  Hnfterblicrjfett 
mirb  unb  alfo  eine  üljtiftfc&e  SBirfung  ausübt,  raa§  gar  nic^t 
in  iljrer  Sftatur  unb  Söefttmmung  liegt,  fonft  aber  läge  aucf> 
bier  eine  (Spaltung  ber  menf<$li(f>en  Statur  in  amei  gana  un* 
gleiche  Steile  aum  (tanbe:  fo  bleibt  boct)  baä  .particulariftifdje 
in  ber  (Srlöfung  fteben,  roelcbe  nur  (Einigen  nidjt  bitten  «Selig* 
feit  unb  Unfterblic^feit  mit  einanber  gemäßen  fann.  $)er 
anbere  roitt  bie  Ungleichheit  auf  einer  anbern  Seite  ber* 
ringern,  inbem  man  nämlidj  augeftebt,  audj  bie  9cicl)traieber* 
geborenen  fönnten  naef)  biefem  Seben  hti  einer  treuen  $8e* 
nuaung  be§  natürlichen  SidjteS  melclje§  itjnen  gegeben  mar» 
au  einer  geroiffen  SBottfommenbett  unb  ®lüfffeligfeit  gelangen, 
menn  fte  aud)  nur  untergeorbnet  märe,  unb  nur  bon  einer 
Pieren  (Stufe  blieben  fte  au^gefcrjloffen.1  Mein  bann  läfjt 
ftcfcj  nidjt  einfeben  marum  fte  niebt  aud)  füllten  in  bem  Söereidj 
ber  oorbereitenben  (Smabe  bleiben  ober  Jjinein  berfeat  merben, 
unb    marum    biefe    nid)t    i^ren  Broefc"    früher  ober  fpäter 


1  ©.  ftetnljarb  ©ogntatif,  §.  116,  3. 


218  ®ercfiri[mcbe©laube.  Sroetter  Xfjeil. 

erretten  tollte,  ©onft  bleibt  au<$  biet  bte  ©rlöfung  bar* 
ticulartftifd),  unb  mir  fommen  aucb,  mteber  auf  eine  bie  öotte 
Harmonie  aufbebenbe  göttliche  SBUlfüljr  nur  unter  einer  anbern 
gorm.  —  SDieien  ^luSeinanberfesungen  gemäti  ftnb  nun  bie 
folgenben  fircbltcben  Üebrfä'se  über  btefen  (Segenftanb  näljer 
ju  befttmmen  unb  su  beurteilen. 

(Srfter  Sebriaj.    SSon  ber  Sßorljerbeft  immun  g. 
§.   119.     S)ie   (Srroäfylung    berer,    bie    gerecfytfertiat 
merben,  tft  eine  göttliche  SBorfyerbefttmmung  §ur  (Eeltgfett 
in  Gfyrifto. 

Conf.  Saxon.  Twest.  p.  157.  Utrumque  certissimum  sit  agentem 
poenitentiam  propter  filium  Dei  gratis  fide  accipere  remissiouem 
peccatorum  et  iustificatiouem  et  hunc  esse  haeredem  vitae 
aeternae.  —  Ibid.  p.  162.  Vult  deus  intelligi,  genus  humanuni 
a  deo  conditum  esse  .  .  non  ad  aeternum  exitium,  sed  ut 
colligat  sibi  in  genere  humano  ecclesiam,  cui  in  omni  aeter- 
nitate  coinmunicet  suam  sapientiam  bonitatem  et  laetitiam.  — 
Expos,  simpl.  X.  p.  22.  23.  Deus  ab  aeterno  praedestinavit 
vel  elegit  libere  .  .  sanctos  quos  vult  salvos  facere  in  Christo 
.  .  Ergo  non  sine  medio,  sed  in  Christo  .  .  nos  elegit  deus, 
ut  qui  jam  sunt  in  Christo  insiti  per  fidem,  Uli  ipsi  etiam  sint 
electi,  reprobi  vero  qui  sunt  extra  Christum.  —  Conf.  Angl. 
XVII.  p.  132.  Praedestinatio  ad  vitam  est  aeternum  dei  pro- 
positum,  quo  .  .  .  constanter  decrevit,  eos  quos  in  Christo 
elegit  .  .  per  Christum  ad  aeternam  salutem  adducere.  — 
Sol.  decl.  XI.  p.  799.  Praedestinatio  pertinet  tantum  ad 
filios  dei,  qui  ad  aeternam  vitam  consequendam  electi  et  or- 
dinati  sunt.  —  Conf.  March.  p.  382.  .  .  bafc  ©Ott  ber  StH- 
ntäc&ttge  .  .  aum  etoigen  Seben  berorbnet  unb  auäerroäblt  hat  alle 
fo  an  ©Griftum  beftänbig  glauben.  .  .  «So  fiabe  auch  ©Ott  nach 
feiner  ftrengen  ©erechtlgfeit  alle,  bie  an  ©f)riftum  nidjt  glauben, 
toon  ©hrigfeit  überleben  unb  benfelben  ba§  eroige  böllifche  Seuer  bereitet. 

i.  SBenn  mir  unfer  ©elbftberoufctfein  al§  SBiebergeborener 
betrauten,  mie  e§  mäbenb  unfrei  gortfdjritte  in  ber  Heiligung 
t)om  erften  Anfang  an  nidjt  nur  in  fofern  eine§  tft  mit 
unferm  fd)led)  reinigen  5tbbängigfeit§gefübl  unb  an  bemfelben 
baftet  al§  mir  un§  unfrer  £&ättgfeit  im  9^etct)e  ®otte§  al§ 
einer  bermittelft  ber  ©enbimg  (£&rtftt  göttlicb  genürften  be* 
roufjt  ftnb,  fonbern  aucb  fofern  bie  (Sntroiffiung  ber  gort= 
fcrjritte  eine§  Seben  eme§  fft  mit  ber  ibm  im  allgemeinen  3n- 
fammenbang  ber  menfcbticfjen  $erl)ältntffe  gegebenen  Stellung: 
fo  ift  bie§  bie  natürliche  SluSfage  über  baffelbe,  bafe  \>\t 
Orbnung  in  melier  fiel)  an  Gebern  bie  (Srlöfung  toerimrflic&t 


gtoeiter  SCbidjnttt.  SSon  ber  Seidjaffenfjett  ber  SBelt  jc  219 

einerlei  ift  mit  ber  5lu§fütjrung  ber  göttlichen  Sßeltorbmmg 
in  SBesietjung  auf  ifjn.  Unb  bie§  gilt  ntctjt  nur  für  bie  £eit  feit 
ber  SSiebergeburt;  fonbern,  meil  aud)  für  bie,  frühere  aud) 
jur  Verwirf lidmng  ber  (Erlöfung  an  i^m  gehörige,  al§  er 
nod)  unter  ben  (Sinftüffen  ber  oorbereitenben  ©nabe  ftanb, 
fo  gilt  e§  aud)  für  ben  beibe  Seiten  mit  einanber  öerbinbenben 
Moment  ber  Söiebergeburt.  2)a§  ftct>  fo  au§fpred)enbe  ©elbfc 
betoufetfein  ift  aber  fein  perfönlidjeS  eine§  (ginjelnen,  fonbern  ■ 
e§  ift  ba&  ®emetngefüljt  Silier  meiere  ftd)  in  bem  28irrung§*; 
frei§  (Sr)riftt  finben,  unb  e§  mirb  baljer  mit  Ütectjt  auf  TOe 
übertragen,  melden  nodj  in  benfelben  hineingezogen  ju 
merben  beborfteljn  möchte.  ®itt  alfo  eben  baffelbe  aud)  oon 
itmen  für  ben  geitbunft  ifjrer  SSiebergeburt:  fo  ift  eben 
bieg  ipineingeaogenmerben  ber  (Sinaetnen,  |ebe§  ju  feiner 
.Seit,  in  bie  ®emeinjd)aft  (£t)rifti  nur  ba$  (grgebmfj  baüon, 
ba%  bie  redjjtfertigenbe  göttliche  £t)ättgfett  in  ifjrer  WlanU 
feftation  burc§  Me  allgemeine  SBeltorbnung  beftimmt  unb  ein 
£beit  berfelben  ift.  SDem  märe  nun  entgegen,  menn  iemanb 
behaupten  mottle,  feine  Sßefetjrung  unb  Heiligung  mürbe  §u 
berfelben  3eit  unb  auf  biefelbe  Söeife  angetreten  fein,  menn 
and}  fein  &eben§gang  in  einem  ganj  anbern  gufammenbang 
märe  angelegt  gemefen.  28te  nun  unfer  <5aa  mit  bem  35e= 
ttmfctfein  ber  greiljeit  übereinftimmt  ift  fd)on  oben1  bargelegt, 
unb  in  33eäiel)ung  barauf  fönnten  mir  unfern  <Saj  aud)  fo 
au§brüffen,  bie  2lrt  mie  unb  bie  3ett  mann  bie  SSiebergeburt 
jebe§  (Sinselnen  erfolgt,  fei  iebeSmat  beftimmt  burdj  bie  (Sigen^ 
trjümlictjfeit  feinet  inneren  2eben§  ober  feine  gretljett,  unb 
burd)  feine  SSer^ältniffe  su  ber  naturgemäßen  gefd)id)tlid)en 
Gmtmittlung  ber  redjtfertigenben  göttlichen  £l)ätigfett  ober 
feinen  Ort  in  ber  SBelt.  Sunädjft  alfo  entfielt  ba§>  ffieiä) 
ber  ®nabe  ober  be§  ©o§ne§  nur  in  ber  fc^lectjtrjtnicjert  Gsin* 
Jjeit  mit  bem  Sfteida  ber  aHmiffenben  OTmad)t  ober  be§ 
$ater§;2  unb  ba  bie  gefammte  SSeltorbnung  mit  ber  SBelt 
sugleidj  emig  in  ®ott  ift:  fo  gef<$ief)t  im  freier)  ber  ®nabe 
nichts  ot)ne  göttliche  Sßortjerbeftimmung.  SDtefeS  alfo  ift 
$unädjft  in  bem  ©elbftbemufjtfein  ber  Söegnabigten  unb  ber^ 
mittelft  beffelben  gefegt;  unb  fie  mögen  nun  fagen,  if)r  3u- 
ftanb  fei  ein  SSert  ber  göttlichen  ©nabe  in  (£f)rifto ,  ober  er 


1  §.  4.  §.  46.  §.  49. 

2  Sol.  decl.  XI.  p. 818.      Pater    enim    trahit    hominem    virtute 
spiritus  sui  juxta  ordinem  a  se  decretum  et  institutum. 


220  ©er  $riftlt<$e  ©Iauöe.  Stoeiter  Xfjeil. 

fei  ein  (Srfolg  ber  göttlichen  Vorberbeftimmung,  fo  ift  in  iebenr 
bon  beiben  ba%  anbere  mit  gebacbt. 

2.  2Ba§  aber  biejenigen  betrifft,  toetdje  mir  aufjerbalb  ber 
(SJemeinfcbaft  (£brtfti  finben:  fo  fönnen  fie  un§  nictjt  auf  eine 
foXctje  SBeife  erregen,  bafe  bte§  gegrünbete  Veranlaffung  gäbe 
etma§  in  biefer  SBeaieljung  über  fie  au§anfagen.  i)enn  mir 
ftnb  un§  ber  bon  ber  Strebe  immer  au§gebenben  Verfünbigung. 
Sbrifti  al§  einer  lebenbigen  mithin  nicbt  erfolglofen  SSirffam* 
feit  beftmfjt,  unb  erfahren  mie  barau§  in  ben  (Sinaetnen 
auerft  SBirfungen  ber  borbereitenben  (SJnabe  entfielen,  unh 
mie  biefe  fbäterljin  felbft  folctje  ($51ieber  ber  ®ircrje  roerben, 
in  beren  fortfdjreitenber  Heiligung  ficb  bk  (Semifebeit  ibrer 
Rechtfertigung  befunbet,  mitbin  autf)  in  ibnen  btefelbige  gött^ 
Iid)e  Vorberbejtimmung  ficb  offenbart.  Von  benjenigen  aber 
in  meteben  ftdj  biefe  SSirfungen  nietjt  geigen  fjaben  mir 
feinen  (SJrunb  irgenb  etma§  anbereB  au§sufagen  al§  eben 
biefe  Verneinung,  unb  §mar  nur  at§  üjr  bermalige§  Ver- 
r)älrrti§  aum  Reiche  ($5otte§  unb  ben  bon  tfjm  au§gebenben 
®n  ab  enmirfun  gen.1  $n  Veaieljung  auf  bie  göttliche  Vorbei 
beftimmung  liegt  alfo  hierin  nur  ba$  oben2  fetjon  erflärte, 
bafj  e§  immer  foldje  giebt,  an  melden  fie  ir}r  Siel,  nämlicr> 
ben  Anfang  ber  ©eligfeit  in  (£tjrtfto  noef)  nidjt  erreicht  Ijat 
3u  ber  Vorftetfung  aber,  al§  ob  e§  für  biefe  ober  (Einige 
unter  iljnen  eine  entgegengefeate  Vorfjerbeftimmung  gebe, 
fönnen  mir  auf  biefem  SSege  niemals  fommen.  £)ai  Viele 
berufen  finb  unb  SSenige  au§ermä§lt, 8  gilt  bon  iebem  einaelnen 
$unft  ber  Verfünbigung  be§  Reiches  ®otte§  unb  §u  jeber 
3eit,  nämlid)  für  biefe  3ett,  unb  man  bat  bann  immer  ein 
Redjt  au  fagen,  ba%  bie  ÜUceiften  nod)  rticrjt  für  (Srmäljlte  ju 
galten  finb,  nämlich  für  biefe  Bett.  $)enn  e§  ift  natürlich 
bafj  in  iebem  Moment  bie  Reiften  aufbemabrt  merben  für 
einen  fbäteren;  benn  bie§  ift  ber  Drbnung  be§  göttlicben 
!Ratr)fcr)luffe§  gemäfj,  inbem  e§  in  jeber  seitlichen  ©ntmifflung 
notbmenbig  ein  Sfacbeinanber  aud)  be§  urfbrünglicb  gleich- 
seitigen giebt.  Rur  in  biefem  befebränften  @inn  alfo,  b.  fj. 
für  jebe  Seit  in  melcber  mir  foldje  bie  in  ber  Heiligung  be* 
griffen  unb  folebe  bie  bkä  noeb  nictjt  finb  mit  einanber  ber- 


1  3Bie  beim  aud)  Wp.  ©efefj.  2,  41.  unb  13,48.  genufc  nidjt  behauptet 
toerben  fott,  ba&  bon  benen,  bie  bamalä  nodj  nufjt  gläubig  tourben,  feine 
nteär  in  einer  fpäteren  3ett  Ijätten  gläubig  toerben  fönnen. 

3  83gl.§.  117. 

"  SKattf).  22,  14. 


3tocitcr  Slbfänitt.  S5on  ber  SSefäaffenljeit  ber  Sßelt  2t  221 

gleiten  fönnen,  bürfen  mix  fagen  bafc  ($5ott  ©inige  übergebt 
ober  überfielt,  unb  bafj  er  btej eiligen  bie  er  überfielt  aucfj 
fcernürft,  mithin  ba%  bie  (Srmäljlung  ftdj  immer  nur  im 
<$egenfaä  gegen  bit  SBermerfung  setgt.1  2lu§  unferm  @tanb= 
punft  ift  jener  2lu§bruff  be§  llebergeljen§ber  angemeffenfte 
3lu§bruff,  meil  e§  nur  eine  befummle  föanbtung  Verneint; 
nidjt  als  ob  in  33esie^ung  auf  fte  nocrj  feine  göttlidje  £t)ätig= 
feit  ober  gar  fein  göttlicher  IRat^fcrjlu^  gefegt  märe,  fonbern 
biefe  get)t  nur  §ufoIge  ber  göttlichen  ($5efammtorbmmg  nocf) 
fo  ganj  in  entfernten  inneren  unb  äußeren  Vorbereitungen 
auf,  ba%  fte  unS  übergangen  §u  merben  f feinen,  ©enn  nur 
MejeS  unbeftimmte  ftnb  für  unS  bie  nodj  nictjt  aufgenommenen. 
<5ie  ftnb  nodj  otjne  geiftige  $erfönlid)feit  mit  in  bit  ÜDcaffe 
be§  jünblicrjen  ©efammtleben§  Oerfenft;  unb  fo  lange  bie 
cjöttücrje  SSorfcerbeftimmung  an  i^nen  nodj  nidjt  an§  ötcrjt  ge= 
treten  ift,  ftnb  fte  nur  tbtn  ba,  mo  bie  ganje  ®irdje  Dörfer 
audj  mar.  SBe^megen  mir  auctj  nie  aufhören  fönnen  fte  als 
<$5egenftcmbe  ber  bie  ®ird)e  fammelnben  göttlichen  SDjätigfeit 
unb  al§  unter  berfelben  göttlichen  SBorfjerbeftimmung  mit 
unS  Sitten  befaßt  ansufetjen.  S)a  mir  nun  audj  jebeS  Burüff- 
cjetjen  auS  ber  dSememfcrjaft  mit  (£fjrifto  in  baS  ®efammt= 
leben  ber  (Sünbe,  fo  bafj  jene  gan§  aufgegeben  mürbe,  ge^ 
läugnet  unb  für  Schein  erflärt  Ijaben ;  alfo  au<$  feine  göttliche 
33orl)erbeftimmung  angenommen  merben  fann,  moburcf)  ber 
ÖHnselne  ber  ($5emeinfcrjaft  mit  (£§rtfto  oerluftig  ginge:  fo 
bleiben  mir  audj)  bittig  hti  biefer  ©inen  göttlichen  SBorrjer- 
beftimmung  §ur  (Seligfeit  Jtelm,  nad)  melier  bie  ©ntfte^ung 
ber  ^irdje  ftd)  orbnet. 

3.  Sßir  fönnen  baljer  auctj  nur  gleidjfam  anljangSmetfe, 
al§  ftreng  genommen  nidjt  rjietjer  getjörig,  bon  ber  anbern 
VorftettungSart  einer  gmiefadjen  Vorljerbeftimmung  Ijanbeln, 
ber  einen  jur  ©eügfeit  unb  ber  anbern  §ur  Sßerbammmfj.2 
Söir  Jjaben  aber  bafür  feinen  anbern  5lnfnüpfung§punft  an 


1  .  .  .  quando  ipsa  electio,  nisi  reprobationi  opposita,  non  staret 
Calv.  Institt.  III.  xxm,  1.  «ftur  bafe  er  e§  nidjt  in  unferm  be- 
graniten  (Sinne  nimmt,  bielme^r  erflärt,  biefe  93efd)ränfung  merbe,  »o= 
t»on  obige§  ber  ©runb  fein  fott»    inscite  nimis  et  pueriliter  borgebrad)t. 

2  Calv.  Institt.  III.  xxi.  5.  Praedestinationem  qua  deu$  alios 
in  spem  vitae  adoptat,  alios  adiudicat  aeternae  morti,  nemo  .  . 
simpliciter  negare  audet.  —  Non  enim  pari  conditione  creantur 
omnes,  sed  aliis  vita  aeterna  aliis  damnatio  aeterna  praeordinatur. 
Itaque  prout  in  alterutrum  finem  quisque  conditus  est,  ita  vel  ad 
vitam  vel  ad  mortem  praedestinatum   dicimus. 


222  $er  djriftlicfre  staube.  3weiter  £6eil. 

bie  obige  Betrachtung,  al§  menn  mir  un§,  e§e  jene  SBorber* 
beftimmung  ftdj  an  einem  (Singeinen  erfüllt  bat,  ben  iob 
gftufcben  eintretenb  benfen.  SBäre  e§  nun  gar  (Siner,  an  bem 
fd)on  bebeutenbe  (Sinflüffe  ber  borbereitenben  (SJnabe  §u  be- 
merfen  ftnb,  eben  fo  ficfier  aber  audj)  angenommen  merben 
fann,  bafc  er  ftd)  im  ©tanbe  ber  Heiligung  nodj)  nicb,t  beftnbe: 
fo  ift  bann  ber  ©ebanfe  fet)r  nabe  liegenb,  e§  f)abe  nictjt  fein 
fotten  unb  bürfen  fraft  einer  göttlichen  5lnorbnung,  bafj  er 
in  bie  ©emeinfdmft  ©brifti  unb  sunt  ®enufj  ber  (Seligfeit 
gelangt  märe.  ®etjen  mir  inbefe  bon  ber  beftimmten  $or= 
au§fegung  au§,  ba%  atte§  §um  menfcbtidjen  ©efcblectjt  gehörige 
irgenbmann  in  bie  £eben§gemeinfd)aft  (£t)rifti  merbe  auf* 
genommen  fein:  fo  bleibt  e§  bei  biefer  einen  göttlichen  Sßorber* 
beftimmung.  2öir  fd)lie§en  barau§,  ba%  biefe  an  GHnem 
mäbrenb  feines?  £eben§  nodj  nid)t  in  Erfüllung  gegangen, 
feine§mege§  bafj  burdj  ben  £ob  eine  anbere  erfüllt  fei, 
fonbern  aud)  ber  guftanb,  in  toetdjem  einer  ftirbt,  ift  bann 
nur  ein  3mifrf)enguftanb.  2)ie§  ift  ber  ©laube  an  (£Ijriftum, 
ber  iljm  ein  fRec^t  unb  eine  ÜDcadjt  über  ba§  gange  menfd)* 
lidje  @efd)led)t  auftreibt,  ber  äugleid)  feine  bltnbe  göttliche 
Vorliebe  anzunehmen  nötbtg  tjat,  unb  bei  bem  un§  fein 
Sfötberfrjruct)  gmifdjen  ber  in  ber  göttlichen  £>eil§orbnung  an* 
genommenen  Änftcrjt  unb  bem  burd)  bit  göttliche  SSeltorbnung 
gegebenen  ©rfolg  entgegen  tritt,  ©obalb  man  inbefj  bon 
ber  entgegengefegten  Annahme  ausgebt,  mie  e§  offenbar  bei 
unfern  Befenntnifefct^riften  ber  galt  ift,1  bafj  nämlicb  ber 
2:ob  ba§>  (Snbe  ber  göttlichen  ®nabenmtrfung  ift:  fo  bort  ber 
obige  ©ag  auf  ein  angemeffener  $lu§bruff  gu  fein,  unb  man 
mufe,  menn  atteS  fd)ltd)t  unb  folgerest  bleiben  foH,  eine 
folc^e  Borberbefttmmung  annehmen,  raoburct)  CSinige  eben  fo 
gur  Berbammntfj  berorbnet  ftnb  mie  Rubere  gur  ©eligfeit. 
ÜßMII  man  aber  auctj  bann  nod)  fagen,  bie  Sßorljerbeftimmung 
ginge  nur  auf  bie,  melcbe  feiig  merben,  unb  bie  Zubern 
mürben  blofc  überfein  ober  ba  gelaffen  mo  fie  ftnb:  fo  getjt 
ba& ,  menn  man  bodj  unter  Borljerbeftimmung  nur  einen 
göttlichen  Sftatbfcblufj  berfteljen  fann,  ber  ben  9tf?enfd)en  bi§ 
ju  feinem  (£nbe  geleitet,3  rtictjt  metjr  an,  menigfteuS  ntdjt 


1  Sludj  2ftelattdjtfi.  loc.  d.  praed.  toenn  er  faßt:  Deus  volens 
non  perire  totum  genus  humanuni  semper  propter  filium  .  .  . 
vocat  .  .  et  recipit  assentientes,  t»erftef)t  bod)  nur  bie  3eit  ante 
novissimum  diem. 

2  Praedestinationem    vocamus    aeternum  dei  decretuin,  quo  apud 


Streiter  »fcfdjnitt.  8on  ber  ©e^affen^eit  ber  SBelt  je.  223 

obne  berbrebenbe  ®ünfteleien.  SSie  roenn  man  SBorber* 
beftimmung  mit  (Srmäbtung  gteicbfesenb  bann  fagt,  besüglicb 
auf  bie  Sööfen  gebe  e§  feine  33orberbeftimmung,  fonbem  nur 
ein  Sßorbermiffen;1  bennn  ein  borbergeroufeteS  Ueberfeben 
ift  ebenfalls  eine  Sßorberbeftimmung.  2>enn  tuenn  behauptet 
Jnirb,  bafc  bie  einzelnen  emmblten  ^erfonen  borberbeftimmt 
finb:2  fo  folgt,  menn  e§  für  bie  5Inbern  ein  blo£e§  $orber* 
nnffen  geben  fotf,  ba%  e§>  in  SBegug  auf  fte  aueb  feinen 
göttlichen  SBitCen  giebt.  Hub  menn  man  bann  aueb  noeb  fo 
febr  bebortnortet ,  bafj  bie  ertoäblenbe  $orberbeftimmung 
niebt  muffe  al$  etma§  fcblecbtbin  für  fieb  betroebtet  merben, 
fonbem  in  ßfyrifto,  fo  folgt  boeb  aueb,  menn  in  (Sbrifto  (Einige 
niebt  fönnen  ermaßt  merben  fonbem  nur  überfeljen,  bafc  aud> 
bie  TOgemeinbeit  ber  (Sriöfung  bem  gemäfj  muß  befebränft 
merben.  2)ie§  äufammengenommen,  fann  ftcb  nur  folgenbe§ 
ergeben.  28enn  man  bon  ber  SSorausfesung  au§gebenb,  ba% 
e%  für  biejenigen,  melcbe  aufeer  ber  ®emeinfebaft  (£bnfti 
fierben,  aueb  gar  feinen  ©ingang  meiter  in  btefetbe  giebt, 
boeb  bebaubten  mill,  biefe  $Iu§gefcbloffenen  merben  biofj  über- 
feben,  fo  folgt,  bafc  man  fte  sugleicb  al§  niebt  bafeienb  be^ 
traebten  mufe.  2)ie§  nun  ift  aueb  gan§  riebtig,  menn  man 
ben  gangen  ©aj  nur  auf  baZ  (Gebiet  ber  neuen  Kreatur 
berfest;  benn  auf  biefem  finb  iene  niebt  §u  finben.  9mr 
finb  fo  betrachtet  aueb  bie  Gsrmätjtten  borber  noeb 
niebt,  fonbern  merben  erft  ieber  su  feiner  Seit  nacb 
SOcaafegabe  ber  23orberbeftimmung,  unb  ber  SluSbruff 
SBorberbeftimmung  fann  al§bann  aueb  niebt  auf  bie  einzelnen 
tütrflierjen  belogen  merben;  fonbern  ber  (Sag  märe  bann  fo 
äufaffen.  (£§  giebt  (Sine  göttlicbe  SSorberbeftimmung, 
nacb  meieber  au§  ber  ©efammtmaffe  be§  menfdj* 
lieben  ©efdjtedjtS  bie  ®efammtö  eit  ber  neuen 
Kreatur  berborgerufen  mirb.3    SDiefe  gormel  eignet 


se  constitutum    habuit    quid     de    unoquoque    nomine   fieri   vellet. 
Calv.   lnstitt.  III    xxill,   5. 

1  Sol.  decl.  XI.  p  798.  Aeterna  vero  electio  seu  praedestinatio 
dei  ad  salutem  non  simul  ad  bonos  et  ad  malos  pertinet  unb  aEe§ 
folgenbe. 

2  Sol.  decl.  XI.  p.  803.  Et  quidem  deus  illo  suo  consilio  non 
tantum  in  genere  salutem  suorum  procuravit,  verum  etiam  omnes 
et  singulas  personas  electorum  .  .  ad  salutem  elegit. 

3  §tet)er  getjört  bann  gang  eigentlich)  bie  fdjon  angeführte  Stugufnniidje 
gormel:     Sola    gratia    redemtos    discernit    a    perditis,    quos  in  unam 


224  £er  djrlftUrfje  ©taube.  3 toeiter  Sfjeil. 

ftrf)  an  imb  für  fi<$  gleid)  für  alle  SßorauSfesungen,  foiuol 
für  bie  meldje  bte  92icl)tertt>ät)lten  im  £obe  untergeben  läfjt, 
als  für  bte  unfrige  unb  für  bk  Don  welcher  hrir  iejt  fjanbeln. 
$)ie  unfrige  fest  bann  nur  fjütau,  bie  ©efammtbett  ift  aber 
gleid)  ber  (Sefammtmaffe;  bie  erfte  fügt  l)insu,  bte  (Sefammt- 
maffe  roirb  aber  gteidj)  ber  (Sefammtljeit ;  bie  leste  hingegen 
läfet  bk  ©efammtmaffe  größer  bleiben.  9cur  mufe  man  bem 
gemäfc  audj  bon  ber  erlöfenben  ®raft  (£tjrtfti  lagen,  fte  fei 
biureidjenb  um  bie  (Sefammtljeit  ber  in  bem  menf<$lidjen 
(Sefd)led)t  enthaltenen  neuen  Kreatur  au§  bem  gemeinfamen 
Sßerberben  j$u  erretten.  Unb  immer  bleibt  bk  pfammen- 
gefegte  formet  falfdj,  bie  ber  $orb,erfeljung  einen  weiteren 
Umfang  al§  ber  Sßorljerbeftimmung  antueifet,  rocil  eine  fold^e 
Ungleichheit  nid)t  ftattfmben  fann.  £)enn  ba  (Sott  überall 
eben  fo  gut  bie  SBebingung  borljerbeftimmt,  al§  er  ba§  93e- 
bingte  borljerfteljt:  fo  folgt,  bafj  roenn  er  ba$  Söebtngte,  ba§ 
SBerlorengeljen,  borljerfteljt,  unb  ba$  Söebingenbe,  nämlich 
bie  eigentümliche  Sßefcijaffenljeit  be§  ©in^elnen  in  i&rer  $Se= 
sieljung  auf  feinen  Ort  in  bem  (Sang  ber  SBerfünbtgung  — 
um  möglidtft  menfdilidj  §u  reben  —  nidjt  änbert,  er  aud)  ba8 
SBebingte  borljerbeftimmt  Ijabe.  ©onbern  menbet  man  ben 
einen  begriff  auf  bk  ©inselnen  beiber  Steile  an:  fo  mufe 
man  eben  fo  ben  anberen  anroenben.  2)te  ©inen  ftnb  bann 
oortjergefeben  unb  borljerbeftimmt  al§  Elemente  ber  üD?affe, 
au§  melier  bk  $inber  be§  9?eic^§  f ollen  gebilbet  roerben; 
bie  anbern  ftnb  beibe§  al§  biefe  au§  ber  9#affe  IjerauS* 
äubilbenben  neuen  Kreaturen,  2)at)er  märe  nun  bie  al§  StuS* 
funft§mittel  aufgeteilte  gormel  immer  eine  9Ibroeidjung  bon 
ben  $8  efenntnifj  fünften  beiber  ebangelifc^en  Steile.  2)emt 
fo  beftimmt  beibe  in  ber  $lu§fdj)liefeung  eine§  £tjetle§  be§ 
menf$lid)en  ($efd;)lecf)t§  übereinfttmmen,  eben  fo  aucf)  barin, 
ba%  fte  ben  51u§bru!f  Sßor^erbeftimmunö  auf  ben  einjelnen 
50cenfd)en  in  feiner  gansen  SSirfltcfyfeit  betrachtet  besiegen; 
unb  fott  e§  tjtebei  fein  SBetuenben  fabelt,  fo  gebübrt  unftreitig 
ber  Jßorsug  ber  golgeric&ttgfeit  ber  gormel  be§  ßalbin.  2öie 
tvtit  aber  biefe  in  ber  ®trd)e  freiließ  immer  allgemeiner  ge* 
morbene  SSorau§[esung  notlnoenbig  fei  ober  äulnfftg,  ba&  fann 
erft  ba,  mo  bon  ber  Sßollenbung  ber  ®ird)e  gu  Rubeln  fein 


perditionis  concreverat  massam  ab  origine  dueta  causa  communis. 
Enchir.  XXIX.  2Blr  bürfen  flc  nur  für  unfern  3toeff  um  ein  roenigeä 
fo  umänbem,  Praedestinatio  discernit  redomtos  a  communi  porditionis 
massa. 


Stoelter  Sttfänttt.  Eon  ber  löefc^ Offenheit  ber  SBelt  :c.  225 

mirb,  nidjt  Ijier  fco  mir  e§  mit  üjrem  Gcntfteben  gu  tijun 
baben,  jur  <5pracbe  fommen. 

Bmeiter  ßebrfas.    Von  ben  $8eftimmung§grünben 
ber  ©rmäblung. 

§.  120.  Sie  ©rtoätylung,  fo  betrautet  tüte  fte  auf 
bie  göttliche  SBeltregierung  eintoirft,  ift  begründet  in  bem 
fcor^ergef  ebenen  ©Lauben  ber  ©rtoäfylten;  fo  aber  be* 
trautet,  nrie  fie  auf  ber  göttlichen  Söettregierung  beruht, 
ift  fie  lebtglid)  beftimmt  burd)  ba§  göttliche  Söo^l* 
gefallen. 

Canon.  Dordr.  Art.  IX.  p.  204.  205.  Eadem  haec  electio  facta 
est  non  ex  praevisa  fide.  —  Art.  X.  Causa  vero  huius  gra- 
tuitae  electionis  est  solum  Dei  beneplacitum. —  Conf.  Maren, 
p.  382.  383.  ®af$  rtämlid)  ©ott  .  .  au§  bur  lauter  ©naben  .  . 
3um  einigen  Seben  berorbnet  unb  au§ertoäf)It  I)at  Sitte  fo  an 
©fjriftunt  beftänbig  glauben,  tniffe  aud)  unb  erfenne  gar  tooI)l  bic 
©einen.  —  Stent  (bertoerfen  <Se.  ©Ijurf.  ©n.)  ba£  ©ott  .  .  toegen 
be§  ©Iaußen8  fo  er  äuöor  erfe^en ,  etliche  auSertoäfjIt  fjabe ,  toeldjeS 
belagtanifd).  —  Colloq.  Lips.  p.  404.  Oöranbb.  u.  §eff.)  ®afc 
©ott . .  in  Sefu  ©&rifto  . .  etliche  2JJenfd)en  ertoäljlet  fjabe,  bie  er  .  .  . 
gum  ©Iauben  an  Gljriftum  erleuchtet  unb  erneuert,  aud)  in  bem« 
felben  bi§  anS  ©nbe  erhält.  —  (©Jjitrfädjf.)  ®af$  ©ott  btejenigen 
bon  ©toigfeit  ertoäl)lt  ijaoe,  toeldje  er  gefefjen,  ba%  fie  ...  an 
ßljriftum  glauben  unb  barin  bis  an  tljr  ©nbe  beharren  mürben 
.  .  .  ba%  er  aud)  feine  Urfad)  ober  SMajj  .  .  foldjer  2BaI)I  in  ben 
(£rtt>äl)lten  felbft  gefunben. 

1.  ©er  Ijter  in  Söesug  auf  bk  ©rmäblung  aufgeteilte 
<&egenfa§  ift  ganj  allgemein  auf  alle  freie  £>anbtungen  ate 
menbbar:  \ebe  trägt  ettua§  hei  gur  metteren  dntttriffumg  ber 
göttlichen  SMtregieruug,  meil,  ma§  irgenb  in  üjren  ®ret§ 
gebort,  mebr  ober  meniger  anber§  mürbe,  menn  fie  anber§ 
gemejen  märe;  aber  jebe  ift  aud)  in  ibrer  fo  bestimmten 
Sftäumlidjfeit  unb  geitltcbfett  t\n  grseugn^  ^rer  £^ erigen 
(Smtmifflung.  Sie  Betrachtung  ber  ©rmäblung  au§  biefem 
(55eficbt§punft  beruht  aber  barauf,  ba%  man  ftdj  ba§  Sfteiä) 
<$5otte§,  mitbin  audj  baä  göttliche  Sßerfabren  in  ber  @amm* 
lung  unb  Vorbereitung  beffeiben,  |al§  eine  befonbere  göttliche 
Sbätigfeit  für  ftdj  borftettt,  abgefonbert  bon  ber  göttlichen 
SSeltregierung  im  allgemeinen,  unb  ba§  bann,  inbem  ber 
©ünbe  megen  alle  Ü0cenfcben  urforüuglidj  gleid)  finb  in  Bejug 
auf  bie  (Srtöfung,  bk  #rage  entfte^t  marum  biefer  ermäblt  fei 

ed&l.,«$rtftt.<M.n.  15 


226  5)cr  ctjriftltcfje  ©laube.  3ttjeiter  Xfjeil- 

unb  ntcbt  iener.  2)enn  bie  grage  aufgumerfen  ift  gang  ba§* 
felbe  SRecbt  unb  berfelbe  ®runb  öorbanben,  mag  man  an= 
nehmen  ba%  s2llle  eriüä^lt  ftnb  ober  nid)t,  nur  bafj  im  erften 
gatf  ber  genauere  Slugbruff  märe,  Sßarunt  ift  biefer  fctjon 
miebergeboren,  jener  aber  nod)  ntc^t?  SDJit  Sftüffftcbt  nun 
auf  baä  ma§  über  ba$  9?aturmerben  be§  Uebernatüritdjen 
fcbon  gefagt  ift,  merben  mir  antmorten  muffen,  bte§  fömte 
nur  nad)  Sßeife  ber  Statur  beurteilt  merben;  monacb  nur  ju 
fagen  märe,  bafj  menn  einer  miebergeboren  rairb,  barau§  ju 
fdjltefcen  fei,  ba%  bei  iljm  bie  Verfünbigung  beffelben  5lugen- 
bliffeg  mit  ber  größten  ®raft  auf  bie  größte  (ginbfänglic&feit 
getroffen.  5Wetn  bit  5lntmort  befriebigt  nidjit,  meil  biefe§ 
felbft  mieber  bon  Sßebingungen  abfängt  meldte  unter  gött- 
lieber  Seitung  fielen.  Unb  fafjt  man  an  biefem  $unft  bie 
grage  nodj  einmal  auf,  raarum  bie  Umftänbe  fo  geleitet 
roorben,  ba%  biefer  miebergeboren  morben  unb  iener  nidjt:  fo 
mufj  man  ben  93eftimmung§grunb  entmeber  am  Slnfang 
fcblecbttnn  fudjen,  elje  etraa§  gegeben  mar,  unb  ba$  beifjt  bei 
einem  göttlichen  SSoljlgefatten  fielen  bleiben,  ober  man  mufc 
iljn  am  ßmbe  fuctjen  in  bem  legten  ©rgebnife,  unb  ba$  Reifet 
bd  einem  göttlichen  Vorljerratffen  ftetjen  bleiben.  Offenbar 
aber  läfjt  ftdj  biefe§  beibe§  nid)t  bon  einanber  trennen,  meil 
e§  lein  Vorbermiffen  in  ($5ott  giebt,  ba§  rttcrjt  in  Verbinbung 
ftänbe  mit  einem  göttlichen  SBoljlgefallett,1  unb  eben  fo  mentg 
ein  SB oblgef allen  an  etma§  anber§  al§  in  feinem  gangen  3u- 
fammenlmng,  melc£)e§  alfo  bei  allem  settlictjert  ein  Vorder* 
roiffen  nottjtoenbig  in  ftd)  fdjliefjt.  $n  btn  angeführten 
©teilen  aber  unb  in  anbern  ätmlicben  r)errfct)t  hierüber  ein 
mer!lic^e§  ©Amanten;  SSoblgefatfen  unb  Sßorbermiffen  merben 
einanber  gegenüber  geftetft,  aber  bemtocf)  faft  überall  mieber 
ba%  rca§  au§gefd)loffen  fein  fott  mit  beljutfamen  gormein 
aud)  mit  aufgenommen.  ®iefe  unftdjere  Verroorrenbett  nun 
beabftct)tigt  bk  gaffung  unfere§  ©aje§  aufzubeben. 

2.  SBenn  bie  Momente  ber  Söiebergeburt  ^auptfäcx>Itcx> 
anjufetjen  ftnb  al§  bie  Verbreitung  ber  Vereinigung  ber  gött^ 
liefen  mit  ber  menftfjlidjen  Dfotur;  unb  bie  redjtfertigenbe 
göttliche  Sttjätigfeit  al§  bie  seitliche  unb  einzelne  gortfejung 
be§  allgemeinen  mit  ber  SWenfcbmerbung  (£briftt  begonnenen 
SSereinigung§acte§ :  fo  mufe  man  audj  zugeben,  ba$  ba$  gött* 
lid&e  Verfahren  in  jenen  berfelbigen  SRegel  folgen  merbe  mte 
in  biefem.    SBitt  man  alfo  bie  grage  magen,  megljalb  ift 

EflI.  §.  55.  l. 


Stoeiter  Sttfönitt.  SSo«  ber  Sefäaffenfjett  ber  SBeli  JC  227 

bentt  au  btefer  Bereinigung  mit  ber  menftf)Iic&en  9?atur  grabe 
SefuS  bon  ^agaretb  ober  bielmefjr  —  ba  biefer  erft  burcfc 
biefe  Bereinigung  er  fetbft  Würbe  —  grabe  biefe  unb  !eine 
anbere  berfonbilbenbe  £>anblung  ber  menftf)lidjen  Sftatur  unb 
SU  biefer  £eit  gerabe  gemäht  korben?  fo  müfjte  bie  grage 
auf  eine  gan§  analoge  SSeife  beantwortet  Werben  tonnen. 
Bebenfen  wir  nun,  wie  f$on  biefer  Stet  ein  9?aturWerben 
beS  Uebernatürli<$en  war,  unb  Welche  Söirfungen  bon  bem= 
felben  ausgeben  füllten:  fo  fann  nitfjt  anberS  geantwortet 
Werben  als,  Bett  unb  Ort  biesu  fei  fd)letf)tfjin  beftenS  ge* 
wäblt,  baS  beifet  bieienigen,  öon  Wellen  audj  baS  ©röfete 
ber  Sßtrffamfeit  fonnte  gegeben  werben.  2)iefe  Antwort  auf 
jene  grage  nun  fcoftulirt  offenbar  für  bie  (Srwäbtung  beS 
(Einzelnen  als  BeftimmungSgrunb  ben  borbergef  ebenen  (glauben. 
®enn  nad)  berfe!6en  Siegel  muffen  biejenigen  erwählt  unb 
ümen  bann  bie  Bett  iljrer  Befeljrung  beftimmt  fein,  wie  ibr 
2lntfjeü  an  ber  görberung  beS  ©rlöfungSWerfeS  ber  größte 
fein  lann.  (Eben  fo  Wenn  wir  bie  GErWäblung  im  (SJrofjen 
betrauten,  ni$t  nur  al§  Beftimmung  ber  Slufeinanb erfolge 
ber  SSiebergeburt  ©injelner,  fonbern  audj  bie  ©rwäblung  ber 
Bölfer  ba§u,  ba%  ein  fefter  ©ij  beS  (goangeliumS  in  üjnen 
gegrünbet  fei,  wirb  biefe  nur  fo  beftimmt  fein,  wie  in  beut 
ganzen  gufammenbang  ber  gefdjidjtlidjen  Gsntwifftung  ba$ 
ertenftöe  unb  intenftoe  ätfarnnum  erreid)t  Werben  fann.  9hm 
aber  läfjt  fid)  aßeS  waS  ber  (Einzelne  ober  aud)  eine  (fernem* 
fdjaft  burd)  Söort  unb  SHjat  jur  Verbreitung  beS  $Keid)eS 
Lottes  tbun  fann,  voie  eS  su  ber  Prothetiken  £bätigfeit 
(£ljrifti  als  bereu  gortfesung  gehört,  unter  bem  SluSbruff 
Berfünbigung  ober  $rebigt  auf  ammenf  äffen;  unb  bie  $rebigt 
in  biejem  (Sinn  unb  Umfang  fommt  auS  bem  Glauben1  unb 
ift  beffen  natürlidje  Sleufjerung.  (£S  ift  alfo  OöHtg  baffelbe, 
3U  fagen  bie  göttliche  ©rwäblung  Werbe  beftimmt  burdj  bie 
borauSgef  ebene  SBirffamf eit  ber  $rebigt,  ober  burdj  bie 
öorauSgefebene  größte  Mftigfeit  beS  (Glaubens.  —  ^nbefc 
tritt  alterbingS  biefeS  Moment  in  bem  gewöbnlidjen  ®e= 
braudj  ber  gormel  am  Wenigften  beroor,  fonbern  mebr  bie 
Beftänbigfeit  unb  geftigfeit  beS  (Glaubens  als  feine  kräftig* 
feit.  Mein  baS  unsureitfjenbe  berfelben,  wenn  man  biebei 
ftetjen  bleibt,  mufj  Gebern  einleud)ten.  £)enn  einmal  gebt  fte 
auf  biefe  SSeife  gar  nietjt  auf  bie  Sbee  beS  9?eid)eS  (SJotteS 
§urüff  ober  auf  bie  Gsntftebung  ber  SHrdje,  weites  bodj  aud) 

*  fRöm.  10,  17     2.5?orr.  4,  13. 

15* 


228  $er  djriftlidje  ©lau6e.  3»eiter  £^eil. 

aufolge  ber  ©djriftftelle,1  meldte  am  meiften  allen  (£r* 
örtemngen  über  tiefen  ©egenftanb  sunt  ©runbe  liegt,  ber 
natürüdje  Ort  ber  grage  ift  Sßielmebr  liegt  bann  eine  oötfig 
atomiftifdje  5lnfidjt  be§>  (£rlöfung§merfe3  jum  ©runbe,  menn 
nur  immer  oon  bem  ©injelnen  al§  folgern  bie  Sftebe  [ein  foll; 
nnb  au§  fo!ct)er  $8efä)ränfung  fann  unmöglich  eine  richtige 
2lnftd)t  Ijerborgetjn.  2)ie§  errjeüt  audj  feljr  beutlid),  menn 
man  ju  btefer  gormel  ätoet  anbre  lunäunimmt,  meldte  fie 
erläutern  unb  Unterstufen  follen.  SDenn  sunädjft  folgt  au§ 
bergormel,  menn  ©inige  gar  nidjt  ermaßt  finb,  fo  feien  ba§ 
bte,  bei  benen  bie  mirffame  ©nabe  bodj  feinen  feften  ©is 
mürbe  gehabt  fmben.  $on  biefen  mirb  aber  aud)  gejagt,  bafj 
(Sott  befcrjloffen  fjabe,  biejenigen  meld)e  in  ber  Burüffftofjung 
be§  2Borte§  beharren,  bann  au  »erhärten  unb  gu  oermerfen.3 
©oll  nun  bie  Kombination  biefer  gormel  3U  etma§  führen: 
fo  müfjte  ein  Unterfdjieb  nad)gerotefen  merben  fönnen  äroif^en 
ber  natürlichen  Abneigung,  meldte  ber  ©runb  ber  %li$U 
ermäljlung  ift,  unb  ber  uon  ©ott  gerauften,  raetdjie  bte  golge 
berfelben  fein  foH.  2)ie  Unmögü^feit  Ijiebon  ntacfct  nun  bie 
gormel  unbrauchbar  foraol  ein  ®anon  für  bie  djriftltdje  ©e= 
fdjtdjtforfc&unQ  su  fein,  al§  aucf)  ber  ©elbftbeobacfytung  eine 
fru^tbare  Ütidjtung  §u  geben.  31uf  ber  anbern  ©eite,  menn, 
nad)bem  gefagt  raorben,  ©ott  erraäljle  bieienigen,  bie  er  al3 
folc^e  febe,  raetdje  im  ©lauben  beharren  merben,  aucf)  rateber 
gefagt  mirb,  er  fyabt  beftfjloffen  biejenigen,  bie  er  erraäf)lt, 
aud)  gu  ftärfen  unb  %u  befeftigen:  fo  ift  eben  fo  unmöglich 
Unterf$ieb  unb  ©ren^e  fefeuftellen  ätoifdjen  ber  früheren  nur 
borauSgefeljenen  unb  ber  jpäteren  oon  ©ott  felbft  mitgeteilten 
Söefeftigung.  SBitt  aber  bie  gormel  ben  Sßormurf  be§  pela* 
gianifc&en  ganj  oermeiben,  unb  alfo  aud)  bie  erfte  für  eine 
göttüd)  gemirfte  gehalten  miffen,  raie  e§  ja  in  ©Ott  fein 
anbereS  al§  rairffameS  Sßorljermiffen  giebt:  fo  bleibt  ba§  lejte 
©rgebnifj,  ©ott  Ijabe  nur  bieienigen  erraätjlt,  bie  er  aucfj  im 
©lauben  &u  ftärfen  befcliloffen  Ijabe.  Unb  biefe  gormel  ift 
gans  leer,  menn  man  nici)t  ben  ©lauben  mit  feiner  SSirffam* 
feit  äugleictj  benft.  SDaffelbe  gilt  aucf)  oon  ber  befd)eibneren 
gormel,  ba%  bie  $8erüffftd)tigung  be§  ©laubenS  nid)t  fönne 


1  3?öm.  $ap.  10.  unb  11. 

3  Sol.  decl.  XL  p.  808.  In  eodem  suo  consilio  decrevit,  quod 
eos  qui  per  verbum  vocati  illud  repudiant  ...  et  obstinati  in  illa 
contumacia  perseverant ,  indurare  reprobare  et  aeternae  damnatioue 
devovere  velit. 


Stoeiter  Sttfönitt.  SSon  ber  tBefd&affen^eit  ber  SSelt  it  229 

toon  bem  9?atl)fcbluf3  ber  ©rwäblung  auSgefdjloffen  merben1. — 
Üftiemanb  wirb  aber  wot  ben  ($5ebraucb  unferer  erften  gormel 
fo  toett  auSbefjnen  Wollen,  als  matten  Wir  unS  anbetfdjig  ju 
beWeifen,  baS  9#a£imum  ber  SrlöfungSfrüdjte  babe  grabe  nur 
bei  biefem  (SrwäbtungSgange  tote  bte  ®irtf)e  ftdj  wirtlidj  er* 
baut,  su  ©taube  fommen  fönueu.  2)enn  (grmeiS  ift  nidjt 
möglich,  ba  baS  aubere  audj  nicbt  ber  $ergleict)ung  Wegen 
fauu  gegeben  Werben.  2)arum  tft  eS  aucb  ber  (glaube,  Welker 
M  tu  biefer  gormel  über  eine  ($5runblage  ber  ($5ef($id3tS- 
auffaffung  unb  ber  (Setbftbeobacbtung  auSfjmdjt. 

3.  ©te  Antwort  aber,  Weldje  eben  gegeben  tft  in  Söe^ielumg 
auf  ba§  WaS  in  ber  Sftenfcbwerbung  ©brifti  als  göttliche  (£r= 
Wäljlung  angefeben  Serben  fann,  läfct  ftdj  ebenfalls  auf  bte 
aweite  gormel  unseres  (Sa^eS  surüfffübren.  2)enn  wenn  wir 
fagen,  Derjenige  $unft  fei  gewählt,  oon  Welcbem  auS  baS 
größte  ber  SBucffamfeit  fic^  entwifteln  tonnte:  fo  wirb  man 
lieber  fagen  tonnen,  biefe  (Stgenfctmft  fjabe  jener  $unft  nur 
gehabt,  weil  unb  in  fofern  ber  ®efammtäuftanb  aucb  fo  ge- 
worben War,  raie  er  War.  5lber  aucb  bieS  Wtt  nacb  gött* 
lieber  Seitung  anberS  fein  tonnen,  unb  bann  liätte  ein  anberer 
$unft  biefe  (gigettfdjaft  gehabt.  (SfjriftuS  alfo  ift  nur  fo  be* 
ftintntt  worben,  Weil  unb  in  fofern  aucb  ber  gauäegufammens 
bang  auf  eine  gewiffe  SSeife  beftimmt  War,  unb  umgefeljrt 
ber  gan§e  3ufammenbang  [$  nux  j0  beftimmt  worben,  weil 
unb  inwiefern  audj  ©briftuS  auf  eine  gewiffe  SBeife  beftimmt 
mar;  unb  bieS  Reifet  offenbar  bei  bem  götütd^ert  SSoIjlgefallen 
fteben  bteibenb  fagen,  betbeS  sufammengenommen  fei  fo  be= 
ftimmt,  mie  eS  ift,  lebiglidj  burc§  baS  götttidje  SöoblgefaHeu. 
^a  überall  wo  mir  einen  Inbegriff  natürlicher  Ürfädjlidjfeit 
in  feiner  Sl&gefdjloffen&eft  auffaffen,  unb  auf  feine  Söegrünbung 
in  ber  göttlichen  Ürfädjlicbteit  aurüffgebn,  merben  mir  feinen 
anbern  SöeftimmungSgrunb  ber  lederen  angeben  tonnen,  als 
baS  göttliche  SSoblgefaßen.  SSie  nun  bie.  gan^e  SSelt  oon 
<5$ott  fo  georbnet  ift,  ba%  er  fagen  tonnte  eS  fei  atleS  gut, 
b.lj.  na<$  feinem  SBoIjlgefallen ;  in  biefer  &ütftd(jt  aber  ba$ 
einzelne  oon  feinem  Bufammenljang  mit  allem  übrigen  ntctjt 
^u  trennen  ift:  fo  aucb  Wenn  mir  baS  fReict)  ®otteS  als  ein 
Ö5an§eS  in  feiner  5lbgefdjloffenbeit  betrauten,  tonnen  mir  nur 
fagen,  eS  fei,  fo  Wie  eS  ift,  lebiglicb  beftimmt  burdj  baS  gört* 
liebe  Sßoljlgefallen.    SJann  aber  ift  au<$  alleS  WaS  ba§u  ge* 


1  Dicimus     fidei    intuitum    decreto    electionis    esse   includendum. 
Gerh.IV.  p.  207. 


230  S)er  djrtftlitfce  ©laube.  3rt>eiter  2^cll. 

bort,  GHjriftug  fo  tüte  er  tft,  unb  bie  ganje  innere  SOfanntg« 
faltigfett  be§  menfd)lid)en  ®ef<$led)te§  nadj  Sftaum  unb  3eit, 
au§  melier  ftdt)  burcf)  (£fjrtftum  ba§  Sfteiä)  ©otte§  berauS 
bilbet,  fo  mie  fte  ift,  beftimmt  burctj  ba§  göttliche  SS  of)lgef  allen. 
fvretlid^  Ijinbert  nid)t§,  bafj  man  nicfot  and)  fagen  fönne,  bte 
Drbmtng,  nadj  melier  ftd)  bie  $8esief)ung  auf  (£ljriftum  an 
ben  ©inselnen  üermirfltd}t ,  folge  jener  9ttanntgfaltigfeit  unb 
fei  burcfc  fte  beftimmt ;  nur  bafj  mau  audj  umgefebrt  mufc  fagen 
fönnen,  bie  9#anuigfaltigfett  be§  menfdilicben  ®efd)ledjte§  folge 
jener  Drbmtng,  unb  fei  in  Söejug  auf  fte  beftimmt,  bamtt  fÄ) 
bie  ©rlöfung  burdj  ©tjrtftum  grabe  in  biefem  Wlaa%  unb  in 
biefer  Drbnung  barin  entmiffle.  Sft  nun  beibe§  gleich  richtig, 
mithin  meil  entgegengefe^t,  audj  gleich  falfd) :  fo  fann  man  nur 
sufammenfaffenb  richtig  fagen,  betbe§  in  Söesug  auf  einanber, 
mithin  aud)  jebe£  für  ftd)-,  fei  in  beut  obigen  (Sinne  georbnet 
nad)  ®otte§  SBoljlgefallen.  (£§  ift  olfo  ®ott  moljlgefätlig  ge~ 
roefen,  bafj  bie  menfdjlidje  Statur  ftdj  in  biefer  beftimmten 
9Jcenge  fo  beftimmter  (Sütäelmefen  barftette,  unb  ift  fein  anberer 
(Skunb  baoon  anzugeben;  benn  jtebe  anbere  (Srflärung  mürbe 
bebingenbe  SßorauSfeäungen  machen,  bie  bod)  immer  felbft 
mieber  burd)  bie$  urfprünglidje  aßumfaffenbe  göttliche  SBoljls 
gefallen  bebingt  mären.  (Eben  fo  ift  fein  SS  oljlgef  allen  ge= 
mefen,  bie  Slnorbnung  ber  menfdjlidjen  £)inge  burd)  (£fjriftum 
ju  ooHenben;  benn  er  fömtte  fonft  ben  ganzen  ®ang  be§ 
menfdjtidjen  ($tef<$led)teg  oon  Dorne  herein  anber§  angelegt 
Ipaben ;  nur  bafj  biefe§  bann  audj  ein  anbereS  mürbe  gemorben 
fein,  roie  benn,  fobalb  (£me§  gefejt  mirb,  aHe§  anbere  audj 
nur  auf  Sine  SSeiie  mitgefejt  ift.  ^ebe  öerfudjte  £)ebuction 
öon  einer  9cotfjmenbigfeit  ber  ©rlöfung  unter  biefer  gorm 
fcjt  immer  etma§  oorau§,  beffen  Sftotljmenbigfeit  einer  eben 
folgen  $)ebuction  bebürfte;  unb  au§  biefem  Greife  auf  ein* 
anber  gurüffmeifenber  bebingter  9cotljmenbigfeit  ift  fein  2lu§* 
foeg  für  ben  frommen,  al£  in  biefe§  (Sine  atte§  in  ftdj 
fdjtiefjenbe  göttliche  SBoljlgefallen.  ©onadj  bleibt  un§  nur  bie 
Aufgabe  übrig,  biefeg  in  unferm  ®otte§beroufjtfein  notfjmenbig 
mitgefeste  SS  ol)igef  allen  ®otte§  aud)  jebeSmal  mit  bem,  ma§ 
mir  oon  bem  ©ang  be§  (Srlöfung3merfe§  maljrnefjmen,  au  ber= 
binben,  unb,  mie  mir  aud)  burd)  baä  gefdjeljenbe  erregt  merben, 
bod)  in  biefem  SBoljlgefallen  ju  ruljen.  %a  ber  glaube  an 
(Sfcriftum  ift  felbft  nidjtS  anbere§  als  ba§>  SFcitempftnben  biefeS 
göttlichen  SBoljlgefallenS  an  (£t)rifto  unb  bem  auf  i&n  ge= 
grünbeten  ^>eil;  unb  baä  Söemufetfein  ber  göttlichen  ©nabe 
ober  ber  Srtebe  ®otte§  in  bem  ©rlöften  ift  nid)t§  anbereS  al§ 


8toetter  a&föitittt.  8onberSBefäaffen$eitber2Beltic.  231 

eben  biefe§  Senilen  in  bem  göttlichen  SSoblgefallen  audj  Jjin* 
ftd)t§  ber  Drbnung,  nad)  meldjer  er  fetbft  in  baä  ©ebiet  ber 
(Srlöfung  ift  aufgenommen  morben.  Sßie  mir  nun  in  ber 
Söelt  überhaupt  bie  mannigfaltigste  5tbfrufung  be§2eben§  an* 
treffen,  bon  ben  niebrigften  unb  unbotffommenften  formen  an 
bi§  §u  ben  Ijö elften  unb  bollenbetften,  unb  nic&t  §meifeln 
bürfen  ba%  eben  biete  9Kanni  gfalttgf  eit  al§  bie  reidjfte  Bfaum« 
unb  BeiterfüHung  ber  ©egenftanb  be§  göttlichen  SSo^lgefaUenS 
fei;  unb  mie  ftcr)  folct)e  ^Ibftufungen  aud)  innerhalb  be§  ®e* 
&iete§  ber  menfc&lidjen  Statur  ergeben:  fo  merben  mir  billig 
<mdj  auf  bem  burdj  bk  (Srlöfung  entftanbenen  geiftigen  2eben§= 
gebiet  aHe§  ermarten,  ma§  smifdjen  bem  fleinften  unb  größten 
liegt,  unb  btefe  gan^e  su  lebenbiger  ®emeinfd)aft  berbunbene 
gütfe  al§  ben  ©egenftanb  be§  göttlichen  28oljlgefalIen§  an* 
feljen  unb  barin  berufen. 

4.  £aben  mir  nun  borljer  gefefjen,  mie  man  auf  biefe  $8e* 
ftimmung§grünbe  gefommen  ift,  unb  mie  fte  einanber  entgegen* 
gefegt  ju  fein  fdjeinen,  ba  fte  auf  entgegengefeste  fünfte  surüß* 
geljn:  fo  foK  bie  bisherige  5tu§fübrung  biefe  fdjeinbare  @nt« 
gegenfesung  aufgehoben  Ijaben,  mie  unfer  @a§  e§  forbert,  ber 
fte  al§  go^nteln  bon  gleichem  ^nfjalt  barftettt,  bie  nur  bon 
berfc&iebenen  fünften  au§  conftruirt  ftnb,  fo  baß  mer  ftcb  p 
ber  einen  be!ennet,  gar  nid)t  nöttjtg  Ijat  bie  anbere  §u  ber* 
merfen.  ^n  biefer  Uebereinftimmung  aber  fonnten  beibe 
nur  bargefteüt  merben,  inbem  fte  jugletctj  bon  bem  un^alt* 
baren  befreit  mürben,  meld)e§  fte  großenteils  burdj  ben 
(SJegenfas  angezogen  Ijaben.  SDenn  bie  erfte  ift  nun  babon  be* 
freit,  ba%  ber  göttliche  Sftatbfdjtuß  abhängig  erfdjeint  bon 
einem  offenbar  gan§  menfdjlidjen  SBorljermiffen  in  ($5ott,  beffen 
<$egenftanb  unabhängig  bon  bem  göttlichen  9^atr)fct)lu§  gefegt 
märe,  ber  ftdj  nur  nad)  bemfelben  richten  müßte.  £)enn  menn 
ber  borljergefeljene  (glaube  ben  göttlichen  Ütat&fctjluß  beftimmt, 
im  (Stegenfas  gegen  ein  Söeftimmtfein  beffetben  burdj  ba§  freie 
Qöttltdje  SBotjIgef allen:  fo  ift  faft  bk  Folgerung  nidjt  abju* 
meifen,  baß  ber  (glaube  audj  unabhängig  Oon  einer  götttidjen 
(Jinmirfung  in  bem  freien  SöiUen  be§  äftenfdjen  begrünbet  ift; 
unb  biefer  pelagianifdje  6djein  ift  burdj  alle  fünftlidjen  ®lau* 
futn  nidjt  fo  entfernt  morben,  ba%  bie  gormel  noc^  einen  be= 
ftimmten  ©et)alt  behielt.  SBogegen  mir  fagen,  ber  borljer* 
gefefjene  (glaube  beftimme  ben  göttlichen  Sftatfjfctjluß  in  fofern, 
als  e§  @otte§  SSoljlgefallen  gemefen,  eine  foldje  Sßirffamfeit 
für  ba$  tiltiä)  ®otte§  bon  biefem  $unft  au§getjn  §u  Iaffen, 
mie  fte  burc&  biefe  Mftigfeit  unb  Beitigfeit  be§  ©laubenS 


232  ®cr  cfjriftltdje  ©laube.  3»eiter^ciL 

bebingt  fei.  2)ie  anbete  gormel,  ba§  ein  göttlid^eS  SBoül* 
gefallen  ben  ©inen  Ijeransielje  unb  ben  $lnbem  jurüfflaffe, 
menn  fte  im  Ötegenfas  gegen  jene  aufgeteilt  nnrb,  erfc^eütt 
nur  äu  leidjt  al§  ein  au§brüffltct)e§  Söegünftigen  be§  ©inen 
unb  gurüfffeaen  j,eg  2(nbern,  unb  sroar  fo  al§  muffe  auf 
biefen  Anfang  ba$  ©nbe  folgen,  bie  «Smifc&engiieber  möchten 
nun  fein  meldje  fte  motlten;  unb  biefer  (Sdjein  oon  göttlicher 
Sßittfüljr  eine§  unbebingten  göttlichen  IRatr)fd^Iuffe§  über  bie 
©tnsetnen,  al§  gleidjfam  aufbringlictje  Unterftüaung  be§  ©inen 
mit  unmiberftefjlidjer  £>ülfe  unb  al§  t>orau§befdjloffene  fSex- 
(affung  be§  Slnbern,  läfjt  ftet)  ofme  bie  gormet  aufeulöfen  fo 
menig  abmenben,  bafj  e§  ba$  fdjltcljtefte  Sßerfaljren  ift  fte 
grabet)in  eutäugefteljen.  Unfere  2)arftetfung  hingegen  meifj 
t>on  feinem  unbebingten  Sftatfjfc&lufj  über  einen  ©inselnen, 
inbem  aüe§  einzelne  einanber  gegenfeitig  bebingt,  fonbern 
erfennt  nur  ©inen  unbebingten  SRattjfdjlufj,  bur$  melden 
nämüd)  ba§  ®anae  in  feinem  ungeteilten  Bufammenljang 
oermöge  be§  göttlichen  SBo^lgefaüenS  fo  ift,  mte  e§  ift 
®eine§mege§  alfo ,  al§  ob  ber  ©injelne  fc^on  irgenb  mie  unb 
ma§  märe  abgefeljen  oon  biefem  göttlichen  9?atl)jcbluf$,  unb 
burd)  biefen  mürbe  er  nur  felig  ober  nict)t;  fonbern  jeber  mirb 
nur  erft  meil  unb  infofern  ein  foldje§  unb  fo  mirffameS  Cle- 
ment in  bem  ©an§en  nad)  bem  göttlichen  SSo^lgefaHen  gelebt 
ift;  alfo  jeber  mirb  §u  einem  bliebe  ber  crjrtftlicrjen  (SJemein* 
fetjaft  bereitet,  meil  er  al§  ein  (gläubiger  oorljergefeljen  ift. 
$8etratf)ten  mir  nun  unfre  beiben  gormein  in  iljrer  Bufammen* 
faffung,  fo  enthalten  fte  aroei  Regeln,  hei  meieren  iene  nad)* 
^eiligen  Folgerungen  gar  nidjt  auffommen  fönnen.  guerft 
nämlid),  bafj  fein  ©inselner  für  ftdj  unb  abgefeljen  öon  feinem 
Drt  im  (Jansen  irgenb  etma§  mirb  in  golge  eine§  befonberen 
fid)  auf  itm  besteljenben  göttlichen  9fta£&fd)luffe8.  3meiten§ 
aber,  bafj  atte§  in  bem  allgemeinen  gufammentjanö  betrachtet, 
aud)  bie  Slrt,  mie  bie  ©rlöfung  fiel)  oermirflid)t,  äugleidj  bit 
nottfommne  2)arfteIIung  niebt  minber  be3  göttlichen  SBotjl* 
öefa(len§  al§  ber  göttlichen  OTmadjt  ift. 

S ufas  su  biefem  Seljrftüft  SSenn  mir  nunoon  Ijier 
au§  nodj  einmal  ju  jener  SSorauSfegung  surüffrommen,  bafj 
ein  Sttjetl  be§  menfc&lidjen  ®e[d)led)t§  auf  immer  au§  bem 
©ebiet  ber  ©rlöfung  auSgefdjloffen  bleibt,  ober  —  um  fte  fo 
auäsubrüffen,  mie  fte  am  nädjften  bei  bem  unmittelbaren 
Snbalt  unfern  £efcrftüff§  bleibt  -  ba*B  bie  dmftlicfce  ®ird)e 
au§  bem  menfd)lid)en  ©efd)led)t  nur  fo  entfielt,  ba%  ein 
anberer  Xtjeil  beffelben   für  fie  auf  immer  Oerloren  geljt:  fo 


Streiter  m$mtt.  SSon  ber  «efaaffen&eit  ber  SEßclt  ic.  233 

ift  auf  ber  einen  (Seite  nid)t  ju  läugnett,  bafj  ein  ooßfommtteS 
Sßerüfjeu  in  bem  göttiidjen  Söoblgefatten  Riebet  fd)tDerltctj  §u 
erzielen  ift,  inbem  ba§  (55attuttg§beroufjtfetn  auf  entgegen* 
gefegte  SSeife  afficirt  ift  mie  ba%  perfönlidje,  unb  bk  hieraus 
unöermeiblid)  ftd)  immer  mieber  erneuernbe  SSebmutf)  feine 
reine  ÜDättfjeüung  ber  (Seligfeit  ©tjriftt  auläfet.  £)abei  ent*  | 
fter)t  ttocb  bie  Stuf  gäbe,  bie  (Sactje  jetbft  fo  §n  benfett,  bafj  bie 
(Setbigfeit  ber  menfcblid^ett  ^atur  in  filiert  bamit  beftebe. 
SDenn  freiließ ,  mit!  man  bie  mettfcrjlidjie  Statur  manicbäifd) 
füalteit,  fo  mufe  ftdt)  jene  SBebmutb  Verlieren ,  ba  bte  Slitbern 
nietjt  mebr  auf  btefelbe  SSeife  unfere§  gleiten  ftnb.  Stuf  ber 
anbern  (Seite  etttftebt,  meittt  unfer  djriftli$e§  Selbftbemufjt* 
fein  nidjt  raefentlicb  anber§  mobificirt  merben  folt,  bie  faft 
eben  fo  mettig  §u  löfettbe  Aufgabe,  bkä  fo  §u  benfen,  bafj 
bemtoeb  (£briftu§  triebt  nur  an  fonbern  aueb  für  ba§  gerammte 
menfcbli<$e  (Sefdjtedjt  gefettbet  bleibt.  ®enn  bie§  ift  bodj  uur 
ber  galt,  meint  angenommen  roirb,  bafj  audj  mirflicb  in  Sitten 
irgenbmamt  eine  Spur  feiner  Sßirffamfeit  mabrgenommett 
roirb.  9ftatt  ftebt  aber  leicht,  bafj  bk  <Scl)ttnerigfeit  febr  Her* 
fdjiebett  ift,  mentt  e§  ftdj  oott  benen  tjanbett,  meldje  fdjon 
(Sittroirfungen  oott  ber  djriftlicbett  ®ird)e  erfahren  tjabett, 
unb  metm  Oon  benen,  bk  aufjer  alter  SSerbinbung  mit  ber* 
felben  geblieben  ftnb;  unb  fo  fann  e3  ratbfam  fein  bie  SSor* 
au§fesung  felbft  biernacb  §u  tt)eilen.  2Sa3  nun  bk  erften 
betrifft,  fo  barf  ifjnen  auf  feine  SBetfc  eine  Unfähigkeit  für 
bk  (jrlöfung  sugefd^rieben  merben;  öielmebr  ftnb  fie,  fo  oft 
eine  oorberettettbe  ®nabenttrirfung  in  ilmett  bi§  §ur  WxU 
tbeilung  gebieten  ift,  fd)on  Drgatte  jur  Verbreitung  be§ 
Sfteicbeg  ®otte§  geroorben;  benn  burdj  iebe  fold^e  SOftttbeilung 
ift  ein  geugnifj  oon  ber  (Sfttabe  ®otte§  in  (£fjrifto  abgelegt 
morben.  $e  mettiger  mir  aber  im  «Staube  ftnb  ben  Uebergang 
itt  beit  Suftanb  ber  Heiligung  fofort  mabraunebmen,  uttb  Oiel* 
mebr  triebt  minber  al3  ein  ülöäticbe§  auetj  ein  uumerflicbeS 
Eintreten  ber  SSiebergeburt  auerfetmeit  muffen:  um  befto ; 
mebr  merben  mir  in  Söeaug  auf  alte  ber  c&rifttidjen  ©erneut* 
fetjaft  fcboit  äufjerlidj  angebörige  bk  9ticf)tigfeit  ber  Kautel 
auerfetttten  muffen,  bafj  matt  nidjt  leichtfertig  einen  au  ben 
SSermorfenen  ääblen  bürfe;1  fo  bafj  bier  fein  galt  benfbar 
ift,  auf  ben  bk  Sßoraugfeaung  mit  .ßuberftebt  an§umenben 
märe.    Slttlattgettb   bie  Sütbertt,    fo   ift   e§  uuferm  (glauben 


1  Expos,  simpl.  X.     Bene   sperandum    tarnen  est   de  omnibus, 
ueque  temere  reprobis  quisquam  est  adnumerandus. 


234  £er  d)rlftltd)e  ©laube.  3toeilcr  Sfctl. 

metentltdj,  bafj  jebe§  SSolf  früher  ober  fpäter  merbe  <$rtftUd) 
merben,  tüte  benn  $aulu§  bte§  fogot  bon  bem  {einigen  hoffte, 
melcbeS  fo  mieberbolt  bie  göttliche  ®nabe  ljartnäftifl  öon  ftd) 
gemiefen  fyatte.  Söiefern  mir  alfo  einen  ©injelnen  in  feiner 
SBolfStbümltdjfeit  betrauten,  unb  feinen  (SJemeingeift  als 
mefentlicben  Söeftanbtbeil  feiner  $erfönlid)feit  gelten  iaffen: 
infofern  werben  mir  audj  fagen  tonnen,  bafj  jeber  ©ingelnc 
eben  biefe  SBorberbeftimmung  §ur  «Seligfeit  in  ftdj  trage;  um 
fo  mebr  \t  mebr  er  fel6ft  bon  benen  l£lgenfcbaften  jene§  %t* 
meingeifte§  befijt,  an  meiere  ftdj  bxt  Slnnabme  be§  ®lauben§ 
bei  feinem  SBoIf  anfnüpft;  um  fo  meniger  je  mebr  bon  benen 
auf  melden  ber  öerjögernbc  SSiberftanb  be§  (Sanken  beruht. 
©iefe§  mebr  unb  weniger,  offenbar  analog  bem  borber* 
gefebenen  (glauben,  $at  für  un§  freiließ  nur  ben  Sinn,  bafj 
biefelbigen  9ftenfc&en,  tuemt  ju  ber  3ett  lebenb  mo  ba§ 
föoangeüum  unter  ibrem  $olf  erfcbeint,  ber  ©ine  f#on  in 
ben  erften  Anfängen  beffelben,  ber  Slnbere  erft  bei  meiteren 
gortfcbritten,  bon  bemfelben  mären  ergriffen  morben.  Mein 
barau§  bafj  mir  au§  biefem  Sßerbältnifj  nur  eine  gormel 
conftruiren  fömten,  bie  nicbtS  mirfltdjeS  auflagt,  folgt  nicbt, 
bafj  e§  ntctjt  eine  anbere  Söebeutung  ^aben  fönne  in  ber  gört* 
liefen  SSorberbeftimmung,  obne  bafj  mir  bctyalb  %u  ber 
ecientia  media  unfere  guflucbt  nehmen  bürften;  benn  biefe 
(Sigenfcbaften  ftnb  in  jenen  ©injelnen  mirftid).  83ielmebr 
menn  5We  nadj  biefer  SSeife  in  bie  göttliche  SSorberbeftimmung 
sur  Seligfett  eingefcbloffen  ftnb,  bemeift  aueb  erft  bie  bobe- 
priefterlicbe  SSürbe  ©brifti  ibre  ganae  Söirffamfeit,  zu  melier 
ia  gebort  bafj  (Sott  alle  Sftenfdjen  nur  in  (£brifto  ftebt  (£ben 
biefe§  läfjt  ftdj  aueb  auf  ben  borber  betrachteten  gatt  über* 
tragen.  So  bafj  menigftenS  biefeS  bettttieb  beroorgebt,  bafj 
menn  bie  Stttgemeinbeit  ber  (Srlöfung,  melcbe  obne  biefe  l)obe= 
jniefterltcbe  SBürbe  (£l)rifti  unb  bereu  Erfolg  gar  nicbt  mirf= 
lieb  gebaut  merben  famt,  in  ibrem  ganzen  Umfang  genommen 
mirb,  bann  aueb  bie  SSorberbeftimmung  jur  (Seligfeit  gans 
allgemein  gefegt  merben  mufj ,  unb  bafj  feine  bon  beiben  be= 
febränft  merben  fann  obne  aueb  bie  anbere  ju  berfürsen. 

3meite§  Sebrftüff. 

Son  ber  9Wttt^ci(ttng  be§  fettigen  ©eifteS. 

§.  121.    2We  im  6tanbe  ber  Heiligung  tebenben  ftnb 
ftcfy  etneä  innern  9lntriebe3  im  gemeinfamen  9flit*  unb 


3toeitcr  Höfänltt.  SBon  ber  SBefdjaffenfjeit  ber  Sßelt  jc.  235 

gegenfettigen  2lufeinanbern)irfen  immer  mefyr  (£tne£  $u 
merben  al£  be3  ©emeingeifte<3  be£  t»on  (S^rifto  geftifteten 
neuen  ©efammtleben^  bemujst. 

l.  2)ie  £batfadje  felbft  ift  in  allen  Gcrsä'blungen  ber 
©djrtft  oon  ber  erften  ^ftan^ung  ber  <^rtftUcr)en  ®irdje  auf 
'bag  beftimmtefte  auggeforodjen ;  unb  aucb  ber  günftige  ©in* 
bruff  auf  bie  üfticbtcbriften  mirb  immer  als  burcb  biefe§  (SinS* 
roerben  beftimmt  bargeftettt,1  fo  tote  biefe  ®emeinfcbaftlicbfeit 
in  bie  genaueste  SBerbinbung  mit  bem  neuen  Seben  iebe§ 
{Sinjelnen  gebracht,  ^a  aucb  alle  tebrenben  (Säuberungen 
ber  c&rifttidjen  (Siemeüifdjaft  ftimmen  barin  sufammen,  bafe 
ftc  alle  ©inselnen  als  integrirenbe  Söeftanbtbeite  eine§  (Jansen 
befcbreiben,  unb  bafj  aUe§  (£tnem  in  bem  (Jansen  regen  unb  e§ 
belebenben  Reifte  sugefdjrieben  mirb.2  Unb  menn  bie  2Inbänger 
ber  anrief  adjen  fdjon  öfter  getabelten  fettaratifttfcben  ^Rtcbtung, 
bernaturatiftif^enunb  ber  fcbmärmerifcben,  entgegnen  wollten, 
l>ie§  Qelte  nur  mit  fRectjt  oon  btn  erften  Seiten  ber  ^riftlid^en 
Strebe,  fei  ibr  aber  feineStoegeS  wefentlicb,  fonbern  müfjte  ftcb 
immer  mebr  öerlteren,  inbem  atter  ®runb  §u  einem  folcben 
Slnetnanberbalten  in  bemjetben  SDfoafj  Wegfälle,  at§  baZ  neue 
Seben  ftcber  geftettt  fei,  unb  ftcb  au§  ber  gemeinfamen  Duette  in 
iebem  (Einzelnen  felbft  Oeroollfommnen  tonne:  fo  wirb  ibnen 
folgenbeS  ju  entgegnen  fein.  3uerft  mag  burdj  ba$  attmäblige 
(Srftarren  ber  ©m^etnen  aufboren  ober  jurüfftreten  fann,  ba§ 
ift  nur  ein  £bett  oon  ber  Hälfte  beffen  ma§  unfer  @as  au§= 
ffcricbt,  nämlid)  nur  berjenige  £beü  be§  5lufeinanbermir!en§, 
melier  in  bie  Analogie  be3  Sebrens?  unb  SernenS3  ober  be§ 
TOttbeitenS  unb  21ufnebmen§  fättt.  2)enn  menn  jemanb  recbt 
öon  ©ott  getebrt  ift,  bebarf  er  nid)t,  ba%  ibn  ein  5lnberer 
lebre.  2)iefer  Stbeü  ber  ®emeinicbaft  ift  aud?  in  gemiffer 
ipinftcbt  immer  im  Stufbören  begriffen,4  nämlirf)  menn  man 
auf  biefelben  ^erfonen  ftebt  ^nbem  aber  immer  mieber  neue 
eintreten,  fo  fdjlmgt  ftcb  aucb  biefer  £beil  immer  Weiter  fort, 
inbem  bie  oorber  (Smpfangenbe  waren,  nun  al§  ©ebenbe  ftcb 
ben  fpäteren  mittbeüen.  sMein  aucb  ba§  StufeinanberWirfen 
bat  nocb  einen  anbern  £beü,  nämlicb  unter  ben  ®teicben  eine 


1  8tp.  ®efä.  1,  13  flgb.     2,  42  ftgb.     4,  32  flgb.     5,  12-14.     9,  31. 

2  mm.  12,  3—  6.      lÄor.12,  4  ftgb.      Gpfjef.  2,  17  -22.      4,16* 
1  «ßetr.  2,  5—10. 

8  Ä  5,  45.  4  gpfef.4,  11—13. 


236  2)er  d)riftlic&e  ©laube.  Stoeiter  2i)eil. 

(SJegenfeitigfeit  ber  Sftittfteilung  unb  9luffaffung,  meiere  ft# 
barauf  grünbet,  bafj.  aucl)  bn§  neue  Seben  wegen  ber  ber* 
fcfjiebenen  berjönlictjen  (£igentl)ümlict)feit  in  Gebern  ein  anbereS 
wirb,  unb  $eber  auf  oiefelbe  S33eife,  wie  er  S^riftum  felbft 
ganj  in  ftdj  aufnehmen  möchte,  aud)  fobiel  mögtid)  alles 
bon  iljm  berotrfte  aufzunehmen  tmcfyttt,  unb  fo  aucl)  wieber 
jeber  bon  (£ljrifto,  wie  biefer  fid)  felbft  bargefteltt  Ijat, 
getrieben  wirb  audj  bie  in  tljm  wirffame  ®raft  (äXjrifH 
barsuftellen,  meld)e§  ja  burdj  alle  guten  SSerfe  ber  2öieber* 
geborenen  gefd)iel)t.  üftod}  Weniger  aber  ift  ber  anbere  £t)eit, 
ba§  99citeinanberwirfen,  jemals  im  5luftjören,  fonbern  fann 
nur  in  bem  ffllaa%  erleichtert  werben  unb  fortfdjreiten ,  al§ 
baä  neue  ßeben  in  Gebern  ®raft  gewinnt;  unb  offenbar  mufj 
lieber  in  bem  Süftaafe,  al§  fiel)  ba§  mit  bem  lebenbigen  Glauben 
an  (£Jjriftum  sugleid)  begrünbete  SSoHen  beS  $eict)e§  ®otte§ 
in  tljm  beftimmter  geftaltet  unb  in  einen  3ufammenf)ang  bon 
gweffbegrtffen  entwiffelt,  aud)  bie  berwanbten  Gräfte  in  9ln= 
fbrud)  nehmen.  Unb  fo  entfterjt  in  biefem  ^neinanber  be§ 
5luf=  unb  ÜDHteinanb  erwirf  en£  Vermöge  ber  ©elbtgfeit  be§ 
neuen  SebenS  in  bitten  bie  ^idjjtung  auf  ein  gemeinfameS  nur 
burd)  ba§>  ^neinanbergreifen  aller  Gräfte  unb  Stbätigfetten 
annäljerungSwetfe  ju  förbembeS  SSerf,  Welc&eS  felbft  bann, 
wenn  ba§  gange  menfdjücfye  ®efd)lecf)t  in  bie  ($5emeinfdjaft 
ber  ©rlöfung  aufgenommen  Wäre,  feineSWegeS  bollenbet  fein 
Würbe,  Weil  e£  immer  nodj)  als  an  ftdj  fcfwn  unenbltdje 
Wed)felfeitige  2)arftetlung  be§  gemeinfamen  in  bem  eigen* 
ttjümlidjen  unb  be§  eigentümlichen  in  bem  gemeinfamen  fort* 
befteljt.  £)emt  bie§  ift  ba§>  wef  entließe  in  bem  Seben  eines  $oIfeS, 
unb  al§  ein  foldjeS  ober  als  eine  £auSgenoffenfd)aft  C&otteS1 
Ijaben  bie  (£fjriften  immer  wollen  angelegen  fein.  BweitenS 
giebt  eS  alterbingS  in  biefer  &inftdjt  zweierlei  einanber  ent~ 
gegengefe^te  menfdjlidje  SSerbinbungen,  foletje  welche  bon  felbft 
Wieber  aufhören  wollen,  in  benen  alfo  feine  guneljmenbe  ©in* 
Ijeit  angeftrebt  Wirb,  unb  foldje  welche  bleiben  wollen  unb  in 
benen  alfo  bit  Verringerung  ber  ^Differenzen  angeftrebt  unb 
bie  (Einheit  feftgebalten  werben  mufj.  ^ene  aber  ftnb  immer 
nur  zufällige,  tt)etl§  foletje  bie  iljrer  9Jatur  nadj.eben  fo  wenig 
in  befummle  formen  <*l§  to  beftimmte  (Frenzen  gefaxt  werben 
fönnen,  wie  bieS  bon  allen  SBerbinbungen  ber  freien  (^efettigteit 
gilt,  wiewol  aud)  t)ier  unter  Umftänben  etmaS  einem  (Gemein* 
geift  äf)iüid)eS  fiel)   bilbet,  tljeüS  foXctje  bei  benen  eS  nur  auf 


ep^ef.  2,  19.     Sit.  2,  14.     1  «JSetr.  2,  9. 


gtüetter  Sl&fömtt.  Sßon  ber  ©efäaffenijeit  ber  SSelt  2C.  237 

ein  beftimmteS  Bufammenmirfen  anfommt  obne  innere  3u= 
fammenftimmung,  oietmefjr  fo  bafj  ieber  babet  feine  Bmefle 
für  ftdj  Ijaben  !ann.  Unb  menn  e§  aucb  religiöfe  (Semein= 
f haften  geben  fann,  meiere  ftdö  biefem  (praeter  nä'bern:  fo 
gilt  bte§  bodj  niebt  öon  ber  djriftlidjen.  ®enn  inbem  ba$ 
ma§  ieber  an  bent  anbern  erfennt  bte  gemeinfame  Siebe  ju 
(£brifto  ift:  fo  ift  hierin  ein  ununterbrochen  mirffameS  einigenbeS 
^rinsip  gegeben. 

2.  SBenn  mir  nun  biefeS  Sßeftreben  mit  bent  SluSbrnf! 
(Semeingeift  beäeicbnen:  fo  berfteben  mir  barunter  gan§ 
baffelbige  mie  im  meltltdjen  Regiment,  nämlidj  in  Sitten,  bie 
äufammen  eine  moralifebe  $erfon  bilben,  bk  ibnen  gemein^ 
fame  Sfticbtung  auf  bit  görberung  biefeS  (Sanken,  melcbe  au* 
gleich  in  Gebern  bit  eigentümliche  Siebe  ju  jebem  (Sin§elnen 
ift  $8i§  bieder  fann  baber  gegen  unfern  <5a%  niebt  leiebt  eine 
(Stnmenbung  gemacht  merben;  mol  aber,  menn  man  biefen 
Sfabatt  beffelben  mit  ber  Ueberfdjiift  oergleicfit,  unb  barau§ 
mit  fRectjt  folgert ,  biefer  (Semeingeift  foEe  ber  §.  (Seift  unb 
bte  SOcitttjeitung  beffelben  bie  be§  b.  (SeifteS  fein,  ttrirb  gar 
leiebt  ber  SSerbacbt  entftebn,  als  mürbe  biefer  legte  SfaSbruff 
in  einem  ganj  anberen  @inn  genommen  al§  iljn  bie  §.  ©ebrift 
nimmt.  Mein  mir  bürfen  alle  bie  23orfteHungeu,  bk  bureb 
bie  (Stellung  be§  b.  (Seiftet  in  ber  £rinität§leljre  entftanben 
finb,  tljeilS  um  biefe  §u  erläutern,  tfjetlS  aueb  um  fie  §u 
miberlegen,  menn  3.  $8.  ber  §.  (Seift  als  ein  böseres  @nnäel= 
mefen  bargeftellt  mürbe,  aber  nur  als  ein  erfcbaffeneS,  niebt 
mit  ben  SluSfagen  ber  neuteftamentifc^en  ©ebriften  ber* 
mec^feln,  al§  meiere  unS  ben  b.  (Seift  immer  nur  in  ben 
(Staubigen  barftetlen.  (£r  mirb  berbetfjen  ber  (Sefammtbett;1 
unb  mo  Oon  einer  urforünglidjjen  Sftittb  eilung  beffelben  bie 
^Rebe  ift,  ba  erfolgt  biefe  in  Gsinem  2lct  an  eine  äftebrbeit,2 
melcbe  aber  eben  baburdj  eine  (Sefammtbeit  mirb,  ju  gleicber 
Sbätigtett  angetrieben  unb  für  einanber  einftebenb.  ^n 
Tillen  aber  mirb  er  autf)  bargeftellt  als  Siner  unb  berfelbe 
unb  bon  ibm  felbft  ba§  oerfebiebene,  maS  er  in  SBerfdjiebenen 
bilbet,  als  feine  (Saben  unterfebieben.8  Unb  bieS  ift  nid)t  fo 
gefaxt,  als  ob  babureb  nur  ein  SSorgug  angebeutet  merben 
füllte,  ben  mebrere  (Singelne  baben,  uub  bann  natürlicb  fo, 
ba%  er  in  Gebern  eine  beftimmte  Söefcbaffenljeit  feiner  $erfön* 


1  30^.  iß,  7  figb.    sqj.  ®efö.  1,  4.  5. 

2  Soi  20,  22.  23.     2Tp.  ©efö.  2,  4. 

3  1  Äor.  12,  4. 


238  £>er  tfjriftlidje  ©laube.  3tueiter  Sfjetl. 

Itdjfett  märe,  nur  äfjnlid)  unb  her  5Xrt  nad)  biefelbe  mit  ber 
eine§  Ruberen,  mie  mir  eS  unS  bei  befonberen  Talenten  unb 
SSottfommenfjeiten  borftetten:  fonbern  einerseits  mirb  er  als 
eine  mabre  (£inbeit  bargeftettt,   burd)  meldje  eben  bie  9Wenge 
ber  Triften  aud)  eine  ©irtrjeit  mirb,  unb  bie  bieten  einzelnen 
$erfönlid)feiten   ein  mafjreS  ©efammtleben  ober    moralifdje 
Perlon;  anbrerfeitS  ober  mirb  er  nicrjt  (Einigen  gleic&fam  3er* 
ftreut  unb  unsufammenljängenb  beigelegt  als  eine  balb  bor* 
Ijanbene  unb  balb  lieber  berfdjminbenbe  @rfd)einung,  fonbern 
baS  $orbanbenfein   beffelben   in  Gebern   ift  bie  SBebtngung 
feines  SlntljeilS  an  ienem  (Stefammtleben;1  benn  nur  menn  in 
einer  $erfon   biefer  ©emeingeift   beS  Jansen   anfängt   ftdj 
mirffam  ju  bemeifen,  meife  man,  ba%  fte  ein  33eftanbtr)eil  beS 
Jansen  ift,2  fo  mie  aud)  ioenn  ftdt)  einer  biefem  Jansen  an* 
fdjiiefet,   man  für  üjn  ber  9^ittr)eüung  beS  beitigen  ($5eifteS 
ftd)er  ift.3    9?un  beftebt  über  äbnlidjeS  bon  jer)er  ein  (Streit 
auf  bem  Gebiet  beS  2)enfenS,  in  liefern  maS  in  ätfefjreren 
ift  bod)  aud)  (£ineS  ift,  unb  meicrjeS  ober  in  miefern  richtig 
ift,  ba%  ein  ®ebanfe  in  fielen  ober  eine  SßittenSbemegung 
in  fielen  eines  fei  ober  in  iebem  ein  befonbereS;  unb  mir 
Ijaben  bier  SMfferensen  biefer  2Irt  mdt)t  §u  entfdieiben,  meber 
an  ftdj,  nodj  aud)  inbem  mir  boreilig  bie  eine  ober  bie  anbere 
als  unberträgtidj  mit  biefem  ©tüff  beS  djriftlidjen  Glaubens 
barftettten:   allein  mir  motten  aud)  biefen  Söoben  gar  nitfit 
betreten,  fonbern  nur  smeieriei  als  SluSfage  unfereS  d>rift* 
liefen  ©eibftbemufetfeinS  aufftetten.    £uerft  nämlid)  ba%  jene 
(Sinbeit  beS  ®eifteS  in  bemfelben  (Sinn  au  berftejjen  ift,  toie 
leber  aud)  bie  eigentümliche  ©eftaltung  ber  9ftenfd)beit  in 
einem  $olf  als  (Sine  anfielt,  unb  aud)  berjenige,  ber  nur  ben 
einzelnen  baS  ©ein  beilegt,  bod)  fagen  fann,  bie  ^erfönlidj* 
feit   eineS  Seben   fei   bie  burd)  feine  urfbrünglic&e  Anlage 
mobificirte  $oi!Stt)ümIid)feit.    $)enn  eben  fo  fagen  mir,  baS 
neue  Seben  eineS  Seben  fei  bie  burd)  ben  guftanb,  in  meinem 
bie  Sßiebergeburt  ttm  finbet,  bebingte  SSirffamfeit  biefeS  in 
allen  anbern  auf  biefelbe  Slrt  fid)  ermeifenben  ©emeingeifteS ; 
unb  bie  djriftiidje  ®ird)e  fei  eben  fo  eineS  burd)  biefen  ©inen 
®etft,  nne  ein  $off  eineS  ift  burd)  jene  in  Sitten  gemeinfame 
unb  felbige  $otfStljümlid)feit.    £ami  aber  aud)  smeitenS,  bafj 
biefer  ©emeingeift  aud)  einer  ift,  meil  er  in  Sitten  bon  (Jinem 

1  1  ßor.  12,  3.    Mm.  8,  9. 

2  2ty.  ©eftf).  10,  47.     19,  2. 
9  ?tp.  ®efc§.  2,  38. 


Sweiter  Stbfänttt.  Eon  ber  33efc^affen^eit  ber  SBelt  :c.  239 

unb  bemfetben  Ijer  ift,  nämlidj  bon  ©tjrifto;  inbem  Seber  ft<$ 
ber  SRittljeilung  beffelben  al§  auf  ba§  genauere  mit  ber  (£nt* 
fteljung  be§  ©laubenS  in  üjm  sufammenfjangenb  bemufjt  ift, 
unb  Seber  iljn  auct)  in  ben  Slnbern  in  bemfelben  Bufammen* 
l)ang  erfennt.  SSte  ia  aud)  ber  ©laube  nur  au§  ber  $rebtgt 
fommt,  meiere  immer  auf  ben  Auftrag  ©Ijrifti  äurüffgefjt,  unb 
alfo  bon  iljm  Ijerftammt.  SSie  aber  in  C^^rifto  felbft  aUe§ 
bon  bem  göttlichen  in  iljm  auggeljt,  fo  aucf)  biefe  SJtittbeitung, 
bk  nun  in  Gebern,  aber  ntct)t  in  Gebern  eine  anbere,  fonbern 
in  allen  biefelbe  ®raft  be§  neuen  Öeben§  mirb. 

3.  @ine  anbere  (Sinmenbung,  meiere  nodj  gemalt  merben 
fönute,  ift  biefe.  2lu§gefjenb  babon,  bafc  alle  frommen  ©entern* 
fdjaften  baju  beftimmt  feien  in  bem  ©Ijriftentljum  unter* 
sugefjn,  alfo  au<$  alle  Golfer  beftimmt  in  bie  d)riftltd)e  (Semem* 
f$aft  übersugefjn:  fo  mürbe  bann  ber  (Semetngetft  ber  d)rtft* 
lidjen  ®ird)e  aud)  bex  be§  menfd)lidjen  ®efd)lectjt§  fein.  SRun 
aber  mufj  e§  einen  folgen  aud)  geben  in  ber  Slnatogie  mit 
bem  t>olf§tljümlidjen  ©emeingeift,  ben  mir  nid)t  anberS  ju 
beseidmen  mußten  al§  burd)  bie  $u§brüffe  ba§  ®attung§* 
bemufetfein  unb  bie  üiehe  jur  aRenfctjt)ett  al§  Gattung.  S)ann 
ift  aber  au<$  bie  (Gattung  eben  fo  @in§  mie  bie  SHrdje,  unb 
ha  e§  für  baffelbe  ($5an§e  ni$t  jmei  2eben§einfjeiten  geben 
fann:  fo  fei  ba$,  mag  mir  burd)  ben  3lu§bru!f  tjetliger  (Seift 
beseiten  mollten,  OoHfommen  ein§  mit  bem  ®attung§bemufjts 
fein.  StRitfun  märe  entmeber  bie\e§  leitete  ein  übernatürlich, 
ma§  bod)  niemanb  mürbe  behaupten  motten,  ober  iene§  mu& 
ein  natürliches  fem,  unb  menn  bon  Sljrifto  auSgefjenb,  bann  bocl) 
oon  bem  menf$lidjen  in  ü)m;  fo  ba§  bie  ÜDcittf)  eilung  be§ 
Ij.  ©eifte§  nid)t§  anbere§  fei,  al§  ba$  burd)  (£t)riftum  bemirfte 
©rmad^en  bes?  reinen  ®attung§bemufjtfein§.  3)iefeg  ift  für 
ben  jejt  ju  befjanbelnben  ©egenftanb  bie  folgeric&tigfte  $)ar* 
fteUung  berjenigen  2lnftd)t,  meiere  bie  ©rmertung  unb  S3er* 
breitung  ber  allgemeinen  Stßenfd^enüebe  al§  bie  eigentliche 
unb  mef entließe  f$rud)t  ber  ©rfdietnung  ©fjrtfti  betrautet. 
lln§  aber  ift  nid)t  nur  biefeS  gemifj,  ba%  unfere  £l)etlnat)me 
an  bem  Ij.  (Seift  au<$  rDtrftict)  su  bem  gebort,  beffen  mir  un£ 
al§  buref)  (£l?riftum  mitgeteilt  bemüht  finb ;  fonbern  audj  bafj 
in  ßbrifto  aEe§  oon  ber  abfoluten  unb  auSfcbliefjenben  kräftig* 
feit  feinet  (SotteSbemufjtjetng  ausgebt.  Unb  menn  mir  auf 
ber  anbern  Seite  unfer  ©elbftbemufetiein,  mie  e§  noc§  unfern 
Slntbeil  an  bem  ©eiammfleBen  ber  ©ünbtjafttgfeit  barfteÜt,  in 
Betrachtung  sieben:  fo  finben  mir  barin  fo  vielerlei  Sntereffen 
ber  lebtglicö  einzelnen  aber  auc^  ber  ermeiterten  $erfönlidjleit. 


240  2>er  c^riftlictje  ©laube.  3tueiter  Sfjell. 

bafj  ba§  reine  ®attung§bettmfjtfetn  al§  ^m^ul§  gebenb  ft<$ 
eben  fo  menig  geltenb  machen  fann,  nn'e  ein  unter  anberer 
gorm  abgefafjte§  (Stttengefes,  fonbern  nur  ai§>  ©ebranfe  bient 
für  bie  berfönlidje  unb  erweiterte  ©elbftfudjt.  51Herbing§  alfo 
ift  erft  bureb  ©briftum  al§  (Stifter  einer  foterjen  Sßerbinbung, 
meiere  alle  9ftenfdjen  umfaffen  fann,  unb  tnbem  fte  ftd)  ben 
(ginselnen  aneignet,  e§  in  üjm  lebtglic^  auf  ben  SDienfdjen 
fd)Iect)tt)tn  abgelesen  5at,  ba§  ($5attung§bemufjtiein  mit  bem 
©otteSbemufjtfein  ^ugleic^  unb  in  Söesug  auf  baffetbe  sunt 
kräftigen  Impuls  geworben,  ©ben  beStmlb  aber  ift  e§  in 
biefer  ®räftigfeit  nifyt  ein  natürlichem  $rinctp,  roelct)e§ 
ftdj  au§  ber  menfdjltcben  üftatur,  raie  fte  obne  ©briftum 
geblieben  fein  mürbe,  bon  felbft  mürbe  entmiffett  fjaben.  SSieU 
mebr  fennen  mir  baffetbe  nur  atö  bie  urfbrünglicbfte  Sleufjerung 
be§  b-  ®eifte§,  al§  SBemufjtfein  ber  in  eilten  gleiten  ©rlöfungS« 
bebürftigfeit  unb  auä)  in  Sitten  gleiten  gäbigfeit  in  bie 
£eben§gemeinfd)aft  GHjrifti  aufgenommen  ju  merben,  unb  bie 
allgemeine  SKenfcrjenliebe  nur  al§  eins?  unb  baffetbe  mit  bem 
Sßotfen  be§>  9?eid)e§  (55otte§  in  feiner  ganzen  9lu§befjnung. 
Unb  nur  in  biefem  (Sinne  finb  un§  ber  (Semeingeift  ber  djrtfc 
liefen  ®ir$e  unb  bie  allgemeine  SÖtenfctienliebe  in  jebem 
Triften  al§  Siebe  §u  benen,  meiere  bem  D^eictje  ©otte§  fä)on 
eingebürgert  finb,  unb  äu  benen,  melden  biefer  3lntt)eil  merben 
fott,  berfetbe  Sine  tjeilige  ©eift. 

§.  122.  2)er  ^eilige  @etft  formte  als  biefer  ©entern* 
geift  erft  nad?  ber  Entfernung  (Sfyttjti  toon  ber  @rbe  öoH* 
ftänbig  mitgeteilt  unb  aufgenommen  tuerben. 

1.  dergleichen  mir  biefen  Saj  mit  bem,  ft>a§  hierüber 
am  'bäufigften  gebort  roirb,  unb  nidjt  nur  in  ber  Sßebanblung 
be§  ®egenftanbe§  bor  ber  (Gemeine  fonbern  audj  in  ber 
öffentlidjen  Seljre  borfjerrfcbenb  niebergelegt  ift,  mo  nämlich 
ba&  5lu§geben  be§  ©eifte§  attmr  in  ber  £rinität§Iebre  alS 
seittoS  unb  eroig  gefegt,  aber  bie  5lu§giefeung  beffelben  al§ 
Einfang  feiner  Söirffamfeit  in  ber  ä)riftlid)en  ®ird)e  erft  an 
bie  S8egebent)ett  be§  93fingfttage§  gebunben  mirb:  fo  mürbe 
äunäcbft  ba$  §u  bertbeibigen  fein,  bafj  borber,  mie  bier  roenigften§ 
angebeutet  mirb,  berfelbe  beilige  (Seift  roenigften3  unOotlftänbig 
fott  mirffam  gemefen  fein.  9?un  ift  freilieb  tuabr,  bafj  (£briftu§ 
felbft  feinen  Eingang  jur  Söebingung  maebt  oon  ber  (Senbung 
be§  (SeifteS,1  aber  eben  fo  roafjr  bafj  er  üjn  ibnen  felbft  febon 


Soij.  16,  7. 


Stoeiter  Stbfdjnitt.  SSon  ber  SBefdjajfenljelt  ber  Sßelt  :c  241 

t>or  fetner  gängli^en  Entfernung  bon  ber  (Srbe  mitgeteilt 
bat,1  ja  bafc  er  ibn  aucb  fcbon  früher  bei  ibnen  beraubtest; 
benn  ma§  auf  Gnjriftum  ftd)  begiebenb  eine  göttliche  Offen* 
barung  in  ber  (Seele  ift,2  baZ  ift  aucb  ein  Söerf  be§  ©eifte§; 
unb  biefe  berfdjiebenen  9lu§fagen  ftimmen  rool  nidjt  leidet 
onber§  überein,  al§  menn,  ma§  (£brtftu§  fie  bei  feiner  Fimmel* 
fabrt  in  ^erumlem  ermarten  biefe,3  nur  bie  bößige  (Sättigung 
mit  Meiern  ©eifte  mar.  ©eben  mir  nun  Don  ber  (£rflärung 
au§,  ber  beüige  (Steift  fei  bie  innerfte  £eben§rraft  ber  d)riffc= 
liefen  ®ircbe  a\§  eine§  ©ansen:  fo  muffen  mir  aucb  auf  bie 
beiben  urforünglicbften  Seben§regungen  §urüffgebn,  nämlich 
bie  lebenbige  (Smpfänglidjfeit  unb  freie  (Selbfttbätigfeit,  beren 
iBe^iebung  auf  einanber  erft  ba$  Seben  conftituirt;  fo  bafj  e§ 
um  befto  bollfommner  unb  entmiff elter  ift,  je  größer  ba8 
Gebiet  einer  jeben  ift  unb  je  genauer  fie  einanber  entfpreeben. 
%n  bem  Bufammenfein  ber  jünger  mit  ©brtfto  entmiffelte 
ftet)  tbre  ©mbfänglicbfeit;  unb  burdj  itjr  au§barrenbe§  5luf- 
faffen  beffen  ma§  er  üjnen  barbot,  mürbe  ber  (&runb  §u  ibrer 
fünftigen  SSirffamfeit  für  ba§  fReictj  ©otte§  gelegt,  ©aber, 
inbem  fie  tbr  5luffaffen  aucb  gans  auf  ba§  bon  dbrifto  Der* 
fünbigte  SReicb  ©otte§  belogen,  erfannten  fie  aucb  biefe 
(Embfänglicbfeit  jeber  in  ben  Önbern  al§  baffelbige  auf  gleidje 
28ei[e  in  Gittert  begrünbete  unb  unterbotene;  unb  inbem 
unter  ibnen  eine  ®emeinfcbaft  ber  Sluffaffung  ftattfanb,  unb 
aucb  jeber  bie  Zubern  bor  (Sbrifto  in  grage  unb  Slntmort 
rebräfentiren  tonnte,4  geigt  ftcb  biefe  ©mpfänglicbfeit  al§  ber 
eine  mefentlicbe  Factor  be§  (55emeingeifte3,  in  melcfjem  (Sinn 
aucb  bie  redjte  5luffaffung  (£brifti  fcbon  bem  beiligen  ®eift5 
sugefebrieben  mirb.  SBogegen  ibnen  bamal§  eine  eigentliche 
(Selbfttbätigfeit  nod)  niebt  sufam;  fonbern  ma§  ibnen  (Sbriftuä 
in  biefer  $lrt  gumutbete,  ba$  mar  nur  eine  übenbe,  ntcrjt  bit 
au§übenbe,  eben  be§balb  aucb  nid)t  bie  freie  fonbern  nur 
eine  §u  jeber  ^leufeerung  noeb  eine§  belonberen  2Inftofce§  be= 
bürftige  Selbfttbätigfeit.  ©inen  Uebergang  jur  Sßottftänbtg- 
feit  berfelben  seigt  un§  bie  eben  angefübrte  SJttttbetlung  be§ 
<$5eifte§  in  ben  Etagen  ber  9luferftebung.  ®enn  ba$  richtige 
SSebalten  unb  Vergeben  ber  Sünbe  ift  ber  £>auptfacbe  nad) 
nur  eine  Sleufjerung  ber  riebtig  gebilbeten  (£mbfänglicbfeit  für 


1  Soft.  20,  22.  2  2ttattt).  16,  17. 

3  2U>.  ©efcö.  1,  4.  5.  8. 

4  ajiattö.  16,  16.     Sob,.  14,  8—9,  11  ftgb. 

5  1  $or.  12,  3. 

@c§l..Wftl.@Ml.  16 


242  $er  cf>rtftlirf)e  ©taube.  3tociter  £f)ell. 

ba$,  h?a§  fiel)  auf  ba$  SKeidj  ©otte§  besteht:  aber  inbem  biefe 
5leufjerung  nid)t  benfbar  ift  oljne  eine  tftüffwirfung  auf  ben, 
beffen  ©ünbe  bergeben  Wirb  ober  bebalten,  fo  enthält  fte 
fdjon  einen  Uebergang  jur  freien  <Selbfttl)ättgfeit ;  unb  offene 
bar  prägt  ftcb  in  bieten  Sleufeerungen,  bon  benen  borauggefest 
wirb,  bafj  fte  barin  etnmütbtg  fein  Serben,  bie  (Smpfängltcfc 
feit  auf  ba$  beftimmtefte  als  ©emeingeift  au§. 

2.  Sßar  aber  ber  ©emeingeift  unbottftänbig,  fo  lann  audj 
jur  Seit  be§  perfönlicben  £)afein§  (£fjrifti  baä  ©efammtleben 
fein  boIIftänbigeS  gewefen  fein,  Worin  ftd)  bamalä  ba§  Sfteidj 
®otte§  barfteHte;  unb  auet)  bie§  war  in  ber  Xfyat  ber  gatf. 
3)enn  ein  ©efammtleben  ift  nodj  um  fo  weniger  ein  (Semem* 
Wefen,  je  meljr  e3  bon  einem  einzelnen  Seben  abbängt.  2)enn 
tljeilS  ift  e3  bann  ni$t  basu  gerüftet  im  SSec^fel  bon  Stob 
unb  ©rseugung  immer  baffelbe  ju  bleiben,  tt)eil§  auet)  foH  ein 
©efammtleben  swar  GrineS  fein  aber  nidjt  ein  ©inselner.  $e 
mefjr  aber  5llle  bon  Gsinem  abhängen,  unb  ieber  bon  biefem 
feine  Bewegung  erhält:  um  befto  meljr  ftnb  OTe  nur  feine 
Söerfjeuge  ober  ©liebmafjen ,  unb  ba§  ©ange  nur  eine  (Ün> 
Weiterung  biefer  (£inen  $erfönti<$feit.  Ober  Wenn  man  audj 
auf  bie  Mannigfaltigkeit  ber  einzelnen  Seben  fetjen  will:  fo 
gleist  baä  ©anje  meljr  einer  £>au§gefellfct)aft  ober  einer 
<Sdutle  al§  einem  ©emeinwefen.  ©o  betrachteten  bie  Sllteu 
jeben  (&taat,  in  welchem  Wie  unbebingt  bem  SBitten  eines 
(Sinsetnen  unterworfen  ftnb,  at§  ein  erweitertet  £au§wefen, 
worin  ftdj  bitte  belebte  Sßerfseuge  nadj  bem  Befeljt  eine§ 
(Sinnigen  bewegen;  unb  ©dmle  ift  unliebes  geiftige  ©efammt- 
leben,  meld&eg  ganj  an  ber  £)enffraft  unb  BerfnüpfungSweife 
eine§  (Smseinen  fjängt,  welche  mebreren  gemeinfam  aufgeprägt 
Wirb.  Unb  fo  war  atferbina§  audj  ba§  Bufammenfein  (Sbrifti 
mit  feinen  Jüngern  auf  ber  einen  (Seite  eine  £>au3genoffen* 
fc^aft,  auf  ber  anbem  (Seite  eine  (Sc&ule.  (Sin  £>au3wefett 
aber  jerftreut  ftcb  mit  bem  £obe  be§  £>au§ljerra,  unb  wenn 
nietjt  ein  neues  Banb  für  bie  ©lieber  beffelben  ftet)  fd)lingt, 
fo  jerftreuen  fie  ftd)  einzeln ;  unb  audj  in  einer  (Schule,  wenn 
nidjt  ein  anberer  gemeinfamer  ^mpul§  eintritt  al3  bie  ur* 
fprünglicfce  Sefjrbegierbe  unb  SIntyänglidjfeit,  finbet  nad)  bem 
£obe  beS  ÜD?eifter§  feine  weitere  gortentwtfflung  '{tatt,  fonbern 
tue  frübere  Bereinigung  berliert  ficr)  attmäbüg.  Unb  fo  finben 
wir  bie  jünger  nad}  bem  $obe  ßfjrifti  im  begriff  ftdj  su 
aerftreuen,  unb  bi§  su  feiner  Himmelfahrt  bie  (Stetigfett  iljreS 
3ufammenfein§  unterbrochen  unb  jur  bölligen  (Seftaltloftgteit 
berringert.    (£§  burfte  aber  mätjrenb  be3  SebenS  (£ljrifti  nidjt 


Steuer  Slbfcfjnttt.  SSon  ber  Seftfjaffenfcit  ber  Sßclt  tz,  243 

anberS  fein,  als  ba%  ^eber  Ijauptfädjlid)  an  ifjm  Ijing  nnb 
öon  ü)m  empfangen  mottte,  oljne  ba%  einer  fidj  reif  gebalten 
§ätte  sn  freier  |©elbfttt)ätigfeit  in  bem  m  bübenben  Sfteic^e 
GJotteS. 

3.  9hm  fonnte  freilidj  ^emanb  fagen,  menn  mir  nidjt 
baS  feftljalten  motten,  ba%  ber  ^eilige  <S5etft  eine  gan§  eigen- 
t&ümltdje,  menn  aud)  burd)  Gfjriftum  bebingte,  bo$  nid)t  fo 
mit  feinen  früheren  Gttnmirfungen  sufammentjängenbe  göttliche 
äftittfjeilung  fei:  fo  fei  aud)  ber  Unterfdjieb  nid)t  faltbar, 
ber  liier  geltenb  gemacht  merben  foU.  2)enn  unfren  eignen 
SbiSfagen  nad)  gebe  in  ber  SebenSgemeinfdjaft  ber  Sßieber* 
geborenen  mit  ©brifto  aHe§  immer  öon  lejterem  auS,  mithin 
fei  audj  jest  in  jebem  ftreng  genommen  nur  (£mpfänglid)feit 
nnb  ntdjt  <& elbfttf)ätigf dt  2)aber  fei  audj  baS  ®efammtteben 
je§t  ni<it  metjr  als  bamalS  ein  ($5emeinmefen ;  benn  bie 
©elbfttfmtigfeit  fei  aud)  bamalS  fdion  mie  jest  ootffommen  in 
(£t)rifto  gemefen,  nnb  baS  gufammenleben  ber  ©laubigen  fei 
aud)  lest  nur  gegenfeitige  9ftittf)eilung  beffen,  maS  ^eber  bon 
(Sfjrifto  empfangen  ^at.  2lHein  herauf  ift  su  entgegnen,  ba% 
al§  mir  bie  2lrt,  mie  bie  (Srlöfung  fid)  öermirflidjt,  nur  in 
bem  einzelnen  SDienfdjen  für  fidj  anfcbauten,  bk$  eine  unooH= 
ftänbige  ^Betrachtung  mar,  bei  ber  mir  auf  bie.  gegenmäitige 
öonborn  fjerein  baburdj  öermiefen,  ba%  mir  fagten,  fdjon  bie 
öorbereitenben  ©nabenmirfungen  tarnen  jebem  auS  biefem 
©emeinmefen.  ©afe  nun  in  ben  SBiebergebornen  alleS  üon 
(£f)rifto  ausgebt,  baS  galt  bon  ber  Ü0ctttl)eitung  feiner  un* 
fünblidjen  Sßottfommenbeit,  meiere  nur  in  bem  reinen  auf  baS 
Sfteid)  $otteS  gerichteten  SSitten  befielt;  in  ben  einzelnen 
3m  eff  begriffen,  fagten  mir,  fei  biefe  fdjon  nid)t  meljr. 
fragen  mir  alfo,  mie  unS  auS  ienem  reinen  SSitfen  bit  ein* 
seinen  3meffbegriffe  entfielen:  fo  gefdjiebt  MeS  nur  in  bem 
©efammtleben.  2)enn  unmittelbar  merben  fie  feinem  meljr 
oon  ©brifto  gegeben,  unb  feinem  mirb  etmaS  einsein  bon 
©fjrifto  befohlen,  mie  eS  bamalS  ben  Jüngern  gefdjalj; 
foubem  mie  fein  ©injelner  etmaS  altein  ausrichten  fann  im 
föeidje  ®otteS,  fo  fann  audj  in  feinem  tin  3*oeff begriff  sur 
mirflidjen  ®eftaltung  fommen,  als  bon  metdjem  er  borauS* 
fieljt,  ba%  er  bon  2tnbem  merbe  unterftüst  merben,  alfo  als 
moju  aud)  in  Stnbern  fdjon  ber  ®eim  liegt.  Unb  burd)  jeben 
folgen  gemeinfamen  ^mpulS  mirb  miebemm  nur  fooiel  mirf* 
lidj  geförbert,  als  ein  richtiges  (Semeinbemufjtfein  babü  sunt 
<5*runbe  lag.  Jpier  ift  alfo  in  ben  (Sinselnen  nidjt  nur  Im* 
j>fänglid)feit,  unb  feine  mirflidje  tljätig  eingreifenbe  (Selbft* 

16* 


244  &er  ctjviftltcfje  ©taube.  3toelter  SE&ell. 

tbätigfeit  tft  nidjt  nur  bie  burdj  iljn  binburcfjgebenbe  ^tjätig* 
fett  (Xfjrifti;  aber  ber  in  biefer  @elbfttf)ätigfeit  ftd)  äufeernbe 
(Stemeingeift  ift  nur  infofern  ber  ^eilige  ®etft,  alg  bie  ein= 
geleitete  &jjätigfeit  in  ber  gortfeaung  ber  £bätigfetten  GHjriftt 
liegt.  21ud)  ift  bie  ©mpfängltdtfeit  ber  Gsinaelnen  ntd)t  mefjr 
mie  su  ben  Betten  be§  SebenS  (£brifti  nur  bie  für  ba§  un= 
mittelbar  bon  (£fmfto  auSgebenbe,  fonbem  fte  ift  aucf)  (£m= 
pfänglicbfeit  für  bie  ©elbfttljätigfeit  ber  Slnbem.  —  Söotten 
mir  nun  audj  hierauf  ben  allgemeinen  ®anon  anroenben,  bafj 
atte§,  roa§  mefenttid)  mit  unferm  5lntbeil  an  ber  ©rlöfung 
äufammenbängt,  in  un§  eben  fo  fein  mufc  mie  in  ben  erften 
Jüngern:  fo  rcerben  mir  fagen,  bafj  fo  lange  alle  <5etbft= 
tbättgfeit  nur  in  (£&rifto  gerne) en,  in  ibnen  aber  nur  (Sm* 
pfänglidifeit,  fei  aud)  ba§  Sftetdj  ®otte§  im  engeren  ©um 
[nur  inStjtifto  allein  gemefen;  bie  jünger  aber  fjätten  nur  ben 
äufeeren  ®ret§  ber  oorbereitenben  (SJnabenmirfungen  reorä= 
fenttrt,  in  meinem  audj  nur  (£mpfängüd)feit  ift.  Unb  eben 
fo  nue  bamatS  in  ben  Jüngern  mufj  ft<$  audj  iegt  in  Gebern 
bie  erinnernbe  Sluffaffung  ©btifti  sur  fetbftttjätigen  %la& 
bilbung  geftatten,  unb  biefe  gemeinfame  Sitten  einmobnenbe 
unb  in  ßebem  burd)  TOe  ftd)  beridjtigenbe  bie  perfönücbe 
£bä'tigfeit  fortfeaenbe  (Selbfttfjätigfeit  in  ifjrer  (gtntjeit  unb 
©elbigf eit,  bie  mir  mit  oottem  9?ed)t  ben  (Stemetngeift  ber 
d)riftlid)en  ®ird)e  nennen,  entfprid)t  allem,  ma§  (£briftu§ 
öon  bem  ^eiligen  (Steift  berbeifjt,  unb  raa§  al§  feine  SBirfung 
bargeftellt  mirb.  $ltte§  aufammenfaffenb  merben  mir  baber 
fagen  tonnen,  mie  ftd)  in  ben  Jüngern  nadj  ber  Entfernung 
<£i)rifti  ibre  gemeinfame  Sluffaffung  feiner  in  eine  fetbfttbätige 
gortjesung  feiner  ®emeinfd)aftbitbenben  3:t}ättgfeit  umfejte, 
unb  erft  baburdj  bafj  biefe  fo  auf  bie  fijirte  Sluffaffung 
(£briftt  bejogen  jum  unoergänglicben  (Stemeingetft  mürbe,  bit 
djrtftlicbe  Strebe  entftanben  ift:  fo  mufs  aud)  Sebem,  ber  in 
bem  Greife  ber  oorbereitenben  ®nabe  burd)  bie  SBirfungen 
be§  d)riftlid)en  £eben§  auf  um  unb  in  ber  3)urd}ftrömunj 
ber  ^bätigfeit  Slnberer  burd)  i&n  biefen  d)riftlid)en  ($temetn= 
geift  nur  al§  (£mpfängüd)feit  befafj,  ebenfalls  fo  mie  burdj 
ben  (glauben  baä  SBalten  be§  9feid)e§  ®otte§  in  ifjm  be* 
grünbet  ift,  fein  Sßeattgnebmen  auf  bie  in  bem  (Stefammtleben 
fijirte  Sluffaffung  Sbrifti  ftd)  in  fo!ct)e  (Selbfttbätigfeit  um= 
fe^en;  unb  bie§  ift  bie  SQcittbeilung  be§  göttlichen  (SteifteS. 
Siefee  ftcb  nun  bie  recbtfertigenbe  göttliche  Jbätigfeit  benfen 
unter  ber  gorm  bon  einselnen  göttltcben  ^anblungen:  fo 
müfeten  mir  fagen,  bnfj  jegt  biefe  95cittbeilung  gleic^fam  ber 


Stociter  Stöfänttt.  Son  ber  $eföaffen$ett  ber  »Seit  :c.  245 

leste  Moment  biefe§  2Icte§  für  ieben  fei,  31t  2eb§etten  (£ljrifrt 
aber  fei  biefer  teste  Stet  gleid)[am  aufgefdjoben  morben  bi$ 
nad)  [einer  (Entfernung  bon  ber  (Erbe.  ®a  nur  aber  feine 
einseinen  unb  seitlichen  göttlichen  Slcte  amteljmenb  su  einer 
folgen  barabojen  formet  nietjt  genötigt  finb :  [0  Serben  nur 
bie  ©leitf^eit  smitrfjen  ben  erften  Jüngern  unb  un§  thtu 
fotuol  au§brüffen  tonnen,  menn  mir  fagen,  fie  hätten  audj 
äur  Seit  (Sbrtfti,  eben  meil  fie  in  feiner  SebenSßememfdjaft 
aufgenommen  gerne]"  en,  audj  ba§  $rincib  be§  neuen  Seben§ 
fc&on  nietjt  nur  al§  (Empfängticfjfeit,  fonbern  aud)  als  ©elbft* 
tfjätigfeit  gehabt,  nur  bafj  btefe  fo  lange  fie  (Sbriftum  unter 
fid)  Ratten  gan§  in  bem  fortgefesten  SBiUen  bon  if)m  su  em* 
pfangen  aufging,  mithin  ein  maljrfjaft  gemeinfame§  erft  tjer* 
nactj  merben,  unb  fid)  al§  tjeiliger  ©eift  manifeftiren  fonnte. 
SHefe  Berbältniffe  ftnb  e§,  bit  in  ben  folgenben  Setjrfäsen 
genauer  f  ollen  entmiffelt  werben. 

§.  123.    (grftet  Se$tfa&.    $er  fettige  ®eift  ift  bie 
Bereinigung  be£  göttlichen  2öefen<3  mit  ber  menfcfylicfyen 
9catur  in  ber  gorm  be3  baä  ©efammtleben  ber  ©laubigen  | 
befeelenben  ©emeingeifte<o. 

1.  SSie  mir  in  ber  Seljre  bon  (Efjrifto,  al§  mir  bie  Ber* 
einigung  be§  göttlichen  mit  bem  menfd)tid)en  in  feiner  $erfon 
bebanbelten,  bie  §rage  gans  bzi  ©eite  geftellt  Ijaben,  ob 
btefe§  göttliche  abgefefjen  bon  ber  Bereinigung  mit  ber 
menftfjtidjen  Statur  etma§  al§  smeite  $erfon  ber  ©ott&ett 
befonbereS  unb  relatib  QefdjtebeneS  in  bem  göttlichen  Sßefeit  I 
gemefen  fei  unb  notf)  fei  ober  ntetjt:  fo  muffen  mir  audj  t)ier, 
tnbem  mir  eine  är)nüct}e  formet  für  ben  ^eiligen  ©eift  auf* 
ftetten,  bk\z  Betrachtung,  otmeradjtet  un§  bk  £)reifjeit  iejt 
bottftänbtg  gegeben  ift,  bennod)  gleichfalls  aufgelegt  fein 
laffen,  inbem  für  biefen  Drt  nur  gehört,  bon  biefer  Be* 
sieljung  sroifd)en  bem  pdjften  SBefen  unb  ber  menfdjlidjen 
Statur,  fofern  fie  mit  tfjren  Söirfungen  in  unferm  djriftltdjen 
©elbftberoufjtfein  borfommt,  3«  banbetn.  2)a  nun  bie  2Bir* 
fungen  berfelben  erft  in  bem  nädiften  ipauptftüf!  bottftänbtQ 
nacrjgemiefen  merben,  unb  ber  Sjnljalt  be§  folgenben  216* 
jefmitteg  un§  aud}  fcfjon  angemiejen  morben:  fo  lann  ba§ 
3ujammenf äffen  biefer  Berljältniffe  in  ber  £rinität§le§re  erft 
an  bem  ©djlufj  unfrer  ganzen  ©arfteüung  $las  finben. 
etma§  anbere§  aber  muffen  mir  rjier  fcpn  bebormorten. 
Unjere  (Erflärung  nämlid)  ift  gar  nifyt  gemeint  alle  ©teilen 


246  ©er  djriftlid)e  ©laubc.  Stocttcr  S^cil. 

in  unfern  b  eiligen  <Sd)rtften  ju  umf äffen,  mortn,  unb  eben  fo 
roenig  alle  91rten,  mie  in  bogmatifcben  SSerbanblungen  biefer 
3lu§bruff  borfommt,  fonbern  h)ir  baben  e§  l)ier  nur  mit  bem 
beiligen  (Seift  in  ber  djriftlidjen  ®ird)e  zu  tbun,  unb  laffen 
e§  gang  babingeftellt  fein,  ob  ber  2lu§bruff  aufjer  btefem  SSer= 
jjältntfe  gebraust  baffelbe  bebeute  ober  ntct)t.  £)ie§  beifjt 
aber  fobiel,  bafc  für  un§  nicbt  baffelbe  ift  mit  bem  t)ter  au 
bebanbelnben  ber  beilige  (Seift,  bem  ein  5lntt)eil  an  ber 
(Schöpfung  ber  materiellen  SBelt  sugefd^rieben  mirb,1  ober 
au§  beffen  (Einmobnung  ausgezeichnete  Talente  allerlei  $lrt 
entfpringen,2  ja  aud)  ber  nid)t,  bon  bem  hd  ber  SWenfdjs 
merbung  ©fcrifti  ©rmäbnung  gefdjte&t,  menigften§  nicbt  fofern 
ibm  eine  bt)bjifd)e  SBirfung  babei  sugefdjrieben  mirb,8  fo 
genau  übrigen^  aud)  biefe  an  ftcb  mit  ber  <$riftlid)en  ®ird)e 
sufammenfjängt.  %a  aud)  ben  ©bracbgebrauclj  fonbern  mir 
ab,  nadj  meinem  ber  beilige  (Seift  fcbon  bor  ber  ©rfcbeinung 
Sbrtfti  al§  in  ben  Sßrdbljeten  tbätig  gemefen*  bargefteüt  mirb; 
;  bannt  mir  nidjt  genötigt  merben  ben  (Semetngeift  ber  jübifdjen 
I  Sbeofratie  unb  ben  ber  djrtftlid)en  ^irctje  §u  ibentificiren. 
Unb  hierin  fjaben  mir,  fo  fetjr  audj  ber  23u$ftabe  entgegen 
jn  fein  fdjeint,  bocb  ben  (Seift  ber  neuteftamentifdjen  Ijeiligen 
(Scfcrift  für  un§.  ®enn  in  ßbrtfti  $erl)etfjungen6  be§  (Seifte§ 
ber  SSaljrbeit  ift  aucb  nid)t  ber  leifefte  Slnflang  babon,  bafj 
biefer  etmaS  fdjon  früher  ha  gemefene§  unb  nur  eine  Bett  Ijer 
berfcbraunbeneS  fei,  ober  überhaupt  ba%  er  nod)  irgenb  etma§ 
fei  aufjer  für  bie  Sünserfdjaft  ßbrifti.  2ludj  mären  bie 
jünger  bann  offenbar  ^robbeten  gemefen,  unb  (£briftu§  f)ättt 
fcbmerlidj  fagen  tonnen,  bafj  bie  Sßrobbetie  mit  $obanne§  ab- 
gefcbloffen  fei.6 

2.  (Seim  mir  nun  —  borläufig  mit  Söeifeitfesung  beffen 
ma§  mir  in  ben  beiben  legten  ©ä^en  aufgeteilt  Jjaben  — 
barauf  jurüff,  bafs  in  ber  SHrc&e  bon  jetjer  unb  fo  aud)  fdjon 
in  ben  neuteftamentifdjen  <Scbriften  alle  in  ber  cbriftiicben 
®ird)e  roirffamen  Gräfte,  nicbt  etma  nur  bie  SBunbergaben, 
benn  biefe  finb  fykbei  ganj  zufällig,  auf  ben  Ijeiligen  (Seift 
surüffgefübrt  morben  finb,7  unb  fragen  roa§  bamit  bon  ieber 
fei  gemeint  gemefen:  fo  mirb  fotgenbeS  mol  muffen  jugeftanben 
merben.    Buerft  bafj  fie  nid)t  etma  aueb  aufjerljalb  ber  ebrift* 


1  ©ett.  1,  2.     «Pf.  33,  6.     23Qt.  Augustin.  de  Gen.  ad  litt.  cap.  4. 

*  2  Sttofeg  31,  2—5.  8  SKatttj.  1,  18.     Suf.  1,  35. 

4  Qef.  34,  16.    61,1.   9tttd)a3,  8.  6  Soft.  14,  16.  17.    16,  7.  flgb. 

*  SKatUj.  11,  13.  Suf.  16, 16.  7  1  ßor.  12.  (£p£.  1,17.  2  Sim.  1, 7. 


Stodter  Sttfönttt.  S8on  ber  ©eföaffen$ett  ber  SBelt  jc.  247 

tidjen  ®trd)e  su  ftnben  finb,  unb  ftd)  mithin  roeber  burd) 
bie  allgemeine  ©mrtdjtung  ber  menfd)lid)ett  Statur  and) 
anbermärtS  entmiffeln  —  benn  fonft  märe  \a  audj  (£fjriftu§ 
uberflüfjig  —  nod)  auctj  oon  irgenb  einer  anbem  göttlictjett 
$eranftaltimg  aus.1  ,ßmeiten§  bafe  bieder  ©eift  rttctjt  etma 
amar  cttoaS  übernatürlich  unb  gebeimnifjöotfeg  ift  aber  bo<$ 
4rt#t  unmittelbar  göttlich,  fonbem  ein  §ö{jere§  äroar  aber 
bocrj  er[c^affene§  unb  mit  bem  9D?enfd)en  auf  Verborgene  SSeife 
ftcr)  in  SBeateljühg  fesenbeS  SÖefen.  ®ie§  Ijat  bie  djrtftlidje 
®trd)e  mit  IHed^t  auf  biefelbe  Sßeife  unb  in  bemfelben  ©inn 
bermorfen  mie  alle  arianiftrenben  SSorfteUungen  toon  ©t)rtfto. 
2)enn  mie  in  GHjrifto  auctj  ba$  menfcfjtidje  nid)t  me&r  menfd)= 
lief)  (ein  mürbe,  menn  mir  e§  un§  mit  einer  Ijö^eren  Statur 
pfammenbenfen  müßten  in  Gnner  $erfon:  fo  mürbe  aud) 
unfer  eignet  unb  aller  (Gläubigen  Seben  nidjt  meljr  al§ 
metifd&lidj  äufammenfjängenb  erfc^einen,  menn  mir  unfer  $8e^ 
roufjtfein  unb  £>anbeln  beftimmt  benfen  fottten  burd)  GHnftüffe 
einer  übermenfc^lic^en  üftatur.  3)ritten§  bafc  aber  aud)  ber 
^eilige  @eift  nicbt  etma  sroar  etroa§  göttliches  ift,  aber  nidjt 
mit  ber  menfcrjücben  9catur  Dereinigt  fonbern  nur  auf  biefelbe  i 
irgenbmie  bon  auften  mirlenb.  2)enn  bon  aufjen  gerjt  nur  I 
burcl)  bie  ©inne  etraa§  in  un§  ein,  roa§  aber  gu  unfern 
ipanblungen  immer  nur  bie  SSeranlaffung  roirb;  mie  aber 
uun  auf  biefe  SSeranlaffung  gefjanbelt  mirb,  b&Z  ift  eine  bon 
innen  au3gef)enbe  Söeftimmung,  jene§  ©ebiet  aber  gar  ntctjt 
ba$  be£  tjetligen  ($5eifte§  fonbern  nur  biefe§.  SDafj  un§  bie 
ißeranlaffungen  bon  aufjen  gegeben  roerben,  Ijinbert  bie  (Sin* 
beit  unferes?  (SetbftberoufjtfeinS  unb  unferer  (Selbftbeftimmung 
uid)t;  biefe  GHnbeit  märe  aber  fogleict)  aufgehoben  menn  un§ 
löeftimmungen  bon  aufeen  gegeben  mürben.  Unb  giebt  e§ 
(ScftriftfteUen  aröfjtentbeits?  burd)  ben  brobt)etifctjen  ©pracrj~ 
gebrauctj  beftimmt,  meldje  eine  folctje  äufjere  Söirfung  budj* 
ftäbüdj  zu.  behaupten  fdjeinen,2  fo  merben  biefe  eben  jo  be* 
itimmt  ben  93ud)ftaben  anberer  ©teilen  gegen  fictj  Ijaben.* 
(5§  läfet  ft$  audp  gar  nictjt  benfen  mie  bie  ©aben  beffelben 
lönnten  in  un§  fein,4  er  felbft  aber  foßte  aufeer  un§  fein  unb 
bleiben ;  eben  fo  menig  mie  er  foßte  bon  aufjen  auf  un§ 
mirfen  tonnen  anber§  al§  mittelft  menic^lic^er  Ütebe  unb  2)ar^ 
fteüung,  meines  ja  fjdfjt  in  fofem  er  in  einem  anbern  ift 


1  ©al  3,  2—5.  '  2tp.©efc^.  1,  5.    2,  3.    8,  29.  39.  10, 19.  44. 

3  2ftatf.  13,  11.     SRöm.  8,  9.  11.     1  fior.  6,  19.     ©al.4,  6.    3at  4,  5. 
*  1  flor.  12,  7. 


248  2>er  d)riftli$e  ©taube,  gtoeiter  Sfjett. 

unb  wirft.  5luf  Wen  er  aber  wirft,  ber  tft  baburdj  nodj  nidjt 
feiner  tbeittjaftig ;  fonbern  nur  in  Wem  unb  auS  Wem  er 
wirft,1  ber  tjat  üjn  empfangen.  Unb  fo  wirft  er  auct)  in 
einem  $eben  bie  (Saben,  unb  mir  ftnb  unS  nictjt  ber  (Saben 
jwar  als  innerer,  ber  Äraft  aber  meldte  fie  bewirft  als  einer 
äußeren  bewufjt;  fonbern  mir  unterfdjeiben  benienigen  auf 
ben  noct)  ber  (Seift  nurft,  als  einen  in  meinem  nod)  feine 
CSaben  gewirrt  ftnb,  bon  bem  im  <5tarib  ber  Heiligung  be* 
griff enen,  in  welkem  ber  betlige  (Seift  bie  (Saben  wirft* 
äftitljtn  ftnb  Wir  unS,  Wie  aud)  bie  «Schrift  faßt,  beS  (SeifteS 
unb  ber  (Saben  beiber  alS  eineS  innerlichen  bewußt;  ber 
(Saben  aber  als  anberer  in  51nberen,  beS  (SeifteS  fjingegen 
als  (SineS  in  Sßerfdjiebenen  otjneradjtet  ber  SBerfdjtebent)eit  ber 
(Saben.  £ierauS  folgt  nun  als  baS  Beugnifj  ber  erften  $8e* 
ftser  beS  beiligen  (SeifteS,  bafj  fie  benfelben  als  eine  eigen* 
tbümltdje  ieboct)  bon  ber  3lnerfennung  beS  «SeinS  (SotteS  in 
ßbrifto  ntcrjt  §u  trennenbe  göttlictje  SBirffamfeit  in  ben  ©lau* 
bigen  barftetten.  SöetbeS  tjängt  aber  aud)  genau  sufammen. 
2)enn  wäre  in  ber  $erfon  (£r)rifti  nicrjt  göttlidjeS  in  bit 
menfdjlidje  Statur  gefommen,  eS  Wäre  aber  in  ben  @>ahm 
beS  ^eiligen  (SeifteS  göttlictjeS:  fo  tonnte  biefeS  nictjt  bon 
(£t)rifto  ausgegangen,  fonbern  müfjte  einsein  auf  fcrjledjtljin 
wunberbare  Sßeife  mitgeteilt  Worben  fein.  2lber  bann  müfjte 
e§  audj  immer  Wieber  eben  fo  mitgeteilt  werben  fönnen,- 
oljne  ba%  jeboct)  wegen  ber  abfoluten  28tHfül)riidjfeit  ein 
folcber  bermeintlic&er  Söeftser  irgenb  einen  9lnl>ruct)  barauf 
mad>en  bürfte,  auct)  bon  Slnbern  als  foidjer  anerfannt  au 
Werben;  fo  bafj  grabe  baS  5lufeinanber  wirfen  unb  WiU 
einanber  wirfen  aufgehoben  würbe,  unb  jeber  ber  ben  tjeiltgen 
(Seift  r)ätte  *bn  aud)  nur  für  fidj  allein  t)ätte ;  welcbeS  bte 
®ird)e  bon  jeber  als  ü)rem  Söewufjtfein  wiberfpredjenb  ber* 
worfen  \)at  ©ottte  hingegen  burd)  (Sbriftum  (SöttlidjeS  in 
bie  menfd)ltd)e  Sftatur  zwar  gefommen  fein,  aber  eS  wäre  nacfr 
bem  SBerfdjminben  feiner  $erfon  ntct)t  aud)  in  ber  menftfjlicben 
Sftatur  auf  (£rben  geblieben :  fo  fönnte  audj,  in  berfelben  nichts 
bon  bem  geblieben  fein  waS  in  ßbrifto  bon  bem  ©ein 
©otteS  in  if)m  abhängig  War;  mitbin  gäbe  eS  feine  WliU 
tbeilung  ber  unfünbltctjen  23ottfommentjeit  unb  ber  ungetrübten 
©eiigfeit  (£r)rifti. 

3.    £)afj  alfo  mit  bem,  Wa§  in  ben  bortgeu  beiben  ©äsen 
al§  SluSjage  über  unfer  Söewufetfein  aufgeteilt  worben,  aud* 


).  ®efä.  10,  44—47.  "  ®al.  5,  22.     <£p$ef.  5,  9. 


ßtocitcr  Sftfdjmtt.  SSoit  ber  Sefdj  Offenheit  ber  SSelt  :c.  249 

ba§  Beugnifc  ber  erften  jünger  (Sbrifti  sufammen  ftimmt, 
lenktet  ein,  unb  e§  ift  nur  nodj  au§  beiben  ber  2lu§bntff 
unfereS  <Sase§  ju  rechtfertigen,  $ft  aber  ber  b.  (Seift  eine 
mirffame  geistige  ®raft  in  ben  «Seelen  ber  ©laubigen:  fo 
muffen  mir  entmeber  üjn  al§  mit  ber  menfdjlidjen  9?atur  in 
ibuen  berbunben  öorftetten,  ober  mir  muffen  bie  ©inljeit  ü)re§ 
$>afein§  aufbeben,  menn  fie  eine§  £beil§  folebe  fmb,  in  benen 
fi<$  bie  menfcblicbe  Statur  mirffam  ermeift,  anberntbeil§  foldje, 
in  benen  fid)  ber  öon  ber  menfeblicben  9catur  gefonberte 
Jj.  ®eift  mirffam  bemeift ;  meiere  Slnnabme  fo  febr  eine  gäns* 
liebe  Bertrennung  in  bem  menfcblicben  Seben  Ijeröorbräcbte, 
ba|  fie  bodj  nie  mürbe  aufredet  erhalten  merben  fönnen. 
Heber  eine  beftimmte  Sßirffamfeit  be§  t).  ©eifteg  ift  amar  bie 
Sbeorie  auf  eine  folct)e  ©piae  getrieben  morben;  aber  niebt 
al§  bkfe  SSirffamfeit  nod)  ftatt  fanb,  fonbem  erft  lange 
nadjbem  fie  aufgeprt  Jjatte.  3u  erlebigen  ift  alfo  nur  noeb, 
hak  biefe  Bereinigung  in  ber  gorm  be§  ©emeingeifteS  beftebt. 
2ltfe§  aber,  au<$  in  ber  menfcblicben  üftatur  menn  mir  fie 
unabhängig  öon  ber  ©rlöfung  betrachten,  ma§  in  allen  Snbiöi* 
buen  ber  (Gattung  al§  geiftige  ®raft  öotffommen  baffelbe 
unb  feiner  inbiöibualiftrenben  äftobtfication  fä^ig  ift,  öor 
allem  anbem  mitbin  bie  Vernunft,  feben  mir  ntctjt  al3  etma§ 
na<$  SDcaafjgabe  ber  ©maelmefen  öeröielfältigteS  an,  fonbern 
al§  in  OTen  unb  Gebern  baffelbige.  ©onbern  mir  nun  ben 
©eift  öon  ben  ©aben,  meiere  atterbing§  inbiöibueU  mobificirt 
unb  fcerfönlicb  finb:  fo  ift  gener  in  Sitten,  bie  feiner  tfytiU 
Ijaft  finb,  nur  (jtner  unb  berfelbe,  obne  öermebrt  au  merben, 
menn  ber  SDjeilneljmer  mehrere  ober  berminbert  menn  t&rer 
menigere  merben,  unb  obne  in  bem  ©inen  irgenb  etma§  au 
fein,  ma§  er  in  bem  Slnbern  niebt  märe,  aufgenommen  bafj 
er  in  bem  ©inen  fiel)  al§  berfelbe  fc^on  ftärfer  äeigt,  menn 
in  bem  Slnbern  noeb  febmäcber.  (£r  ift  aber  niebt  allein  in 
fofern  (Einer  in  51  Ken  al§  fein  Seben  unb  SSirfen  in  bem 
©inen  nicf)t  unterfebieben  merben  fann  öon  bem  in  bem 
5lnbera;  fonbern,  mie  mir  ftfjon  oben  gefagt,  ba%  überbauet 
lieber  nur  in  ber  ©emeinfebaft  unb  burci)  fie  a  ubem  neuen 
Seben  gelangt,  fo  §at  aueb  Seber  feinen  Slntbeil  an  bem  b. 
©eift  nicf)t  in  feinem  öerfönlidjen  ©elbftbemu^tfein  für  fiel) 
betrautet,  fonbern  nur  fofern  er  fidj  feinet  @ein§  in  biefem 
(Jansen  bemüht  ift,  b.§.  al§  ©emeinbemufjtfein.  $)aljer  ift 
nun  aueb  bie  Bereinigung  be§  göttlicben  mit  ber  menfcblicben 
Statur  in  ben  ©laubigen  niebt  eine  öerfonbilbenbe ,  benn 
fonft  märe  fie  öon  ber  in  ©brifto  niebt  au  unterfc&eiben,  unb 


250  $>er  tfjrtftlldje  ©iaubc  3»elter  S^eil. 

ber  Unterfdjieb  ämifdjen  (Srlöfer  unb  ©rlöften  innre  auf* 
gcboben.  $3etrod)ten  mir  ben  ©inselnen  in  bem  it)m  an* 
gcborncn  unb  angeftammten  ®efammtleben:  fo  ötebt  e§  bort 
einen  folgen  Unterjd)ieb  ntct)t ,  mie  au<$  bie  jdjon  oben1 
aufgestellte  Formel  au§fagt.  Sft  aber  bie  Sftebe  bon  einem 
®efammtleben,  in  tneldjeS  ber  (Sinaelne  erft  eintritt,  nadjbem 
[eine  $erfönlicbfett  bi§  auf  einen  gemiffen  $unft  entmiffelt 
ift:  fo  fann  man  nidjt  fagen,  bafj  bie  $erjönlid)t°eit  ni<$t§ 
aubere§  ift  al§  ber  fid)  eigentümlich  geftaltenbe  Gemein? 
geift;  fonbern  fie  mirb  nur  eben  biefeS  immer  metjr.  könnten 
mir  ba$  mit  ber  Söiebergeburt  beginnenbe  neue  Seben  be§ 
(Sinselnen  ifoliren  unb  für  fictj»  pfammenftetlen :  fo  mürben 
mir  freiließ  tagen  tonnen,  bie§  Seben  fei  gänältct)  buretj  ben 
lj.  ®eift  beftimmt,  unb  bie  neue  Kreatur  fei  nicfctS  anbereS 
cil§>  ber  I).  ®eift  felbft  im  bemühten  Söeftä  biefeS  eigenttmm- 
lieben  $cifdmng§üerf)ältniffe§  menfcblicber  SRaturfräfte.  Gittern 
ba$  neue  Seben  ift  fein  fid)  felbft  gleiches  ©anse  unb  burefc 
bringt  nid)t  gleichmäßig  ben  gangen  Drgani§mu§  ber  $erfon. 
(Sonbern  bie  $erfon,  bte  ftetige  (Shdjeit  be§  ©elbftbemufetfetn§, 
ift  eine  SJcifdmng  bon  ®etrenntfein  unb  Sßereinigtfein  be§ 
göttlichen  unb  menfdjlidjen ;  unb  menn  aud)  ßiner  mirflid) 
baju  gelangte,  bafs  ba$  neue  Seben  fiel)  über  fein  ganzes? 
Sßefen  berbreitet,  fo  geborte  bod)  immer  %vl  feiner  $erfon  aueb 
ber  bor  ber  Sßiebergeburt  berfloffene  4f)eil  fetneS  2eben§r 
<S)ie  ba$  neue  ßeben  conftituirenbe  göttliche  Sßirffamfeit  in 
-bem  ©tnaetnen  ift  enblicf)  auet)  be§l)alb  töemeingeift,  meil  fie 
tbcil§  obne  alle  25erüffftd)tigung  befonbererperfönlicber  ©igen* 
fd)aften  in  iebem  ift,  fofern  er  ber  ®emeinfd)aft  angehört, 
burd)  beren  SBirffamfeit  aud)  feine  SBtebergeburt  bebingt  mar, 
unb  au§  melier  burdj  bie  $rebigt  im  meiteften  (Sinne  be§ 
2öorte§  biefeS  neue  Seben  in  ilm  eben  fo  übergegangen  ift, 
mie  e§  fict)  in  ben  Jüngern  geftaltet  tjat  bur<$  bie  ®raft  be§ 
fid)  mitttjeilcnben  £eben§  (£l)rifti,  tljetl§  aud)  meil  fie  ben 
(Einzelnen  nur  für  bie  ©emeinfdjaft  in  SBefis  nimmt  unb  ifjn 
felbft  nur  bagu  bilbet,  bamit  fie  unb  fo  mie  fie  am  beften 
burd)  üjn  für  ba&  (Stande  mirten  fann. 

§.124.  3metter  Sel)rfa^.  Qeber  SSiebergeborene 
ift  be<S  ^eiligen  ©eifte£  tbeilbaftig,  fo  betf?  e3  feine  £eben3* 
flcmeinfcbaft  mit  ß^rifto  gtebt  obne  ©inmobnung  be£ 
bctligen  ©ciftc£  unb  umgefebrt 

1  §.121,  2. 


gtoeiter  Stöfdjnitt.  SSon  ber  SBefc^affcn^eit  ber  SBScIt  2c  251 

1.  Sßenn  totr  un§  bie  Srage,  tüte  ftdj  bte  ©rlöfung  an 
ben  menfdjltdjeu  (Seelen  realiftrt,  baljin  beantwortet  ljaben, 
e§  gefdjelje  burd)  \>a%  5lufgenommenwerben  in  bte  2eben§* 
Qemeinfdjaft  (£l)riftt;  nnb  t)ier  bte  gorberung  aufaeftettt  wirb, 
t>a%  ^eber  muffe  be§  Ijeiligen  ($5eifte§  tfjeüfjaftig  Werben:  fo 
ift  bk$  feine§wege§  fo  au  berfteljen,  al§  fei  biefeS  ber  (Sadje 
na<$  sweierlei,  nnb  atö  gefctjerje  mit  bem  SSiebergeborenen 
nod)  tt\va§  befonbere§,  inbent  er  be£  5-  (SetfteS  ttjetlfjaftig 
nrirb.  Unb  wie  ber  (Sa^e  nad)  fo  aud)  ber  Bett  nactj  ift 
nid)t  beibe§  ju  unterfc&eiben,  tonbern  genau  genommen  müfjte 
e§  fceifcen,  ^eber  inbem  er  wiebergeboren  wirb,  wirb  er  audj 
be§  ^eiligen  <35etfte§  tbeiüjafttg.  Syenit  ba§  Slufgenommenfein 
in  bit  SebenSgemeinfcfjaft  (Sljrtftt  fdjüefct  augteictj  in  ftdj,  fo* 
Wol  bafj  Wir  un§  ber  ^inbfdgaft  ®otte§  als  ba%  Wir  un§  ber 
£errfd)aft  (^^rtftt  beroufet  ftnb,  Wh  benn  beibe§  aud)  f$on 
bie  ©djrift  ber  ©inwofmung  be§  tjeiligen  ®eifte§  auftreibt,1 
unb  fo  fönnen  audj  wir  un§  nidjt  borftellen,  tvie  ba§  eine 
-fein  fömtte,  wenn  ba$  anbere  fehlte.  SBtelmeljr  Wenn  Wir 
bicrjtungSweife  annehmen,  wir  fönnten  un§  in  einem  folgen 
i>a$  fHeict^  ®otte§  barfteüenben  ®efammtleben  ftnben  unb  bon 
bem  tjeiligen  <35eift  al§  bem  ©emeingeift  beffelben  getrieben, 
nur  bafj  wir  bon  einem  folgen  Urheber  wie  (£f)rtftu§  ift  ntct)t§ 
wüßten:  fo  würben  Wir  boctj,  wenn  Wir  biefen  guftanb  ^em 
fünbijaften  ©efammtleben  gegenüber  fäben,  ienen  nicbt  au§ 
biefem  ableiten  fönnen,  mittjin  aud)  Weil  in  allen  (Sitebern 
jene§  ®efammtleben§  bte  (Sünbe  §War  nidjt  gewollt  wirb 
aber  bodj  immer  nod)  ift,  baffelbe  nictjt  für  in  ftct>  felbft  be* 
grünbet  —  ba§  Reifet  für  fo  wie  e§  ift  aud)  urfbrüngltd)  ent* 
ftanben  —  galten  bürfen,  weil  e§  nämltclj  fonft  aud)  bon 
anbern  fünften  au§  eben  fo  müfjte  entfielen  fönnen.  SßeldjeS 
beiläufig  gefagt  aud)  ber  ®runb  ift,  Warum  bte,  wetdk  über* 
all  bon  einer  folgen  unbollfommnen  unb  §ertljetlten  gött* 
lidjen  Offenbarung  auggetm,  ftdj  fo  leidet  gegenfeitig  wenn 
aud)  befätnbfen  bodj  anerfennen.  (So  lange  wir  alfo  nidjt 
Sttgleid)  annehmen,  bafs  anbere  foldje  (55otte§reicrje  unabhängig 
bon  ber  djriftlidjen  ®ird)e  aud)  anberS  wo  unb  Wann  ent* 
fteben  fönnen:  fo  werben  wir  bodj  genötbtgt  fein  einen  Ur* 
fbrung  anäuueljmen  aufeertjalb  be§  ®efammtleben§  ber  ©ünbe, 
bon  welkem  biefe  göttliche  SKittljetlung  innerhalb  beffelben 
abzuleiten  ift.  2)ann  aber  ift  audj  bie  Sftitgliebfdjaft  in 
biefem  (Sefammtleben  pgleidj  ba§  £>ineingeftefttfein  in  ben 


ltfor.  12,  3.     ©al.  4,  6. 


252  ®er  tfiriftltdie  ©taube.  3toetter  Sfjeil. 

28irfung§frei§  biefe§  einzigen  Urbeber§.  Unb  fo  finben  mix 
aud)  ben  ©lauben  fidj  au§fpred)enb,  bah  eine  folcbe  2lu§- 
giefeung  be§  ©eifte§  nicbt  möglich  gemefen  märe,  al§  nur 
nacbbem  ber  ©ofm  ©otte§  erfrfjienen  mar  unb  auf  ben  ©runb 
fetner  perfönlicben  SBirffamfeit,  morin  nun  aud)  fdjon  liegt, 
bafj  unfere  Sttjeünabme  an  jenem  ©eift  unb  unfer  eigner  &u? 
fammenbang  mit  ber  £eben§mirffamfeit  (Sbrifti  nur  baffelbe 
ift.  —  (Eben  fo  memt  mir  umgefebrt  bei  (Ebrtfto  anfangenb 
ben  <Sas  ni$t  aufgeben,  bafj  bie  Bereinigung  be§  göttlichen 
mit  feiner  menf<$lid)en  $er[önlid)feit  äuglei<$  eine  Begabung 
ber  gefammten  menfdjltc&en  Statur  gemejen  fei:  fo  folgt  barau§ 
nictjt  nur  im  allgemeinen,  bafe  e§  aud)  na$  feiner  (Entfernung 
eine  gortfesung  biefer  Bereinigung  geben  mufj,  fonbern  au<$ 
ba  fte  üon  jener  au§gebn  fott,  bafe  mo  fte  ift  aud}  ein  3u* 
fammenljang  mit  (Ebrtfto  fein  mufs  unb  umgefebrt.  Unb  ba 
nadj  (Eljrifti  Entfernung  bie  (Erweiterung  be§  3ufammen* 
$ange§  mit  tbnt  nur  üon  ber  ©emeinfcbaft  ber  ©laubigen 
auSgelm  fann,  fo  mufj  biefe§  breieS  in  bie  ©emeinjdjaft  ber 
gläubigen  burd)  fte  Jn'neingeäogen  merben  unb  am  heiligen 
(Seifte  5lntb  eil  baben  unb  in  bie  £eben§gemeinfd)aft  mit  (Ebrtfto 
fjineingeäogen  fein  nur  eine§  unb  baffelbe  bebeuten. 

2.  £>iebei  ift  e§  febr  natürlich  su  fragen,  mie  fid)  bk 
beiben  5lu§brüffe  gegen  einanber  behalten,  beren  ftctj  ber= 
felbe  Slpoftel  bebient,  bafe  (£briftu§  in  un3  lebt,  unb  bafj  ber 
(Seift  (Sottet  un§  treibt.1  Söenn  nun  berfelbe  fagt,  bie  ber 
(Seift  (SotteS  treibt,  feien  (Sotte§  SHnber:  fo  mußte  er  ent* 
meber  bem  anbern  miberfprecben ,  meldjer  fagt,  bie  (Efmftum 
aufgenommen  baben  finb  (Sottet  SHnber,  unb  ba§  mirb 
niemanb  glauben,  ober  audj  fjier  ift  biefe§  beibe§,  ba§  Seben 
ßbrifti  in  un§  unb  ba$  treiben  be§  ($eifte§  in  un§,  (Eine§ 
in  jenem  ©ritten  nämlid)  ber  SHnbfdjaft  (Sotte§;  unb  e§ 
giebt  entmeber  §mei  berfcbiebene  Slrten  ber  ®inbfcbaft  (Sotte§ 
—  ma§  feiner  bon  ung  zugeben  mirb  eben  fo  menig  al§ 
^ßaulu§  ober  ^obanneS  —  ober  beibeS  ift  baffelbe.  ©ollen 
mir  bie  §rage  aus?  bem  3ufammenl)ang  ber  firdjlictjen  2lu§~ 
brüffe  beantraorten:  fo  ift  juerft  ber  legte  s#u§bruff  in  einem 
böberen  (Srabe  eigentlich  al§  ber  erfte,  unb  bat  be§balb  au# 
mebr  9?aum  in  ber  ©djulfpradje  unb  in  berienigen  Formation 
ber  affetifctjen  gemonnen,  melclje  auf  bie  leiste  Berftänblicfc 
feit  einen  üoräüglicben  Sßertb  legt,  ©er  erfte  biegen  ift  in 
ber   ©dmljpracbe    fetjr    äurüffgetreten ,    unb   bat   boräüglidj 


©al.  2,  20.     mm.  8,  14. 


Stoctter  Stöfönltt.  SSon  ber  Söcfd^affen^eit  ber  SBett  2C  258 

'iÄaum  gewonnen  in  berienigen  affetifd^en,  melcrje  man  mtjftijdj 
5U  nennen  pflegt,  Söebenfen  mir  nnn  nod),  baß  ber  tjetttge 
<55etft  auc5  ber  ($5eift  Gbrtfti  genannt  mirb:  fo  ergiebt  fidj 
gleid),  baß  mir  aud)  anbermärtS  auf  eine  eigentlichere  SBeife 
lagen,  ber  ®eift  eine§  Slnbem  lebe  in  un§,  al§  ber  5lnbere 
felbft  lebe  in  un§,  obne  bo<$  ba%  mir  burd)  ba%  ©ine  etma§ 
anbere§  anbeuten  motten  al§  burd)  ba$  5lnbere.  SL^ittjm 
mürbe  fdjon  be3fatt§  unter  bem  ©inen  nichts  anbere§  ber* 
ftanben  merben  fömteit  al§  unter  bem  5lnbern.  üftefjmen  toit 
nun  bie  Bereinigung  be§  göttlichen  mit  bem  menfctilic^en  in 
<Prnto  baäu:  fo  fann  offenbar  ba§  menfcfjlicrje  nur  in  un§ 
fein  al§  ba$  richtig  aufgefaßte  SBilb,  ba%  göttliche  aber  aller- 
bing§  aud)  al§  fräftiger  ^mtouIS,  menngleicrj  nidjt  fo  bit 
gan§e  Sßerfon  au§f$ließlidj  beftimmenb  mie  in  üjm,  aber  aud) 
nur  in  unb  mit  feinem  richtig  aufgefaßten  93ilbe,  meld)e§  ftdj 
aud)  nur  in  bem  SDcaafj  richtiger  unb  bottfommen  in  un§  ge= 
ftalten  fann,  al§  jene§  göttliche  e§  un§  berflärt.  (Sben  baffeibe 
aber  ift  aud)  ba§>  ®ei#äft  be§  lj.®etfte3,  ©fjnftum  in  (£r= 
innerung  §u  bringen  unb  §u  berücken.  Unb  fo  jeigt  fid) 
auf  atte  28eife  beibe§  al§  eine§  unb  baffeibe.  —  ©affelbe 
©rgebniß  erhalten  mir  aud),  menn  mir  ben  Ö5er)alt  beiber 
2lu§brüffe  Dergleichen  itjrett  SSirfungen  nad).  2)enn  benfett 
mir  un§  bottfommen  in  ber  SebenSgemeinfcrjaft  ©Ijriftt:  fo 
merben  bann  auä)  atte  unfere  ^anblungen  angefeljen  merben 
fönnett  al§  bie  feinigen.  2lber  aud)  ber  Ij.  (Seift,  menn  er 
auf  ber  einen  (Seite  un§  bei  ber  ©rfenntniß  ©brifti  in  atte 
SBafjrbeit  leitet,  famt  auf  ber  anbern  nidjt  un§  su  anbern 
^anblungen  leiten  al§  aud)  §u  folgen,  au§  melden  (£briftu§ 
erfannt  merben  fann;  unb  bie  grüc&te  be§  ®eifte§  finb  nicrjt§ 
anbere§  als  bie  Stugenben  ßbriftt.  3)enn  einen  eintrieb  be§ 
göttlidjen  ®eifte§  in  unfern  (Seelen  anerkennen,  ber  tticfjt  in 
SBerbittbung  gu  bringen  märe  mit  bem,  raa§  mir  al§  £>anblung§= 
meife  (Sljrifti  au§  feinen  SSorten  unb  feinem  Seben  aufc 
genommen  fmben,  ba§  t)te^e  allen  <Sd)m  ärmer  eien  bk  SUjüre 
öffnen,  melden  fid)  bie  ebangeliicfre  ®ird)e  öofT'ie  Ijer  auf 
ba$  ftanbrjaftefte  entgegengefest  bat.  2)a3  treiben  be§  I). 
(55eifte§  in  un§  ift  alfo  nie  etma§  anbere§  al§  göttlicher  21n* 
trieb  §ur  (Semäßljeit  mit  bem  ma§  (5l)riftu§  bermöge  be§ 
Sein§  ©otte§  in  ibm  menfdjlidj  gemefen  ift  unb  gemirft  \)at 
Unb  ba§>  Seben  ©örifti  in  un§  ift  nichts  anbere§  ai§  SSirffam^ 
feit  für  baä  9ieict)  (35otte§  burd)  ba$  3"lammenfaffen  ber 
SOienid)en  in  ber  bon  il)m  au§gebenben  Siebe,  ba§  beißt  Straft 
t>e§   ccjriTtlictjen  ®emeiugeifte§.  —  Unb  ^ierau§  erflärt  ficr> 


254  ©er  ($riftltd)e  ©taube.  3toeiter  2#eil. 

aud),  menn  bodj  an  (Sbriftum  glauben  unb  Sbriftum  in  ftd) 
lebenb  baben  baffelbe  ift,  tüte  auf  ber  einen  Seite  gejagt 
toerben  fann,  bak  ber  f).  ®etft  ben  (glauben  berborbringe,  auf 
ber  anbern,  bafc  ber  b.  ®etft  felbft  burd)  beurlauben  fontme.1 
9?ä'mlid)  burdj  bie  Sljä'tiflfeit  berer,  roeldje  fdjon  Stntbeil  an 
ibm  baben,  betnirft  ber  b-  ©eift  ben  (glauben  in  anbern,  in 
fofern  fte  bureb  jene  sur  Slnerfenntnifj  be3  göttlicben  unb  beü~ 
bringenben  in  (Sbnfto  gelangen,  unb  baburdj)  mirb  in  eben 
biefen  ber  b-  ®etft  ba§  fte  betuegenbe  $rinciü.  Unb  fo  ift 
eben  biefe§,  bafj  roie  ba§  göttliche  SSefen  mit  ber  menfeblicben 
$erfon  (£I)rifti  nerbunben  war,  fo  e§  aud),  feitbem  ©btifti 
öerfönlicbe  Gnnmirfungen  aufgebort  baben,  unb  e§  folglich  in 
feinem  (Sinselnen  meljr  perfönlictj  mirffam  ift,  ftdj  in  ber  (3t- 
metttfebaft  ber  (Staubigen  al§  beren  ©emeingeift  mirffam  er- 
meift,  bie  5lrt  unb  äöeife  nrie  ba§  SSerl  ber  ©rlöfung  ftd)  in 
ber  Strebe  fortfest  unb  Derbreitet. 

3.  SSenn  nun  beibe  2lu§brüffe  iljrem  ^nbalte  nadj  gleidj- 
bebeutenb  ftnb,  fo  ftnb  toeber  biejenigen  Triften  su  tabeln, 
melcbe  ibre  (Erfahrungen  in  bem  (Gebiet  ber  ®nabe  am  liebften 
al§  ba$  unmittelbare  ©ein  unb  Seben  (£bnfti  in  iljnen  be= 
seiebnen,  eben  fo  toenig  aber  aueb  biejenigen,  toelcbe  bie  @r= 
flärung  il)re§  neuen  Seben§  lieber  unb  faft  auSfcbliejjenb 
burd)  bie  (Sinmobnung  be§  ($5eifte3  ($5otte§  in  un§  betreiben. 
$)er  bogmatifeben  ©üracbe  aber  liegt  ob,  beibe  nidjt  nur  auf* 
äubemabren,  fonbern  aueb  jeber  iljren  angemeffenen  ®ebraud) 
anjumeifen,  um  bie  ®efaljren  be3  einfeitigen  ®ebrauc§§  an= 
subeuten ;  bamit  bie  (Sinen  ftd)  nidjt  inbem  fte  ftdj  unmittel* 
barer  Gnnmirfungeti  GPjrtfri  su  erfreuen  glauben,  Oon  ber 
<&emeinfcbaft  ablöfen,  unb  bie  Slnbern  nietjt  mäbnen,  ber  in 
ber  (SJemeinfdjaft  mirffame  ®etft  tonne  fte  audj  abgelöft  Oon 
(£bnfto  förbern  ober  über  ibn  biuau§fübren.  —  ©ebtoerlidj 
aber  fönnen  mir  biefen  ©egenftanb  Oerlaffen,  ofjne  bie  grage 
aufstellen,  ob  bie  $lu£>giefjung  be§  %  ©etfte§  al§  eine  neue, 
unb  roenngleicb  bureb  bie  9ftenfcbroerbung  (£brtftt  bebingte 
bod)  in  ibrer  (£tgentr)ümlicr)fett  ebenfalls  urfprünglicbe,  gött= 
liebe  Offenbarung  su  benfen  ift,  ober  üielmebr  al§  eine  nid)t 
nur  Oon  ber  (Erfdjeinung  Sfjrifti  abbängige,  fonbern  audj  au§ 
ibr  natürlicb  folgenbe  ^atfacfje.  3n  bem  legten  %oü  märe 
bie  (Srfcbeinung  (Ü^rifti  bie  einsige,  in  bem  fdjon  angegebenen 
(Sinne  genommen,  übernatürltebe  (Skunblage  be§  ©Triften* 
t&um§,  unb  oon  biefer  auS  ginge  e3  mit  ber  ganaen  Weiteren. 


1  1  ftor.  14,  3.     ©al.  3,  5.  14. 


Stoetter  Sfofänitt.  Eon  ber  Eefdj affenfjeit  ber  SBelt  :c  255 

Gmtmiffiung  be§  geiftigen  2eben§  au§  biefer  OueHe  natürlich 
3u;  in  bem  ersten  gall  märe  bte  urfarünglicfce  SluSgießung 
be§  ©cifte§  ein  sroeiteS  bem  erften  gleichartiges  SSunber  unb 
bon  gleicher  sftottjtDenbigfeit.  2)ie  grage  ift-  aHerbing§  feine 
bogmatifd^e  im  engften  ©inn,  benn  mir  tonnen  fie  nicbt  au§  l 
unferm  djrifilidjen  (Selbftbemußtfein  entfdjeiben,' ba  je^t  bie  I 
SDcittbeitung  be§  ®eifteS  an  ben  (ginjelnen  fidj  einem  $eben 
als  eine  naturgemäße  SSirfung  oon  bem  Sßorbanbenfein  unb 
ber  SBixffatnfett  beffelben  ©eifte§  in  bem  (Sanken  ber  djrift* 
liefen  (Semeinfdjaft  barftellt.  2)arau§  folgt  aber  fdjon,  ba& 
ber  ($5runb  baä  erfte  ansunebmen  in  unabweisbaren  3eug=  i 
niffen  müßte  gegeben  [ein.  üftun  tragen  freilid)  bie  (Er* 
fd)einungen  am  $fingftf eft  /  beutlid)  genug  bie  ®ennseidjen 
be§  SSunberbaren  an  ftdj ;  allein  etne§tf)eil§  merben  audj- 
fpätere  Mitteilungen  be§  ®eifte§  burcb  bie  ^rebigt,  meldte 
mithin  gan§  in  ber  Analogie  unfereä  bermatigen  ,8uftanbe§ 
liegen,  bennodj  eben  fo  unb  ^mar  mit  Skmerfung  ber  (Selbig* 
feit  ber  (Srfd)  einungen  befdjrieben,3  fo  bafj  fcter  ba§  SSunber* 
bare  mcrjt  an  bem  Söefen  ber  ©adje  bangt,  roorau§  benn 
aud)  auf  baä  erfte  gefdjloffen  merben  fanri.  5lnberntbeil§  ift 
bod)  fdjroer  su  behaupten,  bah  iene  2lu§gteßung  aud)  bie  erfte 
TOttl)  eilung  be§  ©eifteg  an  bk  jünger  geroefen  fei,  ba  er* 
ääblt  rotrb,  ba%  (£I)riftu§  ifcnen  benfelben  fdjon  früher  mitge* 
ttjeilt  babe,3  roo  meber  bie  SSorte  nod)  bk  begleitenbe  fam* 
boltfct>e  ^anblung  an  eine  bloße  Sßerbetßung  benfen  laffen. 
Unb  fo  mürben  mir  iene§  munberbare  rool  auf  alle  Steife 
ntctjt  al3  an  ber  <Sac£)e  felbft  mefentlid)  Ijaftenb ,  fonbera  al§ 
ber  Bett  angeprig  au  betrauten  unb  bie  grage  ganj  ber 
Auslegung  anbeim  §u  geben  Ijaben.  Slbgefetjen  aber  bon 
jenen  begleitenben  (Erfdjetnungen  fann  bie  SRitttjeilung  be§ 
®eifte§  in  bem  einen  gall  nicbt  metjr  unb  nid)t  meniger  ein 
SBunber  fein  al§  in  bem  anbem.  Unb  in  biefer  Söesiebung 
fönnte  man  fagen,  fie  fei  in  feinem  gatt  ein  Söunber,  menn 
man  bie  aHmäbüge  Verbreitung  be§  ®eifte§  al§  bemirft  burcfc 
bie  SebenSfraft  ber  ®ird)e  betrachtet,  mie  fie  audj  fein 
SBunber  geroefen  al§  bemirft  burd)  bie  ßebengfraft  (£fmftt; 
fie  fei  aber  immer  ein  SBunber,  menn  man  fie  betrachtet  al§ 
ein  j)löslidje§  Ueberföringen  au§  ber  fragmentarifd)  erregten 
(Empfänglicbfeit  in  bie  sufammen^ängenbe  gemeinfame  (Selbft* 
tr)ätißfeit.    2ll§  ein  folc^eS  fei  fie  bamal§  ^erborgebroc^en  am 


«p.  OJcf^.  2,  2  flgb.  *  «p.  ©efä.  10,  47.  11,  15. 

3o$.  20,  22. 


256  ©er  djriftlW&e  ©Iaubc.  3toetter  3$  eil. 

$fingfttage,  unb  Ijabe  al§  Sßerfunbtgung  biefer  Urfprünglicfc 
feit  ba$  SBunberbare  in  iljrem  (befolge  gehabt;  unb  je  meljr 
audj  jest  in  ä&nltdjen  fällen  bie  Söefeljrung  al§  etroa§  plöfr 
lid)e§  erfcfyeint,  um  befto  met)r  ftnb  mir  geneigt,  anomale  be= 
gleitenbe  Gcrfcfc  einungen  al§  munberbar  äu  betrauten. 

§.  125.  ©rittet  Sefyrfa 3.  ®te  toon  bem  ^eiligen 
©eift  befeelte  c^riftlid^e  5lir<$e  ift  in  ifyrer  fRein^eit  unb 

SMftänbtgfeit  ba3  toollfommne  Slbbilb  be£  (SrlöferS,  unb 
jeber  einzelne  Söiebergeborne  ift  ein  ergangener  SBeftanb* 
tfyeil  biefer  ©emeinfdjaft. 

1.  93etradjten  mir  ben  Ghrlöfer  in  ber  Steife  fetne§  menfdj- 
liefen  £eben§:  fo  mar  bie  (Sefammtfjeit  feiner  Gräfte  ein  su* 
reidjenber  £)rgant§mu§  für  bte  Smpulfe,  meiere  bon  bem  in 
üjm  gefeaten  ©ein  ®otte§  ausgingen.  3)er  ©injelne  ttrieber* 
geborene  fann  in  biefer  ©iufidjt  audj  nidjt  einmal  als  ein 
5lbbilb  beffelben  angefetjen  merben,  meil  ber  guftanb  btffe^ 
rentitrter  ©ünbljafttgfett,  mortn  bie  göttliche  ($5nabe  um  fanb, 
eine  ©leidjfjeit  in  bem  SSerbalten  feiner  pftidjtfcfcen  Vermögen 
tu  ben  Smpulfen  beS  ($5eifte3  nidjt  äuläfjt.  Sft  aber  bie  ct)rift= 
lidje  ^irct)e  ein  roaljreg  ®efammtleben,  eine  jufammengefeäte 
na<$  gemöljnlidjer  Benennung  moraltfdje  $erfon,  aber  bodj 
auf  ber  anbern  (Seite  ntd)t  eine  angeftammte  ober  natürliche: 
fo  fann  fte  be§  Ie&teren  roegen  gmar  nid)t  einer  au§  ber 
perfonbilbenben  £l)ätigfeit  ber  9catur  fjerborgegangenen  $erfön= 
lid)feit  gleich  fein,  tnbem  gugang  unb  Abgang  ftdj  in  beiben 
auf  jeljr  berfdjtebene  2lrt  t-erljält;  aber  ein  5lbbitb  berfelben 
fann  unb  mufe  fte  bod)  fein.  2)enn  ba  ba§  göttliche  SBefen 
nur  ©ine§  unb  überall  fid)  felbft  gleich  ift,  roemt  aud)  bie 
2lrt  äu  fein  beffelben  in  bem  ©in^elmefen  ©tjrifto  unb  in  bem 
©efammtleben  nidjt  btefelbe  ift:  fo  fönnen  bo<$  bte  baoon 
au§geljenben  Smpulfe  in  beiben  fällen  nur  bte  nämlichen 
fein.  $)aljer  aud)  forool  bie  §luffaffung§meifen  al§  bte  föanb* 
lungSmeifen  ber  ®irdje  biefelben  ftnb  roie  bie  be§  @rlöfer§, 
inbem  ja  in  jebem  einzelnen  TOtglieb  unb  baber  au<$  im 
(Jansen  biefelben  menfdjltdjen  Gräfte  gegeben  ftnb,  toeldje 
aud)  in  it)m  jur  Gnnfteit  mit  bem  göttltdjen  $rtncip  auf* 
genommen  roaren.  (Sin  fold>e§  ©an*e§  menfd)ltd)er  Gräfte  ift 
nun  in  geraiffem  (Sinn  in  jeber  §ufammengebörtgen  $Dcenfd}en= 
maffe,  in  meiner  bie  bebeutenbften  ®egenfäae,  meiere  ba$ 
men|d)ltd)e  Seben  barbietet,  ftd)  aufammen  au  finben  pflegen; 
roie   beim  aud)  in  ber  erften  ®ird)e  oljneradjtet  if)re§  be* 


3tt>etter  8Cbfdimtt.  SSon  ber  SBefdjaffenl&eit  ber  SBcIt  2C.  257 

fdjränrten  ttmfangeg  eben  btefe§  fcbon  baburd)  üorgebtlbet 
mürbe,  bafc  fte  ftcb  febr  balb  unter  ^uben  unb  Reiben  Der* 
breitete,  unb  fomit  ben  in  biefer  Skätebung  bebeutenbfien 
(SSegenfaj  in  (£ineg  aufammenfnfcte,  fo  bafj  bteburdj  äugletcb 
jebe  meitere  ©ntmifflung  burcb  2lufnabme  untergeorbneter 
©egenfäse  Vorbereitet  unb  eingeleitet  mar.  (Sueben  mir  aber 
bie  mabre  SBottfommenljett  beg  Slbbilbeg,  fo  muffen  mir  au<$ 
bk  ®ird)e  in  ibrer  abführten  Sfieintjett  unb  SBoftftänbigfeit  be* 
trauten.  ®ag  erfte  gefcbiebt  offenbar  nur,  menn  mir  nid)t 
bag  ganse  Seben  ber  einzelnen  SSiebergebornen  aueb  nur  feit 
tbrer  SBiebergeburt  atg  (Clement  ber  ®ird)e  betrachten,  fonbern 
nur  bagjemge  barin,  mag  bie  guten  Sßerfe  berfelben  conftituirt, 
nierjt  aber  mag  §u  tljren  (Sünben  gebort.  Unb  bteraug  folgt 
[d)ont  bafj  bie  abfolute  SBolIftänbigfeit  ber  ®trdje  nur  in  ber 
Totalität  beg  menfdjltdjen  ®efd)iecbteg  au  flauen  ift.  ®enn 
mie  mir  ung  in  ben  erften  SDtenfdjen  —  fte  alg  allgemeine 
©tammeltern  üorauggefe§t  —  feine  beftimmte  ^ifferensen  be3 
Temperamente^  ober  ber  ©onftitution  benfen  lönnen,  ebzn 
meit  fieb  aug  i^nen  alle  fomol  bie  meljr  inbiüibualiftrten  al§ 
bie  mebr  flimatifdjen  entmüfetn  füllten,  fo  ba%  nur  in  ben 
(SJmnbtimen  aller  Sftenfdjenracen  unb  ber  SBölf  erftämme ,  in 
melcbe  jebe  üon  biefen  verfällt,  unb  meldje  mieberum  nur  in 
ber  ®efammtljeit  aller  ibnen  angepriger  (Sinaelmefen  boHs 
!ommen  bargefteüt  merben,  bag  Slbbilb  berßrften  oollfommen 
gegeben  ift:  fo  mufj  aueb  in  üßesug  auf  (£briftum  alg  bag 
mirflidj  gegebene  geiftige  Urbilb,  mit  üxüffftdjt  auf  bag  über 
feine  unfünblidje  ^oHfommenbeit  auf  ber  einen  (Seite  unb 
über  ben  ®runb  ber  (Sünbbafttgfeit  in  allen  Slnbern  auf  ber 
anbern  (Seite  au§einanbergefe§te,  auf  gleite  SBeife  folgen, 
ba%  jeber  ©inline  ntebt  nur  in  jeber  einzelnen  (gigenjdjaft 
ein  unüollfommneg,  fonbern  autf)  in  feiner  $anäbeit  betradjtet, 
jeber  ein  einfeitigeg  unb  gerftüffteS  nad)  allen  (Seiten  bin  ber 
©rgänjung  bebürftigeg  Slbbilb  ift.  Unb  baraug  ergiebt  ftd) 
benn  üon  felbft,  bafe  nur  in  ber  (Stefammtfjett  aller  auf  bie  i 
SSerfcrjtebertrjeit  ber  Sftaturanlagen  gegrünbeten  $eftaltungen 
beg  geiftigen  Sebeng  bag  üoKfommne  Slbbilb  (£brifti  §u  finben 
ift ;  inbem  nur  fo  bie  einfettigen  Sftidjtungen  ft<$  untereinanber 
üottftänbig  ergänzen,  unb  fo  bie  UnüoUfommenbeiten,  bie  mit 
ber  einen  befteben  fönnen,  bureb  bk  anbern  aufgeboben  merben. 
Daffelbe  ergiebt  ftcb  audj,  menn  mir  anftatt  auf  bie  $erfon 
mebr  auf  bag  ©efdjäft  ©(jrifti  febn,  unb  in  Söegiebung  hierauf 
bie  ^irct}e  alg  einen  für  eine  ®efammtbeit  üon  STfjätigfeiten 
auggerüfteten    organifeben  2tih   betraebten,  in  meinem   bie 

S<$(.,ESrifH.©I.ir.  17 


258  Der  $rt[tltd)e  ©laube.  Stueiter  3#eil. 


33olIfommeu(jeit  jeber  Seben§öußerung  burdj  bie  $8ottftänbtg- 
fett  ber  Verriebenen  ©lieber  bebingt  ift.1  £)enu  Verriebene 
©efd)äfte  fönnen  nur  aroeffmäßtg  bertbeilt  roerben,  roenn  ber 
SBertfjeihmg  eine  $8erfd)iebenfjeit  ber  ©aben  sunt  ®runbe  liegt, 
bei  ber  roieberum,  roenn  fie  naturgemäß  entstauben  fein  fott, 
eine  Sßerfdjiebenljett  ber  berfönlidjen  £eben§einljeit  borauS* 
gefegt  werben  muß.  5luf  bieie  SSeife  ftimmt  aud)  $8eibe§  fetjr 
rooljl  juiammen,  ba%  bte  ^trctje  ber  Sleib  (£brtfti  Reifet,  ber 
bon  bem  Raubte  regiert  roirb,2  unb  ba%  fie,  je  me^r  fie  ftctj 
nad)  außen  ergäbt  unb  nadj  innen  berboftfommnet,  um  befto 
tnefjr  aud)  ba§  3lbbilb  (Stjriftt  werben  foll.8 

2.  £>ierau§  nun  folgt  aud)  fd)on  bie  sroeite  Hälfte  unfere§ 
©a§e§.  SDenn  roenn  man  gteid)  in  Söesug  auf  ba§  legte  fdjon  fagen 
fann ,  ba%  atte§  ron§  irgenb  einer  sum  gortbeftefjen  unb 
SSadjStljum  be§  (Sausen  burd)  feine  Sbätigfeit  beiträgt,  immer 
erfe^t  roerben  muß  burd)  ba%  Bufammentreten  mehrerer 
Ruberer,  roetl  fonft  (£§riftu§  Unredjt  gehabt  f)ätte  51t  fagen, 
ba%  jeber  boct)  nur  ein  unnüser  ®necrjt  fei:4  fo  ift  bod)  in 
Söejug  auf  ba§  früher  gefagte  jeber  ©in^elne  oljnerad)tet  aller 
Unüollfommen^eit  unb  ßunfeitigfeit  al§  uutergeorbnete  Gunfjett 
im  fangen  ein  burd)  feinen  Slnbern  51t  erfesenber  £beü. 
S)enn  giebt  e§  aud)  auf  bem  (Gebiet  be§  neuen  9ftenfd)en 
mehrere  ©runbgeftaltuugen,  roeldje  l)ier  baffelbe  ftnb  roa§  auf 
ber  (Seite  be§  naiürüdjen  9Jlenfdjen  bit  SolfStJjümltdjfeit:  fo 
roirb  audj  jeber  Von  biefen  ®runbtt)ben  eine  Stenge  bon 
untergeorbneten  23erfd)iebenbeiten  einf fließen,  meiere  mir 
ätnar  roeber  meffen  nodj  gälten  fönnen,  bk  aber  für  bott- 
ftänbig  §u  galten  unb  al§  in  fi$  abgefd)loffene§  ®anse§  an^ 
gufe^en  unfer  d)riftltcrje§  ©emeingefüljl  un§  nidjt  minber 
nötbiget  rote  auf  jenem  (Gebiet  unfer  (SattungSberoußtfein. 
Unb  mir  finben  r)iefür  nidjt  nur  in  ben  fdron  angeführten 
biblifdjen  Silbern  unfere  Rechtfertigung,  fonbern  aud)  in  ber 
für  alle  foldje  (£tgentbümtid)teiten  oljne  alle  ©infd^ränfung 
ober  3tu§nabme  un§  gebotenen  31nerfennung.6  SDem  ent= 
fbredjenb  muffen  mir  aud)  bon  ber  seitlidjen  (Sntrofffhtng  ber 
d)riftUdien  ($kmeinfd)aft  fagen,  ba%  nid)t§  in  ber  SKrd)e  fo 
gefd)eben  mürbe  mie  e§  gefdjiebt,  roenn  ntcfjt  jeber  ©in^elne 
fo  roäre  roie  er  ift.  SBomit  bann  aud)  §ufammenbängt,  ba^ 
aüe§    in  il)r   gemetnfame  £bat  ift  unb   gemeinfame§  SSerf 


1  1  ffor.  12.  ?  Stfief.  1,  23.     flol.  1,  19. 

8  Splief.  4,  13.     1  $o|.  3,  2.  4  2uf.  17,  10. 

6  1    Slor.  12,   10— 26 


Stoeitet  atöfänitt.  %on  ber  SBef<^affeti^ett  ber  SSelt  2C  259 

mithin  cmdj  gemeim"ame§  SSerbienft  unb  gemetnfame  ©$ulb; 
meiere  ©emeinfamfett  fiel)  nur  im  einzelnen  auf  ungleich 
mäfetge  Sßeife  barfteüt.  (S5ebei^>t  nun  bem  gemäfj  bie  ®ird)e 
nur  aUmäbltg  sunt  bottrommnen  Slbbilbe  (£brtfti:  fo  merben 
nur  bte  göttitdje  Drbmmg  in  ber  aEmäbligen  £insufügung 
ber  (Stttseltten  unb  ber  Weiteren  Verbreitung  be§  fangen  audj 
tu  ber  gormel  au§brü!fen  fönnen,  btefe  gortjc&reirung  erfolge 
fo,  bafc  nid^t  nur  in  jebem  Slugenbltrr  für  ftdj  betrautet  ba§ 
©an^e  ba§  mögltdjft  boüftänbige  fei,  fonbernaudj  jeberSlugen^ 
hilft  ben  ©runb  sur  mögliä)  größten  Verbotfftänbigung  für 
bie  folgenben  in  fidj  trage;  miemot  btefe§  immer  nur  im 
©lauben  ergriffen  unb  niemals  erfaljrung§mä$tg  fann  nacfc 
gemieden  merben. 

3ufa5  su  bi efem  £aubtftüff.  $ie  legte  Verrohrung 
befdjltefct  bie  bieten  Vesieljungen,  bte  $%  ergeben  fjaben  tljeilS 
unmittelbar  §u  bem  bortjergeljenbenSerjrftüff  tl)eiB  mittelbar; 
mbem  ein  gleich  Verbältnifc  biefeS  SerMiüffeS  rote  jenes  §u 
ber  Seljre  bon  ber  SSiebergeburt  naebgenriefen  mürbe,  fo  ba% 
bie  gufammenfteuung  beiber  in  (ginem  ©auptftüff  nidjtB 
frembeg  merjr  rjaben  fann.  Vielmehr  mufc  e§  ganj  natürltdj 
erfebeinen,  bafj  bie  @rröär)tten  eben  ertoäblt  finb  §ur  WiU  ' 
Teilung  be§  ©eifteS.  Sugleicl)  aber  bilbet  biefelbe  «Betrachtung 
ben  ttebergang  31t  bem  folgenben  £auptftüfr\  SDemt  menn  Ijier 
nur  bon  ber  SDxittrjettung  be3  heiligen  ©eifteS  bie  Dtebe  fein 
fonnte:  fo  mirb,  ba  bie  SHrdje  uur  burdj  baffelbe  $rinctp  er* 
balten  mirb,  burd)  meld)e§  fie  entftanben  ift  unb  fidj  erneuert, 
bte  ftetige  Sötrffamfett  be§  ^eiligen  ©eifteS  betrieben,  inbem 
bon  ben  ©runbäügen  be§  ßeben§  ber  SHrdje  gerjanbett  roirb. 
Unb  ma§  in  btefem  §aubtftüff  borfommen  mirb,  ift  in  bem* 
felben  ©mite  baffelbe  mit  bem  Snrjatt  be§  Se$rftüfl3  bon  ber 
Heiligung,  mie  bci§  eben  abgetjanbelte  ein§  ift  mit  bem  Stt* 
Ijalt  be3  bon  ber  Sßiebergeburt. 

£toeite£   £auj)tftüf! 

$ott  bem  S3eftel)en  ber  ®iräje  in  ifyrem 

gufammettfem  mit  ber  Seit 

§.  126.  £>ie  bon  bem  ^eiligen  ©etft  befeelte  ©entern* 
fdfjaft  ber  ©laubigen  bleibt  in  itjrem  Verhalten  gu  ßtyrifto 
unb  ju  btefem  ©etft  immer  ft*  felbft  gleich,  in  it)rem  $er, 

17* 


260  5)er  djriftli(§e  ©louöe.  3toeiter  Sfjcil. 

f)ältnif3  jur  SBelt  aber  fte  ift  bem  2Bed)fel  unb  ber  35er" 
änberung,  unterworfen. 

1.  Sßenn  bie  ($5emeinfdjaft  ber  (gläubigen  als  ein  gefcrjtdjt* 
licrjer  Körper  im  menfd)lid)en  ^5efd)lec6)t  in  ftetiger  SBtri 
famfett  bafein  nnb  fortbestehen  fotf:  fo  mufs  fte  beibeS  in  ftct> 
bereinigen,  ein  ftdj  felbft  gleiches,  bermöge  beffen  fte  im 
3Sed)fel  biefelbe  bleibt,  unb  ein  beränberlidjeS,  morin  ftdj  ieneS 
funb  gtebt.  Söetracfjten  mir  fte  lebigltd)  im  Bufammenfein  mit 
bem  übrigen  gleichzeitigen  menfdjlidjen  £)afein,  mie  biefeS  in 
ber  ©djrift  in  bem  HuSbruff  SSelt  zufammengefafjt  mirb :  fo 
läfjt  ftd)  freilid)  mie  eS  fctjemt  fagen,  bie  ^irdje  fönne  eben  fo 
gut  erfannt  merben  an  ibrem  SBerfcrjiebenfein  bon  ber  SBelt, 
al§  bie  SBelt  an  t&rem  SBerfcrjiebenfetn  bon  ber  ^irctje.  Unb 
eS  feblt  aßerbingS  unter  ben  (gläubigen  felbft  nid)t  an  folgen, 
bie  fiel)  unb  ibreS  ©leiten  borzüglicrj  batan  §u  erlernten 
meinen,  bafj  fte  nid)t  ftnb  maS  bie  SBelt  ift.  SDieS  ift  jeboeb 
eine  ehen  fo  fetjr  zum  (Separatismus  als  |ur  gefezltd)en  ©e= 
reditigfeit  Ijinneigenbe  Slnftcrjt.  SDemt  baS  fünbltdje  (55efammt* 
leben,  mit^tuSnabme  beS  in  ber  ©efammttjeit  §urüff gebliebenen 
®efüt)lS  ber  £ülfSbebürftigfeit,  melcbeS  baS  urfbrünglidje  3ln= 
red)t  ber  ®ird)e  an  bie  SBelt  begrünbet  unb  eigentlich  fdjon 
teuer  angehört,  ift  bie  eigentliche  9ftd)tigteit  unb  baS  blofc 
berneinenbe,  mie  auS  allem,  maS  über  bie  (Sünbe  beigebracht 
ift1,  fattfam  erljeEt.  SUfo  !ann  sroar  bie  SBelt  als  baS  form- 
lofe  unb  bermorrene  bon  ben  (gläubigen  erfannt  merben  baran, 
ba%  fte  bon  ber  £ljeimafmte  an  bem  SBefen  ber  SHrdje  auS* 
gefdiloffen  ift,  nid)t  aber  umgefe^rt.  S)er  (Sbradjgebraudj  ber 
©djrift,  benienigen  £l)eit  beS  menfdjlidien  ($5efd)lecbteS ,  ber 
nod)  nidjt  ®irdje  ift,  SBelt  zu  nennen,  ift  feljr  natürlich,  meil 
baS  gan^e  menfdjlidje  (Sefdjledjt  fo  bezeichnet  mürbe,  unb 
biefer  3£&eil  nun  blieb,  maS  baS  ®anze  immer  gemefen  mar; 
er  bat  aber  baS  Söebenflidje  gar  fetjr  ben  ©c^ein  §u  he- 
günftigen,  als  fei  bie  SBelt  in  tiefem  (Sinne  eben  fo  gut 
ein  ©anzeS  mie  bie  ®ird>e,  ba  fte  bodj  in  ber  Zbat  nur 
ein  Aggregat  bon  einzelnen  einanber  mannigfaltig  entgegen- 
ftrebenben  unb  nur  zufällig  unb  auf  oorübergel)enbe  SBcife  fid) 
berbinbenben  Elementen  ift.  tiefer  ©djein  bermeljrt  fidj  nur, 
menn  ber  SBelt  gegenüber  bie  ®ird)e  immer  nod)  als  ein 
fleineS  Häuflein,  alfo  felbft  itjrerfeitS  nur  als  ein  unb  %\vax 
geringfügige^  Aggregat  befdjrieben  mirb.    ©afjer  biefer  %e* 


1  §  65  flgb. 


3roeiter  Sftfäniit.  SSon  ber  SBefc^affen^eit  ber  SBcIt  jc.  26 1 

braudj  be§  3tu§bruff§  SBelt  au§  bem  affetifdjen  bebtet  beffer 
atfmfl&ltg  berfdjmänbe,  unb  nur  bem  bogmatifäjen  aufgefpart 
bliebe,  tnbem  Ijier  ber  roata  SBertlj  beffelben  letzter  su  be- 
nommen unb  feftsuljalten  ift.  —  2)a§  ftd)  feibft  gleite  in  ber 
djrtftltdjen  ®ir$e  fann  ficb  aber  nur  barauf  erftreffen,  bafj 
bie  5lrt  be§  göttlichen  in  bem  menfc&lidjien  ju  fein  immer  bte- 
felbe  bleibt,  unb  bafe  baSjenige,  bem  fie  in  allen  iljren  25e= 
megungen  näber  au  fommen  fudjjt,  aud)  baffelbe  bleibt.  @o 
mar  aud)  in  (£brifto  bie  Bereinigung  be§  göttlichen  mit  bem 
menfcf)ltd)en  immer  biefelbe;  unb  meit  bon  5lnnäberung  hti 
ifjm  nid)t  bie  Stebe  fein  fonnte,  mar  bte  51ngemeffentjeit  beffen, 
ma§  in  iljm  menfd)iid)e§  gemorben,  su  bem  göttlichen  Impuls 
in  tljm  audj  baffelbe,  aUe§  anbere  aber  ben  (^efe^en  be3  §eit= 
liefen  gemäf}  beftimmt  burdj  feinen  Ort  in  ber  SBelt.  GSben 
fo  bleibt  aud)  ba§  Behalten  be§  Ij.  ®etfte§  su  ber  ®ird)e  at§ 
bereu  (Semeingeift  baffelbe,  unb  fie  al§  ber  Drt  beffelben  in 
bem  menfd)li<$en  (S5efd)led)t  immer  ftdj  feibft  gleich,  unb  eben 
fo  barin,  bafj  e§  baffelbe  Slbbilb  C^rjrtftt  ift,  %vl  meinem 
fie  ftdt>  immer  §u  geftalten  ftrebt.  28a§  aber  ba§  Ber- 
änberlic&e  betrifft,  mie  biefe§  aud).  in  (Stjrifto  al§  folctjeg, 
roiemol  obne  ®ampf  unb  ©trett,  bennod)  nidjjt  burd)  baä 
göttliche  in  ifjm  beftimmt  mar,  beim  btefeS  ift  feiner  %tiU 
liefen  Söeftimmung  fätrig,  fonbern  burd)  bie  mit  jenem  ge= 
einigte  menfälidje  Statur:  fo  ift  auet)  §ier  ba§  Beränb  erliefe 
a!3  foid)e§  nid)t  beftimmt  burdj  ben  Ij.  (Seift,  fonbern  burd) 
bit  menfdjltdje  Statur,  auf  melde  unb  burd)  meiere  er  mirft. 
SBenn  mir  nun  bie  menfd)lid)e  Sftatur  in  bem  gangen  Umfang, 
in  meinem  fie  nid)t  burdj  ben  Ij.  (Seift  beftimmt  ift,  SSelt 
nennen:  fo  roerben  mir  aud)  fagen  fönnen,  alle§  Beränbertictje 
in  ber  ®ird)e  fei  al§  foIdjeS  burd)  bie  SBelt  beftimmt,  nur 
nid)t  aHe§  auf  biefelbe  SSeife.  üßämltdj  ma§  burd)  ben  I).  <S5eift 
in  ben  9ftenfd)en  gemorben  ift,  unb  aÄmäblig  mirb,  ift  fo  mie 
e§  ift,  meil  bie  SBelt,  auf  roeldje  ber  b.  (Seift  mirft,  fo  mar 
mie  fie  mar.  %n  allen  (Saben  be§  (SeifteS  ift  eine  beftimmte 
(Srunblage  ber  menfd)lid)en  Dcatur  %vl  erfennen,  fraft  bereu  fie 
ficx)  fo  geftalten  mufjte;  unb  in  ber  ganzen  ©ntmifflung  be§ 
neuen  9ftenfd)en  Imngt  bie  SSeife  unb  ber  (Srab  ber  gort* 
fdjreitung  ab  bon  ber  ©ntmifflung  ber  9?atur  in  bem  ©ubjeet 
unb  üon  ber  33efcr)affenr)ett  feiner  Umgebungen.  (£ben  fo  aber 
aud)  bangt  bit  $lrt,  mie  fid)  bit  d)riftlid)e  ©emeinfe^aft  unter 
einem Bolf  geftaltet,  bon  beffen  eigent^ümli($em  SSefen  ah,  in* 
bem  ^ieoon  abgefeben  in  bem  ^.  (Seift  fein  ©runb  märe,  fie  grabe 
^ier  fo  unb  bort  anber§  §u  geftalten.    SDät&in  ift  bon  biefem 


262  S)er  c&riftUc&e  ©taube.  3weiter  XljeÜ. 


allen  ber  23eftimmung§grunb  in  berSßelt  Vermöge  be§  (Se= 
fe^eS,  bafj  ba§  (Jf;rtftentt)um  ftc£)  al§  eine  ge[d)id)tltdje  iTftad)t 
entroiffeln  fott;  unb  bie  SSelt  erfdjeint  barin  rote  fte  bon  bem 
l).  ©eift  ergriffen  unb  burd)brungen  roirb.  Sßogegen  aHe§ 
roa§  innerhalb  ber  SHrdje  jroar  ift,  roeü  in  unb  an  benen, 
burdj  roeldje  ber  Jj.  (Seift  roirtt,  aber  nidjt  bermöge  feiner 
2l)ätigfeit,  ba$  ift  burd)  bie  Sßelt  beftimmt,  fofern  fte  bem 
f).  (Seift  entgegenftrebt,  unb  ftettt  ba§  (gingreifen  ber  SBelt  in 
ba§  bebtet  ber  ®ird)e  bar.  Daljin  gehören  nidjt  nur  bie  im 
ftrengeren  (Sinne  be3  2Borte§  fo  §u  nennenben  (Sünben  ber 
SSiebergebomen,  fonbern  aud)  aller  ftemmenbe  unb  umbeugenbe 
(Sinftufj,  roeldjen  bk  ©ünbfjaftigfeit  berfelben  bei  ber  Sßirf- 
famfeit  be§  b.  (SeifteS  ausübt,  unb  eben  fo  aHe§  ftcf)  in  ba§ 
religiöfe  Söeroufctfein  einfdjleidjenbe  irrige  unb  berfebrte.  9cun 
ift  §roar  afte§  biefe£  immer  im  23erfdjroinben  begriffen,  aber 
e§  erneut  ftdj  aud)  immer  roieber,  fo  oft  ber  Ij.  <55eift  in  einem 
neuen  9taum  Söeftj  ergreift;  roie  benn  aud)  betbeS,  bie  Setdjen 
be§  Ergriff enfeinS  unb  be§  SSib  erftreben§,  ftdj  nidjt  minber 
fcfjon  in  bem  (&ehitt  ber  borbereitenben  (Snabenroirrungen 
ftnben.  Daffelbe  gilt  aud)  Oon  benen  Sßerfdjiebenfjeiten  in  ber 
d)riftttdjen  ®emeinid)aft,  roeldje  Oon  bem  mannigfaltigen  ab= 
Rängen,  roeldje§  in  ber  menjdjlidien  Statur  gefest  ift.  Dftdjt 
nur  toa§  ftdj  au§  biefem  bermöge  ber  anljaftenben  (emnblidjfett 
in  ber  ®irdje  entroiffelt,  fott  im  SSerfdjroinben  begriffen  fein ; 
fonbern  je  inniger  bk  (Semeinfdjaft  roirb,  um  befto  mebr  fott 
aud)  jeber,  roie  er  ba$  fudjt  roa§  be§  Slnbern  ift,  fo  e§  aud) 
in  ftctj  aufnehmen,  rooburd)  ftdj  benn  natürlid)  in  bemfelben 
Waa§  aud)  bie  Differenzen  berringern.  Mein  roenn  ba$  aud) 
in  jebem  <55efctjlec^t  auf  geroiffe  Sföetfe  ßefdjteljt,  fo  erneuert 
ftdj  bodj  bk  Slufgabe  unberminbert  in  bem  näd)ften. 

2.  (Sott  nun  ba$  ftdj  felbft  gleite  in  ber  djrtftlidjen  ®trdje 
an  unb  für  ftd)  betrachtet  roerben,  fofern  e§  ftcf)  bod)  geroiffer* 
mafeen  al§  ein  mannigfaltige^  anfe^en  läfjt:  fo  ift  btefe§  nieber= 
gelegt  in  ben  beiben  Difciolinen  ber  d)riftli$en  (Staubend 
le|re  unb  ber  d)riftüd)en  (Sittenlehre.  Denn  motten  roir  ba$ 
2lbbilb  ©Ijrifti  borftettig  machen,  bem  roir  un§  immer  mefjr 
ju  nähern  tradjten:  fo  befteljt  e§  au§  ben  in  ber  legten  nieber^ 
gelegten  (Srunbsugen  be§  djrtftüdjen  Seben§,  roorin  aber  bie 
©ntroifflung  be§  djriftlid)en  93eroufjtfein§  fdjon  al§  ein  inte= 
grirenber  SBeftanbtfjeü  mitgefejt  ift.  llnb  motten  roir  bte 
©elbtgfcit  ber  d)riftlid)en  ®irdje  als  Drt  be§  ^eiligen  ©eifte§ 
borfteßig  machen:  fo  mufe  fte  bargeftedt  roerben  al§  bieSSaljr- 


gtoeiter  Sibfdjnitt.  SSon  ber  SBefdjctifenijeit  ber  3Selt  :c  263 


beit,  in  melcbe  ber  ^eilige  (Seift  allem  leiten  fann,  in  ftd) 
tragenb.    9cur  bafc  beibeS  ftdj  nidjt  anberS  ai§  mit  äeitlicben 
unb  räumlichen  ^Differenzen  barftetlen  läfet ;  fo  bafc  mit  nur 
jagen  tonnen,  in  jenen  3)ifciblinen  unb  allem  ma§  ficb  baran 
Unat,  fei  jene§  fttf)  feibft  gleite  baZ  eigentlicb  barjuftellen 
angeftrebte,  aber  e§  gebe  ba§n  feine  anbere  al§  jene  beränber* 
Itdje  ®atftettung3mittel.     Siber  eben  fo  ift  baffelbe  aueb  in 
allen  cbrifilicben  £eben§momenten,  jofern  ibnen  jene  Söabrbett 
5um  ®runbe  liegt,  unb  fie  £üge  biefeS  5ibbübe§  in  ficb  ent* 
galten.     2öie  nun  aber  bk  (Stefammtbeit  bon  bieten  nidjtg 
anbereS  ift  al§  bie  gefcbicbtlicfce  SBirflidjfeit  ber  cbriftiicben 
®ircbe  in  tfirem  ganzen  Verlauf:  fo  mürben  mir  bocb  aueb 
eben  §u  biefer  geben  muffen,  menn  mir  ba&  medjfelnbe  unb 
beränberlicbe  mottten  borftettig  machen,  unb  mir  fönnen  alfo 
aueb  biefe§  mcbt,  olme  ba$  unberänberlicbe  unb  ftct)  feibft  gleite 
§ugleidj  mit  gefegt  §u  fjaben ;  nmS  um  f o  mebr  einleuchtet,  alS 
alte  Söeftrebungen,  au§  melden  jene  roed)fetnben©eftalten  ber 
(glaubend  unb   ©ittenlebre  berborgefjen,   ein  Heiner  £beü 
jene§  Verlaufs  fmb.    Unb  fo  ift  bann  feine§  oljne  baS  anbere 
barsuftetten.    SBotCte  jemanb  ba%  ftdj  feibft  gleite  unb  unber* 
änberlicbe  be§  (SljriftentbumS  in  gänslicber  Trennung  bon  bem 
gefdjid&tU#en  auffallen:  fo  mürbe  fein  Unternehmen  ftdj  faum 
bon  bem  Unternehmen  berer  unterfdjeiben,   melcbe  inbem  fie 
reine  «Sbeculation  mittbeilen,  bocl)  ba%  (£brifantbum  bargefaUt 
jtt  baben  meinen.    Unb  mottte  jemanb  in  ber  cbriftlicben  ®e* 
fcbidfa  nur  btö  beränberlicbe  gan§  abgelöft  bon  bem  ficb  feibft 
gleiten  pr  Slnfcbauung  bringen:  fo  mürbe  er  nichts  anbereS 
gerooüt  su  fjaben  fcbeinen,  al§  bie  melcbe,  inbem  fie  bei  ber 
äufjerften  ©cbale  fteben  bleiben,  un§  in  ber  ®efcbtcbte  ber 
cbriftlicben  ®ir$e  nur  ba$  mitmirfenbe  berberblicbe  ©biei  ber 
SBerblenbung  unb  ber  Seibenicbaft  zeigen.  —  SSenn  nun  beibe§ 
nidjt  abgefonbert  bon  einanber  bargeftettt  merben  !ann  oljne 
ba$  eigentümliche  Sßefen  ber  ^iretje  in  ber  3)arftetfung  un* 
fenntltdj  ju  machen,  mir  aber  bier  aueb  ntdjt  htibtä  auf  bie 
eben  bemerfte  5lrt  berbunben  abbanbeln  fönnen:  fo  merben  in 
ber  £ebre  bon  ber  ®ircbe  in  ibrem  Bufammenfein  mit  ber 
SBelt  nur  aufgeteilt  merben  fönnen  suerft  biejenigen  £aubt* 
tf)ätigfeiten,  bureb  bereu  ©tetigf eit  bie  seitliche  (gntmifflung 
biefeS  ®an§en  aueb  hrirfiidj  bie  ber  cbriftlicben  ^ixetje  mirb, 
unb  biefe  bilben  mitbin  bereu  mefentltdje  unb  unberänberlicbe 
(55runb5üge;    bemnäcbft  aber  biejenigen  öefc&aff enteilen  ber 
(Stemeinfcbaft,  mobureb  fie  fi<$  mäbrenb  ibrem  Bufammenfein 
mit  ber  Sßelt  bon  bemjenigen  untertreibet,  roa§  fie  erft  nacb 


264  Sei-  djiiftlidje  ®laube.  3toetter  £§eü. 

ber  ©cenbigung  biefe§  fjemmenben  ©egenfajeS  audj  in  ber 
(hMdjeinung  fein  fann,  ttmS  fte  aber  —  infofern  unter  betben 
Sonnen  biefelbe  —  bod)  auct)  immer  innerlich  betrautet  fcrjon 
ift  ^ene§  unöeränberlicfje  nun  grünbet  fi$  mefenttid)  ba= 
rauf,  ba%  bie  ®trd)e  nur  burd)  bas>jenige  fortbefteben  unb  31t 
iljrer  S3oHfommen^eit  gelangen  fann,  tooburdj)  fte  aud)  ent* 
ftanben  ift;  biefe§  manbelbare  aber  gebt  al§  burdj  bie  SBelt 
beftimmt  audj  borsügltd)  auf  ba§jentge  jnrürt,  roa§  bie  Sßelt 
ber  auf  fie  embringenben  Söirtfatnteit  be§$rinci£3  ber^irdje 
barbietet.  £)iefe§  ^auptftüf!  serfäüt  bemnad)  in  stoei  Hälften 
tuoöon  bte  eine  bie  mefentlicfyen  unb  ofjneradjtet  üjre§  3u= 
fammenfein§  mit  ber  SSelt  unb  c  raub  erliefen  ($5runbäüge  ber 
®trd)e  enthält,  bie  anbere  ba%  Sßanbelbare  barfteftt  froa§  fte 
bermöge  iljre§  3ufammenfein§  mit  ber  23elt  in  ft$  trägt. 


©rfte    Raffte. 

SDte  toefentftcfyett  imb  Httt>etättberlid)ett 
©rmtbgüge  ber  ^itdje. 

§.  127.  3)ie  ä)rtftlia>  ©emeinfd^aft  ift  oljmeradjrtet  be3 
fcon  ibrem  3ufantmenI)efte^en  m&  oer  2M*  ungertrenn* 
liditn  SBanbetbaren  bod)  immer  unb  überaE  fidj  felbft 
gleich ,  tnfofern  erfttia)  ba3  3eu9n^6  t)0n  G&nfto  in  ifyr 
immer  baffelbtge  ift,  unb  bie<§  ftnbet  fid^  in  ber  fy eiligen 
Schrift  unb  im&ienft  am  göttliä)en2Bort;sh)eUen<§ 
tnfofern  t)k  2Infnüpfung  unb  ©Haltung  ber  £eben<o* 
gemeinfdjaft  mit  Gfyrifto  auf  benfelben  Inorbnungen  ©grifft 
beruht,  unb  biefe  frnb  bie  Saufe  unb  baä  2lbenbmabl; 
enbiid)  tnfofern  ber  gegenfetttge  Hinflug  be£  ©angen  auf 
ben  ©ingeinen  unb  ber  ©in^elnen  auf  baä  ©ange  immer 
gleidj  georbnet  ift,  unb  biefer  geigt  ftdj  im  21  mt  ber 
©3>lüffel  unb  im  ©ebet  im  Tanten  Qefu. 

1.  3ubörberft  ift  tnot  notljmenbig,  ben  ©innnirf  ju  be* 
fettigen,  nne  bod)  bie  ©htfjeit  unb  (Seibigfett  ber  ®ird)e  auf 
biefen  (Stüffen  berufen  fotte,  unter  benen  e§  teine§  giebt, 
ma3  nietjt  ebenfalls  ein  ©egenftanb  be§  (Streitet  gemorben 
märe,    ja   unter  benen   mehrere  ftdj  fo   berfd)ieben  geftaltet 


gmeiter  SCöförntt.  5ßon  ber  SBefc^affen^eit  ber  SSelt  2C.  265 

fjaben  in  betriebenen  ®egenben  ber  (Eljriftenlj  eit,  ba%  fie 
eben  be§balb  befonbere  fitf)  gegenfeitig  auSfcbliefjenbe  (fernem* 
fdjaften  bitben,  anbere  mieberum  bon  einzelnen  (Stemeinfcbaften 
berroorfen  derben,  bie  bodj  ebenfalls  für  Triften  hotten  ge- 
achtet  fein.  Bunädjft  ift  bte§  freilieb  nur  bk  unmittelbarfte 
Söefräftigung  be§  oben  gefaaten,  bafc  e§  nid)t  möglich  ift,  ba$ 
eine  bon  beiben  Elementen  ganj  abge[onbert  bom  anbern  bar* 
aufteilen,  ^a  nacf)  bem,  mag  in  ber  (Einleitung1  über  baä 
SBerbältnife  be§  ®att)  otiai§mu§  unb  $roteftanti§mu§  angebeutet 
Sorben,  wirb  e§  gan§  natürlich  erfreuten,  bafj  bk  ebangelifd^e 
Se^re  über  faft  alle  biefe  ®egenftänbe  ftd)  im  SSiberfprudj 
ftnben  mufs  gegen  bte  römifcbe.  ©affelbe  finbet  aber  au<$ 
ftatt  in  Sßegug  auf  mehrere  Heine  bem  SBefen  nadj  atterbing§ 
broteftanttfdjje  ®irrbengemeinfdjaften,  roelc&e  un§  in  bem  ®egen= 
fa§  gegen  bie  römtfdje  ®irdje  raeit  hinter  fi<$  liefen.  (£§  ift 
aber  l)ier  aEerbing§  gu  untertreiben  ba§  innere  unb  ba$ 
äußere.  SDenn  feine  djriftlic&e  ®emeinfd)aft  nrirb  augeben, 
bafj  eine  foldie  befielen  fönne  oljne  Beugnifj  bon  (Eljrifto,  unb 
amar  fo  ba£  ba$  mefentliclie  beffelben  überall  baffelbige  fei; 
eben  fo  roenig  oljne  eine  (Stettgfett  ber  Seben§gemeinfd)aft 
mit  GHjrifto,  tuoau  hü  bem  2Bect)feI  ber  ^5efct)Iecr)ter  aud)  bk 
Slnfnüpfung  berfelben  in  bem  neuentftanbenen  Seben  gehört; 
unb  wo  irgenb  bte  Siebe  ift  bon  einer  boEfommnen  in  einem 
©emeütgeift  beruljenben  (SSemeinfcrjaft,  ba  mufj  aud)  ein  gegen« 
feitiger  (Einflufj  be§  ®anaen  unb  (Eins einen  auf  einanber 
borau§gefeat  merben.  Sie  SSerfdjiebenljeiten  treffen  alfo  nur 
t&eüS  bit  3Irt  unb  SBeife,  ba&  5leufjere  an  btefem  Innern  au 
geftalten,  tfjeüS  bk  S&orfteHungen  bon  ber  9Zot^menbigt"eit  unb 
®enauigfeit  be§  8ufammenljange§  smift^en  biefem  Innern 
unb  einem  trgenbnrie  geftalteten  Sleufjeren  überbaubt.  $hx 
Sßeaieljung  auf  biefe  $erfd)iebenl)etten  ift  bann  ba§  roidjtigfte 
biefe§,  ba%  man  richtig  beurteile,  ob  fie  in  ben  räumlidjen 
unb  aeitti$en$erfcl)ieben!jeitenbergeifttgen  Sftatur  be§9ftenfd)en 
gegrünbet  unb  alfo  unbermeibüct)  ftnb,  ober  oh,  weil  in  ben 
(Eingriffen  ber  SSelt  in  bie  ®irc(je  begrünbet,  für  fetjlerbaft 
§u  achten.  S)ie  leateren  finb  bann  um  fo  ftanbfjafter  du  be- 
fämpfen,  je  meljr  ftdj  biefe  (Eingriffe  bi§  in  ba&  innerfte 
£eiligtl)um  ber  ®ircbe  erftretten,  bk  erfteren  aber  Ijeben  ft<$ 
burdj  bie  gegenfeitige  5lnerfennung  bon  felbft  auf. 

2.    2)emnäcbft  nrirb  über  bie  SSeaiebung,  in  meiere  biefe 
rtrcbii$en  gnftitutionen  Ijier  gefejt  finb,  unb  über  bie  5lrt 

1  §.  24. 


266  2>er  c&riftli^e  «laufte.  Qxotilex  X$etl. 

unb  SSeife  ifjrer  3ufammenfteuaing  nod)  einiges  gu  erläutern 
fein.  SEBenn  nrir  Don  bem  ®runbfa§  auSgefjn,  bafc  unfer 
Gbrtftentbum  baffelbe  fein  foß,  rote  ba§  ber  2lpoftet:  fo  mu§ 
audj  ba§  unfrige,  ba  geiftige  3uftänbe  nidjt  unabhängig  finb 
bon  ifjrer  (SntfteljungSart,  bur<$  bie  perfönüdjen  ©inmirfungen 
©jjrifri  entfielen.  $)tefe  aber  fönnen  jeat  nic$t  unmittelbar 
öon  ibm  au§ge$n,  meil  fie  bann  niemals  mit  einer  folgen 
®emifr()eit  al§  auf  übernatürliche  SBetfe  öon  ifjm  ausgegangen 
erfannt  merben  fönnten,  bafs  fie  ntctjt  bod^  einer  beftätigenben 
9?acbmeifung  iljrer  ^bentttät  mit  jenen  urfprünglicben  bebürfen 
füllten,  fo  ba%  mir  immer  auf  jene,  mie  fie  un§  in  ben  2)ar= 
fteUungen  ber  $erfönltd)feit  dtjrifti  gegeben  finb,  äurüffgefüljrt 
mürben.  Unb  mie  ofjne  biefe  (ginmirfungen  aud)  in  ben 
'  Jüngern  eine  (Selbfttljätigfett  für  ba$  9teidj  (SotteS  burd)  bie 
,  TOttfjeitung  be§  ®eifte£  ntd&t  Ijätte  ju  (Stanbe  fommen 
tonnen:  fo  mirb  bie  SSirffamfeit  jener  $)arftellungen  ©briftf 
immer  eine  unerläßliche  SBebiugung  fein,  menn  ber  §.  ®eift 
fott  mitgeteilt  merben.  9ta  fdjeint  bicfeS  freilid)  meber  bxt 
ganje  neuteftamentifdrje  <Sd)rift  su  umf äffen,  nod)  auä)  bürfte 
ftet)  affeg  ma§  über  fie  gelebrt  mirb,  bierauS  entmiffeln  laffen. 
5lber  inbem  mir  ba%  le§tere  bem  meiteren  Verfolg  überlaffen, 
ift  über  ba$  erfte  §u  bemerfen,  bafj  für  ben  angegebenen 
3meff  ntd)t  einmal  überbauet  ber  ftebenbe  getriebene  $8ud)s 
ftabe  mefentüd)  §u  fein  fct)etnt,  fonbern  bie  SO^öglicfcjfeit  auc^ 
einer  münblidjen  gortpflansung  mufj  zugegeben  merben,  fo 
fern  nur  für  bit  unberlejte  ^bentität  ber  Ueberlieferung 
®emäljr  tan  geleiftet  merben.  Unb  in  fofern  fönnen  mir  e§ 
un§  gefallen  laffen,  bafj  biefe  gorm,  in  melier  un§  bie 
$erfönli$feit  GHjrtfti  bargeftellt  ift,  nic&t  unumgänglich 
jum  (Sein  fonbern  meljr  sum  2Öol)lfein  ber  ®ird)e  gebort 
2Ba§  aber  ben  größeren  nicf)t  eigentlich  eoangelifiifdjen 
Sbeil  ber  neuteftamentifc^en  ©Triften  anlangt:  fo  ent* 
balten  biefe  auf  ber  einen  (Seite  ben  33emei§,  bafj  au§ 
ben  Gsinmirfungen  (£l)rifti  felbft  unb  bem  oon  iljm 
gebotenen  3eugnifj  feiner  jünger  bie  öon  üjm  oertjetfjene 
firc&enbilbenbe  «Selbfttbätigfeit  lüirflict)  beroorgegangen  ift; 
unb  in  fofern  finb  fie  bk  eigentliche  Urfunbe  für  unfern 
33efiä.  9luf  ber  anbern  (Seite  finb  fie  eine  ©rgänjung  jener 
unmittelbaren  Sleufjerungen  (£ljrifti,  inbem  mir  au§  ben  21n= 
orbnungen  unb  £>anblungen  ber  jünger  auf  Belehrungen  unb 
SBittengäufeerungen  ©brifti  al§  auf  üjre  Duelle  äurüfffdjliefjen 
fönnen.  £)te  «Scbrift  aber,  mie  fie  ift,  fomol  itbzZ  einzelne 
Söucb  für  fieb  als  aueb  bie  (Sammlung,  ein  für  alle  fpäteren 


^weiter  Sl&jdjnitt.  S3on  ber  «eftfjaffenfjeü  ber  SSelt  2C  267 

®efd)le$ter  ber  ®irä)e  aufgegärter  @^as,  ift  immer  ein 
2Ber£  be§  t).  ÖSetfteS  ai§  ®emeingeift  ber  ®irdje,  unb  ift  nur 
ein  einzelner  gatt  ju  bem  in  unferm  <Sa§  altgemein  au& 
gebrüfften  3eugnifj  bon  (Hjrifto.  2)enn  münblidje§  unb  fd>rifi= 
lid&eS  Selben  fotool  al§>  (Srääljlen  bon  (£ljrifto  mar  bod)  ur= 
fbrüngli<$  baffetbe  unb  nur  aufäECig  belieben.  Seat  ift  bie 
(Schrift  ein  befonbere§,  meil  bie  unberänberte  Aufbemafyrung 
berfelben  auf  eine  eigentümliche  SSeife  bie  gnbentität  unfereä 
unb  be§  urfbrüngtictien  3eugniffe§  bon  ©Ijrifto  berbürgt. 
Aber  fte  märe  bod)  nur  ein  tobter  Söeftä ,  menn  biefe  Stuf* 
bematjrung  ntdjt  eine  ftd)  immer  erneuernbe  (Seibftttjättgfett 
ber  ®ird)e  märe,  bie  ftd)  sugteid)  in  bem  tebenbigen  auf  bie 
3d)rift  gurüffgetjenben  ober  mit  berfelben  in  ©inn  unb  ®eift 
iibereinftimmenben  Beugnifj  bon  S&rifto  funb  giebt.  Unb 
nur  MefeS  in  feiner  Allgemeinheit  al3  $flidjt  unb  SBeruf 
aller  2)cttglieber  ber  ®ir$e  foH  Ijier  —  abgelesen  borläufig 
Don  aller  bestimmten  (Seftaltung  —  unter  bem  Au§bruff 
Sienft  am  göttlichen  SBort  berftanben  merben.  gn  biefer 
Allgemeinheit  aber  betrachtet  unb  fo  auf  einanber  belogen 
finb  biefe  beiben  erften  ©tüffe  notljmenbig,  meil  fonft  ber 
©laube  nur  burct)  unmittelbare  (£inmirfungen  entfielen  tonnte, 
roobei  benn  meber  (Selbigfeit  ju  erwarten  nod)  28atjrt)eit  su 
berbürgen  märe.  ®od)  bemeift  fict)  bieier  £)ienft  nid)t  etma 
nur  nact)  aufjen  mirffam,  fonbern  aud)  innerhalb  ber  ®ird)e 
angefetjen  ift  er  eine  bon  ©&tifto  fetbft  Ijerrüljrenbe  organifdje 
©onftitution  sunt  Sße^uf  belebenber  unb  ftärfenber  WiU 
tbeüung.  —  Au§  bemielben  ©runbe,  bafc  mir  nichts  metjr 
bon  berfönlidjen  unmittelbaren  ©inmirfungen  (£t)rtfti  §u  er* 
märten  tmben,  mufe  fegt  auct)  baä  Antmibfen  unb  (Erneuern 
ber  ßebenggemeinfdjaft  mit  (£f)rifto  bon  ber  ^irdtje  auggetjn, 
unb  auf  £anbtungen  berfelben  äurüffgefiujrt  merben,  aber 
nur  auf  folct)e ,  bie  §ugleid)  als  £t)ätigfeiten  (£t)rtfti  ansufetjen 
finb,  bamit  auf  feine  SSeife  (£l?riftu3  ftd)  babei  leibentlict)  ber* 
ijalte,  unb  gegen  bie  ®irdje  im  ©chatten  ftelje.  Unb  biefe 
®emeinfd)aftlid)t'eit  ift  bie  eigentümliche  Statur  beiber  (Satra* 
mente.  i)enn  menn  gleicf)  bie  Saufe  ü)rer  urfbrünglidjen 
(ginfesung  nadj  nidjt  ber  erfte  Anfang  be§  SScr^ältniffeS 
gmifc^en  ber  ®ird)e  unb  bem  (jinselnen  mar:  fo  erlangt  bodj 
afte£  frühere  erft  burdj  fte  fo  feine  Söeftätigung ,  bafe  bie 
(Stetigfeit  ber  bemühten  SebenSgemetnfc&aft  mit  (£t)rtfto  erft 
mit  berfelben  beginnt.  Unb  menn  ba$  Abenbmatjl  aud)  nid)t 
ba§  einzige  Mittel  ift,  um  bie  £eben§gemeinfcf)aft  mit  (£&rifto 
äu  unterhalten,  unb  aud)  fc^on  bier  borläufig  biefe  föanblung 


26S  S)er  d)ri[tltct)e  Wlaube.  3ioetter  Sljeil. 

nidit  alS  eine  foldje  gefafjt  werben  foll,  bie  ftdj  ifoliren  läfjt, 
unb  audj  fo  nod)  eine  beftimmte  Sßirfung  Ijeroorbringt:  fo 
fegen  torit  fte  boct)  als  baS  &öcbfte  in  biefer  5lrt,  nnb  be* 
foffen  allen  anbern  ®enufj  (Sljrifti  mit  barunter  als  5ln= 
nä()ernna  basu  ober  gorfcung  baoon;  bafjer  galten  mir  un§ 
bier  mebr  an  biefe  sum  (Skunbe  liegenbe  %bee  als  an  bie 
äufjere  gorm,  unter  melcber  fie  fid)  realiftrt.  —  5luf  biefelbe 
Steife  concentrirt  ftd)  aller  (Xinflufe  beS  (fangen  auf  ben 
©inselnen  in  bem  Vergeben  ber  (Sünbe.  2)enn  bem  gemäfj 
mie  bie  ©ünben  unb  bte  guten  SSerfe  ber  Söiebergebomen 
ftd)  gegen  einanber  behalten,  tonnen  bie  lesteren  nur  in  bem 
ättaafe  anerfannt  merben,  als  bie  baran  Ijaftenbe  <5ünbe 
aufgehoben  mirb.  Slber  bie  guten  Söerfe  ftnb  augleid)  bie 
gruerjt  unb  ber  ®eim  ber  <&aben  beS  (SetfteS,  bie  ftd)  in 
Gebern  entmiffeln;  fo  bafj  bie  Vergebung  ber  ©ihtbe  aud) 
biefen  erft  iljren  Ort  in  ber  (SJemeinfc&aft  ber  (gläubigen  an= 
metiet.  2ÖaS  enblid)  baS  ®ebet  im  tarnen  ^efu  betrifft, 
moburd)  mithin  ber  ©inftufc  ber  (Sinselnen  auf  baS  ©an^e 
repräfentirt  merben  foll,  oljne  meldjen  eS  in  einem  öon  einem 
®emetngeift  befeelten  unb  in  fofem  in  ftd)  abgesoffenen 
(Jansen  feinen  gortfctjritt  geben  tarnt:  fo  fann  eS  fein  %ebet 
im  Tanten  Sefu  geben,  aufcer  in  ben  Angelegenheiten  feines 
9teict)§ ;  bie  SBirffamteit  beffelben,  bie  CEljriftuS  auä)  ber 
fleinften  Sereinigung  bon  (Sinjelnen  berljeifet,  begrünbet  alfo 
einen  Gstnflufj  berfelben  auf  baS  ®anse.  3Benn  mir  eS  aber 
al§  ben  9tebräientanten  alles  folgen  (SinfluffeS  anfeljn,  fo 
beruht  bieS  auf  ber  einem  jeben  Triften  unmittelbar  ein* 
leudjjtenben  SBorauSfesung ,  bafj  baS  (&ebet  notfjmenbig  bie 
eigene  £f;iätigfeit,  um  baS  erbetene  Jjerbeiäufübren,  idjon  in 
fict)  fd^liefjt  unb  OorauSfest.  DJcittjin  märe  in  bem  ®efammt= 
leben  obne  biefe  beiben  testen  Snftttutionen  meber  Drbnung 
nod)  gortfdjrttt  ober  (Mingen. 

3.  Safe  aber  tjier  aud)  alleS  oollftänbig  sufammengeftettt 
ift,  morauf  bie  (£mljeit  unb  ©elbigfeit  ber  d)riftlid}en  £ird)e 
ju  allen  geilen  unb  an  allen  Drten  berubt,  baS  mirb  ftd) 
am  beften  geigen,  menn  mir  auf  baS  Söerbältnifj  ber  Strebe 
ju  ßbrifto  äurüftgeben.  ^nbem  fie  nämlid)  auf  ber  einen 
«Seite  al§  ber  Organismus  ßbrifti  —  metctjeS  gemeint  ift, 
menn  fie  in  ber  ©djrift  ber  £eib  (Sbvifti  beifet  —  ftd)  %u 
(£f)rifto  berbält  mie  baS  3leu§ere  ju  bem  inneren,  fo  imife 
fie  in  ibren  mefentlicben  ^ätigfeiten  au<^  baS  Slbbilb  ber 
Xbättgfeiten  (S^rifti  fein;  unb  inbem  baS  maS  burd)  fie  be* 
teirft  mirb  utd)tS  anbereS  ift,   als  bie  fortfd)reitenbe  Ser= 


gtoeiter  SCbfänttt.  33on  ber  SBcT<ftoffcn^cit  ber  SBBelt  2C  26& 


mirflicrjung  ber  (Srlöfung  in  ber  SSclt,  fo  muffen  tbre  $$Sttg* 
fetten  äugleitf)  bie  gortfepngen  ber  Sljättgfeiten  (gfrciftt  [ein. 
Huf  biefetbe  Sßeife  atfo,  mie  mit  biefe  auf  baS  ©d)ema  ber 
brei  SIemter  surüffgefübrt  baben,  mu£  ftcf)  aueb  Slbbtfb  unb 
ftorrfexuna  bon  biefen  an  ben  aufgehellten  mefentttcfjen  Sbattg* 
feiten  ber  titele  na^meifen  laffen.  -  £>aS  ®thzt  im  tarnen 
Sem   fofern  eS  bie  boUftcinbige  berufsmäßige  Sbättgfett  tebeS 
(5inäelnen  in  ftcfj  fältefct,  tft  baS  Stbbilb  ber  göttlichen  £$ätig* 
feit  ©^rtfti  fomol  an  unb  für  ftdj  als  audj  baS  Söetbattmfc 
feine§   Regiments   au   bem   beS  VaterS   betreffenb;    le^tereS 
fofern  eS  in  bem  ©ott  anbeimfteltenben  SluSfprecben  ber  ©e* 
banfen  eineS  £eben  über  bie  Verbreitung  beS  9teid)eS  ©otteS 
ober  über  bie  (Singriffe  ber  SBclt  enbet;  erftereS  inbem  barm 
alle  t>on  ben  ®räftigfeiten  beS  ©otteSbemufetfeinS  auSgebenben 
Stoeffbegriffe   mit  enthalten  ftnb.    Unb  tft  in  bemjlmt  ber 
©cbiüffet  alles,  maS  §ur  Drbnung  unb  ber  bom  ©efamtnt* 
bemuMein    auSgebenben    ©cfcäaung    ber   *Berfonen    tn    ber 
®ird)e  gehört,  an  bk  reefct  berftanbene  Vergebung  ber  funben 
angefnübft:  fo  baben  mir  t)ier  bie  gorrfejung  ber  fontgltcljen 
Sbättgleit  (SErtftt,  meiere  mit  ber  SluSma^t  feiner  junger 
unb  ben  Orbnungen  für  bie  fimfttge  ©emetnfebaft  begann. 
-  «Befielt  ferner  bie  brobljetifäe  Xbätigfeit  (grifft  tn  fetner 
©elbftbarfteEung  unb  tn  feiner  Sluff orberung  für  baS  ^tetetj 
©otteS:  fo  ift  bie  ^eilige  ©tfrtft,  fofern  fte  i^rer  Sibfaffung 
unb  Slufbetoa^rung  naä)   als  SSerf  ber  Äird&e  bie  mtmtttel* 
barfte  Vergegenmärttgung  ©öxtfti  tft,   auccj  baS  fefiftebenbe 
SIbbiib  fetner  brobbettfccjen  SJätigfett;  ben  SHenft  am  SSort 
aber   fönnen  mir  nur  aiS  bie  gortfegung  berfetben  anfetm, 
ba  antoenbenbe  9)ZitbarfteEung  <£$xifti  unb  Slufforberung  tn 
feinem  tarnen  bie  mefentticcjen  Elemente  beffelben  ftnb.  — 
3ft  enbtid)  baS  mefentlidje  beS  tjoljenbriefteriicben  2lmteS  (Sonnt, 
menn  man  biefe  SSfitigfeit  mögltdjft  bon  bem  propbett^en 
unb  föniglicfjen  Slmte  fonbert,  borsüglid)  barin  %u  fmben,  ba% 
er  bie  ©emeinfä)aft  ber  SOcenfcfjen  mit  ©Ott  bermttteit:  fo 
werben  nur  feinen  Stnftanb  nehmen  in  betben  ©aframenten 
eine  Söejteijung  hierauf  an^nerf ernten;  unb  stnar  fo  bafe  Die 
Saufe  megen  ibreS  mebr  fbmboüfcben  (SfjarafterS  ftcb  mebr 
alS  Slbbiib  berbätt,  baS  2Ibenbmal)l  aber  megen  femeS  mebr 
realen  ©ebaltcS  als  gortfejung.  -  S)iefe  BufammmfteLung 
ergiebt   sugietefc,  ba%   alleS,   maS  mefentlicb   «mr  ^attgtett 
©brtftt  gebort,  ljter  fein  Hbbilb  unb  feine  Sortierung  fmbet; 
inbem  auci)  bie  brei  erften  eben  fo  ber  erlöfenben  ^ättgfett 
angeboren  mie  bie  brei  anbern  ber  berföbnenben.  3luc^  merben 


270  S)ercf)iiftad)e©lQube.  3toeiter  3:^eiL 

nur  in  unlerer  eoangelifdjen  Sluffaffung  be§  (£fjriftentbum§ 
niditS  aufsteigen  §aben  in  her  djriftlidjen  ®ird)e,  \va§>  mir 
in  gleiten  Ütang  mit  biefen  guftttutionen  ftetten  möchten. 
2>ielmel)r  motten  mir  meber  bie  Ueberlieferung  neben  bie 
3d)rif  Wetten,  nocf)  ben  SDtenft  am  SBort  irgenb  ftimbolifcben 
.Staublungen  unterorbnen;  meber  bie  ©aframente  oerbiel- 
fältigen  laffen,  nod)  burd)  2lnnaf)me  magifdjer  SSirfungen 
berfelben  tijre  Analogie  mit  ben  übrigen  fünften  jerftören; 
meber  burcb  gürbttten  ber  ^eiligen  ba%  (3tbtt  im  tarnen 
£§rifti  bekrönten,  nocf)  für  ba$  2Imt  ber  3crjlüffel  eine 
foeciette  gletd)t>iel  ob  einzelne  ober  cottegialifcfce  ©tettöertretung 
Gtljrifti  gelten  laffen. 

(SrfteS  «efjrftüff. 
$on  ber  Ijciligen  ©djrifi. 

§.  128     £)a3  Stnfefyn  ber  fettigen  Schrift  fann  ntcfrt 
|  ben  ©lauften  an  §fyttftum  begründen,  üiehnefyr  muf$  btefer 
febon  oorau^gefegt  merben  um  ber  fettigen  (Säjrtft  ein 
bejonberejo  2infefyen  einzuräumen. 

1.  2)te  üolemifdje  (Einleitung  bieie§  <3a§e§  berubt  tebig* 
Iid)  barauf,  ba§  baä  mirfltd)  behauptet  mirb,  roa§  mit  I;icr 
in  s2lbrebe  ftellen;  unb  e3  mag  in  ber  %$at  noä)  loeit 
häufiger  angenommen  merben,  al§  e§  beftimmt  behauptet  mirb, 
hibem  alle  Seljrbücfjer  unb  ade  ^öefenntnifefcbrtften,  meiere  bie 
&eljre  Oon  ber  ©djrift  al§  ber  Duette  be§  c^riftlictjen  (Glaubens 
^boranftetten,  eben  btefeS  beftimmt  ju  begünftigen  flehten.  — 
SDeStjalb  nun  ift  e§  nötfjtg  ba§  Riebet  jum  ©runbe  liegenbe 
9Jäfjt>erftänbnif3  red)t  inS  £id)t  §u  feiern  SSenn  nämlich  ber 
(glaube  an  ^ejum  ai§>  ben  (£(jrift  ober  als?  ben  (Soljn  ®otte§ 
unb  ben  (Srlöfer  ber  Slftenfcfjen  auf  ba%  3lnlel)n  ber  ©ctirift 
fott  gegründet  merben:  fo  fragt  fidj,  auf  meiere  SSeife  mitt 
man  biefeS  2lnfeljn  begrünben,  ba  e§  bod)  offenbar  fo  gefdjeljen 
mufj,  ba§  man  ungläubigen  (SJemütljerit  bit  Ueberseugung 
aufbringe,  bamit  fie  auf  biefem  SSege  audj)  au  bem  glauben 
an  ben  ©rlöfer  fommen.  SSenn  man  nun  feinen  anbern 
2(u§gang§pitnft  §at  al3  bie  gemeine  Vernunft:  fo  müfjte  %u* 
näd)ft  au§  blofeen  Sßernunftgrünben  ba%  göttlidje  ^Infefjen  ber 
<Sd)rift  ermiejen  merben  fönnen;  unb  bagegen  ift  ämeterlei 
ju  erinnern.  Buerft  ba%  biefeS  auf  jeben  %all  einen  tntifdjen 
unb   miffenfdjaftlic^en  $crftanbe§gebraud)   üorau§fest,   beffen 


Stoeiter  »bfdjnitt.  SSon  ber  SBeidjaffenfcett  ber  SSelt  ic.  27 1 

ntcf)t  alle  üücenfctjen  fäljig  ftnb ;  alfo  fönnen  audj  nur  fo  be= 
tätigte  ben  (Glauben  auf  urfbrünglidje  unb  ädjte  Sßeife  übers 
fommen,  alle  Slnbern  Ratten  ifm  nur  au§  ber  §roeiten  £anb 
unb  nur  auf  ba§  ^Infeljn  bon  jenen  <Sad)t'unbigen.  9hm 
fönnten  roir  eine  fotdje  Slbfiufung  groar  annebmen  auctj  auf 
unferm  (bebtet,  roenn  bon  ber  (Sinftdjt  in  bie  2ef)re  unb  bon 
^Beurteilung  ber  berf  ergebenen  gaffungen  berfelben  bie  Sftebe 
ift,  aber  für  ben  SBefij  be§  eigentlich  felis  macfienben  (Glaubens 
eine  folctje  anäune^men,  ba$  ftimmt  gar  nictjt  mit  ber  ©leid)- 
Ijeit  ber  Triften,  roeiccje  bie  ebangelifcrje  ®irä)e  auUpridjt, 
unb  roürbe  bietmeljr  nadj  2lrt  ber  römifcrjen  ^irctje  ben  Säten 
einen  unbebingten  geljorfamen  (glauben  an  biejenigen  su= 
mutzen,  roelcbe  allein  ber  ®rünbe  be§  ©lauben§  mächtig  ftnb. 
2>enn  ba§  Üteccjt,  ba$  roir  allen  Triften  an  ba§  göttliche 
SBort  geben,  unb  ber  (Stfer  mit  roeldjem  mir  e§  in  lebenbigem 
Umlauf  §u  erhalten  fudjen,  besieijt  fidj  feine§roege§  barauf, 
bafj  ieber  foEe  ben  23eroei§  führen  fönnen,  bafc  biefe  93ücf)er 
eine  göttliche  Offenbarung  enthalten.  3roetten§,  roenn  ftdj 
ein  foldjer  23eroet§  führen  unb  ber  (Staube  ftctj  auf  biefe  2lrt 
begrünben  liefje,  mithin  aucf)  bei  einem  geroiffen  (£5rabe  bon 
<55eifte§bilbung  anbemonftrirt  roerben  tonnte:  fo  fönnte  er  auf 
biefem  2Bege  au<£>  in  folgen  fein,  bie  gar  fein  SBennifctfeut 
öon  (SrlöfungSbebürftigfett  Ijaben,  alfo  auctj  unabhängig 
bon  Söufje  unb  (5inne§änberung,  unb  roäre  alfo  bermöge 
biefer  (£ntftef)ung§art  ntdjt  ber  roaljre  lebenbige  glaube. 
üDätfjin  roäre  biefe  burdj  23eroei§  erlangte  Ueberseugung  an 
unb  für  fiel)  bon  feinem  9cu§en;  benn  fte  fct)lüge  bon  felbft 
nid)t  p  ber  roa^ren  &eben§gemeinfctjaft  mit  (£t)rifto  au§:  roo 
fidj  aber  ba§  Söebürfnifj  ber  förtöfung  geltenb  mad&t,  ba  ent* 
ftef)t  ber  lebenbig  maetjenbe  (glaube  aud)  au§  einer  foldjen 
®unbe  bon  (£ljrifto,  bie  gar  nierjt  an  bie  Ueberäeugung  bon 
einer  befonberen  $ßefcrjaffenr)eit  biefer  SBüdjer  gebunben  ift,  , 
lonbern  auf  iebem  anbern  3eugntB  berbunben  mit  einer  5Xit= 
febauung  ber  geifttgen  SSirfimgen  ©fjrifti  mithin  auetj  auf  ber 
münblicrjen  Ueb erlief erung  ruften  tonnte. 

2.  ©ben  fo  roenig  nun  at§  roir,  roo  e§  auf  ben  ©runb 
be§  ®lauben§  anfommt,  einen  Unterfc^ieb  grötfetjen  ber- 
myiebenen  klaffen  zugeben  fönnen:  eben  fo  roenig  audj  einen 
Unterfdjteb  ätoifctjen  berf  ergebenen  Reiten;  fonbern  er  mufc" 
hei  un§  berfelbe  fein  roie  bei  ben  erften  Triften.  SBoHte . 
man  nun  fagen,  bei  biefen  roäre  er  bon  ben  Slbofteln  an 
aüerbing§  entftanben  au3  ifjrem  glauben  an  bie  @cf)rift, 
nämlicb  an  bie  altteftamentifebe  unb   befonber§  an  bie  baxin 


272  ©er  ^rlftlicfje  ©taube.  3tt>eiter  Sfjeil. 

enthaltenen  Sßeiffagungen  öon  ©fjrtfto:  fo  ift  ju  bem  ma§ 
hierüber  fdjon  oben1  gejagt  ift,  f)ter  nur  nod)  I)inäUäufügen, 
bafc  menn  aucb  bie  $lpoftel  gleich  ju  Einfang  iljreS  S5ert)ält- 
niffe§  mit  ^efu2  ifm  al§  ben  be^eidmen,  öon  roeldjem  bie 
$roötjeten  getneiffagt,  bie§  feine§mege3  fo  fann  berftanben 
merben,  al§  ob  fie  burctj  ba§  ©tubium  biefer  Sßeiffagungen 
unb  burd)  SSergleictjung  ü)re§  $nl)alte§  mit  bem,  roa§  fie  an 
^efu  fa^en  unb  öon  i§m  borten,  sunt  ©lauben  an  ü)n  mären 
gebracht  morben.  $ielmet)r  tjatte  ber  unmittelbare  ©inbrutr 
in  ifjren  burd)  bn§  ßeugnift  be§  £äufer£  Vorbereiteten  (55e- 
müttjern  ben  glauben  ermefft,  unb  jene§  mar  nur  eine  9lu§s 
fage  biefe§  ©lauben§  mit  itjrem  ©tauben  an  bie  ^roptjeten 
berbunben.  ®en  nämlichen  ©ang  fernlagen  fie  audj  felbft  bti 
ü)rer  SBerfünbigung  ein,  inbem  fie  juerft  auf  bie  Späten  unb 
SReben  ^efu  surüffgetjenb   itjren   Stauben  mittfjeitenb    au§- 

•  fbred)en,  unb  bann  bie  probbetifdjen  geugniffe  al§  Söeftätigung 
anfüllen.  Unb  fo  roie  üjr  ©taube  au§  ber  eignen  $rebigt 
(Jijrifti  öon  fid)  entftanben  mar,  fo  entftanb  au§  tfjrer  $rebigt 
öon  itjm  unb  au§  ber  Sßrebigt  öieler  Slnbern  ber  glaube  in 

I  Slnbern.  ©ofern  nun  bit  neuteftamentifd)en  (Sctjriften  eine 
foldje  auf  un§  gekommene  Sßrebtgt  ftnb,  entftebt  ber  ©taube 
aud)  au§  itjnen;  aber  fetne§tt>ege§  unter  ber  ^öebingung  bafc 
oor^er  eine  befonbere  Setjre  über  biefe  ©Triften,  al§  feien 
fie  au§  befonberer  göttlicher  Offenbarung    ober  (Eingebung 

I  entftanben,  müfete  aufgefteHt  unb  angenommen  morben  fein. 
SBtelmetjr  mürbe  er  auf  btefelbe  SSeife  entfielen  tonnen,  meint 
un§  aucrj  nur  folctje  3eugniffe  übrig  geblieben  mären  öon 
benen  man  nidjt  läugnen  tonnte,  bafj  fie  neben  ben  roefents 
liefen  Beugniffen  ©tjrtfti  öon  ftct>  fetbft  unb  neben  ben  ur= 
farünglicrjen  ^rebigten  feiner  jünger  bod)  sugleid)  im 
einzelnen  mancrje§  enthielten,  roa§  mifeöerftanben  toäre  ober 
unrichtig  aufgefaßt  ober  burcl)  $ermed)felungen  be§  ©ebäcbt* 
niffe§  in  ein  unrichtigem  £id)t  geftettt.  —  Sßebürfen  fair  alfo, 
um  sunt  ©tauben  gu  gelangen,  einer  folgen  £el)re  ntctjt;  unb 
\)at  e§  niemals  gelingen  motten,  bie  Ungläubigen  öermittelft 
ehrt  folctjen  Seljre  sunt  ©tauben  5U  nötigen:  fo  folgt,  ba% 
mte  bie  2lboftel  ben  ©tauben  ferjon  batten,  ef)e  fie  in  einen 
öon  bem  ©lauben  fetbft  nodj  berfd)iebenen  3uftinb  tarnen,  in 
mctdjem  fie  ibren  Slntljeil  an  biefen  Sßüdjern  Ijerüoräubringen 
üermod)ten,  fo  aud)  bei  un§  ber  ©taube  fcrjon  öorangetjen 
mufe,  etje  mir  bnret)  bie  £cfung  biefer  Sdjriften  barauf  geführt 


§•  14,3ufaa.  2   30^.  1,  45. 


Sroeüer  Stöfönttt.  Sßon  ber  SBefc&Gffettljeit  ber  SBelt  je  273 


tu  erben  einen  folgen  guftanb  in  meinem  fte  gef  abrieben 
roorben  nnb  eine  barauf  gegrünbete  95ef($affertr)ett  biefer  Q3ücber 
ansnnetnnen,  nnb  baf?  eine  folcbe  Sebre  immer  nnr  ben  fc§on 
©laubigen  toirb  annebntticb  gemalt  roerben  fonnen. 

3.  ©aber  I)aben  tnir  bei  ber  gangen  bi§beriQen  (Snt« 
ttrifflung  be§  ($51auben§  nur  biefen  felbft  al§  in  einem 
erlöfung§bebürftigen  ©emütb,  bermtttelft  toelcber  ®unbe  e§ 
aud)  fei  entftanben,  borau§gefe§t ,  bk  Sdjrtft  aber  nur  al§ 
benfelben  (glauben  au§fagenb  einzeln  angeführt;  unb  r)ter  erft 
toixb  bon  tr;r  befonber§  in  ibrer  natürlichen  Söegiebung  §ur 
rf)rtftltct)eri  SHrdje  gebanbelt,  unb  bie  grage  über  ibren  Untere 
idqkb  bon  anbern  £Öüd)ern  in  SBetradjt  gebogen,  Stemobn* 
erachtet  foEC  jene  90£etbobe,  toeldje  bie  Öebre  bon  ber  Schrift 
tioranftellt,  gefctjerje  e§  nun  in  $8efenntnif3fä)rtften  ober  in 
Sebrbücbern,  nicbt  fcljlec^trjin  getabelt  toerben,  toenn  man  nur 
unter  bem  (grtuetfen  ber  Sebrfäje  au§  ber  ©cbrift  nidjt§ 
anber§  berfteljt  al3  bk  Üftacbtueifung,  ba%  ein  fo  belegter  @a§ 
ein  ädjte§  unb  urfbrünglicbe§  (Clement  djriftltd&er  grömmig* 
feit  au§fage;  unb  tuenn  nur  gebörige  $orftd)t  angetocnbet 
nnrb ,  bamit  e§  nid)t  fdjeine ,  eine  Seljre  foUe  be§balb  §um 
(£briftentbum  gehören,  roeil  fte  in  ber  ©cbrift  entbalten  ift, 
ba  fte  boä)  bielmebr  nur  be§l)alb  in  ber  (Schrift  enthalten  ift,  n 
toeü  fte  §um  (Sbnftent^um  gebort,  begnügen  toirunSmith 
jenem,  fo  bleibt  aud)  bk  bogmatif($e  Geologie  nur  ein 
Aggregat  bon  einzelnen  ©äsen,  bereu  innerer  gufammenljang 
nid)t  in§  Siebt  gefteHt  nnrb.  %1)x  Söerrjältnife  sunt  gemeinen 
(glauben  ber  ®ird)e  ift  bann  enttueber  iene§,  bafj  bie  ttmtjre 
unb  bottfommne  ©etr>if$eit  be§  ©lauben§  nur  ba  ift,  tno  bie 
gäbigfeit  ift,  bie  ($5öttlidtfeit  ber  (Schrift  gu  betoeifen,  alle 
niebt  fo  toett  ttriffenfc&aftlid)  ®ebilbeten  aber  nur  auf  Autorität 
glauben,  unb  aXfo  bie  grömmigfett  bon  ber  äSiffenfdjaft  au§~ 
gerjt  unb  abbängt;  ober  inwiefern  bie  Saien  ftcb  lo§reifjen 
unb  ibren  glauben  auf  ibre  (Srfabrung  grünben  unb  ftcb  ber 
Sebenbigfeit  berfelben  erfreuen,  nnrb  bie  nnffenjcbaftlicbe  SDar* 
fteHung  etftmS  für  bk  fircbüdje  ©emeinfebaft  nustofeS  unb 
leere§.  2)arum  toar  e§  für  biefe  ©arfteunng  bon  SBicbtigfeit, 
bk  nmfjre  SlbgmeÜung  berfelben  aufraffen  unabhängig  bon 
ber  ©ebrift,  unb  ber  Seljre  bon  biefer  erft  Ijier  tbren  Ort 
anäutoeifen,  tt>o  nunmebr  ba$  eigentümliche  5lnfebn  berfelben 
in  ber  Sßesieljung  be§  ft  §  felbft  gleiten  auf  ba$  SSanbelbare 
unb  in  bem  regten  ^ufammenbang  mit  ben  anbern  toefent- 
lieben  Elementen  ber  ®irc§e  sunt  Haren  ^emufjtfein  fommen 
fann. 
<sm.,zt)x  !tt.@i.n.  is 


274  $er  c$riftltdje  ©Ioubc.  3toelter  £f)etl. 

§.  129.  £)ie  fettigen  ©Triften  be<3  neuen  93unbe£  finb 
auf  ber  einen  «Seite  ba£  erfte  ©lieb  in  ber  feitbem  fort* 
laufenben  Sfoifye  aller  £)arftellung,en  be3  ä)riftlid)en 
©laubenS;  auf  ber  anbern  «Seite  finb  fie  bie  üftorm  für 
alle  folgenben  SDarftellungen. 

1.  S)af3  bte  fjeiligen  ©Triften  ba§  erfte  ©lieb  ftnb  in  ber 
angegebenen  SHeirje  fest  OorauS,  bafj  bie  folgenben  ©lieber 
bem  erften  gleichartig  ftnb,  unb  bie§  gilt  forool  bie  gorm  al§ 
ben  ©erjalt.  Stellt  man  bie  neuteftamentifdjen  (Schriften 
öetDÖönltcf)  in  ©etöi$t§büdj)er  unb  Sel^rbücfjer:  fo  ift  bie§  nur 
in  fofern  eigentlich  richtig,  al§  man  fie  ni<$t  nac^  bem  t>or- 
f)errfd)enben  Snfcaft,  fonbern  nact)  ber  äußeren  gorm  trennt. 
2)enn  in  ben  ©efcfjid)t§bücrjern  bilben  bk  Seljrreben  (£briftt 
unb  ber  9lpoftel  einen  jeljr  bebeutenben  £l)eil;  unb  bie  Briefe 
ber  Slpoftel  finb  mit  wenigen  5lu§nafjmen  nur  infofern  oer* 
ftänblidj,  al%  fie  entraeber  gefc^ic^tUdje  Elemente  gerabe^u 
eutfjalten,  ober  al§  mir  un§  QefctjicfetUc^e  Berljältniffe  au§ 
it)nen  conftruiren  tonnen.  Behalten  mir  nun  biefe  (Sinti)  etlung, 
bei,  ober  legen  mir  fie  hei  (Seite,  unb  achten  mef)r  auf  bie 
gorm  ber  einjelnen  (Elemente  in  biefen  Büchern;  immer 
merben  mir  fagen  muffen,  bafj  afle§,  roa§  fi$  ai§>  SDarfteflamg 
cfcriftlidjer  grömmigfeit  burc§  bte  Spraye  in  ben  fpäteren 
«Seiten  ber  ctjriftüc^en  ®tr$e  geltenb  gemalt  f)at,  fidj  inner* 
Ijalb  berjelben  urfprün glichen  gormen  bemegt,  ober  ftdj  al§ 
erläuternbe  Begleitung  an  fie  anfdjltefet.  SDenn  aud)  bie 
religiöje  SDidjtfunft  in  ber  allein  roaljrfjaft  ftrdjltdjen  Ityrifdjen 
gorm  t)at  [crjon  iljren  ®etm  im  neuen  Seftament;  unb  auf 
ber  anbern  Seite  ftnb  alle  ertlärenben  unb  foftemattidjen 
Söerfe,  meiere  al§  2)arftettungen  djriftlidjer  grömmigfeit 
meniger  lXrfpriinQiict)£eit  unb  Selbftänbigf  eit  baben,  nur 
&ülf§mittel  für  jene  urfp  dinglichen  (Srseugniffe  unb  gw- 
fammenftellungen  au§  benfelben.  —  2Ba§  aber  ben  ©eljalt 
anlangt:  fo  ift  aud)  Ijter  sunädjft  bie  allgemeine  Siegel  an* 
jumenben,  bafj  in  ieber  ©emeinierjaft  jebe£  etitäelne  ftd)  nur 
in  bem  SÖcaafc  geltenb  mad)t,  al3  e§  ben  ©emeingeift  clu& 
•  ftrtd)t.  Slud)  bierin  merben  mir  alfo  alte§  btefer  s3lrt,  roa§ 
neben  ben  beiligen  Schriften  nodj  fortmirtenb  befielt, 
al§  ibneu  gleichartig  anfeljen  muffen,  ma§  aber  nidjt  nod) 
fortruiitt,  bag  tonnen  mir  aud)  nidjt  in  ber  fRei^e  nad)= 
meifen. 


Stoeiter  Sttf djnitt.  SSon  ber  Söejc^aifen^eit  ber  SBc«  :c.  275 

2.  ©oft  fitf)  aber  in  ber  gefcbicbtticben  Gmtrotfflung  ber 
€&riftlidjen  ®ircbe  bie  (Srlöfung  immer  mebr  seitlich  bermirf* 
liefen,  mitbin  audj  ber  fettige  ©eift  ba$  ©an^e  immer  bott- 
fommner  burebbringen :  fo  fetjetnt  mieberum  ntc^t,  hak  baZ 
erfte  ©lieb  biefer  ober  einer  anberen  9?eibe  äuöleictj  9corm 
für  aße  folgenben  fein  fann;  roenn  boct)  in  einer  foleben  (£nt~ 
mifflung  jebeS  fbätere  boUfommner  fein  fott  als  fein  früheres. 
$)ieS  $at  au<$  feine  Sfttdjtigfeit,  aber  nur  roenn  man  §mei 
ganse  Momente  jeben  in  feiner  SBottftänbigfeit  äufammenftellt. 
2)enn  betrachten  mir  bie  ctjrtnlictje  SKrcbe  roäbrenb  beS 
ab  oftoltfdjjen  geitalterS  als  ©tnfjeit:  fo  fann  aueb  nietjt  bie 
©efammtljeit  ibrer  ©ebanfenerseugung  bie  9corm  für  bie  ber 
fbäteren  Beitalter  abgeben.  2)enn  bei  ber  natürlicbermeife 
fetjr  ungleicben  Sßertbeilung  beS  göttlichen  (SeifteS  in  berfelben, 
nnb  ba  audj  niebt  Seber  nur  nacb  bem  SDcaafj  feiner  Stbeil* 
nabme  an  biefem  ©emetngeift  brobuetib  mar  in  religiöfen 
SBorjteffungen,  tonnten  bamalS  am  leiebteften,  roeil  nodj 
iübifebe  unb  Ijeibnifcbe  Stnftcbten  unb  SDcajimen  eingemur^elt 
roaren,  unb  ber  Sßtberfbrucb  berfelben  gegen  ben  cbriftlicben 
(Seift  erft  aßmciblig  anerfannt  merben  fonnte,  religiöfe  3>ar* 
fteUungen  entfteben,  roelcbe  genau  genommen  mebr  bom  ctjrift* 
lieben  afficirteS  ^ubentbum  ober  £>eibenttjum  als  roabreS 
©Ijriftentbum  roaren,  mitbin  al§  cbriftlicbe  betraebtet  im 
böd)ften  (Srabe  unrein,  tiefem  unbottfommeuften  gleichzeitig 
aber  maren  bie  berfünbigenben  S)arfteHungen  ber  unmittel* 
baren  ©djüler  GMJrifti,  bei  benen  bie  (Sefaljr  eineS  unrotffent* 
lieben  berunreinigenben  (EinfluffeS  iforer  früheren  jübtfcben 
^)en!s  unb  Lebensformen  auf  bie  ©arfteüung  beS  ebriftlicben 
in  Söort  unb  Xfyai,  in  bem  SDcaafj  als  fie  ÜS&rifto  nabe  ge« 
ftanben  bitten,  abgemebrt  mürbe  bureb  ben  reinigenben  Gnn= 
flufe  ber  lebenbigen  (Erinnerung  an  ben  gangen  (£briftuS. 
2)enn  baburdj  mufjte  fidt)  ibnen  in  allem,  mag  ftcjj  §u  einer 
foleben  SHarfjett  beS  ÖemufjtfetnS  entroiffelte,  raie  fie  ber 
2)arfteHung  burd)  bie  Ü?ebe  borangeben  mufe,  jeber  SSiber* 
fbrudj)  gegen  ben  (Seift  beS  SebenS  unb  ber  Sebre  (Ebrifü 
fogleicb  entbeffen.  SDieS  gilt  mitbin  äunäcbft  bon  itjren  (£r* 
3ät)lungen  ber  Sieben  unb  Staaten  (Sljrifti  felbft,  bureb  meiere 
baSjenige  feftgeftellt  mürbe,  roaS  ben  allgemeinften  reinigenben 
(ginfluts  ausüben  fotlte.  2)ann  aber  aud}  gilt  eS  bor^üglicb 
bon  allem,  roaS  bie  Slpoftel  für  cbriftlicbe  ©emeinben  lebrten 
unb  anorbneten,  meil  fie  ba  in  ©brifti  tarnen  baubelten; 
roierool  aud)  mo  fie  meljr  nur  als  (Einselne  auftraten,  boeb 
aueb  Seber  feine  (Srgänsung  ntdjt  nur  fonbern  auefy  feine 

18* 


276  ©er  djriftlictje  (Klaube.  Qmtittx  %f)tiU 


GTorrection  fanb  an  einem  Zubern.1  (So  ftanb  atfo  in  bem 
aboftolifcbett  Bettalter  bn§  botff'ommenfte  unb  ba§  unbotf* 
fommenfte  al§  fanoniiä)e§  unb  abofrt)bbiftf)e§  neben 
einanber,  beibe  SBürter  in  bem  @tnn  genommen,  ber  ft<3&  an§ 
ber  bi§berigen  Erörterung  ergiebt,  al§  Sinei  ©rtreme  meiere 
in  feinem  Röteren  Beitalter  auf  bie  gleite  SBeife  rrrieber* 
fommen  formen.  £>enn  bie  ftrtfrtidjen  ©arfteUungen  muffen 
ftd&  bon  bem  abofrbbbifdien  immer  mebr  entfernen,  toeil  ber 
©tnfmfj  frembartiger  retigiöfer  Elemente  auf  bie  ®trdje,  rnie* 
mol  ir^r  im  einzelnen  immer  no*  neue  SHjeite  au§  bem  %t- 
biet  be§  3ubentbum§  äuroadjfen,  boeb  in  bemfeiben  SOßaafc  ab* 
nimmt,  at§  ber  größte  £beil  ber  Triften  fd)on  im  ©rfjoofc 
ber  ®trct)e  geboren  unb  erlogen  mirb.  dagegen  tonnte  aber 
auet)  bie  ®ircbe  feitbem  ba§  ranonifdje  nidjt  mebr  erreichen, 
roeü  hie  iebenbige  3lnf^auung  (Sbrifti  niebt  mebr  auf  biefeibe 
Söeife  unmittelbar,  fonbern  nur  au§  jenen  ©Triften  ent* 
nommen  alfo  bon  ibnen  abhängig,  alle  berunreinigenben 
EinfTüffe  abmeieren  fann.  STCefjmen  mir  baber  beibe§  su* 
fammen,  fanonifd)e§  unb  abofrbbfjifd)e§ ,  fo  ftebt  audj  ba% 
aboftoliftfie  Beitalter  unter  ber  allgemeinen  fftegel,  benn  bie 
SBirffamfeit  be§  fanonifdjen  erfd}eint  gemiffer  unb  fein  Ein* 
flufj  berbreiteter ,  ruenn  ba§>  abotxiiblnfcbe  andj  an  ben 
Stengen  ber  ®trä)e  ftet)  berliert,  unb  fo  ift  im  Jansen  be= 
trautet  bie  fbätere  £)arfteEung  au*  bie  bollfommnere. 
Febmen  mir  bagegen  ba$  fanonifdje  für  ftdj:  fo  trägt  biefe§ 
eine  normale  SBürbe  für  aKe  Seiten  in  fiä).  SBir  färeiben 
biefe  nidjt  allen  Tbeilen  unferer  beifigen  (Schriften  ßletdV 
mäfeig  gu,  fonbern  nur  in  bem  Stfaafc  al§  bie  SSerfaffer  ftd)  in 
bem  eben  betriebenen  3«ftanbe  befanben,  fo  1>a%  gelegene 
liefert  tafcenmgen  unb  bloßen  Febengebanfen  nietet  berfelbe 
®rab  bon  Formalität  gufommt,  mie  bem  roa§  sunt  iebe§= 
maligen  £aubtgegenftanbe  gebort.  Sßtr  berfteben  ftc  aud) 
niebt  fo,  nl§  ob  alte  fbätere  ©arftellung  gletcbmäfctg  mimte 
au§  bem  ®anon  abgeleitet  merben,  unb  in  ifjm  febon  bem 
Steinte  na*  enthalten  fein.  £)enn  feitbem  ber  (Seift  au§ge* 
goffen  ift  auf  atteS  Steif  cb,  ift  audi  fein  Bettalter  ot)ne  eine 
eigentf)ümlid)e  Uribrünglicbfeit  djrtfttidier  ©ebanfen.  »ber 
auf  ber  einen  ©eite  barf  affe§  nur  in  fofern  für  ein  reme§ 
(Sraeugmfe  be§  d)riftlid)en  ®eifte§  angefeben  merben,  atöftcfc 
naebmeijeu  läfjt,  ba%  e§  mit  ienen  urforünglidjen  (Sraeugniffen 
in  Uebcreinftimmung  ftebt ;  unb  auf  ber  anbern  ©eite  rommt 

1  8gt.  (Kai.  2,  11  ffob. 


3toeitcr  Stbfchniit.  SSon  ber  SBefc^affen^eit  ber  Sßelt  :c.  277 


feinem  föäteren  (grseugniB  ein  gleiches  Slufebn  §u  mie  jenen 
urfprüngücben  ©Triften,  menn  e§  barauf  anfommt  für  Me 
(Sßriftiidtfeit  einer  ©arfteuung  ©ernähr  au  leiften  unb  un* 
djrtftlidjeS  fenntlicb  au  machen. 

130.  ©tfter  Se^rfa^.  S)te  einzelnen  SBüc^er  be£ 
neuen  SeftamenteS  finb  öon  bem  &.  ©eift  eingegeben,  unb 
Me  Sammlung  berfelben  ift  unter  ber  Leitung  be3  §. 
©eifteS  entfianben. 

Conf.  Helf.  I.  (p.  94.)  Seriptura  eanonica,  verbum  Dei  Spiritu 
s.  tradita  et  .  .  mundo  proposita  etc.  —  Conf.  Gall.  V. 
(p.  111.)  Credimus  verbum  his  libris  comprehensum  ab  uno 
Deo  esse  profectum.  —  Conf.  Scot.  XVIII.  p.  159.  Spiritus 
dei  per  quem  s.  scripturae  litteris  sunt  mandatae.  —  Conf. 
Belg.  III.  p.  171.  Confitemur  sanctos  Dei  viros  divino  afflatos 
spiritu  locutos  esse.  Postea  vero  Deus  .  .  servis  suis  mandavit, 
ut  sua  illa  oracula  scriptis  oonsignarent.  —  Decl.  Thor. 
p.  411.  Profitemur  .  .  nos  amplecti  sacras  canonicas  .  . 
scripturas  .  .  instinctu  spiritus  s.  primitus  scriptas  etc. 

1.  £)em  firdjlidjen  SlnSbmff  ber  Eingebung  im  allgemeinen 
eine  genaue  Umgrenzung  au  geben,  ift  nidjt  ieirf)t,  unb  mir 
motten  oor  ber  fbecießen  söebanblung  ber  (Sacbe  ^ier  über 
ba$  SSort  nur  folgenbeä  vorläufig  bemerfen.  ©er  5lu§bru!f 
O-eoTrvsuaxo?,  ber  oon  ben  altteftamentifcben  ©Triften1  gebraucht 
wirb,  unb  Meiern  ©üracbgebraud)  gefdjicbtlicb  mol  am  be* 
ftimmteften  §um  ©runbe  liegt,  fübrt  atterbmgS  fefjr  tei$t 
barauf,  ftd)  ein  Sßerbäitnifj  be§  ^eiligen  ©eifte§  au  bem  ©Treiber 
hu  beuten,  meines  ftd)  auf  biefen  2lct  befonber§  h^kU  unb 
aufeerbem  nicbt  beftebt.  Weniger  mit  biefer  ^ebenborftetlung 
behaftet  ift  ber  2lu3bruff  utco  ^vsu^axos  ayiou  96po(xevoi.2  ©enu 
bier  ift  bte  Auslegung,  bafc  fie  fcbon  immer  getrieben  waren, 
unb  in  Meiern  £uftanbe  bann  aud)  rebeten  unb  fdj rieben,  an 
unb  für  ftd)  eben  fo  natürlid),  als  bte  ba£  fie  erft  sunt  Dieben 
unb  ©abreiben  getrieben  mürben.  2)a  nun  ber  fird)Ud)e  2lu§* 
bruff  nidjt  genau  fcbriftmäfetg  unb  babei  bilblid)  ift:  fo  mirb 
e§  nötbig  fein,  üjn  burd)  Sßeaiebung  auf  oermanbte  Slugbrüffe 
ju  beftimmen,  meldje  aud)  eine  Slrt  beaeidjnen,  mie  man  §n 
SSorfteuungen  fommt.  «gier  ftebt  nun  auf  ber  einen  Seite 
ba%  eingegebene  mit  bem  erlernten  gegenüber  bem  erfonnenen, 
mie  bem  gana  au§  ber  eigenen  Selbfttbätigfeit  beröorgegangenen 
baä  morauf    eine    frembe  (Stnffofe  gebabt;  auf  ber  anbern 

1  2  £im.  3,  16.  2  2  «Betr.  1,  21. 


278  S)er  $riftltd)e  ®Iau6c  Btoelter  Xfjetl. 

(Seite  fft  mfeber  bog  eingegebene  bem  erlentten  entgegengefejt, 
inbem  btefeS  abgeleitet  tft  au§  einem  bon  aufeen  mitgeteilten, 
jene§  aber  al§  ein  für  Rubere  urfprünglid)e§,  nur  bon  einer 
innerlichen  SDcittfieilung  abhängig  ljerborgel)t.  $)atjer  bie  ^ar- 
ftettung  be§  erlernten  ftct)  beliebig  bem  medjanifdjen  annähern 
barf,  in  bem  föerbortreten  be§  eingegebenen  aber  ftdj  bie 
gange  greif)eit  ber  eignen  $robuctibität  ju  Xage  legen  fann. 
—  £>ie  allgemeine  ©emofjnljeit  aber,  bxt  Ijeitige  (Schrift  aucb 
bie  Offenbarung  ju  nennen,  berurfadjt,  bafj  beibe  ^Begriffe 
ntct)t  feiten  berroecljfelt  merben,  ma§  nirf)t  oljne  Sßermirrung 
abgeben  fann.  $)enn  menn  man  bie§  fo  berfteljt,  al§  fei  ben 
^eiligen  (Sd^riftftetterrt,  inbem  fte  au§  (Eingebung  fdjrieben, 
ber  ^nljalt  göttlidjermeife  befonberS  funb  gemalt:  fo  ift  bte§ 
eine  gan§  unbegrünbete  93eljaubtung,  mag  man  nun  mefjr  auf 
ben  51ct  ber  5lbfaffung  eine§  ^eiligen  93ud)eS  felbft  ober  meljr 
auf  bie  i&r  borangebenbe  unb  sunt  ©runbe  liegenbe  (Sebanfen* 
erregung  feljen.  SSeil  nämlt^  alle§  tr»a§  fte  lehren  auf 
GHjriftum  jurüffgefüljrt  hrirb :  f o  mufj  audj  in  ©tjrifto  felbft  bxt 
urfarünglitf)  göttliche  ®unbmadjung  aKe§  in  ben  beiligen 
(Schriften  enthaltenen  fein,  fetne§mege§  aber  berein^elt  nadj  ber 
SSeife  ber  (Eingebung,  fonbern  eine  unheilbare,  au§  ber  ftd) 
atte§  einzelne  organtfdj  entmiffelt.  £)a§  Sfteben  unb  ©^reiben 
ber  bom  (Steift  getriebenen  SIpoftel  mar  alfo  auct)  nur  ein 
üDtfittfjeilen  au§  ber  göttlichen  Offenbarung  in  (Sfjrifto.  — 
SSenn  aber  nun  unfer  <Saj  nid)tnur  ba$  5lbfaffen  ber  einaelneu 
$8ü$er,  fonbern  aud)  bie  gufammenftellung  berfelben,  um  ben 
neuteftamentifdjen  ®anon  ju  bilben,  bem  Eiligen  Reifte  #\- 
fdjreibt,  unb  ftc&  für  biefe§  ledere  eine§  anbern  5lu§bruff§ 
bebient:  fo  beruht  biefe  Unterfdjieibung  sunäcfjft  barauf,  ba% 
mir  bie  $lbfaffung  eine§  93ud)e§  al§  einen  2öiHen§act  eine§ 
(Sinselnen  anfe&en,  bie  gufammenfteffung  fce§  ®anon  aber  ift 
ba§  (Srgebnifj  eine§  bielfeitigen  3ufammenmirfen§  unb  ®egen= 
einanbernnrfen§  in  ber  ®trd)e,  fo  bafj  ritcr)t  atte§  ma§  ba?>\i 
mttgemirft  fjat,  auf  gleichmäßige  Sßeife  bem  Ij.  (Seift  fann  iw- 
getrieben  merben.  (£§  mirb  aber  nid)t  allgemein  iebem 
biefer  beiben  3lu§brüffe  berfelbe  SBertt)  beigelegt  hrie  l)ter, 
fonbern  ©inige  motten  ftdj  auä)  für  bie  Slbfaffung  nur  mit 
einer  leitenben  £t)ätigfeit  be§  (Seiftet  begnügen,  Slnbere  aud) 
bie  bei  ber  gufammenftellung  bi§  gur  Eingebung  fteigern. 

2.  ®eljen  mir  auf  ben  begriff  be§  1).  ®etfte§  al§  ®e= 
meingeift  ber  c&riftiic&en  ^trctje  surüff,  batjer  auc^  al§  Ouelle 
aller  ©eifte§gaben  unb  guten  Söerte:  fo  ift  aud)  alle  %& 
banfeneraeugung,  fofern  fte  bem  3Reict>  ®otte§  angehört,  auf 


Stociter  Sftfämtt.  S5on  ber  Söetöaflenöelt  ber  SBclt  jc  279 

i^tt  surütfsufübren  unb  alfo  bon  ibm  eingegeben.  $)ie  be§ 
o^oftolifdien  3eitalter§  aber  fo,  bafj  fte  bte  betben  (5tegenfä§e 
be§  abofrtybbifcben  unb  fanonifcben  in  ftcb  fc&tiefjt,  fo  ba%  in 
jenem  nur  bie  einaelnen  ©puren  bon  Sufammenbang  mit  bem 
^rtftltct)en  ®efammtleben  bon  ibm  berftammen,  in  biefem 
feine  SBtrffamfett  nur  burcb  baä  ^nbibtbuum  näber  bestimmt 
ttrirb,  faft  obne  burcb  baffelbe  gefcbmäcbt  ober  alterirt  ju  fein, 
fo  iebodj,  ba%  in  feinem  ©inselnen  ber  Unterfdjteb  bon  ©brifto  i 
ganj  aufgehoben  ift.  Sft  nun  ber  ®anon  ättrifcben  biefen 
beiben  burcb  attmäblige  Uebergänge  aufgefüllt,  fo  mitb  biefe 
SBirffamfeit  be§  ®eifte§  am  botffommenften  fein  unb  am 
meiften  äufammengebrängt  in  bem  bon  $etru§  aucb  mit  3u= 
ftimmung  ber  ganzen  gemeine1  befonber§  au§ges  eigneten 
Greife  berer,  bie  mit  (£brifto  balb  bom  Anfang  fetne§  öffent* 
lieben  ßeben§  an  gemanbelt  maren.  2)enn  in  biefer  abofto-- 
lifcben  klaffe,  mie  man  fte  nennen  barf,  mürben  bie  Gsinselnen 
einanber  fo  gteicb  gebalten,  ba§  obne  ®emiffen§berlesung  bit 
3abl  ber  urfbrünglicben  Slboftel  au§  ibnen  burcb  ba$  blofee 
£oo§  ergänzt  merben  fonnte,  inbem  biefe  S8er)arrltcrjfeit  fomol 
bie  Sfteinbeit  ibre§  @ifer§  als  bie  SBoaftänbigfeit  ibrer  Stuf* 
faffung  berbürgte.  -iftiemanb  aber  mirb  aucb  in  biefem  Greife 
ben  bebeutenben  Unterfd^teb  berfennen  jtmfdjen  folgen  Wlo* 
menten,  melcbe  nur  §um  ^ribatleben  ber  einjelnen  geborten, 
unb  folgen  bie  in  ber  Seitung  ber  cbrtftücben  9Ingelegenbeiten 
tiermenbet  mürben;  benn  in  ben  erften  mirb  aucb  bei  ben 
Sloofteln  baä  menfcblidje  am  letcbteften  berborgetreten  fein, 
mogegen  in  ben  legten  ber  SSiUe,  ben  (Steift  be§  ©anaen  au§* 
fcrjliefeenb  malten  pu  laffen,  meit  entfcbtebener  fein  mufjte,  unb 
baber  ma§  in  biefen  gerebet  unb  getban  mürbe,  in  einem 
meit  ftrengeren  unb  beftimmteren  (Sinn  eingegeben  genannt 
toerben  !ann.  dagegen  mürbe  man  bie  Gstnbeit  be§  Seben§ 
biefer  apoftolifcben  Scanner  auf  bie  abentbeuerltcbfte  Söeife  §er* 
ftören,  menn  man,  um  bie  Eingebung  ber  ^eiligen  ©djrift 
redjt  borsüglidj  berauSsubeben,  bebaupten  mottte,  fte  mären 
in  anbem  feilen  üjre§  aboftoliicben  Slmte§  meniger  bon 
bem  b.  (Steift  befeelt  unb  getrieben  morben,  al§  in  ben  bitten 
be§   ©djreiben§,  unb  mieberum  meniger  in  ber  Slbfaffuna 


1,  21  flgb.;  bergt  go$  15,  27.  —  SBenn  «ßaulu* 
biefem  Greife  ntc^t  angehört;  unb  bie  5?tTd&e  üjn  bod)  avi%  in  SBe^ng  auf 
bie  (Stnge&ung  nie  hinter  ben  anbem  Stpofteln  äurüffgefest  §at:  fo  erfennt 
fte  üjm  biefelben  SSoraüge  au,  toenn  er  fte  autf)  genriffermafjen  auf  anberent 
Sßege  ertooxben  tjat. 


280  $etd)riftlid)e®laube.  3»eiter  3#eü. 

fo!d)er  audj  ben  ©tenft  ber  Gemeinen  betreffenben  ©cfcriften, 
nickte  nietjt  borber  beftimmt  maren  in  ben  ®anon  auf* 
genommen  ju  raerben  nnb  eben  fo  aud)  auSgeseicbnet  mefjr 
bei  benjenigen  öffentlichen  Dieben  ober  feilen  bon  Üteben, 
meiere  bernad)  in  ber  9lboftelgefcbid)te  aufberoabrt  raorben 
ftnb,  al§  bei  allen  übrigen;  nnb  mit  ober  oljne  ibr  Söiffen 
[ei  biefer  Unterfc^ieb  barin  begrünbet,  bafc  biefe  Sieben  nnb 
6d)rtften  beftimmt  maren,  aufjer  iljrer  unmittelbaren  21b* 
äroeffung  fid?  aud)  auf  alle  fünftigen  Reiten  äu  besietjen.  $k\U 
Gin  ift  Me  eigenttmmlidje  aboftolifebe  Eingebung  nietjt  etroaS  ben 
neuieftamentiieben  Sßücbern  auSf  erliefe  enb  äufommenbeS;  fonbern 
biefe  |)artictpirt  nur  baran,  unb  bie  Eingebung  in  biefem 
engeren  ©inn,  roie  fie  burd}  bie  Sfteinfjeit  unb  SßoEftänbigfeit 
ber  aboftolifdjen  Sluffaffunß  beS  (£t)riftentljumS  bebingt  ift, 
erftrettt  ftet)  aueb  fo  meit  als  bie  bon  biefer  auSgebenbe  amt* 
I  Itc^e  apoftolifctje  SBirffamfeit.  —  Söetradjtet  man  nun  bie  (£tn~ 
gebung  ber  (Schrift  in  biefem  ,Suf  ammenbang  a(§  einen  be- 
fonberen  £ljeil  beS  überhaupt  auS  ber  (Eingebung  geführten 
aboftotifc§en2lmtSlebenS:  fo  mirbman  fdjraerlicb  baäufommen, 
alle  bie  fdjrcierigen  fragen  über  bie  5luSbebnung  ber  ©ins 
gebung  aufeuraerfen,  bie  fo  lange  auf  eine  SSeife  beantwortet 
roorben  finb,  rooburdj  ber  ®egenftanb  auS  bem  ©ebiet  ber 
erfa&rungSmäfjigen  Beurteilung  gang  binauSgerüfft  roirb. 
Sftur  eine  gang  tobte  fdjolaftifirenbe  Slnfictjt  lann  entraeber 
auf  bem  Söege  bon  bem  erften  ^mpulS  gum  Schreiben  bis 
äum  gefcfyrieben  ba  fteljenben  Söort  trgenbroo  eine  beftimmte 
(Trense  sieben,  ober  audj  baS  legte  in  feiner  2leufjerlid)feit 
für  ftdj  al§  ein  befonbereS  (grseugnifj  ber  (Eingebung  bar* 
ftellen  motten.  ®er  natürliche  kanon  ift  Ijier  bie  Analogie 
mit  ber  ßetjre  bon  ber  $erfon  gjnjtt,  menn  babon  auSge* 
gangen  rotrb ,  bafs  in  bem  Berufsleben  ber  Sfyoftel  bie  Söirf- 
famfeit  beS  in  ber  ®ir$e  maltenben  ®emeingeifteS  in  itjrer 
©efammtbeit  jener  perfonbilbenben  Bereinigung  beS  göttlidjen 
SßefenS  mit  ber  menfd^ltdjen  -ftatur,  melcbe  bie  $erfon  (£brifti 
conftituirt  tjat,  fo  nalje  gefommen  ift,  als  gebaut  roerben 
fann,  oljne  ben  fpecififd)en  Unterfcfjieb  smifc^en  beiben  Ber* 
etnigungSroetfen  aufzubeben;  unb  bafe  nur  nadj  biefer  ffllaafc 
gäbe  in  jenen  apoftolifctjen  Slften  baS  Sleufjere  aum  ^(;eil 
eines  anberen  UrfprungS  fein  t'ann  als  bon  bem  inneren 
ber,  ju  beffen  £)arftetlung  eS  beftimmt  ift.  £>te  Verneinung 
ber  grage,  ob  bie  ^eiligen  Büdner  ber  göttlichen  (Eingebung 
rocgen  eine  bon  ben  allgemein  geltenben  Üiegeln  abmeiebenbe 
$ermeneuttfc§e  unb   fritifebe  SßeljanMung   erforbern,    berftcljt 


Stoeiter  a&fänltt.  SSon  ber  SBejd^affen^eit  ber  SCßelt  :c.  281 

ft<$  oon  biefen  23orau3feäungen  au§  oljne  roeitereS;  unb  §ier* 
au§  erlebigen  ftdj  alte  anbern  ©djnnerigfeiten  Oon  felbft. 

3.  SSirb  auf  biefe  Sßeife  bte  Eingebung  ber  ©djrift 
surüffgefütjrt  auf  ben  ©tnflufc  be§  Ijeiligen  ®eifte§  in  bte 
apoftolifc&e  2lmt§tfjätigfett :  fo  !ann  e§  leidjt  ba§  Slrtfe^en  ge* 
minnen,  al§  fei  bie§  nur  eine  Skftimmung  für  bie  Se^r* 
büdjer  unb  nid)t  eben  fo  audj  für  bte  ®efd)id)t§büdjer,  inbem 
Ijiebei  gar  nic|t  Oon  eigenen  ©ebanfen,  roeldje  mitgeteilt 
derben  foHen  bie  Dfcbe  ift,  fonbern  atfe§  nur  barauf  an* 
fommt  getreue  Erinnerungen  audj  amettmä£tg  sufammen  §u 
ftetten  unb  ju  fonbern.  allein  auf  ber  einen  (Seite  roenn  bie 
©ebanfen  ber  Stpoffcel  bodj  nur  Entrotfflungen  ber  Steuerungen 
Eljrifti  fein  burften,  biefe  aber  nur  in  ifjrem  iebe§maligen 
3ufammenljang ,  roie  fie  burdj  bie  Umftänbe  herbeigeführt 
mürben,  Ooßfommen  oerftanben  merben  tonnten,  ba  ja  bte 
Sieben  Ebriftt  großenteils  audj  gelegentlich  maren:  fo  er* 
fcbeint  eine  reine  unb  OoEftänbige  Sluffaffung  ber  £eben§* 
momente  ßbrifti  at§  eine  notljmenbige  Sßebingung  für  bie 
gefantntte  aooftolifcbe  5tmt§tbättg!ett.  Unb  ba  sugleidj  fein 
Moment  be§  öffentlichen  ßeben§  (ÜPjriftt  gans  abgefonbert  Oon 
belebenber  unb  belebrenber  fRebe  gebadjt  derben  fann, 
äugletd)  aber  audj  alle  feine  ^anblungen  ©elbftbarfteUungen 
maren  unb  als  fotdje  fruchtbar  für  bte  35er!ünbigung  be§ 
9ftoc&e§  ®otte§  burdj  iljn,  biefe  Momente  aber  auf  baä  ber* 
[djiebenfte  aufgefaßt  Serben  fonnten,  fo  mafyr  Oon  (gütigen, 
bafj  ber  natürliche  Einbruff  i^nen  audj  ^u  einem  Element 
ber  3lner!ennung  ber  göttlichen  SSürbe  Eljrifti  gebeten  mufjte, 
fo  Oerfetjrt  Oon  Zubern,  bafj  er  fiel)  %u  einem  apofrtypljifdjett 
3errbilb  umgeftaltete ,  ober  gar  al§  ein  23eroei§  gegen  bte 
meiftanifc&e  SBürbe  E&rifti  gebraust  merben  fonnte:  fo  ftnben 
mir  natürlid)  bie  rtdjttgfte  audj  fdjon  in  einem  gemiffen  Sinn 
bem  göttlichen  ©eift  beijulegenbe  5luffaffung  ber  2eben§* 
momente  Etirifti  in  bemfelben  Greife  berer,  bie  bem  öffent* 
liefen  Seben  Etjrifti  Oon  Anfang  an  mit  bem  toadjfenben  53er* 
trauen  folgten,  in  it)tn  ben  Sßerfjeifjenen  gefunben  §u  Ijaben, 
fo  bafj  in  bemfelben  Greife  bie  richtige  Siuffaffung  Ebriftt 
unb  bie  richtige  gortentroifflung  feiner  Seljre  unb  feiner  23or* 
f Triften  unzertrennlich  jufammengepren.  S)emnädjft  aber 
mar  e§  au§  bemfelben  ®runbe  eine  für  bie  ganje  ®ird)e 
Ijödjft  bebeutenbe  Aufgabe,  bte  richtigen  Erinnerungen  au£ 
bem  Seben  <Sr)rifti  fidjer  §u  ftetten  nadj  ÜDcaafjgabe  nrie  jeber 
iUcoment  mit  ber  5lnfd)auung  oon  bem  fReictje  ($$otte§  burd} 
Eljrtfium  äufammenbing ;    unb  bafjer  muffen  mir  audj  baä 


282  2>er  tfrtftlidje  ©taube.  3toeiter  £^eil. 

(ScbädEjinifc  im  $)ienft  biefe§  allgemeinen  ab  oftolifdjen  3roeffe§ 
unter  bem  (Einftnfj  be§  belügen  OSeifteS  ftebenb  benfen,  unb 
tonnen  einen  Unterfdjieb  in  biefer  £>tnftd)t  jtolfdjen  bem 
aooftolifdjen  ßeljren  unb  bem  ebnngeliftifdjen  (Erääfjlen  nidjt 
annehmen,  tote  mir  benn  audj  bie  5lpoftel  felbft  ersätjlenb 
finben  münblidj  unb  jdjriftlidj.  SDenn  toenn  aud)  ba3  Seiten 
bon  Bestimmten  2lmt§berf)ältitiffen,  mithin  bon  ber  $8eruf§= 
tljätigfett  im  engeren  (Sinn  au§geljt:  fo  begrünbete  ftdj  bo<$ 
aud)  ba$  ersähen  in  einem  baä  ©anje  ber  ®ir$e  umfaffen- 
ben  gemeinnüsigen  SBeftreben,  atfo  in  ber  $8eruf§tf)ätigfett 
im  toeiteren  (Sinn;  unb  e§  !ommt  auf  bie  (Entfdjeibung  ber 
grage,  ob  ba%  ebangelifttfdje  (Erschien  ein  befonbere§  ber 
aboftolifdjen  SKerfünbtgung  bei*  ober  untergeorbnete§  ^ir^en^ 
amt  getoefen  ober  nictjt,  gar  nid)t  an.  $a§  SSiebergeben  ber 
(Erinnerung  aber  ift  auf  feinen  gaU  münblidj  eben  fo  toenig 
a(§  fdiriftlid)  bon  ^tftorifd6)er  (Eombofttton  ganj  ju  trennen, 
toenn  mir  aud)  nur  an  bie  @rsäf)lung  einer  einseinen  %%at* 
fact)e  benfen;  unb  ba%  Söeftreben  ben  (Erlöser  barin  ganj  fo 
erlernen  gu  madjen,  toie  er  hrirfltd)  mar,  ift  ebenfalls  ba$ 
Sßerf  be§  ®eifte§  ber  Sßatjrljett,  unb  nur  fofern  fte  biefeS 
mar  fann  eine  folctje  (Er^lung  in  ber  rjeUicjen  (Schrift  einen 
<$las  einnehmen,  benfen  mir  un§  auf  ber  anbern  (Seite  bie 
ÜDZitttjetlung  foldjer  einzelnen  (Ersätjlungen  al§  ba§  urfprüng- 
lidje,  unb  Ijernad)  ba$  gufammentragen  berfelben  gu  foldien 
(Jansen,  toie  unfre  brei  (Sbangelien  ftnb:  fo  mufc  audj  bie 
SRöglidjfeit  zugegeben  toerben,  bafj  eben  fotoo&l  einer  nur 
ba$  felbft  erlebte  in  einem  getoiffen  Sufammenljang  barftellt, 
al§  bafj  er  bon  5lnbern  glaubhaft  bernommeneS  unter  ba% 
felbft  erlebte  bermifdjt;  ia  aud)  ba%  einer,  ber  nichts  babon 
felbft  erlebt  fjat,  bod)  ba§  au§  urfbrünglid&er  unb  reiner  5luf* 
faffung  überfommene  au§  bemfelben  33eftreben  unb  bon  bem- 
felben  Reifte  getrieben  eben  fo  fruchtbar  äufammenträgt,  mie 
e§  ein  urfprünglidier  Slugengeuge  nur  bermoc&t  Ijätte.  ®ilt 
e§  nun  aber  Jjiebei  bornetjmltdj  bie  richtige  2lu§roal)l  unb  3u= 
fammenftellung  ber  fdjon  borfjanbenen  l)iftortfd)en  (Elemente: 
fo  ift  bie  Sßirffamfeit  be§  ^eiligen  ®eifte§  bei  biefem  (Sefdjäft 
ganj  in  ber  Sinologie  mit  ben  hei  ber  2lu§matjl  ber  einzelnen 
SBüdjer  für  ben  ®anon. 

4.  2öa§  alfo  enblidj  ben  9lntljeil  be§  fjeiliaen  ®eifte§  an 
ber  (Sammlung  biefer  Söücrjer  betrifft:  fo  ift  bie  erfte  ©tffereng 
bie  iebem  in§  $luge  fallen  mufe  bit,  bafj  toenn  aud)  alle  ein* 
jelnen  S3üd>er  biefer  (Sammlung  bem  aboftolifdjen  «ßeitalter 
angehören,  bie  (Sammlung  berfelben  iljm  bod)  getoife  nictjt 


Stoeiter  «bfönitt.  S5on  öcr  $efäaffen$eit  ber  SBelt  jc.  283 

angehört,  unb  un§  alfo  gar  feine  rein  ajwftolifd^e  SBegrensung 
be§  fanonifdjen  unb  normalen  überliefert  Worben  fein  fann. 
gür  biefe  bleibt  alfo  faum  eine  anbete  Analogie  übrig  al§ 
bk,  ba%  mir  un§  ben  beiltgen  (Seift  in  ber  ©ebanfenwelt 
ber  djriftlicben  (Sefammtbeit  auf  biefelbe  SBeife  fcbaltenb 
benfett,  wie  jeber  ©injelne  in  ber  feinigen.  i)enn  ^eber 
Weifj  feine  auSgeaeidmeten  (Sebattfen  au  unterf Reiben,  unb  fo 
aufaubewabren  bafj  i|re  Sßergegenwärtigung  fieser  geftettt  wirb, 
bk  anbem  aber  legt  er  tbeil§  aur  Weitern  Verarbeitung 
huxütt,  ober  überftebt  audj  anbre  gana  unb  überläfet  e§  bem 
auf  all,  ob  fie  fidj  ifint  mieber  barfteUen  werben  ober  ni#t; 
wie  benn  aud)  Seber  rool  in  ben  gatt  fommt  einige  gana  ju 
bermerfett,  tl)eil§  gleich  raenn  fie  entftanben  ftnb  tbeit§  fpäter* 
biit.  ©o  ift  audj  bte  treue  5lufbewabruug  ber  atwftolifdjen 
©Triften  ba§  SBerf  be§  feine  eignen  ©rjeugniffe  anerfennenben 
göttlichen  (55eifte§,  ber  ba$  roa§  unberänbert  bleiben  fott  bon 
bem  uuterfdieibet  roa§  ftdj  in  ber  weitere«  ©ntwiffluug  djrift* 
lieber  Sebre  mannigfaltig  umgeftaltet,  unb  bagegen  baä  apo* 
fr^bifdje  tbeil§  gleich  mie  e§  entftanben  ift  surüfrTtöfjt,  tbeilS 
WenigftenS  bewirft,  ba%  forool  biefe  5Irt  bott  $robuctibität 
al§  audj  ber  ®efd&maff  an  folgen  ^robueten  ftdj  in  ber 
®ird)e  attmäblig  berliert.  SDa§  einjige  ma§  Riebet  fdjwierig 
erfc&einen  fann  ift  biefe§,  ba%  in  Sßeaiebung  auf  einzelne 
SBücber  in  ber  (SJefcbicbte  entgegengefejte  Momente  auf  ein* 
anber  folgen,  inbem  fie  erft  al§  faiiottifd)  angenommen  unb 
faäterbin  al§  unfattonifdj  berworfen  mürben  ober  umgefebrt. 
OTeüt  eine§tr)eil§  ift  e§  ttid)t  ba$  Urtbeil  ber  ganzen  ^trdge 
gemefen,  weld)e§  ft$  fo  geänbert  §at;  fonbern  wa§  früher  in 
einer  (Segenb  angenommen  mar  unb  in  einer  anbem  ber* 
morfen  ober  angenommen.  Unb  mand)e§  fann  für  bk  al§ 
grofje  (Sittbeit  organifirte  ®irdje  unb  in  SSerbinbung  mit  ben 
übrigen  SBüdjjern  gebaut  berwerflidj  fein,  ma§  unter  ifolirten 
(Sememen  unb  burdj  ftdj  allein  Wirfenb  anttebmlicb  mar  ober 
umgefebrt.  StuberittljeilS  gebt  bierau§  nur  berbor,  bafj  bk 
beilige  Scbriftfammlung  al§  foldje  nur  attmäblig  unb  bürden« 
ttä'Jjeruug  ju@tanbe  fommt;  Wie  bann  biefelbe  £bätigfeit  no<$ 
immer  fortbauert  in  ber  forgfältigen  Abwägung  be§  ber* 
fdbiebenen  ®rabe§  normaler  ©ignität,  ben  man  einselnen 
feilen  ber  ©djrift  jusugefte^en  fyat,  unb  in  ber  ©ntfebeibung 
über  Süffen  unb  Interpolationen  aller  5lrt,  fo  ba£  ba%  Ur* 
tbeil  ber  ®ircbe  ftd)  nur  immer  mebr  bem  böiligen  5lu§ftofeen 
alle§  apofr^bif^en  unb  bem  reinen  £>eiligbalten  aHe§  fano* 
nifeben    näbert.      SSa§   nun   biefe  5lnnäberung   unmittelbar 


284  S)er  (fcrtftlidje  ©laube.  Btoeiter  XijeU 

förbert,  leitet  aud)  ben  ganzen  ©ang  be§  $erfa(jren§,  uni> 
bieg  tft  nur  ber  in  ber  ®trd)e  maltenbe  beilige  ©eift;  alle 
©cbmanfungen  aber,  unb  ma§  bie  Slnnäberung  bemmt,  fann 
nur  irgenb  toie  in  beut  Stnflufj  ber  Söelt  auf  bie  SJtrdje  be= 
grünbet  [ein.  —  äöitt  man  baber  in  biefer  Söejieöung  eine 
©Reibung  macben  snrifdjen  einigem,  n?a§  für  immer  ah* 
gemadjt  fei  unb  anberem  roomtt  bte  ®ird)e  ftd)  nodj  be* 
Saftigen  tonne:  fo  tft  nidjt  SSorftc^t  genug  pu  empfehlen. 
2)enn  audj  ber  <Stnn  für  ba§  tnabrbaft  apoftoUfdje  tft,  mie 
bie  ©efcbicbte  lebrt,  eine  in  ber  ®ird)e  fidj  aHmä()Ug 
fteigernbe  ©etfteSgabe ;  unb  fo  fann  fiel)  in  Sie  ^eiligen 
Söüdjer  zeitig  burct)  Sßerfeben  (Sinselner  manches  eingefdjüdjen 
baben,  n>a§  erft  eine  fpätereBeit  al§  untanonijcb  §u  ernennen 
unb  beftimmt  nacbsumeifen  üermag.  5lber  aud)  ma3  bie  ganje 
Sammlung  betrifft,  fo  Verbürgt  bit  £t)atfacbe,  bafc  jeitbem 
fte  als  jolcfje  in  ber  ®irdje  befielt,  fte  aud)  immer  ftcb  felbft 
gleich  geblieben  ift,  nod)  nidjt  bafj  biefe  Söeftimmung  aud) 
unnuberruflicb  jei.  $ielmebr  ift  biefe  SBeftimmung,  bie  mir 
um  fo  meniger  9fJed)t  bätten  al3  ein  abfoluteg  Söunber  unb 
ein  oöttig  ifolirteg  Söerf  be§  ^eiligen  ©eifte3  3u  betradjten, 
ba  fte  un3  ibrem  Urfprunge  nacb  gan*  unbekannt  ift,  aud) 
nur  al§  ©in  Moment  ansufeben,  ber  fid)  nur  menn  bie 
®irdje  in  biefem  ©efcbäft  nod)  immer  begriffen  bleibt  burcb 
itjre  fiel)  immer  erneuernbe  Söeftätigung  immer  ootttommner 
bemätjren  fann,  fonft  aber  audj  bem  unter morfen  bleibt,  be* 
riebtigt  merben  §u  fönnen.  2)aber  audj,  menn  memebe  fem* 
bolifebe  (Scbriften;  unferer  ®ircbe  ben  ®anon  beftimmen,1  bie 
meitere  freie  Ünterfudjung  über  benfelben  baburd)  nidjt  foH 
gebemmt  merben;  fonbem  bit  fritifebe  gorfdmng  mufe  immer 
nrieber  aufS  neue  bxt  einzelnen  ©ebriften  barauf  prüfen,  ob  fte 
üjren  Drt  in  ber  ^eiligen  (Sammlung  aud)  mit  9ted)t  ein* 
nehmen.  £)emt  au§  ber  Slnsmeiflung  be3  äd)ten  fann  nur 
eine  immer  größere  ©ennfe&eit  entftebn.  Slucb  ber  Umftanb, 
ba%  unläugbar  obnebieä  febon  apoftolifdje  unb  ftdj  nalje  an 
fte  anfd^liefeenbe  ©Triften  untergegangen  ftnb,  fann  hingegen 
nidjt  einmirfen;  benn  mir  ftnb  §u  bem  glauben  berechtigt, 
bafe  nid)t§  sur  ©Haltung  unb  sunt  2Bof)i  ber  ®irdje  mefent* 
liebeg  un§  burdj  iene  SSerlufte  ift  endogen  morben,  unb 
luenigftenS  eben  jo  fetjr  aueb  äu  beut,  bafj  ba$  SSobl  ber 
®ircbe  nur   geförbert   merben   fann,    menn    ba$   ma§    ber 

*  Conf.  Gall.  III.     Conf.  Angl.  VI.     Conf.  Belg.  IV. 


gtoetter  2tt)d)mtt.  SSon  ber  SBeföaffenljeit  ber  SSett  tc.  285 

heiligen  ©djrtft  ntdjt  mabrbaft   angehört  aud)  bafcon  unter* 
Rieben  mirb. 

§.  131.  3 tobtet  Se^r fa j.  S)ie  neuteftamentifdjen 
@d)riften  firtb  i^rem  Urfprung  nad?  autfyentifd?  unb  als 
^lorm  für  bie  d)rtftlid)e  £el?re  §ureid)enb. 

Art.  Smalc.  II.      Regulam    autem    aliam    habemus ,    ut    videlicet 

verbum  Dei  coudat  articulos  fidei  et  praeterea  nemo,  ne  angelus 

quidem.   —  Conf.  Gall.  IV.  p.  111.     Hos    libros    agnoscimus 

esse    canoBicos,    id    est,    ut    fidei    nostrae  normam  et  regulam 

babemus,    idque    non  tantum    ex    communi  ecclesiae  consensu, 

sed    etiam    multo    magis    ex    testimonio    et    intrinseca    Spiritus 

sancti  persuasione.  —    Expos,  simpl.  Cap.  I.  p.  3.    Credimus 

.   .  scripturas  canonicas  .   .  ipsum  verum  esse  verbum  Dei ,  et 

auctoritatem  sufficientem  ex  semetipsis  non  ex  hominibus  habere 

.   .   Et  in  hac  scriptura  .  .  habet .  .  ecclesia  plenissime  exposita, 

quaecunque  pertinent   cum    ad  salvificam    fidem  tum  ad  vitam 

Deo    placentem    recte    informandam.    —     Conf.    Angl.     VI. 

p.  128.     Scriptura  sacra  continet   omnia    quae  ad  salutem  sunt 

necessaria,  ita  ut  quicquid  in  ea  nee  legitur,  neque  inde  pro- 

bari  potest,    non    sit    a  quoquam    exigendum  ut  tamquam  arti- 

culus  fidei  credatur.    —    Conf.   Belg.  VII.  p.  172.     Credimus 

sacram  hanc  scripturam  Dei  voluntatem  perfecte  complecti,  et 

quodeunque  .   .  credi  necesse  est,  in  illa  sufficienter  edoceri .  . 

Idcirco    toto    animo    reiieimus     quicquid    cum    certissima    hac 

regula  non  convenit.  —  Conf.  March.  II.  p.  372.      anfangs 

lief)  .  .  befennen  fidj  .  .  gu    bem    ftmfjren    unfehlbaren    unb    allein 

feligmadjenben  SBort  ©otte§,   tele  baffelbe  .  .  in  ber  fälligen  Sibel 

berfafet,  toeld)e§  alter  gromnten    einige  SRidjtfdjnur  ift  unb  [ein  fott 

.  .  botlfommen  unb  genugfam  ift  gm*  ©eligfett,  aud)  allen  3Migion§s 

frreit  gu  unteridieiben,  unb  bleibet  etotglid). 

1.    2lu§  bem  eben  au§einanbergefe§ten  get)t  fd)on  Ijerbor, 

bafj  e§  für  bte  Slutljentie  ber  ©djrift  gar  ntdjt  barauf  an*  i 

fommt,  ba%  jebe§  23ud)  bon  ber  einzelnen  $er[on  roirfltcf) : 

berrüljre,  ber  e§  betgelegt  nrirb.    ©onbern  eine  ©djrift  fönnte 

in  aßen  un§  nod)  übrigen  ipanbfc&riften  burd)  ein  fbätereS 

Urteil   einem   bestimmten   SSerfaffer    fälfd)ltdj   zugetrieben 

merben,  mitbin  in  biefem  «Sinne  nid)t  autljentifd;  fein,  unb 

bod)  bem  greife  angeboren,  in  meinem  allein  mir  fanonifd^e 

©djriften  gu  fudjen  baben,  unb   bliebe  bafjer  bod)  ein  in* 

tegrirenber  S5eftanbtt)etl  ber  Eiligen  ©djrift.    ga  audj  gleid) 

bei  iljrer  ©rfebeinung  fönnte  eine  ©ebrift  ben  tarnen  eines 

Slnbern  als  t§re§  eigentlidjen  SScrfafferS  an  ber  ©pise  ge= 

tragen  Ijaben,  menn  babei  nur  eine  bon  bem  ftttlidjen  ($5efübl 

be3  SBerfaffcrS  übereinftimmenb  mit  bem  fittlid)en  ©entern* 

gefüljl  feiner  3eitgenoffen   für  unfdmlbig    geartete  gtetton 


286  S)er  djriftlic&e  ©taube.  3tt>eiter  2^ell. 

$um  ©runbe  gelegen ,  fönnte  audj  ein  [o  befdjaffene§  $8ud> 
immer  autbenttfdj  [ein  al§  Xbeil  ber  Söibel.  9cur  menn  eine 
foldje  SBeseicbmmg  ein  abftd)tlid)e§  irreleiten  gemefen  märe, 
mürbe  biefe  (Sdjrift  nidjt  berufen  fein  fönnen,  bie  normale 
SDarftettung  be§  (£t)riftentbum§  au  ergäben.  SBenn  ftcb  ba* 
5er  audj  manche  gegen  bie  Sfridjtigfeit  in  bie  Angaben  ber 
SSerfaffer  einzelner  beiliger  Söüdjer  erhobene  gmeifel  no<$ 
näber  beftätigen  füllten:  fo  mürbe  barau§  nod)  fein  Sftedjt, 
bielmeniger  eine  $flidjt  entftetjen,  biefe  $8üd)er  au§  ber 
©ammlung  au^ufcbliefjen.  —  Sluf  feine  SBeife  aber  mitt  ftd) 
ein  Sßersetdjnife  oon  Sßerfaffern  anfertigen  laffen,  benen  einzelne 
©cbriften  sugeljören  müßten,  um  fanonifdj  ju  fein,  ober  eine 
klaffe  angeben,  bereu  ^robuctionen  jämmtlidj)  ein  beftimmte£ 
SHecbt  baju  bätten.  SSielmebr  menn  iegt  no<$  ©Triften  ent- 
befft  mürben,  bit  mit  ber  größten  menid)li<$en  (Stemifr&eit 
einem  unmittelbaren  (Schüler  ßbrifti  ober  felbft  einem  Slpoftel 
suaufdjret6en  mären,  mürben  mir  fte  bod)  nidjt  obne  meitere§ 
bem  neuen  £eftament  einoertetben,  fonbern  fte  iljm  §öd)ften§ 
al§  Slnbang  beifügen.  £)a  nun  audj  bie  erfte  ®irdje,  aumal 
fie  eine  atroftolifdje  ©anction  ber  einzelnen  ©Triften  nicbt 
nad)jumeifen  oermag,1  un§  burd)  irjre  geftfeaung  nicbt  binben 
fann,  menn  aud)  beren  SSeife  ben  ®anon  su  beftimmen  über^ 
einftimmenb  gemefen  märe:  fo  fann  bie  erfte  Hälfte  unfereS 
©a^e§  mol  fcbmerltcb  etma§  genaueres  au§fagen  motten,  al§ 
morauf  aud)  bie  angeführten  frjmbolifd)en  (Schriften  binauSs 
geljen,  bafj  mir  nämlid)  ber  allgemeinen  djrtftlidjen  (Erfahrung 
al§  bem  Beugnife  t>e§  beiligen  ®eifte§  Oertrauen,  ba%  tri  beit 
Don  ber  ®irdje  un§  überlieferten  ®anon  nicbt  burd)  betrug 
auf  ber  einen  unb  Unfunbe  auf  ber  anberen  (Seite  foldje  $8e- 
ftanbtbeile  aufgenommen  morben,  meiere  einer  apofrupbifdjen 
ober  be§  ^äretifet^en  oerbäcbtigen  Legion  be§  (£briftentbum§ 
angehören  unb  benen  bafyer  nicbt  ot)ne  ©efatjr  eine  fo  au§* 
gezeichnete  Söürbe  betgelegt  merben  fönnte;  mobei  mir  jebod) 
jugeben,  bafj  nicbt  alle  biefe  $3ücber  burd)  ^ntjalt  unb  gorm 
gleicb  geeignet  ftnb,  if)re  fanonifdje  SBürbe  aud)  mirflid)  geltenb 
ju  madjen.  —  3)a  nun  aber  biefe  S3efttmmung  be§  ftanon 
aueb  nur  attmäblig  ju  ©tanbe  gefommen  ift,  unb  mir  über* 
bie§  miffen,  bafj  alle  Unöottfommenbeiten  unb  ^rrtbümer  in 
ber  ®ird)e  nur  attmäblig  bureb  bie  SSSirffamfeit  be§  l).  (SJeifteS 


A  SBaS  ^ren.  HI,  1.  unb  ßufeb.  H.  E.  II,  15.  HI,  24.  39.  V,  8.  it. 
a.a.O.  berieten,  toirb  man  tool  je  länger  ie  toeniger  al§  eigentliche 
SJiadnicfjten  anjetjen  tootten. 


Stoeiter  Stbfdjmti.  SSon  ber  SBefc^affen^ett  bei  SBett  jc  287 

an§  ßidjt  gebogen  unb  meggebrad)t  merben  fönnen:  fo  mufc 
ftd)  iene§  Vertrauen  burct)  bte  größte  greifjeit  eben  fomol  al£ 
bur<$  bie  ftrengfte  (Stemiffenljaftigfeit  in  ber  Söeljanblung  be§ 
®anon  beraäljren.  $)a{jin  geprt  erftltcfc,  bafc  afie§,  mag  jur 
richtigen  5lu§mittelung  ber  Sßerfaffer  unferer  «Stritten  unb 
ber  Slectjttjeit  ober  Unäcfytfjeit  einselner  ©teilen  absmefftf 
feinen  ungegarten  gortgang  behalte,  unb  fein  gmeifel  melier 
ftd)  ergebt  mit  ungünstigem  Sßorurtljeil  aufgenommen  ober 
ungeprüft  berroorfen  merbe;  inbem  bie§  ni$t  sur  SSottftänbig* 
feit  unjerer  ©dmftfenntnifj  gebort,  fonbern  aud)  auf  bie 
Auslegung  unb  ben  (SJebraudj  einzelner  (Stellen  nid)t  oljne 
(Einflufj  ift.  BmeitenS,  bafj  mir  un§  in  bem  reinften  gerate* 
neutifc^en  Sßerfabren  burd)  nid)t§  irre  maxien  laffen,  unb 
ettua  lieber  rüiffentlict)  tu  ber  2lu§legung  ftinfteln,  al§  ein 
Dtefuttat  auffteUen,  melc&e§  eine  minber  reine  5Xuffaffung  be£ 
djriftlidjen  ®lauben§  oerratben  fönnte.  9ta  unter  biefen 
Sßebingungen  fönnen  mir  un§  rühmen,  eben  fo  —  roenngleid) 
auf  einen  geringeren  Umfang  ftreitiger  fragen  befdjränft  unb 
mit  größeren  £>ülf§mitteln  unb  einem  au§gebilbeteren  ©inn 
au§gerüftet  —  im  Slnerfenntnift  ber  ©c&rift  tfiätig  begriffen 
äu  lein,  mie  biejenigen  ©Triften  e§  roaren,  meldte  auerft  bie 
Ijeiltge  ©djrift  au§  ber  ®e|ammtmaffe  tfjriftlic&er  ©d^riftmerfe 
au§jcbieben  unb  feftfteüten. 

2.  (Soll  nun  ber  ätoeite  (Sa§  in  feinem  ganzen  Umfang 
üerftanben  merben,  fo  muffen  mir  sunäd)ft  auf  bie  urjprihtg* 
liebe  Söirffamfeit  biefer  ©Triften  aurüffgeljen.  SBenn  nun 
bie  Se^rbücber  in  bie  beftetjenben  £eben§öerljältniffe  ber 
©(jriften  eingreifen  füllten,  fo  bafj  bie  apoftolif^en  Sleufce* 
rungen  auf  bie  Söilbung  ber  leitenben  ©ebanfen  fomol  al§ 
ber  Bmeff begriffe  ber  Triften  einmirften,  unb  bie  ®ef<$tdjt* 
bücber  aud?  nur  bie  äljnlicrj  mirfenben  ^eben  unb  Saaten 
(£brifti  unb  ber  Slpoftel  mieber^iolen  fottten:  fo  follen  fte 
nun  aud)  für  unfere  religiöfe  ®ebanfenerseugung  ber  reget- 
gebenbe  £t)pu§  merben,  Oon  meinem  fte  ftdj  Oon  felbft'ntrfjt 
mieber  entfernt.  Unb  menn  bie  i>.  ©djrift  in  biefer  J&infidjt 
al§  sureidjenb  befdjrieben  mirb:  fo  ift  bamit  gemeint,  bafc 
ber  t).  <35eift  un§  mittelft  be§  ®ebraud)§  berfelben  eben  fo  in 
alle  SSa&r&eit  leiten  fann,  mie  bie  SLpoftel  felbft  unb  Rubere, 
bie  ftd)  ber  unmittelbaren  Untermeifungen  Sljriftt  erfreuten; 
fo  ba%,  menn  bereinft  in  ber  ^iretje  ba$  oollftänbige  5lbbilb 
öon  ber  lebenbigen  ®otte§erfenntnif$  (£t)rifti  oortmnben  fein 
mirb,  mir  bieä  mit  OoEem  Ütecbt  al§  bte  grud)t  ber  ©cfcrift 
anlegen    fönnen,    oljne   bafj  irgenb   etmag  iljr  urfprüngücb 


288  ®er  tfjrtftlidje  ©lau&e.  3h?eiter  Wjefl. 

frembe§  braucht  f)in3ugefommen  §u  fein.  9?ur  bafj  natürlich 
bte  SSirfung  beffen,  roa§  felbft  fdjon  bon  ber  <Sd)rift  gebübet 
morben  ift,  auf  ba§  fpätere  itir  mit  sugerectjnet  roirb.  5luf 
biefe  SSeife  entfielen  bte  nötigen  s2leu§erungen  ct)rifttidjer$röim= 
migfeit  in  ©emäfjljeit  be§  eigentümlichen  SDenf-  unb  (Sprach 
gebietet  eine§  $eben  al§  fein  inbibibualifirte§  <5d)rifrberftänb~ 
uifc.  Unb  roa§  ftd)  in  jebem  3eitraum  al§  burdj  bte  ©ctjrift 
fierborgerufene2luffaffungbe§c^riftli(^en@lauben§ge(tenbma(^t, 
ba§  ift  audj  bie  in  biefem  Moment  angemeffene  Gmtroifftung 
ber  ädjten  unb  urfprünglidjen  Sluffaffung  ßljrifti  unb  feine§ 
3Serfe§,  unb  conftituirt  für  &t\t  unb  Ort  bie  gemeinfame 
d)riftti<$e  Sftedjtgläubigfeit.  —  3u  biefer  conftttutiben  SBirf* 
famfeit  ber  ©djrift  berplt  ftd}  nun  bie  sroeite,  fritifdje, 
melctje  man  oft  gan§  allein  im  Sluge  Ijat,  tuemt  man  bon  ber 
normalen  SSürbe  ber  ©d^rift  rebet,  bod)  nur  al§  eine  untere 
georbnete  unb  faft  at§  ein  ©chatten  bon  trjr.  3ltterbing§ 
nämlich  läfct  ftd)  eine  bon  ber  äöirffamfeit  be§  fj.  ®etfte§ 
burd)  bie  @(36xift  unabhängige  unb  bod)  iljrem  ^nfjalf  nad) 
religiöfe  unb  iljrer  urfprünglicrjen  Sßegrünbung  nactj  djriftlidje 
©ebanfener§eugung  benfen,  beren  Sßrobufte  aber  geringhaltig 
unb  unfruchtbar  ftnb,  ober  irrig  unb  an  ba§  Ijäretifcrjeftreifenb. 
^ebe  foldje,  bie  in  bem  nod)  unentmif feiten  ober  getrübten 
ßuftanbe  ber  5lufneljmenben  unb  SSerarbeitenben  itjren  Ur- 
fbrung  f)at,  mufc  nun  an  ber  (Sdjrtft  geprüft  roerben,  unb 
fann  nur,  bafj  fie  roenigftcu§  djriftlicfj  fein  nritt,  baran  be= 
mähren,  roenn  fie  ftctj  felbft  auf  bie  ©djrift  su  ftüsen  fuct)t 
unb  alfo  eine  folctje  Prüfung  anerfennt  Offenbar  aber  mufe 
biefe  fritifctje  &eite  be§  normalen  ©ebraud)3  ber  ©djrift  um 
befto  mefjr  abnehmen,  je  me&r  bie  probucttbe  Ü?aum  genrimtt, 
unb  sugleid)  bie  gur  Sßollfommenljeit  gebieljene  Auslegung 
ber  ©d)rift  ba&  Sftifeberftetjen  berfelben  erfd)raerr.  —  28a§ 
aber  ben  roiffenfdiaftlidjen  2lu§bruff  be§  djriftlid)en  ©laubeng 
in  ber  eigentlichen  ($5lauben§leljre  betrifft,  fo  fommt  er  allere 
bing§  nur  in  miffenfdiaftlidjen  ^nbibibuen  ju  (Stanbe,  aber 
aud)  immer  nur  in  folgen  meiere  bon  bem  in  ber  «Sctjrift 
roirtfamen  $eift  ergriffene  Organe  fein  motten  um  ba$  frag= 
mentarifdje  in  biefen  Steuerungen  sufammen  %u  bringen  unb 
bie  berfd)iebenen  SDarfteftungen  bie  urfprünglicrjen  unb  bie 
gegen  ba%  Subentl)um  unb  ^eibent^um  gemenbeten  auf  ein- 
anber  surütfsufü^ren  unb  burd)  einanber  ju  berbottftänbigen ; 
uitb  fo  äeigt  ftd)  aud)  ^ier  bie  probuetibe  normale  Straft  ber 
2d)rift,  miemol  in  tf;r  felbft  ber  Uuterfcrjieb  äroifcrjen  einem 
me&r  bolfgma&igen  unb  einem  metjr  lütffenfcrjaftltc^en  ©pract^ 


Stoeiter  Sttfönttt.  S8on  ber  SBef^affen^eit  ber  SBelt  jc.  289 

gebiet  faunt  ottgebeutet  ift.  dagegen  tmtf$  fogleidj  biel  83e* 
bettfett  entfteljn  gegen  eine  (Glaubenslehre,  toeldje,  nadjbem  fte 
ganj  üjren  eignen  SSeg  genommen  l)atf  nur  einen  fritifdjen 
(SSebrautf)  ber  ©djrift  geftatten  lottt,  um  itadjäutoetfen  bafj 
fid)  einiget  einzelne  in  üjr  eben  fo  roieberfinbet,  nrie  ba§ 
Seijrgebäube  e§  aufgeteilt  bat,  unb  ba§  nicbt§  in  biefem  ben 
richtig  berftanbenen  5lu§fbrüd)en  ber  ©djrift  roiberftreitet. 
%lux  lann  audj  in  jenem  gall  nic&t  berlangt  toerbett  ba%  ieber 
eingehte  bogmatifdje  Drt  aud)  in  ber  ©djrift  fottte  burd)  eine 
ibm  befonberS  geraibmete  ©teile  re{>räfentirt  fein. 

3.  Üftimmt  man  e§  genau  mit  beut  5Iu§brulf,  bafj  bie 
(Schrift  als  Sftorm  gureidjenb  fein  f oEC  r  fo  müfjte  in  berfelben 
aud)  nichts  überflüffig  fein.  £)enn  ba§>  überflüffige  ift  al§ 
bermirrenb  immer  nur  eine  ttegattbe  (Gröfse,  unb  nimmt  bas> 
bergteicbenbe  Sßeftreben  in  erfolglofen  5lttfbrud).  S)ie  ©djrift 
aber  ertttjätt  biele§,  raa§  faft  nur  Söieberbotung  unb  stoar 
öftere  bon  anberem  ift;  unb  biefer  ©djjein  be§  lleberfluffe§ 
ift  hei  ber  im  Söergleidj  mit  einem  Sebrgebäube  fdjeinbar 
eben  fo  großen  IXnOoUftänbigfeit  um  fo  auffatlenber.  Mein 
bie§  ift,  ba  bie  ©djrift  nictjt  al§  ein  ganzes  entftanben  ift, 
ber  9?atur  ber  ©adje  gemäfj ;  unb  unfer  ©a^  triebt  in  biefer 
.£>tnfidjt  bie  Heber§eugung  au§,  meldje  fdjon  altem  richtigen 
©djrtftgebraud)  aunt(S5runbe  liegt  unb  ftdj  burd)  eine  ridjtige 
b  ernten  eutifebe  Bebanbtung  aud)  immer  roieber  beftätigt,  bafe 
bie  SSieberbolungen  in  ben  gefdjid)ttid)en  Sßüdjern  eine  um  i 
fo  beffere  ®emäbr  leiften  für  bie  2lutbentie  ber  Ueb  erlief  erung, 
otjne  jebod)  au^ufdjliefjen,  bafj  fte  eittanber  ergänzen,  £)affelbe 
-gilt  bon  ben  öfteren  SBebanblungen  berfelben  (Skgenftänbe  in 
ben  Sebrbüdjern;  inbem  babureb,  raemt  audj  ntd^t  ba%  eine 
Wal  eine  ßHnroirfung  auf  anbere  guftänbe  unb  S5errjältntffe 
beatuefft  mürbe  al§  ba&  anbere,  bie  ^bentität  be§  ®eifte3 
in  berfebiebenen  Momenten  unb  Snbibibuen  befto  beffer  be= 
Sengt  mirb. 

§.  132.  Sufaj  31t  biefem  Se&tftüff.  $ie  alU 
teftamentifäen  ©Triften  t-erbanfen  tyxt  ©teile  in  unferer 
SBibel  tfyeil£  ben  Berufungen  ber  neuteftamentif^en  auf 
fte,  tfceils  bem  gefcfyicbtltcfyen  Sufatmneti^cmg  be£  d)rtft* 
liefen  @otte£bienfte3  mit  ber  jübtfdjen  ©tynagoge,  oI)ne 
baf3  fie  be^alb  bie  normale  £)igmtät  ober  bie  Umgebung 
ber  neuteftamenüfa)en  feilen. 

®$l.,W[H.©t.IL  19 


290  £er  djrtftlitfje  ©laube.  Stoeiter  Sfjetl. 

1.  SDie  £)arftellung  btefe§  SebrftüffS  tüetc^t  fdjon  barirc 
bon  bem  gemöbnlidjen  ab,  bafj  in  ben  beiben  ßeijrfäaen  nur 
bon  ben  neuteftamentifdjen  ©Triften  gebanbelt  morben  ift,. 
unb  btefer  3u[as  fott  bie  Slbmeidmng  begrünben  unb  beftimmt 
au§fpred)en.  3lbftdjtlitf)  aber  ift  er  nur  als  ein  Bufag  an* 
gefünbigt,  meil  er  nur  Jjolemtfdj  ift,  unb  baber  überftüfftg- 
mirb,  fobalb  bk  ©ifferenj  aroifdjen  beiberiet  ©Triften  all* 
gemein  erfannt  fein  mirb.  $e  toeiter  aber  biefer  Beityunft 
nodj  entfernt  ju  fein  fd)eint,  um  befto  geroagter  märe  e§ 
aud),  in  einem  firdjlidjen  Setjrgebäuoe  einen  fo  ganj  ab= 
metdjenben  <3aj  al§  einen  Sebrfaä  aufstellen.  Bumal  audj 
aufeer^alb  ber  ©djitle  biefelbe  5lnftcx)t  berrfdjt,  inbem  feljr 
häufig  ia  ntdjt  feiten  mit  befanberer  Vorliebe  bei  ber  djrtft* 
lidjen  ©rbauung  altteftamentlidje  ©teilen  jum  ©runbe  gelegt 
merben,  fo  ba%  ba$  neue  faft  nur  nad)  $erbältnij3  [einer 
SDZaffe  fid)  ju  behaupten  fctjetrtt.  Unb  bie§  Qefdjie&t  au§' 
entgegengehen  ©rünben  gleich  fet)r  bon  foldjen,  bie  toentger 
Sßertb  auf  ba$  eigentümliche  be§  (£fjriftentbum§  legen,  unb 
Don  folgen,  bie  bie[e§  allein  unb  au§fd)liefjenb  für  ba$  £>eii 
ber  9ften[d)en  anertennen.  SSir  fud)en  nur  ben  legieren  gegen* 
über  unsere  Söebauptung  geltenb  au  machen,  inbem  bk  Slnbern 
aufeer  unferm  SSereict)  liegen. 

2.  SSa§  nun  guerft  bk  ©ingebung  ber  altteftamentifdjen 
©Triften  anbetrifft,  fo  merben  mir  aunä'djft  unterfdjeiben  muffen 
baä  ©ejes  unb  bie  Sßropljeten.  SBenn  nun  ber  Styoftel  Ütecfjt 
fyat,  ba$  ($5efes,  obgleid)  eine  göttliche  Slnorbnung,  bod)  al§ 
etma§  sraifcben  bte  SSer^eifeung  be3  @amen§  Slbrabam  unb 
bk  (Erfüllung  berfelben  äroifcben  eingetretenes  *  barjufteHen 
unb  aufcerbem  nod)  su  behaupten,  bafc  bemfelben  bie  i^raft  be§ 
Ö5eifte§  feble,  auB  melier  ba$  cbriftlidje  Seben  berborgeben 
mufj:'  fo  fann  mol  nicbt  behauptet  merben,  bafj  ba$  ®efes. 
bon  biefem  f eibigen  ®eift  eingegeben  fei,  bon  meinem  ber 
nämliche  9tyoftel  fagt,  bafe  er  aud)  burd)  baSÖJefej  unb  beffen 
Sßerfe  ntdjt  meiter  mitgeteilt  merbe,8  [onbern  ba%  ibn  (55ott 
erft  in  bk  fersen  fenbe  bermöge  unfereS  3ufammenbange§ 
mit  ©brifto.  (Sben  fo  fteKt  auc^  (£5riftu§  bie  ©enbung  bte[e& 
Ö5etfte§,  mit  beffen  3eugnifc  er  oa§  3eugnifj  ber  jünger  ju* 
fammenfteüt,4  nirgenb  unb  auf  feine  SEÖeife  bar  al§  bk  Söieber- 
fefjr  eine§  fdjon  ba  gemefenen  unb  nur  auf  einige  3eit  ber* 
fd)n)itnbencn.    2ln  bem  ®e[eä  fangen  aber  äualeicrj  alle  ©e- 


1  ©ül.  3,  19.  2  giöm.  7,  6  flqb.  lt.  8, 3. 

8  ©al.  3,  2.  4  3of).  14,  26.  lt.  15,  26.  27. 


Streiter  Stöfänitt.  SSon  ber  93efd)affen§ett  ber  SBelt  :c.  291 

fcbidjtbücber  Oon  ber  (Sefeagebung  an.  £)enn  menn  mir  bte 
mefftanifcije  SSeiffagung  als  ba$  bem  (£fjrtftentfjum  Oerroanbtefte 
bem  ($5efes  afö  bem  ibm  frembeften  gegenüberftetten,  fo  mirb 
mol  niemanb  §u  behaupten  magen,  bafs  bte  jübifdjett  ®e* 
fcbtcrjtbücrjer  mebr  bie  ©efcbicbte  ber  mefftanifcTjen  Söeiffagung 
enthielten,  afö  bie  be§  (SefeseS.  ^a  audj  in  ben  pror»b etilen 
©Triften  besiegt  fidj  ba§  meifte  auf  bie  gefeslicrje  SSerfaffung 
unb  auf  bie  SBer&ältniffe  be§23oi?e§  afö  folgen;  unb  ber  (Seift 
au§  meinem  fic  beroorgeljen,  ift  fein  anberer  afö  ber  ©erneut* 
geift  be§  SBolfö,  olfo  nicrjt  ber  djriftlidje,  melier  afö  ber  ©ine 
bie  <Scr)eibemanb  smifctjen  biefem  Sßolf  unb  ben  anbern  auf* 
beben  fottte.  ÜD^itfjin  bliebe  nur  bie  meffianifdje  SSeiffagung 
allein  übrig,  loeldje  einen  SDjeil  baben  tonnte  an  ber  (Sin* 
gebung  in  unferm  (Sinn.  Söebenfen  totr  aber,  tote  au  biefer 
bie  ^ropljeten  ftdj  cmd)  aueb  nur  in  einzelnen  Momenten  er* 
beben,  unb  nur  in  Söesug  auf  tiefe  ber  fte  treibenbe  unb  be* 
feelenbe  (Seift  ber  ^eilige  genannt  mirb:1  fo  muffen  mir  mol 
fdjliefeen,  bafj  aueb  bie§  nur  auf  eine  uneigentlidje  SBeife  ge* 
febiebt,  fofern  biefer  (Semeütgeift  mit  bem  Söemufjtfeüt  ber  G£r* 
Iömng§bebürfttgfeit  Oerbunben  ftet)  afö  3lt)nbung  einer  mebr 
innern  unb  geiftigen  (SotteSberrfdjaft  auSiprectjenb  bk  pdjfte 
©nmfängltcbfeit  für  ben  beiügen  (Seift  in  fid^  trug,  unb  aucr) 
aufs  er  ficö  anfachen  unb  unterhalten  fonnte.  —  fragen  mir 
gmeitenS  nad)  ber  normalen  ®ignität,  unb  sroar  aunäcbft  nacb, 
ber  probuctiüen:  fo  ift  im  fangen  ntdjt  $a  läugnen,  bafj  ber 
fromme  ©inn  ber  eOangelifdjen  Triften  im  (Sangen  einen 
großen  llnterfdiieb  sroifdjen  beiberlei  beiligen  (Schriften  an* 
erlennt;  mie  benn  felbft  bit  ebelften  $falmen  boctj  immer  etma§ 
entbalten,  toa§  ft<$  bie  cbriftlicrje  grömmigfeit  nidjt  afö  iJjren 
reinften  2fa§bruff  aneignen  fann,  fo  bafj  man  ftd)  erft  bureb 
unbemufjteS  Bufegen  unb  5tbneljmen  felbft  tauften  mufj,  menn 
man  meint,  au§  ben  Sßropbeten  unb  Valuten  eine  djriftlidje 
Sebre  bon  ©ort  sufammenfesen  %u  fönnen.  2luf  ber  anbern 
Seite  ift  eine  übermiegenbe  Vorliebe,  ftcr)  afö  21u§bruffö  für 
ba$  fromme  ©elbftbemufjtfein  altteftamentifcrjer  (Sprühe  au 
bebienen,  faft  immer  mit  einer  gefealicrjen  ©enfroeife  ober 
einem  unfreien  SBudjftaoenbtenft  Oerbunben.  2ßa§  enblicb  bie 
frittfetje  (Seite  be§  normalen  <Scbriftgebraucbe§  betrifft,  fo 
gtebt  e§  alterbing§  mol  menig  ct)rtftlici)e  (Slauben§fäae,  meiere 
man  nierjt  in  einem  geroiffen  Beitraum  mit  altteftamentifctjen 
©teilen  §ättz  belegen  motten.  Mein  mie  follte  e§  mol  möglief) 


1  2?ßetitl,2l. 

19* 


202  £er  djrtftli#c  ©taube.  3toeiter  S^eü. 


fein,  ba%  trgenb  et\va&  äur  Seljre  bon  ber  (Srlüfung  burdj 
Gbriftum  gel)örige§  füllte  Ijaben  in  bem  Bettraum  ber  blofjen 
Vümbung  fo  beutlicfc  bargeftellt  werben  fönnen,  ba%  e§  neben 
bem,  raa§  ©ljriftu§  felbft  unb  nadj  ber  Sßollenbung  be§  @r= 
Iöiung§raert'e3  feine  jünger  gefagt  Ijaben,  no<$  foHte  mit 
Scujen  ju  gebrauten  fein!  Ober  raenn  man  fid)  bie§  eben 
burc§  (Eingebung  mögltcl)  beuten  raiß:  raie.  müfjte  bann  nicl)t 
baburcrj  bem  ©rlöfer  unb  ber  2lrt  rate  er  baä  ^etdj  (S5otte§ 
anfünbtgte,  eine  gans  anbere  5lnerfennung  unter  bem  fdjrift^ 
funbigen  SÖ&eü  feine§  83olfe§  bereitet  raorben  fein,  fo  ba|  bie 
Söirfung  feine§raege§  ber  llrfadje  angemeffen  raäre,  ber  man 
fte  auftreiben  railt.  21ud)  aeiöt  bie  ®efct)icrjre  ber  d)riftli$en 
Geologie  beutlictj  genug,  raie  fet}r  biefe§  feeftreben,  unfern 
(^riftiietjen  ©lauben  im  alten  Seftament  ju  finben,  tt)etlg 
unferer  Slnraenbung  ber  2lu3legung§funft  sunt  9cad)tl)eil  ge- 
reift tjat,  tljeilS  aud)  bie  raeitere  21u§bitbung  ber  Seljre  unb 
ben  ©treit  über  bie  näheren  SBeftimmungen  berfelben  mit  un* 
nÜ3en  Vermittlungen  überhäuft;  fo  bafj  erft  babon  grünblic^e 
Skrbefferung  au  erraarten  fein  rairb,  raenn  man  bk  alttefta^ 
mentii'djen  Sßeraetfe  für  etgentfjümltdj  djriftlicl)e  Se^ren  ganj 
aufgiebt,  unb  raa§  ftd)  borneljmiidj  auf  fol<$e  ftüät,  lieber  ganj 
hd  <&tite  fteKt. 

3.  SSenn  aber  ettva$,  raa§  fo  lange  in  ber  ®irdje  geltenb 
geraefen  ift,  reformirt  raerben  fotC :  fo  ift  notljraenbtg  nad^ 
guraeifen,  raie  biefe  $raji§  entftanben  ift.  Denn  ftnb  e§ 
graei  ($5rünbe,  raorauf  biefe  äußerliche  (5tteid)fesung  beiber 
(Sammlungen  beruht.  Buerft  bafj  nict)t  nur  (£t)riftu3  felbft 
unb  bie  Styoftel  über  berlefene  Slbfdjnitte  altteftamentifcrjer 
(Schriften  gelehrt  tjaben,  fonbern  ba%  fidj  bie§  auet)  in  ben 
öffentlichen  Verfammlungen  ber  Triften,  elje  ftdj  ber  neu^ 
teftamentifdje  ®anon  geftaltete  unb  audj)  na<$tjer  nod),  fortgefe^t 
Ijat.  hieraus  fann  aber  unmöglich  gefolgert  raerben,  bafj  ein 
gleichmäßiger  Ijomtletifdjer  ®ebrauct)  be§  alten  raie  be3  neuen 
£eftament§  auet)  je^t  no<$  fortbauern  foHe,  ober  ba%  rair  e3 
mit  sum  SBerberben  ber  ®irdj>e  gu  rechnen  Ijaben,  raenn  unfern 
Triften  bas  alte  £eftament  nidjt  metjr  eben  fo  geläufig  ift 
raie  ba§  neue.  Sßielmefjr  liegt  ba&  altmäljlig  immer  raeitere 
BurüÜtreten  be§  alten  £eftamente§,  fofern  feine  firdjlidje 
Geltung  au§  biefem  gefctjtcrjtlicrjert  Bufammenljang  tjerrüljrt, 
in  ber  Statut  ber  ©ac§e ;  unb  am  raenigften  bermag  biefer  bie 
normale  Söürbe  ober  bit  (Eingebung  biefer  !öücljer  au  ber- 
bürgen.    2)ie  ^aulinifcljen  ©teilen,  meiere  ben  S^en  ber  alt- 


Stoeiter  8E6f<|nÜt.  So«  ber  SBef  <$aff«töeit  ber  SSelt  K.  293 

teftamentifcben  «Sdjriften  bezeugen,1  bestehen  ftcb  auf  biefe 
(SJebraudjSmeife  bor§üglicb,  unb  bie  freie  2Irt,  tüte  ber  Styoftel 
fetbft  ftdö  berfelben  bebtent,  ftimmt  mit  bem  (Sefagten  bofl> 
fommen  übereilt,  fo  bafj  er  unS  mot  baS  Beugnifc  geben  mürbe, 
ba%  mir  bie[er  23eroeife  nic^t  meiter  bebürften.  —  *2)er  §meite 
©mnb  tft,  bafj  ftcb  (SbriftuS  unb  bie  Sfyoftel  fetbft  auf  bie  alt* 
teftamentifcben  (Schriften  als  auf  göttUdje  bem  ßbriftentbum 
günftige  Autoritäten  belieben.  21ttein  barauS  folgt  feinet 
megeS,  bafj  mir  für  unfern  (Stauben  biefer  SSoranbeutungen 
nod)  bebürfen,  ba  mir  bie  ©rfabrung  Ijaben,  unb  bk  neutefta* 
mentifcbe  (Scbrift  eS  bifftöfTSafc  man  aufbort,  um  folcber  Beug* 
niffe  mitten  ju  glauben,2  menn  man  unmittelbare  (Seroifjbeit 
aus  eigner  2lnftf)auung  gemonnen  fyat.  Sta  gebort  eS  freiließ 
um  beSmitten  §ur  gefdn'cb  Hieben  £reue  unb  SBottftcmbigfeit,  ba% 
baSjenige  audj  aufbemabrt  merbe,  morauf  ft<$  (SbriftuS  unb 
[eine  erften  SSerfünbiger  berufen  Ijaben.  2)ieS  trifft  aber  faft 
nur  bk  propbetifeben  (Sctjrtftert  unb  bie  Sßiatmen ;  unb  babureb 
rechtfertigt  ftcb  bie  $rarjS,  bitte  bem  neuen  Seftament  als 
Slntjanö  beizufügen.  2)a  aber  biefe  (Scbriften  gur  Seit  ©fjrifti 
niebt  abgeionbert  borbanben  maren,  fonbern  nur  atS  Sbeile 
ber  beiligen  (Sammlung,  unb  fte  oft  nur  fo  angefübrt  merben, 
überbieS  eingelne  Slnfübrungen  aueb  auS  anbern  SBüdjern 
oorfommen:  fo  fann  man,  mieraot  baS  alte  Seftament  für 
unS  unmöglid)  in  bemfelben  (Sinn  ein  unheilbares  (San^eS 
fein  fann  mie  für  baS  iübifdjeS3olf,  nidjtS  bagegen  einmenben, 
bafj  eS  gan§  unb  bottftänbig  bem  neuen  Seftamente  beigegeben 
merbe.  9to  mürbe  ber  riebtige  (Sinn  ber  (Sacbe  ftet)  beffer 
auSjürecben,  menn  baS  alte  Seftament  als  Slnbang  bem  neuen 
folgte,  ba  bk  je^ige  (Stellung  niebt  unbeutlicb  bk  gorberung 
aufftettt,  ba%  man  ftctj  erft  bureb  baS  ganje  21.  X.  burc^arbetten 
muffe,  um  auf  riebtigem  SSege  sunt  neuen  su  gelangen. 

BmetteS  Seljrftüff. 
%om  Stenfi  am  götitttfjen  28ort. 

§.  133.  diejenigen  2Jtttglieber  ber  djriftttdjen  ©emetn* 
f$aft,  meiere  ftdj  überroiegenb  felbftt&ättg  »erhalten,  oer* 
rieten  bur<$  ©etbftmitttyeilung  ben  SDiertft  am  göttlichen 
2Bort  bei  benen  bie  jt<$   übetttriegenb  empfänglich  toer* 

1  Sftöm.  15, 4.  1  ®or.  10, 11.  2  %im.  3, 16. 
3  Soll.  4, 42. 


294  2>er  djriftltcfje  ©fau&e.  3lueiter  Seil. 

galten;  melier  SDienft  t&eilä  ein  unbeftimmter  unb  $u* 
fälliger  ift  t^ett^  ein  förmlicher  unb  georbneter. 

1.  £)ie  für  jebe  (SJemetnfdjaft  gültige  33orau§feaung  einer 
ungleichen  SSertfjeitung  be§  ($5emetngeifte§  ift  aud)  für  bie  firtf)* 
Itrfje  ©emeinjdjaft  fctjon  oben1  in  21nfprud)  genommen  morben. 
Sft  nun  aud)  biefer  Unterfdjieb  bon  ©tftrfe  unb  ©d)roäd)e  fo 
mie  üon  Stfeinljett  unb  Unreinheit  ber  £)arfteuung  unb  9luf* 
faffung,  jeben  biefer  ®egenfääe  fomol  für  ftct)  al§  aud)  in  SBer* 
binbung  mit  bem  anbern  gebactjt,  in  ber  erften  ®ird>e,  unb  fo 
aud)  für  iebe  firdjlidje  $robtns  in  ifjrem  Anfang  am  ftärtften 
unb  nimmt  aHmäijtig  ab:  fo  nrirb  er  bod)  audj  al§  perföit^ 
liclje  Ungleidjbeit  nod)  lange  bebeutenb  genug  bleiben  in  allen 
Steilen  ber  ®trdje.  Unb  Jjätte  fte  aud)  al§  folctje  gänglid) 
aufgehört:  fo  bleibt  bod)  immer  in  einem  jeben (Sinaelnen  eine 
foldje  Ungleicbljeit  ber  (Stimmung,  bafe  er  ftct)  balb  felbfttl)ätig 
ftürffam  finbet  balb  nur  empfänglich  angeregt,  gmmer  alfo  ift 
ber  aufgeteilte  ®egenfaa  borbanben,  unb  Me  barauf  begrünbete 
Aufgabe  su  löfen.  2)enn  bit  roenn  aud)  für  ben  Slugenbliff 
©djmadjen  unb  Unreinen  geboren  nur  infofern  ber  ©emeins 
fdjaft  an,  al§  fte  empfängticb  bafür  finb  geläutert  unb  geftärft 
au  merben;  unb  bk  ©ememfdjaft  Ijält  fte  nur  in  fofern  roirfs 
lieb  feft,  al§  in  tbr  foldje  borljanben  finb,  meldje  itmen  felbfc 
tljättg  Läuterung  unb  ©tärfung  barbieten.  Unb  bie§  miß  ^ter 
abgejeben  bon  bem  Unterschieb  eine§  äußeren  unb  inneren 
Greifes  in  ber  SHrclje2  oI§  ein  Unterfd)teb  audj  unter  ben 
28iebergeborenen  felbft  betrachtet  fein.  —  2)afc  nun  ba%  Sßer^ 
galten  ber  ©elbfttljätigen  §u  ben  (Empfänglichen  eine  W\t- 
Teilung  ber  erften  an  bit  legten  ift,  unb  bafc  iebe  foletje  SJcit- 
Teilung  eine  51nbienung  unb  ©arreidnmg  be§  göttlichen  SSorteS 
ift,  wirb  ftct)  tool  betuäljren  bureb  folgenbe§.  ©elbftmittljeilung 
nämlidj  giebt  e§  auf  feine  anbere  SBetfe  al§  burd)  eine  er- 
regenb  roirJenbe  (SelbftbarfteEung ,  iubem  bie  burdj  %la& 
bilbung  aufgenommene  Söemegnng  be§  ftd)  barfteftenben  in  bem 
empfänglich  aufgeregten  2Iufnet)menben  eine  Straft  roirb,  meiere 
biefelbe  Söeroegung  Ijerbomtft.  SBenrirfe  nun  biete  eine  Sanie- 
rung ober  ©tärfung  ober  beibe§,  fo  fann  bieg  nur  eine 
SBirfung,  roie  in  aEen  ätjnüdjen  gälten  be§  in  ben  (Einen 
iräftigen  ($5emeingeifte3,  fo  audj)  nur  eine  Söirfnng  be3  in  btn 
(Einen  fräftigen  b eiligen  ®eifte§  fein.  Unb  ba  biefer,  ttrie  er  atte§ 
bon  (Sbrifto  nimmt,  immer  berfelbe  ift,  melier  aud)  bie  ©ebrift 
«ingegeben  bat:  fo  wirb  aud)  iebe  21eufjerung  (Einselner  eine 

1  §.129,2.  '  »gl.  §.115,2.  116,1. 


Streiter  «öfänltt.  SSon  ber  $8efdjaffent)ett  ber  gSeltic  295 


äSnltdje  Sßirfung  nur  tjetborbringen  fönnen,  tnfofern  fte  tn 
ber  Analogie  ber  @*rift  ift,  unb  ft*  mithin  au*  aij  färtft* 
gemäfc  re*tfertigen  fann;  fo  ba%  mit  bemfetben  $e*t  gejagt 
merben  fanu,  jebe  sur  ©ottfeligfett  mirffame  @etbftmut$eütmg 
.-fei  gemi£  au*  f*rtftmä£ig,  uub  jebe  föriftmäfcige  fet  au* 
•erbauli*.    $enn  ba  fein  maljrer  (Sfjrtft  als  fol*er  tu  letnem 
Innern  etma§  fanu   fefir)alten  motten  uub    fräftig  merben 
laffen,  al§  nur  infofern  er  bariu  ©tjriftum  mteber  erfemtt:  fo 
fanu  au*  ferner  in  feiuer  @etbftmtt*eitung  tu  S8e§ug  nämlt* 
auf  bit  *riftli*e  ©emeinf*aft  ft*  feibft   uub  ba§>   feintge 
■empfehlen  uub  Verbreiten  motten,  foubern  nur  (SSrtftum  unb 
ba§  ma§  bon  biefem  in  tljm  lebt;  unb  eben  fo  fanu  au* 
feiner  um  ft*  au  förbern  etma§  in  ft*   aufnehmen  motten, 
üi§  fofern  e§  Don  (Stjrtfto  genommen  ift.    ©aber  ift  mtt  jeber 
mtttbeitenben  unb   erregenben  Sfjätigfeit  in  ber  *rtftlt*en 
®emeinf*aft  bie  ©elbftexl enntniti ,   betrn  ©elbftbertäugnung 
mürbe  e§  nur  uneigentti*  genannt,  berbunben  bafc  ber  mxU 
fame  ®e^att  meber  ber  ^erfon  feibft  no*  einer  etgeut&um* 
!i*en  göttli*en  Offenbarung    an    ftc    augefärtebeu    mtrb ; 
fonbern  atte§  mu£  auf  bie  Sluffaffung  ^rifti  au§  ber  (5*nft 
aurüffgefüfrt  merben,  fo  ba£  ieber  nur  als  erinnernbeS  unb 
«ntmiffelnbeS   Organ  ber  ©*rift  mirfen  barf,  trenn  m*t 
un*riftlt*e  9tnfbrü*e  unb  febaratiftif*e  SBirfungen  bte  @e* 
meinf*aft  bielme^r  anftöfen  fallen,    ©o  au*  berf*mäbt  eine 
maWaft  *riftti*e  (Smbfängti*feit  ft*  SBort  unb  Sbat  etnep 
۟uelnen  aI8  SSorbilb   anzueignen  unb  als  SBaWett   auf* 
5unet)men.    Unb  biefe§  ablelmenbe  Söeftreben  ma*t  gern  no* 
einen  Unterf*ieb  innerhalb  be§  f*riftmäkigen  fetbft  um  nt*t 
oetättf*t  su  merben,  menn  etma§  ft*  ätrar  bur*  etne  einzelne 
bibiif*e  ©teile  rechtfertigen  Iftfet   aber  ni*t  im  ®etft  be§ 
(Jansen  ift.  .  „        .       ^...„* 

2  *8etra*ten  mir  nun  biefe  (Stnmtrfung  ber  ©tarieren 
<mf  bie  ©*mä*eren:  fo  umfaßt  ftc  ba§  gange  *riftti*e  Seben. 
©enn  au*  bie  £>anbtungen  bon  ben  einseinen,  fofern  ft* 
berfetbe  ©ctft  barin  au§fbri*t,  ftnb  eine  fot*e  £)arret*ung 
be§  SßorteS,  mie  f*on  barau§  folgt,  ma§  oben1  über  ba3 
^roptletif*e  tot  (Sbrifti  gefagt  ift,  morauf  ft*  biefer  ©teuft 
beliebt  ©arum  ift  ber  am  (£nbe  unfereS  <Sase§  aufgeteilte 
ttnterf*ieb  bon  SSi*tigfeit.  Sitte  bie  julcit  angebeteten 
bereinselt  im  einseinen  Seben  borfommenben  unb  oft  ®cü§ 
jti*t  beabft*ttgten  ftctfö  ni*t  gefu*ten  @mtoiiftmg«i  ftnb 

1  8.  103. 


296  ©er  tfjriftlufje  ©taube.  3wetter  £6,eil. 

ber  unbeftimmte  unb  oergleid)ung§meife  sufättige  2)ienft ,  bon 
meldjem  f)ier  nidjt  bie  Üiebe  fein  fann,  inbem  bie  richtige 
Slnorbnung  beffelben  in  bie  djriftlic^e  Sittenlehre  gel) ort 
2lber  menn  mir  e§  and)  Ijier  nur  mit  bem  förmlichen  unb- 
georbneten  gu  ttmn  Ijaben,  mufete  jener  boct)  ermähnt  tuerben, 
meil  bie  ebangeiifd)e  SSorftettung  bon  beut  georbneten  am 
ftdjerften  barauf  ruljt,  bafj  er  in  allem  in ef entließen  mit 
jenem  allgemeineren  unb  unbestimmten  gleichartig  ift.  Unb 
biefe  Bufammenfaffung,  bie  nidjt  geftattet,  einen  .fdjarfeit 
Unterfdjieb  aufstellen  ährifdjen  benen,  bie  ben  georbneten 
S)tenft  berrid)ten,  unb  ben  anberen  (£l)riften,  ftnben  mir  aud) 
fd)on  in  ber  «Schrift.  ®enn  roo  $aulu§  bie  berfdjiebeneu 
(Saben  unb  Slemter  aufsäht,1  mifdjt  er  unberfennbar  beibe§ 
unter  einanber.  (So  marb  aud)  bon  (St)rifto,  aufter  bem  bes- 
timmten 83er(jälhtt&,  in  meinem  bk  3roölf  §u  iljm  ftanben 
unb  ben  ebenfalls  ju  einem  beftimmten  SDienft  auSgefanbten 
3mei  unb  ftebsig,  9#and)er  auf  eine  unbeftimmtere  SBeife  gu. 
feiner  9?ad)folge  aufgeforbert.  ©o  mar  in  ber  erften  ®ircl)e 
ber  SDtenft  ber  Sipofiel  ein  georbneter,  ba  fie  auf  beftimmte 
3al)l  hielten,2  unb  nad)  gemeinfamem  SBefd&htffe  Baubeiten; 
baffelbe  gilt  bon  bem  3lmt  ber  ©iatonen  juerft  in  ^erufalem,s 
unb  nad)  biefem  Sßorbilb  audj  in  anbern  gemeinen.  Mein 
fdjon  be§  ©tebbauu§  bolemifdjer  SBerfudj  in  ber  SSertfjeibigung 
be§  (£fjriftentl)um§  gehörte  ntctjt  31t  bem  ifjm  angemiefenen 
beftimmten  ©ienft,  inbem  er  lebiglidj  afö  (Smseiner  nad) 
aufjen  Ijin  Ijanbette.  Unb  fo  marb  audj)  ber  allgemeine  unb 
unbeftimmte  2)ienft  innerhalb  ber  (Sememen  Stilen  bie  fid) 
ba^u  eignen  empfohlen  unb  bon  iljnen  geforbert.4  2)er  Untere 
fdjieb  liegt  aud)  in  ber  Scatur  ber  ©adje,  aber  nid)t  infofern 
al§  ju  bem  orbentlidjen  ©ienft  nottjtoenbig  Ijöfjere  unb  be- 
fonbere  (£igenjd)aften  geboren;  fonbern  menn  fdjon  in  ber 
bürgerlichen  (55efeCCfcrjaft  baZ  gemeinfame  Seben  ftd)  nidjt  gan^ 
in  beftimmte  bon  ber  (Sefammtljeit  angenüefene  ($5efd)äft^ 
fu&rung  auflöfen  läfct,  fo  ift  bieg  nodj  biet  meniger  in  ber 
firct)ltcrjen  (Stemeinfdjaft  tljimltdj  mit  ber  religiöfen  W\U 
tfjeilung  unb  (Sinmirtung.  ©enn  einerseits  lann  ber  fj.  (Seift 
nie  untfjätig  fein  unb  ftd)  be§Ijalb  aud)  nidjt  mit  allen  feinen 
£l)ätigfeiten  an  beftimmte  Briten  binben  laffen,  ba  er  biel* 
meljr  ^eben  treibt  atte§  311  tljun,  ma§  bor  föanben  fommt 
2lnbrerfeit§  läfjt  ftet)  aud)  eine  fo  geiftige  ®efettfd)aft  bod) 


1  1  Äot.  12,  8—10.  unb  28—30.  *  Wp.  ©efd).  1,  17. 

•  2T0.  ©cfd).  6,  2.  *  dufj.  4,  29.     5,  19. 


Stoettcr  Sttfönttt.  SBon  ber  Eefdjaffentjeit  ber  SSelt  :c  297 

tüd&t  al§  eine  moljlgeorbnete  benfen  ofjne  alle  SBertjetlung 
ber  Slrbeit,  üibem  fonft  feine  t>on  ben  ber[cl)iebenen  ®abeti 
baä  Wlazimum  iljrer  Sßirffamfeit  erreichen  tonnte;  jumal. 
bie  SBertfjetlung  befto  letctjter  unb  fixerer  gemalt  toerbert 
fann,  je  mebr  ber  (£ine  (Seift  au<$  bie  Urteile  übereil 
ftimmenb  leitet. 

§.  134.  ©rfter  Se^rfa^.  @3  giebt  in  ber  £irä> 
einen  öffentlichen  S)ienft  am  SSort  als  eine  nnter  be* 
frimmten  formen  übertragene  ©ef<$äft3fü§rung, ;  unb  r>ott 
biejem  gefyt  auä)  alle  ©lieberung  ber  Slirdje  au3. 

2lug§5.  S5cf.V.  (Sollen  ©lauben  p  erlangen  fjat  ©ott  ba§  $rebtgt* 
antt  einge[eat  .  .  .  babnrd)  al§  burd)  Mittel  ber  fi.  ®eift  toirft  un& 
bie  §eraen  tröft  .  .  too  unb  wenn  er  toiff.  —  XIV.  $8om  &irdjen= 
regiment  totrb  gelehrt,  baß  niemanb  in  ber  SHrdjen  örfentltd)  lehren 
ober  prebigen  ober  ©acrament  reidjen  fott  ofin  orbentlidjen  Q3eruf. 
—  Conf.  Saxon.  (p.  196.  Tw.)  Agimus  autem  gratias  Deo  . . 
quod  .  .  conservavit  publicum  ministerium  et  honestos  con- 
gressus,  qui  ipse  etiam  distinxit  quaedam  tempora.  Expos, 
simpl.  XVIII.  p.  55.  Deus  ad  colligendam  vel  constituendam 
sibi  ecclesiam  eandemque  gubernandam  et  conservandam  semper 
usus  est  ministris  . .  .  .  p.  58.  Nemo  autem  honorem  ministerii 
ecclesiastici  usurpare  sibi  .  .  debet.  Vocentur  et  eligantur 
electione  ecclesiastica  et  legitima  ministri  ecclesiae.  .  .  Eli- 
gantur autem  .  .  homines  idonei  etc.  —  Conf.  Hei v.  XV, 
p.  97.  Atque  hanc  ob  causam  ministros  ecclesiae  cooperarios. 
esse  Dei  fatemur,  per  quos  ille  cognitionem  sui  et  peccatorum 
remissionem  administret,  homines  ad  se  convertat  erigat  con- 
soletur  .  .  ita  tarnen  ut  efficaciain  in  his  omnem  Deo,  mini- 
sterium ministris  adscribamus.  —  Conf.  G all.  XXIK.  p.  121» 
Credimus  veram  ecclesiam  gubernari  debere  ea  diseiplina,  quam. 
Dominus  noster  Jesus  Christus  saneivit,  ita  videlicet  ut  in  ea 
sint  pastores  presbyteri  et  diaconi,  ut  doctrinae  puritas  retine- 
atur,  vita  cohibeantur,  pauperibus  consulatur  et  sacri  coetus. 
habeantur. —  Conf.  Angl.  XXni.  p.  134.  Non  licet  cuiquam 
sumere  sibi  munus  publice  praedicandi  .  .  nisi  prius  fuerit 
legitime  vocatus  et  missus. 

1.  SSenn  mir  nad)  bem  tlrfyrung  biefe§  öffentlichen: 
S)ienfte§  fragenb  auf  ben  üon  (Jljrifto  ben  5lpofteln  gegebeneit 
Sluftrag1  äurüffgeljen,  fo  mar  bie[er  übermiegenb  nadj  aufceit 
gerietet;  benn  ma§  t>on  einem  innern2  fcorfommt,  fann  auä> 
öon  bem  allgemeinen  unbeftimmten  oerftanben  merben.   $ftotfj* 


1  2Jtatt$.  10,  6  flgb.  *  3. 58.  SKatttj.  18,  15—20. 


-298  ©er  djrtftlidje  ©laube.  Stoetter  Sfjeil. 

toenbig  aber  entftanb  ber  innere  au§  bem  änderen  ba  Me 
Sßeubef ehrten  fortbauember  Söelebrung  unb  ,8ure<$tmeifung 
beburften,  unb  mar  mitbin  in  bem  Auftrag  Stjrifti  al3  bie 
natürliche  gortfeäung  be§  äufeeren  mit  enthalten.  2Il§  aber 
t>ie  Slooftel  felbft  eine  Teilung  biefeg  2)ienfte§  in  Sßorfdjlag 
brauten,  unb  ber  (Mammtbeit  anheimgaben  ben  Dienft  ber 
£anbreicbung  Slnbern  ju  übertragen:1  fo  mürbe  baburd)  ba§ 
Hmt  ber  Sefjre  ein  ibnen  bon  ber  (gemeine  übertragenes,  mie 
aueb  biefe  bortjer  fdjon  beibe  5lemter  bereinigt  einem  neuen 
gmölften  übertragen  Ijatte.  Unb  fo  beftetjen  beibe  fort  in  ber 
®irct)e  al§  bie  £anbtämeige  iene§  öffentlicben  ©ienfteS;  benn 
baZ  berftefjt  fid)  bon  felbft,  bafj  aueb  ba%  Dtafonat  nur  ein 
fircblicbe§  5lmt  fein  fann,  fofern  e§  eine  "Darbietung  be§ 
SSorte§  ift,  nämlidj  eine  Sleu&erung  unb  Shmbgebung  ber 
ctjrtftlicrjeri  SBruberliebe  bureb  bie  %$at  Die  Dreiteilung 
aber,  mie  man  fte  aud)  conftruiren  möge,  ift  etma§  miflfübr* 
Iicbe§,  unb  mufj  im  mef  entließen  auf  jene  Unterfdjeibung  in 
Sejjre  unb  £mnbreidnmg  aurüffgebn,  bie  ifjren  mabren 
2beilung§grunb  barin  l)at,  ba%  bie  §u  bem  einen  (Sefcbäft 
erforberlicben  ©aben  am  memgften  bebingt  ftnb  bureb  bie 
<£rforberniffe  gu  bem  anberen.  SSie  benn  audj  bon  Slnfang 
an  ba$  meiblidje  (S5efdjled)t  bie  öffenüicbe  £>anbreicbung  immer 
mit  berfetjen  fjat,2  bon  ber  öffentlicben  $ermaltung  ber  ßetjre 
aber  immer  au§gefdj)loffen  gemefen  ift. 

2.  $e  meniger  nun  irgenb  ein  (Sinjelner  ober  einige 
SSenige  bie  «Stelle  (£brifti  bertreten  tonnen,  um  befto  mebr 
Ijaben  mir  nur  bie.  ®efammtl)eit  al§  bie  Duelle  btefer  lieber- 
tragung  ausuferen;  unb  ber  (S5eftaltung  be§  ®leru§  al§  einer 
in  ftcb  abgefcbloffenen  unb  ftet)  felbft  ergänsenben  ®örperfcbaft 
feblt  e§  an  aller  fdjriftmäfcigen  Söegrünbung.  93et  btefer  G£r* 
gän^ung  untertreibet  bielmebr  bie  Schrift  nur  smei  Momente, 
bie  SBeftimmung  ber  sur  SSerricbtung  eine§  ($5efdjäfte§  er- 
forberlicben ©igenfefjaften,  unb  bie  5lu§mabl  au§  benen  bie 
al§  fo  au§gerüftete  befannt  finb.  £uer  bleiht  bemnac^  ein 
großer  <Sbielraum  um  $erfd)iebenen  einen  berfdjiebenen  Sin* 
tbeit  juaumeifen,  olme  bafj  ba&  $rincio  berloren  gebe,  bafj 
bie  ÖJefammtbeit  iljre  ®efdjäft3füt)rimg  organifire  unb  unter 
ibre  (^lieber  nert^eile.  Sine  folcrje  Uebertragung  ift  ntdjt 
möglicb  oljne  eine  beftimmte  ©onberung  ber  ®egenftänbe  unb 
eine  genaue  Söeftimmung  be§  Umfangg,  in  meinem  ieber  fein 
<&cidjäft  fübren  fotf.  ^nbem  nun  Riebet  audj,  mag  übertragbar 

1  Sty.  ®efä.  6,  2.  1  %\m.  5,  9. 10.    SuF.  8,  3. 


gtoetter  Stßfönttt.  SSon  ber  SBef^affen^ett  ber  SBelt  2C  299 

tft  uttb  ma§  nic&t,  mufj  feftgeftettt  toerben:  fo  toirb  auf  in* 
turecte  SBeife  audj  ber  unbeftimmte  £)ienft  mit  in  bie  Drgant* 
fation  aufgenommen,  unb  ber  ©egenfaj  smifdjen  beiben 
•ftumpft  fitf)  ab;  it-ie  audj  baburd)  gefc^ierjt,  ba£  sunt  Sßetjuf 
t>e§  ntc&t  übertragenen  audj  jebergeit  borübergetjenbe  Sßer* 
emigungen  toon  näfjer  äufammengebörenben  ©tnsefnen  ent* 
ftetjen.  Slber  audj  ber  SDtertft  be§  2Borte§  im  engeren  (Sinn 
tarnt  nie  auf  eine  fo  auSjdjltefsenbe  SSetfe  übertragen  merben, 
ba%  e§  nicbt  and)  aufjerljalb  be§  öffentlichen  2)ienfte§  eben 
folctje  ©elbftmittljeitungen  ghrifdjen  (Stnjelnen  geben  fönne; 
:benn  bieä  biefje  betbeS  bie  ©ettriffen  betjerrfclien1  nnb  ben 
<$5eift  bämpfen.2  2lu§  ber  llebertragung  aber  entfteben  bobbelte 
Sßesteljungen ,  jebe§  SBebürfttgen  gu  mehreren  ^itt^eiienben 
nad)  ber  S3erfct)ieben^eit  feiner  Söebitrfmffe  unb  i^rer  S3er* 
ridjtungen,  unb  eben  fo  iebe§  Sftittljettenben  gu  Dielen 
(gmbfängtidjen  in  23ejug  auf  ein  beftimmte§  Söebürfnifj  unb 
innerhalb  be§  iljm  angettnefenen®reiie§;  fo  bafj,  mo  mir  un§ 
eine  grofje  ftetige  äftaffe  <$rtftlidjen  Öeben§  benfen,  burd) 
beibe§  gufammen  ftdj  ©emeinben  begrenzen  unb  fonbern,  jebe 
al§  ein  Umfang  in  meinem  alle  §ur  görberung  be§  djriftlidjen 
£eben§  nottjmenbigen  ®aben  borljanben,  unb  alle  Übertrag* 
baren  <$efdjäfte  sroeffmäfeig  t»ertt)etlt  ftnb.  2)ie  ^er^meigung 
ber  fixdjltdjen  Slemter,  fo  hrie  bie  gorm  unter  ber  fte  über* 
tragen  merben,  fann  ferjr  ber[d)ieben  fein,  unb  bie  Stjeorie 
berfelben  fjai  iljren  Drt  in  ber  jjraftifdjjen  Geologie.  £>ier 
ift  nur  im  allgemeinen  §u  fagen,  bafj  fte  gut  fein  merben  in 
bem  SOfaafj,  al§  einerfeitS  bie  SBertöeüung  al§  Zfyat  ber  ®e* 
fammttjeit  mittelbar  ober  unmittelbar  §u  <5tanbe  fommt  unb 
erfcr)eint,  anbrerfeitS  aber  ber  geiftigfte  SDienft  —  nämlich  bie 
georbnete  Darreichung  be§  göttlichen  2ßorte3  —  fiel)  geltenb 
erhält  al§  ber  SDftttefymtft,  öon  bem  aUe§  au§get)t  unb  auf 
melden  fict)  aUe§  besietjt. 

3.  Dfjne  biefen  georbneten  öffentlichen  SJienft  unb  bie 
Samit  sufammentjängenbe  ßonftitution  ber  djrtftlic&en  $e* 
jneinben  märe  alle  $riftlic(je  SQttttlj  eilung  nur  Oerein§elt  unb 
^erftreut  unb  bem  Stnfdjein  nad)  pfällig.  5lber  audj  ber 
.Sßatjrtjeit  nact)  !önnte  e§  ntdjt  otme  ein  t>ernn'rrenbe§ 
<Sd)manfen  abgetjn,  in  meinem  fiel)  biete  Gräfte  bergebtid) 
t>eräeljren  müßten,  menn  fein  Empfänglicher  mit  feinem  $e* 
Mrfnifj  an  beftimmte  9ftittt)eilenbe,  unb  umgefe^rt  fein  WliU 
tljeilenber  mit  feinen  Graben  an  einen  beftimmten  ®rei3  bon 


1  2  Äor.  2,  24.  •'  1  S^eff.  5,  19. 


300  ®er  Sjrtftltdje  ©fou6e.  3njeiter  SfictI. 

(gjmpfängttdjen  gemiefen  märe.  SlUetn  roenn  man  audj  su^ 
geben  mollte,  bafj  in  bet  ®raft  beS  ©eifteS  jeber  Söegabte 
alleS  tfjäte  um  feine  (Saben  sunt  gemeinsamen  Stfus  311  ber* 
menben,  unb  eben  fo  jeber  SBebürftige  richtigen  Sinn  genug 
Ijätte  um  bte  (Seifter  31t  prüfen,  mitbin  bon  ben  (Stnsemen 
atteS  gefäjäfje,  maS  aurf)  buret)  bie  befte  SSertf)eilung  ber  Gräfte 
nur  unbollfommen  erreicht  31t  werben  pflegt:  fo  beruhte  bocf> 
atteS  nur  auf  Erregung  be§  berfönlicben  frommen  ©elbft* 
bemufjtieinS  unb  beS  bereinsettenSftitgefüljtS;  aber  ein  raatjreS 
(Semeinbemufjtfein,  eine  lebenbige  lleberseugung  bon  ber 
Sbentität  beS  (SeifteS  in  Sitten,  fann  auf  biefe  2Irt  nidjt  3n 
<&tante  lommen.  Dbne  biefe  aber  gäbe  eS  überall  fein  (Selbft- 
erfennen  beS  Ij.  (SeifteS  in  un§  unb  eben  fo  menig  ein  richtiges 
Sßemufjtfein  bon  ber  9lrt  unferer  SebenSgemeinfdjaft  mit 
(£l)rifto,  menn  mir  unS  niebt  unfer  felbft  als  ©lieber  feines 
SeibeS  benntfst  merben.  "Stober  ift  eS  nur  einer  gans  ober* 
ffäcblicben  5lnficbt  bom  (Sbriftentbum  mögltcb,  bie  cbriftücbe 
©emeinjebaft  auf  ba§>  IjäuStidje  Öeben  unb  auf  ftttte  $ribat* 
berfjältniffe  ofjne  Deff entlief eit  surüffsufübren.  Sßtelmebr 
finb  bie  öffentlicben  SBerfammlungen  gum  gemeinfamen  SQt* 
fenntnifj  unb  3ur  gemeinfamen  Erbauung  bie  £)auptfacbe,  unb 
bie  Hebertragung  ber  übermiegenben  unb  leitenben  S5ättg*= 
feit  barin  an  Einige  auSfcbliefcenb  bleibt  nur  Siebenfache. 
SBie  benn  aueb  ma§  bie§  anlangt  eine  SHrcbengemeinfcbaft 
gans  int  ebangelifdjen  (Reifte  befteben  fann,  roeldje  bon  einer 
folgen  llebertragung  nicbtS  toeifc,  fonbern  iebem  Triften  bie 
SBefugnifc  sur  leitenben  Sfjätigfeit  barin  axtgefterjt. 

§.  135.  3n)eiter£et)rfaj.  2)er  öffentliche  SDienft 
in  ber  $trdje  ift  in  allen  ©tüffett  an  ba3  göttliche  äöort 
gebunben. 

1.  2lucb  bie  beretnselten  unb  formlofen  Sfttttbeilungen  ber 
Ebriften,  fofern  fie  etmaS  bureb  ben  b.  (Seift  benrirfteS  mit* 
teilen,  fönnen  ebenfalls  nur  Erläuterungen  unb  ^Betätigungen 
beS  götttieben  SSorteS  fein.  (Sott  nun  bon  bem  öffentlichen 
^ienft  baSfelbe  nici)t  nur  auf  biefelbe  SBetfc  gelten,  fonbern 
auf  eine  befonbere  an  feiner  Eigentbümlicf)fett  baftenbe:  fo 
fann  bieS  nur  babureb  gefebeben,  bafs  biefe  (35ebunbenbeit  an 
baS  göttliche  SBort  in  bie  gorm  ber  öffentlichen  TOttbeilung 
aufgenommen  nrirb.  £)ieS  gefebiebt  in  SBesug  auf  bie  Scbre 
tl)eil§  unmittelbar  baburdj,  bafj  bie  einseinen  Slcte  ber  2)ar* 
legung  religiöfer  ©ebanfen  ibrer  gansen  Einricbtung  nadj  als 
Auslegung  einselner  (Stellen  ber  (Scbrtft  erfebeinen,   tbeilg 


gtoetter  Sftfdjttitt.  £on  ber  SSeidjaffenljeit  ber  SSßcIt  :c.  301 

-mittelbar  burdj  baS  Sßefenntntfe,  meldjeS  ein  fur§er  auf  btc 
©d)rift  surüffgefütjrter  Inbegriff  ber  2et)re  ift,  iueldjeS  uuter 
SßorauSfesung  feiner  ©cbriftmäfjigfeit,  als  immer  gegenwärtig 
ben  (Sang  jebeS  SBeftmfctfemS  beljerrjdjen  foU,  unb  monacb 
alle  &et)re  fall  fönnen  gemeffen  merben.  SöeibeS  aber  mufe 
in  leere  gorm,  bie  aucb  immer  mit  Seic&ttgfeit  umgangen 
merben  fann,  ausarten,  iuenn  nid)t  in  bemfelben  Greife  audj: 
bie  freie  unb  formlofe  SO^itttjetlung  Oon  felbft  fcr)rtftmäfeig  ift. 
(Skmöbnlidj  miß  fid^  alSbann  baS  Sßefenntnifc  als  aut^entifdje 
©djrifterflärung  geltenb  madjen,  bamit  ein  noc§  meitereS 
Verfallen  mit  ber  ©djrtft  berbütet  merbe;  allein  baburd}  ent= 
fieljt  ein  uneoangelifdier  2hid)fiabenbienft,  unb  äugleidfr  mirb 
baS  tiefere  (ginbringen  in  bie  ©djrift  unmöglich  gemalt.  — 
©tefelbe  ©djriftmäfeigfeit  ift  aud)  &u  forbern  t>on  ber  djriftlidjen 
£)id)tfunft,  in  fofernü)re(Srseugniffe,  tuenn  gleicb  urfprünglid)  nur 
für  baS  einzelne  Seben  beregnet,  in  ben  öffentlichen  ®ebraud) 
ber  ©emeine  übergeben  fotten.  ©tefe  geigt  ftdj  auf  eine  anbere 
%xt  in  bem  pfalmobifd^en  £npuS  ber  (^riftlicrjen  ®id)tung, 
melier  an  bk  parajjJjrafttfdjen  lieb  ertragungen  ber  Halmen 
nad)  ^Irt  ber  älteften  ctjriftltctjen  Timmen  fict)  nä^er  ober  ent= 
■fernter  anfc^liefjenb  einzelne  ©teilen  unb  (Situationen  auS 
ier  ©djrift  bebanbelt,  etmaS  anberS  in  bem  fymboltfc&en, 
melier  auf  bie  allgemeinen  Söefenntniffe  jurüfftoeifenb  ben 
Inbegriff  ber  gemeinen  Se^re  in  boetifdje  iparmonieen  bringt 
^e  metjr  ftd)  bie  d^riftlidje  ©idjtung  oon  btefen  beiben  ($runb= 
formen  entfernt,  unb  rein  inbiüibueHe  Momente  beS  religiösen 
SebenS  barftellt,  um  befto  mebr  befd^räitft  fie  ibre  SStrffam* 
feit  auf  Heinere  gefeHige  Greife.  —  §aben  mir  aber  audj 
alle§,  toaS  Sbat  ber  (Gemeine  als  folcber  ift,  in  ben  begriff 
beS  öffentlichen  Sn'enfteS  aufgenommen:  fo  mu&  biegorberung 
ber  ©cbriftmäfjigfeit  ftdj  audj  auf  biefe  erftreffen.  Unb  fo 
geigen  aud)  biefe  tätigen  öffentlichen  £DZittrjeüurtgen  ftct)  als 
an  baS  SSort  gebunben  ttjeilS  unmittelbar,  fofern  bie  einzelnen 
(Srmeifungen  ftd)  auf  beftimmt  in  ber  ©djrift  ausgekrochene 
(Ermahnungen  grünben  unb  biefe  bermirf ticken,  ober  ftdj  an 
ein  ber  ©cf)rift  gegebenes  SSorbilb  anlehnen,  tt)eilS  mittelbar 
in  ber  Slufftellung  bon  SHrdjenregeln,  meiere  nadj  2lrt  ber 
Sßefenntniffe  auS  ber  ©ebrift  abgeleitet  eine  Orbnung  d)rifc 
liefen  SebenS  auf  ben  öffentlichen  2)ienft  belogen  aufftellen 
motten,  nad)  melier  nidjt  nur  alle  öffentliche  tätige  TliU 
tbeitung  fic$  geftalten  fpÄ,  fonbern  moran  aud)  erfannt 
merben  fann,  toaS  für  £>anblungen  ber  (Einzelnen  bk 
Verneine  als  iljre  eigenen  anerfennt,  unb  meld)e  rttctjt. 


302  ®cr  c&riftltcfce  ©laube.  3toetter2$etl. 

2.  £>ierau§  ge&t  nun  fjerbor,  tote  Söefenntniffe  ber  ©tjm* 
bole  unb  ftirdjenregeln  ober  ®anone§  in  ber  ®irdje  entfteljit,. 
nicbt  iomol  aI8  SQcaafe  für  bte  berfdiiebenen  SDarfteuungen 
be§  ®lauben§  burdj  Sßort  unb  £fjat,  fonbern  um  befto  fixerer 
bte  21ngemeffenl)eit  be3  einzelnen  au  ben  urfprünglidjen  Sleufje* 
rungen  be3  ®eifte§  ju  bermttteln;  feine§mege§  aber  folgt, 
bafj  fte  au  allen  Seiten  btefer  ^bee  eben  fo  boEfommen  ent* 
fbredjen  fönneu  alS  in  ber  Verlobe  iljrer  Söilbung.  SDafj  bte§ 
nidjt  ber  gall  ift  geljt  fdjon  barau§  Ijerbor,  bafe  fte  jebeSmal 
ein  Söerf  ber  ganzen  SHrcCje  ftnb,  alfo  —  menn  mir  biefe  in 
bem  aufgehellten  ©egenfaa  sufammenfaffen  —  nicrjt  nur  ber 
©elbfttljätigen  unb  ÜOcittljeitenben,  fonbern  mittelbar  menigften§ 
aucrj  ber  Empfänglichen  unb  Sßebürftigen ;  nidjt  nur  fofern  fte 
menn  audj  bon  bm  SCRiittjetlenbert  auSgeljenb  bod)  ir)re  SSirf* 
famfett  nur  ber  freien  5Inerfennung  ber  Söebürftigen  ber* 
banfen  fonnen;  fonbern  aud)  meil  ba$  SKittotffen  um  btn 
3uftanb  biefer,  mitrjin  ber  befonbere  (£f)arafter  be§  Moments 
alS  $8eftimmung§grunb  mitmirfte.  2)aljer  aud)  fdjon  bou 
borne  fjerein  jebe§  i'oldje§  ©raeugnifj,  toeil  bei  bem  ofcittirenbeit 
gortfccjreiten  ber  ®ird)e  in  iebem  Moment  aud)  Solsen  rüff* 
gängiger  SBemegungen  mitgefeat  ftnb,  hinter  ber  ^bee  jurüffs 
bleibt.  Sßie  fte  un§  nun  nur  unter  bem  SBorberjalt  ©ülttgfeit 
fjaben,  bafj  ifjre  (Scrjriftmäfeigfett  immer  ein  ©egenftanb  ber 
Prüfung  bleiben  mufe:  fo  mufj  ftdj  aud)  mit  bem  öffentlichen 
$)ienft  ber  ®ir$e  ein  mögticcjft  au§gebtlbeter  Drgani§mu§ 
berbinben  um  ba§  funftgerecfjte  Sßerftänbmfj  ber  ©djrift  au 
bemafjren  unb  burdj  fortgeieate  $tefd)äfttgung  §u  berboft- 
fommnen;  oljne  bafj  be§rjalb  allgemein  unb  für  alle  Betten 
folgte,  bafj  bieienigen,  meiere  ben  öffentlidjen  SDienft  berfeljen, 
einen  befonberen  ©taub  in  ber  djrtftltcfjen  ©emeinferjaft  bilben 
muffen.  Sßielmeljfmenn  ou§  unfern  beiben  Sebrfäaen  ftctj  er- 
gtebt,  bafj  ber  roenn  aud)  in  einzelnen  hätten  nodj  fo  ftarf 
rjerbortretenbe  firdjlicrje  ©egenfaa  attnfdjen  benen  meiere  bm 
öffentlichen  2)ienft  berrtdjten  unb  benen  an  melden  er  ber= 
richtet  hnrb,  bod)  immer  untergeorbnet  bleibt  auf  ber  einen 
(Seite  ber  (£tn(jeit  unb  ©elbigfeit  be§  (SetfteS  in  beiben,  auf 
ber  anbern  ber  tljnen  gemetnKrjaftlicrjen  unmittelbaren  3lb* 
^nngtgfeit  bon  ber  (Sctjrtft:  fo  liegt  ferjon  hierin  unb  thtn  fo 
in  ber  überall  naerjautoeifenben  SBerroanbtfdjaft  araifdjen  ber 
jerftreutett  formlofen  unb  ber  amtlich  bert^eilten  unb  georb= 
neten  SBirffamfcit,  ba%  ber  ®egenjaä  beiber  ©lieber  ftcr)  immer 
nteljr  abftumpfen  mu§.  ^efjnten  mir  nun  baau,  bn^  bk 
fvittfcCje  (Seite  beg  normalen  Q5ebraud)§  ber  ©ctjrift  aud)  ber- 


ßtociter  «öfönltt.  SSon  ber  SBefc^afren^eit  ber  SSelt  :c.  30£ 

einft  aufhören  mufc:  fo  oerfdjroinbet  bann  ber  ©egenfaj  all- 
ein fcerfönlic&er  in  einer  beiben  ©liebern  gemeinfamen  un* 
mittelbaren  ©tdjer&ett  über  bk  ©djriftmfffctöfeit  ber  ®laubeu§* 
fäse  unb  ber  SebenSregeln. 

SDritteg  ßefjrftüff. 
Sott  ber  Saufe. 

§.  136.  ®te  Saufe  al§£anblung  berßirdje  be§ei<$net 
nur  t>en  2ßillen3act,  oermittelft  beffen  biefe  ben  (Sutselttett  j 
in  i^re  ©emetnfdjaft  aufnimmt;  infofern  aber  auf  ber*» ! 
felben  bte  hrirffame  Verheißung  (Sfyrijtt  ru^t,  ift  fie  ju*» 
gleta)  ber  Setter  für  bte  rea)tfertigenbe  göttlidje  ifyäticp 
feit,  rooburd?  ber  ©inline  in  bte  £eben£gemeinfd?aft 
aufgenommen  tofcb. 

1.  (5<$on  oben1  ift  ba$  toefentlic&e  in  unferm  ©a§  be*- 
bortoortet,  ba%  nflmltdj  bk  Slufna^me  eine§  (Stnselnen  in 
bie  <$rifilidje  (Semetnfdjaft  unb  beffen  $ed)tfertigung  ober 
SSiebergeburt  nur  ein  unb  berfelbe  2Ict  fein  fönne.  ©onft 
müßte  au<$,  menn  bie  2tufnat)me  in  bie  ®trd)e  allein  eine 
£anbiung  biejer  fein  foUte,  ba  btefelbe  obne  S^eünabme  oon 
bem  heiligen  ©eift  mdjt  $a  benfen  ift,  ba§  Ijöd&fte  SSefen  fiä> 
hä  ber  Vorbereitung  feiner  Vereinigung  mit  ber  menfdjtidjen 
Statur  unter  ber  gorm  be§  ®emeingeifte§  leibenb  Oer&alten. 
SSie  aber  bk  2lu§gteßung  be§  Reuigen  ©eifte§  but#  (£briftum 
bebingt  ift8  unb  auf  feiner  Verbeißung  beruljt:  fo  muß  au$ 
baffelbe  gelten  oon  ber  Gsrtfjeüung  be§  ©etfteä  an  ieben 
©tnselnen,  toenn  bo<$  aud)  ber  (Steift,  mie  bkä  aur  ©inljeit 
ber®ird)e  not&menbig  ift,OTen  auf  btefelbe  SSeife  bon(£fjrifto 
fommen  foIC.  SDie  djriftlidje  SHrdje  ift  alfo  einer  großen 
Unftdjerljeit  baburdj  enthoben,  ba%  (£fjriftu§  felbft  bk  Saufe 
al§  ben  2lct  ber  aufnähme  in  bk  ®ird)e  angeorbnet  tjat._r 
S)enn  nun  ift  iebe  foldje  Slufnaljme  eine  Sfiat  ©brifti  felbft,.' 
menn  fie  auf  bie  oon  ibm  augeorbnete  SSetfe  unb  feinem  Ve* 
febl  gemäß  öoE^ogen  nrirb.  ©aber  nun  tann  bk  cr)riftltct)e 
®ird)e  thzn  fo  menig  auf  ber  einen  <&tite  oon  biefer  gorm 
ber  Slufna^me  burdj  bie  Saufe  abgeljn,  als  auf  ber  anbern 
(Seite  ameifeln,  ba%  in  iebem  gall,  too  ber  Vefetjl  (£&rtftt 
gehörig  öott§ogen  hrirb,  mdjt  aueb  feine  Verheißung,  baß  mit 
biefer  Siufnaljme  bk  (Seligfeit  be§  $cenf$en  beginne,  in  (£r* 

1  §.  114,  2.  124,  3. 


304  ©er  djriFtlUfce  ©taube.  Stoelter  Sfjetl. 


füttung  ße^cn  folle.  £>enn  tote  baZ  lejtc  ein  S^eifel  märe 
mi  ber  erlöfenben  9Dcad)t  (£fjrifti  felbft:  fo  märe  ba§  erfte  ein 
SBageftüff,  melclje§  nidjt  bon  bem  göttlichen  ©eift  au§gebn 
fönnte,  ber  atfe§  bon  ßljrifto  nimmt.  —  Söenn  nun  bieburdj 
feft  ftefjt,  bafj  bie  Saufe  in  ber  ®irdje  erhalten  bleiben  mufj, 
mie  fie  fte  überkommen  i)at:  fo  fann  bod)  feine  SluSfunft 
barüber  verlangt  ober  erteilt  roerben,  ob  unb  mie  baZ 
äufjerlicbe  biefer  £anblung  mit  bem  innem  (55et)alt  unb  Bmeff 
berfelben  sufammenljängt.  Vielmehr  tonnen  mir  hierüber  nur 
lagen,  ba%  menn  (5briftu§  su  bemfelben  ßmeff  eine  gans 
anberc  äußere  Verrichtung  angeorbnet  fjätte,  mir  btefe  tbtn 
fo  heilig  balten  unb  biefelben  ©rgebniffe  babon  erwarten 
mürben,  üftur  fobiel  ift  geroifj,  bafj  menn(£fjrifru§bieäuetraa§ 
gan§  neue§  befonberS  eingesät  fyätte,  un§  obliegen  mürbe, 
Söe^iebung  unb  smar  mögltcbft  erfcpbfenbe  ärotfcben  biefem 
Steu&ern  unb  bem  angegebenen  inneren  aufeufucljen,  inbem 
mir  un§  nur  im  äufjerften  9cotbfaH  baju  berfteljen  mürben 
bei  einer  (Sinfesung  GHjrifti  eine  reine  SMfubr  anauneljmen. 
S(nber§  ift  e§,  ba  (£briftu§  feine  ©infesung  an  etma§  fdjon 
borbanbene§  angefmtyft  bat,  unb  bie  Saufe  fcbon  gefcbict)tlicb 
bebingt  mar  burdj  ben  3ufammenl)ang  mit  ber  SSerfünbigung 
be§  So^anneS.  £)enn  btefe  gefcbidjtlidje  Skgrünbung  fann 
un§  nun  bott!ommen  genügen,  o§ne  ba%  mir  meber  berfucbt 
fein  bürfen  bie  auf  iljrem  Gebiet  allgemein  befannte  ©tjmbolif 
meiter  au§§ufOinnen  al§  aud)  fdjon  in  ber  ©djrift  gefcbiebt, 
nod)  aucb  bieielbe  für  fo  mefentlidj  §u  galten,  bafc  man  be* 
bannten  fönnte  bie  £anblttng  felbft  fei  nur  öottftänbig  unb 
fönne  tfjren  3meff  erreichen,  menn  fte  aud)  äufeerlidj  fo  ein- 
gerichtet ift,  ba%  jene  Vebeutfamfeit  barin  bollfommen  fjerbor* 
treten  fann. 

•2.  Dbneradjtet  btefeg  unläugbaren  3"fantmenljange§  aber 
aroifdjen  ber  Saufe  (Xbrifti  unb  ber  be§  Zsofycmmä  ?ann  man 
bocb  oljne  iener  etma§  511  entäieljen  fdjmerlid)  behaupten,  ba% 
fte  bötlig  baffelbe  gemefen  mit  biefer.1  ®enn  menn  aud)  bei 
ber  Saufe  Soljanniö  bk  gbee  be3  9ieid)e§  ®otte§  burd)  bie 
(?rlöfung  sunt  (Srunbe  gelegen:  fo  mar  bod),  elje  er  felbft 
Sefum  in  bem  Saufact  erfannt  Ijatte,  bk  $erfon  be§  @rlöfer§ 
für  iljn  felbft  unb  feine  Säuflinge  eine  unbeftimmte.  9Jcau 
müfcte  baber  mentgften§  unterfcbeiben  ätoifdjen  feiner  Saufe 
norber  unb  feiner  Saufe  nadjfjer,  fo  ba%  bk  erfte  jebenfaU§, 
um     einer    djriftlidjeit    Saufe    gleich    hu    fein,    nod)    einer 


@.  Gerb.  loc.  IX.  p.  IUI  sq. 


Stoeiter  Sl&fcfjnttt.  SSon  ber  Sefdjaffenfjeit  ber  SBelt  jc  305 

©rgänjung  beburft  ptte.  Mein  biefer  Unterfc&ieb  mürbe  bod) 
hut  bon  Söebeutung  fein,  menn  %>o$armt$  nadjber  auf  ben 
tarnen  ^efu  getauft  Wtt,  meld)e§  bo#  alle  Umftäube  ju* 
fammeugenommeu *  eber  gu  üemeinen  tft  at§  %&  bejahen.  Unb 
fo  mürbe  bodj  fc&merlidj  sujugeben  fein ,  bafj  bte  Saufe  i 
SobanniS  fcbon  babe  fönnen  meber  bie  Slufnabme  in  bit 
djriftti$e  ®trdje  fein,  nodj  aud)  ein  f&ab  ber  Sßiebergeburt; 
mithin  mürbe  fte  aud)  nur  tonnen  ber  Saufe  (Hjrifti  füx 
tbentifdj  erflärt  merben,  entmeber  menn  man  beibe  für  gleidj 
unmirffam  erflärt,3  ober  wenn  man  ben  Unterfd)ieb  ämifd^en 
bem  alten  unb  neuen  S3unb  fo  gut  al§  auf&ebenb  behaupten 
moCCte,  So5öune§  %abe  audj  ofme  beftimmte  SBe^ieljung  auf 
(£l)rtftum  bod)  fdjon  baff elbe  geben  fönnen,  ma§  (£briftu§  gab. 
—  SBogegen  auf  ber  anbern  <&tüe  ntdjt  nur  nid)t  behauptet 
merben  fann,  bafs  für  bie  bon  ^o^anneS  getauften  bie  5ln* 
erfennung  ^efu  al§  be§  (£brift§  ni<$t  bturei^enb  gemefen  fei 
al§  ©rgänjung,  fonbern  eine  neue  Saufe  unerläftltd) ;  fonbern 
e§  erbeut  aud)  überhaupt  nidjt,  ba%  fo  lange  ber  ©rlöfer  nodj 
lebte,  bh  Saufe  überall  notfjmenbig  gemefen  fei,  um  in  %& 
metnfdjaft  mit  t&m  ju  treten.  $ielmebr  fct)etnt ,  menn  er 
einem  burdj  fein  SSort  Vergebung  ber  ©ünben  erteilt  unb 
tfjn  §u  feiner  Sfaidjfolge  aufgeforbert  Ijatte :  fo  mar  biefe  2luf* 
nabme  fdjon  feine  Sfjat,  unb  bit  Saufe  mürbe  nur  al§  eine 
nöllig  inhaltsleere  ipanblung  bütsugefommen  fein.  SBie  benn 
audj  nidjt  behauptet  merben  fann,  ba%  aud)  nur  bit  Styoftel, 
gefdjmeige  benn  alle  jumal  QaXtläifd^e  jünger  ©r)riftt ,  bit 
Saufe  goljanm§  empfangen  Ratten,  unb  nod)  meniger  bafj 
(£briftu§  felbft  audj  nur  (Sinen  getauft,8  bem  bann  ba§  %t* 
fctjäft  an  anbern  obgelegen  Ijätte.  SDaber  ift  Ijier  borjüglidj 
ber  Unterfc&teb  anmenbbar  §mifdjen  ber  nod)  einsuridjtenben 
unb  ber  fdjon  befteljenben^irdje,  unb  gar  rttd^t  ju  bermunbem, 
memt  unter  ben  ©briften,  bie  nidjt  burd)  bit  fdjon  befteljenbe 
®irdje  gemonnen  morben,  Sftancbe  ungetauft  maren.  2)enn  I 
bie  t>erfönlitf)e  ©rmä^lung  (Sljriftt  mufj  für  ftdt)  al§  ein  5lct 
feme§  2StlIen§  botffommen  Ijinreidjenb  gemefen  fein,  um  htibt$ 
ju  begrünben,  ma§  unfer  ©aj  ber  Saufe  gufdjreibt,  bit  2In* 


1  Sgl.  30$.  3,  22  ffeb.  unb  «p.  ®ef$.  1 9,  3—5. 

*  2Ste  3ö)ingli  de  ver.  rel.  p.  208.  Quid  vero  distent  Joannis 
baptismus  et  Christi  multa  tum  olim  tum  nunc  est  quaestio,  sed 
inutilis  plane,  nam  discrimen  omnino  nullum  est  .  .  .  Nihil  efficiebat 
Joannis  tinctio  .....  nihil  efficit  Christ!  tinctio  etc. 

8  Soft.  4,  2. 

e$i.,e$rifu.<Bt.n.  so 


306  ©er  djnftltdje  ©Iaube.  3toetter  Sfjetl. 

wenbung  be§  göttlichen  ütatfjfcljluffeg  ber  ©rlöfung  auf  ben 
^injelncn,  unb  bie  Sßerfesung  beffelben  in  bie  ®emetnfcbaft 
mit  2Wen  fctjon  gläubigen.  2öorau§  benn  am  beften  erhellt, 
wie  bie  Saufe  al§  allgemeine  9tnorbnung  ßbrifti  an  bie 
stelle  feiner  einseinen  perfönlictjen  ©rwäblung  getreten  ift 

3.  galten  mir  nun  btefen  ©eftdjt&punft  feft,  unb  benfen 
un§  jeben  Saufact,  bamit  er  biefe§  leiften  fomte,  al§  einen 
sBel"ctjlufj  ber  gefammten  ®irdje,  bem  folglich  auctj  megen  ber 
Strfjamfeit  be§  t).  ®eifte§  in  feiner  ganzen  gütte  baä  bödjfte 
fanonifctje  Slnfeben  einwobnte:  fo  bafj  bie  SHrctje  fetneu  taufen 
fönnte,  ber  nicbt  eben  fo  reif  unb  bereit  märe,  ba$  neue 
geiftige  ßeben  in  ber  ©emeinfctjaft  mit  (£r)rtfto  mirflicb  3U 
beginnen,  rote  bie§  oon  Gebern  gelten  mufj,  ben  (Ebriftuä 
felbft  erwätjtte:  fo  fehlte  bann  iebe  SBeranlaffung  ^agen  auf* 
guwerfen,  Weldje  ftd)  auf  bie  9Jcö  gltd)  feit  besiegen,  bafj  Saufe 
unb  SSiebergeburt  fönnten  getrennt  fein;  fonbern  Wir  fönnten 
o^ne  weitere^  bebauten,  e§  Werbe  geber  wiebergeboren  in 
ber  Saufe  unb  nur  burdj  biefelbe  2>enn  inbem  ber  ge* 
fammten  Süngerjdjaft  ber  Eilige  ®etft  oerlieben  worben, 
fjabe  ftctj  audj  bie  göttliche  Sbätigfeit  jur  SSiebergeburt  unb 
Rechtfertigung  fo  auSfdjliefclidj  an  bie  Verwaltung  ber  Saufe 
gefmtpft,  bafj  ^eber  ben  bie  ®irctje  (Sott  in  ber  Saufe  bar* 
fiette,  nicbt  nur  begljalb  gleicbjam  nachträglich  bon  ibm  aner* 
fannt  werbe,  fonbern  fctjon  mit  ber  Saufe  felbft  Slntbeil  an 
bem  %  (Seift  unb  SHnbfdjaft  ®otte§  erbalte.  9hm  aber  tft 
bie|e§  in  ber  Sßirflictjfeit  nictjt  ber  %cM,  fonbern  bte  Saufe 
roirb  immer  nur  juerfannt  unb  öerrictjtet  bon  einem  relatib 
für  ftctj  abgesoffenen  Stjeil  ber  ®irctje,  unb  ^mar  in  einem 
S)urcbgang§}nmft  feiner  (SntWtfflung,  bem  alfo  feine  fotdje 
fanonifcbe  93oEfommen^eit  in  [einen  einselnen  £anblungen 
,'jufommt.  ©aber  Werben  auctj  alle  einzelnen  Sauffjanblungen 
ftd)  nur  meljr  ober  Weniger  ber  üoUfommnen  Sftictjtigfeit  an* 
nähern;  unb  Wenn  Wir  noctj  f)insunel)men,  bafj  ber  Moment 
ber  SBiebergeburt  be§  ©in^elnen  menfctjlicberWeife  nictjt  genau 
beftimmt  noctj  Weniger  genau  öorau§gefeben  Werben  fann:  fo 
wirb  jene  Oorau^ufesenbe  nur  unbottfommne  Üttctjtigfeit  in 
Tarreictjung  ber  Saufe  ftctj  barauf  surüfffübren,  bafj  bie 
Strebe  ftctj  nictjt  ganj  auf  biefelbe  SBeife  ber  Saufe  eineä 
ßatecbumenen  näljert,  Wie  bie  (Seele  beffelben,  Wenngleich 
auctj  biefe§  burcb  Sfjätigfeiten  ber  ®irctje  oermittelt  wirb,  jur 
SBiebergeburt  fortfcbreitet,  fo  bafj,  tva&  unter  iener  $orau§* 
fegung  ber  ®irctje  ein  fd)tectjtt)tn  einfaches  wäre,  nun  in  sWei 
Reiben  verfällt,   bie  audj   in  jwei  oerfcbiebenen  Momenten 


Stoeiter  Slbf  c&nitt.  SSon  ber  Söeftf)  Offenheit  ber  SBelt  ac  307 

enbigen.  SSenn  nun  mol  nacfouraeifen  märe,-baf$  bie  9?etl)e 
Don  Sfjätigfeiten  ber  ®trtf)e,  meiere  bie  Annäherungen  jur 
Sßiebergeburt  bemirft,  tueil  weniger  perfönltcfc  unb  unmittel* 
barer  bon  ber  ßraft  be3  göttlichen  SSorteS  auSgeljenb,  audj 
genauer  ben  Gtnflufj  ber  ©efammt^eit  barftettte  al§  bie 
anbere,  unb  baber  baä  bollfommenfte  in  biefem  unbollfommnen 
3uftanbe  biefe§  märe,  menn  bie  Verrichtung  ber  Saufe  fidj 
jebe^mal  an  ben  richtig  erfannten  Moment  ber  Söiebergeburt 
aufklaffe:  fo  liegt  bo$  unöerfennbar  in  ber  Statur  ber  ©ac&e, 
ba§  bie  Neigung  ber  ®ird)e  au  taufen  ben  innerlichen  auf 
bie  SBiebergeburt  abgmeffenben  Sßirfungen  be§  ®eifte§  balb 
Doraneilen  mirb  unb  balb  hinter  benfelben  aurüff  bleiben ,  je 
nadjbem  biejenigen,  meieren  baä  Saufen  obliegt,  in  ifjrer 
©Tagung  be§  innern  3uftanbe§  be§  gu  taufenben  auf  biefe 
ober  jene  <&eite  Ijinüberi(l)tDanfen.  2)aljer  finben  mir  gXetcr)^ 
fant  um  un§  über  biefe  Unbottfommentjett  gu  beruhigen  jdjon 
au§  ber  a^ofiolifctjen  3eit  beibe  formen  be§  5lu§etnanber* 
treten^,1  bie  ffllittf) eilung  be§  (SeifteS  bor  ber  Saufe  unb  bie 
Saufe  bor  iener,  unb  ba%  bie  £)iffereng  biefer  Momente  iegt 
größer  fein  !ann  al§  bamalS,  leuchtet  bon  felbft  ein.  Aber  in 
iebem  gatt  menn  bie  entfe^eibenben  (Snabentoirfungen  be§ 
®eifte§  borangelm,  ift  bie$  eine  gebietende  Aufforberung, 
bie  Saufe  al§  Aufnahme  in  bie  ($$emeinf$aft  unmittelbar 
barauf  folgen  gu  laffen;  unb  umgefeljrt  ift  ba$  Vorangeht 
ber  Saufe  nur  gu  rechtfertigen  burd)  ben  feften  unb  in  ber 
lebenbigen  Sljätigfeit  ber  SKrdje  begrünbeten  (Glauben,  ba% 
nun  aud)  bie  SBtebergeburt  be§  Aufgenommenen  au§  ben 
(Einmirfungen  ber  (Sefammtljeit  Verborgenen  merbe.  3?m 
(Sanken  betrachtet  mürbe  alfo  bo<$  immer  bie  SDcaffe  ber  (Ge- 
tauften unb  bie  ber  SSieb ergeborenen  biefelbe  fein,  nur  roirb 
e§  bermöge  iener  <Stf)toanfungen,  aber  immer  ie  boHfommner 
bie  ®ird)e  ift  in  befto  geringerem  $erf)ältnifs  gum  (Sangen, 
einige  SBiebergeborene  geben  bie  noä)  nid)t  getauft  ftnb,  bie 
aber  ein  mol)lbegrünbete§  !Rect)t  Ratten  fdjon  in  bie  ®ird)e 
aufgenommen  §u  fein,  unb  eben  fo  Getaufte  bie  nodj  nic$t 
nriebergeboren  aber  ber  göttlichen  (Snabe  gur  SSieb er geburt 
burd)  ba$  ®ebet  ber  ®ir#e  auf  baä  mirffamfte  enupfoblen 
ftnb.  S)at)er  benn  bie  Söegiefjung  beiber  Momente  auf  ein* 
anber  al§  mef  entließ  immer  baffelbe  gum  (Srunbe  liegt,  unb 
beibe  al§  fct)lecr>tt)in  gufammengebörig  gebaut  merben  muffen, 
nrie  ferjr  fie  aud)  biämetlen  in  ber  3eit  augeinanber  treten. 


1  !ty.  ©efrf).  10,  44—47  bgl.  mit  2,  38.  41  unb  19,  6. 


308  Der  c^riftltdic  ©laubc.  3toeiter  Xfjetl. 

4.  £>ierau§  nun  ergiebt  ftdj  leidet,  nrie  toeit  bie  Meinungen 
über  SBertb,  unb  Söirffamfeit  ber  Saufe  auSeinanber  geben 
fümten,  oljne  bafj  nur  berechtigt  roären  tueber  bie  nad)  ber 
einen  nod)  bte  nadj  ber  anbern  «Seite  tjin  am  roetteften  au§- 
etnanbergetyenben  für  undj)riftli#  ju  erflären.  £)enn  geljt  man 
guerft  babon  au§,  bafj  in  bem  bermaligen  Buftanb  ber  SHrdje 
Saufe  unb  SSiebergeburt  nidjt  immer  jufammentreff  en :  fo 
bejeidjnet  man  bieg  nur  am  ftärfften,  menn  man  fagt,  aud) 
toemt  einmal  beibe  äufammenträfen,  fei  bieg  nur  anfällig,  unb 
feinegmegeg  merbe  einer  baburd?  nriebergeboren,  ba%  man  it)m 
bk  Saufe  anbienr.  (£ben  biefeg  aber,  mogegen  bo<$  ridjtig 
berftanben  nid)tg  einäumenben  ift,  läfct  ftd)  au<$  fo  augbrüffen, 
bafj  bk  Saufe  an  unb  für  ftd)  innerlidj  nidjtg  benrirfe, 
fonbern  nur  ein  äufjereg  Beiden  fei  bon  bem  (gintritt  in  bk 
c&riftlidje  ^irdje.1  SMefeg  nun  ift  ebenfalls  maljr,  aber  nur 
menn  man  ftd)  bk  äußere  einzelne  föanblung,  nrie  ir)r  größten* 
tr)eilg  tr)r  geitbunft  äufjerlid)  beftimmt  nrirb  enttoeber  burdj 
allgemeine  gottegbienftüc^e  Drbnungen  ober  bur<$  befonbere 
SBerljältniffe,  unabhängig  benft  bon  ber  Sbätigfett  beg  ®eifteg 
in  ber  ®ird)e;  bag  Reifet,  eg  ift  roaljr,  aber  nur  alg  bie  93e* 
fd)reibung  bon  ber  Unbottfommenljeit  ber  ®irdje  in  bem 
$unft  ber  Saufe,  fott  eg  aber  bk  gange  unb  allgemeine  $8e* 
fdjreibung  ber  Saufe  fein,  fo  ift  eg  falftf).  S)enn  freilief)  oljne 
bte  SDätigfeit  beg  ($5eifteg  ift  bk  SBaffertaufe  nur  eine  äufjere 
Verrichtung  bk  (£fjriftug  felbft  für  unaureidjenb  erflärt;*  aber 
bk  Saufe  fott,  nrie  am  erften  $fingfttage  bie  erfte  in  ber 
eigentlichen  ®ird)e  fo  aud)  immer,  burd)  bk  Sljätigfeit  be§ 
®etfteg  1)  erb  or  gerufen  ioerben,  unb  mit  berfetben  innig  ber= 
bunben  fein.  SBirb  aber  biefe  $8ef)aubtung ,  begtjalb  toeü  bk 
Saufe  bod)  an  unb  für  ftd)  nietjt  bie  SSiebergeburt  Ijerbor* 
bringe,  atteg  aber  allein  auf  bk  SSiebergeburt  anfomme,  h\2 
ba^in  auggebetjnt,  bafj  man  fagt,  enttoeber  bie  Saufe  fei  über* 
flüffig  unb  unterbleibe  beffer,  ober  toenigfteng  e§  gebe  feinen 
anbern  ®runb  fte  beizubehalten,  alg  nur  bie  löblidje  (Sfyx* 
erbietung  bor  alten  ^nftituttonen :  fo  breljt  bie  ledere  9lnfid)t 
bag  eben  bargelegte  SBertjältnife  atüifctjen  ber  ^oljanneifdjen 


Zwing  1.  1.  c.  p.  220.  Externa  vero  res  est  quum  tinguntur  .  . . 
»c  verae  rei  signum  ac  ceremonia.  . . .  Sic  sunt  ceremoniae  exteriora 
Signa,  quae  aeeipientem  aliis  probant,  eum  se  ad  novam  vitam  obli- 
gavisse  etc. 

'  Unb  atoar,   n>ie   ber  3ufantmenf)anß  fcon  Sofj.  3,   5.  ergiebt,  aud) 
toenn  fic  ein  Sefenntnifc  ber  »u&fertlgfeit  ift. 


8toeitcr  «bfönitt.  fßoxt  ber  SBef^affen^cit  ber  Sßelt  jc  309 

Saufe  unb  ber  djriftlicben  fo  mett  um,  bafj  bte  teste  nur  als 
ein  je  länger  fortgefest  befto  bebeutung§loferer  5Inbang  §u  ber 
erften  erfcbeint;  bte  auerft  angegebene  Stuftet  aber,  inbem  fic 
ben  Bufammentjang  smifcben  ben  ©innrirfungen  ber  ©entern* 
fd&aft,  toelcbe  bureb  bte  Saufe  gefrönt  werben,  unb  ber  inneren 
(£ntroiffhtng  be§  ©insemen  bi§  aur  SSiebergeburt  aufbebt  ober 
menigftenS  nicbt  gestatten  null,  bafj  er  äufjerlicb  beroortrete, 
^tU  fte  eigentlich  bie  Strebe  felbft,  minbeftenS  ibr  äufeere§ 
Sefteben,  auf,  unb  bie  djriftlidje  ©emeinfeijaft  ton  in  allem 
9leufjeren  nur  fo  febattenartig  unb  faft  zufällig  erfdjetnen  n>ie 
e§  in  ber  Duäferifcben  ©efettfebaft  ber  galt  ift.  Stber  fcbieciit* 
bin  un<$riffltdj  fann  dudj)  biefe  Slnftdjt  nidjt  genannt  merben, 
roeil  fte  bie  Saufe  nur  al§  ein  äufeerltcbeS  ber  abfegt  um  ben 
SBertb  be§  inneren,  nämlid)  ber  SSiebergeburt  allein  §u  er* 
beben.1  —  (&et)t  man  auf  ber  anbern  (Seite  baOon  au§,  ba% 
SSiebergeburt  unb  Eintritt  in  bte  ©emeinf<$aft  ber  ©laubigen 
me)"entlidj  mit  einanber  oerbunben  unb  gegeufeitig  bur<$  ein* 
anber  bebingt  ftnb,  um  fo  mebr  at§  üon  biefer  ®emeinfcbaft 
autf)  alle  SStrfungen  be§  $etfte§  ausgeben,  meiere  bie  SBieber* 
geburt  berbeifübren:  fo  ift  ber  näcbfte  unb  urfprihtgliätfte 
5lu§bru!!  bafür  ber,  bafj  eine  unb  bieielbe  fReitje  öon  £anb* 
lungen  ber  ®tr$e  btefe§  bofcpelte  @nbe  fyahz,  bie  Saufe  unb 
bie  Söteb  er  geburt.  5lucb  biefe§  nun  ift  atterbing§  toabr,  aber 
nacb  bem  obigen  nur  al§  Söefdjreibung  oon  einer  SSoHfommen* 
fjeit  ber  Strebe,  meldte  auf  feinem  eingelnen  fünfte  nnrflidj 
gegeben  ift  unb  in  feiner  einzelnen  £>anblung  mirfltdj  er* 
febeinen  fann.  Sßirb  nun  aber  bierau§  metter  gefolgert,  roeil 
bann  borf)  ba$  eine  Cmbe  bureb  ba&  anbere  muffe  bebingt  fein, 
bie  Saufe  aber  n>ijt  fönne  bebingt  fein  bureb  bte  SSieber* 
geburt;  —  tnbem  bie$  roeil  bie  SSiebergeburt  nur  an  ber 
Sßirfticbfeit  be§  neuen  Seben§  erfannt  werben  fönne,  eine 
SBirffamfett  in  ber  ®ircbe  t>orau3iese  bor  bem  aufgenommen* 
fein  in  biefelbe,  roelcbeS  ungereimt  fei,  —  fo  muffe  im  ©egen* 
tbeil  bie  SBiebergeburt  bebingt  fein  bureb  bie  Saufe ;  unb  roie 
bie  trüberen  ber  SSiebergebttrt  Oorarbeitenben  guftänbe 
be§  ©inselnen  bureb  frübere  Sbätigfeiten  ber  ®ircbe  berbor* 
gebraut  mären,  fo  fei  aueb  bie  SSiebergeburt  felbft  nur  ber* 


1  @o  fteHt  flc|  ba%  SScrbältniB  biefer  Stnfidjt  m  Äirdje  bar  in  ber 
flaffifdjen  (Stelle  bei  Rob.  Barclay  Apol.  Th.  XII.  p.  269.  Ea  hac 
in  re  sicut  in  plerisque  aliis  inter  nos  et  adversarios  stat  differentia, 
qnod  frequenter  nedum  fonnam  et  umbram  substantiae  et  virtuti 
praeponunt,  sed  umbram  saepe  opposite  ad  substantiam  stabiliunt. 


310  ®er  d)riftlld)e  ©laube.  3»eiter  2#etl. 

t>or$ubringen  burd)  bie  le^te  Sljätigfeit  ber  SHrdje  in  biefer 
<ttetb,e  nämlid?  burdi)  bie  Saufe:  fo  ift  au<$  tiefet  roaljr  unb 
richtig,  tuenn  e§  in  einem  rein  getfttgen  Smn  genommen  unb 
aud)  bei  ber  Saufe  a(§  ledern  (£nbe  jener  9^eif)e  nur  auf  ba§ 
innere  an  einen  bestimmten  Moment  nicr)t  gebunbene  gelegen 
mirb,  nämlich  auf  bie  Neigung  ber  ®irdje  fid)  gu  berbreiten, 
meldje  nur  burd)  bie  Sötebergeburt  neuer  ©lieber  $um  Qkl 
gelangt.  Sfteljmen  mir  nun  nod)  baju  bafj  au<$  bem  eignen 
23eroufjtfein  bie  innere  Sljatfad)e  ber  SSiebergeburt  nidjt  eljer 
auf  jeitlidie  SSeife  §ur  böftigen  ©eroifiljeit  fommt  al§  burdj 
bie  fortfdjrettenbe  Heiligung,1  unb  ba%  eZ  eine  3eitlang  immer 
mieber  gefäljrbet  merben  fann  burd)  aUe§  roa§  bie  Heiligung  untere 
bridjt  unb  fjemmt:  fo  mujj  aud)  in  biefer  Söe^iebung  juge^ 
geben  merben,  bafe  atterbingg  bie  Sßtebergeburt  al§  inneres 
Söefistbum  bebtngt  ift  burd)  bie  Saufe.  $)emt  nun  fann  fidj 
ba&  berfönlidje  ©elbftberoufjtfein,  menn  e§  unfidjer  Ijin  unb 
Ijer  fd)manft,  an  bem  in  ber  Saufe  ausgekrochenen  unb  burd) 
ba$  <&ebet  im  tarnen  ©fjrifti  geheiligten  ©ememberoufjtfein 
ftärfen  unb  befestigen.2  gatid)  aber  mirb  biefelbe  Sßebauptung, 
menn  fte  äeitlid)  genommen  unb  auf  bie  äufeere  £mnblung 
belogen  merben  foH,  unb  nod)  meljr  menn  man  ftdj  biefe§  ju= 
gletct)  bon  ben  Slftotiben,  bie  bahei  jum  ©runbe  liegen  foHen, 
unb  bon  beren  borgängiger  Söirfung  getrennt  benft.  $)enn 
al§bann  fommt  bie  ungeheure  Söeljauptung  f)erau§,  bafj  ©ott 
notfjroenbig  benjenigen  rechtfertigen  muffe,  bem  bie  ®irdje  bie 
Saufe  angebeifjen  läfjt,  mie  menig  aud)  biefe§  in  feinem 
inneren  guftanbe  möge  gegrünbet  fein,  ©oldje  an  baS 
magtfd)e  ftreifenbe  ba^er  tabeln§mertf)e  unb  gefährliche  Ber* 
unftaitungen ,  gegen  meldje  öoräüglt$  bie  borljtn  angeführten 
nadj  ber  entgegengefesten  <&eite  Ijin  einfeitigen  Behauptungen 
gerietet  finb,  fönnen  mir  bod)  audj  nid)t  für  fd)led)tfjin  un* 
djriftlid)  erflären ,  infofern  al3  biefe  ber  $irdje  §ugefd)riebene 
ffia<$)t  bod)  immer  auf  (Hjriftum  surüffgefüfjrt,  unb  alSgmdjt 
ber  Saufe  aud)  ni<$t  blofj  bie  ©rlaffung  ber  (Sünbe  fonbem 
audj  bie  lebenbige  Bereinigung  mit  (Sfirifto  bargeftettt  mirb. 
—  2öa§  nun  smifdjen  biefen  fünften  al£  fird)lid)e  Sefjre  mit 
bem  nötigen  freien  Spielraum  feftgeftettt  merben  fann,  mirb 
in  ben  folgenben  ©äsen  entroiffelt. 


1  S89I.  §.  108,  3. 

2  Ita  baptismus  intuendus  est  et  nobis  fruetuosus  faciendus,  ut 
in  boc  freti  corroboremur  et  confirmemur ,  quotios  peccatis  aut 
comeientiä  gravamur.     Luth.  Catecb.  maj. 


3toeiter  Stfifdjnitt.  Son  ber  33efdi Offenheit  ber  SBeltic  31 1 

§.  137.  ©rfter  Sefyrfag.  ®ie  nad?  ber  (gmfejung 
grifft  erteilte  £aufe  »erteilt  bem  Bürgerrecht  in  ber 
^riftliä;en  $ird?e  §ugiei<$  bte  ©eligfeit  in  Be^ug  auf  bie 
göttliche  (3nat)t  in  ber  Sötebergeburt. 

Conf.  Aug.  IX.  De  baptismo  docent  quod  sit  necessarius  ad 
salutem,  quodque  per  baptismum  offeratur  gratia  dei.  —  Art. 
Smalc.  V.  Baptismus  nihil  est  aliud  quam  verbum  dei  cum 
mersione  in  aquam  secundum  ipsius  instutionem  et  mandatum  .  . 
Quare  non  sentimus  cum  Thoma  qui  dicit  deum  spiritualem 
virtutem  aquae  contulisse  .  .  quae  peccatum  per  aquam  abluat. 
Non  etiam  facimus  cum  Scoto,  qui  docet  baptismo  ablui 
peccatum  .  .  et  hanc  ablutionem  fieri  tantum  per  Dei  volun- 
tatem,  et  minime  per  verbum  et  aquam.  —  Conf.  Saxon. 
Ego  baptizo  te,  id  est  ego  testificor  hac  mersione  te  ablui  a 
peccatis  et  recipi  iam  a  vero  deo  .  .  quem  agnoscis  .  .  et 
certo  statuis  tibi  tribui  beneficia,  quae  in  evangelio  promisit, 
te  esse  membrum  ecclesiae  dei.  —  Luth.  Catech.  maj. 
Sola  fides  personam  dignam  facit,  ut  hanc  salutarem  et  divi- 
nam  aquam  utiliter  suscipiat.  .  .  Eo  enim  quod  te  aqua  per- 
fundi  sinis  baptismum  nondum  percepisti  aut  servasti  ut  inde 
aliquod  emolumenti  ad  te  redeat.  .  .  Deinde  hoc  quoque  dici- 
mus  non  summam  vim  in  hoc  sitam  esse ,  num  ille  qui  bapti- 
zetur  credat  necne;   per   hoc   enim    baptismo    nihil  detrahitur. 

—  Expos,  simpl.  XIX.  p.  68.  In  baptismo  enim  signum 
est  elementum  aquae,  ablutioque  illa  visibilis  quae  fit  per 
ministrum.  Res  autem  significata  est  regeneratio  vel  ablutio 
«  peccatis.  —  p.  71.  Baptizari  in  nomine  Christi  est  inscribi 
initiari  et  recipi  .  .  in  haereditatem  filiorum  Dei  .  .  et 
donari  varia  dei  gratia  ad  vitam  novam.  —  Conf.  Gallic. 
XXXV.  p.  123.  Baptismus  nobis  testificandae  nostrae 
adoptioni  datus,  quoniam  in  eo  inserimur  Christi  corpori,  ut 
eins  sanguine  abluti,  simul  etiam  ipsius  spiritu  . .  renovemur.  .  . 

—  Conf.  Belg.  XXXIV.  p.  192.  Mandavit  ut  omnes  qui 
sui  sunt  .  .  baptizentur,  ut  eo  significet,  quod  sicuti  aqua  in 
nos  infusa  .  .  sordes  abluit,  sie  et  sanguis  Christi  per  Spir.  ». 
idem  praestat  interne  in  anima,  adspergens  eam  et  a  peccatis 
suis  vult  mundans ,  nosque  ex  filiis  irae  in  filios  dei  regene- 
rans.  —  Colloq.  Lips.  p.  400.  O6tool  bte  ©nabe  ©otte§  burd) 
btc  Saufe  ttidjt  ex  opere  operato  .  .  tote  aitd)  nic&t  burd)  ble 
ölofse  äußere  3lbtoafd)ung  bie  ©eltgfeit  wtrfe:  fo  gefdjeöe  e§  bodj 
traft  be§  SBorteS  ber  Sinfesung  unb  SBerfjeifeung  bermlttelft  ber 
Saufe. 

1.  $n  ben  Steuerungen  beiber  proteftantifdjen  ®irdjen= 
$emeinfcf)aften  ift  ein  gehriffeS  ©cfjroanfen  unöerfennbar ,  fo 
baD  toenn  man  bte  öerfdjiebenen  ©teilen  fcergtetdjt,  e§  nidjt 
leicht  ift  su  entfdieiben,  ob  in  ber  £aufe  etraa§  oon  ber  einen 


812  SJDcr  djriftttdje  GHaube.  8tt>eiter  Sfjeil. 

©ette  gegeben  unb  mitgeteilt  toirb  unb  bon  ber  anbern  ©eite 
ertuorben,  ober  nur  ettua§  augebeutet  unb  bezeugt  ober  an« 
geboten  nnrb.  gnbem  nun  unfer  <Saj  biefe§  ©tfjmanfen 
nidjt  tfjeilt,  unb  ftd)  bahei  auf  bie  ber  Saufe  am  meiften  ju* 
ftfjreibenbe  (Seite  ftellt:  fo  roirb  e§  je  größer  bie  Sßirfung  ift, 
toeldje  ber  Saufe  betgelegt  nnrb,  um  befto  mistiger  genau 
5U  beftimmen,  roa§  §u  ber  Gnnfesung  (Efmfri,  an  meiere  biefe 
SBirfung  gefnübft  ift,  gehöre.  SBenn  ftd)  nun  biebei  suerft 
unterf$eiben  läfet,  bie  £>anblung  felbft  unb  bte  Meinung,  in 
melier  fte  berridjtet  tuirb :  fo  ift  bie.  erftere  für  fi$  atiein 
nur  bie  äufeere  ©eite  ber  Saufe,  bie  ledere  hingegen  bie 
innere;  unb  ba  nun  aueb  bie  angegebene  Söirfung  eitva§  rein 
geiftige§  unb  innerlidjeS  ift,  fo  liegt  fd)on  hierin,  bafj  burdj 
bie  äufjere  ipanblung  für  fiel)  allein  jene  Sßirfung  ntebt  fann 
§erborgebrad)t  tuerben,  fonbern  ber  gufammenljang  §raifd)en 
beiben  nur  bermiitelt  fein  fann  bureb  bie  sunt  ©runbe 
Itegenbe  Meinung.  SDiefe  nun  ift  na$  ben  SBorten  (£briftf 
felbft,1  unb  ber  urfbrünglidjen  51u§legung,  meiere  feine 
jünger  burdj  bie  Sljat  babon  gemacht  baben,2  bie  Slufnaljme 
in  bie  ($emetnfd}aft  ber  jünger;  benn  nur  in  biefer  ©entern* 
fdjaft  finbet  ftd)  ba$  bon  ber  (Erregung  be§  ©laubenS  ober 
bem  „$u  Jüngern  machen"  unterfebiebene  „föaltenlebren"  aHe& 
beffen,  roa§  ©jjrifiuS  befohlen  r)at.  Sftur  Ijängt  bie  Sßirffam* 
feit  ber  ^»anblung  ntdjt  babon  ab,  bafj  biefe  Slbftdjt  rein  unb 
;  unbermifc^t  ober  ba%  fte  überhaupt  jebe§mal  mit  beftimmtem 
Söehntfjtfein  in  bemjenigen  borljanben  fei,  melier  bie  Saufe 
berriebtet. 8  S)enn  bit  föanblung  ift  nidjt  bie  irgenb  eine£ 
©tnsehten,  fonbern  ber  (Sinsetne  berrictjtet  fte  nur  bermöge 
ber  SBottmüdEjt,  meiere  er  basu  bon  ber  ®ir$e  erhalten  bat, 
unb  alfo  515  eine  £anblung  ber  ®ird>e.  £)ie  Meinung  ber 
®irdje  aber  fann  bei  Gnrtbeilung  biefer  Sßollmadjt  nur  ieue 
richtige  unb  toabre  gemefen  fein.  Um  biefer  SBoraugfesung 
nullen  fteljt  be§Ijalb  audt)  für  alle  Briten,  in  benen  bie  ®ird)e 
in  eine  Sftebrbeit  relatib  entgegengefester  (SJemehtf haften  ge* 
trennt  ift,  allgemein  feft:  ba%  bie  Saufe,  roeldje  eine  bon 
ibnen  berrid)ten  läfjt,  mtf)t  nur  für  biefe  felbft  gültig  ift,  foii* 
bern  für  alle  inSgefammt,  toeil  fie  alle  bie  Slbftdjt  ba&en, 
burdj  bie  Saufe  in  bie  c&riftiidje  ®ird)e  aufsunebmen.    So 


1  SKatt^.  28,  19.  20.  *  Slp.  ©efä.  2,  41.  47. 

•jRftmli^  herauf  ift  nodj  ber  ßanon   anautoenben:  Licet  uti  sacra- 
xnentis    quae     per     malos     administrantur.       Conf.    Aug.    VII.     unb 

onbertoöTts. 


3toeüer  Sttfänttt.  SSon  bei  Söeföaffenljeit  ber  «Seit  jc  313 

gefegt,  eine  ober  bie  anbere  fügte  ber  föanblung  ettuaS  bin^u, 
toaä  eine  befonbere  SBejieljung  auf  irjre  $artfjei  enthielte:  fo 
mürben  bk  anberen  biefen  immer  nicbt  fachgemäßen  Bufaj 
Stuar  tool  berichtigen  ober  für  nichtig  erflären,  bie  (Sültigfeit 
ber  ganzen  £anblung  aber,  fo  nur  bk  (£infe§ung  barin  un* 
angefochten  geblieben  ift,  be^alb  nid)t  anfechten.  Unb  bie§ 
erftrefft  ftct)  mit  Sftedjt  aud)  auf  bäretücbe  Sßartfjeien;  benn 
fte  felbft  galten  ftct)  für  bie  toabren  Triften  unb  ibre  Slbftdjt 
bleibt  immer  in  bk  (£tjriftenbett  auf§unet)men ;  beabftcbttgen 
fte  nun  babei  freilict)  gugtetcb  aucb  bie  gortpftanjung  ifcrer 
^ejerei:  fo  braucht  bie  rechtgläubige  SHrcbe  nur  biefer  in 
ibren  (getauften  fräfttg  entgegen  ju  arbeiten,  obne  baß  fte 
be§balb  bie  urforüngltdje  gemeinfame  cbrifilicbe  ®runblegung. 
meberjureißen  brauste.  —  28a§  nun  bie  £anblung  felbft  be* 
trifft,  fo  ift  au§  ben  Beitreibungen  berfelben  in  ben  ange* 
führten  ©teilen  nur  borsüglid)  §u  berüffftcbttgen,  ba%  nicbt 
nur  ba$  SSaffer  an  unb  für  ft#  abgelesen  Oon  ber  £>anblung 
gar  nicbt  in  Betraft  fommt,  fonbern  aucb  bk  äußere  £anb* 
lung,  gleicböiel  ob  gängige  ober  tbeilmeife  Untertaudiung  — 
eine  Oon  ber  lederen  Ort  aber  ift  jebe  Ueberfdjüttung  ober 
aucb  nur  Söefrrengung  mit  SSaffer  —  in  feiner  $erbinbung 
mit  ber  3lbftd)t  ftebt,  al§  nur  burd)  ba§>  ^insurc-mmen  be§ 
göttlichen  2Borte§,  unb  obne  biefeS  alfo  unüoüftänbig  märe. 
§>o  einleucbtenb  aber  biefeS  aud)  ift,  fo  menig  möchten  mir 
bamit  ä^gleic^  behaupten,  ba%  burd)  bie  ©tnfejung  (Sfirifti 
ba$  5lu§fprecben  beftimmter  SBorte  mäbrenb  ber  äußeren 
Jpanblung  geboten,  unb  alfo  eine  Saufe  otjne  biefe  überall 
unb  immer  gleichmäßig  auSsufaredjenben  Sßorte  ungültig  feu 
@onbern  §u  ber  föanblung  fott  nur  ijinsufommen  bie  Sßer* 
gegenmärtigung  beSjenigen  göttlichen  2Borte§,  morauf  bie 
3üngerfd)aft  beruht,  meines  benn  freilieb  ift  baä  SBort  oom 
$ater,  <Sot)n  unb  ®eift;  unb  burd)  bie  Berufung  auf  bieie§ 
23ort  als  für  ben  Saufenben  unb  ben  Säufimg  Oon  gleich 
beiliger  SSebeutung  foH  bie  Saufe  itjre  böbere  Bebeutung  er* 
galten,  inbem  fte  bk  5Xbftct>t  ber  ®ircbe  unb  ben  mit  itjr 
übereinftimmenben  Sßunfcb  be§  Täuflings  auSbrüfft.  Bon  bem 
2lu§ij)redjen  ber  übiidjen  gormel  fann  man  nur  reben  al£' 
Oon  einer  uralten  firdjltcben  Ueb erlief erung;  al§  allgemeine 
SRegel  aber  ift  nur  bteie  auSsuforedjen,  ba%  roie  Sfcber  bk 
Saufe  nur  oermöge  einer  ftrcrjlicrjert  Bottmadjt  oerriebtet,  er 
fie  au<$  fo  berridjten  foE  mie  e§  biefer  gemäß  ift.  SDatjer 
!ann  e§  aud)  ni$t  riebtig  fein,  bie  ©ülttgfeit  ber  Saufe  Oon 
netfebiebenen  9teltgion§partbeien  baOon  abhängig  §u  macben, 


314  Ter  cfiriftlitfje  ©raube.  Stoetter  S^ell. 

ob  fte  nichts  an  biefer  gönnet  änbern,  al§  märe  btefe  ba§ 
©ubfiantiate  ber  Saufe.1  S>enn  eine  folebe  gorberung  brächte 
un§  oert)ife  in  gnnefbalt  mit  ber  Saufe  ber  jünger  Gbriftt 
mabrenb  feine§  Gebens,  inbem  fte  bamat§  nict)t  fönnen  auf  ben 
b.  ®eift  getauft  Ijaben.*  $a  audj  ob  bk  9lj>ofie(  bernad)  bom 
^fingfttage  ab  biefe  gormel  ausgebrochen  unb  in  ber  5ln* 
meifung  ©tjrifti  ba§  ($5ebot  eines  folgen  2lnfbre<$en§  gefunben 
Imben,  mirb  rool  nie  fönnen  ausgemacht  roerben.  SBie  man 
alfo  bon  borau§gefesten  ^cotbffttten ,  fo  roie  fie  nie  eintreten 
fönnen,  Sßeranlaffung  genommen  fjat  §u  fragen,  ob  in  einem 
folgen  ntd)t  ba$  SSaffer  burdj  etma§  anbereS  erfejt  merben 
fönne:  fo  fönnte  man  aud)  fragen,  roenn  man  bodj  in  ben 
gatt  fommen  fann,  ba%  bk  SSorte  für  ben  Täufling  muffen 
burdj  Beiden  erfejt  merben,  ob  jmar  Beiden,  bie  bodj  nietjt  bk 
Söorte  fetbft  miebergeben  fonbern  nur  ben  Sinn,  gültig  fein 
foHen,  anbere  ausgekrochene  SSorte  aber  bon  bemfelben  (Sinn 
nid)t.  $)a§  aber  ift  bti  meitem  ba$  mefentlidjere  in  biefer  bie 
Saufe  mit  conftituirenben  Söejieljung  auf  ba$  göttliche  SBort, 
bafe  eben  biefeS  SBort  bem  Täufling  befannt  unb  bon  bem= 
felben  anerfannt  fein  mufe.  S)emt  ba§  liegt  offenbar  barin, 
bafj  ba$  sunt  jünger  machen,  metdje§  nur  burdj  bk  ®raft 
be§  2öorte§  gefcbefjen  fann,  bem  Saufen  borangefteüt  mürbe; 
benn  bie§  finben  mir  au<$  in  ber  £>anblung§roeife  ber  Sfyoftel, 
fomeit  unfere  -ftadpdjten  geljen,  überall  beobachtet.  2Sie  ftdj 
benn  aud)  otjne  btefeS  bk  Söotfftänbigfeit  ber  ^anblung  ntdjt 
benfen  läfjt.  3)emt  mie  bk  ®ird)e  nur  burdj  ba§  £inäu= 
fommen  beS  SBorteS  %u  ber  äußeren  Verrichtung  iljre  2lbftd)t 
auSjpridjt,  fo  fprtd)t  audj  ber  Häufung  nur  baburdj,  ba% 
er  fidj  biefeS  SBort  aneignet,  feine  Buftimmung  ^u  biefer  21b* 
ftdjt  au§. 

2.  5lu§  bem,  ma§  Ijier  über  ba§  SSefen  ber  föanblung  ge* 
fagt  roorben,  befonberS  barau§,  bafj  baä  Söefemttnifj  be§  Sauf* 
Iing§  äu  bem  ber  ^anblung  jugeprigen  SSort  erforbert  mirb, 
folgt  fdjon  auf  ba§  beutüdjfte,  bafc  aud)  ber  (glaube  be§  SättflingS 
erforbert  mirb  fd)on  baju,  bafj  bk  ^anblung  mirflidj  ba.3  fei, 
al§  ma§  fte  gemeint  mirb.  2)ie§  liegt  aud)  fdjon  in  beiben 
5lu§fprüdjen  ©tjriftt  über  bie  Saufe.8  £)enn  menn  mir  un§ 
audj  in  bem  einen  baä  ju  Jüngern  machen  unb  Saufen  auf 
\>a$  innigfte  berbunben  benfen  motten:    fo  liegt  bodj  in  bem 


1  SSflI.  Gerhard  loc.  th.  IX.  p.  90. 
*  Soi).  4,  2.  bgt.  7,  39. 
SKatt^.  28,  19.  20.  unb  Warf.  16,  16. 


£toeiter  816  jdjnttt.  55on  ber  Söefd^affen^eit  ber  SBelt  jc.  3 1 5 

erften  eine  ^Bearbeitung,  meldte  burdj  ba§  anbete  nur  tbre 
^ottenbung  erlangen  fott,  unb  roetcrje  bon  Einfang  an  nur  eine 
$Innäf)erung  an  ben  ©lauben  [ein  fann,  unb  fte  betonte  audj 
in  ber  Saufe  no$  nicbt  ibre  SSottenbung,  menn  nicbt  ber  Sauf* 
lütg  fcbon  bereit  ift,  ftct>  m  bem  Söort  ber  Saufe  ju  befennen. 
(£ben  fo  fann  audj  ber  (glaube,  ben  (£briftu§  in  ber  anbera 
©teile  borangebn  läfet  bor  ber  Saufe,  nur  berfelbe  fein,  bon 
beut  mir  immer  reben.  $etru§  smar  fcbeint1  nur  bie  Söufce 
unb  nodj  nict)t  ben  (Stauben  bor  ber  Saufe  ju  berlangen; 
allein  e§  mar  bodj  bie  Söufje  in  Q3e§ug  auf  ben  3Irttr)etl,  ben 
fte  al§  SDcttglieber  be§  SSolfe§  an  ber  Sßermerfung  §brifti  ge* 
genommen  Ratten,  meiere  nur  unter  SSorau§fe§ung  einer  burä) 
Ißetri  Üfebe  in  i^nen  ju  dBtanbt  ge!ommenen  5lnerfennung 
(Sbrifti  unb  UebergangeS  auf  feine  (Seite  möglich  mar,  unb 
hierin  mufj  ber  glaube  fdjon  liegen.  Unb  mie  $etru§  biefe 
^lufforberung  an  baä  ©nbe  feiner  $rebigt  freut,  ift  er  alfo 
tmn  berfelben  S5orau§fesung  ausgegangen  mie  $auiu§,f  unb 
überseugt  gemefen,  bafj  in  fo  fielen  fte  e§  überhaupt  bermoctjte, 
feine  $rebigt  ben  ©lauben  fdjon  bemirft  babe.  2)em  gemäfj  ift 
audj  bon  ber  ®irdje,  mie  fte  immer  in  ber  Sßtebigt  begtiffen 
ift,  ju  benfen,  bafj  fte  ibre  ^rebigt  burd)  bie  Saufe  nidjt 
unterbrechen,  fonbem  befdjliefjen  merbe.  Stet  mirb  jmar  in 
ben  obigen  ©teilen  audj  auSgefagt,  ba%  bk  Saufe  bottftänbig 
unb  richtig  fei  audj  obue  ben  (glauben,  unb  bamit  ftimmt, 
bafc  audj  Slnbere  ben  ©tauben  aI3  eine  $rud)t  unb  gotge  ber 
Saufe  barfteüen ;  allein  gegen  beibeS  muffen  mir  Sßiberfpntd) 
einlegen.  SDenn  mirb  bie  Saufe  fd)led)t  empfangen,  menn  fte 
oljne  (Stauben  empfangen  mitb:  fo  ift  fte  aud)  nidjt  gut  ge= 
geben.  £>ie  Slnorbnung  felbft  meber  in  iljrem  Urfprung  al§ 
^infesung  (Sfjrifti  bttxafyttt  nodj  aud)  in  ibren  näheren  S5e= 
ftimmungen  al§  SInorbnung  ber®ird»e  berliert  baburd)  freiließ 
niebt  ba&  minbefte  bon  ibrem  Söertb,  aber  boeb  nur,  meil  bie 
®ird)e  nie  !ann  beftimmt  fjaben,  bafj  e§  gleichgültig  fei, 
(Staubige  p  taufen  ober  nod)  Ungläubige.  5lu§  bemfelben 
(Srunbe  aber  ift  bann  bie  Saufe  al§  £>anbtung  be§  (Sinaetnen 
nid)t  eine  foldje  gemefen,  bafj  bie  ®ird)e  ibr  beifatten  unb  fte 
ganj  für  bk  irrige  ertennen  fann,  unb  gehören  auf  jeben  gatt 
folebe  Saufbanbiungen  ju  ber  unbottfommenen  Sßermattung  ber 
®ird)e.  ©ott  aber  bamit  nur  beoormortet  merben,  bafj  e§ 
auetj  in  folgen  gälten  feiner  Sßieberljolung  ber  Saufe  bebürfe, 
fo  mufj  bie§  fdjärfer  au§gebrüfft  merben,  bamit  man  nidjt 


1  2tp.  ©efö.  2,  38.  "  3Wm.  10, 17. 


316  »er  Ariftlidje  Glaube.  3toetter  Sfjell. 

fdbeine  offenbare  Unbollfommenljeiten  ju  überfein.  $>ie  Saufe 
nämltdj  bleibt  nur  fo  lange  unttrirffam,  al§  fte  au  früb  erttjeilt 
morben  ift,  bt§  nämtid)  ba§  SSerf  ber  ^rebigt  boUbra^t  unb 
buxd)  biefelbe  ber  (glaube  ermefft  morben  ift.  (Sin  anbereS  ift 
e§  mit  ber  Söetjauptung,  bafe  ber  glaube  au§  ber  Saufe  al§ 
eine  gnidjt  berfelben  Ijerborgetje.1  ©ie  ftreitet  offenbar  gegen 
bte  ganje  apoftolifdje  $raji§  unb  gegen  ibie  ganae  ©rfabrung. 
ber  ®irdje  bei  ber  Vergrößerung  bur<$  Saufen  in  SDfaffe;  ja 
au<$  im  einzelnen,  roenn  übereilter  SSeife  ein  nodj  Ungläubiger 
getauft  morben  ift,  berläfjt  ftdj  bie  ®irctje  nid)t  auf  bie.  Saufe, 
fonbern  fest  bie  $rebigt  in  bem  ganzen  Sinn  be§  SBorteS 
fort,  unb  menn  fo  fpätertjin  ber  ©taube  entfielt,  mirb  fein 
einfacher  (Stjrift  bieg  ber  f<$ledjt  bermalteten  Saufe  auftreiben, 
fonbern  bem,  ma§  bie  $ir<$e  in  golge  ber  Saufe  getrau.  — 
SSon  einer  folgen  bottftänbigen  Saufe,  meiere  ben  ©tauben 
be§  SäuflingS  fdjon  in  ftd)  fd)Uefjt,  fagen  mir  nun  au§,  bafc 
fte  bie  (Seligfeit  bemirft,  aber  nur  mit  bem  $8ürgerred)t  in 
ber  ctjrtftlicben  ®ird)e,  ba§  Reifet  nur  in  fofern  buretj  fte 
bie  Slufna^me  in  bie  ©emeinferjaft  bottaogen  mirb.  ipiegegeit 
fönnte  man  fagen,  menn  bie  Saufe  ben  ©tauben  borauäfest, 
fo  gelje  aud)  bie  (Seligfeit  fd)on  ber  Saufe  boran,  inbem  mir 
felbft  ben  ©tauben  erflärt  tiaben  *  al§  bie  Aneignung  ber  23otf* 
fommenbeit  unb  ©eligfeit  (£§rtfti;  unb  bie  33eadjtung  biefeS 
(SinmurfS  ift  am  meiften  geeignet,  baä  ganje  ©actjbert)ättnif3 
in§  £id)t  ju  fe§en.  @r  gebt  nämtidj  surüff  auf  ba§  SBer&ältnife 
unfereS  5lbfcbnitt§  §u  bem  feiten  ^auptftüff  be§  borigen  2lb* 
fdmitt§.  2)er  ©taube  al§  guftanb  be3  (£inselnen  ift  iene  2ln* 
eignung,  aber  e§  giebt  fo  mie  eine  SSirtjamfeit  ber  angeeig* 
neten  $oEfommenf)eit  (Efjrifti  fo  au<$  einen  ©enufc  ber  an* 
geeigneten  ©eligfeit  (£t)rifti  nur  in  ber  ©emetnfe^aft  ber 
©laubigen;  in  meinem  ftcfc  bat)er  ber  ©laube  entmiffelt,  ber 
miß  audj  in  bieie  ©emeinfdjaft  eintreten.  3n  biefem  ©inne 
nun  mirb  aueb  bie  Saufe,  al§  bie  unmittelbare  Slufnabme  in 
bie  ©emeinfdmft  ber  ©laubigen,  bie  Sßerfiegelung  ber  gött- 
lieben  ©nabe  genannt,3  meil  burd)  fie  ber  mirfliebe  ©enufj 
berfelben  ftetjer  geftettt  mirb.  $)arum  fann  aueb  ^eber  foldje 
angelegen  merben  als  bie  Saufe  forbernb,   meiere  bann  bie 


1  ©.  Gerh.  loc.  IX.  p.  152,  too  ber  ©aa,  ba&  burd)  Mc  Saufe 
In  bem  ^erjen  be§  getauften  ber  ©laube  entaünbet  toerbe,  itoax  aufgeftetti 
ift,  ber  3uiamment)ang  atoijdjen  beibem  aber  aua)  nidjt  im  mütbeften  naa)s 
aettnefen. 

2  ©.  §.  108.  s  §eibelb.  Satetfj.  §fr.  69-72. 


gmeiter  8l6i<fjnitt.  SSon  ber  Seid)  äff  eitfjett  ber  SGßelt  :c.  317 

$irdje  geroätjrt,  tote  in  anbern  gälten  auc&  umgefetjrt  bie 
^irdje  fte  anbietet  unb  ber  gläubig  geroorbene  fie  annimmt. 
3n  bemfelben  (Sinne  nannten  mir  fte  audj  ben  fetter  ber  redj* 
ferttgenben  göttlichen  Sljätigfeit,  meil  nur  in  ber  (Semein* 
fdjaft  ber  (Einzelne  bie  Vergebung  ber  «Sünben,  meldte  mefent* 
lief)  burdj  bie  Sßirffamfeit  be§  neuen  (Sefammtleben§  bebingt 
ift,  unb  bte  ®inbf<iaft  (SotteB,  meiere  mefentlidj  buretj  baS 
Söürgerredjt  mit  ben  ^eiligen  bebingt  ift,  in  Veftz  nehmen 
fann.  2öi£C  man  nun  in  SBorten  trennen,  ma§  ber  (Sadje 
nadj  unzertrennlich  berbunben  ift:  fo  merben  mir  auf  ber 
einen  (Seite  jagen  fömten,  mo  ber  (Staube  ift,  ba  mufj  aud) 
bie  Söefebrung  gemefen  fein,  unb  mo  bie  ganze  Sßiebergeburt, 
ba  ift  aud)  bie  Rechtfertigung.  2lIfo  ift,  menn  ber  (Slaube 
fd)on  bor  ber  Saufe  ba  mar,  aud)  affe§  ma§  man  a!3  grudjt 
ber  Saufe  barzuftetten  pflegt,  fdjon  bortjer  ba  gemefen,  bie  Saufe 
bemirfe  alfo  eigentlich  nidjtS,  fonbern  fie  bezeuge  nur,  roa§ 
fdjon  bemirft  fei,  unb  beute  e§  an;  unb  fo  fann  ftdj  bemnadj 
ote  eine  klaffe  bon  ftnnbotifdjen  ©teilen  fo  au§brüffen,  ofcne 
bod)  ber  magren  ®raft  ber  Saufe  eigentlich  etmas  su  ent- 
ziehen. 5luf  ber  anbern  (Seite  fann  man  fagen,  ift  audj  ber 
(Staube  hei  ber  Saufe  nodj  nidjt  gemefen,  fo  roirb  er  bod) 
nid)t  nur  nad)  ber  Saufe,  fonbern  ba  biefe  ber  5lnfang  ber 
ganzen  Sfteilje  bon  Sljättgfetten  ift,  meiere  bie  ^iretje  auf  ben 
Getauften  richtet,  burdj  bie  Saufe  entfielen,  unb  alfo  fgeöt 
aller  3ufammenl)ang  be§  eignen  geiftigen  2eben§  mit  ber  $oi 
fommenfjeit  unb  (Seligfeit  ßljrifti  um  fo  meljr  bon  ber  Saufe 
au§,  at§  man  menn  man  ftdj  ben  z$att  backte,  ein  SSieber* 
geborener  bliebe  ungetauft  mithin  auc^  in  bie  djriftlidje  (Se* 
meinfdjaft  nidjt  aufgenommen,  boä)  mürbe  gefielen  muffen, 
bafe  ein  foldjer  an  ber  Söottfommerif) eit  unb  (Seligfeit  GPjrifti 
feinen  roatjren  5lrtttjeil  Ijaben  fönne  roeit  er  feinen  fy&tte  an 
ber  (Semeinfdjaftftiftenben  Sljätigfeit  (£fjrifti  nodj  audj  an  ber 
in  bem  (SefammtbemuMein  begrünbeten  (Seligfeit  beffelben. 
5ludj  biefe§  mürbe  aHerbing§  in  pljerm  (Srabe  ber  %aÜ  fein, 
menn  e§  fein  eigner  SSiUe  märe  aufjer  ber  (Semeinfd)aft  zu 
bleiben,  unb  in  geringerem  menn  er  nur  au§  Verfemen  ber 
$trdje  nodj  nietjt  getauft  märe  menngleid)  fd)onmiebergeboren; 
unb  fo  fann  bie  anbere  klaffe  unferer  ftjmbolifdjen  (Stellen 
t>en  ©tauben  unb  alle§  mag  bon  bemfelben  auSgeljt  ber  Saufe 
jufdjreiben  oljne  iljre  SBirffamfeit  irgenb  in  ba$  magifdje 
hinüber  zu  fjrielen.  2)enn  bie  9}ceimmg  ift  ntdjt  bafj  bie  äufeere 
Verrichtung  aud)  nur  ba$  minbefte  ex  opere  operato  mirfe 
meber  allein  nodj   in  SBerbinbung  mit  bem  SluSfpredjen  ge* 


818  2)er  djviftlic&e  ©loube.  Setter  £f)eU. 


roiffer  SSorte,  roelcbe§  bann  audj  nur  eine  äußere  Verrichtung 
märe,  fonbern  nur  in  Verbinbung  mit  bem  bie  Saufe  für  bie 
$trd)e  unb  mit  ber  ®ird)e  anorbnenben  unb  in  ber  ®ird&e 
feinem  ganzen  3ufammenfjange  nacf)  ununterbrochen  hrirffamen 
Sßort.  gnbem  nun  unfer  <Saj  bie  SBtrffamfeit  ber  Saufe  nur 
behauptet  in  Söejug  auf  bie  göttlidje  ®nabe  in  ber  SBieber* 
geburt,  bie  Joanblung  ber  ®irdje  alfo  berbinbet  mit  bem  ma§ 
in  ber  (Seele  be§  ©inaeinen  gefdjtebt,  nrirb  ba%  magifcbe  auf 
ba$  beftimmtefte  entfernt;  inbem  er  itjr  aber  al§  ©rtfjeilung 
be§  d^riftlicrjen  ^Bürgerrechts  eine  befeligenbe  SSirtfamfeit  be* 
ftimmt  beigelegt,  roirb  bie  Stnftct>t  bon  i&r  al§  einer  bloß 
äußerlichen  föanblung  befeitigt.  (So  ba§  unfer  ©aj  bie  Ver* 
mittlung  ift  für  beibe  5lrten  be§  frjmbolifcben  5lu§bru!f§,  bk 
ftdt>  fonft  gegenfeitig  be§  einen  unb  be§  anbem  jener  ÜXßiß* 
öerftänbniffe  befdjulbigen. 

3.  SHZan  fann  baber  aucb  fagen,  bafs  atte§,  ma§  bon  ber 
Söirffamfeit  ber  Saufe  gelehrt  nrirb,  boKfommen  flar  ift  fo* 
balb  eine  richtige  SBerttmltung  ber  Saufe  borau§ge|'est  hrirb; 
unb  bann  ift  audj  gar  feine  Veranlaffung  borljanben  roeber 
ir)r  magifc&e  SSirfungen  beizulegen  nod)  fie  su  einem  bloß 
äußerlichen  ©ebraudj  Ijerabäuroürbigen.  (Sonbern  nur  bie 
SSorau§fesung  einer  fdjledjten  SSermattung  regt  fcbroierige 
fragen  auf,  menn  man  nämltdj  bodj  (Sä^e  auffteüen  nritf, 
meiere  für  beibe  gäHe  gleichmäßig  gelten  foHen.'  ®ann  ftettt 
ber  eine  bk  offenbar  bie  äußere  (Seite  ifolirenbe  Dtegel  auf, 
ba%  bk  SBirfungen  ber  göttlichen  ©nabe  nidjt  foHen  abhängig 
gemalt  roerben  bon  einer  äußeren  ^anblung,1  ber  anbere 
bie  offenbar  ba&  magiferje  begünftigenbe,  ba^  irgenb  ein 
menfcrjücber  Buftanb  nietjt  bermöge  bie  göttlichen  Verheißungen 
meiere  auf  eine  äußere  ipanblung  gelegt  ftnb  unnrirffam  $u 
machen ;  *  beibe  oljne  gehörig  $n  bebenfen,  ba%  ®ott  nidjt  ein 
©ott  ber  Unorbnung  fein  hrill  in  ben  gemeinen,  ©aljer 
fommt  atte§  auf  eine  ridjtige  Siegel  ber  Vermaltung  an. 
SBenn  baljer  gegen  bk  £)onatiften  mit  fRect)t  gelehrt  nrirb, 
ba%  bie  ©ültigfeit  ber  Saufe  unabhängig  ift  bon  bem  ®e= 
mütb§suftanbe  beffen,  ber  bie  Saufe  boUjiefjt:  fo  fann  bodj 
baffelbe  nierjt  auf  biefelbe  SSeife  beraubtet  merben  bon  ber 
ipeilfamfeit  ber  Saufe.  3)enn  menn  ber  Saufenbe  für  bie 
^Beurteilung  be§  innern  3uftanbe§  be§  SäuflingS  fein  reine§ 


1  Zw  in  gl.  d.  ver.  rel.  p.  200.     Nam  hac  ratione  libertas  divini 
»piritus  alligata  esset,  qui  dividit  singulis  ut  vult. 

2  Catech.  Rom.  IL  de  bapt.  58. 


3toeiter  «bfönitt.  Eon  ber  Söefcejaffenfjeit  bergSeltic.  31fr 

Drgan  ber  ®irdje  ift,  fo  m^  bic  ©eüfamfeit  ber  Saufe  in 
iebem  gatt  berminbert  roerben.  ^ebe  fotdje  Saufe  aber  tft 
eine  SSerfünbigung ,  unb  ie  häufiger  fotcrje  borfommen,  befio 
unoottfommner  tft  bie  ®irdge.  3>aber  nun  suerft  bte  Drbnung 
bafj  oon  ben  Wienern  be§  SßorteS  im  engeren  (Sinne  nidjt 
nur  bie  Sßeftimmung ,  mann  getauft  toerben  fott,  ausgebt, 
fonbern  aud)  bie  Verrichtung  ibnen  obliegt;1  ba  ja  offenbar 
ber,  in  meinem  bie  Ueberjeugung  oon  bem  in  beut  Sauf- 
(Sanbibaten  bemirften  glauben  am  lebenbigften  fein  mufe,  aud) 
für  bie  Votfäiebung  ber  £anbtung  ba%  fräftigfte  Organ  ber 
®ird)e  fein  mirb.  (Sben  be§f)atb  mirb  aud)  ba§  Saufen  nicbi 
einem  Moment  er&öbter  Stimmung  anvertraut,  fonbern  nur 
in  ber  gorm  einer  oorbebadjten  £anblung  gu  oorljer  be* 
ftimmter  Seit  verrietet ;  tooöon  nur  befonbere  SSerpltniffe 
eine  2lu§nabme  begrünben  fönnen.  SDie  Ütegel,  an  meidje  fie 
fi<$  ju  binben  tjaben,  mirb  immer  bie  fein,  ba%  bie  SQoVL* 
äie^ung  ber  Saufe  muffe  bebingt  fein  burd)  ba§  TOtgefübt  ber 
®\x$t  —  benn  eine  eigentliche  ©rfenntntfj  finbet  tjier  j^mer* 
tid)  ftatt  oon  ben  (Sinmirfungen  be§  göttlichen  ®eifte§  auf  bie 
(Seele,  melden  gu  oertrauen  ift,  bafc  fie  ben  stauben  Ijeroor* 
bringen  —  unb  ba%,  mo  biefe§  nocfc  fefjlt,  lieber  bie  Beiden 
be§  ©laubenS  abruft  arten  ftnb. 

§.  138.  Stoeiter  Se^r f  a§.  $ie  ßinbertaufe ift  nur 
eine  roüftänbicje  Saufe,  roenn  man  ba&  nacb,  vollendetem 
Unterricht  ^insufommenbe  ©taubenäbefenntnifj  al$  ben 
legten  ba§u  nod?  gehörigen  2Ict  anfielt. 

Conf.  Aug.  IX.  docent  .  .  quod  pueri  sint  baptizandi,  qui  per 
baptismum  oblati  deo  recipiantur  in  gratiam  Dei.  Damnant 
Anabaptistas,  qui  improbant  baptismum  puerorum  et  affirmant 
pueros  sine  baptismo  salvos  fieri.  —  Art.  Smalc.  V.  .  . 
docemus  infantes  esse  baptizandos.  Pertinent  enim  ad  pro- 
missam redemtionem  per  Christum  factam;  et  ecclesia  debet 
illis  baptismum  et  promissionis  illius  annunciationem.  — 
Expos,  simpl.  XX.  p.  72.  Cur  non  per  sanctum  baptisma 
initiarentur ,  qui  sunt  peculium  et  in  ecclesia  Dei.  —  Confc 
G  all ic.  XXXV.  p.  123.  Praeterea  quamvis  baptismus  sit  fidei 
et  resipiscentiae  sacramentum,  tarnen  cum  una  cum  parentibua 
posteritatem  etiam  illorum  in  ecclesia  Deus  recenseat,  affir- 
mamus     infantes     sanctis     parentibus     natos     esse    ex    Christi 


1   Expos,   simpl.  XX.      Baptismus    autem    pertinet    ad    officia 
ecclesiastica. 


820  S)er  ^rlftlldje  ©taube.  3toeiter  £heil. 


auctoritate  baptizandos.  —  Conf.  Belg.  XXXIV.  .  «  quos 
(infantes)  baptizandos  et  foederis  signo  obsignandos  esse  cre- 
dimus.  Quin  etiam  revera  Christus  non  minus  sanguinem 
suum  profudit  ut  fidelium  infantes  quam  ut  adultos  ablueret, 
ideoque  signum  seu  sacramentum  ejus  quod  Christus  pro  eis 
praestitit,  suscipere  debent.  —  Decl.  Thorun.  p.  429.  .  .  . 
Quamvis  necessitatem  illam  adeo  absolutam  esse  non  statuamus, 
ut  quicunque  sine  baptismo  ex  hac  vita  excesserit  sive  infans 
sive  adultus  .  .  propterea  necessario  damnandus  sit. 

1.  SSir  fjaben  bisher  bie  Saufe  ganj  allgemein  beljanbelt 
oljne  ben  Unter[c§ieb  ätüi^en  ber  urfbrünglidjen  ©infeäung 
unb  ber  gegenwärtigen  faft  allgemeinen  3lu§übung  ber  djrift* 
liefen  ®tr<$e  audj  nur  in  ©rroägung  %u  bringen,  atterbing§ 
aber  mit  ber  Slbftdjt  bafj  bie  aufgehellten  ©öje  ntdjt  ettoa 
fottten  auf  bie  Saufe  ber  (Srtuacbfenen  befdjränft  merben, 
fonbern  für  iebe  Saufe  gelten ,  bie  eine  äd)t  djriftlidje  Saufe 
fein  miic.  SSSenn  mir  batjer  ben  beginnenben  glauben 
roenigftenS  unb  in  33ejug  auf  unfere  früheren  ©öje x  al)'o  notfc 
roenbig  audj  bie  Söufce  im  borauS  forberten,  unb  §iemit  bte 
un§  be!annte  apoftolüdje  $raji§  burdjauS  übereinftimmt,  ba 
alle  ©puren  bon  SHnbertaufe,  bie  man  im  neuen  Seftament 
%at  finben  motten,  erft  muffen  hineingetragen  merben:  fo  ift 
e§  bei  bem  fanget  beftimmter  sftac&rtdjten  fdjmierig  §u  er- 
Hören,  roie  biefe  5lbroeiä)ung  bon  ber  urfbrünglidjen  ^nftttution 
bat  entfielen  unb  fttf)  in  folgern  Umfange  feftfe^en  fönnen. 
<£§  mödjte  audj  fdjroerlidj  ©in  au§reid)enber  ®runb  ju  finben 
fein,  aber  mo(  biete  meldte  aufa^mengenommen  baS  djriftltc&e 
<$5efübl  bafür  geminnen  fonnten.  Buerft  ba$  Verlangen  bie 
c&rifilidjen  ®mber,  meiere  bor  ber  Seit  be§  Unterrichts  ftarben, 
unter  biejenigen  §äljlen  au  fönnen,  meiere  in  bem  £>errn 
fterben.3  2)emnäc|ft  audj  um  bie  c^riftüd^e  gemeine  befto 
ftärfer  gegen  bie  Sftnber  djriftlidjer  Altern  ju  berbfttdjten, 
für  ben  gaü  bafj  biefe  felbft  nid)t  im  (&tanbe  fein  füllten  bie 
Sßerpflidjtung  ber  gemeine  ju  löfen;  enblidj  aud}  um  bie 
c^rtftltctjert  ®inber  bon  ber  iübifc&en  unb  beibnifdjen  ^ugenb 
äu  fonbern.  S)iefe§  motten  bon  bome  herein  bie  roirffamften 
3Jcotioe  fein.  5ll§  ftdj  aber  bie  (Stetoolmbeit  f$on  feftgeftettt 
fjatte  bie  ®inber  ber  empfangenen  Saufe  roegen  al§  nrirftidje 
SJcitglieber  ber  c&rtftlidjen  ®trd)e  an^ufe^en,  empfahl  e§  fieb 
at§   an  unb   für  fidj)   tröftiidj  in  bie) er  ftanblung  bie  fefte 


£te  bon  ber  SBtebergeburt  §.  107—109. 
1  Steffel.   1,  16. 


tftoeiter  Sfbjctjnttt.  »ort  ber  Seföaffentjeit  ber  2ßett  :c  321 

3uöerftd)t  au§aubrüffen,  baf?  e§  ben  bon  ctjriftlicrjen  ©Kern 
geborenen  SHnbern  an  ber  Bearbeitung  be§  göttlichen  ©eifteS 
nictjt  fehlen  fönne.  Unfere  fomboltfdjen  (Stellen  aber  betrauten 
bie  SHnbertaufe  abgefeiert  bon  allem  gefcrjic§tlict)en,  unb  unter* 
nehmen  fie  an  unb  für  ftdj  m  rechtfertigen,  aber  auf  un^u* 
reidjenbe  SBetfe  unb  au§  einanber  gegenfettig  auffjebenben 
©rünben.  ®enn  raenn  fie  fdjon  ein  ©igenftmm  ©otte§  ftnb, 
fo  bebürfen  fte  ber  Saufe  nietet  ba§u  um  (Sott  erft  bargeboten 
unb  bon  itjm  %vl  ©naben  aufgenommen  §u  roerbeu;  unb  um* 
gefe^rt,  bebürfen  fie  ber  Saufe  t}k%vi,  fo  fann  bie  Berechtigung 
fte  ibnen  ju  ertfjeiten  rttcrjt  barin  hegen,  bafj  fie  ©otteS 
©igentlmm  fct)on  ftnb.  ©ben  fo  beburfte  ba$  einer  befonberen 
Begrünbung,  bie  e§  nierjt  enthielt,  bafc  (Sott  bk  ^actsvommen 
fdjon  mit  ben  ©Itern  jur  S^irctje  rechnet,  unb  ba§  einer  be* 
fonberen  Befcrjröntitng ,  bk  e§  auä)  nictjt  erlangt,  bafj  man 
bk  ®inber  be^balb  taufen  folt,  meit  (SijrtfruS  fein  Blut  auefj 
für  fte  bergoffen  rjat.  2)enn  au§  bemfelben  ©runbe  müfete 
man  fonft  alte  Sftenfcrjen  taufen,  rote  man  itjrer  r)abf;aft 
merben  fann.  ÜOxufj  nun  bie  feljlenbe  Befcrjränfung  btefeS 
Sa^e§  boctj  auf  bie  befonberen  Berbältniffe  ber  Einher 
djriftticfcjer  (Altern  suruffgeljen,  unb  bie  bejonbere  Begrünbung 
be§  anbem  eben  barauf:  fo  erfctjetrtt  unfer  ©03  al§  bie  (Sr= 
gänjung  biefer  9Jcängel  unb  äugleicr)  aucl)  al§  bie  Bermitilimg 
ber  suerft  bemerften  äöiberfprüctje.  2>enn  inbem  er  bie 
SHnbertaufe  an  unb  für  fiel)  unoollftänbig  erflärt  im  ge* 
naueften  Bufammenbang  mit  bem  borigen  ©a^,  roeil  fte  näm* 
lidj,  orjne  bafj  Bu&e  unb  ©lauben  borljanben  fein  lann,  in 
benen  bk  getauft  merben,  berricljtet  roirb:  fo  giebt  er  auetj 
ftillfcliro  eigen  b  §u,  bafj  bie  SHnbcrtaufe  bie  SBirf'ungen  in  ben 
Täuflingen  niebt  fjerborbringen  fönne,  melctje  notljtoenbig 
buretj  Bufje  unb  ©tauben  bebingt  ftnb.  IXnb  eben  fo  roenig 
mie  mir  ben  SHnbern  bor  ber  Saufe  eine  Unfeligfeit  ju* 
fdjreiben  fönnen  megen  eine§  ftdj  gur  Dtae  geftaltenben  Be* 
rou£tfein§  ber  «Sünbe,  eben  fo  roenig  naefj  ber  Saufe  eine 
•Seligfeit  megen  ber  §um  Berou£tfein  fommenben  Shnbfcbaft 
(Sottet.  2)af)er  nun  bon  feinem  Bemei§,  bafj  audj  in  folgen 
®inbern  bureb  bie  Saufe  ber  ©laube  bemirft  merben  fönne, 
bie  D^ebe  $u  fein  braucht.  9^un  aber  roeifet  unfer  @a§  nactj, 
roarum  bemotmeracrjtet  eine  Beranlaffung  ift  eine  folctje  Saufe 
^u  berriditen,  meii  nämlicb  hti  folgen  ^htbern  eine  Urfacbe 
ift  auf  i^ren  fünftigen  ©tauben  unb  ba$  Befenntnifj  beffelben 
ju  rechnen.  Unb  bamit  ftet)t  aueb  in  Berbinbung,  in  miefern 
mir  fte  at§  bon  (&ott  jur  ®ircbe  gerechnet  betrachten  fönnen, 

«Sc&I.,  SljriW.föt  II.  .  -21 


322  2)er  djrtftltdje  glaube.  3roeiter  Sttjeil. 

roeil  e§  nömticrj  gur  Drbmmg  ber  ®trd)e  gehört  fte  al§  ben 
tmS  attnäcbft  angemiefenen  äußeren  ®ret§  in  3ufammenbang 
mit  bem  göttlichen  üESort  ju  bringen,  nnb  bi§  §ur  (Sntftelmng 
be§  ®lauben§  barin  ju  erhalten.  Unb  rjierau§  löfen  ftctj 
aucb  bie  Söiberfprücrje  iener  ©äje  auf  ba§  gelinbefte.  2)emt 
mir  motten  nur  nicfjt  jagen,  bafc  mir  bie  ®inber  taufen,  roetl 
fte  fd)on  in  ber  ®irdje  finb  unb  um  fte  ber  göttlichen  (SJnabe 
311  empfehlen,  fonbern  roeil  fte  berfelben  fcrjon  empfohlen  ftnb 
burd)  ben  natürlichen  gufammenbang  mit  ber  djriftlidjen 
Drbnung  in  meldten  05ott  fte  gefegt  Jjat,  unb  um  fte  in  bie 
®irtf)e  au  bringen ;  unb  beibe  Söejieljungen  roerben  tfjrer 
botlen  äßafjrljeit  nadj  baburctj  auSgebrüfft ,  ba%  mir  ber 
$inbertaufe  ba$  eigene  ©laubenSbefenntnifj  al§  Bielpunft 
öorftetlen,  metd)e§  fte  erreichen  unb  rooran  fte  ftd)  bemäbren 
muß.  Söogegen  gemiß  ift,  baß  roenn  man  bie§  nicrjt  gehörig 
beamtet,  biefe  fircfjltcrje  SßrayiS  fet)r  oiel  baju  beiträgt,  baß 
Einige  ber  Saufe  eine  magifdje  Sraft  beilegen,  unb  3lnbere 
fte  als  einen  lebiglidj  äußerlichen  ©ebraud)  gering  adjten. 

2.  Offenbar  alfo  ift  eine  foldje  Saufe  für  fiel)  allein 
sroar  eine  5lnfnüpfung  an  ba$  Dreier^  ($5otte§  für  ben  (Sinselnen, 
aber  rtictjt  fofort  gum  93eftj  unb  ®enuß  ber  ©eligfeit  fonbern 
nur  jur  orbnung§mäßtgen  oorbereitenben  Bearbeitung  be§ 
^eiligen  ®eifte§,  unb  alfo  iebe  [oldje  föanblung  für  ftdj  allein 
einer  Saufe  nad)  ber  urfprün glichen  ©infesung  GHjrifti,  fo  ba% 
ba$  eigene  ®laubeu3befenntniß  gleid)  in  bie  föanblung  mit 
eingefcrjloffen  ift,  feine§mege§  gteictiäufcrjä^ert.  ©ben  fo  menig 
aber  ift  bie  ^anblung  biefer  llnöoßftänbigfeit  megen  ungültig, 
al§  ob  fie  etma§  oerfefyrteS  märe;  unb  bie  SSiebertäuferifcrje 
Sebauptung,  ba%  an  ben  fo  (getauften  bit  Saufe  mieberfjolt 
merben  muffe,  rjat  mit  ütectjt  einfloß  erregt.  2)emt  au§  bem= 
felben  ®runbe  märe  feine  einzige  Saufe  fidler  al§  bie  nad) 
einer  getniß  rtictjt  löblichen  Söeife  in  ber  älteren  ®irdje  erft 
furj  oor  bem  (Snbe  be§  £eben§  öerricrjtete ;  meil  e§  nämlich 
fein  fieberet  3etd)en  ber  mirflicri  erfolgten  SSiebergeburt  giebt 
al§  ben  ftetigen  gortfdiritt  in  ber  cbriftliitjen  Heiligung,  ©te 
®inbertaufe  ift  alfo  jeber  anbern  Saufe  gleid),  meldte  irr* 
tbümltcb  bem  Oollfommnen  glauben  be§  Säuf(ing§  ooram= 
gegangen  ift,  bennod)  aber  gültig  ift,  nur  ba%  ifjre  eigentlnun- 
liebe  Söirffamfcit  fufoenbirt  bleibt,  bi§  ber  (getaufte  nun 
mirflieb  aucb  gläubig  geworben  ift.  9cur  muß  unfer  ®a§ 
ftet)  uoeb  barüber  rechtfertigen,  bafc  mir  im  einzelnen  folcfje 
unoolü'ommue  Saufen  ber  kiretje  jum  $ormurf  angereebnet 
baben,  bier  aber  motten  roir  fte  in  3Jcaffe  anorbnen.    SDtefe§ 


3toeiter  Stöfönttt.  SSon  ber  SBefc^affen^eit  ber  SScIt  :c.  323 

aber  tft  einer  bon  ben  gätten,  mo  bte  roiffenttic&e  ^HJtoetdjung 
gelinber  mu§  beurteilt  Herbert  at§  bte  imhriffentltdje.  $)enn 
bte  lejtere  ift  auf  ber  einen  (Seite  ieben  %aK$  eine  lieber- 
eilung  uttb  gtebt  auf  ber  anbern  ben  für  einen  gläubigen 
(Jbriften  ber  nodj)  feiner  ift;  bie  erftere  hingegen  ift  ein 
Statut,  unb  fonbert  bieimeijr  burdj  bie  Sßermeüung  auf  ba§ 
eigene  (SlaubenSbefemttmfj  bie  fo  getauften  befttmmt  bon 
ben  fdjon  gläubigen  Triften.  @§  ift  bafyer  ein  Unrecht  gegen 
bie  ®inbertattfe,  menn  man  bie  gimtelung,  bie  für  un§  nid}t§ 
anbere§  tft  al§  bie  Slblegung  unb  Slmtaljme  be§>  eigenen 
(55lauben§befenntniffe§,  als  ©rgänjung  be§  Mangels  ber  an 
ber  Saufe  r)aftete,  für  eine  unmei  entließe  föanbhmg  anfielt, 
ba  bodj  nur  mit  tljr  juiaminengenommen  bie  ^tnbertaufe  ber 
(Sinterung  (E&rrftt  entforic&t.  ®apev  mad)t  mit  fRectjt  unfer 
(Saj  e§  ber  ®tr#e  §ur  Sßfftdjt,  tnbem  er  bie§  mit  §ur  $er= 
maltung  ber  ^inbertaufe  rennet,  auf  biete  ^anblung  bie 
größte  2lufmerf[amf  eit  gu  menben,  bamit  fie,  fobiel  an  ber 
®irdje  felbft  liegt,  ftdj  al§  bie  matjre  unb  mürbige  $$oU~ 
enbung  ber  Smbertaufe  bemäfyre.  Stoff  elbe  Unrecht  entfielt 
aber  au<$,  menn  man  bie  girmelung  au§  biefem  3ufammen* 
bang  1}  erau§tj  ebt ,  unb  al§  ein  eigene^  ©acrament  barfteHt. 
3)emt  roa§  aud}  bon  beffen  anberm eiliger  Söebeutung  unb 
Nitren  §u  galten  [ein  möge,  fo  bleiht  bie  ®tnbertaufe  bann 
bod?  unbollftänbig  unb  unmirffam.  —  Nur  fönnen  mir  bie 
Notl^roenbigfeit  einer  fo  in  gmei  Momente  geseilten  Saufe 
nidjt  behaupten,  meid)e§  atterbingg  gef(ä)ie5t,  menn  man  bie 
Söiebertäufer  ober  Saufgefinnten  be§l)alb  berbammt,  roett  fie 
annehmen,  bajjj  ungetauft  berftorbene  ®inber  feiig  merben 
fönnen;  unb  mir  ftellen  un§  in  biefer  ipüiftdjt  unbebenflict) 
auf  bie  (Seite  ber  gule^t  angeführten  ftmtboltfd)en  (Stelle. 
Merbingg  trat,  fobalb  e§  bon  djriftltdjen  ©Itern  erzeugte  in 
ber  djrtftlidjen  ^irctje  au  ergietjenbe  Äinber  in  9ftaffe  gab, 
ein  58er§ültmfe  ein,  roa§  früher  rtictjt  ftattfanb;  unb  e§  er= 
fcr)etnt  ai§  f)ödt)ft  natürlich  bie\e$  burd)  eine  fmnbolildje  £anb- 
lung  §u  beseiteten,  um  fo  met)r  al§  überall  faft  folct)e  föanbs 
lungen  ftattfinben  um  anjubeuten  bafe  bie  Neugeborenen  nidjt 
tljren  (SUern  augidjliefjenb  angehören,  fonbern  gemeinfdjafts 
lict>  ber  ganzen  (35efeHfctjaft.  Unb  bann  mar  mcfctS  natürlicher 
al§  Ijieju  aud)  gleich  bie  Saufe  ju  mahlen.  SDafter  hätte 
man  feljr  füglich,  um  ber  (Sinterung  (£tjrifti  mieber  nätjer  gu 
treten,  bei  ber  Deformation  bie  SHnbertaufe  fahren  laffen 
fönnen,  unb  mir  tonnten  e§  nod)  jejt  t^un,  otjne  bafj  mir 
un§  be§t)alb  IoSgefagt  ptten  bon  ber  ©emeinfc^aft  mit  bev^ 


324  $er  clnijüidje  ©taube.  3toetter  Stjeil. 

tätigen  $ertobe,  in  ber  e§  nur  ®inbertaufe  gab,  menn  mir 
nur  ntdjt  bte  ®inbcrtaufe  für  ungültig  crflärtcn.  @6en  fo 
gut  fonnten  mir  tiefen  ®ebraud)  oerlaffen  otjne  unfern 
äinbern  üftadtfbeit  suaufügen.  SDenn  nur  menn  man  ber 
Saufe  eine  magifdje  ®raft  beilegt,  fann  man  annehmen,  ba| 
fie  in  Sße^ug  auf  ba%  ßeben  nad)  beut  Sobe  Sfafpriic&e  be= 
grünbe,  ofjne  TOffficbt  auf  ba§>  ma§  fie  in  biefem  Seben  fd)on 
bemirft  bat.  2öer  alfo  eine  folct)e  magifd)e  ®raft  nic^t  an^ 
nimmt,  ber  fann  aud)  feinen  llnterfd)ieb  annehmen  jmifcben 
®inbem,  meld)e  getauft  §mar  aber  bor  (Erneuerung  il)re§ 
£aufbunbe§  fterben,  unb  folgen  bte  gan§  ungetauft  bie 
3eitli(^feit  berlaffen.  <2)arum  aber  märe  e§  natürlich  bie§ 
jebem  ebangelifcben  £au§mefen  anbeim  su  ftetfen,  ob  e3  feine 
®inber  motte  nad)  ber  aemöljnlid)en  Söeife  ober  erft  hei  ber 
Slblegung  ibre§  ($51auben§befenntniffe§  sur  Saufe  barbieten; 
unb  mir  füllten  erflären,  bafj  mir  ba$  über  bie  SSiebertäufer 
|  au§gefprocbene  SSerbammunggurtfjeü,  ma§  biefen  $unft  be- 
trifft, aufgeben,  unb  unfrerfeit§  bereit  ftnb  mit  ben  heutigen 
Saufgeftnnten  bie  ftrcrjltd^e  ©emeini<$aft  fjerauftetten,  menn 
fie  nur  nid)t  unfere  aud)  ergänzte  ®iubertaufe  motten  für 
fdjlec&tljm  ungültig  erflären;  morüber  e§  mol  leidet  möglieb 
fein  müfete  fid)  §u  üerftänbigen. 

Viertes  ßeljrftüfl 
jßom  Slfecnbmaf)!. 

§.  139.  S)ie  ©Triften  erfahren  bei  bem  ©enufe  be£ 
Slbenbmafyte  eine  eigentümliche  ©tärfung  be£  getftigen 
£eben£,  inbem  ifynen  barin  nad)  ber  (ihtfegung  Sfyrijit  fein 
Seib  unb  fein  33Iut  bargereicfyt  toirb. 

1.  SSSeun  boc§  alle  unfere  Säge  nur  füllen  Slu§|agen 
unierc§  djriftlidjen  ©elbftbemufetfeinS  entbalten,  fo  muffen 
mir  fykbei  bon  ber  (Srfabrung  ausgeben,  meld)e  mir  bon  biefer 
$anbhmg  felbft  machen  unb,  sunt  23ett>eife  ba%  mir  fie  nid)t 
für  etma§  blofe  fcerföntidjeg  anfeben,  aud)  allen  ©laubigen  §u 
mad)en  äumutijcn;  unb  erft  bernnd)  fönnen  mir  meitcr  jurüff^ 
geben  auf  bie  grage  über  bie  erfte  (Sntftebung  biefer  (£r- 
falmmg.  9ta  foüiel  bon  bem  legten  bangt  gletd}  mit  bem 
erften  sufammeu,  bafj  bie  ßrfabrung  boeb  nict)t  mürbe  immer 
mteber  auf§  neue  mieberljolt  merben,  ober  menigften§  bie 
5lnfid)t  unb  $ebanbtung§meife  be§  ©egenftanbe§  ftdj  gang 
anbcr§  geftalten  mürbe,  menn  md)t  ein  Söcbürfnifj  üorbanben 


gtüetter  Slbftfmitt.  S?on  ber  öefäaffeitljett  ber  2SeIt  :c  325 

märe,  toetdje§  ft<$  barin  befrtebigt  finbet.  knüpfen  mir  nun 
an  unier  borige§  Se^rfrüff,  fo  mürbe  ber  ©egenftanb  be§ 
gegenwärtigen  etma§  toötttg  teere§,  Wenn  bie  mit  ber  richtig 
bermalteten  Saufe  beginnenbe  ©eltgfett  fo  gegeben  märe, 
ba%  fte  ftdj  burd)  ftct)  felbft  ungefdjroädjt  erhält  unb  §in= 
retdjenb  fortentmiffelt.  SBte  aber  bte  Stnatogte  affeS  Seben§ 
fdjmn  für  ba§  ©egenttjeil  fbricbt,  fo  liegt  au<$  nocb  befonber§ 
in  ber  unjertrennli^en  Bufammengeljörigfeit  be§  (Eintritts  in 
bie  Sebeu§gemeinf$aft  (£fjrifti  unb  be§  Eintritts  in  bie  ©e- 
meinfd)aft  ber  (gläubigen ,  bafj  iebe  bon  beiben  unterhalten 
merben  mufj  burä)  bie  anbere.  (£ben  barum  aber  erforbert 
bie  3Xrt  be§  3ufammenfeht§  ber  ®irdje  mit  ber  SBelt  unb  ba§> 
bemmenbe  ©inmirfen  ber  legten  auf  bie  erfte,  bafj  biefe 
beriobifd)  unterfingt  unb  geftärft  werbe,  unb  biefe§  ift  ba$ 
93ebürfnife  beffen  Söefriebigung  bie  ©laubigen  aucb  in  bem 
©aframent  be§  SlltarS  fuc&en.  SDenfen  mir  un§  nun  bie  ©e= 
meinfd)aft  ber  ©laubigen  unter  einanber  unb  bie  ©emeinfdjafi 
eine§  ieben  mit  (£§rtfto  borläufig  iebe  al§  etmag  befonbere* 
für  ftd}:  fo  mirb  bie  legte  gegen  bie  (Sinmirfungen  ber  SBelt 
geftärft  burd)  iebe§  fromme  ^nft^te^ren  be§  ©laubigen, 
mäfjrenb  beffen  er  ftd)  auf  ber  einen  (Seite  ben  ©inflüffen  ber 
SBelt  berf$lie§t,  unb  auf  ber  anbern  (Bette  ftdj  au§  ber 
(Schrift,  benn  e§  gefcbietjt  immer  au§  itjr,  fei  e§>  nun  mittelbar 
ober  unmittelbar,  (£t)riftum  bergegenmärtigt  £)ie  ©emein= 
f$aft  ber  ©laubigen  unter  einanber  aber  mirb  fdjon  geftärft 
burcb  iebe  fräftige  unb  erregenbe  ©rtoetfung  djrtftüdjer  £iebe 
auf  iebem  ©ebiet  be§  gemeinfamen  Sebeng.  9fam  aber  foß 
iebe  bon  biefen  beiben  ©emeinfdmften  au$  auf  bie  anbere 
mirfen,  unb  barum  tritt  mitten  inne  jmifctjen  bie  einfame 
^Betrachtung  unb  ba$  gemeinfame  tätige  Seben  ba§jenige 
©ebiet,  metdj)e§  mir  mit  bem  allgemeinen  Tanten  be§  öffent* 
liefen  ©otte§bienfte§  begetämen.  ®tefe§  ift  bon  ber  einen 
Seite  betrachtet  nidjtS  anbere§,  al§  ba§  gemeinfame  ßeben 
felbft,  melcf)e§  ftcr)  bon  ber  SBirffamf  eit  nact)  aufjen  auf  bie 
mittfjeilenbe  SDarftettung  be§  inneren  äurüttgiebt;  bon  ber 
anbern  Seite  angelegen  ift  e%  ntcrjt§  anbereS  al§  bie  SBe* 
trac^tung  felbft,  meldje  au§  ber  ©infamfett  fjerbortretenb  ftcb 
§ur  ©emeinfamfeit  ermeitert.  hierin  alfo  bereinigen  ftdj  beibe 
©emetnfd)aften ,  bie  ber  ©laubigen  unter  einanber  unb  bie 
eine§  Seben  mit  (£fjrtfto,  unb  barum  fdjeint  alle§,  ma§  bier 
gefd)ief)t,  feine  SBirfung  in  beiben  äußern  ju  muffen;  aber 
aud)  aHe§ ,  mag  bie  eine  auf  bie  anbere  mirfen  fann ,  fdjieini 
bon  btefem  ©ebiet  ausgeben  unb  burdj  baffelbe  burebgetjn  ju 


326  2)er  djriftlt^e  ©laube.  3wcttcr  Sijetl. 

muffen,  tiefem  bebtet  nun  gehört  aurf)  ba$  Slbenbmaljl  an ; 
rote  beim  (£l)riftu§  e§  oi§  eine  gemeinsame  £anblung,  unb 
roenn  sugleidj)  als  eine  SBergegenroärtigung  feiner  felbft,  fo 
micft  geroifc  al§  eine  ©tärfung  beiber  ©ememl'djaften  eingefest 
(jat,  unb  fo  audj  in  ber  ®ircbe  e§  immer  in  ben  SSerfamm- 
hingen  ber  (gemeine  begangen  roirb,  inbem  jebe  anbete  geier 
eine  $ht£>naljme  ift,  aber  bann  bo$  and)  augleidj  bie  oer= 
fammelte  (gemeine  oergegenroärttgen  foff.  —  SSenn  nun  aber 
jebet  (Sinselne  nur  burd)  ben  (glauben  an  ba$,  roa§  9lnbere 
al§  Üjre  ©rfaljrung  rühmen,  ba^u  fommen  fann  biefe  fe 
fafjrttng  aud}  felbft  ju  machen:  fo  füljrt  un§  bie§  in  einer 
ununterbrochenen  Üeberlieferung  auf  ben  Anfang  ber  ®trrf)e 
unb  auf  baä  $Jlaf)l  ielbft,  wie  e§  (£fjriftu§  mit  leinen  Jüngern 
fjtelt.  SSie  nun  Ijiebei  öon  jel)er  al§  ba%  roefentlidje  feft= 
gehalten  roorben  bit  £>arreicbung  feines  Seibe§  unb  23lute§, 
(£ljriftu§  aber  aurf)  anberroärtS  ben  (genufj  fetneS  gleifdje§ 
unb  93htte§  al§  notljroenbig  auffteUt  um  ba§  Seben  au  Ijaben: 
fo  ftnb  biefe§  beibeS  bie  £muptpunfte,  bte  suerft  gu  erörtern 
ftnb,  roie  ba%  2lbenbmal)t  al§  Darreichung  feines?  2tibt§  unb 
V-Ölttte£  ftct)  oerljalte  ju  jenem  rein  geiftigen  (gemtfe,  unb  roie 
e§  fictj  al§  Söeftanbtfjeil  be3  öffentlichen  (StotteSbienfieS  öon 
ben  anbern  Steilen  beffelben  unterfd)eibe. 

2.  Um  nun  hti  beut  legten  anzufangen,  fo  ift  rool  offenbar, 
ba$  bie  gange  (£(jriftent)eit  in  i&rer  öffentlichen  üefjre  unb 
Ausübung  ba§  Slbenbma^I  al§  ben  §ödjften  (gipfel  be§  offen  ts 
liefen  <gotte§btenfte§  bon  jeljer  betrautet  ^at.1  3)et  ®rei§ 
be§  gotte§bienftlicf)en  gufnmmentreteng  roürbe  un§  unooll^ 
ftänbig  erfc&einen,  roenn  nirf)t  an  beftimmten  fünften  unb 
ätuar  auf  ben  rjöctjfteit  unb  ^eiügften  am  meiften  —  ba$ 
Slbenbmaljl  al§  ba§  innigfte  SöinbungSmtttel  feinen  Dxt  Ijätte; 
unb  eben  fo  roürben  mir  e§,  möchten  e§  nun  (gingelne  fein 
ober  ganse  (gemetnben,  für  einen  franffjaften  3"ftanb  er- 
ftären,  roenn  fie  irgenb  einem  anbern  ©lement  be§  ®otte&= 
bienfteS  eine  größere  ®raft  sur  ©rljaltung  unb  (grpbung  bet 
<Settgfeit  beilegen  rooUten  at§  bem  9lbenbma$I.  Sfttbefe  fönnen 
roit  un§  Ijiemit  nierjt  begnügen,  fonbern  muffen  nacb  einem 
fpeeififetjen  Unterschieb  fragen  srotfeften  bem  roa§  in  ber  ®irdje 
roenn  auef)  au§  ber  rictjtigften  Beurteilung  be§  gemeinen 
9hiaen§  in  Uebung  gefommen  ift,  unb  bem  roa§  (£ljriftu§  auf 
folctje  SSeife  angeorbnet  Ijat ;  unb  biefer  fdjeint  in  folgenbem 
5U  liegen,     ^n  allen   anbern  gotteSbienftlidjen  SSerttdjtungen 


[.  Conf.  eccl.  Saxon.  p.  170.  seq. 


Stoeiter  Sibfdjnitt.  SSon  ber  Sefdjaffenfjeit  ber  SBelt  IC  327 

nämltdj  ift  jene  swiefactie  SBirfttng  auf  bie  ®emeinfd)aft  ber 
ß^riften  unter  einanber  unb  auf  bte  eine§  ^eben  mit  (St)rifto 
ungleich  unb  fie  erf  cremen  baß  er  einfeitig.  ^e  fräftiger  ein 
©inselner  berOortritt  unb  bte  Slnbern  an  fic^  5ter)t,  ober  \t 
ftärfer  eine  gern eirtf ante  Stimmung  ftdj  auSfprtdjt  unb  burd) 
bte  ätfittljeiiung  err)ör)t,  um  befto  mebr  Wirb  auf  ba§  gemein* 
fame  Seben  gewirft.  £)ie  SBirfung  aber  auf  bxt  (Stemeinfdjaft 
eine§  ^eben  mit  (Ebrifio  t)ängt  oon  ber  perfönücrjen  ©elbft* 
tljätigfett  ab,  mit  ber  ein  Seber  ba§  öffentlich  bargeftellte  unb 
auSgefprodjene  auf  fein  S5err)älrrtife  mit  (£brifto  besiegt  unb 
in  ftcrj  öerarbeitet.  ^ fingt  alfo  jebe  oon  etma§  anberm  ah, 
fo  fann  audj  bte  eine  ftarf  fein  wo  bte  anbere  fdjwacrj  ift. 
^m  2lbenbmat)l  hingegen  ftnb  beibe  Weber  §u  fct)etbert  nocrj 
5u  unterfct)eiben ;  e§  liegt  babet  nicbtS  einzelnes  unb  befonbereS 
äum  ®runbe,  Woburctj  bit  SBirfung  mebr  auf  bie  eine  ober 
bie  anbere  (Seite  gelenft  werben  tonnte,  unb  eben  fo  Wenig 
übt  Weber  ber  2lu3tljeilenbe  eine  perfönlicfcje  ©eWalt  au§  auf 
bie  (Sntpfangenben,  nod)  biefe  ieber  eine  befonbere  innere 
Selbfttbätigfeit.  SBtelmeljr  ift  e§  nur  bie  gange  erlöfenbe  Siebe 
(£{jrifti,  an  welche  Wir  babei  gewiesen  ftnb;  unb  wie  ber 
s2lu§trjeüenbe  nur  ba%  Organ  ber  ©mfeaung  (£brifti  ift,  fo 
befinben  ftdj  bk  ©mpfangenben  gleichmäßig  nur  in  bem  3u* 
ftanbe  ber  aufgefcrjloffenften  (SntyfänQlidjfett  für  bxt  (Sin* 
wirfungen  (£brifti.  We  SBirlung  geljt  alfo  obne  befonbereS 
3ut§un  irgenb  eine§  ©in^elnen  unmittelbar  unb  ungeteilt  Oon 
bem  SSorte  ber  (Sinfesung  au§,  in  welkem  fictj  bie  erlöfenbe 
unb  (£5emeinfcrjaftftiftenbe  Siebe  GPjrifti  nicrjt  nur  barfteHt 
fonbern  immer  auf§  neue  fräftig  regt ,  unb  im  Oertrauenben 
(Seborfam  gegen  welches?  bie  £>anblung  felbft  jebeSmat  Oott* 
sogen  wirb.  2)urd)  bief  e  ungeteilte  unb  au§fä)tießenbe  Xln* 
mittelbarfeit  alfo  unb  burct)  bie  bamit  sufammenbängenTe 
Unabljängigleit  feiner  SSirfung  Oon  wecbfelnben  perfönlicben 
Suftanben  unb  Sßertjältntffen  unterfcrjeibet  fictj  ba§>  3lbenbmabl 
oon  allen  anbern  QotteSbtenftltdjen  Elementen.  —  2Ba§  nun 
ba§  anbere  betrifft,  fo  ift  offenbar,  ba%  in  jener  Sftebe,1  Wo 
©fjrtftuS  ba%  (Sffen  feine§  gleifdjeS  unb  baä  £rinfen  feine§ 
*8tute§  al§  notbwenbig  empfiehlt,  er  Weber  ba§  5lbenbmabl; 
nod)  irgenb  eine  anbere  beftimmte  £>anblung  im  Sinne  ge* : 
fyabt  tjat,  fonbern  ba§  er  baburcb  überhaupt  be^eic^nen  Wollte, 
wosu  er  felbft  un§  Werben  unb  gebeten  muß,  unb  baß,  wenn 
wir  biefen  2(u§bruff  mit  bem  anbern   Dergleichen,  baß  wir 


1  30&.  6,  52—56. 


328  $er  djriitlidje  ©taube.  3»etter  X^eif. 

un§  3u  it)m  behalten  f offen  tote  bie  Uneben  sunt  gBemgpjg,1 
jroifrfjen  beiben  fein  anbetet  Untettdueb  ift,  at§  bau  ber 
leitete  mefir  bie  Stetiafeit  beffelben  SBerfjffltmffeS  beseidjnet, 
ber  erfte  mebr  bk  periobifcrje  ©tneuerung  beffelben.  (Sben  fo 
menig  nritb  jemnnb  smeifeln,  bafj  ftd)  bie  aud)  pertobtfct) 
mieberfefjrenbe  SGSitfung  be§  9lbenbmaljl§  burd)  benfelben 
8lu§btnff  beseiteten  faffe,  unb  jtoat  ntd)t  nur  bk,  meiere  e§ 
auf  bie  (Sfemetnfdjaft  eine§  Seben  mit  (S&rtfro  l)aben  foff,  als 
eine  ftcr>  mieberl)olenbe  ©rnäljtwtg  be§  eignen  geiftigen  Seben§ 
au§  ber  güffe  be§  feinigen,  fonbern  aud)  bie,  meldje  e§  auf 
unfere  ©emeinfdjaft  unter  einanber  äufjern  mufs.  3)enn  ba 
e§  eine  gleichzeitige  £mnblung  9#eljrerer  fft,  unb  in  OTen 
baffelbe  mirft,  fo  tjat  ^eber  in  bem  SBenwfctfeiu  ber  eigenen 
gorbetung  gugteictj  ba§>  SWttgefüljl  ba£  ben  Stnbetn  baffelbe 
begegnet;  unb  tnte  ^eber  raeife,  ba%  bie  Zubern  M  enger 
mit  (£brifto  öerbinben,  fo  füljlt  er  ftd)  eben  baburdj  aud) 
enger  mit  ibnen  berbunben.  Unb  bie§  ift  ntdjt  etma  ein 
au§fdjltefeenbe§  SSerrjältnife  ber  jebeSmaltgen  Slbenbma&fS* 
genoffen  §u  einanber,  fonbetn  Sebet  tefctdfentttt  ben  Zubern 
febon  oermöge  be§  obigen  bie  gange  (gemeine.  SSenn  aber 
jener  geiftige  ©enufe  be§  gletfdjeS  oljnftreitig  al§  et\m§  äff* 
gemeinere^  auf  mancherlei  SÖeife  ftattfinben  fann :  fo  unter- 
fct)eibet  fidj  ba§  Stöenbmaljl  Oon  ben  übrigen  baburdj,  ba% 
bahei  berfelbe  (Stfolg  gebunben  ift  an  biefe  beftimmte  burdj 
ba$  Sßort  Sbrifti  gefegnete  unb  geheiligte  £anblung. 
2)tefe§  nun  ift  an  unb  für  ftdj  ben  ©laubigen  rttcx}t§  un* 
begreifliche^  ober  einer  befonberen  (Srflä'rung  bebürftigeS,  um 
fo  meniger  al§  eS  in  ber  Analogie  mit  äffen  bebeutenben  ©e= 
bädjtnifjf  eiern  liegt;  unb  fo  fet)r  un§  audj  bie  äußere  (Seite 
ber  &anblung,  roie  fte  ift,  if)rer  mannigfaltigen  iöebeutfamfeit 
tnegen  antriebt,  eben  fo  leicht  merben  mir  aud)  pgefteben,  ba% 
tuetm  (£fjriftu§  für  gut  befunben  ljätte  feinem  ^nftitut  eine 
anbere  (Seftalt  ju  geben,  mir  bod)  benfelben  Erfolg  baoon 
ermatten  mürben,  unb  bafj  aud)  eine  batauf  t)inmeifenbe  S3e~ 
beutfantfeit  be§  äußeren  leicht  mürbe  &u  ermitteln  fein.  2>a§ 
unöerftänblidje  unb  je  naebbem  e§  erftärt  mirb,  mefjr  ober 
minber  unbegreifliche  liegt  alfo  nur  in  ben  2lu3brüffen,  burd) 
melcjoe  (£tjriftu§  bie  äufjere  föanblung  mit  jenem  ©rfolg  in 
SBcäietjung  fest. 

3.    Um  nun  biefe§  unter  ber  SSotauSfeäitng  meld)e  unfer 
©aj  ausbrütft,  bafj  nämlich  ber  (Srfolg  ber  föanbhmg  baoon 

Sofi.  15,  4    6 


3toeiter  Siöfdjniit.  SonbeiöeföaffenfjettberSSeltic.  32S 


abhänge,  bafj  bie  ipanblung  autf)  ber  Omifeaung  angemeffen 
fei,  fjernacrj  näger  erörtern  ju  tonnen,  muffen  mir  §uDor 
un§  barüber  Derftchtbigen ,  mag  ju  biefer  Slngemefferi&ett  ge* 
pre.  ®te  $erfcbiebenbeit  ber  2tbenbmaf)I§gebräuci)e  in  ber 
djrifiltdjen  Strebe,  oljne  bafj  bennod)  bte  Derf  ergebenen  $ar* 
tbeten  gegenfeitig  Don  einnnber  behaupteten,  iftr  2Ibenbma§l 
fei  feine§,  befunbet  fcrjon  rjtnlänglicr),  bafj  eine  Dollftänbige 
Uebereinfunft  herüber  nod)  nicrit  erhielt  ift.  ©g  läfjt  ftcö 
aber  auctj  leitet  nacbmeijen  bafj  eine  folctje  nictjt  möglich  ift 
(£§>  giebt  nämlich  foraot  in  SBesug  auf  bte  Jpanblung  al§  auf 
bie  Elemente  eine  materielle  unb  eine  formale  ©tnerletbeit, 
meiere  megen  ber  Deränberten  SebenSroeife  nidjt  äusletct) 
fonbern  nur  eine  auf  Unfoften  ber  anbern  erreicht  merben 
fann;  unb  in  folgern  gatt  ift  e§  fo  gut  al§  unmögliel)  bafj 
Wie  nad)  berfelben  ÜDcarmte  entfdjeiben.  SDenn  im  allge- 
meinen fann  man  mot  tagen  bie  21nl)  anglicrjf  eit  an  bte 
materielle  ^bentität  berratfje  einen  unöoHfommnen  Buftanb, 
unb  ein  roafjrbaft  geiftigeg  (£t)riftentt)um  mürbe  ftdj  unbe= 
fümmert  hierum  fcfjon  aufrieben  frellen,  memt  nur  bie  geier 
fo  eingerichtet  fei  bie  urfprüuglidje  £>anblung  in  itjren  mefent* 
liefen  S3erl;ältniffen  su  Dergegenroärtigen.  Mein  tt)eilg  mürbe 
bie  gefccjicbtlictje  (Einheit  unb  (gtetigfeit  be§  Snftitutg  gefäljrbet, 
unb  mttlfürjrlicrje  2$erfdjiebenl)eiten  in§  unenblic^e  t)erbeige= 
füfjrt,  menn  mir  gegen  jene  materielle  Sbentität  gana  Qieict)- 
gültig  fein  rooEten;  tfjeilg  fann  auctj  biefe  SBergegenraärtigung 
felbft  mieber  Don  gang  öerfdjiebenen  fünften  abhängig  ge= 
madjt  merben.  (So  bafj  bie  Aufgabe  faum  anberg  gefteüt 
merben  fann  at§  fo,  bafj  man  Don  jeber  2lrt  ber  (gtnerleib eit, 
fooiel  §u  erreichen  fuetje,  al§  mit  ber  geringften  Aufopferung 
auf  ber  anbern  (Seite  §u  erreichen  ift  ©o  »erlangen  mir  in 
läbftdjt  auf  bie  (Elemente,  beim  2lbenbma§l  fotle  gegeffen 
merben,  ma§  ba,  mo  e3  gebraust  roirb,  mit  iftefyt  fann 
SBrobt  genannt  merben,  aber  nierjt  bafj  e$  au§  bemfelben 
©toff  unb  auf  biefelbe  SBeife  zubereitet  fei ;  hingegen  bafj  in 
bem,  mag  getrunfen  rairb,  3Bein  fei  Dom  ®eft>äcfjg  beg  äöeins 
ftoffeS,  aber  nietjt  etma  ba§>  an  iebem  Ort  gemöljnticrje  ©e= 
tränf,  märe  e$  audj  ein  anbereg.  Unb  in  58e§ug  auf  bie 
^anblung  achten  mir  für  roefentlidj,  bafj  Don  allen  ir)ei& 
nebmern  auf  biefelbe  SBeife  gegeffen  merbe  unb  getrunfen- 
unb  bafj  Sörobt  unb  SBein  auSget&eüt  merbe  unb  empfangen, 
fo  auef)  bafj  bie  £>anbtung  alg  ein  gemeinfameg  äftaljl  auf 
fromme  ®efpräctje  unb  gemeinfameg  <&ebet  folge;  aber  bafj 
ftc  in  ber  5lbenbftunbe  begangen  merbe,  unb  nur  ba$  @nbe 


330  $er  ct)riftlid)e®laube.  ^toeuer  Xfjetl. 

[ei  r>on  einem  aubern  ooUftcinbigeren  ielbft  icrmn  gctte§bienft= 
lieben  93cat)l,  unb  fo  aud)  roa§  genoffen  mirb  nur  ber  ^Reft 
bon  biefem,  ba§  fctjeint  nicrjt  geforbert  merben  ju  fönnen* 
tuetl  e§  aud)  in  unferm  bermaligen  3uftanb  unerreichbar  ift. 
$a  mottte  man  bei  bem  legten  ftefjen  bteibenb  jagen,  ba$ 
Slbenbmalji  fyabe  eine  fo  genaue  ^Öe^ieljung  auf  ba$  jübifd^e 
$affat)feft,  bais  feine  Sßergcgenmärtigung  be§  urfprünglictjen 
(£inbruff§  mögltd)  fei,  menn  biefe£  ntdjt  in  feiner  urfprüng* 
lidjen  Söebeutfamfett  mit  oergegenmärtigt  merbe:  fo  fönnte 
man  gar  leidet  folgern,  baf$  c§>  boct)  lest  ntdjt  me§r  ba£  fein 
fönne,  at§  roa§  (£f)rtftu§  e§  gefttftet  f)a6e,  unb  alfo  aud)  mol 
nicfjt  fönne  bon  if)m  al§  eine  felbftänbige  unb  immer  bauernbe 
^nftirution  für  bie  ®trct)e  berorbnet  fein.  3)iefe§  Q3ebenfen 
liegt  fo  nalje,  bafj  e§  ftd)  leicht  in  ber  eoangelifdjen  SHrdje 
lautbarer  madjen  fann,  al§  biSljer  ber  gaU  geroefen,  unb  oer^ 
anlafjt  natürüd)  bie  §rage,  roorauf  unfer  (glaube  in  biefer 
(Sadje  eigentlich  rube.  Sctjmerlid)  mirb  ftct>  behaupten  laffen, 
bafj  au£  ben  un§  aufberoaf)rten  SBorten  (J^rtfti  biefe  9lbftd)t 
gan§  beftimmt  Ijeroorgebe.  Sßietmeör  enthalten  einige  unterer 
(Srsätjlungen  gar  feinen  fotcrjen  Sßefef)!,1  unb  in  ben  anbern 
ift  er  nur  unbeftimmt  auggebrüfft ; 2  unb  ba  bie  2tboftel  au§ 
ben  Söorten  (£r)rifti  beim  gufcroafd)en8  feinen  foldjen  Söefebl 
entnommen  rjaben,  fo  hätten  fte  aud)  9tect)t  gehabt  au3  bem 
$lbenbmatjl  eben  fo  menig  eine  beftänbige  unb  allgemeine 
Smftitution  §u  madjen.4  2)a  nun  aber  offenbar  ift,  ba%  fie 
ba$  eine  get^an  Ijaben  unb  ba§  anbere  nidjt,  fo  fönnen  mir 
un§  an  ba$  galten,  ma§  fie  eingerichtet  rjaben,  otjne  ba%  mir 
ju  entfdjeiben  brausten,  ob  (Jtjriftu^  iljnen  über  ba%  5lbenb^ 
maljl  noctj  anbere  auSbrüfflicrje  Slnmetfungen  gegeben,5  ober 
ob  fte  biefelben  au§  feinen  SSorten  gefolgert  ober  nur  burdj 
ben  unmittelbaren  ©inbruff  ber  (&a$e  unb  burcrj  bie  be* 
gleitenben  Umftänbe  anber§  beftimmt  morben  finb  in  Söepg 
auf  ba$  5lbenbmar)l  al§  in  Sßesug  auf  ba§  gufjmafdjen.  3n 
bem  legten  ^att  mürben  mir  bann  ba%  Slbenbma^l  nur  nidtjt 
gan^  in  bemfelben  (Sinn  al§  eine  unmittelbare  ©infegung 
(£{)rifti  anjeljn  fönnen,  immer  aber  bod)  glauben  muffen,  ba% 
fte  in  feinem  (Sinn  gefyanbelt  f)aben,  menn  mir  ntct)t  aud)  in 


1  Stfattf).  26,  26—28.  unb  2Rarf.  14,  22—24. 

2  Suf.   22,  19.  20.  unb  1  Äor.  11,  24.  25. 
B  3ot).   13,  14.  15. 

4  SSgl.  R.  Barcl.  Apol.  Th.  XIII. 

1  SJflI.  1  ftor.  11,  23. 


Stoeitet  Stöfönttt.  Son  bex  »eföaffenljeit  ber  SEBelt  jc.  S31 

tbrem  enaften  25eruf§freife  i^r  fanomfd)e§  Slnfebn  aufaeBen 
motten. 

§.  140.  Qn  §8töfu$t  auf  ben  3u?anmienfyaiia,  jtrifd&en 
bem  23robt  unb  2öein  unb  Setb  unb  SBlut  ßfyriftt  im 
2lbenbmabl  [teilt  ftd)  bie  eüangetifdje  Ättd^e  auf  ber  einen 
©eite  nur  benen  beftimmt  entgegen,  meldte  biefen  Qu* 
fammenbang  für  unabhängig  anfeben  t-on  ber  ^anblung 
be<8  ©enuffe<3,  auf  ber  anbern  (Seite  btntn,  toeldje  aud? 
o§neraä)tet  bitftä  3ufammenlj)ange£  feine  Sßerbinbung 
jugefteben  motten  jttrifd&en  bem  ©enufe  be£  SrobteS  unb 
2Beine3  unb  bem  geiftigen  ©enufc  be£  gleifa>§  unb 
$Blute£  <£&rifri. 

3lug§b.  Söef.  Stet.  10.  SBon  bem  STbenbrnahl  be§  §exrn  toixb  aljo 
gelehrt,  bafe  toabrex  Seib  unb  SBlut  <St)rifti  toar)rt)aftiglicr)  unter  ®e* 
ftalt  be§  SSxobteä  unb  üSetnö  im  Slbenbmaöl  gegentoärtig  fei  unb 
ba  auägetbeilt  unb  genommen  nriib.  —  Apol.  Conf.  IV,  p.  157. 
Quod  in  coena  domini  vere  et  substantialiter  adsint  corpus  et 
sanguis  Christi ,  et  vere  exhibeantur  cum  illis  rebus ,  quae 
videntur,  pane  et  vino  bis  qui  sacramentum  accipiunt  .  .  . 
Cum  enim  Paulus  dicat  panem  esse  participationem  corporis 
domini,  sequeretur  panem  non  esse  participationem  corporis 
sed  tantum  Spiritus  Cbristi,  si  non  adesset  vere  corpus  domini. 
Art.  Smalc.  VI.  De  sacramento  altaris  sentimus  panem  et 
vinum  in  coena  esse  verum  corpus  et  sanguinem  Christi,  et 
non  tantum  dari  et  sumi  a  piis  sed  etiam  ab  impiis  Christianis. 
—  Expos,  simpl.  XIX.  p.  68.  In  coena  domini  Signum  est 
panis  et  vinum  sumtum  ex  communi  usu  cibi  et  potus ,  res 
autem  significata  est  ipsum  traditum  domini  corpus,  et  sanguis 
eius  effusus  pro  nobis,  vel  communio  corporis  et  sanguinis 
domini.  —  ibid.  XXI.  p.  74.  Foris  offertur  a  ministro  panis, 
et  audiuntur  voces  domini  etc.  ergo  accipiunt  fideles  et  edunt 
etc. :  intus  interim  opera  Christi  per  spiritum  sanctum  percipiunt 
etiam  carnem  et  sanguinem  domini  et  pascuntur  his  in  vitam 
aeternam.  —  Conf.  Gallic.  XXXVHJ.  p.  124.  Dicimus 
itaque  .  .  panem  illum  et  vinum  illud ,  quod  nobis  in  coena 
datur,  vere  nobis  fieri  spirituale  alimentum,  quatenus  videlicet 
velut  oculis  nostris  spectandum  praebent  carnem  Christi  nostrum 
cibum  esse  et  eiusdem  sanguinem  nobis  esse  potum.  —  Itaque 
fanaticos  illos  omues  reiicimus  qui  haec  signa  et  symbola 
repudiant.  —  Conf.  Anglic.  XXVIII.  p.  107.  Panis  et  vini 
transsubstantiatio  in  Eucharistia  ex  sacris  litteris  probari  non 
potest,  sed  apertis  scripturae  verbis  adversatur  .  .  .  Corpus 
Christi  datur  accipitur  et  manducatur  in  coena  tantum  coelesti 


SDer  ii)rt!tliiiie  glaube.  3«jcitcr  £f)ei(. 


et     spirituali     ratione.      Medium    autem ,    quo    corpus     Christi 
accipitur  et  manducatur  iu  coena,  fides  est. 

1.  Sßenn  bte  Srage  um  bie  eS  ftd)  fjier  banbeit  eine 
lebiglid^  cjegetifdje  märe,  fo  tonnte  bie  (Glaubenslehre  bae< 
&nbe  ber  ijermeneutifdjen  S5err) aub hingen  abroarten,  unb  ba3 
(Srgebnifc  bann  eben  fo  aufnehmen  rote  anbere  eben  beSljalb 
nid)t  im  bollen  (Sinn  bogmatifcfje  <Snze  roeil  fte  nicrjt  $luS- 
fagen  über  unfer  unmittelbares  (SelbftberouBtfein  enthalten, 
fonbern  £f)atfadjen,  meiere  roir  auf  ^eugnifj  annehmen.  Denn 
nur  al§  eine  foldje  Sijatiadje  fönnten  mir  annehmen,  roaS  fidj 
über  ben  «Sinn  ber  SQSorte  „baS  ift  mein  Seib"  :c.  ejegetifctj 
ergeben  rjätte.  Mein  bie  grage  ift  gar  nid)t  rein  ejegetifcf). 
Denn  ba  bie  SSorte  an  ben  oerfcrjiebenen  ©rzäljlungen  iricrjt 
gleichmäßig  lauten:  fo  ift  Pietmeljr,  roaS  ferjon  ber  biftorii$en 
$ritif  angehört ,  suOörberft  auSzumitteln ,  roaS  für  SluSbrüffe 
©(jriftuS  möge  gebraucht  baben  auS  benen  biefe  $8ertcf)te 
fönnen  entftanben  fein;  unb  bann  erft  roäre  nacrj  bem  (Sinn 
biefer  eigenften  SSorte  (£fjriftt  zu  fragen.  Da  nun  Ijier  oon 
febr  öerfcfjiebenen  @eftd)tSpunften  ausgegangen  roerben  fann, 
unb  eine  allgemein  befriebigenbe  StuSmittlung  mdfjt  roabr- 
ictjeinlid}  ift,  unS  aud)  befonberS  obliegt  über  bie  Oerfcrjiebenen 
in  ber  ePangelifcrjen  $ircrje  geltenb  geroorbenen  2lnftcbten  bie 
ber  Union  gum  (Grunbe  liegenbe  Üeberzeugung  barzulegen, 
bafc  bereu  Differenzen  bie  d5emetnfcrjaftlicr)fett  beS  (GenuffeS 
nietet  fjinbem  fönnen:  fo  muffen  roir  bie  ftreitigen  fünfte  felbft, 
fo  gut  eS  ftd)  tljun  läßt,  feftzuftetten  fudjen,  unb  bann  bie 
^rtneipien  barlegen,  jufolge  beren  mir  bie  innerbalb  unferer 
®ird)e  ftattfinbenben  Differenzen  gieidjfam  aufbeben,  hingegen 
bie  forool  in  unfern  <Säzen  als  in  ben  ftymbolifctjen  (Stellen 
'auSgefprodjenen  Differenzen  gegen  bie  fatfjolifdje  ^trct)e  auf 
ber  einen  (Seite  unb  auf  ber  anbern  gegen  bie  ®ird>engemeim 
fetjaften  unb  ^nftcrjten  ©ingelner  melcbe  alle  Dtealität  beS 
(SaframenteS  aufgeben  aud)  ferner  gelten  laffen.  —  Da  nun, 
roaS  bie  ^-eftfteEung  beS  «Streitpunktes  betrifft,  bie  Differenzen 
alle  öon  ben  ferjon  angezogenen  SSorten  (£bnfti  ausgeben,  unb 
mir  nur  auf  baS  unter  bem  üorigen  (Saz  fdron  feftgefteütc 
zurüffgefjen  fönnen:  fo  entftebt  bie  grage,  einmal  wie  ber 
(Sinn  biefer  SSorte  ftet)  Derbalte  zu  bem  ®enufj  beS  93robteS 
unb  SBeineS  auf  ber  einen  unb  zu  ber  babon  ermarteten 
(Stärfung  beS  geiftigen  SebenS  auf  ber  anbern  (Seite;  bem* 
näcfcft  aber  aud)  intuiefem  bie  (Stnfidjt  in  ben  (Sinn  biefer 
Söorte  zur  ^öollftänbigfeit,   unb  mitbin  aud)  bie  3ufammeu= 


Swciter  tttfönitt.  SSon  ber  Söefcfjaffenlieit  ber  SBelt  :c  388 

fiimmung  in  iljrer  (Erflärung  sur  ©emeinfdjaftltdjfeit  ber 
£anblung  gefjöre.  Die  legte  grage  merben  mir  nic^t  anberS 
beantmorten  fönnen  al§  baljin,  ba§  SBerftänbntfj  btefer  äöorte 
fei  nur  infofern  notljmenbig,  als  ber  erwartete  (Erfolg  nämltd) 
bie  ©tärfung  be§  geifttgen  ßebeii§  baburcb  bebingt  fei,  unb 
Ueberetnftimmung  fei  nur  erforberlidj,  fofern  folctje  Differenzen 
auszugleichen  mären,  meldte  bie  gemetnfdjaftlidje  Verrichtung 
ber  ^mnblung  binbern  fönnten.  Unb  fo  »erben  mir  aud) 
über  bie  erfte  nur  fagen  fönnen,  bafj  —  gleicboiet  ob  bie 
fdjmierigen  SBorte  be§  StldfexS  ntebr  auf  bie  leibliche  &anb* 
lung  ober  meljr  auf  ben  geiftigen  ©rfolg  belogen  merben  — 
jebe  ©rflärung,  bie  ftdj  übrigens  fj  ernten  euttfct)  geltenb  §u 
machen  toeifc,  unS  xedjt  fein  fann,  fofern  fle  nur  bem  ©laubigen 
ben  3ufammen§ang  ämifcrjen  ber  £anblung  unb  bem  (Erfolg 
ntct)t  gefäbrbet. 

2.  Der  erfte  in  unferm  ©aj  aufgehellte  ©egenfaj  ift  ber 
gegen  bie  fatljolifdje  ®irdje.  &§  ift  mol  nidjt  richtig  biefen 
ooraügücb  in  berSebre  Oon  ber  £ran§mbftanttation  §u  fucben. 
Vielmehr  ift  e§>  ein  für  bie  «Sacbe  unbebeutenber  Unterfctjieb, 
ob  Seib  urtb  SBlut  ßijtifti  zugleich  mit  üörobt  unb  SSein  leib? 
licl)  genoffen  mirb,  ober  ob  &eib  unb  SBlut  (£brifti  §um  leib* 
liefen  (Stenufc  in  ben  Drt  be§  35robte§  unb  2Seine§  gefdjafft 
morben  finb;  benn  smiferjen  beiben  ift  nur  ber  Unterfd)ieb, 
ba%  in  bem  einen  gall  auetj  Sörobt  unb  SBein  genoffen  merben, 
in  bem  anbern  aber  mir  biefe  nidjt  mit  geniefjen,  melcrjeS  für 
ben  beabftcrjtigten  (Erfolg  üößig  gleichgültig  ift.  Unb  Satte 
man  nur  bie  ©rmeiterung  fahren  laffen,  bafj  e%  bei  biefer 
Sßermanblung  auetj  abgefet)en  Oon  bem  51ct  be§  ©enuffeS  bann 
bleibe,  ober  bafj,  aud)  raa§  nidjt  im  91benbmafjl  genoffen  mirb, 
bod)  mit  öermanbelt  morben  fei:  fo  mürben  bie  fädjfifcben 
Reformatoren,  man  fet)e  nur  bie  brüte  angeführte  ©teile, 
bamalS  menig  eingeroenbet  Ijaben.  Söogegen  menn  jemanb 
fjätte  bie  (Eonfubftantiation  eben  fo  pr)t)fifct)  bebanbeln  motten, 
bafj  Seib  unb  Sßiut  (pjrifti  im  Sörobt  unb  SSein,  aueb  menn 
bie§  nict)t  im  5(benbmal;l  genoffen  merbe,  bennoäj  bleibe,  nacrj= 
bem  bie  SSorte  (Sfjrifti  barüber  gefj)ro<$en  morben:  fo  mürbe 
Sutber  biegegen  eben  fo  ernftljaftt>rotefttrt  baben.  Denn  audj 
rao  er  feine  Slnfitfjt  int  ftreugften  ©egenfas  gegen  bie  reformirte 
oorträgt,  behauptet  er  nirgeub  ein  fo!dje§  9ftitt>orbanbenfein 
aufjer  ber  £>anblung  be§  $benbmaljl§:  Wogegen,  feit  bie  Sörobt* 
oermanblung§lebre  aufgefommen,  bei  allen  cafutfttjdjen  $er* 
banblungen  immer  jene  $orau§feäung  einer  pfmfifcben  unb 
bleibenben  SBertoanblung  jinu  ©runbe  gelegen  bat    2Befentlic§ 


334  S)cr  djrtfUtdje  ®lcmbe.  3toeiter  £§e& 

ift  bafjer  nadj  biefer  «Seite  Ijin  bte  beharrliche  Dbbofttion 
gegen  alle  Sc&aufiellung  unb  SSereörung  ber  confecrirten  (Ete* 
ntente,  unb  gegen  jebe  5lnmafjung  irgenb  ettna§  baburd)  aus- 
richten gu  motten  abgefonbert  bon  beut  ®enuffe  f elbft ;  fo  mie 
auct)  gennfj  überall  in  ber  ebangeliidjen  ®ir<$e  beftimmt  töttb 
geläugnet  merben,  ba%  ein  ©enufj  ber  confecrirten  (Elemente 
aufjer  ber  geter  be§  SaframenteS  fönne  aum  £eü  gereichen 
ober  jum  ©ertctjt.  2)er  ipauptgrunb  alfo  warum  mir,  abge* 
feljen  babon  ba%  fte  ftdj  fjermeneutifä)  ntcr)t  rechtfertigen  läfjt, 
bie  £t)eorie  ber  fatfjolifdjen  ^ird^e  bermerfen,  ift  bafj  fte  mit 
ber  fo  borgefteüten  SSerbtnbung  ber  (Elemente  mit  bem  Seib 
unb  931ut  (Efjrifti  über  ben  gemeinfamen  (Senufj  §inau§geljenb 
ganj  anbere  giueffe  erretten  unb  magifdie  geiftige  SSirfungen 
mit  ber  leiblichen  berbinben  miß. 

3.  2)urd)  ben  smeiten  ©egenfaj  trennt  ftct)  bit  ebangelifdje 
®ird)e  bon  ben  Saframentirem  —  ba§>  SSort  natürlich  nic^t 
in  bem  (Sinn  genommen,  tute  Sutljer  unb  audj  anbere  Xljeo* 
logen  in  ber  £iae  be§  Streitet  fidj  beffelben  audj  bon  ben 
2lnl)ängern  be§  rjelt>ettfct)en  unb  gattifanii^en  SBefernitniffeS 
bebienten,  bereu  Meinungen  bielmebr  ganj  tnnerbatb  bei 
©renken  unfere§  Saae§  liegen  —  fonbern  fo  mie  e§  bie  ®egs 
ner  be§  SatramenteS  beaeidmet.  SDtefe  behaupten,  ber  ®enufe 
be§  mit  bem  Warnen  be§  QeihzZ  unb  231ute§  bezeichneten 
$robte§  unb  2öetn§  fei  nur  ein  Sctjattenbilb  bon  bem  an 
biefe  Jpanblung  gar  nidgt  gebunbenen  geiftigen  (Stenufj  be§ 
QeiheZ  unb  95lute§(Eijrifti;  unb  fobalb  man  fict)  biefeS  geiftigen 
berftd^ert  tjabe,  roerbe  iene  nur  fumbübUdje  ^anblung  beffet 
aufgegeben  al§  fortgefejt.  2öir  geben  nun  amar  §u,  ba%  bei 
geiftige  (Semiß,  gu  bem  (£ljrtftu§  lange  bor  ber  lEinfeaung  be§ 
2lbenbma^l§  unb  stuar  nic£)t  erft  al§  $a  etma§  fünftigem  eins 
gelaben  Ijat,  feine§mege§  burd)  bit  (Einfeaung  an  ba§>  Safra= 
ment  auSfdjtiefjenb  gebunben  unb  auf  baffelbe  befc^ränft 
morben  fei:  aber  mir  öertrauen  boctj  bem  SSorre  (Efjrifti,  ba% 
in  ber  fbäteren  Snfiitutton  iene  frühere  (Einlabung  burd) 
feine  ®raft  fo  toernrirfltdjt  fei,  bafj  jeber  gläubige  nun  ben 
geiftigen  (SJemtfe  auoerläffig  in  ber  faframentlidjen  ftanblung 
finbet,  unb  bafj  biefe  jeat,  mirb  fie  nur  bon  allen  Seiten 
richtig  bermaltct,  für  ben  (gläubigen  ber  fietjere  unb  unfein 
bare  Bugang  au  jenem  ift.  S)a(;er  behält  fid)  ba$  Slbenb^ 
maljl  at§  ber  bottfommenfte  gemeinfdjaftlidje  geiftige  ®enufj 
au  bem  bereinjetten  aufjerljalb  beffelben  mie  ba§  organiftrte 
ju  beut  äuföttigen,  fo  mie  and)  bk  organiftrte  (Erbauung  im 
öffentlichen  (#otte§bienft  au  ber  einjelnen  fporabtfdjen.    %tw 


3»eiter  «öfdjnitt.  »ort  ber  Sefdjaffenfjeit  ber  Sßelt  :c.  335 

Slnftdjt  aber,  memt  fte  audj  nid)t  läugnet,  bafc  ber  geiftige 
(SJenutj  aurf)  in  ber  iaframentticben  föanblung  fein  forme,  er- 
flärt  bocb  bie[e  Sßerbinbung  für  unftcber  unb  blofj  zufällig, 
inbem  fte  ja  fonft  nietet  öort  bem  2lbenbmat)l  abrafften  tonnte, 
unb  üerfennt  mithin  ben  SBertt)  ber  ©mfeaung  (£brifti.  —  gaft 
baffelbe  gilt  aber  auet)  öon  benen,  melcbe  bag  Äbenbmat)l 
§mar  alg  ein  ($5ebot  (£brifti  beftänbig  in  ber  ®ird)e  beibebalten 
tütffen  motten,  aber  bocb  niebt  minber  ben  3ufammenbang 
beffelben  mit  bem  geiftigen  ©enufc  beg  gletfdje§  unb  Söluteg 
(Ebrifti  aufbeben,  meil  fte  eg  nur  für  einen  ©ebraud)  erflä'ren 
buret)  melcben  mir  geugnifj  ober  $8efenntmt3  ablegen.1  ©ieien 
ftelten  mir  ung  entgegen,  tbeiig  meil  fte  niebt  einmal  bag 
2lbenbmabl  alg  ben  Gipfel  beg  öffenttieben  ©otteSbtenfteS  an* 
febn,  ba  fte  in  bemfelben  gar  nidjtS  su  empfangen  glauben,  * 
unb  alfo  auf  biefe  3uf ammentunft ,  bie  fo  auSgeseidjnet  eine 
im  tarnen  (Efjrifti  ift,  ntcrjt  einmal  bie  allgemeine  Sßerbei&ung 
antuenben,  melcbe  (£t)riftug  allen  folgen  gegeben  hat;  tfteilg 
meil  bag  9lbenbmabl  bann  nicljt  ju  allen  Reiten  baffelbe  märe. 
£enn  md)t  nur  mar  bei  ber  urforünglidjen  Gmtfeaung  nie* 
manb  zugegen,  bem  bie  jünger  ein  Beugiiif?  ablegen  tonnten, 
fonbem  aueb  bie  alte  Sirdje  Hefj  feinen  Uncbrtften  alg  Bii* 
■flauer  su,  ben  GE&riften  aber  unter  ftctj  fel)lt  eg  in  ibrem 
®emeint>erbanbe  niebt  an  ©elegenbeit  um  aueb  ofjne  bieg 
(Satrament  ftcb  gegenfeitig  alg  9Jcttgtieber  ber  ^iretje  au  er- 
lernten. 

4.  SBcim  mir  nun  ben  ganzen  3toifcbenraum  ätutfdjen 
biefen  beiben  9Jcetnungen,  öon  benen  bie  eine  bem  Slbenb* 
rnabl  einen  magtfdjen  SBertlj  äufcbretbt,  bie  aubere  eg  §u 
einem  bloßen  Beiden  tjerabfest,  ber  eöangelifcben  SHrdje  frei 
laffen:  fo  hat  bieg  äunädjft  ben  gefcbicbtlicben  (Srunb,  baf?  in 
berfelben  gleich  anfangs  §mei  Meinungen  ftcb  entm titelten, 
öon  benen  bie  eine  innerhalb  biefer  (Trensen  ftc§  am  meiften 
ber  fat^olifd&en,  bie  anbere   am  meiften  ber   focimantfdjen 

1  Catech.  Racov.  Qu.  334—345.  gjtft  ifinen  ift  Srüingu"  nid&t 
äu  bertnectjfeln.  ®enn  roenn  er  gletcfj  ben  ©enujs  bes  Probte*  unb  23etn§ 
im  2l&enbmarjl  nur  eine  banffagenbe  Erinnerung  nennt:  fo  fejt  er  boc§  } 
baöei  überall  ben  geiftigen  ©enuß  öorau§ :  cum  ad  coeuam  domini  cum  i 
hac  spirituali  mauducatione  venis  .  .  ac  simul  cum  fratribus  panem 
et  vinum,  quae  jam  symbolicum  Christi  corpus  sunt,  partieipas,  jam 
proprio  sacramentaliter  edis  cum  scilicet  intus  idem  agis  quod  foris 
operaris.     Expos,  fid.   ehr.   Opp.  II,  555. 

8  Apparet  coenam  domini  non  eo  institutam  esse  ut  aliquid  illic 
sumamus.     Catech.  Racov.  Qu.   338. 


336  £er  djrtftltdje  ©laube.  3toeiter  Xljeil. 

nnfjerte,  nnifirenb  bodj  beibe  ba§>  Söetuufjtfeiit  ifjre§  gemem= 
friiaftlidjen  GkgenfnäeS  gegen  jene  beiben  feftljielten,  unb 
tljeilg  bie  $erfud)e  ftdj  unter  eincmber  au§3ugleid)en  immer 
mieber  erneuerten,  t(jetl§  audj  nu§  bemfetben  SBeftreben  eine 
britte  Meinung  ätuifdjen  jenen  beiben  entftanb.  sJD2it  ber  3eit 
alfo  entftanb  audj,  roo  biefe  SDteinungen  ftdj  berührten,  über- 
nnegenb  bie  gemeinfame  lleberseugung,  bafc,  ba  fte  fämmtlid) 
unter  berfetben  Söebingung  nämlidj  ber  be§  magren  lebenbigen 
©laubenS  benfelben  (Srfoig  ermarteten,  aud)  jebe  s#artfjei 
glauben  muffe,  bafj  bie  anbeten  benfelben  2lnfprudj  an  biefen 
©rfolg  Ijaben  mte  fte  felbft,  ba  feine  ftdjer  fei,  bafj  fte  ben 
Bufammentjang  ahrifc&en  ber  £>anbtung  unb  bem  (Srfolg,  fofern 
e3  aufjer  unferem  Söereid)  liegt  itjn  §u  beratrfen,  gtabe  fo 
üorftette  mie  trjn  ber  ©rlöfer  gemeint,  unb  bo<i  jebe  bm 
beften  SSitten  tjabe  ben  (Sinn  be§  (£rlöfer§  auf  ba§  genauefte 
äu  treffen.  2)tefe  Ueber^eugung  nun  grünbet  fiel)  grabe  auf 
bie  Slnerfennung  ber  ejegctifdjen  Sdjmierigfeit,  meiere  in  ber 
2lrt  liegt,  mie  @t)tiftu§  bei  ber  2)arreid)ung  be§  SBrobteS  unb 
58ein§  feinet  ßeibes?  unb  $31ute§  ermähnt,  ^nbem  nun  bie 
©inen  bei  einer  Sftebe  bon  biejer  S5ebeutfamt'eit  nur  bit  bu<$~ 
ftäblidje  ©rflärung  aulaffen  motten,  tonnen  fte  fte  bod)  bei 
ber  SBerfdjiebenljeit  ber  ^öericl)te  nid)t  gleichmäßig  in  2ln~ 
menbung  bringen,  mo  biefeS  unb  Sölut  unb  mo  $eld)  unb 
£eftament  einanbet  gegenüberftetjen,  fo  bafc  unfer  2lbenb= 
mal)!  unb  baß  urfprünglidje  nic^t  baffelbe  fein  fönnc  menn  bet 
bargereidjte  &etb  buc^ftäblict)  eben  baß  fein  füllte  mag  ber  bar= 
reidjenbe.  gönnen  nun  hieraus  bieStnbern  folgern,  ba^  biefe 
®leid)ftetfung  btß  )örobte§  unb  2etbe§  nur  uneigentlid)  §u  üer- 
fielen  fei,  inbem  baß  erfte  ein  Beiden  fei  be§  anbern:  fo  liegt 
iljnen  ni$t  nur  ob  m  erfiären,  meSlmlb  beim  ein  befonbereS 
Seiten  btß  33lute§  bargereid)t  »erben  müßte  außer  bem  beß 
&eibe§,  fonbern  aud)  barüber  —menn  bodj  bie  jünger  (£f)rifti 
$ebe  öerftefjen  füllten  —  ob  fte  mef)r  barauf  gemiefen  maten 
fte  äu  erflären  au§  früheren  analogen  hieben  (£btifti,  obet 
meljt  au§  bet  altteftam entifciien  £>anblung  an  meiere  fi<$  bie 
(Sinfejunö  (£l)tifti  fnüpfte.  <5inb  nun  üon  feinet  Seite  bt§ljet 
bie  Aufgaben  alle  gelöft:  fo  ift  aud)  möglidj,  bafc  nodj  neue 
Sßetjudje  gemacht  werben,  bit  mit  eben  jo  untet  bie  förbernben 
53eftrebungen  ber  eüangelifdjen  ®ird)e  rennen  muffen,  biß 
eine  auSretdjenbe  ©rflärung  alle  unüottftänbigen  überflüfftg 
madjt.  3)ie  brei  Meinungen  aber,  Welche  ftdj  au§  foldjen 
unüoUftänbtgen  $erfud)en  am  meiften  geltenb  gemacht,  laffen 
fict)  am  beften  fo  aufammenftellen.    Sjie   erfte  tut&erifdje  er- 


3toeiter  afifdjnltt.  SSon  ber  $8efd)affeitljeit  ber  SScIt  2C.  337 

flärt,  (£f)riftu§  f)aht  mit  bem  Sörobt  unb  Sßein  bte  hrirflidje 
{SJegenroart  feine§  SetbeS  unb  SßtuteS  sunt  ®enufc  berbunben, 
ober  nur  für  bte  £anbiung  be§  leiblichen  ®enuffe§  jener 
beiben  (Elemente.  2)ie  smeite  snüngii[$e  erklärt,  (TfjriftuS 
Ijabe  mit  bem  Sörobt  unb  SSein  felbft  nid[)t§  berbunben,  fon* 
bern  nur  burdj  feinen  33efel)l  mit  ber£anblung  be§  ®eniefeen§ 
ton  jenem  Sörobt  unb  SSein  ben  geiftigen  (55enufj  feines 
gletfc&eg  unb  SßluteS.  SDie  britte  falbinifdje  erflärt,  (£firtftu§ 
Ijabe  atterbingS  nur  mit  ber  Jpanblung  be3  (£ffen§  unb 
£rinfen§  aber  nicbi  blofj  jenen  geiftigen  (SJenufj  berbunben, 
ibie  er  auctj  aufjer  bem  ©acrament  au  baben  ift,  fonbern  bte 
nirgenb  fonft  &u  Ijabenbe  mir!ii($e  $egentuart  feine§  SetbeS 
unbSBluteS.1  2)ie  ahmte  erlennt  nur  stoeierlei,  ben  leiblichen 
(^enufj  unb  bie  geiftige  SSirfung,  meiere  beibe  berbunben  ftnb 
burd)  ba§  SSort.  3)tefe  ift  ofmftrettig  bie  flarfte  unb  fafc 
lidjfie,  roeil  fte  eine  genaue  Analogie  aufftettt  shrifdjen  bem 
51benbmaljl  unbber^aufe,  unb  bie  gar  fdjmer  §u  befc&reibenbe 
ttnrflfdje  (Segenmart  bon  Seib  unb  Sölut  gans  au§  bem  ©biel 
läfjt,  fo  bafc  fte  unter  facramentlidjem  ®emr§  nichts  anber§ 
berfteljen  fann  al§  bie  SBerbtnbung  be§  geiftigen  ®enuffe§  mit 
jenem  beftimmten  leiblichen.  2lber  roenn  man  au$  bte  oben 
angesogenen  SBorte  ßmingli'S  reebi  berborbebt,  unb  mandje 
anbere  Slu§brü!?e  moburdj  er  fdjeinen  fönnte  bie  ®raft  be§ 
(Sacramenta  berringern  ober  gar  aufgeben  §u  motten,2  nur 
au§  bem  ($5eftdjt§bunft  be§  (Streites  gegen  bie  römifd)e  Sebre 
beurteilt:  fo  läfet  fte  boeb,  ba§  unerklärt,  me^alb  ftet) 
(£briftu§,  roenn  nichts  anbereg  al§  biefe§  getagt  roerben  fottte, 
jener  befonberen  Slu§brü!fe  bebient  babe.  S)ie  beiben  anbern 
Meinungen  erfennen  aufcer  jenen  beiben  ©tüöen  noeb,  ein 
britteS,  nämtidj  eine  roirfliebe  (Stegenroart  be§  2eibe$  unb 
SßluteS  (S&itfii.  ®enn  nad)  ßutljer  ift  fte  burdj  eine  befonbere 


*  Itaque  si  per  fractionem  panis  dominus  corporis  sui  partieipa* 
tionem  vere  ropraesentat ,  minime  dubium  esse  debet  quin  vere 
praestet  atque  exhibeat.  Calv.  Institt.  IV.  XVII.  10.  .  .  .  Dico 
igitur  in  coenae  mysterio  per  symbola  panis  et  vini  Christum  vere 
nobis  exhiberi,  adeoque  corqus  et  sanguinem  eius  .  .  quo  scilicet 
primum  in  unum  corpus  cum  ipso  coalescamus,  deinde  partieipes 
substantiae  eius  facti  in  bonorum  omnium  communicatione  virtutem 
quoque  sentiamus.     ibid.   11. 

1  Sacramentum  vim  nullam  habere  potest  ad  conscientiam  libe- 
randam  .  ,  Toto  igitur  coelo  errant  qui  sacramenta  vim  habere 
mundandi  putant.  .  .  Sunt  ergo  sacramenta  signa  sive  cerimoniae, 
quibus  se  homo  ecclesiae  probat.     De  vera  et  falsa  relig. 

©4t..(J6nftl.©l.n.  22 


838  ©er  cfjriftlicfie  glaube.  3roettcr  »jeil. 

gebeimnifjbotfe  ®roft  be§  SSorte§  mit  ben  Elementen  ben? 
23robt  unb  SBetn  aur  einer  5leljnlidjfeit  be§  leiblichen  ©enuffc§ 
berbunben;  nad)  Salbin  ift  fie  nur  mit  bem  geiftigen  ©enufr 
ber  ©laubigen  §u  einer  eigentümlichen  facramentlidjen  (£r* 
pfjung  beffelben  berbunben,  melcbe§  §u  betturfen  e§  feiner 
anbern  ®raft  bebarf  al§  ber  un§  allen  befannten  geistigen 
®raft  ber  göttlichen  JBer&et&ung.  $n  beiben  bebormortet  ^qu 
biefe§  angenommene  b  ritte,  marum  (£briftu§  feinen  3tr>eff  nur 
in  fo  ganj  eigentümlichen  3(u§brüffen  barlegen  tonnte;  allein 
abgelesen  babon  bafe  £utber§  ©arftettung  bem  römifdjen 
£bbu§  su  na^e  ftefjt,  al§  ba%  fie  ntdjt  füllte  ba§  herüber* 
nehmen  mancher  abergläubifc&en  5SorfteHungen  begünftigt 
Ijaben,  fann  autf)  bie  5lrt  raie  mit  bem  Sörobt  augleidj  ber 
Seib  ©tjrifti  genoffen  mirb,  unb  ttrie  biefer  facram entließe 
©emtfj  berfdjieben  ift  auf  ber  einen  (Seite  bon  bem  leiblichen 
©enufe  ber  fbmbolifcben  Elemente  auf  ber  anbern  bon  bem 
geiftigen  ©enufj  be§  gletfd)e§  unb  93lute§,  fo  menig  berftänb* 
Itd)  gemacht  werben,  bafc  man  jtoar  gormein  barüber  au§ 
unfdjrtftmäfcig  erfunbenen  Sßörtern  äufammengefe§t  auffteüen 
niemals  aber  bie  Sljatfadje  anic^aultdj  machen  fann.  £)ie 
falbinifctje  entgeht  manchen  bon  biefen  ©ebroiertgfeiten  ba* 
burdj,  ba%  fie  fi<$  ntcfyt  nur  bon  ber  überberftänbigen 
2)ürftigfeit  ber  annnglifcfjen  5Xrtficr)t  fonbern  angleid)  audj  bon 
ber  gebeimnifjbotlen  ©innlidEtfeit  ber  lutfjerifä)en  entfernt  galt;, 
aber  eben  fo  menig  al§  bie  legte  bringt  fie  £beilnabme  an 
bem  Seibe  unb  Volute  (£t)rifti  auf§  reine,  unb  eben  fo  menig 
al3  au§  ber  erften  erllärt  ftd)  audj  au§  üjr  bie  5lrt  unb  SBetfc 
ber  33e§ie()ungen  unb  ber  ©runb  ber  Teilung  smifc^en  Seib 
unb  S31ut.  $)atjer,  ofmerad)tet  biefe  Meinung  eine  ftarfe  an- 
aieljenbe  ®raft  ausgeübt  Ijat,  enthält  fie  boci)  auef)  noeb  neuen. 
<$runb  aum  ©Amanten  smifeben  bem  in  ber  ©tymbolif  liegen* 
ben  fHeiä ,  nodj  meljr  in  bem  ©acrament  au  fuetjen  al§  bie 
(Srflärung  felbft  entnuftelt,  unb  smifeben  ber  £urüffaiebung 
auf  titoaä  mebr  äufeerlictjeS  ba  boä)  ba$  eigentfjümltdje  niebt 
auSjumitteln  ift.  2ln  ein  allgemeine^  Iteberfjanbneljmen  biefer 
Suffaffung  in  ber  ebangelifd)en  ®ird)e  ift  baljer  aud)  nidjt  au 
benfen,  fonbern  eljer  au  ermarten,  bafe  au§  ber  fortgefeaten 
unbefangenen  SBemüfjung  ber  $lu£leger  nodj  eine  anbere  fieb 
entnriffeln  merbe,  meiere  an  allen  biefen  flippen  nict)t 
febeitere.  $8i§  ba&in  fann  gemeinsame  fircblicbe  Setjre  nur 
in  SBeaug  auf  bie  SBirfungen  be3  2lbenbmat)lg,  unb  al§ 
folebe  nur  ber  ^nbalt  ber  folgenben  beiben  ©äae  aufgeteilt 
roerben. 


3toeiter  Sübfömtt.  8on  ber  SBeidjaffenfjett  ber  SSSelt  ic.  339 


§.  141.  ©rftet  Se^rfaj.  $er  ©enufe  De*  Öeibe0 
unb  Blutes  ©grifft  im  2H>entonaW  gereift  allen  ©laubigen 
gut  ^efeftigung  ityrer  ©emeinfa^aft  mit  ©&rifto. 

Sutfi.  grofj.  flated).  247.  $arum  gefjen  toir  sunt  ©acrament  ba§ 
toir  ba  empfaßen  folgen  ©cbas  burd)  unb  hibem  toir  Vergebung 
ber  ©ünbe  überfmnmen.  —  248.  S)arum  Reifet  eS  tool  eine  ©peife 
ber©eele,  bie  ben  neuen  2ftenfc6en  näfirt  unb  ftärft.  —  Expos. 
simpl.  XXI.  p.  74.  Est  ea  spiritualis  manducatio  corporis 
Christi  .  .  qua  manente  in  sua  essentia  corpore  et  sanguine 
domini  ea  nobis  communicautur  spiritualiter  .  per  spiritum 
s.  qui  videlicet  ea  quae  per  carnem  et  sanguinem  domini  pro 
nobis  in  mortem  tradita  parata  sunt,  ipsam  remissionem 
peccatorum  liberationem  et  vitam  aeternam  applicat  et  confert 
nobis  ita  ut  Christus  in  nobis  vivat.  —  Conf.  Scot.  XXI. 
p.  163.  Sed  unio  haec  et  conjunctio  quam  habemus  cum 
corpore  et  sanguine  Jesu  Christi  in  recto  sacramenti  usu 
operatione  spiritus  sancti  efficitur,  qui  nos  vero  fide  supra 
omnia  quae  videntur  vehit,  et  ut  vescamur  corpore  et  sanguine 
Jesu  Christi  semel  pro  nobis  effusi  et  fracti  efficit.  —  Conf. 
Belg.  XXXV.  p.  194.  Convivium  hoc  mensa  est  spiritualis 
in  qua  Christus  seipsum  nobis  cum  omnibus  bonis  suis  com- 
municat  efficitque  ut  in  illa  tarn  ipsomet  quam  passionis  mor  tis- 
que  ipsius  merito  fruamur.  —  Melanchth.  loc.  theol. 
Ad  hoc  igitur  prodest  manducatio  poenitentiam  agenti,  videlicet 
ad  fidem  confirmandam.  —  Calv.  Institt.  IV,  VII.  5.  In 
hunc  modum  dominus  voluit  .  .  vera  etiam  sui  communicatione 
fieri  ut  vita  sua  in  nos  transeat  et  nostra  fiat  .  .  .  ibid.  11. 
Per  effectum  autem  redemtionem  justitiam  sanctificationem 
vitamque  aeternam  .  .  intelligo. 

1.  Snbem  als  ber  einige  Stoigen  biefeS  ©enuffeS  bie  Be* 
feftigung  unferer  ©emeinfc&aft  mit  ßbrifto  angegeben  mirb: 
fo  ift  barin  bie  Befestigung  ber  Triften  in  ifrem  herein 
unter  einanber  mit  eütQefdjloff en , *  inbem  biefer  auf  tfjrer 
Bereinigung  mit  ©Ijrifto  fo  gans  beruht,  ba%  bie  Bereinigung 
etneS  ©internen  mit  (jfjrifto  nidjt  §u  benten  ift  ofme  feine 
Bereinigung  mit  ben  ©laubigen.  2)afe  biefeS  in  ben  fam« 
bolifc&en  ©teilen  meljr  als  billig  jurüfftritt,  bat  feinen  ©runb 
barin,  meil  bie  grage  über  ben  üftuaen  be£  ©acramentS  in 
foldjen  Berf)anblungen  nur  inBerbinbung  mit  ben  bisherigen 
fragen  öorsufommen  pflegte,  mobei  man  \tbm  einzelnen  ©e~ 
niefjenben  nur  als  folgen  bttxad\ttt  üUcan  !ann  ba^er  2lu§- 
fünft  hierüber  nur  unter  ber  2lufsäl)lung  ber  öon  (£l)rifto 
ermorbenen  ©üter  ober  unter  bem  alles  umfaffenben  Begriff 


1  »gl.  1  ftor.  10,  17.  12,  27. 

22* 


340  Eer  djrlftllc&e  ©laufe.  3wciter  Sficil. 

ber  Heiligung  fudjen.  9ll§  allgemeine  5lu§brüffe  nun  für  bte 
&>irfungen  biefe§  ©cnuffeS  ragen  am  meiften  §erbor  bte  Be= 
fcfttgung  im  ©lauben  unb  bie  (Srnäfjrung  be§  neuen  äRenfä)en 
ober  ber  tfebergang  be§  2eben§  gfrttfti  in  ba§  unfrige. 
BeibeS  ift  roefentlicb  baffelbe,  fofern  ja  ber  lebenbige  ©taube 
an  Gljrtftum  nidjt§  ift  al§  ba§  ©elbftbenmfetfein  bon  unferer 
Bereinigung  mit  ßljrifto.  gmeterlei  pflegt  aber  befonber§ 
herausgehoben  gu  werben,  nämlicfy  bafj  un§  im  (Sacrament 
bie  Vergebung  ber  ©ünben  erneuert  unb  befeftigt  roirb,  bann 
aber  bafe  mir  eine  ©rpfmng  ber  Gräfte  jur  Heiligung  er* 
fahren.  BeibeS  ift  in  ber  SSirfltdjfeit  nid)t  bon  einanber  su 
trennen,  unb  beruht  barauf,  bafe  au<$  ba$  neue  geiftige 
Seben  roegen  ber  no<$  nicl)t  ganj  aufgehobenen  (Sünbe  in 
feinen  gortfcl)ritten  burdj  tf)eilrceife  rüffgängige  Belegungen 
unterbrochen  wirb.  2)emt  ttrie  bte  SBiebergeburt  erft  redjt 
feft  unb  genrifj  roirb  burdj  ben  ©tanb  ber  Heiligung:  fo  fann 
aucb,  roenn  bie  Bereinigung  mit  (Etjrifto  burdj  bte  ©ünbe  ge= 
ftört  roorben  ift,  bie  ©eroipeit,  bafj  bie  ©ünbe  bergeben  fei, 
erft  red)t  ftdjer  roerben  in  bem  (5>efüt)l  be§  roieberljergeftettten 
unb  geftärften  2eben§.  Unb  tjiesu  ift  bie  hti  ber  £anblung 
be§  5tbenbmal)l§  natürliche  Bergegenroärtigung  ber  ganzen 
(Gemeine  ber  ©laubigen  ein  mistiger  ÜDcoment.  SDenn  au§ 
biefer  mufe  eine  fräftige  Ütegung  be§  $emeingeifte§  forool  als 
audj  ein  erpIjteS  Beroufjtfein  bon  feinem  allgemeinen  unb 
befonberen  Beruf  in  biefer  ©emeinfdjmft  einem  ^eben  er* 
road^fen,  roobon  eine  neue  9tidj)tung  auf  bie  bon  iljm  au§= 
subilbenben  ©aben  niä)t  ju  trennen  ift.  —  SSa§  aber  bk 
Bestellung  be§  2lbenbmal)l§  auf  bk  Bergebung  ber  ©ünben 
befonber§  betrifft,  fo  ift  suerft  §u  bemerfen,  ba%  in  biefer 
^inftctjt  feine  Trennung  gemacht  roerben  barf  sroifdjen  ber 
(Irbfünbe  unb  roirf  liefen  ©ünbe,  al§  ob  ettva  bte  Xaufe 
ftdt)  nur  auf  bk  ©rbfünbe  belöge  unb  ba§  Slbenbma^l  nur 
auf  bie  roirflitfie  (Sünbe.  £)emt  abgefeljen  babon  ba%  bie 
Saufe  erft  botlenbet  roerben  lann  au  einer  3eit,  roo  au§  ber 
(Srbfünbe  fdjon  roirflicrje  ©ünbe  Ij eingegangen  ift»  unb  bcift 
fte  rttcrjt  ben  Anfang  be§  neuen  £eben§  beseidjnen  fönnte, 
roenn  ntdjt  burd)  fte  aud)  bie  roirflidje  ©ünbe  aufprte  bie 
©emeinfc&aft  an  ber  ©eltgfeit  GHjrtfti  su  fjinbera:  fo  Ijat  aud) 
bie  Saufe  al§  Berftegeutng  ber  SBtebergeburt  fdron  eine  Be* 
I  siebung  auf  alle  roirflidje  ©ünben,  inbem  bie  ©ünben  ber 
Steberge6ornen  immer  fc^on  oergcben  ftnb.1    &ben  fo  ift  e§ 

1  Sgl.  §.112. 


Stoetter  STbfdjmtt.  Son  bei  U3efc^affen£iett  ber  SBelt  w.  341 

aber  aud)  mit  bem  Slbenbmabl;  benn  ba  eS  bie  ©rbfünbe 
ift,  meiere  ftd)  nodj  fortmäbrenb  funb  giebt  in  ber  mir!* 
ticken  ©ünbe,  bur$  meldte  bte  £ebenSgemeinfd)aft  mit  ©brifto 
gehemmt  nürb:  fo  tft  eS  sugleicb  audj  bit  ©rbninbe,  bereit 
Vergebung  unS  aufS  neue  mufc  befeftigt  roerben.  gmeitenS 
barf  aber  aud)  bie  ©ünbenoergebung  nid)t  gehalten,  unb 
bie  fünbenoergebenbe  Sfrraft  im  ©acrament  beS  5lltarS  at§ 
eine  befonbere  angelegen  merben,  als  ob  bie  (Sünben  ju* 
erft  auf  bie  eine  3lrt  bergeben  mürben  burdj  bie  xe$U 
fertigenbe  göttlidje  Sljätigfett  in  ber  SStebergeburt  unb  bann 
auf  eine  anberebur$biebefonbere(5tegenroartunbmittbeilenbe 
Sbätigfeit  ©brtfti  im  ©acrament.1  «Sonbern  eS  tft  nur 
eine  unb  biefelbe  fünbenoergebenbe  ®raft;  unb  Wie  bie 
SSiebergeburt  nichts  anbereS  ift  als  baS  allgemeine  unb 
roirffame  SSertjältrtife  (£briftt  sur  ©efammtfjett  beS  menfd^ 
lid)en  ($5efdjled)tS,  wie  eS  auerft  in  Söegug  tritt  mit  einem 
einzelnen  Seben:  fo  ift  au$  bie  ©ünbenoergebung  im  5lbenb* 
mabl  nur  eben  biefeS  lebenbige  Sßerbältnifj,  ttrie  eS  ftdj  an 
einem  einzelnen  mehreren  Triften  gemeinfamen  Moment 
ber  SBergegenmärtigung  (Stjxtfti  offenbart.  —  ^n  biefer  £>in* 
ftebt  fann  eS  rätr)felr)aft  erlernen  roarum  bxt  ®ir$e  —  benn 
auf  ber  (Sinfeaung  (Tfjrifri  beruht  bieS  nidjt  —  ben  iebeS* 
maligen  Sbeünebmern  in  93ejug  auf  ttjr  Sßefenntnife  ber 
«Sünbe  bie  Vergebung  berfelben  f<$on  cor  bem  ©enufs  beS 
(SacramentS  auSft)rt$t.  tiefer  5lct  gebort  aber  auf  ä^nlictje 
SSeife  al§  Slnticipation  bem  5lbeubmabl  an,  roie  bie  Firmelung 
umgefebrt  ber  Saufe  angehört  als  nacbträglicbe  (Ergänzung. 
S)aber  eS  audj  in  ber  eöangelifcben  ®ird)e  batb  aufgegeben 
morben  ift,  bie  Slbfotution,  roie  anfangs  bier  unb  ba  gefcbefjen 
mar,8  als  ein  eignes  (Sacrament  für  ftd)  an^ufeljen.  2)enn 
baS  ©ünbenbefenntnifc  bat  feinen  öffentlichen  fir(^Ucr)en 
(£b&rafter  als  nur  in  SBejug  auf  baS  Slbenbmabl;  unb  ber 
2öunfd>  an  biefem  tbeiljunebmen  ift  merjt  anberS  auSsutyredjen 
als  burdj  ein  ©ünbenbefenittnifj,  meil  eS  otjne  @ünbe  leiner 


1  Monemus  etiam  ne  existiment  propter  hoc  opus  .  .  remitti 
peccata,  sed  ut  fiducia  intueantur   mortem    et   meritum   filii  Dei 

et    statuant    propter    ipsum    nobis    peccata    remitti.      Conf.    eccl. 
Sax.  p.  173. 

2  Melanchth.  loc.  theol.  Numerantur  haec  sacramenta, 
baptismus,  coena  domini,  absolutio.  —  5)affelbe  geljt  audj  Ijerbor  au§ 
ber  Drbnung  ber  Strtifel  8—13.  in  bem  2htg§b.  93er.  X)at)er  aud)  Apol. 
Conf.  VII.  p.  200.  Vere  igitur  sunt  sacramenta  baptismus,  coena 
domini,  absolutio,  quae  est  sacrameutum  poenitentiae. 


342  ©er  djriftüdje  ©laube.  ßiücltcr  Xtjeil. 

(Erneuerung  ber  ^Bereinigung  mit  (Stjrifto  bebürfte.  Subem 
aber  Die  ®tr<$e  fcbon  in  Söesug  auf  biefeS  SBefenntnifc  Me 
Vergebung  ber  (Sünbe  anfünbigt,  erflärt  fie  eigentlich  nur 
Siierft,  bafc  fie  ben,  roeldjer  jegt  eben  ba§  SBebürfnife  ber  ©r* 
ncuerung  feiner  ®emeinfrf)aft  mit  (£fjrifto  füljlt,  benjenigen 
gleicbftettt,  roeldje  e§  eben  fdjon  befriebigt  baben,  unb  bann 
giebt  fie  baburd)  bem  Söebürftigen  bie  (SJettrifjfjett,  bafj  er  im 
(Sacrament  feine  Söefriebigung  finben  merbe.  ©aber  nrirb 
aucb  tool  jeber  ebangelifcbe  (£ljrift  bie  (Erfahrung  machen,  bafe 
ba$  Söeroufjtfein  ber  ©ünbenöergebung  bei  ber  bon  ber  ®irc&e 
ertbeilten  Slbfolution  bod)  nur  ein  ©chatten  ift  tion  bem, 
beffen  er  fid)  im  ®enufj  be§  SlbenbmabB  felbft  erfreut;  meil 
nämlich  r)ier  bie§  Söetoufjtfein  berbunben  ift  mit  bem  einer 
neuen  (Sinftrömung  geiftiger  2eben§fraft  au§  ber  gütte 
©brifti  um  bie  Hemmungen  be§  neuen  £eben§  unb  bie  üftacfc 
reirfungen  ber  allgemeinen  ©ünbbaftigfeit  nrirflicfc  aufsu* 
beben 

2.  2lu§  bem  gefagten  folgt  bon  felbft  für  ba%  $erfal)ren 
ber  ®ird)e  bei  biefer  ^anblung  folgenbe§.  (Erftlid),  ba$  Slbenbs 
maljl  beliebt  fi<$  auf  bie  Saufe,  unb  e§  fann  baber,  fo  lange 
bie  ®inbertaufe  aufrecht  erhalten  bleibt,  feine  £betlnabme 
am  5lbenbmabl  ftattfinben  bor  ber  Firmelung  in  bem  toro* 
teftantifdjen  (Sinne  be§  SöorteS.  £)te  Kommunion  ber  ®inber, 
in  benen  roeber  ba$  SBeroufetfem  ber  ©ünbe  no$  ba$  Söettmfjts 
fein  ber  ®nabe  gehörig  entruiffelt  fein  fann,  ift  baber  ein 
arger  SUcipraudj  ber  an  abergläubifdjen  SSorftettungen  haftet. 
3roeiten§  ba  nacb  feiner  t»on  ben  berfdjiebenen  5lnfid)ten  ber 
(Sadje  ein  2lbenbmabl§genufj  ftattfinben  fann  oljne  eine  SSer* 
gegenmärtigung  (ÜHjriftt  im  ®etft:  fo  fann  e§  feine  Slbenb* 
mabl§banblung  geben  in  bem  Buftanbe  unbotffommner  SBe* 
finnung  ober  gar  bei  zerrüttetem  ober  fcbon  im  Sßerfcbnrinben 
begriffenen  23ettmfjtfein.  £>ritten§  ba  ba$  2lbenbmabl  at§ 
eine  gemeinfame  £anblung  bon  GPjnfto  angefeat  ift,  foH  e§ 
aucb  immer  fo  nur  in  ber  $ircbe  begangen  roerben.  ©ben 
baber  aber  foHte  au$  nie  borfommen,  bafj  e§  Triften,  bit 
buxfy  ^ranfbeit  ober  anbere  llrfadjen  abgebalten  merben  an 
ber  öffentlichen  geier  tbeil^unebmen,  an  SDcitgenoffen  biefer 
ftanblung  fehlte,  fo  ba%  fie  ba§>  9lbenbmabl  allein  begeben 
muffen.  (Enblid)  Viertens  finbet  bti  un§  bie  2ebre  ber 
gried)ifcben  unb  römifdjen  ®ird)e,  bafj  bit  SSerbinbung  be§ 
ükibe§  Gbrifti  mit  bem  Sörobt  aufcer  bem  (Stenufe  berfelben 
im   «Sacrament   aucf)   nodj   bie  Statur   eine§   forttuä&renben 


gtoeiter  St&fönlit.  SSon  ber  93efdjaffenf)ett  ber  SBeU  2c.  343 

Dpfer§  %ahz  mel<$e§  (SJott  bargebracrjt  mirb,1  gar  feine  5tn= 
fitübfung  unb  bleibt  für  immer  gänglid)  au§gefä)loffen ;  felbft 
menn  biemübernbe  ßhcflärung,  bafj biete gleidjfame  Söieberljolung 
be§  Opfert  (£brtfti  am  ®reu§  lebiglid)  eine  (Erinnerung  an 
baffelbe  fein  foHe,  ni<$t  öäiiäitcr)  abgefdmitten  märe.2  2)enn 
nur  miffen  nidjt§  bon  SBerbienften  nnb  ($5enugtt)uungen,  mie 
fie  Riebet  beamefft  merben.8  £)ie  Aushülfe,  bafj  bk§  Dbfer 
fein  anbereS  fein  fotte  al§  ba§  am  $reug  bottbracfcte  jonbern 
nur  baffelbe,4  ift  für  un§  böttig  nichtig;  benn  mir  müfjten 
jn  bem  (Enbe  bie  Aufopferung  in  bem  £obe  (£r)rtftt  gänaltd} 
trennen  bon  bem  ($5eljorfam  in  feinem  ßeben,5  unb  bann  märe 
ba§>  urfprünglicbe  Dbfer  eben  fo  eine  nnttruljrlic^e  Anftalt 
unb  eben  fo  magtfdj  mie  ba$  Söfefsopfer.  Sluf  ieben  patt 
müfjte  bodj  biefei  Dbfer  al§  eine  (Ergänzung  be§  urforüng* 
liefen  angefe^en  merben;  unb  bann  folgte  einerseits?,  bafj 
oljne  baffelbe  (Sott  bie  (gläubigen  ni^t  immer  in  ßbrifto 
fel)en  mürbe,  unb  alfo  bie  9?edjtferttgung  mieber  aufgeboben 
märe,  olnteradjtet  ba$,  bermöge  beffen  bie$  allein  erfolgen 
fönnte,  bod)  au<$  fdjon  in  ber  rectjtfertigenben  göttlichen 
^ätigfeit  als  göttliches  $orljermiffen  mufe  mitgefegt  gemefen 
fein.  $)amit  ljcingt  aber  nod)  eine  smeite  Solge  sufammen, 
nämlich  bafj  bk  ©rlöfung  —  nid)t  nur  ma§  itjre  SSermirf* 
li<$ung  in  ben  ÜOcenjcrjen  betrifft,  alfo  bon  ifjrer  seitlichen 
Seite  angefeljen,  benn  ba  berftebt  e§  fiel)  öon  felbft,  fonbern 
auetj  ölS  ®runb  be§  göttlichen  28ol)lgefalIen§  alfo  bon  ifjrer 
emigen  (Seite  angefe^en  —  erft  bottftänbig  mirb  bureb  biefe 
ergänäenbe  ipanblung  ber  ®ir<$e,  ba$  Ijeifct  bafj  bie  SDcenfcben 
äum  äljeil  fidj  felbft  erlöfen,  inbem  ba£  t) otj eprieft erlief e  Amt 
<£t)riftt  unpreid&enb  märe  olme  ba$  Sftefjopfer.  ©aber  menn 
auci)  nid)t  mejjr  nötljig  ift  bie  Sfteffe  als  eine  Abgötterei  su 
begegnen,  mir  bod)  babti  beharren  biefe  gange  SSorfteHung 
bon  einem  Dbfer  nadj  bem  (Snbe  aller  Dbfer,  meil  fte  au§ 
erweislichem  SJcifjberftanb  Ijerborgegangen  notbraenbig  inbem 


1  "Exlhcjcs  opfroS.  tust.  107.  Catech.  Rom.  II.  77.  ut  ecclesia 
perpetuum  sacrificium  haberet,  pro  peccata  nostra  expiarentur. 

2  Sacrosanctum  missae  sacrificium  esse  non  solum  nudam  commemo- 
rationem  sacrificii  quod  in  cruce  factum  est,  sed  vere  etiam  propi- 
tiatorium  sacrificium. 

3  Qui  hoc  sacrificium  offerunt,  qui  nobiscum  communicant,  do- 
minicae  passionis  fruetus  merentur  et  satisiaciunt.     ibid.   79. 

4  Unum  itaque  et  idem  sacrificium  esse  fatemur  et  haberi  debet, 
quod  in  missa  peragitur  et  quod  in  cruce  oblatum  est.    ibid.  53. 

5  £eör.  2,  10.  17.  —  3,  2.  —  5,  8. 


844  $er  d)riftlid)e  ©laube.  Setter Xfjeil. 


fte  ben  ©tauben  bernrirrt  ben  Aberglauben  tj  erb  or  ruft,  unb 
namentlich  ben  SBcgriff  be§  c&rtftlitfien  $rieftertb,um§  berfälfät, 
audj  nod)  befonberS  an  unb  für  ftcb,  unb  unabhängig  bon  ber 
$ermanbtung§leljre,  mit  ber  fte  natürlich  äufammentjängt,  un* 
bebingt  m  bermerfen.1 

§.  142.  3n)ci'tet  Sefyrfaj.  SDer  unmürbtcje  ©e* 
nufc  £>e3  2tbenomaJ?l£  gereift  beut  ©ernennten  sunt 
©eridjt. 

Apol.  Conf.  IV.  Christus  ait  (1  Cor.  11,  19.)  illos  sibi  iudiciuca 
manducare  qui  manducant  indigne ,  ideo  pastores  non  cogunt 
hos  qui  non  sunt  idonei,  ut  sacramentis  utantur.  —  Conf. 
Belg.  XXXV.  p.  195.  Nemo  itaque  ad  hanc  mensam  se 
sistere  debet,  qui  prius  sese  recte  non  probaverit,  ne  de  hoe 
pane  edens  et  de  hoe  poculo  bibens  iudicium  sibi  edat  et 
bibat.  —  Catech.  Heidelb.  LXXXI.  Hypocritae  autem 
et  qui  non  vere  resipiscunt,  damnationem  sibi  edunt  et 
bibunt. 

1.  @g  ift  ni<$t  leitet  ftdj  über  bk  Slnmenbbarfeit  btefe§ 
3aae§  flare  Sftedjenfdjaft  ju  geben.  2)enn  juerft  ift  e§  fdjmer 
ft<$  eine  befttmmte  SSorfteHung  babon  au  machen,  mober  bie 
UnttmrbtQfeit  fotnmen  fotf,  ha,  mer  fein  ©lieb  ber  djrtftlidjen 
®ircb,e  ift,  audj  feinen  Butritt  ju  bieiem  ©acrament  fjat,  jebe§ 
matjre  ©lieb  berfetben  aber  audj  jebe§mal  um  io  metjr  ein 
mürbiger  ©enoffe  fein  wirb,  al§  bitftä  Wlaty  burdj  \>k  ©in* 
feaung  ©jjtifit  eine  eigentümliche  unb  unabhängige  ®raft 
beftat,  burcf)  bie  e§  ftd)  bor  allem,  ma§  fonft  al§  StuSbruff 
unb  SSirfungSmittel  ber  grömmigfeit  borfommt,  fo  auszeichnet, 
ba%  ieber  ftdj  jur  günftigften  (Stimmung  aufgeforbert  füllen 
mui  2öa§  ftdj  bem  ofmeradjtet  aunäctjft  barbietet  ift  biefeS. 
£)a  ba§  Slbenbmafjl  als  eine  gemeinsame  £>anblung  eingebt 
ift,  unb  bon  ben  Wienern  be§  2Borte§  öffentlich  bargereidjt 
mirb:  fo  muffen  aud)  baau  nad)  firdjlic^er  Drbnung  beftimmte 
Seiten  gelegt  fein.  SDieje  Drbnung  erfdjeint  alfo  a!3  eine 
$luff  orberung ,  unb  e§  läfet  ftd)  benfen,  bafj  ©inaetne  biefer 
Aufforberung  —  fei  e§  nun  au§  ©emofjnfjeit  ober  um  be£ 
UrtfjeüS  Anberer  mitten  —  ©etjör  geben,  oljne  ba%  burd) 
ba§  Semufeti'ein  üjre§  unbollfommnen  geiftigen  3uftanbe§  eine 
(Seftufudjt  nadj  Meiern  ©enufj  in  Urnen  erregt  morben.    ©in 


1  §elbelb.  Äatedj.  3fr.  80.      Artic.  S male.  II.    de    Missa. 
Expos,  simpl.  c.  XXI.  p.  78. 


Stoeiter  Stöfdjnitt.  SBon  ber  «Befc^affen^eit  ber  2Bett  2c. 345 


foldjer  ®enufe  ift  in  feinem  Urfbrung  ein  unmürbiger,  roett 
er  mit  ber  2lbfi<$t  ber  (Sinfeäung  in  feinem  Bufammenbang 
ftefjt,  inbem  oljne  ein  lebenbigeS  SBerou&tfem  bon  bem  berfon* 
liefen  $ert>ättnifc  §u  (Sfcrtfto  au<6  feine  mirffame  (Erinnerung 
an  ifjn,  fo  toie  er  liier  bargefteltt  mirb,  möglich  ift.  Unb 
bietet  mirb  immer  fehlen,  mögen  mir  unS  nun  ben  Buftanb 
al§  eine  bumbfe  ®ebanfenlofigfeit  borftetfen,  meiere  bur$ 
bie  £anbhmg  fetbft  niefct  übermunben  mirb,  ober  als  etn 
fortmäfjrenbeS  <8emu£tfein  frembartiger  SKotibe,  meldjeS  faum 
anberS  als  augleicl)  mit  einem  menn  auef)  nur  borub  ergeben* 
ben  Unglauben  an  bie  ftraft  unb  SSürbe  beS  ©acramentS 
ftattfinben  fann.  o  ; 

2.    (Sollen  mir  nun  aber  unter  bem  ©ertdjt,  baS  aiS  Die 
^otge  jener  Unmürbigfeit  beaetänet  mirb,  bie  (Sinfübrung in 
bie  emige  23erbammnifc  berfteljen:  fo  erfäeint  eS  unmöglich 
smifetjen  beiben   einen  Bufammenljang  aufstellen,     ^a  ej 
jcfcetnt  al§  bürfe  man  —  menn  ber  unmürbige  ©enufe  bod) 
möglich  ift  unb  fott&e  ®efabr  auS  bemfelben  entfielt,  auf  ber 
anbern  (Seite    aber  ber   Ijeilbringenbe    geiftige  ®enufj    beS 
gteifc&eS  unb  S31uteS  ßbrifti  audj  aufcerSalb  beS  SacramenteS 
ftattfinbet  -  ben  SSunfct)  liegen,  baS  ©acrament  möge  lieber 
nidjt  eingelegt  unb  mir  an  jenen  aufeerfacramentlic^en  ®enut$ 
allein  gemiefen  fein,     ©e^en  mir  inbefc  bie  SBorftellung  ber 
emigen  SBerbammmfc  borläufig  bei  <Seite,  unb  bleiben  bet  ber 
Unmürbigfeit  fielen:  fo  ift  bod)  fomol  bie  ®ebanfentofigfeit, 
burtf)  meiere  ein  fo  reichhaltiger  Moment  in  eine  bebeutungS* 
lofe  äußere  Verrichtung  bermanbelt  mirb,  als  bk  Unmabrpett, 
meiere  frembartige  Q3emeggrünbe  hinter  biefe  fjeitige  £>anbiung 
berftefft,  eine  £erabmürbigung,  meiere  ferjr  baw  geeignet  ift 
einen  Buftanb  ber  Unemtfänglicttfeit  unb  SSerftoffung  berbet* 
sufü&ren,  ben  mir  alle  Urfac^e  Saben  als  ein  (Clement  ber 
SBerbammntfc  ausuferen.     Unb  Stebur#   re*tferttßt  fic&  ber 
2Iu§bruft  unfereS  ©aseS   boHfommen.    2)aS  5lbenbmat)l  er* 
f c^eint  nämlid)    als    ein  <3rf)eibungSmittet,    inbem    ber  an* 
gemeffene  unb  mürbige  ©enufc  bk  ßebenSgemein^aft  mit 
eSrtfto  beförbert,  ber  unmürbige  aber  biefeS  fräfttgfte  äJctttel 
*ur  33efeftigung   berfelben  immer  unmirffamer  macf)t:    unb 
alfo  bie  ®emalt  aller  Hemmungen  immer  bermefjrt.  Sebenfen 
mir    nun    mie   unüberminblic^    fdjon    bie   ®ebanfeniofigfeit 
merben  mufj  unb  nodj  mefjr  mie  f<$amtoS  Die  UnmaMeit, 
menn  beibe  baS  ^eilige  übermunben  Ijaben,  unb  mie  menig 
Haltung  ber  glaube  an  ben  (Srlöfer  behalten  fann,  menn  feine 
^nftitutionen  auS  i&rem  3ufammenf)ang  gertffen  merben:  fo 


346  3)erftrHtltcf)e®iaube.  3roetter  £fieU 

tncrben  mir  bie  fcrjauerlicrje  ©djeu  begreiflich  finben ,  mit 
welcher  fiel)  bk  affetifcfye  (Sprache  ber  alten  ®ird)e  über  biefen 
(Skgenftanb  auSbrüftt.  9lux  ift  itm  fo  nötl)iser,  bafj  bte 
öffentliche  £el)re  ftd)  aller  nid)t  au§  ber  ©ac^e  fltefjenben 
entmutljigenben  93eftimmungen  enthalte. 

3.  (£§  lorjnt  aber  bon  Ijier  au§  nodj  einmal  auf  ben  Unter* 
fcrjieb  snnfetjen  ber  lutljertfdien  unb  ber  falt>inifd)en  SSor* 
ftetfung  bom  Slbenbma^l  ^urüffsuferjen,  um  un§  §u  überzeugen 
tute  menig  er  basu  geeignet  ift  eine  Trennung  ber  ®trcrjen= 
gemeinfd^aft  äu  begrünben.  ^nbem  e§  nämlich  feiner  bon 
beiben  gelingt  ba&  brüte,  ma§  fie  annehmen  unb  ma§  mir 
bur<$  ben  2lu3bruff  facramentlidjen  (Stenufe  be^eid^ten,  311 
einiger  2tnfc&aulid)feit  ju  bringen:  fo  ermittelt  bod)  sulegt  bte 
Söesietmng  auf  unfern  ©a§  ben  eigentlichen  SSertlj  be§  Unter* 
fct)tebe§  ätoikien  beiben.  2)enn  biefe§  fteljt  feft  in  ber 
lutljerifd&en  £)arfteflung ,  bafj  meil  ber  facramentlic^e  ®enufj 
be§  £eibe§  unb  S8iute§  an  ben  be§  SBrobteS  unb  SSeineS  ge* 
bunben  ift,  er  aud>  ben  mürbtg  unb  unmürbig  geniefjenben 
gemeinfam  ift,  nur  bafj  er  ben  ©inen  jum  Werter)!  gereift  ben 
Slnbern  aber  sunt  geiftigen  ©enufj  unb  öernüttelft  beffen  §ur 
©eligfeit.  2)ie  fatüintfcrje  £ljeorie  aber,  meiere  ben  facra- 
mentttd&en  ©enufj  an  ben  geiftigen  binbet,  fann  bem  gegen- 
über nur  behaupten,  bafj  bieUnmürbtgen  jene§  facramentlid)en 
®enuffe§  gar  nid)t  tfeetlljaft  m erben.  Sft  nur  bie[e§  ba§ 
einzige  flare,  ma§  barüber  au§gefprod)en  Serben  fann:  fo 
mul  ber  Unterfdjieb  ganj  in  ba%  2)unfle  surüfftreten ,  menn 
ber  unmürbige  ©enuft  au§  ber  SßrajtS  berfdjminbet.  2)iefe 
SHfferenä  in  ber  ßeljre  mürbe  alfo  auf  ieben  galt  bon  fetbft 
berfc&minben,  menn  beibe  ^ird^engemeinfetjaften  fict)  ber  $ßoU* 
fommenljeit  nafjen,  unb  fann  alfo  ba%  abgefonberte  SBefteljen 
bcrjelben  nidjt  Jjinreictjenb  begrünben;  beim  ber  unmürbige 
©enufj  äeugt  immer  bon  einer  Unöottfontmenljeit  ber  SHrdje. 
(Stimmt  bk  £>anblung  berer  bie  sunt  ©acrament  fjinsutreten 
mit  bem  ©emeingefüljl  be§  ©ansen  aufammen;  §at  fid)  bie 
bn§  ©acrament  barreidjenbe  ®ir$e  sunt  boflfommnen  WliU 
gefügt  be§  ®anäen  mit  bem  «Snftanbe  iebe§  (Sinaelnen  ent- 
miffelt:  fo  mirb  feiner  auf  unmürbige  Steife  bc£  ©acrantenteS 
begehren,  unb  bie  gemeine  mirb  e§  feinem  sunt  unmürbigen 
©enufj  barretdjen.  (Schreitet  nun  bod)  bte  ®irdje  mirflid) 
aum  befferen  fort,  fo  muffen  bk  pfiffe  immer  feltener  m erben 
unb  aftmäfjlig  berfdjnnnben,  meldte  allein  ben  Unterfdjieb 
beiber  ST^eorien  tn§  SBeroir&tfem  rufen  fönneu. 


Siuciter  Stbfctjnitt.  Sßon  ber  SBefdiafienljeit  ber  33ett  jc.  347 

Slntjang  $u  ben  legten  beiben  Setjrftüffen 

S5on  bcm  tarnen  ©acrament. 

§.  143.  SDte  eoangelifäje  $ird)e  gebraust  fcen  tarnen 
©acrament  nur  für  fciefe  beiden  oon  (Sfyrifto  felbft  ehtge» 
fegten  unt>  feine  t)o^eprteftertic§e  ^ättgleit  repräfentirenfcen 
Snftitutionen  Saufe  unb  21benbmafyl. 

1.  (£§  tft  natürltcb,  bafc  eine  au§  einem  gan§  fremben 
(Gebiet  Ijerübergenommene  Benennung  auf  bem  unfrigen  feine 
befttmmte  Umgrenzung  Ijat.  ©aber  tft  nur  fer)r  aßmä'btig  bie 
römtfdje  ®ir$e  §u  ibren  fieben  ©acramenten  gelangt,  unb  erft 
aümäfjlig  ftnb  mir  bei  biefen  gmeten  fteljen  geblieben,  ®ann 
man  nun  bie  (tanbelemente  ber  Sßebeutung  biefeS  SSorteS 
niebt  oljne  große  Söeforgnifj  mit  aufnebmen,  meil  ber  2luS* 
bruff,  miemol  baS  neuteftamentifc&e  Söilb  eines  (Streiters 
<£t)rifti  babei  sunt  <$5runbe  liegt,  bo$  auS  biefem  grabe  ein 
Moment  oon  fe&r  fd)tt)anfenber  Slnraenbung  IjerauSgertffen 
f)at:  fo  barf  man  tool  noeb  unbebtngter  als  Bmingli1  getban 
ben  SBunfd)  liegen,  bafj  biefe  Benennung  lieber  nidj)t  möchte 
in  bie  fircf)lict)e  ©pracbe  aufgenommen  raorben  fein,  mitbin 
auä)  ben,  bafj  man  iljn  barauS  roteber  möge  binroegf Raffen 
tonnen.  2)ieS  fönnte  gefc^eljen  öermittelft  einer  21nnät)eruug 
an  bie  morgentänbt[d)e  ®tr<$e,  ber  biefe  Benennung  fremb 
geblieben  ift,  unb  bie  bafür  ben  9luSbruff  ®et)etmntffe  bat,  ift 
aber  gemife  erft  einer  fpäteren  Bett  aufbehalten.  5lHein  ba 
aud)  ein  SSunfd}  nur  tnjofern  Oernünftig  ift,  als  er  irgenb 
etroaS  §u  feiner  Erfüllung  beiträgt:  fo  mirb  bie  SBeränberung 
§ter  babureb  eingeleitet,  bafj  mir  Saufe  unb  2lbenbmat)l  für 
fieb  unb  oljne  beftimmte  SBeaieljung  auf  biefen  tarnen  be* 
ijanbelt  tjaben,  miemol  er  als  befannt  biSmeilen  ber  bequem« 
liebfeit  megen  gebraust  morben  ift.  S)enn  burd)  baS  gemö^n« 
liebe  SSerfa^ren,  melcbeS  biefen  fogenannten  allgemeinen 
begriff  ooranfd)tfft  unb  erflärt,  befefttgt  ftet)  immer  meljr  bie 
f alfdje  SJceinung,  als  fei  bieS  ein  eigentlich  bogmatifeber  58e* 
$riff  unb  fage  etmaS  bem  ©briftenttjum  mefentlicbeS  auS,  unb 
als  erhielten  Saufe  unb  2lbenbmat)l  ibren  etgent&ümlidjen 
SSertb  borsüglicb  babureb,  bafj  ftdj  btefer  begriff  in  iljnen 
realifirt.  SDiefeS  SSorurtbeil  finbet  in  ber  bier  etngefcblagenen 
SBefjanblung  menigftenS  feinen  SBorfctmb,  ba  aueb  bie  nähere 


De  vera  et  falsa  rel.  p.  194. 


348  S5erdm[tlicf)eüMaiibe.  3roeiter  Sljeil. 

löeaicl^ung,  in  meiere  mir  Saufe  unb  &benbma§l  unter  fidj 
ßcfteHt  Ijaben,  gan*  unabhängig  gehalten  ift  oon  biefem  §er- 
gebrauten  Tanten,  unb  lebiglicf)  —  eben  fo  roie  bie  je  sroeier 
anbem  Seljrftüffe  biefe§  £>auptftüffe§  —  auf  ba&  gemeinfame 
S3erl)ältntfe  ju  einer  üou  ben  mefentlicrjen  $eruf3tljätigfeiten 
(£l)rifti  gegrünbet,  fo  bafj  e§  ganj  zufällig  erfd^eint,  bafjbieie§ 
mittlere  $aar  unferer  [ect)§  Üeljrftüffe  einen  gemeinfamen 
tarnen  füljrt,  bit  anberen  aber  ntct)t. 

2.  ^ebenfalls  märe  e§  ein  unfruchtbares  Sßerfaljren,  ben 
tarnen  ettunologifd)  gu  prüfen  unb  barnacf)  beftimmen  ^u 
motten,  roa£  barunter  fubfumirt  roerben  fönne  unb  roa3  nidtf. 
<So  ift  audj  ber  (Streit  mit  ber  römifdjen  ®irdje  ganj  leer, 
roenn  e§  fidj  blofj  um  bie  (Srftärung  biefe§  28orte§  Ijanbelt, 
ob  bk  unfrige  bie  richtige  fei  ober  bit  irrige,  nad)  melier 
no$  fünf  anbre  Snftituttonen  biefen  Tanten  führen  !önnen. 
©onbern  er  §at  nur  einen  ©inn,  roenn  bie  Gegner  baburd) 
in  irgenb  einer  mef entließen  Q3eätet)ung  jene  anberen  föanb* 
lungen  biefen  beiben  gleidj  fejen  motten.  2)a  nun  im  ©egeiu 
tljeit  bie  Ungletctjartigfeit  jener  £>anblungen  unb  SSerr)äItniffe 
emleuditenb  ift,  roelc&e  bie  römifd)e  SHrd)e  unter  biefem 
tarnen  fafet,  unb  bie  3ufammengel)örtgteit  ber  beiben,  roeldjen 
unfere  SHrctie  biefen  tarnen  auSjcfyliefjenb  beilegt,  anberroeitig 
nadjgeroiefen:  fo  bleibt  un§,  menn  ber  9came  nodj  femer  ge= 
brauet  merben  fott,  nichts  übrig,  al§  tjjn  rein  roittfutjrlidj 
unb  olme  alle  anbere  Sftürfftdjt  auf  feinen  urfprünglidjen 
(ginn  an  einer  gemetnfcfyaftlidjen  58eäeid)nung  biefer  beiben 
^nftitutionen  au  ftempeln.  £)er  ®ebraudj  ber  eoangelifdjen 
®irdje  mar  anfänglich  audj  nict)t  feft;  nidjt  nur  mürbe  bie 
Slbfolution  al§  britteS  aufgeftettt,  fonbern  äReland)ttjon  fctjlug 
aud)  oor1  nodj  bte  Drbinntion  mit  ju  ben  ©acramenten  §u 
jaulen;  attein  jene§  jat  feinen  SBeftanb  behalten,  unb  biefe§ 
|at  leinen  Söeifatt  gefunben.  SSir  finben  e§  allgemein 
richtiger  unb  unfere  $benbmaf)I§feier  fjat  ftdt>  ganj  barnad* 
geftaltet  bit  SIbfolution  al§  einen  Söeftanbtljeil  berfelben  anju* 
fetjn,  mogegen  fie  trjre  facrantentlidje  ©elbftänbigfeit  nerloren 
Ijat;  unb  e§  mar  thtn  fo  richtig  bie  girmelung,  nadjbem  fie 
auf  eine  beftimmte  üBebeutung  surüfföeftt&rt  mar,  äur  Saufe 
ju  redmen.  2)ie  Saufe  mar  aber  pgleidj  bie  Söeitje  §u  bem 
magren  atten  ©Triften  gemeinfamen  $rieftertljum ;  mogegen 
ber  £)ienft  be§  2Borte§  in  jenem  engeren  amtlichen  ©inn 
nietet  allen  Triften  gemeinfam  ift,  unb  al[o  aud)  bie  G£m= 


1   Loc.    th.   de   nuin.   saenim. 


gtnetter  Stofänttt.  SSon  ber  23eftf)affen£)ett  ber  SScIt  jc.  "49 

fegnung  bct§u  nidjt  jener  gleichgestellt  m erben  fann.  $)te  (£be 
ift  nur  fjtefjer  gefommen,  roeil  bte  (Schrift  ben  2lu§bruff  ©e* 
betmnifj  öon  iljr  gebraust,  für  melden  eben  ber  2lu§bruf£ | 
Sacrament  eingetreten  tft;  aber  fie  %at  nidjt  nur  al§  ein 
permanenter  guftanb  mit  unfern  beiben  ©anblungen  feine 
2lefjnlid)feit,  fo  ba%  analogtfcb  nur  bie  (ginmeibung  sur  (£be 
ein  Sacrament  beifjen  fönnte,  ntctjt  bie  (Slje  felbft,  fonbern 
fie  gehört  audj  ntdjt  bieber,  roeil  fie  al§  ein  göttlicbeS  Sitten* 
inftitut  fdjon  bon  Anfang  an  obne  Söe^ug  auf  bie  Senbung 
ßbrifti  beftanb.  2Ba§  man  enbli<$  audj  ber  legten  Delung  al§ 
einem  ©ebraudj  be§  apoftoltfcrjen  3eitalter§  für  ®raft  bei* 
legen  moEte,  fie  mürbe  ficfe  immer  nur  auf  bie  23irf  famfett 
be§  ($5ebete§  ber  Strebe  im  tarnen  ^efu  grünben,  mie  audj 
bit  ©infegnung  ber  @&e  nur  al§  ein  foldje§  <&zbet  gelten 
!önnte.  Söeftimmt  genug  fallen  alfo  bie  übrigen  ©ebräucbe 
bon  unfern  beiben  Sacramenten  ab;  aber  bag  gemeinfame 
bon  biefen,  mit  meinem  Tanten  man  fie  aud)  gemeinfcbaftlicb 
bezeichne,  mirb  immer  barin  befielen,  bak  fie  fortgelegte 
Sßirfungen  (£{jrifti  ftnb,  in  ©anbiungen  ber  ®irdje  eingebüßt 
unb  mit  ibnen  auf  ba§>  innigfte  berbunben,  burdj  meiere  er 
feine  rjor)epriefterltcrje  Sbätigfett  auf  bie  ©tnselnen  ausübt, 
unb  bie  £eben§gemeinfcbaft  ätüifc&en  ibm  unb  un§  um  berent* 
miUen  allein  (Sott  bie  ©in^elnen  in  dbrifto  ftetjt,  erbält  unb 
fortpflanzt. 

3.  dli$t  ganj  gu  übergeben  ift  t)ier  aueb  ber  Sufammen* 
Ijang  jnnfeben  unfern  beiben  Sacramenten  unb  smei  alttefta» 
mentifeben  @mtriä)tungen ,  nämlid)  ber  Söefdmeibung  unb  bem 
^affabfeft;  ein  3nfammenljang  ber  balb  mebr  balb  mentger 
berborgeljoben,  oft  aber  audj  gans  falfcl)  üorgefteüt  mirb. 
©ans  fatfdj  nämlicb  ift  bie  ÖorfteHung  al§  ob  Söefcbneibung 
unb  ^affabfeft  aueb  in  irgenb  einer  befonberen  Söegieljung 
mit  einanber  geftanben  Ratten,  mie  Saufe  unb  5tbenbmabl. 
S£)ie  SBefdjneibung  al§  ein  abrabamitifebeg  ^nftitut  fyattt  auf 
feine  SBeife  ein  anbere§  QSerbältnifj  sunt  $affabfeft  al§  §u 
anbern  mofaifeben  ^nftitutionen.  Unb  abgefeben  Ijtebon  fagt 
man  biel  ju  biet,  menn  man  behauptet,  bie  Saufe  fei  an  bie 
(Stelle  ber  Söefctmeibung  getreten  unb  ba$  Slbenbmabl  an  bie 
Stelle  be§  $affabfefte§.  3)emt  bie  Saufe  ift  ganj  unabhängig 
bon  ber  SBefcbneibung  eingefejt,  unb  bie  SBefcbneibung  bot 
aueb  ntctjt  burdj  bte  Saufe  aufgebort,  fonbern  buref)  ba$ 
Uebergemidjt  ber  £eiben$riften  über  bit  i^ubendjriften  unb 
burdj  bie  SSermifcbung  beiber.  Unb  ba$  5lbenbmaf)l  Ijat  ftdt> 
*mar  an  bie  $affabfeier   angefdjloff  en ,  aber  e§  ift  bon  ber* 


350  £er  <$riftli<$e  ©laube.  3toeiier  Sfietl. 

felben  fogleidj  oelöft  toorben,  unb  ba$  $affab  tft  toon  ben 
jübifcben  ©Triften  nodj  mitgefeiert  morben  obne  alle  Söesiebung 
auf  baä  5l6enbmdjl.  3)ocb  ift  nicbt  unmöglich  bafc  grabe  eine 
genauere  23eacbtung  be§  urfbrüngticben  <Sttffung§Derbältniffe§ 
erft  auf  ein  genaueres  Sßerftcinbnifc  ber  fdjmierigen  5lu§brüffe 
hei  ber  (Sinfe^ung  be§  2l6enbmafjl§  ^infü^ren  fönne.  2öte 
benn  aucb  bie  Sßergleidjung  beiber  neuteftamenttf^en  ^nftitute 
mit  biefen  altteftamentifcben  febr  beftimmt  barauf  für)rt  bie 
SSericrjtebertrjeit  be§  alten  unb  be§  neuen  $8unbe§  ret^t  in3 
Siebt  ju  fejen. 

günfteS  S e r) r ft ü f t 

«Born  2lmt  ber  ©djHiffel. 

§.  144.    Söegen  ityre<S  Sufammenfetn^  mit  bet  Sßelt 

befielt  in  ber  $ircbe  eine  cjeteggebenbe  unb  eine  oer* 

roaltenbe  9flad>t,  toeW&e  ein  roef entließet  2lu£ftu&  ift  auä 

bem  föniglicben  Slmt  ß^riftt. 

1.  Söenn  bie  ®ircbe  OoEfommen  in  fidj  abgefdjloffen  märe, 
fo  bafj  in  allen  $u  üjr  gehörigen  nicbt§  mebr  ber  SBelt  an* 
gehörte,  fonbern  bie  (Seele  eine§  ieben  Triften  bem  gangen 
©Aftern  üjrer  Gräfte  nacb  ein  t>oßrommne§  Organ  be§  Zeitigen 
®eifte§  märe:  fo  mürbe  überall  unb  immer  in  ber  ®ircbe 
aUe§  nur  fo  erfolgen  unb  smar  t>on  felbft,  mie  e§  biefem 
(Steift  gemä£  ift.  Unb  meil  megen  ber  ©elbigleit  biefe§  ®eifte§ 
bann  atfe§,  ma§  geftf)äfje,  aucb  oon  felbft  auf ammenftimmte : 
fo  gäbe  e§  feine  2)ifferens  snnidjen  bem  allgemeinen  SBiUen 
unb  bem  ber  (£inselnen,  unb  nirgenb§  märe  SSeranlaffung  ju 
einem  ®efes,  fonbern  hie  ba3  Vermögen  allgemeine  Sbeen 
aufjufaffen  auf  ba$  fircblicbe  (Gebiet  antoenberen,  fönnten 
immer  nur  augtyredjen,  roa§  oon  SJcenfdjen  oon  felbft  getfjan 
mürbe.  £)a  aber  biefe§  aufcer  in  (£brifto  felbft  nie  ber  gall 
gemefen  ift,  fo  merben  bie  Steuerungen  unb  Smputfe  beg 
®eifte§,  überall  mo  ein  Sßiberftanb  bagegen  ftcrj  regt,  al§ 
®efej  auSgefarodjen  unb  aufgenommen.  5lber  bann  nimmt 
aucb  bie  analoge  £l)ätigfeit  ber  Oon  bem  ®eift  befeelten  eine 
SBe^iebung  an  auf  ba$  (SJefes  unb  auf  ben  SBiberftanb,  unb 
geftaltet  ftctj  alfo  $u  einer  au§ü6enben  SDcacbt.  9?idjt  auf 
irgenb  eine  äufjerltcbe  SBeife  nacb  5lrt  ber  bürgerlichen  ©e* 
malt  —  benn  äufjere§  obne  ein  innere^,  au§  bem  e§  beroor* 
gegangen,  bat  für  bie  ®ircbe  aucb  nidE)t  ben  geringften  SBevtb 
—  fonbern  nur  oermöge  be§  natürlichen  Uebergemicbt§   be3 


Stoeiter  Slbfänitt.  SSon  ber  Söefcfjaffen^eit  ber  Sßelt  :c.  351 

(StemetngeifteS  über  bie  $erfönltd)feit,  tüte  eS  jeber  einer  ($5e* 
meinfcbaft  angebörtge  als  etmaS  bon  ibm  felbft  frei  sage* 
ftanbeneS  em^finbet.  (Sollte  iebodj  einer  biefeS  nicbt  embfmben, 
ober  ben  5lufforberungen  beS  ©emeingeifteS  miffentlicb  mit 
[einer  Sßerfönlidjfeit  miberftrebeu:  fo  bejeicbnet  bieS  einen 
aufjerftrd^icben  Moment  in  [einem  Seben,  unb  baS  lieber* 
gemixt  mufe  ftc^  erft  innerlich  nrieber  berftetten,  ebe  berjenige 
in  bem  eS  öerlest  morben  ift,  hrieber  als  ein  mabreS  üüätglteb 
ber  SHrdje  angefeben  merben  fann.  Sßte  nun  eben  biefeS, 
obne  irgenb  äußere  Sättel  bodj  eine  bebarrlidje  freimillige 
Untermerfung  bemirfen,  and)  bie  Sftacbt  mar  bie  ©briftuS 
ausübte,  unb  iebe  Bereinigung  mit  itjm  fidj  eben  baburcb  auS* 
fpracb,  ba%  bie  bon  iljm  auSgebenben  ^müutfe  als  ®efes  an* 
erfannt  mürben,  unb  feine  Urtbeile  über  äftenfdjen  als  öott* 
gültige  geugniffe  babon,  maS  in  bem  Sftenfdjen  mar,  rnoburd) 
eben  biefe  neue  ©emetnkbaft  fein  fHetct)  mürbe:  fo  ruft  aud) 
in  biefer  Begebung  ber  <55eift  in  ber  ®trdje  Ijerbor,  maS  auS 
ber  gütte  (£brifti  gu  nebmen  ift.  Ober  maS  baffetbe  fagen 
miß,  inbem  (£brtftuS  ber  ®emeinf<$aft  ber  ©einigen  feinen 
©eift  eingeläutet,  fo  mar  bamit  berfelben  sugleidj  biefe  Sftgjji 
mitgeteilt,  meiere  unabbängtg  bon  jener  urfbrünglidjen  re* 
gierenben  23jättgfett  ©brifti  ni<^t  su  benfen  ift,  obne  meldje 
aber  aud)  bie  in  ber  ®trc&e  beftebenbe  Bereinigung  beS  gört* 
üdjen  SöefenS  mit  ber  menfcbltdjen  Statur  entmeber  meit  mebr 
fein  muffte  ober  nur  meit  meniger  fein  fönnte,  als  maS  in 
bem  Begriff  eineS  leitenben  ©emeingeifteS  enthalten  ift. 

2.  2)ie[e  3luSeinanberfeäung  fct)eittt  aber  suerft  gar  nietjt 
auf  baS  ju  fübren,  maS  man  gemöbnlid)  unter  bem  5lmt  ber 
@d)lüffel  berfteljt,  inbem  man  gemöfjnlid)  biefe  geiftige  SDtacbt 
auf  bie  Verbreitung  unb  Bufammenbaltung  ber  Strebe  be^ter)tr 
fo  nämlidj,  bafe  ibr  %u  beftimmen  obliege,  mer  in  bie  d)riftli<$e 
$emeinfcbaft  aufgenommen  merben  folle  ober  niebt,  unb  tbm 
fo  mer  in  berfelben  bleiben  bürfe  ober  auSgeftofcen  merben 
muffe,  maS  biSber  gar  nidjt  ermäbnt  ift,  unb  nur  als  Bufaj 
auS  bem  obigen  müfete  gefolgert  merben.  (SS  ift  aber  aueb 
beibeS  leidjt  su  bereinigen,  unb  nur  ber  biet  eingefcblagene 
SBeg  mebr  geeignet,  um  unter  biefem  Begriff,  mie  eS  fieb  bod) 
gebührt,  baS  gan^e  ®ircbenregiment  sufammensufaffen.  (5$ef)en 
mir  nämlid^  bon  jenem  SSiberftanb  auS,  fo  ift  iebe  bebarrlidje 
Unterm erfung,  melcbe  nacb  einem  foldjen  bureb  baS  gefeg* 
gebenbe  3lnfeben  ber  SHrdje  bemirft  mirb,  eine  neue  Befis- 
ergreifung  beS  ©emeingeifteS,  melier  fid)  einen  Ort  in  einem 
(Smselleben  aneignet,  ber  oorber  menigftenS  ein  notb  ftreitiger 


352  5>er  d>rtftlic&e  ©taube-  ßtretter  Sljell. 


Söefts  mar,  auf  ber  ©ren^e  ännfctjen  Söelt  unb  ®ird)e  fc&raant'enb, 
unb  ai[o  erweitert  fictj  burd)  jebeS  fotdje  51uftjeben  eine§ 
(ScrjmanfenS  mittelft  ber  gefesgebenben  Stjätigf'eit  ba§  (bebtet 
ber  SHrdje.  5lber  bermittelft  berfelben  erfolgt  aud)  ber  erfte 
(Eintritt  eine§  ©in^elnen,  benn  bte  Söiebergeburt  ift  aud)  bie 
Söirfung  bon  berfelben  Sljättgfeit,  melctje  guerft  ben  SOxenfctjen 
bte  ®räftigfeit  be§  ®otte§bemuf5tiein§  bortjält  ai§  ba§  ®efea 
be§  geifttgen  2eben3.  ®a§  nämlictje  gilt  aber  aud)  oon  ber 
bte§  (55efes  in  einaelnen  Urteilen  unb  5lu§|t>rüd)en  an* 
roenbenben  SDcad)t;  inbem  biefe  5tu§fprüdj)e  bte  ©teile  be= 
ftimmen,  bte  ^eber  aufolge  feine§  £uftanbe§  in  ber  (fernem* 
fdjaft  einnimmt,  unb  ob  itjm  btel  ober  Wenig  in  berfelben  rann 
anbertraut  Werben.  —  (Sine  anbere  silbwetd)ung  fcrjeint  bk  au 
fein,  bafj  mir  oben1  ba§>  tat  ber©d)lüffel  befcrjrieben  baben, 
al§  eine  gortfeaung  ber  föniglicr)en  SBirffamfeit  (£ljriftt,  t)ier 
aber  mebr  at§  einen  burd)  ben  ®eift  bermittelten  2lu§flufj  au§ 
berfelben.  @§  beftefjt  aber  in  biefer  £>ütftd}t  nur  ein  geringer 
Unterfdjteb  unter  ben  in  biefem  föauptftütl  aufammengefafeten 
Snftitutionen.  ©enn  bie  Vermittlung  be§  ®eifte§  tritt  bei 
allen  ein,  Weil  fte  fonft  nidjt  fönnten  £>anblungen  ber  ^ircrje 
fein;  unb  alle  finb  beärjalb  aud)  2lu§flufj  au§  (£r)rifto,  weil 
ber  ®eift  immer  au§  S^rifto  fdwbft.  gortfeaung  ber  £f)ättg= 
feit  ©brifti  tonnen  mir  aber  bie§  meuiger  nennen,  meil  biefe 
Verfdjiebentjeit  ber  gefeagebenben  unb  üermaltenben  £r)ätigfeit 
ftd)  wefentlid?  auf  eine  organifirte  ©emeinfdjaft  beaierjt, 
(£t)rifti  eigne  £t)ätigfeit  aber  biefer  boranging.  Söenn  batjer 
bei  it)m  biefer  Unterfd)ieb  nidjt  berbortritt,  fo  fann  aud)  ba§ 
21mt  ber  ©djlüffel  in  biefer  Spaltung  nidjt  im  genaueften 
©inn  bie  gortfejung  feiner  Snjätigfeit  genannt  werben,  menn 
gleich  e§  nur  otjne  etma§  frembeä  anbermärtS  tjer  aufau= 
nehmen,  bie  bon  (£rjrifto  entmorfenen  (SJrunbaüge  be§  gemein* 
famen  Seben§  Weiter  entwittelr. 

§.  145  £et)rfas.  2)a<3  2lmt  ber  <5*lüffel  ift  bie 
ÜRadt)t,  vermöge  bereu  bie  $ircr)e  beftimmt,  roa£  jum  d)rift* 
liefen  £eben  get)ört,  unb  über  jeben  ©injelnen  nadj  9ttaaf3' 
gäbe  feiner  2lngemeffenl;eit  ju  biefen  Seftimmungen  tierfügt. 

Conf.  Aug.  de  abus.  VII.  Sentiunt  potestatem  clavium  esse  .  . 
maudatuin  Dei  praedicandi  evangelii,  remittendi  et  retinendi 
poccata    et    admiuistrandi    sacramenta.    —   ibid.  Respondent 


1  §.  127. 


Stueiter  Höfdjnttt.  Sßon  ber  SBcf^affen^eit  ber  SBelt  je.  353 

quod  liceat  Episcopis  seu  pastoribus  facere  ordinationes  ut  res 
ordine  gerantur  in  ecclesia.  —  Expos,  simpl.  XIV.  Do 
clavibus  regni  Dei  .  .  .  simpliciter  dicimus  omnes  ministros 
legitime  vocatos  .  exercere  —  usum  elavium ,  cum  —  po- 
pulum  .  .  increpant  inque  disciplina  retinent.  —  ibid.  XVIII. 
Atqui  debet  interim  iusta  esse  inter  ministros  disciplina.  In- 
quirendum  enim  diligenter  in  doctrinam  et  vit&in  ministrorum 
in  synodis.  —  Conf.  Basil.  XVI.  p.  98.  Ipsa  pascendi  gregis 
»uctoritas,  quae  proprie  elavium  potestas  est  .  .  eunetis  aeque 
inviolabilis  esse,  et  . .  eleetis  tantum  et  idoneis  administrandum 
committi  debet.  —  Conf.  Gall.  XXXII  seq.  p.  122.  Credi- 
mus  expedire,  ut  .  .  ecclesiae  alieuius  praefecti  inter  se  dispi- 
ciant  qua  ratione  totum  corpus  commode  regi  possit  .  .  eas 
tantum  leges  admittimus  ,  quae  fovendae  concordiae  et  unieui- 
que  in  obedientia  debita  retinendo  subserviunt  qua  in  re  se- 
quendum  nobis  putamus  quod  dominus  noster  .  .  de  exeommu- 
nicatione  statuit  quam  quidem  approbamus  et  una  cum  suis 
appendieibus  necessariain  esse  arbitramur.  Rom.  16,  17.  SSgt. 
Conf.  Belg.  XXXII.  p.  191.  —  Conf.  Tetra  pol.  XIII. 
p.  346.  Hi  (ministri)  claves  habent  regni  coelorum  ligandi  et 
solvendi  peccata  remittendi  et  retinendi  potestatem,  sie  tarnen 
ut  nihil  nisi  ministri  Christi  sint,  cuius  hoc  ius  solius  et  proprium 
est.  —  Conf.  eccl.  Saxon.  p.  167.  Et  ad  ministerium  haec 
pertinent  .  .  exercere  iudicia  ecclesiae  legitimo  modo  de  iis  qui 
manifestorum  criminum  in  moribus  aut  doctrina  rei  sunt ,  et 
contra  contumaces  sententiam  exeommunicationis  ferre,  et  con- 
versos  rursus  absolvere  et  reeipere.  Haec  ut  rite  fiant,  etiam 
consistoria  in  ecclesiis  nostris  constituta  sunt. 

1.  2)er  2Ut§bruff,  2lmt  ober  ®ett>alt  ber  ©djlüffel  audj  in 
Sßerbtnbung  mit  ben  SluSbrüffen  binben  unb  löfen  fommt  in 
einer  Ütebe  (£brtftt  üor,1  meiere  ftdj  auf  ben  erften  Xtjeil 
unjere§  <Sase§  besiegt;  fo  rote  bie  2lu§brüffe  binben  unb  löfett 
nod)  in  einer  anbern  oermanbten,2  imo  fte  ftei)  nacb  bem  Qu* 
fammenbange  ju  urtfjeüeu  it>entgften§  sugletd)  auetj  auf  ben 
anbern  belieben,  unb  bieier  lieber  ift  eine  britte8  febr  äljn* 
Itd),  roelcbe  e§  mol  au§fd)ltef$lid)  mit  bem  testen  su  tbun  bat. 
©inigeS  foU  gebunben  merben,  $ti%t  e§  fott  befttmmt  merben 
bureb  (Sebot  unb  Verbot ;  unb  gelöft  roirb ,  roa§  oon  folc^er 
SöefttmmuHQ  aufgenommen  ber  ©elbftbeftimmung  jebe§  (Stn* 
seinen4  überlaffen  bleibt,  fo  bafj  ba§  ®emeingefübl  fictj  gteidj 
Oerbält  gegen  ben  ber  e§  für  ftd)  fo  unb  gegen  ben  ber  e§  ent* 
gegengejest  bälr,  fo  e§  nur  in  beiben  baä  gute  ©emiffen  öorau§* 


1  SRattf.  16,  19.  ^         *  Wlam.  18, 18.  '  So$.  20,  23. 

4  Necesse  est  enim    retineri    in   ecclesiis  doctrinam    de    übertäte 
christiana.    Conf.  Aug.  de  abus.  VII. 

@(fcl..<S&rtftl.©l.II.  23 


354  $«  djrtftlidje  OJlQiAe.  3tneiter  S^cll. 

fegen  barf.  tlnb  fjter  Reiben  mir  bte  in  bem  bortgen  (gas  be* 
frfjviebene  gefesgebenbe  £bätigfeit  ber  ®irdje  mit  ibrer  93es 
fdjränfung  sugleid).  2)enn  baä  ©emeingefübl  Ijat  ntdjt  efjer 
eine  83eranlaffung  ftdj  befttmmenb  au§aw>redjen,  al§  menn  in 
(Einigen,  megen  unbottfommner  SBefeelung  burdj  ben  ^eiligen 
©eift  niebt  su  ©taube  fommen  null,  nm§  bo$  baZ  (Semeins 
gefübl  al§  mefentlicbe  2leufeerung  be§  (Glaubend  forbert,  ober 
menn  in  ©inigen  nod)  immer  gefd)ieljt,  raa§  ungerügt  ber 
SBtrffamfeit  be§  ®eifte§  in  anbeut  sunt  (Schaben  gereidjen 
mürbe.  5tber  eben  fo  roefentltdj  ift  audj  nnb  berielben  gefegt 
gebenben  ^ätigfeit  angel)örig,  bafj  gelöfet  roerbe,  roa§  etm« 
änmaafenng  nnb  geiftlicljer  £ocl)mutlj  fönnte  binben  nmtten. 
"Denn  bte  (£tnt)ett  ber  ®ircbe  fann  nid)t  begeben,  menn  ©inselne 
ifire  perfönltctje  £>anblung§meiie  ober  Senfmeife  al§  ben  $Iu§s 
bruff  be§  ®emeingetfte§  motten  geltenb  madjen.  SBenn  man 
nun  btefe  ©teile,  meil  fie  ber  biblifäe  föauptfis  ber  Seljre  ift, 
fo  bud)ftäblt$  nehmen  mottle,  ba§  (£tjriftu§  biefe  SOcac&t  bem 
betrug  allein  übertragen  l)aht:  fo  ntüfjte  'man  e§  aud)  ftreng 
babei  laffen,  nnb  bann  märe  mit  bem  £obe  be§  $etru§  alle 
gefeagebenbe  Sbättgfeit  in  ber  ®trdje  p  (Snbe  gemefen,  fofern 
fie  nämlich  auf  biefem  auftrage  ©Ijriftt  ruljte.  9ciemanb  aber 
mirb  ameifeln,  bafj  fie  boeb  Ijätte  auf§  neue  entfielen  muffen, 
meil  fonft,  menn  atte§  für  alle  geilen  fdjon  in  ber  erften 
(Generation  toäre  feftgefejt  gemefen,  biefe§  nur  fyättz  gefd)et)en 
fönnen  auf  eine  ben  magren  gefdjid^tlidjen  CHjarafter  ser- 
ftörenbe  übernatürliche  SSeife,  bann  aber  audj  leine  lebenbige 
unb  freie  Gsntmifflung  meiter  Ijätte  ftattfinben  tonnen,  hieraus 
öe^t  Ijerbor,  bafj  menn  bitä  mörtlid)  ber  ©inn  iene§  5lu§? 
ft>rucbe§  GPjrifti  märe,  bte  gefejgebenbe  Sfjättgfeit  ntdjt  auf- 
ifjm  allein  ruljen  tonnte.  ©te  mürbe  aber  be§Ijalb  nid)t  auf= 
boren  eine  gortfesung  ber  £§ätigfeit  GHjrifti  an  fein.  S)enn 
fie  märe  immer  ein  5lu§fhtfc  au§  bem  Tillen  beffelben,  bafj 
eine  (Gemeine  befielen  foCC,  al§  roelcbe§  oljne  eine  folc^e  nietjt 
möglich  märe.  $etru§  felbft  aber  mufj  bie  SSorte  (Hjrifti  nid)t' 
fo  berftanben  Jjaben,  meil  er,  mo  e§  fote^e  allgemeine  5lu§- 
tyrücbe  galt,  ftdj  ba§  Sfadjt  baju  nidjt  allein  beilegte,  fonbern 
bie  fragen  bor  bte  (Gemeine  braebte.  2)ie  ba$  (Gefea  bureb 
Urtbeil  antoenbenbe  unb  in  ber  $lu§füfjrung  bertretenbe  SJjättg- 
feit  mirb  fdjon  in  ber  smeiten  angesogenen  ©djrtftftette  legt^ 
lieb  ber  (Gemeinbe  beigelegt,  unb  eg  berfteljt  ft($  baber  bon 
felbft,  bafe  auc^  früher  bie  ©inselnen  im  tarnen  unb  al§ 
Organe  ber  gemeine  mirfen  fotten,  unb  bie§  um  fo  meljr  al§ 
ber  (Srlöjer  gemifj  nic^t    einer   gereisten  ^erfönlic^f eit  ba$ 


gtoettcr  gpfd&nitt.  %on  ber  Sefäaffenfoit  ber  SScIt  ?c  355 

3?edjt  ^at  sugefteben  motten  ben  ©ruber  gur  $ebe  gu  ftetfen. 
SBetracbten  mir  aber  einmal  ben  (Smseinen  alg  Organ  ber 
@emeine  an  feinen  ©ruber,  fo  ift  aueb  atfeg  gegen  ben  ©in* 
deinen  gefünbigt  mag  gegen  bag  (55ange ;  unb  berjenige  ©inselne 
ift  jebegmai  bag  natürliche  Organ  be§  (fangen,  ju  beffen 
fixeren  Shmbe  suerft  bie  Sbatfacbe  fommt.  Sfteljmen  mix 
aber  audj  bie  brüte  angeäogene  ©teile  bagu,  bie  fdjon  immer 
Jjieber  geregnet  mirb :  fo  fann  btefe  freiließ  äunäcbft  babon 
terftanben  merben,  ba%  suerft  in  ber  Saufe  bie  (Sünben* 
Vergebung  erteilt  mürbe,  mithin  aueb  bem,  beffen  Saufe  man 
noeb  meiter  btuaugfegte,  bie  ©ünben  noeb  behalten  blieben.1 
2)ieg  motten  mir  aueb  feinegmegeg  ausliefe en ;  unb  offenbar 
gebort  bie  bon  ber  SBirffamfeit  be§  ®eifteg  §u  ermartenbe 
richtige  SSermaltung  ber  Saufe ,  ober  hei  un§  ie§t  ber  girme* 
lung,  mefentlicb  mit  sunt  2Imt  ber  ©cblüffel.  Slber  gemi§  mirb 
bod)  ber  ©ebalt  jener  ©teile  biebureb  nidjt  erfcrjöpft ;  fonbern 
bie  5lpoftel  felbft,  unb  bie  ältefte  SHrdje  nacb  tbnen  baben  fie 
aueb  auf  bie  febon  in  bie  ®ircbe  aufgenommenen  angeroenbet, a 
unb  bann  enthält  fie  jugleicb  Sie  ©erbetfjung  (S^t)rifti  über  iebe§ 
Urtbetl,  melc^e§  augfagt,  ob  ein  (gingelner  fid&  in  berientgen 
<&emeinfcbaft  mit  (Ebrifto  befinbet,  in  meldjer  bie  8ünbe  oer* 
febminbet.  rftun  befinbet  fict>  in  biefer  (gemein) erjaft  jeber 
SBiebergeborne;  unb  baber  ftnb  aueb  bie  mirfltctien  ©ünben 
berfelben,  melcbe  allein  §u  einem  Urtb eil  ber  SKrcbe  aufforbern 
fönnen,  immer  febon  bergeben,  Sftebmen  mir  aber  bagu,  bafj 
deiner  gang  febon  alg  Organ  beg  ©etfteg  in  ber  ®irä)e  ift, 
unb  bafc  eine  SBirffamfeit  in  ber  ®ircbe  nur  ftattfinbet  mit 
foleben  Gräften,  melcbe  febon  Organe  beg  ®eifteg  b.  b.  ©aben 
gemorben  finb,  ba  aber  mo  noeb  ein  SSiberftreben  gegen  bie 
©efeelung  beg  (üeifteg  ift,  aueb  notbmenbig  ©ünbe  fein  mufj: 
fo  geigt  ftcb,  mie  mefentlicb  51t  biefer  ©erbetfjung  beg  (grlöferg 
aueb  gebort  bag  riebtige  Ürtbeü  ber  strebe  barüber,  mieoiel 
ober  menig  unb  mag  bem  ©tnselnen  anOertraut  merben  fann 
in  ber  ®ircbe,  unb  in  melcbem  ®rabe  einer  bon  (Sinmirfungen 
auf  bie  ®ird)e  unb  bon  9Jcitmirfungen  in  berfelben  gurüff* 
gebalten  merben  mufj ,  bamit  fein-  Buftanb  mögliebft  menig 
Störungen  berOorbrütge.  Unb  fo  finben  mir  aueb  atteg,  mag 
§um  gmeiten  Xbeil  unfereg  <Sa§eg  gebort,  in  ben  Slugfprücben 
©Ijriftt  begrünbet. 

1  SSgl.  2ftattij.  10,  14. 15.  ®enn  bon  mannen  ftdj  bie  jünger  fo  enfc» 
fernten,  i>a  tarn  feine  ©emeine  §u  (Stanbe,  unb  bie  ©ünben  blieben  SlEen 
fcefjalten. 

2  SCp.  ©efä).  8,  20—23.     1  ftor.  5;  4.  5. 

a:i* 


356  $er  (fcriftlidje  ©laube.  gtoelter  S$elt. 

2.  SJMunen  mir  nun  bie  obigen  ftnubolticben  (Stellen  ju« 
fammen,  fo  finben  mir  barin  biefelben  £mupttt)eile,  bie  ba$ 
2Imt  ber  ©djliiffet  conftituiren,  menn  aud)  ntct)t  überall  ganj 
benimmt  au§gebrüfft  unb  öleict»  beutlid)  gefd)ieben;  unb  e§ 
möchte  nur  nod)  folgenbeS  311  bemerfen  [ein.  3 werft  finben 
mir  bnufig  ben  2)ienft  be§  SBorteg  mit  §u  bem  5lmt  ber 
<Sd)lüffel  gerechnet;  bie§  öerftebt  ftd)  bon  fetbft  bon  ber  S)ar= 
reidntng  ber  ©acramente,  tnelcbe  fo  genau  mit  ber  ©ünben* 
Vergebung  äufammenbängt,  unb  bom  Slbenbmaljl  mufc  baffelbc 
gelten,  ma§  mir  üon  ber  Saufe  fd)on  zugegeben,  ba%  bte 
richtige  $8ermaltung  berfelben  mit  sinn  <&mt  ber  ©djlüffel  ge* 
Sört.  SSon  ber  $rebigt  tjutgegen  an  unb  für  ftct>  betxaä)tet 
märe  bie§  nur  ein  9Jixifjt>erftänbnifj ;  mol  aber  gehört  jum 
Amt  ber  <5d)lüffel  at§  eine  befonbere  9lnmenbung  be§  oben 
allgemein  aufgehellten  bie  richtige  53eftimmung  barüber,  mer 
SU  biefem  £)ienft  am  göttlichen  SSort  ^usulaffen  fei,  meld)e§ 
unftreitig  al§  einer  ber  micbtigften  Steile  be§  9lmt§  ber 
©cblüffel  angufeben  ift.  Unb  man  tarnt  e§>  unter  biefer  SSoraug- 
fejung  nur  natürlich  finben,  ba%  bie  ®ir<$e  mit  biefem  2)ienft 
fajt  überall  aud)  bie  ©penbung  beiber  ©acramente  Oerbunben 
bat-  ,8metten§.  SSiele  oon  bieten  ©teilen  für  ftd)  betrautet 
fd>einen  babtn  au  beuten,  al§  ob  ba$  gange  $lmt  ber  ©dilüffel 
bei  ber  ©efammtljeit  ber  ©iener  be§  SBorte§  märe.  SSenn 
e§  fict)  fo  oerbielte,  mithin  —  ba  bie  Prüfung  unb  SBeöoII* 
mädjttgung  ber  Wiener  am  SBort  ein  mefentlidjer  £beil  biefe§ 
(fangen  ift  —  bte  ©efammtbeit  ber  Sebrer  in  ber  ®irdje  ftdj 
immerfort  felbft  er^euate,  unb  fo  auSfcbliefeenb  mit  ber  ©emalt 
ber  ©djlüffel  betraut  märe:  fo  befäme  ber  ®egenfaa  ätütfcrjert 
bem  $leru§  tu  biefem  engeren  Sinn  unb  ben  Saien  eine  fo 
fdjarfe  (Spannung,  bafj  ber  Unterfcbieb  bon  ber  römifdjen 
®ircbe  gang  üerfcbmiuben  mürbe,  allein  bie§  famt  bie  WleU 
nung  nid)t  fein,  ba  (Sbriftu§  felbft  einen  Stfjeil  biefe§  ©efd)äfte§ 
ber  (gemeine  beilegt,  unb  auct)  bon  Anfang  an  bei  ben  midj- 
tigften  ®efd)äften  ber  bermaltenben  Xbätigfett  bie  ©emeine 
äugesogen  mürbe;1  unb  fo  fest  and)  bie  ©teile,  meiere  ben 
<&eiftlid)en  allein  aufgiebt  ba$  Urtbeil  ber  (gemeine  311  öott- 
hieben,  bod)  borau§,  bafc  bie®emetne  ba$  Urtbeil  fällt.  2Ba§ 
aber  bie  geleagebenbe  £()ätigfeit  anlangt,  fo  fann  fte  freiließ 
nid)t  eber  üorfommen,  bi$  ftd)  ein  bebeutenber  ®egenfaj  in 
ber  ®trd)e  entmiffelt  l)at:  allein  bie§  ift  niebt  berfelbe.  $emt 
benjemgen,  melden  bie  ^rebigt  anöertraut  ift,  liegt  boraüglidj 


1  30>.©efd).  1,15— 23.     6,2—6. 


Stoeiter  Sttffinltt.  SSon  ber  Sefdjaffenfjeit  ber  SBelt  2c  357 

d&i  fidj  §u  immer  bollfommnern  2)olmetfd)ern  beg  göttlichen 

SSorteg  in  ber  (Sdjrift  augsubüben,  allein  eg  ift  gan§  etmag 
anbereg,  bte  2lug)prüd)e  etjrtfti  unb  ber  Stpoftet  richtig  Der* 
fielen,  unb  fie  §u  mebr  ober  minber  allgemeinen  Bestimmungen 
in  einer  bod)  ferjr  üerkfnebenen  (Seftaltung  beg  Sebeng  tfottU 
mäfjig  anmenben;  unb  eine  gan§  anbere  5lrt  mie  auf  ber 
(Eansel  bte  ©ctjrift  angemenbet  mirb,  unb  mie  Regeln  für  ba§ 
Seben  in  ber  Verneine  unter  beftimmten  Berbältniffen  aug 
einem  (Steift  ber  (Sd)riftmäfjigfeit  ftcf»  entmiffetn,  ofjne  bafj  fie 
häufig  ein  «Sdjriftmort  für  ficb  baben  tonnen,  ©aber  benn 
ber  ©egenjaa  gmifcfeen  bem  ber  bie  fromme  Bebeutung  ber 
Sebengoerbältniffe  unb  Aufgaben  fdmell  unb  ftdjer  genug  auf* 
fafjt,  um  bag  ®efes  barüber  auggufyrecben,  unb  bem  ber  eg 
alg  (55efeä  aufnimmt,  freil  er  feine  matjre  innere  (Stimme  barin 
erfennt,  ein  gan§  anberer  ift,  alg  ber  steiften  bem  (55eiftltcrjen 
unb  feinem  Bubörer.  2)af)er  ift  eg  am  geratljenften,  in  ber 
öffentlichen  ßetjre  aud)  ben  (Schein  babon  au  oermetben,  alg  ob 
firctjlict)e  ©eie^gebung  unb  Bertoaltung  ben  ®eiftlid)en  öor- 
Sügltct)  aufleben  folle.  2)af)er  bürfen  jene  ©teilen  nicrjt  über* 
feben  metben,  meiere  bte  Beratungen  über  bie  Regierung 
beg  (Jansen  fämmttidjen  Borftefjern  ber  ©emeinben  äuttjeilen, 
unb  meiere1  gu  biefen  nid)t  nur  Getiefte  fonbern  aud)  ©iafonen 
rennen,  oljneracbtet  fie  an  bem  ßebramt  feinen  £beil  nahmen. 
Unb  fo  gebt  benn  betbeg,  gefesgebenbe  unb  Oermaitenbe 
Sptigfeit  iegtüd)  bon  ber  (gemeine  aug.  2)  ritt  eng.  Söenn 
aber  biefeg  fict)  aud)  aug  unfern  ftjmbolifcben  (Stellen  ent^ 
nehmen  läfjt,  fo  mirb  bod)  aug  ibnen  ber  Umfang  ber  %tt, 
mie  biefeg  gange  Stmt  bei  ber  Gemeine  ift,  unb  ttrie  fie  eg 
ausübt,  nterjt  beutlid).  (Sie  übt  eg  nämiid)  ntd)t  nur  mittelbar, 
inbem  fie  bie  Remter  orbnet  unb  oertbeilt,  benen  ©efeggebung 
unb  Urteil  förmlid)  übertragen  ift,  —  benn  mie  füllten  biefe 
audj  bagu  fommen,  eine  foldje  gertigfeit  unb  Stüctjttöfeit  su 
Ijaben,  menn  fie  fie  niegt  borber  fdjon  geübt  bätten,  —  fonbern 
auf  urfoüngtic&e  unb  formlofe  SBetfe  übt  ieber  (Sinselne  burd) 
feinUrtbett  über  bog  mag  in  ber©emeine  gefct3ter}t  unb  burd) 
Sob  unb  Säbel  felbft  ba$  (Strafamt  aug.  Unb  nid)t  nur  bieg, 
fonbern  aud)  bie  gefesgebenbe  £bätigfeit  übt  geber  burd)  alteg, 
toag  baju  beitragen  fann  bie  öffentliche  Meinung  §u  biiben, 
ioeldje  immer  ber  lebenbige  Duell  ber  auggefbrodjenen  5lcte  ber 
©efeagebung  fein  mufj,  bie  bann  genau  genommen  nidjtg  anberg 
finb,  algbiebeftimmteSSeifebte  öffentlid)e  Meinung  in  firc^Uc^en 

*  ©iefce  ju  §.  134. 


358  3)er  cfcrtftlldie  ©foube.  3weiter  Sljell. 

©innen  jitm  SInerfenntnifc  ä«  bringen,  ©enn  Wirb  auf  biefem 
(bebtet  ctwaS  berfuebt,  waS  fein  retner  SluSbruH  ift  bon  ber 
Slrt,  wie  an  Ort  unb  ©teile  bie  menfcbltcbe  üftatur  in  ber 
Bereinigung  mit  bem  göttlichen  (55etft  ftet)  unb  baS  irrige 
toirflicr)  ftrebt  su  gehalten:  fo  [erlägt  aueb  ber  SSerfucb  fet)U 
unb  baS  (Mea,  Welches  ftcb  feine  Slnerfennung  gu  berfdjaffen 
weife,  offenbart  nur  einen  unbollfommenen  guftanb  berSHrcbe. 
Sie  trübt  ftcb  unbermeiblicb ,  unb  nur  bureb  ben  Streit  famt 
bk  llcbereinftimmung,  bie  bann  aber  aueb  bewußter  ift,  unb 
alfo  mit  if)r  ein  flarerer  Buftanb  beS  ®anaen  surüfffebrett. 
Viertens.  SSaS  aber  bierauS  unmittelbar  folgt,  finbet  ftd? 
nidjt  fo  beutlid)  irgenbwo  auSgebrüftt,  bat  wir  unS  über- 
leben tonnten  eS  aufstellen ,  wiewol  eS  unS  gewiffermafjett 
gu  ben  erften  ©rflärungen  über  unfer  llnternebmen  jurüffs 
fübrt,  näntlid)  bat  alle  Slcte  ber  ©efe^gebung  in  ber  (Gemeine 
aueb  immer  ber  (Srneuerung  unterworfen  bleiben.  ®enn  toxt 
eS  für  alles  einselne,  WaS  jegt  gilt,  eine  Bett  gab,  wo  e§ 
nocS)  nietjt  fonnte  als  (Sefej  aufgeftellt  werben,  weil  eS  nietjt 
wäre  anerfamtt  Worben:  fo  fann  aueb  eine  3eit  fommen  wo 
eS  nid)t  mebr  anerfannt  wirb;  unb  wenn  eS  bann  boeb  nodj 
als  geltenb  fteben  bleiben  WiH,  fo  entfielt  ein  falfctjer  Scbein, 
ber  niebt  obne  ^acbtbeil  bhibt  Stamit  fott  ieboct)  feinet 
megeS  behauptet  Werben,  bafj  alleS,  WaS  öffentlich  als  Siegel 
beS  Glaubens  ober  be§  SebenS  aufgeftellt  Wirb,  gleicb  Wanbel- 
bar  fei;  fonbern  nur  ba%  nicbtS  als  unWanbelbar  bürfe  ge= 
ftettt  Werben,  inbem  Wir  bertrauen  bürfen,  bafj  einiges  ftdj 
immer  Wieber  Wirb  geltenb  macben.  SSemt  enbltd)  auf  ber 
Seite  ber  bermaltenben  £ba'tigfeit  aueb  baS  Ütectjt  ben  ®ircben= 
bann  ju  berbängen  mit  aufgeftellt  wirb,  fo  ift  bieS  mit  großer 
SBefdjränfung  §u  berfteben.  gübren  Wir  biefen  gweig  be3 
5(mteS  ber  Scblüffel  auf  bie  ungetbeilt  regierenbe  3rt)ättQfett 
^brifti  ättrüff,  fo  finben  wir  freilieb  bem  gegenüber,  ba% 
©briftuS  Slboftel  Wäblte  unb  jünger  berief  unb  beiben  ®e= 
febäfte  auftrug,  aueb  biefeS,  bat  er  baS  28ebe  auSrief  über 
bie  Scbriftgelebrten  unb  $barifäer,  unb  über  bie  Orte  bte 
ibn  nierjt  aufgenommen  f)atttn.  allein  bieS  Waren  foldje,  bit 
noeb  nierjt  in  feine  ®emeinfcbaft  aufgenommen  Waren,  bon 
benen  er  ftdj  nur  surüf  trieben  brauebte,  unb  nierjt  fte  ber* 
ftofeen  mufjte;  baS  berlorne  ®inb  btugegen  §at  er  nict)t  felbft 
ausgeflogen.  So  fann  eS  aueb  bü  unS  einen  boHfommne* 
^irebenbann,  bureb  Welcben  alle  ©emeinfdjaft  aufgebobe* 
würbe,  niebt  geben;  fonbern  ieber  guftanb,  ber  ein  bon  aller 
Sbeilnabme    an    bem  Scben   in   ber  ®ircbe    auSfcbltefeenbeS 


Stoeiter  Sftföttttt.  SSon  ber  93efc§affenljeit  ber  SBelt  je.  35£ 

Urteil  mit  1Rt$t  hervorrufen  fönnte,  barf  bodj  nur  a(§  ein 
fcorübergebenber  angefeben  merben,  unb  fein  Urtbeil  barf  bie 
<£tnnnrfungen  ber  SHrcbe  auf  ben  ©inselnen,  ber  einmal  in 
fciefelbe  aufgenommen  morben  ift,  aufgeben  motten, 

@ed)gte§  Seljrftüff. 
SBom  ÖJebct  im  tarnen  3>efu. 

§.  146.  2)a<3  richtige  SBorgefityl,  meldjeS  ber  d)rtji' 
üdjen  $irdje  ju  fyabtn  gebührt,  öon  bem  toaä  ifyr  in 
ifyrem  3ufammenfetn  fyetlfam  ift,  ttrirb  natürlich  jum 
(gebet. 

1.  $on  ber  SCrt  mie  bie  ®ird)e  ft<$  gefäidjtltcb  bilbet 
unb  fortpflanzt  ift  unzertrennlich,  ba%  burclj  bie  ©tnmirfungen 
<itte§  meltlicben  fomol  be§  innerlichen  —  tveii  nämlidj  iebe§ 
<$lieb  nod)  ettoa§  ber  SBelt  gehöriges  an  fief)  tjat  —  al§  be§ 
äußerlichen  balb  ftärfere  balb  fctjroädjere  Hemmungen  in  i&r 
entfteljn  unb  ©djmanfungen.  SDaffelbe  gilt  aueb  in  Söeaug 
auf  üjre  äußere  Aufgabe,  bie  SBelt  in  ftdj  aufzunehmen,  inbem 
fte  aueb  in  btefer  zu  feiner  gleichmäßigen  unb  leicht  §u  über- 
febenben  gortfe^reitung  gelangt.  3)a§  gemeinfame  Söemußt- 
fein  biebon  ift  alio  ba§  oon  ber  llnüoltfommenbett  ber^irdje. 
Snbem  nun  aber  ba§  Verlangen,  ben  groeff  ber  «Senbung 
©Ijrtftt  OoUftänbig  zu  erreichen,  in  ber  Strebe  beftänbig  lebt, 
jo  mirb,  an  biefen  antrieb  gehalten,  ieneg  Öemußtiein  ber 
Unüottfommenljett  als  ba§  eine§  bebürftigen  3uftanbe3  au§* 
geprägt,  roeldje§,  ba  eS  nichts  ift  al§  bie  richtige  ©clbft» 
erfenntniß  ber  ^trct)e  auf  ibre  ißtebe  sunt  (Srlöjer  belogen,  in 
bem  dJlaafc  al§  e§  rein  ift,  notlnnenbtg  als  eine  SBtrfung 
be§  göttlichen  (SJeifteS  muß  angelegen  merben.  £$nbem  nun 
ba§  SöeraitBtiein  ber  Sirdje  auf  biefe  SBeife  zroikben  ber 
(Stegenmart  unb  gufunft  fdjmebt:  fo  üerbinbet  e3  fidj  mit 
bem  ®otte§bemußtfem  auf  eine  ätutefadje  SBeife.  $n  SSezug 
darauf  nämlid},  ba§  ieber  (Srfolg  niebt  alleiniges  Söerf  ibrer 
©elbftt&ätigfett  ift  fonbern  zugleid)  ber  göttlichen  SBelt* 
regierung,  mirb  eS  für  baäjeuige  in  ber  (SJegemoart,  ma§  @r* 
gebniß  f ruberer  Söeftrebungen  ift,  je  nadjbem  ber  ®et)alt§* 
burcr)fcrjnitt  menfdjltdjer  Momente  Übertritten  ift  ober  unerfüllt 
geblieben,  ©rgebung  ober  Danfbarfett;  für  baSieuige  aber, 
:\va§>  nod)  üitcntfcrjteben  fdjroebt,  mirb  e§  (gebet.  ba$  beißt 
innige  S3erbinbung  be§  auf  ba$  befte  gelingen  gerichteten  • 
3Bunjcbe3  mit  bem  ®otte£>bemußt|etn.  —  Sßebäcbten  mix  freiließ 


360  »er  d)rlftlt<$e  ©lau&e.  3»r>etter  Xrjell. 

ba§  immer  unb  trügen  ba§  in  ffarem  SBettntfjtfein,  ba%  mir 
bocf)  auf  jeben  gntt  nttmeber  aur(£rgebung  ober  jur  Xautbax- 
feit  fommen,  meldje§  beibes?  guftänbe  finb ,  in  benen  ftd)  bie 
£betlna!jnte  an  ber  ungetrübten  ©eligfett  be§  (£rlöier3  au§* 
fprtcf)t,  fo  bafj  mir  in  biefer  ^>tnfict)t  unferer  ©ad&e  oott* 
fommen  ftcrjer  finb:  fo  fotttc  freiließ  bie  ®irtf)e,  ganj  auf 
if)re  ©elbfttfritigfeit  gerichtet,  fidj  be§  2Bünfdjen§  gans  ent* 
Ijatten.  Unb  ba  and)  ba§  roa§  abgefcrjtoffen  fd^etnt  bodj  nur 
$)urcrjgang§bunfte  finb,  fo  bafj  ma§  mit  (Ergebung  auf* 
genommen  morben  ift  fidj  fbäter  al§  ein  ©egenftanb  ber 
$)anfbarfeit  fenntlid)  maetjt  unb  umgefeljrt:  fo  fotttert  aud) 
(Ergebung  unb  $)anf  barfett  berfcrjminben,  inbem  bie  ®ir<$e 
alle  $urdjgang§punfte  hinter  fidj  Iaffenb,  unb  nur  bie  un- 
trügliche (Sterot&ljcit  be§  enblictjen  (£rfolg§  feftljaltenb  in  ber 
greube  an  ©ott  jur  öoHfommnen  9tu^e  gelangt.  Mein  ba$ 
benfenbe  (Subject  oermag  bem  nid)t  su  mehren,  ba%  e§  ftdj 
nietjt  —  ber  (Sntrcifflung  be§  seitlichen  (SebalteS  ooran= 
eilenb  —  ba$  mögliche  in  mancherlei  Silbern  ausmalen,  unb 
beren  Sßertlj  für  bie  eignen  SBeftrebungen  bergleicfienb  fidj 
an  biejenigen  mit  Vorliebe  Rängen  füllte,  oon  benen  e§  am 
meiften  Unterftü^ung  erraartet;  unb  fo  lange  biefe  £t)ätigfeif 
fortgebt,  mufj  fte  ftd)  aud)  mit  bem  ®otte§beroufjtfein  oer* 
binben,  unb  alfo  (&ehet  roerben.  Unb  ba  biefeS  in  m\$  immer 
fortgebt:  fo  f)aben  mir  auc£)  feine  Urfadje,  bie  gorberung, 
bafj  mir  oljne  Unterlaß  beten  fotten, *  al§  einen  f)t)perboliic^en 
2lu§bruff  $u  beljanbeln.  3)enn  beteten  mir  nid)t,  fo  müfjte 
entmeber  unfer  Sntereffe  an  beut  Dtetctje  <Sotte§,  melc^e§  jene 
SSorftettungen  beS  peilfamen  aber  ungemiffen  erzeugt,  ober 
unfer  ®otte§berouMein,  roeltf)e§  un§  bie  ab  jofute  Sfräfttgfeit 
ber  göttlichen  SSeltregierung  borfjält,  berfrfjmunben  fein. 

2.  SSenn  nun  eben  jene  äBorfdjrtft  be§  5lpoftcI§  meljr 
fcfjemt  ben  ©ingelnen  gegeben  3U  fein,  unb  fo  aud)  biefel 
(Spiel  ber  (SJebanfen  mit  ben  nodj  unbeftimmten  (Sreigntffen 
nur  in  ben  ©injelnen  al§  foldjen  ftattfmbet;  bei  biefen  aber 
au<$  bie  SHicrjtigfeit  be§  SBorgefüljlS  gar  nic&t  basu  beitragt, 
bak  e§  (Bebet  roerbe,  fonbern  menn  bie§  nidjt  immer  gleich' 
mäfjig  Qefct)ier)t,  ber  Unterfd)ieb  tooräügltd)  auf  ber  Söidjtig* 
feit  be§  ®egenftanbe§  beruht:  fo  ferjetnt  burdj  ba$  bisherige 
unfer  <Sas  noc&  gar  nietjt  bebeutenb  erläutert.  $>ie§  mirb 
aber  gefcf)efjen,  menn  mir  auf  ba$  SBerbältnifc  ber  ^tretje  au 
bem  ©inselnen  in  biefer  Söeaieljung   adjten.    2)er  ©inselnc 


1  l  SMal.  5, 17. 


ßtoelter  Sttfönitt.  SSon  ber  SBefdjaffenljett  ber  SBclt  jc  361 

nämlich  %at  Riebet  äunädjft  feine  eigne  Heiligung  unb  bann 
bte  ibm  mit  ben  ibm  fcbon  oerliebenen  ®aben  obliegenbe 
SBirffamfeit  in  ber  ©efammtbeit  im  2luge.  S3eibe  aber  bilben 
ein  Mannigfaltige^,  beffen  ^eile  nidjt  burd)  jeben  5lct 
gleichmäßig  geförbert  derben;  unb  Sebem  muß  ftdj  feljr 
balb  bte  (Jrfafjrung  aufbringen,  ba%  mäljrenb  er  ftd)  mit 
feinen  Borfäaen  unb  Hoffnungen  natf)  ber  einen  (Seite  bin* 
roenbet,  ibm  burdj  bte  göttliche  SSeltregierung  Slufforberungen 
fommen,  bit  ibn  biebon  ah  auf  eine  anbere  <5t\tt  bütüberlenfen. 
2)aber  fann  er  felbft  feinem  Borgefübl  über  ba$,  ma§  ibm 
perfönlicb  für  ben  Moment  ba$  ßeilfamfte  tft,  nid)t  ber* 
trauen.  Unb  eben  fo  mentg  fann  audj  ber  ©injelne  bon  feinem 
(Stanbpunft  au§  über  ba§,  ma§  ber  ©efammtljeit  bei  beriebeS* 
maligen  Sage  ibrer  £otalaufgabe  beilfam  ift,  ein  fieberet  Ur* 
tbeü  gewinnen.  Ungleicb  Serben  bte  ©in^elnen  bierin  allerbing§ 
fein,  unb  nur  bieienigen  merben  mit  9?ecbt  einen  beftimmten 
größeren  Einfluß  auf  baä  ©an^e  §u  üben  geeignet  fein,  melcbe 
eben  biefe§  fcbon  ju  einer  befonberen  ber  ^ropöettferjen  analogen 
<&aht  in  ftet)  auSgebilbet  ^aben.  Stußerbem  fonnte  btefeS  bem 
©emetnbemußtfein  angebörige  Borgefüljl  ftetjer  fein  §u  ben 
Seiten,  ba  ber  ©ingelne  noeb  tin  größerer  Xfyzil  be§  (Sanken 
mar,1  unb  biefe§  ibm  bollftänbig  sur  SSafjrnebmung  ?am. 
(So  ba%  e§  bon  (£brifto  an,  in  meinem  mir  aueb  btefe§  al§ 
ein  menfcblicbe§  betrachtet  in  ber  größten  SSoEfommenbeit  su 
benfen  Ijaben,  als  annäbernb  angenommen  merben  muß,  bte 
(Sicberbeit  aber  ftdj  außerbem  noc§  um  fo  mebr  berringert, 
je  mebr  ftdj  in  jene  Borbilbung  in  33esug  auf  bte  gufunft 
ba§  perfönlicbe  emmifdjt.  SDaffelbe  aber,  n?a§  bom  ©inaeinen 
gilt,  mirb  aueb  bon  jeber,  fei  e§  mebr  freien  ober  mebr  burdj 
bie  Statur  gegebenen  Bereinigung  SJcebrerer  gelten,  nadj  bem 
SJcaaß  mie  fie  kleinere  ober  größere  Steile  be§  ©anaen  unb 
ben  übrigen  mit  mebr  ober  minber  uneigennüjiger  Siebe  su* 
gemenbet  ftnb  ober  nidjt.  <So  ba%  mir  nadj  biefer  gort* 
febreitung  auf  ber  einen  (Seite  oon  bem  Jansen  merben 
fagen  muffen,  ba%  e§,  mie  in  bemfelben  perfönlidjeS  Bemußt* 
fein  unb  ©efammtbemußtfein  ntcrjt  berfebieben  fonbern  boi 
fommen  eine§  ift,  aueb  ba§  genauefte  ©benbilb  (jjjrifti  bar* 
ftettt,  unb  alfo  in  bemfelben,  mo  e§  ftctj  al§  (£utt)ett  marttfefttrt, 
audj  baS  fterjerfte  Borgefüljl  au  finben  fein  merbe.  3luf  ber 
anbern  (Seite  ift  aber  jugleicb  bk  SHrdje  ber  gemeinfame 
Drt  für  alle  jene  unboHfommnen  unb  mit  iljren  berfdjiebeneir 


1  S5gl.  2Tp.  ©efä.  16,  6. 10. 


862  ©er  cfiriftlicbe  ©laube.  gtrciter  Stjetl. 

UnöoHfommen^etten  audj  [o  oft  gegen  einanber  Gerichteten 
unb  im  (Streit  begriffenen  Borgefüfjle.  2)abei  liegt  itjr  nnn 
ob,  guerft  ft$  felbft  mit  bem  OoHfommnen  Slbbtlb  (S&rifH, 
toie  fie  e§  in  i^rem  seitlichen  Söemufctfein  nodj)  nidjt  ift,  ber* 
gleitf)enb  btefe§  su  ifjrem  ©ebet  su  madjen,  ba%  biejenigen 
ifjrer  ©lieber  immer  met)r  ben  größten  (Sinflufc  geminnen 
möchten,  meiere  bie  sum  richtigen  Sluffinben  unb  Einleiten 
beffen,  ma§  für  bie  9#efjrung  unb  Söefferung  be§  ^eidjieS 
©otteg  nötf)ig  ift,  au§gebilbetften  Drgane  be3  göttlichen  ©eifte§ 
ftnb;  unb  biefe§  ift  ba$  eine  fdjled)tfjin  richtige  sum  (&zbti 
merbenbe  23orgefüt)l  ber  ®tr<$e,  in  meinem  batjer  aud)  alle 
<Sin§elnen  mit  bem  ©an^en  sufammenftimmen.  SDemnädtft 
aber  f)at  fte  audj  bie  $flidjt,  ba§  unfidjre  oon  bem  unootl= 
fommnen  ©efammtbeitSbenutfetfein  ber  (ginjelnen  au§gel)enbe 
iBorgef  übi  perft,  fofern  eiue§  bem  anbern  miberjprec^en 
tonnte,  auszugleichen,  bann  aber  audj  ba$  $8enm|tfetn  ber 
llnftdjerfjeit  burd)  bie  SSermanblung  in  ($5ebet  §ur  Söefriebigung 
ju  bringen.  $8eibe§  gefdjieljt  fdjon  burd)  bie  Bereinigung  ber 
©inaelnen  sunt  gemeinfamen  (&ebtt,  inbem  ein  ^eber  fdjon 
burdj  bie  ©eftalt  be§  gemeinfamen  religiöfen  2eben£acte§  oon 
bem  meljr  in  ber  $erfönlid)feit  gegrünbeten  su  bem,  tt>a§  in 
Men  baffelbige  fein  fann,  unb  bur<$  ben  ^n^alt  be§  iebe§= 
maltgen  $lcte§  p  bem,  \va§  in  bemfelben  $ltte  gleidjmäfjig 
-ergriffen  Ijat,  f)ingeunefen  mirb.  2)ann  aber  toirb  beibeS 
aud)  baburci)  erreicht,  bafj  unter  $orau§fesung  ber  2)ifferens 
ber  perfönltd)en  SBorgefübie  unb  28ünfdje  ^eber  fid)  für  bte 
5Iubern  ju  bem  (hiebet  bereinige,  hak  fie  burdj  bie  ^fjatfadjen 
ber  göttlichen  Söeltregierung,  fei  e§  nun  unter  ber  gorm  ber 
(Ergebung  ober  unter  ber  ber  $)anfbarfeit  jur  Zinnat)  erung  an  bie 
reine  greube  an  ©ott  immer  meljr  möchten  gebraut  merben. 
Unb  hierauf  laffen  ft$  alle  ©ebete  ber  ®trd)e  prüf  f  führen. 

§.  147.  Sefyrfa§.  3ebe3  ©ebet  im  tarnen  Qefu  tjat 
ine  Bergung  @&rifti,  bafc  e3  erhört  toirb,  aber  aud? 
nur  ein  fotd)e<3. 

Expos,  simpl.  XXIII.  p.  80.  Oratio  fidelium  omnis  per  solum 
Christi  interventum  soli  deo  fundatur  ex  fide  et  caritate.  — 
Conf.  Belg.  XXVI.  p.  187.  Proinde  seeundum  mandatum 
Christi  patrem  coelestem  per  unicum  mediatorein  nostrum  in- 
vocaraus  .  .  certo  persuasi  nos  ea  omnia  hnpetraturos,  quae 
a  p:\tre  in  nomine  ipsius  petierimus.  —  Catech.  Heidelb. 
CXV1I.  p.  573.  .  .  huic  firmo  fimdamento  innitamur,  nos  a 
deo,  quamquam  indignos  propter  Christum  tarnen  certo 
■exaudiri. 


3toetter  Sttfönltt.  25on  ber  SBef^affen^ett  ber  SSelt  2C  365 

1.  90?ag  man  nun  bei  bem  2lu§bruff  „in  Stefu  tarnen 
beten" '  mebr  baran  benfen,  in  feinen  Angelegenheiten  btttn 
ober  mebr  baran  au§  feinem  ©inn  unb  (55eift  beten:  fo  ift 
bocb  beibe§  auf  feine  Söeife  oon  einanber  su  trennen.  2)emt 
fönnten  mir  ba$  geiftige  SSotjl  ber  Sftenfdjen  anbcrS  al§  in 
feinem  ©tnnc  förbern  motten,  fo  müßten  mir  e§  auä)  anber§ 
al§  (£r  gebaut  baben;  unb  bann  märe  aueb  nidjt  feine  An* 
gelegenbeit,  ma§  (SJott  in  folgern  Ö5ebet  borgetragen  mürbe. 
2fa  fofern  ift  alfo  atterbing§  iebe§  ®ebet  fcbon  ein  ®ebet  im 
tarnen  Sefu,  in  melcbem  —  ma§  e§  aueb  fei  —  in  feiner 
Begebung  auf  ba§  fRetct)  ($5otre§  erbeten  rotrb.  $e  mebr  aber 
ba$  %zbtt  ein  beftimmteS  ift,  um  befto  notbmenbiger  ift  audj, 
ba.%  fein  ©egenftanb  gebaut  fei  in  Ueberetnfttmmung  mit  ber 
Drbuung,  nacb  melcber  (£&rtfru§  feine  Strebe  regiert,  bamit 
ber  Söetenbe  al§  foldjer  für  einen  magren  unb  annebmlicben 
SBeoottmäcbtigren  Gtbrifti  gelten  fönne.  2)arau§  folgt  fcbon, 
ba%  nur  ein  foldjeS  ©ebet  ein  mabre§  ($5ebet  im  tarnen  Sefu 
fein  fönne,  meinem  ba§  cjanse  «Selbftbemufjtfein  ber  ®ircbe 
§um  ©runbe  liegt  b.  f>.  bei  beffen  Snfjalt  i^r  ©efammtäuftanb 
berüfffiebtiget  ift.  $)iefe§  ift  bann  geroifj  ein  £beü  oon  bem 
jebe§maligen  ®emeingebet  ber  ®irdje,  unb  bafc  iotcbe§  erbört 
mirb  ift  nidjt  §u  besmetfeln.  2)enn  ift  ba$  SBebürfnifc  richtig 
aufgenommen,  unb  ba§>  leitenbe  SSorgefübl  ba$  ßrgebnifj  au§ 
bem  bollftänbtgen  Söeroufjtfein  ber  Äirdje  oon  ibren  inneren 
Buftänben  unb  äußeren  SBerbältniffen :  fo  trägt  ba§  ($5ebet  biz 
botte  $3af)xfyit  in  fidj,  mie  fte  aueb  bk  ©rfenntnifc  (£brifrt 
öon  feinem  geifttgen  Seibe  ift,  unb  feine  regierenbe  £bätig= 
feit  beftimmt;  mitbin  mu§  Oermöge  ber  @emalt,  bie  ber(Sobn 
Dom  Sßater  überfommen  fyat,  ber  Snbalt  beffelben  aueb  aur 
Erfüllung  gelangen.  ^ebe§  anbere  au§  einem  unOottfommneren 
SBemufetfein  berborgebenbe  (&tbtt,  menngleidj  niebt  minber 
bie  Angelegenheiten  (Ebrifti  betreffenb  unb  oon  bem  aufrieb* 
ttgen  53eftreben  in  feinem  (Seift  §u  bcmbeln  au§gebenb,  fiejjt 
bocb  feiner  Erfüllung  nur  in  bem  SDZaafc  entgegen,  al§  e§ 
mit  ienem  normalen  %tbtt  sufammenftimmt,  ja  e§  barf  b'xt* 
felbe  nur  in  biefem  SQcaafj  in  Slnfprudj  nebmen.  ©in  fotcbe§ 
fann  baber  feine  3uöerftdjt  nur  babur<$  ermerben,  bafc  e§ 
ftdj  jenem  untermirft,  unb  ba§  e§  nur  unter  biefer  SBebin* 
gung  erhört  fein  mitt.  Aueb  öon  biefem  bebingten  QD?bdf  mie 
c§>  am  beften  genannt  mürbe,  enthalten  niedrere  beiltge 
•Sänften  ein  JBeifpiel  ®&rtfti, 2  melcrjeg  meil  e§  nur  3eit  unb 


1  Sofj-  I6r  25.  26.  2  9Haitlj.  26,  42  flgb. 


364  2>cr  djrtftltdje  ©loube.  3toeiter  £f)etl. 

(Stunbe  betrifft,  mit  bem  raaS  mir  oben  bon  ber  öofffommnen 
9iid)tung  feineS  23orgefü()IS  behauptet  Ijaben,  nid)t  ftreitet; 
nmran  mir  alfo  fef)en  fönnen,  mie  aud)  ein  fotdjeS  ofine  ©üitbe 
fein  fann,  inbem  eS  nämlitf)  als  ©orrectiö  ber  Unficbertjeit 
bie  (Srgebung  fdjon  in  fid)  tränt,  aifo  nur  erhört  fein  mitf, 
infofern  baS  gebetene  audj  Jöeftaitbtljeil  eine§  normalen 
©ebeteS  fein  fönnte.  Sluf  biefe  Sßeife  bereinigen  ftd)  mit 
ber  unfrtgen  fet)r  Ieic£)t  audj  bie  geroötmlictjen  borstig- 
lid)  baS  bebingte  ®ebet  berüffTtccjtigenben  (Srflärungen, 
ba%  nänüid)  im  tarnen  (Efjrifti  httt,  mer  nur  motte  um 
GHjrifti  mitten  erhört  fein,  ober  fofern  t>a$  gebetene  in 
SBejug  auf  ben  göttlichen  9tatr)fcr}tu§  in  (£{jrifto  ©otteS 
2öiHe  fei. 

2.  £iegegen  aber  mirb  bie  (SHnroenbung  immer  mieber 
gebort,  bafj  menn  btefe  (Srftärung  bie  ©acfie  mirt'lidj  erfctjöpfe, 
I  atSbann  bie  gan^e  Seljre  bon  ber  ©ebetSerljörung  eigentlich 
[  nur  eine  £äufdjung  fei.  Söiefe  (Sinmenbtmg  fest  borauS,  ba% 
man  eigentlich  glaube,  burd)  baS  <35ebet  eine  ©inmirtung  auf 
©Ott  ausüben  jju  fönnen,  inbem  fein  2BiHe  unb  9ratr)fct)ht^ 
burd)  baffelbe  gebeugt  werbe.  ^ieS  ftreitet  gegen  unfere  erfte 
©ntubborauSfesung ,  bafj  eS  fein  SSerbältnifj  ber  Söedjfel* 
mirfung  giebt  smifeejen  ©efd)öbf  unb  (Schöpfer;  unb  eine 
£!jeorte  beS  ©ebetS,  meiere  bon  einer  folgen  Slmtaljme  auS* 
gef)t,  fönnen  mir,  raierool  immer  einige  eben  fo  gottergebene 
al§  gläubige  ßljriften  fict)  51t  berfelben  bef ernten,  nur  für 
einen  Uebergang  in  baS  magifdje  erflären.  Tlan  gefjt  babei 
allerbingS  auf  SBerljevfeimgeu  Gfjrifti1  surüff:  allein  tljeilS 
merben  fte  felbft  nierjt  richtig  berftanben,  tfjeilS  merben  bie 
SBebtngungen,  an  meldte  bod)  bie  SBerfjeifjuug  gebunben  ift, 
ntc^t  in  ifjrem  ganzen  Umfang  in  5lnfd)lag  gebracht.  SDenn 
mie  fott  einer  bod)  ba^u  fommen,  an  bem  maS  man  nadj  bem 
geroöfjulidjett  SluSbruff  bodj  nur  ein  fünftigeS  äufätligeS 
nennen  fann  nid)t  au  smeifeln,  menn  er  eS  nidjt  in  anberer 
SBe^ieljung  für  notlnoenbig  f)ätt?  unb  maS  fann  ber  (Sfjrift 
als  folctjer  für  notfjmenbig  galten,  als  nur  oljne  meldjeS  ein 
^öiebergeborner  nidjt  fönnte  in  bem  ©taube  ber  Heiligung 
erhalten  merben,  ober  oljne  meldjeS  baS  fHetc^  (£ljrifti  nidjt 
fönnte  Söeftanb  unb  gortgang  fjaben.  ©aS  ift  aber  nur  baS 
unbebingte  (3tbtt,  auf  meld)eS  mir  auf  biefe  SSeife  jurüffgefü^rt 
merben.    SSenn  aber  (£t)rtftuS  ben  ©tauben  jur  Söebingung 


1  3JJattf).  17.  20  unb  21,  21.  22 


gtoeiter  2T6fd)mtt.  Sßon  ber  SBefc^affen^eit  ber  SSelt  je  365 

madjt,  bafj  ba$  (gebet  erhört  merbe:  fo  oerfteljt  er  baruntet 
gar  nidjt  einen  abgefonberten  (glauben  an  bie  (Erfjörung  felbfi, 
fonbern  ben  (glauben  an  tijn  in  bem  gansen  unb  boHen  (Sinne 
be§  3Sorte§,  mithin  audj  ben  (glauben  an  bie  Unbergängtidjs 
feit  unb  ben  atte§  anbre  ftd)  unter orbnenben  SBertt)  be§>  oon 
i§m  gestifteten  9?eidje§  ®otte§ ;  unb  in  biefem  glauben  ift 
aEe§  l)ier  idjon  augetnanber  gefegte  mit  befaßt.  SBenn  mir 
baljer  audj  jebe  magtfdje  SSorfteftung  oon  ber  ©ebetSerprung 
abmetfen:  fo  tfmn  mir  bocrj  ben  SBerbeifeungen  (£I)rifti  feinen 
Eintrag.  ®enn  fo  memg  mir  gugeben,  ba§  marum  erfjörltc^ 
gebetet  morben,  gefcrjel)e  be§megen  audj  gegen  ben  urfprüng* 
Itdjen  göttlichen  SSiUen,  meil  barum  gebeten  morben:  eben 
fo  menig  behaupten  mir,  bafj  e§>  mürbe  gefcrjeljen  fein,  audj 
menn  nidjt  märe  gebetet  morben.  ©onbern  e§  giebt  einen 
3nfammenl)ang  §mifd)en  bem  (gebet  unb  ber  Erfüllung,  meldjer 
barauf  beruht,  bafj  beibe  in  einem  unb  bemfelben  begründet 
ftnb,  nämlict)  in  ber  2lrt  unb  Sßeife  be§  9^eictje§  (&otte§. 
^Denn  in  biefem  ftnb  beibe  nur  eine§,  ba§>  (gebet  at§  ba§  au§ 
ber  ©efammttfjätigfeit  be§  göttltctjen  ($eifte§  entmiffelte 
cr)riftli<ft)e  SSorgefüljt,  unb  bie  (Erfüllung  a{§  bie  auf  benfelben 
©egenftanb  besüglidEje  Sleufeerung  ber  regierenben  Sbätigfeit 
(£t)rtfit.  (So  angefe^en  märe  bie  (Erfüllung  nidjt  gefommen, 
menn  ba§  (Bebet  nidjt  gemefen  märe;  bann  märe  nämlidj 
auäj  in  ber  (Sntmifflung  be§  D?eidje§  <$otte§  ber  Sßuntt  nudj 
mdjt  ba  gemefen  auf  melden  jener  folgen  mufjte.  StTcidjt  aber 
fommt  bie  Erfüllung  be§batb,  meil  gebetet  morben,  al§  ob 
ba§  (gebet  fiter  ifolirt  betrautet  merben  tonnte  al§  eine  Ur* 
fadje  für  ftdj,  fonbern  meü  ba$  richtige  (gebet  feinen  anbern 
©egenftanb  tjaben  fann,  al§  ma§  in  ber  Drbnung  be§  gött* 
lidjen  2Sof)IgefaHen§  liegt.  s3ludj  nidjt  märe  fie  gefommen 
be§  göttlichen  SBefdjluffeS  megen,  audj  menn  nidjt  märe  gebetet 
morben,  al§  ob  e§  einen  göttlichen  Söefdjlufe  über  einzelnes 
gäbe,  abgefonbert  oon  feinem  natürlichen  gufammenbang, 
fonbern  meil  ber  Buftanb  au§  meinem  ba%  (gebet  entfteljt 
mit  au  öen  Söebingungen  geborte,  unter  meldjen  ber  (Srfolg 
auf  eine  mirffame  5lrt  eintreten  fonnte.  —  ©tefe  2)arfteIIung 
ber  Sadje  menbet  nun  audj  einen  anbern  ßinmurf  gegen  bie 
Seljre  bon  ber  ($5ebet§erprung  ab,  bafj  fte  nämlidj  geeignet 
fei  bie  £Ijätigfett  ber  ©laubigen  §u  lähmen,  meld)e§  bofl^ 
ftänbig  au§gefprodjen  fobiel  Reifet,  bafj  menn  man  an  @r* 
Körung  be§  ®ebete§  glaubt,  man  baZ  „bete  unb  arbeite" 
trennen,  unb  ba§  (gebet  ganj  an  bie  ©teile  ber  Arbeit  muffe 
lesen  fönnen.     tiefer  gormei,    „bete  fo  braudjft  bu  merjt  311 


366  ©er  djriftUtfe  ©fouBe.  3h>elter  a^cil. 

arbeiten",  ftcljt  —  roenn  bie  (Srljörung  be§  ®ebet§  getäugnef 
joirb  —  bte  anbere  gegenüber,  „arbeite  unb  lafe  Mr  feine 
3ett  sunt  SBeten".  Sßir  aber  muffen  betbe  bermerfen,  inbem 
nadj  ber  obigen  StuSetnanberfeaung  ba§  redete  ©ebet  nur 
entfielt,  mäljrenb  mir  in  ber  auf  bte  (Erfüllung  unfereS  cbrtfc 
Iicrjen  SBerufS  gerichteten  £I)ätigfeit  begriffen  ftnb.  SSenn 
fotdjergeftalt  jeber  maf)re  ©ebetSmoment  auf  einem  2^ätig= 
feitSmoment  rubt:  fo  fann  ba$  (SJebet  bie  £t)ätigfeit  nictjt 
aufbeben,  oljne  ftct)  felbft  aufstreben;  mogegen  ba$  in  einem 
nicbt  fo  enrftanbenen  ®ebtt  auSgefprocbcne  SBorgefüfjl  immer 
nur  ein  mülfübrltcrjeS  fein,  mithin  gar  leine  ©idjer^eit  in  ftdt> 
tragen  fann,  bau  e§  mit  ber  regierenben  Sfcätigfeit  (X^rifti 
äufammenftimme.  (£ben  fo  menig  aber  fann  bie  Sfyätigfeit 
ba§>  ©ebet  aufbeben,  benn  eine  folcrje  £f)ätigfeit  fönntc  nicbt 
auf  ba$  fReicl)  ©otte§  gerietet  fein,  roeil  ber  Später  mit 
bem  aufrieben  fein  mitt,  ma§  er  felbft  erreichen  fann, 
unb  eine  folcrje  geroä'fjrte  benn  aud)  feine  (Sufjerl^eit,  bafc 
fte  unter  bem  ßinflufc  oon  ber  regierenben  ^ätigfeit  (Hjrifrt 

3.  ^nbem  mir  nun  ba%  (&ebzt  immer  nur  in  feiner 
SKicrjtung  auf  bie  Angelegenheiten  be§  9teid)e§  $otte§  toer= 
ftanben  fjaben,  ftnb  mir  bon  ber  Sßoraugfesmtg  ausgegangen, 
bafj  nur  biefeS  G&zbet  im  tarnen  Sefu  bem  ©Triften  natürlich 
fei.  ^nbefe  erinnert  unfer  (gas  felbft  an  ein  anbereS,  baZ 
mir  au§  ber  allgemeinen  ©rfa^rung  alle  fennen.  SSenn  mir 
nun  biefem  auf  ber  einen  (Seite  feinen  Shttfjeil  sugefte^en 
fönnen  an  ber  SSerl^etfeung  (£f)rifti:  fo  bilbet  bod)  ba$  bebingte 
<&tbet  im  tarnen  $efu  infofern  einen  Uebergang  su  bem- 
felben.  bafc  mir  e§  nic£)t  bermerfen  bürfen.  2)enn  e§  ift 
immer  eine  SSerbinbung  menfd)iid)er  ©mbftnbungen  unb 
Regungen  mit  bem  ©otteSbemufjtfein,  in  roelcber  Sßerbinbung 
fte  ftdj  immer  leibenfdjaftlofer  unb  geiftig  reiner  ausprägen 
merben  at§  oljne  biefelbe.  S)a  nun  aber  biefeS  (&tbtt,  fei  e§ 
nun  ein  ($5ebet  ber  Pietät  ober  ber  ©elbftliebe  ber  ebleren 
ober  ber  minber  georbneten,  fein  eigentfjümlid)  ctjriftlid)e§  ift, 
bie  (Störung  aber  eine  befonbere  Sßerljeifjung  be§  (£rlöfer§ 
an  bie  ©einigen:  fo  mirb  audj  biefeS  (&ebtt  an  ber  Söertjeifeung 
nur  infofern  einen  Anteil  ^aben,  al§  e§  bem  ©egenftanbe  ber 
SBerfjeifjung  bermanbt  ift,  ba§  beifjt  al§  mir  bk  <3ott  bor* 
getragenen  SSünfcrje  äugleicr)  al§  93ebürfniffe  ber  ®tr$e  auf- 
teilen fönnen.  $)em  fteljen  nun  bie  (ktbttt  au3  Pietät  am. 
nädtfien.     $)enn  ie  f)öljer  mir  einen  ©htäelnen  ftetten,  um. 


Stoetter  Slfcfänltt.  Eon  ber  Söeföaffenfjeit  ber  SSelt  jc  367 

befto  letzter  fönnen  Wir  herleitet  Werben  ju  glauben,   eS 
fei  ein  befttmmter  SSeriuft  für  ba$  SRetd)  ©otte§ ,  wenn  er 
feinem  3ßirfung§freije  entriffen  ober  in  bemfelben  gehemmt 
würbe.    Söei  näherer  ^Betrachtung  aber  werben  wir  un§  immer 
fagen  muffen,  bafj   aufeer  Gtfjrifto  fein  (ginselner  im  fRetcrje 
®otte§  unentbehrlich  ift.    Wod)  Weiter  ab  aber  flehen  aller* 
bing§  alle  2£ünfd)e,   bie  ftct)  auf  unfer  ober  auct)  Ruberer 
äufjerlidje§  2Bof)lergeljen  besiegen;    auct)  täuben    Wir  unS 
hierüber  fdjon  Weniger,    ^nbefe  fo  lange  wir  nodj  nidjt  au  I 
ber  reinen  alle  2öünfd)e  au§fd)Iiefjenben  Ergebung  gefommen 
ftnb:  fo  ift  e§  un§  auct)  al§  Triften  natürlich  unb  f)eilfam, 
biefe    Sßünjdje    mit    bem    (55otte36ewufetfein  ju  oerbinben.1 
i&eüfam  aber  Wirb  e§  un§  nur,  fofern  eben  burdj  ba§  £8e* 
wufjtfein,  bak  wir  biefe  SSünfdje  nid)t  im  tarnen  $efu  ®ott. 
bortragen  fönnen,  Wir  jur  reinen  Ergebung  geförbert  werben. 
Sa    wenn    bie§    nidjt   Qefdcjietjt:    fo    müfete    ftdj    gleidtfam 
wäljrenb  ber  $ebe  ba$  ($5ebet  in  ein  %tbtt  um  Ergebung 
oerwanbeln,  unb  bie§  Wäre  bann  eine§  im  tarnen  ^efu.  SBie 
aber  jebe§  folctje  %tbtt  nur  ein  Sljeil  ber  einzelnen  (Seelen* 
toflege  ift,  fo  bleibt  e§  audj  am  ridjtigften  in  bem  Greife  be§ 
einzelnen  unb  IjäuSlid&en  Seben§,   Wo   e§  feinen  natürlichen 
Ort  ^at.     SBogegen  bie  öffentlichen  gemeinfamen  ©ebete  ber 
(Ibtiften  immer  ben  reinen  £üpu§  be§  (&ebd$  im  tarnen 
Sefu  barftetfen  f ollen  olme  (gegenftänbe  einaumifdjen,  b'eren 
3ufammenbang   mit    ber    fortfc&reitenben    ©ntwifflung    be§- 
9teict)e§  ®otte3  nictjt  einleuchtet;  e§  müfjte  benn  fein,  bafj  & 
bie  öffentliche  ©eelforge  erforberte,   gemeinfame  öon  einem 
weltlichen  Sntereffe  auSgeljenbe  3Sünfct)e  burdj  baZ  öffentliche 
<&tbd  in  ba$  ®ebzt  um  Ergebung    umsulenfen.     £riernatf> 
ftnb  alle  öffentlichen  djrtftltdjen  Fürbitten  einzurichten,  Wir 
benn  auct)  bie  Anweisungen  baju  in  ber  ©djrift3  nur  im 
3ufammenl)ang  mit  ber  un§  Ijier  jum  ©runbe  liegenben  $er* 
^eifjung  (£brifti  §u  erflären  ftnb. 


1  1  «ßetrt  5,  7.  bgl.  gRattfj.  6,  31.  32. 
*  1  %im.  2,  1—4.     $#l.  4,  6. 


868  ©er  c^rlftlicfte  ©lau&e.  gtoetter  Sfjeü. 


3  to  e  1 1  e   £  ä  l  f  t  e. 

©a§  tocmbelbare,  toa§  ber  ®trdje 

gulommt  Vermöge  üjreS  $ufammenfem§ 

mit  ber  Seit. 

§.  148.  SDaburd),  bafe  bie  ßird&e  ftd)  au§  ber  SBelt 
tiifyt  bilben  rann,  ofyne  bafj  aud)  bie  SBelt  einen  ©tnflufj 
auf  bie  £irdje  ausübt,  begrünbet  itd?  für  bie  $ird)e  fetbft 
ber  ©egenfaj  gmifdpen  ber  fic&tbaren  unb  unfia)t* 
baren  £ira)e. 

1.  SBenn  lieber  in  ber  SBelt,  ber  Don  bem  ®eift  be§ 
£t)rtftent&um§  ergriffen  ttrirb,  ifjm  aud)  gleidj  fo  angehörte, 
bafe  in  ibm  fein  Moment  anber§  befttmmt  mürbe,  al§  burd) 
feine  (£möfänglid)feit  für  bie  ©inmtrfungen  bte[e§  ®eifte§, 
unb  nid)t§  in  feinem  früheren  Seben  begrünbeteS  mebr  öor- 
fäme:  fo  fönnte  bie  SBelt  jmar  neben  ber  SHrdje  fortbeftefjen, 
inbem  fie  fid)  bem  meiteren  Einbringen  berfelben  miberfejte, 
nnb  fie  fönnte  baburd)  aud)  bie  Sbättgfeit  ber  ®trdje  mobi* 
ficiren  unb  in  ftdj  aurüffmerfen ;  aber  bie  S?ird)e  mie  fie  iebe§- 
mal  beftänbe,  märe  bod)  ganj  untermengt  mit  ber  SBelt,  unb 
beibe§  mären  gönntet)  getrennte  unb  aufjer  einanber  befmblicbe 
($5emetnfd)aften.  Sftun  aber  ift  bie  SBtebergeburt  feine  plöj« 
lictje  Sßermanblung,  fonbern  menn  audj  fdjon  ba§  SBoblgefallen 
am  göttlidien  SBttfen  ba$  eigentliche  ^rf)  be§  9Menfd)en  ge= 
morben  ift,1  bleibt  bodj  in  allem  einselnen  nodj  eine  bem 
(Steift  miberftrebenbe  £t)ättgfeit  be§  gletfdje§  jurüff;  mitbin 
ift  audj  in  benen,  meldte  aufammengenommen  bie  ®irdje  au§* 
machen,  immer  nod)  etma§  ber  SBelt  angebörige§.2  Sllfo  finb 
®ird)e  unb  SBelt  md)t  räumlich  unb  äufjerlid)  getrennt,  fonbern 
auf  jebem  $unft  be§  erfcbeinenben  menfdjlidjen  £eben§,  mo 
aud)  fdjon  ®irdje  ift,  meil  ®laube  unb  ©emeinfd)aft  be§ 
®lauben§  ba  ift,  eben  ba  ift  audj  nod)  SBelt,  meil  nod)  ©ünbe 
unb  ©emeinfdjaft  mit  ber  allgemeinen  <Sünbt)afttgfeit  ba  ift. 
Seber  ftcbtbare  Stbeil  ber  Strebe  ift  alfo  genauer  betrautet 
ein  (Semifc^  öon  ®ird)e  unb  SBelt;  unb  nur  menn  mir  ba$ 
toon   bem  göttlichen  ®eift  in  ben  äftenfeben  gemtrfte  ifoliren 


1  SRöm.  7,  17.  20.  —  1  3o^.  i,  8—10.  *  SSgl.  §•  126,  1. 


3tociter  ST&TdittUt.  Sott  ber  Sefrfjaffenfjeit  ber  SBelt  2c.  369 

unb  fo  sufamm  entfetten  tonnten,  Ratten  mir  bie  ®irdje  rein. 
9?un  ftnb  biefe  SBtr&mgen  nicbt  nur  fo  gemifj  borbanben,  al§ 
ber  Zeitige  (Seift  nur  in  biefer  mirffamen  ^Bereinigung 
mit  ber  menfcbücljen  Sftatur  gegeben  ift,  fonbern  fte  con* 
ftituiren  audj  ein  sufammengebörtge§  unb  sufammenmirfenbeS 
(S5anäe;  aber  fie  ftnb  nidjt  abgefonbert  barsuftellen,  fonbern 
;nur  unftdjtbar  ftnb  fte  innerhalb  jene§  ®emenge§  at§  ba$  in 
fcemfelben  gegen  bie  SBelt  mirffame  unb  e§  bon  ber  SBelt 
fctjeibenbe  enthalten,  ©ie  unftcbtbare  ®ir<$e  ift  alfo  bie  ($5e* 
fammtbeit  aller  Sßirfungen  be§  ($5eifte§  in  ibrem  Bufammen* 
•taug;  biefelben  aber  in  tbrem  Bufammenljang  mit  ben  in 
feinem  einseinen  bon  bem  göttlichen  (Seift  ergriffenen  iJeben 
feblenben  jftactjmirfungen  au§  bem  (Sefammtteben  ber  aßge~ 
meinen  (Sünbfmfttgfeit  conftituiren  bk  ftcbtbare  ®irdje. 

2.  ®emöbnli$  berftetjt  man  unter  ber  unftebtbaren  ®ircbe 
bie  (Sefammtbeit  ber  Söiebergebornen  unb  im  ©taube  ber 
Heiligung  mirflidj  begriffenen,  unter  ber  ftdj  floaten  SHrdje 
aber  aufjet  biegen  au<$  nod)  äße  bieienigen,  meiere  ba$  ©oan* 
getium  gehört  baben,  alfo  berufen  ftnb,  unb  ftdj  äufjerlicb  jur 
Strebe  befennen,  ober  mie  mir  e§  lieber  au§brü!fen  mürben, 
meiere  ben  äußeren  ®rei§  ber  ®irdje  bilben,  inbem  fte  au§ 
ber  ©efammtfjeit  ber  Sßiebergebornen  bermittelft  eine§  äufjet* 
lief)  begrünbeten  $ertjältniffe§  oorbereitenbe($5ebanfenmirtungett 
empfangen.1  «Soll  nun  aber  bie§  äufjerlicb  begrünbete  $er= 
bältnift  biefe§  fein,  ba%  fte  bie  Saufe  erhalten  baben  unb  fidj 
Triften  nennen:  fo  füllte  e§  nad)  ber  utfprünglicrjen  2lbftä)t 
<£t)rtfti  eine  folctje  ftcbtbare  ^irc^e  gar  nicbt  geben,  inbem  nur 
bieienigen  getauft  merben  füllten,  meiere  SBufce  getban  Ratten 
unb  mit  ber  Saufe  sugleicb  bie  Vergebung  ber  <Sünben  unb 
bie  äJttttfjeüung  be§  ®eifte§  §u  empfangen  reif  maren.  STucfj 
bie  berufenen  atfo  füllten  fo  lange  aufeet  ber  ®ircbe  bleiben, 
bi§  bie  ©emeine  unb  fte  felbft  in  ber  Ueberjeugung  überein* 
Itimmten,  bafc  eine  2eben§gemeinfc&aft  ämifeben  (Sbrtfto  unb 
ümen  beftefje,  unb  in  jenem  äußeren  Greife  füllten  nid)t9Jcit* 
giieber  ber®ir$e  fein,  fonbem  nur  Spiranten  an  bie  ®irdje. 
SSoHtc  man  nun  fagen,  bafj  biefe  urfprünglidje  Einrichtung 
nun  nte&t  nur  feit  ber  ®inbertaufe,  fonbern  noeb  meit  mefjr 
feit  ber  (E&riftiamfttung  ber  Völler  im  großen,  unb  feit  ber 
bürgerlichen  SBebortedjtung  be§  (£ljrtftentbum§  nic&t  sutüff* 
gerufen  merben  tonne,  unb  alfo  al§  gleidjfam  bureb  GE&riftum 
felbft  abgeänbert  au  betrachten  fei:  fo  mürbe  bo<$  babureb 


1  »gl.  §.  115,  2. 

©<&t.,«&ri|M.«I.ll.  2* 


370  £>er  $xlftH($e  ©Iou6e.  Btoelter  a^ell. 

— 

nidjt  angemeffener  merben,  bie  (Semeinfdjaft  ber  SSteber* 
gebomen  eine  unftd)tbare  ju  nennen.  2)enn  roenn  aud)  ber 
Moment  ber  Sßiebergeburt  nidjt  bestimmt  Serben  fann,  ja 
SSiele  aitcr)  über  Sßtele  ungemifj  fein  tonnen,  ob  biefe  ftcij  in 
bem  (Stanbe  ber  Heiligung  befinben:  fo  fönnte  bod)  biefe 
Ungennfjljeit  über  dinige  nidjt  ba§  ©anje  unftdjtbar  machen, 
fonbern  gerabe  bie  ®emeinfd)aft  berer,  bie  meil  am  fefteftert 
im  ©tanbe  Me  Heiligung,  aud)  am  fräftigften  ber  SBelt  cnt* 
gegentreten,  müfcte  in  biefem  (Sinn  bie  ftdjtbarfte  fein.1  3ßa§ 
fonad)  bem  gemötjnltd^en  <Sprad)gebraudj)  gemäfe  bie  unftdjt* 
bare  ®ird)e  Ijeifct,  baOon  ift  ba$  metfte  ni$t  unftd^tbar,  unb 
roa§  bie  ftd)bare,  baoon  ift  ba$  meifte  nidjt  ®ird)e.  SBogegen, 
ttrie  mir  ben  ©egenfaj  gefaxt  fjaben,  befagt  er  ettoa§  mafjre§ 
unb  notlimenbigeS.  £)enn  menn  e§  aud)  gelänge,  alle  ntdjt 
SSiebergebornen  au&ert)alb  ber  ®irdje  su  galten:  fo  märe  bie 
©efammtfjeit  ber  SSiebergebornen  bodj  nur  bie  ftdjtbare 
®ird)e  in  unferm  (Sinn,  aber  meil  ftctjtbar,  barum  aud)  nidjt 
rein  Oon  frember  SSeimifdjung.  2)ie  reine  ®ird)e  aber  fann 
überaß  nidjt  ftdjtbar  gemalt  merben ;  aber  e§  ift  notljmenbig 
fte  al§  baZ  eigentümlich  mirffame  in  jener  and)  abgefonbert 
%u  betrauten.  £)ie  in  ben  £eljrftü!fen  ber  erften  Hälfte  be= 
Jjanbelten  Snftitutionen  ftnb  nun  bie  ooräüglid)ften  Organe 
ber  unfidjtbaren  SKrdje  unb  repräfentiren  am  meiften  bie 
Gräfte  berfelben  in  ber  ftdjtbaren.  £>ier  nun  merben  bie- 
ienigen  allgemeinen  Buftänbe  ber  ftdjtbaren  ®irdje  betrachtet,, 
meiere  al§  bit  fidj  immer  erneuernben  folgen  Oon  bem  WlxU 
gefeatfein  ber  SSelt  in  berfelben  am  meiften  ben  (55egenfaj 
ahnfdjen  ber  ftdjtbaren  ®irct)e  unb  ber  unfidjtbaren  jum  S8e« 
hmfctfein  bringen. 

§.  149.  ®er  ©egenfa^  smifd&en  ber  fiebtbaren  unb 
unftd?tbaren  $ir$e  läftt  fid)  in  ben  beiben  6ägen  su* 
fammenf  äffen,  bafj  bie  erfte  eine  geseilte  ift,  bie  anbere 
aber  ungeteilt  eine,  unb  bafc  bit  erfte  immer  bem  Qrr* 
tbum  unterworfen  ift,  bie  anbere  aber  untrüaüd). 

1.  SBir  bürfen  nur  auf  ba§  surüffgeljen,  ma§  mir  über 
ben  Ort  unb  bie  Strt  ber  OTttlj  eilung  ber  unfünb lidjen  SSoCt* 
fommen^eit  ©^rifti  gefagt  Ijaben,2  um  behaupten  m  fönnen, 
bafe  ba%  innerfte  in  jebem  roafjrtjaft  SBiebergebornen  nichts 
anbere§  fei  als  bie  gan^e  SBaljrfjeit  ber  ßrlöfung:  auf  tiefet 

*  Watti).  5,  14.  Sgl.  §.  88,  3. 


gtoeitei  Stöf djnitt.  SSon  ber  23ef c^affenfjeit  bex  Sßelt  jc  37 1 

(Sefctet  aber  befcbränft  ftdj  audj  ganj  allem  bie  Untrügiidj* 
fett,  toeldje  mir  ber  unftd)tbaren  ®ird)e  auftreiben.  Bunädjft 
alfo  ba§>  öeftmfctfem  Don  ber  Sinbfdjaft  (SotteS  in  ber  ßebenä* 
ßemeütftfjaft  mit  (S^rtfto,  meldje§  $eber  für  2lHe  §at  unb  2UIe 
für  Seben,  rcosu  nun  roefentlid)  gebort  ba§  SßerouM ein  einer 
in  ibnen  unb  für  fte  üorfmnbenen  Seitung  in  alle  SSabrbeit.1 
SlHein  bie  Vereinzelung  iene§  innerften  SBetoufctfeinS  in  be* 
ftimmten  SBorftettungen  tjat  aud)  fcbon  nidjt  meljr  biefelbige 
bolle  Sßaljrtjett;  benn  bie.  SßorfteEungen  be§  ©ingelnen  ftnb 
baä  (gräeugnife  feincS  früheren  SebenS  unb  au3  feinem  früberen 
(Sinn  unb  ^ntereffe  berauggebilbet,  me§balb  benn  bie  3Sieber* 
geburt  nid)t  eine  plöslidje  Ummanblung  ber  gefammten  23e* 
griff§bilbung§meife  fein  fann.  ©aber  berfätfdjt  fidj  mebr  ober 
meniger  ber  äußere  2lu§bmff  biefer  inneren  SBabrbeit,  unb 
nur  aEmäpg  fest  ftdj  ber  (Seift  in  ben  SBeftj  biefeS  Drga* 
niSmug.  £>a§  gleite  gilt  t>on  ber  SRtdjtung,  meldje  ba& 
£eben  GPjrifti  in  un§  bem  SSiEen  giebt;  fie  ift  bie  reine 
Stiftung  ©brifii  felbft  gegen  bie  ©ünbe  unb  auf  bte  $er* 
breitung  feinet  2eben£.  Mein  fo  mie  biefe  ftdj  ju  einzelnen 
£anblungen  ausprägt,  fo  tritt  nidjt  nur  bie  Sluffaffuug  eineg 
beftimmten  SBerljältniffeS  baämtfdjen,  fonbern  audj  ber  bie 
£anblung  borbÜbenbe,8meffbegrtff;  beibe  aber  ftnb  burdj  bit 
in  ber  ßett,  ba  ber  SßiEe  ftdj  im  ©ienft  ber  ©innlidjfeit 
befanb,  gebilbeten  SßorfteEungen  bebingt,  unb  roerben  mitbin 
nidjt  meljr  bk  gleich  reine  £)arfteEung  jenes  inneren  2ln= 
triebet  fein.  (So  f^eibet  ftdj  bemnad),  menn  mir  oon  ba 
auSgefjn  roo  ba$  neue  Seben  ftdj  anfnübft,  febr  balb  baä  reine 
unb  ba3  unreine,  unb  smar  gerabe  mie  ba3  ftdjtbare  unb  ba§ 
unftdjtbare,  benn  ma§  in  bas>  erfdjetnenbe  Sßeroufitfetn  über* 
gebt,  ift  fdjon  nidjt  meljr  baä  reine.  $8eibe§  aber  gefjört  ber 
©emeinfdjaft;  benn  bafj  fiel)  an  einem  bk  (grlöfung  realiftrt, 
unb  bafj  er  ber  (Sememidjaft  ber  Gläubigen  anjugebören  an* 
fängt,  ift  nur  baffelbe.  ®enn  menn  jemanb  fagen  moEte,  er 
gebe  §roar  ben  Unterfcrjteb  smifdjen  bem  reinen  unb  getrübten 
3U  al§  ben  sroifd)en  bem  ftd)tbaren  unb  unfidjtbaren,  aber 
ba$  le&te  fei  feine  ($5emeinfd)aft,  fonbern  ba$  fd)le$tbin  innere 
fei  al§  foldjeS  aud)  fdjledjtbin  ifolirt,  meil  nur  cermittelft  ber 
Sleufjerung  eine  (Sememjdjaft  mögitei)  fei,  biefe  aber  fei  fdjon 
nidjt  mebr  ba$  reine  unb  magre:  fo  iftbteS  aEerbingS  infofern 
guaugeben,  al§  nidjt  bk  unfiebtbare  ®irdje  eine  (Semeinfdjaft 
ift  öoEtommen  abgefonbert  bon  ber  ftdjtbaren  unb  für  ftdj 

1  3o§.  16,  13. 

24* 


372  ©er  tfrlftttdje  ©IauBe.  3toetter  Sljcil. 

allein.  $)ie§  ift  aber  aucb  ntdjt  bcr  gaff  bei  ber  gemüljnltcrjeft. 
ÖtebraudjSmeife  biefer  2lu§brütfe,  fonbern  bier  tüte  bort  ift 
bie  unftdjtbare  Strebe  al§  ®emeinfd)aft  —  meldier  begriff 
nur  überhaupt  fiärfer  berau§trttt  in  unierer  5luffaffung  biefer 
öegenftänbe  —  bermittelt  burd)  bie  ftcbtbare.  Unterfcbeiben 
mirb  aber  genriß  $eber  beibe§  in  feiner  täglichen  (Srfabrung, 
nrie  mir  in  bent  einen  gaff  burdj  ba§  mannigfaltig  getrübte 
ber  einzelnen  5leußerungen  Ijinburdj  unb  bon  biefem  abfebenb, 
nnb  auf  biefelbe  Söeife  and)  bon  bent  5lnberen  burcbgefeljen, 
un§  in  eine  gegenfeitig  ftörfenbe  unb  unterftüjenbe  SSerbüts 
bung  jeber  mit  ben  innerften  eintrieben  be§  Ruberen  fejen, 
unb  fo  einen  Moment  ber  unftd)tbaren  ®ir$e  conftituiren, 
unb  hrieberum  in  bent  anbern  gaff  eine  ($5emeinfd)aft  ber  ein* 
seinen  Jpanblungen  unb  9leußerungen  felbft  eingeben,  um  mit 
ben  bermanbteften  einen  gemeinfamen  $aum  gleichmäßig  aus- 
zufüllen unb  frembartige§  au§  bemfelben  abgalten,  unb  fo 
einen  Moment  ber  ftdjtbaren  ®ird)e  conftituiren.  —  S)aß  mir 
unter  bie  Untrügticbfeit  ber  unfidjtbaren  ^trctje  aud)  bie 
fReinl)ett  unb  unter  bk  SrrtljumSfäljicjfeit  ber  ftd)tbaren  aucb 
bk  ©ünbe  mit  einrennen,  bebarf  feiner  (Erörterung,  ba  e§ 
bermittelt  ift  t§eil§  baburd),  ba%  ben  einzelnen  £>anblungen 
Bin eff begriffe  sunt  (taube  liegen,  bie  tfjnen  ba$  Wlaafc  be= 
ftimmen  unb  bk  felbft  ber  Unbofffommenbeit  ber  Sßorfteffungen 
unterliegen,  tbeil§  baburdj,  ba%  bie  (Sntnnfflung  ber  reli* 
giöfen  SSorfteffungen  ebenfalls  auf  SSiffenStbätigfeiten  beruht, 
meiere  an  ber  Unreinbett  ber  einzelnen  ©elbftbeftimmungcn 
leiben. 

2.  hiermit  jängt  nun  genau  sufammen,  baß  audj  bie 
unficfjtbare  ®irdje  mefentticb  überall  (Sine  ift,  bie  ftcbtbare 
hingegen  immer  im  5lu§einanbergefjen  unb  ftd)  trennen  be* 
griffen.  S)enn  ba  ba§  innerfte  Q3emußtfein  unb  bk  innerften 
antriebe  nicrjt§  auberS  finb  al§  bk  <$egenmart  unb  bie  leben- 
bigen  Regungen  be§  ®eifte§  felbft:  fo  ift  bie  (SSemeinfcbaft 
berfelben  nichts  anberS  al§  ba§  ©icbfetbfterfemten  be§  ($5eifte§, 
unb  biefe  muß  ftd)  alfo  fo  tvtit  erftreften  al§  ber  ®eift  ber= 
f eibige  ift,  ba§  beißt  über  bie  ganse  C£t)riftenr)ett.  £>a  fte 
aber  nun  eine  unftcbtbare  ift,  fo  feblt  itjr  affe§  roa§  iljr  eine 
beftimmte  gorm  geben  fönnte,  unb  fte  ift  überall  unb  immer 
nur  ba$  unmittelbare  Söerbältniß  affer  begeifteten,  bie  mie 
fte  ftct)  treffen  in  ibrem  innerften  ©um  äugletct)  äffe  if)re§ 
gleid)en  in  biefelbe  (Semeinfcbaft  einfließen,  ba$  beißt  e§  ift 
ba§>  gemetnfame  ©treben  Ziffer  überall  burd)  ba$  s2leußere  bin- 
burd)  benfelben  ®etft  ju  ernennen  unb  an  ftct)  ju  sieben.   SDie 


Stoeiter  2C6fdjnttt.  SSon  ber  SBef^affen^eit  ber  SEBelt  w.  373 

einzelnen  Steigerungen  aber,  SSorfteffungen  fomol  als  föanb* 
tagen,  tüte  fie  al§  Setter  ba$  bermittelnbe  jener  (£inen  %t* 
meinfcbaft  ftnb,  fo  finb  fie  an  nnb  für  ftdj  in  ber  ftd)tbaren 
($5emeinfd)aft  ba§  fdjeibenbe,1  nic&t  nur  fofern  bit  bon  über* 
miegenb  beftintmenben  fünften  au§geljenbe  2ln§ief)ung§fraft 
irgenbmo  nadj  Jrfjtyftfdjen  ®efezen  ifjre  Trense  ftnbet  unb  ber 
.Bujammenfjang  abreißt,  fonbern  oorzüglid)  audj  fofern  ba§ 
btnbenbe  23ermanbtfd)aft§bemuMein,  tüte  e§  mit  ben  in  unferm 
(Sinn  ftnnlicben  Differenzen  be§  menfd)lidj)en  <Sein§  gufammen* 
ljängt,  ftd)  feibfiliebig,  mitbin  audj  trennenb  unb  befdjränfenb, 
geftaltet.  —  Unb  5ier  ergiebt  ftcb  aufs  neue,  ma§  mir  an 
einem  anbern  Drt  anber§  nadjgetoiefen  fjaben,  ba%  bie  djrtft« 
lictje  ©emeinfdjaft  al§  Sine  fidj  unmöglich  lann  felbft  bes 
fdiränfen,  b.§.  einen  mirffamen  SöiUert  fjaben,  anbere  fromme 
©emcinf haften  neben  ftdj  au  laffen.  Denn  alSbann  müBte 
entmeber  bit  2Inaief)itng§fraft  (£brifii  abreißen,  unb  fo  feine 
Seben§gemeinfd)aft  fidj  burdj  eine  beftimmte  ^eri^erie  be* 
grenzen,  unb  bann  märe  er  nid)t  für  ba§  ganze  3Jcenf<$en* 
geid)tedjt  begeiftert  unb  begabt  gemefen;  ober  ba$  oon  iijm 
an§gebenbe  23eftreben  müfete  ftd)  in  ber  ©emeinfdjaft  ber 
(gläubigen  eigenlieb  ig  begrenzen,  um  Slnbere  neben  ftcb  §u 
baben,  meiere  nidjt  berfelben  Vorzüge  tfjeiüjaftig  mürben, 
unb  bann  märe  biefe  Siebe  nidjt  biefeibe  mit  ber  Siebe 
dbriftt. 

3.  (£§  läßt  ftcö  aber  audj  tetdjt  zeigen,  bafj  in  biefen 
©äsen  bte  ganze  Differenz  zmifdjen  ber  ftdjtbaren  unb  ber 
unftd)tbaren  ®ird)e  auSgebrüfft  ift.  Denn  menn  mir  bei  bem 
Seben  (£ljrtfti  in  uns?  ober  ber  Sßtrffamfett  be§  ®eifte§  in  un§ 
beginnen:  fo  ge^t  beibe§  nur  auf  biefeS  gmiefacfie  au§,  alles 
menfdjüdje  in  bem  ©ingelnen  biefent  göttlichen  anzueignen 
unb  bann  mit  bem  angeeigneten  in  ber  ©emeinfamfeit  be§ 
geiftigen  Seben§  mirfiam  zu  fein.  SSenn  alfo  ba§,  ma§  in 
bem  Einzelnen  nodj  SBelt  ift,  in  biefer  Sßirffamfeit  ftörenb 
mitmirft:  fo  mu&  baburdj  eine  bon  biefen  S^ättgfeiten  ge* 
bemmt  unb  abgelenft  merben,  unb  jmar  merben  mir  überall  audj 
ba%,  ma§  bem  (Steine  nad)  nur  Negation,  Unterlaffung  ift, 
auf  ein  mirflicbe§,  eine  £fjat,  prüf f führen  tonnen.  Sftun  ift 
iebe§  SSirfen  in  ber  ©emeinfdjaft  ein  hervorbringen  berfelben, 
meil  fie  nur  burd)  auf  fie  bezügliche  ^anblungen  fortbefteljen 
fann,  ma§  mitbin  biefe  £f)ätigfeit  ftört,  mufj  eben  fo 
eine  Trennung  ber  ®emeinfdjaft  in  fidj  fcrjlie^en.    (Sben  fo 


1  SSflL  §.  6,  3. 


S74  55er  djrljthdje  ©lcrnbe.  3tociter  Xficll. 

menn  ber  <S5etft  in  Gebern  ein  gübrer  in  alle  Sßafjrljeit  ift, 
fo  mufj  atteS,  maS  in  bem  (Stilreinen  in  Meter  Söesiefjung 
ftörenb  einmirft,  eben  fo  eine  Slbtoeidjung  in  bie  Unmabrbeit 
fein,  llnb  bafj  unfer  ©nj  Ijier  bie  5Ibmeitf)ung  beS  SSiKeuS 
in  bie  ©ünbe  mit  unter  ber  Unmafjrtjeit  begreift,  rechtfertigt 
ftdj  barauS,  ba%  mir,  inbem  mir  t)on  ber  ®irdje  reben,  audj 
bie  Sjanblungen  ber  ©inselnen  nur  fo  betrachten  mie  fte  in 
ber  ^emeinfc^aft  finb,  unb  in  biefer  ftören  fte  nur  fo,  mie 
fte  äugleicf)  malgenommen  merben  unb  einen  Vorgang  büben, 
unb  baS  gefc&iefjt  nur  fofern  fte  als  SDcajimen  aufgenommen 
finb,  meiere  boä)  bem  ($5runbau3bruff  beS  neuen  SebenS 
miberfpredjen  ober  als  falfdje  ©ubfumtionen  unter  richtige 
SJcajimen  geltenb  gemacht  merben,  in  beiben  gaffen  alfo, 
fofern  fte  ftdj  auf  ^rrtlium  surüttfüfjren  laffen.  SSogegen 
bie  bereinselte  ©ünbe,  ber  nidjt  einmal  ein  gmeffbegriff  sunt 
©runbe  liegt,  in  ber  (Semeinfc&aft  fburioS  berfdinrinbet.  Sttdjt 
nur  aber  giebt  eS  feine  anbere  unfer  Sßerijciltntl  in  ber  SHrdje 
ftörenbe  ©tnmirfung  beffen,  maS  in  unS  nod)  Sßelt  ift,  als 
bie,  meiere  ben  (Seift  betrüben,  ben  jur  SSar)rr)ett  füljrenben 
al§  $rrtt)um,  unb  als  (Spaltung  ben  binbenben  unb  einigen^ 
ben;  fonbern  beibeS  Sängt  audj  fo  genau  sufammen,  bafj  eines 
nur  an  bem  anbern  erfannt  merben  fann.  9}candjeS  !ann  als 
eine  (Störung  ber  ©emeinfdjaft  erjdjeinen,  ift  aber  feine,  menn 
eS  niefct  audj  eine  2lbmetcljung  bon  ber  SBaljrljeit  ift;  unb  fo 
audj  ift  nichts,  maS  ein  $rrtl)um  ober  eine  (Sünbe  ju  fein 
fcrjeirtt,  eine  foldje,  menn  eS  nidjt  äitgleict)  audj  bk  (Semem* 
fäaft  ftört. 

©rfteS  SeSrftßft 

S5on  ber  Stteljrljett  ber  ftc&t&arcit  SHrdje  in  Sc^ug  auf  bie 
ßmtljcit  ber  unfidji&arett. 

§.  150.  @o  oft  ft<£  in  ber  $riftü$en  ^trcr)e  Trennungen 
mirflid)  §eröortt;un,  fann  auefy  oa3  23eftreben  ca3  ge> 
trennte  gu  bereinigen  niemals  fehlen. 

1.  SBenn  nun  alleS  maS  SSett  ift  in  ben  (Stnselnen  an 
unb  für  ftdj  ein  bie  (Semetnfc&aft  ftörenbeS  (Clement  ift,  fo 
finb  in  ber  ftctjtbaren  SHrcl)e  immer  unb  überall  ®eime  bon 
Spaltungen  berbreitet,  aber  jeber  für  fidj  ift  nur  ein  unenb* 
lief)  fleineS;  unb  je  nadjbem  biefe  Elemente  fidj  meljr  ber- 
einzeln  ober  ft<$  äufammenfügen  unb  Waffen  btlben,  mtrb  in 
ber  ^irerje  im  legten  meljr  ober  meniger  (Spaltung  fcerbor* 


Stoetter  8ü6fdjnttf.  SSon  ber  Säe fd) Offenheit  ber  SSelt  jc.  375 

treten,  im  erften  nur  borübergebenbe  ©törung  in  ben  engeren 
Greifen  erfolgen.  £)<r&  bon  Anfang  an  am  fräfttgften  su* 
fammentreten  aber  bann  audj  am  ftärfften  gegenetnanber 
rotrfen  bie  (Elemente,  metebe  tbren  ©runb  Ratten  in  ben 
früheren  religiöfen  guftänben  ber  erften  Triften  al§  $uben 
unb  Reiben,  lenktet  ein.  2)arjer  mar  fction  in  bem  Bettraum 
be§  llrdjriftentbumS,  meines  man  fonft  root  geneigt  fein  müfcte 
■als  eine  SluSnabme  tum  jenem  allgemeinen  Berfallenrootten 
ber  ftdjtbaren  ®trdje  anheben,  bie  Einlage  ju  einer  Trennung 
*nufd)en  Subendjrtften  unb  £>eibencbriften  fo  roeit  auSgebitbet, 
ban  nur  bie  bamatS  in  urfprünglidjer  ©tärfe  gegenroirtenbe 
®raft  be§  gemetnfebaftbübenben  $rincift§  ben  roirflidjen  2luS* 
brudj  berfelben  gurüffbalten  !onnte.  (£S  ift  aber  au$  barauS 
flar,  ba%  ie  mebr  ber  binbenbe  (Seift  bie  Sftaffe  bur<$bringt 
unb  mitbin  bie  tueltltdjen  ©lemente  in  berfelben  auSemanber* 
treibt,  befto  mebr  biefe  an  fbaltenber  (Seroalt  Verlieren  muffen. 
Söaber  biefe  (Seroalt  nie  roteber  einzelnen  Sufferengen  in  ber 
gntroifflung  ber  Sebre  fo  ftarf  eingeroobnt  bat  roie  in  bem 
Bettalter  ber  £äreften  unb  ber  allgemeinen  ®trd)ent>erfamm* 
lungen;  auf  ber  anbern  (Seite  aber  bie  Neigung  $u  ©baltungen 
ftdj  immer  in  bem  SDiaafj  roirffam  geigt,  als  5lbroeidmnaen, 
bie  fonft  faft  unbemerft  ftdj  bon  felbft  roteber  auflöfen 
mürben,  burdj  irgenb  ein  fetbftfüdjtigeS  Söeftreben  befeftigt 
ro  erben. 

2.  (Sofern  aber  audj  in  bem  Buftanbe  ber  (Spaltung  jeber 
Sttjeil  ber  fiebtbaren  ®ird)e  bodi  noeb  ein  Srjetl  ber  unftebt* 
baren  ift,  inbem  SBelenntntB  ju  (£bttfto  unb  alfo  aud)  Söirf« 
famfett  be§  (SeifteS  barin  ift:  fo  roirb  aud)  ber  antrieb,  auS 
meinem  bie  Trennung  berborging,  attmablig  gefd^roädjt 
roerben;  unb  roo  biefe  berfdjtebenen  £beüe  ber  ^iretje  ein* 
anber  berühren,  roirb  aud)  baS  in  üjnen  felbtge  gemeinfdjaft* 
bilbenbe  $rincib  feine  Sbätigteit  gegen  biefe  Trennung  richten 
unb  ein  SSeftreben  sur  Söieberbereinigung  entfteben,  roeld)e§ 
natürlich  in  ber  erfdjemenben  ®ird}e  benfelben  2Sed)feln  unb 
©djn?  anfangen  unterm  orfen  ift  roie  baS  entgegengefeste.  3a 
roenn  eS  ftdö  au$  gar  nidjt  gefäidjtltdj  bemertbar  madjt,  fo 
regt  eS  ftctj  bod)  gemiß  aerftreut  in  ben  (Sinaelnen;  unb  biefe 
SSorauSfesung  ift  fo  notbroenbtg  als  ber  (Staube  richtig  ift, 
ba%  ber  rjeiüge  (Seift  meber  je  fann  auS  irgenb  einem  ^rjeilc 
ber  ®ird)e  ganj  berfc&rounben  ober  berbrängt  fein,  nodj  ie* 
malS  eineS  feiner  roefentlidjen  (Sefd)äfte  bemadjläfftgen  fann. 
—  SWeüt  bk  unläugbare  (Srfabrung,  bafj  eS  aufjer  btefen 
£udj  bäuftg  83ereinigungSberfud)e  giebt,  roetdje  nidjt  in  bem 


376  S>er  djrlftlicije  ©laube.  3tociter  Xfjeil. 

<55etft  ber  SHrdje  iljren  Urforung  baben  fönnen,  unb  bereit 
©elingen  alfo  aud)  nicfjt  al§  ein  ©eminn  angefeljen  roerben 
fann,  erinnert  baran,  bafj  e§  aucrj  Trennungen  geben  fann,- 
bie  nidjt  in  bem  ,roa§  SSett  ift  in  ber  ®trdje  iljren  ®runb 
baben,  mithin  leätlid)  bodj)  gu  ben  SBirfungen  be§  ^eiligen 
©eifte§  ju  sohlen  fein  roerben,  fo  ba%  bie  SBat)rr)ett  unferer 
geftieaung  nur  eine  untergeorbnete  ju  fein  unb  näherer  33 e- 
ftimmung  gu  bebürfen  fctjeirtt.  Mein  fo  roie  jene  Ber- 
einigungen nur  fcrjeinbar  fein  fönnen,  unb  bafj  bereinigte  ge= 
roifj  auf  eine  anbere  Sßeife  bon  bem  Jansen  §u  trennen 
ftreben:  fo  fann  aud),  roa§  nur  in  ber  großen  ©emeinfcrjaft 
unb  iljr  unbefcrjdbet  eine  engere  SBerbinbung  31t  ftiften  ftrebt,. 
•ober  roa§  nur  ein  gurüfftreten  in  bie  berlaffene  ©emeinfdjafr 
,mtt  ben  früheren  $eftaltungen  ber  ^irdje  ift,  äroar  al§ 
Trennung  erfd) einen, -ift  aber  feine,  '©emnadj  gilt  allgemein, 
ba%  ber  ©eift  binbet,  unb  bcr&,  roa§  löfet,  immer  eine  fleifdj' 
licrje  ©eftnnung  fein  mufft  bie  5Inmenbung  aber  fann  fdjmierig 
fein,  unb  roemt  mehrere  bon  einanber  getrennte  (fernem* 
fdjaften  in  ber  (Sr)riftenr)eit  neben  einanber  befielen,  feint  ber 
®ritif  bie  Stufgabe  anrjeim,  §u  beftimmen  auf  roeld)er  (Seite 
ba§  löfenbe  $rincib  feinen  @ij  fjat,  unb  tum  melier  alle 
bie  Trennung  ausgegangen  ift;  eine  $rage,  bie  oft  niebt 
leichter  gu  entfdjeiben  fein  .roirb,  dl§  bie  roeldjer  bon 
beiben  Steilen  in  einem  Kriege  eigentlich  ber  angreifenbe  ge~ 
roefen  fei. 

§.  151.  (Srfter  Se^rfaj.  £)te  aänatidje  Sluftebung 
ber  ©enteinfdjaft  äitnfdjert  berfdjiebenen  Steilen  ber  ftd?t* 
baren  $ird)e  ift  und?rtftttd&. 

1.  28a§  in  ber  Einleitung  bon  ber  ©emeinfdiaft  ber 
grömmigfeit  überhaupt  gejagt  ift,1  ba$  fann  megen  'ifjrer 
roeiten  Verbreitung  über  eine  fo  grofje  9ftenge  bon  Sßölfer* 
ftämmen  unb  (Sprachgebieten  aud)  bon  ber  (Jijrtftenrjett  gefagt 
roerben,  bafj  nämlidj  ein  gleichmäßiger  gutammenfjang  unter 
ben  ©liebem  berfelben  nidjt  möglid)  ift,  ntd)t  nur  megen  uns 
gleicher  innerer  23erroanbtfd)aft  unb  äußerer  Berührung 
funbern  aud)  megen  ungleicher  SBertbeHung  be§  ($5emetngeifte§. 
(E§  ift  nun  natürlid),  bafc  bie  erfte  Ungleidjmäfjigfeit  ftdt)  an 
ber  Seitung  ber  (Sprache,  fo  roie  ber  ©efammttjeit  ber  ge- 
fettigen  SSer^ältniffe  fijirt,  unb  bafj  bie  Triften,  roeldje 
einerlei  Spraye  reben  unb  ju  bemfelben  SBolf  gehören,  eine 

*  §.  e. 


8toeitera6^nitt.  58on  ber  93efcftaffen§eit ber  SDSelt 2C.  BIT 

befonbere  ®ir$engemeinfd)aft  bitben;  aber  foldje  $olf§*  unb 
2anbe§fircf)en  finb  nur  bk  gorm,  unter  freierer  'allem  naäj 
göttlicher  Drbnung  eine  größere  ®emeinfc£)aft  möglich  ift,  unb 
fte  inoolöiren  feine§ir>ege§  eine  2(uf!jebung  ber  ©emeinfcfjaft 
mit  attbern  ©Driften,  toelc^e  bietmetjr  nact)  rote  bor  ftattfinbet, 
fobalb  bte  natürlichen  Sßebingungen  bagu  gegeben  finb. 
£)affelbe  gilt  bon  ben  immer  ftarf  in  äußerlicher  gorm  fyx* 
bortretenben  S5erbinbungen  bon  Triften,  bie  in  mehreren 
SBejteljungen  bertoanbt  ftctj  umbieienigen,  meldjeüjreinbtotbuetfe 
2)enfung§art  in  ber  ftärfften  $robuctibität  barftellen,  be* 
fonberS  anfc&ltefcen ;  benn  aud)  bie§  ift  möglich,  otme  ba% 
irgenb  eine  fdjon  befteljenbe  ©emeinfcfjaft  mit  anbern  feilen 
ber  Strcfce  aufgehoben  toerbe.  ©onbern  bie  Sluftjebung  fängt 
erft  an,  ioenn  engere  Sßerbinbungen,  Me  auf  -bie  legte  SBetfe 
entftanben  finb,  gu  einanber  in  ®egenjas  treten,,  unb  ftc^ 
tf)re§  eigentümlichen  <Sein§  ntdjt  erfreuen  tonnen,,  ofjne  ftä* 
bon  bem  ber  Zubern  §u  entfernen  unb  fte  bon  *ftdj  au§^ 
aufdjliefeen.  ©in  fold)e§  bofemifd)e§  SSertjättnifc  ift  atferbing§ 
eine  2luft)ebung  ber  ®emeinfdj)aft,  ober  bod)  nur  tbeittoeife. 
®enn  menn  ber  (Streit  über  if)re  mit  einanber  unberträglic^en 
©igentfyümlid)feiten  mirflidj  Ijerborbridjt,  fo  %at  er  bodj 
feinen  ®runb  tebiglidj  in  bem  $ntereffe,  toelc$e§  jebe  an  ber 
anbern  nimmt,  tfnb  ift  baber  felbft  nur  bie  Slrt  unb  SBeife,. 
mie  unter  ben  gegebenen  SSerbältniffen  eine  ©emeinfdjaft 
anrifdjen  iJjnen  beftefjen  fann.  %a  ba  fctjon  in  ber  Voraus* 
fegung  liegt,  ba%  ber  legte  gemeinfdjaftlidje  $unft,  auf 
ben  fte  beim  (Streit  gurüff  geben,  nod}  ein  djrtftltc&er  ift:  fo 
merben  fte  audj  muffen,  um  jebe  fidj  felbft  unb  jebe  bk 
anbere  §u  berfteben,  ba§  nid)t  ftreitige  (bebtet  bon  bem 
ftreitigen  babur$  unterfc^eiben,  bafj  fte-  auf  jenem  eine  anbere 
®emeinfd)aft  unterhalten,  als  auf  biefem.  ©ine  böllige  SÄuf* 
Hebung  ber  (Semetnfdjaft  tritt  baljer  erft  bann  ein,  tuenn  aiüct 
Jircr)Uct)ert  ©efettj haften  fein  ©lement  au§  bem  (grunbe  für 
ibentifcl  gilt,  meil  e§  djriftlidj  ift,  mithin  aud)  alle  religiöfe 
3Kitt^etlung  ber  einen  an  bk  anbere  aufbort,  unb  feine  Slrt 
oon  firc^lictjer  (Saftfreunbfdjaft  ä&rifdjen  iljnen  geübt  hrirb, 
meiere  ni<$t  iebe  audj  ausübte  gegen  9^ict)tcr)riftert ;  benn  at§- 
bann  ift  e§  nur  ber  leere  9?ame  be3  ©t)riftentt)um§ ,  melier 
iljnen  gemein  bleibt. 

2.  ©ine  gänslic&e  2lufJjebung  ber  (SJemeinfdjaft  in  biefem 
©inn  ift  nun  urnSriftltct) ,  fo  lange  bk  abgefd&mttene  (55efett- 
fct)aft  nodj  iljren  gefdjtdjtlid&en  Bufammenbang  m#  fcer  $er;: 
funbtgung  be§  ©bangelium§,  burdj  meiere  fte  geftiftet  morbett 


378  »er  <$TfflUQe  ©Iaube.  öroetter  £&etl. 

ift,  feftljält,  unb  ntdjt  felbft  mit  Sluffjebung  btefeS  Bufammen* 
jjangeS  i&re  jesige  ©efialt  auf  einen  anbern  Offenbarung^ 
uviprung  äurüftfübrt.  ®enn  fo  lange  in  einer  ©emeinfdjaft 
nod)  Slnerfeimtmfj  (£t)rifti  ift,  mufe  aud),  wäre  fie  aud)  nod) 
fo  teftr  jurüff gebrängt,  bod)  nod)  eine  SEÖirffamfeit  (£brifti  in 
ijr  fein;  unb  menn  tuir  un§  oon  biefer  Io§madjen,  ba  bod) 
alle,  roeldje  in  bie  SebenSgemeinfcrjaft  ©(jriftt  aufgenommen 
finb,  aud)  (Semeinfdjaft  unter  einanber  Ijaben  foHen,  fo  fdjltefcen 
mir  un§  felbft  au§  unb  trennen  un§  oon  ber  ©tnfceit  ber 
unftd)tbaren  ^irctje.1  9la§  biefem  ®runbfaä  finb  aud)  bie 
geäff  im  eigentlicheren  «Sinne  —  ft>ie  utetmetjr  nodj  fpätere 
SlnSartungen,  in  benen  anbere  ®ird)engemeinfd)aften  feserifdjeg 
au  finben  behaupten  —  bemtod)  in  ber  ®trd)e,  unb  bie  %& 
meinfdjaft  mit  itmen  ift  nid)t  ganj  aufguljeben.  $a  roenn  mir 
um  eine  (Trense  feftjuftetten,  bebenfen,  bafj  in  bem  meiften 
feserifdjen,  mie  3.  Ö.  bem  manid)äijd)en,  Elemente  oon  aitfcer* 
cfyriftlidjem  Urjprung  mit  crjrtftltdjem  gemi[d)t  finb,  menn  aber 
.%.  $8.  bie  Snbiex  mottten  ^efum  für  eine  su  itjren  öieleu 
anberen  ä)tenfd)merbungen  eines  ®otte3  anerfenuen,  fo  baB 
btefeS  nur  eine  SDftfcfcung  be3  d)riftlid)en  unter  undjriftlidjeS 
tnare,  mir  biefen  be§|alb  fein  ©briftenttuun  sufpredjen,2  aber 
fie  bann  aud)  nictjt  als  ^ejer  beseidjnen  mürben:  fo  merben 
mir  mol  für  bie  äußere  ©emeinfdjaft  feine  anbere  ©renae 
befummelt  tonnen,  al§  bafj  mir  mit  feiner  ©efettfc&aft  gän^lid) 
brechen  bürfen,  meiere  fortfährt  an  djriftüdje  lieb  erlief  erung 
ansulnüpfen,  unb  meiere  itjrerfeit^  ben  SÖiHen  feftljält,  jur 
crjriftlictjen  ®ird)e  §u  gehören.  —  Offenbar  ift  aud)  ämijcrjen 
allen  ÜMigion§gefeEfd)aften,  öon  melden  biefe§  gilt,  bit  ®irctjen= 
öemeinfd)aft  nietjt  gana  aufgehoben,  unb  fo  ftedt  ftd)  in  biefem 
ganzen  Umfang  bie.  (Sintjeit  ber  unftd)tbaren  ^irerje  bar. 
S)iefe  burd)  alle  Ijütburctigetjenbe  ®emein|djaft  befteljt  aber 
mdjt  nur  barin,  bafc  jebe  bte  fdjrtftmäkige  Saufe  ber  anberen 
gelten  läfjt,  fonbern  barin,  bafj  alle  eine  gröfctentl)etl3  nod) 
meiter  §erab  als  bie.  ©djrifi  unb  ba£  apoftolifdje  gziU 
alter  ftd)  erftreffenbe  SSorsett  mit  einanber  gemein  Ijaben, 
unb  bafj  iebe  ber  anbern  gönnt,  ftd)  auf  Soften  ber  aufjer* 
d}viftüctjett  SBelt  au  ermeitern,  unb  fie  ftd)  alfo,  menn  aud) 
nid)t  in  bie  ®emeinfd)aft  anberer  (^riftUctjen  SSerfe,  bodj  in 
bk  ©emeinfd)aft  biefeS  2öerfe§  ber  Verbreitung  aufnehmen. 

1  Quidam  ita  perturbant  ecclesiae  pacem,  ut  conentur  ante  tempus 
»eparare  se  a  zizania,  atque  hoc  errore  exeoecati  ipsi  potius  a  Christi 
«in: täte  separentur.     Augustin.  de  fide  et  opp.  c.  4. 

-  SJinr  t>on  Ginaelnen  folcöer  Sirt  mag  1  ^oö-  4,  5.  ju  nerftebe«  fein. 


gtoetter  Stöfättttt.  Eon  Der  ©eföaffenljett  ber  SSelt  jc  379 

§.  152.  3it>eitet  Se^rfaj.  Sitte  Trennungen  in 
ber  dj>riftüdjen  $trd)e  befielen  nur  al<8  norüberge^enbe. 

1.  Söenn  gnufdjen  ben  getrennten  feilen  ber  ®irdje  bte 
<5$ememfdjaft  nidjt  gans  aufgehoben,  mithin  jebe  Trennung 
nur  eine  relatioe  ift:  fo  tnufc  man  audj,  jeben  als  ein  eigen* 
ibümlidäeS  Seben  gebaut,  eine  sroiefadie  Bewegung  in  jebem 
■annehmen,  namlid)  balb  ein  ftärfereS  £ert>ortreten  beS  SKotiöS 
ber  (£inbeit,  balb  ein  3urüfftoeidjen  oon  Mefem  unb  ein 
Sperbortreten  beS  99?otit>S  ber  Trennung.  SDarin  liegt  nun 
fcbon  für  ftdj  bit  9Lftöglicbfeit,  bafj,  roenn  ein  Moment  ber 
erften  2Irt  äufammenfällt  mit  ber  Cnttmifflung  eineS  neuen 
©egenfaseS  in  beut  ©ansen,  baS  bisher  nrirffam  geraefene 
SrennungSmotio  in  Mefem  untergebn  tonne,  fo  bafj  bte  bisher 
für  ftdj)  befteljenbe  $artialfird)e  ftdj  entmeber  ganj  auf  eine 
öon  beiben  Seiten  beS  neuen  ©egenfajeS  nrirft,  fo  bafj  fie  ein 
£beit  öon  Meiern  wirb,  unb  tt)r  bisheriger  (Ebarafter  nur  als 
ein  untergeorbneteS  SJcerfmal  mit  übergebt;  ober  fie  fann 
audj  ganj  auS  einanber  geben,  inbem  einige  ibrer  ©lieber 
fiel)  §u  ber  einen  unb  bie  anbern  gu  ber  anberen  beS  neuen 
©egenfa^eS  toenben.  2öie  aber  in  biefem  gatf  ber  frühere 
©egenfaj  ftcb  attmeibiig  aoftumpfen  mirb,  nadjbem  er  unter 
ben  anbern  gebracht  ift:  fo  fann  au$  obne  baS,  menn  irgenb 
anbere  SSerbältniffe  fid)  anbern,  baS  ^ntereffe  an  bemjetben 
fid)  fo  abftumpfen,  bafj  eS  nidjt  länger  bie  ®raft  oebält,  eine 
befonbere  (SJemeinfdjaft  sufammensutmlten.  Dber,  menn  mir 
baS  befte  öorauSfesen,  roaS  fidj  oon  einer  folgen  Sßartialfircbe 
fagen  täfjt,  ba&  fte  auf  einer  geiftigen  ©tgentljümüc&feit  beruhe, 
bie  ftcb  ber  beilige  (Seift  §u  einem  befonberen  Drgan  aneignet; 
fo  ift  audj  ein  folcbeS,  mie  eS  räumlicb  befcrjränft  ift,  fo  audj 
nur  öon  üergänglicber  ©ültigfeit  Unb  fo  laffen  ftcb  boeb  nur 
bieienigen  ©efellfdjaften  anfeben,  in  melden  ftdj  bk  ctjriftlicrje 
grömmtgfeit  tnbibtbualifirt ;  unb  bie  SSergänglidjfeit  mufe 
befto  größer  fein,  je  fleiner  unb  unsuretebenber  bie  ©inbett  ift, 
bie  ben  ®ern  einer  (Semetnfdjaft  bilbet.  2)aber  foH  feine  be* 
fonbere  ®trdjengefellfcbaft  jemals  auf  bie  ©igenttjümtiebfeit 
eineS  beionberS  beröorragenben  ©in^elnen  gegrünbet  werben,1 
nnb  feine  tjat  auf  eine  lange  ©auer  gu  rennen,  bit  nur  auf 
abmetdjenben  Sitten  obne  öerbättnifjmäfeige  S5erfcr)teben^eit 
ber  Setjre,  ober  umgefebrt  nur  auf  einseinen  eigentümlichen 
Seljren   obne   alle  SSerfcbiebenbeit   ber  SebenSmeife,    ruben 


•  Sgl.  1  ffor.  1,  12. 


3C0  ©er  d&riftlic^e  ©laube.  3toetter  Sfjeil. 

rooQte.  —  3«  ben  fefteren  Trennungen  gehören  aucb  bie^ 
jenigen,  roelcbe  auf  pbtyftfcben  ©rihtben  berufen,  unb  ftcb  burdj 
JßolfSbermanbtfcbaft  unb  ©pradje  begrenzen.  Mein  tbeil§ 
ftnb  biefe  -iftaturformen  felbft  oergänglid),  tbeilä  bat  bag 
(£briftentbum  mebr  al§  fonft  et\va$  auf  ($5emeinfcbaft  ber 
SSölfer  unb  ©prägen  förberlid)  getoirft.  SDaber  benn  aud; 
oft  bte  innern  £rennung§princtpien  btefe  ^renjen  übcr^ 
ftrömen,  unb  balb  bte  Streben  oerfcbiebener  Golfer  unb 
<Spradjen  bod)  §u  einem  gleicbgeftnnten  unb  gleicbgeftalteten 
Jansen  oerbinben  balb  ba$  natürlich  äufammencjepriöe  bon 
etnanber  reiben  ju  entgegengefe^ten  (Seiten  bin. 

2.  hieraus  folgt  fdjon  üon  felbft,  ba%  aucb  ber  ßifer,  mit 
melcbem  ein  (Sin^elner  an  feiner  befonberen  ^ircbengemein* 
fdiaft  bangt,  nur  mabr  fein  fann,  fo  ba£  ber  Pollen  Streik* 
nabme  an  ber  aüeS  Perbinbenben  (Einbeit  ber  unficbtbaren 
Strebe  baburd)  fein  Slbbrud)  gefcbiebt,  menn  er  in  gemiffe 
©renken  eingefdjloffen  bleibt.  £a§  raefentlicbe  ift,  ba%  ^eber 
l>k  befonbere  gorm  be§  (£bnftentbum§,  ber  er  angebört,  nur 
al§  eine  Pergiinglicbe  aber  fein  eigene^  3ettticbe§  S)ajein  mit 
in  ftcb  fdjliefsenbe  (Steftaltung  ber  einen  unOergänglicben  SHrcbe 
liebe,  eine  SBefc&rcmfung,  metcbe  Pon  ®leicbgültigfeit  febr  toctt 
entfernt  ift,  inbem  fte  ja  baOon  ausgebt,  bafj  jeber  nur  bitrcr) 
feine  befonbere  ©emeinfdjaft  mit  ber  ganzen  ®ird)e  in  $er* 
binbung  ftebt.  (Sie  unterfctjeibet  ftcb  aber  freitidj  bon  ber 
partbeüfcben  SBorau§fejung ,  tuelcbe  febr  bäufig  Porfomntt, 
menn  ein  firdjltcber  ®egeitfa$  bi§  §u  einem  getoiffen  (Srabe 
gefpannt  ift,  bafj  näntlicb  ber  ©egenfa^  ftcb  nid)t  anber§  löfett 
fonne  al§  burcb  benllebergang  ber  anb er en  (Seite  sur  eigenen. 
SDie  Gmbpunfte,  melcbe  bier.  nicbt  berübrt  merben  bürfen,. 
pflegen  mir  burcb  bie  SluSbrüffe  $nbifferentt§mu§  unb 
^Srofetytenmacberei  ju  beäeidjnen.  3lHein  ftcb  tm  0orau§  ge^ 
fallen  laffen,  bafj  bie  fdjon  im  allgemeinen  al§  Oergänglicb 
erfannte  gönn  aucb  bereinft  mirflicb  untergeben  merbe,  ift 
feine§mege§  ^nbifferenti§mu§ ;  fonbern  beffen  fann  nur  ber= 
ienige  befcbulbiget  merben,  roeldjer  fein  eignet  Sßerbältnifj  31t 
ber  ^ircbengemeinfcbaft,  ber  er  angebört,  nur  al§  ein  §u* 
fäHige§  auffaffen  fann,  obne  bafj  er  ftcb  eine§  inneren  ©rtt* 
fdicibung§grunbe§  belaufet  fei.  ©ben  fo  roenig  ift  jebeä 
SBeftreben  bie  eigene  ®ircbengemeinfcbaft  btn  äftttgliebent 
anberer  auf  ba$  mirffamfte  su  empfeblen  ba§,  roa§  mir  im 
fcblimmen  (Sinne  $rofelt)tenmad)eret  nennen,  mei!  ia  fonft 
fotoot  ba$  Sbriftentlntm  überbaupt  al§  aucb  bci$  eöangelifcbe 
inSbefonbere    fdion    in    ibrem   Ürfpung   Pertuerflicb    mören- 


Stoeiter  Stöföttttt.  8onberSefdjaffen$eltber2BeIt2C  381 

©onbern  jenes  Söeftreben  ift  in  ber  Statur  gegrünbet,  memt 
mir  in  einer  anbern  ®ird)engemeinfd}aft  eine  ©$mädmng 
ober  ein  SBerberbnifj  ber  crjriftlictjen  grömmigfeit  hmljrs 
nehmen ;  \a  ba  bie  borljer  ermähnte  partpettfctje  SBorauSfesung 
eben  biefeS  im  allgemeinen  annimmt,  fo  organifirt  ftrf)  bon 
tljr  auS  baffelbe  Söeftreben  mit  gutem  Stecht  als  ein  alt* 
gemeines,  unb  mir  bürfen  eS  auclj  ben  ©liebem  ber  gegen* 
üb  erfiel)  enben  ®irdjeng,emeinfdjaft  nidjt  als  ein  unä)riftlid)eS 
anrechnen,  ©onbern  bie  eigentlich  bermerflid^e  ^rofelbten* 
mageret  ift  ift,  meiere  ftdj  bie  ©rmeiterung  ber  ®ircljen= 
gemetnferjaft  sunt  unbebingten  3roeff  madjt,  unb  bie  (gutaeliteit 
nur  als  SJcittel  5te§u  in  Stnfprudj  nimmt. 

BroeiteS  8e$xftüft 

SSon  ber  $rrtf}irot§fäljtgfett  ber  ftäjtüaren  ßtrdje  ut  SSegug  auf 

bie  ttntrügtitfjfett  ber  unfitf)t&areti. 

§.  153.     28ie  in  jebem   3#eil  ber  fiäjtbaren  £it$e 
ber  Qrrtfyum  möglich,  mithin  aufy  trgenbnrie  roirflid?  ift: 
fo  fc^It  e£  auä)  in  feinem  an  ber  bereätfigenben  $raft  | 
ber  SQBa^cit. 

l.  Sßieraol  aller  Sxxtjum,  fofern  er  ein  mit  SSiffen  unb 
SSiKen  abgefd^Ioffenex  unb  bod)  bem  ©ebac^ten  nidjt  ent* 
foredjenber  ©enfact  ift,  Slnttjeil  $at  an  ber  ©ünbe,  unb  i§m 
alfo  im  allgemeinen  abgeholfen  ober  borgebeugt  merben  mufj 
burdj  bie  sune^menbe  SSirffamfeit  beS  ^eiligen  ($5eifteS,  nid)t 
unmittelbar  aber  fofern  er  jener  fünblidjen  ©ranblage  ent* 
gegenarbeitet:  fo  ift  bodi)  Ijier  sunädjft  nur  bie  Ütebe  bon 
SBatyrrjett  unb  ^rrtljum  auf  bem  religiösen  (Gebiet.  $Jlu% 
nun  roaS  oben1  bon  ber  abfoluten  Üieintjeit  beS  ^mpulfeS 
gefagt  morben  ift,  auefc  rjierauf  angemenbet  merben:  fo  nrirb 
bod?  überall,  fomol  in  ber  SBÜbuug  ber  religtöfen  3Sor* 
Stellungen,  als  in  ber  religiöfen^ilbung  unfererBmeftbegriffe, 
ber  ^rrttmm  möglich  fein,  unb  gmar  auf  jebem  $unft.  S)enn 
menn  eine  ftnnlicrje  Erregung  unbemufst  ben  gmeffbegriff 
berfälfdjt,  fo  fann  bann  au<$  baS  auf  baS  religiöfe  SBorfteßen 
gerichtete  SSoIIen  berfälfdjt  merben,  unb  ber  ^rrt^um  mufj 
bann  in  aßen  feilen  ber  SluSfü^xung  fein;  unb  fo  lange 
bie  Sluffaffung  unferer  SSer^ältniffe  in  ber  djxtftüdjen  ®ird}e 
auf  biefelbe  SSeife  berunreinigt  fein  fann,  fo  fann  audEj  fein 

1  §.  110,  3. 


882  SDer  <$ri[tlt#e  ©fauöe.  Smeiter  Xl)cir. 

8toeff6egrffF  fehlerlos  öebilbet  fein,  fo  baf?  in  ber  reineit 
S53af)rt>eit  fein  boller  mirflidjer  SebenSmoment  mirb,  fonbern 
in  jebem  Slct  be§  frommen  SBehnifjtfeiitS  an  ber  Sßaljrijeit 
meör  ober  meniger  ber  ßrrttjum  ift.  ^n  ben  eben  aufc 
gefteltten  gormein  nun  foiegelt  ftdj  ber  ganje  Kreislauf  be§ 
in  bie  Söirffamfeit  be§  <$eifte§  ber  SSafjrfjeit  ftdj  etnmifdjenben 
grrtl)um§,  unb  geber  mirb  artet)  auf  jebem  Sßunft  bie  Duette 
ber  löerfälfdjung  in  ftdj  felbft  finben,  unb  nermöge  feine§ 
eignen  Söeraufjtfeing  nidt)t  baran  gmeifeln,  baB  ber  ^rrtbum 
überall  aud)  mirftidj  mirb,  roenngletclj  er  in  einseinen  gälten 
auf  ein  faum  merfbare§  fann  aurüttgebrängt  tuerben.  —  Stber 
eben  fo  gemifj  ift,  bafj,  memt  audj  Sfrrtfjum  in  einsetnen 
(Stegenben  ber  djrifttidjen  ®irct)e  maffenmeife  äufammengebrängt 
ift,  boct)  nidjt  gebadet  merben  fann,  bafj  irgenb  ein  &t)eü 
berfelben,  ber  ftdj  al§  ein  befonbereS  ©anje  organiftrt,  fönnte 
orjne  eine  SSMrffamfeit  be§  ®eifte§  ber  SÖ3ar)rr)eit  fein;  inbem, 
rao  Stnerfenntnifj  (£ljrifti  al§  ®runb  eineg  gemeinfamen  Sebeng 
befielt,  eben  baburdj  audj  fdjon  ber  ($5runb  gu  alter  Anbetung. 
(SJotteS  im  (55eift  unb  in  ber  Söatjrfjeit  gelegt  ift,  roenn  auct> 
grabe  hit  SSerunftattung  berfelben  ba$  beäeidjnenbfte  einer 
folgen  Drganifation  fein  fottte.  £)te§  geljt  fdjon  barau§ 
Ijerbor,  bafj  in  feiner  SSersroeigung  ber  ftdjtbaren  ®irc&e,  ge- 
fejt  audj  bie  ©acramente  fehlten  it)r  ober  mären  megen  ifjrer 
abnormen  SSermaltung^meife  für  fetjtenb  ausuferen,  bie  5(n- 
erfennung  ber  ©djrift  unb  ber  SDienft  im  göttlidjen  SBorte 
fet)Ir.  SDafjer  e§  audj  in  jeber  ®trdjengemeinf$aft  ©inaetne 
roenigften§  giebt,  bie  ftdt)  über  bie  tjerrfdjenben  grrtbümer 
ergeben  unb  bie  ®eime  einer  beftimmteren  ©nttoirfhmg  ber 
SSatjr&eit  in  ftdj  tragen. 

2.  gnbem  aber  unfer  <Saj  überall,  memt  audj  nur  al§ 
fteinfteS,  ben  ^rrt^um  annimmt:  fo  fdjeint  er  bem  ju  roiber^ 
fpredjen,  ma§  mir  bon  ber  ©djrift  behauptet  tjaben.1  £>enn 
memt  aud)  biefe  ber  9ftöglidjfett  be§  ^rrtljum§  fo  unterliegt, 
bafj  fte  ifjn  irgenbmie  audj  enthält:  fo  fann  fte  tttctjt  bie 
Sftorm  für  alte  retigiöfe  (SSebanfenerseugung  fein,  benn  bit 
normale  2)ignität,  bem  ^rrt^um  mitgetbeilt,  müfjte  biefen 
Verbreiten  unb  befeftigen.  Sßietmeljr  müBte  bit  Söatjrrjeit 
bann  in  ber  &Hrcl)e  einen  anberen  feften  ©ij  Ijaben,  um  iljre 
bertdjttgenbe  Straft  gegen  bit  in  ber  ©djrift  felbft  enthaltenen 
^rrtbümer  tuenben  gu  fönnen.  Slltein  mir  Ijaben  e§  in  unferer 
gegenmärtigen  ^Betrachtung  nidjt  mit  ber  ©djrtft,   mie  fte 


1  §.  129  unb  131. 


Stociter  Sl&fdjmtt.  SSon  ber  SSefc^affen^elt  ber  «Seit  jc.  383 

legt  fcor  un3  liegt,  su  tfjun,  fonbern  mit  iljrer  (£ntftelmng, 
unb  rc erben  in  gutem  ßui'ammenrjang  mit  bem  bort  gejagten 
äuerft  tei^t  angeben  fönnen,  bafj  auctj  in  ber  frommen  ®e* 
banfenerseugung  ber  Sfyoftel  bie  allgemeine  Sftöglicrjfeit  be§ 
3rrt&um§  ftd)  einzeln  oerroirfiicfjt  fjabe,  obne  be^tjalb  in  bie  ; 
©djrift  einzubringen,  toeldje  grabe  al§  «Sufammenfteuung  be3 
irrttjumäfreieften,  unter  Leitung  be3  fj eiligen  ®eifte3  ift  ge* 
fammelt  roorben.  ^a  bie  <5<$rift  feXbft  giebt  un§  Beugnifj,1 
roie  aud)  im  ©enfen  ber  Slpoftet  ber  men[cf)lictje  Srrtfmm  als 
oorübergerjenbe  (grfdjeinung  oorgefommen,  unb  läfct  un3  fo* 
nad)  a^inben,  roie  auctj  rjtelleidjt  öfter  bk  erften  Regungen 
beffelben  mögen  jexftört  roorben  fein,  elje  noctj  üjr  (Sinflufe 
äur  ©rfdjeimmg  fommen  fonnte.  Unb  bem  gemäfj  roerben 
mir  benn  aud)  groeiten§  Oon  ber  ©djtift  felbft,  um  ben 
9catursufammen|jang  berfelben  mit  allem  übrigen  nictjt  gan^ 
aufgeben,  root  gugeftefjen  Dürfen,  bafj  in  ben  mancherlei 
burctjgetjenben  unb  nic£)t  mit  aufgenommenen  SJcebengebanfen, 
bie  boctj  mit  §u  berfelben  ©ebantenergeugung  ber  heiligen 
©crjrtftfteu'er  gehörten,  leife  ©puren  be§  menfctjlictjen  Srren§ 
mürben  gu  finben  gemefen  fein,  unb  bieg  roirb  meber  iljrer 
normalen  SMgnttät  noctj  ber  £rjättgleit  be3  ^eiligen  ©eifteä 
bei  iljrer  Slbfaffung  irgenb  2lbbrucl)  timn. 

§.  154.    (Srfier  £er;tfa§.    $eine  t<ort  ber  fi^tbaren 
$tr$e    auSgefcenbe   ©arfteüung    $riftli$er    grömmigfeit. ! 
trägt  lautere  unb  oottfommne  Sßafyrfyeit  in  ftcfy. 

1.  SSenn  bh  «Schrift  felbft  nictjt  eigentlich  eine  r»on  ber 
fictjtbaren  SHrctje  au§geljenbe  2)arfteLTung  ift,  fonbern  bielmebr  i 
erft  felbft  bk  fictjtbare  ®irdje  conftituirt  tjat,  fo  gehört  fie  i 
jd)on  in  fo  fern  nictjt  in  ba§  Gebiet  unfere§  @ase§.  SSol 
aber  fönnte  man  etnroenben,  bafj  eben  gufolge  ber  bort  aufs 
gefteüten  ^rincipien  ber  ^rrtlmm  am  geringften  fein  roerbe 
in  alten  anorbnenben  ipanbtungen,  alfo  auctj  in  ber  $8e= 
ftettnug  bericuigen,  melden  amtlich  bie  Steinigung  ber  Oor« 
tjanbeuen  SBorfteffimgen,  um  bie  c^riftlicge  SBabr^eit  au§* 
sumitteln,  übertragen  roirb.  blieben  nun  auctj  biefe  ieber 
für  fid)  allein  alterbingg  bem  Srrtljum  untermorfen,  fo  roerbe 
ftct)  boctj  in  biciem  (Sefdjäft  bie  roattenbe  ®raft  be§  (gemein* 
gciftc»  baburc^  beroäbren  muffen,  bafc  bie  falfctjen  Sftidjtungeit 
ber  ©ingelnen  ftctj  in  ber  @emeinfctjaft  roedjfelfeitig  aufgeben. 


m%.  10,  14.  16,  7.  ©al.  2, 11. 


334  ©er  cfcriftlidje  ©Imi&e.  3toeüer  £$etl. 

Willem  baju  würbe  gehören,  bafj  eine  jebe  folcbe  SRtcbtung 
audj  ibr  beftimmteS  ($5egengemid)t  fänbe  in  einer  anbern. 
ffbm  finb  aud)  freiließ  alle  mögltd)en  SRicbtungen  in  bem 
ÜJanaen,  tft  aber  baS  (SJanae  fd)on  burdj  innere  ^Differenzen 
geseilt,  fo  fann  bit  ©infeitigfeit  eines  folgen  Str)eüe§  nid)t 
in  iijm  felbft  aufgehoben  werben,  fonbern  jebe  Sßartialfirdje 
lann  irren  aud)  in  tljren  amtlichen  ©arftellungen.  S)arauS 
folgt  aber  nodj  nid)t,  bafj  wenn  ju  irgenb  einer  £eit  bit 
SHrdje  ungeteilt  Wäre,  alSbaitft  in  biefen  ©arfteltungen  bie  reine 
unb  ooltftänbige  SSabrtjeit  fein  Werbe.  $)enn  ntctjt  alle  einanber 
aufbebenben  $Rid)tungen  finb  in  ber  ®irdje  au  gleicher  geil, 
fonbern  eS  giebt  aueb  seitliche  (£inf  ettigfeiten ,  bie  erft  in 
einer  folgenben  3eit  fönnen  aufgehoben  werben,  $a  Wenn 
mir  behaupten  muffen,  worauf  boctj  bie  Sfttdjtigjfett  ber  @nt* 
ftebung  ber  eüangeltfdjen  ^ircr>e  beruf)!,  bafj  eS  einen  ur* 
fprünglidj  nid)t  amtlid^en  reformatorifeben  (£influ£  @Hnaelner 
beionberS  SBegeifteter  auf  baS  ®anae  geben  fann:  fo  folgt 
fd)on  barauS,  bafj  aisbann  in  ber  amtlichen  Drganifatton  beS 
<$anaen  niebt  baS  Vermögen  ber  Sßerbefferung ,  fonbern  baS 
SSebürfmfc  berfetben  feinen  <Sia  rjat;  ein  guftanb,  Welker 
überall  eintreten  unb  periobifd)  mieberfebren  fann,  Wo  unb 
fo  lange  als  baS  Sßerbältnifj  beS  (Jansen  unb  ber  (ginjelnen 
3u  einanber  aftnfäen  übertotegenber  ©elbfttbättgfeit  unb 
©mpfänglic&feit  ber  einen  unb  beS  anbern  fd^wanft. 

2.  ®ann  nun  alfo  überhaupt  feine  audj  in  ber  boE= 
ftänbigften  ©emeinfamfeit  abgefaßte  Söeftimmung  einer  ßeljre 
al§  unti erb ef ferlid}  unb  beSbalb  für  alle  Beiten  gültig  an* 
gefeben  Werben:  fo  gilt  baS  nodj  ooräüglicb  oon  folgen,  welche 
in  golge  eineS  ©treiteS  als  bit  ©arfteüung  einer  größeren 
ober  geringeren  äftebrljeit  au  ©tanbe  gefommen  finb,  inbem 
burdj  ben  «Streit  am  meiften  alles  aufgeregt  wirb,  WaS  sunt 
^rrtbum  öerfüljrt.  datier  fann  auf  ber  einen  <&titt  niemanb 
terbunben  fein,  ben  Sfabalt  foleber  SDarftettungen  als  ct>rift= 
Itctje  2Bar)rr)eit  anzuerkennen,  als  fofern  fte  aud)  ber  5luSbruff 
feines  eignen  frommen  SBewufjtfeinS  finb,  ober  ftd)  ibm  burdj 
ibre  ©ebriftmeifetgfeit  empfeblen.  Sluf  ber  anbern  <5tüz 
bleibt  bie  Sßerbefferung  ber  öffentlic&en  Seljre  ein  ®efd)äft, 
ju  meinem  ieber  ©injelne  burdj  Prüfung  ber  aufgehellten 
begriffe  unb  ©äae  nad)  Sftaafjgabe  feiner  Gräfte  unb  ©filfg* 
mittel  mitaumirten  bk  Sßfüdjt  unb  alfo  audj  ein  fRect)t  f)at, 
4n  beffen  Ausübung  er  nietjt  barf  gehemmt  Werben.  £)od> 
aber  gebt  bon  felbft  burd)  ben  ganaen  Verlauf  biefeS  ®e* 
fdjäftS   eine  Uebereinftimmung  Ijinburdj  in  ben  (SJrunbfäaen 


3toeiter  Slbfänttt.  SSon  ber  5Bejrfjaffen§ett  ber  Söelt  ic  385 

nacb  melcben  unb  in  bem  ©um  ou§  meinem  bem  Srruntm 
foH  entgegengearbeitet  merben,  nnr  ba%  ficb  audj)  biefe  Ueber* 
einfttmmung  in  ieber  ^ircbe,  crft  nacbbem  fie  fidj  felbft  er* 
fennen  lernt,  aEmäbltg  bitben  fann.  ©o  merben  mir  e§ 
immer  billigen,  bafj  bie  entftebenbe  ebangeltfcbe  ®ircbe  ftdj  in 
Söe^ug  auf  bie  ftreitig  geworbenen  Sebren  nicbt  wollte  ber  i 
<£ntfcbeibung  einer  allgemeinen  SHrcbenberfammtung  unter*; 
merfen;  aber  mir  fönnen  e§  nicbt  mebr  billigen,  bafj  fic 
bennodj  bk  fämmtlicben  öfumenifdjen  ^efenntniffe  grabeju 
refumirte,  bie  boeb  ntdjtS  '  anberS  ftnb  al§  (£rseugniffe  äbn* 
lieber,  überbieS  bureb  Uneinigteit  berantafjter  mitbin  §ur 
2lu§mitttung  ber  SSabrljeit  nidjt  oorsüglicb  geeigneter,  SSer* 
fammiungen.  (Sben  fo  ift  e§  ju  billigen,  bafj  ber  ©tanb  ber 
Ueberseugungen  in  furzen  öefenntnifcfdjriften  ber  gefammten 
<£briftenbeit  bargeiegt  mürbe,  moburcb  erft  ber  oerbeffernbe 
©influfc  auf  baä  ®an§e  feine  fefte  Haltung  erhielt;  nicbt 
aber  ba^  man  bureb  eben  biefe  ©Triften  bernacfc ,  al§  mären 
ftc  unberbefferlicb,  ba§  ©efcbäft  felbft  au§  bem  fie  berbor* 
gegangen  maren,  hemmen  mottle. 

§.  155.  gmeiter  Se&rfaj.  Sitte  Qrrtpmer,  meiere 
ftd?  in  Ux  ficfytbaren  £tr$e  erzeugen,  merben  burd?  bie  in 
berfelben  immer  fortmirfenbe  Sßa^r^eit  aufgehoben. 

1.  SDiefer  ©a§  bangt  mit  bem  bisherigen  fo  genau  §u* 
fammen,  bafj  eine  ©inmenbung  gegen  benfelben  im  allgemeinen 
nid&t  füglicb  gemalt  merben  fann.  SSenn  ber  Srrtbum,  mie 
ftarf  er  aueb  fei,  nur  auf  bie  betriebene  Slrt  an  ber  Söabr* 
ijeit  ift:  fo  mufj  er  in  jebem  oxgantfdjen  2$  eil  be§  Jansen 
verringert  merben,  je  mebr  ber  beilige  (S5etft  ficb  ben  Drgani§* 
mu§  be§  S)enfen§  aneignet,  unb  mirb  in  bie  (£nge  gebraut 
bureb  beiberlei  ©inflüffe,  mie  fie  gu  oerfebtebenen  Reiten  ber* 
Rieben  oormalten,  im  einzelnen  ber  auf  bejonbere  Sßeife  irrt 
bureb  ben  ©tnftufj  ber  öffentlichen  ®enfung§art>  bie  ibn  boeb 
tion  alten  ©eiten  ergreift,  unb  in  ber  SDcaffe  bureb  ben  ©tnftufj 
ber  geiftig  SluSgesetcbneten,  melcber  ein  flare§  Söemufjtfeüt 
immer  meiter  oerbreitet.  Sßenn  man  aber  meint,  aufjer  biefem 
grrt&um  an  ber  äöabrbeit  gebe  e§  in  ber  (Sbrtftenbeit  boeb 
aueb  ^rrtbum  aufjer  aller  SBabrbeit,  unb  mit  biefem  muffe 
beSbalb  aueb  ein  anbrer  SSeg  eingefcblagen  merben :  fo  ^at  e£ 
bamit  folgenbe  Söemanbnifj.  (£§  fönnen  SSorftettungen  niebt 
nur  bon  einem  unoottfommnen  (glauben  an  (Jbriftum  au§- 
gebn,  fonbern  aueb  ö^öen  folebe,  bit  bon  einem  bottrommneren 

6$i.f«$ttlH.<w.n.  25 


386  Der  djrifiUc^e  ©laube.  3toeiter  S^eil. 

jeugen,  öeric^tet  fein;  unb  bennodj  liegt  üjnen  bie  SBo^r^cü, 
meiebe  in  ber  Strebe  immer  biefelbe  bleibt,  jum  ®runbe.  SBo* 
gegen  folcbe  ®ebanfen  unb  £eben§regeln,  meiere  gar  nidjt  oon 
bem  djriftlidjen  Söemufjtfetn  au§gebn,  unb  bon  benen  man  alfo 
nicr)t  fagen  fann,  bafj  fie  nur  ^rrtbum  an  ber  2öat)rr)eit  ftnb, 
öueb  nur  infofern  ber  ©briftenbeit  angehören,  al§  boeb  in  benen, 
meldje  fie  begen ,  anbermettig  fdjon  eine  £>errfcbaft  be§  d)rift= 
lid^en  ©eifteS  eingeleitet  ift,  menn  gleich  ein  beftimmteS  Söe* 
nmfetfein  baüon  noeb  ntctjt  borbanben  märe.  £)enn  mo  gar 
feine  93esiebung  ju  biefem  ift,  ba  ift  aueb  fein  £beü  ber  ftd)t= 
baren  ®ircbe;  unb  bie  ^irct)e  bat  e§  bann  mit  ben  einzelnen 
unrichtigen  SBorftellungen  nur  infofern  §u  tfjun,  cd§  fie  einen 
Slnfnüpfung§pun!t  abgeben  tonnen  für  ibre  Oerbreiteube 
£bätigfeit.  ^n  bem  erften  gatt  hingegen  ift  ber  Srrt&um, 
aud)  menn  er  nod)  gar  feine  cbrifilicbe  28abrbeit  pux  ©runb* 
läge  ju  baben  febeint,  boeb  nur  ein  Vorläufer  bon  jenem,  benn 
e§  ift  febon  ein  $unft  gegeben,  an  meldjem  ba$  d)riftlid)e  $8e~ 
ttwfjtfein  fidt>  entmiffetn  fann. 

2.  9?atürlicb  aber  fann  unfer  @as  feine  3eit  bestimmen 
motten ;  btelmefjr  fann  man  in  ber  ®efcbtcbte  ber  ©briftcnljeit 
fogar  bebeutenbe  Beiträume  abfteffen,  in  melcben  ber  Jyrrtbum 
ftcb  entmiffelt  unb  überbanb  nimmt,  bie  2öat;rr)eit  hingegen 
gurüffgebrängt  mtrb.  allein  folebe  Gcrfd)  einungen  eignen  fidj 
mebr  basu  ein  anbere§  Urtbeii  über  bie  borbergegangenen 
febeinbar  günftigen  3uftänbe  §u  motioiren,  al§  bafj  fie  ben 
(glauben,  ber  fieb  mit  bem  an  ba§>  Üteicb  (£brifti  nid)t  Oer- 
tragen  mürbe,  rechtfertigten,  bafj  bk  Sßa&rljett  au§  ber  Stirctjc 
oerfd)U)unben  ober  aud)  nur  tbeilmeife  oerioren  gegangen  fei. 
Unb  alle§  roirb  fieb  barauf  gurüfffübren  laffen,  bafj  bie  gort= 
febreitung  ber  SSabrbeit  unb  bie  Slufbebung  be§  Srrt&umS 
bureb  biefelbe  in  ber  fiebtbaren  ®ircbe  eine  smiefacbe  ©eftnlt 
bat,  bie  eine,  menn  bie  SBabrbeit  ben  itjr  gegenüberftebenben 
^rrtbum  altmäblig  äerftört,  bie  anbere,  menn  ber  an  bem 
5(u§bruff  ber  ÄJa&rfceit  felbft  unberoufct  jjaftenbe  Srrtljum  mit 
allen  feinen  Söirfungen  üon  il;r  getrennt  mirb,  unb  fie,  inbem 
fie  an  Sraft  unb  SBirflamfeit  su  üerüeren  febeint,  fieb  läutert, 
um  eine  üollfommnere  Sßtrffamfeit  auszuüben.  —  Unabbängig 
biebon  bietet  bie  ®efd)id)te  bäuftg  eine  febeinbare  Verringerung 
be§  ©ebteteä  ber  äßafcrbett  bar  bureb  Slbfatt,  mobei  gemotm* 
lieb  äußere  (gemalt  mirtfam  ift.  Sifletn  menn  ber  s2lbfaH  itid&t 
febeinbar  ift,  fo  mar  oorber  ba§  (£brtftentlmm  nur  jcbetnbar, 
inbem  jroifcben   irgenb   einer  ®emalt  unb  bem  3uftanb  ber 


Stoeiter  Hbfänttt.  SSon  ber  93eirfjaffenb,ett  ber  SBelt  jc.  387 

8eben§gemeintdjaft  mit  Gftrifto  gar  fein  «Sufammenbang  benfbar 
ift;  batjer  auf  biefem  Söege  niemals  ein  Burütfgebrängtmerben 
be§  cfcriftitdjen  $8ett>ufetiein§,  triebt)  eniger  ein  gänsüdjeg  23er* 
fcfcnunben  beffelben,  bemtrft  roerben  fann. 

§.  156.  3ufaj  gu  beiden  £ef)rftüffen.  SDieSBe* 
fjauptung ,  ba§  bic  toaste  $irdje  mit  bem  Anfang  be£ 
menfrf)ti$en  ©ef<$le<$t3  begonnen  I)abe,  unb  bi<8  ans  (Snbe 
beffelben  auä)  eine  unb  biefeibe  bleibe ,  barf  ni<$t  fo  r>er* 
vtanben  toerben,  aU  ob  bie  eigentliä)  fo  §u  nennenbe  d^rift^ 
Uä?e  §lixä)t  felbft  nur  5tl?ett  eine3  größeren  fangen  fei 

SlugSb.  S3ef.  VH.  .  .  bafe  aüeseit  muffe  eine  öeilige  cbriftlidje  JKrdje 
fein  unb  bleiben  .  .  bei  toeldjer  ba§  ßüangelium  rein  geprebigt  unb 
bie  tjeiligen  «Sacramente  laut  be§  ©öangelit  gereift  roerben.  — 
Apol.  Conf.  IV.  At  sie  discernit  Paulus  ecclesiam  a  populo 
legis,  quod  ecclesia  sit  populus  spiritualis.  .  .  In  populo  legis 
praeter  promissionem  de  Christo  habebat  et  carnale  semen 
promissiones  rerum  corporalium  .  .  .  Igitur  illi  tantum  sunt 
populus  juxta  evangelium  qui  hanc  promissionem  spiritus  acci- 
piunt.  —  Expos,  simpl.  XVII.  p.  47.  sq.  Quando  autem 
Deus  ab  initio  salvos  voluit  fieri  bomines  .  .  oportet  omnino 
semper  fuisse,  nunc  esse  et  ad  finem  usque  seculi  futuram 
esse  ecclesiam.  —  Haec  aliter  fuit  instituta  ante  legem  inter 
patriarchas ,  aliter  sub  Mose  per  legem ,  aliter  a  Christo  per 
evangelium.  —  Agnoscimus  hie  tarnen  diversa  fuisse  tempora, 
diversa  symbola  promissi  et  exhibiti  Messiae.  —  C  o  n f.  Sco  t.  V. 
Credimus  Deum  .  .  omnibus  aetatibus  ecclesiam  suam  ab 
Adamo  usque  ad  adventum  Christi  in  carnem  vocasse.  —  Conf. 
B  e  1  g.  XXVII.  Credimus  —  unam  ecclesiam  catholicam  .  .  . 
Haec  porro  ecclesia  et  ab  initio  mundi  fuit  et  usque  ad  eius 
finem  perdurabit. 

1.    ©§  finb  nitf)t  nur  bie  gutest  angeführten  SBefenntmfc  i 
fdjriften  üon  ber  reformirten  Seite,  roeldje  bie  (£inb,eit  ber  alU  • 
teftamentijdjen  unb  neuteftamentifdjen   $ir<$e  beftimmt  auä* 
fpredjen:  fonbem  bergall  ift  berfelbe  auf   ber  lutfjerifdjen  ' 
@eite.    'Senn   roenn  man  auet)  au3  bem  3lug§b.  Söefenntnifc  ; 
ba§  (Xtegentbeil  [fließen  mottte:  fo  ift  bodj  berfelbe  (Sinn  in 
beffen  autöentifdier  (Srflärung,  ber  Apologie,   ntc^t  §u  öer- 
tennen.    SKur  in  bem  fäcbjifdjen  SBefemifmß erTct)eint  Seeland)* 
t()on  üorftcfctiger,  inbem  er  mit  feinen  Söetfptelen  ntdjt  über 
bie  Bett  ber  Geburt  ©fjrtftt  ljinau§gebt.   SlHein  Qefct)tet)t  bieg 
nrirflid}  abftc^tiid):  io  erfdjetnt  e§  nur  minber  folgerest,  ha 
gf)riftu3  boctj  auf  ©imeon  unb  £anna  unb  bie  Zubern  borf 


.  et  djriftlidje  ©laube.  3toeiter  Xf)eU. 


genannten1  ttod)  leine  erlöfenbe  SSirffamfeit  bntte  ausübe* 
fönnen.  (So  aber,  tote  (Simeon  glaubte,  ben!t  fid)  ÜDMancb- 
tbon  unftreitig  aud)  ben  mefftanifeben  ©tauben  trüberer  Seiten. 
Sollte  nun  gar  biefe  (£inbeit  ber  ®ird)e  bon  Anfang  an  fo 
oerftanben  Serben,  mie  au$  ber  einen  ©teile  fdjeint,  ba%  mm- 
Itd^  (£f)riftu§  für  bie  britte  $ertobe  baffelbe  gemefen  fei,  ma§ 
9JMe§  für  bie  sniette:  fo  märe  unfere  Slbmeicbung  Don  biefen 
ftanboltfdjen  Slu§brüffen  nod)  größer,  ^nbent  mir  un§  nun 
auf  baZ  früber  hierüber  gefagte 2  berufen,  fommt  e§  nur  barauf 
an,  bie  SDifferens  gmtfeben  unferm  (Sa$  unb  ben  fbmbolifcben 
©teilen  genauer  §u  beftimmen.  ^nbem  mir  betbe  babon  au§- 
geljn,  bie  ®ird)e  fei  nur  ba,  mo  ber  glaube  an  (£briftum  ift; 
iene  aber  bebaubten,  biefe  ®ircfje  fei  fcfjon  bom  Einfang  ber 
s  SBelt  ber,  mir  hingegen,  fte  beginne  erft  mit  ber  perjönlic&en 
SBirffamfeit  (Sbrifii:  fo  muffen  jene  annebmen,  ber  (glaube  an 
(£tjriftum  fei  gemefen  bor  feiner  berfönlicben  SSirffamfeit,  mir 
aber  bebingen  ibn  burd)  biefe  t>erf online  SSirffamfeit,  unb 
leiten  ibn  alfo  bon  berfelben  ab,  melcbe§  alfo  ber  erfte  %\x 
febtiebtenbe  $unft  ift.  (£§  bangt  aber  bamit  jufammen,  bafj, 
inbem  mir  beibe  suglei$  babon  au§geljn,  bafj  ber  (glaube  felig- 
macbenb  fei,  jene  beraubten,  bie  berfönlidje  SSirffamfeit  S^riftt 
fei  nietjt  notbmenbig,  um  bie  (Seligfeit  ber  9ftenfcben  au  be= 
mirfen,  mir  hingegen  bebauten,  bie  feligmadjenbe  Siebe  ®otte§ 
fei  niebt  eber  al§  mit  ber  ©rfebeinung  ßbrifti  mirffam  ge* 
morben ;  unb  e§  fragt  fid),  ob  mirflid)  gmifeben  biefen  beiben 
9lnnafjmen  muffe  gemäljlt  m erben,  unb  monacb  fidj  im  he- 
äiebenben  gaK  bie  Sßafjl  entfdjeiben  muffe.  9hir  fönnen  mir, 
I  ba  biefe  (Sä'äe  an  unb  für  fid)  niebt  5Iu§fagen  unfer§  unmittel* 
'.baren  (SelbfibemufetfeinS  ftnb,  unfer  ©aj  aueb  bureb  feine 
negatibe  gorm  §u  erfennen  giebt,  bafj  er  nur  in  ^öejiebung 
auf  un§  frembe  Söebauptungen  entftanben  ift,  bei  ber  anju- 
fteHenben  $  ergteiebung  für  un§  fein  anbere§  99£aafj  anerfennen, 
ai^  bie  Ueberetnftimmung  mit  bem,  ma§  febon  al§  SluSbruff 
unfere§  unmittelbaren  «SelbftbemufjtfeinS  feft  ftebt. 

2.  2öa§  nun  ben  erften  $unft  betrifft,  fo  baben  mir  fdjon 
feftgefteüt, 3  bafj  bie  altteftamentifeben  SSeiffagungen  für  un§ 
niebt  tbrer  Erfüllung  megen  $Iauben§grünbe  fein  fönnen  in 
bem  (Sinn,  bafj  mir  be§megen  an  (Ebriftum  glaubten,  meil  er 
fo  borbergefagt  morben,  mie  er  Ijernadj  erfunben  morben  ift, 
inbem   bie§  für  ben  (glauben  in  unferm  ebangetifdjen  (Sinn 


1  Repetit  Conf.  Ed.  Tw.  p.  164.  §.12,2. 

8  §.  14.     3ufaa.     93b.  T.  6.94-96. 


3toeitcr  Stöfömtt.  8on  ber  SBef^affcn^eit  ber  SGÖelt  jc  389 

gar  fein  (55runb  fein  fann.  5lICein  bie§  ftmbert  atterbing§ 
ni$t,  bafj  rndjt  bte  SSerfjeifjungen  al§  fotdje  füllten  t»or  ber 
@rfd)einung  (£f)riftt  ben  äftenfcfcen  Jjaben  fönnen  ein  ©runb 
ber  (Seligfett  merben.  SßorauSgefest  nämlidj  ein  gefc^ärfteS 
$3emuf3tfein  ber  (Sünbfjaftigfeit  unb  @rlöfung§üebürfttgfeit, 
fonnte  —  roemt  nun  ein  ©rlöfer  berljeifjen  mürbe  —  iene§ 
Serlangen  fidj  an  bit  SSerfjeifeung  heften,  unb  ein  Sorgefüljl 
entfielen  bon  ber  fünftigen  ©eltgfett  in  ber  ©emeinf^aft  mit 
tljm,  toelctjeS  al§  SJätfreube  bie  eigne  Unfeligfeit  in  geroiffem 
€>tnn  aufgeben  fonnte.  allein  bie§  zugegeben  mar  bw%  bod) 
nur  ein  <S<$attenleben ,  eine  5tfjnbung  bon  ber  c&riftli<$en 
®irdje,  aber  nic&t  bit  djriftltdje  Ätrcfce  felbft.  2)enn  mir  fagen 
nur,  baf$  biefe  überall  fei  mo  ber  (glaube  ift,  infofern  biefer 
bie  ganje  Aneignung  (£fjrifti  ift,  unb  infofern  er  äugleidj  mefent* 
licfc  gemeinfdiaftbübenb  ift.  £>ier  aber  fann  man  in  einem 
gemiffen  (Sinn  jroar  eine  Aneignung  ber  ©efigfeit  (£fjrifti  &u* 
geben,  aber  ni$t  eine  Aneignung  feiner  SSottfommen^eit.  Unb 
bafc  ber  (glaube  an  bie  mefftamfdjen  Sßerljeijsungen  nie  unb 
nirgenb  im  alten  Söunbe  gemeinfc&aftbilbenb  geroorben  ift, 
fonbern  bie  ®emeinf$aft  gan§  auf  bem  ©efej  beruhte,  liegt 
a,efd)idätlidj  bor  Slugen.  £)arum  mirb  ber  Unterf djieb  ntd)t 
crfctjöpft,  roenn  man  nur  sugiebt,  e§  feien  anbere  ©bmbole 
gemefen  sur  Bett  be§  berfjeifjenen  unb  anbere  au  benen  be§ 
erfc^ienenen  äftefftaS ;  fonbern  aud)  ber  (glaube  felbft  ift  ein 
anberer  gemefen,  unb  ber  ma§re  neuteftamentifd^e  mar  su  ben 
Seiten  be§  ®efese§  nur  sufünftig.  *  Unb  au<$  ba§  borfcer  %u* 
gegebene  mirb  ntd)t  nadjgemiefen  merben  fönnen,  bajj  nämltdj 
bie  meffianif^en  Verkeilungen  im  alten  Söunbe  ben  begriff 
etne§  C£rlöfer3  in  bem  (Sinne,  mie  mir  itm  mit  ben  fbm- 
bolifdjen  SBüc&ern  annehmen,  mirflid)  enthielten,  unb  fitf)  mit 
bemfelben  an  ba§  audj  in  unferm  <Sinn  gefaxte  $8emu|tfein 
ber  (Sünbe  menbeten.  2öiü  man  aber  nidjt  nur  biefe§  be* 
laugten,  fonbern  aud)  in  Sßejug  auf  bie  in  un§  mirffame 
53odfommen^eit  ©fyrifti  unb  ba%  23anb  ber  brüberlid^en  2kbt 
ben  ©lauben  bor  ber  (£rfd) einung  (£§rifti  bem  unfrigen  gletdj* 
fejen:  fo  mufj  man  audj  augeben,  ba§  bie  föörer  ber  $er= 
letfjung  im  ©taube  maren,  au§  feljr  unbottftänbigen  2ln~ 
beutungen  ben  ^Begriff  ber  unfünblidjen  SSottfommen^eit 
felbft  nidjt  nur  ju  bilben  fonbern  audj)  in  SBirffamfeit  au 
lesen;  unb  bie§  füfjrt  natürlid)  bafjin,  bafj  bie  mirflid)e  @r* 
jdjeinung  (Sljrifrt  au  unferer  (Seligfeit   nid)t  fei  not^menbig 


[.  3,  22. 23. 


390  S)cr  cfctftUtfje  (glaube.  Stoeiter  Xfjeü. 

gemefen,  fonbern  nur  bie  $erbetfjung  mufete  immer  lebenbici 
erhalten  merben. 

3.  So  menig  mir  nun  hiermit  übereinftimmen  tonnen,  fo 
fdjeint  bod)  nictjt  minber  unbequemes  auS  unferer  93ebauptung 
Sit  folgen,  ba%  bor  ber  ©rfdjeimtng  ©brifti  bte  9Jcenfdjen 
nidjt  jur  (Seligfeit  gelangt  ftnb.  sMein  bte  Folgerung,  hak 
bte  feligmacbenbe  Siebe  ©otteS  erft  mit  ber  (Srfd) einung  (£briftt 
angefangen  babe,  muffen  mir  unS  gleidj  unfern  ($5runbfääen 
gemäfc  babin  befcbränfen ,  bafj  nur  bte  seitliche  (£rfd)einung 
biefer  Siebe  nicbt  eljer  begonnen  Ijabe.  $n  biefer  ©eftalt 
aber  ift  fein  Söebenfen  bagegen,  fte  anzuerkennen;  beim  mir 
befinben  unS  mit  beut  gefammten  9ftenfd)engefd)led)t  nur  in 
bemfelben  £$atte,  in  bem  ftdj  au<$  iejt  nod»  jeber  ©in^elnc 
befinbet,  ber  erft  in  ber  ;28iebergeburt  sunt  ®enuf$  ber 
feligmaienben  Siebe  gelangt.  (Sben  fo  nämlicb  mar  aucb  baS 
menfd)lid)e  ©efd)led)t  bis  §ur  (Srid^einuitg  ß^riftt  in  bem  3n- 
ftanbe  unter  ber  oorbereitenben®nabe;  aber  baS  gange,  nict)t 
auSfdjliefjenb  biejenige  SReilje,  meiere  unS  bie  iübtfrfjen  ®c= 
fd)id)tSbüd)er  bem  $lbam  burd)  bte  (Srsbäter  bi§  gur  ©rünbuna. 
beS  ÜDtfofaiSmuS  burc^fü^ren.  ®enn  biefe  borbereitenbe  ßhtabe 
geigte  ftd)  überall,  mo  unb  in  bem  ÜDcaafje  als  eS  SBirfungen 
ber  göttlichen  £>eiligfeit  unb  ®ered)ttgfeit  gab,  unb  mir  er- 
galten  aud)  üon  bier  auS  biefelbe  (Sleidjftellung  jmifdjen 
^uben  unb  Reiben,  üon  meldjer  au<$  $auluS  ausging,  £)ier- 
mit  ftimmt  au$  meljir  als  eS  auf  ben  erften  9Iugenbliff  fd>etnt 
überetn  bie  5lrt,  mie  Paulus  bte  ©rfebeinung  S^rifti  auf  bit 
S3erf)eif5ung  unb  ben  glauben  5lbrabamS  bt%ie§t,  ba%  näm= 
lid)  bie  borbereitenbe  göttliche  ®nabe  nietjt  auf  eine  befonbere 
ober  auSfdjtiefjenbe  SBeife  in  bem  ftatutarifdjen  ©efej  fiel)  ge- 
offenbart  fyabe,  fonbern  bornefjmticf)  barin,  bafj  bem  Mono- 
theismus eine  (Stätte  nutzte  erhalten  merben,  unb  baS  £>an= 
beln  auS  biefem  <$runbe  ift  ber  (Staube,  ber  aud)  eben  fomol 
al§  ®et)orfam  angefebett  merben  fann,  unb  bem  Slbrabam 
beSbalb  §ur  ®erecbtigfeit  geregnet  mürbe,  als  er  nun  ein 
SBertjeug  ber  borbereitenben  göttlichen  ©nabe  mürbe,  unb 
als  er  in  biefer  SBe^iebung  auf  ben  3ufünftigen  audj  burd? 
benfelben  ein  <$egenftanb  beS  göttlichen  SßoblgefattenS  fei« 
tonnte.  5luf  biefe  SSeife  baljer  lä§t  ftdj  aueb  eine  9ted)t= 
fertigung  um  (£brifti  mitten  bor  GHjnfto  amtebmen,  analog 
ber  (Seligfeit  in  bem  TOtgefübl  mit  ber  gtthmft,  mitbin  3er- 
ftreute  Elemente  ber  ®ird)e,  aber  nidjt  bie  ®ird)e  felbft. 
Stellt  man  hingegen  ftatt  biefer  Söebauptung,  bafj  eS  bom 
Anfang  beS  menfc&lidjen  ©efdjledjteS  an   eine   mabre  Strebe 


Öweiter  8ttfönitt.  Son  ber  ©efäaffen&eü  öer  SBelt  :c.  391 

gegeben  ^abe,  nur  bie  auf,  bafj  e§  r»on  Anfang  an  feinen 
anbern  Urheber  ber  (Seligfeit  für  bte  SDrenfdjen  unb  feineu 
anberu  ®runb  be§  göttlichen  3SoblgefaUen§  an  ben  ÜDcenfcrjen 
gegeben  \)abi  al§  (Jbrtftum,  fo  giebt  e§  gegen  biefe  nidjtS  §u 
erinnern. 

©rittet  £auptftüff. 
3Son  ber  33ottettbmtg  ber  ®ird)e. 

§.  157.  £)a  bte  $ird;e  in  bem  Verlauf  be£  menfä> 
lidjen  ©rbenlebenS  nid)t  pr  Sßoßenbung  gelangen  fann: 
fo  §at  bie  SDatftellung  tyreS  tooEenbeten  guftanbeä  un- 
mittelbar nur  ben  üftusen  eines  $orbübe<$,  tr>eld>m  tott 
un£  nähern  foUen. 

1.  $n  beut  ^eiligen  (Steift,  aB  bem  gemeinfamen  SebenS* 
princip  ber  ®irdje,  liegt  an  unb  für  fid)  ber  suretcbenbe 
®runb  äu  biefer  SSoßenbung;  allein  ba  feine  SBirffamfeit  bem 
(Stefes  be§  §eitlict)ert  £eben§  unterworfen  ift,  fo  fann  jene 
IBotfenbung  nur  eintreten,  roenn  aller  SSiberftanb  fo  über- 
ttmnben  ift,  ba%  e§  in  bem  (bebtet  feiner  SBtrf  famfett  ntdjtS 
aettUdj  gegenn?irfenbe§  meljr  giebt,  alfo  alle  (ginroirfungen 
ber  Sßelt  auf  bk  ®irdje  erfctjöpft  finb.  $)apu  müfcte  suerft 
oorauSgefest  roerben,  ba%  baä  ßtjrtftentbum  fid)  über  bie  (£rbe 
Verbreitet  fyahe,1  unb  jmar  fo,  ba%  feine  anbere  ©laubenS* 
roeife  meljr  al§  organiftrte  ($temeinfd)aft  beftebe.  S)enn  fo 
lange  biefe  Veralteten  unb  unöollfommnen  Sfteligiongformen 
nod)  neben  bem  (£briftenttmm  befielen  unb  ftdj  neben  ber 
$ird)e  erbalten  motten,  roirb  aud)  ben  Slnjjängern  berfelben 
üjr  (£ljarafter  fo  tief  eingeprägt  fein,  ba%  fte  einsein  ober  in 
SJcaffe  oom  (£briftentbum  ergriffen  mandje§  oerunreinigenbe 
aud)  unberoufjt  mit  biuübernebmen,  roorauS  fid)  (Spaltungen 
unb  S^rtbümer  entmiffeln.  SDa  un§  nun  unfer  (Selbftbemufjt* 
fein  bezeugt,  ba%  bit  ©ntfteljung  be§  (Glaubens  an  ben  (£r* 
löfer  im  allgemeinen  burd)  nidjtS  befonbere§  bebingt  ift,  fon* 
bem  nur  burd)  baä  gemeinfame  in  bitten  ertoeffbare  Söenmfjts 
fein  ber  ©ünbe,  unb  burd)  bie  roegen  ber  ©etbigfeit  ber 
menfcblidjen  üftaturaud)  allgemeine  gäbigfeit,  einen  fpeciftfd)en 
©inbrüff  Oom  ©rlöfer  §u  bekommen:  fo  boffen  mir,  bafi  biefe 
Verbreitung  ftcb  in  bem  SDcaafj  befcbleunigen  hrirb,  a(3  bie 

1  mm,  11,  25.  26. 


892  ®er  djriftli^e  ©laube.  Btoeiter  S^eil. 


!  #  errltcfjf  eit  be§  (£rlöfer§  Tief)  in  ber  $ird)e  felbft  immer  beut* 
lieber  abriegelt.1  2)ie  SCRöglicrjfett  läfjt  ftcf»  baber  nict)t  laug* 
iten,  bafc  bie§  noef)  im  Verlauf  ber  menfd)(i<$en  $)inge  er* 
folge;  aber  bie  (graeugung  tjört  mäfjrenb  berfetben  nid)t  auf, 
unb  bie  (Sünbe  entmiffelt  ftdj  in  jebem  ®efct)le(^t  auf§  neue. 
SO^it^m  gefegt  aueb,  bafe  bte  ©emalt  ber  <8ünbe  je  meiter  biu 
um  befto  mebr  surüffgebrängt  unb  um  befto  leichter  gebroeben 
merbe:  fo  nimmt  bo$  bie  Stirctje  auf  biefe  SSeife  immer 
mteber  Söelt  in  ficfyauf ,  fteljt  bat)er  audj  immer  in  bem  bi^ber 
betriebenen  (£onflict,  unb  ift  bat)er  niemals  bottenbet.  3u 
biefem  £uftanbe  nun  bftegt  fte  bte  ftreitenbe  ®irdje  ge= 
nannt  su  derben,  meil  fie  ftdj  tfjeüg  gegen  äßett  §u  bertfjei* 
bigen  §at,  tfjeil§  SSelt  mufj  %vt  erobern  jucken;  mogegen  fte 
eben  be§^a(b  im  Buftanb  berjSSoIIenbung  gebaut  bie  trium  = 
bfjtrenbe  beifet,  meil  bann  ma§  in  biefem  «Sinne  SBelt  mar 
ganj  in  fte  berfdjlungen  unb  nidjt  meljr  al§  it)r  (Stegenfaa  ba  ift. 
2.  (Streng  genommen  fann  un§  alfo  auf  unferm  <3tanb= 
punft  feine  Se^re  bon  ber  ^ßoHenbung  ber  ^irdje  entfielen, 
ba  unfer  ctjriftlictjeS  ©elbftbemufjtfein  gerabesu  nict)t§  über 
biefen  un§  gan§  unbefannten  Buftanb  auSfagen  !ann.  25emt 
ba  roir  ©fjriftum  aueb  at§  ba$  @nbe  ber  SSetffagung  aner* 
fannt  l)aben,2  fo  liegt  fcfjon  barin,  ba%  audj  bie  ®irdje  feine 
(&abe  be§  ®etfte3  anerfennt  eine  3ufunft  forsubilben,  auf 
roelctje  —  meil  ganj  ienfeit  aller  menfdjlidjen  £)inge  liegenb 
—  uniere  ^r)ätigfeit  gar  feinen  (Sinflufj  ausüben  fann,  ja 
bereu  $8üb  mir  au§  Mangel  aller  Analogie  fdjmerlid)  ridjtig 
ju  faffen  ober  ftetjer  fefouljaiten  bermödjten.  Söenn  nun 
bennoeb  bieje  Sßorbilbungen  einen  großen  Sftaum  einnehmen 
in  ber  ^iretje :  fo  liegt  un§  bodj  ob,  elje  mir  t&re  ShiS* 
fdjliefjung  au§  unferer  2)arfteHung  auSföredjcn ,  nactj  ber 
Ouette  berfelben  gu  fragen.  Buerft  nun  ift  fjier  auf  bie  neu* 
teftamentifeben  SBeiffagungen  bon  ber  SBoEenbung  ber  ®ird)e 
ju  bermeifen,  bie  mir  bod)  jebenfalB  alle  auf  meiffagenbe 
9leufjerungen  (Tbrtfti  surüfffüfjren  muffen.  SBenn  nun  biefe 
nad)  ben  Regeln  ber  ®unft  mürben  gu  be^anbeln  fein,  unb  bod> 
immer  ntctjt  eigentlicbe  ®lauben§)ääe  fonbern  nur  ©öje  fein 
mürben,  bie  mir  auf  Beugnifj  annebmen,  bie  aber  ntctjt  in  einem 
fo  naljen  .Sufammenljang  mit  unferm  (glauben  fielen  mie  bie 
äbnlid)en  bie  $erfon  be3  ©rlöjer»  betreff enben,  fo  merben  mir 
Üjnen  auetj  fcbmerltcb  unb  immer  nur  infofern,  al§  fie  ben 
Ghrlöfer  unb  unfer  SBerbältnife  311  il)m  treffen,  einen  Drt  in 


1  <£p$ef.  1,  22.  23.  u.  2,  21.  22.  2  ©.   103,  3. 


Stoctter  Slbfönttt.  SSon  ber  S3eföaffen$elt  ber  SEBelt  :c.  39a 

ber  Glaubenslehre  einräumen  fönnen.  Mein  menn  biefe 
©äjc  aud)  nid)t  GlaubenSfäae  finb,  infofern  i§r  ^nbalt  als 
unfer  gaffungSOermögen  überfteigenb  feine  Beitreibung 
unfereS  mirflidjen  ©eibftbemufetfeinS  ift:  fo  fteflt  fidj  bie 
<Sac£)e  bod)  anberS,  menn  mir  abfeljenb  baoon,  ba%  fte  unS 
jenfeit  unferer  Buftänbe  hinausführen,  bahei  fielen  bleiben, 
ba%  fte  nichts  oon  bemienigen  enthalten  bürfen,  maS  in  unfern 
iesigen  Buftänben  bon  ben  GHnmirfungen  ber  Sßelt  berrübrt 
©afe  biefe,  aucb  roetter  als  bie  TOtmirfung  eines  ^eben  basu 
reicht,  emgefd^ränft  merbe,  ift  immer  ber  Gegenftanb  unfereS 
GebeteS,  unb  bk  öoUenbete  ®trd)e  ift  fonad)  ber  Dxt  ber 
ooßftänbigen  (£rt)örung  beffelben.  ©o  bemnacft  murmelt  biefe 
Borfteßung  in  unferm  d)rtftlid)en  ©elbftbemufjtfein  als  bie 
unter  gana  unbefannten  unb  nur  fdjmanfenb  oorfieUbaren 
Söebingungen  fortbeftebenbe  Gemeinfiaft  ber  menfc&lidaen 
Statur  mit  (£brifto,  aber  als  bie,  meld)e  allein  üöHig  frei  öon 
allem,  maS  in  bem  Söiberftreit  beS  gleifc^eS  gegen  ben  Geift 
feinen  Grunb  bat,  gebaut  merben  fann. 

§.  158.  SGBie  in  bem  Glauben  an  bie  Unoeränberlidjfeit 
ber  Bereinigung  beS  göttlid)en  2öefen£  mit  ber  menfa> 
lid;en  3Ratur  in  ber  $erfon  @$rifti  au$  ber  Glaube  an 
ba$  gortbejie&en  ber  menfa)lid>n  Sßerfönlid&feit  fa)on  mit  I 
enthalten  ift:  fo  entfielt  fyierauS  bem  (Sfyriften  Ue  £enben§, 
ben  3wftanl>  nad?  bem  £obe  boräufteHen. 

1.  ®ie  Meinung  unfereS  «SaseS  fann  nidjt  fein,  als  ob 
ber  Glaube  an  bie  gortbauer  ber  $erfönlid)feit  na<$  bem 
£obe,  ober  mie  mir  eS  gemöljniid)  auS^ubrüffen  Pflegen  an 
bie  Unfterbticfcf  eit  ber  (Seele,  auf  biefem  2ßege  entftanben 
märe,  ba  ftd)  bit  ©teuren  beffelben  ia  überall  borftnben,  unb 
namentiidj  §u  ben  Briten  (£t)rifti  unb  ber  9looftel  biefer  Glaube 
unter  bem  iübifdjen  $olf  bor&errfdjenb  mar;  fonbern  nur, 
bafc  berfelbe  olme  biefen  gufammenbang  feinen  £)rt  in  unferer  ; 
djriftlidjen  Glaubenslehre  finben  fönnte.  Sßie  benn  aud)  alleS  . 
bisherige  ganj  ofme  Bufammenbang  m^  bemfelben  ift  bar- 
geftellt  unb  nadjgemiefen  morben,  unb  nur  ein  einziger  aud> 
nic&t  unmittelbarer  GlaubenSfa§,  ber  bon  ber  £>immelfabrt 
©brifti,  meifet  auf  benfelben  bin.  <So  ba%  mer  fein  djriftlidjeS 
Selbftbemufjtfein  in  unferer  bisherigen  SDarftellung  aogebilbet 
gefunben  §at,  aucb  zugeben  mufe,  bafj,  bie  £batfad)en  beS 
©briftentlmmS  unb  unfere  ®unbe  bon  benfelben  borauSgefe^t, 
auS   bem  ber  (Srlöfung  bebürftigen  Söemufjtfein  ber  <Sünbe 


394  S)cr  djrlftlic&e  ®laube.  3tocitCT  X^etl. 

ber  (glaube  an  ben  (grlöfer  ftcö  fo  tüte  er  fjter  betrieben  tft 
entmiffeln  fann,  imb  au§  bemfelben  bie  SöUttbeilung  ber 
(Seligfeit  (£bvifti  in  jebem  audj  bem  legten  5lugenbliff  be§ 
2eben§,  aud?  menn  mir  feine  Sßorfteflatng  Ratten  bon  einem 
Buftanbe  nacb  bem  Stöbe,  ©onadj  ftettt  ftdj  fet)r  natürlich 
bie  grage,  ob  unb  auf  meinem  SBege  biefer  (glaube,  menn 
ber  Srlöfer  iljn  nicbt  aufgenommen  unb  fanctionirt  bätte,  in 
$erbtnbung  mit  unferm  frommen  (Selb ftbemufjtf ein  mürbe  ge* 
fommen  fein.  Hub  rjtesu  jeigt  ftcb  nur  eine  smtefacbe  9Jcög~ 
liebfeit,  ©ntmeber  bie  gortbauer  ber  ^erfönlicbfeit  märe  burdj 
bk  23)ätigfeiten  be§  @rfennen§  alfo  auf  bem  SBege  be§  ob* 
iectiben  $8eroufjtfein§  al§  Sßafjrfjeit  ermittelt  morben;  ober  fte 
märe  un§  in  unferm  unmittelbaren  ©elbftbemufjtfein  urfprünglicb 
mitgegeben,  fei  e§  nun  in  mefentlicljer  SSerbinbung  mit  bem 
fner  überall  sunt  (Srttnbe  liegenbett  (Sotte^bemufctfein  ober 
unabhängig  bon  bemfelben  für  ftdj).  2öa§  nun  ba$  erfte  be- 
trifft, fo  geprte  bann  biefe  Sebre  in  bie  fmbere  Sßatur- 
mtffenfcbaft,  unb  bie  (Semifcbeit  baoon  tonnte  nur  bei  benen 
fein,  melcbe  ftdj  be§  33erfabren§  btefer  28iffenfd)aft  bemächtiget 
jjaben,  fo  ba$  Rubere  fte  nur  bon  biefen  bätten  au§  ber  smeiten 
£anb.  £)iefe§  aber  ift  offenbar  nicbt  bie  Sage  ber  ©acbe; 
bielmefjr  ift  nidjt  ju  läugnen,  ba%  er  auf  bem  miffenfdjaftlicben 
Gebiet  bon  ©inigen  immer  mieber  auf§  neue  eben  fo  lebhaft 
ift  angefochten  morben,  mie  Slnbere  ibn  toertbeibigt  baben. 
^a  mer  bie  fogenannten  SSermtnftbemeife  für  bte  llnfterb!tcb= 
feit  näber  hdxad)kt,  mirb  jcbmerlid)  glauben  fönnen,  bafj  bk 
tBorftellung  feibft  ein  Gprseugnife  biefe§  ®ebiete§  fei;  fonbern 
fte  mar  anbermärt§  ber  irgenbroie  gegeben,  unb  bie  SBiffenfcbaft 
fucbte  nun  fte  mit  ibren  übrigen  ©rgebniffen  in  SBerbinbung 
Sit  bringen,  unb  ein  fotcbeS  Sßerfabren  mufete  ber  9?atur  ber 
©acbe  nacb  aucb  immer  angreifbar  bleiben.  5)aber  fann  bk 
<$lattben§leljre  nie  berechtigt  fein,  biefe  Söemetfe  au  aboptirctt, 
menn  fte  bon  ber  Sßorfteuamg  ber  Unfterblictjfett  einen  meiteren 
(Sebraucf)  machen  mtlt,  nocb  meniger  aber  Verpflichtet,  fie  §u 
prüfen  unb  ibre  Mängel  ju  ergänzen;  fonbern  fte  müfjte  erft 
bie  miffenfcbaftlicbe  geftftellung  ermarten,  bi§  babin  aber  bie 
@acbe  bafjingeftetlt  fein  laffen,  inbem  fiel)  fonft  bk  ^laubett^ 
lerjre  bon  einer  pr)ilofotJl)ifcr)en  iUnfictjt,  melier  noeb  miber* 
fproeben  mirb,  abbängig  maebte.  —  2öa§  nun  baZ  anbere 
betrifft:  fo  märe  e§,  menn  ber  (Staube  an  bk  Itnfterblicbfett 
mit  bem  ©otte§bemufjtfein  im  allgemeinen  äufammenbinge, 
ein  grofjer  gebier,  bafj  mir  benfelben  niebt  gleicb  bort  ent= 
mtffelt   bätten.     allein  btefer  gebier   mürbe   ftcb  aurf)  fcl)ou 


3»eiter  Stbfdjnttt.  S3on  ber  öeföaffengett  ber  SBelt  ic.  395 

bemerflidj  gemalt  unb  geragt  Ijaben,  roeld)e§  bo<$  nid)t  ber 
gatt  gemefen  ift;  unb  eben  biefe§  !ann  un§  nidjt  im  $orau§ 
geneigt  machen,  einen  folgen  gufammenbang  ansuneljmen. 
<£§  gießt  smar  allerbingS  ein  unfrommeS  Säugnen  ber  Un= 
fterbltct)f  eit,  meld)e§  mit  ber  ®otte3läugnung  sufammenbängt, 
mie  beibe  ber  materialiftifdjen  ober  atomtftij<$en  $)enfung§art  I 
angehören;  allein  e§  giebt  eben  fo  aud)  ein  ganj  anbere§ 
<£ntfagen  auf  bie  gortbauer  ber  $er[önlidjfett,  meld)e§  mett 
entfernt  bie  geiftigen  Tätigkeiten  nur  al§  eine  ©rftfjetmmg 
be§  ©toff§  anheben  unb  ben  ®eift  bem  (Stoff  unternommen, 
öielmefjr  gan§  eigentlich  ben  ®eift  al§  bie  ben  lebenbigen  Stoff 
berborbringenbe  unb  ftct)  anbilbenbe  ®raft  anfielt  SDenn  üon 
fcier  au§  läfjt  ficö  auf  gleite  SSeife  behaupten,  einerfeit§  bafc 
ba&  ©otteSberoufjtfein  ba$  SSefen  jebe§  im  työfjeren  Sinne 
felbftbemufeten  ober  öernünftigen  ßeben§  fonftituire,  auf  ber 
anbem  (Seite  aber  aud),  bafj  menn  ber  ®eift  in  biefer  $ro* 
buctibität  mefentltdj  unfterbltdj  ift,  bod)  bie  etnselne  Seele 
nur  eine  borübergeijenbe  Slction  biefer  $robuctibität  fei,  mit* 
§in  eben  fo  mefentltdj  bergängltdj ;  mie  benn  audj  jebe  aufjer* 
balb  be§  beftimmten  ($;ntmtfflung§bunfte§  unb  ber  beftimmten 
Ütegion  be§  menf$lid)en  Sem§,  ber  fie  angeprt,  ir)re  S3e* 
beutung  berlieren  mürbe.  Wlit  einer  folgen  Glmtfagung  auf 
bie  gortbauer  ber  $erfönli<$feit  mürbe  fidj  eine  £>errfd)aft 
be§  ©otte§bemu^tfein§  botffommen  bertragen,  meldte  audj  bie 
reinfte  Sittlidtfeit  unb  bie  t)öd)fte  ®eiftigfeit  be§  SebenB  ber* 
langte,  £>ieju  nun  fommt  nodj,  bafe  e§  aHerbingS  einen  bem 
®eift  ber  grömmigfeit  überhaupt  entfprecbenben  glauben  an 
bie  berfönttcbe  gortbauer  giebt,  melier  nämlid)  baSSSorljanben* 
fein  be§  ®otte3bett>uf$tfein§  in  ber  menjdjlidjen  Seele  al§  ben 
<#runb  anfielt,  roe§balb  fie  nidtf  fonne  ba&  allgemeine  2oo£ 
ber  $ergänglicf)feit  treuen;  aber  e§  giebt  aud)  eben  fo  einen, 
nid)t  frommen.  ®enn  mie  fottte  biefer  (glaube  irgenb  mit 
bem  ®otte§bemuf}tfetn  berroanbt  fein,  menn  er  lebigttd)  bou 
bem,  roenngleidj  bi§  auf  einen  geraiffen  ®rab  berebelten 
Sntereffe  an  bem  ftnnlidjen  ßeben§get)alt  auSgeljt.  Itnb  ba& 
ift  bo<$  bergall  allemal,  menn  bie  Unfterblidtf  eit  poftulirt» 
mirb  um  ber  Vergeltung  mitten,  inbem  borau§gefest  mirb,  e§  | 
gebe  feine  reine  unb  unmittelbare  D^ic^tung  auf  grömmtgfeit 
unb  Sittlidjfeit,  fonbern  beibe  mürben  nur  angeftrebt  al§ 
Mittel,  um  bort  §u  einer  öollfommnen  (Slüfffeligf  eit  ju  ge= 
langen.  9#ufj  baber  jugeftanben  roetben,  bafj  e§  eine  5lrt 
giebt,  bie  gortbauer  ber  $erfönlic&fett  ju  bermerfen,  mobei 
man  mebr  bon  ©otte§bemu§tfein  burc^brungen  fein  fann,  als 


396  £er  c&riftltdie  ©laube.  3meitcr  £$ell. 

6et  einer  5lrt  fie  aufsunetjmen :  fo  fann  ein  Bufammenlmug. 
ämifdjen  biedern  ©Iauben  unb  bem  ©otteSbemufjtfein  an  ftc^ 
nict)t  meljr  belauftet  derben. 

2.  Sßoljt  aber  läfjt  fiel)  behaupten,  bafj  ber  ©Iaube  an  bie 
gortbauer  ber  $erfönlid)feit  mit  unferm  ©tauben  an  ben(£r~ 
töfer  sufammentjängt.  5)enn  menn  biefer  ftd)  fetbft  eine  foldje 
auftreibt  in  allem,  roa§  er  bon  feiner  äöieberfunft  ober 
Sßieberbereinigung  mit  ben  ©einigen  fagt:  fo  folgt,  ba  er 
bie$  nur  bon  fitf)  al§  menfcf)licf)er  $erfon  fagen  fann,  inbem 
er  nur  at3  fold)e  aud)  mit  feinen  Jüngern  ©emeinfdjaft  l)aben 
tonnte,  ba§  —  bermöge  ber  (Belbtgfeit  ber  menfd)lid)en 
SiRatur  in  ifjm  unb  in  un§  —  baffelbe  and)  bon  un§  gelten 
mufj.  ©o  etnteud)tenb  inbefj  biefe§  audj  fd)eint,  mufc  bod> 
unterfudjt  merben,  ob  audj  hiergegen  (Sinmenbungen  möglid> 
finb  unb  mag  für  meldte,  fei  e§  nun  gegen  bie  Sftidjtigfeit  ber 
$orau§fesung  ober  gegen  bie  Sftedjtmäfeigfeit  ber  Folgerung, 
©inmenbungen  ber  erften  5lrt  fönnten  ftdt>  nur  auf  eine  ab= 
meidjenbe  ©rftärung  ber  Sfteben  GHjrifti  besiegen,  unb  infofern 
mären  fie  aud)  Vier  gar  nidjt  §u  beurteilen,  fonbern  fielen 
ber  $lu§tegung§funft  antjeim.  (So  biet  inbefj  märe  tjier  su 
fagen,  bajj  menn  jemanb  mit  guter  £reue  beraubten  mottle, 
alle  r)ier)er  gehörigen  Sieben  (£r)riftt  feien  irgenbroie  btlbttdt> 
unb  uneigentlid)  §u  berftetjen,  unb  er  fd)reibe  fidj  barin  gar 
feine  berfönlidje  gortbauer  §u,  Riebet  einstaube  an  (£t)rtftum, 
fo  mie  er  tjier  bargeftettt  morben,  atterbing§  möglict)  bliebe 
—  benn  menngletdj  bie  eben  befd^riebene  $ersid)tleiftung  auf 
bie  berfönlic&e  gortbauer  bann  etma§  gemeinfame3  araifcben 
(£§rifto  unb  un§  märe,  mürbe  bod)  ber  eigentümliche  Unter* 
ic&teb  aroifdjen  (£r)rifto  unb  un§  be§fjalb  nidjt  nottjroenbig 
aufgehoben  —  bafj  aber  bennod)  eine  gänglic^e  Umgeftattung 
be§  (£t)riftentljum§  barau§  Verborgenen  müfjte,  menn  eine 
foldje  5lu§tegung§metfe  fernab  foHte  in  ber  ®ird>e  geltenb 
merben  unb  bem  c&riftltdjen  glauben  sunt  ©runbe  liegen. 
Unb  barin  liegt  fd)on,  bafj  mir  nictjt  borauSfeaen,  eine  fold>e 
Auslegung  fönne  mit  guter  £reue  gemalt  merben.  Nictjt 
biel  anber§  märe  bfe  (Sadje,  menn  iemanb  bie  $ed)tmäfeigfeit 
ber  Folgerung  au§  bem  ©runbe  in  Bmeifel  sieben  moHte, 
meil,  menn  ©t)riftu§  ftdj  aud)  berfönlidjie  gortbauer  auftreibt, 
er  fid)  biefe§  nur  au§  bem  t)errfd)enben  ©tauben  angeeignet 
habe  obne  beftimmte  eigne  Ueber^eugung,  unb  audj  nur  auf 
biefelbe  SBeife  mie  in  ätjnlidien  gälten  ©ebraudj  bon  biefer 
Meinung  mad)e;  fo  bafj  feine  9leufjerungen  hierüber  nicfct  ju 
benen   geboren   mürben,   m<?ld)e  mit   feiner  ©emifjljeit  über 


Btoeiter  Slbfdjmtt.  SSon  ber  Söefdfjaffen^eit  ber  SBelt  jc  397 

feine  SBürbe  unb  feine  SSeftimmung  fo  aufammenljängen,  bafe 
oljne  fie  mit  aufzunehmen  an  betbe§  ntdjt  lönne  geglaubt 
merben.  2)enn  aud)  ba§  mürbe  fcbroerlid)  jemanb  reblid)er= 
meife  behaupten  fönnen,  ba§  ©r)rtftu§  aud)  nur  eben  fo  otme 
eigne  lXeber§eugung  boctj  bk  fabbucäifdje  2lnficfcjt  r»on  ft<$  ge* 
miefen,  unb  bafj  fein  (glaube  an  ben  unmiberfteblicrjen  gort* 
gang  feine§  28orte§  unabhängig  gemefen  fei  bon  bem  an  bte 
gortbauer  feiner  $erfönlicrj  feit.  SBenn  nun  eine  fefte  lieber* 
aeugung  ©brifti  Ijiebon  mdjt  abgeläugnet  mirb,  fo  fönnte  nur 
no<$  eingeroenbet  merben  motten,  bafj  au§  ber  gortbauer 
feiner  ^erfönlidjfeit,  bk  mir  bann  mit  iljm  glauben  müßten, 
nichts  folge  für  bk  unfrige,  fofem  nämlich  bie  feinige  nur 
beruhe  auf  bem  ma§  iljm  eigentümlich  ift,  auf  ber  nur  au§= 
fctjüefeenb  feine  menfc^licfje  $erfon  bilbenben  Bereinigung  be§ 
göttlichen  2öefen§  mit  ber  menfcrjltdjen  Sftatur,  unb  man  baljer 
jagen  muffte,  gerabe  meil  unb  infofern  al§  ber  (Srlöfer  un= 
fterbiict)  fei,  feien  e§  alle  anbere  9ftenfd)en  ntc$t.  Slttein  biefe 
€rflärung  mürbe  auf  eine  befonbere  SSeife  freiließ  aber  bocr> 
immer  bofetifet)  fein.  SDenn  ber  Hnterfc^ieb  amifeben  einer 
unterblieben  unb  einer  fterbltcrjen  Seele  fann  nidjt  barin 
allein  befielen  unb  ftd)  baburd)  allein  runbgeben,  baf;  irgenb* 
mann  bie  eine  mirflicrj  ftirbt,  fonbern  fdmn  immer  unb  in 
ieber  Sßeatelmng  muffen  bie  £t)ätigfeiten  unb  Buftänbe  ber 
einen  anbere  fein,  al§  bie  ber  anberen.  3)a§er  menn  be§ 
<£rlöfer§  Seele  eine  unbergänglidje  märe,  bk  unfrigen  aber 
mären  bergängltctj :  fo  fönnte  nierjt  mit  Sftedjt  gefagt  merben, 
ba%  er  al§  SD^enfct)  un§  in  allem  gleich  märe  aufgenommen 
bie  Sünbe.  Senn  menn  man  fagen  mottte,  e§  fei  bk  Statur 
ber  menfc^lic^en  Seele  atterbing§  urffcrünglid)  gemefen  un* 
fierblictj  §u  fein,  allein  bk  ^Übertragung  ber  Sünbe  auf  iebe 
mad)e  fie  fterblicrj:  fo  läge  bodj  barin,  ba%  ba$  ganje  ur* 
fprünglid)e  Sßerf  ®otte§  burdj  bk  Sünbe  serftört  fei,  unb 
ein  anbere^  an  bie  ©teile  getreten.  Satjer  mir  aud)  bk 
Teilung  bon  ber  &anb  meifen  muffen,  meiere  Einige  an- 
nehmen motten,  ba|  nämlich  amar  alle  Seelen  burdj  bk 
Sünbe  fterbiict)  merben  unb  im  £obe  mit  bem  2tiht  unter* 
geben ,  bk  (gläubigen  aber  etljtelten  burdj)  bk  ßeben^gemein* 
fd)aft  mit  ßbrtfto  Slntbeil  an  ber  Unfterblidrfeit  unb  brängen 
mit  iljm  burdj  ben  £ob  tunburef)  in§  &eben.  2)enn  entmeber 
gebt  bkä  auf  eine  bem  (Steift  nactj  manicrjäifdje  Sßorau§feaung 
aurülf,  bafj  nämlich  bieienigen,  meldbe  md)t  §ur  £eben£ge* 
meinfdjaft  mit  ©Ijrifto  gelangen,  aud)  fefcon  überhaupt  ntctjt 
tonnten  unfterbltcb  merben;  ober  menn  bk  anbern  iljnen  ber 


3>er  ^rijilidje  GUaube.  3meiter  £f)eil. 


9?atur  nacb  gleidj  ftnb,  fo  müfete  burdj  btc  Söiebergeburt  aueb 
bie  9?atur  eine  gans  unb  gar  anbere  geworben  fein.  ©0 
blei6t  alfo  nictjtg  anbereS  übrig,  al§  bafj,  menn  mir  bie  2lu§* 
brüffe  be£  (£rlöfer§  über  feine  einige  nerfönlicbe  Sortbauer, 
fo  mie  e§  feine  jünger  unläug&ar  ttmten,  mit  ju  feiner  öofc 
femininen  SSabrbeit  redmen,  bann  aud)  alle  bom  menfcblidjen 
GJeicbledjt  biefe  gortbauer  ju  erwarten  baben.  Slucb  fo  aber 
bleibt  ber@rlöjer  aüerbingS  ber  Vermittler  ber  Unfterblidtfett, 
nnr  nid)t  für  biejenigen  allein,  bie  t;ter  fdjon  an  ibn  gläubig 
.  toerben,  fonbern  für  Sitte  oljne  SluSnabme.  %n  bem  ©inn 
nämlid),  bafj  menn  ber  menfcblidjen  9tatur  nidjt  bie  perfön* 
liebe  Unfterblicbf  eit  auf  ante,  alSbann  aueb  eine  Vereinigung 
be§  göttlichen  SßefenS  mit  ber  menfdjlidjen  9catur  su  einer 
folgen  $erfönlicbfeit,  mie  bie  be3  ©riöferS  niebt  mögtieb  ge* 
mefen  märe;  unb  umgefebrt  bafj,  meil  ®ott  bef Stoffen  r)atte 
bureb  folebe  Vereinigung  bie  menfcblicbe  9catur  au  ootlenben, 
unb  m  erlöfen,  begbalb  aueb  fetjon  immer  bie  menfcblicben 
(Ätn^elmefen  biefelbe  llnfterblicbfett  an  ftdj  tragen  mufjten, 
beren  ber  (Srlöfer  fieb  bemufjt  mar.  $)ie3  ift  bie  toa&re 
ebrifttiebe  ©icberbeit  biefe§  ®Iaubeng;  iebe  anbere  ©emäbr^ 
leiftung  bafür,  menn  fie  aueb  anfebaulieber  märe,  al§  fidb  nacb 
ben  bi^berigen  Verfugen  ermarten  läfjt,  bliebe  boeb  bem 
(£briften  alä  folgern  fremb,  bis  etma  biefer  ©laube  ju  ben= 
jenigen  VorfteEungen  geboren  mirb,  melcbe  bie  öoafommene 
allgemeine  menfcblicbe  Ueberjeugung  conftituiren. 

3.  SDiefer  ®laube  nun  ift  §mar  natürlicbermetfe  oon  einem 
SBeftreben  begleitet,  über  ben  Buftanb  ber  $er|önlicbf*eit  nad> 
bem  £obe  eine  anfdjaultc&e  VorfteUung  au  bilben  unb  feftgui 
balten,  allein  mir  fönnen  burd)au§  feinen  Slnfprucb  barauf 
macben,  ba§  un§  bie§  bi§  auf  einen  gemiffen  SJSunfi  gelingen 
tuerbe.  3)emt  bie  grage  über  bie  Vebingungen  jene§  $)afein£, 
beren  ®enntnife  boeb  ieber  anfebaulieben  Vorftellung  3um 
®mnbe  liegen  mufete,  ift  eine  rein  foSmoIogifdje,  unb  «Raum 
unb  Üiäumlicb feiten  ftnb  fo  nabe  oermanbt  mit  Seit  unb 
Stunbe,  bafj  fie  aueb  eben  fo  außer  bem  ®ebiet  ber  dJliU 
tbeilungen  liegen,  bie  ber  ©rlöfer  un§  au  macben  batte.  2)a= 
ber  ftnb  aueb  feine  Slnbeutungen  alle1  tbeüg  rein  bilblicb, 
tbeil§  fo  unbeftimmt  in  Veaug  auf  aHe§  übrige  gebalten,  bafj 
aueb  nicbtS  meitereS  barau§  gu  entnehmen  ift,  als  mag  für 
iebeu  C£briften  in  ieber  Vorstellung  Oon  einem  Suftanbe  nad) 

1  Sie  «u§fprü<$e  toeld&e  ig  $ier  meine  flnb  aübdannt,  unb  au  äaBl= 
rei£^  um  fie  einjeln  anaufü&rett. 


3toetter  Sttfdjmtt.  SSon  ber  ©eföaffenljeii  ber  SSelt  :c  399 


bem  Sobe  fo  febr  ba§  mefentlicfje  tft,  bafc  fte  f^m  obne  biefe§ 
nur  eine  SBerbammnife  fein  fönnte,  nämlicb  bie  gortbauer  ber 
Sßerbinbung  ber  (gläubigen  mit  bem  ©riöfer.  (£ben  fo  tft, 
ma§  bie  5lüoftel  barüber  fagen,  nur  al§  5I^nbung  unb  mit 
bem  ($5eftänbnife  eine§  9iftangel§  an  beftimmter  (Erfenntnifj 
au§gefprocben.  ®o  mabr  e§  alfo  aud)  fein  mag,  bafe  jeber 
9lugenbüff  unfere§  gegenmärtigen  Seben§  al§  foldjer  um  befta 
bottfommner  ift  unb  befonnener,  je  Oottftänbiger  unb  flarer 
iljm  Vergangenheit  unb  Bufimft  eingebi(bet  finb:  fo  bürfen 
mir  un§  nidjt  barauf  einrichten,  unfere  groeff  begriffe  irgenb 
burdj  Sßergegenmärtigung  ber  fünftigen  Seben§form  beftimmen 
5U  motten.  SSol  aber  muffen  mir  un§  büten,  nidjt  folgen 
Verfugen  bie^u,  bie  au§  bem  ^ntereffe  be§  finnlid&en  8elbft* 
bemufjtfein§  an  ber  gortbauer  ber  Sßerfönltdjfeit  berrübren, 
unb  mithin,  menn  audj  ebler  al3  bie  jübif^en  unb  mo^ame* 
banifcben,  bodj  immer  audj  ftnnlidj  ftnb,  al§  ob  fie  au§ 
unferm  tfjrtftüdjen  (glauben  entftanben  mären,  einen  (Sinffafc 
einzuräumen,  ber  nur  ju  leicht  bem  c&riftlidjen  (Stauben  unb 
Seben  nacrjtt)eiltö  merben,  unb  un§  alfo  bie  (SJegenmart  ber= 
berben  fann.  2)al)er  merben  mir  e§,  roa§  bie  Sßorftettung 
öom  fünftigen  ßeben  betrifft,  borneljmlicb  mit  einer  borforg* 
liefen  Prüfung  ber  bon  Zubern  aufgeftettten  Säje  unb  ber 
berrfdjenb  gemorbenen  Meinung  gu  tbun  baben. 

§.  159.  2)ie  £öfung  beiber  Aufgaben,  bie  Äirdje  in 
ifyrer  VoHenbung  unb  ben  3^ftanb  ber  Seelen  im  fünftigen 
Seben  barsuftellen,  nrirb  fcerfudjt  in  ben  ürd)lid?en  Sefyren 
toon  i>tn  legten  fingen,  benen  jebodj  ber  gleiche 
SBertfy  tote  ben  btäfyer  befyanbelten  ßel)ren  nt$t  fann  bei* 
gelegt  merben. 

1.  $)er  beutfdje  2lu§bruft\  ber  aber  stemlicf)  allgemein 
angenommen  ift,  l)at  etma§  befrembenbe§,  ma§  ftdj  in  bem 
SBorte  ©fdjatologie  mebr  berbtrgt,  inbem  ber  2lu§bruff 
2)inge  un§  ganj  au§  bem  (gebiet  be§  inneren  SebenS,  mit 
bem  mir  e§>  bodj  allein  su  tbun  baben,  binau§aufübren  broljt; 
unb  e§  liegt  aueb  barin  atterbtng§  ein  Beicrjen,  bafj  fjier  m- 
gteid)  etma§  angeftrebt  mirb,  ma§  bureb  mirflidje  Glaubens* 
fäje  in  unferm  (Sinne  be§  2Borte§  ntcrjt  föunte  erreicht  merben. 
(Skmetn  baben  beibe  5lu§brüffe  biefe§,  bafj  menn  ber  Slnfang 
einer  ganz  neuen  unb  emig  mäbrenben  geiftigen  SebemBform 
al§  ba$  lejte  bon  unferm  ©tanbpunft  au§  bargeftellt  mirb, 


400  3)er  djriftltdje  ©laube.  3toeiter  3#eit. 

jene  unenblicfje  2£ät)rung  alSbann  nur  al§  baS  Gnbe  ber  im 
Sßergleid)  mit  berfelben  faft  berfdjminbenben  geitlidjfeit  er- 
fdjeint.  $)ie§  lä&t  ftcft  nur  burd)  bie  Slnmenbung  be§  $er= 
geltung§begriffe§  rechtfertigen,  roeldjer  bafjer  aud)  bommirt. 
SBogegen  roenn  man  biefelbe  unenbltdje  Sßäfjrung  al§  bie 
meitere  Gnttmiffwng  be§  fjier  begonnenen  neuen  £eben§  be= 
trautet,  alSbann  bie  furse  Beitltdifeit  nur  al§  ber  borbereitenbc 
unb  einleitenbe  Anfang  t)on  ifjr  erfdjemt.  ^ene  ben  SSer= 
geltungSbegriff  bor  ftd)  Ijertragenbe  $8etradjtung§meife  ftügt 
ftd)  oorneljmlidj  auf  bie  ©teilen,  in  benen  (£fjriftu§  ftd)  als 
benjenigen  barftellt,  bem  ba§  ®erid)t  übertragen  fei;  biefe  auf 
bem  (£ntnnfftung§begriff  beruljenbe  hingegen  auf  bie,  roorin 
er  fagt,  ba%  er  gekommen  fei  feiig  &u  machen.  Uniäugbar 
ift  biefe  lejte  Söetrad)tung§roeife  in  genauerem  Bufammenljang 
mit  ber  2lf)nbung  ber  perfönlidjen  gortbauer,  mie  fte  in  bem 
(Selbftbemu&tfein  be§  ©Triften  fann  nad)gemiefen  merben; 
mogegen  bie  erftere  met)r  ber  SBorftellung  bon  ber  SSottenbung 
ber  ®ir<$e  entfbridjjt,  meldte,  um  ftd)  an  irgenb  einen  $unft 
unfereS  iejigen  ©efammttebenS  ansufdjliefien,  eine  2lu§f$eibung 
aüe§  beffen  ma§  SSelt  ift  audj  au§  bem  äußeren  Bufammen- 
Jjang  mit  ber  ®ird)e  forbert.  Unb  fo  gepren  bie  Se^rfäge 
öon  ben  legten  fingen  biefen  beiben  Aufgaben  gemeinfc&afts 
litf)  an;  benn  jeber  bejieljt  ftd)  auf  beibe.  SSottten  mir  un§ 
eine  d)riftli$e  SBorftettung  machen  bon  einem  ßuftanbe  nad) 
biefem  Sieben,  fie  entfprädje  aber  ni<$t  sugleid)  ber  bon  bem 
noEenbeten  3uftanb  ber  SKrdje:  fo  mürben  mir  nid)t  glauben 
können,  mit  biefer  ba§>  le^te  gefagt  ju  fjaben,  fonbern  annehmen 
muffen,  bafj  nod)  eine  ©ntmifflung  beborftelje,  meiere  bie 
®ird)e  öottenbe.  Unb  umgefeljrt,  bähten  mir  bit  $otfenbung 
ber  SHrdje  nod)  in  bem  gegenwärtigen  Verlauf  ber  menfdj- 
liefen  SDinge  eintretenb :  f o  müfeten  mir  für  ben  Buftanb  naci} 
bem  £obe  nod)  irgenb  etroaS  Innsubenfen,  um  iljm  einen 
eigentümlichen  (Mmtt  au  geben ;  aber  baju  tonnte  au§  unferm 
cfcriftlicfcen  ©elbftbemufjtfeiu  ber  (Stoff  rttcrjt  genommen  merben, 
benn  in  biefem  liegt  nidjt§  anbereS.  ®arum  lag  e3  in  ber 
Sftatur  ber  ©adje  beibe  Momente  fo  aufammensusieljen,  bie 
Sßotfenbung  ber  ®ird)e,  bk  mir  un§  in  biefem  Seben  bod) 
nid)t  al§  möglich  benfen  tonnen,  in  jene§  berlegt,  roeldjeS 
mir  un§  bod)  ben!en  muffen,  unb  bie  $orftettung  bon  jenem 
Seben,  mie  bie  ®emeinfd)aft  mit  (£l)rifto  bod)  bie  (Skunblage 
berfel6en  ift,  aufgefüllt  bitrct)  ben  ooHenbeten  3uftanb  ber 
®ird)e,  bamit  bie  neue  Seben§form  ftd)  auf  eine  entfdjeibenbe 
Söeife  über  bie  jejige  ergebe.  —  Mein  mir  ftnb  bennod)  nidjt 


ßtoelter  Stöfönitt.  »on  ber  SBefd^affen^eit  ber  Sßelt  jc  401 

im  (Stanbe,  ba§  Bufantmentreffen  beiber  Momente  baraufteilen 
ober  <$eroäl)r  bafür  ju  leiften.  2)enn  fotC  bie  öottenbete 
®irdje  bocf)  ntd)t  nacb  Sinologie  ber  ftrettenbengebacbtmerben: 
fo  miffen  mir  aucb  ntcbt,  ob  mir  ein  ineinanbergretfenbeS 
gufammenleben  unb  SSirfen,  rooöon  fein  eigentlicher  Bmefr" 
oorltegt,  in  jene§  Seben  bineinbenfen  f  ollen.  SBotten  mir 
un§  hingegen  ba%  fünfttge  Seben  nacb  ber  Analogie  mit  bem 
tejigen  al§  eine  fteigenbe  Gmtmifflung  beuten:  fo  muffen  mir 
bod)  jmeifein,  ob  in  ber  Oottenbeten  ®irdje  nodj  eine  foldje 
möglich  ift.  Unb  fo  fdjeint  bie  Söfung  beiber  Aufgaben 
nirgenb  genon  äufammensutreffen.  £)affelbe  begegnet  un§, 
menn  mir  un§  an  bie  2lnbeutungen  ber  @djrtft  galten.  £>ier 
finbet  ftcr>  manä)e§,  roa§  als  ©arfteHung  ber  tioHenbeten  ®ircbe 
gefagt  ift,  aber  niäjt  fo,  bafj  mir  gemifj  behaupten  !önnten, 
e§  foUe  erft  nadj  bem  (£nbe  aller  irbifdjen  2)inge  gefegt  lein,1 
meSmegen  audj  oon  SllterS  ber  Oiele  Triften  eine  oottenbete 
3Hrcbe  noc^  tjier  auf  (Srben  ertoartet  baben.  Slnbere§  biegen  foU 
mebr  ba§  2tbtn  nadj  bem  £obe  barfteEen ; 2  aber  ob  e§  aucb 
«ine  $)arftettung  ber  ooßenbeten  SKrcbe  fei,  tonnte  man  be* 
gmeifeln. 

2.  2)aljer  nun  fönnen  mir  auf  feine  Söeife  ben  folgenben 
©äsen,  meldje  bon  ben  legten  fingen  banbeln,  benfelben 
Söertlj  mie  unfern  bi§berigen  2ebrfä§en  beilegen.  £)a§  ift 
atterbing§  nicbt  %u  läugnen,  bafj  inbem  mir  un§  unfere§ 
geiftigen  Seben§  al§  mitgeteilter  SSoHfommenbeit  unb  (Selig* 
feit  (£ljriftt  bemufet  ftnb,  barin  fdjon  biefe§  liegt,  ba%  ba§ 
oollfommene  überall  allein  baZ  urforünglid}  mabre  fei,  ba§ 
unöollfommene  aber  nur  burcb  iene§,  unb  biz$  ift  sugletcb 
ber  glaube  an  bk  Realität  ber  öollenbeten  ®irdje,  aber 
nur  al§  mirffame  treibenbe  ®raft  in  un3,  meiere  in  allen  bxt 
$ird)e  förbernben  SebenSmomenten  ba§  eigentltcb  banbelnbe 
ift.  2lber  mit  9luffjebung  be§  unferm  ©elbftbemufjtfein  un* 
oertilgbar  mitgegebenen  Unterfcbiebe§  amifeben  bem  innem 
5J5rirtctp  unb  ber  äußeren  (Sn'djetnung,  biefe§  mirffame  $rincip 
sugleid?  al§  ein  immer  boeb  irgenbmie  räumlicb  unb  seitlicb 
erfcbeinenbe§  Mein  ju  benfen,  ba$  ift  niebt  eben  fo  be* 
grünbet.  Stuf  gleite  SBeife  liegt  fdmn  in  ber  (SJleicfyeäung 
aller  menfcblic&en  ©mselmefen  mit  ©brifto,  bafc  bie  allgemeine 
Slbnung  Oon  ber  Unöergänglicbfett  be§  ®eifte§  aueb  in  ber 
gorm  be§  (SinselroefenS  bem  ©briften  jur  $emifjtjett  mirb; 


1  5o$.  5,  54—58.  STp.  ®efö.  1,  6.  7.  <£p^ef.  4 

2  1  5£or.  15,  23  flgb.  ^il.  3,  21. 
64I..®6tiW.0W.n 


402  ®er  $riftltd)e  ©lau&e.  Stoeiter  Sljeü. 

ollein  eine  2Irt  unb  SSeife  biete  Sottbauer  ooräuftetfen  ift 
bartn  fetne§mege§  aucb  enthalten.  SBieimebr  Vermögen  mir 
fte  eben  fo  menig  in  ber  gorm  ber  in§  unenblidje  fort* 
gebenben  ©nttuif  ftung ,  at§  in  ber  einer  ftdj  felbft  gleich 
bteibenben  SBottenbung  mirflicb  p  Oottsieben,  inbem  unfere 
ftnnltdje  (SinbübungSfraft  baju  rtictjt  t)inreict)t.  SBoüten  h)ir 
hingegen  biefe  ©äse,  abgefeben  oon  Üjrer  öueHe  in  unferm 
©eibftbemufjtfein,  al§  foldje  bebanbeln,  melcbe  mir  auf  ba£ 
5lnlebn  ber  ©cbrift  annehmen:  fo  fönnen  fte  aucb  bier  nicbt 
mit  ber  Scbre  oon  ber  Sluferftebung  (£brtfti  oergticben  merben, 
mobei  e§  ftdj  um  2lu§fagen  ber  jünger  über  eine  in  ber  ge* 
naueften  SSegiebung  auf  üjren  SBeruf  ftebenbe  Sbatfacbe  banbelt. 
$)enn  freilieft  menn  mir  geugniffe  Ratten,  morau§  ftcb  auf 
eine  foldje  Söeife,  baf$  mir  e§  in  un§  nadjbilben  tonnten,  er* 
[eben  liefje,  mie  (SbrtftuS  beibe  $orftettungen  in  ftcb  au§* 
gebilbet  gehabt:  fo  mürben  mir  mit  OoEfommner  guberftcrjt 
un§  fein  ©elbftbemufetfetn  anzueignen  fudjen,  menn  mir  iijm 
aucb  auf  biefem  ©ebiet  nur  ein  oottfommen  entmiffelte§  unb 
oon  allem  in  ber  ©ünbe  begrünbeten  (Scbmanfen  gelöfteä 
menfcblicbe§  2lbnbung3öermögen  auftreiben  mottten.  Mein 
eine  folctje  Ableitung  biefer  ©äse  bitttt  ftcb  ebenfalls  rttctjt 
bar.  ®enn  mir  finben  nirgenb  eine  sufammenbängenbe  un* 
gmeibeutige  Q3ebanbtung  biefer  (Segenftänbe ,  melier  un* 
oerfennbar  bie  SIbftcbt  sunt  ©runbe  läge,  beftimmte  $8e* 
iebrungen  barüber  m  ertbeüen.  SSielmebr  tft  in  allen  einzelnen 
Steuerungen  tf)t\\%  ber  ©egenftanb  ftreitig,  t$eil§  Me 
Seicbnung  unbeftimmt  gebalten  unb  bie  Auslegung  auf  maneber* 
lei  SBeife  unftdjer.  £)aber  ift  un§  ntcbt£  übrig,  als  bafe  mir 
Diejenige  $orfteUung§metfe,  bk  ftcb  oon  jetjer  in  ber  ®irdje 
geltenb  gemacht  %at,  unb  ofm.e  eine  neue  £)urdjprüfung  audj 
in  unfere  Söefenntnifjfcbriften  übergegangen  ift,  nur  ai§  $er* 
fudje  eine§  nierjt  binreiebenb  unterftüsten  $fmbung§oermögen§ 
unter  bem  tarnen  proöbetifeber  ßebrftüffe  mit  ben 
®rünben  bafür  unb  ben  Söebenfiicbfeiten  bagegen  auffübren; 
inbem  mir  im  oorau§  befcormorten,  bafj  hd  etmanigen  neuen 
©eftaltungen  biefer  Sebren,  bie  gantafte  —  ber  boct)  aUe§ 
anbeim  fällt,  ma§  unferm  bermaligen  (£rfabrung§freife  fremb 
al§  ©egenftanb  einer  möglieben  fünft  igen  aufgefteUt  mirb  — 
um  eine  cbriftUcbe  su  bleiben  ftctj  unter  ben  Sduts  ber  2lu§* 
legungSfunft  fteUen  muffe,  unb  nur  ben  oon  biefer  bar^ 
gebotenen  «Stoff  su  Verarbeiten  babe,  obne  ftcb  einem  (Spiel 
ber  SßMUfübr  ober  öermeintiieben  neuen  Offenbarungen  ju. 
überlaffen. 


3»etter  Sttfänitt.  SSon  ber  ©ef$affenf)eit  ber  SEBelt  2C.  403 

3.  Unter  bieten  Umftänben  tft  aucb  an  eine  eigentliche 
(Sonftruction  biefer  ©äge  in  einem  gefcljloffenen  Bufammen* 
bang  ntdjt  §n  ben!en;  fonbern  mir  muffen  unS  begnügen,  in* 
bem  mir  ifjren  gnbalt  im  allgemeinen  als  befannt  borauS 
fesen,  burcb  bie  Sacbe  felbft  su  beroäbren,  bafj  eS  mit  ibnen 
feine  anbere  als  bie  nacbgeroiefene  SBemanbnifc  bat,  inbem 
überall  iene  beiben  fünfte,  berfönlicbe  gortbauer  unb  Sßott* 
enbung  ber  ®ircbe,  auf  einanber  belogen  in  einem  ftnnlidj 
auf^ufaffenben  55ilbe  bargeftettt  merben  motten.  $)arum  roirb 
3unä'ä)ft  bie  gortbauer  ber  ^erföntidjfeit  boräüglicb  als  2tuf- 
bebung  beS  £obeS  bargefteHt  unter  bem  33ilbe  ber  5tuf* 
erftebnng  beS  gletfcbeS.  3)te  SBolIenbung  ber  ®ircbe 
aber  mirb  auf  sttriefacbe  SSeife  bargefteHt  f  guerft  fofern  fte 
baburcf)  bebingt  tff,  bah  bon  Seiten  berer,  bie  nid)t  gur  ®ircbe 
geboren,  leine  (Sinflüffe  mebr  auf  bk  SHrcbe  möglief)  ftnb, 
mirb  fie  als  ©Reibung  ber  (gläubigen  bon  ben  Ungläubigen 
eingeleitet  burcb  baS  jung  fte  (Seridjt.  «Sofern  fte  aber  im 
©egenfa§  gegen  bie  ftreitenbe  ®ir$e  alle  SSirffamfeit  ber 
Sünbe  unb  alle  Unbollfommenfjeit  in  ben  (gläubigen  bößig 
ausliefst,  mirb  fte  bargefteHt  als  Me  eroige  (Selig feit. 
$)a  aber  bie  gortbauer  ber  $erfönlicbfeit  unb  fo  aucb  bie 
Sluferftebung  beS  glctfdjeS  als  ftcf)  über  baS  gan^e  menfdjüdje 
(55efdjlecbt  erftreffenb  aufsufaffen  mar,  mitbin  audj  eine  5lrt 
§u  fein  ber  bon  ben  gläubigen  ausgetriebenen  aufgeteilt 
merben  nutzte:  fo  ftebt  —  ebenfalls  burcb  baS  jüngfte  @erict)t 
eingeleitet  —  ber  eroigen  Seligfeit  gegenüber  bie  eroige  23er* 
bammnifj  ber  Ungläubigen.  (ES  leuchtet  aber  bon  felbft  ein, 
ba%  roir  biefeS  SStlb  r  ba  ja  fein  (Segenftanb  unferer  fünftigen 
(5rf  abrang  baburcf  borgebilbet  roirb,  ntdjt  31t  einem  befonberen 
ßebrftüff  aufragen,  fonbern  eS  nur  oIS  ben  Debatten  ber 
Seligfeit  ober  als  bie  bunfle  Seite  beS  (SericbtS  bebanbeln 
fönnen.  ßu  (Einem  ftnnlicben  ©anjen  aber  sufammengefügt 
merben  biefe  einzelnen  93über  babureb,  bah  bie  neue  Sonn 
beS  ©afeinS  bebingt  roirb  burcb  bie  3Bieberfunft(£briftt, 
auf  ben  ia  aUeS  jurüffgefübrt  roerben  mufj,  maS  gur  $8oHenbung 
feines  SSerfeS  gebort,  ©aber  fdjeint  eS  am  natürlicbften  mit 
biefer  aUeS  anbere  einleitenben  SSieberfunft  (Sbrifii  $u  be* 
ginnen,  bamit  fieb  bon  biefer  auS  unb  in  SBe^ielmng  auf  fte 
baS  übrige  in  feiner  natürlichen  Solge  entroiffle. 


404  $er  djriftltöje  ©taube.  3toeiter  Xtjell. 

(Srfte§  fcropfjetifdjeS  Seljrftüff. 
S5oit  ber  SBteberfunft  Gfirtfrt. 
§.  160.  S)a  fcie  jünger  (S&rifti  bte  tröfttid)en  Set* 
t>if3ungen  feiner  Sßieberfefyr *  nicfyt  formten  bur$  bte 
S£age  feiner  2Iuferftet)ung  für  erfüllt  galten,  fo  erwarteten 
fie  biefe  Erfüllung  am  @nbe  ber  irbtfa^en  menfa^Udjen 
2)inge.2  2)a  fid)  nun  an  biefe<S  §ugleidj  bie  ©Reibung 
ber  ®uten  unb  23öfen  fnüpft:  fo  lehren  mir  eine  äßieber* 
fünft  (St)rtfti  jum  ©ertd?t 

Symb.  Roman,  ofrsv  EpysTat  xpivetv  ^wvxa;  xa\  vexpous. —  Symb. 
Nie.  xat  7uaXtv  lpyo[j.evov  p.sTa  80^5  xptvai  £wvtccs  xa\  ve/.pou? 
ou  xrj?  ßaatXeia?  oux  eaxat  teXo?.  —  ßebiglidj  auf  jene§  beliebt 
ftcb,  ba§  StugSb.  33 e f.  SCxt.  3.  SSiel  weiter  ausgeführt  Expos. 
simpl.  XI.  p.  28.  Ex  coelis  autem  idem  ille  redibit  in 
Judicium  etc.  —  Conf.  Belg.  XXXVII.  p.  196.  Credimus  .  . 
dominum  nostrum  J.  Chr.  a  coelo  corporaliter  et  visibiliter 
sicut  ascendit  magna  cum  gloria  et  majestate  venturum ,  ut 
se  vivorum  atque  mortuorum  declaret  iudicem. 

1.  5Iu§  ben  Sagen  ber  91uferfteljung  (Xbrifti  Ijaben  ttrir 
feinen  $8erid)t,  bat}  er  afmUdje  SSerheifjungen  mieber^olt 
Ijabe ; 8  bielmeljr  rebet  er  nur  t»on  feinem  @ingeJ)en  in  feine 
&errltct)feit  unb  oermeifet  feine  jünger  an  feine  geiftige 
(55egentoart.*  2)odj  tonnte  biefer  Umftanb  ben  Jüngern  fein 
SBebenfen  erregen,  tt>etd)e§  fie  oeranlatit  fyätte  jene  $er~ 
Ijeitiungen  fo  su  erflären,  al§  ob  fie  fdjon  erfüllt  wären; 
benn  fie  liefen  in  üjrem  Bufatnmentiang  su  beutüd)  auf  eine 
foldje  SSieberrunft  (£t)rifti  i)in,  bei  wetdjer  er  ftd)  allen 
Sftenfdjen  tunb  geben  mürbe.  ®e§ljatt>  waren  bie  jünger 
einer  beftimmten  biefe  Sieben  (Sljrifti  butf)ftäblidj  beuteuben 
SSerfidjerung,6  wiewol  fie  rfjnen  nidjt  in  (£t)rifti  tarnen 
gegeben  Warb,  fo  sugängtidj,  bati  fjemadj,  al§  bie  gerftörung 


1  9?ad)  2tbrecfinung  aller  gana  offenbar  paraboltfdjen  ©teilen  ftnben 
tolr  Dergleichen  2ftattb.  16,  27.  28.  24,  20  2c.  25,  31  :c.  2Karf.  13, 
26  jc     Suf.  21,  27.  28.     3ob.  14,  3.  18.  16,  16. 

8  2  ftor.  5,  1—10.  2  Sfcff.  1,  7—10.  2,  8.  2  £im.  4,  1. 
1  «ßerr.  4,  5—7.  13.     2  $etr.  3,  10  ic. 

"  S)enn  30b.  21,  22.  23.  tft  tool  bteau  niebt  beftimmt  genug. 
2Rattb.  28,  20.     Suf.  24,  26.     Sot).  20,  17. 

*  8p.  ®efcb.  1,  11. 


ätoeiter  gfifönltt.  Son  ber  ffefägffenfjeit  ber  SBelt  m.  405 

3erufalem§  eintrat,  bei  beren  beftimmter  $or§erfagung  (£l)riftu§ 
aud)  bon  [einer  Bufunft  geforocben  fyatte,  ntdjt  einmal  Me 
grage  nnter  ben  Triften  gefreut  werben  fonnte,  06  etma  alle 
biefe  Sfteben  ftd)  auf  jene  nid)t  buc^ftäbltc^  ju  berfreljenbe 
Bufunft  (E&rifri  besiegen  liefen.  £)aber  bat  ftdj  benn,  nadjbem 
afle§  djiliafrifdje  auSgefdjieben  morben,  febr  balb  bie  Meinung 
fefrgefreltt  unb  fafr  allgemein  geltenb  gemalt,  bie  SBieberfunft 
Sbrifri  merbe  mit  bem  ©nbe  be3  gegenmärtigen  Bufranbe§ 
ber  @rbe  sufammentreffen. 

2.    Setrac^tet  man  aber  bie  am  attgemeinften  r)ter)er  ge* 
äogenen  unb  frärffren  ©teilen  biefer  2lrt  genauer:  fo  finbet 
ftd)   tf)ä&t   bafj  fte  —  bie   eine  megen   ber  Beitangabe  bie 
anbern  megen  ber  übermiegenben  moralifdjen  Slnroenbung  — 
SSerbadfr   erregen,   ob  fte  aud)  bu#fräblidj  §u  nebmen  ftnb; 
tl)eil§  aucb,  ba|,  menn  man  aud)  bie  perfönlicbe  Ütüffebr  budj* 
fräblid)  nebmen  mitt ;  bodj  in  bemfelben  Bufammenfjang  biele§ 
anbere  borfommt,  ma§  auf  feine  SSeife  budjftäblidj  §u  nebmen 
ifr,  fo  bafj  bei  einer  folgen  Auslegung  alle  (ginrjeit  ber  fflebt 
öerloren  gebt,     (Seijen  mir    aber  bon    biefer  budjfräbltdjen 
Auslegung  ab:   fo  ijaben  mir  bann  feine  biblifd)e  ©eroäbr* 
leiftung  meljr  bafür,  bafj  bie  SBieberöereinigung  ber  ©laubigen 
mit  (Sfjrifto  —  mel^e  ber  mefentlidje  %xi§alt  unfere§  ©laubenS 
an  perfönlidje  gortbauer  ift  —  bon  einer  foldjen  berfönlid)en 
Söieberfunft  (£brifri  abfjängt,  tote  benn  anberroä'rtg  (£r  felbft 
oon  jener  rebet,  oljne  biefer  §u  ermähnen;1  biel  meniger  nod> 
bafür,    bafj  mit  beiben  eine  foldje  borgängige     allgemeine 
©Reibung  ber  ©uten  unb  Sööfen  berbunben  fei,   nne  benn 
audj  $aulu§2  biefe  gan§  übergeljt,  unb  bafj  biefe§  burdj  ein. 
befrimmte§  SSiebereridj  einen  (£brifti  benrirfte  ©retgnifj  sugleidj 
bie  SBeenbigung  unferer  gegenm  artigen  SebenSform  mit  ftd) 
bringen  merbe.     ©onad)  fällt  alte§,   ma§  ftdj  äu  einem  be* 
ftimmten  Silbe  geftalten  mill,  auSeinanber,  unb  e§  bleibt  al§ 
mefentüdjer  ©eljalt  unfere§  <5aäe§,  inbem  mir  ber  leiblichen 
©egenmart  (Sbrifri  feine  fräftige  2öirf[amfeit  fubftituiren,  ba% 
ba  bie  SSottenbung  ber  SHrdje  al§  aufboren  ir}re§  fdjmanfenben 
SBerbenS  unb  3Sad)fen§  nur  burdj  einen  (Sprung  möglidj  ifi, 
unb  nur  unter  ber  Sßebingung,   bafj  bie  ©rseugung  aufhöre 
unb  ba§  Bufammenfein  ber  ©uten  unb  Sööfen  aufhöre,  biefer 
Sprung  burdjau§  nur  bürfe   angefeljen   merben  alB  ein  Slct 


1  30^.  17,24. 

*  1  flor.  15,  20.  flgb.     1  ^cff.4,  14.  ffßb. 


406  $er  d&riftlidje  ©raube.  3»eiter  Xf)ell. 

ber  fönifllic^en  (bemalt  ßbrifti.  Unb  biefe§  liegt  gewifj  tief 
im  c$rtftlt$en  glauben,  fo  bafj,  Wenn  e§  ftcf»  aud)  ntcbt  in 
iebem  oon  felbft  jum  bestimmten  ®ebanfen  entmiffett,  ftcb 
bod)  geber  angebrochen  finbet,  fobalb  e§  itjm  gegeben  wirb. 
£)emt  ift  in  ©brifto  ba§  göttliche  SSefen  mit  ber  menfd)lid)en 
sftatur  bleibenb  Bereinigt:  fo  fann  audj  btefe  9?atur  nict)t  an 
(Sinem  Söeltförfcer  fo  fdjoftenfeft  [ein,  hak  fte  in  feinen  nadj 
foSmifc&en  ©efesen  erfolgenben  Untergang  mit  oerwiffelt  fein 
müfjte;  fonbern  atfe§,  roa§  fte  betrifft,  mufe  im  guiammenfjang 
mit  biefer  Bereinigung,  gebaut  unb  sugteidj  al§  eine  Xfyat 
berfelben  angefetjen  werben  fönnen.  —  <So  gebt  benn  in 
biefem  Sebrftüff  aUe§  Sßübltdje,  ma§  aber  fdjwanfenb  bleiben 
mufj,  oon  bem  ^ntereffe  ber  perfönüdjen  gortbauer  au§,  Wa§ 
hingegen  fieser  aufgehellt  werben  fann,  besiebt  ftdj  auf  bie 
SSolIenbung  ber  ®irdje. 

3weite§  protfbetif  die§  Setjrftüff. 

fSon  ber  Sbsferfteljttttg  be§  $leiftf|c§. 

§.  161.  ©&rtfiu3  l)at  nid)t  nur  bie  unter  feinem  SBolf 
tyerrfcfyenbe  SBorftellung  t>on  Stuferfte^ung  ber  lobten 
fbeils  in  bilblidjen  bitten,1  ttyetlS  and)  le^renb2  fano 
tionirt,  fonbern  er  fd)retbt  aud)  in  feinen  $tebtn  jt<§  felbft 
biefe  Stuferroeffung  ju;  unb  nur  bie3  ift  eine  wiewol 
ganj  natürliche  unb  au<3  fcerwanbten  Sieben  fyer* 
genommene  wettere  2Iu3bilbung  biefer  feiner  Seljre,  ba$ 
bie  allgemeine  Xobtenerweffung  btn  gewöhnlichen  gort* 
gang  be3  menfd)lid)en  @rbenleben§  auf  eine  ptö§ltd^e 
Sßeife  unterbricht.3 

1.  SSir  ftnb  un§  fo  allgemein  be§  3ufammenbange§  aller 
audj  unfrer  innerlicbften  unb  tiefften  (55eifte§tljcltigfeiten  mit 
ben  leiblichen  bewußt,  bofj  wir  bie  Sßorftefluna  eine§  enblidjen 
geiftigen  ©insellebenS  obne  bie  eine§  organi:<§:n  2eibe§  nierjt 
wirflieb  oottäieben  fönnen;  ja  wir  benfen  bm  ®etft  nur  al§ 
(Seele,  wenn  im  Seibe,  fo  ba%  Don  einer  Unfterblidtfeit  ber 
©eele  im  eigenttjümlicben  (Sinn  gar  nidjt  bit  Sftebe  fein  fann 


1  3Kattq.  25,  31.  fab.     3o$.  5,  28.  29.     6,  40.  54. 

a  9ttattf).22,  30—32. 

8  1  ffor.  15,  51.  52.     1  £ficff.  4,  13—18. 


Stoetter  8tbfönltt.  SSoit  Der  äBefäaffenfjett  ber  SSelt  k.  407 

oljne  leibliches  ßeben.  SSie  alfo  bie  SSirffamfeit  beS  (55eifte3 
als  beftimmte  Seele  im  Stöbe  aufbort  ä"Qleic^  mit  bem  leib* 
liefen  ßeben:  fo  fann  fie  au<$  nur  nneberbegmnen  mit  bem 
leiblichen  Seben.  Dljnftreitig  aber  liegt  in  ber  SBorftellung 
Don  ber  21uferftet)ung  beS  ^lei[d)e§  nod)  etroaS  mel)r,  nämlich 
eine  foldje  Selbigfeit  beS  ßebenS,  ba§  baS  ßeben  na<$  ber 
Sluferftetmng  unb  baS  oor  bem  £obe  eine  unb  biefelbe  $er* 
fönlidjfeit  conftituiren ;  unb  bieS  geborte  namentlich  aueb  su 
ber  jtübifdjen  Sßorftettung  beS  ©egenftanbeS.1  Offenbar  bauert 
audj  bie  Seele  als  Einselmefen  für  fiel)  felbft  nur  fort  in  ber 
Stetigfett  beS  SBemufjtfeinS,  meldte  mieberum  unS  als  bebingt 
erferjeint  buret)  bie  Erinnerung,  bio.  it)rerfett§  eben  fo  fetjr  als 
irgenb  eine  anbere  ÖteifteStljättgfeit  an  baS  leibliche  gebunben 
ift,  fo  bafj  mir  unS  niegt  öorfietfen  tonnen,  roie  unter  ootf* 
fommen  anbeten  leiblichen  SSerfjältniffen  eiue  folctje  einigenbe 
Erinnerung  fiel)  einfteüen  fönnte,  oljne  roeldje  bod)  bie  Seele 
für  ftdj  felbft  niäjt  biefelbe  märe.  Mein  biefe  gorberung. 
ferjemt  miebet  gu  bem  surüffsufüljren,  maS  mir  oben  frfjon 
geläugnet  Ijaben,  nämlich  baS  ®ebunbenfein  beS  menf^lic^en 
<$5eifteS  an  bie  Erbfcootfe.  Senn  einesteils  ift  jebe  Organa 
fation  5ugleict)  ein  Erseugnifc  beS  SßeltförperS  bet  fie  trägt, 
unb  öon  feiner  3lrt  unb  Statut  abhängig,  bat) er  bie  Sletmltcfc 
feit  beS  fünftigen  ßeibeS  mit  bem  iejigen  au$  eine  Sletmlicfc* 
feit  beiber  Sßelten  oorauSfesen  mürbe,  anberntljeilS  ift  audj 
bie  Erinnerung  oermöge  iljrer  organifc^en  «Seite  oon  bet 
SBerroanbtfdjaft  ber  Einbrüffe  abhängig,  rote  benn  audj  im 
gegenwärtigen  ßeben  bit  Erinnerung  an  einen  beftimmten 
Beitraum  feljr  erbleicht,  roemt  bie  gan§e  Scene  ftdj  geänbert 
Jiai  Stimmt  man  nod)  ^)insu,  bah  je  gröfjer  bie  ^orsüglicfc 
feit  ieneS  ßebenS  ift,  um  befto  meniger  aud)  ein  beftimmter 
Sßtlle  jener  Etinnetung  §u  £ülfe  fommen  fönnte:  fo  mufc 
rool  äugegeben  metben,  ba%  je  meljr  bie  Seele  audj  für  ftdj 
lelbft  folle  biefelbe  bleiben,  um  befto  meljr  muffe  baS  funftige 
ßeben  eine  reine  leidjt  anfnüpfenbe  gortfejung  beS  gegen* 
märtigen  fein;  mobei  aber  ber  anbre  SluSgangSpunft  aller 
biefer  SSorftettungen  nämlid)  bie  SSottenbung  ber  SHrc&e  ju 
fürs  fommt,  als  meiere  in  einem  folgen  ßeben  ntdjt  möglich 
märe.  £)at)er  nötigt  baS  ledere  ^ntereffe  unS,  bamit  mit 
unS  oon  ienem  Extrem  entfernen,  bh  21efjnlid)feit  sroifd)en 
ber  fünftigen  ßeiblidjfeit  unb  ber  gegenmärtigen  mieber  meljr 
au  befdjränfen;  unb  hierin  §aben  bte  Söefttmmungen  tfjren 


1  2uf.20,  28—33. 


408  $er  d&riftlüSe  ©taube.  3toeiter  S^eK. 

®runb,  ba%  ber  £eib  ber  5luferftebung  unfterblidj  fei1  unb 
oljne  (McblecbtSoerricbtung.2  $)urcb  bie  erfte  Söeftimmung, 
meiere  fdjon  eine  ganj  anbete  SBefdjaffenljeit  ber  Söelt  borau§* 
fest,  roirb  baä  ^ntereffe  an  ber  leiblichen  «Selbfterbaltung  au§ 
bem  Sßege  geräumt,  roelcbe§  mir  al§  einen  fo  erfolgreichen 
®etm  be§  (Streitet  smifdjjen  gleifcb  unb  ®etft  erfahren ;  bureb 
bie  anbere  roirb  aufjerbem  bk  Sßermifdjung  ber  boUenbeten 
®irdje  mit  neuen  bureb  bie  Ergänsung  entftebenben  (Seelen 
bereutet,  inbem  mir  un§  bie  lejteren  nidjt  obne  eine  ber  (£nt* 
mifflung  be§  ($eifte§  boranfebreitenbe  Sftaturgeroalt,  mithin 
nicf)t  obne  <Sünbt)afttgfett  benfen  fönnen.  5lUein  bureb  beibe§ 
leibet  offenbar  mieber  bie  ©elbigfeit  ber  (Seele  unb  bk 
(Stetigfeit  be§  SöeroufctfeinS.  $)enn  ber  unfterblidje  Setb  mufe 
audj  in  jebem  Moment  unb  ieber  Function  fidj  anber3  er* 
roeifen  al§  ber  fterblicbe;  unb  bk  Seele  fann  bann  audj  um 
fo  weniger  ben  Slntbeil,  ben  ber  fterblidje  Seib  an  ber  Söübung 
unfereS  iejigen  $8erouf$tfein§  $attz,  in  ftcb  aufnehmen  unb  al§ 
Erinnerung  fefttjaiten.  Unb  roa§  ba$  anbere  betrifft,  fo  fönnen 
mir  un§  auf  ber  einen  (Seite  ntebt  borftetten,  bafc  menn  bie 
®efcbledjt§berricbtung  aufhört,  boeb  ba%  organifebe  (Softem, 
morauf  fte  beruht,  beibehalten  bliebe;  auf  ber  anbern  (Seite 
nidjt,  bafj  eine  männliche  (Seele  unb  eine  roeiblicbe  nietjt  füllten 
al§  foldje  berfdjieben  fein;  baber  benn,  menn  megen  ber* 
änberter  Drganifation  jebe  (Seele  aufhörte  eine§  bon  beiben 
ju  fein,  audj  feine  mebr  bief eibige  märe.  £>ier  leuchtet  alfo 
ein,  ba%  allerbing§  tdbz  Slu§gang§punfte  in  unferer  Sebre 
beruf fftebtigt  morben  finb,  bafj  aber  heibe  in  ibren 
gorberungen  nidjt  sufammentreffen;  inbem  bie  Sluferftebung 
be§  gleifdjeS  anber§  gebaut  werben  mufj,  menn  ba$  ^nbibi* 
buum  botffommen  baffelbe  bleiben  foU,  unb  anber§,  menn  fie 
ftdj  inSgejammt  in  ber  bollenbeten  ®irdje  befinben  f  ollen. 
SDaljer  bereinigen  ftdj  bie  einseinen  Elemente  nidjt  au  einer 
anfdjauüdj  bottsiebbaren  SSorftellung,  fonbern  biefe  leibet  an 
ber  Unb  eftimm  tb  eit ,  roeldje  ben  eigentbümlidjen  aud)  bem 
tarnen,  ben  mir  iljnen  beigelegt,  angemeffenen  (Sbarafter 
biefer  Sebrftüffe  bilbet. 

2.  $)ie  gleicbjeitige  gemeinfame  Sluferftebung  5111er  fest 
toorau§,  bafj  bie  Sluferftebenben  ftcb  feit  iljrem  £obe  in  einem 
anberen  Buftanbe  befunben  baben,  al§  in  roeldjen  fie  burd) 
bie  Sluferftebung  eintreten    auf  melier  SBorauSfejung  nun 


1  1  ftor.  15,  42.  *  2Ratt$.  22,  30. 


Stoeitcr  2tbfc&nltr.  SSon  ber  93efd)affenljeit  ber  SSelt  :c.  409 

audj  bie  ^Realität  ber  Sßorftelhmg  bom  jüngften  ®ericbt  be* 
rubt.  2luf  biefen  Btr-ifcbensuftanb ,  al§  ba§  sunäcbft  bebor* 
ftebenbe,  rietet  ficb  natürlich  ba%  ftnnticbe  Sntereffe  an  ber 
gortbauer  be3  (£tnseln)efen§  sunäcbft;  unb  e§  fragt  ftdj,  ob 
mir  auf  unferm  ©tanbbunft  eine  Siegel  baben,  um  foldje 
83ermcbe  ju  leiten  ober  eine  9^otf)tt>enbtgfett  fie  ju  beroacben. 
$)a§  erfte  fänbe  nur  ftatt,  menn  mir  in  ben  neuteftamentifcben 
©Triften  etma§  über  biefen  Buftanb  aufgeteilt  fänben;  allem 
bei  allem,  ma§  Berber  geregnet  werben  tonnte,1  ift  tbeil§ 
ber  lebrbafte  (£barafter  unentf  Rieben,  trjetlg  bie  5lu§Iegung 
ftreitig.  £)a§  le^te  märe  nötbig,  menn  in  benfelben  etma§ 
enthalten  fein  fönnte,  ma§  unferm  (^riftltctjen  ©elbftbemufjt* 
fein  entgegenftebt.  Sßun  fann  biefer  Buftanb  gebadet  merben 
auf  rein  negatiüe  SSeife  atö  ein  Slufgebörtbaben  ber  alten 
unb  üftodjnicbtangefangenbaben  ber  neuen  2eben§tbätigfeiten, 
metcbeS  bie  SBorftettung  bom  ©eelenfdjlgf  ift.  (SJegen  biefe 
fann  unfer  <^riftltct)e§  ©elbftberouftfem '  feinen  beftimmten 
©tnfprudj  einlegen;  menn  aber  baburdj  auf  ber  einen  ©eite 
alle  Triften  gleich gefteUt  merben,  inbem  für  bie  erften  ßmt* 
fcblafenen,  mie  für  bie  testen,  bie  gmifcbenseit  9httf  ift,  fo 
mirb  auf  ber  anbern  ©eite,  menn  ba$  ©rmadjen  ber  ©eete 
gleidjseitig  gebaut  merben  foH  mit  ber  ©ntftebung  be§  neuen 
Seibe§,  fcbmer  borsuftellen ,  mie  gleichzeitig  bie  ©rinnernng 
an  ben  früberen  guftanb  eingebilbet  unb  feftgeljalten  merben 
fönne.  ©oll  aber  ber  Bmifcbenauftanb  al§  ein  bemühter  ge* 
bacbt  merben:  fo  ift  allerbingS  bie  gorberung  unfere§  cbrift* 
lieben  ®lauben§  bie,  ba%  e§  niebt  ein  guftanb  je{n  fcarf  0^ne 
<5temeinfd)aft  mit  (£brifto;  benn  bann  märe  e§  ein  iperaug* 
fallen  au§  ber  (Smabe,  melcbe§  nur  al§  eine  ©träfe  fönnte 
angefeben  merben,  unb  un§  auf  eine  Sßorftettung  bräebte, 
melcbe  bie  ebangelifebe  ®ircbe  balb  üom  Anfang  ibrer  (£nt* 
ftebung  an  toermorfen  ^aV  SSitt  man  ficb  bingegen  für  biefe 
Bnnfcbenaett  aueb  jebon  eine  (Stemeinjcbaft  mit  (£brifto  benfen: 
fo  mufj  man  aud)  bie  2lebnlid)feit  mit  ben    attertbümlidjen 

1  Sut.  16,  22  fCgb.  23,  43.     l.tfeto.  3,  19.  20. 

*  Art.  Smalc.  II.  p.  308.  Quapropter  purgatorium  .  .  .  mora 
diaboli  larva  est.  Pugnat  enim  cum  primo  articulo  qui  docet 
Christum  solum  et  non  hominum  opera  animas  liberare.  Et  constat 
etiam  de  mortuis  nihil  nobis  divinitus  mandatum  esse.  —  Expos, 
simpl.  XXVI.  p.  86.  Quod  autem  quidam  tradunt  de  igne  purga- 
torio,  fidei  christianae,  credo  remissionem  peccatorum  et  vitam 
aeternam  purgationique  plenae  per  Christum,  et  Christi  domini 
sententiis  (^ofi.  5,  24.     13,  10.)  adservatur. 


410  ©er  d)riftlld)e  ©taube.  3toetter  Xfjetl. 

aufo  jübifc^en  Sßorftelluugen  oon  einem  Verringerten  ßeben 
in  ber  Unterwelt  gans  oerlaffen.  ©enn  ba  alle  Hemmungen 
ber  feiigen  (Semetnfdjaft  mit  (£|tifto,  bie  nn§  in  biefem  Beben 
au§>  ber  Sinnemuelt  entfielen,  megfatten:  fo  müfete  jener  3us 
ftanb  fdjon  ein  3"ftanb  erljöljter  Sßottfommenbeit  fein.  (£§ 
ftrirb  aber  bann  ferner,  bie  allgemeine  9luferftetjung  ber 
lobten  ntc^t  für  etma§  überflüjfigeS,  unb  bie  Sßieber* 
Bereinigung  mit  bem  Bcibe  nict)t  für  einen  Sftüfffdjritt  gu 
ballen,  ^a  e§  fdjeint,  bafj  folgericbtiger  SSeife  nnr  ein  5lu§= 
roeg  übrig  ift;  nämlicb  §u  oermutben,  in  jenem  3^tf^en= 
suftanb  fei  smar  \ebe  einzelne  (Seele  für  ftcb  in  ber  (fernem* 
fdjaft  mit  bem  ©rlöfer,  allein  bie  (Semeinfdjaft  ber  Seligen 
untereinanber,  mithin  aucb  bie  SSirf  famfett  jebe§  (Einzelnen, 
fei  bxirctj  bie  Sluferftebung  be§  gleifdjeS  bebingt,  folglich  aud) 
biefe  §ur  SSottfommenbeit  notbmenbig.  Sinter  aber  bleibt 
bann  unter  biefer  95orau§fesung  ba$  ©afein  ber  ^iretje  untere 
brocken  h\%  jur  Sluferftebung,  fo  roie  nadj  ber  erften  beß 
SDafein  ber  (Sinselmefen,  mitbin  immer  eine§  oon  beiben  Sie- 
tnenten  um  fo  met)r  gefä'brbet,  je  beffer  ba$  anbere  bebaut 
nrirb.  ©aber  Ijaben  ©intge  bie  gleicbäettige  allgemeine  2luf- 
erftefjung  nur  bilblid)  oerftanben,  unb  au§  anbern  Sd)rift= 
ftellen1  fdjliefjen  motten,  ba%  ba§  fünftige  Beben  für  jeben 
©inaeinen  gleid)  nadj  feinem  Sobe  angebe.2  ©a^u  gebort 
aber  auf  ber  einen  (Seite,  bafj  bie  (Seele  ben  neuen  Seib  fetjon 
fyabe,  inbem  fie  oon  bem  alten  getrennt  mirb,  eine  Sßorftettung, 
roelcbe  man  aud)  tjäufig  angenommen  finbet;  auf  ber  anbern 
Seite  mufj  al§bann  tool  ba%  gleicbseitige  jüngfte  <$erid)t, 
mitbin  auetj ,  roeil  ber  angegebene  B^eff  gänälictj  roegfättt, 
bie  perfönlicije  Söieberfunft  niebt  minber  büblicb  berftanben 
tnerben  al§  bie  allgemeine  gleicfoeitige  2luferftebung.  Unb  fo 
muffen  mir  febmanfen  smifc^en  biefer  mebr  biblifdjen  $or~ 
ftellung,  nacb  meldjer  burdj  bie  Söirffamfeit  (£brifti  im  3«' 
fammenijang  mit  großen  foSmifcben  SSeränberungen  ba$ 
fünftige  Beben  unb  bie  triumpbirenbe  ®ird)e  plöälicb,  aber 
freiiieb  auf  Soften  ber  ununterbrochenen  (Stetigfeit,  al§  ein 
grofeeS  ©anje  baftet)t,  unb  jener  minber  biblifeben,  melcbe  — 
aber  freiließ  auf  folebe  5lrt,   bafj  man  iljr,  ba  fie  genaue 


1  ©rabeju,  toieroo^I  unfi^er,  au§  Suf.  23,  43.,  mittelbar  cutS  $fjir.  1, 
21—24. 

3  Expos,  simpl.  XXVI.  p.  86.  Credimus  enim  fideles  reeta  a 
morte  corporea  migrare  ad  Cbristum  .  .  Credimus  item  infideles 
reeta  praeeipitari  in  tartara. 


8»ettex  2ß>f  ctjttitt.  SSon  ber  S8efrf)atfettt)eit  ber  SSelt  tc.  411 


SBertoanbtfdjaft  mit  ben  ixbifc^en  Buftänben  sunt  ©runbe  legt, 
eine  naturmiffenfcrjaftlicrje  Sßemäbrung  roünfcrjen  müfete,  —  bie 
Kontinuität  ber  Sßeriönlic&fett  möglid)ft  rein  ert)äit,  nactj  ber 
aber  bie  ooEenbete  ^irctje  nur  atlmä^lig  au§  beut  gleichseitig  ' 
mit  üjr  fortbeftebenben  ©ibenleben  IjeranhJädtft 

3.    bleiben  mir  nun  bei  ber  allgemeinen  Sluferfteljung  unb 
äugfeid)   aud)  hei  ber  fjerrfcfjenben  flftt,  bie  ©egenftänbe  ber 
foigenben  Sefjrftüffe  öorsufteaen,  fo  ift  nod)  eine  ©djimertfifeit 
Ivl  erlebigen.    SBenn  nämlidj  ööttig  entgegengefe^te  guftänbe 
eintreten  für  (Selige  unb  SBerbammtc,   fo  ftetlt  ftc^  r»on  ielbft 
bie  gorberung,  bafj  auctj  bie  neuen  £eiber,  meiere  fie  empfangen, 
nic&t  biefelben  fein  bürfen,   meit  bod)  bie  Organifation  eine 
Slngemeffenbeit  fjaben  muß  §u  ben  BebenSsuftänben,  meiere  ftdj 
entmttfein  f  ollen ;  unb  bierauS  entfielt  eine  neue  (gcfcnriertctfeit, 
menn  man  bie  SBorftelfancj  üon  ber  allgemeinen  2luferftetmng 
üerbinben  mitt  mit  ber  öon  bem  jüngften  (SJeridjt.     ®enn 
toerben  beibe  Steile  gleich  in  ber  Sluferftefmng  Slnbere,  fo  ift 
fdjon  über  fie  gefprod)en  unb  entfe^ieben  bor  bem  ©eridjt, 
unb  biefeS    nrirb  überftüjftg;    um  fo   meljr  als  eine  foldje 
©ifferena  ber  gleichseitig  erfteljenben  Seiber  nidjt  fönnte  burdj 
bie  Söirtjamfeit  berfelben    f"o§mi|d)en  Gräfte   in  biefem  3u* 
fammentmnö  mit  einem  rein  etbiferjen  ©ecjenfaa  erhielt  toerben, 
fonbern  nur  burd)  einen  unmittelbar  fcrjöpfertfctjen  göttlichen 
2lu3|prud).   ©inb  hingegen  bie  §u  befeligenben  unb  bie  §u  üer« 
bammenben  in  ber  Sluferfte^ung  nod)  gleich,  jo  roirb  roieberum 
ba$  (S5ertct^t  nidjt  burd)  bie  Sluferfte^ung  ausgeführt;  unb  ba 
Ijernad)  in  ben  ©inen  ober  ben  Zubern  ober  in  beiben  innere 
bte  Organisation  ummanbelnbeSSeränberungen  eintreten  muffen: 
fo  fiängt  bie  Realität  ber  SSorfteltung  bom  jüngften  ©erietjt 
nur  baüon  ah,  bafj  biefe  SSeränberungen  gleichzeitig  eintreten, 
mogegen  bie  ©tetefeeitiöfeit  ber  Sluferftefjung  ber  lobten  unb 
SBermanblung  ber  £ebenben  überftüfftg  nrirb.  —  2cet)men  mir 
mithin  atCe§  sufammen,  jo  finbet  ftcr>  ebenfalls,  bafj  bie  ber* 
fctjiebenen  SSorftellungen  öon  ber  3lnfnüpfung  beS  fünftigen 
iiebenS  an  baS  gegenmärtige  ju  feiner  üollftänbigen  Sßeftimmt* 
fceit  erhoben  merben  tonnen.    211S  mefentltd)er  ©efjalt  biefeS 
ßebrftüffeS  aber  bleibt  nur  übrig,  einmal,  ba%  eine  Fimmel* 
fatjrt  beS  auferftanbenen  ErlöjerS  nur  möglich  ift,  fofern  audj 
alten  menjdjlicfcen  ©inselmefen  eine  an  ben  gegenmärtigen  £u* 
ftanb  anfnüpfenbe  Erneuerung  organifd)en  SebenS  beborftebt; 
bemnäctjft  aber,  bafj  bie  (Sntnrifflung,  beS  fünftigen  BuftanbeS 
auf  ber  einen  <5eite  muffe  als  burd)  bie  göttliche  Äraft  (£brifti 
bebingt  gefejt  merben,  auf  ber  anbern  äugleid)  als  ein  foS* 


412  ©er  tfiriftUdje  ©lau&e.  3njeitcr  Xljeil. 

mifcbeS  (Sreigntfc,  auf  melcbe§  bie  allgemeine  göttlidje  SSelt* 
erbnung  angelegt  Ift  ®a§  erfte  ftebt  feft  al§  bte  $orau§iejung 
be§  ©laubenS,  melcbe  ba%  (Streben  SSorftettungen  bieje§  ^n* 
r)alte§  äu  bilben  bgrünbet,  ba$  anbete  bleibt  fdjmeben  al§  bie 
bon  un§  nie  bottfommen  an  löfenbe  Aufgabe. 


©ritteS  probbetifdje§  Seljrftüft 
$om  juugftett  (55eriri)t. 

§.  162.  Sie  SBorftellung  toom  jüngften  ®eri$t,  roo§u 
l>te  Elemente  fi<$  ebenfalls  in  ben  Sieben  ®&rtfti  bot* 
finben,  tritt  bie  gänglidje  ©Reibung  ber  $ir<$e  bon  ber 
SQBeit  barftetten,  fofern  bie  SMenbung  ber  erften  alle  (Sin* 
mirfungen  ber  (eueren  ausliefet. 

1.  2)a§  £>aubtelement  in  ber  Söorftettung  bom  jüngften 
©ertebt,  bafj  nämlidj  (£btiftu§  bie  ©laubigen  unb  Ungläubigen 
gänslicb  bon  einanber  fd^eiben  wirb,  io  bafj  fte  in  ganj  Der* 
febiebene  Detter  berfest  gar  nidjt  mebr  auf  einanber  mtrfen 
tonnen,  fd^liefet  feine§mege§  fdjon  bie  $ottenbung  ber  SHrdje 
in  fid).  S)enn  bie  UnboEfommenbeiten  berfelben  rühren,  mie 
febon  oben  gezeigt  morben,1  roeit  meniger  bon  ben  (Sin* 
mutagen  ber  auf  biefer  SSelt  mit  ben  ©laubigen  bermtfrfjten 
Ungläubigen  5er,  al§  bon  bem  fleifd)lid)en,  meld)e§  ftd)  in 
ben  Söiebergeborenen  fetbft  nod)  finbet.  ©aber  mürben  bie 
©laubigen,  raemt  fte  ber  (Seele  nadj  bei  ber  Sluferftebung  bte* 
felbigen  mären  mie  bei  tfjrem  SIbfdn'eb  au§  biefem  Seben,  oljn* 
eraebtet  biefet  ©Reibung  audj  in  ba$  neue  Seben  bodj  immer 
al§  foldje  eingeben,  in  meldjen  bie  ©ünbe,  miemol  im  $er* 
febminben  begriffen  nodj  mitgefest  ift.  2)er  Sßertb  alfo, 
melden  man  in  biefer  ftinftdjt  jener  ©Reibung  beilegt,  betubt 
nut  auf  bem  unridjtig  gefaxten  Unterfdjieb  smifdjen  ber  fidjt* 
baten  unb  unfiebtbaren  ®ird)e.2  (Soft  hingegen  biefer  Unter* 
fdjieb,  fo  mie  mir  tfm  gefaxt  baben,  mit  bem  Anfang  be§ 
neuen  2eben3  aufboren:  fo  müfete  mit  bemfelben  au§  ben 
Sßiebergeborenen  felbft  baä  fünblidje  unb  fleiftfjüdje  ma§  ibnen 
nodj  anfängt  berfdjminben ;  bie§  mirb  aber  burd)  iene  äufjere 
©Reibung  an  unb  für,  fieb  nidjt  bemirft,  baljer  aud)  fdmn 
DrigeneS  berfudjt  bat,  nad)  feiner  3lu§legung§meife  eine  ber 


1  SJßI.§.  126,1  2  SSgl.  §.148,2. 


gtoeiter  Sttföntit.  SSon  ber  SBef^affen^eit  ber  SCßelt  :c  413 

lieber  gehörigen  (Stellen1  auf  eine  Totere  innere  ©Reibung 
3U  beuten.  Mein,  abgeben  babon,  bafj  ein  fofdjeS  J)iöali#e§ 
£erau§geriffenm  erben  aller  mettlidjen  unb  fleifcblidjen  SSor* 
fteEungen  unb  Regungen  mieber  auf  eine  eigne  Söeife  bie 
ftettge  ©elbigfeit  be§  perfönlidjen  SDafein§  gefäbrbet,  märe 
bocl)  btefe  innere  (Sdjeibung  immer  nicbt§  anbere§  al§  bie 
bollenbete  Heiligung ;  unb  ba  bie  ganse  Heiligung  au§  ber 
£eben§gemeinfdjaft  mit  bem  (Srlöfer  berborgeben  fott,  fo  fann 
ba$  c^xiftlic^e  Söemufjtfein  ficb  ittct)t  in  einer  2)arfteuung  er« 
fennen,  roelcbe  bie§  nicbt  in  ftct)  ftfjliefct.  SSielme^r  muffen  mir 
in  einem  folgen  blöslicben»  burcb  feine  (Selbfitbätigfett  ber« 
mittelten  Söefdjlufj  ber  Heiligung  etma§  sauberifcbe§  finben, 
mel^e§  bei  iebem  einzelnen  nur  fyätte  früher  angemenbet 
merben  bürfen,  um  bie  gan^e  an  bie  SebenSgemeinfcbaft  mit 
<£r)rifto  gefnüpfte  (Srlöfung  überflüfftg  gu  machen:  fo  ba%  e§ 
immer  ba$  Slnfebn  geminnt,  al3  ob  eine§  bon  biefen  beiben 
ba$  anbere  au§fdjlöffe.  (Sin  biefen  (Streit  berföbnenbe§  Mittel* 
glteb  fcbeint  in  ber  %$at  ^oj^anne§2  an  bie  £>anb  äu  geben: 
benn  menn  biefe  innere  (Sdjeibung  burd)  eine  mit  ber  Sßieber* 
fünft  (£brifti  berbunbene  bottfommne  (Srfenntnifj  beffelben  be- 
hrirft  roirb,  fo  ift  fie  benn  ein  SSerf  ber  (£rlöfung.  Mein 
genauer  betrachtet  bält  audj  bieWZ  nidjt  (Stieb.  S)enn  fott  bie 
SSieberfunft  ßbrifti  eine  foldje  SSeränberung  nur  nad)  Wlaafe 
gäbe  ber  (gmpfängUdjf eit  eine§  ^eben  bemirfen:  fo  ift  biefe 
ja  audj  nidjt  bei  allen  SSiebergeborenen,  wenn  fie  au§  biefem 
Seben  fdjeiben,  gleicb  grofj.  2)aber  mürbe  bie  gänaltcbe  Sftei* 
nigung  ber  (Seele  burcb  bie  (£rfd)einung  (£brifti  aud)  nid&t  bei 
Sitten  gleict)  augenblitfltd)  bemirft  merben,  fonbern  bei  ©inigen 
fdjnetter,  bei  Slnbern  langfamer;  alfo  mürbe  aud)  biefe 
©Reibung  feine  gleichseitige  fein,  fonbern  bom  anfange  be§ 
neuen  ßeben§  an  in  bemfelben  erft  attmäblig  merben.  (Sott 
hingegen  auf  ben  böseren  ober  nieberen  ®rab  ber  (Smpfäng* 
liebfeit  für  bie  ©rfenntnifc  (Sbrifti  Riebet  nichts  anfommen,  fo 
mürbe  bie  innere  (Scbeibung  atterbtngS  plöälictj  bemirft ;  aber 
biefelbe  Sßirfung  muffte  aud)  berborgebradjt  merben  in  ben 
Ungläubigen,  benen  ja  (£briftu§  bei  feiner  SBieberfunft  audj 
erfcbeint,  unb  in  benen  biefe  ©mpfänglicbfeit  ia  aud)  felbft  im 
fdjltmmften  $att  menigftenS    al§  ein  unenblidj  f leinet  bor* 


*  Comment.   \n  Matth.    T.  X,  2    ($u  3Kattf).  13,  36—40.)      Ed.  E. 
Vol.  in.  p.  444. 

2  lSo^.3,2. 


414  £er  ctjriftlicfje  ©laube.  ^toeiter  Xljetl. 

Rauben  ift.  3)ann  toürfjfe  unS  alfo  biefeS  an  gu  einer  plöa* 
liefen  Sßieberbringung  aller  (Seelen  in  baS  Sfteid)  ber  ©nabe, 
nadj  roeidjer  eine  Sdjetbung  ber  Prionen  feinen  ©egenftanb 
mebr  ijätte,  roelctje  aber  felbft  oon  einer  Söeimijdjung  ieneS 
aauberifdjen  ntctjt  ganj  frei  märe. 

2.  SSenben  mir  unS  nun  aurüff  su  bem^öilbe  einer  <5§eU 
bung  ber  $erfonen,  ie  nadjbem  fte  ü)r  Seben  gläubig  ober 
ungläubig  beidgloffen  jmben,  meldje  Sßorftellung  §errf$enb  ge* 
toorben  Ift,  meü  fte  burd)  bte  eignen  9teben  (£brtfti  begünfttgt 
äu  fein  fdjeint:  fo  fönnen  mir  unS  fd^merlid)  abläugnen,  bafc 
fte  mefir  geeignet  tft,  bie  (Seligfeit  ber  (gläubigen  in  beut  neuen 
Seben  einzuleiten,  als  it)re  23oHfomment)ett.  2)enn  menn  bie 
(£tnmirfungen  ber  mit  ben  (gläubigen  Oermifdjten  Ungläubigen 
Oon  ben  SÜHebergebornen  nur  als  Organen  beS  tjeiligen  ©eifteS 
aufgenommen  merben  unb  nur  eine  üon  iljm  auSgetjenbe  unb 
burd}  ilnt  beftimmte  Sljättgt'eit  oeranlaffen:  fo  fommen  l)ie* 
burd)  mancherlei  SBotffommen&eiten  aur  (Sri Meinung,  mie  mir 
fte  in  bem  üorbilblidjen  Seben  (5&rtfti  aud)  finben,  meiere  fiel) 
aber  obne  fold)e  (Sinmirfungen  nid)t  entmiffeln  tonnten.  SlnberS 
aber  fetjeint  eS  ftd)  mit  ber  (Seligfeit  §u  öerfmlten.  ©enn  ba 
bte  auS  ber  ©ünbe  entfteljenben  Uebel  ftd)  immer  über  baZ 
ganae  ©efammtteben  verbreiten :  fo  mürben  bte  ©laubigen 
au<$  in  ienent  Seben  nod) ,  menn  fie  in  einem  unb  bemfelben 
Qtefammtleben  mit  ben  Ungläubigen  äufammengefafjt  mären, 
üon  ben  burd)  biefe  hineingebrachten  liebeln  jn  leiben  Ijaben. 
Subefe  fetjlt  aud)  tjier  baS  richtige  3urüffget)en  auf  bie  SebenS- 
gemeinfd)aft  mit  (£l)rifto.  SDenn  ba  mir  aud)  Pon  (Prifto,  ber 
bod)  mä^renb  feines  Aufenthalts  t)ier  ebenfalls  bem  ©efammt* 
leben  in  $ermtfd)ung  mit  ben  ©ünbern  angehörte,  nid)t  an* 
nebmen,  bafj  er  leibenb  gemefen  fei,  $citgefül)l  unb  förper* 
liefen  Sd)mera  abgerechnet:  fo  mürbe  aud)  ben  in  berßebenS- 
gemeinfd)aft  mit  it)m  gegriffenen  bort  nid)tS  jur  Hemmung 
il;reg  geiftigen  SebenS  gereichen,  unb  alfo  oon  ibnen  als  Uebel 
empfunben  merben  fönnen,  mie  aud)  (£&riftu§  förperlid)en 
(ödmierj  unb  sJJätgefüt)t  nidjt  als  Uebel  empfanb.  UebrigenS 
müßte  aud)  förperlictier  Sctymera,  menn  er  in  bemSeben  na<$ 
ber  Auferfte^ung  überhaupt  nod)  möglich  märe,  aud)  anberS 
als  nur  burd)  bie  ©ünbe  erregt  merben  fönnen:  fo  bafc  bie 
(Betreibung  feine  ©idjerbeit  gegen  il)n  gemäljrte;  unb  aud)  baS 
SDtitgefübl  bliebe  bod)  an  bie  «SelbigEett  ber  Statur  gebunben, 
fo  bafc  bie  (Seligen  ättügefüljl  t)aben  mürben  mit  ben  Zubern, 
menn  fte  aud}  gänaltd)  Oon  il)nen  getrennt  mären.  SDie 
(Scbeibung  alfo,    meiere   im    iüngften  $erid)t  oorgenommen 


Stoeiter  Stöföniit.  SSon  ber  SBefc^affen^eit  ber  SBelt  2C  515 

merben  fott,  bleibt  au<$  au§  biefem  ®efidjt§J)imfte  betrautet 
tljetlS  unjureicfienb,  tljeUS  überftüffig.  @§  bliebe  alfo  nur 
übrig  31t  jagen,  fie  erfolge  nidjt  um  ber  Seligen,  fonbern  um 
ber  Slnbern  mitten,  fei  e§  nun  bamit  fie  nictjt  aucb  SSortr)eiI 
Sögen  bon  bem,  ma§  bie  ®uten  sur  SSerminberung  ber  in  ber 
Qememfdjaftlidjen  neuen  SBelt  berbreiteten  Uebel  tbäten,  fei  e§ 
bamit  fie  nicbt  nod)  in  ber  (Semehtfdjaft  felbft  Mittel  fänben 
um  au$  felbft  §ur  ©emetnfdjaft  (£&rifti  su  gelangen.  Gittern 
bkZ  ^ie^e  entmeber  tfjeilS  bem  Ijödjften  SBefen  9fti£gunft  §u* 
treiben,  roogegen  f$on  ba§>  gefunbere  £>eibentbum  gemarnt 
bat;  ober  e§  läge  babei  allein  bie  befannte  unb  roeit  ber- 
bxtittte  2lnfidjt  ber  göttlichen  ®eredjtigfeit  sunt  ®runbe, 
meiere  bei  ifjrer  (Sinfeitigfeit  fo  febr  al§  SSiUfufjr  erfdjeint, 
bafj  in  ber  Sljat  ber  Urfarung  biefer  Sßorftettung  öiet  un* 
Stueibeutiger,  bie  SluSforüdje  biet  entfebeibenber,  unb  ber  %z* 
brauch,  ben  bit  2lpoftel  babon  macben,  biel  umfaffenber  fein 
tnüfete,  menn  mir  aueb  nur  bereebtigt,  gefebmeige  benn  Oer* 
pftiebtet  fein  fottten,  bkä  für  eine  5lnfc^auung  (E^rifti  §u 
galten. 

3.  können  mir  nun  alfo  audj  biefe  Sßorftettung  ntdjt  su 
einem  reinen  beiben  gorberungen  genügenben  Slbfdjlufc 
bringen,  fo  muffen  mir  un§  bennod)  megen  tljrer  faft  all* 
gemeinen  Verbreitung  in  ber  (Sljriftenbeit  nadj  einem  roefent* 
lieben  ®ebalt  berfelben  umfetjen.  %m  borau§  aber  ift  su 
bemerfen,  bafs  je  mef)r  fie  auf  ba$  an  Ü?atf)fud)t  grensenbe 
Söeftreben  surüffget)t,  bie  Unfeltgfeit  ber  Ungläubigen  su  ber* 
gröfjern  unb  fie  bon  allen  Ijeilbrtngenben  (Sinrairfungen  ber 
®uten  auSsufc^lie^en,  ober  audj  auf  ber  anbern  &tite,  je 
met)r  babd  bie  gurdjt  mitmirft,  aud}  hei  einer  biä  sur  $ott* 
fommenfjeit  gefteigerten  SebenSgemeinfcbaft  mit  (£f)rifto  fönnte 
un§  bennoefc  au§  bem  Bufammenfein  mit  ben  93öfen  nodj)  Uns 
feligfeit  entfielen,  um  befto  meniger  gereinigt  ift  nod)  bk  sunt 
®runbe  liegenbe  djriftlid^e  ©efinnung,  um  befto  meniger  tarnt 
alfo  au<$  ber  roefentlidje  (Sefjalt  biefer  Vorftettung  tjerbor* 
treten.  SßorauS  benn  folgt,  bafj  nur  baSjenige  bafür  gelten 
fann,  roa§  no$  übrig  bleibt,  menn  mir  un§  bon  gur$t  unb 
Sftacbfucbt  gänsltdj  lo§madjen,  unb  bieg  febeinen  folgenbe  smet 
fünfte  su  fein.  Buerft,  menn  bie  SSottenbung  unferer  (fernem* 
febaft  mit  S^rifto  gefest  ift,  fo  finb  mir  aucb  bon  bem  33 Öfen 
fo  gänslitf)  gefebieben,  ba%  mo  audj  bie  Sßöfen  unb  ba§  f&'ök 
bor^anben  fein  mögen,  bod)  beibeS  al3  fold)e§  für  un§  niebt 
ba  ift.  Unb  ift  auf  biefe  s2lrt  au§  bem  ©efammtberoufetfeitt 
ber  (gläubigen  ba$  Sßöfe  unb  baä  Uebel  gänslicb  au3gefd)toffen: 


416  ©er  tfjriftlitfje  ©laube.  3twter  3$ell. 

fo  fann  and)  nidjt§  anbere§  al§  bie  ungetrübte  güHe  göttlicher 
(SJnabe  ungehemmt  barin  enthalten  fein ,  unb  bie  ®irdje  ift 
bann  in  SBabrfjeit  gänslidj  in  ftd)  abgefcbloffen,  fo  bafj  audj 
bte  überaß  bie  (Sntgegenfesung  fjerborljebenbe  5lnftd)t,  mit 
ber  mir  Ijier  unoermeiblidj  immer  behaftet  bleiben,  bort  ganj 
berjenigen  ben  ^(aj  räumen  mirb,  bermöge  beren  ba$  *8öfe 
nidjt  ift,  meil  ©ott  nid)t  fann  Urheber  beffelben  fein. 
gmeitenS,  menn  mir  bie  ®irdje  al§  boüenbet  benfen,  ä"9leidj 
aber  annehmen,  e§  gebe  nodj  einen  Sbeil  be§  menfd^lidjen 
^efct)lectjtg,  ber  nid)t  oon  bem  ®eift  berfetben  ergriffen  unb 
burdjbrungen  merbe,  bie§  nur  unter  ber  SBebingung  ange* 
nommen  merben  fann,  ba%  btefer  £&eü  aud)  gegen  äße  ©in* 
flüffe  ber  ®ird)e  boUfommen  bermaljrt,  mithin  aud)  bon  aller 
Söerüfjrung  mit  ü)r  au§get"d)loffen  fei  unb  bleibe.  Söte  ja 
aud)  eine  btefem  ©egenftanb  menigftenS  fetjr  nat)e  berroanbte 
Sefjrrebe  (S^rifti1  biej"e§  ganj  beutlicfc  in  ftdj  f erliefet,  bafj 
jebe  audj  nod)  fo  leife  2lu§ftrömung ,  meiere  au§  bem  <5is  ber 
SBegnabigten  $u  benen  bringt,  roeldje  fidt)  mäljrenb  tf)re§ 
irbifdien  Seben§  ntd)t  §u  ©Ott  geroenbet  Imben,  fie  frfjon  ju 
guten  üiegungen  befruchtet. 


Viertes  brop&ettfc&e§  SeJjrftüfl 
Jöon  ber  etotgen  (ScKgfcit 

§.  163.  Sßon  ber  Sluferftefyung  ber  lobten  an  merben 
fid?  biejenigen,  toeldje  in  ber  ®emeinf$aft  mit  (Sfyrifto 
geftorben  finb,  burefy  ba3  2lnf  cremen  ©otte£  in  einem 
guftanb  untoeränbertidjer  unb  ungetrübter  ©eligfeit  be* 
finben. 

1.  ®er  «ßuftanb  ber  (gläubigen  nadj  ber  bötttgen  SSteber* 
fjerfteEung  in§  ßeben  läfjt  fic§  unter  amei  berfdjiebenen 
gormen  benfen,  al3  tolöalic^er  ftdj  immer  gleich  bleibenber 
Sßefia  be§  ^oöctjften,  ober  audj  al§  attmäblige  (Steigerung  bi§ 
äum  £>öd}ften,  meiere  aber  mie  bk  (5-ntmifflung  Gtfjrifti  ge« 
baefct  merben  müfjte  oljne  SKüfffdjritt  r.nb  ofme  ®ampf.  ^öetbe 
aber  fjaben  ifjre  befonberen  (SdjmierigteUen,  jobalb  man  ben 
allgemeinen  Umrifj  meiter  ausführen  unb  fid)  bie  formet  ju 
einem  anf$aultd)en  Sötlbe  geftalten  roüL  SDenn  mag  baä  erfte 


fiut.  16 ,  19  —  31. 


8toelter  H&frfjnitt.  9Son  ber  ©efdjaffentiett  bei  Sßelt  jc.  417 

betrifft,  fo  fönnen  mir  un§  fcfjmer  Sftecbenfdjaft  barüber  geben, 
mie  bie  SBottenbung  gleich  bei  ber  SUtferftebung  bon  un§  fönne 
gefunben  ober  unS  eingepflanzt  merben,  obne  allen  3ufammen= 
bang  mit  bem  iejigen  ßeben  aufsubeben,  melc&eS  ntdjt  ber 
8faH  märe,  roenn  e§  bei  atfmäpgem  SBadjStbum  an  $ott* 
fommenljeit,  rote  nnfer  jesiger  SHnbbeit§auftanb ,  atfmäbltg 
öergeffen  würbe.  Slber  no<$  mebr,  fotten  mir  un§  eine  feiner 
roeiteren  (Steigerung  fafjige  SSotffommenbett  benfen,  aber  bodj 
in  einem  enblidjen  SBefen,  unb  atoar  roeldje§  gän^lid)  ge* 
fdjieben  märe  oon  allem,  ma§  trgenb  nodj  einer  Bearbeitung 
fäbig  unb  bebürftig  fein  fann:  fo  finb  mir  in  SBerlegenbeit 
un§  oorjufteHen,  mie  btefe§  SBefen,  bem  e§  an  allen  $egen*  | 
ftänben  ber  £f)ättgfeit  feblt,  feine  SBoHfommen&eit  äußern  fotf.  | 
9li$t  nur,  ba%  mir  ba§  gemetnfame  Seben  fdjon  öon  ber 
Statur  be§  Slftenfdjen  nidjt  trennen  fönnen,  nod)  meniger 
aber  ber  ©r)rtft  fidj  je  obne  ein  fotdje§  beuten  fann,  ba  ja 
bie  ®emeinfd)aft  ber  (gläubigen  unter  einanber  unb  bie  eine§ 
^eben  mit  ©bnfto  nur  eins?  unb  baffetbtge  ift:  fonbern  aud) 
ein  gemetnfame^  Seben  aber  obne  aEen  ($5egenftano  gemein*  < 
famer  SUjätigfeit,  baä  alfo  nur  auf  gegenfeittge  ©arfteHung || 
be§  inneren  &eben§t> erlaufet  befcbränft  bleiben  müfjte,  fönnen 
mir  un§  fdjmerlidj  al§  einen  fct)lect)tr)trt  OoKfornrnnen  .ßuftanb 
benfen.  £)enn  §u  einem  folgen  baben  mir  gmar  aßerbing§  in 
unferm  gegemärtigen  ßeben  ein  öermanbteä  (dement  an  ber 
gemeinfamen  ®otte§berebrung  unb  an  aßen  fünfttertfdjen  2)ar= 
ftellungen  be§  (S5otte§betou£t)"ein§;  aber  mie  mir  e§  nidjt  nur 
oermerfttdj  finben,  menn  fromme  (Efjriften  bierüber  bie  üjnen 
obliegenbe  mirf[ame  £fjätigfeit  berfäumen,  fonbern  audj  ein 
foIctjeS  Seben  bürftig,  fo  fönnen  mir  un§  aucb  nicbt  ba§u 
oerfiefjen,  ba%  bie  böcbfte  SSoHfommenbeit  be§  ®afein§  ftd) 
füllte  auf  einen  fotdjen  S23ect)fel  oon  ®eben  unb  Empfangen 
gefdjäftlofer  unb  fmc&tfofer  ©arftetfung  surüfffübren  laffen. 
Sßielmebr  ftrengt  fidj  bit  (SinbilbungSfraft  an,  um  ein  SSerf 
aufeufinben,  roeld)e§  un§  tu  ienem  ßeben  roerbe  aufgegeben 
fein;  e§  bleibt  aber  unter  ben  gegebenen  SBorauSfeaungen 
ntd)t§  anbereS  übrig,  al§  entmeber  eine  su  bearbeitenbe 
äußere  Statur  ober  eine  au  beberrfdjenbe  unboHfommnere 
geiftige  SBelt,  beibe  öon  ber  5lrt,  ba%  bit  58efd)äftigung  mit 
benfelben  bie  ©eltgfeit  ntd)t  trüben  fann,  mosu  mir  ieboct) 
meber  in  ber  ©djrift  eine  eigentliche  Anleitung1  finben,  nocb 

1  £>enn  Sftattf).  19,  28.  unb  2  %\m.  2,  12.  fönnen  »öl  ntdjt  fo  an- 
gefefjen  werben. 

©c&I.,G&riftl.©r.n.  27 


418  ©er  djriftlt^je  ®lcwbe.  Stoeiter  Xtjelt. 


aucb  in  un§  felbft  ba§  SBermögen  btefe  formet  auszufüllen.  — 
Stiebt  letzter  aber  ift  e§,  tt)euu  mir  un§  borftetten  motten, 
mit  ber  5Iuferftetjung  beginne  eine  fid)  in§  unenbtidje  bin 
fteigernbe  8?ottfommenljeit.  S)enn  biefe  ftfnnen  ttrir  un§  faum 
benfen  oljne  Ungleidjförmigfeiten  unb  (Sdjjmanfungen,  unb  menn 
aud)  ba§,  bodj  nid)t  o§ne  eine  fotcbe  llnäuftiebenfjeit  mit  bem 
gegenwärtigen  mte  mit  bem  SSorgefübf  be§  fünftigen  befferen 
natürlj(6  berbunben  tft;  unb  bie§  ift  bodj  immer  ein  Söemufjt* 
fein  bon  Unbottfommenfjeit,  unb  alfo  audj  bd  freien  SSefen 
trgenbmie  bon  ©c^ulb.  $a  eine  Steigerung  täfjt  ftdj  fcbmer* 
Heb  ojne  äußere  Delationen  unb  (£ntmifflung§bebingungen 
benfen.  S)ann  aber  fommt,  ift  einmal  biefe  @d)teufe  geöffnet, 
audj  bje  Unglettfjljett  ber  (Sleicbarttgen  unb  ber  (5Jegenfa§  be§ 
angenehmen  unb  unangenehmen  mit  hinüber,  unb  in  (Befolge 
beffen  atteS  ma§  ba$  r)ieftge  ÜJftenfcbenleben  djarafteriftrt;  ia 
e§  bleibt  nur  nodj  übrig,  ma§  bodj  biefteidjt  bon  biefer 
S5oraugfesung  au§  oljne  gotgemibrigfeit  nid)t  au  bermeiben  ift, 
bafj  mir  audj  ben  Söedjfel  ämifdjen  Seben  unb  £ob  mit  aufs 
nebmen.  SBorauS  benn  erbeut,  bafe  toir  unter  biefer  gorm 
nod)  feine  $ottenbung  ber  SKrdje  gebaut  f)aben,  fonbern 
nur  eine  fidj  attmäfjltg  berbeffernbe  unb  reinigenbe  2$ieber~ 
^oiitng  be§  jestgen  LebenS;  unb  bie  Aufgabe  ift  atfo  nidjt 
geiöft. 

2.  ÜBenn  mir  nun,  unter  melier  bon  beiben  formen  e§ 
au<$  fei,  nadj  bem  eigentlidjen  Lebensinhalt  biefeS  fünftigen 
3uftanbe§  fragen,  unb  fcbon  jugegeben  baben,  bafj  berfelbe 
ftd)  ma§  unfere  (Selbfttbätigfeit  betrifft  nur  auf  £)arftettung 
bekrönte:  fo  mürbe  un§  um  eine  anfdjaulicbe  Sßorftetfung  ju 
geminnen  nod)  %u  miffen  nötbig  fein,  mag  mir  bann  merben 
baräuftetten  Ijaben,  bag  beifet  mag  auf  ung  einmirfen  mirb, 
unb  mag  mir  in  ung  aufnehmen  merben.  $)ie  allgemeine 
5lntmort  auf  biefe  grage  ift  ber  SluSbruff,  bafj  baS  emige 
Beben  in  bem  5(nfd)auen  ®otteg  befteben  merbe.1  können 
mir  aber  bierunter  nur  bie  bottfommenfte  gütte  beS  leben= 
bigften  ^otte§bemufet[ein§  berfteljen:  fo  ift  äunädjft  bit  grage, 
moburdb  ftcb  beim  biefeS  bon  unferm  bermaltgen  ©otteg= 
bemufjtfein  unterjdjetben  merbe.  2)ag  nädjfte  märe  nun  mot 
ju  jagen,  ba%  mie  biefeg  immer  bermittelt  fei,  inbem  mir  eg 
nur  an  unb  mit  einem  anbern  baben,  fo  merbe  eg  bort  ein 


*  3utiäd)ft  au8  3)tattt).  5,  8.  unb  2#ov.5,  7.  genommen.    3fltt  tocicfiem 
ttcclit  ift  jtreitlger  SüuMequnfl. 


Stoetter  &&fönf tt  ^Son  ber  öefc()affert$ett  ber  SSelt  :c.  419 


ll^?]^tXt  J^et  iWmmenretmen.  ®enn  atg  felbft- 
oemufcte  (Smäetmefen  tonnen  mir  bag  (SSottegbemufctfein,  roenn 

IÄ^r-tnöe  ¥"  f011'  immer  nur  ^en  mtt  unferm 
©eibftbemuMetn,  unb  menn  nnn  bocfc  biefeg  oon  ienem  unter, 
trieben  Serben  mü£te,  fo  mirb  bieg  nur  auf  smiefacbe  2Irt 
torftcfftg  *u  machen  fein,  ©ntmeber  mir  unterfäeiben  ung 
mrr  bon  unterm  ©ottegbcttwitfcüt  alg  bag  Subiect,  meiern 
e«  emtoofot,  ofote  bafc  imfer  ©clbftfietougtfcin  irgenb  einen 
anbern  3n$aft  Witt;  unb  biefe  Stellung  mirb  fämerlicb 

fi*  tclbft  immer  alct«Wctbenbctt  untertreiben  atg  ein  manbei* 
bareg,  mt  &m  aig  ein  immer  afficirteS.    SDafcr  mirb,  menn 
bag  einaeileben  in  menföitc&er  ja  mol  überhaupt  in  enbiiefier 
Watux  fortbewegen  foll,  unier  (SotteSberoufetfeut  immer  nur 
ein  vermitteltes   bleiben,    unb  mir  merben  ben  Unterföieb 
ämtf^en  bem  jesigen  unb  bem  fünftigen  nur  innerhalb  biefeg 
©ebieteS  §u  fuc&en  faben.    SDann  aber  bleibt  nur  bag  übrig 
ropnwfc  totr  $ter  fäon  ftreben,  menngiei^  mit  bem  ©ehmfeS 
fein  eg  mc&t  erretten  §u  fönnen,   ba£  mir  nämlt«  @ott  in 
allem  unb  mit :  attem  erfennen  ofme  Hemmung,  aber  aud),  fo 
weit  bie  enbh^e  9?atur  bieg  auläftt.   oftne  (gelaufen  alleg 
erfennen,  toortn  unb  momit®oft  fid&  erfennen  iäfet,  oßne  bat 
jemalg  em  Streit  m  ung  entftänbe  jtotfd&en  biefem  £eftreben 
in  ung  unb  irgenb  einem  anbern,  unb  ^iftfien  bem  ftettgen 
©otteS6ettmfctfem  unb  irgenb  einem  anbern.  2)iefeg  nun  märe 
aaerbingg  ein  reineg  unb  fid&ereS  Stauen,   unb  fo  mären 
totr  öottfommen  $etmt|«  bei  @ott;  nur  ba%  ftd&  eben  fo  menia 
begreirenlafet,   mie  mir  auf  biefem  Sßunft  fäon  fte^en  foHten 
gleich  bei  ber  5lmerfte&ung ,   o$ne   ba%  bie  (Stetigfeit   unb 
©eimgfett  unferg  $aietn§  ßefäprbet  mürbe,  aig  mir  aueb  ein* 
Wen  fonnen,  mie  mir,  an  bie  (Stelle  anfnüpfenb  bie  mir  hier 
einnehmen,  lemalg  m  biefer  SSoüenbung  gelangen  foHten    2Sir 
tonnen  mttgm  jroar  Don  beiben  fünften  auggetm,  fomol  Oon 
ber  Wgabe,  eine  unoeränberlicf)   fi$  gleicfjbleibenbe  Seliq* 
feit,  alg  öon  ber,  eine  ing  unenbltd&e  fortge^enbe  Steigerung 
jorjubilben;    aber  ba  mir  feine  öon   beiben  mirfticfi  löfen 
tonnen,   fo   bleiben   mir  immer  ungemiS,  tote  ber  Ruftanb 
melier  bie  Söcgfte  »ottenbung  ber  fttr<*e  ift,   bon  bei  aig 
unfterbiu*  erfteöenben  »erfönluWeit  ber  (feinen  ermorben 
unb  unter  bieier  gorm  befeffen  mirb. 


420  ®er  djriftlicfje  ©taube.  3»eitet  Xtjetl. 

Slnbang.    $on  ber  eroigen  SSerbammntfc. 

2)ie  bilblicben  Sieben  ©Ijriftt,  burcb  roeldje  man  beranlafn 
roorben  ift  ber  eitrigen  (Seligfeit  gegenüber,  für  bie  meiere 
aufeer  ber  ©emeinfebaft  mit  (£f)rifto  geworben  finb,  einen  git- 
ftanb  nierjt  gu  bermtnbernber  Unfeligfeit  ansunebmen,1  roerben 
bieju  fcbtoerlicb  binreiebenb  erfunben  roerben,  roenn  man  fie 
genauer  prüft.  £fjei(3  finb  bteje  ©teilen  felbft  niebt  obne  ein 
febr  roillfübritcbe§  Sßerfabren  ju  trennen  bon  anberen,  bie 
notbroenbig  anf  zttva$  früheres  geben  muffen;2  tbeil§  ftefjen 
ibnen  anbere  entgegen,  bie  an  einen  befinitiben  <Sieg  be§ 
Sööfen  über  einen  £beü  be§  menfdjltdjen  ®efcblecbt§  niebt 
benfen  laffen,  au§  benen  man  bielmebr  fdjiliefjen  mufj,  bafe 
noeb  bor  ber  allgemeinen  5luferftebung  ba$  Sööfe  gänsltcb 
roirb  aufgehoben  roerben.3  S^octj  biet  roeniger  !ann  bie  S3or- 
fteüung  einer  eitrigen  Söerbammnifs  felbft  roeber  an  unb  für 
ftd)  betrachtet  noeb  in  93e§ug  auf  bie  eitrige  (Seligfeit  eine 
genaue  Prüfung  befteben.  ®enn  roenn  man  einmal  barüber 
berftänbigt  ift,  bafj  unter  ber  eitrigen  SSerbammnifj  niebt  fann 
eine  Sßerurtb eilung  su  leiblichen  (Sc^mer^en  unb  Seiben  au 
berfteben  fein,  roeil  mir  ja,  roenn  bit  menfcblicbe  Statur  niebt 
fott  gans  aufgehoben  roorben  fein,  bie  linbernbe  ÜDcacbt  ber 
®eroobnbeit  niebt  megbenfen  tonnen,  unb  aueb  baä  Söeroufctfein 
ba%  aufgelegte  ertragen  au  lönnen  immer  eine  Söefriebigung 
mit  fieb  fübrt,  mitbin  eine  reine  unb  feiner  Sßerminberung 
fähige  Unfeligfeit  bierau§  nietjt  berborgebt:  fo  finb en  mir  aueb 
faum  mebr  einen  feften  ^unft,  um  barauf  ftetjen  §u  bleiben, 
©oll  nämlicb  bie  Ünfeligfeit  geiftiger  3lrt  fein,  unb  bann  bor* 
äüglicb  in  ben  Dualen  be§  ®eroiffen§  befteben:  fo  mären  bann 
bie  Sßerbammten  um  bieleg  beffer  in  ber  Sßerbammnife,  al§ 
fie  in  biefem  Seben  gemefen  finb,  unb  füllten  bennodj  un* 
feiiger  fein,  ba  fie  febon  beffer  finb.  SDiefe§  fönnen  mir  niebt 
borftetlen,  benn  fottte  bieg  aueb  sur  göttlicben  ($5erecbtigf'eit 
geboren:  fo  märe  bodj  rtictjt  au  berbinbern,  bafj  niebt  bk 
©elbftbilligung  be§  ermaebten  unb  gefebärften  ®eroiffen§  bocl) 
ein  (#egengeroicbt  gegen  bie  llnfeligt'eit  enthielte;  ja  mir 
önnen  un§  niebt  borftellen,  ba%  ba$  ermaebte  (^eroiffen  al§ 
ne  lebenbige  innere  löeroegung  niebt  aueb  etraaS  ®ute§  be*' 


3Ratt$.  25,  46.     2ttarc.  9,  44.     £0$.  5,  29. 
Bftl.  3Äatt&.  24,  30—34.  u.  %of).  5,  24.  25. 
ffor.  15,  25,  26. 


ßtoeiter  Sttfönitt.  5Jon  ber  Seidaffen^eit  ber  SBelt  *.  421 

borbringen  fotfte.  SBoHte  man  hingegen  fagen,  mdjt  ba§ 
gefcrjärfte  (SJefüljl  für  ben  ®egenfas  be§  ©uten  unb  Sööfen  fei 
at§  ber  (Srunb  ber  eitrigen  dualen  anheben,  fonbern  nur 
ba§  SBemufjtfein  ber  f elbftöerf cl) ersten  <Seligfeü:  fo  fönnte  bo<$ 
audj  biefeS  nur  lebenbig  fein ,  fofern  bk  «Seligfeit  im  SBeroufjt* 
fein  roentgftenS  nacrjgebitbet  mürbe,  unb  nur  quätenb,  fofern 
eine  göfjigfeit  ba  märe,  an  jenem  feiigen  Buftanb  ibeil  au 
nehmen.  Slber  biefe  gäljigfeit  feste  f$on  eine  Sßefferung  borau§ 
unb  jene  9?ad)biibung  märe  fdjon  ein  bte  Unfetigfeft  bermin* 
bernber  ®enufe.  —  Söetradjten  mir  nun  bie  emige  SSerbammnife 
in  Söejug  auf  bie  emige  ©eiigfeit:  |"o  ift  letcbt  ju  feben,  ba% 
biefe  nidjt  mebr  befteben  fann  menn  iener  beftebt.  2)enn 
menn  aucb  beibe  ®ebtete  äufcerltdj  ganj  gerieben  ftnb:  fo 
Iäfct  fidj  fdjon  an  fidj  ein  fo  erböbter  guftanb  ber  (Seligfeit 
utcbt  bereinbaren  mit  einer  gänstidjen  Unfenntnifj  Don  ber 
Unieligfeit  ber  5lnbern,  nocb  mentger  aber,  menn  bie  ©cbei* 
bung  felbft  nur  bk  golge  fein  foU  bon  einem  allgemeinen 
(berief)!,  bei  roeldjem  beibe  £b eile  anmefenb  maren,  b. lieber 
Tief)  and)  beS  anbern  bemüht.  Segen  mir  nun  ben  Seligen 
eine  ©rfenntnifj  Don  bem  Betäube  ber  SSerbammten  hti:  fo 
fann  biefe  nidjt  olme  9ftitgefü§t  gebaut  merben.  SDenn  biefe3 
mufj,  menn  bie  ^eroöTTfönimriung  unferer  Sftatur  ni<$t  rüff- 
laufig  gemorben  fein  foE,  baä  gan^e  menfcblidje  ©efcbledjt 
umf  äffen,  unb  SDcitgefü&t  mit  ben  SJerbammten  mufj  notr> 
menbig  bie  ©eltglett  trüben,  um  fo  mebr  als  eS  nidjt  mie 
jebeS  ä&nlidje  ©efüf)l  in  Meiern  Seben  burd)  bie  Hoffnung  ge* 
milbert  mirb.  S)enn  mir  mögen  nodj  fo  ferjr  bebenfen,  bafj 
menn  bie  emige  Sßerbammnifj  ift,  fie  aud)  geregt  fein  mufj, 
unb  ba%  in  bem  21n|<$auen  ®otte§  audj  bie  ($5ered)ttgfeit 
®otte§  mit  eingefdiloffen  ift:  fo  fann  and)  baburd)  ba$  WlxU 
gefübl  nidjt  aufgehoben  merben;  mie  mir  benn  auetj  frier  mit 
SRecrjt  ein  tieferes  33titleib  bertangen  mit  berbienten  Seiben 
al£  mit  unberbtenten.  ($etjört  aber  jur  ferfönlicfien  gort* 
bauer  aucb  irgenbmie  bie  Erinnerung  an  ben  früheren  3u- 
ftanb,  mo  immer  ©tnige  bon  unS  mit  (Einigen  bon  ^enen  §u 
bemfelben  ©efammtleben  berbunben  maren:  fo  mufe  baß  WliU 
gefügt  um  fo  ftärfer  fein,  als  eS  in  biefem  Beitraum  eine 
3e-k  gab,  ba  mir  eben  fo  menig  miebergeboren  maren  als  fie. 
S)enn  ba  in  ber  göttlichen  Sßeltregierung  atteS  ungeteilt 
burd)  einanber  bebingt  ift,  merben  mir  unS  nid)t  berbeblen 
tonnen,  aud)  biefeS,  bafj  unS  l)ülfreicc>e  gügnngen  sugefontmen, 
fei  bebingt  burd)  biefelbe  2Belteinrid)tung,  bermöge  beren 
Senen  feine  äbnlicge  su  £t)eil  mürben;  fo  ba%  unferSDcritgefübl 


422  S)cr  djvi)tlidje  glaube,  ^lueuer  Xtjcil.  • 

auc&  no<$  ba$  ftecbenbe  baben  mufj,  melcbe§  niemals  fehlen 
J-'ann,  wo  mir  eine  SBerbtnbung  mabmebmen  ämifebeu  unjerm 
#ortbeü  nnb  bem  9^ad)tf)eil  eine§  Slnbern.  —  $on  beiben 
Seiten  angelegen  fyat  e§  alfo  gro&e  ©djmierigfeiten  t»or* 
aufteilen,  ber  enbüdje  ©rfolg  ber  l£rlöfung  fei  ein  folget, 
bafj  Einige  smar  baburd}  ber  pcbften  ©eligfeit  tbeilbaftig 
mürben,  $inbere  aber  unb  smar  naci)  ber  gemöbnlicbern  ißor* 
ftettung  ber  größte  St^eil  be§  menfd)lict)en  ®efd)led)te§  in  un* 
mteberbringltdjer  Unfeligfeit  borloren  ginge,  ©o  ba§  mir 
eine  fold^e  SBorftettung  ntdjt  feftbalten  iollten,  obne  fo  ent= 
febiebene  ßeugniffe  baoon,  ba%  (£{jrifru§  felbft  e§  fo  borber* 
gefeben,  mie  mir  fie  !eine§megeä  baben.  ©aber  bürfen  mir 
mot  menigften§  gleic§e3  dteäzt  jener  milberen  Slnfidjt  ein* 
rannten,  moüon  ftcb  in  ber  ©djrift  bodj  au<$  ©puren  finben,1 
ba%  nämlich  burdj  bie  ®raft  ber  ©rlöfung  bereinft  eine  all* 
gemeine  SSieberberftetfung  aller  menftf)lid)en  ©eelen  erfolgen 
merbe. 

3ufas  ju  ben  propbettfc&en  Sebrftüfüen. 

28a§  au§  biefen  SJuSeinanberfesungen  beroorjugeben  febeint, 
ift  btefe§.  SSenn  gleich  beibe  (Elemente  bit  Sßotfenbung  ber 
®ircbe  nnb  bie  perfönlidje  gortbauer  jebe3  für  ftcb  mit  ooll* 
fommner  Sßaljrbeit  in  unfer  cbriftlicbe§  SöemuMein  auf* 
genommen  finb;  unb  menn  audj  feftfteljt,  bafj  bie  23oIIenbung 
ber  ®irdj)e  in  biefem  Seben  nie  §ur  ©rfebeinung  fommt,  unb 
ber  Buftanb  in  jenem  £eben  ftd)  §ur  SBolIenbung  ber  ®ircbe 
m$t  eben  fo  behalten  fann,  mie  ber  jesige:  fo  miß  ftcf> 
bemtod)  meber  au§  bem  «ßufammenfaffen  unb  Slufeinanber* 
belieben  beiber  (Elemente  eine  feftbegreinste  unb  mabrljaft  an* 
ferjautietje  $orftettung  ergeben,  noeb  läfjt  ftcb  eine  folebe  öon 
bem  einen  ober  bem  anbern  Clement  au§  ben  Einbeulungen 
ber  ©djrift  entmiffeln.  SDenn  m ollen  mir  bie  ^bee  ber  $oll* 
enbung  ber  ^iretje  gebraueben,  um  au§  ibrem  SSerl)ältni^  sunt 
unooftenbeten  ba$  Skrtjältnifc  be§  bortigen  (£mseUeben3  ju 
bem  Ijieftgen,  unb  ben  Unterfcbieb  smifdjen  beiben  ju  be* 
ftimmen:  fo  fommen  mir  bamit  ntctjt  ju  ©taube.  Unb  motten 
luir  oermittelft  ber  SSorftelluug  be§  füuftigen  ßeben§  für  bie 
uottenbete  Stirctje  einen  Drt  auSmitteln,  mo  fie  rticr)t  mebr 
nur  probucirenb  fei,  fonbern  $robuct:  fo  fönnen  mir  aueb 
bieje§  nid)t   oottbringen.     2)te  eine  $>arftettuitg3meife  mtrb 


*   tfor.  15,  26.  55. 


Sroeiier  2i6fc^nitt.  SSon  ber  SBe^affett^eit  ber  SBelt  jc.  423 

immer  in  ba§  mrjtljifdje,  b.  5.  in  geidjic&tlidje  5)arftettung 
eine§  übergef{^idbtltd)en  f)  in  einfielen;  bie  anbere  ttrirb  fid) 
immer  bem  tnjtonären  nähern,  b.  §.  ber  irbtfdjen  Storfteßung 
sine§  ü6erirbti"djen.  tlnb  biefe§  maren  aUeratt  bie  dornten 
be§  proö^etifcrjen ,  meines  in  feiner  f)öljeren  S8ebeutung  feinen 
5Inft)ru<$  barauf  mac^t,  eine  (Sr!enntni|  im  eigentli^en  Sinne 
^ert)oränbringen,  fonbern  nur  fdjon  ernannte  Sßrtnctyien  an* 
regenb  §u  geftalten  fieftimmt  ift. 


dritter  »Bf^nttt 

S?on  ben  göttlichen  ©igenfcfyaften,  toeld)c  ftdj  auf 
bte  ©rlöfung  begießen. 

§.  164.  Sßenn  totr  unfer  SBeiuufjtfetn  r>on  ber  burdj 
bie  Söirffantfeit  ber  (Möfung  nrieberbergefteHten  ©erneut* 
f$aft  mit  ©Ott  auf  bte  göttliche  Urfäcbltcbfeit  gurüff* 
fübren:  fo  fegen  hrir  bte  $flan§ung  unb  Verbreitung 
ber  djriftlicben  Strebe  als  ©ecjenftant)  ber  göttlichen  SBelt* 
regterung. 

1.  @o  tt)ie  mir  bier  ben  SBegrtff  ber  SSeltregierung  allein 
aufftellen  ftmnen,  tft  üjm  fein  anberer  ^5ttr)alt  unterzulegen. 
3)enn  für  unfer  d^rtfiltc^e§  (Selbftbettmfjtfein  tft  alles  anbere 
nur  in  Söe^ug  auf  bie  SSirffamfett  ber  Srlömng  borbanben, 
entroeber  au  beut  Organismus  gebörig,  in  meinem  baS  mteber* 
ermeffte  ©otteSben>uf3tfeüt  ftdj  austriebt,  ober  als  ©toff 
gegeben,  roelcber  burcb  btefen  erft  bearbeitet  werben  fott.  $)a 
aber  regieren  ptnäcbft  Gräfte,  roelcbe  fcbon  anberroeitig  öor* 
banben  ftnb,  in  Söetoegung  fegen  unb  fte  lenfen:  fo  oerfüijrt 
ber  9luSbruff  fetjr  leicht  bagu,  aucb  bier  an  ein  göttliches 
Senfen  irbtfd&er  Gräfte  als  fcbon  oorbanbener  ju  benfen,  unb 
bie  Sßeltregierung  öon  ber  ©cböofung  fo  gu  trennen,  bnfj  fte 
als  ettr>aS  büttennacb  ober  smifcbeneingefontmeneS  erfcbetnt, 
unb  al§  f)ätte  fönnen  oon  ber  (Schöpfung  an  alles  aucb  anberS 
geben,  als  eS  gegangen  tft  $n  bem  cbriftlicben  (glauben,  baf$ 
alleS  ju  bem  ©rlöfer  gefcbaffen  ift,1  liegt  bingegen,  bafj  fcbon 
burcb  bie  t&cböpfung  alles  oorberettenb  unb  rüfftuirfenb  ein= 
gerietet  ift  in  Söe^ug  auf  bie  Offenbarung  ©otteS  im  gleifd) 
unb  su  ber  möglieb  oollftänbtgften  Uebertragung  berfetben 
auf  bie  gan^e  menfcbltcbe  Statur  %ux  ©eftaltung  beS  SfietcbeS 
©otteS.  $>eSgleicben  böben  mir  aucb  bie  natürlicbe  SBelt  ntebt 
fo  ansufeben,  als  ob  fte  oermöge  ber  göttltcben  (Srbaltung 
ibren  ©ang  für  fieb  gebe,  unb  bie  göttlicbe  SBeltregierung 
nur  bureb  bejonbere  einzelne  Slcre  einen  (Sinflufe  auf  biefelbe 

'  ftoLl,  16. 


dritter  Slbidjnitt.  S5on  ben  göttlicfjen  (Sigenfdjaften  je.  425 

ausübe,  um  fte  mit  bem  9Md)e  ber  (Snabe  in  SBerbinbung 
§u  bringen.  93ielmebr  ftnb  un§  beibe  üötttg  ein§,  unb  mir 
ftnb  un§  beffen  gemifj,  bafj  auct)  bie  ganje  (Einrichtung  bcr 
Sttatur  üon  Anfang  an  eine  anbere  gemefen  fein  mürbe,  menn  , 
bem  menf$lid)en  ®eftf)le<$t  ntcfy:  nad)  ber  8ünbe  bit  (Er* 
löfung  bur<$  (Etjriftum  märe  beftimmt  gemefen. 

2.  £)er  in  unferat  <Sas  aufgeteilte  Sßegrtff  ber  SSelt* 
regierung  fd)eint  freilicr)  einer  Seit  anzugehören,  mo  e§  feine 
33eranlaffung  gab,  anbere§  geiftige§  Seben  neben  bem  menfcfc 
Udjen  äu  benfen,  aufgenommen  ba§  ber  (Engel,  melc&eä  aber 
bie  erften  Triften,  roie  fjerrlid)  e§  aud)  betrieben  mürbe, 
bod)  megen  mangetnber  Bereinigung  be§  göttlichen  2öefen§  \ 
mit  biefer  Sftatur  unter  ba$  menfcl)ii$e  fteüten,  unb  nur  al§  j 
ifjm  bienftbar  auf  ben  Sftenfc^en  belogen.  OTein  menn  mir .' 
aud)  nod)  fo  gern  im  oorau§  annehmen,  bie  Söelt  fei  bie 
retctifte  Offenbarung  ®otte§,  bie  mir  nur  at§  möglid)  benfen 
fönnen;  unb  menn  mir  un§  bemgemäfj  bottfommen  überzeugt 
fjätten,  auf  allen  Söeltförpern  entmiffle  ftd)  organifd>e§  Seben, 
unb  gmar  bi§  jur  Vernunft  geftetgert:  fo  märe  bie§  bodj  für 
unfer  <Selbftberou£tfein  nur  eine  teere  «Stelle.  £)enn  menn  mir 
aud)  unfer  ®attung§bemufetfein  über  ba§  menfdjlidje  ljinau§  bi§ 
3U  bem  ber  ^ntettigen§  fctjlecrjtrjin  ermeitern  fönnten:  fo 
affictrt  un§  bo$  biefe  aufsermenfdjlidje  intelligent  nid)t  eben 
fo,  bafj  mir  unfere  SBorftellung  öon  göttlichem  Söeltregiment 
ermeitern  müßten,  bi§  un§  oon  iljrem  seitlichen  Verlauf 
etma§  aufkauftet)  gegeben  mürbe.  2)a  Dte^ix  nun  nid)t§  oor* 
liegt:  fo  lennen  mir  aud)  feinen  anbern  Umfang  ber  Sßelt* 
regierung  al§  unfere  SBelt,  alfo  ba§>  (Gebiet,  in  meinem  bie 
(Erlöfung  itjre  ®raft  bemeift.  Söenn  nun  ba§jenige  (Element 
in  unferm  ©elbftbemufstfein,  roeldjeS  un§  Söemufjtfein  ber 
<Sünbe  mirb,  un§  unmittelbar  nid)t  auf  göttliche  Urfäct)Iicr)= 
fett  äuriif f füljrt :  fo  befommt  ber  begriff  ber  (Erhaltung  feinen 
ooßftänbigen  ®er}alt  nur  burd)  bie  Söeätetjuns  be§jenigen 
(Elemente^,  melctje§  un§  Sßeroufstfein  ber  ®nabe  mirb,  auf  bie 
göttliche  Urfäd)lid)feit.  2öir  fönnen  batjer  fagen,  betbe§  bort 
aufgefteßte,1  fomol  ba§  SBefen  ber  £)inge  in  ifjrer  $8e§ieljung 
auf  einanber,  als  aud)  bie  Drbnung  iljrer  gegenfeitigen  (Ein* 
mirfungen  auf  einanber,  befiele  burd)  (Sott  fo  mie  e§  befteljt, 
mit  Q5e§ug  auf  bie  erlöfenbe  ober  ben  (Seift  jur  SBoßenbung 
entmiffelnbe  Offenbarung  ($5otte§  in  (Etirtfto.  OTeS  in 
unferer  Sßelt  nämlidj,  §unäcf)ft   bie  menfdjlidje  Sßatur  unb 


1  SBal.  §.  46.  Rum  Ob.  I.  ®.  233. 


426  ©er  ctjriftlidie  ©laube.  3mctter  Xtyeii. 

bann  alle§  anbete  um  befto  genüffer,  je  inniger  e§  mit 
tf;r  äufammenljängt,  mürbe  anber§  fein  eingerichtet  gemeien, 
unb  fo  aud)  ber  gange  Verlauf  ber  menfctjüciien  Gegeben- 
heiten unb  ber  natürlichen  (Sreigmffe  ein  anberer,  menn 
nietet  bie  Bereinigung  be§  göttlichen  SBefenS  mit  ber  menf<$- 
Itetjen  Sftatur  in  ber  Verfem  (£t)rifti,  unb  in  golge  biefer 
aueö  bie  mit  ber  ©emeinfdjaft  ber  ©laubigen  burd?  ben 
^eiligen  ®eift,  ber  göttliche  3Ratljfd)lufe  geroefen  märe.  Unb 
in  Gegug  auf  unier  Urteil  über  bie  Borftellung  bon  ber 
©ütljeit  unb  ©elbigfeit  ber  ®ircl)e  gu  allen  Betten1  merben 
mir  biefe  göttliche  SSeltregierung  in  gmei  Beiträume  tijetlen, 
ben  einen,  elje  iene  Bereinigung  in  Sftaum  unb  3eü  roirfltd) 
eintrat,  in  meinem  aUe§  nur  borbereitenb  unb  einleitenb  mar, 
ben  anbern  entmiffelnben  unb  erfüllenben,  feit  fie  roirfltdj 
gemorben  tft 

3.  SBie  nun  in  ber  göttlichen  lXr?äcrjlicr)fett  überall  feine 
Teilung  ift  ober  ®egenfag,  unb  mir  bie  göttliche  2ßelt= 
regierung  nur  al§Gnne  auf(£ine§  gerietet  betrachten  tonnen; 
fo  ift  benmaef)  bie  S^irct)e  ober  ba$  ütetet)  ®otte§  in  feiner 
gangen  2lu§beljnung  unb  in  ber  gangen  §olge  feiner  (gut* 
mtfttung  ber  ©ine  ©egenftanb  ber  göttlichen  SSeltregierung, 
aEe§  ©ingelne  aber  ift  ein  foldjer  nur  al§  in  biefem  unb  für 
biefe§.  SBtr  freilief)  fönnen  für  un§  niefct  umljin,  ©ingelneg 
al§  £ljeil  biefe§  (Sangen  für  fiel)  gu  fegen,  aber  mir  irren 
gleict)  bon  bem  redeten  Sßege  ab,  menn  mir  für  biefe§  (fingeine 
eine  befonbere  bon  bem  Sufammenljang  mit  bem  fangen  aud) 
nur  irgenbmie  getrennte  göttliche  Urfäd)lict)feit  annehmen, 
mithin  (£ingelne§  al§  befonbere^  ,3iel  unb  ©rgebnifc  ber  gött- 
lichen SBeltregierung  für  ftet)  betrachten,  bem  alfo  anbere§ 
al£  Mittel  untergeorbnet  ift.  Btelmeljr  muffen  mir  bann 
gleich  al§  notljroenbige  ©orrection  biefe§  felbft  bem  übrigen 
unterorbnen,  fo  hak  alle§  einzelne  al§  gleidj  feljr  bebingenber 
unb  bebingter  2)urdjgang§lnmit  eridjeint.  SÖie  ia  audj  ber 
(Srlöfer,  menn  er  feine  jünger  einzeln  ia  in  einzelnen  Be* 
gegniffen  ifjre§  Seben§  a!3  ©egenftänbe  ber  göttlichen  (Sorg- 
falt barftellt,  babei  bod)  immer  üjren  Beruf,  alfo  iljre  Söirf* 
famfeit  im  fReict}e  ®otte§,  al§  ba§ienige  im  Stuge  Ijat,  morauf 
iene  ©orgfalt  eigentlich  gerietet  ift.  —  föternad)  mirb  un§ 
bie  gemöbnlidje  (Sintfieilung  in  eine  allgemeine  befonbere  unb 
|  aüerbefonberfte  göttliche  Borfelmng  gtemltdj  unbrauchbar. 
$)enu  foH  bie  erfte  auf  alle  2)tnge  über^au^t  geljn,  bie  gtoette 

»ßl.§.156. 


dritter  Slbfcljnitt.  SSon  ben  göttlittjej*  ^ifleniüw'ten  :c.  427 

auf  ba$  ge)ammte  Sftcnfdjengeidjledjt,  unb  bit  brüte  auf  bit 
frommen  ober  auf  baS  fHeict)  (SotteS:  io  fommt  unS  bodj 
alleS  uur  in  biefer  legten  äufammen,  meil  ficb  auf  tljren 
(Segenftanb  alleS  anbere  besteht.  Uebertjaupt  ift  ber  2luS* 
bruff  SBorfebung  fremben  UiiprungS  unb  auS  fceibmfdjen  • 
©^riftffeHern'  güerft  in  bie  fpäteren  iübifccjen  ©Triften  unb  | 
bann  in  bie  ber  djriftliccjen  ®ircbentel)rer  übergegangen,  md)t 
obne  manche  üftactjtljeile  für  bit  tiare  SarfieEung  beS  eigeu= 
tljümHdj  ccjriftlicben  (Glaubens,  melcbeS  burcb  ben  ®ebraud) 
ber  fdjriftmäfetgen  SluSbrüffe  „$orberbeftimmung ,  SBorJjer* 
öerfebung"  mürbe  oermieben  morben  fein.  S)ennbiefe  [predjenmel 
flarer  bie  SBesiefmng  jebeS  einzelnen  SljeileS  auf  ben  Bufammen* 
bang  beS  (^an^en  auS,  unb  fteffen  baS  göttliche  Söeltregiment 
als  eine  tnnerticb  äufammenftimmenbc  Slnorbnung  bar.  Unb 
fo  bafj  bieS  feineSmegeS  mit  bem  @inn  beS  ebenfalls  uncrjritf* 
ticken  5luSbruffS  ©djit'ffal  gu  t>erroec§feln  ift,  mobei  immer 
gebaut  mirb  an  ein  SBeftimmtjem  beS  einzelnen  burd)  baS 
Bufammenmirfen  alleS  übrigen  oljne  23erüfffid)tigung  beffen, 
maS  auS  bem  gürfidjgefeätfein  beS  (SegenftanbeS  Ijeroor* 
gegangen  fein  mürbe,  Obanz  ätmliccj  mirb  aber  aud)  in  bem 
SluSbrulf  SBorfetjung  borsüglidj  gebaut  eine  Söeftimmtbeit  beS 
(£in§elnen  otme  ^8erüftfi(|tigung  beffen,  maS  ftcrj  auS  feinem 
3ufammenfein  mit  allem  übrigen  natürlich  ergeben  ljätte;unb 
auctj  biefe  (ginfeittgfeit  ift  bem  begriff  ber  Sßorberbeftimmung 
fremb.  2)afj  aber  in  bit  göttliche  SBorljeröerjeljung  aud}  bie  < 
©ünbe  mit  eingefdjloffen  ift,  miemol  fie  eigentlich  ber  ^bee 
beS  UteicgeS  ®otteS  miberfprid)t,  fjat  bit  ©djrift  ietbft  feine 
<Sctjeu  ju  befennen,  fonbern  rechnet  fie  an  ben  borbereitenben 
unb  einteitenben  (Elementen  ber  göttlichen  SBeltregierung ;  unb 
mir  tonnen  aud)  als  üoHfommen  in  ficb  äufammenftimmenö 
ben  göttlichen  fHatrjfctjlufe  ernennen,  bafj  alle  Sftenfdjen  an 
biefem  früheren  «Suftanbe  3lnt&eü  rjaben  Jollen  bor  ber  neuen 
©djöpfung,  um  an  btn  Gräften  ber  lederen  nur  unter  ber 
baS  ganse  menfd)lic^e  ©afein  beftimmenben  gorm  beS  ®egen* 
fageS  tfjeüäunebmen.  9ta  bafj  bierauS  bit  oben  fdjon  auf« 
geregte  (Sc^mierigfeit  bit  SBorftetlung  einer  emigen  33  er* 
bammnifj  §u  botl§iei)en  aufs  neue  einleuchtet,  ba  eS  (jier 
barauf  anfommt,  fie  mit  ber  SSorftellung  einer  göttlichen  in 
ficb  ©inen  unb  auf  (SHneS  gerichteten  Sßeltregierung  au  ber* 
binben. 

§.  165.    Sie  göttiid&e  Urfäd)lid)fett  ftettt  fid)  un<§  in 
ber  SBeltregterung,  bar,  als  £tebe  unb  als  SBeiSfyeit. 


428  S)er  djriftlttfce  ©Icmbe.  3nmter  Xtjtil 

1.  Söte  überhaupt  bie  @ine  unb  ungeteilte  göttliche  Ur- 
fädjlidjfeit  nid^t  olme  S8ermenfd)li<$ung  in  einem  ftretje  bon 
ööttlid^en  (Sigenfdmften  bargeftettt  merben  fann:  fo  muffen 
mir  audj  Ijier,  um  bie  2lrt  unb  ^itfjtung  berfelben  ju  einem 
flaren  Söemufctiein  ju  bringen,  Differenzen  auffudjen,  bte  als 
menfdjlidje  auf  einem  ©egenfas  berufen.  -ftun  unterbleiben 
mir  in  aller  menfdjltdjen  llr[äc&liä)feit  bie  babet  sunt  ©runbe 
Iieöenbe  (SJeftnnung  bon  ber  iljr  me^r  ober  meniger  ent= 
fpredjenben  5lrt  unb  SBeife  ber  51u§füljrung.  ^ene  ftettt  am 
meifien  ba$  innerfte  be§  felbftttjättg  urfä'd)li#en  SSefenS  in 
jeiner  (£int)eit  bar  al§  beftimmt  erregten  Söttten;  bkk  geljt 
meljr  auf  ben  SBerftanb  surüff,  unb  §eigt  un§  bk  ©elbftt^ätig- 
feit  in  SBejug  auf  ben  ©egenftanb  al§  ein  Mannigfaltiges. 
9cad)  9ftaa|gabe  biefer  menfdjltdjen  Unterfc&iebe  merben  bk 
genannten  göttlichen  ©igenfdjaften  borgeftettt,  unb  entfprec&en 
fo  bem  borl)er  angegebenen  ©eljaltber  göttlichen  SSeltregierung. 
Denn  Siebe  ift  bod)  bk  §ftd)tung,  fidj  mit  anberem  Oer- 
einigen  unb  in  anberem  fein  §u  motten;  ift  baljer  ber  Singet- 
Fünft  ber  SSeltregierung  bie  ©rlöfung  unb  bk  (Stiftung  be§ 
ütetctje§  ©otte§,  mobei  e§  auf  Bereinigung  be§  göttlichen 
SSefenS  mit  ber  menfctilidjen  9catur  anfommt,  fo  fann  bie 
babei  sunt  ©runbe  liegenbe  ($5eftnmtng  nur  al§  Siebe  bor^ 
geftettt  merben.  Unter  SSet§t)eit  aber  berftetjt  man  bie  richtige 
©ntmerfung  ber  ,8tt>  elf  begriffe,  biefe  in  ttjrer  mannigfaltigen 
23  efttmmbarf  eit  unb  in  ber  (^efammttjeit  itirer  Sßertjältniffe 
5U  einanber  gebaut.  geigt  ftci>  baljer  bk  göttliche  Söelt^ 
regierung  in  ber  äufammenftimmenben  Slnorbmmg  be£  ganzen 
GbebkttZ  ber  (Srlöfung:  fo  nennen  mir  mit  SRecljt  neben  ber 
göttlichen  Siebe  bk  SßeiSIjeit  al§  bie  $unft  gleid)fam  bie  gött- 
liche Siebe  bottfommen  ju  realifiren. 

2.  Sßeibe  @igenfd)aften  bereinseln  fid)  natürlich  immenfd^ 
liefen  Seben  um  befto  letzter,  al§  megen  ber  bem  äßenidjen 
mefenttic^en  Differenz  greif  djen  SSerftanb  unb  SSttten  nur  bei 
SSenigen  unb  audj  bei  biefen  nie  bottfommen  bie  ©eftnnung 
unb  bte  3reeffbegriff§bttbung  in  einanber  aufgeben,  fonbem 
mel)r  ober  meniger  bie  Sutcbtigfett  be§  $erftanbe§  hinter  ber 
9?eiitf)eit  be§  SSittenS  gurüffbleibt  ober  umgefctjrt.  5ln  eine 
folctje  (Sntätueiung  nun  ift  im  göttlichen  SBefen  ntd)t  gubenfen; 
baljer  ftnb  aud)  biefe  beiben  (Stgenfcfyaften  gar  nietjt  irgend 
mie  getrennt,  fonbent  fo  gänslid)  etne§,  bafc  man  jebe  aueb 
al§  in  ber  anbern  fdjon  enthalten  anfefjen  fann.  <So  bah 
mir  oljiie  baburdj  irgenb  eine  Söefdjranfung  in  ©Ott  §u  fesen, 
bod?    behaupten    fönueu,    bte    göttliche    2öci§bett    fei    nicfyt 


dritter  STofdjnitt.  SSon  ben  göttlichen  ©genfcMten  Jfc  429 

geeignet,  eine  anbete  ©inticrjtung  ber  £)inge  unb  eine  anbete 
Slnotbnung  itjte§  23etlauf§  §u  beftimmen,  al§  biejenige,  rootin 
ftd)  bie  göttliche  Siebe  auf  ba§  boßfommenfte  tealifttt ;  unb 
eben  fo  menig  ift  audj  bie  göttliche  Siebe  ju  folgen  <Selbft* 
mtttb eilungen  geeignet,  in  raetcfjen  fte  nicbt  ftct)  felbft  t>off* 
fommen  genügte,  unb  alfo  nicbt  al§  bie  2öet§fjeit  fcljledj)tljin 
etfcbiene.  $)iefe  gufammenftimmung  mute  butdj  bie  folgenden 
beiben  Seljtftüffe  noctj  fetter  in§  Stdjt  gefest  roetben. 


(StfteS  Sebtftüff. 
S?on  bcr  göttlichen  Siebe. 
§.  166.    £)ie  göttliche  Siebe  als  bie  ©igenferjaft ,  öer* 
möge  beten  baä  göttliche  2Befen  fxdj  mitteilt,  roitb  in  bem 
SBerf  bet  (Srlöfung  etfamtt. 

Conf.  Basil.  V.  (p.  95.)     Status  huius  scripturae  canonicae  totius 

.      is  est,  bene  Deum  hominum  generi  velle  et  eam  benevolentiam 

per  Christum  Dominum  declarasse  .  .  quae  fide  sola  reeipiatür. 

1.  S5eibe§  tuitb  auetj  auf  unfetm  eignen  (bebtet  nicfjt  feiten 
beftritten.  SDafj  ba$  fcödjfte  SBefen  ftd)  mitteile,  unb  battn 
ba$  SBefen  bet  göttlichen  Siebe  beftejje,  mitb  oon  fielen  al§ 
mtjftifcfc  oetmorfen;  al§  auSfcfjliefjenb  aber  unb  bie  Gtroetiungen 
ber  göttlichen  ü^ottfommenbeit  auf  §u  engen  9?aum  beidjtänfenb 
ba$  anbete,  ba%  nämltdj,  fofetn  e§  übetaE  eine  göttliche  ÜDcHt* 
Teilung  gebe,  biefe  nut  tnittelft  bet  ©tlömng  <&tatt  Ijabe; 
unb  ootnetjmlicb  lenfen  auf  biefe  SSeife  bieienigen  öon  un§ 
ab,  meldte  übetrjaupt  ba§  eigentfjümlicfje  be§  (£btiftentbum§ 
meijt  in  ©chatten  (teilen  al§  Ijetöotbeben.  £)iefe  nun  et* 
tennen,  roa§  ba$  etfte  betrifft,  bie  göttliche  Siebe  in  allen  ba§ 
Seben  fctjüäenben  unb  fötbetnben  (Sinticbtungen  bet  Statut 
unb  Dtbnungen  bet  menfcfjtidjen  S£)inge;  allein,  abgelesen  öon 
bet  ©tlöfung  unb  nut  in  Meiern  (Sinn  genommen ,  bleibt  bit 
göttliche  Siebe  immet  etma§  ameifettjafteS.  SöoHen  mit  ba$ 
©injelleben  al§  ben  ©egenftanb  betfelben  anfeben,  fo  fönnen 
mit  bodj,  menn  mit  ntcfjt  in  ben  gtöbften  $atticttlati§mu§ 
^utüffftnfen  motten,  auf  bie  göttttdje  Siebe  ntcfjt  au§  folgen 
SebenSförbetungen  fctjliefeen,  roelcbe  burefj  Seben§bemmungen 
anbetet  bebingt  ftnb,  meil  bann  jebe§mat  mit  bet  Siebe  §u* 
gleich  auetj  ü)t  ©egent^eil  gegeben  mäte.1    $a  bk$  gilt  nidjt 


1  SSql.  &.  85,  1. 


430  £er  tfiriftltcfc  ©laubc.  Stoeiter  Sfjell. 

nur  bon  Sörberitngen  unb  Hemmungen  be§  ftnnlt^en  SßoljU 
ergebend,  ionbern  e§  ift  eben  fo  mit  ber  gcifttgen  (Sntroifflung 
be3  einzelnen  &eben§,  bafc  in  gar  toielen  Begebungen  bie 
Begünstigung  be§  ©inen  bebtngt  ift  burd)  Sßernacfjläffigung 
Ruberer.  SBolIen  n»ir  aber  bas?  ©inselleben  bei  (Seite  ftetlen 
unb  mebr  bie  9J?enfcr)rjeit,  alfo  unfer  ®attung§bemuBtfetn  be= 
achten:  fo  raerben  mir,  ba  t)ier  ^örberungen  unb  Hemmungen 
ber  (Sinseinen  fi<$  gegenseitig  aufgeben,  menn  fie  ficfj  gegen= 
feitig  bebingen,  um  fo  ef>er  barauf  surüfff ommen ,  bafj  ba$ 
göttliche  SSotjlrootten  fiel)  nicfjt  auf  eine  ungmeibeuttge  Söeife 
roaljrnebmen  laffe,  menn  e§  fidj  nicljt  insgemein  f^üjenb  unb 
bflegenb  gegen  ba§jenige  bemeife,  ma§  baZ  eigentbümlidjfte 
unb  böcrjfte  be§  SDcenfcfjen  ift,  nämlich  ba§  ®otte§berouf3ttetn, 
ft>elcrje§  aber  unier  ctjriftlicrjeS  5luge  aufjertjalb  be3  ®ebiete§ 
ber  (Srlöfung  überfftl  in  einem  unterbrüffteu  guftanbe  fiefjt; 
unb  fomit  finben  mir  un§  mieber  auf  bem  (gebiet  ber  göttlichen 
Selbftmittfjetlung.  So  ba§  mir  als?  (Pjriften,  felbft  menn  mir 
bie  göttliche  Siebe  nur  al§  eine  mofyltbuenbe  unb  bematjrenbe 
barftetlen  roollen,  boef)  bei  nid)t§  geringerem  al§  ber  ba§ 
(55otte§bemufetfein  erneuernden  unb  boUenbenben  ÜDftttljeilimg 
<3)otte§  in  (£l)rifto  unb  bem  Ijeil.  ®eift  fteben  bleiben  !önnen. 
2)enn  menn  gleicb  lebe  auefj  nod)  fo  unbottfommne  ®eftaltuug 
be§  ($5otte£>bemuf$tfein§ ,  ja  auetj  ber  latente  Befis  beffelben 
d§  eine§  bloß  angeftrebten  auet)  uns  für  eine  göttliche  SDcit- 
Teilung  an  bie  men)c$Udje  Statur  gilt,  fo  bod)  nietjt  für  eine 
folctje,  in  ber  mir  berufen  tonnen;  btelmetjr  geigt  eine  folctje 
fiel)  un§  bon  alten  (Seiten  nur  al§  einen  2)urd)gang§bunrt, 
an  roelcfjem*  borläufige  unb  ungenügenbe  menfcfjlicfje  Buftänbe 
berlaufen. 

2.  dagegen  mirb  miber  uniern  ©aj  eingemenbet  auf  ber 
einen  (Seite,  bafj  nierjt  nötbig  gemefen  fei  ber  (Srlöfung  gu 
märten  um  bie  göttliche  Siebe  aud)  al§  (Selbftmittljeilung 
®otte§  su  erfennen,  auf  ber  anbern  Seite,  bafj  e§  im  t)öd)ftett 
®rabe  engber^ig  fei  unb  unbanfbar,  fie  augfcfjliefjenb  unb 
einzig  in  ber  (Srlöfung  gu  finben.  2Ba§  nun  ba$  erfte  be* 
trifft,  fo  fagt  man,  9Jcittl)eilung  ©otte§  fei  in  allem,  ma§ 
irgenb  an  bem  99?enfccjen  §nm  (Sbenbilbe  ©otte§  gerechnet 
»erben  tonne,  alfo  in  ber  Vernunft  in  allen  iljren  Ber* 
itcfjtungen,  \a  in  allem,  morauf  bie  urfbrünglidje  SSofffornmen« 
beit  be§  SOtenfcfjen  beruht  unb  in  allen  unferer  9cntur  an;]e^ 
börtgen  keimen  geiftiger  (Sntmifflung.  ©ic^u  nun  gehöre 
atterbing»  audj  baä  ber  grömmtgteit  sum  ©runb  liegenbe 
©ottesbemufetfem;   allein  menn  mir  bestyatb  bk  (grfenntnifc 


dritter  STbfdjnttt.  S5on  ben  göttlichen  (Stgenfdjaften  jc.  431 

ber  göttlichen  Siebe  nur  an  bte  (Srlöfung  binben  moßten,  fo 
legten  mir  ben  größten  SSertb  auf  ba§  Weniger  bebeutenbe. 
2>enn  ber  Unterfcbieb  in  bem  Sßerbalten  ©otte§  gu  benenne* 
fcböpfen,  melcbe  gar  feine§  ($otte£>bemuf$tfein§  fätjtg  ftnb,  unb 
§u  benen  meiere  ein  folcbe§  unb  menn  aueb  nur  auf  bk  un* 
fcollfommenfte  unb  unfräfttgfte  SSeife  entmtffeln,  fei  boeb  roett 
größer  al§  ber  smifeben  ®otte§  SBerbalten  su  biefen  unb  bem 
3u  unfern  SBiebergeborenen,  roeil  ia  offenbar  ber  lXnterfctjieb 
annidjen  bem  ®otte§bemuMein§gebalt  ber  legten  beiben  meit 
geringer  ift,  al§  ämifeben  bem  ber  erften  beiben.  hierauf  in= 
befe  ift  ju  ermtebern,  bafj  aHerbing§  alle  ÜDfonfcben  al§  be§ 
<&>otte§bemut3tiein§  fähige  aueb  ©egenftänbe  ber  göttlichen 
Siebe  ftnb;  aber  in  tlmen  felbft  Dermirflicbt  fiel)  bie  göttliche 
Siebe  niebt,  fonbem  fte  bringen  Oon  ber  gurdjt  bor  ©ott,  bit 
ia  aueb  unter  bem  <$efe§  ber  öorberrfcbenbe  fromme  (Se* 
mütb§guftanb  mar,  f)öcbften§  §u  bem  negatioen  SSemufjtfein 
tmreb,  bafj  ba§>  t)öct)fte  Sßefen  niebt  neibtfctj  fei,  tt>elcbe§  noeb 
meit  baüon  entfert  ift,  eine  Anerkennung  ber  göttlicben  Siebe 
^u  fein.  2)iefe  entftebt  erft  mit  ber  SBirffamfeit  ber  ©rlöfung  < 
unb  oon  (£l)rifto  au§.  2)a  nun  aber  ©Ott  aueb  biejenigen, | 
meiere  ftdj  noäj),  mie  man  t§>  riebtig  oerftanben  oon  bem 
ganzen  aufsercbrifilicben  ©ebiet  fagen  fann,  in  bem  «Scbmanfen 
smifc^en  Abgötterei  unb  (Sottloftgfeit  bemegen,  rtictjt  grabe 
iniofern  lieben  lann  al§  fie  iljn  ntctjt  lieben:  fo  fommen  mir 
aueb  r)ter  barauf  gurüff,  ba§  er  fie  nur  liebt,  fofern  er  fie  in 
(£brifto  ftel)t,  mie  aueb  fie  ntcrjt  eber,  al§  menn  fie  felbft  in 
(£brtfto  ftnb,  sur  (Srfenntnifj  ber  göttltcrjen  Siebe  fommen.  — 
2Ba§  ba§  anbere  betrifft,  fo  mirb  gefagt,  bafj  menn  aueb  auf 
bem  (Gebiet  be§  im  ©elbftbemufjtietn  mitgefegten  ®otte§= 
benmfjtfetnS  bie  Siebe  ®otte§  erft  mit  ber  Gnclöfung  berOor== 
trete:  fo  geige  fte  fieb  boeb  auf  anbern  Gebieten  in  öielem, 
ma§  ganj  baffelbe  fei  aufjerbalb  be§  (£briftentljum3  mie 
innerbalb  beffelben,  oomebmlicb  in  allem  gelingen  menfeb- 
lieber  (Srfenntntfj  unb  menfcfjliiiier  Sperrfcbaft  über  bie  (£rbe. 
Allein  ba  aüe§  meniefcliebe  Oon  ber  $raft  ber  (grlöfung  bureb* 
brungen  merben  foll,  unb  erft  in  biefer  $erbinbnng  §u  fetner 
SSoHenbung  gelangt:  fo  ift  aueb  fein  menfcbltcbe§  ®ut,  melier 
Art  e§  immer  fei,  bem  fieb  barauf  begiebenben  göttlicben 
SBitten  gemäfj  geftaltet,  menn  e§  ntd)t  in  biefen  gufammens 
bang  mit  ber  ^»errfefjaft  be§  ©otte»bemufetfein§  in  unferer 
(Seele  bureb  GTbriftum  gebraebt  ift.  Au§  bem  aber,  ma3  ntd)t 
ben  göttlicben  SSiUen  barfteHt,  fann  auef)  niebt  bie  götttiebe 
Siebe   erfannt  merben.     linier  Sag  barf  alfo  nur  in  bem 


432  55er  ctjrtfMdje  ©laube.  3tt>etter£^eU 

Umfang  berftanben  merben,  ber  fljtn  fdjon  burd)  baS  obige1 
gefiebert  ift,  um  ftd)  boltfommen  §u  rechtfertigen. 

§.  167.    £el;ri"a§.    ©Ott  ift  bie  Siebe. 
1  30$.  4,  16. 

1.  SBenn  ferjon  immer  behauptet  morben  ift,  ba%  in  ©ott 
fein  Unterfdjieb  fein  fönne  äiutfctjen  SBefen  unb  ©igenfefcaften, 
unb  eben  be§megen  ber  begriff  (Sig'ehfdjaft  fidpm$t  re<5t 
jur  ©arftellung  be§  göttlichen  2öefen§  fctjiffe:  fo  liegt  bod) 
augleidj  biefe§  barin,  bafj  infofern  burdj  ba&,  ma§  mir  al& 
göttliche  ©igenferjaft  fe^en,  etma§  mat)re§  bon  ©ott  au§gefagt 
ift,  baffelbe  auetj  ein  2lu§bruff  für  ba§  göttliche  Sßefen  felbft 
fein  mufj.  5Iu3  biefem  ©runbe  nun  müfjten  freilict)  bon  allen 
anbern  göttlichen  (Eigenfcrjaften,  menn  fie  nierjt  auci)  at§  fotdje 
mit  Unrecht  gefest  fein  follen,  ätjnltcrje  ©äse  gebilbet  merben 
fönnen ;  aber  meber  fommen  bergleicrjen  in  ber  Schrift  bor, 
nodj  fjat  man  in  ber  fircrjlidjen  Se^re  jemals  aufgeteilt,  ©ott 
fei  bie  ©migfeit  ober  bk  5Mmact)t  ober  ä§nli$e§.  Unb  menn 
mir  menigften§  magen  tonnten  ju  fagen,  ©Ott  fei  bk  liebenbe 
2UImacrjt  ober  bie  allmächtige  Siebe:  fo  merben  mir  boä)  ge= 
fielen,  bafj  in  ber  einen  gorm  ntct)t  minber  al§  in  ber 
anbern  bod)  nur  bk  Siebe  bem  ©ein  ober  SBefen  ©otte§ 
gleicfegefest  mirb.  SDarum  mufc  unfer  @a§  in  biefer  au§* 
fcrjliefjenben  gorm  begrünbet  unb  gerechtfertigt  merben,  bafj 

|  nur  bie  Siebe  unb  nidjt  eine  anbere  göttliche  ©igenfdjaft  fo 
\  fann  ©ott  gleich  gefest  merben.  üftur  berftetjt  ficrj,  ba%  mir 
audj  f)ier  in  teine  23esiel)ung  treten  motten  su  irgenb  einem 
auf  fbeculatibem  Söege  gefunbenen  Söegriff  bon  ©ott;  fonbem 
ba%  mir  nur  p  seigen  Ijaben,  me§fjalb  ftd)  biefe  (£igenfd)aft 
auf  fotetje  äöeife  untertreibe  bon  ben  anbern,  bie  mir  auf 
unferm  SSege  aufgeftettt  traben. 

2.  2öa§  nun  sunäd)ft  bk  in  bem  erften  £ljeil  unferer 
£)arftettung  ermittelten  (£igenfcf)aften  betrifft:  fo  traben  biefe 
fcf)on  bamal§  barauf  bersict»tet,2  jold)e  5lu§brütfe  be§  gört* 
liefen  2öefen§  su  fein,  meiere  an  bk  (Stelle  be3  SftamenS 
felbft  gefest  merben  tonnten.  $)cnn  menn  mir  audj  bk  5IU- 
madjt  ertlären  als  bie  QHgenfdjaft,  bermöge  bereu  atte§  enb= 
lictje  fo  mie  e3  ift  burd)  ©ott  ift:  fo  tjaben  mir  freiließ  bie 
ganje  göttliche  £t)at  gefegt  aber  ot)ne  9Wotib,  alfo  al§  &anb= 
lung  fd)led)tlnn  unbeftimmt,  unb  e§  fann  nur  in  $3esug  auf 
ba%  gemorbene  quantttnttb  betrachtet  miftbräuct)lid)  gefdjeljen, 


1  §•  164.  ■  3Sfli.  §.  56.  3ufaa. 


«Dritter  STCfdjnttt.  SSon  ben  göttlichen  (Eigen  haften  5C  435 

ba%  man  ©ott  bit  OTmadjt  nennt.  9?ämlic&  ba  ba§  ©nbltdje 
al§  foldjeg  ntdjt  nur  ein  mannigfaltige^  ift,  fonbem  audj  ein 
beraub  erlidje§  unb  un§  immer  nur  in  bergänglidjen  3u* 
ftänben  alfo  in  3)urd)gang§tmnften  gegebene^:  fo  liegt  in 
iener  (Srflärung  gar  niäit,  als  ma§  eigentlich  baä  Sublime 
burdj  ©ott  ift,  unb  er  eS  rotll  unb  fest;  unb  mir  bleiben, 
menn  mir  nid)t  über  ieneS  ($thwt  binau§geljn,  immer  in  Un* 
genrifef) zit  über  ben  in  ber  OTmacbt  mitgefeäten  Söillen 
©otteg  af§  folgen.  SDaffelbe  gilt  natürlich  audj  bon  ben 
übrigen  bort  abgebanbelten  göttlichen  ©igenfdjaften.  Sa  ba 
fte  un§  inggefammt  in  ber  9lbftraction  oon  bem  beftimmten 
©efüt)I§gebalt  unfereS  <55otte§bemuMein§  gemorben  finb:  fo 
merben  mir  fagen  muffen,  menn  mir  fte  nidjt  in  bk  ©igen* 
fdjaften  ©otte§,  bk  un§  au§  ber  Betrachtung  biefe§  ©efübl§* 
geljalteS  merben,  Ijineinbenfen  —  mie  in  ber  gormel,  ©ort 
ift  bk  allmächtige  ober  emige  Siebe,  gefdjiefjt  —  fonbem  M 
ilmen  allein  ftefjn  bleiben,  fo  ift  ein  ©laube  an  (Sott  al§  ben 
attmäebttgen  unb  emigen  nur  jener  ©Ratten  be§  ©lauben§, 
ben  au<$  bk  Teufel  fyabtn  tonnen.1  —  £)ie  beiben  in  unferm 
anbern  £Ijeil  smar  aber  hti  beffen  erfter  <&dk  abgeljanbelten 
©tgenfdjaften  ftnb  aud)  nidjt  foldje,  bk  urfürünglid)  könnten 
Slu§brü!fe  be§  göttlichen  2öefen§  fein.  $>enn  mir  fönnen 
nidjt  fagen,  ba%  ©ott  in  ftdj  felbft  bie  ©eredjtigfett  fei  unb 
bie  £>eiligfeit  fei,  meil  betbe§  nidjt  gebaut  merben  fann  oljne 
Söesietjung  auf  ba§  SBöfe  unb  auf  ben  ©egenfas  ärotfetjen  bem 
©uten  unb  Sööfen,  beibeS  aber  fomol  ber  ©egenfaj  al§  audj 
beffen  5luflöfung  ift  überall  nidjt  für  ©ort,  iljn  für  ftdj  allein 
betrachtet,  £)afjer  ift  audj  bk  Sßirffamfeit  biefer  ©igen* 
fdjaften  abgefonbert  bon  ben  anbern  nur  auf  ein  gemiffeS 
©ebiet  befdjränft,  unb  fte  merben  erft  redjt  al§  göttliche 
(Etgenfdjaften  erfannt,  menn  mir  biefer  3lbfonberung  ein 
<£nbe  machen  unb  fte  in  bieienigen  auflöfen,  meiere  al§  (Sr* 
gebntfc  ber  smeiten  ©älfte  unferer  2)arfteIIung  r)ier  abge* 
fanbelt  merben;  fo  bafj,  ma§  mir  al§  ba$  SSerf  ber  gött* 
liefen  £eiligfeit  unb  ©eredjtigfeit  betradjtet  baben,  bodj 
eigentlich  menn  gleich  meljr  borbereitenb  al§  erfüttenb  mit  ju 
bem  Sßerf  ber  ©rlöfung  geregnet  mirb.  Sfcne  beiben  ©igen* 
f djaften  merben  un§  bann  mieber  §ur  göttlichen  Siebe,  biefe 
aber  nur  in  iljren  borbereitenben  5Ieufjerungen  betrachtet; 
unb  bie  göttliche  Siebe  ift  bie  ^eilige  unb  gerechte,  fofern  fie 
mit  biefen  Vorbereitungen  mefentlid)  beginnt,  mie  fie  audj 


1  3af.  2,  19. 
@<Si.,  eijriftr.ot.n. 


434  SDer  djrtfittc&e  ©taube.  Stoeiter  XfjeiU 

bie  aHmiidjtige  unb  bie  emige  ift.  SSenn  nun  alfo  Siebe  unb 
SöeiSbett  allem  ben  Slnfprud)  behalten,  gugleic^  5lu§brüffe  für 
ba§  Sßefcn  ©otte§  felbft  gu  fein,  mir  aber  bod)  ntctjt  eben  fo 
fagen,  ©Ott  ift  bie  SBetSljeit  tote  ©ott  ift  bie  Siebe:  fo  läßt 
fidj  hierüber,  aud)  fd)on  ebe  ber  begriff  ber  2Bei§(jeit  eben- 
falls ausgeführt  ift,  folgenbe  9lu§funft  geben.  SBemt  mir  auf 
bte  2lrt  feljen,  mie  mir  beiberlei  SBemufetfeüt  fmben,  fo  Ijaben 
mir  ba$  ber  göttlichen  Siebe  unmittelbar  in  bem  33emu|tfein 
ber  (Srlöfwtg,  unb  inbent  biefe§  ber  ©runb  ift,  auf  ben  mir 
aHe§  anbere  ©otteSbemufetfein  auftragen,  repräfentirt  e§  un3 
natürlich  ba$  SSefen  ©otteS.  3)ie  göttliche  2Bei§fceit  aber 
fomtnt  un§  nierjt  auf  eine  fo  unmittelbare  Söeife  in§  Söe* 
ttmfctfein,  fonbern  nur  menn  mir  unfer  ©elbftbemufetfein,  fd)on 
ba$  perfönltclje  nodj  meljr  aber  ba§  ©attungSbemufjtfein ,  sur 
S3estef)ung  aller  Momente  aufeinanber  ermeitern.  ^a  mie 
beibe  ©igenfdjaften  nietjt  getrennt  t>on  einanber  gebaut 
merben  tonnen,  bann  aber  nietjt  bie  Siebe  bie  XMfommenljeit 
ber  2öei§t)ett  ift,  fonbern  bie  SSet^tjeit  bie  SBottfornmenbeit 
ber  Siebe:  fo  märe  bod)  nid)t  eben  fo  ooüt'ommen  bie  Siebe 
mit  eingefdjloff  en ,  menn  mir  ©ott  als  2Bei§t)eit  benten,  mie 
bie  2Sei§f)eit,  menn  mir  ifm  als  Siebe  benfen ;  benn  mo  bie 
allmächtige  Siebe  ift,  mufc  aud)  bie  f<$led)t§inige  SöeiSljeit  fein. 

BmeiteS  Se&rftüff. 
Statt  ber  flöititöjcn  SBetilljcit* 
§.  168.    ®ie  göttliche  2Bei3l?ett  ift  i>a<3  t)it  SBelt  für 
bie  in  ber  ©rlöfung  fi$  betfyättgenbe  göttliche  Selbftntit- 
Teilung  orbnenbe  unb  beftimtnenbe  $rtnci:p. 

1.  $)a§  befonbere  SSerljältntfj,  meld)e§  un§  oben1  fehlte, 
um  bie  göttliche  SBet§t)ett  al§  eine  oon  ber  göttlichen  OTmiffen* 
beit  berfebiebene  ©igenfdjaft  ju  fe^en,  ift  in  biefem  3ujammen= 
bang  berfelben  mit  ber  göttlichen  Siebe  gefunben.  (£3  bieibt 
aber  bemotmeradjtet  maljr,  bafj  bie  göttlid)e  OTmiffenljeit  fo 
beftimmt,  mie  mir  bort  getban  ijaben,  nur  baffelbe  in  (&ott 
fe^t  ma§  bie  göttliche  Sßetö&eit;  nur  mirb  un8  ba$  geitlofe 
2Serl)ältnifs  natürlich  ein  smiefac^e§,  al§  ba$  oorbergebenbc 
Sföort  bie  SBetSöeit  al§  ba$  nacbfolgenbe  bie  TOmiffenfjeü. 
SDcitljin  ift  aud)  bte  legte  in  bemfelben  SSerljältnife  §u  ber  gött* 
lieben  Siebe  mie  bie  erfte,  unb  aHe§  ©ein  in  ©ott  nur  als 
boS  burd)  feine  Siebe  Vermittelte  gefest.    Unb  fcierauS  ergänzt 

1  SSfll.  §.  55.  1.  39b.  I.  ©.  293  ff. 


dritter  Stöfönttt.  SSo«  ben  göttlichen  ßigenf Soften  jc.  435 

ftdj  audj,  raa§  idj  anberraärtS1  für  ein  anbere§  bebtet  über 
ba§  Sßerbättntfs  sraifdjen  Siebe  unb  2Bet§beit  gejagt  fyabt, 
baburdj  nämlich,  bafe  baä  borbergeljenbe  SSort  auä)  unmittelbar 
ba%  tjerborbringenbe  ift  2öa§  aber  barau§,  bafj  rair  bie 
göttliche  2kbt  and)  al§  3Bei§beit  fe^en,  sunäcbft  folgt,  ift  btefe§f 
bafj  rair  ba§  gefammte  ertbtictje  ©ein  unmöglich  in  fetner 
23este§ung  auf  unfer  (SotteSberaufjtfein  betrauten  tonnen, 
aufjer  —  raelcbe§  rair  in  bem  $fo§bruff  SBelt  au<$  immer  mit* 
benfen  —  al§  ba$  fctjted)tr)in  aufammenftimmenbe  göttliche 
®unftraerf.  2)enn  raie  aud)  in  bem  menfdjlidjen  (Sebiet  bic 
richtige  unb  boßfommne  (ümtraerfung  ber  ^bee  eine§  ®unft« 
raerfeg  ba§  urfprünglidie  SSerf  ber  2^ei§beit  ift,  fo  bafj  audj 
ben  eigentlichen  £anblungen  nur  infofern  Üjr  Urfprung  in  ber 
2öet^r)ett  angeraiefen  rairb,  at§  fie  foraol  im  Bufammenbang 
be§  ganzen  ßebeng  al§  auc^  für  fiel)  gugleic^  fönnen  al§  ®unft* 
raer!e  unb  Steile  eine§  foldjen  angefeljen  raerben,  ber  bott* 
fommenfte  Sftenfdj  aber  berjenige  raäre,  beffen  fämmtlidje 
©ntraürfe  su  Söerfen  unb  Staaten  ein  bottftänbige§  (San^e  ber 
mitt^eilenben  (SelbftbarfteHung  bitbeten:  fo  ift  aud)  bk  göttliche 
2Sei§fjeit  nichts  anbere§  al§  ba§  Jjöcrjfte  Sßefen  in  biefer 
fcbledjtftmigen,  ntdjt  aufammengefest  fonbern  einfach  unb  ur* 
fbrüngli$  boHfommnen  ©elbfibarftellung  unb  Sötttttjeüunfl 
gebaut.*  ^ur  bafj  rair  un§  nodj  bie  Leitung  raegbenfen 
muffen,  bafj,  raie  e§  feinen  Unterfctjieb  giebt  sraifc^en  göttlichen 
SBerfen  unb  Saaten,  fo  aucr)  nictjt  raie  hei  un§  in  ben  Saaten 
metjr  bie  äftittfjeitung,  in  ben  SSerfen  meljr  bk  ©arftetfung 
toorljerrf<$t,  fonbern  nur  für  un§  baä  ©ine  urforünglidj  gört* 
Iict)e  ÜUättrjeilung  raar  unb  bann  ©arfteEung  rairb,  ba§  anbere 
umgefefjrt.  (£ben  hierin  aber,  ba%  bk  (Senbung  (Ebriftt  mt§ 
urfbrünglid)  göttliche  TOttfjeilung  ift,  liegt  ber  ®runb,  raarum 
biefer  Slu§bru!f  borge^ogen  ift.  2)ie  (Smtraifflung  unfere§ 
$8eraufctfein§  Don  ber  2Bei§fjett  ®otte§  beftetjt  barin,  ba%  bic 
9JUttf)eüung  in  ttjrem  seitlichen  gortfdjreiten  un§  immer  meljr 
§ur  bottfommnen  $)arftettung  ber  attmäcbtigen  Qitht  ®otteS 
raerbe.  —  2)emnäcrjft  aber  ift  raol  borsufelm,  ba%  rair  unfern 
begriff  nicr)t  baburdj  berfälfdjen,  bafj  rair  unfern  ($5egenfaj  bon 
3toef!  unb  Mittel  mit  bineintragen.  2)er  ®runb  su  biefer 
SSorftdjt  ift  fcbon  in  bem  obigen  gelegt.  ©enn  fdjon  jebeS 
menjdjlidäe  ®unftraerf  ift  um  fo  botttommner,  je  meljr  eS  fo 


1  3n  meiner  2C6f)anbIung   über  bie  totffenfäaftHdje  Sefjcmblmtg   be« 
S^tgenbbegtiffS  ©.  ©enffc^r.  b.  Wab.  b.  Sß.  Sa^rg.  1819. 
8  8ty.  ®ef(|.  17,  24—28. 


436  $er  cftriftlicfre  Glaube.  Breitet  Sfteil. 

in  btefem  begriff  aufaßt,  bofe  innerhalb  beweiben  ntdjtS  in 

biefen  ®egenms  bon  Bmeff  unb  bittet  fällt,   fonbern  atteS 

ftcb  nur  berbält  mie  2l)eil  äum  (Sanken,  unb  bie  SRittel  nur 

aufeerljalb  beffelben  liegen;  unb  als  nod)  böbere  $ollfommen= 

Seit   geigt    ftdj    biejeS    in   ber  SJnmenbung  auf  ein  gangeS 

menfd)lid)eS  2eben.    SBie  füllte  alfo  nid)t  bielmeljr  no$  bie 

göttliche  SBeiSbeit  biefen  ®egen)ag  fo  auSfd)ltefeen ,  bafe,  ba 

nidj«    fit  aufcerfalb  ber  SBeit,  maS  ol§  Mittel   gebraust 

merben  tonnte,  atteS  innerhalb  berjelben  fo  georbnet  märe, 

ba§  eS  ftd&  in  feiner  Serbinbung  mit  allem  übrigen  betrautet 

nur  mie  Stfjetl  gum  (Sanken  berljält,  iebeS  aber  einzeln  für 

ficfc  fo  fe&r  gugletcb  Mittel  unb  3raetf  ift,  ba%  biefe  £e* 

trac&tungSmeife  fi<fc  jebeSmal  gleicb  mieber  aufgebt  unb  tn  bie 

anbere  übergebt.    ®ieS  ift  nun  gmar  inforoeit  allgemein  an* 

erfannt,  ba%  niemanb  in  ©Ott,  inbem  bie  28eiS&eit  auStöltefciidj 

inber^t^ttg?citber3me!fbegriffegefestmürbe,getrenntoonber* 

felben  nod)  eine  ®iugf)eit  als  SBottfommenljeit  in  ber  SBaljl  unb 

bem©ebraucb  ber  Mittel  annimmt;  allein  ba$  ift  nod)  häufig 

genug  unb  md)t  biel  minber  bermirrenb,  ba%  man  bod)  bie  ®lug= 

Seit  a!8  Seftanbtljeii  in  ben  Segriff  ber  göttlichen  SßeiStjeit 

mit  aufnimmt,  unb  biefe  erflärt  für  hh  göttliche  Sottfommen* 

beit  fomol  in  ber  geftfteüung  ber  3n)effe  als  in  ber  Se* 

ftimmung  ber  Mittel.    ©enn  Mittel  merben  immer  nur  an* 

gemenbet,  mo  ber  £anbelnbe  auf  bon  ibm  felbft  nie&t  berbor* 

gebrautes  gurüffgebn  mufe.    ©cbmerltd)  lann  man  aud)  eine 

Seftimmung  bon  Mitteln  anberS  benfen,  als  unter  ber  gorm 

einer  SHuSmaljl,  b.  lj.  inbem  man  gu  ^er  bon  unS  beteiligten 

mittleren  (Stfenntnifc    mieber    gurüfffommt.    Unb  fo  ftimmt 

aud)  biefeS  bamtt  gufammen,  bafe  beibe  bie  SBeiSljett  unb  bte 

SlllnuffenCjeit  ©otteS  gleid)  ftnb  unter  ftdj  unb  mit  ber  gött* 

lieben  ^erborbringung,   unb  bafj  man  biefe  ©leidjljeit  nidjt 

aufbeben  lann  ofae  bk  Segriffe  felbft  gu  bcrunreinigen  unb 

umgefebrt.  ,        •        -,,--_,, 

2.    2)afe  mir  nun  bie  (Srlöfung  als  ben  eigentlichen  ©cpluffel 

gum  Serfiänbnifc  ber  göttlichen  SBeiSbeit  aucrfennsn,  ift  bie 

eigentbüinlid)  d)riftlid)e  Sluffaffung  btejeS  ©egenftanbeS.    SDenn 

unfer  cbriftlicfcS  ©elbftbemufetfein  aud)  in  feiner  größten  (£r* 

meiterung  fann  ftd)  nicbt  über  baS  binauSberftetgen,  maS  mit 

uns  inSegiebungftebt;  unb  alle  göttliche  SBeltorbnung  inner* 

ijatb  biefeS  ©ebteteS   fönnen  mir  aud)  nur  auf  bie  Offen* 

barung   ©otteS  in  (£l)rtfto  unb  bem  beütgen  (Seift  beuten, 

menn   mir  fte  unS   mabrfjaft  aneignen   motten.     Slber  bieS 

mtvb  feineSmegeS  ausarten  in  eine  berSrfoildumg  ber  natür* 


dritter  8ttfdjnttt.  SSon  bcn  göttlichen  gtßenfäaftenjc  437 

li^en  $>inge  mtberftrebenbe  ®udjt  in  einzelnen  (Sretgniffen 
einzelne  3lbsmeffungen  berfelben  auf  ba§  Sfteid)  ®otte§  su 
finben;  inbem  mir  ja  bann  immer  nur  auf  2)urcbgang§üunfte 
belögen,  beten  SSertlj  für  ba§  ©anse  un§  böllig  unbefannt 
ift.  Söofjl  aber  merben  mir  un§  büten,  niebt  bie  göttlicbe 
5lnorbmmg  ber  äußeren  unb  leiblichen  Statur  unb  \>it  3ln* 
ftalten  *ur  ©ntmiffiung  be§  menfepcben  ®eifte§  nad}  allen 
(Seiten  §tn  auf  folebe  5Xrt  ber  göttlichen  SSeiäljeit  suju* 
febreiben,  ba%  mir  fte  sugleictj  bon  bem  (bebtet  ber  ©riöfung 
trennen.  2)enn  roa§  mit  biefem  gar  ntdjt  in  SSerbinbung 
ftänbe,  unb  ntdjt  sugleict)  au<$  gan§  unb  gar  bon  bem  menjeb* 
liefen  ßeben  getrennt  märe,  mie  mir  e§  öon  feinem  £Ijetle 
ber  äußern  Statur  mit  IRecrjt  fagen  fönnen,  ba§  !önnte  au<$ 
eben  fo  leicht  bem  Fortgang  ber  ßrdömng  fdjaben,  unb  märe 
bann  nid)t  in  ber  göttlichen  2öei§tjeit  öorgebilbet.  Dber  mie 
tonnten  mir  glauben  bie  göttliche  SBei^eit  ergrünbet  tu 
baben,  menn  mir  ibre  Minderungen  nur  fo  auff äffen,  bafc  fte 
aueb  gelegentlicb  mit  bem  pdjften  ^ntereffe  be§  ätfenfdjen  im 
SStberfprud)  fielen  fönnen?  2)arum  tmtfe  aHe§  in  ber  SBelt 
gerabe  infofern,  aI8  e§  ber  göttlichen  23et§bett  §ugefcbrieben 
mirb,  audj  auf  bie  erlöfenbe  ober  neufdjaffenbe  Offenbarung 
®otte§  besogen  merben.  ©a§  eigentlicbe  SSerf  ber  SBeiS^eit 
<$5otte§  ift  baljer  gan§  eigentlich  hk  Verbreitung  ber  ©rtöfung, 
ober  auf  ber  einen  (Seite  bie  3lrt  unb  äöeife  mie  unb  bie 
Drbnung  in  melier  bie  (Srraätjlung  öollaogen,  unb  bit 
Sßiebergeburt  ber  (Stnselnen  fomol  al§  ganser  Waffen  be§ 
ntenfdjtic&en  ^5efct)Iecr)te§  bewirft  mirb,  auf  ber  anbera  <5titt 
bie  med)felnbe  Umgeftaltung  ber  <^riftlicr)en  ®emeinfd)aft,  i* 
nacljbem  bie  in§  Seben  gerufene  cbrtftltdje  grömmtgfeit  mit 
anbern  unb  anbem  menfdjltdjen  guftänben  in  SSerbinbung 
getreten  ift  ober  treten  foü.  ©aljer  auefj  ba§  SBeftreben,  in 
bie  un§  noeb  Verborgenen  liefen  ber  göttlichen  SSeiS^ett 
einbringen  m  motten,  an  unb  für  fiel)  immer  §u  billigen  ift 
(£§  !ann  audj  ntdjt  baburd)  aufboren  löbltcb  iu  lein,  ba%  eS 
ju  fer)r  in§  eingelne  ge§n  min,  —  benn  mag  al§  ein  einselne§ 
im  (Gebiet  ber  göttlicrjen  (Sfrtabe  angefefjen  merben  fann,  ba3 
ift  auä)  niebt  *u  fleht,  um  al3  ein  ©egenftanb  ber  göttlicben 
3Bei§beit  betraebtet  §u  merben,  —  fonbern  nur  babureb  bafc 
mir  bie  fd)led)tbinige  ©inbeit  berfelben  burdj  ben  ®egenfaj 
öon  3meü  unb  Mittel  öerfälfcben. 

§.  169.    Se^rfaj.    2)ie    göttliche   2BeiÄ$eit   ift   ber 
©runb,  oennöge  beffen  bie  Sßelt  als  ©djauplafc  ber  (Sr* 


438  ©er  djriftltdie  glaube.  3toeiter  Sfjell. 


löfung   auä)  btc  jd)lcd)t^intqe  Offenbarung  be3  Ijödtften 
2Befen<3  ift,  mithin  gut 

1.  tiefer  ©aj,  ben  mir  früher  fcbon1  angeregt  Reiben, 
aber  bier  erft  au§fübren  fönnen  unb  ber  mebr  ba§>  bereits 
gefagte  fdjärfer  äufammenfafjt,  al§  bafe  er  etma§  neues  ent* 
fnelte,  forbert  mefentlicb,  bafe  mir  na<$  einer  größeren  gött- 
lieben  SOctttbeitung  nidjt  au§feben  f ollen,  al§  bie  mittelft  ber 
(Srlö)ung  bnreb  (£ljriftum  in  bem  SDcenfcbengefcblecbt  bemirfte. 
Unb  in  biefem  (Sinne  mufc  er  ftdj  sunäcbft  bemäbren  an  ^mei 
Säjen,  bie  mir  an  ben  beiben  ßnben  biefe§  ahmten  £beil§ 
unferer  $)arftellung  finben.  Buerft  nämltd)  bringt  überall 
bie  (Sünbe  eine  Verringerung  be§  ($5otte§bemuf3tfein§  unb 
alfo  ber  göttlichen  SDcittbeilung  berbor.  ^immt  man  nun 
bor  ber  (Sünbe  einen  mirflieben  guftanb  ber  SReinbeit  ober 
gar  ber  ftttlicrjen  unb  geiftigen  SBottfommenbeit  an,  melcber 
alfo  bureb  bie  (Sünbe  unterbroeben  merben  tonnte  ober  aueb 
nidjt:  fo  müfete  man  benn  aueb  unfereS  (Sase§  megen  an* 
nebmen,  bafe,  menn  fein  (Sünbenfall  erfolgt,  mitbin  aueb  feine 
©rlöuing  nötbig  gemefen  märe,  al§bann  boeb  bie  WiU 
tbeilung  be§  göttlicben  2Befen§  geringer  gemefen  fein  mürbe, 
al§>  iejt  mit  ber  <Sünbe  aber  aueb  mit  ber  (Srlöfung.  3meiten§, 
fo  lange  bie  Unmiebergeborenen  §iex  in  ber  ®emetnjcbaft  mit 
ben  grommen  leben,  fommen  aueb  ibnen  5lnflänge  bon 
(Seligfeit  bureb  ba&  iljnen  immer  noeb  einmobnenbe  ©otte§- 
bemufctfein ;  unb  biefe  zeigen  ftdj  aueb  fräfttg  in  ibnen  ai§  bor^ 
bereitenbe  (S5nabenmirfungen.  Sftimmt  man  nun  für  alle,  bie 
auf  biefem  SBege  ntd)t  febon  jur  SSiebergeburt  gelangt  maren, 
eine  ©nrigfett  ber  ^öüenftrafen  al§  unberminberte  Unfeügfeit 
an:  fo  mufe  man  unfereS  Saje§  megen  behaupten,  bak  bei  biefer 
Einrichtung  bennod)  bie  (Summe  ber  göttlicben  DJcittbetlung 
größer  fei,  al§  menn  nad)  bem  £obe  aueb  bie  SBiebergeburt  ber 
imSeben  ntctjt  f o  meit  gef örbert  gemefenen  möglieb  geblieben  märe. 

2.  S)iefelbe  gorberung  unfere§  <Sase§  muffen  mir  nod) 
bon  einer  anbern  ©eite  betrachten.  (Stellen  mir  (£§riftum 
als  ba$  bom  ®otte§benmfetfem  genta  unb  gar  burcbbruugene 
unb  beäbalh  in  bie  böllige  ©inbeit  mit  bem  ipöcbften  auf* 
genommene  ©inselmef  en  an  bie  «Spi^e :  f o  ift  atte§  übrige  nur 
eine  unfcollt'ommne  unb  ungleicbmäfjige  Smrcbbringung,  meldje 
innerhalb  ber  bernünftigen  Statur  burd)  bie  öerfdjtebenen 
©cmctnfcbaftS*  unb  <Borbereituug§fretfe  immer  mebr  abnimmt. 


1  @.  §.  59.  3ufoä. 


dritter  Stöfämtt.  Sott  ben  göttlichen  ©tgenfdjaften  :c  439 


unb  in  ber  unoernünftigen  unb  unbelebten  Statut",  toenn  man 
biefe  als  etmaS  für  ftd)  fest,  gänslid)  öerfdjminbet.  Unb  bodj 
foH  nad)  unferm  <Sas  biefe  befdjränfte  unb  fo  jerftreute  9fttt* 
Teilung  be§  Södjften  28efen§  baä  oottftänbtge  ©rgebnifj  fein, 
in  meinem  bie  göttliche  2öet§^ett  ganj  aufgebt,  fo  mie  bic 
göttlidje  Siebe  barin  ifjre  oöttige  Söefriebigung  finbet;  mobel 
un§  oöttig  sroeifeltjaft  loerben  mu§,  ob  ba§  bermmftlofe  unb 
bemufetiofe  an  unb  für  ftd)  aud)  fott  ein  (Segenftanb  ber  gött* 
lictjen  Siebe  fein,  meil  mir  e§  mitten  unter  bem  öon  ber 
2öet§r)eit  ®otte§  georbneten  finben,  ober  ob  e§  aud)  Jjieoon 
fott  auSfdjloffen  fein,  toeil  e§  boct;  an  ienem  feinen  Stljeil  Ijaben 
fann.  Senn  bie  2lu§funft,  bie  Vernunft  bebürfe  biefer  ge* 
fammten  Slbftufungen  be§  untergeorbneten  $)afein§  al§  Unter* 
läge  für  £&r  eignet,  bleibt  immer  un§ureid)enb,  weil  bie  gört* 
licrje  2öei§tjeit  barin  all  bebingt  borauSgefeat  roirb.  28it 
muffen  batjer  biefeS  baju  nehmen,  bafj  atte§,  roa§  an  unb  für 
ftd)  felbft  ööttlidje  9Jcittlj  eilung  aufzunehmen  nidjt  fäljig  ift, 
in  Seben§öerbinbung  mit  bem  fott  gebracht  roerben,  morüt 
foldje  SQ^tttrjeilung  itjren  ©ij  rjat;  morau§  benn  folgt,  bafj  fo 
lange  biefe  SSerbinbung  nod)  nidjt  nad)  allen  (Seiten  in§  28erf 
geiest  ift,  unö  ber  .(Seift  ftd)  nod)  nidjt  in  allem  bermtnfttofen 
bod)  irgenbroie  auSfpridjt  unb  barftettt,  fo  lange  audj  bk 
göttlidje  SSei§r)ett  un§  nidjt  in  allem  ierfdjeinen  fann,  bafc 
aber,  menn  bie  2Selt  burdj  un§  mirb  für  un§  fertig  fein,  ftdj 
aud)  beutltct)  zeigen  mirb,  'ba%  atteS  nur  infofern  ift,  al§  eS 
au,-f-  Ctti  ßJegenftanb  ber  goftlidjen  Siebe  fein  fann. 

3.  SSie  nun  Ijier  erft  !in  ber  SSesieljung  auf  bie  göttlidje 
Siebe  bte  im  erften  £{jeil  bargeftettten  göttlichen  ©igenfcrjaften 
it)re  Ootte  SBebeutung  erhalten:  fo  füt)rt  un§  bk  göttliche 
2öei§r)eit  at§  Entfaltung  ber  Siebe  rjier  an  baä  ©ebiet  ber 
d)riftlic^en  (Sittenlehre,  inbem  un§  bk  Aufgabe  entfielt,  bie 
Söelt  al§  bie  gut  immer  met)r  zur  Slnerfennung  ju  bringen, 
unb  ber  urfprünglidj  ber  SSeltorbnung  zum  (Srunbe  liegenben 
göttlichen  $bee  gemäfc  atte£  bem  göttlichen  (Seift  als  Organ 
anzubitben,  unb  fo  mit  bem  (Softem  ber  ©rlöfung  in  $er* 
binbung  zu  bringen,  auf  bafj  mir  in  beiber  #infidjt  zur  r>oH* 
fommnen  SebenSgemeinfdjaft  mit  GTtjrifto  gelangen,  fomol  in* 
jofern  al£  ber  SSater  iljm  9)cad)t  gegeben  rjat  über  atte§,  a!3 
audj  fofern  er  iljm  immer  größere  SSerfe  jeigt,  al§  bk  er 
fdjon  erfannt  Jjat.  2)aljer  benn  bk  SBelt  nur  infofern  al§ 
oottfommne  Offenbarung  ber  göttlichen  SBeiS^ett  gefaxt  merben 
fann,  all  ber  heilige  ®eift  bon  ber  ctjrtftlicrjen  SHrdje  au§  fidj 
al§  bie  lejte  meltbilbenbe  ®raft  aeltenb  mac^t. 


SSon  ber  göttlichen  DrcKjctt. 


§.  170.  Sitten  tt>efetttlid&e  in  biefer  anbern  ©eite  be£ 
feiten  X^tiU  unferer  Storfteflurtg  tft  aud)  in  bent 
toefenttid^en  ber  SErinitätglefyre  gefegt;  biefe  Se^re  felbft 
aber  in  ifyrer  firajtidjen  gaffung  ift  nidjt  eine  unmttteü 
bare  2tu3fage  über  <$rtftli<$e3  ©elbftbetoufctfein ,  fonbern 
nur  eine  SBerfnüpfung  mehrerer  fotcfyer. 

Symb.  Quic.  Fides  autem  catholica  haec  est,  ut  unum  üeum 
in  trinitate  et  trinitatem  in  unitate  veneremur.  —  St  u  g  8  6. 
93 e  f.  I.  Grftltdj  Iefiren  .  .  roir  laut  beä  JBefälufc  Conc.  Nie.  ba& 
ein  einig  göttltd)  SBefen  fei . .  unb  finb  bodj  brei  ^erfonen  in  bent* 
felben  einigen  göttlichen  SSefen ,  gleid)  aeroaltig ,  gleid)  eroig  u.  f.  to. 
—  Exp.  simpl.  III.  (p.  8.)  Eundein  nihilominus  Deum  .  . 
credimus  .  ,  personis  inseparabiliter  et  inconfuse  esse  distinc- 
tum ,  Patrem,  Filium  et  Spiritum  sanetum  etc.  —  Conf. 
Gallic.  VI.  (p.  112.)  Scriptura  nos  docet,  in  illa  singulare 
et  simplice  essentiä  divinä  subsistere  tres  personas,  Patrem, 
Filium  et  Spiritum  sanetum.  —  Conf.  Hung.  (p.  241.)  Hunc 
nnum  et  solum  Deum  tres  in  coelo  testes  Patrem ,  Filium  et 
Sp.  s.  esse  credimus:  qui,  licet  tres  sint  substistentibus  suis 
proprietatibus  et  offieiis  dispensatoriis ,  tarnen  hi  tres  unum 
quoque  sunt. 

1.  SBefentltdj  ift  unferer  £)arftettung  in  biefem  Sfjeüe  Me 
Sefjre  fcon  ber  Bereinigung  be§  aötttidjen  Sßefeng  mit  ber 
menfd)Iicf)en  Statut,  forool  burdj  bie  $erfönuct)fett  (Hjrifti  als 
buret)  ben  (SJemeingeift  ber  SHrc&e,1  mit  meutern  bte  gefammte 
Sluffaffung  be§  ©fjriftentfjumg  in  unferer  ftrdjüdjen  öeljre 
fteljt  unb  fällt,  $)enn  ofjne  ein  ©ein  ©otte§  in  (£Ijrifto  an* 
juneljmen,  fönnte  bit  Sftee  ber  (Srlöfung  nietjt  auf  btcfe  SScife 
in  fetner  Ißerfon  concentrirt  roerben.  Unb  märe  niä)t  eine 
foldje  Bereinigung  audj  in  bem  ©emetngetft  ber  SHrdje,  fo 
fönnte  auef)  biefe  ntdjt  auf  foI<$e  Sßeife  ber  Präger  unb  gort* 


l.  §.94.  unb  §.  123. 


©djlufe.  Sßon  ber  göttlichen -Srcifieit.  441 

bemeger  ber  (Srlöfung  burdj  (Hjriftum  fein.  (Sben  biefe§  nun 
ftnb  audj  bie  mefentlidjen  Elemente  in  ber  Setjre  Don  ber  2)rei* 
einigfeit,  bie  fida  offenbar  nur  fefigeftettt  Ijat  in  ber  S3erfetf)tung 
beffen,  bafe  nidjt  etma§  geringeres  ai§  ba§  göttii^e  Sßefen  in 
©fjrifto  tnar,  unb  ber  cDriftltcrjeri  ®ir<$e  al§  t(jr®emetngetft  ein* 
mofmt,  unb  bafj  nur  e§  mit  biefen2tu§brüffen  meber  in  einem  ber* 
fürsten  no$  in  einem  gans  uneigentü^en  (Sinne  meinen,  unb 
nid)t§  miffen  motten  bon  befonberen  Pieren  SBefen,  al§  gteicrjfam 
untergeorbneten  ©ottfjeiten  in(£fjrifto  unb  bem  Reuigen  (Seift. 
2)a|  bie  SrimtätSteijre  feinen  anbern  Urfbrung  §at  ai§  bieten, 
unb  sunäc&ft  nichts  anber§  mollte  als  nur  eine  mögHdjft  be* 
ftimmte  (Stteicrjftetfung  be§  göttlichen  SSefenS  in  biefer  35er* 
einigung  hztxafytd  mit  bem  göttlichen  SBejen  an  ficrj,  ba§  ift 
um  fo  meniger  ju  besroeifeln,  a!3  ja  bieienigen  d)riftlict)eri 
$eligion§bartbeien,  meiere  bie  Seljre  oon  ber  (Srlöfung  auf 
eine  anbere  Sßetf  e  auffaff en ,  audj  notfrnenbig  bie  £rinität§* 
lefjre  entbehren,  inbem  e§  i^nen  an  einem  $unft  feljlt  um  fte 
ansufnüpfen,  ma§  nietet  ber  gatf  fein  fönnte,  menn  fte  audj  in 
ber  fatrjoitfctien  Setire  menigftenS  sugieicrj  audj  an  anbern 
fünften  angefnüpft  märe  als  an  biefen.  Unb  eben  fo  erbeut 
e§  aud)  barau§,  bafj  bieienigen  abmeidjenben  Ißartljeien, 
meldte  ftdj  Ijaubtfäctjttd)  burd)  Slbiäugnen  ber  ©reieintgfeit 
unterfd)eiben,  Ijieburd)  mcrjt  etma  genötljiget  merben  ju  nod> 
anberen  ^bmetcrjungen  in  ber  Seöre  Oon  ©ott  unb  göttttcfjen 
(£igenfd}aften,  mie  e§  bod)  fein  müfjte,  menn  biefe  Sebre  in 
einer  befonberen  Sluffaffung  ber  Sftatur  be§  §öd)ften  38efen§ 
felbft  gegrünbet  märe;  mot  aber  finb  fte  fogleid)  genötigt 
eine  anbere  Sfjeorie  Oon  ber  $erfon  (Sfcrifti  unb  fo  audj  bon 
ber  menfdjtidjen  (5rlöfung§bebürftigfeit  unb  bem  3ßert§  ber 
©riöfung  aufstellen.  Vermöge  biefeS  BufammenfjangeS  nun 
feben  mir  mit  IRecrjt  bie  £rinität§lefjre,  fofem  biefe  Elemente 
barin  niebergelegt  finb,  al§  ben  ©djlufjftetn  ber  djrtftlic^en 
ße^re  an;  fomit  aud)  biefe  ©leicrjftettung  be§  göttlicrjen  in 
jeber  biefer  Bereinigungen  mit  bem  in  ber  anbern,  unb  fo 
aud)  beiber  mit  bem  göttlidjen  Söefen  an  ftdj  für  baä  mefent* 
lictje  ber  £rinität§lef)re. 

2.  Riebet  aber  möchten  mir  aud)  fteben  bleiben,  unb 
tonnen  ber  meiteren  2lu§bitbung  biefe§  2)ogma,  meld)e  audj 
ben  üblichen  tarnen  erft  rechtfertigt,  nid)t  benfeiben  äßertlj 
jugeftetjen.  $)enn  ber  9came  Sreietnigfeit  beruht  erft  barauf, 
bafj  man  betbe  Bereinigungen  auf  eine  fdjon  unabhängig  bon 
benfeiben  unb  auf  emige  Söeife  in  bem  pdjften  SSefen  felbft 
gefegte  «Sonberung  surüfffübrt,  unb  bann,  nadjbem  man  ba$ 


442  ©er  djriftltcfje  ©lau'6e.  3roelter  Stjetl. 

jur  Sßerehügung  mit  £Mu  befiimmte  ©lieb  biefer  ©onberung 
mit  bcm  tarnen  ©obn  bejet^net  fyatte,  aucb  bem  entfprecbenb 
ben  SSater  als  eine  folc^e  ©onberung  fcjen  su  muffen  glaubte, 
morauS  ftd)  benn  jene  Bmeibeit,  nämltcb  (Sinfjeit  beS  SßefenS 
unb  2)reibeit  ber  $erfonen,  ergab.  Sßun  aber  ift  fdjon  jene 
SßorauSfe^ung  bon  einer  emigen  ©onberung  im  bödmen  SSefen 
feine  9luSfage  über  ein  frommes  ©elbftbemufjtfein,  in  meinem 
ia  biefeS  niemals  borfommen  tonnte.  Ober  mer  bürfte  be* 
Raupten,  bafj  in  bem  ©tnbruft,  meieren  baS  göttliche  in 
©brifto  machte,  aufgegeben  gemefen  fei,  eine  folebe  einige 
©onberung  als  ben  Grunb  beffclben  §u  benfen?  $)enn  mer 
etroa  biefe  Aufgabe  in  ber  &ogologie  beS  ^olmnneS  finben 
rootfre,  al§  fei  t)ier  baS  eine  (Clement  ber  SrtnitätSlebre  be= 
ftimmt  enthalten,  mittn'n  aucb  bie  Weitere  SBerbotlftänbigung 
bon  felbft  aufgegeben,  ber  ift  bon  fo  bieten  fünften  an§u= 
greifen,  bafj  er  "ftdj  fdjmerltcb  mirb  galten  fönnen.  ®enn 
eineS  £l)eilS  bat  fidj  ia  bie  arianifc^e  5luffaffung  in  eben 
biefer  ©teile  begründen  motten,  unb  bie  Auslegung  beiber 
Xfyeite  unterliegt  gleichen  nur  entgegengetreten  ©cfcmiertgfeiten, 
fo  ba%  man  fagen  mui  meldte  bon  beiben  Sßorftettungen  man 
aucb  als  bem  ^obanneS  boridjmebenb  ber  ©teile  sunt  Grunbe 
legen  roitt,  man  gefielen  mufj,  bafs  er  böcbft  ungenügenb  unb 
uusroeffmäfcig  ju  SSerfe  gegangen  fei.  SlnberntbeilS  Ijätte  ftet) 
biefe  ©arfteftung,  menn  bie  Srinität  bem  Sfyoftel  borgefdjroebt 
bntte,  fo  leid)t  baju  bergegeben,  aucb  ben  beiligen  Geift,  ber 
ja  in  ben  unS  bon  ^obanneS  aufgezeichneten  Dieben  <5^r)rtfti 
fo  bäufig  borrommt,  auf  ä^nlicbe  SSeife  etnäufübren ;  unb  aud) 
aitbermärtS  Ijätte  eS  ibm  nidjt  an  Gelegenheit  gefeblt,  bieS 
äioeite  Glieb,  baS  SBerljältmfe  beS  GeifteS  al§  eineS  bon  5ln* 
fang  ber  bei  Gott  feienben  unb  Gott  feienben  nachbringen. 
Gefeät  aber,  man  müfjte  auef)  zugeben,  ^obanneS  fyahe  Ijier 
bon  bem  in  (£()rifto  mit  ber  menfcblicben  9?atur  bereinigten 
Göttitcben  bebauptet,  bafj  eS  in  Gott  bon  ©migfeit  ber  als 
ein  befonbereS  gefegt  getoefen:  fo  mürbe  nod)  lange  nidjt 
folgen,  bafs  bieS  na$  ber  SBeife  ber  £rinitätSte^)re  fei  gemeint 
gemefen,  unb  bafj  baljer  biefe  bie  mabre  unb  einzig  natürliche 
(Srgänsung  ber  ^olmnneifcben  ©äse  fei.  $)enn  bei  ber  5luS~ 
bübung  biefer  &ebre  liegt  nietjt  nur  baS  SBeftreben  sunt 
Grunbe,  unfer  cfyriftlicbeS  ©elbftbemufjtfein  barüber  reebt 
genau  miebersugeben,  bajj  baS  göttliche  Söefen  in  beiben 
gormen  ber  Bereinigung  baffelbe  unb  aueb  bem  ©ein  GotteS 
an  fidj  gleicb  fei:  fonbem  naebbem  man  bie  Unterl'cbeibung 
über  ben  Anfang    be§  SSereintfcinS  in  bie  (Stuigfeit  berlegt, 


©cfjlujj.  SSon  ber  göttlichen  ©rei^eit.  443 

enrftanb  nun  erft  ba§>  SBebürfmfe  §u  bereuten,  ba%  ljierau§ 
md)t  ein  bielgötterifc&er  (Schein  entfiele,  fonbern  btefeS  in 
geroiffem  Sinn  gefonberte  ©ein  ®otte§  bodj  in  ber  ©infjett 
be§  göttlichen  28efen§  äufammengetjatten  merbe.  Bon  einem 
folcnen  Bebürfnife  ober  §eigt  ftd)  bei  3>o§anne§  leine  (Spur, 
mithin  mar  er  audj  nic&t  auf  bem  SBege  unferer  £rinität§* 
leljre. 

3.  2)er  sniette  Sljeil  unfere£  ©ase§  ift  ba^er  audj)  nid)t 
fo  &u  berfteljen,  al§  ob  bie  rechtgläubige  £rinität§tefjre  alS 
eine  unmittelbare  ober  mol  gar  notljmenbige  Berftvüpfung  bon 
2lu§fagen  über  unier  ctjrtftlict)e§  ©elbftberauMein  ausuferen 
märe;  fonbern  iene  Bereinigung  be§  ©ein§  ®otte§  für  ftd) 
unb  be§  ©ein§  ®otte§  für  bie  Bereinigung  al§  gefonberter, 
tritt  erft  baaroifd)en.  ®inge  nun  biefeS  au§  ben  5Iu£>fagen 
<£tjrifti  unb  ber  Slpoftel  über  ujn  unb  ben  rjeiligen  ($5eift  mit 
fold^er  SBefttmmtljeit  l^erbor,  bafj  mir  e§  auf  üjr  ^eugnifj  an* 
nehmen  müßten:  [o  märe  bann  bie  £rinität§lel)re  bie  OöUige 
5lu§bilbung  einer  Sefjre  bon  bie) er  5lrt,  unb  mir  nähmen  fte  j 
an  al£  3ufammenftettung  ber  geugniffe  über  eine  überfinn*  '> 
lidje  Stmtfadje,  aber  eben  fo  menig  eine  ®lauben§leljre  in 
bem  urfprüngüd)ften  unb  eigentlichen  ©inne  be§  SSorteS, 
mie  bie  Sefjren  bon  ber  5luferfte()ung  unb  Himmelfahrt 
(Jörifti;1  unb  aud)  barin  biefen  ä^nlictj,  bafj  unfer  (Glaube  an  i 
(£t)riftum  unb  unfere  £eben§gemeinfd)aft  mit  itjm  biefelbe  fein 
mürbe,  meiut  mir  auc§  bon  biefer  tranfcenbenten  Sljatfadje 
feine  ®unbe  Ratten,  ober  menn  e§  fidj  mit  berfelben  audj 
anberS  behielte,  tflun  aber  tjat  fiel)  bk  Auslegung,  meiere 
iene»  feftfietten  möchte,  niemals  fo  geltenb  machen  !önnen, 
bafj  fte  nidjt  immer  raieber  märe  angefochten  morben;  unb 
barum  ift  e§  mistig,  bk  Unabljängigfeit  jener  iqauptanget= 
punfte  ber  firdjlidjen  Seljre,  ©ein  ®otte§  in  ©ijrtfto  unb  in 
ber  djriftltd&en  $ird)e  bon  ber  Annita t§Ier)re  feftsufteUen.  — 
gilbet  man  nun  bie  Steunimfj  bon  biefer  üb erfinnltd) en  Xfyat* 
fac^e  nod)  roeiter  au§,  unb  tefyxt,  bamit  iene  ©onberung  im 
ijödjften  SBefen  nic^t  bi§  jum  Anfang  ber  Bereinigung  ber* 
gebtid)  geiuefen,  aud  nodj),  bafj  fomol  bie  gleite  al§  britte 
Ißerfon  audj  fdjon  bei  ©rfdjaffung  ber  SQSelt  gefdjäfttg  geroefen, 
mie  au<$  feitbem,  bafj  bti  allen  altteftamentifdjen  £f)eopfjamen 
bie  sroeite  ^erfon  baZ  ©ubjeet  gemefen,  unb  bie  gefammte 
^rojrfjetie  be3  alten  BunbeS  tljren  SmjmlS  bon  ber  brüten 
bekommen:  fo  finb  biefe  ©ä^e  nod)  meiter   babon  entfernt, 


1  Sgl.  §.99. 


444  $er  c^riftlicfce  ©laubc  3tocitcr3^ciL 

STuSfngen  über  unfer  dt)riftltccje§  ©elbftbemufjtfein  311  enthalten, 
unb  mir  fönnen  um  [0  ruhiger  abtoarten,  ob  bie  Auslegungen, 
auf  benen  biefe  (Srmeiterungen  berufen,  ftdj  burd)  bie  neuesten 
Söemübungen  über  biefen  ®egenftanb  beffer  geltenb  madjen 
werben,  als  6i§r)er  ber  gaU  gemefen. 

3  u  f  0  h.  Sßemt  e§  trgenbroann  gelungen  märe  ober  jemals 
öelingen  fönnte,  eine  $)reiljeit  in  ©ott,  fei  eS  auc^  auf  $er* 
anlaffung  unterer  fir^lictjen  Sefjre,  benn  ofjne  biefe  mürbe  eS 
fdjroerlidj  jemanben  eingefallen  fein,  aber  bod)  ofjne  Söesieljuna 
auf  bie  SBerbältniffe  ber  ©rlöfung  unb  olme  Berufung  auf  bie 
©c&rift,  auS  allgemeinen  gegriffen  ober  a  priori  anftfmultd} 
SU  mausen  ober  gu  bemeifen:  fo  mürbe  eine  foldje  SDreieinig* 
feitSleljre,  unb  menn  fte  audj  meit  oollfommner  ausgeführt 
märe,  al§  eS  ber  an  bie  <$5runbtl}atfadjen  beS  (£ljriftentfjumS 
gebunbenen  firdj)Jtd)en  bisher  gelungen  ift  ober  jemals  ge* 
lingen  famt,  bo<$  in  einer  c&rifilicfjen  Glaubenslehre  feinen 
$laj  finben  fönnen.  ^a  menn  fte  ftdj  audj  genau  an  bie* 
jelben  SluSbrüffe  hielte,  fomol  um  bie  SDreirjeit  als  um  bie 
(Sintjeit  §u  beaeidjnen,  beren  fidj  bie  fird)lidje  hebient,  mürben 
mir  bennodj  feft  behaupten,  ba%  fte  eine  anbere  fei;  inbem 
foldje  SDebuctionen  bie  mit  jenen  (SJrunbtljatfadjen  nidjt  in 
Jßerbinbung  ffeljn,  nidjt  nur  einen  ganj  anbem  Urforung 
jener  Seljre  bemeifen,  jonbern  audj  eben  beSroegen  in  ber 
djriftlidjen  Seljre  oon  gar  feinem  S^ujen  fein  fönnen.  (Solche 
fönnen  mir  bemnaä)  als  $f)tlofopljeme  f)ier  nur  auf  fiel)  be* 
ruljen  laffen,  unb  fyaben  gar  leinen  Söeruf  fte  einer  Ärttif  in 
untermerfen,  mögen  fte  nun  Oon  älteren1  ober  neueren* 
ßirdjenlel^rem  fcerrüljren. 

§.  171.  2)ie  ftrd&ücfce  5Dreteimgfett<3lec)re  forbert ,  ba6 
toir  jebe  ber  bret  ^etfonen  follen  beut  göttüdjen  2öefen 
gleich  benfen  unb  umgefe^rt,  unb  jebe  ber  brei  $erfonen 
btn  anbem  gleid?;  mir  vermögen  aber  roeber  t>a$  eint 
noä)  ba3  anbere,  fonbern  mir  fönnen  bie  $erfonen  nur 
in  einer  Stbftufung  oorfteHen,  unb  eben  fo  bie  (Sinfyeit 
be£  2öefen§  entroeber  geringer  aU  bte  brei  ^erfonen 
ober  umgefetyrt. 


1  8-  ©•  Anselm.  Monolog,  ep.  29—61. 
*  8.33.  Daub.  Theologum.  §.  126.   127. 


©djlufs.  SSon  ber  göttlichen  Srei&eit.  445 

Symb.  Quic.  Fides  autem  catholica  haec  est  ut  unum  deum 
in  trinitate,  et  trinitatem  in  unitate  veneremur.  —  Patris, 
filii  et  spiritus  sancti  una  est  divinitas,  aequalis  gloria,  aequalis 
maiestas.  —  Et  in  hac  trinitate  nihil  prius  aut  posterius  nihil 
maior  aut  minus,  sed  totae  tres  personae  coaeteraae  sihi  sunt 
et  coaequales  .  .  .  Neque  confundentes  personas  neque  sepa- 
rates substantiam.  —  2lug§b.  SB  et.  I.  Safe  ein  einig  göttlid) 
SEßefen  fei,  toeldje§  genannt  toirb  unb  ttmBrfiaftiglidj  tft  ©Ott,  unb 
finb  boefi  brei  Sßerfonen  in  bemfelben  einigen  göttlichen  Sßefen.  .  . 
Unb  totrb  burd)  ba§  Söort  $etfon  »erftanben  nid)t  ein  ©tüff,  nidöt 
ein  Sigenfcßaft  in  einem  anbern,  fonbern  btö  felbft  beftebet  (sed 
quod  proprio  subsistit)  tele  benn  bie  SSäter  bieS  SEßort  in  biejet 
Soeben  gebremebt  Mafien.  —  Conf.  Belg.  Vin.  p.  173.  .  .  qui 
est  unica  essentia,  in  qua  tres  sunt  personae  incommunica- 
bilibus  proprietatibus  ab  aeterno  revera  ac  reipsa  distinetae. 

1.  2)afc  bort  biefer  5lnnai)me  enriger  (Sonberungen  in  bem 
göttlichen  SSefen  un§  Mefe  S3orau§feäung  biefer  amiefac&en 
©leict)ljeit  be§  göttlichen  in  aßen  Sßerfonen  nnter  ftdj  nnb  in 
ieber  mit  bem  pc&ften  SSefen  al§  (£mf)eit  nottjmenbig  gemacht 
merben  mufc,  ba$  leibet  hin  Sßebenfen.  $)enn  roenn  ©ottljeit 
ober  SDcadjt  unb  £>errlict)feit  geringer  mären  in  fämmtltd&ett 
brei  $erfonen,  al§  in  bem  fjödjften  SSefen  biefeS  al§  @tnr)eit 
gebaut:  fo  mären  audj  bie  brei  ^erfonen  nierjt  in  bem  rjöctjftert 
Söefen,  fonbern  unter  bemfelben;  ba§  göttliche  in  it)nen  fjiefje 
baljer  nur  unetgentlidj  fo,  unb  unfere  £eben§gemeinfd)aft  mit 
<£Drifto,  fo  mie  unfer  Slntfjeil  an  bem  ^eiligen  ©eift,  märe 
feine  ©emeinfdjaft  mit  ©ott.  ©rabe  baffelbe  aber  entftänbe 
audj,  roenn  ba$  göttliche  in  ben  $erfonen  felbft  nietjt  baffelbe 
mar,  unb  etma  nur  ba$  göttliche  in  bem  SSater  ba$  mat)r* 
fcaft  unb  eigentlich  göttliche,  ba§  in  (£t)rifto  unb  bem  ^eiligen 
©eift  aber  ein  uneigentlid)e§  unb  untergeorbneteS.  SDann 
aber  müfjte  auet)  ba§  un§  einroolmenbe  Sßeroufjtfein  ber  (Üshr* 
löfung§bebürftigfeit  ettoa§  anbere§  auSfagen,  menn  e§  anber§ 
buret)  bit  ©rlöfung,  bit  un§  nierjt  in  ©emeinfdjaft  mit  ©ott 
brächte,  bodj  befriebigt  mürbe  ai§  Hemmung  unferer  ©emein* 
fdjaft  mit  ©ort,  fürs  atte§  roidjtigfte  im  (£fjriftentljum  mürbe 
ein  anbere§.  $on  iener  SSorauSfejung  au3,  fann  oaljer  ntetit 
anber§  meiter  beftimmt  merben,  al§  bie  firc&lic&e  SejEjre  fejt, 
unb  ber  fidj  immer  mieber  erneuernbe  (Sifer  um  biefetbe  e©* 
flärt  fiel)  un§  bottfommen. 

2.  2)te  angeführten  fbmbolifdjen  ©teilen  behaupten  nun 
unläugbar  subörberft,  ba%  ÜDcaäjt  unb  ©ottt)eit  in  feiner  bon 
ben  brei  Sßerfonen  geringer  fei,  al§  in  ben  anbern  beiben, 
roel<$e§    offenbar  um   alle  Ungleichheiten   absuroenben  t)in* 


446  £er  (firiftüdje  ©Iaube.  Stocitcr  £f)eii. 

reichen  mürbe,  roenn  nidjt  ein  Sßibertyrutf)  ftd)  geigte,  fobalb 
hei  biefer  (Sleicrjljett  bocb  bie  2lrt,  tüte  bie  $er|"onen  unter* 
Rieben  derben ,  fortbefteljen  foll.  ®enn  biefe  ®leicrjbeit 
müfcte  bod)  augletdj  ber  ®anon  [ein  für  bie  ©arftellung  ber 
SSerfcf)tebenr)ett  ber  ^erfonen,  bafj  nämlicfj  fein  (Clement,  roelcbeg 
eine  tingletdjljeit  ber  beseidmeten  2lrt  in  fiel)  [erliefet,  barin 
aufgenommen  roerben  bürfe.  SSemt  nun  aber  Sßater  unb 
(Soljn  baburd)  unterf  Rieben  merben,  bafj  ber  Sßater  auf  eroige 
SBeife  seugenb  ift,  felbft  aber  ungebeugt,  ber  @oljn  hingegen 
gegeugt  bon  ©rotgf  eit,  nidjt  aber  felbft  jeugenb:  fo  mag  biefe 
eroige  Sengung  aud)  nod)  fo  febr  bon  aller  äeitlicrjen  unb 
organijcfjen  entfernt  fein,  ba§  SBort  mufj  bod),  roenn  irgenb 
etroa§  'Damit  gefagt  fein  foll,  roenigftenS  ein  SSerljältnifj  ber 
Slbljängtgfeit  anbeuten.  &at  alfo  bem  Sßater  bie  9)cud)t  ein* 
gemolmt  bon  (Sroigf  eit  5er,  ben  ©o§n  al§  eine  tfoeite  gött« 
lidje  $erfon  gu  zeugen,  bem  ©oljne  rooljnt  aber  eine  foldje 
%Jla$t  nidjt  ein,  nodj  fann  aud)  ein  anbere§  3lb5ängig!eit§* 
berbältnifj,  in  meinem  ber  $ater  §u  ibm  ftänbe,  al§  (Stegen* 
geroicfjt  aufgeteilt  roerben:  fo  ift  unläugbar  bie  SDcacrjt  be§ 
$ater§  größer  al§  bie  be§  <5oljne§,  unb  aud)  bie  £>errlicrjfeit 
be§  geugenben  j,e^  ^em  beugten  mu&  größer  fein,  als  bie 
ber  gesengte  t)at  hei  bem  Bengenben.  —  Unb  eben  fo  ber* 
Ijält  e§  fidt>  mit  bem  (Steift,  mag  er  nun  nacrj  bem  griecrjifcrjen 
£)ogma  bom  SSater  allein  auSgefm,  ober  roie  bie  lateinifdje 
®ird)e  roitt,  bon  Sßater  unb  <Sol)n.  Snt  erften  %aU  tjat  ber 
©ofcn  eine  aroiefadje  Unfctfjigfeit  im  SSergleid)  mit  bem  Sßater, 
roenn  eben  fo  roenig  al§  er  geugt  auetj  eine  $erfon  bon  iljm 
au§ge^t.  Sm  legten  gatfe  l}at  nur  ber  (Steift  biefe  äroiefad)e 
Slb^ängigfeit  —  benn  ein  Öb^ängtgfettSberljciltnifj  ift  biefeS 
2Iu3gelm  aud),  nur  ba§  e§  ein  anbere§  fein  foll,  als  ba$  ®e* 
geugtroerben,  o&neradjtet  ber  Unterfcrjieb  groifd)en  beiben  bon 
deinem  Jat  beutlict)  gemacht  roerben  tonnen  —  ber  ©otjn 
aber  fjat  in  biefem  gall  eine  gä^igfeit  mit  bem  SBater  gemein, 
roelctje  ifjn  über  ben  (Steift  fteHt,  roogegen  im  erften  ber  (Steift 
bem  (Soljne  gleidj  ift.  Sluf  alle  Sßeife  alfo  fter)t  ber  $ater 
über  beiben  anbem,  unb  nur  ob  biefe  beiben  einanber  gleidj 
ftnb,  ober  aud)  bon  i^nen  ber  eine  bem  anbem  untergeorbnet 
ift,  bleibt  ftreitig;  bie  (SJleicrjfjeit  ber  ^erfonen  aber  fommt 
nidjt  IjerauS  hei  biefer  Untertreibung. 

3.  (Sben  fo  müfete  nun  ber  <Sas,  ba§  bie  ^5ottr)ett  in 
fämmtlidjen  brei  ^erjonen  biefelbe  ift  be§  ©inen  göttlichen 
Söefenö,  ber  ®anon  fein,  na^  meinem  baä  93err)ältnt^  ber 
2)retrjeit  ber  $erfonen  zu  ber  @inbeit  be§  SSejenS  Oorgeftellt 


©djlufe.  SSon  ber  göttlitfjen  Srei^eit.  447 

werben  fott.  (Soll  aber  bahn  ptgleidj  ba§  eben  abgeljanbelte 
gebaut  merben,  bafj  bie  ^erfonen  fidj  non  einanber  bur<$ 
eigentümlich  e  in  bem  göttlichen  SSefen  an  nnb  für  ft$  niä)t 
mttgefeäte  SBefiimmungen  nnterf Reiben,  baB  göttliche  Sßefen 
felbft  aber  nur  in  btefen  brei  $erfonen,  ni$t  etma  auä)  au£er 
ilmen  meber  al§  bierte  $erfon  noä)  unüerfönlid)  oorfjanben 
ift,  nnb  aucb  in  üjnen  nidjt  etma  §ertfjeilt  in  b er  einen  SJßerfon 
btefe  in  ber  anbern  jene  ©tgenfd^aften,1  fonbern  in  jeber 
gans  unb  ungeteilt:  fo  lann  bk  erforderte  ®leid)l)eit  nid)t 
IjerauSgebrad^t  derben.  2)enn  für  ein  foldjeS  SBerfjältnil, 
mie  ba$  Ijier  aufgeteilte,  tjaben  mir  feinen  näheren  £t)pu§ 
nadj  bem  mir  e§  oorftellen  fönnen,  als  ben  be§  ©attung§* 
begrifft  unb  ber  unter  ißm  enthaltenen ©mselroefen;  benneben 
fo  ift  gan§  unb  ungeteilt  ber  (Gattungsbegriff  in  feinen 
(Sinselmefen  oorljanben,  aufcer  iljnen  aber  nirgenb.  hierüber 
Stnar  ift  öon  je^er  geftritten  Sorben,  inöent  (Einige  btefe 
Analogie  gelten  laffen,2  5lnbere  aber  fie  oermerfen.3  Mein 
fott  ba$  SBertjältnifc  nid)t  nadj  biefent  £twu3  gebaut  werben, 
fo  bürften  mir,  mie  audj  bk  (Gegner  beffelben  gefielen,4  gar 
nid)t§  beftimmte§  babei  ju  benfen  im  ©tanbe  fein,  mithin 
auct)  gar  nidjt§  baran  tjaben.  ©ollen  mir  aber  ber  Sinologie 
folgen,  fo  ift  feine  (Gleid)ljeit  amtidjen  ber  ©inljeit  unb  ber 
$)reit)eit  mögtid),  fonbern  mir  muffen  entmeber  mefjr  realifiifcl) 
ber  (Stnljeit  al§  bem  allen  breien  gemeinfamen  SBefen  bk 
DberfteEe  einräumen,  unb  bann  erfdjeint  bk  ($5efc§iebent)eit 
ber  ^erfonen  al§  ba$  untergeorbnete  unb  tritt  surüff,  bie 
göttliche  Sftonarc&ie  aber  Ijeroor;  ober  meljr  nominaltftifdj 
bie  SDreiljeit,   unb  bann  ixiü  bk  ©inljeit  al§  ba$  abftracte 


1  Stellen  toir  btefe  .  .  filium  eius  (sc.  patris)  sapientiam  . .  spiritum 
s.  eiusdem  virtutem  potentiam  et  efficaciam.  Conf.  Gallic.  VI. 
p.  112.  finb  au  ungenau  um,  toennglei<$  fümboltfdj,  berüffftajtigt  su  werben. 
*  Tb  ouota  ©uatv  arj[j.aivst,  to  5%  urcoaraais  ?8i6T7)Ta<;.  Greg.  Na z. 
Encom.  Athanas.  —  "Ov  eyet  Xoyov  to  xoivbv  ~pb<;  to  'cScov,  toG- 
tov  zyzi  r^  ouai'a  Tcpo?  ttjv  urcoaTaaiv.  Basil.  Ep.  CCXIV.  —  Kaxcc 
ye  tt,v  Ttüv  TraTEpwv  SiSaaxaXiav,  -^v  e/Ei  Staoopav  to  xoivbv  uxsp  to 
"Siov,  7j  to  yevo?  VTzkp  to  ecSo?  rt  to  aTop.ov ,  TauTrjv  r\  ooai'a  rcpb{ 
ttjv  urcoo-caatv  eyei.     Theodor  et.  Dial.  I.   (Ed.  Hai.  IV.  p.  7.) 

8  Non  itaque  secundum  genus  et  species  ista  dicimus.  .  .  .  Nee 
sie  ergo  Trinitatem  dicimus  tres  personas  unam  essentiam  tanquam 
ex    una    materia    tria    quaedam  subsistant.     Augustin.  de  Trin. 

vn,  n. 

4  .  .  propter  ineffabilem  coniunetionem  haec  tria  simul  unus 
Deus.     August,  ibid.  8. 


448  $)er  d)rtftlid)e  (glaube.  Stoeitcr  Xfjell. 

jurüff,  aber  ba§  für  unfer  fromme§  ©elbftbenntfetfein  un* 
mittelbar  bafeienbe,  bte  GJottljeit  be§  beiligen  ®etfte3  unb  bte 
©ottljeit  ßbnfti,  mitbin  aud)  bie  SSe^iebung  ©brifti  al§  <5obn 
auf  feinen  SBater,  tritt  berbor,  jugleicb  aber  aud}  bie  (SJefabr 
an  ba$  3^ritr)eiftt[<^e  ju  ftreifen.  ßtoifdjen  beiben  fcbeint,  ba 
mir  bodj  immer  entmeber  bon  ber  ©tnljjeit  ober  bon  ber 
SDreiljeit  anfangen  muffen,  fein  ftrenger  DJcittelroeg  möglieb, 
ber  niebt  eine  Slnnäberung  an  ba3  eine  ober  an  ba§  anbere 
märe.  5lber  meber  eine  Unterorbnung  ber  (Sinljett  unter  bie 
©reüjeit,  nodj  umgefeljrt  liegt  in  ber  $orau§feaung,  unb  eS 
bleibt  mitbin  in  Söesug  auf  bie  Don  (Smigfeit  ber  in  bem 
böc&ften  SBefen  beftebenbe  ©onberung  nicbt§  anbere§  übrig, 
at§  entmeber  etne§  bon  jenen  beiben  ansunejjmen,  toa§  mit 
ben  gorberungen  ber  fambolifdjen  ©äje  ftreitet,  ober  inbem 
mir  un§  bor  biejen  gorberungen  marnen,  tonnen  mir  bü 
feinem  bon  beiben  fünften  meber  bd  ber  ©intjeit  noeb  bei  ber 
2)reibeit  anfommen,  fonbern  bleiben  unftät  ahnfdjen  iljnen 
febmanfen.  '.  %\\  meinem  Buftanbe  benn  biefe  Se^re  menig 
leiften  fann,  um  jene  beiben  föauptbunfte,  auf  meldje  fte  ftcb 
boeb  allein  besiegt,  au  befeftigen  ober  in  IjettereS  Siebt  ju 
ftetfen. 

4.  @§  ift  noä)  übrig  ju  zeigen,  mie  ftdj  (Sinljeit  unb  SDrei* 
beit  berbalten  su  ber  in  unferm  ©elbftbemufjtjein  als  fdjlecbt* 
Einigem  5lbbängigfeit3gefüljl  aufgefaßten  götttieben  Ux\a& 
lidjfeit,  fomol  in  ber  (Srlöfung  unb  Heiligung,  ai§  audj  fcf)on 
allgemein  in  ber  ©c^öbfung  unb  (Erbaltung.  (SJetbeilt  nun  foH 
bie  göttliche  Urfäcblicbfeit  aueb  niebt  merben  unter  ben  s#ers 
fönen,  mie  e§  natje  genug  läge  ju  jagen,  ber  SBater  allein  fei 
©djöpfer  unb  (Srbalter,  unb  eben  fo  ber  <Sobn  allein  (Erlöfer, 
ber  ®eift  allein  ^eiliger,  ©oft  fte  alfo  ungeteilt  bleiben,  fo 
fommen  mir  aueb  bier  auf  baffelbe  gurüff,  bafj  entmeber  biefe 
Urfäcblidjfeiten  fämmtlicb  bem  Grinen  göttlichen  Sßefen  alö 
folgern  sufommen,  ben  ^erfonen  aber  nur,  fofern  fte  in  biefem 
ftnb,  niebt  jofern  fte  ftcb  bon  einanber  unter [ebeiben,  ober  fte 
fommen  ben  brei  ^ßerfonen  als  folgen  su,  ber  (Sinljeit  be8 
2öe|en§  aber  nur,  fofern  t%  au§  biefen  beftebt.  2)ie  erfteSln* 
ftebt  bat  ftcb  nietjt  geltenb  macben  fönnen,  offenbar  meil  bxt 
$)reibeit  babei  mebr  surüfttritt,  al§  bie  Ijerrfcjjenbe  Dfiictjtung 
öeftattete,'  benn  bie  $erfonen  behalten  faft  nur  eine  Dtealttät 


1  Ou  <pO-av(o  xo  Sv  vo7Jaai  xa\  tck<;  xptat  raptXaprojxat ;    ouf&avw 
xa  xp(a  SieXelv,  xa\  elq  xo  Sv  avacpi'pofxai.     Greg.  N&z.  1.  c. 

2  $enn    ba%  bte  ttrtfjlldje  ctgentlic^  geneigt  ift,    bie  «ßerfonen    meljr 


®d)Iu&.  SJott  6er  flötmdjen  SOrei^eit  449 

für  iette  befonberen  2lfte.  2)er  SSater  nämltcb ,  fof erit  er  bon 
©migfeit  5er  ben  ©oljn  gezeugt  r)at,  aber  ©cböbfung  unb  (£r* 
baltung  märe  nur  in  ber  ©tnbeit  be§  göttlichen  2Be|en§ ;  ber 
©obn  freilief)  märe  niebt  blofj  gezeugt  morben,  unb  ber  ®eift 
nierjt  blofj  geljaucbt,  fonbem  jener  audj  SO^enfct)  gemorben  unb 
btefer  audj  au§gegoffen,  aber  bie  recbtfertigenbe  £bätigfett 
märe  bodj  nietjt  bie  be§  <Sobne§  unb  bie  beiligenbe  niebt  bie 
be§  ®eifte§,  fonbem  beibe  geborten  ber  (Stnbeit  be§  göttlichen 
2Befen§.  S)aber  ift  nun  bie  anbere  $lnficbt  allgemein  ange* 
nommen  morben,  ba%  bie  gefammte  göttlicbe  Urfäcblidtfeit  ben 
brei  $erfonen  aufommt;  aber  bie  5lrt,  mie  fte  ftcb  in  ber 
ftrcrjUctjen  Seljre  gestaltet  bat,  febetnt  niebt  frei  au  [ein  bon 
einem  gebeimen  Sßiberfprucb.  2)enn  menn  fte  ben  Verfemen 
al§  folgen  aufommt,  fo  fommt  fte  einer  jeben  au,  fofern  fte 
ftcb  bon  ben  anbern  unterfebeibet,  unb  ift  alfo  biefelbige  Ur* 
fäcbltcbfett  in  ber  einen  $erfon  bie  be§  Ungeaeugten,  in  ber 
anbern  bie  be§  (beugten,  mitbin  jebe  breifacb,  toeit  bon  bem 
unterj cbeibenb  berfönlicben  mitauSgebenb,  mtemol  nur  eine  ber 
Söirhmg  nacb  fo  ofjngefäbr  mie  (£briftu§  mit  atuei  SSitten 
baffelbe  berriebtet,  aueb  bie  brei  ^erfonen  baffelbe  berriebten 
jebe  auf  itjre  eigene  SSeife,  alfo  aueb  mit  ibrer  eignen  £bat. 
$)iefe§  folgerichtige  aber  fiat  ftcb  niebt  geltenb  gemalt,  offen* 
bar  meil  bie  göttlicbe  föinbeit  bann  gana  nominaliftifcb  jurüff* 
tritt,  unb  ifjr  faum  etma§  übrig  bleibt,  al§  bie  ®letcf)&eit  ber 
brei  ibrem  SSefen  unb  SSMtfen  nadj  ju  fein.  Sßogegen  ma8 
man  annimmt,  bafj  jene  llrfäd)lid)feiten  a^ar  ben  brei  $er* 
fönen  al§  folgen  ankommen ,  aber  ba%  jebe  in  allen  breien 
aueb  eine  unb  biefelbe  fei  nierjt  in  jeber  itjre  eigene,  ba$  jjeifjt 
eigentlich  fte  niebt  auf  bie  ^Serfonen  aurütffüfjren,  fonbern  bodj 
auf  ba$  göttlicbe  Sßefen  in  feiner  ©inbeit.  SWitjjin  fommen 
mir,  mirb  einmal  bie  emige  $)reifjeit  in  ber  @tnr)ett  boraug* 
gefeat,  audj  bon  biefem  $unft  nur  ju  bemfelben  (Sc&manfen 
smifd)en  £>erbortreten  ber  einen  unb  gurüfftreten  ber  anbern 
ober  umge!ebrt. 

5.  33etracf)ten  mir  nun  bie  2Irt,  mie  biefe  ßeljre  in  ben 
bogmatifeben  S)arftellungen  faft  überall  be^anbelt  mirb:  fo 
ergiebt  ftd)  noc§  beutlicber,  mie  menig  ba§  in  ben  allgemeinen 

seltene  ju  ntadjen  oIS  bie  Gin&ett  be8  SBefen«,  ge^t  nid&t  unbeutli<$  au8 
bcnSBortCtt  Ijerbor:  sicut  singillatim  unamquamque  personam  et  deum 
et  dominum  confiteri  christianä  veritate  compell  imur,  ita  tre» 
deos  aut  dominos  dicere  catholica  religione  prohibemur.  Symb. 
Quic.   19. 

stfir..©örifti,(pr.if  so 


450  ®ercf)iiftlid)c©iQube.  3»üetter  Xfjell. 

Formeln  geforderte  in  ber  2lu§füljrung  gu  ©tanbe  fommt. 
3uerft  nämlich  tuirb  bie  Sef)re  bon  bem  SBefen  unb  ben  (giften 
f haften  ®otte§  oljne  bie  2)reibeit,  alfo  iljn  in  feiner  (£int)eit 
betrautet  abgeljanbelt;  unter  btefen  aber  fommt  bie  ©igenfdjaft 
in  ber  (Sintjeit  breifact)  unb  auf  eine  beftimmte  S&eife  geseilt 
über  gefonbert  ju  fein  nictjt  mit  cor,  fonbern  oljne  einen  folgen 
«Sufammenfjang  unb  oljne  bodj  burdj  ba$  Sßenmfjtfetn  bon 
einem  ©ein  ®otte§  in  (£l)üfto  unb  in  ber  c&rtftiid^en  $trd)e 
oorbereitet  au  fein,  ttrirb  Ijemact)  bie  ße^re  bon  benSßerfonen 
befonberS  beljanbelt;  bann  aber  fo,  bafj  roenn  gezeigt 
roorben,  biefe  ober  jene  göttliche  (Sigenfdjaft  fomme  audj  i>m 
brei  ^erfonen  au ,  ber  58emei§  immer  nur  befonberS  geführt 
nrirb  Dom  ©oljn  unb  ®eift,  bom  SSater  Ijeifjt  e§  gemö^nlic^ 
oerftelje  fid)  bie§  fdjon  bon  felbft.  SSäre  nun  bie  (SJleidjtjeit 
ber  $erfonen  nidjt  nur  al§  gormel  auSgefbrodjen ,  fonbern 
audj  als  ®anon  im  $aug:  fo  müfjte  biefeS  ©tci)bonfelbftber~ 
fielen  entmeber  bon  allen  breien  gelten  ober  bon  feiner.  $)er 
Sßoraug,  roelctjer  in  biefer  £tnftd)t  bem  SSater  gegeben  roirb, 
betueift,  hue  biefer  bodj  in  einem  anbern  SBerljältnifj  au  ber 
(Stnbeit  be§  göttlidjen  SßefenS  gebaut  nrirb;  fo  bafc  biejenigen, 
bie  e§  überftüfftg  finben  au  betoetfen,  ba§  göttliche  ©igen- 
fd)aften  unb  Tätigkeiten  bem  SSater  sufommen,  mäljrenb  fie 
für  btn  ©oljn  unb  ®eift  biefen  Sßemetö  forbern,  bod)  iu§- 
gefammt  feine  ftreugen  Xrinitarier  finb,  inbem  fie  ben  SSater 
mit  ber  (£inf) eit  be§  göttlictjen  2Befen§  ibentificireu,  ©oljn  unb 
©eift  aber  nid)t.  £)iefe3  läfjt  ftdj  genau  surufffiUjren  auf  bie 
SSorftettung  be§  Drigene3, l  ba%  ber  SSater  ©ott  fcijlecrjtDin  ift, 
(Solm  unb  ($eift  aber  nur  ©ott  burd)  £l)eilnaljme  an  bem 
göttlichen  SBefen ;  eine  SSorfteEung,  meiere  atoar  bon  ben  red)t= 
gläubigen  ®trd)enlebrern  gerabeau  surüffgemiefen  nrirb,  in§* 
gemein  aber  bod)  iljrem  Söerfatjren  überall  jum  ®runbe  liegt. 

§.  172.  2)a  nur  biefe  Sefyre  um  fo  toeniger  für  abgo 
fdjloffen  galten  fönnen,  al3  fie  bei  ber  geftfteüung  ber 
eoangelifcfyen  ^trd&c  feine  neue  Bearbeitung  erfahren  i?at : 
fo  mufj  fyx  nod)  eine  auf  ü)re  erften  Anfänge  jurüff* 
gefyenbe  Umgeftaltung  beborfteljm. 


1  auTo&sos  o  freos  e<m  .  .  7:äv  Bl  to  7tapa  to  auTod-eo?  (xsToxfj 
TT)?  ^xetvou  #e6-c»)To;  •Ö-eo7:otoufJievov  z.  t.  X.  Comra.  in  Joann.  Ed.  R. 
IV.  p.  50.,  fto  ber  3ufammenfiang  au&T  3toeifet  fefet,  bo|  autöö-so?  ber 
^nter  ift.     SSgl.  de  princ.  I.    Vol.  I.  p.  62. 


©cfjluB.  Son  ber  göttlichen  ®retf)ett.  451 

1.  Sßenn  Wir  auf  ber  einen  ©cttc  bebenfen,  ba%  Me  nod) 
fe&t  in  ber  SrtmtätSfe&re  geltenben  Formeln  au§  ber  £eit 
Serrüfjren,  Wo  bte  (Söriften^ett  ft<3^  nod)  in  SWaffe  au§  bem 
<spetbentfjum  erweiterte;  n>ie  leitet  mitfjin,  wo  öon  einer  Sftefjr*  ; 
Ijett  ober  SBerfdjiebenfjeit  in  ©Ott  bieütebe  fein  mufcte,  bewußt- 
lofe  Anflänge  be§  beibnifdjen  ftcft  einfd)teid)en  fonnten :  f o  ift . 
nid)t  gu  berwunbern,  wenn  bit  SBeaetdjmntcjen  biefer  SOJerjrrjett 
twn  Anfang  an  fd)Wanfenb  nnb  Sftifjbeutungen  auSgefejt  Waren, 
unb  fpätcreit  Betten,  Wo  feine  (Smmtfdjung  be§  ^etbntfcrjen 
mebr  su  beforgen  ift,  aud)  nidjt  meljr  angemeffen  fein  fönnen. 
9frtl}Wenbig  aber  mußten  für  ben  ($5ebraud)  biefer  $8esiebungen 
lauteten  aufgestellt  Werben,  um  Abweisungen  na#  ber* 
fdjtebenen  (Seiten  ju  berfntten;  unb  aud)  folgen  gelingt  e§ 
tbeilS  feiten,  nid)t  an  baS  anbere  G^rrem  gu  ftreifcn,  inbem 
fte  ba$  eine  berljüten  Wollen,  tfjetlS  aud)  muffen  fte  ebenfalls 
ibren  Söertlj  berlteren,  wenn  bie  ($5efaljr  bor  bem  Wifc 
berftänbnifj,  worauf  fte  ftdj  belogen,  berfdjmunben  ift,  unb  ber 
berfänglidje  (Schein,  ben  fte  nadj  ber  anbern  &t\te  Ijin  geben, 
wirb  bann  um  fo  meljr  Ijerbortreten.  ©eljn  wir  nun  auf  bie 
urfprünglidje  Stenbens  ber  Seljre,  nämltdj  beutlictj  5U  madjen, 
eS  fei  fein  IjtWerbotiiSer  AuSbrttff  unfereS  SBettm&tfeinä  bon  i 
<£(mfto  unb  bon  bem  ©emeingeift  ber  crjrtftltctjen  ®irdj>e,  wenn 
wir  behaupten,  bafj  (Sott  in  beiben  fei:  fo  §eigt  ftcf>  als  bte  I 
erfte  Aufgabe  biefer  Sefjre,  bafj  biefeS  eigentümliche  ©ein 
(SotteS  in  anberem  beftimmt  werben  muffe  in  feinem  23er* 
fjältnifc  fowot  ju  bem  ©ein  (SJotteS  an  unb  für  ftdj,  als  §u 
bem  ©ein  ($5otteS  in  23esug  auf  bie  SSelt  überhaupt.  Unb 
offenbar  ift  feine  AuSftdjt  borljanben,  biefeS  jemals  fo  %u  botI= 
bringen,  ba%  eine  für  alle  Betten  auSreidjenbe  gormel  auf* 
geftettt  unb  jebe  Abweichung  baoon  als  undjriftlidj  bermorfen 
werben  fönnte.  2)emt  ba  Wir  eS  nur  mit  bem  in  unferm 
©elbftbeWufjtfein  unS  mit  bem  SSeitbeWufetfetn  gegebenen 
©otteSbewufjtfein  ju  trjurt  Ijaben:  fo  baben  wir  feine  gormel 
für  baS  ©ein  ©otteS  an  ftdj  unterf Rieben  bon  bem  ©ein 
<$5otteS  in  berSöelt,  fonbern  müßten  eine  foldje  auSbem  faecu* 
lattben  (gthitt  erborgen,  mithin  ber  Sftatur  unferer  SHfctpttn 
untreu  werben.  Unb  wiffen  wir,  ba%  unfere  bogmatifdjen 
AuSbrüff'e  für  ba§  SSerijältnife  ©otteS  jur  SBelt  jeber  für  ftd) 
ben  unbermetblidjen  geiler  ber  $ermenfd)tid)ung  ©otteS  an 
ftdj  tragen:  Wie  faßten  wir  glauben  beffer  baran  gu  fein  mit 
ber  berwiffelteren  Aufgabe,  baS  eigentümliche  ©ein  ©otteS  in 
©Ijrifto  als  einem  (ginseltoefen  unb  in  ber  d)riftlidjen  SKrc&e 
al§  einem  gef Sichtlichen  (Sanken  §u  unterfei) eiben  bon  ber  all* 

29* 


452  ©er  cfciftticfje  ©laube.  3tocltcr  £f)etl. 

mächtigen  ($5egenft>art  ®otte§  in  ber  Sßelt  überhaupt,  beten 
^eiie  bodj  jene  finb.  Söielmebr  merben  mir  un§  barin  au 
finben  baben,  ba%  bie  Aufgabe  nur  bur#  5lmtäberung  gelöft 
werben  fann,  unb  bafj  be§t)alb  immer  gormein,  bie  t>on  ent* 
gegengefeaten  fünften  ausgeben,  in  Söemegunp  gegen  einanber 
bleiben  muffen,  ba  baä  Sntereffe  an  ber  Aufgabe  fid)  immer 
mieber  erneuern  mu§. 

2.  Söei  biefer  &age  ber  ©acbe  fönnte  man  ftdj  am  meiften 
barüber  munbern,  bafe  mäbrenb  fo  titele  anbere  erft  fpäter 
gefteHte  5tuf  gaben  au  aiemlicber  gufriebenbeit  gelöft  finb,  ge* 
rabe  biefe  fo  r»iele§  5u[ammenfaffenbe  fo  lange  auf  bem  menig 
SSefriebigung  gemäbrenben  Sßunft  fteben  geblieben  ift,  auf 
meieren  fie  fo  su  fagen  beim  erften  Anlauf  geförbert  mürbe. 
Mein  eben  jene  fpäteren  fragen,  namentlich  bie  über  bie 
$erfon  (Sbrifti  unb  über  bie  ©nabenroirfungen  be§  ®eifte§, 
bebanbelten  benfelben  @egenftanb  Oon  ber  bem  unmittelbaren 
^ntereffe  be§  ©laubeng  augemenbeten  (Seite;  unb  bie  eigent* 
lid)en  £rinität§beftimmungen  mußten,  um  fo  meljr  at§  fie  hd 
biefen  (Erörterungen  sunt  ®runbe  gelegt  mürben,  fo  bleiben, 
mie  fie  fccjon  gemorben  maren,  obnerad)tet  man  nid)t  läugnen 
tonnte,  bafj  ein  leibenfcbaftüdjer  polemi)d)er  (Eifer,  ber  fo 
leicht  ÜJJcifjgriffe  begebt,  nur  gu  großen  Slntbeil  baxan  gebabt 
batte.  Sft  nun  aber  bie  £rinität»ierjre  nocb  immer  nidjt  frei 
oon  ben  oben  nactjgemiefenen  ©cbmanfungen  gmifcben  ©leid)* 
bett  unb  ©uborbtnatton  auf  ber  einen  (Seite,  unb  auf  ber 
anbern  smifdjen  £ritbei§mu§  unb  einer  folgen  unitarifdjen 
Slnficfjt,  melcbe  ba%  ma§  an  bte  ©piae  geftetft  mar,  nämlitf) 
bie  emige  (S5efcr)tebent)eit  ber  ^erfonen,  mieber  ganj  ber* 
bunf'eit:  fo  bürfen  mir  un§  barüber,  bafj  aud)  immer  mieber 
antttrinitarifcfje  Meinungen  auffommcu  unb  bigmeilen  metter 
um  ftcfj  greifen,  meber  fonberltd)  munbern  nod)  fie  au  bor* 
eilig  öerurtbetlen.  ©enn  e§  gebt  barmt  mie  mit  ber  &ebre 
oon  ©ort  überbarmt,  bafj  SStele  nicbt  nur  borgeben,  fonbern 
aud)  meinen,  ©egner  jebe§  ©laubenö  an  ©ott  au  fein,  ba  fie 
ficb  bodj  eigentlich  nur  gegen  bie  gemöbnlicrjen  ©arftettungen 
beffelben  auflegten,  feine3mege§  aber  alle  auf  bem  ©otteS* 
bertmfetfein  berubenben  ©emütb^auftänbe  au§  fidj  entfernt 
baben.  ©ben  fo  ift  e§  natürlict),  bafj  biejenigen,  melcbe  ficb 
mit  ben  ©cbmierigfeiten  unb  Urtbollfommenbeiten,  momit  bie 
nodj  immer  in  ber  Strinität§let)re  geltenben  gormein  bebaftet 
finb,  nid)t  auSfölnteu  fönnen,  oon  fid)  behaupten,  bafj  fie  atfe3 
mit  biefer  Üebre  aufammenbängenbe  läugnen,  mäbrenb  bocb 
ibrer  grömmigfeit  btö  eigentbümlid)  djriftlicfje  (Gepräge  feinet 


©djlufj.  SSon  ber  göitildjen  ©reüjeit.  453 

megeS  feljlt.  2)ie§  mirb  au<$  ie§t  nicfct  nur  in  ben  unitarifc&en 
ßtefetffdjaften  in  (£nglanb  unb  SImertfa,  fonbern  auäj  unter 
ben  aerftreuten  (Stegnern  ber  £rinität§leljre  bei  un§  häufig 
genug  ber  gatt  fein:  fo  bafi  nrir  un§  burdj  biefen  Btftanb 
nur  aufgeforbert  finben  fönnen,  tljeilS  einer  grünblidjen 
®rittf  ber  bisherigen  (Steftaltung  biefer  Sebre  freien  9ftaum 
*u  ft^ern,  ttjeilS  einer  bem  bermaligen  Buftanb  ber  ber* 
loanbten  Glaubenslehren  angemeffenen  llmbübung  ODrsu* 
arbeiten  unb  fte  einauleiten. 

3.  £iesu  ift  nun  fcietteidjt  bie  (Stellung,  melc&e  bie  £rmi* 
tätSlefae  bier  erhalten  §at,  menigftenS  ein  erfter  ooriäufiger 
Stritt.  4)enn  roeber  su  einer  unpartfjeiifdjien  ®ritif  be§  bi§* 
tjerigen  BerfafjrenS  noc§  §u  einer  neuen  Bearbeitung  fann 
ein  im  fird&liäen  (ginne  be§  SßorteS  gläubiger  mit  bem 
nötigen  ®leitf)mutfj  au§gerüfiet  fein,  menn  er  fidj  ni<$t  felbft 
nac&gettriefen  Ijat,  bafj  unjer  staube  an  ba%  ®öttlidje  in 
(£f)rifto  unb  in  ber  cfcriftlidjen  (Stemeütidjaft  [einen  angemeffenen 
bogmatifdjen  5lu§bruff  finben  fann,  e§e  oon  biefen  näheren 
Beftimmungen,  meiere  bie  £rinität§let)re  bilben,  aud)  nur 
bie  fRebe  ift.  2>iefe  Unabhängigkeit  aber  fann  nie  §ur 
®larbeit  fommen,  menn  biefe  Seljre  Oor  jenen  £auptftüffeu 
be§  Glaubens  abgetjanbelt  mirb,  morau§  oielmeljr  nur  gar 
äu  leidet  ber  Schein  entfteljt,  bem  jeboef)  bie  <$te* 
f€^tct)te  ber  $ir$e  oollfommen  miberftmdjt,  al§  ob  bie 
2lnnat)me  ber  £rinität§lebre  bie  Bebtngung  fei,  oljne  toeltfje 
an  bie  (Srlöfung  unb  an  bie  Stiftung  be3  9teid)e§  ®otte§ 
burdj  ba§  ®öttlid)e  in  (Stjrifto  unb  bem  tjeiligen  (Steift 
nidjt  fönne  geglaubt  merben;  ungere^net  nodj,  bat  ber 
bogmatifc&e  (£t)arafter  ber  ganzen  SDarftellung  getrübt  mirb, 
mithin  raeber  bie  ®ritif  nod)  bie  2lnfnüpfung§Ounfte  für 
bie  neue  Bearbeitung  auf  einer  richtigen  ®runblage  angelegt 
roerben  fönnen,  menn  jene  Seljre,  hk  unmittelbar  nid)t§  über 
unfer  d)riftlidje§  (Selbftbenmfjtfein  auSfagt,  bodj  al§  eine 
©runbleljre,  unb  baber  natürli#  auf  fpeculattöe  SSeife  auf* 
gefteHt  nrirb,  unb  biefeS  ftdj  bann  auä)  auf  bie  Seljre  toon 
bem  ©tlöfer  unb  bem  Qötttidjen  (Steift  at§  öon  jener  ab* 
Ijängig  au§bet)nt,  mithin  bem  ©inbringen  föeculatioer  Elemente 
Zfyüx  unb  Xf)ox  geöffnet  ift.  —  ©ollen  mir  unS  aber  mit 
ötefem  vorläufigen  ©c&rttt  nid)t  begnügen  bürfen,  fonbern 
für  ba§jenige,  roa§  in  biefer  <3adje  nodj  ju  tfjun  ift, 
menigften§  einige  Slnbeutungen  %vl  geben  ^aben:  fo  fdjeint 
au§  bem  bermaligen  Buftanbe  berfelben  folgenbeS  tjerbor* 
äugeljen.    $a  bie  erfte  nnaufgelöfte  Sdjroierigfeit  fdjon  in  bem 


464  Der  djriftltdje  GHaube.  3toeiter  Sfjeil. 

^Ser^ältnife  ber  (Einheit  be§  SßefenS  gu  ber  3)reiljeit  ber 
^3er  Jonen  ließt,  unb  Riebet  alles  auf  bie  urfprünglidje  unb 
eroige  ©onberung  innerhalb  be§  göttlichen  SßefenS  anfommt: 
fo  roäre  jubörberft  §u  unterjudjen,  ob  bieje  SSorfteEung  in 
neuteftamentltdjen  ©teilen  auf  eine  fo  flare  unb  beftimmte 
SSeife  gege6en  ift,  bafj  man  fte  als  eine  s21uSfage  GHjrifti  unb 
beS  bie  ($ebanfen  ber  2lpoftel  beftimmenben  göttlichen  Reifte? 
über  ftdj  felbft  anfeljen  muffe.  SSofür  eS  roieberum  fctjroerlid) 
ein  richtigeres  %Jlaa%  geben  fann  als  biefeS,  ob  biefelben 
stellen  nic§t  aud)  fönnten  na<$  ber  unferer  fircf)licf)en  ent- 
gegenge[e§ten  fabeÜCianifd)en  $orfteftungSroetfe  gebeutet  roerben. 
$Ru%  biefeS  berneint  roerben,  fo  bleibt  nichts  übrig  als  511 
berfudjen,  ob  nidjt  bie  fircrjtidje  Seljre  unbefdjabet  jener 
roefentlic&en  SßorauSfesung  boej)  auf  gormein  tonnte  jurüff* 
geführt  roerben,  meldte  oljne  mit  ben  biblifctjen  (Stellen  in 
Sßiberfprudj  §u  treten  bennod)  bie  flippen  bermeiben  fönnten, 
an  roetdjen  bte  firdjlic&e  Sarftetfung  ftcf)  ftöfjt.  Sann  ljin= 
gegen  bie  grage  belaßt  roerben,  fo  bafj  ftdj  nidjt  behaupten 
läfet,  bafj  unfere  firc&licrje  Se^re,  roenn  fte  au<$  ntcrjt  einen 
rein  ejegetifc^en  Urfprung  %at,  bodj  roenigftenS  rein  ejegetifdj 
begrünbet  roerben  fönne:  fo  fteljt  bann  bie  afljanaftanifdje 
.spppotljefe  mit  ber  fabettianifefcen  gleich,  unb  eS  barf  gefragt 
werben,  ob  bie  le^te  nietjt  benfelben  SDtenft  leiften  fönne,  oljne 
in  fo  unauflösliche  ©crjroierigfeiten  gu  berroiffefn;  baS  Ijeifjt, 
ob  ftdj  nidjt  gormein  finben  liefen,  meiere  olme  einige  %e~ 
fdjiebenljeiten  in  bem  Ijödjften  SSeien  aussagen  beibe  %$ex* 
etnigungen  beffelben  mit  ber  menfcfylidjen  9catur  auf  gleiche 
SSeifc  in  i^rer  SBaljrfjeit  barfteUen  fönnten.  9cur  müfjte 
beSIjalb  feine  SSeränb erlief eit  in  baS  ijödjfte  Sßefen  gelegt 
roerben;  unb  roenn  bie  bereinigenben  £f)ättgfeiten  beffelben 
als  seitliche  bargeftellt  roerben,  müfjte  bieS  nidjt  auf  eine 
anbere  SSetfe  aeferjerjen,  als  fo  roie  mir  eS  immer  tljun, 
roeil  mir  bie  göttliche  Ur|äd)lidjf'eit  nur  als  IRatöfcrjlufe  in 
ttjrer  (Sroigfeit  begreifen,  bie  (SrfüIIuug  aber  nur  §eitlid)  bor^ 
ftellen  fönnen.  SDie  tfüeite  <Scrjroierigt"eit ,  meiere  unS  bie 
firctjlicrje  £ef)re  barbot,  mar  bie,  bafj  bie  Söeaeidjnung  ber 
erften  Sßerfon  als  SSater  unb  bie  S5err)ältniffe  berfelben  511 
ben  beiben  anbern  eljer  baS  S3ert)ältntfe  ber  ^erfon  ju  ber 
(Sinrjett  beS  SSefenS  barsuftellen ,  als  ftdj  mit  ber  <55£etct)t)eit 
ber  brei  Sßerfonen  ju  bertragen  fdjetnen.  £>ier  nun  fteHt  fidj 
bie  grage  bornämltdj  fo,  ob  eS  bon  5lnfang  an  richtig  ge= 
roeien  fei,  baS  ®öttlid)e  in  ©tjrtfto  attein  @o^n  ®otte§  ju 
nennen,  unb  ben  SluSbruff  SBater  auf  bie  eine  ber  ©efdjieben* 


©#lufe.  33on  ber  flöttlitfien  2)reüjett.  455 

Reiten  in  bem  göttlichen  SBefen  unb  nid)t  ötelmebr  auf  bie 
©inljeit  be§  göttlichen  2Sefen§  ielbft  ju  besiegen,  gänbe  ftä) 
nun,  ba%  biz  ©djrift  unter  <Soljn  <5Jotte§  immer  nur  ben 
ganzen  (£l)riftu§  jelbft  oerftefjt,  unb  ein  Unterfd)ieb  amtieren 
„®ott"  al§  ber  Söeaeidjnung  be§  pdrften  2öefen§  unb  JßaUx 
unfereS  £>errn  ^e[u  (£t)riftt"  nid)t  anerfennt,  fonbern  bieten 
eben  jo  gebraucht  mie  jenen:  fo  märe  §u  berfudjen,  ob  niefct 
äbnlidjeS  aueb  über  ben  heiligen  ®eift  gefragt  merben  tonnte, 
mag  auf  gleite  Söeife  §u  beantmorten  märe,  moburd)  ft<$ 
bann  @äje  ergeben  mürben,  meldje  biefe  ämeite  Schmierig* 
feit  auflösten,  (fingen  nun  biz  ©rgebniffe  beiber  Aufgaben 
äu  föinem  sufammen,  fo  mürbe  barau§  eine  Bearbeitung 
leidjt  aufsuftellen  [ein;  märe  bie§  aber  nidjt  ber  %aü,  bann 
müßten  na$  üXftaafjgabe  ber  surüßbleibenben  Differenzen 
neue  Vermittlungen  genidjt  merben.  Unb  Ijieburd-)  redjt* 
fertigt  ftdtj  jd)on  öon  felbft,  ba%  r)ier  über  bie\t  Slnbeutungeu 
nidjt  fonnte  IjtnauSgegangen,  unb  fo  ba2  (Sefc&äft  jelbft  er* 
lebtgt  merben. 


Date  Due 


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Der  christliche  Glaube  nach  den 

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